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� J.B.

METZLER
Ästhetische Grundbegriffe Historisches Wörterbuch
(ÄGB) in sieben Bänden

Herausgegeben von Karlheinz Barck


(Gescheftsführung)
Martin Fontius
Dieter Schlenstedt
Burkhart Steinwachs
Friedrich Wolfzettel

Redaktion Berlin Redaktion Frankfurt/Main


Dieter Kliche Britta Hofmann
(Leitung und Koordination) Maria Kopp
Carsten Feldmann
Bertolt Fessen
Martina Kempter
Ästhetische Grundbegriffe

Band2
Dekadent - Grotesk

Studienausgabe

Verlag ]. B. Metzler
Stuttgart Weimar
·
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Redaktion Frankfurt am Main: Frank Estehnann;
Studentische Mitarbeiter: Natalia Kourianovitch, Karina Nippe, Peggy Steinhauser (Redaktion Berlin)
und Sandra Luckert (Redaktion Frankfurt am Main)

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar

Gesamtwerk:
ISBN 978-3-476-02353-7

ISBN 978-3-476-02355-1
ISBN 978-3-476-00521-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-00521-2

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.


Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung
des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2010 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2010
www .metzlerverlag.de

info@metzlerverlag.de
V

Inhaltsverzeichnis

Benutzungshinweise VII
Siglenverzeichnis IX
Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und
biblischen Quellen XV

Artikel

Dekadent/Dekadenz (WOLFGANG KLEIN, Berlin/ Fest/Feier (BERNHARD TEUBER, München) 367


Osnabrück) l Fiktion (KARLHEINZ STIERLE, Konstanz) 3 So
Design (HEINZ HrnmNA, Berlin) 41 Film/filmisch (ÜKSANA BULGAKOWA,
Dilettantismus (SIMONE LEISTNER, Duisburg) 63 Stanford/Berlin) 429
Form (KLAUS STXDTKE , Bremen/Berlin) 462
Einbildungskraft/Imagination Fotografie/fotografisch (BERND BuscH, Bonn;
Oo cHEN SCHULTE-SASSE, Minneapolis) 88 !RENE ALBERS, Konstanz) 494
Einfühlung/Empathie/Identifikation Fragment OusTus FETSCHER, Berlin) 55 l
(MARTIN FONTIUS, Berlin) 121 Funktionalismus (HEINZ HrnmNA, Berlin) 588
Ekel (WINFRIED MENNINGHAUS,
Berlin/New Haven) 142 Gedächtnis/Erinnerung (GERALD SIEGMUND,
Engagement/Tendenz/Parteilichkeit Frankfurt am Main) 609
(HELMUT PEITS CH, Cardifi) 178 Gefühl (BRIGITTE SCHEER, Frankfurt am
Enthusiasmus (WOLFGANG S cHRADER, Siegen) 223 Main) 629
Ephemer OoACHIM KRAUSSE, Berlin) 240 Genie (EBERHARD ÜRTLAND , Berlin) 661
Erfahrung (GEORG MAA G , Stuttgart) 260 Genuß/Vergnügen (CORDULA HUFNAGEL,
Erhaben OöRG HEININGER, Harndorf) 275 Berlin) 709
Erotisch/Erotik/Erotismus Gesamtkunstwerk (WOLFGANG STORCH,
(ERIK GRAWERT-MAY, Senftenberg) 3ro Volterra) 730
Exotisch/Exotismus (CARLOS RINCON , Geschmack/Geschmacksurteil (RUDOLF LÜTHE,
Berlin) 338 Koblenz; MARTIN FONTIUS, Berlin) 792
Gestalt (DAGMAR B ucHWALD, Bielefeld) 820
Gotisch (KLAUS NIEHR, Berlin) 862
Grotesk (EusHEv A RosEN, Tel Aviv) 876
VII

Benutzungshinweise

Die Artikel der Ästhetischen Grundbegriffe folgen ei­ Vielbenutzte und gut zugängliche Werk- und
nem vorgegebenen Rahmen: Der Artikelkopf Einzelausgaben, ebenso große Wörterbücher und
führt das Lemma an, wie es üblicherweise im Enzyklopädien, werden mit Siglen bezeichnet, die
Deutschen benutzt wird; dann, sofern möglich, auf das Siglenverzeichnis erschließt. Ihm folgt ein Ver­
Altgriechisch und Latein sowie in den europäi­ zeichnis der abgekürzt zitierten antiken und bibli­
schen Hauptsprachen Englisch, Französisch, Italie­ schen Quellen.
nisch, Spanisch und Russisch. Die vorangestellte
Artikelgliederung wird zur Orientierung des Le­
sers auch in der Kopfzeile mitgeführt.
Die Bibliographie am Ende des Artikels faßt die
wesentliche Literatur zum Thema zusammen und
dokumentiert die neuere Forschungslage. Sie ver­
zeichnet keine Quellentexte; diese werden mit
ausführlichen Angaben im Anrnerkungsapparat ge­
nannt. So verstehen sich die Anmerkungen zu­
gleich als eine durchlaufende Gesamtbibliographie
zum Thema.
In den Quellenangaben erscheinen die zitierten
Einzelschriften mit dem Datum des Erstdrucks.
Liegt zwischen diesem und dem Entstehungsda­
tum ein großer zeitlicher Abstand, so wird letzteres
verzeichnet. Zitiert wird, was die europäischen
Hauptsprachen anbelangt, in der Regel nach den
Originalquellen. Außer im Englischen und Fran­
zösischen werden den Zitaten gängige und leicht
zugängliche Übersetzungen nachgestellt. Quellen­
angaben altgriechischer und lateinischer Texte
werden, wenn ein bloßer Verweis erfolgt, in der
inneren Zitierweise gegeben. Wird ein Text zitiert,
nennt die Angabe Edition und Seitenzahl der
Übersetzung. Wo keine Übersetzung nachgewie­
sen ist, stammt sie vorn Autor. Für sämtliche Zitate
im Text werden Stellennachweise geführt. Sam­
melnachweise folgen auf das letzte der zu belegen­
den Zitate. Erscheinen Stellennachweise zu Zita­
ten direkt im laufenden Text, so beziehen sich die
Angaben stets auf die in der vorausgehenden An­
merkung genannte Edition. Gelegentliche Flexi­
onsänderungen in den Zitaten werden nicht eigens
gekennzeichnet. Hervorhebungen im Original ste­
hen ausschließlich kursiv.
IX

ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA - The Encyclopae­


Siglenverzeichnis dia Britannica, or, a Dictionary of Arts and
Sciences, compiled upon a new plan, 3 Bde.
(Edinburgh I 77 I) [und spätere Auflagen]
ERSCH/GRUBER -JOHANN SAMUEL ERSCH/
1. Wörterbücher und JOHANN GOTTFRIED GRUBER, Allgemeine
Encyclopädie der Wissenschaften und Künste,
Enzyklopädien Sect. I, 99 Bde. u. Reg.bd. (Leipzig I8 I8-
ADELUNG -JOHANN CHRISTOPH ADELUNG, I892), Sect. 2, 43 Bde. ( I827-I889), Sect. 3,
Grammatisch-kritisches Wörterbuch der 25 Bde. ( I830-I850)
hochdeutschen Mundart, mit beständiger Ver­ FURETIERE - ANTOINE FURETIERE, Le Dictionaire
gleichung der übrigen Mundarten, besonders universel, contenant generalement tous !es mots
aber der Oberdeutschen ( I774-I786); zweyte, franyois tant vieux que modernes, 3 Bde. (Den
vermehrte u. verbesserte Ausgabe, 4 Bde. Haag/Rotterdam I690)
(Leipzig 1793-180 1) GRIMM -JACOB GRIMM/WILHELM GRIMM,
BROCKHAUS - DAVID ARNOLD FRIEDRICH Deutsches Wörterbuch, I6 Bde. u. Quellen­
BROCKHAUS, Conversations-Lexicon oder verzeichnis (Leipzig I854-I97 I)
kurzgefasstes Handwörterbuch für die in der ge­ GROVE -The New Grove Dictionary of Music
sellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissen­ and Musicians, hg. v. S. Sadie, 20 Bde. (London
schaften und Künsten vorkommenden Gegen­ I980)
stände [ . . . ], 6 Bde. u. 2 Suppl.bde. (Amsterdam/ HAUG - Historisch-kritisches Wörterbuch des
Leipzig I809-I8 I I) [und spätere Auflagen, mit Marxismus, hg. v. W F Haug (Hamburg
wechselnden Titeln] I994ff.)
CHAMBERS - EPHRAIM CHAMBERS, Cyclopaedia: HEBENSTREIT - WILHELM HEBENSTREIT, Wissen­
or, An Universal Dictionary of Arts and schaftlich-literarische Encyclopädie der Aesthe­
Sciences, Containing an Explication of the tik. Ein etymologisch-kritisches Wörterbuch
Terms and an Account of ehe Things Signified der aesthetischen Kunstsprache (Wien I843)
Thereby in the Several Arts, Liberal and Me­ JACOB - Encyclopedie philosophique universelle,
chanical, and ehe Several Sciences, Human and hg. v. A. Jacob, 3 Abt., 5 Bde. (Paris I989-I992)
Divine, Compiled from the Best Authors, 2 Bde. JEITTELES - IGNAZ JE!TTELES, Aesthetisches
(London I728) Lexikon. Ein alphabetisches Handbuch zur
DIDEROT (ENCYCLOPEDIE) - Encyclopedie, Oll Theorie der Philosophie des Schönen und der
Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et schönen Künste [ . . . ], 2 Bde. (Wien I835/
des meciers, par une Sociece de gens de lettres. I837)
Mis en ordre & publie par M. Diderot, [ . . . ] & KLUGE - FRIEDRICH KLUGE, Etymologisches Wör­
quarrt a Ja partie mathematique, par M. d' Alem­ terbuch der deutschen Sprache ( I883), 23. , erw.
bert [ . . . ] , 35 Bde. (Paris/Neufchastel/Amster­ Aufl., bearb. v. E. Seebold (Berlin/New York
dam I75 I-I780): [A-Z] , I7 Bde. (Paris/Neuf­ I995) [und frühere Auflagen]
chastel I75 I-I765); Recueil de planches, I I KOSELLECK - Geschichtliche Grundbegriffe.
Bde. (Paris I762-I772); Supplement, 4 Bde. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen
(Amsterdam I776-1777); Suite du recueil de Sprache in Deutschland, hg. v. 0. Brunner/
planches, I Bd. (Paris/ Amsterdam I777); Table W Conze/R. Koselleck, 8 Bde. (Stuttgart
analytique et raisonnee, 2 Bde. (Paris/Amster­ I972-I997)
dam I78o) KRUG - WILHELM TRAUGOTT KRUG, Allgemeines
EDWARDS - The Encyclopedia of Philosophy, hg. Handwörterbuch der philosophischen Wissen­
v. P. Edwards, 8 Bde. (New York/London schaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte.
I967), I Bd. Supplement, hg. v. D. M. Borchert Nach dem heutigen Standpuncte der Wissen­
(New York u. a. I996) schaft bearb. u. hg. ( I827-I829); zweite, verbes-
X Siglenverzeichnis

serte u. vermehrte, Aufl., 5 Bde. (Leipzig 1832- völlig neu bearb. Aufl., hg. v. H . D. Betz u. a„
1838) 8 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen l998ff.)
LAROUSSE - PIERRE ATHANASE LAROUSSE, Grand RITTER - Historisches Wörterbuch der Philoso­
dictionnaire universel du XIX' siede, l 5 Bde., phie, hg. v. J. Ritter/K. Gründer (Basel/Stutt­
2 Suppl.bde. (Paris 1866-1888) gart I97 Iff.)
LITTRE - MAXIMILIEN PAUL EMILE LITTRE, Dic­ ROSCHER - Ausführliches Lexikon der griechi­
tionnaire de la langue fran�aise, 4 Bde. (Paris schen und römischen Mythologie, hg. v.
I863-I869) [und spätere Auflagen] WH. Rascher, Bd. l-5 (Leipzig 1884-1924) ,
LTK - Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl„ Bd. 6 (Leipzig/Berlin I924-I937)
hg. v. J. Höfer/K. Rahner, ro Bde. (Freiburg SANDKÜHLER - Europäische Enzyklopädie zu Phi­
I957-I965); 3„ völlig neu bearb. Aufl„ hg. v. losophie und Wissenschaften, hg. v. H. J. Sand­
WKasper (München 1993ff.) kühler u. a„ 4 Bde. (Hamburg 1990)
MEYER - HERMANN JOSEF MEYER, Neues Konver­ SOURIAU - Vocabulaire d'Esthetique, hg. v.
sations-Lexikon für alle Stände, I5 Bde. (Hild­ E. Souriau/ A. Souriau (Paris l 990)
burghausen 1857-I860) [und spätere Auflagen, SULZER -JOHANN GEORG SULZER, Allgemeine
mit wechselnden Titeln] Theorie der Schönen Künste in einzeln, nach
MGG - Die Musik in Geschichte und Gegenwart, alphabetischer Ordnung der Kunsrwörter auf
hg. v. F Blume, 17 Bde. (Kassel u. a. 1949/ r951- einander folgenden, Artikeln abgehandelt
I986); 2„ neubearb. Aufl., hg. v. N. Finscher (1771/ r774) , neue vermehrte zweyte Auflage,
(Kassel u. a. 1994ff.) 4 l:lde. u. Reg.bd. (Leipzig 1792-1799)
MITTELSTRASS - Enzyklopädie Philosophie und TRE - Theologische Realenzyklopädie, hg. v.
Wissenschaftstheorie, hg. v. J. Mittelstraß, G. Krause/G. Müller (Berlin/New York
Bd. I-2 (Mannheim/Wien/Zürich I980-I984), I976ff.)
Bd. 3-4 (S tuttgart /Weimar 1995-1996) TREvoux - Dictionnaire universel franyois et latin,
OED - The Oxford English Dictionary. Second vulgairement appele Dictionnaire de Trevoux
Edition, hg. v. J. A. Simpson/E. S. C. Weiner, [ . . . ] ( I704) ; 7. Aufl„ 8 Bde. (Paris 1771)
20 Bde. (Oxford 1989) UEDING - Historisches Wörterbuch der Rhetorik,
PAULY - Pauly' s Real-Encyclopädie der classischen hg. v. G. Ueding (Tübingen 1992ff.)
Altertumswissenschaft, neue Bearb„ begonnen WATELET - CLAUDE HENRI WATELET/PIERRE
v. G. Wissowa, Reihe l, 47 Halbbde.(Stuttgart CHARLES LEVESQUE, Dictionnaire des arts de
1894-1963) , Reihe 2, Halbbde. l -18 (Stuttgart peinture, sculpture et gravure, 5 Bde. (Paris
I914-I967), Halbbd. I9 (München 1972), 1792)
Suppl.bde. l -12 (Stuttgart I903-I970) , ZEDLER -JOHANN HEINRICH ZEDLER, Grosses
Suppl.bde. l3-I5 (München l 973-I978), vollständiges Universal-Lexicon aller Wissen­
Register d. Nachträge u. Suppl. (München schaften und Künste, 64 Bde. u. 4 Suppl.bde.
1980) , Gesamtregister, Bd. I (Stuttgart/Weimar (Halle/Leipzig 1732-1754)
I997)
PAULY (NEU) - Der neue Pauly. Enzyklopädie der
Antike, hg. v. H. Cancik/H. Schneider (Stutt­
2. Werkausgaben und Einzel­
gart/Weimar l 996ff.)
RAC - Reallexikon für Antike und Christentum. schriften
Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des ADORNO - THEODOR w. ADORNO, Gesammelte
Christentums mit der antiken Welt, hg. v. Schriften, hg. v. R. Tiedemann u. a„ 20 Bde.
T. Klauser (Stuttgart l 95o ff.) (Frankfurt a. M. I 970-1986)
RGG - Die Religion in Geschichte und Gegen­ AST - FRIEDRICH AST, System der Kunstlehre oder
wart. Handwörterbuch für Theologie und Reli­ Lehr- und Handbuch der Ästhetik (Leipzig
gionswissenschaft, 3. Aufl„ hg. v. K. Galling, I805)
6 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen I957-I965) ; 4„ BACON - FRANCIS BACON, The Works, hg. V.
Siglenverzeichnis XI

J. Spedding/R. L. Ellis/D. D. Heath, I4 Bde. CEuvres philosophiques, hg. v. G. Le Roy, 3 Bde.


(London I858-I874) (Paris I947-I95 I)
BATTEUX ( I746) - CHARLES BATTEUX, Les beaux DESCARTES - RENE DESCARTES, CEuvres, hg. V.
Arts reduits a un meme Principe (Paris I746) C. Adam/P. Tannery, I2 Bde. (Paris I897-I9ro)
BATTEUX ( I773) - CHARLES BATTEUX, Les Beaux DIDEROT (ASSEZAT) - DENIS DIDEROT, CEuvres
Arts Reduits a un meme Principe, 3. Aufl. (Paris completes, hg. v. J. Assezat/M. Tourneux,
I773) 20 Bde. (Paris I875-I877)
BAUDELAIRE - CHARLES BAUDELAIRE, CEuvres DIDEROT ( vARLOOT) - DENIS DIDEROT, CEuvres
completes, 2 Bde„ hg. v. C. Pichois (Paris I975/ completes, hg. v. H. Dieckmann/J. Proust/
1976) J. Varloot (Paris 1975ff.)
BAUMGARTEN - ALEXANDER GOTTLIEB BAUM­ DILTHEY - WILHELM DILTHEY' Gesammelte
GARTEN, Aesthetica, 2 Bde. (Frankfurt a. d. 0. Schriften, Bd. I-9, I I, I2 (Leipzig/Berlin I9 I4-
l750/r758) 1936); Bd. ro, 13ff. (Göttingen I958ff.)
BAUMGARTEN (DT) - ALEXANDER GOTTLIEB DU BOS - JEAN-BAPT!STE DU BOS, Reflexions
BAUMGARTEN, Theoretische Ästhetik. Die critiques sur la poesie et sur la peinture ( I7 I 9) ,
grundlegenden Abschnitte aus der >Aesthetica< 7. Aufl„ 3 Bde. (Paris I770)
( I750/r758) , lat.-dt„ übers. u. hg. v. FEUERBACH - LUDWIG FEUERBACH, Gesammelte
H. R. Schweizer (Hamburg I983) Werke, hg. v. W Schuffenhauer (Berlin I967ff.)
BENJAMIN - WALTER BENJAMIN, Gesammelte FLAUBERT - GUSTAVE FLAUBERT, CEuvres comple­
Schriften, hg. v. R. Tiedemann/H. Schweppen­ tes, hg. v. d. Societe des Etudes litteraires fran­
häuser, 7 Bde. u. 2 Suppl.bde. (Frankfurt a. M. vaises (Paris I 97 I ff.)
I972-1989) FREUD (Gw) - SIGMUND FREUD, Gesammelte
BLOCH - ERNST BLOCH, Gesamtausgabe, I6 Bde. Werke, hg. v. A. Freud u. a„ Bd. I-I7 (London
u. Erg.bd. (Frankfurt a. M. I959-I978) I940-I952) , Bd. I8 (Frankfurt a. M. 1968) ,
BODMER - JOHANN JACOB BODMER, Critische Nachlaßbd. (Frankfurt a. M. I987)
Betrachtungen über die Poetischen Gemählde FREUD (sA) - SIGMUND FREUD, Studienausgabe,
der Dichter (Zürich I74 I) hg. v. A. Mitscherlich/A. Richards/]. Strachey,
BOILEAU - NICOLAS BOILEAU-DESPREAux, ro Bde. u. Erg.bd. (Frankfurt a. M. 1969-1975)
CEuvres completes, hg. v. F. Escal (Paris 1966) [und spätere Auflagen]
BRECHT - BERTOLT BRECHT, Gesammelte Werke, GADAMER - HANS-GEORG GADAMER, Gesammelte
20 Bde. (Frankfurt a. M. I967) Werke, ro Bde. (Tübingen I985-I995)
BRECHT (BFA) - BERTOLT BRECHT, Werke. Große GOETHE (BA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE,
kommentierte Berliner und Frankfurter Aus­ Berliner Ausgabe, 22 Bde. u. Suppl.bd. (Berlin/
gabe, hg. v. W Hecht u. a„ 30 Bde. u. Reg.bd. Weimar I960-I978)
(Berlin/Frankfurt a. M. 1988-I999) GOETHE (HA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE,
BREITINGER - JOHANN JAKOB BREITINGER, Werke, hg. v. E. Trunz, I4 Bde. (Hamburg
Critische Dichtkunst, 2 Bde. (Zürich 1740) I 948-1960) [und spätere Auflagen, seit I 972 in
BURCKHARDT -JACOB BURCKHARDT, Gesamt­ München] [Hamburger Ausgabe]
ausgabe, I4 Bde. (Stuttgart/Berlin/Leipzig GOETHE (wA) -JOHANN WOLFGANG GOETHE,
l 929-I934) Werke, hg. i. Auftr. d. Großherzogin Sophie
BURKE - EDMUND BURKE, A Philosophical En­ von Sachsen, I43 Bde. (Weimar I887-I9 I9)
quiry into the Origin of Our Ideas of the Sub­ [Weimarer Ausgabe]
lime and Beautiful ( I757) , hg. v. J. T. Boulton GOTTSCHED (DICHTKUNST) - JOHANN CHRI­
(London 1958) STOPH GOTTSCHED, Versuch einer Critischen
COLERIDGE - SAMUEL TAYLOR COLERIDGE, The Dichtkunst ( I730); 4. Aufl. (Leipzig J75 I)
Collected Works, hg. v. K. Coburn (London/ HEGEL ( ÄSTH) - GEORG WILHELM FRIEDRICH
Princeton I 969 ff.) HEGEL, Ästhetik ( I835-I838) , hg. v. F. Bassenge
CONDILLAC - ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC, (Berlin I955)
XII Siglenverzeichnis

HEGEL (GLOCKNER) - GEORG WILHELM FRIED­ Concerning the Principles of Morals, hg. v.
RICH HEGEL, Sämtliche Werke. Jubiläumsaus­ L. A. Selby-Bigge/P. H. Nidditch (Oxford
gabe in 20 Bänden, mit einer Hegel-Monogra­ I975)
phie (Bd. 2 I -22) und einem Hegel-Lexikon HUME ( TREATISE) -DAVID HUME, A Treatise of
(Bd. 23-26) hg. v. H. Glockner (Stuttgart I 927- Human Nature ( 1 7 3 9-I740) , hg. v. L. A. Selby­
I940) Bigge/P. H. Nidditch (Oxford I 978)
HEGEL (TWA) -GEORG WILHELM FRIEDRICH BUSSERL -EDMUND BUSSERL, Husserliana. Ges.
HEGEL, Werke, hg. v. E. Moldenhauer/ Werke, auf Grund des Nachlasses veröff vom
K. M. Michel, 20 Bde. u. Reg.bd. (Frankfurt Husserl-Archiv Louvain/Leuven unter Leitung
a. M. I 969-1 979) (Theorie-Werkausgabe) von H. L. van Breda; ab Bd. 22 in Verb. mit
HEIDEGGER - MARTIN HEIDEGGER, Gesamtausgabe R. Boehm unter d. Leitung von S. ljsseling
(Frankfurt a. M. I 976ff) (Den Haag I 9 5 0-I987; Dordrecht/Boston/
HEINE (DA) - HEINRICH HEINE, Historisch-kriti­ London I989ff)
sche Gesamtausgabe der Werke, hg. v. M. HUTCHESON -FRANCIS HUTCHESON, Collected
Windfuhr, I 6 Bde. (Hamburg I973-1 997) Works, hg. v. B. Fabian, 7 Bde. (Hildesheim
(Düsseldorfer Ausgabe) I969-197I)
HEINE (HSA) - HEINRICH HEINE, Säkularausgabe. ( )
HUTCHESON INQUIRY -FRANCIS HUTCHESON,
Werke, BriefWechsel, Lebenszeugnisse, hg. v. d. An lnquiry Concerning Beauty, Order, Har­
Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der mony, Design (I725), hg. v. P. Kivy (Den Haag
klass. dt. Literatur in Weimar (dann Stiftung I973)
Weimarer Klassik) u. d. Centre National de la JEAN PAUL (HKA) - JEAN PAUL, Sämtliche Werke.
Recherche Scientifique in Paris (Berlin/Paris Historisch-kritische Ausgabe, Abt. I , 1 8 Bde.
I97o ff.) (Weimar I 927-1 963) , Abt. 2, Bd. I-5 (Weimar
HERDER -JOHANN GOTTFRIED HERDER , Särnmt­ 1928-193 6) , Bd. 6ff. (Weimar r996ff.) , Abt. 3,
liche Werke, hg. v. B. Suphan, 3 3 Bde. (Berlin 9 Bde. (Berlin I 9 5 6-I 964)
I877-1 9 I 3 ) JEAN PAUL (MILLER) -JEAN PAUL, Sämtliche
HOBBES (ENGL) - THOMAS HOBBES, The English Werke, hg. v. N. Miller, Abt. 1 , 6 Bde., Abt. 2,
Works, hg. v. W Molesworth, 12 Bde. (London 4 Bde. (München I 95 9-I985)
I8 3 9-I 845) JUNG - CARL GUSTAV JUNG, Gesammelte Werke,
HOBBES (LEv ) - THOMAS HOBBES, Leviathan Bd. I, 3 , 4, 6-8 , 1 1 , I6 (Zürich/Stuttgart 1 9 5 8-
( I 65I) , hg. v. R. Tuck (Cambridge u. a. I 99 I ) I969) , Bd. 2, 5, 9, IO, I 2-I 5 , I 7-I9 u. Suppl.bd.
HÖLDER LI N (FA) - FRIEDRICH HÖLDERLIN, SämtJ. (Olten/Freiburg i. Br. I971-I987)
Werke. Hist.-krit. Ausgabe, hg. von D. E. Sattler KANT ( AA) -IMMANUEL KANT, Gesammelte
(Frankfurt a. M. I 975 ff) (Frankfurter Ausgabe) Schriften, hg. v. d. Kg!. Preuß. bzw. Preuß. bzw.
( )
HÖLDERLIN GSA -FRIEDRICH HÖLDERLIN, Dt. Akad. d. Wiss. bzw. d. Akad. d. Wiss. d.
Sämtliche Werke, 8 Bde. , hg. v. F. Beissner DDR bzw. Berlin-Brandenb. Akad. d. Wiss.
(Stuttgart 1 943-1 985) [Große Stuttgarter Aus­ (Berlin 1 902 ff) [Akademieausgabe]
gabe] KANT ( wA) -IMMANUEL KANT, Werke, hg. V. w
HOME - HENRY HOME, Elements of Criticism, Weischedel, I2 Bde. (Frankfurt a. M. I 974-
3 Bde. (Edinburgh I 762) [und spätere Auflagen] I977) [Werkausgabe im Suhrkamp-Taschenbuch
HUMBOLDT - WILHELM VON HUMBOLDT, Ge­ Wissenschaft]
sammelte Schriften, hg. v. d. Kg!. Preuß. Akad. KIERKEGAARD -S0REN KIERKEGAARD, Ge­
d. Wiss. , I7 Bde. (Berlin/Leipzig I 903-I 936) sammelte Werke, hg. u. übers. v. E. Hirsch/
HUME -DAVID HUME, The Philosophical Works, H. Gerdes/H. M. Junghans, 36 Abt. u. Reg.bd.
hg. v. T. H. Green/T. H. Grose, 4 Bde. (London (Düsseldorf/Köln I950-I 969)
I874-I 875) KLEIST -HEINRICH VON KLEIST, Sämtliche Werke
HUME (ENQUIRIES) -DAVID HUME, Enquiries u. Briefe, hg. v. H. Sembdner, 2 Bde. (München
Concerning Human Understanding and 7 I 984)
Siglenverzeichnis XIII

KRACAUER -SIEGFRIED KRACAUER, Schriften rich von Hardenbergs, hg. v. P. Kluckhohn/R.


(Frankfurt a. M. I 97 I ff.) Samuel/H.-J. Mäh!, Bd. I-3 , 2. Aufl. (Stuttgart
LA METTRIE -JULIEN OFFRAY DE LA METTRIE, i960-1968); 3 . Aufl. (Stuttgart 1 977-I 988);
CEuvres philosophiques, hg. v. F. Markovitz, Bd. 4-5 (Stuttgart I975/I988), Bd. 6 [in 4
2 Bde. (Paris 1987) Teilbdn.] (Stuttgart 1 998 ff.)
LESSING (GÖPFERT) - GOTTHOLD EPHRAIM RIEDEL -FRIEDRICH JUSTUS RIEDEL, Theorie der
LESSING,Werke, hg. v. H. G. Göpfert, 8 Bde. schönen Künste und Wissenschaften. Ein Aus­
(München I 970-I979) zug aus den Werken verschiedener Schriftsteller
LESSING (LACHMANN) -GOTTHOLD EPHRAIM (Jena I 767)
LESSING, Sämtliche Schriften, hg. v. K. ROSENKRANZ -KARL ROSENKRANZ, Ästhetik des
Lachmann/F. Muncker, 23 Bde. (Stuttgart Häßlichen ( I 8 5 3 ) , hg. v. D. Kliche, 2. Aufl.
3 I 886-I 924) (Leipzig 1 996)
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MALEBRANCHE -NICOLE MALEBRANCHE, CEuvres SCHILLER -FRIEDRICH SCHILLER, Werke.
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MENDELSSOHN -MOSES MENDELSSOHN, SCHOPENHAUER -ARTHUR SCHOPENHAUER,
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MONTAIGNE - MICHEL DE MONTAIGNE, Les Essais SOLGER -KARL WILHELM FERDINAND SOLGER,
( I 5 80) , hg. v. F. Strowski/F. Gebelin/P. Villey, Vorlesungen über Aesthetik, hg. v.
5 Bde. (Bordeaux 1 906- I 9 3 3 ) K. W L. Heyse (Leipzig 1 829)
MORITZ -KARL PHILIPP MORITZ, Werke i n drei SPINOZA -BARUCH DE SPINOZA, Opera. Im
Bänden, hg. v. H. Günther (Frankfurt a. M. Auftr. d. Heidelb. Akad. d. Wiss. hg. v.
1 9 8 I) c. Gebhardt, Bd. I-4 (Heidelberg 0. ]. r I925 ]),
NIETZSCHE (KGA) -FRIEDRICH NIETZSCHE, Bd. 5 (Heidelberg I 987)
Werke. Kritische Gesamtausgabe, hg. v. v ALERY -PAUL v ALERY, CEuvres, hg. v. J. Hytier,

G. Colli/M. Montinari (Berlin 1 967 ff.) 2 Bde. (Paris 1 9 5 7/I 960)


NIETZSCHE (SCHLECHTA) -FRIEDRICH VALERY (CAHIERS) - PAUL VALERY' Cahiers, hg.
NIETZSCHE, Werke, hg. V. K. Schlechta, 3 Bde. v. ]. Robinson-Valery, 2 Bde. (Paris I973/I 974)
(München I 954-I956) [und spätere Auflagen] VISCHER -FRIEDRICH THEODOR VISCHER,
NOVALIS -NOVALIS, Schriften. Die Werke Fried- Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum
XIV Siglenverzeichnis

Gebrauch für Vorlesungen ( 1 8 46-1 8 5 8) , hg. v.


R. Vischer, 6 Bde. (München 1 922-1923)
VOLTAI R E - VOLTAI R E, CEuvres completes, hg. V.
L. Moland, 52 Bde. (Paris l 877-I 8 8 5 )
Wl NCKELMANN - JOHANN JOACHIM WlNCKEL­
MANN, Sämtliche Werke. Einzige vollständige
Ausgabe, hg. v. J. Eiselein, I2 Bde. (Donau­
eschingen 1 825-1 829)
WOLFF - CHRISTIAN WOLFF, Gesammelte Werke,
hg. v. J. Ecole/H . W. Arndt, Abt. l , 22 Bde. ,
Abt. 2, 37 Bde. , Abt. 3 , 3 1 Bde. (Hildesheim
I 964- I 995)

3. Text- und Quellensammlungen


MlGNE (PL) - PAUL MIGNE (Hg. ) , Patrologiae
cursus completus [ . . . ] . Series Latina, 22 I Bde.
(Paris I 844-I 864) , 5 Suppl.bde., hg. v. A.
Hamman (Paris I 9 5 8-I974)
MIGNE (PG) - PAUL MIGNE (Hg.) , Patrologiae
cursus completus [ . . . ] . Series Graeca, I 62 Bde.
(Paris l 8 5 7- I 9 1 2)
CCHR ( L) - Corpus Christianorum. Series Latina
(Turnhout I 9 5 4ff)
XV

Verzeichnis der abgekürzt


zitierten antiken und
biblischen Quellen

Abkürzungen griechischer Tht. Theaitetos


Werktitel Tim. Timaios

AISCHY LOS SOPHOKLES


Prom. Prometheus Phil. Philoktetes

ARI STOTELES
An. De anima
Cael. De caelo
Eth. Eud. Ethica Eudemia
Eth. Nie. Ethica Nicomachea Abkürzungen lateinischer
Metaph. Metaphysica Werktitel
Phys. Physica
Poet. Poetica AUGUSTINUS
Pol. Politica Civ. De civitate dei
Prob!. Problemata Conf. Confessiones
Rh et. Rhetorica
CI CER O
HESI OD De or. De oratore
Erg. €pya Kai i]µlpm Fin. De finibus
Theog. Theogonia lnv. De inventione
Nat. De natura deorum
HOMER Off. De officiis
II. Ilias Or. Orator
Od. Odyssee Tusc. Tusculanae disputationes

PLATON HOR AZ
Epist. Epistulae Ars Ars poetica
Ion Ion c. Carmina
Krat. Kratylos Epist. Epistulae
Leg. Leges
Phaid. Phaidon OVI D
Phaidr. Phaidros Am. Amores
Phil. Philebos Met. Metamorphoses
Polit. Politikos
Prot. Protagoras PLAUTUS
Rep. De re publica Men. Menaechmi
Sis. Sisyphos
Soph. Sophistes PLINIUS
Symp. Symposion Nat. N aturalis historia
XVI Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen

QUINTI LIAN
Inst. Institutio oratoria

Rhet. Her. Rhetorica ad C. Herennium

SENECA
Benef. De beneficiis
Epist. Epistulae ad Lucilium
Nat. Naturales quaestiones

VER GI L
Aen. Aeneis
Georg. Georgica

Abkürzung biblischer Bücher

ALTES TESTAMENT
Gen. Genesis ( 1. Buch Mose)
Ex. Exodus (2. Buch Mose)
Lev. Leviticus (3 . Buch Mose)
Num. Numeri (4. Buch Mose)
Dm. Deuteronomium (s. Buch Mose)
Jes. Jesaja
Jer. Jerernia
Ps. Psalmen

NEUES TESTAMENT
Mt. Matthäus
Mk. Markus
Lk. Lukas
]oh. Johannes
Act. Apostelgeschichte
Röm. Römerbrief
1 . , 2 . Kor. r . , 2. Korintherbrief
Kol. Kolosserbrief
1., 2., 3 . ]oh. I., 2., 3 . Johannesbrief
Einleitung

Dekadent/Dekadenz telhochdeutsch6; frz. seit dem Mittelalter >degene­


ration<, 1 796 erstmals >degenerescence<7) wichtig.
(engl. decadent, decadence, decadency; frz.
>Dekadenz< hat eine bewegte Geschichte hinter
decadent, decadence; ital. decadente, decadenza;
sich. Der Begriff fand sich schon in der Antike und
span. decadente, decadencia; russ. 11eKa11eHTCKOe,
gehörte strukturierend dann zur frühneuzeitlichen
):(eKa):(eHTCTBO, ):(eKa):(aHC)
Welt- und Geschichtsauffassung: im Zyklus die
Einleitung; I. Die Grundkonstellation: Zyklisches selbstverständliche Abstiegsphase bezeichnend. Äs­
Geschichtsdenken und seine Auflösungen; thetische Gebilde waren davon betroffen wie alle.
II. Übergänge zum ästhetischen Begriff; Mit dem aufkommenden Fortschrittsdenken
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im
wurde >Dekadenz< emphatisiert: Verfall war nicht
19. Jahrhundert; r. Die Gegner; 2. Das Programm
eines dekadenten Stils; 3 . Das dekadente Jahrzehnt;
mehr natürlich, ihm war zu wehren. Auch was im
4. Der europäische Ästhetizismus; Iv. Von der Psycho­ ästhetischen Bereich seiner verdächtig war oder
pathologie zur >entarteten< Kunst; V. Revolutionäre wer ihn gar aus Fortschrittsdistanz propagierte, ge­
Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus und riet ins Abseits. >Dekadenz< trug so zur Autonomi­
>dekadente< Künstler
sierung des Ästhetischen bei.
Dies alles geht heute so nicht ungebrochen wei­
ter. Bedrohlicher denn je erscheinen dem ge­
schichtlichen Nach denken gegenwärtig die Gefah­
Einleitung ren, von Katastrophe und Apokalypse ist die Rede.
Die identischen Wortstämme in den europäischen Aber weder Zyklus noch Fortschritt strukturieren
Hauptsprachen - sämtlich zurückgehend auf das dieses Denken. »Radikale Diesseitigkeit« wird be­
gelehrte mittellateinische Zusammenfügen von de­ müht, um »Abschieds- und Todesdiskurse aus der
und cadere (zer-/herab-fallen; das klassische Sub­ Ordnung der Dinge zu vertreiben«8, oder es wird
stantiv ist occasus) - verweisen darauf, daß Vorstel­ gerade »gegen die Totalherrschaft der Gegenwart«
lungen von >Dekadenz< den von der Renaissance an »Sittengesetz«, »Blutopfer«-Bereitschaft und
ausgehenden Kulturen gemeinsam waren. Schrift­ »preußische Tugenden«9 erinnert. Verfallstheorien
geschichtlich ist Dekadenz bis ins Jahr 1 4 1 3 zu­ gelten dem als »Mimikry«, der sich trotz allem in
rückgeführt worden, als die Chronik der Benedik­ der »bewahrenswertesten der uns geschichtlich er-
tinerabtei Bec in der Normandie berichtete: »Üm­
nia maneria et molendina, quae invenit in magna
decadentia, et ruina, studiose reparavit.«1 (Alle
Höfe und Mühlen, die er in großer Dekadenz,
und im Einsturz, vorfand, hat er eifrig wiederher­ r CHARLES DU CANGE, Glossarium mediae et infimae la­
gestellt.) Die Wortprägung ist ebenfalls 1 4 1 3 und tinitatis ( 1 678) , Bd. 3 (Paris 1938), 17.
noch mehrfach im 1 5 . Jh. französisch2 sowie 1 549 2 FREDERIC GODEFROY, Dictionnaire de l'ancienne
englisch3 und l 579 deutsch4 nachgewiesen. Sie war langue fran�aise et de tous ses dialectes du IX' au XV'
siede, Bd. 9 (Paris 1 898), 278 .
und blieb als Substantiv verbreitet; dieses führt zu 3 OED, Bd. 4 ( 1 989) , 3 1 8 .
den entscheidenden Belegen der Begriffsge­ 4 ROLF HIERSCHE, Deutsches Etymologisches Wörter­
schichte. Das Adj ektiv ist zwar französisch l 5 1 6 buch. Buchstabe D, 1. Lieferung (Heidelberg 1 990) ,
erstmals belegt5, tritt dann j edoch ins Dunkel zu­ 68.
Tresor de la langue franpise, Bd. 6 (Paris 1978), 793.
rück; seine Wiederbelebung im 19. Jh. zeigt an,
6 Vgl. HORST RÜDIGER, Entartete Kunst. Ursprung und
daß sich ein programmatisches Dekadenzbewußt­ Degeneration eines Begriffes, in: Arcadia ( 1 9 8 1 ) , H. 3,
sein formiert, es bleibt aber sekundär. National­ 284-289.
sprachliche Äquivalente wurden und werden ne­ 7 Tresor de la langue fran,aise, Bd. 6 (Paris 1 978), 97o f.

ben >Dekadenz< umstandslos verwendet: dt. Verfall, 8 RUDOLF MARESCH, Denken über das Ende hinaus, in:
Maresch (Hg.) , Am Ende vorbei. Gespräche (Wien
Niedergang; engl. decay, decline; frz. declin. Für 1994) , rnf.
die konzeptuellen Weiterungen des Dekadenzbe­ 9 BOTHO STRAUSS, Anschwellender Bocksgesang, m :
griffs wird im 1 9 . /zo. Jh. >Entartung< (schon mit- Der Spiegel (1993) , H. 6, 204, 202, 206.
2 Dekadent/Dekadenz

reichbaren Welten« 10 sieht, und ebendiese Welt shima, die Bilder Verhungernder in unserer (nicht
verschlägt einem anderen fast die Sprache: »Wer in einer dritten) Welt und die zu Ende gehenden
wollte das aufschreiben / Mit Leidenschaft Haß Ressourcen' Wie mnzugänglich für rationale Ana­
lohnt nicht Verachtung läuft leer« 1 1 . Wo Norm, lyse und instrumental planende Vernunft«15 die
Zukunft und Fortschritt - die Oppositionen, in Widersprüche unserer Gegenwart immer erfahren,
denen >Dekadenz< historisch funktionierte12 - in wie depressiv immer sie verarbeitet werden - Spiel,
»an egalitarian world of discourses«13 prinzipiell Schock und Schrecken scheinen als >dekadent< ge­
problematisch werden statt nur in ihren Inhalten genwärtig nicht bezeichnet werden zu können.
umkämpft, schlägt dem geschichtsbezogenen De­ Unter der Bezeichnung >Dekadenz< ist »emphati­
kadenzbegriff die Stunde seiner Dekadenz. Noch sche Artifizialität« 16 historisch zu studieren - für
in historisch und disziplinär weit ausgreifenden Er­ die Gegenwart zu proklamieren scheint sie kaum.
kundungen der »Anschauungen des Endes«14 hat er Oder könnte - im Zeichen der Verfügbarkeit alles
keinen Platz mehr. Überlieferten - die besondere Provokation, die
Auf den ästhetischen Begriff wirken verwandte Dekadenz als außergewöhnlich selbstbewußt auf
Kräfte. Was wäre in Zeiten weitgreifender Ästheti­ Konventionserschütterung setzendes Kunstpro­
sierungen noch gesagt, wenn etwas als ästhetischer gramm darstellte, die geschichtlichen Implikatio­
Verfall eingestuft würde? Wer zudem wagte eine nen eines Tages doch überstrahlen?
solche Wortwahl nach den Verfolgungen, denen Vorerst sind Klassiker dekadenter Literatur vom
>entartete< Kunst im deutschen Faschismus ausge­ Ende des 1 9 . Jh. in einer violetten Bibliotheque
setzt war, und nach dem, was mit dem Dekadenz­ decadente (Editions Seguier, Paris) wie einer gel­
vorwurf im staatlichen Sozialismus angerichtet ben Bibliothek Des Esseintes (Verlag Die blaue
wurde? Zur anderen Seite: Welcher Künstler Eule, Essen) wieder käuflich zu erwerben. Die
könnte heute noch >Dekadenz< zu seinem Pro­ Formel >die Dekadenz von „. < findet sich in der
gramm erklären - vor Augen Auschwitz und Hiro- Allt agssprache . Bob Fosses Film Cabaret ( 1 972) , in
dem Sally Bowles (Liza Minelli) ihre grünlackier­
ten Fingernägel durch den Untergang der Weima­
ro ono MARQUARD, Temporale Positionalität, in: R. rer Republik blitzen läßt und dazu stabreimend
Herzog/R. Koselleck (Hg.) , Epochenschwelle und
Epochenbewußtsein (München 1 987), 349.
»divine decadence, darling«17 schwärmt, war ein
r 1 HEINER MÜLLER, Mommsens Block, in: Sinn und Erfolg. Und >widerlich, grotesk und dekadent<
Form ( 1 993), H. 2, 21 r . nennt eine der Huren die Akteure in Marco Ferre­
1 2 Vgl. PAUL WIDMER, Die unbequeme Realität. Stu­ ris ebenfalls vielbeachtetem La grande bouffe ( 1 97 3 ) .
dien zur Niedergangsthematik in der Antike (Stutt­
Morbides Raffinement vermag zumindest interes­
gart 1983), 1 7, 27, 30.
l 3 ERNST BREISACH, The >End of History< Concept and siertes Gefallen zu erregen. Aktiviert ist >Deka­
the Paradigm of Cultural Dedine, in: 1 Sth Internatio­ denz< an solchen Stellen jedoch nicht. Eher enthal­
nal Congress of Historical Sciences. Proceedings ten sie den Bodensatz einer Geschichte, deren zeit­
(Montreal 1 995), 1 96. weise stürmische Wasser sich bis auf weiteres
1 4 KARLHEINZ STIERLE/RAINER WARNING, Vorwort, in:
beruhigt haben.
Stierle/Waming (Hg.) , Das Ende. Figuren einer
Denkform (München 1 996) , IX.
1 5 MANFRED PFISTER/BERND SCHULTE-MIDDELICH
(Hg.), Die >Nineties< in England als Zeit des Um­
bruchs, in: Die >Nineties<. Das englische Fin de siede
1. Die Grundkonstellation: Zyklisches
zwischen Dekadenz und Sozialkritik (München
1 9 8 3 ) , 9. Geschichtsdenken und seine Auflösungen
16 STEFAN F.-J. FUCHS, Dekadenz. Versuch zur ästheti­
schen N egativität im industriellen Zeitalter anhand Von Dekadenz war zuerst mit einem umfassenden
von Texten aus dem französischen und englischen Fin Naturbezug und ohne Wertung die Rede. »Tout
de siede (Heidelberg 1 992), 1 6 5 .
1 7 LINDA MIZEJEWSKI, Divine Decadence. Fascisrn, Fe­
ce que nous voyons est, par son inconstance si visi­
male Spectade, and the Makings of Sally Bowles ble :l. nos yeux, naturellement sujet :l. mutation et
(Princeton 1 992) , 4. consequemment :l. decadence, corruption et
1. Die Grundkonstellation: Zyklisches Geschichtsdenken und seine Auflösungen

ruine.«18 Wurzel dieses weiten Gebrauchs waren Academie franfaise noch das der Jesuiten von Tre­
die antiken Zeitalter-, Niedergangs- und Kreislauf­ voux kurz darauf diese Rigidität bestätigen wollten
konzeptionen (Hesiod, Platon, Polybios) 19, die - die von Bouhours an erster Stelle gegebenen
nach dem Mittelalter, beginnend mit Petrarcas Beispiele belegen den neuen Schwerpunkt im Ver­
Rückblick auf diese Zeit der Finsternis, wieder ständnis des Terminus: »Un Empire qui tombe en
Einfluß erlangten. Für mehrere Jahrhunderte decadence, la grandeur Romaine estant tombee en
nahm insbesondere das zyklische Modell »einen decadence; la decadence des Arts a suivi la chute
zentralen Platz«20 ein. Es strukturierte in den Kate­ de !'Empire Romain.«29
gorien von Aufstieg, Höhepunkt, Niedergang und Besonders »die Einsicht in den Fall Roms«30,
Zusammenbruch ein zunehmend diesseitsbezoge­ statt der mittelalterlichen Auffassung vom Fortbe­
nes Weltbild. »N'est-il pas vray que la duree du stand des Imperium Romanum, konkretisierte die
monde est ordinairement regardee comme celle de neue Verwendung. Sie galt nicht allein für die Hi­
la vie d'un homme, qu'elle a eu son enfance, sa jeu­ storiographie. Seit Du Bellays Sonetten Les antiqui­
nesse & son age parfait, & qu'elle est presentement tez de Rome ( 1 5 58) belegen auch zahlreiche literari­
dans sa vieillesse. «21 Die christliche Eschatologie sche Zeugnisse, daß die Trümmer Roms »Zu den
von Augustins De Civitate Dei der »überwältigen­
- zentralen, immer neu interpretierten Chiffren des
den Antwort« auf den Vorwurf der Schuld der
Christen am Niedergang Roms durch die Überle­
gung, daß »im Christentum der Niedergang eines
irdischen Reiches eine zweitrangige Angelegenheit
sei«22 - trat zurück; ihr apokalyptisches Moment
war diversifiziert. An die Stelle des mittelalterli­
1 8 ANTOINE DE MONTCHRESTIEN, Traicte de l'econo­
chen Denkens »in zwei zeitlichen Ebenen: in der
mie politique (o. 0. 1 6 1 5) , 1 6 .
Ebene des lokalen, vergänglichen Lebens und in 1 9 Vgl. WIDMER (s. Anm. 1 2 ) .
der Ebene der gesamtgeschichtlichen ( „ . ] Ereig­ 20 JOCHEN SCHLOBACH, Zyklentheorie und Epochen­
nisse, der Erschaffung der Welt und der Geburt metaphorik (München 1980), 3 4 3 .
und Leiden Christi«23, rückte ein zyklischer, in sei­ 2 1 CHARLES PERRAULT, Parallele des Anciens e t des Mo­
dernes en ce qui regarde les Arts et les Sciences ( 1 6 8 8 ;
nem Grunde »statischer«24 Zeitbegriff. Ebenso war München 1 964) , I I 3 .
der Naturbegriff durch Verfalls- und KreislaufVor­ 2 2 WIDMER (s. Anm. 12), 37.
stellungen strukturiert. 25 Und gleiches galt für die 23 ARON GUREVIC, Kategorii srednevekovoj kul'tury
Künste: Vasari schon sah mit Selbstverständlichkeit (Moskau 1 972) ; dt. : Das Weltbild des mittelalterlichen
die »natura« der Künste, gleich der der menschli­ Menschen, hg. v. H. Mohr, übers. v. G. Loßack
(Dresden 1978), 1 67.
chen Körper, geprägt von »il nascere, il crescere, lo 24 REINHART KOSELLECK, Das achtzehnte Jahrhundert
invecchiare ed il morire«26 (Geburt, Wachstum, als Beginn der Neuzeit, in: Herzog/Koselleck (s.
Alter und Tod) . Anm. rn) , 275.
Im 1 7 . Jh. konzentrierte sich das Interesse an 25 Vgl. UDO KROLZIK, Zeitverständnis im Spiegel der
Natur. Wandlungen des Zeitverständnisses und der
Dekadenz auf das am Verfall weltlicher Reiche
Naturwahrnehmung um 1 700, in: G. Figal/R.-P. Sie­
und Macht. Die Konzentration konnte bruchlos ferle (Hg.) , Selbstverständnisse der Modeme (Stutt­
geschehen, weil im Bewußtsein der Zeitgenossen gart i99 1), 42-66.
auch Reiche j ener zyklischen Ordnung unterla­ 26 GIORGIO VASARI, Delle vite de' piu eccellenti pittori
scultori ed architettori ( 1 5 50), in: Vasari, Le opere,
gen, »que la nature tient sur toutes les choses
Bd. 1 (Florenz 1906) , 249.
creees«27. Eine Sammlung von Beispielsätzen zum 27 RENE DE LUCINGE, De la naissance, dun�e et chute
richtigen Gebrauch der französischen Sprache be­ des Estats ( 1 5 8 8 ; Genf 1 984) , 1 9 5 .
legt das Zurücktreten j enes Sinns, den der erste 28 DOMINIQUE BOUHOURS, Remarques nouvelles sur la
Beleg des Wortes Dekadenz hatte: »Ce ne seroit langue fran1=oise (1675; Genf 1973 ) , 269.
29 Ebd„ 268 f.
pas bien parler que de dire, la decadence d'un Palais,
3 0 ALEXANDER DEMANDT, Der Fall Roms. Die Auflö­
pour la ruine. On pourroit peut-estre le souffrir en sung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt
vers.«28 Auch wenn weder das Wörterbuch der (München 1 9 84) , 1 19.
4 Dekadent/Dekadenz

vorhistoristischen Geschichtsdenkens«31 gehörten; Begriff vermochte in seiner zyklischen Gestalt


Zolas Rome ( l 896) ist nur eines der Beispiele dafür, ebenso dem Verarbeiten j ener Erfahrungen von
daß die Wirkungen noch bis weit in die Modeme Zerstörung Ausdruck zu geben, die mit den Reli­
reichen. Das Interesse am wiederkehrenden Fall gionskriegen im Frankreich des 1 6 . Jh. oder dem
von Reichen war ein wesentlich gegenwartsbezo­ Dreißigjährigen Krieg in Deutschland zu machen
genes: Es ermöglichte die gedankliche Bewälti­ waren. In der Wendung nach innen lieferte er in
gung tiefer Krisen, ja existentieller Bedrohungen. der Mitte des l 7. Jh. der französischen Fronde »ein
Die französisch-spanischen Kriege um Italien brisantes politisches Schlagwort, eine Waffe der
seit 1 494 bildeten die Erfahrungswelt, in der zuerst Entmachteten gegen den Minister-Absolutismus«34
Machiavelli, Francesco Guicciardini und Lucilio und diente gleichermaßen der hugenottischen Op­
Vanini die christliche Erwartung des Weltenendes position gegen den absolutistisch werdenden Staat.
durch das antike Konzept endlosen Fließens oder Der Jesuit Louis Maimbourg konnte >Dekadenz<
zyklischer Bewegung ersetzten. 32 Machiavelli griff als Negativfolie benutzen, auf der »toute Ja Terre
zu den Beispielen der Alten zurück, um seine Ge­ regarde, avec admiration, ce haut point de gran­
genwart >>nello ordinare le republiche, nel mante­ deur et de puissance, ou Vostre Maj este a porte la
nere li stati«33 (bei der Einrichtung der Republi­ Monarchie Frans:oise«35, und ebenso durchzog
ken, bei der Erhaltung der Staaten) vor Niedergang >Dekadenz< die universalgeschichtliche Unterwei­
zu bewahren. Die Gefahr der Türkenherrschaft sung des Thronfolgers »non seulement sur l' eleva­
über Europa prägte Rene de Lucinges Werk De la tion et sur la chute des empires, mais encore sur !es
naissance, duree et chute des Estats ( 1 5 8 8 , ital. r590, causes de leur progres et sur celles de leur deca­
lat. 1 603 , engl. 1 606) , das in der Hoffnung, j edem dence«36. Noch Voltaire arbeitete, sei es im Essai
Aufstieg von Reichen folge notwendig der Verfall, sur l'histoire generale ( 1 7 5 3 / r 756), in der Histoire de
bei der Pforte nach dessen Anzeichen suchte. Der /'Empire de Russie (1759) oder dem Precis du siede de
Louis XV ( 1 769) , ständig mit einem solchen Deka­
denzbegriff. In Spanien wurden vom Beginn der
Bourbonenherrschaft 1 704 an sogar nicht nur ein­
zelne Phasen, sondern die gesamte nationale Ge­
3 r WILFRIED BARNER, Die Trümmer der Geschichte.
Über römische Erfahrungen Goethes, in: H. Eggert/ schichte seit den katholischen Königen von ihren
U. Profitlich/K. R. Scherpe (Hg.), Geschichte als Li­ aufklärerischen Kritikern als eine Geschichte des
teratur. Formen und Grenzen der Repräsentation von Verfalls reflektiert37; die Auseinandersetzung um
Vergangenheit (Stuttgart 1 990) , 1 42. die >decadencia espafiola< schied die Träger der spa­
3 2 Vgl. KOENRAAD w . SWART, The Sense ofDecadence
nischen Kultur bis in die Franco-Zeit in zwei ge­
in Nineteenth-century France (Den Haag 1 964) , 1 8-
23. gensätzliche Parteiungen, die >dos Espafias<.
3 3 NICCOLO MACHIAVELLI, Discorsi sopra J a prima deca Die Geläufigkeit, mit der von >Dekadenz< seit
di Tito Livio, in: Machiavelli, Opere, hg. v. M. Bon­ dem 1 6 . Jh. die Rede war, und das Fehlen jeder
fantini, Bd. l (Mailand 1954) , 90. auf Neuheit deutenden definitorischen Anstren­
34 DIETER GEMBICKI, Corruption, Decadence, in:
Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frank­
gung zeigen, daß das zyklische Denken den Be­
reich 1 6 80-- 1 820, hg. v. R. Reichardt u. H.-J. Lüse­ griffsinhalt stabil festgelegt hatte. Das relativiert
brink, H. 1 4/ r 5 (München 1993), 1 5 , 19. auch die begriffsgeschichtliche Bedeutung jenes
3 5 LOUIS MAIMBOURG, Histoire de la decadence de Werks, das - in Renaissance-Traditionen auf Rom
!'Empire apres Charlemagne (Paris 1 679) , Widmung,
fixiert - vielleicht nicht völlig zu Recht gewöhn­
o. s.
36 JACQUES BENIGNE BOSSUET, Discours sur l'histoire lich als »erste Synthese des modernen Dekadenz­
universelle ( 1 68 1 ) , in: Bossuet, CEuvres (Paris 1 979) , denkens«38 hervorgehoben wird, Montesquieus
953. Considerations sur les causes de la grandeur des Romains
3 7 Vgl. WERNER KRAUSS, Sobre e l concepto d e deca­ et de leur decadence (1 734) . Dekadenz ist dort ein
dencia en el siglo ilustrado, in: Krauss, Das wissen­
schaftliche Werk, Bd. 6 (Berlin/New York 1 996) ,
selbstverständlich und selten benutzter Terminus.
298-3 1 2 . »S'ils avoient rapidement conquis toutes !es villes
3 8 GEMBICKI ( s . Anm. 3 4 ) , 2 5 . voisines, ils se seroient trouves dans la decadence a
!. Die Grundkonstellation: Zyklisches Geschichtsdenken und seine Auflösungen

l' arrivee de Pyrrhus, des Gaulois et d' Annibal«39, >Dekadenz< bezeichneten Phänomene waren damit
lautet eine typische der insgesamt nur sechs Ver­ anders zu verarbeiten. Schlicht zu leugnen waren
wendungen im Text. In dem Satz wird deutlich, sie für die jeweiligen Gegenwarten kaum, für die
was die Schrift bestimmt: die staatstheoretische Zukunft - mit dem Selbstbewußtsein des moder­
Reflexion über »nne rnaniere lente de conquerir« nen Rationalitätsvertrauens - schon eher: »La per­
und eine Art des Regierens, wo »taut abus du pou­ fectibilite de l'hornrne est indefinie.«47 »Non, Ja
voir y put toujours etre corrige<-4°. Montesquieus decadence n'est possible nulle part [ „ . ] !«48 »Deca­
Considerations waren ein längerer Essay in der Vor­ dence est un rnot qu'il faut definitivernent bannir
bereitung des Esprit des Lois (1748) . Das aktuelle de la philosophie de l'histoire«, denn »la civilisation
aufklärerische - keineswegs schon postzyklische - moderne est destinee a se propager indefini­
Anliegen explizierte Mably wenig später als »nne rnent«49.
grande ecole de rnorale et de politique«41 . Neben solch blankem oder, wo skeptisch grun­
Mehr der Zusammenfassung und Propagierung diert, forciertem Optimismus gab es die >roman­
als einer Neufassung des zyklischen Dekadenzbe­ tisch< genannten Klagen über den modernen Fort­
griffs dienten schließlich die sechs dicken Quart­ schritt. Daß >Epigonen< j etzt an der Möglichkeit zu
bände, in denen Edward Gibbon The History of the zweifeln begannen, die Väter zu überbieten, 50 war
Decline and Fall of the Roman Empire (1776-- 1 788) ein Teil davon; Karl Irnrnerrnanns sogenannte Fa­
beschrieb. Als ausdrücklich aus den Quellen gear­ milienmemoiren erschienen r 8 3 6 und beeinfluß-
beitete42 Herrscher-, Staaten-, Rechts- und Reli­
gionsgeschichte der dreizehn Jahrhunderte zwi­ 39 CHARLES LOUJS DE MONTESQUIEU, Considi:rations
schen Trajan und dem Fall Konstantinopels war das sur les causes de la grandeur des Romains et de leur
Werk bis dahin unerreicht, fand große Beachtung decadence ( 1 734), in: Montesquieu, <Euvres comple­
tes, Bd. 2 (Paris 1 976) , 7 4.
in weiten Teilen Europas und bleibt ein Monu­
40 Ebd„ 1 0 8 , I I 5 .
ment in der Historiographiegeschichte - auch 4 1 GABRIEL BONNOT D E MABLY, Observations sur l'hi­
wenn der Herzog von Gloucester auf seinem im stoire de la Grece (1 749) in: Mably, Collection com­
British Museum ausgestellten Exemplar vermerkte: plete des cruvres, Bd. 4 (Aalen l 977) , IV
»Another darnned thick, square book! Always 42 Vgl. EDWARD GIBBON, The History of the Decline
and Fall of the Roman Empire, Bd. 4 (London 1788),
scribble, s c ribble, scribble! Eh, Mr. Gibbon!« Gib­
III.
bon führte dem Lesepublikum am Ende des Jahr­ 43 GIBBON (s. Anm. 42) , Bd. 6 (London 1788), 645 .
hunderts der Aufklärung »the greatest, perhaps, 44 RENE LOUJS o ' ARGENSON, Considerations sur le gou­
and rnost awful scene, in the history of rnankind«43 vernement ancien et present de la France ( 1 757; An1-
detailgesättigt und in säkularisierter Nüchternheit sterdam 1 765), 1 5 .
4 5 Vgl. JOHANNES ROHBECK, Die Fortschrittstheorie
vor Augen und fügte damit den Schlußstein in das der Aufklärung (Frankfurt a. M./New York 1987) .
Gewölbe des historischen Dekadenzbegriffs ein. 4 6 Vgl. REINHART HERZOG, >Wir leben i n der Spätan­
Aber das Verständnis vorn Verfall von Reichen, mit tike<. Eine Zeiterfahrung und ihre Impulse für die
dem er arbeitete, war das der Konvention. Schon Forschung (Bamberg 1 987) ; HERZOG, Epochenerleb­
nis )Revolution< und Epochenbewußtsein >Spätan­
lange stand fest: »Taut est revolution dans ce
tike<, in: Herzog/Koselleck (s. Anm. rn), 195-219;
rnonde: !es Etats ont leur terns de progres & de de­ KARLHElNZ STIERLE, Renaissance. Die Entstehung
cadence: le Courage des hornrnes a !es siens.«44 eines Epochenbegriffs aus dem Geist des 19. Jahrhun­
D'Argensons traditionell zyklischer Revoluti­ derts, in: ebd„ 453-492.
47 MARIE JEAN ANTOINE N!COLAS CAR!TAT DE CON­
onsbegriff wurde im r 8. Jh. zunehmend durch das
DORCET, Esquisse d'un tableau historique des progres
aufklärerische Fortschrittskonzept45 begleitet und de l'esprit humain ( 1 795; Hildesheim 1 9 8 1 ) , 3 29, 3 5 8 .
verändert, bevor er sich dann in der revolutionären 48 >Decadence<, in: LAROUSSE, Bd. 7 (Paris 1 8 70), 207.
Praxis auflöste. Mit dem Ende des zyklischen Mo­ 49 ERNEST RENAN, L'avenir de Ja science ( 1 848 1 I 849) ,
dells war die Funktion von >Dekadenz< zur Struk­ in: Renan, <Euvres completes, Bd. 3 (Paris 1 949) ,
786, 1 0 3 8 .
turierung von Geschichte überholt. Sie wurde nun
50 Vgl. MANFRED WINDFUHR, D e r Epigone. Begriff,
durch Epochenbegriffe gegliedert46 und unter den Phänomen und Bewußtsein, in: Archiv für Begriffs­
Maßgaben des Historismus erforscht. Die bisher als geschichte, Bd. 4 (1 959) , 1 8 2-209.
6 Dekadent/Dekadenz

ten noch den Buddenbrooks-Autor. Und schließlich »Widerstand gegen die immerwährende Gefahr
entwickelte das Fortschrittsdenken selbst Möglich­ des Rückfalls. Fortschritt ist dieser Widerstand auf
keiten der Niedergangsverarbeitung. Der letzte allen Stufen, nicht das sich Überlassen an den Stu­
Absatz von Condorcets Lobpreis der Fortschritte fengang.«53 Die Antwort auf die früher >Dekadenz<
des menschlichen Geistes schon hatte die Brüchig­ genannten Krisenmomente der menschlichen Exi­
keit des proklamierten Zukunftsvertrauens ange­ stenz hieß hier aktives Handeln.
deutet. Der verfolgte Philosoph nannte seine ganze Nur noch ausnahmsweise wurde im 1 9 . /20. Jh.
gedankliche Konstruktion dort »nn asile ou Je sou­ mit >Dekadenz< gearbeitet, um geschichtlichen
venir de ses persecuteurs ne peut le poursuivre; Verfall zu benennen. Oswald Spengler fiel aus der
[ . . . ] un e!isee que sa raison a su se creer, et que son neuen Reihe, als er forderte, »in den Worten Ju­
amour pour l'humanite embellit des plus pures gend, Aufstieg, Blütezeit, Verfall [ . ] objektive
. .

puissances«51 . Kurz nach der Niederschrift dieses Bezeichnungen organischer Zustände« zu sehen,
Satzes starb er in einem Gefängnis der Jakobiner­ Einzelheiten begonnener »Dekadence«54 der Zivi­
zeit. Daß aufklärerisches Fortschrittsdenken zur lisation für die kommenden Jahrhunderte in z. T.
Verallgemeinerung solcher existentiellen Erfahrun­ beeindruckenden Voraussagen hochrechnete, auf
gen und also zu Komplexität fahig war, zeigt Kant. »alte, edle Traditionen« von »Ehre und Ritterlich­
Er bedachte die Möglichkeit, »daß aus allen diesen keit«, »Pflicht« und »harter, entsagungsvoller, sor­
Wirkungen und Gegenwirkungen der Menschen gender Arbeit« orientierte und den letzten Kampf
im Großen überall nichts, wenigstens nichts Kluges »zwischen Geld und Blut«55 erwartete (man ver­
herauskomme, daß es bleiben werde, wie es von gleiche zu den Inhalten, in anderer Verarbeitung,
j eher gewesen ist, und man daher nicht voraus sa­ oben Botho Strauß) . Aus der langen generalisie­
gen könne, ob nicht die Zwietracht, die unserer renden spanischen Dekadenzreflexion mag erklär­
Gattung so natürlich ist, am Ende für uns eine bar sein, daß Ortega y Gasset weiterhin gelassen
Hölle von Übeln in einem noch so gesitteten Zu­ vorschlug, >Dekadenz< als »concepto comparativo«
stande vorbereite« . Und er legte gerade wegen der (Vergleichsbegriff) zu verwenden, um an sich glei­
Gefahr »barbarischer Verwüstung« wert auf »unsere chermaßen gültige Wahrheiten in Beziehung zu
eigene vernünftige Veranstaltung«: »selbst die setzen: »instalarse en esa vida, contemplarla desde
schwachen Spuren der Annäherung« an bessere dentro y ver si ella se siente a si misma decaida«56
Zustände erschienen ihm »sehr wichtig«52. Fort­ (sich in diesem Leben einrichten, es von innen be­
schritt, meinte später Adorno in diesem Sinne, sei trachten und sehen, ob es sich selbst als verfallen
zu begreifen nicht als Perfektibilität, sondern als empfindet) . Ansonsten wuchs dem Begriff - da
Verfall im Zeitalter des Fortschritts nicht mehr als
5 1 CONDORCET (s. Anm. 47) , 3 6 3 . natürlich akzeptiert war - vor allem die Funktion
5 2 IMMANUEL KANT ' Idee z u einer allgemeinen Ge­ intensivierter negativer Wertung als vorherr­
schichte in weltbürgerlicher Absicht (1 784) , in: Kant, schende zu. Zwar war >Dekadenz< seit der französi­
Werke, hg. v. E. Cassirer, Bd. 8 (Berlin/Leipzig schen Fronde immer wieder auch als ideologische
1923), 2 5 , 27.
Waffe gebraucht worden. Erst mit dem Ende des
5 3 THEODOR w . ADORNO, Fortschritt ( 1 962), in:
ADORNO, Bd. ro/z (Frankfurt a. M. 1 977) , 6 3 8 . zyklischen Geschichtsdenkens aber kam dem
54 OSWALD SPENGLER, Der Untergang des Abendlan­ Kampfkonzept der Primat zu. Die Emphase stieg,
des. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, und die Agitation war nicht mehr weit. Ob, um
Bd. 1 ( 1 9 1 8 ; München/Berlin 193 1), 34, 3 I .
nur von Frankreich zu reden, die verschiedenen
5 5 Ebd., Bd. 2 (1923 ; München/Berlin 1934) , 578, 628 .
5 6 JOSE ORTEGA y GASSET, Rebeli6n de las masas politischen Richtungen nach r 8 l 5 über den neuen
(193 1 ) , in: Ortega, Obras completas, Bd. 4 (Madrid Staat stritten57, die Niederlage l 870/ r 871 zu verar­
1957) , 1 6 1 . beiten war oder Jean Monnet nach dem 2. Welt­
57 Vgl. SWART (s. Anm. 3 2 ) , 46-7 1 . krieg die französische Wirtschaftsplanung zum
5 8 Vgl. BERNARD CAZES/PHILIPPE MIOCHE, Moderni­
Wiederaufbau unter die Losung >Modernisation ou
sation ou decadence. Etudes, temoignages et docu­
ments sur Ja planification fran,aise (Aix-en-Provence decadence< stellte58 - immer ging es gleich um
1 990) . Sein oder Nichtsein: entweder hoch oder nach un-
II. Übergänge zum ästhetischen Begriff 7

ten. In kulturellen Prozessen der nachaufkläreri­ d'Aubignac richtete um 1 640 seine von Richelieu
schen Zeit sollte mit >Dekadenz< ähnlich operiert angeregte Theorie der Tragödie ausdrücklich auf
werden. »le retablissement du Theatre Fran�ois, contenant
les causes de sa decadence«66; er verstand die Deka­
denz der Künste dabei als Folge (nicht - wie bei
der Dekadenz der Reiche durch Luxus - als
II. Üb ergänge zum ästhetischen Begriff Grund) allgemeiner Dekadenz. Der Begründer der
sensualistischen Ästhetik, Du Bos, der den Termi­
Der Weg vom geschichtlichen zu einem ästheti­ nus häufig verwendete, sah ähnlich - als Ausnahme
schen Dekadenzbegriff führte über eine Frage, die von den »guerres reglees« - die Möglichkeit von
das Nachdenken über den Verfall der Reiche von »Ces guerres affreuses, qui sont capables de faire
Anbeginn begleitete: die nach den Gründen sol­ tomber en decadence !es Lettres & les beaux
chen Verfalls . Arts«67• Die Kunstanstrengung der Zeit zielte im
Der »Regelkreis des klassischen Dekadenzmo­ übrigen auf Perfektion - in der >Querelle des Anci­
dells [ . . . ] besagt, daß ein bedrohtes und karges Le­ ens et des Modernes< etwa war das für beide Par­
ben die Anspannung aller Kräfte fördert, die einen teien der Leitbegriff. Damit festigte sich die ent­
Aufstieg zu Macht und Reichtum ermöglichen. schieden negative Tönung, die den ästhetisch wer­
Ein Dasein in Wohlstand und Sicherheit begün­ denden Dekadenzbegriff kennzeichnete. Auch die
stige j edoch ein sorgloses und träges Verhalten, so Aufklärung rüttelte daran nicht. »Les graces accre­
daß dem inneren der äußere Verfall folge. Wir fin­ ditent !es vices; la decadence des mceurs entralne
den diesen Gedanken bei Platon (Gesetze 64 r c) celle des loiu68 » N aus croyons etre bien fondes a
und Aristoteles (Pol. l 3 3 4a) auf Staaten angewandt sofüenir que c'est a Ja manie du bei Esprit & a
und begegnen ihm immer wieder.«59 So erörterte l'abus de la Philosophie [„ .] qu'il faut attribuer
Lucinge unter den Möglichkeiten, aus denen das notre paresse & la decadence du bon gout. «69
Türkenreich fallen könnte, auch die eines »prince Wenn auch Werke des Geistes als Dekadenz zu
adonne a !' oysivete, a la luxure«60 - Spekulation bezeichnen waren, erwuchs zum anderen die
vorerst, denn Bajazet II. habe ein solcher Lebens­ Frage, welche Charakteristika solche Dekadenz zu
wandel Reich und Leben gekostet. La Rochefou­
cauld hielt fest: »Le Juxe et la trop grande politesse 59 DEMANDT (s. Anm. 30), 46; vgl. ROGER BAUER, De­
dans !es etats sont le presage assure de leur deca­ cadence, in: Cahiers roumains d' etudes litteraires
dence, parce que tous !es particuliers s' attachant a ( 1 978), H. 1 , 7 1 .
leurs interets propres, ils se detournent du bien 6 0 LUClNGE (s. Anm. 27), 246.
6 1 FRAN<;:OIS DE LA ROCHEFOUCAULD, Reflexions Oll
public.«61 Pufendorff meinte, daß aus Byzanz Sentences et Maximes morales ( 1 665), in: La Roche­
nichts werden konnte, weil die Kaiser »theils in foucauld, CEuvres completes (Paris 1 980), 496.
Wollüsten ersoffen, ganz weibisch waren, theils ei­ 62 SAMUEL VON PUFENDORFF, Einleitung zu der Histo­
ner den andern übern Hauffen warff«62. Montes­ rie der vornehmsten Reiche und Staaten, so jetziger
Zeit in Europa sich befinden ( 1 682; Frankfurt a. M.
quieu63 und Gibbon64 urteilten ähnlich.
1 709) , 46.
Das Stereotyp, daß »la corruption des mceurs«65 63 Vgl. MONTESQUIEU (s. Anm. 39), 1 6 5 .
die - oder zumindest eine - Ursache der Dekadenz 6 4 Vgl. GIBBON ( s . Anm. 42) , 3 8 5 _
der Reiche sei, verblieb aber noch immer im Vor­ 65 J E A N MABILLON, Traite des etudes monastiques (Paris
1691), 3 6 3 .
hof eines ästhetischen Begriffes. Aus dem bewegte
66 FRAN<;OIS n ' AUBIGNAC, L a pratique d u theatre
man sich im 1 7 . / 1 8 . Jh. in zwei Schritten heraus. ( 1 657; München 1971), 1 3 .
Zum einen wurde die umfassende Verwendungser­ 6 7 JEAN-BAPTISTE DU BOS, Reflexions critiques sur la
mächtigung des zyklischen Dekadenzbegriffes poesie et sur la peinture, Bd. 2 ( 1 7 1 9; Paris 1 7 5 5 ) ,
auch für die Werke des Geistes, darunter die künst­ 217.
68 MABLY ( s . Anm. 4 1 ) , 93 .
lerischen, genutzt. Das geschah zuerst in der pole­
69 JEAN LE ROND n ' ALEMBERT, Discours preliminaire
misch gegen frühere Unordnung gerichteten Eta­ des editeurs, in: DIDEROT (ENCYCLOPfmrn) , Bd. l
blierung des französischen Klassizismus: Der Abbe ( 1 7 5 1), XXXIV
8 Dekadent/Dekadenz

erkennen gestatteten. Mit ihrer Beantwortung war & extraordinaires«, »rafinement [ . . . ] excessif«; zu­
dem Dekadenzbegriff spätestens seit den 3oer Jah­ sammenfassend: »Ün quitta les beautes naturelles,
ren des r 8. Jh. ein ästhetisches Implikat dauerhaft pour courir apres des ornemens recherches. « 73
gewonnen - im Rahmen des Gedankens der Kul­ Sieht man über den tadelnden Grundzug der
tur-Zeitalter oder auch zeitkritisch gegen den fran­ Charakterisierungen hinweg, waren hier bereits
zösischen Absolutismus gerichtet. Nach Boileaus die Bestimmungen sehr weitgehend versammelt,
Plädoyer für die Einfachheit des Erhabenen und mit denen 1 20 Jahre später Gautier den Ruhm
gegen »grands mots« oder »ornements pompeux«70 Baudelaires als des dekadenten Dichters zu begrün­
wurden die Bestimmungen zunehmend wortrei­ den suchte. Dekadenz war schon ein Stilbegriff -
cher. Daß »les faux brillans & le style herisse de noch negativ besetzt allerdings und im Rahmen
pointes des ecrits de Seneque annoncerent la deca­ der Rhetorik stehend. Sein Hauptcharakteristikum
dence des esprits«71 , galt Du Bos als ausgemacht. bildete der Bruch mit dem Naturschönen und mit
Über »nulle na!vete«, »affectation dans le stile«, der Vernunft zugunsten einer überfeinerten Künst­
»nouvelle creation de mots«, »railleries et des medi­ lichkeit. »Mais pourquoi y a-t-il si peu d'hommes
sances delicates« klagte Remond de Saint-Mard - touches des charmes de la nature?«, schloß Diderot
als Gelegenheitsschriftsteller und Salonlöwe präde­ in seinem Salon de 1 767 aufklärerisch an: »C' est que
stiniert, Zeitstimmungen festzuhalten; im Namen la societe leur a fait un golit et des beautes factices.«
des »beau Naturel« wandte er sich gegen »ce mons­ Die Künste, schrieb er, »se corrompent par le raffi­
tre enfin que toutes les Puissances humaines ne nement. [ . . . ] On devient singulier, bizarre, ma­
s�auroient abattre, Je luxe«72• Bei Seneca schließ­ niere. D'ou il parait que la maniere est un vice
lich machte der Abbe Le Moine d'Orgival (ein d'une SOCiete policee, Oll le bon gout tend a la de­
Kenner: zwei weitere Bücher über antike Ge­ cadence.«74
richts- und Kanzelberedsamkeit sind ihm zu ver­ Alle wiesen damals die frisch bestimmte D eka­
danken) aus: »une diction guindee, obscure, enflee, denz in die Schranken, und keiner tat es ein­
pleine de fast & d' ostentation«, »rien de nature!, drucksvoller als Batteux. Mutatis mutandis galten
rien de simple: tout est farde & outre«, »son style dessen Worte - vor allem bei denen, die sich um
peign6 & fleuri, Süll 6locution 6clatante«, »Ses die moralische Gesundheit der Gesellschaften sor­
beautes extraordinaires, souvent monstrueuses«, gen zu müssen meinten - fast unumschränkt, bis
»recours a des mots affectes, & a des pensees neuves das Interesse an Dekadenz überhaupt erlosch: »Ce
fut toujours par ceux qu' on appelle beaux esprits
que la decadence commenp. Ils furent plus fune­
70 NICOLAS BOILEAU, Reflexions critiques sur quelques
stes aux Arts que les Goths. « Der Gegenpol hieß
passages du rheteur Longin ( 1 693), in: BOILEAU,
5 5 2 f. erneut »la Nature«75. Allein Voltaire, so scheint es,
7 1 D U B O S (s. Anm. 67) , 594. vermochte sich diesem Urteil nicht voll anzu­
72 TOUSSAINT REMOND DE SAINT-MARD , Reflexions schließen. Zwar meinte auch er aus klassizistischer
sur Ja poesie [ . . . ] suivies de trois lettres sur Ja deca­ Höhe, gelegentlich schon in den l 73 oer Jahren
dcncc du goßt en France (Den Haag 1 734) , 3 29,
3 3 6 [.
und häufig im Alter: »La decadence fut produite
73 HENRI LE MOINE o ' oRGIVAL, Considfaations sur par la facilite de faire et par Ja paresse de bien faire,
]' origine et Je progres des helles letttes chez !es Ro­ par la satiete du beau et par le gofü du bizarre. La
mains, et !es causes de leur decadence (Paris 1 749) , vanite protegea des artistes qui ramenaient !es
1 49 f. , 1 52.
temps de Ja barbarie. « 76 Luxus aber, so betonte er
74 DENIS DIDEROT, Salon de 1 767, in: Diderot, CEuvres
completes, hg. v. H. Dieckmann, Bd. 16 (Paris 1 990) , im Gegensatz zur Meinung seiner aufklärerischen
2 1 3 , 530. Kollegen (und lebte es diesen vor) , befördere nicht
75 BATTEUX ( 1 746) , 75 f. Dekadenz - weit eher stimuliere er die Tätigkeit
76 VOLTAIRE, La princesse de Babylone ( 1 768), in: VOL­ des Künstlers.77
TAIRE, Bd. 21 (Paris 1 879) , 419.
77 Vgl. KRYSTINA PIECHURA, French Perceptions of
Das sah der, der Voltaire im Pariser Pantheon
Decline ( 1 7 1 ()-1 8 1 7) , in: r 8th International Congress seit dessen Einrichtung gegenüberliegt, bekannt­
(s. Anm. 1 3) , 1 87. lich ganz anders. Vor dem Hintergrund der skiz-
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 1 9 . Jahrhundert 9

zierten Begriffsentwicklung ist, nach Montesquieu schmack von außen - im Blick auf allgemeine
und Gibbon, aber die Bedeutung auch seines ka­ Zeitläufe und vorwiegend nicht durch Kunstprak­
nonischen Textes genauer zu bestimmen. Die Ori­ tiker - gemacht wurden, so änderte sich das
ginalität der Antwort Rousseaus auf die Frage der grundlegend mit dem Abstieg der Normenpoetik.
Akademie von Dij on, ob die Wiederherstellung Für die Promotion von Dekadenz zu einem positiv
der Wissenschaften und der Künste zur Läuterung wertenden Stilbegriff, die in Frankreich im 1 9 . Jh.
der Sitten beigetragen habe, bestand in unserem vollzogen wurde und von dort am Jahrhundert­
Kontext nicht schon in dem entschiedenen Nein ende in andere europäische Kulturen ausstrahlte,
des zentralen Satzes: »Nos ames se sont corrompues waren Befreiung und Selbstbefreiung ästhetischer
a mesure que nos Sciences et nos Arts se sont avan­ Subj ektivität ausschlaggebend.
ces a Ja perfection.« Und auch das Wettern in der Sollte Dekadenz ästhetisch werden, war Gefallen
Rede des Fabricius an gleicher Stelle gegen »la face am Verfall zu entwickeln. Der Weg dorthin führte
pompeuse de cette Rome«, »ces mcrurs effeminees«, seit dem Ende des 1 7. Jh. über die Alpen. Auf die
»de vains talens«, »une e!egance recherchee« und reine Schönheit, die englische Reisende wie Tho­
»cette e!oquence frivole« 78 war, wie zu sehen, alles mas Burnet und John Dennis in Italien erwartete,
andere als unerhört. Weitet man den Blick über wurden sie eingestimmt durch die schreckliche
das Vorurteil hinaus, Aufklärer hätten naiv fort­ Schönheit des Hochgebirges. Die aufkommende
schrittsgläubig zu sein, so tritt vor Augen, daß so­ sensualistische Ästhetik ermöglichte es, solche ver­
zialer Verfall und Verfeinerung der Künste deutlich mischten Gefühle >angenehmen Grauens<80 ernst­
vor Rousseau schon in gleicher Richtung gegei­ zunehmen, und nach Addison, Du Bos und Bat­
ßelt und in gleicher Weise verbunden worden wa­ teux geht spätestens seit Burkes Überlegungen
ren. Gerade mit der Mahnung, die auch er erhob - zum Erhabenen »a mode of terror« als »exercise of
sich der menschlichen Natur nicht zu entfrem­ the finer parts of the system« und schien fähig »of
den -, war drohender Dekadenz Einhalt geboten producing delight«8 1 • Literarische Motive und
worden. Womit Rousseau allerdings die Zeitge­ Werke, in denen dementsprechend - nachdem
nossen aufstörte, war der umfassende Selbstbezug. schon die Gegenreformation die Schönheit des
Rousseau pries nicht mehr - wie der Klassizismus Märtyrertums propagiert hatte - seit der 2. Hälfte
- in der Natur ei n gö ttliche s Wesen über den Din­ des l 8 . Jh. das Schreckliche Schönes aufWies, sind
gen: Er verurteilte die Sitten der Menschen. Und von Mario Praz, nicht ohne gelegentliche Bekun­
nicht die Römer oder Türken wurden auf Paralle­ dungen von Ekel, zusammengetragen worden: Das
len zu partiellen eigenen Schwierigkeiten hin ge­ »Grauen als Quelle von Lust und Schönheit«82,
mustert, sondern die Kritik ging gleich voll aufs »die von Schmerz, Verderbtheit und Tod gezeich­
ganze eigene Sein. Das schloß bald auch den Ruf nete Schönheit« (65 ) , »das Böse« mit dem »Stigma
nach »la police« ein, denn: »II n'est pas bon de lais­
ser a des hommes oisifs et corrompus Je choix de
leurs amusemens.«79 Mit diesen Radikalisierungen 78 JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Discours [ . . . ] sur la que­
stion [. .] si le retablissement des sciences et des arts a
vor allem wies Rousseau über seine Zeit hinaus. contribue a epurer !es ma:urs ( 1 750) , in: ROUSSEAU,
Bis auf weiteres aber funktionierten die vor ihm Bd. 3 ( 1 979) , 9, l 4 f. ; vgl. REIMAR MÜLLER, Anthro­
gebildeten Begriffsinhalte und Werte als herr­ pologie und Geschichte. Rousseaus frühe Schriften
schende. und die antike Tradition (Berlin 1 997) .
79 ROUSSEAU, A d'Alembert ( 1 7 5 8) , in: ROUSSEAU,
Bd. 5 ( 1 995), 5 3 f
So Vgl. CARSTEN ZELLE, >Angenehmes Grauen<. Litera­
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs turhistorische Beiträge zur Ästhetik des Schrecklichen
im 1 9 . Jahrhundert im l 8. Jahrhundert (Hamburg 1 987) .
8 1 BURKE ( 1 7 5 7 ) , 1 3 6.
82 MARIO PRAZ, La carne, la morte e il diavolo nella let­
Ist die Geschichte von Dekadenz bis in die zweite teratura romantica (Mailand 1 9 3 0) ; dt. : Liebe, Tod
Hälfte des 1 8 . Jh. als Geschichte der Vorschriften und Teufel. Die schwarze Romantik, übers. v. L.
zu schreiben, die den Künsten und dem Ge- Ruedigerl (München 1988), 45.
ro Dekadent/Dekadenz

gefallener Schönheit« (69) , der »Kult der gefallenen herrscht von einer kulturell-sozialer Stabilität ver­
Schönheit« ( I I l ) und sadistisches »Wohlbehagen« pflichteten Kunstbetrachtung, die mit der alten
(99) fanden sich bei Richardson, Diderot und Normenästhetik - wenn schon nicht mehr die
Heine, Milton, Chateaubriand und Shelley, Schil­ Vorschriften zum richtigen Gebrauch der Formen
ler, Goethe und vielen anderen. Die sensualistisch - zumindest das erzieherische Bemühen um Aus­
geprägte Ästhetik und Kunstpraxis des Schreckli­ sagen und Wirkungen von Kunst einte, die die
chen mußte der vom deutschen Idealismus ausge­ Menschen zivilisierten, statt sie über die Stränge
henden »Forderung nach einer >zweckfreien< Kunst schlagen zu lassen. Die nicht mehr nur distanziert
und Schönheit« durchaus nicht widersprechen: von >decadence< sprachen, sondern sich bekennend
Am damals stattfindenden Wandel des Nero-Bildes >decadents< nannten, waren zumeist poetes und im
vom Christenverfolger zum »Zeichen und Symbol allgemeinen maudits. Dekadenz wurde schließlich
der zweckfreien Schönheit« konnte gezeigt wer­ zur Mode, blieb aber ein Außenseiterphänomen.
den: »Nur was a priori anti-natürlich, was der
Norm und der Vernunft widerspricht, ist zweckfrei:
1 . Die Gegner
ist schön.«83 Im Kult des dekadentesten der römi­
schen Kaiser sprach sich ein ästhetisierendes Welt­ Durch das ganze 1 9 . Jh. zieht sich, diskursprägend,
verhältnis aus. vor unterschiedlichen ideologischen Hintergrün­
Für den Aufstieg des Dekadenzbegriffs bis zum den die Klage über eine »litterature cessant d' etre
Ende des 1 9 . Jh. wurden mit der Lizenzierung des l'instrument d'une idee feconde, s'isolant des cau­
Schrecklichen als eines künstlerischen Gegenstan­ ses qu' eile doit dffendre [ . . . ], pour devenir un art
des und eines ästhetischen Wertes die Weichen ge­ independant [ . . . ], une puissance particuliere, sui
stellt. Sade forderte die Romanciers auf, den Men­ generis«85•
schen so zu zeigen, wie »ies modifications du vice, Die Schrift, die den Verfall der Reiche und den
e t toutes les secousses des passions<i ihn machen der Literatur in historischen Detailstudie n und mit
könnten: »il faut clone !es connaitre toutes, il faut kulturpolitischem Verantwortungsbewußtsein am
clone les employer toutes«84. Auch wenn keiner das ausführlichsten und einflußreichsten zusammen­
>alle< so weit trieb wie der Marquis - seine Forde­ fügte, war ursprünglich »inspire par une pensee de
rungen fanden sich in einer neuen Produktionsäs­ polemique contemporaine«86 gegen die Romantik;
thetik und in einem neuen Lebensgefühl wieder, die 5. Auflage erschien l 8 8 8 und konnte gegen die
die nicht mehr allein auf das Wahre, Gute und Decadents ins Feld geführt werden. Indem Desire
Schöne, auf vraisemblance und bienseance bauten. Nisard die Poeten der römischen Dekadenz zu­
Blumen konnte nun auch das Böse treiben. sammenfassend detailliert untersuchte, leistete er -
Bevor gezeigt werden soll, wohin solche Er­ gegen seinen Willen - viel für das Traditionsbe­
mächtigungen programmatisch führten, muß der wußtsein der modernen Lyrik. Verallgemeinernd
Wirkungsbereich des Wandels umrissen werden. unterschied er zwei Arten von Schönheit, eine äu­
Er war klein. Auch im 1 9 . Jh. wurde das Feld be- ßere, die beschrieben werde, und eine innere, die
moralischer Natur sei. Das Hauptverdienst der von
ihm behandelten Autoren sah er in der Beschrei­
bung. Er würdigte durchaus ihre »ressources de
83 ROGER BAUER, Nero de inferno levatus, in: Eupho­ langue infinies, et un Juxe de nuances de style egal
rion ( 1 972) , H. 3, 247, 2 5 1 , 248. i celui des nuances d'idees«; dem literarischen Pu­
84 D O NATIEN ALPHONSE FRAN<;OIS DE SADE, Idee sur
le roman, in: Sade, Les crirnes de l'amour ( 1 80 1 ; Paris blikum vermöge das »agreables distractions« zu
1 972), 3 2 . verschaffen. Nur sei eben alle Kunst hier nur auf
8 5 ARMAND DE PO NT MARTIN ' Nouvelles causeries du die Details konzentriert (ein Gedanke, der später
samedi (Paris 1 8 59) , 4. über Paul Bourget und Friedrich Nietzsche zu ho­
86 DESIRE NISARD, Etudes de mcrurs et de critique sur
hen Ehren kommen sollte) und vor allem leider
!es poetes latins de la decadence, Bd. l ( 1 834; Paris
1 849) , III. »parfaitement inutile i !' education de l'huma­
87 Ebd., Bd. 2 ( 1 834; Paris 1 849) , 2 8 7 f. nite«87.
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 19. Jahrhundert ll

Es liegen zeitgenössische Stimmen vor, die Ni­ elle de !' espece la plus rare, ne peut etre un grand
sards Konzept weiterbuchstabierten. Lamartine, ecrivain. La gloire de nos grands poetes, c'est [„ .]
der in einem frühen romantischen Vers, mögli­ d' avoir cree en quelque sorte l a poesie d e l a rai­
cherweise als erster, die Dekadenz auf sein eigenes son. « Die Imagination sei nur mne reine qui gou­
Lebensgefühl bezogen hatte (»Le soleil, comme verne sans contr6le« 95, statuierte Nisard.
nous, marche a sa decadence«)88, wollte im Er­ Vielleicht bewußt, jedenfalls direkt dagegen for­
scheinungsjahr der Nisardschen Schrift nichts mulierte bald Baudelaire anläßlich Poes: »Pour lui,
mehr davon wissen: •cJe ne vois aucun signe de de­ !'Imagination est la reine des facultes; [„ .] une fa­
cadence de l'humanite«89, und versammelte kurz culte quasi divine qui per�oit tout d'abord, en de­
darauf Stilbestimmungen, die vom Abstand auch hors des methodes philosophiques, !es rapports in­
seines Kunstverständnisses von Dekadentem zeug­ times et secrets des choses, !es correspondances et
ten: »la recherche, !' affectation et la maniere« cha­ !es analogies.«96 Der Dekadenzbegriff gehörte zu
rakterisierten die Dekadenz, zwar »travail le plus j enen, mit denen die moderne Literatur gegen
acheve«, »splendeur des formes« und »le fini des or­ klassizistische und gegen utilitaristische Konzepte
nements«, aber »confus« und >>grossien90. Ein »style ihren Raum zu umgrenzen suchte.
a la fois pretentieux et neglige, plein d'incorrecti­
ons, de maladresses et de j eux de mots puerils«91
2. Das Programm eines dekadenten Stils
wurde unter dem Stichwort Dekadenz katalogi­
siert; »esclave des caprices et des gouts indivi­ Möglicherweise findet sich in einer sarkastischen
duels«92 sei die Dekadenz. Bemerkung Stendhals das erste Anzeichen dafür,
Wie man weiß, sollten Nisards Hoffnung auf daß der Terminus Dekadenz aus seinen bisherigen
eine Literatur als moralisches Stärkungsmittel und Kontexten herausgebrochen werden könnte. »L'on
das Drängen der ihm Gleichgesinnten auf eine we­ m'ecrit de Paris«, schrieb er l 822, »qu' on y a vu
niger individuelle, maßvollere Literatur enttäuscht [ „ .] un millier de tableaux representant des suj ets
werden. Daher wurde fünfzig Jahre später der jun­ de l'Ecriture sainte, peints par des peintres qui n'y
gen Generation - mit einem Seitenblick auf »la croient pas beaucoup, admires et juges par des gens
trouee des Vosges« und Schopenhauer - zugerufen: qui n'y croient pas, et enfin payes par des gens qui
»Etes vous anemiques? Prenez du fer. Etes-vous
faibles des bras et des reins? Faites de ]' escrime. 88 ALPHONSF: DE LAMARTINE, Meditations poetiques
Etes-vous fatigues du cerveau? Prenez des douches. ( 1 820), in: Lamartine, CEuvres poetiques completes,
[ „ .] Ramez, de par tous !es diables. Ramez!«93 Der hg. v. M.-F. Guyard (Paris 1 963), 16.
bürgerlich besorgte Zeitgenosse sah die Decadents 89 LAMARTINE, Des destinees de Ja poesie ( 1 8 3 4) , in: La­
martine, Meditations poetiques, Bd. 2 (Paris 1 9 1 5) ,
in beunruhigender Faszination: »Les peaux decolo­ 4 1 4.
rees par !es fards, !es yeux cercles de vert ou de 90 LAMARTINE, Souvenirs, impressions, pensees et pay­
bleu, !es sangs pauvres et !es nerfs detraques des ra­ sages pendant un voyage en Orient, 1 8 3 2-1 8 3 3 , ou
ces vieillies, !es lueurs fantasques precedant !es ma­ Notes d'un voyageur ( 1 8 3 5) , in: Lamartine, CEuvres
completes, Bd. 8 (Paris 1 86 1 ) , 8, 49, 1 69; Bd. 6 (Paris
ladies mentales, !es vierges d'une perversite pre­ 1 86 1 ) , 3 82.
coce, !es vins qui s' epanouissent comme des moi­ 9 1 AUGUSTIN THIERRY, Recits des temps merovingiens
sissures sur le fumier des societes en (Paris 1 840) , 244 f.
decomposition, toutes !es depravations savantes des 92 CHARLES LECONTE DE LISLE, Poemes antiques (Paris
1 8 52), VII.
civilisations faisandees.«94 Die so sich ausdrückende
93 DIONYS ORDINAIRE, La j eune genfaation, in: Revue
Ablehnung war weit mehr als ein letztlich toleran­ politique et litteraire - Revue bleue ( 1 8 8 5 ) , H. 2 3 ,
tes Hintergrundmurmeln: Die moderne Literatur 710.
hatte ihr Selbstbewußtsein einem Schulen und 9 4 PAUL BOURDE, Les poetes decadents, i n : L e Temps
Medien beherrschenden Erziehungsdiktat der (6. 6. 1 8 8 5), 3 .
95 NISARD, M . Victor Hugo e n 1 8 36, in: Nisard, Me­
Bourgeoisie gegenüber zu entwickeln. »En France, langes, Bd. 2 (Paris 1 8 3 8) , 6 5 , 67.
pays de litterature essentiellement pratique et sen­ 96 CHARLES BA UDELAIRE, Notes nouvelles sur Edgar
see, un ecrivain qui n'a que de l'imagination, füt- Poe ( 1 8 57), in: BAUDELAIRE, Bd. 2 (1 976) , 328 f.
12 Dekadent/Dekadenz

n'y croient pas.« Absatz, und dann lakonisch: »L'on illuminer mes fetes.«100 Der junge Flaubert
cherche apres cela le pourquoi de la decadence de schwärmte vom kaiserlichen Rom, »cette belle
l'art.«97 Das erhabenste der malerischen Genres in reine se roulant dans l'orgie«101 . Bald darauf löckte
dieser Weise mit den Vorwürfen gegen die niedrig­ Baudelaire erstmals gegen den Stachel des einge­
sten Produktionen der Kunst zu verknüpfen war führten Begriffs und benötigte dazu - direkt auf
zu diesem Zeitpunkt unerhört. Es erhielt beson­ die moderne Schönheit zielend - Rom schon
dere Brisanz dadurch, daß es so verbreitete wie nicht mehr: »Beaucoup de gens attribueront la de­
noch verdrängte Rezeptionsgewohnheiten be­ cadence de Ja peinture a la decadence des mreurs.
nannte. Wo das Heiligste zum Dekadenten erklärt Ce prejuge d'atelier, qui a circule dans le public,
war, wurde es denkbar, das Dekadente zum Pro­ est une mauvaise excuse des artistes.« »La vie pari­
gramm zu machen. sienne est feconde en sujets poetiques et merveil­
Erste Zeugnisse dafür datieren aus den r 8 3 o/ leux.«102 Hier war noch nicht klar, daß die wun­
r 84oer Jahren. Charles Nodier hat »als erster so et­ derbaren Sujets bald entschieden als die dekaden­
was wie ein dekadentes literarisches Selbstbewußt­ ten benannt werden sollten. Aber dem eher
sein formuliert«, als er auf dem Hintergrund einer distanzierten Beobachter Renan verdanken wir
Rousseauschen Zivilisationskritik und noch mit gleichzeitig doch schon die verallgemeinernde Be­
einem »kathartisch-therapeutischern98 Literaturbe­ obachtung einer »vraie fureur qui s' est emparee du
griff das Phantastische »la seule litterature essen­ gout de notre temps pour !es litteratures non classi­
tielle de l'age de decadence ou de transition ou ques. [„ .] Tout l'interet s'attache a ce qu'on ap­
nous sommes parvenus«99 nannte. Der Erzähler in pelle !es origines et !es decadences.«103 Man be­
dem klassischen Roman des L'art pour l'art rief achte hier auch den verallgemeinernden unge­
kaum später Tiberius, Caligula und Nero an, wöhnlichen Plural.
»grands Romains de !' empire, 6 vous que !' on a si Aus dem Jahr r 84 7 datiert Thomas Coutures
mal co mpris [. „ ] . J' ai reve de bn'.\ler des villes pour Gemälde Les Romains de la decadence. Es stellte, in
Stil und Format der Historienbilder, das Lotterle­
ben im späten Rom dar. Das Bild entsprach aufse­
97 STENDHAL, De l'amour { 1 822) , in: Stendhal, CEu­ henerregend der von Renan benannten Mode; der
vres completes, Bd. 2 (Genf/Paris o. J.), 2 1 5 .
98 ERWIN KOPPEN, Dekadenter Wagnerismus (Berlin/
Betrachter sollte sich - angesichts »durchdachter
New York 1973), 2 3 , 22. Ambivalenzen«104 - auch fragen, ob der Maler
99 CHARLES NODIER, Du fantastique en litterature, in: etwa die Gegenwart gemeint habe. Die Vorstellun­
Nodier, CEuvres, Bd. 5 (Brüssel 1 8 3 2) , 67. gen von Dekadenz verändert hat es nicht; die Ge­
r oo TH E OPHILE GAUTIER, Mademoiselle de Maupin
stalter des Pariser Orsay-Museums hängten es zu
( 1 8 34), in: Gautier, CEuvres completes, Bd. 5 ( 1 8 8 3 ;
Genf 1 978), 143 · Recht auf die Seite des Akademismus, Courbet
I O l GUSTAVE FLAUBERT, Memoires d'un fou ( 1 8 3 8 ) , in: entgegen und von Gustave Moreau entfernt.
FLAUBERT, Bd. I I ( 1 974) , 482. Die nächste Stufe beim allmählichen Aufbau ei­
! 02 BAUDELAIRE , Salon de 1 846, in: BAUDELAIRE , Bd. 2 nes Dekadenzprogramms ist am 2. September 1 8 5 3
( 1 976) , 493 , 496.
bezeugt. »Quel homme mediocre que c e Lamar­
! 03 RENAN, Cahiers de jeunesse (1 846) , in: Renan,
CEuvres completes, Bd. 9 (Paris 1 960) , 234 f. tine!« wetterte da Flaubert in einem Brief, be­
1 04 KLAUS HERDING, Fortschritt und Niedergang in der nutzte erstmals wieder das seit Jahrhunderten ver­
bildenden Kunst. Nachträge zu Barrault, Baudelaire schollene Adjektiv und wertete positiv: »II n' a pas
nnd Proudhon, in: W Drost (Hg.), Fortschritts­
compris la beaute de Napoleon decadent, cette
glaube und Dekadeuzbewußtsein im Europa des 1 9 .
Jahrhunderts (Heidelberg 1 986) , 2 4 5 ; vgl. HERDING, rage de geant contre !es myrmidons qui !' ecrasent.
Decadence und progres als kunsttheoretische Be­ Rien d'emu, rien d'eleve, rien de pittoresque.«105
griffe bei Barrault, Baudelaire und Proudhon, in: Der Gebrauch war noch polemisch, nicht selbstbe­
Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Uni­ zogen, aber die empfundene Nähe war klar. Zu
versität Berlin. Gesellschafts- und sprachwissen­
benennen auch die Ästhetisierung einer nicht­
schaftliche Reihe (1985), H. 1-2, 3 5-54.
!05 FLAUBERT an Louise Colet (2. 9. 1 8 5 3 ) , in: FLAU­ künstlerischen Gestalt - mit Wörtern, die dem
BERT, Bd. 13 ( 1 974) , 404. Klassizismus einige seiner Wertbegriffe entwanden.
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 1 9 . Jahrhundert 13

I m gleichen Jahr kommentierte Flaubert den Stil, zeitigen Roman lautete das aphoristisch, direkt für
nicht mehr den Inhalt, von Montesquieus Rom­ Nisards Kronzeugen des Niedergangs plädierend:
Essay. 106 »S'il est vrai que les langues aient une decadence,
Immer noch polemisch, nicht programmatisch, mieux vaut encore etre Lucain que le dernier imi­
begann weitere vier Jahre später Baudelaire seine tateur de Virgile.«110
Notes nouvelles sur Edgar Poe. Aber die Bestimmun­ Vom 23. August 1 862 stammt dann ein Bericht,
gen wurden genauer: »Litti:rature de decadence! - der - wenn er nicht nur, wie meist, verkürzt zitiert
Paroles vides que nous entendons souvent tomber wird - im Übermitteln noch unverarbeiteter Er­
[ . . . ] de la bauche de ces sphinx sans enigme qui fahrung Wesentliches aus dieser Konstituierungs­
veillent devant !es portes saintes de l'Esthetique phase des ästhetischen Dekadenzbegriffs zu verste­
classique. A chaque fois que l'irrefutable oracle re­ hen ermöglicht: das Zögern bei der Suche nach
tentit, on peut affirmer qu'il s'agit d'un ouvrage dem angemessenen Terminus (wichtig hier auch,
plus amusant que !' Iliade. II est evidemment ques­ daß der im folgenden hervorgehobene Satz erst
tion d'un poeme ou d'un roman dont toutes !es 1 8 87 hinzugefügt wurde), vor allem aber den anti­
parties sont habilement disposees pour la surprise, kapitalistischen Impuls. Nach der Teilnahme an ei­
dont ]e style est magnifiquement orne, Oll touteS ner Eisenbahn-Einweihung in Algerien meldet
!es ressources du langage et de Ja prosodie sont uti­ sich Gautier im Salon der Goncourts zurück, »fu­
lisees par une main impeccable. « 107 Es waren diese rieux contre !es chemins de fer, qui abiment les
Bestimmungen, die im folgenden Jahrzehnt verfei­ paysages, le progres, !es utilitaires, la civilisation qui
nert wurden und zu einem ästhetischen Dekadenz­ regarde les Arabes comme des sauvages, les inge­
begriff führten, der von der Last seiner Geschichte nieurs, !es eleves de l'Ecole Polytechnique, tout ce
befreit schien - für kaum zwei Jahrzehnte. qui met dans un pays une saine edilite: >Toi, dit-il
Ausformuliert wurde dieser Begriff durch en se tournant vers Claudin, tu es heureux, tu ai­
Schriftsteller, die einen speziellen Platz im kultu­ mes tout cela, tu es un civilise. Nous, nous trois,
rellen Leben einnahmen: Von der Kritik hoch ge­ avec deux ou trois autres, sommes des malades . . .
würdigt und von den Mächtigen gelegentlich ge­ Nous ne sommes pas des decadents, nous sommes
ehrt (was ihnen nicht gänzlich mißfiel), bildeten des primitifs . . . Non, encore non, mais des particuliers
sie zugleich einen Kreis kritischer Autoren, die bizarres, indijinis, exaltes . . . Il y a des moments oll je
ihre Kunstarbeit hoch und zu der umlaufenden voudrais tuer tout ce qui est.<«1 1 1
ideologischen Münze ästhetisch Distanz hielten. Ein solcher Ausbruch sollte i m Bewußtsein sein,
Die »Herkunft des Ausdrucks« war nicht »mittel­ wenn man die, fast gleichzeitige, Plainte d' automne
mäßig«, wie Heinrich Mann später vermutete108; des zwanzigjährigen Mailarme liest: »J' ai passe de
er kam auch nicht als Sumpfblase von unten: Er longues journees seul avec mon chat, et seul, avec
konnte wirken, weil er aus einiger Höhe propa­ un des derniers auteurs de la decadence latine; car
giert wurde. depuis que la blanche creature n' est plus, etrange­
Das Tagebuch der Brüder Goncourt liefert die ment et singulierement, j'ai aime tout ce qui se re-
nächsten wichtigen Nachrichten. »A la fin des so­
cietes troublees,« hieß es dort am 7. Dezember I 06 Vgl. FLAUBERT an Louise Colet (1 r . u. 1 2 . 6. 1 8 5 3 ) ,
l 8 59, »quand i] n'y a plus de doctrines, d' ecoles, in: ebd., 3 5 7.
que !' art est entre une tradition perdue et une tra­ rn7 BAUDELAIRE (s. Anm. 96) , 3 1 9.
108 HEINRICH MANN, Nietzsche, in: Nietzsches unsterb­
dition qui s'inaugure, il se trouve des decadents
liche Gedanken, eingeleitet v. H. Mann, ausgewählt
singuliers, prodigieux, !ihres, charmants, des aven­ v. G. Mann (1939; Berlin 1 992) , 34.
turiers de la ligne et de la couleur, qui melent tout, ! 09 EDMOND DE GONCOt:;RT/JULES DE GONCOURT,
risquent tout et marquent toutes choses d'un Journal. Memoires de Ja vie litti:raire (entst. 185 1-
cachet singulier, corrompu, rare; [ . . ] une imagina­
.
1 896; ersch. 1 8 87-1 896) , hg. v. R. Ricatte, Bd. 3
(Monaco 1957) , 1 74.
tion qui deborde.«109 Der alte, eine Tradition ab­
1 1 0 GONCOURT, Charles Demailly ( 1 860; Paris 1 89 1 ) ,
wertende Begriff war hier, mit Stilcharakterisie­ 14r .
rungen aufgeladen, umgedreht. In einem gleich- I I I GONCOURT, journal, Bd. 5 (Monaco 1957), 1 5 9·
14 Dekadent/Dekadenz

sumait en ce mot: chute.«112 Er steckt in der ersten pour !es traduire !es confidences subtiles de la nev­
Würdigung Baudelaires durch den ebenso jungen rose, !es aveux de la passion vieillissante qui se de­
Verlaine als »l'homme physique moderne, tel que prave, et !es hallucinations bizarres de !' idee qui se
]' on fait !es raffinements d'une civilisation exces­ tournent a la folie.«
sive, l'homme moderne, avec ses sens aiguises et vi­ Die oströmische Tradition eines solchen Stils
brants, son esprit douloureusement subtil, son cer­ verallgemeinerte Gautier mit dem die klassische
veau sature de tabac, son sang brule d'alcool, en un Ästhetik entmachtenden Hinweis: »La vie factice
mot, le bilionerveux par excellence«113• Und er a remplace la vie naturelle et developpe chez
grundiert j ene große Betrachtung Baudelaires, in l'homme des besoins inconnus«. Eindringliche
der Gautier selbst seiner Begriffsunsicherheit ein Worte galten dem noch als >Dunkel< benannten
Ende machte und die zeitgenössischen Bestim­ Unbewußten, in dem »se meuvent confusement
mungen gültig zusammenfaßte. Auch wenn Gau­ !es larves des superstitions, !es fantomes hagards de
tier nicht, wie zu sehen war, »den Begriff als erster l'insomnie, !es terreurs nocturnes, !es remords qui
positiv gewertet«1 1 4 hat und obwohl ihm für Pres­ tressaillent et se retournent au moindre bruit, !es
seartikel immer wieder auch die eingeführten Ne­ reves monstrueux qu'arrete seule l'impuissance, les
gativkonnotationen aus der Feder flossen1 15: Für fantaisies obscures clont le j our s'etonnerait, et tout
den Stilbegriff >Dekadenz< sind die folgenden Sätze ce que l'ame, au fond de sa plus profonde et der­
der klassische Ort. niere caverne, recele de tenebreux, de difforme et
Den Dekadenzstil charakterisierte Gautier zuerst de vaguement horrible« .
als einen extremer kultureller Fülle. Er sei nichts Ihren Fluchtpunkt fand die Definition i m Be­
anderes als »i'art arrive a ce point de maturite ex­ griff des Künstlichen, des »artificiel. Par ce mot, il
treme que determinent a leurs soleils obliques !es faut entendre une creation due toute entiere a !'Art
civilisations qui vieillissent: style ingenieux, com­ et d'ou Ja Nature est completement absente.« We­
plique, savant, ple i n de nuances et de recherches, sentlich sei das Künstliche - denn »Ce goilt excessif,
reculant toujours !es bornes de la langue, emprun­ baroque, antinaturel, presque toujours contraire au
tant a tous !es vocabulaires techniques, prenant des Beau classique« stelle ein »signe de Ja volonte hu­
couleurs a toutes !es palettes, des notes a tous !es maine corrigeant a SOll gre ]es formes et Jes COU­
claviers, s' effor�ant de rendre Ja pensee dans ce ieurs fournies par Ja matiere«116 dar. Bedenkt man,
qu'elle a de plus ineffable, et la forme en ses con­ daß die sozialen Verhältnisse hier durchaus mit un­
tours !es plus vagues et !es plus fuyants, ecoutant ter den Begriff der Natur gefaßt waren, wird in
diesem Bekenntnis zum ausbrechenden menschli­
chen Willen die algerische Erfahrung Gautiers
wieder ahnbar.
Die Gautierschen Bestimmungen stellten die al­
ten Begriffsinhalte entschieden zur Seite; Zyklen
I I 2 STEPHANE MALLARME, Plainte d'automne ( 1 862) , und Reiche waren nur noch Rahmen für die ei­
in: Mailarme, Igitur, Divagations, hg. v. Y Bonnefoy
gentlich interessierende Künstlichkeit des Ange­
(Paris 1 976) , 72.
1 1 3 PAUL VERLAlNE, Charles Baudelaire ( 1 865), in: Ver­ gangenen. Daß frühere Sinnschichten damit aller­
laine, CEuvres en prose completes, hg. v. J. Bore! dings nicht einmal den Goncourt-Besuchern und
(Paris 1 972) . 600. Sade-Fans generell abhanden gekommen waren,
l 1 4 JENS MALTE FISCHER, Decadence, in: Propyläen belegt ein Brief des alternden Flaubert vom r . Au­
Geschichte der Literatur, Bd. 5 (Berlin 1 984), 563 .
1 1 5 Vgl. MARIE-HELENE GIRARD, La notion de deca­ gust r 878: »Je ne >tritonne< pas dans la Seine. Je me
dence dans la critique d' art romantique, in: G. Pon­ suis baigne deux fois, et la encore, j' ai senti une
nau (Hg.), Fins de siede. Terme - evolution - revo­ grande decadence! je souffiais comme un cachalot,
lution? (Toulouse 1 989) , 1 77-1 80. sans en avoir Ja vigousse, je n' ai pas recommence
1 1 6 GAUTIER, Charles Baudelaire, in: Baudelaire, CEu­
depuis.«117 Von Flauberts Spiel mit dem Wort
vres completes, Bd. l (Paris 1 868), 17, 39, 27.
l 1 7 FLAU BERT an Mme Brainne (r. 8 . 1 878) , in: FLAU­ zeugt auch seine Verbbildung >decader< in einem
BERT, Bd. 16 (1975), 68. Brief an Turgenev vom 26. Januar I 877 (früher als
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 1 9 . Jahrhundert l5

der von Roger Bauer angeführte Erstbeleg bei parablement atteinte dans son organisme, affaiblie
Anatole Baju von 1 8 8 5 ) . 1 1 8 par ]' age des idees, epuisee par !es exces de la syn­
Auch wenn Gautiers Beschreibung eines deka­ taxe, sensible seulement aux curiosites qui enfiev­
denten Stils also nicht zum Diktat wurde: Auf sie rent !es malades et cependant pressee de tout expri­
konnte nun eine Kunstbewegung bauen, die »tout mer a son declin, acharnee a vouloir reparer toutes
travail de !' esprit« - und vor allem die »inconstante, !es omissions de jouissance, a leguer !es plus subtils
,
Ja douloureuse, !'adorable fantaisie« der »poetes, ces souvenirs de douleur, a son lit de mort, s etait in­
sublimes desordonnes« - hochhielt: »Nous accep­ carnee en Mailarme, de Ja fa\'on la plus consom­
terons sans humilite comme sans orgueil, ce terri­ mee et Ja plus exquise.«121 Seinen legendären Ruf
ble mot de decadence. « 1 1 9 hat das Buch aber dennoch zu Recht: Seine Lei­
stung war die erste durchgearbeitete Fiktion einer
auf Künstlichkeit zielenden Existenz. Die von des
3 . Das dekadente Jahrzehnt
Esseintes nach seiner Subj ektivität geformte Welt
In den l 8 8oer Jahren manifestierte sich ein pro­ benötigte >Dekadenz< dazu nur unter anderem; der
grammatischer decadentisme in kleinen Pariser Terminus fiel ganze sechs Mal. Das Interieur und
Boheme-Zeitschriften wie Uo Trezeniks La Nou­ die Speisen, die juwelenbesetzte Schildkröte und
velle Rive Gauche (ab April 1 8 8 3 Lutece, 1 8 82/ die Musik der Liköre, die Rauschmittel und die
1 8 86) , Bajus Le Decadent litteraire et artistique ( 1 8 86) Kunstblumen, die Parfüms, die Bilder und, immer
und Le Decadent ( 1 887/ r 8 89) oder Rene Ghils La wieder, die Bücher spiegelten aber - mit naturali­
Decadence artistique et litteraire ( 1 8 86) , in Gabriel Vi­ stischer Genauigkeit beschrieben - eine Welt des
caires und Henri Beauclairs Sammlung von Ulkge­ ästhetischen Scheins und des ästhetisierten Seins
dichten Les deliquesccnces. Poemes decadents d 'Adore vor, wie sie noch nicht zu lesen gewesen war.
Floupette ( 1 8 8 5 ) , in Josephin Peladans Romanserie Ganz am Schluß ist sie - den versteckten Gautier
La Decadence latine ( 1 9 Bände, 1 8 8 5-1 907) oder in fortschreibend - auch als Gegenwelt zu »le grand
Paul Adams und Felix Feneons unter dem Pseud­ bagne de l'Amerique« bezeichnet: zu »!'immense,
onym Jacques Plowert herausgegebenem Petit glos­ la profonde, l'incommensurable goujaterie du fi­
saire pour servir a l'intelligence des auteurs decadents et nancier et du parvenu, rayonnant, tel qu'un abject
symbolistes ( 1 8 8 8) . 120 Ihr aufgeregter Neuheitsan­ soleil, sur Ja ville ido!atre qui ejaculait, a plat
spruch in Programm und Kritik hält einem Ver­ ventre, d'impurs cantiques devant le tabernacle im­
gleich mit Gautier nirgends stand: neue Begriffsin­ pie des banques!«122 Das »Grundbuch der Deka­
halte sind hier nicht zu gewinnen. Die Tatsache, denz«123 ist genauer eine Einführung in den Ästhe­
daß größere heutige Wörterbücher >Dekadenz< ge­ tizismus zu nennen.
nerell mit dieser Bewegung verbinden, verweist je­ Die andere Leistung war die Paul Bourgets. Sie
doch auf eine andere Leistung der decadents: Ihre bestand darin, der Dekadenz die Spitze abzubre­
provokative Propaganda bürgerte >Dekadenz< chen. Bourget war durchaus in der Lage, aus Anlaß
sprachlich ein, machte den Terminus mit den Gau­ der Beschreibungstechnik von Huysmans neue
tierschen Bestimmungen zu gebräuchlicher intel­
lektueller Münze in der Boheme und an deren 1 1 8 Vgl. FLAUBERT an Turgenev (26. I. 1 877) , in: FLAU­
Rändern. BERT, Bd. 15 (Paris 1 975) , 5 3 3 ; BAUER (s. Anm. 59) ,
Die beiden wesentlichsten Einbürgerungslei­ 60.
1 1 9 PAUL BOURGET, Notes sur quelques poetes contem­
stungen des Jahrzehnts wurden allerdings außer­
porains, in: Le Siede Litteraire ( 1 8 76), H. 1 21 ! 3 ,
halb der Boheme vollbracht. A rebours von Huys­ 265, 267.
mans ( 1 8 84) stieß literarisch die Tür zum Ästheti­ 1 20 Vgl. NOEL RICHARD, Le mouvement decadent (Paris
zismus auf. Der Zentralfigur, Herzog Jean des 1 968).
Esseintes, schien »1' artificiel [ . . . ] la marque distinc­ 121 JOR!S-KARL HUYSMANS , A rebours ( 1 884) , in:
Huysmans, CEuvres completes, hg. v. C. Grolleau u.
tive du genie de l'homme« zu sein. Würdigungen
L. Descaves, Bd. 7 (Paris 1 929) , 3 5 , 303 .
wie die folgende verbreiteten zwar nur gängige 122 Ebd., 3 3 5 .
Stichworte: »La decadence d'une litterature, irre- 123 PRAZ ( s . Anm. 82) , 2 7 1 .
16 Dekadent/Dekadenz

Wahrnehmungsweisen zu benennen, wie Verände­ ein biologistisch verpacktes politisches Menetekel:


rungen der subjektiven Zeit im Alltag sie damals »L'individu est la cellule sociale. Pour que !' 6rga­
hervorbrachten: »Montez dans un tramway et re­ nisme total fonctionne avec energie, il est neces­
gardez !es gens qui marchent dans la rue, voyez saire que !es organismes composants fonctionnent
comme Je costume a perdu son dessin, comme !es avec energie, mais avec une energie subordonnee«.
visages ont perdu leur caractere typique, comme la Desgleichen deren »cellules composantes«. Denn:
charpente osseuse [ . . ] est ici bizarre, tourmentee,
. »Si !' energie des cellules devient independante, !es
sans contour net.«124 Als Genießer des »riche tresor organismes qui composent !' organisme total ces­
d'acquisition humaine« aber, den die Dekadenz ge­ sent pareillement de subordonner leur energie a
schliffen habe, zog er sich ins »interieur« seiner !' energie totale, et !' anarchie qui s' etablit constitue
»ame« zurück. 125 Im übrigen führte sein Weg ziel­ Ja decadence de l'ensemble.« (4 1 2 f.)
bewußt in die Academie fran(aise (erst 42jährig Wenige Monate vor der Veröffentlichung dieser
wurde er 1 894 aufgenommen). Liest man die Theo­ Sätze war der russische Zar Alexander II. einem
rie de la decadence, mit der er l 88 l einen Essay über Attentat erlegen. Wer als Leser einer angesehenen
(nicht einen Artikel für) Baudelaire, diese »inquie­ Kulturzeitschrift (nicht in einem Bohemeblättchen
tante figure« (4 1 2) , beschloß, wird klar, wie er das erschien Bourgets Text) im November 1 8 8 1 >Anar­
schaffie. Der Text enthält eine berühmt gewordene chie< las, dürfte einen Schauder verspürt haben.
Bestimmung des Dekadenzstils. Sie ist weit ent­ Die Sammlung der Artikel, in die der über Baude­
fernt von dem engagierten Plädoyer Gautiers und laire aufgenommen wurde, war ein Erfolg: Die Es­
erweitert eine Anregung Zolas aus dessen Roman sais de psychologie contemporaine ( l 8 8 3) erregten leb­
experimental ( 1 879/ r 8 80) . »Un style de decadence haftes Interesse, im Vorwort eines zweiten Bandes
est celui au l'unite du livre se decompose pour lais­ ( l 8 8 5) sprach die Sorge über das Gift des Pessimis­
ser Ja pJace a J'independance de Ja page, Oll Ja page mus sich deutlich aus. Bourget hat die Dekadenz
se decompose, pour laisser la place i l'indepen­ nicht mehr in Nisardscher Drastik verdammt -
dance de la phrase, et la phrase pour laisser la place aber er hat die Orgien der Überreife ganz ins In­
a l'independance du mot.« (41 3 ) Nietzsche hat das nere verlegt. Seine Sorge um das Totale sollte nicht
gelesen und weitergedacht; darauf ist zurückzu­ die letzte sein, die sich anläßlich von Dekadenz
kommen. Darüber ist aber in Vergessenheit gera­ aussprach.
ten, in welchem Zusammenhang Bourget zu seiner Bourgets Distanz, Huysmans' andere Orientie­
Feststellung kam: er dachte - sich hineinversetzend rung, die Flachheit der Propagandisten - schon im
in »Les politiciens et !es moralistes« - nach über die dekadenten Jahrzehnt wurde der Gautiersche
Gefährdungen der Ganzheitlichkeit des »organisme Schwung gebremst. Die Symbolisten machten sich
sociai« (4 1 3 ) . Vom gleichen Gesetz seien Aufstieg l 886 selbständig, kein Maler oder Bildhauer der
und Dekadenz des gesellschaftlichen Organismus Zeit proklamierte sich zum decadent126, Mailarme
bestimmt wie die des Organismus der Sprache. Vor hielt immer Abstand, und selbst Verlaine - gedul­
dem Satz über den Stil, und als dessen Basis, steht diger Autor des Decadent und Liebhaber der Baju­
schen Neuschöpfung decadisme, »court, com­
mode, >a la main<, handy«127 - ging in seinen pro­
1 24 BOURGET, Deux paradoxes d'un demi-savant. Sur la grammatischen Bekundungen zur Dekadenz über
musique, sur la couleur ( 1 8 8 3 ) , in: Bourget, Etudes Gautier nirgends hinaus. Um die poetes maudits
et portraits (Paris 1 8 89) , 2 5 8 .
zu charakterisieren, kam ihm der Terminus Deka­
1 2 5 BOURGET, Psychologie contemporaine. Notes et
portraits. Charles Baudelaire, in: La Nouvelle Revue denz kurz in den Sinn. »Mais qu'est-ce que deca­
(November 1 8 8 1 ) , 4 1 4. dence veut bien dire au fond?«128, hieß es umge­
l 26 Vgl. ANTOINETTE EHRARD , Un bronze pour des Es­ hend, und über die besonderen Leistungen der
seintes?, in: L'esprit de decadence, Bd. l (Paris einzelnen verfemten Dichter der Modeme konnte
1 980) , 141-152.
Verlaine schreiben, ohne >Dekadenz< auch nur zu
127 VERLAINE, Lettre au Decadent ( 1 8 8 8) , in: Verlaine
(s. Anm. 1 1 3) , 6 9 5 . erwähnen. Die Dichtung der Modeme, die ihr
1 2 8 VERLAINE, Les poetes maudits ( 1 884), in: ebd. , 636. Selbstbewußtsein wesentlich aus der Neubestim-
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 1 9 . Jahrhundert 17

mung von Dekadenz gebildet hatte, benötigte den positivistische - d. Verf.] Historismus«132 der Her­
Begriff zumindest in Frankreich schon nicht mehr; auslösung der Wörter aus ihren Bedeutungszusam­
als Dekadenz Mode wurde, war sie paradoxerweise menhängen in dekadenter Literatur parallelisiert
bereits überholt. Vor allen programmatischen Zeit­ wird. >Symbolismus< und >Fin de siede< setzten
schriften hatte Verlaine ihr in dem dann ernstge­ fort, was unter dem Namen >Dekadenz< begonnen
nommenen Sonett Langueur ( l 8 8 3) die Satire ge­ worden war. Der Vorschlag, von >Ästhetizismus< zu
schrieben: reden, ist verbreitet.
"Je suis !'Empire a Ja fin de Ja decadence, / Qui Bildende Künstler wie Moreau oder Aubrey
regarde passer !es grands Barbares blaues / En com­ Beardsley, der Wagnerismus in der europäischen
posant des acrostiches indolents / D'un style d'or Musik oder Mailarmes Bestimmung des Tanzes als
ou la langueur du soleil danse.« 129 »poeme degage de tout appareil du scribe«133 parti­
Ein junger Dichter, gerade zur Armee eingezo­ zipierten an den mit >Dekadenz< erreichten Um­
gen, schrieb 1 890 einem Freund einen Bekennt­ wertungen, kamen aber weithin schon ohne den
nisbrief und resümierte darin das Jahrzehnt. »Je suis Terminus aus. Die Programmschrift des russischen
Decadent«, war da zu lesen - was heiße: »artiste ul­ Symbolismus arbeitete im Titel mit der klassischen
tra affine, protege par une langue savante contre Opposition von >yrra.11 0K< und >HOBhie Teqett11H<
l' assaut du vulgaire, encore vierge des sales baisers (Verfall und neue Tendenzen) , und Valerij Brjusov
du professeur de litterature« . Dabei denke er nicht oder Aleksandr Blok bezeichneten sich anfangs
»a une decadence pas plus qu'a une Renaissance - auch selbst als >dekadent<. Merdkovskijs kritische
taut cela m' est egal« 130• Die Ästhetisierung von Bestandsaufuahme der zeitgenössischen russischen
Sprache und Existenz griff noch zu dem Terminus Literatur lief aber auf ganz undekadente Fahnen­
Dekadenz, um sich auszudrücken; der zyklische worte hinaus: »Ee3 Bephr B 6mKeCTBeHHoe Ha­
Geschichtsbegriff lag achtlos beiseite. Aber kein qaJio M11pa tteT Ha 3eMJie KpacoTbI, tteT crrpa­
weiteres Zeugnis von Valery findet sich, das die Ju­ Be.11J111BocT11, HeT II0331111, HeT CB060.llb! !«134
gendschwärmerei fortsetzte. Höchstens distanzierte (Ohne Glauben an den göttlichen Ursprung der
Erinnerung blieb. Ein Terminus Dekadenz wurde Welt gibt es auf Erden weder Schönheit noch Ge­
nicht mehr benötigt. rechtigkeit, weder Poesie noch Freiheit.) Ruben
Das gilt auch für die meisten der europäischen Dario nutzte Decadence und französischen Sym­
Wirkungen, die der Stilbegriff >Dekadenz< in den bolismus für seine Dichtung (Azul, 1 8 88), brachte
1 8 8oer Jahren zu entfalten begann. Nachrichten über beide nach Lateinamerika und
von dort nach Spanien, wurde dann aber mit ei­
nem modernismo »zum Repräsentanten der Schwel-
4. Der europäische Ästhetizismus
Der Verlust an Suggestivkraft, den >Dekadenz< am 129 VERLAINE, Langueur ( 1 8 8 3 ) , in: Verlaine, CEuvres
Ende der 1 8 8oer Jahre in der europäischen Aus­ poetiques completes, hg. v. ]. Bore! (Paris 1 977) ,
weitung erlitt, wäre als Überlagerung eines eigent­ 3 70.
130 PAUL VALERY an Pierre Louis (12. 6. 1 890) , in: Va­
lichen - des ästhetischen - Sinnes durch neue
lery, Lettres a quelques-uns (Paris 1 952), 1 2 f.
Konnotationen des physischen und moralischen 1 3 1 Vgl. BAUER (s. Anm. 59), 64 (
Verfalls131 verkehrt gedeutet. Im Blick auf die au­ 1 3 2 GOTTHART WUNBERG, Historismus, Lexemautono­
ßerästhetische Begründungsgeschichte des Begriffs mie und Fin de siede, in: Arcadia 30 ( 1 995), H. l ,
33.
kann vielmehr gesagt werden, daß dessen Grund­
1 3 3 MALLARME, Ballets ( 1 886), in: Mallarmc (s. Anm.
prägung einer dauerhaften Verwendung als Basis­ I I 2) , 1 9 3 ; vgl. LEONA VAN VAERENBERGH, Tanz
terminus des Ästhetizismus widerstand, sobald die und Tanzbewegung. Ein Beitrag zur Deutung deut­
Gautiersche Stilbestimmung des Künstlichen - ge­ scher Lyrik von der Dekadenz bis zum Frühexpres­
wonnen anhand der spezifischen Schönheit des sionismus (Frankfurt a. M. 1 99 1 ) .
1 3 4 DMlTRlJ MEREZKOVSKIJ, 0 pricinach upadka i o
Vergehenden - als Formprinzip begriffen und zum
novych teeenijach sovremennoj russkoj literatury
Prinzip moderner Kunst verallgemeinert war. Dies ( 1 893), in: Merdkovskij, Polnoe sobranie soCinenij,
gilt auch noch, wenn der »relativistische [nicht der Bd. 1 5 ( 19 I I ) , 303 .
r8 Dekadent/Dekadenz

lenzeit eines Kontinents, der sich im Aufbruch in sische Literatur die Grenzen«139 dorthin. Zuerst er­
eine europäisch geprägte Moderne befand«135 und reichte die Kunde Italien. Der Schweizer Zola­
zudem eine eigene Geschichte der Vermischung Freund Edouard Rod rezensierte r 8 8 3 Bourget
von Kulturen hatte. »EI amor absoluto a la belleza und ein Jahr später Huysmans - durchaus reserviert
- clara, simb6lica o arcana - y el desenvolvimiento - in italienischen Blättern140; Vittorio Pica setzte
y manifestaci6n de la personalidad«136 (die absolute die Berichterstattung seit Ende r 8 8 5 , auch aus per­
Liebe zur - reinen, symbolischen oder verborge­ sönlicher Bekanntschaft mit Mailarme, Verlaine
nen - Schönheit sowie die Entwicklung und Äu­ u. a., fort.141 Große Verbreitung erreichten diese
ßerung der Persönlichkeit) in einer solchen Kunst Artikel nicht, könnten aber Schriftstellern be­
waren mit dem Begriff der Dekadenz nicht zu fas­ kanntgeworden sein. Gabriele D'Annunzios erste
sen. In Spanien kam der »Vitalismus«137 der Dario­ Romane142 und die ästhetizistische Lyrik, mit der
schen Dekadenzverarbeitung zusammen mit der er und Giovanni Pascoli seit den r 8 9oer Jahren die
älteren, von der Generaci6n de! 98 aufgenomme­ italienische Literatur erneuerten, nahmen u. a. de­
nen nationalen Selbstkritik am »marasmo mental« kadente Motive und Stilmomente - eklektisch?,
(mentalen Verfall) durch »fiebre de orgullo« und j edenfalls nicht programmatisch propagiert - auf.
»delirio de soberbia«138 (fiebernden Stolz; delirie­ Die von ihnen erreichte Höhe bot dann der Litera­
renden Dünkel) . turgeschichtsschreibung eine anderswo so nicht
Die Wirkungen nach Italien, England und dem genutzte Gelegenheit: Seit dem Beginn der r 92oer
deutschen Sprachraum waren umfangreicher. Jahre wird die modern(istisch)e und avantgardisti­
»Gleichsam zur Exportreife entwickelt«, über­ sche Literatur Europas in Italien - ohne abwer­
schritt >Dekadenz< »auf dem Wege feuilletonisti­ tende Töne - >decadentismo< genannt. 143 Walter
scher Reportagen über die zeitgenössische franzö- Binnis Poetica de/ decadentismo ( l 93 6) bot die gültige
Zusammenfassung dieser Sicht. Selbst unter deut­
schem Druck und trotz architektonischer »Mega­
lomanie« blieb die Überzeugung vorherrschend,
1 3 5 FLORIAN NELLE, Atlantische Passagen. Paris am »die >faschistische Revolution< müsse zu neuen,
Schnittpunkt südamerikanischer Lebensläufe zwi­ kühnen Kunstformen anspornen«144.
schen Unabhängigkeit und kubanischer Revolution
(Berlin 1 996) , 1 8 5 .
Die Konstellation war insofern besonders bemer­
1 3 6 RUR F. N DAR i o , Los colores de! estandarte ( 1 894) , in: kenswert, als gleichzeitig Croce ein entschieden an­
Dario, Obras completas, hg. v. E. G. Contell, Bd. 4 tidekadentes Dichtungsverständnis mit patriarchali­
(Madrid 1 9 5 5 ) , 8 80. scher Würde einflußreich vertrat. Direkt gegen
1 3 7 KLAUS DTRSC:HRRL, Marionetten und Übermen­
Bourget kann seine Bestirmnung des dichterischen
schen. Der Roman der 98er Generation als Dia­
gnose der Krise des lndi,�duums und Spaniens Ausdrucks gelesen werden: »Laddove il sentimento
selbst, in: M. Pfister (Hg.) , Die Modernisierung des aderisce al particolare, [ . . . ] la poesia riannoda il par­
Ich (Passau 1 989) , 295 . ticolare all'universale, accoglie sorpassandoli del
1 3 8 J UAN VALERA, Dei influjo de la inquisici6n y de! fa­ pari dolore e piacere, e di sopra il cozzare delle parti
natismo religioso en la decadencia de la literatura
espaiiola ( 1 876) , in: Valera, Obras completas, Bd. 3
contro le parti innalza la visione delle parti nel tutto,
(Madrid 1 9 5 8) , I I 3 8 f. sul contrasto l'armonia, sull'angustia de! finito la di­
1 3 9 KOPPEN (s. Anm. 98), 46 f. stesa dell'infinito. Questa impronta di universalita e
1 40 Vgl. FABIO FINOTTI, Sistema letterario e diffusione di totalit:l e il suo carattere.« \Wo das Gefühl am
nel decadentismo nell'ltalia di fine ' 800. 11 carteggio
Einzelnen hängenbleibt, [ . . . ] verbindet die Dich­
Vittorio Pica - Neera (Florenz 1988), 66, 69.
1 4 1 Vgl. KOPPEN (s. Anm. 98), 5 9 f. tung das Einzelne mit dem Universalen, nimmt
1 4 2 Vgl. JOACHIM K Ü PPER, Dekadenz. Zu Gabriele Schmerz und Freude auf und überwindet sie; über
D'Annunzios >11 Piacere<, in: Poetica 29 (1997) , H. den Widerstreit der einzelnen Teile stellt sie die
l-2, 1 98-2 3 3 . Schau der Teile innerhalb des Ganzen, über den
1 43 Vgl. MATE! CALINESCU, Five Faces o f Modernity
(Durham 1 987) , 2 J I -22 r .
Kontrast stellt sie die Harmonie, über die Angst des
1 44 GIULIO CARLO ARG AN, Die Kunst des 20. Jahrhun­ Endlichen die Weite des Unendlichen. Dieser
derts. 1 8 80-1 940 ( 1 977; Berlin 1 990) , 29. Stempel der Universalität und Totalität ist ihr We-
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 1 9 . Jahrhundert 19

sensmerkmal.) 145 Von der Freude des »conculcatore des gelben Jahrzehnts fanden in Keats, den Präraf­
di classi e di popoli, o l'altra, poco diversa, di qual­ faeliten und Swinburne englische Vorläufer in ih­
che artistica volutd. neroniana« (Zerstörens von rer Selbstbesinnung auf Kunst. 149 Sie ließen sich
Klassen und Völkern oder j ener kaum andersartigen dabei auch - welch seltener Fall in der Geschichte
künstlichen Wollust eines Nero) fühlte Croce sich - von einem (Oxford-)Professor etwas sagen.
tief abgestoßen. Aber anders als fast alle sonstigen Hatte Gautier in Frankreich den Weg über ein
Ablehnungen der Dekadenz erwuchs die seine - moralpädagogisches Kunstverständnis hinaus frei­
statt aus Beschönigungen des Gegebenen - ganz aus gemacht durch den Blick auf den anders dichten­
einem entschiedenen humanistischen Idealismus den Zeitgenossen Baudelaire, so leistete im tradi­
mit vermittelt auch politisch zu nennender Wider­ tionsbewußten England die Erinnerung an die
standsintention. »La fiducia, la sereniti, la sicurezza, Renaissance diese Öffnung. 1 50 Heroismus statt He­
l'ardore per l'opera nostra« (Vertrauen, Heiterkeit, donismus hatte Anfang der r 8 5oer Jahre noch John
Sicherheit und Eifer für unser eigenes Werk) ent­ Ruskin aus ihr beziehen wollen, als er in mehrbän­
stünden aus dem Bewußtsein, »ehe storia e quella digen Studien die venezianische Spätrenaissance
ehe noi facciamo, [ . . . ] e ehe tutto il resto non ci ri­ abwertete: Kunst sei »worthless« und »nugatory«,
guarda per la buona ragione ehe effettivamente non wenn sie nicht »the personality, activity, and living
esiste, quando si ritorna nel proprio centro« (daß perception of a good and great human soul« zeige;
die Geschichte ja von uns selbst gemacht wird [ . . . ] »the pursuit of vain pleasure«, »luxury and vanity«,
und daß alles übrige uns aus jenem guten Grunde »splendour and fancy« und »morbid magnificence«
nichts angeht, weil es nicht existiert, wenn man zur dienten dem, als »destruction of beauty« 151, nicht.
eigenen Mitte zurückkehrt) 146. Was immer zu einer Dekadenz hatte hier keine Chance. Walter Pater
solchen Überzeugung gesagt werden kann: Zur erinnerte dagegen etwas später, ebenso gelehrt,
Konjunktur des decadentismo in Italien mag diese - daran, daß Schönheit »relative« sei, betonte die Be­
keinesfalls anstrengungslose - tolerante Selbstsi­ deutung von »one's own impression« und begriff
cherheit beigetragen haben. Daß dessen Exponen­ ästhetische Obj ekte »as powers or forces producing
ten Faschistenfreunde waren, dürfte ihm anderer­
seits bis 1 943 noch weniger abträglich gewesen sein.
Italien war das einzige Land mit einer durchgehalte­
nen positiven Behandlung von Dekadenz - um den 145 BENEDETTO CROCE, La poesia (1936) , in: Croce,
Preis allerdings eines beachtlich veränderten Be­ Opere, Bd. 6 (Bari 1 966) , l l f. ; dt. : Die Dichtung,
griffsinhalts. hg. v. J. Hösle, übers. v. W. Eitel (Tübingen 1 970) ,
England war das einzige, in dem der Dekadenz rof
1 4 6 CROCE, Aspetti morali della vita politica ( 1 928), in:
nicht nur im übertragenen Sinn der Prozeß ge­ Croce, Opere, Bd. 4 (Bari 1 966) , 2 5 5 , 296; dt. :
macht wurde. Nachrichten über Baudelaire und Theorie und Geschichte der Historiographie und
seine Nachfahren waren seit den 1 86oerJahren dort Betrachtungen zur Philosophie der Politik, hg. u.
eingetroffen. 1 47 George Moore preßte 1 8 8 8 in ei­ übers. v. H. Feist (Tübingen 1 930), 3 8 5 , 429.
147 Vgl. MONIKA LINDNER, Ästhetizismus, Dekadenz,
nem Erlebnisbericht aus Paris die Blumen des Bö­
Symbolismus. Englische Wurzeln und französische
sen, »beautiful in your sublime decay, [ . . . ] to my Einflüsse. in: Pfister/Schulte-Middelich (s. Anm.
lips«, und zitierte eine Seite aus A rebours als »a dose 1 5) , 5 5 .
of opium, a glass of something exquisite and spiri­ 1 4 8 GEORGE MOORE, Confessions o f a Young Man
( 1 888; Leipzig 1 905), 7 5 , 222.
tuous«148. Eine Rezension von Havelock Ellis über
1 49 Vgl. ALBERT FARMER, Le mouvement esthetique et
die beiden Essais-Bände von Bourget im Pioneer >decadent< en Angleterre 1 873-1900 (Paris 193 1 ) ;
eröffnete im Oktober 1 889 dann die Yellow De­ PRAZ (s. Anm. 82).
cade, in deren Zentrum Oscar Wilde stand und auf 150 Vgl. VlKTOR ZMEGAC, Kunst und Gesellschaft im
Ästhetizismus des l 9. Jahrhunderts, in: Propyläen
deren Höhepunkt r 894/ r 897 die Zeitschrift The
Geschichte der Literatur, hg. v. E. Wischer, Bd. 5
Yellow Book bei John Lane herausgegeben wurde. (Berlin 1984) , 28-3 6.
Aus französischen Einflüssen allein ist diese Be­ 1 5 1 JOHN Rt;SKIN, The Stones of Venice, Bd. 3 ( 1 8 5 3 ;
wegung allerdings nicht zu erklären. Die Künstler London 1 906) , 1 70, 1 69, 1 8 8 , l 9 I .
20 Dekadent/Dekadenz

pleasurable sensations«152. In einer Zusammenfas­ laire-Verehrer Wilde konnte sein Leben und seine
sung, die Pater in der 2. Auflage strich, weil sie Literatur die ganzen l 8 8oer Jahre hindurch als äs­
von jungen Leuten habe mißverstanden werden thetizistische Provokation gestalten, ohne deshalb
können, und später leicht bearbeitete153, entwik­ den Dekadenzbegriff bemühen zu müssen. Als
kelte er aus dem Begriff der »impression« die Not­ »paradox«156 muß das nicht bezeichnet werden.
wendigkeit, »the individual in his isolation« zu be­ Als die Nachrichten aus Frankreich der engli­
greifen, dessen Geist »as a solitary prisoner its own schen Diskussion um 1 890 die Dekadenz bei­
dream of a world« träume. Daß von solcher Auf­ mischten, wurde der Terminus durchaus genutzt.
wertung der Teile gegenüber dem Ganzen ein Die Quarterly Review inszenierte die alten Abwer­
Weg zur ästhetisierenden AufWertung der Sinne tungsrituale gegen nicht genehme zeitgenössische
führt, wurde deutlich, wenn Pater gelassen meinte, Kunst. 157 Andererseits verliehen junge Intellektu­
man solle sich ruhig ertappen lassen »at any exqui­ elle ihrer Ablehnung des Viktorianismus gesteiger­
site passion, or any contribution to knowledge that ten Ausdruck. Lionel Johnson definierte als erster,
seems by a lifted horizon to set the spirit free for a und Genaueres liegt nicht vor: »In English, deca­
moment, or any stirring of the senses, strange dyes, dence, and the literature thereof, mean this: the
strange colours, and curious odours«154. Als »Auf­ period, at which passion, or romance, or tragedy,
forderung zur ästhetischen Existenz, die sich vor or sorrow, or any other form of activity or of emo­
der Todesverfallenheit des Lebens in Ekstasen der tion, must be refined upon, and curiously conside­
Leidenschaft rettet, in Intervalle gesteigerten Be­ red, for literary treatment: an age of afterthought,
wußtseins und exquisiter Empfindungen«155, sind of reflection.«158 Der Bestimmungsversuch ver­
Paters historische Studien zu Recht bezeichnet deurlicht einen geistesgeschichtlichen Normalvor­
worden. Von Dekadenz war in ihnen allerdings gang: Komplexe Bestimmungen werden schnell
nur im historischen Bezug auf Du Bellay die gebrauchsfreundlicher reduziert. Dekadenz hieß
Rede. Die englische Vorgeschichte der dekadenten hier nur noch selbstreflexive Verfeinerung. Auch
Jahre ging deutlich direkter als die französische auf wenn Arthur Symons die Gautierschen Argumente
Ästhetizismus zu. Der Pater-Student und Baude- 1 893 im Harper's Magazine nochmals zu einem Be­
kenntnis nutzte: Der Terminus wurde damit - au­
ßerhalb polemischer Gänge - schnell wieder ent­
1 5 2 WALTER PATER, The Renaissance. Studies in Art behrlich.
and Poetry ( 1 873; London 1 902) , VII-IX. Beardsley stand so (vor allem mit den inzwi­
1 5 3 Vgl. ebd., 2 3 3 . schen klassischen Illustrationen zu Wildes Salome)
1 54 Ebd., 23 5 , 237.
zwar im Ruche der Dekadenz, ist aber im Rah­
1 5 5 WOLFGANG WElSS, Italienische Renaissance und
englische Dekadenz, in: Pfister/Schulte-Middelich men der Stilkunst der l 89oer Jahre und deren Vor­
(s. Anm. 1 5) , 9 5 . aussetzungen bei Blake, Morris und Whistler auch
l 5 6 ULRICH HORSTMANN, Ästhetizismus und Dekadenz. ohne diese überzeugend erklärt. 159 The Yellow Book
Zum Paradigmakonflikt in der englischen Literatur­ verzichtete auf jede programmatische Bekundung
theorie des späten 19. Jahrhundert (München 1 9 8 3 ) ,
- wenn man nicht eine Defence of Cosmetics von
195.
1 57 Vgl. FARMER ( s . Anm. 1 49) , 26 r . Max Beerbohm in der ersten Nummer dafür neh­
1 5 8 LIONEL JOHNSON, A Note upon the Practice and men will, die das Künstliche und auch Neros un­
Theory of Verse at the Present Time Obtaining in glückliche Frau Poppäa pries. Und Wilde selbst zi­
France, in: Century Guild Hobby Horse (April
tierte in seinem kunsttheoretischen Dialog The De­
1 89 1 ) , zit. nach R. K. IL THORNTON, )Decadence< in
Later Nineteenth-Century England, in: ]. Fletcher cay of Lying ( 1 8 89/ r 89 1 ) zwar beiläufig welke
(Hg.) , Decadence and the l 89os (London 1 979) , 20. Rosen, Domitiankult und Dämmerungsliebe, um
1 59 Vgl. INGEBORG BOLTZ, Kunst und Design in der seinen Sprecher, Mitglied im Klub der Müden He­
Yellow Decade, in: Pfister/Schulte-Middelich (s. donisten, zu identifizieren, entwickelte im übrigen
Anm. 1 5) , 3 77-4 1 5 .
1 60 Vgl. Z MEGA C , Die Realität ahmt die Kunst nach.
aber - wie auch andere Zeitgenossen160 - Anti­
Zu einer Denkfigur der Jahrhundertwende, in: Pfi­ Natur als Kunstprinzip. Auf einen spezifischen De­
ster (s. Anm. 1 3 7) , 1 80-1 89. kadenzbegriff waren seine Aphorismen nicht ange-
III. Ausprägungen des ästhetischen Begriffs im 19. Jahrhundert 21

wiesen (der des Titels war nur der konventionell nicht nennen«, und ein Happening der decadents
zyklische Ruf »to revive this old art of lying«) . beschreibend, auf dem sich »alle Apostel des Mor­
»Nature is so imperfect. [ . . . ] Art is our spirited gigen« drängten, »Dichter mit assyrischen Bärten,
protest, our gallant attempt to teach Nature her die steifen Locken wunderlich verschnörkelt, prä­
proper place.« »Life in fact is the rnirror, and Art raffaelitisch bleiche Maler, schmale, matte und
the reality. [ . . . ] A great artist invents a type, and wie Lilien fällige Comtessen, leicht verzückt und
Life tries to copy it.« Schließlich, als Bestimmung leicht ermüdet, nach den Paradiesen unbekannter
des neuen Schöpfers, der Kunst: »Lying, the telling Schönheit lüstern, und zwischen den scheuen und
of beautiful untrue things, is the proper aim of wie verschmachteten Farben ihrer weiten, welken
art.«161 Es wurde Wildes Unglück, daß Natur und Gewänder glänzt silenisch nnd wüst der Schädel
Leben sich in diese Richtung nicht belehren lie­ des Verlaine«1 64• Bei solchen Gelegenheiten
ßen. Nicht wegen seiner Kunstwirklichkeiten, machte Stefan George dessen und Mailarmes Be­
sondern wegen seiner Homosexualität verurteilte kanntschaft.
ihn ein Londoner Gericht 1 895 zu zwei Jahren Andere Faktoren als in Italien und England spe­
Zuchthaus und richtete ihn damit zugrunde. Daß zifizierten erneut die Begriffsinhalte. Zwar kann
dies der konformen Öffentlichkeit als Urteil auch kaum »wohl in Europa noch eine Hochkultur ge­
gegen die Dekadenz galt, ändert nichts an der Bi­ funden werden, die dermaßen von Todesästhetik
lanz: Der Stilbegriff aus Frankreich hat auf den und Todeserotik durchdrungen wäre wie die Wie­
englischen Ästhetizismus kurz fördernd einge­ ner« 165. Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn
wirkt, einen wesentlichen Einfluß aber nicht ge­ zeigte Auflösungserscheinungen. Aber die Todes­
nommen und Entwicklung nicht erfahren. beziehung füllte hier mehr als einen erlebnisfun­
Wiederum anders gestaltete sich das im deut­ dierten Dekadenzbegriff Wo die literarischen
schen Sprachraum. Die dortigen französischen Werke von Schnitzler, Hofinannsthal oder Alten­
Spuren unterscheiden sich kaum von den bisher berg wie auch die Malerei und Grafik von Klimt
genannten. In Heinrich Manns Bibliothek stehen und anderen Zeitgenossen Identitätskrisen versinn­
Bourgets Essais in einer Ausgabe von l 890, und bildlichen 1 66, breiteten sie neue philosophische
der Deutsche widmete dem Franzosen seinen er­ Auffassungen über die Schcinbarkcit und die Rela­
sten Roman In einer Familie (1 894) . Hu go v. Hof­ tivität der Welt aus, �e sie besonders von Ernst
mannsthals erster Essay war l 891 eine Bourget­ Mach entwickelt wurden. Die Vorstellung des
Rezension, und in einem D'Annunzio-Aufsatz »ganzen Daseins als einer großen Einheit« erschien
zwei Jahre darauf zeugten später vielzitierte Sätze nun als »Trunkenheit«, Worte für Zusammenhänge
von Blicken nach Paris: »Modern sind alte Möbel und Urteile zerfielen »im Munde wie modrige
und junge Nervositäten. Modern ist das psycholo­
gische Graswachsenhören und das Plätschern in
der reinphantastischen Wunderwelt. Modern ist
Paul Bourget und Buddha; das Zerschneiden von 1 6 1 OSCAR WILDE, Intentions ( 1 8 9 1 ; London 1 904) , 49,
4, 3 I f., 54 ·
Atomen und das Ballspielen mit dem All ; modern
1 62 HUGO VON HOFMANNSTHAL, Gabriele D'Annunzio
ist die Zergliederung einer Laune, eines Seufzers, ( 1 893), in: Hofinannsthal, Gesammelte Werke, hg. v.
eines Skrupels; modern ist die instinktmäßige, fast B. Schoeller u. R. Hirsch, Bd. 8 (Frankfurt a. M.
somnambule Hingabe an jede Offenbarung des 1 979) , 1 76.
1 6 3 HERMANN BAHR, Die Decadence, in: Bahr, Studien
Schönen, an einen Farbenakkord, eine funkelnde
zur Kritik der Modeme (Frankfurt a. M. r 894) , 22.
Metapher, eine wundervolle Allegorie.«162 Her­ 1 64 BAHR, Decadence, in: Bahr, Renaissance. Neue Stu­
mann Bahr, im Spätherbst 1 8 8 8 mehrere Monate dien zur Kritik der Modeme (Berlin 1 897) , 2.
in Paris, berichtete in zwei kurzen Artikeln kühl i65 PETER HANAK, Lebensgefühl oder Weltanschauung,
über die dortige Dekadenz - im ersten der Vermu­ in: P. Bemer/E. Brix/W Mantl (Hg.), Wien um
1 900. Aufbruch in die Modeme (München 1 986),
tung, sie sei »eine neue Mode des Wahnsinns«, nur
1 58.
bezüglich der Neuheit widersprechend 1 63, im 1 66 Vgl. JACQUES LE RIDER, Modernite viennoise et
zweiten deutlicher wertend: »Kunst darf man sie crises de l'identite ( 1 990; Paris ' 1 994) .
22 Dekadent/Dekadenz

Pilze« 167. Aus der Dekadenz wurde die Idee akti­ von denen jetzt die Rede sein muß, um die wei­
viert, »mit dem Herzen zu denken« 168 • Aber es tere Geschichte von >Dekadenz< zu verstehen. Zu­
ging zu auf eine neue Philosophie des prekären Le­ erst zur Heilkunde.
bens in Kunst, und in solcher Öffnung über den Einige zur Bestimmung des Stilbegriffs Deka­
Kunstbereich hinaus verblaßte auch hier der Deka­ denz bereits zitierte Belege enthielten ein bisher
denzbegriff. nicht kommentiertes Vokabular: das medizinische.
Dabei wirkte schon Nietzsche. Der vor allem Nervosität war im 19. Jh. nicht nur ein wichtiger
brach den ästhetizistischen Ansatz auf in der Rich­ literarischer Gegenstand.170 Sie wurde von Schrift­
tung einer Philosophie des tragisch gespaltenen Le­ stellern im Alltag beobachtet und - so von den
bens. Die Begriffsgeschichte von Dekadenz im Goncourts am 2 3 . Mai 1 864 gegen die Vorstellung
1 9 . Jh. kann bis zu Nietzsche als ästhetizistische des Positivisten Taine, man könne die Sensibilität
Spezifizierung resümiert werden, die >Dekadenz< verringern und solle die Aktivität erhöhen - als
über den Stilbegriff aus dem Pejorativen ins Pro­ Hinweis auf die Probleme des Fortschritts gedeu­
blematische gerückt hatte. Nun kam es zu einer er­ tet: »Depuis que l'humanite va, son progres, ses
neuerten Öffimng ins Historisch-Soziale. Um acquisitions sont toutes de sensibilites. Elle se ner­
diese ganz zu umgreifen, ist eine weitere Diskussi­ vosifie, s'hysterise, chaque jour. [ ] Savez-vous si
. . .

onslinie aus der Mitte des 1 9 . Jh. aufzunehmen. la tristesse de ce siecle-ci ne vient pas du surme­
nage, de son mouvement, de son prodigieux effort,
de son travail enrage, de ses forces cerebrales ten­
dues i se rompre, de son exces de production dans
IV Von der Psychopathologie zur tous !es sens?«171 An dieser Stelle ist die ästhetische
>entarteten< Kunst Betrachtung zu verlassen.
Nervosität beschäftigte seit der Mitte des 19. Jh.
»Niedergang (Dekadenz) in verschiedener hinsieht eine neue Fachwissenschaft. Mit dem umfassenden
ist eine erscheinung die man unklugerweise zum Gestaltungs- und Orientierungsanspruch der posi­
einzigen ausfluss unsrer zeit machen wollte - die tivistischen Naturwissenschaften stellten sich neben
gewiss auch einmal in den rechten händen künstle­ die »siegreichen Führer im Kampfe gegen Seuche
rische behancllung zulässt sonst aber ins gebiet der und Tod« 172 i la Pasteur und Koch die Psychopa­
heilkunde gehört. Jede niedergangs-erscheinung thologen. Die Untersuchungen und Theorien
zeugt auch wieder von höherem leben.«169 Der über Degenerationserscheinungen beim Menschen
Merkspruch benennt l 894 prominent das Verblas­ schufen eine neue Basis, auf der der von den
sen, von dem die Rede war, und zwei Stichworte, Künstlern gerade aufgewertete Stilbegriff >Deka­
denz< mit frischen (nicht mehr dem Geschichts­
167 HOFMANNSTHAL, Ein Brief ( 1 902) , in: Hofmanns­ denken entstammenden) Argumenten neu gesell­
thaJ, Sämtliche Werke, hg. v. R. Hirsch, Bd. 3 1 schaftlich stigmatisiert wurde - Stichwort: Genie
(Frankfurt a. M. 1991), 49 f. und Wahnsinn. Die Folgen wuchsen zeitweise ins
1 6 8 Ebd. , p; vgl. ebd., 299.
1 69 STEFAN GEORGE, Einleitungen und Merksprüche
Existenzbedrohende. Bis in das Zurücktreten des
der >Blätter für die Kunst< ( 1 894; Stuttgart 1 964) , IO. Dekadenzbegriffs am Ende des 20. Jh. läßt sich das
1 70 Vgl. KARIN WESTERWELLE, Ästhetisches Interesse medizinische Abwertungsvokabular nachweisen.
und nervöse Krankheit. Balzac, Baudelaire, Flaubert Die französische Irrenanstaltspsychiatrie des frü­
(Stuttgart/Weimar 1 993).
hen 1 9 . Jh. hatte in ihrem Bemühen, »alle Formen
171 GONCOURT (s. Anm. r n9) , Bd. 6 (Monaco 1 957),
207. von Exzentrizität [ „ .] auf Maß und Mitte«173 zu
1 72 Inschrift auf dem Robert-Koch-Denkmal, Berlin bringen, den Wahnsinn als Produkt der Gesell­
( 1 9 1 5 / r 6) . schaft verstanden und ihre Arbeit daher philan­
1 7 3 URSULA LINK-HEER, >Le mal a marche trop vite<. thropisch und sozialreformerisch begriffen. Das
Fortschritts- und Dekadenzbewußtsein im Spiegel
des Nervositäts-Syndroms, in: W. Drost (Hg.) , Fort­
Aufkommen der Lehre von der kontinuierlichen
schrittsglaube und Dekadenzbewußtsein im Europa Weitergabe der Erbanlagen durch die sexuelle Re­
des 1 9 . Jahrhunderts (Heidelberg 1986), 5 r . produktion setzte hier neue Akzente. »Toutes !es
IV Von der Psychopathologie zur >entarteten< Kunst 23

maladies nerveuses des parents peuvent se repro­ nerveux.« (48 1 ) Das Genie so als »nevrose« (467)
duire sous une forme semblable, chez leurs descen­ qualifizierend und »idiotie et genie« auf einen
dants«, hieß es nun - zusammen mit einer klaren identischen Zustand der >>Systemes lymphatique et
Kategorisierung: »La tendance de l' espece est la nerveux« (478) zurückführend, meinte Moreau zu­
tendance a l' ordre et a la permanence du type et de gleich, wer normal sei, komme geistig gewöhnlich
l' etat d'institution de la vie: celle de la maladie est über »une honnete mediocrite« (468) nicht hinaus.
Ja tendance au trouble et i Ja destruction de !'ordre Dagegen gelte: »Si l'homme par Ja reflexion dege­
fonctionnel et de l'etat vital.«174 nere physiquement, il se perfectionne morale­
Benedict Auguste More! beschrieb und klassifi­ ment.« (473) Ausdrücklich wurden »reverie«, »ex­
zierte 1 8 5 7 in einer klassisch werdenden Untersu­ tase«, ))idees fixes<(, »convictions dblirantes« und
chung Varietäten dessen, was er als »la degenere­ »traits indecis de Ja me!ancolie, du spieen, de l'hy­
scence de l'espece humaine« in ständig wiederhol­ pochondrie« als »manifestations !es plus eclatantes
ter Definition »une deviation maladive d'un type de l'ame humaine« (504) gewürdigt. Gautier hätte
primitifo nannte; wovon da abgewichen wurde, seine Baudelaire-Eloge hier befestigen, Nietzsches
hieß »normal«175. Den christlichen Hintergrund Charakterisierung Wagners als einer Neurose hier­
bot Gottes Schöpfung, die - da sprachen Bonald nach als reines Lob gelesen werden können. Mo­
und de Maistre - keineswegs in aufklärerischem reau stellte einem positiven dekadenten Selbstbe­
Sinn zu vervollkommnen war. Aber die Methode wußtsein die schlagendsten Argumente der Zeit,
war gut positivistisch und der Rahmen staatsbür­ die naturwissenschaftlichen, bereit.
gerlich: Gleich einleitend nannte More! unter den Sie blieben weithin ungenutzt. Der Entartungs­
Alarmzeichen des »abatardissement de la race« die begriff wurde in der Forrnierungsphase der hoch­
Beobachtung, daß immer mehr jugendliche die kapitalistischen Gesellschaft als negativer Wertbe­
Voraussetzungen für den Militärdienst nicht erfüll­ griff in einem »nervenmedizinisch determinierten
ten, und sein Werk floß aus in Propaganda für eine Interdiskurs«178 zu Herrschaftsgebrauch neu aufge­
»moralisation des masses« - wobei die Warnung laden. Die Verbindung von Genie und Neurose
nicht vergessen wurde, daß es gefährlich wäre, bei wurde anerkannt. Aber die »Erblichkeit krankhaf­
ihnen »l' appetence des plaisirs materiels<<176 zu ent­ ter Seelenzustände« 179 galt als so gesichert wie ge­
wickeln. fährlich. Zuerst sozial. Nach der Pariser Commune
Fast gleichzeitig weitete ein Kollege Morels des­ entdeckte More! bei den Kindern der Kommunar­
sen allgemeine dementielle Befunde mit der Frage den eine »physionomie depravee«, der »le triple ca­
nach dem Verhältnis von Neurosen und intel­ chet de leur degenerescence intellectuelle, physi-
lektueller Dynamik aus. Jacques Joseph Moreau
führte 1 8 59 Genie und Wahnsinn erstmals zu­ 1 74 PROSPER LUCAS, Traite philosophique et physiologi­
sammen - und er tat das noch in positivem Bezug. que de l'heredite naturelle dans les etats de sante et
Seine Schrift über orientalische Reiseerfahrungen de maladie du systeme nerveux, Bd. 2 (Paris 1 8 50),
mit Haschisch hatte bereits l 84 5 / I 846 Baudelaire 675, 509.
175 B f NEDICT AUGUSTE MOREL, Traite des degenere­
und Gautier angeregt. Mit den zeitgenössischen
scences physiques, intellectuelles et morales de
Mitteln einer »nouvelle physiologie de la pen­ l' espece hun1aine et des causes qui produisent ces va­
see« 177 (dies alles spielte sich vor Freuds Entdek­ rietes maladives (Paris/London/New York 1 8 5 7), 5 ,
kung der psychologischen Dimensionen der Ner­ 15.
1 76 Ebd., IX, 6 8 6 , 689.
venpathologie ab) stellte er nun fest: » Le genie,
177 JACQUES JOSEPH MOREAU, La psychologie morbide
comme toute disposition quelconque du dyna­ dans ses rapports avec la philosophie de l'histoire ou
misme intellectuel, a necessairement son substrat De l'influence des n6vropathes sur le dynamisme in­
materiel; ce substrat, c'est un etat serni-morbide du tellectuel (Paris 1 8 59) , 26.
cerveau, veritable erethisme nerveux.« (465) Die 178 LINK-HEER (s. Anm. 1 73 ) , 6 I .
1 79 THEODULE RIBOT, Die Vererbung. Psychologische
zusammenfassende Bestimmung lautete: »La pre­
Untersuchung ihrer Gesetze, ethischen und socialen
eminence des facultes intellectuelles a pour condi­ Konsequenzen, hg. u. übers. v. H. Kurella ( 1 8 7 1 /
tion organique un etat maladif special du centre 1 872; Leipzig 1 895), 1 34·
24 Dekadent/Dekadenz

que et morale« aufgeprägt sei; sein Kollege Briere Zola des Esseintes gleich auf der zweiten Seite als
de Boismont beschrieb »ies figures bestiales et sau­ erblich belastet, »anemique et nerveux«183 einge­
vages des ouvriers de !'erneute, du vol, du massacre führt und gerade daraus dessen Bedeutung entwik­
et de l'incendie«180. Der Konsum von Alkohol ver­ kelt. Aber vorherrschend stand die ästhetische »su­
dreifachte sich in Frankreich im 1 9 . Jh. , der von ractivite intellectuelle« 184 erneut in dem Ruch, die
Tabak stieg auf das fünffache. Mitten im dekaden­ Reiche zugrunde zu richten. Mehr noch: Sie
ten Jahrzehnt beschloß das französische Parlament wurde jetzt grell aufgeklärt. Der universale Erklä­
r 8 8 5 ein Gesetz, das - ausdrücklich wegen der me­ rungs- und Reglementierungsanspruch des Positi­
dizinischen >Erkenntnisse< zu Gewohnheitsverbre­ vismus begann jene praktischen Folgen zu zeitigen,
chern - die Entsorgung gefahrlich erscheinender die die Menschheit, statt in den beanspruchten
Menschen durch Deportation neu regelte.181 »wahrhaft menschlichen Zustand«, in »eine neue
Das Kunstdenken schloß wenig vermittelt an. Art von Barbarei«185 führen sollten.
Zola - in dessen Romanen es auch sonst von Neu­ Mit dem zunehmend beachteten Darwin war all
rosen wimmelt - notierte die Vorgabe in den Vor­ dies mehr als vereinbar: Nur der Starke setzt sich
studien zu seinem Maler-Roman L'CEuvre ( 1 8 86) durch. In solcher Richtung wirkten die französi­
in klassischer Prägnanz: »Tableau de la fievre d' art schen Vorgaben im letzten Drittel des 1 9 . Jh. in
de l'epoque, de ce qu'on nomme Ja decadence et Nachbarländern weiter. Bei Krafft-Ebing kann
qui n'est qu'un produit de l'activite folle des man nachlesen, wie sie auf das Sexualleben gewen­
esprits.«182 Hanno Buddenbrook war ein anderes det wurden, in dem der »Culturmensch [ „ .] j eder­
Beispiel für das Umsetzen des medizinischen De­ zeit Gefahr [läuft] , von der lichten Höhe reiner
kadenzdiskurses in Literatur. Es darf zwar nicht und keuscher Liebe in den Sumpf gemeiner Wol­
vergessen werden: Huysmans hatte unmittelbar vor lust herabzusinken«186. Cesare Lombroso veröf­
fentlichte l 876 eine, später mehrfach erweiterte,
Untersuchung, in der er die umlaufenden Thesen
1 80 Zit. nach DIDIER NOURRISSON, L'edification d'une zur Erblichkeit von Degenerationserscheinungen
morale medicale dans Ja France >fin de siede<, in: P. auf Kriminelle anzuwenden suchte. Das konnte
Brockmeier/S. Michaud (Hg.) , Sitten und Sittlich­ Befunde wie »Unsittlichkeit des Onkels«187 ein­
keit im 19. Jahrhundert (Stuttgart 1993), 1 8 3 .
schließen, geschah aber vor allem durch Schädel­
1 8 1 Vgl. ROBERT A . NYE, Crime, Madness & Politics in
Modern France (Princeton 1 984) , 49-97· messungen und führte nicht nur zu Kriterien wie
1 82 E MILE ZOLA, L'<Euvre ( 1 8 86) , in: Zola, Les Rou­ »kolossale Henkelohren, vorspringende Jochbeine,
gon-Macquart, hg. v. H. Mitterand, Bd. 5 (Paris sehr starke Unterkiefer mit Lemuranhang«188, son­
1 970) , 8 . dern auch zu Wohlwollen für einen mittelalter­
1 8 3 HUYSMANS (s. Anm. 1 2 1 ) , 2 .
1 84 MOREAU (s. Anm. 1 77), 475 . lichen Erlaß, dem zufolge, »im Falle des Zweifels
1 8 5 MAX HORKHEIMER/THEODOR W. ADORNO, Dialek­ zwischen zwei verdächtigen Individuen, der min­
tik der Aufklärung (1 944; Leipzig 1989) , 7. der wohlgestalte der Tortur unterworfen werden
1 86 RICHARD VON KRAFFT-EBING, Psychopathia sexualis sollte« 189. Lombrosos deutscher Propagandist und
( 1 8 86; Stuttgart ' 1 887), 5 .
Übersetzer Hans Kurella meinte daher, »daß die
1 87 CESARE LOMBROSO, L'uomo delinquente i n rap­
porto all' antropologia, alla giurisprudenza ed alle Bejahung der Schuldfrage nicht das wesentlich
discipline carcerarie (Turin 3 1 8 84) ; dt. : Der Verbre­ Entscheidende für die Feststellung der Strafe sein
cher (homo delinquens) in anthropologischer, ärztli­ darf, sondern daß zu dem Resultate der Analyse
cher und juristischer Beziehung, bearb. v. M. 0.
des Verbrechens die genaueste Kenntniß des Ver­
Fraenkel, übers. v. H. Kurella, Bd. 1 (Hamburg
1 894) , 1 3 0 . brechers treten muß«190. So unheimlich dies klingt
1 8 8 Ebd„ B d . 3 (Hamburg 1 896) , 1 3 . - es war sozialreformerisch gemeint und vertrug
1 89 Ebd„ Bd. 1 , XXII. sich durchaus noch damit, den Antisemitismus
190 HANS KURELLA, Cesare Lombroso und die Naturge­ unter die »widerwärtigsten Sekretionen des Men­
schichte des Verbrechers (Hamburg 1 892) , 4.
schen«191 zu rechnen oder angesichts anarchisti­
1 9 1 LOMBROSO, Der Antisemitismus und die Jnden im
Lichte der modernen Wissenschaft, hg. u. übers. v. scher Anschläge anzuregen, »in Gestalt von öko­
H. Kurella (Leipzig 1 894) , V. nomischen Reformen« deren Gründen durch
IV. Von der Psychopathologie zur >entarteten< Kunst 25

»praktischen [ . . . ] Sozialismus«192 beizukommen. j ener Jahre kümmerten ihn nicht. Seine Gewährs­
Schon I 864 hatte Lombroso erstmals Genio e follia männer waren Bourget und die französischen
behandelt. Noch in späteren Fassungen der Arbeit Psychopathologen - also Leute, denen es um Ord­
verstieg er sich zwar beiläufig zu einer Kunstkritik, nung statt Chaos ging. Die Bourget-Rezeption199
die »die übertriebene Detailmalerei, den Miss­ setzte unmittelbar nach dem Erscheinen der Essais
brauch mit Symbolen, Inschriften oder sonstigem in Buchform 1 8 8 3 ein und richtete die These vom
Beiwerk, die Bevorzugung gewisser Farben, das Dekadenzstil als Auflösung der Einheit des Kunst­
maasslose Suchen nach neuem« als »Merkmal für werks vorerst auf Wagners Idee von Musik, wie
mattoide Art« rügte, blieb im Grunde aber auf der Nietzsche sie sah: »Stil des Verfalls bei Wagner: die
nur konstatierenden Moreauschen Position, daß einzelne Wendung wird souverän, die Unterordnung
»die Geistesriesen mit Entartung und Geistes­ und Einordnung wird zufällig. Bourget.«200 Ein
krankheit für ihre übermäßige Geisteskraft zu büs­ Brief an Carl Fuchs, j etzt auf Mitte April 1 8 86 da­
sen«193 haben: »Epilepsie, Depressionszustände, tiert, blieb, etwas wortreicher, in der gleichen Per­
Größenwahn und Grübelsucht, Unentschlossen­ spektive. Möglicherweise war Nietzsche empfäng­
heit, Halluzinationen, Paramnesien, Disharmonie lich für den Gedanken schon durch Jacob Burck­
des Gemüts, Charakterwidersprüche, sittliche Ent­ hardt, dessen Buch über Die Zeit Constantins des
artung, Lieblosigkeit und Vaterlandslosigkeit, sexu­ Großen ( 1 8 5 3 , 2. Aufl. 1 880) den Zerfall des Ganz­
elle Perversität«194. Auf Lombroso können sich die heitlichen in der oströmischen Kunst kritisch ver­
späteren Kämpfer gegen >entartete< Kunst nicht merkt hatte. Einig war er mit Bourget somit im
uneingeschränkt berufen. Vorbehalt gegen Gesamtkunstwerk-Ideen: »Dies
Auf diesem Diskussionsstand setzte an, was den Jahrhundert, wo die Künste begreifen, daß die
Dekadenzdiskurs im 20. Jh. wie nichts sonst be­ Eine auch Wirkungen der anderen hervorbringen
stimmen sollte: Nietzsches Auffassungen zum »auf­ kann: ruinirt vielleicht die Künste!«20 1 Zu dieser
steigenden« und zum »niedergehenden«195 Leben. Kunstreflexion aber gehörte dauerhaft eine Nähe
Sie wurden darin zunehmend wirksam, daß sie zu dem, was die Zeit >Dekadenz< nannte: das Be-
zwar die AufWertung von Dekadenz durch weltab­
gelöste Ästhetisierung nicht fortschrieben, sich da­
1 92 LOMBROSO, Die Anarchisten, hg. u. übers. v. H.
mit aber keineswegs der Intellektuellendomestizie­
Kurella (Hamburg 1 895), 1 3 J , 1 3 5 ·
rung verschrieben, sondern Künstlern und anderen 1 9 3 LOMBROSO, Der geniale Mensch, übers. v. M . 0.
Genies einen neuen Weg wiesen: statt der Steige­ Fraenkel (Hamburg 1 890) , 43 5 , VIII.
rung der Kunst in die Imagination die »Erhöhung 1 94 LOMBROSO, Entartung und Genie, hg. u. übers. v.
H . Kurella (Leipzig 1 894) , Inhaltsverzeichnis.
des Typus >Mensch<«1 96 in der Steigerung des Le­
195 FRIEDRICH NIETZSCHE, Der Fall Wagner. Ein Musi­
bens zur Kunst. Dem Gewöhnlichen war das Ich kanten-Problem ( 1 8 8 8 ) , in: NIETZSCHE ( KGA ) , Abt.
damit so überhoben wie in den Synästhesien der 6, Bd. 3 (1 969) , 44.
Dekadenz. Auf das Ganzheitliche aber war es ent­ 1 96 NIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse ( 1 8 86) , in:
schieden zurückverwiesen - einschließlich erneu­ NIETZSCHE ( KGA ) , Abt. 6, Bd. 2 (1968), 2 1 5 .
1 97 NIETZSCHE, Ecce homo ( 1 8 8 8) , in: NIETZSCHE
erter moralischer Imperative. »Abgerechnet näm­
( KGA ) , Abt. 6, Bd. 3 ( 1 969) , 264.
lich, daß ich ein decadent bin, bin ich auch dessen 198 Vgl. KARL PESTALOZZI, Nietzsches Baudelaire-Re­
Gegensatz.«1 97 Diese Spannung prägte Nietzsches zeption, in: Nietzsche-Studien, hg. v. W. Müller­
Bemühen in seiner letzten >normalen< Lebenszeit. Lauter u. ]. Salaquarda, Bd. 7 (Berlin/New York
Daß er dann verkörperte, was die Zeit über Genie 1 978), 1 5 8- 1 8 8 .
1 9 9 Vgl. J O E LLE STOUPY, >Maitre d e !'heure<. Die Re­
und Wahnsinn zu wissen glaubte, mag seine Wirk­ zeption Paul Bourgets in der deutschsprachigen Lite­
samkeit befördert haben. ratur um r 890 (Bern u. a. l 996) .
Nietzsche knüpfte nicht an Gautier und Baude­ 200 NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente, in: NIETZ­
laire198 an, als er in den 1 8 8oer Jahren den auch SCHE ( KGA ) , Abt. 7, Bd. I (1 977) , 688.
20I NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente ( 1 8 84) , in:
von ihm früher gelegentlich gebrauchten Begriff
NIETZSCHE (KGA ) , Abt. 7, Bd. 2 (1974) , 44; vgl.
des Niedergehens von Hochkulturen neu be­ BOURGET, Nouveaux essais de psychologie contem­
dachte; auch die lärmenden Literaten im Paris poraine (Paris 1 8 85), 1 8g-1 9 I .
26 Dekadent/Dekadenz

stehen auf verfeinerter Sinnlichkeit als wesentlich, ältere Bezüge zur psychologisch-physiologischen
ja »Unentbehrlich für menschliche Steigerungs­ Ästhetik des 1 8. Jh. 208 Wesentlicher im hiesigen
möglichkeitern<202. Schon früh hatte Nietzsche Da­ Zusammenhang aber: Von ihm nimmt Nietzsches
vid Strauss gegen dessen Bestehen auf »Gesund­ neu problematisierende Öffnung des Dekadenzbe­
heit« darauf verwiesen, »dass sich >der Geist< mit griffs über den Kunstbereich hinaus ihren Ausgang.
besonderer Sympathie auf die >Ungesunden und In den letzten Monaten vor »dem Aufhören seiner
Unerspriesslichen< niederzulassen pflegt«203. Später Arbeit«209 wird der Widerspruch zwischen Morbi­
hieß es: »Die abartenden Naturen sind überall da dität und Leben für Nietzsche existenzbestimmend
von höchster Bedeutung, wo ein Fortschritt erfol­ und mittels >Dekadenz< formuliert. In kaum zähl­
gen soll.«204 »Damit es Kunst giebt, damit es irgend baren Fragmenten, im Fall Wagner, in der Götzen­
ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist Dämmerung, in Ecce homo kommt die Abwehr des­
eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: sen entschieden zur Sprache, was ihm bisher Nihi­
der Rausch.« »Die Kunst ist das grosse Stimulans lismus hieß. Nietzsche formuliert Absagen an eine
zum Leben.«205 degenerescence, die er immer wieder auch deca­
1 8 8 8 liest Nietzsche, der More!, Lombroso und dence nennt und die ihm als »ein kosmopolitisches
Ribot zur Kenntnis genommen hatte, intensiv ein Affekt- und Intelligenzen-Chaos«21 0, als »Nieder­
gerade erschienenes Buch des Pariser Psychopa­ gang der organisirenden Krafr«21 1 zunehmend be­
thologen Charles Fere über Degenerescence et crimi­ drohlich erscheint. » Wagner est une nevrose.«212
nalite206 und notiert in einem langen Fragment, Nietzsche will keine sein.
daß »die zunehmende Civilisation [ . . . ] nothwen­ Was Croce oder Lukacs später entschieden po­
dig auch die Zunahme der morbiden Elemente, stulieren sollen, wird von Nietzsche in den letzten
des Neurotisch-Psychiatrischen und des Criminalisti­ Texten über Dekadenz als unendlich schwierig be­
schen mit sich bringt«207. Feres Gedanke reaktiviert schrieben - und doch ebenfalls erstrebt: Universa­
lität. Als die »erste Vorschulung zur Geistigkeit«
benennt er eine ganz undekadente Vernunftlei­
202 WOLFGANG MÜLLER-LAUTER, Artistische decadence stung: »auf einen Reiz nicht sofort reagiren, son­
als physiologische decadence. Zu Friedrich Nietz­ dern die hemmenden, die abschliessenden In­
sches später Kritik am späten Richard Wagner, in:
stinkte in die Hand bekommen«2B Nochmals·
Conununicatio fidei. Festschrift Eugen Biser (Re­
gensburg 1 9 8 3 ) , 2 8 8 . wird Bourget genutzt: »Womit kennzeichnet sich
2 0 3 NIETZSCHE, Unzeitgemässe Betrachtungen I ( I 873), j ede litterarische decadence? Damit, dass das Leben
in: NIETZSCHE (KGA) , Abt. 3 , Bd. I ( 1 972) , 167. nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird sou­
204 NIETZSCHE, Menschliches, Allzumenschliches verain und springt aus dem Satz hinaus, der Satz
( I 878), in: NIETZSCHE (KGA) , Abt. 4, Bd. 2 ( I 967) ,
I92. greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die
205 NIETZSCHE, Götzen-Dämmerung ( I 8 8 8) , in: NIETZ­ Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Ganzen -
SCHE (KGA) , Abt. 6, Bd. 3 ( I 969) , I I O, I 2 1 . das Ganze ist kein Ganzes mehr.« Aber der Ge­
206 Vgl. HANS ERICH LAMPL, Vivre et mourir - debout. danke geht jetzt aus dem Kreis der Kunst entschie­
Texte zu Friedrich Nietzsche (Cuxhaven I 993 ) .
den ins grundsätzlich Problematische: »Jedes Mal
2 0 7 NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente ( I 888), in:
NIETZSCHE (KGA) , Abt. 8, Bd. 3 ( I 972), I 5 8 . Anarchie der Atome, Disgregation des Willens,
208 Vgl. ZE11E, Die doppelte Ästhetik der Modeme. >Freiheit des Individuums<, moralisch geredet, - zu
Revisionen des Schönen von Boileau bis Nietzsche einer politischen Theorie erweitert >gleiche Rechte
(Stuttgart/Weimar 1995), 3 04-3 60, bes. 348.
für Alle<. Das Leben, die gleiche Lebendigkeit, die
209 H . MANN (s. Anm. !08), 9.
210 NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente 1 8 87- I 889 Vibration und Exuberanz des Lebens in die klein­
(Fragment I I [3 1] ) , in: NIETZSCHE (KGA) , Abt. 8 , sten Gebilde zurückgedrängt, der Rest arm an Le­
B d . 2 ( I 970) , 1 7 . ben. [ . . . ] Das Ganze lebt überhaupt nicht mehr: es
2 1 1 NIETZSCHE, D e r Fall Wagner ( s . Anm. I95), 4 1 . ist zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ein Ar­
2 I 2 Ebd„ I 6 .
2 1 3 NIETZSCHE, Götzen-Dänunerung (s. Anm. 205),
tefakt.«214 Die Absage an die bürgerliche Gesell­
102. schaft und den demokratischen Staat ist unver­
214 NIETZSCHE, Der Fall Wagner (s. Anm. I95), 2 1 . kennbar. Dazu umfassender Lebensdrang. Deka-
IV. Von der Psychopathologie zur >entarteten< Kunst 27

denz steht - als Absage an das Ganze - in diesen immediates de la conscience mit naturwissenschaftlich
Zusammenhängen im Abseits. Der Gautiersche begründeten Auffassungen gerade nicht über das
Vorschlag, Künstlichkeit ganz positiv als Zeichen Zergliedern, sondern über die Sukzession von Be­
extremer kultureller Fülle zu begreifen, wird von wußtseinsvorgängen erstmals auf sich aufmerksam.
Nietzsche verworfen. Der Rausch ist darob j edoch Elitäres Bewußtsein war diesen Positionen zu­
nicht generell stigmatisiert. meist eingeschrieben. Als Ortega y Gasset - auch
Nietzsches Bemühung um das Ganze - er ein Schüler der deutschen Jahrhundertwende-Phi­
nannte sie am Schluß »die Herren-Moral (>rö­ losophie - den Dekadenzbegriff in Spanien (mit
misch<, >heidnisch<, >klassisch<, >Renaissance<) [ . . . ] deutlichen Anklängen an Spengler) im Rahmen
als die Zeichensprache der Wohlgerathenheit, des eines Historikerstreits über den >Sonderweg< spani­
aufiteigenden Lebens, des Willens zur Macht als scher Geschichte seit dem Mittelalter zu einem
Princips des Lebens«215 - traf mit gleichgerichte­ kulturgeschichtlichen Grundbegriff ausweitete,
tem »Einheitsstreben«216 anderer zusammen, be­ nannte er den Niedergang nicht nur einen der wi­
förderte es und erlangte auf seinem Boden ihren talidad de nuestro pueblo« (Vitalität unseres Vol­
Rang als weitestgetriebene der Epochendiagnosen kes) : das entscheidende Problem schien ihm »la
oder -reaktionen. Taines von den Goncourts ver­ ausencia de una minorfa selecta«221 (das Fehlen ei­
worfener Vorschlag, aktiver zu werden, wenn die ner erlesenen Minderheit) zu sein. Schließlich: In
Nerven zu versagen drohten, fand nun spätes den Bekundungen nachdekadenten Lebenswillens
Gehör; Georges zweites Stichwort kam zu seinem galt fast generell (Rolland ist die große Ausnahme)
Recht: höheres Leben. Die Münchner Modeme der r . Weltkrieg »als Notwendigkeit im Dienst des
oder Emile Verhaeren, die Rezeption Walt Whit­ Lebens«222 - vorgreifend wertete Thomas Mann
mans in Europa oder die Suche Gauguins nach der schon Gustav von Aschenbachs »Entartung« aus­
Schönheit der primitiven Instinkte auf Tahiti, drücklich in diesem Sinn auf: »Auch er hatte ge­
Charles Peguy oder Romain Rolland, das Tango­ dient, auch er sich in harter Zucht geübt; auch er
Fieber oder der Unanimismus, der besondere Vita­ war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich man­
lismus des Marcel Proust können für solcherart chem von ihnen; - denn die Kunst war ein Krieg,
ästhetische Aktivität beispielhaft genannt wer­ ein aufreibender Kampf. «223 Als »eine Fixierung
den. 217 Auch Hedwig Courths-Mahler gehört
hierher. »Ein Roman soll doch erquicken und stark
und frisch machen, aber nicht krank und nervös!«
Der Tod in Venedig ( 1 9 1 2) verrate »sicher ein kolos­ 2 1 5 Ebd., 45.
sales Können [ . . . ) ; nur stößt mich auch hier das 2 1 6 RICHARD HAMANN/JOST HERMAND , Stilkunst um
1 900 (Berlin 1 967), 10.
Schlaffe und Krankhafte ab«. Auch bei »den 2 1 7 Vgl. PIERRE CITTI, Contre Ja decadence. Histoire de
>Buddenbrooks< - Verfall, und immer wieder Ver­ l'imagination frarn;aise dans le roman 1 890--1914
fall!«21s (Paris 1 987) .
Die Zeitmetaphern, die man wählte, verkehrten 2 1 8 HEDWIG COURTHS-MAHLER, Über Thomas Mann,
in: Die Literarische Welt (16. 10. 1925), r .
sich: >Jugendstil<, >art nouvearn, >modern style<.
2 1 9 RICHARD WAGNER, Zur Einführung der Arbeit des
Wagner fand (trotz Nietzsche) hohe Aufmerksam­ Grafen Gobineau >Ein Urtheil über die jetzige Welt­
keit mit seiner »Aufrüttelung aus unserer optimisti­ lage< ( 1 8 8 1 ) , in: Wagner, Gesammelte Schriften und
schen Vertrauensseligkeit«219 und dem anmaßen­ Dichtungen, Bd. 10 (Leipzig 1 8 88), 3 5 .
220 WAGNER, Publikum und Popularität ( 1 878), in:
den Leben für »Spontaneität«, »Genie«, »intuitives
ebd., 84.
Erkennen« und »metaphysische Allotrien«, gegen 221 ORTEGA y GASSET, Espafia invertebrada ( 1 92 1 ) , in:
die »Deduktionen«220 von Naturwissenschaften Ortega, Obras completas, Bd. 3 (Madrid 1 957),
und historischer Schule. Haeckels Monismus oder r r 8 f.
Simmels Lebensphilosophie stehen für das neue 222 ANGELA SENDLINGER, Lebenspathos und Decadence
um 1 900 (Frankfurt a. M. u. a. 1 994) , 264.
Ganzheitsmühen im Philosophischen ebenso wie
223 THOMAS MANN, Der Tod in Venedig ( 1 9 12). Text,
Bergsons >elan vital<: Der Franzose machte im Jahr Materialien, Kommentar hg. v. T. J. Reed (Mün­
des Verstummens Nietzsches im Essai sur les donnees chen/Wien 1983), 6 3 .
28 Dekadent/Dekadenz

problematischer Art«224 allerdings, uneindeutig rufen. Darzustellen aber ist, wohin das führte, an
und schwierig, war die Situation des Menschen Deutschland. Im deutschen Sprachraum vor allem
überall in der reflektierenden Nietzsche-Nachfolge verband sich seit den 1 8 8oer Jahren »die Kritik an
gesehen, ja durchlebt. So wurde Dekadenz zwar der >decadence< mit einem aggressiven Nationalis­
negiert, aber nicht herabgesetzt. mus und der Bereitschaft für autoritäre Lösun­
Wo borniert-aggressive Allwissenheitsanmaßung gem227. Noch vor der Jahrhundertwende war zu
den Ruf zur Tat aufuahm, sah das anders aus. Da vernehmen: »Die Decadence (es ist ungemein cha­
wurde der andere zum decadent, man selbst war rakteristisch für den Deutschen, daß er hier eine
nichts als dessen strotzender Gegensatz - und rief Anleihe beim französischen Wortschatz machen
sehr bald offen zur Unterdrückung, ja zur Vernich­ muß).« »Das Hirn des Deutschen ist denn doch
tung von Menschen auf. Es gab Beispiele dafür in viel zu schwerfällig , um derlei pikante Nippes zum
Frankreich. Berühmte wie Charles Maurras, der Gebrauch der vom fin-de-siecle angekränkelten
der Action fran\'aise seit 1 89 5 die antiromantischen Menschenkinder auszutüfteln.« Und: »Die meisten
Stichworte gab. Berüchtigte wie Edouard Dru­ Dekadenten sind Serniten.«22s
mont, dessen Schriften gegen >le Juif< von Synony­ Bei Max Nordau hat diese Ablehnung zeitge­
men für Dekadenz wimmelten: deliquescence, nössischer und aller Künstlichkeit ihren ersten
degeneration, dissolution, putrefaction, decom­ klassischen Ort. In seinem kurzzeitigen Bestseller
position, corruption, liquidation, desagregation, Entartung ( 1 892/ r 893 , frz. 1 894, engl. 1 895) läßt
degradation, destruction, demolition, demoralisa­ sich nachlesen, wohin es führen kann, wenn dem
tion, perversion, aneantissernent, avachissement, »Fortschrittsdrange der Kulturvölker« und der
ramollissement, affaiblissement, avilissement. 225 »Aufklärung«229 alle »gesellschaftsfeindlichem230
Versteckte wie Henri Thulie, früher Propagandist Vorstellungen ausgetrieben werden sollen: Die »Ir­
des Realismus und dann Sozialmediziner in Paris: renärzte« werden wor die Front« gerufen, um »ge­
» La castration doit etre pratiquee legalement sur les gen die kothlöffelnde Schweinebande der beruf<­
crirninels comme sur les degeneres pour empecher mäßigen Pornographen Partei zu nehmen«231 .
la decheance de l'humanite.«226 Thulie konnte sich Ebenso wie Selbstmorde, »früheres Morschwerden
auf die Gesetzgebung einiger Staaten der USA be- und Ausfallen der Zähne«, »Haarschwund«232 oder
Nietzsches »Sammlung verrückter Behauptungen
224 T. MANN, Betrachtungen eines Unpolitischen und windiger Redensarten« galten »die neuen äs­
( 1 9 1 8 ) , in: Mann, Aufsätze, Reden, Essays, Bd. 2 thetischen Schulen« als Ausweis der »Ermüdung
(Berlin/Weimar 1 9 8 3 ) , 1 74. des gegenwärtig lebenden Geschlechts<<. Nordaus
225 Vgl. PIERRE BIRNBAUM, La fin de la France. Le juif schaudererregende Beschimpfungen ziemlich aller
pervertisseur dans le paradigme Drun1ont, in: Z.
Sternhell (Hg.) , L'eternel retour. Contre la demo­ zeitgenössischen Künstler fanden ihr Zentrum in
cratie l'ide6logie de la decadence (Paris 1 994) , 198. einem Affekte stigmatisierenden, antiästhetischen
226 HENRI THULI E , La lutte contre la degenerescence et Rationalismus (man vergleiche den entschieden re­
la criminalite (Paris 1 9 1 2) , ro. flektierteren Nietzsches) : »Das Denken eines ge­
227 GEORG BOLLENBECK, Bildung und Kultur. Glanz
sunden Gehirns [ . . ] hat einen von den Gesetzen
.
und Elend eines deutschen Deutungsmusters (Frank­
furt a. M./Leipzig 1 994) , 284; vgl. HERMANN der Logik und der Überwachung der Aufmerk­
BRAUN, >Materialisn1us<, in: KOSELLECK, Bd. 3 samkeit geregelten Verlauf.« Es sei daher »ein Be­
( 1 982), r o 1 3 f. weis krankhafter und geschwächter Hirnthätigkeit,
228 OTTOKAR STAUF VON DER MARCH, Die Neuroti­
wenn das Bewußtsein auf die Vortheile der diffe­
schen ( l 894) , in: Stauf, Literarische Studien und
Schattenrisse (Dresden 1 903 ) , 1 3 , 17, 19. renzirten Wahrnehmungen der Erscheinung ver­
229 MAX NORDAT.: , Die conventionellen Lügen der Kul­ zichtet und die Meldungen der einzelnen Sinne
turmenschheit ( 1 8 8 3 ; Leipzig " 1 893), 345 f. nachlässig verwechselt. Es ist ein Rückschritt in
230 NORDAU, Zeitgenössische Franzosen (Berlin 1901), der organischen Entwicklung bis zu deren Anfan­
l l 7.
gen.«233
2 3 l NORDAU, Entartung, Bd. 2 (Berlin 1 893), 504, 5 o r .
2 3 2 Ebd„ B d . l (Berlin 1 892) , 67. Nordau hatte sich selbst aus dem armen Juden­
233 Ebd„ Bd. 2, 296, 1 87, 22 r . tum herausgearbeitet und - wie Freud - bei dem
IV. Von der Psychopathologie zur >entarteten< Kunst 29

berühmten Irrenarzt Charcot hospitiert, prakti­ ( 1 3 7) zerstöre, und die mit praktischen Vorschlägen
zierte als Frauenarzt in Paris und schickte von dort bei der Hand war: »amtliche Einführung obligato­
jahrzehntelang politische Korrespondenzen an li­ rischer Personalbögen [„ . ] , mittels deren für jede
berale deutschsprachige Blätter, er war Dreyfusard Person von ihrer Geburt an gewisse, zur Beurtei­
von Anfang an, Zionist noch vor der Jahrhundert­ lung ihrer Erbanlagen dienliche Beobachtungen
wende und hoffte optimistisch, daß das Ende des durch zuständige Ärzte festgestellt werden sollten«
20. Jh. ein Geschlecht sehen werde, »dem es nicht (3 8 8 f. ) , »rassehygienische Eheverbote« (3 92) , »ras­
schaden wird, täglich ein Dutzend Geviertmeter sehygienische Sterilisierung« (41 9) , »Zwangsasylie­
Zeitungen zu lesen, beständig an den Fernsprecher rung« (42 5 ) . Alte Vorstellungen von Rassenentar­
gerufen zu werden, an alle fünf Welttheile zugleich tung wurden zu Handlungsanweisungen aufgela­
zu denken, halb im Bahnwagen oder Flugnachen den242, Teile der Psychiatrie »Vorfaschistisch«243.
zu wohnen und einem Kreise von zehntausend Be­ »Strenge Erziehungsarbeit echter Führer«244 nahm
kannten, Genossen und Freunden gerecht zu wer­ zu; »der völkische, erdverwurzelte Lebensstil, ein
den«234. Bis heute gilt Nordau damit bisweilen als neuer deutscher Menschentyp, >geradwinklig an
respektabel. 235 Lombroso, dem Entartung gewidmet Leib und Seele<«24s, wurde entworfen.
war, vermochte ihm allerdings bereits zu entgeg­ Hatte Gobineau 1 8 5 3 1 ! 8 5 5 in seiner - von
nen, er habe bei seiner Gleichsetzung von Schrift­ Wagner hoch geschätzten - Apologie der »race
stellern und Künstlern mit Verbrechern, Prostitu­ blanche« das »genie artistique« vom Verbot der
ierten, Anarchisten und Wahnsinnigen »nicht emp­ Rassenmischung noch ausgenommen und mit be­
funden, daß seine tarquinische Ausmerzung gerade achtlichem spekulativem Talent dem »hymen des
die höchsten Spitzen trifft, von Wagner bis zu lb­ blancs avec !es negres« ästhetische »raffinements de
sen und Tolstoi«236. Und daß von diesem »repre­ mceurs, d'idees, de croyances, surtout des adoucis­
sentant du courant majoritaire de la bourgeoisie li­ sements de passions et de penchants«246 zugeord­
berale [ . . . ] , l'incarnation de Ja >conscience morale< net, so überantwortete Chamberlain an der Jahr­
bourgeoise«237 in der Hochzeit des Kapitalismus hundertwende allein dem »Germanen« noch die
das Vokabular geliefert wurde, in das dann die Last wertvoller Kunst, ließ »Phantasterei, Alle­
Todfeinde der modernen Kunst im 20. Jh. ihre gorien, Ideenkryptographie« aber nicht mehr zu
Ideen faßten, ist nicht zu vergessen. Auch wenn
seine Nachfahren im Geiste den Aufklärer und Ju­ 234 Ebd. , 477.
den nicht mehr nannten, vielleicht nicht einmal 2 3 5 Vgl. DELPHINE BECHTELiDOMlNlQUE BOUREL/LE
mehr kannten - er hatte Anteil an deren Barbarei. RIDER (Hg.), Max Nordau i 849-1 923 (Paris 1 996) .
2 3 6 LOMBROSO (s. Anm. 1 94) , 30.
Dem »Vulgarisateur«238 Nordau folgten Ärzte,
237 CHRISTOPH SCHULTE, Degenerescence et sionisme,
die nicht mehr als Problem sahen, sondern als »na­ in: Bechtel/Bourel/Le Rider (s. Anm. 2 3 5 ) , 344.
türliches Gesetz« verkündeten: »Ist das Volksleben 238 MALLARME, La musique et les lettres ( 1 894) , in: Mal­
durchsetzt und durchseucht von kranken, mora­ larrne (s. Anm. 1 1 2) , 65 1 .
lisch oder physisch entarteten Elementen, so ist 2 3 9 FRANZ KRAUSS, Der Völkertod. Eine Theorie der
Dekadenz (Leipzig/Wien 1 903) , 1 .
seine Widerstandskraft gegen äußere Feinde eine
240 OSWALD BUMKE, Kultur und Entartung ( 1 9 1 1 ; Ber­
geringe.«239 Ein »entarteter Mensch« galt zuneh­ lin ' 1 922) , 5 .
mend als »unzweckmäßig veranlagt«240. Krupp fi­ 241 WILHELM S CHALIMA YER, Vererbung und Auslese.
nanzierte und Haeckel (nebst anderen) formulierte Grundriß der Gesellschaftsbiologie und der Lehre
vorn Rassedienst Qena 41 920) , III.
1 903 eine Preisfrage nach den Lehren der »Deszen­
242 Vgl. DEMANDT (s. Anm. 30), 3 68-3 9 3 .
denztheorie« für die »innerpolitische Entwicklung 2 4 3 WOLFGANG FRITZ H A U G , D i e Faschisierung des
und Gesetzgebung der Staaten«241 und forderte so bürgerlichen Subjekts (Berlin 1 986) , 7.
die Ausarbeitung einer »Nationalbiologie« ( 1 3 3 ) , 244 EDGAR J. JUNG, Die Herrschaft der Minderwertigen
die i n der »exzessiven intellektuellen Entwicklung (Berlin 1927) , 3 4 1 .
2 4 5 ALFRED ROSENBERG, Der Mythus des 2 0 . Jahrhun­
des Menschengeschlechts« zuerst »Entartungsge­
derts ( 1 930; München 1 9 3 3 ) , 5 3 1 .
fahr« ( 1 3 5) sah, da sie »die nötige Unterordnung 246 ARTHUR DE GOBINEAU, Essai sur l'inegalite des races
des individuellen Interesses unter das generative« hurnaines, Bd. 1 (Paris/Hannover 1 8 5 3 ) , 3 59, 3 5 6 f.
30 Dekadent/Dekadenz

und legte fest: »Echte germanische Kunst ist na­ dorf eine Ausstellung Entartete Musik) , waren Bil­
turalistisch.«247 War Adolf Barteis' gleichzeitige der expressionistischer Maler und Fotografien von
Rubrizierung der Gegenwartsliteratur nach Friih-, Patienten der Heidelberger Psychiatrischen Klinik
Hoch- und Spätdecadence als verschiedener nebeneinandergehängt. Der Präsident der Reichs­
Grade, »das Gleißende und Lockende der Sünde« kammer der bildenden Künste Adolf Ziegler
zu sehen248, in ihrem denunziatorischen Gestus nannte die von ihm maßgeblich ausgewählten
noch die Ausnahme, so stieg der durch Rassismus Werke »Ausgeburten des Wahnsinns, der Frech­
und Nationalismus aufgeladene medizinische De­ heit, des Nichtkönnens und der Entartung«251 .
kadenzdiskurs 1 9 3 3 zum Herrschaftsinstrument ab: »Versyphilitisierung des Volkskörpers«, »geistige
Bei der Bücherverbrennung in Berlin wurden die Entartung« und »Bolschewismus der Kunst« kausal
Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und verknüpfend, suchte die »Staatsleitung« nun brutal
Erich Kästner, an zweiter Stelle bereits, ins Feuer zu verhindern, »daß ein Volk dem geistigen Wahn­
geworfen mit dem Ruf: »Gegen Dekadenz und sinn in die Arme getrieben wird«: Für die »irrsin­
moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie nigen oder verkommenen« Künstler der Modeme
und Staat! «249 Geistesgeschichtlich ging es krude sollte »das Recht zum Leben in dieser Welt des
zu, wenn Rosenberg - Nietzsche verkehrend - Kampfes«252 enden.
gerade in Wagner die Offenbarung des »Wesent­ Die Vorstellungen der Psychopathologen des
lichen aller Kunst des Abendlandes« salr: »daß die 1 9 . Jh. über das Schaffen einer gesunden bürgerli­
nordische Seele [ . . . ] kosmisch-seelische Gesetze chen Gesellschaft bleiben in den Taten der Nazis
willenhaft erlebt und geistig-architektonisch gestal­ erkennbar; wie sie auch Nietzsche nutzten, ist be­
tet«. Was aber wiegt eine solche Anmerkung ge­ kannt. Daß Ästhetik und Dekadenz begriffsge­
gen die praktischen Folgen, die es hatte, »Idioten­ schichtlich verbunden waren, schlug beiden zu­
kunst« neben »Syphilis« und »Elephantiasis-Kran­ sanunen zum Verderben aus. »Der Begriff des Äs­
ken« als Ausgeburt von »Mestizentum«2 5 0 zu thetischen ist für uns mit der Vorstellung von etwas
verteufeln? Angekränkeltem, Unmännlichem, Verweichlich­
Im Katalog und in den Räumen der Ausstellung tem verbunden. Man empfindet weithin das Wort
Entartete Kunst, die in München, Berlin, Düssel­ ästhetisch als den denkbar schärfsten Gegensatz
dorf und Frankfurt am Main 1 9 3 71 I 93 8 mehrere etwa zu kämpferisch, männlich, hart.<<253 Es blie­
Millionen Menschen sahen ( 1 9 3 8 folgte in Düssel- ben Sehrumpfformen - oder Abstand und Wider­
stand.

247 HOUSTON STF,WART CHAMBERLAIN, Die Grundla­


gen des 19. Jahrhunderts (München 1 899) , 9, 998,
990.
248 ADOLF BARTELS, Die Deutsche Dichtung der Ge­ V. Revolutionäre Arbeiterbewegung,
genwart. Die Alten und die Jungen ( I 897; Leipzig staatlicher Sozialismus und >dekadente<
1 899) , 1 2 1 .
249 Zit. nach JOSEPH WULF (Hg.), Literatur und Dich­ Künstler
tung im Dritten Reich. Eine Dokumentation (Gü­
tersloh 1963), 45. Der Grundwiderspruch im Verhältnis von Arbei­
250 ROSENBERG (s. Anm. 245), 43 3 , 299. terbewegung und staatlichem Sozialismus zur De­
2 5 l ADOLF ZIEGLER , Rede zur Eröf!llung der Ausstel­ kadenz ist früh erkannt worden. Im Rahmen einer
lung >Entartete Kunst< (1937) , in: Wulf (Hg.), Die
Beschreibung der Psychologie des Dekadenten wider­
Bildenden Künste im Dritten Reich. Eine Doku­
mentation (Gütersloh 1 963 ) , 3 2 5 , 3 2 3 . sprach der anarchische Schweizer Mediziner Fritz
2 5 2 A D O L F HITLER, Mein Kampf ( 1 92 5 ; München Brupbacher 1 904 nicht nur nach außen j ener »Vul­
1 9 3 3 ) , 272, 2 8 3 , 282. gärpsychiatrie«, die »Genie als Irrsinn«254 bewertete
2 5 3 HANS ARNOLD, Voraussetzungen einer nationalso­ - er überlegte auch aus eigener Betroffenheit:
zialistischen Kunstkritik, in: Nationalsozialistische
»Wenn überhaupt der Dekadente ein Verhältnis zu
Monatshefte (1 936), H. 78, 836.
254 FRITZ BRUPBACHER, Die Psychologie des Dekaden­ einer der heutigen Parteien haben kann, so ist es
ten (Zürich 1 904) , 3 8 . zur sozialdemokratischen. Sein introjektionisti-
V. Revolutionäre Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus und >dekadente< Künstler 3l

sches Wesen bestimmt, daß er Leiden und Wert melt. Marxens Schwiegersohn Lafargue rief am
der Nebenmenschen im höchsten Grade empfin­ Eingang des dekadenten Jahrzehnts das Proletariat
det, daß sein Fühlen hochgradig sozial und demo­ auf, »toutes les passions de l'homme« und »Ses in­
kratisch im ideologischen Sinne sei. Durch seinen stincts naturels« zu befreien und »!es Droits de la
moralischen Nihilismus ist er revolutionär, durch paresse« zu genießen: »a ne travailler que trois heu­
sein Kontrastempfindungsvermögen gesellschafts­ res par jour, a faineanter et bombancer le reste de
kritisch veranlagt.« (68) Andererseits: »Als aber die la journee et de la nuit« . Sein kommunistischer
konsequente Willenskraft im Dienste der Taktik Herausgeber kommentierte kühl: »Ce n' est pas la
und Tagespolitik, Unterordnung und einsichtige meilleure ceuvre de Lafargue.«256 Louise Michel -
Klugheit, Detailkenntnisse und Freude an den mi­ nach der Pariser Commune nach Neukaledonien
nutiösesten Verwaltungs- und Organisationsfragen verbannt, wo sie u. a. Schulunterricht für die Ein­
die Haupterfordernisse der sozialdemokratischen geborenen organisiert hatte - sprach 1 8 86 auf Ein­
Seele wurden, schwand rapid die Bedeutung und ladung des Decadent über literarische Freiheit und
Nützlichkeit des Dekadenten.« (70) Denn der sei rief dazu auf, den Kanaken nachzueifern, »qui sont
»undiszipliniert und maßlos, ultrasozial und ultrademo­ moins instruits que nous, mais qui sont aussi rnoins
kratisch« (7 1 ) . Brupbacher flog noch vor dem r . barbares«257. Baju kandidierte am Ende seiner Zeit
Weltkrieg aus der sozialdemokratischen, keine als decadent bei Parlamentswahlen für die Soziali­
zwanzig Jahre später dann aus der kommunisti­ sten, verkündete »!'Art social«2s8, wandte sich >A la
schen Partei. Er hatte gemeint, eine »Menschheit j eunesse socialiste<2s9 und veröffentlichte ein spätes
voll lauter Dekadenten müßte zugrunde gehen«, Gedicht Eugene Pottiers.2 60 Der junge Gor'kij
eine voll lauter »Kontinuitätsmenschen« aber »zum hatte Sinn dafür, daß diese »6oJiee qecTHbie, 60-
Petrefakt« werden - seine Hoffnung auf einen drit­ Jiee qyTKV!e JIIOAVI [ . . . ] 3a):(bIXaJil'1Cb, 11CKaJI11 Bbl­
ten »Prometheustypus« (84) erfüllte sich nie. Jene xo11a BOH 113 6yp::Kya3HOi1 KJIOaKm (ehrlicheren,
soziale Bewegung, die sich seit dem Ende des zarterfühlenden Leute erstickten, einen Ausweg
1 9 . Jh. als wichtigste Fortschrittskraft verstand, hat hinaus aus der bourgeoisen Kloake suchten) , auch
unter den Möglichkeiten eines Verhältnisses zu wenn er feststellte: »Y HVIX eCTb ::KeJiaH11JI, HO
Gedanken und Personen der Dekadenz die der HeT 3Hepr1111«261 (sie haben Wünsche, aber keine
Selbstversteinerung gewählt. In ihrer Geschichts­ Energie) . In »seltenen Fällen«262 wurden am Jahr­
auffassung hat sie die Dekadenz ihres Gegners dog­ hundertende Aspekte von Nietzsches Kulturkritik
matisiert und mit einem vulgären Widerspiege­ in der deutschen sozialdemokratischen Presse auf-
lungsbegriff auf alle gesellschaftlichen Bereiche
übertragen. Kulturkritische und -revolutionäre
2 5 5 HEINER MÜLLER, Gesammelte Irrtümer (Frankfurt
Impulse hat sie als irrational verkannt und in dem a. M. 1 986) , 1 69.
Maße ausgeschlagen, in dem sie Gesellschaften in 256 PAt:L LAFARGUE, Le droit a la paresse. Refutation du
ihrem Sinn zu stabilisieren suchte. An den Tief­ Droit au Travail de 1 848 (1 880), in: Lafargue, Textes
punkten ihrer Geschichte als staatlicher Macht hat choisis, hg. v. J. Girault (Paris 1 970) , 1 00, 1 2o f. , 99.
257 Zit. nach RICHARD (s. Anm. 1 20) , 1 07-1 l I .
auch sie mit dem medizinischen Antidekadenz­
2 5 8 ANATOLE BAJU, Orientation, in: L e Decadent, H.
Diskurs operiert. Es bleibt festzuhalten, daß Intel­ 31 ( 1 5 . 3 . 1 8 89) , S r .
lektuelle ihr bis an ihr Ende klarmachen zu können 2 5 9 Vgl. L a Direction !BAJU] , A la jeunesse socialiste, in:
glaubten: eine Gesellschaft kann aus dem Unter­ ebd. , 91 f.
260 Vgl. EUGENE POTTIER, Les souliers qui prennent
gang »Freiräume« gewinnen, aus dem Asozialen
l' eau ( 1 887), in: ebd., 93 -9 5 .
»Kraft ziehen«2ss. Das hatte, Brupbacher wußte es, 2 6 1 MAKSlM GOR'KlJ, Pol' Verlen i dekadenty ( 1 896) ,
Gründe in ihrem Programm. Was aber brachte die­ in: Gor'kij, Sobranie soCinenij, Bd. 23 (Moskau
ser Unterschied zu den anderen Gegnern von De­ 1 9 5 3 ) , 1 27, 1 3 6.
kadenz dem Ästhetischen in der Wirklichkeit? 262 VIVETTA VlVARELLI, Das Nietzsche-Bild in der
Presse der deutschen Sozialdemokratie um die Jahr­
Die Nachrichten über eine positive Aufuahme
hundertwende, in: Nietzsche-Studien, hg. v. W
dekadenter Gedanken durch Vertreter der aufkom­ Müller-Lauter u. J. Salaquarda, Bd. l 3 (Berlin/New
menden Arbeiterbewegung sind schnell versam- York 1 984) , 546.
32 Dekadent/Dekadenz

gegriffen. Etwas größere Bedeutung hatten sie für Gebilde umfassend determiniere. Einern solchen
die österreichische Sozialdemokratie j ener Jahre. 263 Verständnis »soziologischer Äquivalenz«268 zufolge
In Frankreich würdigte Henri Lefebvre noch 1 9 3 9 war es »gar nicht anders möglich, als daß die Poesie
im Verlag der FKP Nietzsches Vorstellung des der absterbenden bürgerlichen Kultur eine deca­
»hornrne total«: er »surrnonte la situation actuelle dente ist« und »die Werke der bürgerlichen Poeten
de l'hurnain«264. Einige decadents nahmen ihrer­ den Verwesungsgeruch athrnen, den das darge­
seits stellenweise »Gewaltphantasien und Vernich­ stellte Objekt ausströrnt«269. Es liegen entspre­
tungsstrategien, in denen Wege [ . . . ] des Aktions­ chende Formulierungen u. a. von Franz Mehring
anarchismus aufscheinen«265, literarisch auf; Erich und Wilhelm Liebknecht vor, und auch Georges
Mühsam würdigte die »Begehung terroristischer Sore! fürchtete, in den Zeiten der bürgerlichen
Taten« als »Vollbringung eines künstlerischen Le­ Dekadenz könnte das Proletariat »corrornpu et ab­
benswerks«266. Von mehr aber ist, zumindest aus ruti« werden, wenn es sich - wie die Merowinger
den großen Arbeiterparteien, nicht zu berichten. auf »l' ecole des rheteurs de la decadence latine« -
Als Adorno auf einem altbundesdeutschen Philo­ darauf einlasse, im bürgerlichen Sinne »civilise«270
sophenkongreß 1 962 die Dekadenz »die Fata Mor­ zu werden.
gana j enes Fortschritts« nannte, »der noch nicht Die klassische Formulierung des Paradigmas
begonnen hat«, und die »Ahnung« formulierte, stammt von Plechanov: » McKyccrn o BpeMeH
»daß extreme Individuation Platzhalter von yrra.zuca >.l{OJDKHO< 6hITb yrra.n;oqHb!M (.n;eKa.n;eHTC­
Menschheit sei«267, waren das den Beerbern der K11M). 3To He1136e}l{HO.« (Die Kunst der Zeiten
sozialistischen Arbeiterbewegung längst Worte aus des Verfalls >muß< eine Kunst des Verfalls (deka­
einer anderen Welt. dent] sein. Das ist unverrneidlich.)271 Die Anfüh­
Zwei j ener Theoriekornponenten, die die Ab­ rungszeichen um das >muß< deuteten auf Reste von
wertung von Dekadenz im Umkreis der marxisti­ Distanz zu mechanischer Determiniertheit, und
schen Arbeiterbewegung fundierten, finden sich ein anschließendes Zitat aus dem Kommunistischen
bei Marxisten der II. Internationale seit deren Manifest erwog Möglichkeiten der Menschen, ihre
Gründung 1 8 89: Zu der Annahme, daß der Kapi­ gesellschaftliche Lage zu ändern. Plechanov sah
talismus eine sterbende Gesellschaftsordnung sei, auch durchaus, und seine Nachfolger vergaßen nie
trat die Auffassung, daß die soziale Basis geistige völlig, daß Neigung zu L'art pour l'art aus »6e3Ha­
.n;e}l{HOro pa3Jlll.[(a c oKpy}l{aBIIIetl [ . . . ] o6ll1eCT­
BeHttot1 cpe.n;otl« (hoffuungslosem Zwiespalt mit
263 Vgl. DAVID BATHRICK/PAUL BREINES, Marx und/ dem umgebenden gesellschaftlichen Milieu) (226;
oder Nietzsche. Anmerkungen zur Krise des Mar­ dt. 2 5 5 ) entstehen konnte; Gautiers Baudelaire­
xismus, in: R. Grimm/]. Hermand (Hg.), Karl Marx
und Friedrich Nietzsche (Königstein 1 978), l 2 9 f. Würdigung wurde in diesem Zusammenhang zi­
264 HENRI LEFEBVRE, Nietzsche (Paris 1 939), 1 64. tiert. 272 Aber letztlich galten die direkten Ableitun­
265 WALTER FÄHNDERS, Anarchismus und Literatur. Ein gen, und Personen wie Stilrichtungen wurden be­
vergessenes Kapitel deutscher Literaturgeschichte reits verdächtigt: Nietzsche fordere Willenskraft
zwischen 1 890 und 1 9 1 0 (Stuttgart 1 987) , 1 30.
nur zur »OTCTa11BaH1110 6yp}l{ya3HOro rropH.11K a
266 Ebd., 1 67.
267 ADORNO (s. Anm. 53), 626. OT peBOJIIOl.\110HHb!X IIOCHraTeJI'hCTB CO CTOp­
268 DIETER SCHLENSTEDT ' Literarische Widerspiege­ OHbl rrpoJiernp11aTa« (Verteidigung der bürgerli­
lung (Berlin/Weimar 1 9 8 1 ) , 50; vgl. auch 5 8 f. chen Ordnung gegen den revolutionären Angriff
269 HEINRICH STRÖBEL, Ein Poet der Decadence, in:
seitens des Proletariats) (z49; dt. 276) ; die russische
Die Neue Zeit ( 1 7 . 6. 1 896) , 402.
270 GEORGES SOREL, Reflexions sur la violence ( 1 908; Dekadenz, »3aHeceHHaH K HaM c 3arra.n;a« (vorn
Paris 1 9 2 1 ) , 1 3 0, 52. Westen her zu uns verweht) (256; dt. 286) , trage
271 GEORGIJ PLECHANOV, Iskusstvo i obscestvennaja nichts Fruchtbares (»H11qero nJio.n;ornopttoro«,
zizn' ( 1 9 1 2 1 ! 9 1 3 ) , in: Plechanov, Iskusstvo i litera­ 2 5 7) in sich; ihre Vertreter seien rnponoBe.l\HMKM
tura (Moskau 1 948), 268; dt. : Kunst und gesellschaft­
rropa6oll1ett11H ttapo.n;ttotl MaCChI« (Apostel der
liches Leben, übers. v. J. Harhammer ( 1 9 5 5 ; Berlin
1 975), 3 04. Versklavung der Volksmasse) (267; dt. 3 0 1 ) und der
272 Vgl. ebd. , 222; dt. 25 i . Kubismus nichts als »qerryxa B Ky6e1« (Blödsinn
V Revolutionäre Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus unq >dekadente< Künstler 33

im Kubik) (262; dt. 294) . Als Plechanov seine Ge­ wehr einer ontologischen Verallgemeinerung der
danken in Paris vortrug, warf ihm der spätere erste Stilbeobachtungen Bourgets war die Rede. Lukics'
sowj etische Volkskommissar für das Bildungswesen These lautete, »daß im einzelnen Moment die
in der Diskussion eine zu schematische Einschät­ Möglichkeit steckt, aus ihm heraus die ganze in­
zung von Künstlern vor. Aber nach Lunacarskijs haltliche Fülle der Totalität zu entwickelrn277. Die
Ausschaltung 1 929 wurden die von Plechanov for­ »gedankliche Rettung des Menschen« konstatierte er
mulierten Bestimmungen zu Verdikten. Die erste früh bei Goethe und Hegel278 [Hervorh. v. Verf. ] ;
wurde jetzt aktualisiert durch die Dogrnatisierung u m die »Rettung der Rolle des Menschen in der
von Lenins Schrift über den Imperialismus als höch­ Geschichte«279 ging es ihm selbst bis in die späte Äs­
stes Stadium des Kapitalismus (Y1Mrrep11aJil13M, KaK thetik. Mit der Marxschen Analyse des Warenfe­
BhICWaii cTa.[(11!1 Karr11TaJI113Ma, 1 9 1 7) , die zweite tischismus sah er sich seit Geschichte und Klassen­
geadelt mit einer verabsolutierenden Lektüre von bewußtsein ( 1 923) gerüstet und gefordert, vorn
Marxens Bemerkungen, die kapitalistische Produk­ gedanklichen Erstreben zum geschichtlichen Er­
tion sei »gewissen geistigen Produktionszwei­ zeugen der »organischen Einheit der Person« und
gen«273 feindlich. All dies wirkte lange. Noch 1 975 der »Gesellschaft als Totalität« voranzukommen
war keinem der Bearbeiter einer vorn Wissen­ und j ede »sich in der Form von Zweifel, Verzweif­
schaftlichen Rat für Kultur- und Kunstwissen­ lung und so weiter ausdrückende Dekadenzerschei­
schaften der DDR herausgegebenen Plechanov­ nung« zu überwinden. Als frischer Marxist traute
Auswahl die Hauptfigur von Huysrnans' wichtig­ er allein »dem Proletariate« (mit pathetischem
stem Roman mehr ein Begriff: als »Desessent«274 Schlußvokal) diese »Tathandlung« zu; jede »ästheti­
kam er aus dem Kyrillischen zurück. sche Form« galt vorerst als »Ausweichen vor dem
Die dritte dekadenzdiskrirninierende Theorie­ eigentlichen Problern«280, reine Kontemplation
kornponente im Kreis des Marxismus arbeitete Ge­ oder Mythologisierung. Seit zur Mitte der 1 92oer
org Lukics aus. Lukics übernahm die Auffassun­ Jahre hin die Revolutionen erkennbar nicht recht
gen zum stetigen Niedergang des Kapitalismus un­ vorankamen, setzte Lukics zunehmend auf eine
diskutiert aus der II. Internationale. Neu war die »Tendenz der ästhetischen Widerspiegelung der
ontologische Dimension, die er ihnen hinzufügte. Wirklichkeit [ . . . ] , Fetische oder Fetischkornplexe
Lukiics' Versuch, gegen »das objektive gesellschaft­ [ . . . ] aufzulösen« und so die »Bedeutung des Men­
liche Verhältnis der Entfremdung«275 anzugehen, schen weltanschaulich wiederherzustellen« - »der
stellte das Dekadenzproblern innerhalb des Marxis­ echten Kunst« bald und ständig »eine defetischisie­
mus auf j ene Ebene, auf der auch sein vermeintli­ rende Tendenz« vorschreibend, »auf die sie bei
cher Antipode Nietzsche es behandelt hatte: die Strafe der Selbstauflösung nicht verzichten darf«281 •
des Verhältnisses von dekadenter Künstlichkeit und
dem Bestehen auf Totalität. Denkstil, Problemkon­
kretisierungen und Problemlösungen allerdings 273 KARL MARX , Theorien über den Mehrwert ( 1 862/
waren so verschieden wie entschieden, und Luk:ics 1 863), in: MEW, Bd. 26/ 1 (1965), 257.
274 PLECHANOV, Kunst und gesellschaftliches Leben (s.
reduzierte Nietzsche, ihn verkennend, auf eine sei­
Anm. 271), 264, 307.
ner Wirkungen. Ihm selbst sollte es, was das letz­ 275 GEORG LUKAcs, Vorwort [zu: Geschichte und Klas­
tere betrifft, nicht anders gehen. senbewußtsein] , in: LUKAcs, Bd. 2 ( 1 968), 27.
Geistesgeschichtlich vermittelte zwischen bei­ 276 LUKAcs, Die Seele und die Formen (Berlin 1 9 I I ) ,
1 2 1 f.
den die Lebensphilosophie (Georg Sirnrnel) ; in
277 LUKAcs, Geschichte und Klassenbewußtsein ( 1 923),
Lukics' frühesten Texten ist auch der polemische in: Lukacs (s. Anm. 275), 264, 3 54.
Bezug zur »hysterischen [ . . . ] Energie eines kran­ 278 Ebd„ 3 22.
ken Nervensysterns«276 noch formuliert. Problern­ 279 LUKAcs, Die Eigenart des Ästhetischen, Bd. l
geschichtlich entstand der Zusammenhang aus ( 1 963; Berlin/Weimar 1 9 8 1 ) , 660.
280 LUKAcs, Geschichte und Klassenbewußtsein (s.
dem beiderseitigen Aufbegehren dagegen, daß in
Anm. 277) , 275 , 299, 3 74, 3 3 1 , 3 2o f.
ihrer gesellschaftlichen Welt »die Subjekte [ . . . ] zer­ 2 8 1 LUKAcs, Die Eigenart des Ästhetischen (s. Anm.
legt« wurden. Von Nietzsches verzweifelter Ab- 279) , 663 f.
34 Dekadent/Dekadenz

Als dann sogar - aller Defetischisierungshoffuung Charakteristischen, Individuellen und Interessan­


entgegenlaufend - »die Gefahrdung der Weltzivili­ ten<«283 zu zeugen schienen, indem er eine gene­
sation durch das organisierte Banditentum Hitlers relle »gesellschaftliche Zusammengehörigkeit von
überall die Frage entstehen ließ, wie der tiefe Ver­ Überfeinerung der entleerten Individualität und
fall des deutschen Volkes zu erklären sei«, wurden entfesselter Bestialität«284 aus der geistigen Vorge­
als Menetekel alle Anzeichen der »ästhetisch-psy­ schichte des Faschismus - unbewiesen - verallge­
chologischen Anziehungskraft« der »Faszination meinerte. Dabei akzeptierte er fraglos die Okkupa­
der Verwesung« in der deutschen Literatur- und tion seines >Bruders im Streben< Nietzsche durch
Philosophiegeschichte aufgerichtet, die der »Ent­ die Ideologen dieser Entfesselung und verkannte
fesselung der unterirdischen Instinkte, dem Zer­ völlig, daß der (es wurde zitiert) gerade nicht »alle
brechen j ener intellektuellen und moralischen Instinkte heiliggesprochen« und die »unmittelbar
Dämme, die ein jahrtausendlanger Zivilisations­ erlebte Umwelt des Menschen als alleinige Reali­
vorgang aufgerichtet hat«, vorausgingen. Thomas tät« statuiert, sondern - wie er selbst, nur anderswo
Mann galt viel, weil sein Weg aus der Dekadenz als der Marxist - nach neuen Haltepunkten für
heraus als »mikrokosmisch vorweggenommene »die der Gesellschaft gegenübergestellte Persön­
Abkürzung des Gesundungsweges« gesehen wurde, lichkeit«285 gesucht hatte. Die Verdammung aller
»der dem deutschen Volk nötig ist«282. Die Zerstö­ modernen Kunst war in diesem Kurzschluß ange­
rung der Vernunft ( 1 954) war nicht Monument ra­ legt. Und Luk:ics meinte zweitens, nach alledem
tionalistischer Dumpfheit, sondern erschütterter mit Nietzsches indirektem Bourget-Zitat aus Der
Aufklärung über schlimmste Erfahrung. Nach Fall Wagner in den Literaturdebatten mit seinen
1 945 kam diese große Konzeption durch viele In­ Genossen operieren286 und dennoch verhindern zu
tellektuelle in Ostdeutschland zu breiter humani­ können, daß in den von ihm stigmatisierten Kunst­
sierender Wirkung. richtungen »direkt der Sowjetmacht feindliche po­
Zweierlei in diesem zähen Bemühen um Totali­ litische Richtungen erblickt« wurden. Dies Ende
tät war jedoch problematisch. Luk:ics fallte ein Ne­ 1 9 3 6 in Moskau als wulgarisierend« zu bezeich­
gativurteil über alle Haltungen und darunter alle nen287 erforderte Mut. Aber es bleibt festzuhalten,
Literatur, die ihm von einem »>Übergewicht des daß der Theoretiker des Kampfes gegen die Ent­
fremdung die Dimensionen der praktischen Ent­
fremdung von sich schob, die um ihn herum bis
282 LUKAcs, Über Preußentum ( 1 943/ 48), in: Lukics, zur Vernichtung von Menschen führte - j enen
Über die Vernunft in der Kultur (Leipzig 1 9 8 5 ) , 406, Künstlern schwer schadend, die er ebenso als >de­
424 f.
kadent< bezeichnete, wie es die Träger der Ent­
283 LUKAcs, Fortschritt und Reaktion in der deutschen
Literatur ( 1 944/ 45), in: Lukics, Skizze einer Ge­ fremdung im Sozialismus taten.
schichte der neueren deutschen Literatur (Berlin »Franz Kafka oder Thomas Mann? artistisch in­
1 9 5 3 ) , 46; das Zitat stammt von F. Schlegel. teressante Dekadenz oder lebenswahrer kritischer
284 LUKAcs, Marx und das Problem des ideologischen Realismus?«288 Auf dem skizzierten Unterbau des
Verfalls (1938), in: Lukics, Karl Marx und Friedrich
Engels als Literaturhistoriker (Berlin 1952), 9L
Luk:icsschen Denkens erscheint die Frage als theo­
2 8 5 LUKAcs, Deutsche Literatur im Zeitalter des Impe­ retische nicht übermäßig krude. Und auch Brecht
rialismus ( 1 944/ 45), in: Lukics {s. Anm. 2 8 3 ) , l IO. hätte sich - wäre er mit dessen Dimensionen ver­
286 Vgl. LUKAcs, Erzählen oder Beschreiben? ( 1 93 6) ; Es traut und sich zudem bewußt gewesen, daß sein
geht um den Realismus (1938), beides in: LUKAcs,
Bestehen auf dem >Proletariat< eine von Luk:ics
Bd. 4 (1971), 2 1 8 , 329·
287 LUKAcs , Erzählen oder Beschreiben?, in: ebd. , 2 3 4 f. schon überholte Position war - über seine vermu­
2 8 8 LUKAcs, D i e Gegenwartsbedeutung des kritischen tete Zuordnung zur Dekadenz 1 9 3 8 nicht so zu er­
Realismus ( 1 957), in: ebd., 5 50. regen brauchen. 289 Schließlich war er sich mit
289 Vgl. BERTOLT BRECHT, Journal (Juli - September Luk:ics einig im ganzheitlichen Anspruch und
1 9 3 8 ) , in: BRECHT ( BFA ) , Bd. 26 ( 1 994) , 3 1 2, 320,
folglich z. B. in der Ablehnung Baudelaires, des
3 22 f.
290 BRECHT ' Notizen über Baudelaire, in: BRECHT »Flaneurs mit dem Inferno, das eine Weltanschau­
( BFA ) , Bd. 22/ 1 ( 1 994) , 45 i . ung ist«290. Aber die Probleme lagen nicht auf den
V Revolutionäre Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus und >dekadente< Künstler 35

Höhen der Geschichtsphilosophie. Brecht hatte qecTBa, rreccMMM3Ma, aeph1 a rroTycTopoHHMili


schon im Exil gewußt, welche Macht es hatte, daß MMP« (Die Akmeisten waren ebenso wie die Sym­
Lukics »von Moskau aus«291 schrieb. Wo der di­ bolisten, die Dekadenten und andere Vertreter der
rekte Zugriff möglich war, wuchs diese Macht we­ sich zersetzenden aristokratisch-bürgerlichen Ideo­
sentlich. Die Vulgarisierung von Plechanov und logie Verkünder der Entartung, des Pessimismus
Lukics lieferte der sowjetischen Kulturpolitik seit und des Glaubens an ein Jenseits) (9; dt. 20) . Die
Anfang der 3oer Jahre wesentliche Bausteine. Nach folgenreichen Vorwürfe gegen Zoscenko und Ach­
dem 2. Weltkrieg griff diese Politik auf die Volks­ matova lauteten anders: »3BepMHhIIli cTpax rrepe.11
demokratien über und wirkte in der kommunisti­ rpH.!1YI11elii rrpoJJeTapcKolii peaoJJIOQMelii « (tieri­
schen Weltbewegung. Als einer der zentralen ideo­ sche Angst vor der kommenden proletarischen
logischen Abgrenzungsbegriffe beim >Aufbau des Revolution) (9; dt. 1 9) , Förderung von »YHhIHMe,
Sozialismus< war >Dekadenz< in der DDR noch bis yrra.[(OK .l1yxa, rreccMMM3M« (Mutlosigkeit, seeli­
in die Soer Jahre autoritativ verbreitet.292 scher Depression und Pessimismus) ( 1 2 ; dt. 24) und
Nur ausnahmsweise allerdings wurde >Deka­ damit Entfernung »OT 3a.[(aq coapeMeHHOCTM [ . . . ]
denz< als Kampfkonzept im eigenen Land einge­ BOCIIMTh!BaTh MOJIO.[(eJKh B .[(yxe 6e33aaeTHOM
setzt. Aus einem logischen Grund: Da künstleri­ rrpe.!1aHHOCTM coaeTCKOMY CTpoIO« (von den Ge­
sche Dekadenz als Ausfluß einer dekadenten Ge­ genwartsaufgaben [ . . J, unsere Jugend im Geiste
.

sellschaft definiert war, hätte dies der eigenen einer grenzenlosen Ergebenheit für die Sowjetord­
Entwicklung kein sehr erhebendes Zeugnis ausge­ nung [ . . ] zu erziehen) (29 f. ; dt. 44) . Ihnen sollte
.

stellt. >Formalismus<, >Modernismus< oder >Kosmo­ als »JJMTepaTyptthIM rrpoxo.[(MMQaM« (literari­


politismus< waren zur »Disziplinierung der Künst­ schen Gaunern) in Leningrad nunmehr kein
ler«293 unbeschwerter verwendbar; dekadent waren »rrpM6eJKMl.I.le« (Unterschlupf) (25 ; dt. 3 9) gewährt
vor allem die anderen. Auf dem r . Sowjetischen werden; den Vernichtungsterminus >Volksfeind<
Schriftstellerkongreß 1 9 3 4 war von »yrra.[(OK« (Ver­ verwendete Z danov hier nicht. Die Große Sowjet­
fall) und »pa3JIOJKeHMe« (Zersetzung) nur im Be­ enzyklopädie definierte Dekadenz 1 9 5 2 als »06I11ee
zug auf die bürgerliche Literatur und die »3arHM­ orrpe.!1eJJeHMe yrra.uoqttoro peaKQMOHHoro 6yp­
BaHMe KaIIMTaJIMCTMqecKoro CTpOH«294 (Fäulnis JKya3Horo MCKyccTBa 3rroxM MMrrepMaJJM3Ma«
der kapitalistischen Ordnung) die Rede. In diesem (allgemeine Bestimmung der verfallenden reaktio­
Sinne, aber nicht zu unvermitteltem innerem Ge­ nären bürgerlichen Kunst der Epoche des Imperia­
brauch, gab es 1 9 3 9 für die Leitung des sowjeti­ lismus) , behandelte deren Erscheinungen zwar
schen Schriftsteilerverbandes die »peaJIMCTMqecKaH breit - vom Impressionismus bis zum Existentialis­
JIMHMH [ . . . ] OT KOTopolii Mhl M.[(eM M, BO-BTOphIX, mus »M. T .[(.« (usw.), von der Literatur über Male­
.

JIMHMH .[(eKa.[(aHca, OT KOTopolii Mhl M.[(TM He rei und Architektur bis zur Musik, von Frankreich
.[(OJIJKHhI« (realistische Linie, von der wir ausge­
hen, und zweitens die Linie der Dekadenz, von
der wir nicht ausgehen sollten) - selbst wenn von 291 BRECHT , Journal, in: Brecht (s. Arun . 289) , 320.
292 Vgl. Kulturpolitisches Wörterbuch, hg. v. H. Bühl
letzterer künstlerisch zu lernen sei295. In dem wü­ n . a. (1 970; Berlin ' 1 978), 1 3 o f.
stesten kulturpolitischen Ordnungstext, Z danovs 293 GERD DIETRICH, Politik und Kultur in der Sowjeti­
Referat über die Zeitschriften > Zvezda< und >Leningrad< schen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949. Mit
1 946, fungierte >Dekadenz< als undifferenziertes einem Dokumentenanhang (Bern u. a. 1 993), 1 67.
294 ANDREJ ZDANOV, in: Pervyj vsesojuznyj s"ezd so­
SchimpfWort: »rHMJihie, rrycn1e, 6e3M.[(eliiHhie M
vetskich pisatelej 1934 (Moskau 1934) , 2; vgl. KARL
IIOIIIJJhie rrpoM3Be.[(eHMH« (verfaulte - in der deut­ RADEK, Sovrernennaja mirovaja literatura i zadaCi
schen Ausgabe als >dekadente< übersetzt -, nich­ proletarskogo iskusstva, in: ebd. , 308.
tige, ideenlose und oberflächliche Werke)296 oder 295 ALEKSANDR fADEEV, Pisatel' i kritik (1939), in: Fa­
in historischer Distanzierung: »ArcMeMCThI, KaK M deev, Sobranie socinenij, Bd. 4 (Moskau 1 960) , 257.
296 ZDANOV, Doklad o fornalach >Zvezda< i >Lenin­
CMMBOJIMCThl, .[(eKa.[(eHThl M rrpoqMe rrpe.[(CTaBM­ grad<. Sokrascennaja i obobscennaja stenogramma
TeJIM pa3J1ara10I11e liirn .[(BüpHHCKo-6ypJKya3HOili ( 1946; Moskau 1952), 8; dt. : Über Kunst und Wis­
M.[(eo;rorMM 6brnM rrporroae.[(HMKaMM yrra.uoqHM- senschaft (Berlin 1 9 5 1 ) , 1 8 .
36 Dekadent/Dekadenz

über das vorrevolutionäre Rußland bis zu den Ländern und nochmals in den westeuropäischen
USA -, erwähnte die sowjetische Kunst aber nur kommunistischen Parteien. In Italien z. B. veran­
kurz und unter dem Aspekt des Kampfes mpoT11B staltete das Gramsci-Institut der !KP 1959 eine
6yp}l(:ya3HhlX BJil1HHl1tt« (gegen bürgerliche Ein­ sachliche Diskussion über die Differenzen zwi­
flüsse) . 297 schen Avanguardia e decadentismo30 1 ; in Frankreich
Für die zur eigentlichen Dekadenz Gerechneten war etwas später der eigene Dekadenzbegriff weit
waren diese Bestimmungen nur selten so sinnlich spannungsreicher zu diskutieren. 302 Die Grundbe­
erfahrbar wie auf dem Wrodawer Kongreß >Die stimmungen und -veränderungen seien hier der
Intellektuellen der Welt für den Frieden< (August DDR-Entwicklung abgelesen.
1 948), als Fadeev der »modernen imperialistischen In der Sowjetischen Besatzungszone wurde De­
Kultur« den »Geruch eines verwesten Kadavers«298 kadenzfeindschaft seit Anfang l 948 von Vertretern
so suggestiv zusprach, daß die aus Westeuropa Ge­ und Publikationen der SMAD öffentlich artikuliert
kommenen sich direkt angegangen fühlten. In den und von der Führung der SED, wie zitiert, umge­
Volksdemokratien dagegen gehörte der Abgren­ hend aufgegriffen. Im beginnenden Kalten Krieg
zungsbegriff Dekadenz bald zum Alltag des kultu­ und mit dem Bewußtsein, in der schwächeren Po­
rellen Lebens. Dabei wurde er politisiert und un­ sition zu sein, griff die Führung nach allen Pflök­
spezifisch verweudet. Auf den Versuch, Amalgame ken, die geeignet schienen, das eigene Lager zu be­
wie die folgenden logisch und historisch im Rah­ festigen. Einer wurde >Kampf gegen die Dekadenz<
men der Geschichte des Begriffs zu analysieren, genannt. Das Feld des offiziellen Denkens war bis
muß verzichtet werden - was kann man sagen zu zu dem sogenannten Formalismus-Plenum des ZK
solchen Sätzen: »Die Dekadenz in der Kunst [be­ der SED ( 1 5 .-17. 3. 1 9 5 1 ) abgesteckt. Aus der Dis­
steht) neben ihrer Abseitigkeit und leeren Ab­ kussion eines kleinen Kreises über Paul Dessaus
straktheit oft gerade in einem schädlichen, falschen Oper Das Verhör des Lukullus unmittelbar zuvor ist
Neuerertum bei Verzicht auf das klassische Erbe in der klassisch-naiven Fassung des Sektorenleiters
und fehlendem fachlichem Können«299, oder: »Die für Kultur im FDJ-Zentralrat überliefert, was den
Erscheinungen des Neofaschismus, der Dekadenz antidekadenten Affekten der Herrschenden j ener
und der formalistischen und naturalistischen Ver­ Jahre zugrunde lag (man ersetze nur »den Frieden«
zerrungen der Kunst, die nur den Zerfall des mo­ durch »die DDR«) : »Wenn ich diese Oper be­
nopolkapitalistischen Systems widerspiegeln, sind trachte, möchte ich sie nicht von der Musik her
unversöhnlich zu bekämpfen.«"'0 Wohl nur eines: betrachten, weil ich davon nicht viel verstehe, son­
Sie hatten in einer bestimmten Phase eine be­ dern vom Standpunkt aus: Kampf um den Frieden.
stimmte Funktion. Die konkreten Verläufe unter­ Denn, wenn es uns nicht gelingt, den Frieden zu
schieden sich zwischen den volksdemokratischen erhalten, werden wir nicht lange hier sitzen. [ . . ).

Die Oper ist kein Kraftquell für uns. [„ .) Nein,


wir wollen nicht abrutschen. Wir wollen auf­
297 Bol'faja sovetskaja enciklopedija, Bd. 1 3 (Moskau wärts.«303 Viele Künstler traf dieser Wille härter als
' 1 952), 5 9 1 f.
den Kommunisten Dessau, der seine Oper >nur<
298 Neues Deutschland (27. 8. 1 948), 3 .
299 ANTON ACKERMANN, Marxistische Kulturpolitik, umzuarbeiten hatte.
in: Protokoll der Verhandlungen des Ersten Kultur­ Die primitiven Herrschaftsmuster der realsozia­
tages der SED (Berlin 1948), 1 96. listischen Frühzeit wurden im Umkreis der Stalin­
3 00 Protokoll der Ersten Parteikonferenz der SED, 25. -
kritik des XX. Parteitags der KPdSU ( 1 4.-26. 2 .
2 8 . 1 . 1 949 (Berlin 1 949) , 5 3 3 .
3 0 1 Vgl. I I Contemporaneo (1 959), H. l 8/ r 9 . 1 956) i n Frage gestellt. Unter dem Angezweifelten
3 02 Vgl. L a Nouvelle Critique ( 1 964) , H. 6/7. war der Umgang mit >Dekadenz<. Seit Ende 1 9 5 5
303 RUDI RAUPACH, [Gesprächsbeitrag] , in: ]. Lucchesi schien e s dem Aufbau-Verlag und Hans Mayer -
(Hg.), Das Verhör in der Oper. Protokoll der Dis­ zu optimistisch - möglich, durch schlichtes Un­
kussion nach der Probe, 1 3 . 3. 1 9 5 1 (Berlin 1 993),
92 f.
terbreiten von Anschauungsmaterial, nämlich Edi­
3 04 Vgl. WERNER MITTENZWEI, Geschichte des Auf­ tionen von Musil, Kafka und Proust, das De­
bau-Verlages (Manuskript 1 995), 202 f. kadenzverdikt zu erschüttern304; im Sonntag, der
V Revolutionäre Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus und >dekadente< Künstler 37

Wochenzeitung des Kulturbundes, schrieb Mayer gen am überkommenen Wertungsbestand das


in gleicher Richtung. Im Oktober 1 9 5 6 fiel der Dekadenz-Amalgam durch neue Scheidung wie­
zentrale Antimodernist durch sein demokratisches der handhabbar zu machen suchte. Dekadenz als
Engagement in Ungarn als offene Berufungsin­ »Lebenstatsache« (740) in imperialistisch werden­
stanz für den Kampf gegen die Dekadenz aus. 1 9 5 7 den Ländern war klar getrennt von Dekadenz in
erschienen Zeitschriftenaufsätze von alten tsche­ den Künsten als »Bruch mit der Tradition des Rea­
chischen und jungen deutschen marxistischen Li­ lismus« (74 1 ) . Merkmale der letzteren wurden be­
teraturhistorikern, die durch Analyse bestritten, nannt und als »Deformation des Menschenbildes in
daß Kafka der Dekadenz zuzurechnen sei. Da traf Richtung auf einen krankhaften, degenerierten
es sich für die SED-Führung gut, daß nach später Typus« (743) summiert. Die dem Sohn dieses Va­
Rückkehr aus sowjetischer Emigration der Sohn ters wohlbekannte Arbeit von »Biologen, Philoso­
des Mannes zusätzlich zur Verfügung stand, der phen, Soziologen und Psychoanalytikern« zu
einst Lombroso in Deutschland eingeführt hatte. »Trieben, Komplexen, teuflischen Absichten, ab­
Alfred Kurella schrieb die antidekadenten Affekte gründigen Ängsten« (745) im Menschen war,
der endvierziger Jahre keineswegs, wie oft vermu­ wenn auch abwertend, erwähnt. Möglichkeiten
tet, einfach fort: er suchte sie durch reaktiviertes der »immanenten Kritik« und der »Überwindung«
Wissen zu kultivieren und so ihre soziale Wirk­ (748) der Dekadenz räumte Kurella ein. Die ver­
samkeit zu intensivieren. mutete politische Funktion von Dekadenz fand
Institutionalisiert wurde der Reaktions-Versuch sich erst am Schluß, nach der Unterrichtung, hatte
im Zentrum der Macht: Als Kandidat des Politbü­ es allerdings noch einmal in sich: Dekadenz habe
ros der SED leitete Kurella von Oktober 1 9 5 7 bis spontan begonnen, sei nach dem 2. Weltkrieg aber
Ende 1 962 dieses Büros neugebildete Kultur­ »von der herrschenden Klasse ganz planmäßig und
Kommission. 305 Den dort Versammelten schien, bewußt [ . . . ] zur ideologischen Vorbereitung eines
bisher kaum j e formuliert, ein »fürchterlicher Dog­ Atomkrieges verwandt« (749) worden.
matismus der Dekadenz«""' nicht beim Gegner, Die Handreichung stand - trotz der abschlie­
sondern im eigenen Herrschaftsbereich zu drohen. ßenden Ungeheuerlichkeit - mit ihrem weitge­
Das Drängende der Feststellung mag mit fort­ spannten Wissen intellektuell weit über dem, was
gesetztem Vatermord zu tun haben: Immerhin ver­ Kurellas Vorgänger im Ausgrenzungsgeschäft ange­
öffentlichte Kurella 1961 seine Austreibung des boten hatten. Dennoch verfehlte sie ihr Ziel. Kul­
Expressionismus, dieser »Zersetzung einer Zerset­ turelle Differenzierungsprozesse begannen zu grei­
zung«, unverändert wieder, in der er »ehrlicher­ fen, die der Politisierung nicht nur nicht mehr das
weise« zugegeben hatte, »daß j edem von uns aus letzte, sondern überhaupt kein entscheidendes
jener Zeit etwas in den Knochen steckengeblieben
im307, und schrieb der Spitzenfunktionär - als er­
neute Bestätigung? - »bezaubert« ein Nachwort zu 305 Vgl. SIMONE BARCK, Das Dekadenz-Verdikt. Zur
Der Leopard: »Ja, Verfall! [„ . ) Duft des Zerfalls liegt Konjunktur eines kulturpolitischen >Kampfkonzepts<
Ende der 195oer bis Mitte der 1 96oer Jahre, in: Hi­
über dem Eingang in die Welt der Salina Lampe­
storische DDR-Forschung (Berlin 1 994) , 3 3 1-3 37.
dusa. Welkende Blumen. [ „ . ) Aus der Distanz ver­ 3 06 ALFRED KURELLA [in einer Kommissionsberatung
stehender Selbstironie ist dieses nach geregelten, am 5. 2. 1 9 5 9] zit. nach ebd„ 3 3 4.
ehrwürdigen Riten ablaufende Leben [„ .] doch 307 BERNHARD ZIEGLER (d. i. KURELLA ) , »Nun ist dies
Erbe zuende . . . « (1937) , in: F. Albrecht (Hg.), Zur
schön, schön!«308 Entscheidend aber für den Vor­
Tradition der deutschen sozialistischen Literatur.
satz, »Über einige Fragen, die mit der Tatsache und Eine Auswahl von Dokumenten, Bd. 2 (Berlin/Wei­
mit dem Begriff der Dekadenz zusammenhängen, mar 1 979) , 398, 390; vgl. KURELLA, Zwischendurch.
grundsätzliche Klarheit zu schaffen«309, war ein Verstreute Essays 1934-1940 (Berlin 1961).
Herrschaftsbemühen. In der theoretischen Zeit­ 308 KURELLA, Welkende Blumen (196 1 ) , in: Kurella,
Wofür haben wir gekämpft? (Berlin/Weimar 1975),
schrift der SED übermittelte Kurella, nach einigen
3 3 3 , 3 3 o f.
Präludien anderswo, im Mai 1 9 5 8 dem Parteifunk­ 3 09 KURELLA, Zum Problem der Dekadenz, in: Einheit
tionär Merksätze, in denen er - ohne Veränderun- 13 ( 1 9 5 8 ) , H. 5, 740.
38 Dekadent/Dekadenz

Wort beim Urteilen über Kunst einräumten. Das schlichen Lebenserfahrung«3u Und auf einer
Dekadenzverdikt wurde abgebaut, indem konkret Konferenz in Liblice bei Prag am 27.128. 5 . 1 963
betrachtet wurde, wovon eigentlich die Rede war. formulierte schließlich Fischer klar und als Betrof­
Zwei Grund-Sätze der marxistischen D eka­ fener: »Kafka ist ein Dichter, der uns alle angeht.
denztheorien blieben im folgenden unbestritten: Die Entfremdung des Menschen, die er mit maxi­
daß der Kapitalismus eine niedergehende Gesell­ maler Intensität dargestellt hat, erreicht in der ka­
schaft und daß Ganzheitlichkeit gegen alle durch pitalistischen Welt ein schauerliches Ausmaß. Sie
diese Gesellschaft verursachten Auflösungserschei­ ist aber auch in der sozialistischen Welt keineswegs
nungen zu erreichen sei. Es ging zuerst gegen den überwunden.«312
zweiten Plechanovschen Satz: das strikte Werten Das traf aus entgegengesetzter Richtung: Kunst
beim Rückführen geistiger Gebilde auf soziologi­ war hier wieder ganz Ausdruck von Gesellschaft,
sche Voraussetzungen. Der österreichische Kom­ aber - Kurella hatte es geahnt - nicht mehr nur auf
munist Ernst Fischer formulierte in der letzten von den Kapitalismus war die Niedergangsreflexion
Peter Huchel verantworteten Sinn und Form-Num­ nun bezogen. Es spricht für die Intelligenz Kurel­
mer, »daß es auch im gesellschaftlichen Niedergang las, daß er von diesem Zeitpunkt an nicht mehr
möglich ist, neue, für die Entwicklung der Kunst gegen Dekadenz zu Felde zog, sondern seine Ar­
bedeutsame Ausdrucksmittel zu entdecken«. Dies beiten aus der Exilzeit über Humanismus und Ent­
war kundig ausgeführt und reaktivierte verhalten fremdung wieder aufnahm.313 Es spricht für den
sogar die Gautiersche Tradition: Verfall, betonte Machtinstinkt von Walter Ulbricht und Kurt Ha­
Fischer mit Worten Thomas Manns, könne »auch ger, daß sie schon kurz vor Liblice die Dinge selbst
Verfeinerung, Vertiefung, Veredelung bedeu­ in die Hand nahmen. Kurella hatte das Politbüro
ten«3rn Mit keinem Wort trat Fischer an dieser zu verlassen. Statt seiner Kultur- leitete nun Hager
Stelle dem Sozialismus nahe, und der Ton war der eine Ideologische Kommission. Ulbricht schoß bei
essayistischer Erwägung: ein ästhetischerer Kunst­ einer Begegnung mit Schriftstellern und Künstlern
begriff wurde eingefordert. Zum Ort prinzipielle­ am 2 5 . /26. 3. 1963 in einem einzigen Satz wieder
rer Feststellungen und beginnender Selbstbefra­ gegen »Abstraktionismus und Formalismus«, »bür­
gung wurde die gleichzeitige Auseinandersetzung gerliche Dekadenz« und »die sogenannte Mo­
mit dem Werk Kafkas, und dabei kam es zu den deme« zugleich. Hager ließ - obwohl er bei Gün­
von den Herrschenden befürchteten sozialen Wei­ ter Kunert »Dämonisierung der Technik«, »Gefühl
terungen des Denkens. In einer »in einem bewuß­ der völligen Vereinsamung des Menschen« und ei­
ten Sinne literarhistorischen« Arbeit beschrieb, nen »auf die Atomkriegspsychose gegründeten Ni­
nicht verurteilte Klaus Hermsdorf l 96 l Kafkas hilismus bis zum Zweifel am Sinn des Lebens über­
Werk als »Roman der Dekadenz« und stellte wei­ haupt« konstatierte - für die DDR nur »gewisse
tergehend fest: »Das Ausgeliefertsein des Menschen Nebentöne und Verirrungen, gewisse Einflüsse
an unbekannte Mächte« sei »von unbezweifelbarer bürgerlich-dekadenter Lebensauffassungen« gelten,
Realität als Einzel- und Teilmoment jeder men- ohne in diesem Fall die materialistische Frage nach
deren Gründen im gesellschaftlichen Sein zu stel­
len. Und Ulbricht sagte klar und ließ veröffentli­
3 ro ERNST FISCHER, Entfremdung, Dekadenz, Realis­ chen: »Sprechen wir doch offen miteinander: Es
mus, in: Sinn und Form 14 ( 1 962), H. 5/6, 822, 8 1 6. ging nicht um Ästhetik. Es ging um die Arbeiter­
3 1 1 KLAUS HERMSDORF, Kafka. Weltbild und Roman und-Bauern-Macht.«314
(Berlin i 96 1 ) , 20, 242, 24 r .
3 12 FISCHER, Kafka-Konferenz, in: Franz Kafka aus Pra­ Selbstbewußte kommunistische Künstler bestrit­
ger Sicht 1 963 (Prag 1 965), 1 57. ten beide Sätze. Sie brachten ihre Erfahrungen in
3 1 3 Vgl. KURELLA, Das Eigene und das Fremde. Neue Kunst und Gesellschaft zur Sprache, und sie mein­
Beiträge zum sozialistischen Humanismus (Berlin/ ten, daß nicht das den Sozialismus gefährde. »Wir
Weimar 1968).
brauchen in der Kultur und Kunst die Beseitigung
3 1 4 WALTER ULBRICHT / KURT HAGER, Parteilichkeit
und Volksverbundenheit unserer Literatur und einer meiner Ansicht nach fiktiven Vorstellung,
Kunst (Berlin 1 963), 77, 3 8 f„ 70. daß die Macht der herrschenden Arbeiterklasse
V Revolutionäre Arbeiterbewegung, staatlicher Sozialismus und >dekadente< Künstler 39

durch die unmittelbare und direkte Auseinander­ Die Angesprochenen allerdings ließen sich auf
setzung mit der spätbürgerlichen Kultur und Kunst nichts ein. Eine »vollständige Konzeption gegen
geschwächt oder erschüttert wird.«315 Unter dieser die Kulturpolitik der Partei«319, signalisierte Hager
Prämisse nahm der Bildhauer Fritz Crerner auf ei­ seinen Genossen im Politbüro intern nach der
nem Kongreß seines Verbandes im März l 964 den Rede Crerners. »ich kann nicht zulassen, daß
Gebrauch aufs Korn, den die Parteiideologen von Skeptizismus propagiert wird«, sagte Ulbricht
>Dekadenz< machten: Der sei von »Dummheit und Schriftstellern und Künstlern im Staatsrat der
Ungewißheit« gekennzeichnet, die »schlagwortar­ DDR am 2 5 . l r . 1965: »Die Entfrerndungspropa­
tige Anwendung der Worte und Begriffe wie Ab­ ganda hat die Bevölkerung in einigen Volksdemo­
straktionismus, Formalismus, Dekadenz, Meister­ kratien so und soviel vorn Lebensstandard gekostet.
schaft, Schönheit usw. , usf.« (278) sei durch »diffe­ Das kann man in einzelnen Ländern genau berech­
renzierte Untersuchungen« zu ersetzen, und: »Wir nen.«320 Das war das Niveau Z danovs 1948: »Ha.no
benehmen uns unmenschlich, wenn wir uns über yq11ThIBaTb, qTQ IIJIOXaH, .n11crnpMOHJ1qecKaH
[. „] Lebensangst lustig machen« (282) . Ende 1 96 5 MY3h1Ka, HeCOMHeHHO, ttapyII1aeT rrpaBMJihHYIO
setzte Crerner i n einem Brief a n einen der Ge­ rrc11xo-qm311onor11qecKy10 .neHTeJihHOCTh qeno­
meinten hinzu, daß »ein bestimmter Teil von Ge­ BeKa. « (Man muß in Rechnung stellen, daß eine
nossen die Infragestellung ihrer Allwissenheit« mit schlechte, disharmonische Musik zweifellos die
»Existenz oder Nichtexistenz« der DDR identifi­ richtige psycho-physiologische Tätigkeit des Men­
ziere, und machte darauf aufmerksam, daß so die schen stört.)321 Schließlich grüßte die Psychopa­
intelligentesten und begabtesten Künstler »wie mit thologie. »Wir haben nur keine Freiheit für Ver­
Knüppeln von der Partei weggetrieben«316 wür­ rückte«322, formulierte Ulbricht im Schlußwort
den. Zur gleichen Zeit schlug Herrnlin, seigneu­ des l r . Plenums des ZK der SED (Dezember
rialer, vor, »überall den Gebrauch abstrakter Be­ 1 965) . Man weiß inzwischen, daß seine sowjeti­
griffe durch die vorurteilslose, kritische, ernste schen Genossen so auch handelten.
Untersuchung von Künstlern und Kunstwerken zu Das Mauern half nicht. Ernst Fischers Buch kam
ersetzen« und Dekadenz nur dann festzustellen, zwar nicht in die Buchläden der DDR, aber
»wenn barbarische Zustände apologetisch behan­ schnell in Bibliothek und Köpfe z. B. der Arbeits­
delt werden« (Beispiele waren Jünger und Benn) ; stelle Literaturtheorie an der Deutschen Akademie
mit Blick auf Kurella nannte e r e s einen »tristen der Wissenschaften, die von demselben Staat finan­
Anblick, wenn manche Vertreter der modernsten ziert wurde. Ein dort arbeitender Romanist analy­
Gesellschaftsordnung bei dem Wort >modern< zu­ sierte fast gleichzeitig A la recherche du temps perdu
sarnrnenfahren«3n Auch Fischer arbeitete parallel detailliert in einer wissenschaftlichen Zeitschrift,
weiter, wenn er, begriffsgeschichtlich bewußt von
Stil- bis zu Sozialcharakteristika ausgreifend, als 3 1 5 FRITZ CREMER [Diskussionsbeitrag auf dem V. Kon­
Bestimmungen von Dekadenz »eine gespenstische greß des Verbandes Bildender Künstler Deutsch­
Erstarrung und Verdüsterung, ein Überhandneh­ lands] (1964) , in: G. Agde (Hg.), Kahlschlag. Das l 1 .
Plenum des Z K der SED 1965. Studien und Doku­
men des Grellen, Gräßlichen und Grotesken, eine
mente (Berlin 1991), 276 f.
Tendenz zum Masken- und Fratzenhaften, die 3 1 6 CREMER an Hermann Axen (z7. 1 2 . 1 965), in: ebd.,
Wirklichkeit als Angsttraum ohne Sinn und Ziel, 363.
das Gefühl einer zufälligen, nicht kausalen Aufein­ 3 1 7 STEPHAN HERMLIN, A n >Politiken< ( 1 964) , in:
Hermlin, Lektüre (Berlin/Weimar ' 1 975), 236, 256.
anderfolge der Ereignisse, das Auseinanderklaffen
3 1 8 FISCHER, Kunst und Koexistenz (Reinbek 1 966) ,
von Gesellschaft und Individuum, den Rückzug r 5 9 f.
aus einer als Chaos empfundenen Welt ins Enge«318 3 1 9 Zit. nach BARCK (s. Anm. 305), 3 3 7.
benannte. Hier wurde versucht, über einen neuen 320 Zit. nach AGDE (s. Anm. 3 1 5) , 1 40.
Umgang mit einem das Ästhetische überschreiten­ 321 ZDANOV, Vstupitel'naja rei:' i vystuplenie na sove­
seanii dejatelej sovetskoj muzyki v CK VKP(B) v
den Dekadenzbegriff Kulturpolitik zu verändern.
janvare 1948 (Moskau 1 952), 28; dt. : Über Kunst
Als Negativbestimmung blieb >Dekadenz< dabei und Wissenschaft (Berlin 1 9 5 1 ) , 76.
überall unangetastet. 322 Zit. nach AGDE (s. Anm. 3 l 5), 3 50.
40 Dekadent/Dekadenz

gab seinen Text dann 1 974 - fast zwanzig Jahre erfuhr« (204) . Gegen Nietzsche sprach Fühmann
nach den Versuchen des Aufbau-Verlags und für »die Kranken und die Schwachen, die Untypi­
Mayers - der DDR-Erstausgabe von Prousts Ro­ schen, die Unnormalen, die Homosexuellen, die
manzyklus als Einleitung bei, wandelte die dort Psychopathen, die Gescheiterten und Ruinierten«
gestellte Frage, ob man eine solche Literatur der ( 1 26) - und für Fadeev, der sich 1 9 5 6 das Leben
Dekadenz zurechnen solle, aber erst in einer bear­ genommen hatte: »Der Schuß schrieb ihn in seine
beiteten Fassung 1 978 in die Feststellung um, dies eigene Liste.« ( 1 87)
habe sich »inzwischen« als »einseitig« und »unpro­ Den sachlichen Nekrolog sprach der realsoziali­
duktiv« erwiesen.323 Hermlin erläuterte 1 966 den stischen Dekadenz-Abwehr 1995 Hans Mayer.
Lesern eines Reclam-Bändchens mit Gedichten »Der sich als Fortschritt deklarierende gesellschaft­
Georg Heyms, daß dessen »Irre, Mörder und Re­ liche Zustand entwickelt eine Theorie, die alles,
voltierende sich als Geschöpfe eines bei Verstande was ihn gefährden könnte, als Reaktion und Deka­
Gebliebenen«324 erwiesen hatten. Ein pfiffiger denz bezeichnet, und eben dadurch [ . . . ] sich selbst
Wirtschaftshistoriker nutzte sein Wissen, daß Pole­ als entartet, als Verfall, als Reaktion, als Inhumani­
miken gegen Fischer bei der Obrigkeit erwünscht tät darstellt.«327
waren, um diesem gerade die zitierten traditionell Der Satz gilt auch für die nichtsozialistischen
negativen Bestimmungen von Dekadenz zu ver­ Gegner von >Dekadenz<.
weisen und damit andere Adressaten »zur Überle­
gung, zur Differenzierung, zur Vorsicht im Ur­ Wolfgang Klein
teil«325 zu mahnen. Die Große Soujetenzyklopädie
beschrieb in ihrer 3 . Auflage 1 972 unter >deka­ Literatur
dentstvo< kurz und weitgehend sachlich eine ASHOLT, WOLFGANGIFÄHNDERS, WALTER (Hg.) , Fin de
Kunstströmung um I 9 00 . Der Abgrenzungsbegriff siede. Erzählungen, Gedichte, Essays (Stuttgart 1 993);
BAUER, ROGER, Nero de inferno levatus, in: Euphorion
>Dekadenz< verblich zunehmend in der genauen 66 ( 1 972) , 23 8-2 57; BAUER, ROGER, >DCcadence<. L'his­
Betrachtung der Gegenstände, die er bezeichnen toire d'un mot et d'une idee, in: Cahiers roumains d'etu­
sollte. des litteraires ( 1 978), H. 1, 5 5-'7 1 ; CALINES CU, MATE!,
Franz Fühmann hat l 9 82 beschrieben, was es Five Faces of Modernity. Modernism, Avant-Garde, De­
cadence, Kitsch, Postmodernism (Durham 1 987) ; CAR­
bedeutete, wenn j emanden der »Konflikt zwischen
TER, ALFRED EDWARD , The Idea of Decadence in
Dichtung und Doktrin« um das sozialistische Ver­ French Literature 1 8 3 0-1 900 (Toronto 1 9 5 8 ) : CHAUNU,
hältnis zur Dekadenz »existentieil«326 betraf, da er PIERRE, Histoire et decadence (Paris 1 9 8 1 ) ; CURTIUS ,
das Künstlersein - worin man »Menschentum Aller ERNST ROBERT, Entstehung und Wandlungen des Deka­
denzproblems in Frankreich, in: Internationale Monats­
schärfer und gnadenloser sieht« ( 1 86) ernst
-
schrift für Wissenschaft, Kunst und Technik 15 ( 1 920) ,
nahm. »Unlebbares Leben« (203) nannte er das H. 1-2, 1 47-1 66; DEMANDT, ALEXANDER, Der Fall
Trakls - den er verstanden habe, als er »ihn wieder Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil
der Nachwelt (München 1 984) ; DROST, WOLFGANG
(Hg.), Fortschrittsglaube und Dekadenzbewußtsein im
323 MANFRED NAUMANN, Prosa in Frankreich (Berlin Europa des 19. Jahrhunderts (Heidelberg 1 986) ; ERBE,
1 978), 2 3 3 ; vgl. NAUMANN, Studie über Proust, GÜNTER, Die verfemte Modeme. Die Auseinanderset­
in: Weimarer B eiträge ( 1 96 7 ) , H. 6 , 948 ; NAU­ zung mit dem >ModernismuS< in Kulturpolitik, Literatur­
MANN, Einleitung, in: M. Proust, Auf der Suche wissenschaft und Literatur der DDR (Opladen 1 993);
nach der verlorenen Zeit, übers. v. E . Rechel­ L'esprit de decadence, 2 Bde. (Paris 1 9801 ! 984) ; FAR­
Mertens, Bd. 1 (Berlin 1 9 74) , 5 3 . MER, ALBERT J „ Le mouvement esthetique et >decadent<
3 24 HERMLIN, Georg Heym (1 966), in: Hermlin (s. en Angleterre 1 873-1900 (Paris 193 l); FUCHS, STEFAN
Anm. 3 1 7) , 16. F . -J „ Dekadenz. Versuch zur ästhetischen Negativität im
3 2 5 JÜRGEN KUCZYNSKI, Die Dekadenz in der französi­ industriellen Zeitalter anhand von Texten aus dem fran­
schen schönen Literatur von 1 8 30 bis 1 870, in: Ku­ zösischen und englischen Fin de siede (Heidelberg
czynski, Gestalten nnd Werke (Berlin/Weimar 1 992) ; GEMBICKI, DIETER, Corruption, Oecadence, in:
1971), 3 3 6. R. Reichardt/H.-J. Lüsebrink (Hg.) , Handbuch poli­
326 FRANZ FÜHMANN, Vor Feuerschlünden. Erfahrung tisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1 680-1 820,
mit Georg Trakls Gedicht (Rostock 1 982) , 209. H. 1 4- 1 5 (München 1 993) , 7-60; HORSTMANN, ULRICH,
327 Neues Deutschland ( 1 8 . / 1 9. 2. 1 995), 1 3 . Ästhetizismus und Dekadenz. Zum Paradigmenkonflikt
Einleitung 41

in der englischen Literaturtheorie des späten 1 9 . Jahrhun­


Desi gn
derts (München 1983); KOPPEN, ERWIN, Dekadenter
Wagnerisrnus. Studien zur europäischen Literatur des Fin (engl. design, industrial design; frz. design,
de siede (Berlin/New York 1 973); KOSELLECK, REIN­ esthetique industrielle; ital. design, disegno
HARTIWIDMER, PAUL, Niedergang. Studien zu einem industriale; span. diseiio, diseiio industrial; russ.
geschichtlichen Thema (Stuttgart 1 9 80) ; LE RIDER, JAC­ .lll13at!H, xy.uo>KeCTBeHHOe KOHCYpy11poBaH11e,
QUES, Modernite viennoise et crises de l'identite (1990;
Paris ' I 994) ; LETHEVE, JACQUES, Le theme de Ja deca­ TeXHJ1qecKaH 3CTeTl1Ka)
dence dans les lettres frarn;aises a la fin du x1x� siede, in:
Revue d'histoire litteraire de Ja France ( I 963), H. l, 46- Einleitung; 1, 19, Jahrhundert: Dimensionen des
6 1 ; NYE, ROBERT A . , Crime, Madness, & Politics in Mo­ Dekorativen; I . Angewandte Kunst; 2. Industriekunst;
dem France. The Medical Concept of National Decline 3. Dekorative Kunst; II. Von der Jahrhundertwende
(Princeton 1984) ; PFISTER, MANFRED /SCHULTE-MIDDE­ bis 1914: Zwischen Kunst und Industrie;
LICH, BERND (Hg.) , Die >Nineties<. Das englische Fin de III. Von 1919 bis zum 2. Weltkrieg: Die Utopie
siede zwischen Dekadenz und Sozialkritik (München des Gestaltbaren, ihre Rezeption und Negation;
1983); PONNAU, GWENHAEL (Hg.) , Fins de siede. Terme IV. Von der Nachkriegszeit bis zum Ende der 6oer
- evoJution - revolution? (Toulouse 1 989); PRAZ, MA­ Jahre: Vom Leitbild Kunst zum Leitbild Wissen­
RIO, La carne, la morte e il diavolo nella letteratura ro­ schaft; V. Von den 7oer Jahren bis zur Gegenwart:
mantica (Mailand 1 930), dt. : Liebe, Tod und Teufel. Die Am Ende ist alles Design
schwarze Romantik, übers. v. L. Ruedigerl (München
1988); PYNSENT, ROBERT B. (Hg.), Decadence and Inno­
vation. Austro-Hungarian Life and Art at the Turn of the
Century (London I 989) ; SCHLOBACH, JOCHEN, Zyklen­
theorie und Epochenmetaphorik. Studien zur bildlichen Einleitung
Sprache der Geschichtsreflexion in Frankreich von der
Design geht auf das lat. designare zurück, das sich
Renaissance bis zur Frühaufklärung (München 1980);
STIERLE, KARLHEINZIWARNING, RAINER, Das Ende. Fi­ im ltal. zu disegnare verändert. Aus der ursprüngli­
guren einer Denkform (München 1 996) ; SWART, KOEN­ chen Bedeutung >bezeichnen< wird dabei auch die
RAAD w . , The Sense of Decadence in Nineteenth-Cen­ von >entwerfen< im unspezifischen Sinn von schöp­
tury France (Den Haag 1964) ; WIDMER, PAUL, Die ferischer Arbeit, aus dem sich im r 5. Jh. ein spezi­
unbequeme Realität. Studien zur Niedergangsthematik
in der Antike (Stuttgart 1983); WUTHENOW, RALPH­ fischer herausschält: eine Vorlage für später Herzu­
RAINER, Muse, Maske, Meduse. Europäischer Ästhetizis­ stellendes zu schaffen. Das heißt, der Entwurf
mus (Frankfurt a. M. 1 978). trennt sich von der Herstellung und kann später
und/ oder woanders wiederverwendet werden.
In den Wörtern, mit denen in der geschichtli­
chen Entwicklung der Begriff Design belegt wird,
spiegeln sich Prozesse gesellschaftlicher Arbeitstei­
lung und gleichzeitig Versuche, diese oder deren
Folgen zugunsten einer Gestaltung aufzuheben,
die sich nicht nur auf ein Objekt richtet. Mit »All
men are designers. All that we do, almost all the
time, is design, for design is basic to all human acti­
vity« 1 läßt Victor Papanek sein Buch Design for the
Real World (1971) beginnen. In der Soziologie exi­
stiert das Wort Existenzdesign, »worunter letztlich
die gesamte materielle Realität der Lebenswelt als

I VICTOR PAPANEK, Design for the Real World. Human


Ecology and Social Change ( 1 97 1 ; London 1985), 3 .
42 Design

Konstruktionsaufgabe«2 zu verstehen ist. Otl Ai­ (gegenüber dem Handwerk) führt gleichzeitig zu
cher hat eines seiner Bücher die weit als entwurf einer Au!Wertung des Disegno zu einem Prinzip
( r 99 r ) genannt, dagegen dominiert das Inszenato­ des Kreativen, vergleichbar der göttlichen Schöp­
rische den gegenwärtigen Designbegriff. Obgleich fung und Voraussetzung allen menschlichen Tuns
unterschiedlich motiviert, gehen damit Differen­ (als Plan, als geistige Grundlage) . Auf einer Ebene
zen zu den Begriffen Kunst, Plan, Arbeit oder Ma­ darunter ist damit das Prinzip der Naturnachah­
chen verloren. Und umgekehrt löst die Reduktion mung gemeint und auf der untersten Ebene
des Ästhetischen auf das Inszenatorische im gängi­ schließlich ein formales Prinzip, das den Gebrauch
gen Designverständnis den Verzicht auf das Wort der Linie bestimmt. Und in einer Nebenbedeu­
Design aus, das vor allem durch Gestaltung oder tung ist bereits das Inszenatorische enthalten. Di­
Entwurf und Entwerfen ersetzt wird. segno ist mit wechselnder Bedeutung geistiges und
Neben der Kunst spielen für den Designbegriff formales Prinzip, Prinzip des Entwerfens und des
die Beziehungen des Entwurfs zu Handwerk, In­ Ausführens, Prinzip des Erfindens und der Natur­
dustrie, Wissenschaft, Technik und Architektur nachahmung, der Ursprung von allem oder ein
eine wichtige Rolle. Im Gebrauch verschiedener Ideal. Seine Funktion reicht von der Kommunika­
Wörter zeigen sich Feme oder Nähe zur Kunst, tion zwischen Künstler und Auftraggeber über die
mitunter sogar Identität mit ihr. Im Ganzen der hi­ Nobilitierung von Kunst (gegenüber dem Hand­
storischen Entwicklung überwiegt jedoch eine werk) bis zur AufWertung des menschlichen Tuns
Entfernung von der Kunst. Design wird selbständig durch ein allgemeines Prinzip - des bis zur Wis­
und damit begriffen als eine andere Art von Ge­ senschaftlichkeit reichenden Vordenkens für ein
staltung - zum Teil der Kunst ähnlich in den (gestaltendes) Tun. Es verbindet so die Natur mit
Werkzeugen, anders in ihren Zielen und Funktio­ dem Werk, durch Disegno lassen sich Teile zu ei­
nen: Der Autonomie von Kunst stehen die Abhän­ ner Ganzheit verbinden, und als Wissenschaft - in
gigkeiten des Designs gegenüber. Das Anerkennen Form eines Regelwerks - verbindet es sich mit der
oder Abweisen des Andersartigen spiegelt sich im Kunst. Die Spanne von Bedeutungen und damit
Pendeln zwischen Ausdruck und praktischer die Vieldeutigkeit des Begriffs sind bis heute ge­
Funktion als jeweils primären Entwurfszielen. Sel­ blieben.
ten allerdings werden Genuß durch Ausdruck und Für die Au!Wertung des Disegno hat offenbar
Funktion zusammengedacht. die Gründung der Accademia del Disegno, die um
Als Disegno wird der Begriff, wie Wolfgang r 563 unter Giorgio Vasaris Einfluß in Florenz er­
Kemp nachgewiesen hat, Gegenstand definitori­ folgte, eine entscheidende Rolle gespielt. Sie gilt
scher Bemühungen während der zweiten Hälfte als Zeichen der Loslösung der Kunst vom Hand­
des 1 6 . Jh. in Florenz. Nach Kemp war nur in die­ werk. Disegno wird nobilitierte Vorarbeit für das
ser Zeit und nur an diesem Ort »das Prinzip Di­ eigene Werk, bis dahin war das Entwerfen offenbar
segno substantieller Bestandteil der Kunsttheorie«3. eher eine Dienstleistung von Künstlern für Hand­
Unter Kunst sind dabei Malerei, Plastik und Archi­ werker. Folgt man Bernd Meurer und Hartmut
tektur, bei Benvenuto Cellini auch Goldschmiede­ Vin1=on, haben seit dem l 5. Jh. Künstler exakt ver­
kunst zu verstehen. Die AufWertung von Kunst maßte Produktionsunterlagen für Handwerker an­
gefertigt und sind seit dem 1 6 . Jh. Musterbücher
von Künstlern bekannt, die als Entwerfer arbeite­
2 HERMANN KELLNER/FRIEDRICH HEUBERGER, Zur Ra­
ten, aber Künstler blieben.4 Bis zum 1 9 . Jh. ent­
tionalität der Postmoderne und ihrer Träger, in: H.-G.
Soeffner (Hg.), Kultur und Alltag. Soziale Welt (Göt­ wickelt sich, wenn auch langsam, diese Vorarbeit
tingen 1988). 234. für das fremde Werk. Sie erweitert das Funktions­
WOLFGANG KEMP, Disegno. Beiträge zur Geschichte spektrum des Gezeichneten und verengt es gleich­
des Begriffs zwischen 1 547 und 1 607, in: Marburger zeitig auf ein Mittel der instrumentellen Kommu­
Jahrbuch f. Kunstwiss. , Bd. 19 (Marburg 1 974) , 2 1 9.
nikation: Zeichnungen oder Ornamentstiche in
4 Vgl. HARTMUT VINyONIBERND MEURER, industrielle
Ästhetik. Zur Geschichte und Theorie der Gestaltung Muster- oder Vorlagebüchern dienen, sobald de­
(Gießen 1 9 8 3 ) , I I f. korative Wirkungen erwartet werden, als Arbeits-
Einleitung 43

grundlage für Handwerker, als Mittel der Koope­ der Nachkriegszeit (Marshallplan) , der medien­
ration zwischen ihnen, zur Verbreitung (höfischer) wirksamen Arbeit der Londoner Institution und
Vorbilder und als Mittel der Arbeitsorganisation in der Stilisierung von Loewys Buch zum Gestal­
Manufakturen. Ihre Urheber sind, nach Regionen tungsprogramm verbreiteten sich die Wörter De­
und Zeiten unterschiedlich, Handwerker, Archi­ sign und industrial design zunächst über die Indu­
tekten und Künstler, ehe durch die fortschreitende striestaaten und kehrten damit als latinisierte An­
industrielle Revolution im 19. Jh. die räumliche, glizismen auch in ihr Ursprungsland zurück.
zeitliche und personale Trennung von Entwurf Welche Konnotationen damit verbunden sein
und Ausführung zusammenkommen. Die Etablie­ konnten, hat Shutaro Mukai für Japan beschrieben:
rung des Entwurfs in einem besonderen Raum »Als das Wort >Design< (dezain) in dieser phoneti­
(den Ateliers als französisierenden Werkstätten) , in schen Schreibweise auftauchte, war es auch inso­
einer besonderen Zeit (vor der Produktion) und fern etwas völlig Neues, als es für Veränderung
durch besondere Entwerfer (Zeichner oder Mu­ stand, für einen revolutionären und optimistischen
sterzeichner) führt zur Thematisierung der damit Neubeginn nach dem Krieg.«6 Gegenüber der
verbundenen Probleme einerseits und der Hoff­ weltweiten Verbreitung von Design und industrial
nungen andererseits. Dabei ist die erste Weltaus­ design sowie deren angleichender Übersetzungen
stellung (London l 8 5 l ) Dreh- und Angelpunkt. (z. B. dem lautsprachlichen >dizain<) sind Ausnah­
Design verweist in der Regel auf eine Unter­ men auffällig. Im Russ. alternativ gebräuchliche
scheidung zur räumlichen Dimension von Archi­ Begriffe weisen einmal auf die Praxis des Entwer­
tektur, zum Konstruieren technischer Gebilde und fens (xy.!IO)l(eCTBeHHOe KOHCTpy11poBatt11e; chu­
zum Entwerfen im vormodernen Handwerk, und dozestvennoe konstruirovanie) , zum anderen auf
es bezieht sich auf Entstehen und Existenz dreidi­ dessen sprachlich vermittelte Grundlagen (TeXHJ.1-
mensionaler Gebrauchsgegenstände sowie - unter­ qecKaSI 3CTeTJ.1Ka; techniceskaja estetika) . Im
geordnet - zweidimensionaler Informationen, die Franz. existiert seit 195 1 bereits das Wort estheti­
mit (industrieller) Technik reproduzierbar sind. Im que industrielle.
Entwerfen von (komplexen) Erscheinungsbildern Die allmähliche Verdrängung nationalsprachli­
(corporate identities) sind allerdings solche Unter­ cher Ausdrücke durch den nunmehrigen Interna­
scheidungen zwischen Räumlichem, Technischem tionalismus verdeckt auch Gründe für deren Bil­
und Handwerklichem zugunsten eines umfassen­ dung. Zumindest in den sozialistischen Ländern,
den Designs wieder verwischt. und wahrscheinlich auch in Frankreich, beruhen
Der Gebrauch des Anglizismus Design über­ sie auf Distanzierung zu einem (amerikanischen)
deckt seine romanische Wortgeschichte. Der Du­ Anglizismus.
den. Das große Fremdwörterbuch ( 1 994) verfolgt den Auch die im Dt. kurze Geschichte von Design
Weg über ähnliche Wörter im Frz. bis zum lat. beginnt nach dem 2. Weltkrieg und folgt auf eine
Ursprung, nach Le Grand Robert de la Langue Fran­ längere Geschichte anderer Termini, in der sich
�aise ( 1 989) ist Design ein >mot anglais<, das zuerst fünf Phasen unterscheiden lassen, jeweils gekenn­
(im 1 7 . Jh.) einen >plan d'ouvrage d'art< bezeich­ zeichnet durch einen darzustellenden Paradigmen­
nete und dem franz. dessin entsprach. Nach der wechsel.
ital. Enciclopedia del Novecento (1 977) ist >disegno in­ Die erste Phase liegt im 19. Jh. Eine noch vom
dustriale< eine Übersetzung des angelsächsischen Handwerk geprägte Industrie bedient sich j ener
>industrial design<, das im Ital. ebenfalls benutzt Formen, die als Stilformen in der Kunst entwickelt
wird.
1 944 wurde in Großbritannien der Council of In­ Vgl. RAYMOND LOEWY, Never leave weil enough
dustrial Design gegründet, 195 1 veröffentlichte der alone (New York 1 9 5 1 ) ; dt. : Häßlichkeit verkauft sich
Industriedesigner Raymond Loewy in den USA schlecht, übers. v. H. A. Weseloh (Düsseldorf/New
York/Wien 1 9 5 3 ) .
seine Autobiographie, die bald nach ihrem Er­
6 Zit. nach KATHRYN BLOOM HIESINGER/FELICE
scheinen weltweit verbreitet worden ist.5 Wohl im FISCHER, Japanisches Design seit 1950 [Ausst.-Kat.]
Kontext des globalen amerikanischen Einflusses in (Tübingen/Berlin 1995), 26.
44 Design

worden sind. Der neue Kontext reduziert die For­ werfen von industriell reproduzierbaren Ge­
men aufs Dekorative. brauchsgegenständen, die sich auch für symboli­
Die zweite Phase liegt in der Zeit zwischen der schen Gebrauch eignen. Die folgende Darstellung
Jahrhundertwende und dem r . Weltkrieg. Je weiter konzentriert sich deshalb auf die damit verbunde­
die Integration von Kunst in die Industrie fort­ nen Wortbildungen, vor deren Hintergrund die
schreitet, desto mehr werden deren Funktionen historischen Veränderungen besonders deutlich er­
und Resultate problematisiert. scheinen.
Die dritte Phase liegt zwischen dem 1 . und 2 .
Weltkrieg. Während der 20er Jahre vollzieht sich
ein Paradigmenwechsel von Kunst zu Gestaltung
im Entwerfen, von Ausdruck zu praktischer Funk­ 1. I 9. Jahrhundert: Dimensionen des
tion in den Entwurfszielen, von Intuition zu wis­ Dekorativen
senschaftlicher Analyse in den Entwurfsgrundla­
gen. Diese Leistungen der gestaltenden Avantgarde Auf Design verweisen bereits im England der 3 oer
werden im Art deco modisch rezipiert, ehe die Be­ Jahre offizielle Dokumente, die Voraussetzungen
grifilichkeit im deutschen Faschismus auf andere für den Entwurf und die Produktion dekorativer
Prioritäten weist. Gegenstände betreffen, insbesondere die Ausbil­
Nach dem 2. Weltkrieg beginnt eine vierte dung von Zeichnern. 1 873 erscheinen die Principles
Phase. Zunächst bietet sich wieder Kunst, wenn sie of Decorative Design von Christopher Dresser, der
nicht figurativ ist, als Leitbild an. Aber es dauert als erster Designer gelten kann. Er entwarf für ma­
nicht lange, bis die Faszination von der wissen­ nufakturelle und industrielle Unternehmen der
schaftlich-technischen Revolution zu einem Para­ Glas-, Keramik-, Möbel-, Metall-, Textil-, Tape­
digmenwechsel führt. Neue Wissenschaften, wie ten- und Linoleumindustrie. Die Gravur >De­
Kybernetik, Semiotik, Konstruktionswissenschaft signed by C. D.< (oder ähnlich) auf den von ihm
und von den älteren die Soziologie, werden zu entworfenen Serienerzeugnissen weist historisch
Grundlagen des Entwerfens. zum ersten Mal eine Designleistung öffentlich aus.
Eine fünfte und bislang letzte Phase beginnt Für die Geschichte des Begriffs im 1 9 . Jh. sind
während der 7oer Jahre: Je mehr sich das Wort aber andere Wörter entscheidend, die den Höhe­
Design über die Fachsprache hinaus verbreitet, punkt ihrer Verbreitung in der zweiten Hälfte des
desto mehr lädt es sich mit immer neuen Bedeu­ 19. Jh. haben und fast ohne Ausnahme mit >Kunst<
tungen auf Dieser Vielfalt und definitorischen gebildet worden sind: angewandte Kunst (engl. ap­
Unschärfe entspricht ein Verlust von allgemeiner plied art; frz. arts appliques) , decorative, dekorative
Programmatik. Letztlich wird in der Spanne von Kunst (engl. decorative art; frz. art decoratif) , prak­
Designeruhr bis Designerdroge ein Feld abge­ tische Kunst (engl. practical art) , industrielle Kunst
steckt, das von der Mode bis zur Chemie reicht. oder Industriekunst (engl. arts industrial oder in­
Das Gemeinsame auf diesem Feld liegt im Künstli­ dustrial art; frz. art industriel, arts industriels) , Ge­
chen - künstlich sowohl im Sinne von gestylt, von werb(e)kunst, Kunstgewerbe (engl. art manufactu­
chemischer Synthese oder kosmetischen Verfahren res) , Werkkunst. Ihnen entsprechen als Pluralbil­
bis zur kosmetischen Chirurgie. Dies kann verall­ dungen die niederen oder geringeren Künste
gemeinernd für eine zunehmende Ästhetisierung (engl. lesser arts) , die kleinen oder technischen
bzw. Künstlichkeit aller Lebenszusammenhänge Künste. Der Plural begründet sich durch die ver­
stehen. schiedenen Zwecke (in der Bekleidung, im Wohn­
Während heute die Bedeutung von Design als haus, an Werkzeugen oder Transportmitteln) und
Prozeß bis zum menschlichen Tun allgemein durch die Unterschiede der verwendeten Materia­
reichen kann und Design als Resultat auch auf lien (z. B. Holz, Keramik, Metalle, Textilien) . Die
Unikate von Kunst und Handwerk verweist, ist französischen Begriffe >arts utiles< und >arts sociales<
der Kern, um den sich Bedeutungen historisch im Sinne einer Kunst, die sozial wird, indem sie
angelagert haben, das ästhetisch bestimmte Ent- »als >art dans tout et pour tous< - allen, wenn auch
!. 19. Jahrhundert: Dimensionen des Dekorativen 45

nicht für alle gleich (•s'ajuster a l'etat des classes dif­ spätes Zeugnis dafür liefert Heinrich Waentig. Auf
ferentes<) akzessibel gemacht werden<<" soll, wie der Suche nach Zeichen von Demokratisierung
Georg Maag unter Berufung auf Roger Marx8 schien ihm in den Kunstgewerbeausstellungen
schreibt, haben im Deutschen eine ungefähre Ent­ l 897 in München und Dresden, »als wolle nach
sprechung in den >nützlichen Künsten<, ein Wort, langer Trennung die hohe Kunst von ihrem
das nicht nur für Träger ästhetischen, sondern auch Throne wieder zum Volke herabsteigen und wie
für solche technischen Forrnierens verwendet ehemals auch das Alltagsleben bis in seine Tiefen
wird. Gegenüber den genannten erscheinen Zier­ durchdringen und befruchten«u
kunst und Werkkultur als seltener gebrauchte Dagegen sind Konkurrenzsituationen auf dem
Wörter. Weltmarkt Grundlage für eine andere, nämlich na­
Das Durchgängige von Kunst in den Begriffen tionalistische Interpretation des Kunsthaften von
verweist in verschiedenen Mischungen auf emanzi­ praktisch brauchbaren Gegenständen. In dem 1 875
patorische, demokratische, reformerische und na­ erschienenen Buch zur Wiener Weltausstellung
tionalistische Intentionen, besonders aber auf Ab­ von l 873 urteilt Jacob von Falke nach drei Maßstä­
satzstrategien in Richtung Weltmarkt. ben: der Fähigkeit zur Dekoration und zum Ver­
Unabhängig von den Mischungen ist den Inten­ mitteln von Stimmungen, der Nähe zur Renais­
tionen gemeinsam, daß arbeitsteilig Getrenntes sance und drittens der Feme zu französischen
wieder vereinigt werden soll. Seit Beginn des Vorbildern. Um vorn französischen Modediktat
l 9. Jh. wurden die Verluste nicht nur registriert, unabhängig zu sein, müsse das Kunstgewerbe in
sondern heftig beklagt. Mit der Autonomie der den deutschen Ländern zur Renaissance zurück,
freien Künste sei dem Handwerk die geistige Füh­ was heiße, französische Moden durch deutsche
rung verlorengegangen, es sei ins Schlepptau der Kunst zu ersetzen. Nach der Pariser Mode würden
wechselnden Moden geraten und werde außerdem sich, so Falke, nur noch Neureiche einrichten,
bedrängt durch niedrige Preise industrieller Mas­ während die Wohnung künstlerisch geworden
senprodukte, die sich als Schund herausstellen, sei. 12 Die französische Mode bleibt für die Re­
aber dekoriert sind. Solche Klagen, in denen an­ formwilligen in England und Deutschland ein zen­
satzweise bereits die warenästhetische Funktionie­ traler Bezugspunkt - sowohl als abzulehnendes
rung von Gestaltqualitäten reflektiert wird, kom­ Leitbild des Modischen wie auch als Verkörperung
men besonders aus England (Thomas Carlyle, John des Fremden, dem die eigene Geschichte gegen­
Ruskin, William Morris) , aber auch aus Deutsch­ überzustellen sei.
land und Frankreich. Aus den Reihen der Klagen­
den kommen auch Vorschläge zur Rettung.
In Frankreich schlossen sich reforrnwillige Ver­
treter des Kunstgewerbes l 864 mit dem Ziel zu­ 7 GEORG MAAG, Kunst und Industrie im Zeitalter der
sanunen, im Nützlichen das Schöne zu verwirkli­ ersten Weltausstellungen. Synchronische Analyse ei­
chen. 9 l 8 56 betitelte Leon de Laborde sein Buch, ner Epochenschwelle (München 1986) , 64.
Vgl. ROGER MARX, L'art social (Paris 1 9 I 3 ) .
in dem die Erfahrungen der Londoner Weltausstel­
9 Vgl. HEINRICH WAENTIG, Wirtschaft und Kunst.
lung verarbeitet sind, mit De / 'union des arts et de Eine Untersuchung über Geschichte und Theorie der
l'industrie. Karlheinz Barck sieht darin eine »Reha­ modernen Kunstgewerbebewegung Qena 1 909) , 1 5 5 ·
bilitierung des Zweckes und der Nützlichkeit« für I O KARLHElNZ BARCK, Kunst und Industrie bei Leon de
Laborde und Gottfried Semper. Differente Aspekte
die schönen Künste. Es »bedeutet so viel wie eine
der Reflexion eines epochengeschichtlichen Funkti­
Wiedervereinigung von Ästhetik und Technik in onswandels der Kunst, in: H. Pfeiffer/H. R. Jauß/F.
der Kunsttheorie« 10 Gaillard (Hg.) , Art social und art industriel. Funktio­
Besonders im Zusammenhang mit den Weltaus­ nen der Kunst im Zeitalter des Industrialismus (Mün­
stellungen und mit nationalen Kunstgewerbeaus­ chen I987) , 246.
I I WAENTIG (s. Anm. 9) , 3 .
stellungen gerät periodisch eine Kunst für den All­
1 2 Vgl. JACOB VON FALKE, Das Kunstgewerbe, in: C . v.
tag, und dabei besonders eine für die Unterprivile­ Lützow (Hg.), Kunst und Kunstgewerbe auf der Wie­
gierten, ins Blickfeld der Ö ffentlichkeit. Ein sehr ner Weltausstellung I 873 (Leipzig 1 875 ) , 42.
46 Design

Auch unabhängig von nationalistischen Inter­ wenden, Kunst applizieren, Kunst praktisch wer­
pretationen artikuliert sich in der Verwendung von den lassen) . - In >Kunstgewerbe<, >Industriekunst<
Kunst eine neue Erfahrung: Der schnelle Mode­ usw. wird die gewerbliche Ausführung eines künst­
wechsel wird, z . B . bei Ruskin, mit der Forderung lerischen Entwurfs betont, und es ist auffillig, daß
beantwortet, zur Kunst zurückzukehren. in der Benennung von Institutionen das Kunstge­
Zur Kunstgewerbebewegung gehört nicht nur werbe dominiert (Kunstgewerbemuseum, Kunst­
der Kampf gegen die Mode, sondern sie wird auch gewerbeschule, Kunstgewerbeausstellung, Kunst­
als Träger sozialer Reformen gesehen. Falke sieht gewerbeverein) . - Mit >dekorativer Kunst< werden
im Kunstgewerbe »auch eine eminent sociale Funktion bzw. Wirkung auf den Rezipienten ak­
[Frage] , insofern es sich bei ihr um Verschönerung zentuiert (dekorativ, zierend, ornamental) . Im fol­
unserer Umgebung, um Idealisierung des Lebens genden zu diesen Differenzierungen.
handelt« (4 1 ) . Später argumentiert dann Friedrich
Naumann, wer im Elend lebe, könne keine schö­
1. Angewandte Kunst
nen Dinge produzieren. Dies sei aber notwendig,
um die Konkurrenten auf dem Weltmarkt ausste­ Semper versteht darunter »Künste in ihrer Anwen­
chen zu können. 1 3 Das wirtschaftliche Ziel be­ dung auf das praktische Wissen« (66) als Töpfern
gründet den Ruf nach sozialen Reformen. für Keramik, Flechten, Spinnen und Weben für
Absatzstrategisch hat die Kunst im 1 9 . Jh. eine Textilien, Zimmern für den Hausbau mit Holz,
ähnliche Rolle gespielt wie heute Design oder De­ mit Stein das Mauern. Worauf Kunst angewandt
signer(möbel) . Die Worte weisen auf die warenäs­ wird, ist also die Verwandlung von Wissen in
thetische Funktionierung von seriellen Gebrauchs­ Technologie. Damit wird ein Zusammenhang zwi­
gegenständen. Die Industrie bewirkt, daß es zu schen Kunst und Gebrauchsgüterproduktion her­
viele davon gibt. Sie werden geschmückt und zu gestellt, der nach den Proklamationen von Gewer­
distinktiven Funktionen hergerichtet, weil sie ab­ befreiheit zunehmend als gelöst beklagt worden ist.
gesetzt werden sollen. »Schon zeigt es sich, daß die Gewerbefreiheit bedeutete objektiv Wahlfreiheit
Erfindungen nicht mehr, wie früher, Mittel sind der Stile, subjektiv eine Verunsicherung für die
zur Abwehr der Not und zum Genusse; vielmehr Handwerker. Waren sie bisher höfischen Vorbil­
sind die Not und der Genuß Absatzmittel für die dern und berufsständischen Regeln gefolgt, ver­
Erfindungen. Die Ordnung der Dinge hat sich größerten zunächst Archäologie und seit der
umgekehrt.« 14 Jahrhundermitte auch Ethnographie das Formen­
In der Betonung der Kunst liegt auch die Inten­ repertoire und verbreiteten neue Reproduktions­
tion, industrielle Produkte durch Kunst aufzuwer­ techniken dessen Kenntnis. Über das 1 9 . Jh. hin­
ten, die nicht auf Kunst, sondern auf Mechanisie­ weg nahmen Maß- und Maßstablosigkeit der Or­
rung von Arbeit, Dequalifizierung der Arbeiter namentation in dem Maße zu, wie die Kenntnis
und dem Seriencharakter der Produkte beruhen. ihrer ursprünglichen Bedeutung verlorenging. Um
Es ist auffillig, daß die mit Kunst verbundenen Be­ dem abzuhelfen, erschienen seit Beginn des 1 9 . Jh.
griffe meist synonym gebraucht worden sind, ob­ in England Vorbildsammlungen, in denen die hi­
wohl sie Unterschiedliches akzentuieren. storische Orientierung für die industrielle Ferti­
Der Begriff •angewandte Kunst< betont den gung übernommen wurde. Früheste Publikation
künstlerischen Charakter des Entwurfs (Kunst an- solcher Art in Preußen sind die Vorbilder für Fabri­
kanten und Handwerker von Schinkel, die zwischen
1 3 Vgl. FRIEDRICH NAUMANN, Deutsche Gewerbekunst 1 82 1 und 1 8 3 7 von der Königlich-technischen Depu­
(Berlin 1908), J l ff u. 46. tation ji1r Gewerbe herausgegeben worden sind. Sie
14 GOTTFRIED SEMPER, Wissenschaft, Industrie und enthalten Vorbilder für Gebäude, Gerätschaften
Kunst. Vorschläge zur Anregung nationalen Kulturge­ und Gefäße sowie für Textilien, denen die klassizi­
fühls ( 1 8 52), in: Semper, Wissenschaft, Industrie und
stische Prägung gemeinsam ist. Indem Schinkel die
Kunst und andere Schriften über Architektur, Kunst­
handwerk und Kunstunterricht, hg. v. H. M. Wingler Formen des Immobilen auf Mobiles übertrug, be­
(Mainz/Berlin 1 966) , 3 I . festigte er die Abhängigkeit der neuen Produzen-
!. 19. Jahrhundert: Dimensionen des Dekorativen 47

ten von der Architektur. Die Fabrikanten und storisch weiterhin gültig, weil sich ihr Zweck nicht
Handwerker wurden in ihrem praktischen, d. h. ändert, die Modifikationen ergeben sich durch re­
hier funktionalen Denken delegitimiert und in ih­ gionale Unterschiede in Gestalt von Klima, Mate­
rer stilistischen Ohnmacht bestärkt, während die rialien, Fertigkeiten usw. Angewandte Kunst hat
Architekten in ebensolcher Kompetenz bestärkt nun die Aufgabe, wieder zu den Urformen und ih­
wurden. Im Vorwort von Peter C. W Beuth, dem ren Modifikationen zurückzukehren, aber vorher
entscheidenden Förderer des preußischen Gewer­ ist Zersetzungsarbeit zu leisten. Noch das abge­
bes, heißt es 1 8 30: »Der Fabrikant und Handwer­ schmackteste Kunstgewerbe erhält dabei seine hi­
ker aber soll, wir wiederholen es, sich nicht verlei­ storische Aufgabe mit der »Zersetzung traditionel­
ten lassen, selbst zu komponiren, sondern fleissig, ler Typen durch ihre ornamentale Behandlung« 17 .
treu und mit Geschmack nachahmen.« 1 5 Aus die­
sen didaktischen Werken wurden in der zweiten
2. Industriekunst
Jahrhunderthälfte die Ornamentsammlungen und
Formenschätze aller Stile und Zeiten. Sie zeigten Industriekunst als Praxis des Entwerfens für die In­
den Übergang von der (geforderten) Stileinheit dustrie ist verbunden mit der Kunstindustrie (frz.
zum Stilpluralismus bis zum Mischstil oder ge­ industrie artistique) als Praxis des Ausführens von
mischten Stil in einem Werk: von jedem das (ver­ Entwürfen.
meintlich) Beste. Wenn im Wort Industrie das Ausführen betont
Versuche von Orientierungen und Reformen ist, muß im 19. Jh. damit noch nicht die maschi­
hatten schon im England des ausgehenden 1 8 . Jh. nelle Herstellung einer Ware gemeint sein, und das
begonnen. Aber sie blieben singulär, und den einzelne Erzeugnis muß noch nicht Teil einer Serie
Schulgründungen, Kommissions- und Vereinsbil­ sein. Industrie wird sowohl in herkömmlicher Be­
dungen, der Integration des Kunstgewerbeunter­ deutung als Gewerbefleiß als auch bereits in neuer
richts in die Berufsausbildung in England wie auf als Gewerbetätigkeit verstanden. Fleiß bezeichnet
dem Kontinent war sämtlich kein dauerhafter Er­ in diesem Sinne das Erzeugen von Gebrauchsgü­
folg beschieden. Noch r 894 konstatierte Bertha tern allgemein. Sie können in der sogenannten
Zuckerkand! für Ö sterreich: »Eine moderne Lite­ Hausindustrie sowohl für den Eigenbedarf herge­
r atu r hätte n wir; eine moderne Kunst auch; nur stellt werden als auch für den Verkauf bestimmt
eine moderne Kunst-Industrie fehlt ganz.« 16 sein. Gewerbetätigkeit dagegen ist Tätigkeit für
Mit der ersten Weltausstellung von l 8 5 l erhiel­ den Markt und Industriekunst eine Kunst für den
ten die singulären Bestrebungen eine neue Aktua­ Markt.
lität durch die globale Veranschaulichung babylo­ Wenn Semper die Geschichte des Bauens nicht
nischer Stilverwirrung. Sempers Text Wissenschaft, mit architektonischen, sondern kunstindustriellen
Industrie und Kunst, für reformwillige Kräfte in Formen (dem Herd, der Umzäunung, dem Wet­
England bestimmt, reagierte noch im gleichen Jahr terschutz) beginnen läßt, ist das eine historische
darauf: Die Industrie steht im Zentrum, flankiert AufWertung der Kunstindustrie gegenüber der
von Wissenschaft und Kunst, die sie integrieren >Mutter der Künste<. Diese Formen ermöglichten
soll. Semper schlägt darin vor, was Gegenstand der das Seßhaftwerden durch Bildung eines bewohn-
kunstgewerblichen Reformbewegung geworden
ist: Museen und Schulen zu gründen, um durch
Erziehung, Geschmacksbildung und Mustersamm­
1 5 PETER c. w. BEUTH, Vorwort ( 1 8 3 0) , in: K. F. Schin­
lung den Widerspruch zwischen der Fülle indu­ kel, Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, hg.
strieller Möglichkeiten und dem Mangel an sub­ v. der Königl.-technischen Deputation für Gewerbe
j ektivem Vermögen zu deren Aneignung zu lösen. (Berlin ' 1 863), V
Denn die Industrie hat, so Semper, einen seit Ur­ 16 BERTHA ZUCKERKANDL , Modernes Kunstgewerbe
( 1 8 94) , in: G. Wunberg (Hg.) , Die Wiener Moderne.
zeiten wirksamen Zusammenhang zwischen weni­
Literatur, Kunst und Musik zwischen 1 890 und 1 9 ! 0
gen Urformen und zahlreichen Modifikationen (Stuttgart 1 984) , 1 77.
aufgelöst. Die Urformen bleiben nach Semper hi- 1 7 SEMPER (s. Anm. 1 4) , 42.
48 Design

baren Raumes. Nach heutigem Sprachgebrauch als Organ von Werktätigkeit - ist Adressat der de­
könnte man sagen: Am Anfang war das Design. korativen Kunst.
In ihrer Rolle zur Befriedigung praktischer Be­ Nach Carl H. Terne ist der >Zeichner< der erste,
dürfnisse begreift Semper Industriekunst als ge­ der als Entwerfer für die Industrie arbeitet, indem
schichtliches Phänomen. Weil diese Befriedigung er Dessins entwirft, weshalb er auch im Deutschen
über den Markt erfolgt, erwartet er von ihren Lei­ Dessinateur genannt werde. 1 9 Später werden die
stungen allgemein akzeptierbare, typische und Musterzeichner, die in Zeichen- und Kunstgewer­
nicht individuelle Formen: Sie haben einerseits der beschulen ausgebildet worden sind, mit Spott und
Anonymität der potentiellen Kunden zu entspre­ Verachtung übergossen, weil sie dreifach abhängig
chen und sind andererseits begründet durch den sind - von der Geschichte, deren Stile sie kopieren,
Zweck, die Zweckbestimmung oder einfach die von den Künstlern, deren Entwürfe sie ausführen,
Bestimmung. Solche Wörter stehen für das später und von den Fabrikanten, von denen sie als orna­
benutzte Wort von der > (praktischen) Funktion< mentierende Lohnarbeiter bezahlt werden. 20
und sind in ihrer Betonung als Gegensätze zum Alle am Entwurf Beteiligten haben jedoch eine
Ornament, zu dessen nur dekorativer Funktion zu Gemeinsamkeit: Sie wissen wenig von den zu be­
sehen. Ästhetik ist bei Semper unmittelbar mit Ar­ arbeitenden Materialien sowie den möglichen
beit für Lebensnotwendiges verbunden. Das erklärt Technologien, und sie reflektieren kaum die po­
seinen neuen Begriff >praktische Ästhetik< 18 . tentielle Funktion der zu entwerfenden Dinge.
Diese Musterzeichner repräsentieren eine Auffas­
sung, in der das Dekorative als Ziel gesehen wird.
3. Dekorative Kunst
Dem steht eine andere Auffassung gegenüber, in
Die Wortverbindung deutet auf das für den Ge­ der das Dekorative als Folge gesehen wird. Bei
brauch nicht Notwendige, das Freude an der Ar­ William Morris kann die dekorative Wirkung nur
beit und einen Überschuß an Kraft Ausdrückende. Resultat einer Arbeit sein, die unabhängig geleistet
Seine Orte hat es am Körper, in dessen Bekleidung wird, nicht in einen Prozeß der Profitmaximierung
und Schmuck, am Gerät (vom Eßbesteck über den integriert und nicht arbeitsteilig organisiert ist. Die
>beweglichen Hausrat< bis zu Fahrzeugen und Waf­ Freude, mit der sie getan wird, drückt sich im De­
fen) , im Raum des Wohnens und der Repräsenta­ korativen aus: »The decoration of workmanship,
tion. Seinen Ausdruck findet es im Ornament. Das what is it but the expression of man's pleasure in
heißt, nicht der Zusammenhang von Funktion successful labour?« Gleichzeitig soll das Dekorative
und Gestalt steht im Zentrum der Aufinerksam­ auf die Geschichte und auf die Natur verweisen -
keit, sondern der zwischen Gestalt und Ornament. auf die Geschichte, wenn das Dekorative nicht nur
Ziel der angewandten Kunst ist nicht ein Mehr an schmücken, sondern Kämpfe der Vergangenheit
Komfort und Bequemlichkeit, sondern ein Mehr zeichenhaft in den Alltag holen soll: » For should
an Augenschmaus, das Auge - und nicht die Hand not these memories also be a part of our daily
life?«; auf die Natur durch »forms and intricacies
that do not necessarily imitate nature, but in which
1 8 Vgl. SEMPER, Der Stil in den technischen und tekto­
nischen Künsten oder Praktische Ästhetik, 2 Bde. the hand of the craftsman is guided to work in the
(München 1 860/ 1 863). way that she does, till the web, the cup, or the
1 9 Vgl. CARL H . TERNE, Form und Farbe, ihre hohe Be­ knife, look as natural, nay as lovely, as the green
deutung für die Industrie (Chemnitz 1 8 39) .
field, the river bank, or the mountain flint« 21 .
20 Vgl. WERNER SOMBART, Probleme des Kunstgewer­
bes in der Gegenwart, in: Die neue Rnndschan 1 8 Die ästhetische Sphäre wurde von Morris ar­
( 1 907) , 5 1 3-536. beitsorganisatorisch als ungeteilte Arbeit bestimmt.
2 1 WILLIAM MORRIS, The lesser Arts (1 877) , in: Morris, Diese war in Werkstätten auf dem Lande lokalisiert
Collected Works, hg. v. M. Morris, Bd. 22 (London und zeigte sich stoffiich in Produkten, deren
1 9 1 4) , 2 3 , 8 u. 5; dt. : Die geringeren Künste, in:
Schmuck die Natur zum Vorbild hatte. In Relation
Morris, Kunst und die Schönheit der Erde. Vier Vor­
träge über Ästhetik, übers. v. J. Pätzold (Berlin 1 986) , zum Üblichen waren sie einfacher, aber ihre Preise
7-43 . entsprachen denen von Luxusprodukten. Die
II. Von der Jahrhundertwende bis 1 9 14: Zwischen Kunst und Industrie 49

Würde des Arbeiters, die Freude an der Arbeit und durch die Aufhebung der Arbeitsteilung bestimmt
die Wiederkehr des Handwerks waren also nur um und waren Bezugspunkte deshalb Romanik und
den Preis von Luxusprodukten zu erhalten. Gotik, ist Laos an Geschichte allgemein interes­
siert, weil er in ihr eine jahrhundertelange Arbeit
an Gebrauchstypen sah, die schon im alten Ägyp­
ten oder bei Chippendale im England des l 8. Jh.
II. Von der Jahrhundertwende bis 1 9 1 4 : abgeschlossen sein konnte. Den Umbruch durch
Zwischen Kunst und Industrie die Industrie nahm er - bis auf Ausnahmen -
kaum zur Kenntnis.
Bei Morris gibt es schon den Entwerfer, der Die Betonung von Gebrauchsformen folgte aus
gleichzeitig auch Handwerker ist, nämlich ihn der Betonung dekorierter Formen im Kunstge­
selbst; seine Handwerker sind - entgegen seiner werbe, was Karl Kraus zu der Bemerkung veran­
Programmatik - Ausführende. Adolf Loos dagegen laßte: »Der Verschweinung des praktischen Lebens
sieht vor der Jahrhundertwende Entwurfskompe­ durch das Ornament, wie sie der gute Amerikaner
tenz weder bei den Vertretern der Kunstgewerbe­ AdolfLoos nachweist, entspricht die Durchsetzung
bewegung noch bei Künstlern und Architekten, des Journalismus mit Geistelementen.« 23 Ein Spiel­
von Musterzeichnern gar nicht zu reden, sondern raum, der durch die deutliche Trennung von Ge­
ausschließlich bei den Handwerkern, die er auffor­ genständen symbolischen und praktischen Ge­
dert, in einer jahrhundertelang geübten, aber im brauchs bezeichnet ist. Betonen Loos und Kraus
1 9 . Jh. ignorierten Praxis fortzufahren: nicht Or­ den Gebrauchsgegenstand, verteidigt Georg Sim­
namente und Formen zu erfinden, sondern For­ mel die Automie der Kunst mit der Ablehnung des
men zu kopieren oder zu modifizieren, die sich Kunsthaften im Gebrauchsgegenstand: »Auf einem
seit vielen Generationen im Gebrauch bewähren. Kunstwerk zu sitzen, mit einem Kunstwerk zu
Die Beziehung zwischen wenigen Urformen und hantieren, ein Kunstwerk für die Bedürfnisse der
zahlreichen Modifikationen bei Semper ist von Praxis zu gebrauchen - das ist wie Menschenfresse­
Loos in einen Angriff gegen die Kunstgewerbebe­ rei, die Entwürdigung des Herrn zum Sklaven.« 24
wegung gewendet worden: Einen Sattlermeister Simmel beharrt nicht nur auf dem Selbstzweck der
läßt er zum akademisch gebildeten Vertreter des Kunst, sondern benennt im weiteren mit dem In­
Kunstgewerbes sagen: »Wenn ich so wenig vom dividualismus eine Quelle für den Gebrauch des
pferd, vom reiten, von der arbeit und vom leder Begriffs Kunst. Dieser Gebrauch ist nicht nur im
verstünde wie sie, hätte ich auch ihre phantasie.« 22 1 9 . Jh„ sondern in wiederkehrenden Wellen bis
Der Kompetenz aus praktischer und historischer zur Gegenwart zu beobachten, und dafür ist die
Erfahrung steht die Formphantasie als bloß indivi­ Erklärung von Individualismus nicht ausreichend:
duelle Erfindung, fern von Arbeit, Funktion und Wenn in der medial vermittelten Hierarchie ästhe­
Material gegenüber. Loos lehnt nicht, wie immer tisch formierender Disziplinen Kunst an der Spitze
wieder zu lesen ist, die Ornamente überhaupt ab, steht, und das ist selten anders, drängt es auch Ar­
er lehnt nur das Erfinden neuer ab, nicht das Ko­ chitekten als Baukünstler und ebenso Gestalter von
pieren alter. Aber dennoch ist Geschichte für ihn Werkzeugen aller Art dorthin. Dagegen hatte Her­
kein Schatz an Ornamenten, sondern ein Reser­ mann Muthesius schon 1 902 formuliert: »Das Heil
voir überlieferter (auch vergessener) Archetypen und die Hoffnung der Zukunft liegt darin, in der
des Gebrauchs. Das Ornament, bei ihm synonym
für die Werke der Kunstgewerbebewegung, ist für 22 ADOLF LOOS, Josef Veillich (1 929) , in: Loos, Trotz­
Loos historisch funktionslos geworden. In der dem. 1 900-1930 (Wien 1982), 2 1 6 .
Kunst einerseits und im nicht mehr dekorierten 23 KARL KRAUS, Heine und die Folgen ( 1 9 1 l ) , in: Kraus,
(wertvollen) Material andererseits sieht er die Ge­ Ausgew. Werke, hg. v. K. Krolop, Bd. l (Berlin
1 977) , 293 .
nußpotentiale seiner Zeit.
24 GEORG SlMMEL , Das Problem des Stiles ( 1 908), in:
War die besonders im englischen Arts and Crafts Simmel, Gesamtausgabe, Bd. 812, hg. v. A. Cavalli/V
Movement propagierte Rückkehr zum Handwerk Krecht (Frankfurt a. M. 1 993), 3 79.
50 Design

Begriffsverbindung Kunstgewerbe die >Kunst< zu werkliche Serie) und Industriekunst (industrielle


überwinden und auf anständige gewerbliche Lei­ Serie) unterschieden. Betont wurde in der Kon­
stungen zu kommen.« 2 5 sumtion die >soziale Frage< und in der Produktion
Mit Loos, Kraus, Simmel, Muthesius und ande­ die Rolle des Ingenieurs. In ihm personifizierte
ren exponierten Vertretern der Modeme ist das sich sach- und nicht schmuckbezogenes Entwer­
Trennende von Kunst und Gewerbe, Kunstobjekt fen. >Sachlichkeit< wurde zu einem Gegenbegriff
und Werkzeug thematisiert worden. Das hieß die von Stil einerseits und Mode andererseits.
Absage an Autonomie im Namen des Dienenden Der seit der Reichsgründung zunehmende Ekel
und Zweckhaften, an Individuelles zugunsten des des Bildungsbürgertums vor industriellem Kitsch
Allgemeinen, die Absage an Subjektives gegenüber und historischem Eklektizismus für die Bedürfnisse
dem Obj ektiven, an die Dominanz von ästheti­ der Neureichen hatte Programme, Aufklärungs­
schem Genuß, der durch praktischen Gebrauch er­ schriften und Ratgeber für das Wohnen hervorge­
setzt wird. Die Thematisierung solcher Polaritäten bracht, die sich auf Semper stützten, in den orna­
wird sich wiederholen. mentlosen Werken der Ingenieure Vorbilder sahen
Zwischen 1 907 und 1 9 1 4 ist der Deutsche Werk­ und die Entleerung der Kunst im Ornament des
bund (DWB) , auch international, das institutionelle industriellen Jugendstils beklagten. Der Architekt
Zentrum, in dem das Verhältnis von Kunst und Muthesius gehörte zu den Protagonisten des Para­
Gewerbe diskutiert wird. Die Werkbundmitglieder dign1enwechsels. Er hatte die Entwicklung in Eng­
- Architekten, Künstler, Unternehmen der Indu­ land verfolgt, also dort, wo sie am fortgeschritten­
strie, des Handwerks und des Handels, Publizisten, sten war, und er beschreibt sie gegensätzlich zum
Museumsdirektoren - werden Träger eines Para­ Kontinent als kontinuierliche Entwicklung bürger­
digmenwechsels: nicht mehr zurück zum Hand­ licher Gegenständlichkeit, bei Möbelentwerfern
werk, sondern vorwärts zur Industrie. Historisch und Möbeltischlern im 1 8 . Jh. (Chippendale,
erstmalig ist das industriell Produzierte Gegenstand Hipplewhite, Sheraton) beginnend und sich bis
von Reformbemühungen, gefolgt von dessen Ver­ zum Arts and Crafts ]\1ovement seit den 6oer Jahren
mittlung durch Verpackungen, Schaufenster, Kauf­ des 1 9 . Jh. fortsetzend. Nach Muthesius erschöpft
häuser usw. Werkbundstreit und der Ausbruch des sich der industrielle Jugendstil im äußerlich Orna­
r . Weltkrieges beenden l 9 l 4 die erste Phase des mentalen und ist das Werk der Musterzeichner, die
Werkbundes und damit auch dessen internationale Werke der Ingenieure dagegen - Maschinen, Oze­
Vorreiterrolle. andampfer, Bahnhofshallen, Kraftwerke usw. -
Der Werkbundgründung war seit den Jahren um sind schmuck- und traditionslos, aber nicht sprach­
die Jahrhundertwende eine Fülle kunstgewerbli­ los, denn sie »erzählen am deutlichsten von dem
cher Programme und Pamphlete - besonders von Zuge unserer Zeit«. Dies ist der zivilisatorische
späteren Werkbundmitgliedern - vorausgegangen, Zug zu größerer Einfachheit, die das Zeremonielle
in denen sich der Paradigmenwechsel abgezeichnet verdrängt. Im Wort Sachkunst ist diese Tendenz
hatte. Damit kam nach industriellen Konzentrati­ betont. Muthesius zufolge kursierte dieses Wort
onsprozessen die Massenproduktion in der kunst­ nach der Jahrhundertwende und verwies auf
gewerblichen Diskussion an. Gegenüber dem all­ scheinbar objektive Formen als »sozusagen mathe­
gemeinen Sprachgebrauch (besonders im Kunstge­ matische Verkörperung der Nützlichkeit«. Dage­
werbe) wurde im Werkbund deutlicher zwischen gen betont er, es sei weder möglich noch wün­
Kunsthandwerk (Unikat), Kunstgewerbe (hand- schenswert, das Individuelle beim »tektonischen
Gestalten« 26 zu eliminieren.
25 HERMANN MUTHESIUS, Stilarchitektur und Baukunst. Wort und Polemik belegen eine Thematisierung
Wandlungen der Architektur und der gewerblichen der Künstlerindividualität, die doppelt bedroht ist:
Künste im neunzehnten Jahrhundert und ihr heutiger durch die Entwicklung der Arbeitsteilung und
Standpunkt (Mülheim a. d. Ruhr ' 1 903), 64.
durch die Aufwertung des Zwecks gegenüber dem
26 MUTHESIUS, Die moderne Umbildung unserer ästhe­
tischen Anschauungen ( 1 904) , in: Muthesius, Kultur Ausdruck im ästhetischen Formieren von Gegen­
und Kunst Oena 1 909) , 46 u. 73 . ständen des praktischen Gebrauchs.
II. Von der Jahrhundertwende bis 1 9 1 4 : Zwischen Kunst und Industrie 5r

Die bedrohte Individualität des Künstlers führt löst den Typisierungsstreit aus, in dem zwei Frak­
1 9 1 4 zum sogenannten Typisierungsstreit. Er tionen einander gegenüberstehen: die der soge­
bringt die Entwicklung seit dem Ende der Stilsu­ nannten Künstler (Henri C. van de Velde) und die
che, ob historisch oder im Jugendstil, auf den der sogenannten Industriellen (Muthesius). Nicht
Punkt. In dieser Entwicklung war der Begriff mehr Qualität oder Form, sondern Typ ist das
>Kunstgewerbe< durch den übergeordneten >Werk­ Schlag- und Streitwort. Qualität richtete sich im
kunst< ersetzt worden. In ihm haben Raumkunst, Verständnis der Künstler zunächst an einen kleinen
Gerätekunst und Baukunst Platz. So betont dieser Kreis von Kennern und war damit exklusiv, ebenso
Begriff Gemeinsamkeiten im Gestalten von Raum die Form als Selbstausdruck des Künstlers; im Typ
und Gegenstand, Unikat und Serienprodukt, dagegen ist nicht individuelle Verschiedenheit in
Handwerk und Industrie. >Werkkunst< rettet das werkkünstlerischen Unikaten betont, sondern
Kunstgewerbe in seiner Kleindimensioniertheit >Stapelware< gemeint, die zur Einheitlichkeit ihrer
durch Integration in größere Zusammenhänge. In Gestalt tendiert, weil sie praktische und ästhetische
dieser Entwicklung wurde zuerst >Qualität<, später Bedürfuisse befriedigt, die international zuneh­
auch >Form< zu Schlagwort und Ziel. Mit Qualität mend gleichartig werden.
sind zwischen 1 907 und 1 9 1 1 vor allem Material, Muthesius reagierte damit auf die Entwicklung
Technologie und Zweck als Potential für Formen des Marktes zum Weltmarkt. Er begründete den
betont worden, danach war es auch das individu­ Typ als deutsche Form von internationaler Wir­
elle Vermögen zur Formung. Man sprach zuerst kung mit dem nationalen Interesse am Export und
von der >Veredelung<, später von der >Duchgeisti­ provozierte so Ablehnung bei van de Velde und
gung< der gewerblichen Arbeit. Wurden mit >Ver­ den anderen >Künstlern<. Gleichzeitig mit der Ab­
edelung< die objektiven, so mit >Durchgeistigung< lehnung j eglichen wirtschaftlichen Pragmatismus
die subjektiven Formdeterminanten betont. In der ignorierten diese eine historische Entwicklung: Sie
Veredelung - und darin besteht die historische Lei­ sahen sich in der historischen Kontinuität des Er­
stung - tritt an die Stelle des Ornaments die Profa­ findens von Formen, nicht in der Kontinuität der
nität von Materialien, Technologien und Zwek­ Mitarbeit an Formen, die arbeitsteilig entstehen -
ken. Sie werden nobilitiert, indem sie für den äs­ historisch in der Abfolge von Generationen, aktu­
thetischen Genuß durch Anschauung als nicht ell im kontinuierlichen Verbessern und Vervoll­
mehr zu gering erachtet werden. Sie selbst müssen kommnen von Industrieprodukten in >Fabrik- und
veredelt werden, aber bedürfen dazu weder der Konstruktionsbetrieben<. Während im damaligen
Ornamente noch der Stilformen. Im später verall­ Verständnis eines Stils die Einheit der Formen be­
gemeinernden Begriff >Materialästhetik< ist die äs­ tont ist, betont der Typ die Einheit von Funktio­
thetische Konzentration auf den Werkstoff und nen, die den Formen zugrunde liegen. Muthesius
seine Verarbeitung zusammengefaßt: Sie ist nicht beschrieb das am Beispiel der Architektur im Be­
mehr eine Ästhetik des Stils (in seinen Schmuck­ griff der >täglichen Lebensbedürfuisse<, die ihrer
formen) und noch nicht eine Ästhetik der Zwecke Vervollkommnung zum Typ zugrunde liegen.
(Funktionen) , selbst wenn zum Credo des Entwer­ Nach Muthesius besteht die Schwierigkeit darin,
fens auch Zweckgerechtheit gehört. Dagegen das >Besondere, Persönliche und Aparte< nicht als
wendet sich die spätere Forderung nach Durchgei­ das Außerordentliche, sondern als das Ordentliche,
stigung der gewerblichen Arbeit prononciert gegen also innerhalb des Typs zu vergegenständlichen.
alles Mechanische und Aufgeklebte, denn das Gei­ Muthesius und die >Künstler< sahen jeweils an­
stige besteht in der Fähigkeit zu Formen, die nicht ders auf die Dimension der Zeit: Für die Künstler
nur Oberfläche sind, sondern Wesentliches auszu­ ist sie eine Folge von Schöpfungen und Erfindun­
drücken vermögen. Dazu ist nur der Künstler in gen, die unendlich ist und zu immer neuen Ganz­
der Lage. Mit der Durchgeistig ung der gewerblichen heiten von Formen führt, für Muthesius ist sie
Arbeit hatte selbst Muthesius 1 9 1 2 noch dessen In­ endlich im Weg von tastenden Entwürfen zu ei­
dividualität betont. nem Typ als Inbegriff von Vollkommenheit. Das
1 9 1 4 steht er auf der anderen Seite. Sein Vortrag hatte schon Loos so gedacht.
52 Design

Und beide Fraktionen sahen anders auf den III. Von 1 9 1 9 bis zum 2 . Weltkrieg:
Raum: Für die Künstler bleibt er noch ästhetisch Die Utopie des Gestaltbaren,
konkret faßbar im räumlichen Gesamtkunstwerk ihre Rezeption und Negation
aus der Hand eines Künstlers, bei Muthesius
könnte man höchstens von einem globalen Raum Mit Muthesius und einigen wenigen anderen hatte
sprechen - als einem Produktions-, Zirkulations­ den >Künstlern< eine Haltung gegenübergestanden,
und Gebrauchsraum, der zur Einheitlichkeit ten­ für die es damals noch keinen bündigen Begriff
diert. Und schließlich sahen sie anders auf die Tei­ gab. Mit >Gestaltung< kann das Gemeinte erst in
lung der Arbeit. Für die Künstler ist sie kein den 20er Jahren bezeichnet werden.
Thema, weil Vollendung der Form für sie Zeichen Wie es gleichzeitig üblich wird, nicht mehr von
individueller Vollendung ist; für die >Industriellen< Architektur, sondern von Bauen zu sprechen, um
beruht der Typ auf praktischer Erfahrung im Her­ das Organisieren von Grundrissen statt das Entwer­
stellen und Gebrauchen, die über die individuelle fen von Fassaden zu betonen, werden mit Gestal­
bis zu j ener von Generationen reicht. Die Form in tung j etzt Bedeutungen des Gesetzmäßigen, des
ihrer höchsten Ausprägung als Typ stellt sich durch Objektiven, Wissenschaftlichen, des Begründbaren
praktische Erfahrung des Individuums und die so­ allgemein, ebenso Bedeutungen des Kooperativen,
ziale von Generationen her. Deshalb bleibt die des Prozeßhaften, der Aufhebung von Arbeitstei­
Quelle des Typs anonym, während die Form einen lung, der Abwendung von Individualismus und
Urheber hat. Der Typ hat neben sich verwandte Autonomieanspruch sowie Ziele transportiert, die
Gestaltqualitäten, während die Form besonders das einzelne in einen umfassenden Zusammenhang
und herausgehoben ist. stellen: »So beginnt das Ringen einzelner um eine
Muthesius zog seine Thesen zurück, und die Gestaltung der Gesetzmässigkeit des Lebens aus
>Künstler< gewannen in diesem Streit. Ihr Verständ­ elementaren Verhältnissen. « 27 Im Versuch, das Be­
nis reichte bis zur Verantwortung ftir die dienende sondere von Gestaltung zu benennen, sind zum
Funktion alltäglich benutzter Dinge, aber sie be­ Teil solche Bedeutungen bereits 1921 bei Paul
standen gleichzeitig auf der Autonomie von Kunst Klee angelegt: »Die Lehre von der Gestaltung be­
und schufen so einen Konflikt zwischen Bedin­ faßt sich mit den Wegen, die zur Gestalt (bzw.
gungen des Entwerfens und Bedingungen des Be­ Form) führen. Es ist die Lehre von der Form, je­
nutzens, der innerhalb der Kunst nicht mehr auf­ doch mit Betonung der dahin führenden Wege.
lösbar war, weil einmal das entwerfende und zum Das Wort Gestaltung charakterisiert das eben Ge­
anderen das benutzende Subjekt akzentuiert sagte durch seine Endung. >Formlehre<, wie es
wurde, einmal das Recht auf individuelle Formfin­ meist heißt, berücksichtigt nicht die Betonung der
dung und einmal der Bedarf an praktischer Funkti­ Voraussetzungen und der Wege dahin. [ . . . ] Gestal­
onserfüllung durch Obj ekte. Im Typisierungsstreit tungslehre knüpft in ihrem weiten Sinne außerdem
konnte die praktische Funktion nicht mit dem äs­ deutlich an den Begriff der zugrundeliegenden
thetischen Formieren als freier Tätigkeit vermittelt Voraussetzungen einer gewissen Beweglichkeit an
werden. Das Verhältnis von individueller Freiheit und ist darum umso eher vorzuziehen. >Gestalt<
und sozialer Verantwortung hatte seine problema­ (gegenüber Form) besagt außerdem etwas Leben­
tischen Seiten gezeigt. digeres. Gestalt ist mehr eine Form mit zugrunde­
liegenden lebendigen Funktionen. Sozusagen
Funktion aus Funktionen. Die Funktionen sind
rein geistiger Natur. Bedarf nach Ausdruck liegt
zugrunde. Jede Äußerung der Funktion muß
27 IV AN CJCHOLD, Die neue Gestaltung, in: Typogra­ zwingend begründet sein.« 28
phische Mitteilungen. Sonderheft >Elementare Typo­ Was Klee hier für die Kunst begründet, kann
graphie< 22 ( 1 925), 1 9 3 .
Bedeutung für das Bauen und das Design durch
28 PAUL KLEE, Der Begriff der Gestaltung ( 1 92 1 /22) , in:
M. Schneider (Hg.) , Information über Gestalt die Betonung des Funktionalen und Begründba-
(Braunschweig/Wiesbaden 1 986) , 29.
III. Von 1 9 1 9 bis zum 2. Weltkrieg: Die Utopie des Gestaltbaren, ihre Rezeption und Negation 53

ren, des Prozeßhaften und Lebendigen erhalten, dämmernde Erkenntnis der Einheit aller Dinge
dabei werden die Funktionen praktisch. und Erscheinungen bringt aller menschlichen Ge­
Im Unterschied zu art decoratif und art indu­ staltungsarbeit einen gemeinsamen, tief in uns
striel im Französischen wird >Kunstgewerbe< in der selbst beruhenden Sinn. Nichts besteht mehr an
Fachsprache nur noch untergeordnet oder pejora­ sich, jedes Gebilde wird zum Gleichnis eines Ge­
tiv benutzt, nicht so allerdings im Alltag und in dankens, der aus uns zur Gestaltung drängt, jede
Lexika, wo es sich noch Jahrzehnte als Oberbe­ Arbeit zur Manifestation unseres inneren We­
griff hält. Pejorativ erscheint das Wort, wenn im sens.« 3 1
»architektonischen Kunstgewerbe [ . . . ] alles We­ Was Gropius in Weimar ausspricht, gehört - mit
sentliche, jede innere Sicherheit« aufgelöst ist, Modifikationen - zu den gemeinsamen Grundla­
wenn für den Architekten >>die persönliche Form gen der gestaltenden Avantgarde in Europa: die
Mittelpunkt der Arbeit - statt der Sache, Erschei­ Einheit der Welt und damit ihre Gestaltbarkeit zu
nung [der Fassade - d. Verf.] - statt der Aufgabe« 29 betonen und im Wechsel von Kunst zu Gestaltung
ist. Und direkt auf das Kunstgewerbe bezogen, die Autonomie zugunsten von Integration aufzu­
muß >>diese nur zeichnende und malende Welt der geben.
Musterzeichner und Kunstgewerbler [ . . . ] endlich Ihre Zentren hat die Avantgarde in Deutschland
wieder eine bauende werden«. Diese Forderung am Bauhaus, das nach seinem Umzug ab 1 92 5 in
aus dem Bauhausprogramm steht in einem Kon­ Dessau als Hochschule für Gestaltung firmiert, im
text, der nicht nur das Kunstgewerbe der Werk­ Frankfurter und Berliner >Neuen Bauen< in städti­
kunst, sondern diese der Baukunst unterordnet. scher Regie, in Holland im Umkreis von De Stijl,
Baukunst wird durch Trennung von den Bereichen in Frankreich um L' Esprit Nouveau, in Rußland
der Werkkunst, zu denen sie im Werkbundver­ am Moskauer Institut chudozestvennoj kul'tury (IN­
ständnis noch gehörte, diesen gegenüber heraus­ CHUK) und an den dortigen Vyssle chudozest­
gehoben. >>Das letzte, wenn auch ferne Ziel des venno-techniceskie masterskie (WCHUTEMAS) .
Bauhauses ist das Einheitskunstwerk - der große Was an Gemeinsamkeiten zwischen den Trägern
Bau -, in dem es keine Grenze gibt zwischen mo­ der Avantgarde besteht, drückt sich in einem be­
numentaler und dekorativer Kunst.« Als Werk >>or­ sonderen Verständnis des Verhältnisses von Teil
ganischen Gestaltens« entspringt dessen »vielglied­ u n d Ganzem, Sichtbarem und Unsichtbarem, Sub­
rige Gestalt« dem »Mit- und Ineinanderwirken jektivem und Obj ektivem aus, was die Objekte der
aller Werkleute« in der Werkstatt. Hier ist bereits Gestaltung und, in einem Paradigmenwechsel, was
eine Bedeutung angelegt, in der dieser Bau Teil ei­ die Aufgaben der Gestaltung betrifft.
nes größeren ist: >>Wollen, erdenken, erschaffen wir Nach Piet Mondrian sind die Architekten auch
gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles Entwerfer von Gebrauchsgegenständen, denn Ar­
in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik chitektur umfaßt bei ihm »unsere gesamte, nicht
und Malerei, der aus Millionen Händen der Hand­ natürliche Umgebung« 32 . Deren Objekte sind in
werker einst in den Himmel steigen wird als kri­ ein ideelles und unendlich gedachtes Raumgitter
stallines Sinnbild eines neuen kommenden Glau­
bens.« 30 Hier verschwimmen die Grenzen zwi­ 29 ADOLF BEHNE, Die deutsche Baukunst seit l 8 50
schen dem Gebauten und der künstlichen Umwelt ( 1 922), in: H. Ochs/A. Behne (Hg.) , Architekturkri­
insgesamt. tik in der Zeit und über die Zeit hinaus. Texte 1 9 1 3-
Noch tastend entwickelt sich im Umkreis von 1 948 (Basel/Berlin/Boston 1 994) , 1 00 u. l 14.
3 0 WALTER GROPIUS, Programm des Staatlichen Bau­
Gestalt und Gestaltung ein übergreifendes Pro­ hauses in Weimar ( 1 9 1 9) , in: H. M. Wingler, Das
gramm, dessen Bezugspunkt nicht kleiner als die Bauhaus (Bramsche 1 968), 39.
Welt ist: »Das alte dualistische Weltbild, das Ich - 3 1 GROPIUS, Idee und Aufbau des Staatlichen Bauhauses,

im Gegensatz zum All - ist im Verblassen, die Ge­ in: K. Nierendorf (Hg.) , Staatliches Bauhaus Weimar
1 9 1 <J-1 923 (Weimar/München 1923), 7.
danken an eine neue Welteinheit, die den absolu­
32 PIET MONDRIAN, Neue Gestaltung. Neoplastizisrnus.
ten Ausgleich aller gegensätzlichen Spannungen in Nieuwe Beelding, übers. v. M. Burchartz u. R. F.
sich birgt, taucht an seiner Statt auf. Diese neu auf- Hartogh (1925; Mainz/Berlin 1 974) , 54.
54 Design

von horizontal-vertikaler Struktur einschreibbar. charakteristischen Auffassung von Komplexität, in


Wie bei Gropius sind die gegensätzlichen Span­ der einzelne Gegenstände die Rolle von Elemen­
nungen in ihm harmonisch ausgeglichen. Der ten spielen, und dies in verschiedener Bedeutung:
rechte Winkel ist also nicht stilistisch begründbar, Ihnen liegen elementare Bedürfuisse zugrunde, als
sondern folgt aus dem universellen Anspruch der Obj ekte sind sie nicht weiter zu vereinfachen (um
Gestaltenden und aus dem allgemeinen Geltungs­ sie nicht nur rationell produzieren, sondern auch
anspruch von Architektur mit ihren horizontal­ rationell benutzen zu können) , in dieser Einfach­
vertikalen Gebilden. Auf die Beziehung zwischen heit sind sie leicht verstehbar, und schließlich sind
Subj ekten und Obj ekten übertragen, heißt harmo­ sie Elemente in einer höheren Ordnung, die real
nischer Ausgleich nach Mondrian, der historischen beim Haus beginnt und im Geistigen wie Kosmi­
Übermacht des Subjektiven, Individuellen und schen endet.
Natürlichen durch die Suche nach dem Obj ekti­ Solche Prinzipien des Gestaltens konnten sich nur
ven, Universellen und Geistigen zu begegnen. So auf der Basis eines mehrfachen Paradigmenwech­
erklären sich Gestaltqualitäten, die typisch sowie sels entwickeln: in den Entwurfszielen von der
zeitlos und auf elementare Formen rückführbar Form zur Funktion, in den Entwurfsgrundlagen
sein sollen. von der Kunst zur Wissenschaft, in der Entwurßar­
Die >elementare Gestaltung<, das Entwerfen mit beit vorn individuellen Arbeiten zur Kooperation,
typografischem Material aus dem Setzkasten (und in den Entwurfsaufgaben von der Villa zur Miet­
nur aus ihm) , zeigt anschaulich, was allgemein für wohnung, von der >Raumkunst< zur Rationalisie­
das Gestalten von der Fläche bis zum Raum gilt: rung der Hausarbeit, vorn handwerklichen Unikat
die Suche nach Elementen, die, wie in der Medi­ (oder der exklusiven Kleinserie) zum industriellen
zin, >reiner Wirkstoff< sind, die, wie in der Chemie, Massenprodukt, von der Buchkunst zur Reklame.
zu einem System gehören und deren Existenz das Dafür im folgenden Belege.
Wirken gleicher Gesetze zwischen Mikro- und Entwurfsziele: Die mit Kunst behafteten Wö r t e r
Makrokosmos anzeigt. Um Kreis, Quadrat und für Design verweisen sowohl auf den Ursprung ei­
Dreieck in ihrer allgemeinen Gestaltungspotenz nes Objekts (auf die ihr zugrundeliegende Künst­
zu begründen, zeigt Johannes Itten rnikrofotogra­ lerindividualität und auf das Modell freier Arbeit)
fische Aufnahmen, und sein Kommentar verweist als auch auf das Ziel (in Gestalt einer individuellen
indirekt auf antike Quellen sowie auf Leonardo da und originellen Form) . Gestaltung verweist im
Vinci. 33 An Elementarformen wird geschätzt, was Verständnis der zoer Jahre vor allem auf das außer­
man als dreifache Ö konomie des Erzeugens, Wahr­ ästhetische Ziel einer (praktischen) Funktion oder
nehmens und Wirkens bezeichnen kann. auf das Leben allgemein, denen die Form zu die­
Für den Entwurf von Gebrauchsgegenständen nen hat. In diesem Sinne ist Adolf Behne zu ver­
findet das allgemeine Programm der Avantgarde stehen, der den Ausgang des Typisierungsstreits im
seinen konkreten Ausdruck in der Suche nach Deutschen Werkbund als einen - letzten - Sieg der
dem >Typ< . Er ist einfach, ihm liegen auf seiten der Form über die Gestaltung bezeichnet hat. 34
Konsumenten gleichartige Bedürfnisse zugrunde, Und Ludwig Mies van der Rohe schrieb über
denen auf seiten der Produktion die >typenschaf­ Architektur: »Form als Ziel mündet immer in For­
fende Maschine< entspricht. malismus. [ . . ] Wir werten nicht das Resultat, son­
.

Die Einfachheit des Typs korrespondiert dabei dern den Ansatz des Gestaltungsprozesses. Gerade
mit j ener für das Selbstverständnis der Avantgarde dieser zeigt, ob vorn Leben her die Form gefunden
wurde oder um ihrer selbst willen.« 35
3 3 Vgl. JOHANNES ITTEN, Elemente der Bildenden Entwurfsgrundlagen: Von den Zielen werden
Kunst ( I 930; Ravensburg I980) , 2 6 f. die Grundlagen geprägt. Analyse ist an die Stelle
3 4 Vgl. BEHNE ( s . Anm. 29) , 1 1 8 . von Intuition getreten, elementare und allgemeine
3 5 LUDWIG MIES V A N D E R ROHE, Über die Form i n der
Architektur ( I 927) , in: U. Conrads, Programme und
Formen an die von Handschrift und stilistischen
Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts (Gü­ Mustern. Die Gründung des Gestaltens bei Gro­
tersloh/Berlin/München 1 9 7 1 ) , 96. pius auf >Wesensforschung< und bei Hannes Meyer
III. Von 1 9 1 9 bis zum 2. Weltkrieg: Die Utopie des Gestaltbaren, ihre Rezeption und Negation 55

auf >Funktionsanalysen< zeigt mit >Forschung< und kennbar, von der das frühe Design in den USA als
>Analysen< eine Annäherung an wissenschaftliche Styling geprägt worden ist. 3 8
Arbeitsmethoden, wie sie sich in den Naturwissen­ Die Beziehung des Entwerfers von Gebrauchs­
schaften entwickelt hatten. Dabei mag, wie der gegenständen znm Ingenieur ist allerdings nicht
Gebrauch von >Gestaltung< vermuten läßt, auch nur eine der Verwandtschaft im Exakten und Ob­
Christian von Ehrenfels eine Rolle gespielt haben: jektivierbaren, sondern auch eine der Abgrenzung,
Innerhalb der von ihm so genannten >Gestalttheo­ weil dieser Ingenieur für arbeitsteilig begrenztes
rie< hatte er durch die Begriffe >Gestalt<, >Gestalt­ Entwerfen steht. Im Unterschied zum Ingenieur
qualitäten< und vor allem durch den Aufsatz Höhe hat nach Mart Stam der (hier noch so bezeichnete)
und Reinheit der Gestalt ( 1 9 1 6) schwer objektivier­ Künstler »den großen organischen Zusammenhang
bare Qualitäten faßbar gemacht. So stellte er in zu begreifen, der alle Dinge aus ihrem Zustand als
diesem Aufsatz insbesondere die Beziehungen von Einzelobjekt löst und sie in j ene Gesamtheit von
Ordnungsgraden und Komplexität in der Gestalt Gesetzen ein- und unterordnet, die das Weltall be­
dar. herrscht« 39 . Verläßt der Künstler auf diese Weise
Der Paradigmenwechsel von der Kunst zur Wis­ die arbeitsteilige Beschänkung, um sich einer uni­
senschaft ist aber nicht nur über Einflüsse aus Geo­ versellen Gesetzmäßigkeit zu unterwerfen, betonte
metrie, Gestaltpsychologie, Chemie, Physik und Laszlo Moholy-Nagy die Freiheit des Gestalten­
Biologie transportiert worden, sondern auch über den: »das gestalterische problem setzt erst da ein,
rationelle Methoden in der industriellen Fertigung wo die freiheit beginnt, wo die von uns überseh­
und ihren Vorstufen: Gestaltbarkeit hat Vorausset­ bare funktion nicht mehr oder noch nicht restlos
zungen in der Erkennbarkeit von Gesetzmäßigkei­ die gestalt bestimmt.« 40 Objektiv ist dies ein ge­
ten, die man im Konstruieren erfüllt sah. staltloser Raum, subjektiv ein Spielraum, der die
Entwurfsarbeit: Es gab in den 20er Jahren noch Existenz des Gestalters erst begründet.
keine verbreitete Bezeichnung für den späteren Entwurfsaufgaben: Gestalten meint in einem
Designer, weil seine Gestaltungsaufgaben in Eu­ übergreifenden Sinn das Leben selbst, sein Kern ist
ropa noch der Architektur angehörten, und Archi­ aber das Banen. »bauen bedeutet gestalten von le­
tekten entwarfen Gegenstände, weil die Arbeitstei­ bensvorgängen« 41 , formuliert Gropius, und Hannes
lung noch nicht bis zur Trennung von Raum und Meyer schreibt: »bauen heisst die überlegte organi­
Gegenstand fortgeschritten war. Gropius sprach sation von lebensvorgängen« . Solcherart >Organisa­
1925 einfach von einem »neuen, bisher nicht vor­ tion< hat einen Organismus (nicht eine Institution)
handenen Typ von Mitarbeitern für Industrie und zum Ziel, dessen Teile in einem reibungsarmen
Handwerk« und im gleichen Text von »Modell­ Spiel aufeinander bezogen sind: Organisation ist als
konstrukteuren« 36 . Bezeichnungen wie >Modell­ Methode »soziale, technische, ökonomische, psy-
konstrukteur< oder auch >Gestaltungsingenieur<
blieben vereinzelt37 , ebenso die Bezeichnung >inie­
ner-chudoznik< auf Diplomen von 1 929 der ersten 36 GROPIUS, Grundsätze der Bauhausproduktion ( 1 925),
in: Gropius, Neue Arbeiten der Bauhauswerkstätten,
ausgebildeten Designer in der Sowjetunion. Wäh­
hg. v. H. M. Wingler (Mainz/Berlin 1 9 8 1 ) , 7.
rend in Europa die Nähe zu einer verwissenschaft­ 37 Vgl. LASZLO MOHOLY-NAGY, fotografie ist lichtge­
lichten Vorarbeit in der Produktion betont wird, staltung, in: Bauhaus. Dessau 2 ( 1 928), H. 4, 5 .
verweisen davon abweichende Bezeichnungen auf 3 8 Vgl. RICHARD G U Y WILSON, >Dynamos waren schö­
ner als Perlen<. Das Maschinenzeitalter in den USA
den Warencharakter von industriell reproduzierten
1 9 1 0-1945, in: A. Schönberger (Hg.) , Raymond
Entwürfen. Zwar verwandte nach Richard G. Loev.)'. Pionier des Amerikanischen Industriedesigns
Wilson der zur ersten Designergeneration in den (München 1 990) , 72.
USA gehörende Norman B. Geddes 1 927 erstmals 3 9 MART STAM, Kollektive Gestaltung, in: ABC l (1 924)
das Wort Industriedesigner (industrial designer) , [unpag.] .
40 MOHOLY-NAGY, Von Material zu Architektur (1 929;
aber es wurde noch lange flankiert von den Syno­
Mainz/Berlin r 968), 69.
nymen >Verpacker<, >Verkaufsingenieur< oder >Wer­ 41 GROPIUS, systematische vorarbeit für rationellen
beberater<. Es wird damit j ene Warenästhetik er- wohnungsbau, in: Bauhaus. Dessau r (1927) , H. 2, r f.
56 Design

chische organisation« 42 . >Organisation< steht für das die den Alltag der Lohnabhängigen betreffen.
Funktionieren einer Gestalt in Lebensprozessen, Wenn die Wohnung nicht mehr als Stilleben oder
nicht für den Ausdruck von entwerfender Subj ek­ atmosphärisch gesehen und bis zum Gesamtkunst­
tivität, und Organismus assoziiert gegenüber der werk gesteigert wird, sondern eine »mietbare Ra­
Räumlichkeit eines Baues oder dem Inszenatori­ tion« sein soll, wenn das Hausgerät »seine Funktio­
schen eines Gesamtkunstwerkes etwas Veränderba­ nen praktisch erfüllen, haltbar, billig und >schön<
res, Lebendiges, das nicht der Spontaneität folgt, sein« 45 soll, dann erklären sich deren Gestaltqualitä­
sondern naturgesetzlich determiniert ist. Mit >Or­ ten nur aus einer Beziehung von Produktions- und
ganisation< werden gleichzeitig die Beziehungen Gebrauchsökonomie, nicht mehr aus den Bedin­
zum Ästhetischen gelöst, das im damaligen Ver­ gungen des symbolischen Konsums. Letztendlich
ständnis als Formales gilt, und es werden damit besteht das Gestaltungsziel also darin, die Räume
auch j ene Fäden zerschnitten, die wieder zur Kunst und Gegenstände von ihren Distinktionsfunktio­
hätten hinführen können. Das Verständnis von Or­ nen zu befreien. Nur innerhalb dieser utopischen
ganisation zeigt sich besonders deutlich in der Dimension ist auffindbar, was historisch früher mit
deutschen Übertragung eines russischen anonymen Kunstgewerbe und später mit Design bezeichnet
Programms der Konstntktivisten aus dem Jahre I 9 2 5 , wird.
i n der außerdem Konstruktion und Gestaltung Nach Mitte der 20er Jahre vollzieht sich ein
gleichgesetzt sind: »Die Konstniktion (die Gestal­ Prozeß der oberflächlichen, weil formalen Rezep­
tung) ist eine bis zum Äussersten gehende, for­ tion der Avantgarde, verbunden mit einer Domi­
mende Tätigkeit: die Organisation des Materi­ nanzverschiebung von praktischer Funktion zu
als. « 43 technisch-moderner Erscheinung bei Gebrauchs­
Die Komplexität eines Organismus war 1 9 1 9 gegenständen. Dieser Prozeß im Übergang von
noch vorstellbar als Einheitskunstwerk, als Gesamt­ den 20er zu den 3 oer Jahren ist im Art deco vollen­
kunstwerk oder bloß als Bau. In den folgenden det. Gegenüber verbreiteten Auffassungen wird
Jahren verflüchtigt sich die >Kunst<, es bleibt der hier Art deco nicht als Mischstil aus wechselnden
Bau, während sich das Gesamtkunstwerk zum Anteilen von Versatzstücken moderner Kunst, re­
»Gesamtwerk (Leben)« 44 wandelt, wie es Moholy­ formierten Kunstgewerbes und archäologischen
Nagy ausdrückt. oder exotischen Fundstücken verstanden, sondern
Damit erweitert sich in den 20er Jahren die Be­ als formale Rezeptionsform der gestaltenden
deutung von >Gestaltung< von einer zunächst Avantgarde. Art deco beginnt demnach dort, wo
räumlichen Dimension (dem Bau) zu einer raum­ man sich industrieller Formen und Materialien
zeitlichen Dimension von Funktion und von dieser bedient, um deren dekoratives Potential auszu­
zum Leben selbst. >Gestaltung< wird also zu einem schöpfen. Dazu bedarf es der Avantgarde, deren
Begriff, der um so mehr einen utopischen Gehalt Erfahrungen neu interpretiert werden: An den
transportiert, je weiter das Feld des Gestaltbaren modernen Materialien interessiert weniger ihre
und dessen Kontext gesehen werden. Design ist potentielle Leistung als vielmehr ihre effektvolle
diesen Dimensionen eingeordnet, solange es zum Erscheinung. So wird Glas nicht wie bisher wegen
Programm der gestaltenden Avantgarde gehörte. seiner Transparenz geschätzt, sondern wegen seiner
Damit entfaltet sich Utopisches auch dort, wo es farbigen und plastischen Potenzen. Metall ist nicht
am wenigsten zu erwarten ist: in Gestaltungszielen, mehr Werkstoff filigraner Konstruktionen, sondern
glänzender Oberflächen, in denen sich die neuen
Ströme künstlichen Lichts reflektieren. Und Geo­
42 HANNES MEYER, bauen, in: Bauhaus. Dessau 2 metrie ist kein Mittel des Ordnens, sondern des
( 1 928), H. 4, 1 3 . Inszenierens von Materialfülle und Expressivität.
43 Programm der Konstruktivisten, in: C ichold (s. Anm. Art deco begegnet dem utopischen Potential der
27) , 1 97.
Avantgarde mit einem Angebot von Distinktions­
44 MOHOLY-NAGY, Malerei, Fotographie, Film (1927;
Mainz/Berlin 1 967) , 1 5 . formen, verwandelt so Leistungen der Modeme in
4 5 GROPIUS (s. Anm. 3 6) , 5 . eine Mode und läßt sie damit dort ankommen, wo
III. Von 1 9 1 9 bis zum 2. Weltkrieg: Die Utopie des Gestaltbaren, ihre Rezeption und Negation 57

sich Traditionen a m längsten z u halten pflegen: im nungen, die der deutsche Faschismus vorfindet. Er
Luxus oder in dessen Symbolformen. kann beide nicht brauchen, die >Neue Sachlichkeit<
Art deco, eine Wortschöpfung aus dem Jahre nicht wegen des Mangels an Heimatverbundenheit
1 966, geht auf den Gattungsbegriff >!es arts decora­ und Rassenzugehörigkeit, das >Neue Bauen< und
tifs< zurück, weil dieser 1 92 5 zum Titel einer Aus­ >Neue Gestalten< nicht, weil bei beiden angeblich
stellung in Paris gehörte (Exposition internationale noch eine >kulturbolschewistische< Orientierung
des arts decoratifS et industriels modernes) . Mit der hinzukommt.
wortwörtlichen und inhaltlichen Verkürzung zu Das Design stand gegenüber der Architektur
Art deco verwandelt sich der Gattungsbegriff zu nicht im Zentrum des ideologischen Interesses der
einem, der - je nach Standpunkt - einen dekorati­ deutschen Faschisten. Worte aus den Bereichen
ven Stil oder auch eine (wiederkehrende) Mode des Ethischen und Ästhetischen, die in seinem
bezeichnet. Historisch bedeutet Art deco eine Kontext benutzt worden sind, zeigen aber, daß
Rückkehr zur Kontinuität seit dem 19. Jh. - so­ man sie mit neuen Bedeutungen aufgeladen oder
wohl mit der Betonung von Dekorativität und zu neuen Wortgebilden kombiniert hat, um sie
Form als auch mit der von Kunst und Handwerk -, ideologisch umfunktionieren zu können. So sind
inhaltlich signalisiert er, daß Formen des Rationa­ die Worte Schönheit und Arbeit im Eigennamen
len und Rationellen so verändert werden, daß sie Amt Schönheit der Arbeit miteinander verbunden.
als Zeichen von Luxus und Verschwendung dienen Das Wort Schönheit als Indiz für nicht entfremdete
können. Verhältnisse suggeriert die Aufhebung der Ent­
Das historische Zentrum des Art deco lag in Pa­ fremdung an ihrer Quelle durch Verschönerung
ris, demgegenüber gewann der von Le Corbusier der gegenständlichen und räumlichen Bedingun­
inspirierte Esprit Nouveau in Frankreich nicht die gen von Arbeit. Nach Chup Friemert betrieben
Resonanz der gestaltenden Avantgarde in Deutsch­ die Amtswalter der Schönheit eine Ästhetisie­
land, sondern wurde - was an gefallig vermitteln­ rungspolitik, die auf »betrieblicher Ebene die >Ge­
den Formen zu sehen ist - eher noch von Art deco meinschaftsarbeit< und auf gesamtstaatlicher Ebene
beeinflußt. Die bauende Avantgarde hatte sich die >nationale Arbeit< erfahrbar und erlebbar« 46 ma­
1928 international im Congres International d'Archi­ chen sollte. Ähnlich integrierend sollten Begriffe
tecture Moderne (CIAM) zusammengeschlossen, die wirken, die gleichzeitig durch das mitdenkbare
produktgestaltende schloß sich ein Jahr später na­ Gegenteil zu drohen vermochten: Formen der
tional in Frankreich in der Union des Artistes Moder­ Einfachheit, des Schlichten, des Zweckmäßigen
nes zusammen. Hier ist also noch der Künstler mit und der Würde galten als deutsch, gesund, boden­
dem Begriff >modern< gekoppelt, der dem deut­ ständig, natürlich, sauber und ehrlich und wurden
schen >neu< im >Neuen Gestalten< entspricht. Die so mit völkischer Ideologie verbunden; modische
in den 20er Jahren verbreitete Hinzufügung von oder - am vermeintlich unpassenden Ort - mo­
>neu< verweist verstärkend auf das Gestaltungskon­ derne Formen waren dagegen jüdisch, bolschewi­
zept der Avantgarde (Neues Bauen, Neues Frank­ stisch oder volksfremd. Wenn Ingenieure Best­
furt, Neues Berlin usw. , aber auch Neuer Film lösungen >züchten< sollten, war ein rassistischer
oder ring neue werbegestalter) . Dazu im Unter­ Zusammenhang hergestellt, in den diese Formen
schied ist >Neue Sachlichkeit<, aus der bildenden eingebunden werden sollten. Archetypische Ge­
Kunst kommend, ein stilistisch orientierter Begriff, brauchsformen, von den Angeboten der Industrie
mit dem sowohl funktional begründete als auch längst ins Museum verdrängt, wurden als >ewige
die nur formal begründete Sachlichkeit in Art­ Formen< oder als >Werke völkischer Überlieferung<
deco-Kreationen gemeint sein kann. Was der Be­ propagiert und so auf den Ewigkeitsanspruch des
griff >Neue Sachlichkeit< an stilistischer Bedeutung Dritten Reiches bezogen.
gewinnt, verliert er als Transportmittel sozialer Be­
deutung. 46 CHUP FRIEMERT, Produktionsästhetik im Faschismus.
Sowohl das >Neue Gestalten< wie die >Neue Das Amt >Schönheit der Arbeit< von 1 9 3 3 bis 1939
Sachlichkeit< gehören zu den kulturellen Erschei- (München 1980) , 8 .
58 Design

Mehr oder weniger direkt war damit eine pole­ einmal als Künstler bezeichnet und zum anderen
mische Abgrenzung zur Avantgarde der 2oer Jahre deutlich von Künstlern und Architekten als >Indu­
verbunden: »Hinter dem Erlebnis des ständigen striegestalter< getrennt, aber r 948 spricht Mart
Wechsels und der Vorstellung eines geradlinigen Stam in Dresden bereits vom industrial designer. 48
technischen Fortschritts wurden die Ideen des In den nach 1 945 verbreiteten Begriffen, in denen
>Ewigen< und >Ganzen< spürbar«. Statt eine »exakt Form, Gestalt, Kunst, Gestaltung und Industrie
funktionierende Wohnmaschine« zu schaffen, gehe vorkommen und miteinander kombiniert sind, ha­
es um Häuser und Räume, »die ein Stück Heimat ben wir einen Begriffspluralismus vor uns, der von
bedeuten«. Statt zwischen Technik und Arbeit zu einem normativen Sprachgebrauch noch weit ent­
vermitteln, soll dem Industriearbeiter in Fabrik­ fernt ist. Der Mangel an Werkzeugen zur elemen­
räumen und Werkstätten, Kantinen und Erho­ taren Bewältigung des Alltags bremst die Entwick­
lungsräumen »ein Stück echter Natur« 47 zurückge­ lung der Arbeitsteilung. Designer arbeiten für das
geben werden. Dem steht gegenüber, was hier Handwerk und Kunsthandwerk, Kunsthandwerker
nicht weiter verfolgt werden kann: die Entwick­ und Architekten auch für die Industrie.
lung technischer Formen nur unter dem Diktat Mit Beginn der 5oer Jahre zeigen sich erste Zei­
der Effizienz und eine nischenartige Weiterexistenz chen einer begriffiichen Ausdifferenzierung zu­
von Spuren der 20er Jahre, z. B. in den Arbeiten gunsten einer stärkeren Programmatik in der Be­
von Wilhelm Wagenfeld für die Vereinigten Lau­ vorzugung von Begriffen, die mit >Kunst< und
sitzer Glaswerke in Weißwasser. >Form< zusammengesetzt sind. Von besonderer Be­
deutung ist dabei >Formgebung< oder >industrielle
Formgebung<.
Ehe Formgebung im Sinne von Design verwen­
IV Von der Nachkriegszeit bis zum Ende det wurde, bezeichnete das Wort technologische
der 6oer Jahre: Vom Leitbild Kunst zum Prozesse und ist noch heute Sammelbegriff für
Leitbild Wissenschaft Verfahren des Gießens, Pressens, Blasens, Drehens
usw. bei Metallen, Glas und Keramik. Eine folgen­
Nach dem 2. Weltkrieg reagiert man im wiederge­ lose Ausnahme stellt allerdings Carl H. Terne dar.
gründeten Deutschen Werkbund und in Hochschu­ Er verwendete das Wort »industrielle Formenge­
len mit einer tastenden Suche nach Alternativen bung« 49 schon 1 83 9 im Sinne von Design. Bei der
auf die Flut von Kitsch, Provisorien und unreflek­ Veränderung der Bedeutung von Technologie zu
tierter Kontinuität. Zunächst wird dazu noch ein­ Ästhetik blieb als Gemeinsamkeit das industrielle
mal alles hervorgezogen, was zwischen der >ange­ Serienprodukt als Gegenstand des Formgebens.
wandten Kunst< des 1 9 . Jh. und der >Gestaltung< Mit dem Begriff > Formgeber< aber sah sich der De­
in den 20er Jahren an Begriffiichkeit entwickelt signer im Osten bereits während der 5oer Jahre
worden ist. Das geschah eher zufällig als program­ von der Industrie in die Rolle eines Hüllenma­
matisch. So werden Kunst und Gestaltung zu chers gedrängt, gegen die er mit dem Ersetzen von
>künstlerischer Gestaltung< zusammengezogen, >Formgeber< durch >Formgestalter< reagierte.
Formgebung und industrielle Gestaltung stehen Formgebung hatte bloß kosmetische Eingriffe in
nebeneinander, Designer werden in frühen Mate­ Industrieerzeugnisse assoziiert, deren Funktion
rialien des neu gegründeten Deutschen Werkbundes und Struktur schon definiert waren und für den
Designer nur die äußere Erscheinung oder das Fi­
47 WALTER PASSARGE, Deutsche Werkkunst der Gegen­ nish übrigließen. Nach Max Bill war der Begriff
wart (Berlin 1 9 3 7) , 5--9· »industrielle Formgebung« schon wegen seines er­
48 Vgl. HEINZ HIRDINA, Gestalten für die Serie (Dres­ sten Teils eine »begriffiiche Mißgeburt«, denn sie
den 1988), 1 6 . sei »weniger eine Folge der industriellen Herstel­
4 9 TERNE ( s . Anm. 19), 45.
50 MAX BILL, Form. Eine Bilanz über die Formentwick­
lungsmethoden, als vielmehr das Resultat der
lung um die Mitte des 20. Jahrhunderts (Basel 1952), Wandlung unseres Weltbildes« 50 . Die moderne
IO. Kunst spielt dabei eine primäre Rolle, denn sie ist
IV Von der Nachkriegszeit bis zum Ende der 6oer Jahre 59

nach Bill reinster sichtbarer Ausdruck der Zeit und Bauhaus entliehen, das selbst noch in heutigen Pu­
kann deshalb (nicht wegen ihres Formenrepertoi­ blikationen - gegenüber seiner Selbstbenennung
res) zum Maßstab im Design werden, der in der verfalschend - als Kunst- oder Architekturschule
>Guten Form< schließlich Modellcharakter erhält. bezeichnet wird. >Gestaltung< akzentuiert jetzt ge­
In der DDR-spezifischen Interpretation von genüber dem Bauhaus nicht mehr die Aufhebung
Kunst zeigt sich historisch Besonderes. Zunächst von Arbeitsteilung, sondern das Gestalten von
wird in den frühen 5oer Jahren Design in die ange­ Umwelt. Aber auch in Ulm sind mit >Gestaltung<
wandte Kunst zurückgeholt und ihr als Kunsthand­ Gemeinsamkeiten im Entwerfen auf der Fläche
werk eingeordnet. Von da ist es ein kleiner Schritt und im Raum betont, weil die Entwurfsresultate
zur bildenden Kunst: »Das Institut für angewandte als Bildungselemente von Umwelt betrachtet wor­
Kunst hat die Aufgabe, das Kunsthandwerk der den sind, soweit diese - auch architektonisch - in­
Deutschen Demokratischen Republik, als Teil der dustriell produziert werden sollte. Gestaltung ak­
bildenden Kunst, zu entwickeln.« 5 1 Dieses 1950 zentuiert die Priorität des Raums als Umwelt.
unter Stam gegründete Institut hatte bis Anfang Aber Gemeinsamkeiten im Ziel heben die Arbeits­
1 9 5 2 Institutfür industrielle Gestaltung geheißen. Mit teilung nicht mehr auf. Mit >Produktgestaltung< als
der Rückkehr zur Kunst wurden dem Design Teil von >Gestaltung< ist deren spezifischer Anteil
ideologische Funktionen des sozialistischen Realis­ an der Umwelt betont worden.
mus übertragen. Durch Komposition und Dekor Der Begriff Gestaltung transportierte einen wie­
sollte erreicht werden, was in Begriffen wie Mö­ derum utopischen Gehalt. Konkurrierendem Ver­
belkunst, künstlerische Raumgestaltung oder halten von Objekten sollte durch Formverwandt­
künstlerisches Formen der Möbel ausgedrückt schaften und Formbeziehungen deren Kohärenz in
wird: der Stolz auf sozialistische Aufbauerfolge, die der Umwelt entgegengesetzt werden, um den
>national in der Form und realistisch im Inhalt< sein Raum durch Reduzierung von Gegenständen,
sollten. Gegenüber der Kunsthaftigkeit war prakti­ Formen und Zeichen zu entlasten, sowohl stofilich
sche Brauchbarkeit sekundär. als auch semiotisch. Durch wiederkehrende Form­
Die immer auch affirmative Funktion von Ge­ elemente, modulare Ordnungen, Farbreihen und
genständen liegt schon in ihrer Fähigkeit, Bedürf­ ihre Anwendungen in Baukästen verschiedener
nisse zu befriedigen. Hier war diese Funktion zum Dimension und Komplexität sollte das Rauschen
Programm für Design geworden. durch Information mit hoher Redundanz ersetzt
Mit der Veränderung von >Formgebung< zu werden. Neu waren an dieser Auffassung von Ge­
>Formgestaltung<, >Industrieformgestaltung< oder staltung der Bezugspunkt Umwelt und die Konse­
>industrieller Formgestaltung< im ost- und west­ quenz in der Verwissenschaftlichung des Entwurfs,
deutschen Sprachgebrauch der 5oer Jahre gerät die geblieben waren aus den 20er Jahren das Prinzip
neue Zusammensetzung in Tautologieverdacht. der Aufklärung, die soziale Verantwortung und da­
»Formgestalten«, schrieb Wilhelm Wagenfeld mit der kritische Gestus des utopischen Gehalts.
1 959, »ist ein zeitgemäßer Unfug. Schon das Wort Im Kern war es dieses Gestaltungskonzept, das
sagt es: Formgestalten. Warum nicht Gestaltfor­ 1 968 zur unfreiwilligen Selbstauflösung der Schule
men? Nicht Formformen? Gestaltgestalten?« Und: führte.
»So bin ich Mustermacher« 5 2 . Aus dem Dilemma Ein anderer Begriffsstrang entwickelt sich mit
führt sowohl das Ersetzen von Formgestaltung Design, wobei der erste internationale Kongreß für
durch Industrie- als auch durch Produktgestaltung Design 1 9 5 7 wesentlich zur internationalen Ver­
sowie die Reduktion auf Gestaltung. breitung des Begriffs beigetragen hat. Auch hier
In der Verallgemeinerung zu >Gestaltung< ist die
Begrifilichkeit wieder bei der gestaltenden Avant­
garde der 20er Jahre angekommen. Dieser in den 5 I MARTHA ENGEL, Vorwort, in: Deutsches Kunsthand­
werk 1 9 54, hg. vom Institut für angewandte Kunst
6oer Jahren am weitesten verbreitete Begriff geht
(Dresden 1 954) , 5 .
auf die Hochschule für Gestaltung in Ulm ( 1 9 5 3- 5 2 WILHELM WAGENFELD, Keine Schule, in: Form 6
1 968) zurück. Ihren Namen hatte sie dem Dessauer (1 959), 36.
60 Design

wieder gab es Unterschiede in Ost und West: zeit­ verband der Designinstitutionen, dem International
lich extrem verschoben und im Anfang anders. Council of Industrial Design (ICSID) . Vom ICSID
In der DDR wurde i978 zum ersten Mal ein übernahm der westdeutsche Verband der Berufs­
Preis für >Gutes Design< vergeben. Erst die Stiftung designer (in der DDR wurde 1961 die Sektion
dieses Preises legitimierte Design für den offiziellen Formgestaltung im Verband Bildender Künstler
Sprachgebrauch. Die bis dahin üblichen Begriffe - Deutschlands gegründet) das Verständnis des Berufs­
Formgestaltung, industrielle Formgestaltung, In­ bildes >Industrie-Designer<. Es beschrieb pragma­
dustrieformgestaltung oder auch Gestaltung in ei­ tisch berufliche Spezifika zur deutlichen Unter­
nem der Ulmer Hochschule ähnlichen Sinn - er­ scheidung von Kunsthandwerk einerseits und Ge­
hielten damit begriffiiche Konkurrenz, aber hielten brauchsgrafik andererseits.
sich bis 1 989. Mit ihnen erfolgte eine prononcierte Die Verbreitung des Begriffs Design erhielt also
Abgrenzung zum Design, in dem ein modischer einen Schub durch institutionalisierte Selbstverstän­
Anglizismus und Opportunismus gegenüber dem digung auf dem Feld beruflicher Spezifika. Dafür
westlichen Markt gesehen wurde. Besonders das hatte der Engländer Paul Reilly mit seiner Bestim­
Festhalten an >Gestaltung< meinte dessen utopische mung des vom ICSID übernommenen Berufsbildes
Dimension, und als Besonderheit transportierte die definitorischen Grundlagen bereitgestellt.
der Begriff auch das Verständnis von Gestaltung als Was im Englischen bereits üblich war, läßt sich
Kunst in Opposition zu ihrer pragmatischen In­ seit den 7oer Jahren auch im Deutschen beobach­
dienstnahme durch die Wirtschaft. ten: Arbeitsteilungen führen zu einem Zusatz kon­
In der BRD setzte sich der Begriff allmählich kretisierender Begriffe, z. B. in Informationsdesign,
durch. 1954 hatte Wilhelm Braun-Feldweg bis da­ Kommunikationsdesign (engl. graphic design),
hin übliche Termini (Entwerfer, Formgestalter, Modedesign (engl. fashion design) und natürlich
Zeichner, Gestalter) auf Mängel hin abgetastet und Industrie- oder Produktdesign. Diese Hinzufügun­
schlug schließlich vor, >Designer< zu übernehmen: gen werden nicht nur benutzt, um Mehrdeutig­
»Das fremde Wort >Designer< ist neu und unbela­ keiten zu begegnen, sondern auch, um sich vom
stet, es kommt außerdem aus den Gegenden, die inflationären Gebrauch des Designbegriffs in der
den Typus geschaffen haben. So wie die römische Alltagssprache durch Hinzufügungen in der Fach­
Zivilisation unserer Sprache einst mit >Fenster<; sprache zu unterscheiden. Aus Deutsch und Eng­
>Keller<, >Mauer< und >Wein< neue Worte einver­ lisch gebildete Mischformen zeigen Unentschie­
leibte, so könnten wir auch ohne weiteres ein denheit zwischen nationalem und internationalem
neues Fremdwort aufnehmen für einen Begriff, Sprachgebrauch.
der bisher in unserem Wortschatz fehlte. «53
Nach Christian Marquart implizierte die Institu­
tionalisierung von Design im Verband Deutscher In­
dustrie-Designer eine Opposition ihrer Gründer ge­ V Von den 7oer Jahren bis zur Gegenwart:
gen das mächtige Erbe der deutschen - auch avant­ Am Ende ist alles Design
gardistischen - Traditionen und deren ebenso
mächtige Träger, die sich wieder im Deutschen Vor allem aber ist Design in den letzten zwanzig
Werkbund zusammengeschlossen hatten. 54 Design Jahren einem Prozeß zunehmender Differenzie­
dagegen bedeutete eine Orientierung an inter­ rung ausgesetzt; eher peripher dabei, daß dies auch
nationaler Kommunikation, getragen vom Dach- als Opposition zu definitorischen Versuchen mit
Anspruch auf Verbindlichkeit gedeutet werden
kann, wie sie bis in die 7oer Jahre zahlreich waren.
53 WILHELM BRAUN-FELDWEG, Normen und Formen Entscheidender ist die Wanderung des Designs von
industrieller Produktion (Ravensburg 1 954) , 256. der Fachsprache in die Alltagssprache, hervorgeru­
54 Vgl. CHRISTIAN MARQUART, Industriekultur - Indu­
fen durch die schon zu Anfang erwähnte allge­
striedesign. Ein Stück deutscher Wirtschafts- und De­
signgeschichte. Die Gründer des Verbandes Deutscher meine Ästhetisierung des Lebens, transportiert von
Industrie-Designer (Berlin o. J. [ca. 1993)), 3 6 ff. den Medien und dabei nicht nur den Lifestyle-
V Von den 7oer Jahren bis zur Gegenwart: Am Ende ist alles Design 6r

Zeitschriften. Die Grenzen zwischen Fachsprache oder Verpackung, im Aufhübschen, Stylen, Ver­
und Alltagssprache sind durchlässig geworden. In moden. Eine Reaktion darauf ist die pejorative
beiden lassen sich drei Tendenzen benennen: Infla­ Verwendung von Design, z. B. im Wort >Designar­
tionierung des Designbegriffs, Design als Inszenie­ chitektur<, mit dem das Aufhübschen von urbanen
rung, Personalisierung von Design im Designer. Strukturen beschrieben worden ist, in denen nichts
Inflation des Designbegriffs: I99 I erschien Band mehr funktioniert.
r o6 des Kursbuchs unter dem Titel >Alles Design<. Die Konzentration auf Oberflächen hat eine
Das war symptomatisch - das Feld der Gebilde, die reale Grundlage in der Tendenz zu immer komple­
mit Design bezeichnet werden, erweitert sich, weil xeren Strukturen, angesichts derer sich die Verant­
die Bedingung ihrer industriellen Reproduzierbar­ wortung des Produktgestalters auf die Schnittstelle
keit und die ihrer Existenz als stofilicher Artefakte zwischen dem Benutzer und dem Objekt richtet,
weggefallen sind. Designobjekte können auch Re­ begrifilich präsent in sogenannten Benutzerober­
sultate des Handwerks oder Dienstleistungen sein, flächen. Gegentendenz zu Oberflächen als Design­
z. B. in Form medialer Inszenierungen oder von aufgabe sind strukturelle Eingriffe in Obj ekte und
Eingriffen der kosmetischen Chirurgie. Vor der in­ Subj ekte, Prozesse und Strukturen, die beim Ord­
dustriellen Revolution bezog sich >disegno< als nen enden oder bis zum Erfinden reichen. Damit
Entwurf auf die Kunst oder auf das Handwerk, seit sind Gegentendenzen zusammengefaßt, die unter­
den Soer Jahren kehrt es als Design wieder dorthin einander wiederum Gegentendenzen repräsentie­
zurück, aber nicht als Entwurf, sondern als Tätig­ ren. Manches an diesen Gegentendenzen ist neu:
keit oder als Endprodukt. Das Endprodukt kann Die Devise >Design ist unsichtbar<5 6 betont das Lö­
dabei die Vorläufigkeit oder Flüchtigkeit eines Ent­ sen von Problemen in einem raum-zeitlichen Kon­
wurfes annehmen: »The design is no longer a solu­ text, sie akzentuiert gegenüber dem Objekt den
tion, but a hypothesis. lt is not a definitive declara­ Entwurf einer komplexen Situation, eines Ablaufs,
tion, but a stage, a transitory moment, a container eines Prozesses oder einer Tätigkeit und damit
of possibilities« 55 . Nach dieser postmodernen, von gleichzeitig die Ablehnung einer Gestalt als Ziel.
der Gruppe Memphis kultivierten Auffassung ist >Corporate design< ist ebenfalls komplex, aber es
Design nur noch von momentaner, situativer Be­ schillert zwischen der warenästhetischen Aufberei­
deutu n g weil die Wirklichkeit als das Erstarrte ge­
, tung einer Institution (z. B. Unternehmen, Be­
sehen wird. hörde, Olympiade und andere Ereignisse) , ihrer
Weniger verbreitet, aber als Gegentendenz zum Selbsterklärung und ihrer Strukturierung durch
inflationären Gebrauch von Design bemerkbar, ist Gestaltung; >Rahmendesign< meint das Schaffen
der Verzicht auf den Begriff, um falschen Deutun­ von Bedingungen für selbstbestimmtes Gestalten;
gen zu entgehen, z. B. wenn Entwürfe und deren >Theoriedesign< ist das Ordnen von Erkenntnissen,
industrielle Reproduktionen auf funktionale oder die nicht mehr überschaubar sind; >Servicedesign<
funktionalistische Intentionen zurückgehen. Sie reflektiert die Bedeutung des tertiären Sektors und
werden dann entweder in ihrer konkreten prakti­ hebt sich betont vom Objektdesign ab; >Informati­
schen Funktion benannt, als Leistung von Gestal­ onsdesign< meint das Strukturieren von Informa­
tung deklariert oder auf das Entwerfen allgemein tionen, die über elektronische Medien vermittelt
zurückgeführt. Das Beharren auf >Gestaltung< zeigt werden. >Bodydesign< ist eine j ener Designvarian­
sich zum Teil auch in der Benennung von Institu­ ten, die sich auf die Gestaltung von Subj ekten
tionen, besonders Schulen. richtet, hier durch Training und Anabolica, mit
Design als Inszenierung: Im heutigen Design­
verständnis dominieren, wenn es sich noch um
stoflli che Gebilde handelt, Gegenstände für die in­ 5 5 BARBARA RADICE, Memphis. Research, Experiences,
dividuelle Konsumtion, die der Mode unterworfen Results, Failures and Successes of New Design, übers.
v. P. Blanchard (London 1985), 87.
sind. Im Entwerfen liegt deshalb die Betonung
5 6 Vgl. LUCIUS BURCKHARDT, Design ist unsichtbar, in:
nicht mehr in strukturellen Eingriffen, sondern auf H. Gsöllpointner/ A. Hareiter/L. Ortner (Hg. ) , De­
der Variation von Oberflächen, als Haut, Outfit sign ist unsichtbar (Wien 1 9 8 1 ) , l J .
62 Design

zeitweiliger Wirkung durch >Designerdrogen<, mit Literatur


anhaltender durch die >Designernase< (einem Im­ AICHER, OTL, die weit als entwurf (Berlin 1991); BEGE­
plantat der kosmetischen Chirurgie) . Und schließ­ NAU, SIEGFRIED H., Funktion, Form, Qualität (Berlin
1 967); BILL , MAX, Form. Eine Bilanz über die Forment­
lich ist die >Designerpsyche< ein Erzeugnis der wicklung um die Mitte des 20. Jahrhunderts (Basel I952):
>kosmetischen Psychopharmakologie<. Für die Zu­ BONSIEPE, GUI, Interface. Desigu neu begreifen (Mann­
kunft wird Design in j enen implantierten Mikro­ heim 1 996) ; BRAUN-FELDWEG, WILHELM, Normen und
robotern gesehen, die als Umkehrung des Verhält­ Formen industrieller Produktion (Ravensburg 1 954) ;
BRAUN-FELDWEG, WILHELM, Industrial Design heute
nisses von Mensch und Umwelt reflektiert worden
(Reinbek 1 966) ; BÜRDEK, BERNHARD E . , Geschichte,
sind: »Der implementierbare Gegenstand führt Theorie und Praxis der Produktgestaltung (Köln I 99 I ) ;
weg von einem Design der Umwelten zu einem BURCKHARDT, LUCIUS, Desigu ist unsichtbar (Ostfildern
Design des planbaren Körpers, der für gegebene 1 995); ECKSTEIN , HANS, Formgebung des Nützlichen
Umwelten konstruiert werden kann.« 57 (Düsseldorf I985): FISCHER, VOLKER/HAMILTON, ANNE
(Hg.) , Theorien der Gestaltung. Grundlagentexte zum
Personalisierung von Design im Designer: Wie Design, Bd. I (Frankfurt a. M. I999): FLUSS ER, VILEM,
schon zu sehen war, werden zusammen mit dem Vom Stand der Dinge. Eine kleine Philosophie des De­
Hervorgebrachten die Art des Hervorbringens sign (Göttingen 1993); FORTY, ADRIAN, Obj ects of De­
oder der Hervorbringende betont: Designerdro­ sire (London I 986); FRIEMERT, CHUP, Produktionsästhe­
tik im Faschismus. Das Amt >Schönheit der Arbeit< von
gen, die Designernase, die Designerpille und De­
1 9 3 3 bis I939 (München I 98o) ; GSÖLLPOINTNtR, HEL­
signernahrung sind synthetischer Herkunft und MUTHIHAREITER, ANGELA/ORTNER, LAURIDS (Hg.) ,
entstehen nicht in Ateliers, sondern in Labors. Design ist unsichtbar (Wien I 9 8 I ) ; HAUG, WOLFGANG
Designerbrillen, Designeruhren, Designerjeans, FRITZ, Kritik der Warenästhetik (Frankfurt a. M. I 9 7 I ) ;
Designermöbel usw. sind exklusiv, weit entfernt HESKETT, JOHN, Industrial Desigu (London 1 980) ; HIR­
DINA, HEINZ, Gestalten für die Serie (Dresden 1988);
von Ö ko-, Bio-, oder Natur-, sie betonen Moder­ HÜTER , KARL-HEINZ, Das Bauhaus in Weimar (Berlin
nität und Künstlichkeit und akzentuieren die Feme I 976); KELM, MARTIN, Produktgestaltung im Sozialismus
zum Kaufhaus. Der Zusatz >Designer< macht das (Berlin 1 9 7 1 ) ; KEMP, WOLFGANG, Disegno. Beiträge zur
ästhetisch Besondere geeignet zur Distinktion. Geschichte des Begriffs zwischen I 547 und 1 607, in:
Marburger Jahrbuch für Kunstwiss. , Bd. 19 (Marburg
Gegenläufig dazu erscheinen als Designer auch
I 974) , 2 1 7-240; KÜHNE, LOTHAR, Gegenstand und
>geniale Dilettanten< und professionelle Künstler. Raum (Dresden I 9 8 I ) ; LICHTENSTEIN, CLAUDE, Ferdi­
Sie verzichten auf Design als soziale Dienstleistung, nand Kramer (Gießen I99I); MAAG, GEORG, Kunst und
betonen statt dessen Design als selbstbestimmte Tä­ Industrie im Zeitalter der ersten Weltausstellungen. Syn­
tigkeit im Sinne autonomer Kunst. Das von ihnen chronische Analyse einer Epochenschwelle (München
I 986) ; MARQUART, CHRISTIAN, Industriekultur - Indu­
hervorgebrachte >Autorendesign< muß einer Be­ striedesigu. Ein Stück deutscher Wirtschafts- und De­
nutzung nicht im Wege stehen; sein primäres Ziel sigugeschichte: Die Gründer des Verbandes Deutscher
ist sie aber nicht, sondern Provokation, Kritik oder Industrie-Designer (Berlin o. J. [ca. 1 993]); MEURER,
Vorschlag zur Diskussion (Memphis) . BERND/vrn<;:ON, HARTMUT, industrielle Ästhetik. Zur
Geschichte und Theorie der Gestaltung (Gießen I 9 8 3 ) ;
Herkömmliche Begriffsbedeutungen, wie sie
NOBLET, J O C E LYN DE, design. lntroduction ;} l'histoire
beschrieben wurden, sind damit nicht verschwun­ de l' evolution des formes industrielles de I 820 a au­
den. Sie alle erscheinen in verschiedenen Kommu­ jourd'hui (Paris 1 974) ; PAPANEK, VICTOR, Desigu for the
nikationszusammenhängen, das heißt in fach- wie Real World. Human Ecology and Social Change (r97 I ;
alltagssprachlichen und deren Mischungen. Als London I985); PEVSNER, NIKOLAUS, Pioneers o f the
Modem Movement (London 1 93 6) ; PFEIFFER, HELMUT/
Kontinuität ist bei ihnen die ästhetische Dimension JAUSS, HANS ROBERT/ GAILLARD , FRANyOIS (Hg.) , Art
geblieben - in ihrer Verkürzung auf Dekoration, in social und art industriel. Funktionen der Kunst im Zeital­
ihrer Verflachung zu Harmonisierung und Anpas­ ter des Industrialismus (München I 987) ; RADICE, BAR­
sung sowie in ihrer Erweiterung auf praktische An­ BARA, Memphis. Research, Experiences, Results, Failu­
res and Successes of New Design, übers. v. P. Blanchard
eignung.
(London I985); SCHAEFER, HERWIN, The Roots of Mo­
Heinz Hirdina dern Desigu (London 1 970) ; SCHÖNBERGER, ARNOLD
(Hg.), Raymond Loewy. Pionier des Amerikanischen In­
dustriedesigns (München 1 990) ; SELLE, GERT, Geschichte
57 BIRGIT RICHARD, Robot Wars, in: Kunstforum Inter­
des Desigu in Deutschland (Frankfurt a. M./New York
national 1 3 0 ( 1 995), 208.
!. Einleitung 63

1 994) ; SPARKE, PENNY, Japanisches Design (Braun­ tiv des >diletto< oder >piacere< getragenes Tun. Das
schweig 1988); SPRIGG, JUNEILARKIN , DAVID (Hg.), damit implizierte Motiv der Neigung und des
Shaker. Life, Work, and Art (New York 1987); WlCH­
Zeitvertreibs ist die Grunddefinition der >Liebha­
MANN, HANS, lndustrial Design, Unikate, Serienerzeug­
nisse (München 1985); WlCHMANN, HANS, Italien. De­ berei<, vor allem aber ist es ein in der Begriffsge­
sign 1 945 bis heute (München 1988); WINGLER, HANS schichte äußerst wirkungsrnächtiges Moment, da
M„ Das Bauhaus (Bramsche 1 962) . der Dilettantismus von dort aus Bewertungen im
Rahmen unterschiedlichster Kontexte unterwor­
fen wurde. Diese werden im gegenwärtigen Dilet­
tantismusbegriff nur in ihrer pejorativen, nicht auf
die Künste spezifizierten Brechung als Merkmale
der >Oberflächlichkeit< und >Inkompetenz< deut­
lich. Die nur resümierten evaluativen Aspekte der
Dilettantismus Begriffsgeschichte werden aber mit zum Begriff
(engl. dilettantism; frz. dilettantisme; gehörigen Worten wie >Laie< oder >Stümper< auf­
ital. dilettantismo; span. diletantismo; gedeckt. Die Komplexität des Dilettantismusbe­
russ. ):IMJieTaHTCTBO) griffs und sein Aufstieg zu einem ästhetischen
Grundbegriff erwächst daher sowohl aus seiner
1. Einleitung; 1 . Einführende Hauptaspekte der Darstel­
Einbindung in jenen mit der Neuzeit einsetzenden
lung; 2. Gegenwärtige Theorie und Reflexion; 3. Hin­
weise zur Wortgeschichte; II. Anfänge dilettantischer Prozeß der diskursiven Bestimmung der Künste
Kunstpraxis; I . Nobilitierung der Kunsttätigkeit; zur >schönen Kunst< als auch aus den Veränderun­
2. Standesideal und künstlerische Freiheit; 3. >Professori< gen der soziologischen und künstlerisch-prakti­
und >Dilettanti<; III. Der Dilettantismusbegriffim schen Bedingungen, unter denen sich die Tätigkeit
18. Jahrhundert in Deutschland; I . Kompetenzkon­
von Dilettanten realisiert. Dabei haben insbeson­
flikte und Ungleichzeitigkeiten; 2. Die Debatte über das
Publikum; 3. Dilettantismus und das klassizistische dere die im 1 8 . Jh. vorgenommenen Bestimmun­
Kunstideal; IV. Dilettantismus als Ästhetisierungs­ gen des Schöpferischen, aber auch die Abgrenzung
konzept historischer Wissenschaften; I . Kunst­ der ästhetischen Wahrnehmung zu Alltagserfah­
geschichte und Kulturgeschichte; 2. Ästhetische Histo­ rung und kritischer Erkenntnis j enen für das
riographie; 3 . Historismus und Hermeneutik;
V. Literarisierungen; 1 . Das 1noderne Ich im Roman
1 9 . Jh. charakteristischen Aspekt des Begriffs vor­
des Fin de siede; 2. Antiästhetische Konzeptionen in bereitet, der den Dilettantismus als rein ästhetische
Literatur und Kunst Haltung und die psychosoziale Disposition des di­
lettantischen Subj ekts als subjektivistische Selbstbe­
zogenheit begreift. Der Dilettantismusbegriff ist
aber ebenso pragmatisch, j eweilige Kunstverhält­
I. Einleitung nisse konkret reflektierend. Schon immer konnte
er als Modell künstlerischen Selbstverständnisses
dienen. Zugleich aber - und dies verdeutlicht die
1 . Einführende Hauptaspekte der Darstellung
Verfügbarkeit des Begriffs für unterschiedliche Dis­
Der Dilettantismusbegriff ist zwar nicht in erster kursebenen und historische Standpunkte - ist die
Linie ein Theoriebegriff, aber die begriffsge­ Gegnerschaft von Künstlern und Intellektuellen
schichtlich bedeutsamen Dilettantismusauffassun­ zum Dilettantismus verantwortlich für die polemi­
gen waren stets mit ästhetischen Fragestellungen sche Aufladung des Begriffs. Der Dilettantismusbe­
verbunden. Auf der Ebene der Wortherkunfr ist griff berührt zentrale Fragen der Geschichte ästhe­
bereits angedeutet, welche Möglichkeiten der Di­ tischer Erfahrung. Die skizzierten Hinweise auf die
lettantismus hinsichtlich der Bewertung ästheti­ wichtigsten Begriffsbestimmungen verdeutlichen,
scher Praxis eröffnete: Von >dilettare< (vergnügen, wie stark Reichweite, Vielschichtigkeit und kon­
ergötzen; lat. delectare) abgeleitet, umschrieb man zeptuelle Wertigkeit des Dilettantismusbegriffs hi­
in der italienischen Renaissance die Beschäftigung storisch variieren. Eine Systematisierung könnte
mit Künsten und Wissenschaften als ein vom Mo- ihn wie folgt aufschlüsseln:
64 Dilettantismus

r) Historisch gesehen ist der Dilettantismusbe­ Franz Erhard Walther mit seinem Ersten Werksatz
griff an kulturelle Situationen gebunden, in denen ( 1 963-1 969) . Der Künstler stellte Obj ekte aus tex­
eine Neubewertung künstlerischer Produktion tilen Materialien, Holz und Schaumstoff her, die,
hinsichtlich ihrer theoretisch-philosophischen oder z. T. auf Gegenstände des Alltags verweisend, eine
gesellschaftlichen Funktion erfolgt. entscheidende Funktion für die neue ästhetische
2) Der Dilettantismusbegriff stellt sich als Wer­ Praxis haben. Der Galerie- oder Museumsbesucher
tungskategorie problematischer oder gescheiterter soll mit diesen Obj ekten Handlungen vollziehen,
Künstlerschaft respektive einer verfehlten Haltung die Walther als werkschaffend definierte: »Hand­
zu Kunst und Leben dar. lung ist Werkform, Handlung ist Werk« 1 .
3) Der Dilettantismusbegriff fluktuiert innerhalb Ein derartiges Werk ist wesentlich Idee, Vorstel­
schöpferischer, kritischer und konsumtiver Kom­ lung, Erfahrung, Proj ektion, Erlebnis. Traditionell
petenzen, die modellhaft bestimmte Einstellungen dem Künstler zugeschriebene Fähigkeiten wie
und Verhaltensweisen zur Kunst umschreiben »Phantasie, Imaginationskraft, Urteilskraft, [ . . . ]
und/ oder anderen gegenüber favorisieren. bildnerische Kraft« fließen ebenso ein wie Kom­
petenzen unseres Alltagswissens und unserer All­
tagserfahrungen: Auch »Improvisationsgabe, [ . . . ]
2. Gegenwärtige Theorie und Reflexion
Meditierenkönnen, Gefühl für Relationen, Erleb­
Der Dilettantismusbegriff scheint in der Gegen­ nisfähigkeit schlechthin« 2 gelten Walther als gleich­
wart eine weniger zentrale Stellung in der Refle­ rangige Bedingungen eines solchen Kunsterlebens.
xion über Kunst und künstlerische Phänomene Aus dem konventionellen Betrachter wird ein dem
einzunehmen, als dies noch bis Anfang des 20. Jh. Künstler gleichrangiger, am Schöpferischen Betei­
der Fall war. Andererseits ist die Historie des kom­ ligter, der aufgefordert ist, seine individuellen Fä­
plexen Begriffs in einigen Pointierungen der Ge­ higkeiten einzubringen.
genwart deutlich, die - te ilweise explizit - tradierte Damit zerfallt die klassisch definierte Werkein­
Dilettantismusvorstellungen auf tatsächliche oder heit in einen vom Künstler hervorzubringenden,
postulierte ästhetische Haltungen von Künstler dinglich realisierten Werkanteil und einen vom
und Publikum heute beziehen. Das seit dem Betrachter zu realisierenden, mentalen Werkanteil,
1 8 . Jh. virulente Autonomietheorem des deut­ ohne welchen das Werk unvollständig bliebe. Das
schen Klassizismus wirkt in diesen Reflexionen vom Rezipienten aus der Handlung heraus ent­
nach, insbesondere in seinen Konsequenzen für wickelte geistig-emotionale Erleben stellt die ent­
den Werkbegriff und die gesellschaftliche Position scheidende, weil ästhetisch wirksame Erfahrung
des Künstlers, und bringt damit den historisch wir­ dar. »Was konkret werden kann, sind die Erfahrun­
kungsmächtigsten Dilettantismusbegriff erneut mit gen des Dilettanten [ . . . ] mit der Kunst« . Walther
in die Diskussion. bezieht sich damit auf ein positiv besetztes, von
Eine den klassizistischen Werkbegriff und dessen ihm aber inhaltlich nicht näher bestimmtes Dilet­
Rezeptionsvorgaben nicht nur revidierende, son­ tantismuskonzept »im historischen, nicht abwer­
dern umkehrende Werkauffassung formulierte tend gemeinten Sinne«. Er will durch sein neuarti­
ges, durch den Dilettantismusbegriff vertretenes
Rezeptionskonzept den Menschen befähigen, mit­
tels der Kunst in umfassenderer Weise kulturell tä­
tig sein zu können. Das Potential der künstleri­
I FRANZ ERHARD WALTHER, Der andere Werkbegriff,
in: Walther, Ich bin die Skulptur. Wandformationen schen Praxis soll, »auf alle Lebensbereiche und das
1 978-1 9 8 5 und Zeichnungen (Braunschweig 1 986) , Gesamtdenken« 3 ausgedehnt, Modell für die Schaf­
1 69. fung von Werken in allen denkbaren Kontexten
2 F . E . WALTHER, (ohne Titel] , in: G. Celant (Hg.), Ars
sem.
Povera (Tübingen 1 969) , 1 74.
Dilettantismus als Modell schöpferischer Erfah­
MICHAEL LINGNER, Zwischen Kern und Mantel. Franz
Erhard Walther und Michael Lingner im Gespräch rung wird von den Autoren Michael Lingner und
über Kunst (Klagenfurt 1 9 8 5 ) , 8 7 f. Rainer Walther verworfen, obwohl auch sie »eine
1. Einleitung 65

Autorisierung des Rezipienten zum Produzenten«4 Vermittlungsabsicht«, eine unproduktive »laien­


vornehmen. Eine solche Rezeption denken die hafte Nachahmung«. Sie zitieren sogar das wir­
Autoren als notwendiges Pendant zu einer künstle­ kungsästhetische Verdikt der Dilettantismus-Ab­
rischen Produktion, die j enseits der ambivalenten handlung, daß der Dilettant »seinen Beruf zum
Bestimmtheit der Kunst entweder als >freie Form< Selbstproduzieren erst aus den Wirkungen der
oder >funktionslos< hinsichtlich gesellschaftlicher Kunstwerke auf sich ernpfangt«6.
Ansprüche läge, wie sie das ästhetische Denken seit Ist Lingner und Walther die historische Dimen­
Ende des 1 8 . Jh. und Anfang des 1 9 . Jh. geprägt sion ihres Dilettantisrnusbegriffs bewußt, nutzt der
hat, als die Autonomie der Kunst gegen klerikale Kritiker Walter Bachauer den Begriff zur Polerni­
und feudale Zweckbestimmungen philosophisch sierung seiner Argumentation, ohne die abschät­
und gesellschaftlich durchgesetzt wurde. zige Bedeutung, die den Dilettantisrnusbegriff seit
Die Auflösung dieses historischen Kunstbegriffs dem 1 8 . Jh. dominiert, als Ausdruck historischer
und der mit ihm unter den kommerziellen, kultur­ Positionen zu reflektieren. Im Katalog zur Ausstel­
politischen und emotionalen Bedingungen gegen­ lung Zeitgeist, die 1982 in Berlin stattfand und
wärtiger künstlerischer Produktion verquickten überwiegend Malerei und Bildhauerei aus dem
»Paradoxien« soll das Modell einer ästhetischen Jahr der Ausstellung von Künstlern aus drei Gene­
Praxis leisten, bei der Rezeption und Produktion rationen zeigte, erschien seine scharfe Abrechnung
künstlerischer Produkte sich »auf das allgemeingül­ mit der damaligen Musik- und Kunstszene der
tige, allseitige Aneignungsprinzip der Arbeit« (63) >Neuen Wilden< unter dem provozierenden Titel
gründen, d. h. mit einem Arbeitsbegriff faßbar wä­ Der Dilettant als Genie. Der Verfasser erklärt die
ren, der gesellschaftliche und ästhetische Aspekte Wilden zu »Dilettanten«, bezeichnet den Dilettan­
der Werkproduktion integriert. Die Möglichkeit, tismus als »die Urgewalt der Unkenntnis irgend­
ästhetische Erfahrung j enseits der historischen Ka­ welcher medialen Gesetze« 7. Die direkte Übertra­
tegorien >Genie< und >Kontemplation< anzusiedeln, gung von Ideen in Produkte gehe nicht nur mit
würde das idealistische Prinzip der Kongenialität einem Mangel an handwerklichem Können, son­
von Produzent und Rezipient aufheben. Die äs­ dern auch einem Verlust an Reflexion auf den ei­
thetische Praxis wäre vorn Rezipienten gedanklich genen historischen Standort und auf künstlerische
zu leisten »als gelungene Verdichtung verschieden­ Traditionen einher, Elementen eines Künstler­
ster Vorstellungen in der Totalität einer einzigen selbstverständnisses, das bis zu Beuys und Cage
Anschauung« (70) , existent ausschließlich in und galt. Mit dem willkürlichen Recycling des Vergan­
durch die eigene ästhetische Erfahrung. Mit dieser genen als Methode schaffe der >Wilde< Stilfragen
Konstruktion, die die Objektgebundenheit ästheti­ und Historie ab. »Der Dilettant als Genie reagiert
scher Erfahrung aufrechterhielte, aber auch dem nicht auf die Geschichte, es genügen ihm die In­
zeitgenössischen Anspruch der Verallgemeinerung ventionen seiner spontanen Natur, die er verabso­
des Ästhetischen entspräche, verwerfen die Auto­ lutiert.« (24) Der nur sich selbst und der Gegen­
ren die tradierten Rezeptionsforrnen des »Spiels«, wart verpflichtete, schrankenlose Subjektivismus
des »Genusses« (63) und des »Dilettantismus« ( 1 1 3) . bringt Produkte der Selbstinszenierung, müheloser
Der Dilettantismus sei im Moment seines histori­
schen Auftretens von Goethe, Schiller und Hein­
rich Meyer hinreichend charakterisiert worden; 4 LINGNERIRAINER WALTHER, Paradoxien künstleri­
scher Praxis. Die Aufhebung der Autonomie des Äs­
die Autoren zitieren die Definition des >Dilettan­
thetischen durch die Finalisierung der Kunst, in:
ten< aus der Abhandlung Über den Dilettantismus aus Kunstforum 76 (1 984), H. 8 , 70.
dem Jahr 1 799: »Das Wort Dilettante [„ .] bedeutet 5 JOHANN WOLFGANG GOETHE, Über den Dilettantis­
einen Liebhaber der Künste, der nicht allein be­ mus (entst. 1 799) , in: GOETHE ( wA ) , Abt. 1, Bd. 47
trachten und genießen, sondern auch an ihrer Aus­ (1 896), 3 2 1 ; vgl. LINGNERIWALTHER (s. Anm. 4) , 1 1 ) .
6 LINGNER/WALTHER (s. Anm. 4) , 7 1 , I I ) .
übung Theil nehmen will.«5 Für sie bleibt der Di­
7 WALTER BACHAUER, Der Dilettant als Genie. Über
lettantismus »eine der eigentlichen künstlerischen wilde Musik und Malerei in der fortgeschrittenen De­
Produktion >nachgeschaltete<, ihr wesensfremde mokratie, in: Zeitgeist (Ausst.-Kat.] (Berlin 1 982), 2 3 .
66 Dilettantismus

Identifikation und Nachahmung hervor, die das schriebenen Kulturkritik unter den postmodernen
Publikum, jene »Masse von Dilettanten« (23 ) , der Bedingungen der >fortgeschrittenen Demokratie<.
der Dilettantenkünstler selbst entstammt, ohne Die Ausrichtung auf den autonomieästhetischen
AufWand an Bildung und Gelehrsamkeit konsu­ Kunstbegriff bleibt auch für Bachauer verbindlich;
mieren kann. Mehr noch in der Malerei als in der zudem ist ihm dessen Zusammenhang mit dem
Musik könne der »Autodidakt [ „ .) daher in der Dilettantismusbegriff in seiner Bewertung des
kühnen Rolle des Dilettanten verharren und den »fragmentierten Expressionismus« (23) der wilden
Orden der Professionalität durch Selbstverleihung Malerei nicht bewußt. Eine andere Perspektive auf
erwerben« (20) . >expressive< Kunst in einer Situation des Umbruchs
Der zeitgenössische Dilettantismus erscheint Ba­ und der Neuorientierung eröffnet Ernst Blochs
chauer aber nicht nur als künstlerisches »Marken­ kulturphilosophischer Kommentar zur Modeme
zeichen der Gegenwart« (23 ) , sondern als Sym­ vom Anfang des Jahrhunderts. Blochs Vision einer
ptom einer Krise. Die Art der Herstellung, der neuen Kunst praktischer und ästhetischer Gestal­
Verbreitung und die Form der >wilden< Musik und tung - »zwischen Stuhl und Statue«, »Zweckform«
Malerei seien der Beweis dafür, daß sich die jahr­ und »reiner abstrakter Form«8 - wertet die »un­
hundertelang bestehende »Sehnsucht des Ama­ werkhaften, stillosen, aber ausdruckshaften« Ge­
teurs«, am »Mechanismus der >Moderne< teilzuha­ bilde eines »von Lebensmühe bedrängten Dilettan­
ben« (23 ) , auf trivialste Weise erfüllt habe. Die ten« als hohe Kunst »durch das darin symbolisch
Funktion gebildeter Eliten aus Auftraggebern und erfahrene Ich«, auch wenn sein Können nicht im
Künstlern, die Bedeutung der Avantgarde für die mindesten den alten Meistern vergleichbar sei. Der
Modeme habe sich mit der den »Feldzug des Di­ Dilettantismusbegriff Blochs definiert sich im
lettantismus« organisierenden Kulturbürokratie der Kontext einer Kunst, die »Trostgesang einer um
»fortgeschrittenen Demokratie« (20) erledigt. Seit Häßlichkeit, Schönheit unbekümmerten Ichex­
der Geburtsstunde des >Dilettanten-Genies< in der pression« (2o f.) ist und deren aus »ausdrucksvollem
Ära von Andy Warhols >Factory<, in der die Ver­ Überschwang« ( 1 8) hervorgegangene Schöpfungen
bindung von Kunst und industriellem Denken ihren Kunstwert neben meisterlichen Werken be­
endgültig sanktioniert worden war und mit der haupten.
Gleichstellung von Kunstwerk und Ware die Aus­ Positive Qualitäten des Dilettantismus für die ei­
tauschbarkeit von Kunstprodukt und Marke gene Kunst nutzbar zu machen ist ein Anliegen des
ebenso vorbereitet wurde wie von Autorschaft und Malers Markus Lüpertz. Lüpertz, in der genannten
Image-Strategie, hat sich der Dilettantismus des Ausstellung Zeitgeist mit 1 5 Bildern und einer
Marktes und der Kommunikationsmittel bemäch­ Bronze vertreten, beurteilt die Lage in den voran­
tigt. Der »Dilettant als Medienstar« (20) läßt bereits gegangenen zwei Jahrzehnten aus der Sicht des
durch die rasante Verringerung des Zeitwerts sei­ Künstlers. Die Situation habe sich so zugespitzt,
ner Künste Fragen des Könnens, der Qualität, der daß sie den Künstler gegenwärtig zum »totalen
Bildung und des Kunstgenusses obsolet werden. Verzicht auf Begreifen, Anerkennung und Liebe«9
Die Kritik Bachauers an Trivialästhetik, Kon­ zwinge. Als schaffender Künstler benannte er für
sum, Unterhaltung und meuen Medien< erscheint sich Konsequenzen, die sich in der Wertung des
wie eine - wenn auch entpolitisierte - Aktualisie­ Dilettantismusbegriffs als Gegenposition zu Ba­
rung der mit dem Begriff der >Kulturindustrie< von chauer lesen lassen. In seinem Essay Hommage a
Theodor W Adorno und Max Horkheimer um- Prevost, Berthe Morisot und Trouillebert (1 986) for­
muliert Lüpertz einen dialektischen Dilettantis­
ERNST BLOCH, Geist der Utopie ( 1 9 1 8 ; Berlin 1923), musbegriff, der als ein wichtiger Teil seines Selbst­
22 f verständnisses und seiner künstlerischen Praxis
9 Zit. nach ARMlN ZWEITE, >Niemandsland, zurückge­ aufgefaßt werden muß. Lüpertz schildert seine
lassenes Handeln und herausgelöstes Gesicht<. Stich­
worte zu Markus Lüpertz, in: Zweite (Hg.), Markus
Profession als ein Balancieren zwischen der Male­
Lüpertz. Belebte Formen und kalte Malerei [Ausst.­ rei, für ihn Akt von existenzieller »Sehnsucht des
Kat.] (München i 986) , 26. Findens, des Findenmüssens«, und den kommer-
1. Einleitung 67

ziellen und kommunikativen Zwängen des Kunst­ didakt, der ewige Dilettant und das Kollektiv­
betriebs. Dem Geflecht aus Kunstkritik, Publi­ Anonyme«13 am Werk.
kumsansprüchen und Marktmaximen stellt Lüpertz Der Berliner Maler Ernst Wilhelm Nay, der sein
seinen Dilettantismusbegriff entgegen: »Einzige ganzes Künstlerleben daran arbeitete, seine Art der
Form gegen Professionalismus ist Dilettantismus. absoluten Malerei mittels des >Gestaltwerts der
Ihn erkennen, ihn, den Dilettantismus, kultivieren Farbe<14 zu entwickeln, sah für sich »die autodidak­
heißt die Kunst nicht verlieren.«10 Der Dilettantis­ tische Erfindung«1 5 seiner Kunst als methodische
mus verspricht für Lüpertz darüber hinaus innova­ Möglichkeit für das Ziel einer neuen nicht-illusio­
tives Potential für seine Intention, eine nach-avant­ nistischen, einer »arithmetischen« Malerei. In ei­
gardistische Malerei zu schaffen, die sich wieder nem Manuskript von 1 965 umschrieb er die zu­
am gemalten Tafelbild orientiert. Nach der Verab­ rückliegenden Jahre seines Schaffens: »Immer ging
schiedung der Malerei durch die Künstler und ich seit 1950 davon aus, >Dilettant meiner selbst zu
nach dem Ende des Avantgardebegriffs müsse sich sein< - ein Wort von mir aus j enem Jahr - also all­
die Malerei von ihren eigenen Mitteln her, aus sich gemeingültige Formulierungen des Maiens zu ne­
selbst heraus erneuern. Für die künstlerische Praxis gieren und eine eigene zu entwickeln.« (99) Auch
dieses >Anti-Professionalismus< heißt das, vermeint­ bei Nay enstand das Bild erst beim Malen, und er
lich »gedankenlos« und »beliebig« mit den erwor­ betonte, daß gerade auch für die »autodidaktische
benen Fähigkeiten umzugehen, um neue bildneri­ dilettantische Betätigung von Kunst« die hand­
sche Freiräume zu erwerben. Dieser Dilettantismus werklichen Grundlagen der jeweiligen Gattung
ist künstlerische Methode: »Unvermögen profes­ verbindlich bleiben müßten, in der Malerei »Flä­
sionell erhalten, Gelerntes vergessen, nur ab und che, Farbe, gestalteter Formkomplex«: »Da heraus­
zu erinnern« (47) . Denn ein Künstler, der sich stets gehen, heisst vor Kunst fliehen.« (roo)
innerhalb eines routinierten Könnens bewege, ver­ Verwandte Vorstellungen formulierte damals
zichte auf Erweiterung und Veränderung, »somit Karlheinz Stockhausen, der Musik als »erfinderi­
auf Kunst und Genie«, die »künstlerischen Urele­ sches Handwerk«1 6 verstand, dessen Entdeckungen
mente«, verzichte »auf Kunst schlechthin<< 1 1 • In der mit denen aller anderen Lebensbereiche zusam­
Zuspitzung lautet das bei Lüpertz: »Ich bin ein mengefaßt werden müßten. Die wichtigste Vor­
Mann ohne j edes handwerkliche Geschick, aber aussetzung dafür sah er in der Beurteilung schöpfe­
mit großer Begabung.« 12 Mit dieser Haltung steht rischer Tätigkeit nicht nach der Zweckmäßigkeit
Lüpertz in einer langen Tradition künstlerischer oder Vollendung ihrer Produkte, sondern aus der
Topoi von Raffael bis zu Picasso - auf den Lüpertz Perspektive schöpferischen Wirkens.
kürzlich selbst verwies -, aber auch jüngerer Re­ Mit der rhetorischen Frage >Muß man Kunst
flexionen zur Dichotomie des neuzeitlichen
Kunstbegriffs.
Als einen Künstler, der das Malen als ständig IQ MARKUS LÜPERTZ, Hommage a Prevost, Berthe Mo­
wiederholten Neubeginn erlebte, sah sich auch risot und Trouillebert (1 986) , in: ebd. , 5 3 , 47.
I I LÜPERTZ, Muß man Kunst können?, in: Jahreshefte
Willi Baumeister, der deutsche Protagonist der ab­ der Kunstakademie Düsseldorf 4 ( 1 994) , 2 1 .
strakten Malerei nach 1 945 · In seiner Schrift Das 1 2 Neuerdings nur mit Signet. Markus Lüpertz i m Ge­
Unbekannte in der Kunst ( 1 947) äußerte er: »Der spräch mit Isabelle Graw, in: Artis 44 (Februar 1 992) ,
originale Künstler verläßt das Bekannte und das 40.
1 3 WILLI BAUMEISTER, Das Unbekannte in der Kunst
Können. Er stößt bis zum Nullpunkt vor. Hier be­
(Stuttgart I 947) , 1 5 5 , 148.
ginnt sein hoher Zustand. [ . . . ] Das Genie >kann< 1 4 Vgl. ERNST WILHELM NAY, Vom Gestaltwert der
nichts und nur damit alles.« Baumeister verwies Farbe. Fläche, Zahl und Rhythmus (München 1 9 5 5 ) .
bezeichnenderweise im Kapitel >Die Entdeckung 1 5 N A Y , Aufzeichnungen ( 1 9 6 5 ) , in: Ernst Wilhelm Nay
der Kunst< auf die Kunst der Urvölker, der soge­ [Ausst.-Kat.] {Amsterdam I 998), I OO.
1 6 KARLHElNZ STOCKHAUSEN, Erfindung und Entdek­
nannten Primitiven, der Kinder und der Geistes­
kung (1961), in: Stockhausen, Texte zur elektroni­
kranken. In solchen »Formkräften« waren seines schen und instrumentalen Musik, Bd. I (Köln 1 963),
Erachtens »das ewige Handwerk, der ewige Auto- 257.
68 Dilettantismus

können?<17 stellt Lüpertz, Rektor der Düsseldorfer Umfeld der Philosophie einen neuen Bedeutungs­
Kunstakademie und einer der erfolgreichsten zusammenhang zu erhalten. In Philosophy and the
Künstler der Gegenwart, die selbstgewählte Rolle Mirror of Nature ( 1 979) versucht Richard Rorty, die
des »professionellen Dilettanten«18 zwischen sich scheinbar hermetisch abgeschlossene angelsächsi­
und das bürgerliche Leistungsethos »Der kann sche Tradition von Empirismus und Pragmatismus
was«19. Lüpertz' Selbstinszenierung als dilettieren­ für kontinentaleuropäische Philosophien zu öff­
der Malerfürst ist denn auch mehr als nur Pose, sie nen. Rorty zielt auf eine Neubestimmung der Phi­
ist Überlebensstrategie eines genialen >Kunst-Kön­ losophie jenseits erkenntnistheoretischer und
nens<. Ein solch aristokratisch und individualistisch neuerer analytischer Ansätze. Die Suche nach ob­
geprägter Dilettantisrnusbegriff hat an der Kunst­ j ektiver Erkenntnis als primäre Aufgabe der Philo­
akademie Düsseldorf offenbar Tradition. Alfred sophie gilt es ihm zufolge durch andere, als gleich­
Mundhenk sprach sich in seiner Festrede vor der rangig verstandene Dimensionen menschlichen
Akademie ( 1 967) mit Rekurs auf die humanisti­ Tuns abzulösen. Dies setzt einen Kulturbegriff vor­
sche Tradition des Dilettantismus als eine »Lebens­ aus, der nicht mehr vorn Ideal obj ektiver Kogni­
praxis« begründende »tätige Muße« gegen den tion dominiert wird. In einer neuen Diskursge­
»Massendilettantisrnus«20 aus, der ein Widerspruch meinschaft, in der Wissenschaften und Künste
in sich sei. In diesem Sinne kann Lüpertz seine kommensurabel und philosophische Fragestellun­
Künstlerpersona selbst definieren und eine selbst­ gen hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten mit der
bestirnrnte Qualifizierung seines künstlerischen Lebenspraxis befragbar sind, nimmt der Philosoph
Handelns vornehmen. »Der Dilettant braucht kein die Rolle des »informed dilettante« ein, »the poly­
Engagement, er dilettiert, ist unverständlich, und pragrnatic, Sokratic intermediary between various
welches Genie will schon verstanden werden.«21 discourses«22. Rorty denkt sich diesen Philoso­
Die Metapher >Dilettanten-Genie< verkehrt den phen-Dilettanten nach dem Modell des zum Ge­
Topos vom )verkannten Künstler<. Der extreme In­ spräch in seinen Salon ladenden Gebildeten, der
dividualismus eines solchen Künstlerkonzepts ver­ die Wissenschaften mit der Politik, der Ethik und
weigert zudem die Erklärung von Kunst und ihre den Künsten ins Gespräch bringen soll und Mei­
Einbindung in die Geschichte. Für Abfolge, Histo­ nungsverschiedenheiten der Disziplinen und Dis­
rie und Kausalität - mithin >Verständlichkeit< - ist kurse einem Kompromiß zuführt oder transzen­
der Künstler respektive der Dilettant nach Lüpertz diert. Diesen Dilettantismus verkörpert für Rorty
nicht mehr verantwortlich. Die Stilgeschichte ein Herrneutikbegriff im Sinne von Hans-Georg
überläßt er den - als Gegenbegriffe zu Künstler Gadamers Wahrheit und Methode ( 1 960) : ein for­
und Dilettant von ihm eingeführt - >Professionel­ schendes Verstehen, das die Geisteswissenschaften
len< und den >Amateuren<. mit dem Ganzen unserer Welterfahrung verbindet.
Der Dilettantismusbegriff scheint außerdem im

3. Hinweise zur Wortgeschichte


17 Vgl. LÜPERTZ (s. Anm. 1 1) , 1 7 .
Die Bezeichnung >Dilettantismus< erscheint erst im
18 LÜPERTZ ( s . Anm. 1 0) , 47.
19 LÜPERTZ (s. Anm. 1 1 ) , 2 1 . letzten Jahrzehnt des 1 8 . Jh. Bis zu Johann Gottlieb
20 ALFRED MUNDHENK, Über den Dilettantismus (Düs­ Fichtes Wissenschafts/ehre ( 1 794/ r 795)23 und Schil­
seldorf 1 967) , 27 ff. lers Rezension Über den Gartenkalender auf das Jahr
21 LÜPERTZ (s. Anm. rn), 47. 1 795 , in dem er den englischen Landschaftsgarten
22 RICHARD RORTY, Philosophy and the Mirror of Na­
ture (Princeton 1 979) , 3 1 7. als Spielerei des »Dilettantisrn«24 verurteilt, scheint
23 Vgl. JOHANN GOTTLIEB FICHTE, Wissenschaftslehre das Wort nicht bekannt gewesen zu sein. Noch
(1 794/ J 795), in: Fichte, Werke, hg. v. der Bayerischen Anfang der l 8 3 oer Jahre betitelte Eckerrnann Goe­
Akademie der Wissenschaften, Abt. 1, Bd. 2 (Stutt­ thes Dilettantismus-Manuskripte Über den soge­
gart-Bad Cannstatt 1 978), 259.
24 FRIEDRICH S CHILLER, Über den Gartenkalender auf
nannten Dilettantismus oder Die practische Liebhaberey
das Jahr 1 795 ( 1 794) , in: SCHILLER, Bd. 22 ( 1 9 5 8 ) , in den Künsten ( 1 8 3 3 ) . Lexikographiert wird es da­
285. mals als Ableitung von >Dilettant<: »Dilettant, eine
!. Einleitung 69

Person, welche irgend eine Kunst betreibt, ohne das Deutsche im l 8. Jh. zur Kernbedeutung von
daraus ihren Beruf oder ihren Erwerb zu machen. >Dilettant<: »In weiterer Bedeutung heißt derjenige
Daher Dilettantismus, das Betreiben irgend einer ein Liebhaber, welcher einen vorzüglichen Grad
Kunst zum bloßen Vergnügen, aber mit einem ge­ des Vergnügens an Dingen gewisser Art und deren
wissen Grade der Vollkommenheit ausgestattet, Besitz findet. Ein Liebhaber von der Jagd, von
ohne die Kenntnisse zu besitzen, welche für diesen Pferden, von Hunden, von Landkarten, von Ge­
Zweck vollkommen hinreichen und den Künstler mälden seyn. Eine Liebhaberinn vom Spiele, vom
erst bilden.«25 Mittels der damals aufblühenden Putze u. s. f. [ „ . ] es kömmt darauf an, daß sich je­
Gattung des Konversationslexikons wurde die Ver­ mand findet, welcher eine vorzügliche Neigung zu
breitung des Wortes befördert und mit ihm die aus dieser Sache trägt. Ebenso ist in den schönen Kün­
dem Kunst- und Wissenschaftsbetrieb des 1 8 . Jh. sten der Liebhaber, ital. Dilettante, derjenige, wel­
stammende Klassifizierung, daß der Dilettantismus cher eine vorzügliche Neigung zu diesen Künsten
- sowohl in den Künsten wie in den Wissenschaf­ und den Kunstwerken träget, ohne selbst ein
ten - »der Meister- und Kennerschaft entgegenge­ Künstler zu seyn. Nicht alle Liebhaber sind zu­
setzt« sei, »obgleich er diese oft an Wärme über­ gleich Kenner.«31 Johann Christian Adelung ver­
triffo<26. >Dilettant< und >Dilettantismus< bezeichnen zeichnet hier das italienische Fremdwort l 777 als
auf der wortgeschichtlichen Ebene die Ausbrei­ Synonym für den >Liebhaber der schönen Künste<.
tung des Dilettantismus im l 8. Jh. , einst wenigen In diesem Stadium der Begriffsgeschichte führt an­
Aristokraten und Wohlhabenden vorbehalten, zu dererseits der ästhetische Diskurs zu einer Abgren­
einem Phänomen von solcher gesellschaftlicher zung der Bezeichnungen >Liebhaber< und >Dilet­
Tragweite, daß Goethe l 799 verzweifelt feststellte, tant<, eine der wichtigsten begriffsgeschichtlichen
der gesamte Kunstbetrieb sei vom »Greuel des Di­ Zäsuren. Weiterhin ist das Wort zu diesem Zeit­
lettantism«27 betroffen. Mit dem Wort >Dilettantis­ punkt - sowohl in italienischer wie deutscher
mus< stand außerdem eine Bezeichnung zur Verfü­ Form - so verbreitet, daß die Bemerkung in einem
gung, mit der die Verhaltensweisen von Dilettan­ zeitgenössischen Roman, es sei ein »neumodi­
ten resümiert und terminologisch erfaßt werden sches« und »sehr entbehrliches italienisches Wort«32
konnten, so in der erwähnten Abhandlung Ober für reisende Musiker und Virtuosen aus Italien, als
den Dilettantismus ( 1 799) . Die Wortbildungen des patriotische Geste zu nehmen ist. Seit Mitte des
1 9 . und 20. Jh. bezeichnen auch neue begriffiiche Jahrhunderts bereits kannte man das Wort im
Varianten des Dilettantismus, beispielsweise hin­ Deutschen. Die Bezeichnung >Dilettant< ist sehr
sichtlich seiner Ausdehnung auf die Sphäre ästheti­
zistischer Verfaßtheit (»Dilettantisierem28 bei
Nietzsche) oder auf das Politische (»Dilettanterie«29 25 1Dilettant(, in: Neuestes Conversationslexikon für alle
bei Robert Walser) . Die negativen Konnotationen Stände, Bd. 2 (Leipzig 1 8 3 3 ) , 3 64.
dieser Wortbildungen liegen in der Linie des Ad­ 26 >Dilettant<, in: Allgemeine deutsche Real-Encyclopä­
jektivs >dilettantisch<, wie es offenbar Mitte des die für die gebildeten Stände (Conversations-Lexi­
kon) , ßd. 3 (Leipzig 5 1 8 1 9) , 1 94·
1 8 . Jh. gebräuchlich wurde. Die ihm im Kontext
27 GOETHE an Schiller (20. 7. I 799) , in: GOETHE (wA) ,
seiner frühen Verwendung anhaftende negative Abt. 4, Bd. 14 ( I 893), I J 2.
Bedeutung hat sich gegenüber der bei Goethe und 28 FRIEDRICH NIETZSCHE, Richard Wagner in Bayreuth
Schiller um das Jahr l 800 in Aufsätzen und im ( I 876) , in: NIETZSCHE (SCHLECHTA) , Bd. I ( 1 994) ,
371.
Briefwechsel belegten Verwendung durchgesetzt.
2 9 ROBERT WALSER, Dilettanten ( 1 908), in: Walser, Das
Dort erhält es im Sinne der klassischen Kunstauf­ Gesamtwerk, hg. v. ]. Greven, Bd. 6 (Genf/Hamburg
fassung die Funktion eines Gegenbegriffs zu schul­ 1966) , 54.
mäßigem und intellektuellem Künstlertum, z. B. in 30 Vgl. GOETHE, Diderot's Versuch über die Mahlerei
Goethes Propyläen-Aufsatz Diderot's Versuch über ( I 799) , in: GOETHE (wA) , Abt. I , Bd. 45 ( I 900) , 278.
3 I >Liebhaben, in: ADELUNG, Bd. 2 ( I 796) , 206 1 .
die Mahlerei ( 1 799) .30
3 2 JOHANN TIMOTHELS HERMES, Sophiens Reise von
Die vorästhetische Bedeutung des Dilettantis­ Memel nach Sachsen (1 769-I773), Bd. 3 (Leipzig
musbegriffs als umfassender Kunstgenuß rechnete ' 1 778) , 52.
70 Dilettantismus

wahrscheinlich mit anderen Ausdrücken der italie­ Der im Kontext einer Kunsttheorie formulierte
nischen Musiksprache nach Norden gedrungen. Bericht über seinen privaten Dilettantismus34 kon­
kretisiert die mit dem Traktat verfolgte Absicht Al­
bertis, die Malerei aus der Zunftorganisation her­
auszulösen und sie in den Rang einer >ars liberalis<
II. Anfange dilettantischer Kunstpraxis zu erheben. Dieses erste Selbstbekenntnis eines Di­
lettanten begründet das künstlerische Tun als edlen
und als gelehrten Zeitvertreib. In der Traktatlitera­
1 . Nobilitierung der Kunsttätigkeit
tur wird dies offenbar recht schnell zu einem To­
Im Kontext künstlerischer Theorie findet sich die pos. 35
erste neuzeitliche Äußerung zum Dilettantismus: Künstlerischer Dilettantismus als eine dem Höf­
Leone Battista Alberti, Florentiner Jurist, Huma­ ling angemessene Tätigkeit diskutiert Baldassare
nist und Architekt, fügte in seinen Traktat Della Castiglione in seinem Libro de/ Cortegiano (entst.
pittura ( 1 4 3 5 ) , eine der ersten kunsttheoretischen 1 508-1 5 1 6) . Aus der Notwendigkeit der Legitima­
Abhandlungen der Renaissance, einen Passus ein, tion des eigenen Standes vor dem Hintergrund
in dem er von seinem eigenen Z eichnen berichtet: veränderter gesellschaftlicher Bedingungen wird
»io se mai per mio piacere mi do a dipigniere, qua! humanistisches Bildungsgut in das fürstliche Leben
cosa fo non raro quando dall ' altre mie maggiori integriert. In Dialogform entwirft der Autor ein
faccende io truovo otio, ivi con tanta volupta sto neues Ideal höfischen Verhaltens: die traditionelle,
fermo al lavoro ehe spesso mi maravig]io cosi avere an kriegerischen Elementen definierte >virtu< soll
passate tre o quattro ore.«33 (Wenn ich mich, was mittels der Künste (insbesondere Musik, Literatur,
nicht selten geschieht, daran begebe, etwas zu ma­ Zeichnen und Malen) in eine verfeinerte Gesellig­
len, falls ich neben meinen anderen Hauptbeschäf­ keit eingebunden werden. Die Erziehung zu feine­
tigungen dazu Muße finde, bin ich mit solcher ren Umgangsformen, der >gratia<, beinhaltet, daß
Lust bei der Arbeit, daß ich mich häufig wundere, die angemessene Ausübung einer Kunst darin be­
auf diese Weise drei oder vier Stunden verbracht steht, den Anschein von >sprezzatura< (Mühelosig­
zu haben.) keit) zu bewahren - ein von Castiglione eingeführ­
Mit dem Rückgriff auf das antike >otium< - im ter Gegenbegriff zur handwerklichen Arbeit. Die
Gegensatz zum lebenserwerblichen >negotium< - nachhaltige Wirkung des Buches zeigt sich in den
stellte Alberti seine künstlerische Praxis als Tätig­ adaptierten Leitbildern des >gentleman< und des
keit außerhalb der Sphäre des Lebenserwerbs und >honnete homme<.
als >Vergnügen< in diesem Sinne dar. Bestärkend Die von einem solchen Dilettantismusbegriff er­
behauptete er, die damalige Wertschätzung der öffiie te Möglichkeit der sozialen Abgrenzung und
Malerei als Kunst sei so hoch gewesen, daß viele Aufwertung machen sich die Künstler zunutze.
vornehme Bürger, auch Philosophen und nicht
wenige Könige, nicht nur Gefallen an gemalten
2. Standesideal und künstlerische Freiheit
Sachen gehabt, sondern auch selbst zu ihrem Ver­
gnügen gemalt hätten (»molti nobilissimi ciptadini, Giorgio Vasari, Maler und Kunstschriftsteller, Ver­
philosafi ancora et non pochi re, non solo di cose fasser der ersten umfangreichen Sammlung von
dipinte ma et di sua mano dipignierle assai si dilet­ Künstlerbiographien, der Vite de' piu eccellenti pit­
tavano« [79] ) . tori, scultori e architettori ( 1 5 50) , dienen Wendungen
wie >per piacere<, >per diletto< bzw. >per diletta­
zione< dazu, die geistige Autonomie der Berufs­
3 3 L E O N BATTISTA ALBERT!, Della pittura ( 1 4 3 5 ) , hg. V. künstler und den Rang ihrer künstlerischen Tätig­
L. Malle (Florenz 1 950) , 8 i . keit auszudrücken. Im Abschnitt über Michelan­
3 4 Vgl. JULIUS VON SCHLOSSER, Ein Künstlerproblem
der Renaissance: L. B. Alberti (Wien/Leipzig 1 929) .
gelo fällt - im Zusammenhang mit dessen Arbeit
3 5 Vgl. MICHELANGELO BIONDO, Della nobilissima pit­ an der unvollendeten und von ihm zerstörten Flo­
tura ( 1 5 49; Farnborough 1 972), 6 ff. rentiner Pieta - der Begriff des >passar tempo<: Mi-
II. Anfänge dilettantischer Kunstpraxis 71

chelangelo habe dieses Werk »per dilettazione e werkliche und Materielle der künstlerischen Arbeit
passar tempo«36 (zum Vergnügen und Zeitvertreib) zur Muße und spielerischen Leichtigkeit subli­
in Angriff genommen. Möglicherweise bestehen mierte, andererseits auch das Vergnügen und die
Bezüge zu dem für Michelangelos Schaffen cha­ Unabhängigkeit eines künstlerischen Daseins be­
rakteristischen >non finito<; insofern läge hier der tonte.
Ursprung eines Bedeutungsmusters für den Dilet­
tantismus als eines rastlosen, sich selbst nicht genü­
3 . > Professori < und > Dilettanti <
genden Künstlertums. Jedenfalls begründet sich
hier eine Tradition des Dilettantismusbegriffs, die 1 6 8 1 gibt der Kunsthistoriograph Filippo Baldi­
bis zum Selbstverständnis des materiell und psy­ nucci im Auftrag der Florentiner Accademia della
chosozial unabhängigen Künstlerindividuums in Crusca ein neuartiges Fachbuch heraus, das Vocabo­
der jüngsten Modeme reicht. Eine entsprechende lario toscano dell'arte del disegno. Hier ist zum ersten
Äußerung ist beispielsweise von dem Barockmaler Mal im Italienischen das Wort >dilettante< verzeich­
Salvator Rosa überliefert, der an einen potentiellen net und zugleich als Terminus für alle Künste ein­
Auftraggeber schrieb, daß er nicht male, um wohl­ geführt (»ed e termine delle medesime Arti«) . Der
habend zu werden, sondern nur zur eigenen Ge­ Terminus werde von den Berufskünstlern benutzt,
nugtuung (»solamente per propria soddisfa­ um die nicht zum Metier Gehörigen zu bezeich­
zione«37) . nen: »tra' Professori de! disegno si prende impro­
Ende des r 6 . Jh. bekamen die Künstler Konkur­ priamente per chi si diletta di quest' Arti, a distin­
renz von Aristokraten, die sich in den Malerwerk­ zione de' Professori di esse.«40
stätten - etwa in Venedig, Genua und Florenz - Das Lexikon aller Künste und Gewerbe ist nun
unterweisen ließen. Manche dieser Dilettanten­ gerade für die Kunstinteressierten und Sammler
Maler strebten eine professionelle Künstlerlaufbahn bestimmt, und es markiert einen wichtigen Ab­
an und kämpften gleichzeitig darum, die Zunftvor­ schnitt der Begriffs- und Wortgeschichte: Die Auf­
schriften zu beseitigen. Der Genueser Aristokrat wertung und das Interesse für die Künste im
Giovanni Battista Paggi begründete seinen Ent­ Humanismus, die gelehrte Konversation bei Hofe
schluß, nicht Kaufmann wie sein Vater, sondern hatten zur Entstehung großer Sammlungen von
Berufsn1aler werden zu wollen, mit dem von Al­ Natur- und Kunstobjekten geführt. Was die rei­
berti etablierten Topos. Künstlerische Arbeit sei chen Bürger und die Aristokraten der Frühzeit des
für den >cavaliere< nicht >schmutzig<, da sie >edle Ef­ Sammelwesens zusammentrugen (»i quali molto si
fekte< verfolge.38 Der im r 6 . Jh. verbreitete Ge­
danke einer Verbindung von freier Kunst, theoreti­
schem Wissen und edler Abkunft zeigt sich auch in
der Neuorganisation der künstlerischen Ausbil­
dung durch die im Auftrag Cosimos !. von Vasari 36 GIORGIO VASARI, Le vite de' piU eccellenti pittori,
gegründete Florentiner Accademia de/ Disegno. Hier scultori e architettori ( 1 5 50) , hg. v. R. Bettarini/P
Barocchi, Bd. 6 [Text] (Florenz 1 987) , 77.
waren alle sozialen Stände zugelassen und jeder, ob 37 SALVATOR ROSA an Don Antonio Ruffo ( r . 4. 1 666) ,
Dilettant oder Berufskünstler, konnte den Titel ei­ in: V Ruffo, La galleria Ruffo nel secolo XVII in
nes Akademiemitgliedes erhalten. 39 Die erfolgrei­ Messina, in: Bollettino d'Arte 10 (19 16), 1 80.
che Verbindung von Dilettantismus und Akademie 38 Vgl. GIOVANNI BATTISTA PAGGI, Lettere al fratello
Girolamo (1 59 1 ) , in: P Barocchi (Hg.) , Scritti d'arte
- eine Institution, die den Dilettanten wesentliche
de! cinquecento, Bd. r (Mailand/Neapel 1 97 1 ) , 1 92,
Mitsprache in Sachen Kunst erlaubte und ihnen 200 [. ; PETER M . LUKEHART, Delineating the Ge­
mit der Einrichtung öffentlicher Kunstausstellun­ noese Studio. >Giovani accartati< or >sotto padre<?, in:
gen ein Forum der Selbstdarstellung bot - wirkte Srudies in the History of Art 38 ( 1 993), 3 7 f.
sich förderlich auf das Kunstleben in allen Ländern 39 Vgl. NIKOLAUS PEVSNER, Academies o f Art (New
York 1973), 297 f.
aus.
40 >Dilettante<, in: FILIPPO BALDINUCCI, Vocabolario
Der Dilettantismus wurde bis ins 1 7 . Jh. offenbar toscano dell'arte de! disegno, Bd. r ( 1 68 1 ; Mailand
als ein Verhalten gewertet, das einerseits das Hand- 1 809) , 1 76.
72 Dilettantismus

dilettano in adornare e polir i suoi palazzi«41), ist Seit dem späten 1 6 . J h . verfaßten die Sammler
z . B . durch Sabba Castiglione, Mailänder Edel­ und Kunsthändler selbst vermehrt Handbücher für
mann und selbst passionierter Sammler, überlie­ sammelnde Kunstliebhaber, die auf diesem Wege
fert. 42 In seinen vielgelesenen Ricordi overo am­ eine Anleitung für die Unterscheidung zwischen
maestramenti ( 1 5 46) berichtete Castiglione von Original und Fälschung sowie Kenntnisse über
Musikinstrumenten, Antiken, Bronzestatuen, ge­ einzelne Malerschulen und die Künstlerhistorie er­
schnittenen Steinen und Preziosen; zugleich wür­ hielten. Ein von dem Kunstagenten Giulio Man­
den aber auch Gemälde großer zeitgenössischer cini geschriebenes Handbuch ( l 6 l 7 I r 62 l ) heißt
Meister - Leonardo da Vinci, Perugino, Raffael, bezeichnenderweise Alcune Considerationi Apparte­
Giulio Romano - erworben. Castiglione beklagt nenti alla Pittura come di Diletto di un Gentilhuomo45;
zugleich die mangelnde Kennerschaft der Samm­ und Federico Zuccari schreibt im Jahr 1 605 für die
ler, die viel Aufhebens von ihrer Sammlung von Kunstliebhaber der verschiedenen Künste, die er
Antiken, vor allem Münzen mit den Bildnissen im Titel spezifiziert: >amatore di pittura', 'amatore
würdiger und berühmter Männer, machten (»face­ di architettura< usw.46
vano gran professione di diletarse di antiquita e Dieser neue Typus des sammelnden, kunst­
massimamente di medaglie di uomini stati al schriftstellerisch oder auch künstlerisch tätigen
mondo degni e famosi«), weil sie damit Erfin­ Kunstliebhabers wird offenbar seit der Mitte des
dungskraft und Geist demonstrieren wollten, je­ 1 7 . Jh. als >dilettante< bezeichnet. Durch die Frage
doch keinerlei Geschmack oder Kenntnisse von der Kennerschaft, die sich zu einer eigenen, theo­
solchen Dingen besäßen. Manche der Sammler retisch fundierten Lehre entwickelte, wurde die
seien auch selbst künstlerisch tätig: »li quali non so­ Dichotomie zwischen handwerklicher, manueller
lamente se sono dilettati della pittura, [ ] ma in . . . Arbeit und >freier<, gelehrter Künstlerschaft ver­
quella avere con loro mano operato«43 (die sich an schärft. Der Künstler, der bislang durch seine
der Malerei nicht nur erfreut, sondern auch selbst künstlerische Tätigkeit per se als Kunstagent und
darin gearbeitet haben) . Auch andere Autoren be­ Kenner legitimiert war, bekam nun auch von die­
richteten von zeichnenden und malenden Edelleu­ ser Seite Konkurrenz. Carlo Cesare Malvasia er­
ten: »M. Giovan Mario Verdezotto, il quale, molto wähnte in seiner Felsina Pittrice. Vite de' Pittori Bo­
di pittura dilettandosi [ „ .] alle volte ancora egli lognesi ( 1 678) Streitigkeiten zwischen Künstlern
disegnando e dipingendo«44 (M. Giovan Mario und Dilettanten (»lite, e differenza fra Pittori, e Di­
Verdezotto, der sich sehr an der Malerei erfreut, lettanti«47) .
zeichnet und malt manchmal auch selbst) . Offenbar hat hier eine Umwertung des Dilet­
tantismusbegriffs wie auch der Wendung >dilettarsi<
stattgefunden. Eine spätere Quelle aus dem deut­
schen 1 8 . Jh. bestätigt dies: 1 799 lieferte der Wei­
41 SABBA CASTIGLIONE, Ricordi overo ammaestramenti marer Hofbibliothekar und Italianist Johann Chri­
(1 546) , in: P. Barocchi (Hg.) , Scritti d'arte de! cinque­ stian Jagemann, einer der bekanntesten Sprachfor­
cento, Bd. 3 (Mailand/Neapel 1 977) , 29 19.
scher seiner Zeit, auf Nachfrage Goethes die
42 Vgl. SCHLOSSER, Die Kunst- und Wunderkammern
der Spätrenaissance. Ein Beitrag zur Geschichte des folgende grammatikalisch vertiefte etymologische
Sammelwesens (Leipzig 1908), 1 24. Erläuterung. »Dilettante, insofern es den Begriff
43 CASTIGlIONE (s. Anm. 41), 2927. eines Kenners der schönen Künste bezeichnet«, sei
44 LODOVICO DOLCE, Dialogo della Pittura, intitolato
seit dem 1 7 . Jh. gebräuchlich. Auf den »Liebhaber«
l'Aretino ( 1 5 57), in: P. Barocchi (Hg.) , Scritti d'arte
de! cinquecento, Bd. 1 (Mailand/Neapel l 971), 800. würde bereits in älteren (von Jagemann nicht prä­
45 Vgl. crnuo MANCINI, Considerazioni sulla pittura, zisierten) Schriften verwiesen, und zwar durch die
Bd. l ( 1 6 1 7; Rom 1956) . Wendung sich vergnügen, »prender diletto« ,
4 6 Vgl. FEDERICO ZUCCARI, Lettera a prencipi e signori gleichbedeutend mi t » s e dilettare/ dilettarsi« oder
an1atori del dissegno, pittura scultura et architettura
sogar nur »dilettare«. Das zugehörige Partizip Prä­
(Mantua 1605) .
47 CARLO CESARE MALVASIA, Felsina Pittrice. Vite de' sens, »se dilettante/dilettante si«, sei in der redu­
Pittori Bolognesi, Bd. 1 (Bologna 1 678), 2 1 6 . zierten Form »dilettante« nur in der Bedeutung
III. Der Dilettantismusbegriff im 1 8 . Jahrhundert in Deutschland 73

von »Liebhaberey des Schönen«48 gebräuchlich ge­ rialien preiswerter und zugänglicher wurden und
wesen. Die Substantivierung des Verbs und der sich in den Ausstellungen der neu gegründeten
Kontext der Verwendung verweisen auf eine Ent­ Kunstakademien dem bisher privat geübten Dilet­
wicklung in Theorie und Praxis der Künste, die in tantismus ein öffentliches Forum bot, trug dazu
Frankreich, England und schließlich auch in bei, Vorformen des modernen Kunstbetriebs zu
Deutschland zu einer pädagogischen und institu­ entwickeln.
tionellen Ausdifferenzierung der verschiedenen,
die Künste betreffenden Kompetenzen führt.
1 . Kompetenzkonflikte und Ungleichzeitigkeiten

Im politisch und kulturell vergleichsweise retar­


dierten Deutschland erprobte man seit der Wende
III. Der Dilettantismusbegriff im zum l 8. Jh. neue Formen sozialen und geistigen
1 8 . Jahrhundert in Deutschland Lebens, insbesondere im Bereich der Musik. In
den größeren Städten entstand eine musikinteres­
Zum gesellschaftlichen Gruppenphänomen und sierte Öffentlichkeit aus Adligen und Bürgerlichen,
klassenspezifischen >lifestyle<-Syndrom wird das die sich nach dem Vorbild englischer, französischer
Dilettantismusideal erstmals im l 8. Jh. in England. und italienischer Verhältnisse in musikalischen Zir­
Die l 732 gegründete Society of Dilettanti vereinigte keln austauschten und einen öffentlichen Diskurs
wohlhabende Männer aus Adel und gehobenem förderten.
Bürgertum, die ihre Kavalierstour und Bildungs­ In einem jahrelang privat wie publizistisch ge­
reise in Italien absolviert hatten und Geselligkeit führten Streit zwischen Johann Joachim Quantz,
mit der Förderung der schönen Künste und der seit 1 74 1 Hofmusiker und Flötenlehrer Friedrichs
gerade modisch gewordenen Archäologie zu ver­ II„ und dem dänischen Adligen Joachim von Mol­
binden suchten. 49 Im Vorwort der Antiquities of lo­ denit ging es um die Fragen, wie Musik (ernsthaft)
nia ( l 769) haben sich die englischen Dilettanti ein zu betreiben sei und wem das Recht zustehe, Mu­
Denkmal gesetzt. Die Publikation ihrer Forschun­ sik fachmännisch zu beurteilen. Der sich selbst als
gen möge zeigen, »that they have not, for that >Dilettante< bezeichnende Moldenit, ein ehemali­
R eason , abandoned the Cause of Virtu, in which ger Schüler von Quantz, der das Querflötenspiel
they also are engaged, or forfeited the Pretensions liebhaberisch betrieb und nun behauptete, eine
to that Character which is implied in the Name ganz neuartige, Quantz unbekannte Spieltechnik
they have assumed«50. Dieses - explizit mit der Be­ erfunden zu haben, reklamierte diese Fähigkeiten
zeichnung Dilettant verknüpfte - Selbstverständnis für sich, während Quantz sich als Kenner der
tradiert das Privileg des Höflings, die entschei­ Querflöte verstand, der vom zunftgebundenen
dende Instanz in Fragen von Kunst und Kultur zu Musikertum durch Fleiß und beständiges Nachfor­
sein. Das neue Ideal griff auf Westeuropa und be­ schen zum Hofmusiker und anerkannten Musik-
sonders Deutschland über, wo der Begriff unge­
wöhnlich stark diskutiert wurde. Diese Entwick­
lung hatte ihre Ursachen sowohl in Diskurs wie
Praxis der Künste. Zum einen führte der durch
den Rationalismus und den Enzyklopädismus an­ 48 JOHANN CHRISTIAN JAGEMANN an Goethe (2. 6.
1 799) , zit. nach Jürgen Stenze!, Hochadeliche dilet­
gestoßene kritische Diskurs zu einer Systemati­
tantische Richtersprüche - zur frühesten Verwendung
sierung und Neubestimmung der Künste. Zum des Wortes >Dilettant< in Deutschland, in: Jahrbuch
anderen wandelte sich die Beziehung zwischen der dt. Schillergesellschaft 1 8 (1 974) , 2 3 7 f.
Auftraggeber und Künstler; es entstand ein ver­ 4 9 Vgl. SHEARER WEST, Libertinisrn and the Ideology of
gleichsweise größeres, anonymes Publikum von Male Friendship in the Portraits of the Society of Di­
lettanti, in: Eighteenth-Century-Life, hg. v. R. P.
>Kunstliebhabern< mit neuartigen kulturellen Ver­ Maccubbin, Bd. 1 612 (Baltirnore 1 992), 76-I04.
haltensmustern. Aber auch die Tatsache, daß durch 50 Zit. nach LIONEL CUST, History of the Society of Di­
die entstehenden Manufakturen die Künstlermate- lettanti (London 1 898), 7.
74 Dilettantismus

theoretiker aufgestiegen war.51 Moldenit veröffent­ z u betrachten, klingt wie ein direkter Angriff auf
lichte l 7 5 3 im Selbstverlag eigene Flötenkomposi­ den Dilettantismus der vornehmen Musikliebha­
tionen nebst einer Spielanweisung für die Quer­ ber. Auch verwahrte er sich dagegen, daß »nichts
flöte mit dem Titel Sei Sonate da flauto traverso e leichter wäre, als dieselbe zu beurtheilen«. Nicht
Basso continuo, con un discorso sopra la maniera di sonar nur die Musiker selbst, »sondern auch j eder, der
ilflauto traverso. Composte da Giocchino Moldenit, No­ sich für einen Liebhaber derselben ausgiebt, will
bile Danese, da Glückstadt, Dilettante. In Hamburgo. zugleich für einen Richter dessen, was er häret,
Der Rezensent in Friedrich Wilhelm Marpurgs angesehen seyn« (275).
eben begründeten Historisch-Kritischen Beyträgen Von Moldenits Schreiben an Herrn Quantz ( 1 758)
zur Aufnahme der Musik übersetzte die Selbsttitulie­ nun vollends provoziert, äußerte sich Quantz im
rung >Dilettante< mit >Liebhaber< (in der Bedeu­ gleichen Jahr mit einer Antwort, in der er gegen
tung von Musikliebhaber) . 52 Offensichtlich war das den adligen Musikliebhaber polemisiert, indem er
Wort weder im allgemeinen Sprachgebrauch noch sich auf dessen Selbsttitulierung als >Dilettante< be­
als Terminus der Musikersprache im Deutschen zieht: Moldenit erwarte wohl, daß einer, »welcher
eingeführt. Zu dieser Zeit spricht man vom >puren< durch die Musik sein ehrliches Brod zu verdienen
oder >bloßen Liebhaber<, wenn man das neue, zu­ suchet« - nämlich auch er selbst, Quantz - sich
nehmend bürgerliche Publikum meint, das als Hö­ dessen » Hochadelichen dilettantischen Richtersprü­
rer und Musiker und in der Organisation von chen [ . ] in Unterthänigkeit unterwirft«55. Quantz
. .

Konzerten nach ausländischem Vorbild ein öffent­ deutschte >Dilettante< zu >Dilettant< ein und legte
liches Musikleben organisiert.53 damit das Fundament für die bis heute gültige ab­
Quantz hatte 1 752 sein richtungsweisendes schätzige Konnotation des Adjektivs >dilettantisch<.
Lehrbuch Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere Das Wort taucht hier vielleicht erstmals in der
zu spielen veröffentlicht, das - ganz nach dem eige­ deutschen Sprache auf; es ist im Gegensatz zum
nen Muster bürgerlichen Erfolgs - ein auf »Wis­ Substantiv >Dilettant< im 1 8 . J h . sehr selten. 1 762
senschaft«, nicht nur bloßem Handwerk beruhen­ spricht ein Autor in der Bibliothek der schönen Wis­
des Musikideal propagierte. Sein Rat an die Scho­ senschaften und derfreyen Künste mit Bezug auf einen
laren, »Müßiggang« und »Vergnügen« bei der »gewissen Herrn von Moldenit« von »dilettanti­
Ausbildung zum »Tonkünstler« zu meiden und die schen Träumereyen«56•
Musik nicht als »Spielwerk« und »Zeitvertreib«54 Ein weiterer handfester Interessenkonflikt ist bei
der Neubesetzung eines öffentlichen Amtes doku­
mentiert, der die Problematik liebhaberischer
5 1 Vgl. STENZEL (s. Anm. 48), 23 5-244; HANS-PETER
Kunstpraxis im sozialen Kontext und die Art der
SCHMITZ, Querflöte und Querflötenspiel in Deutsch­
land während des Barockzeitalters (Berlin 1952), r a ff Argumentation um den Dilettantismusbegriff be­
5 2 Vgl. [ ANONYMUS ] , [Rez.] Sei Sonate etc. d a Molde­ leuchtet. Christian Ludwig von Hagedorn, Diplo­
nit, in: F. W. Marpurg (Hg.), Historisch-Kritische mat, Zeichner und Kunstschriftsteller, ein vielfältig
Beyträge zur Aufnahme der Musik, Bd. l, r . Stück engagierter Kunstliebhaber, hatte 1 766 das Amt
(Berlin 1 754) , 68.
des Oberaufsehers der kurfürstlichen Galerien und
5 3 Vgl. PETER SCHLEUNING, Das 18. Jahrhundert: Der
Bürger erhebt sich (Reinbek 1984) , 1 5 5 ff Kabinette in Dresden sowie des Direktors der auf
54 JOHANN JOACHIM QUANTZ, Versuch einer Anwei­ sein Mitbetreiben hin neu eingerichteten Kunst­
sung die Flöte traversiere zu spielen (1752; Kassel/Ba­ akademie in Dresden erhalten. Die Polemik des
sel/London 1983), 9 f.
früheren Amtsinhabers und Mitbewerbers Karl
5 5 QUANTZ, Antwort auf des Herrn von Moldenit ge­
drucktes so genanntes Schreiben an Hrn. Quantz, in: Heinrich von Heinecken, der sich Verdienste ins­
Marpurg (Hg.), Historisch-Kritische Beyträge zur besondere beim Aufbau des Kupferstichkabinetts
Aufnahme der Musik, Bd. 4, 3. Stück (Berlin 1 759), erworben hatte, entzündete sich an den Radierun­
163, 1 5 8 . gen Hagedorns, die dieser 1 752/ 1 7 5 3 als Versuche
5 6 [ ANONYMUS ] , [Rez.] Marpurgs Beytraege zur Auf­
und l 76 5 /I 766 als Neue Versuche veröffentlicht
nahme der Musik, des vierten Bandes erstes bis viertes
Stück, in: Bibliothek der schönen Wissenschaften hatte. Die Blätter wurden l 764 in der Bibliothek der
und der freyen Künste, Bd. 4, 2. Stück (1759) , 8 2 r . schönen Wissenschaften und der freyen Künste lobend
III. Der Dilettantismusbegriff im l 8. Jahrhundert in Deutschland 75

mit Arbeiten des bekannten Ehrenmitglieds der 2. Die Debatte über das Publiku m
französischen Kunstakademie, Kunstschriftstellers
und Radierers Claude-Henri Watelet verglichen57 Der Dilettantismusbegriff i m deutschen l 8 . Jh. ist
und l 76 3 wie auch l 767 in die Verzeichnisse des vom Dualismus der Berechtigung zu künstlerischer
renommierten Graphikhändlers Pierre-Fran�ois Praxis bzw. zu Kunstkritik geprägt. In den Diskur­
Basan aufgenommen. Nach seiner Niederlage ließ sen der neu entstandenen Zeitschriften für Musik,
Heinecken in seinen Nachrichten von Künstlern und für Literatur und - seit etwa 1 780 auch für die
-

Kunstsachen ( 1 768) verlauten: »Werke, die Liebha­ Bildkünste gehen die Meinungen auseinander, ob
ber bloß als Liebhaber, ohne Künstler zu seyn, ver­ Kennerschaft mit Kunstausübung verbunden sein
fertigt haben, und deren Verdienste in weit wichti­ müsse, obwohl in der Praxis die Künstlerschaft des
geren Dingen als in der Kunst bestehen, werden Sammlers häufig ist. Für den Dilettantismusbegriff
zwar aus Neugierde gesammelt und ihres Standes ist es außerdem bedeutsam, daß sich in allen Län­
halber beybehalten.«58 Mit dieser Argumentation dern zu dieser Zeit eine professionelle Kritik eta­
zielte Heinecken darauf ab, Hagedorn habe sich blierte. Eine heftige Grundsatzdiskussion wurde
künstlerisch und sozial den Status eines Künstlers darüber geführt, ob der Künstler oder der Nicht­
angemaßt, indem er seine liebhaberische Kunst­ künstler im weitesten Sinne (Kritiker, Sammler,
praxis nicht mehr privat geübt, sondern öffentlich Kunstfreund) zum Kunsturteil berechtigt sei, d. h.
gemacht und für den Anspruch auf ein traditionell eine qualifizierte Aussage über den ästhetischen
von Künstlern besetztes öffentliches Amt funktio­ Wert eines Kunstwerks treffen könne.
nalisiert habe. Im Namen der Künstlerhistorie plä­ Dabei hatte die sogenannte >Geschmacksde­
dierte Hein ecken des weiteren dafür, solche Na­ batte<, angestoßen von dem in der französischen
men aus den Künstlerverzeichnissen zu entfernen, Debatte begründeten gefühlsmäßigen Urteil in
die »das Beywort Künstler« nicht verdienten: Hage­ >Geschmacksfragen<, in ihren Anfangen dem Lai­
dorn habe nur, wie viele andere, »ZU seinem Zeit­ enurteil zu seinem Recht verholfen. Im Zuge die­
vertreibe« (XIII) gestochen und geätzt. Die Tatsa­ ser >Geschmackskritik< kam es unter dem Einfluß
che, daß so bekannte und verdienstvolle Männer der an der Academiefran(aise von Roger de Piles ge­
wie Comte de Caylus, Jean-Pierre Mariette, Graf haltenen Reden zur Zulassung des Laienurteils un­
Vitzthum in Dresden und der Venezianer Antonio ter der Voraussetzung, daß es gefühlsmäßig er­
Maria Zanetti, Kunstliebhaber >von Amt und folgte. Das Laienurteil galt gleichermaßen als Waffe
Stand<, wie Heinecken sich ausdrückte, ihre ken­ gegen die akademische >doctrine classique<.
nerschaftlichen Kompetenzen gerade auch durch Das Anliegen der aufklärerischen Intellektuel­
ihre künstlerische Praxis erwiesen, war in den Au­ len, die Erweiterung des Wissens und die Popula­
gen Heineckens insofern legitimiert, als diese bloß risierung der Kenntnisse auf dem Gebiet der Kün­
zum Vergnügen künstlerisch tätig gewesen seien. ste zu fördern, war jedoch sehr bald, nämlich in
Die Beurteilung der künstlerischen Qualität - der ersten Hälfte des l 8. Jh. , ambivalent geworden.
bei professionellen Künstlern oder Liebhaber­ Die Trennung des aufklärerischen >delectare et
künstlern - wird im Zuge systematischer Betrach­
tung der Kunst- und Künstlerhistorie strenger: Jo­
hann Heinrich Merck verbindet seine Rezension 5 7 Vgl. [ANONYMUS] , [Rez.], Johann RudolfFüssli, All­
von Johann Caspar Füsslis Verzeichn ijJ der vornehm­ gemeines Künstlerlexicon, oder kurze Nachricht von
dem Leben und den Werken der Maler, Bildbauer,
sten Kupferstecher und ihrer l#rke ( 1 77 1 ) mit den
Baumeister, Kupferstecher, Kunstgießer, Stahlschnei­
Worten: »Mancher jetztlebender Dilettante und der [ . . . ], in: Bibliothek der schönen Wissenschaften
Meister wird es vielleicht nicht geneigt aufneh­ und der freyen Künste, Bd. IO, 2. Stück (1 764) , 3 1 5 .
men, seinen Namen entweder nicht in dem Ver­ 5 8 HEINRICH V O N HEINECKEN, Nachrichten von Künst­
zeichniß der großen Männer zu finden, oder doch lern und Kunstsachen (Leipzig I 768) , XV f.
59 JOHANN HEINRICH MERCK, Joh. Caspar Füeßlis Ver­
eine Auswahl unter seinen Werken wahrzuneh­
zeichniß der vornehmsten Kupferstecher und ihrer
men, die er vielleicht so strenge nicht würde ange­ Werke ( I 772) , in: Merck, Werke, hg. v. A. Henkel
stellt haben. «59 (Frankfurt a. M. I 968), 548.
76 Dilettantismus

prodesse< mit der Konsequenz einer Verteilung der Unterscheidung stellt er den Dilettanten ans unter­
kunstkritischen Kompetenzen auf >Liebhaber< und ste Ende seiner Kompetenzhierarchie. Auch hier
>Kenner< etablierte eine Kompetenzhierarchie, die werden also die bekannten negativen Attribute des
es ermöglichen sollte, das anonym gewordene Pu­ Dilettanten verwendet, denn er degradiert Kunst­
blikum hinsichtlich seines Bildungsstandes ein­ werke durch seine Art des Kunstvergnügens zu
schätzen und erziehen zu können. Gegenständen bloßer persönlicher Neigung, be­
Wohl einzigartig bleibt der Versuch des Schwei­ treibt >curiöse Liebhaberey<. Der Dilettant kann
zer Theologen, Philosophen und Ästhetikers Jo­ den Weg des Geschmacks und Nachdenkens zur
hann Georg Sulzer, das Modell einer Kunstöffent­ Kennerschaft nicht betreten, weil er - entgegen
lichkeit zu entwerfen, in der allen Kunstinteressier­ den Sulzerschen Postulaten - die formalen Aspekte
ten einschließlich des Künstlers scharf umrissene eines Werks, etwa naturalistische Ähnlichkeit, über
Fähigkeiten und Kenntnisse zugedacht werden. dessen wirkungsästhetische und damit sittliche
Seine in zwei Bänden l 77 l und l 77 4 erschienene Qualitäten stellt. Die künstlerische Behandlung
Al/gemeine Theorie der Schönen Künste gehört hin­ darf nach Sulzer aber nie die Ursache des >wahren
sichtlich ihrer Wirkungsgeschichte zu den ästheti­ Genusses< sein. Der Betrachter soll vergessen, daß
schen Standardwerken nicht nur des deutschen er >Kunst< vor sich hat: »darum sagt man, es sey die
1 8 . Jh. Sulzer stellte im deutschen Sprachraum größte Kunst, die Kunst zu verbergen«62.
zum ersten Mal ein umfassendes und theoretisch Die markante Stelle des Sulzerschen Vorworts
fundiertes System aller Künste vor. Seine Al/ge­ zum ersten Band, in dem er seine Leser und das
meine Theorie war als alphabetisches Lexikon von Kunstpublikum in Dilettanten und ernsthafte
>Kunstwörtern< konzipiert, mit dem er die künstle­ Kunstliebhaber aufteilt, veranlaßte Merck und
rische Bildung der Künstler, aber vor allem auch Goethe zu einer Stellungnahme in ihren Rezen­
des breiteren Publikums fördern wollte. Im 78. s10nen.
Brief, die neueste Litteratur betreffend (1 760) nannte e s Goethe grenzt in seiner am 1 8 . 12. 1 772 in den
Sulzer eine seiner »Hauptabsichten [ . . . ] , den Kün­ Frankfurter gelehrten Anzeigen publizierten Rezen­
sten mehr Kenner, mehr wahre Liebhaber zu ver­ sion zu Sulzer zwar auch den »ganz leichten Dilet­
schaffern60. Daß es Sulzer mit der Verbreitung von tanten nach der Mode« vom >> Sogenannten Liebha­
Wissen um die Erziehung des Kunstpublikums zu ber, das einzige wahre Publicum des Künstlers<<63,
idealen Rezipienten geht, spricht er im Vorwort ab. Merck dagegen befürwortet grundsätzlich die
zum ersten Band seiner Al/gemeinen Theorie ( l 77 l ) Idee Sulzers, eine Erklärung für das zu geben, was
deutlich aus: Sein Werk ist gedacht »für den Lieb­ die Kunst praktisch umsetzt; ihm fehlt aber der
haber, nämlich nicht für den curiösen Liebhaber, pragmatische Ansatz des Philosophen Sulzer:
oder Dilettante, der ein Spiel und einen Zeitver­ »Wäre Herr S. selbst ein Dilettante, so würde sein
treib aus den schönen Künsten macht, sondern für Kunstsystem nicht trübsinniger Eifer, sondern heitrer
den, der den wahren Genuß von den Werken des Glaube seyn. «64
Geschmaks haben soll«61. Mit dieser zusätzlichen
3. Dilettantismus und das klassizistische Kunstideal
60 JOHANN GEORG SULZER, Schreiben von dem Unter­
schiede seines Wörterbuchs der schönen Wissenschaf­ Der große Erfolg des Sulzerschen Lexikons und
ten und des Gottschedischen Handlexicons, in: die 1 772 erschienenen Rezensionen Mercks und
Briefe, die neueste Litteratur betreffend, 5. Theil
Goethes stellen einen Höhepunkt in der Debatte
( 1 760), 5 4 f.
6 1 SULZER, Bd. 1 ( 1 792) , XVI . um das Kunstpublikum dar, die den Dilettantis­
62 >Kunst; künstlich<, i n : SULZER, B d . 3 ( 1 793), 98. musbegriff prägt. Die Bekanntheit des Wortes >Di­
63 GOETHE, Die schönen Künste von Herrn Sulzer lettant< ist dadurch sicherlich entscheidend voran­
( 1 772) , in: GOETHE (wA) , Abt. l , Bd. 37 ( 1 896) , getrieben worden. Insgesamt ist im letzten Drittel
207, 2 1 3 .
des 1 8 . Jh. eine Tendenz erkennbar, den Dilettan­
64 MERCK, Allgemeine Theorie der schönen Künste von
Johann Georg Sulzer ( 1 772) , in: Merck (s. Anm. 59) , tismus mit Oberflächlichkeit und Inkompetenz zu
539. assoziieren; hierfür gibt es vielfältige Belege, z. B.
III. Der Dilettantisrnusbegriff im r 8. Jahrhundert in Deutschland 77

das 5. Kapitel in Adolph von Knigges Über den Um­ sehen der Individualität des Künstlers und den An­
gang mit Menschen (1788), wo es heißt, daß »jeder forderungen einer Kunst nicht bewältigen. Ein re­
seichte Kopf«, der »den edlen Müßiggang« liebt, lativer Erfolg ist ihm beschieden in solchen Kün­
»glaubt Beruf zum Künstler zu habem65. sten, »wo das Subjektive für sich allein schon viel
Eine Intensivierung dieser Kritik, aber unter bedeutet«66. Die >Weimarer Kunstfreunde< stellen
dem Vorzeichen eines veränderten Kunstverständ­ hier ein System der Künste für den Dilettanten auf.
nisses, erfolgt mit dem Fragment gebliebenen Pro­ Andererseits stellt dieses Subjektive für den Di­
jekt über den Dilettantismus, mit dem die Verfasser lettanten die Gefahr dar, daß er meint, durch den
Schiller, Goethe und Heinrich Meyer dem Phäno­ »Empfindungszustand«, in den ihn die Wirkung
men nun seinen Namen gaben. Die seit 1 796 ge­ der Kunstwerke versetzt, selbst Künstlerisches her­
plante Abhandlung Über Dilettantism, seinen Nutzen vorbringen zu können. Aus dieser »Selbstverken­
und Schaden wurde erst nach Goethes Tod heraus­ nung« des Dilettanten entsteht der »Beruf zum
gegeben. Diese Abhandlung war nicht nur das Selbstproduciren« (3 1 9) . Damit ist ein völlig neuar­
ehrgeizigste Projekt der kulturprograrnrnatischen tiges, psychologisches Moment der Dilettantisrnus­
Zeitschrift Propyläen, sie stellt zudem die einzige konzeption angesprochen. Der Grundgedanke ei­
umfassende kunsttheoretische Auseinandersetzung ner Psychologie des künstlerischen Mißlingens
mit dem Dilettantismus überhaupt dar. Die kom­ stammt von Karl Philipp Moritz, der in seinem
plexe Studie zum Dilettantismus in allen Künsten Werk Über die bildende Nachahmung des Schönen
- Malerei, Bildhauerei, Architektur, Gartenkunst, (1788) die wesentlichen Züge der erst mit Kant be­
Dichtung, Musik, Tanz und Theater - richtet sich kannter gewordenen Ästhetik einer Autonomie
sowohl auf eine Bestandsaufnahme und eine Ana­ des Schönen entwickelte. Die von Moritz benann­
lyse des zeitgenössischen Phänomens als auch auf ten Ursachen für den »falschen Bildungstrieb«67
die Geschichte und eine Theorie des Dilettantis­ sind der Anblick eines vollkommenen Kunstwer­
mus. Dabei strebten die Verfasser jedoch keine aus­ kes, Neid auf das künstlerische Genie, der Wunsch,
gewogene Darstellung an. Vielmehr wurde der sich selbst als Künstler zu fühlen und als Künstler
Dilettantismus als eine charakteristische Verfalls­ erfolgreich zu sein. Letztlich handelt es sich bei
erscheinung des zeitgenössischen Kunstlebens ge­ dieser fehlgeleiteten Neigung zur Kunst nur um
schildert und der >Dilettant< dem wahren Künstler einen egoistischen Nachahmungstrieb, der - und
gegenübergestellt. Bewertungsmaßstab für den Di­ dies ist einer der schwerwiegendsten und folgen­
lettantismus bildeten die Normen der klassizisti­ reichsten Einwände gegen den Dilettantismus -
schen Kunst- und Kulturtheorie, wie sie program­ das Werk fragmentarisch läßt. 68
matisch in der Einleitung zum ersten Band der Mit der Figur des Dilettanten in der Dilettantis­
Zeitschrift Propyläen ex negative dargelegt wurden: rnusabhandlung von 1 799 ist ein Künstler-Liebha­
Vermischung der Künste, verfehlte Gegenstands­ ber69 konzipiert, der die Kritik der sich als Mahner
wahl, Neigung zum naturalistischen Effekt oder zu und Pädagogen des zeitgenössischen deutschen
einer allzu abstrakt bleibenden Darstellung. Kunstlebens verstehenden Autoren am modernen
Mit dem von Karl Philipp Moritz formulierten, Künstler wie am Betrachter für beide Seiten exem­
von Schiller und Goethe übernommenen idealisti­ plarisch zum Ausdruck bringt. Durch diese Zwi­
schen Werkbegriff wurde der Übergang von einer schenstellung verweist die Figur des Dilettanten
Werk- zu einer Künstlerästhetik vollzogen. Diese
Gestaltästhetik betont die Entstehungs-, nicht die
65 ADOLF VON KNIGGE, Über den Umgang mit Men­
Wirkungsbedingungen. Damit sind zusammen mit schen (Hannover I 78 8 ) , 3 1 9.
der - sogar auch vorn Dilettanten - geforderten 66 GOETHE (s. Anm. 5 ) , 3 I 8 .
professionellen Ausbildung für jegliche künstle­ 67 KARL PHILIPP MOR!TZ, Über die bildende Nachah­
rische Tätigkeit Kriterien angelegt, die zur Ab­ mung des Schönen ( I 78 8 ) , in: Moritz, Werke, hg. v.
]. Jahn, Bd. I (Berlin/Weimar I 973 ) , 275.
wertung des Dilettantismus führen müssen. Der
68 Vgl. ebd„ 274 f.
Dilettant kann den Konflikt zwischen subjektivem 69 Vgl. GOETHE, Der Sammler und die Seinigen ( I 799) ,
Ausdruck und objektiver Formgesetzlichkeit, zwi- in: GOETHE ( wA ) , Abt. I , Bd. 47 ( 1 8 96 ) , I 46- I 5 6 .
78 Dilettantismus

ganz besonders auf die in der Modeme problema­ I n der Figur des Dilettanten wird mit der Genie­
tisch gewordene Beziehung zwischen Künstler lehre der Empfindsamkeit abgerechnet, deren pro­
und Publikum, die sich an dem nach Maßgabe der grammatische Subjektivität die Autonomie des
Autonomieästhetik geschaffenen Kunstwerk selbst schaffenden Künstlers sichern sollte. Die Neube­
festmacht. Die >Weimarer Kunstfreunde< ergänzen wertung des Dilettantismus entstammte den unter­
das Autonomiekonzept j edoch um ein Erziehungs­ schiedlichsten Diskursen über die Zulässigkeit und
programm für Künstler und Kunstliebhaber. In die Bedingungen der >liebhaberischen< Tätigkeit,
dieser Betonung des Lehr- und Lernbaren in der wie sie das Propyläenproj ekt einer Abhandlung
Kunst liegt die positive Alternative des Dilettantis­ über den Dilettantismus exemplarisch und expo­
mus: Als Kunstschüler hat der Dilettant die Mög­ niert nochmals zusammengefaßt hatte. Die Verfas­
lichkeit zu lernen. Hier ist auch der Grund für die ser der Dilettantisrnusabhandlung ließen Dilettan­
Ambivalenz des Dilettantismusbegriffs der Ab­ tismus nur noch zur Selbstbildung zu. Allerdings
handlung und für ihr Scheitern zu suchen. befürwortete Goethe im Bereich naturwissen­
Mit der Dilettantisrnusabhandlung der Weimarer schaftlichen Forschens den Dilettantismus als pro­
wird der Begriff schwerpunktmäßig auf die künst­ duktive Möglichkeit durchaus, war er doch selbst
lerische Praxis bezogen. Durch die strengen An­ mit seiner Farbenlehre und seiner Theorie der Ur­
forderungen an Ausbildung und Kenntnisse von pflanze das beste Beispiel dafür.
Dilettanten, die »nicht allein betrachten und genie­ Eine späte Verlängerung dieser Linie kann man
ßen sondern auch an ihrer [d. h. der Künste - im ausgehenden 1 9 . Jh. in den Bemühungen Al­
d. Verf.] Ausübung Theil nehmen«70 wollen, wird fred Lichtwarks, des Direktors der Hamburger
eine Spezies von Kunstfreund, die bisher durch Kunsthalle, erkennen, der den Dilettantismus ein­
Sammeln und Kennerschaft die Kunst förderte und setzen wollte, um eine Art Rekultivierung des sei­
sich auch durch künstlerische Praxis weiterbildete, nes Erachtens darniederliegenden deutschen Kul­
verabschiedet. Die - insbesondere von Schiller ge­ turlebens zu bewirken. Lichtwark s c hri eb l 894
forderte - geistige und praktische Disziplin ist ein über Wege und Ziele des Dilettantismus und versam­
eminent bürgerliches, leistungsorientiertes Verhal­ melte im Jahr 1 902 im 1 3. Band seiner Reihe Die
ten, das dem spielerischen Genuß des frühen Di­ Grundlagen der künstlerischen Bildung mehrere Auf­
lettantismus opponiert. Dessen Kunst und Leben sätze zum Thema unter dem Titel Vom Arbeitifeld
verbindendes Tätigkeitsideal hat ausgedient mit des Dilettantismus. So tatkräftig Lichtwark die Tä­
der modernen Professionalisierung der Tätigkeiten tigkeiten der Dilettanten in Photographie und
zu Berufen und der Abspaltung der unabhängig Zeichnung selbst förderte71 , so wenig positiv
von der Erwerbstätigkeit bestehenden Zeit, die mit schätzte er den Dilettantismus ein, wenn er nicht
>Neigung<, >Muße<, ja letztlich mit >Sinn< gefüllt reglementiert war. Im Rahmen der institutionellen
werden muß. Kunsterziehung, . auch der Selbsterziehung zur
Die Diskreditierung einer spielerischen, ohne Kunst, war für ihn der »ernste Dilettantismus« oder
Normen oder Vorgaben geübten Kunstpraxis und die Tätigkeit des Sammlers »der sicherste Weg,
einer genußvollen Aneignung von Kunst zum ei­ Kunst fühlen lernem72• Durch dilettantische Praxis
genen Vergnügen wirkt im modernen Dilettantis­ sollte Ganzheitlichkeit im Fühlen und D enken er­
rnusbegriff nach. Sie ist besonders dort festzustel­ zielt werden als Mittel gegen die technizistische
len, wo kulturelle Verhaltensmuster auftreten, die Welt des vorn rationalistischen Ökonomisrnus ge­
die Frage nach dem Verhältnis von Geschichte und prägten neuen Industriebürgertums: Wenn Bil­
Avantgarde neu stellen. dung im klassi(zisti)schen Sinne schon nicht mög­
lich sei, dann müsse wenigstens der Barbarei der
Halbbildung gegengesteuert werden.
70 GOETHE (s. Anm. 5), 3 2 1 .
7 1 Vgl. ALFRED LICHTWARK, Zur Organisation des Di­
lettantismus ( 1 897) , in: Lichtwark, Vom Arbeitsfeld
des Dilettantismus (Berlin 1 902) , 27-47.
72 LICHTWARK, Selbsterziehung ( 1 897) , in: ebd. , 1 5 .
IV. Dilettantismus als Ästhetisierungskonzept historischer Wissenschaften 79

IV Dilettantismus als Ästhetisierungs­ betrachtenden Dilettantismus zurück und verlangte


konzept historischer Wissenschaften den Mut, Dilettant zu sein: »Der Betrieb der
Kunstgeschichte hat sich ja in's Ungeheure aus­
gedehnt, nur wird dabei nicht wesentlich für die
1 . Kunstgeschichte und Kulturgeschichte
Bedürfnisse« eines breiten Publikums gesorgt, das
Galt der Dilettantismus zu Beginn des l 9. Jh. als »eigentlich eine Anleitung zum Genuß der Kunst­
das Gegenteil echter Künstlerschaft oder fundier­ werke«78 sucht. In den Vorlesungen Über das Stu­
ten Kennertums, wurde er in der zweiten Hälfte dium der Geschichte vermittelte Burckhardt zwi­
des 1 9 . Jh. von einigen Kunsthistorikern rehabili­ schen beiden Positionen. Im Ganzen des Wissen­
tiert als Waffe gegen wissenschaftliches Speziali­ schaftsbetriebs, so Burckhardt, nötige das enorme
stentum, insbesondere positivistischer Spielart. Fortschreiten dazu, als Spezialist in einem begrenz­
Der Kunst- und Kulturhistoriker Jacob Burck­ ten Bereich Experte zu sein, was in den Wissen­
hardt, Hörer bei Ranke, Droysen und Böckh in schaften durchaus möglich sei, solange man »noch
Berlin, Verfasser berühmt gewordener kulturhisto­ an möglichst vielen anderen Stellen Dilettant«, der
rischer Werke wie der Kultur der Renaissance in Ita­ »die Dinge liebt«, bleibe, »sonst bleibt man in al­
lien ( 1 860) , stellte in seinen l 868II 869 und 1 870/ lem, was über die Spezialität hinausliegt, ein Igno­
1 87 1 gehaltenen Vorlesungen Über das Studium der rant«: »Irgendwo soll man zwar spezialisiert sein,
Geschichte den Dilettantismus und das historische doch in möglichst vielen Bereichen dilettiere man.
Studium »im gelehrten Sinne«73 in einen Gegen­ Wer nur Spezialist bleibt, verfallt einer zivilisierten
satz. Mehrmals äußerte er, daß die Geschichte von Barbarei.«79
allen Wissenschaften die unwissenschaftlichste sei, Aus der Sicht des Kunsthistorikers, der sich als
was Auswahl und Darstellnng betrifft.74 Burck­ Empiriker mit Blick auf Qualität, das einzelne
hardt, der bei seinen Lehrern die kritische Behand­ Meisterwerk und die Persönlichkeit des Künstlers
lung der Quellen gelernt hatte, bekannte sich des­ versteht, forderte der unter Wilhelm von Bode
halb zur Unwissenschaftlichkeit seiner Arbeit, zu groß gewordene Berliner Kunsthistoriker Max Ja­
seinem Dilettantismus, um herauszustellen, daß er cob Friedländer gegen einseitiges Spezialistentum
im Gegensatz zu den >viri eruditissimi< eine kultur­ die positiven Qualitäten des Dilettantismus ein.
historische Üherblicksschau, keine Ereignisge­ Friedländer hat mehrfach die in der Frühzeit der
schichte beabsichtigte. Bei der Auswertung und Kunstgeschichte als wissenschaftliches Lehrfach
Darstellung des wissenschaftlich zusammengestell­ bestehende Zweiteilung der Gemeinschaft der
ten Materials braucht man Intuition und Spürsinn, Kunstgelehrten sowie die mangelnde Annäherung
eine Art Bildsinn, der die »Teilhabe an wesentli­ beider Seiten beklagt: der Historiker auf den aka-
chen Prozessen der Geschichte«75 ermöglicht.
Hierfür bietet der Dilettantismus besondere me­
thodologische Vorteile, da er »sich ein Vergnügen
aus dem macht, woraus sich andere löblicherweise 73 JACOB BURCKHARDT, Weltgeschichtliche Betrach­
tungen (1905), in: BURCKllARDT, Bd. 7 (1 929), 1 .
eine Qual machen«, nämlich einer detailverliebten
74 Vgl. PETER GANZ, Jacob Burckhardt: Wissenschaft -
Spezialistik. Allerdings sei das Wort Dilettantismus Geschichte - Literatur, in: H. R. Guggisberg (Hg.),
»von den Künsten her in Verruf, wo man freilich Umgang mit Jacob Burckhardt. Zwölf Studien (Ba­
entweder nichts oder ein Meister sein und das Le­ sel/München r994) , r9.
ben an die Sache wenden muß«76. 75 GOTTFRIED BOEHM, Genese und Geltung ( 1 99 1 ) , in:
Guggisberg (s. Anm. 74) , 82.
l 864 hatte Burckhardt in einem Brief auch noch 76 BURCKHARDT (s. Anm. 73), 16.
für die Kunstgeschichte festgestellt, daß sie »nicht 77 BURCKHARDT an Jacob Oeri, Sohn (30. 8 . 1 864) , in:
mehr dilettantisch, sondern nur noch mit AufWen­ Burckhardt, Briefe, hg. v. M. Burckhardt, Bd. 4
dung des ganzen Lebens betrieben werden«77 könne. (Frankfurt a. M. 1 960) , 1 56.
78 BURCKHARDT an Heinrich von Geymüller (8. r .
Doch in Reaktion auf die Entwicklung der Kunst­
1 892), in: Burckhardt, Briefe, hg. v. M . Burckhardt,
geschichte zu einer aus seiner Sicht rein theoreti­ Bd. IO (Basel/Stuttgart 1986), 20.
sierenden Wissenschaft zog er sich später auf einen 79 BURCKHARDT (s. Anm. 73), l 6 f.
So Dilettantismus

demischen Lehrstühlen einerseits und der Mu- 2. Ästhetische Historiographie


seumsleute und Kenner andererseits.
Der Kenner, der wie der Dilettant dem Künstler Die Formulierung eines Dilettantismusbegriffs m
nahesteht - ))ein platonisches Talent, etwa sogar ein der europäischen Literatur des Fin de siede wird
Raphael, dem die Hände fehlen« -, teilt mit die­ durch Paul Bourgets in den l 8 8oer Jahren verfaßte
sem eine ungewöhnlich sensible Aufuahmefähig­ kulturkritische Essais de psychologie contemporaine
keit und ein durch »genießende Betrachtung«80 ge­ ( 1 8 8 1 / r 8 82) ausgelöst.
schultes Bildgedächtnis. Er soll zwar Spezialist sein, Die Werke bekannter zeitgenössischer Autoren
sich aber seine Fähigkeit zur intuitiven Urteilsfin­ wie Charles Baudelaire, Gustave Flaubert, die Brü­
dung und zum gefühlsmäßigen Urteil durch Ver­ der Goncourt oder Stendhal behandelt Bourget
gleichung nicht durch eine Form >zünftischer< Pro­ unter kulturkritischer Perspektive, um aus einzel­
fessionalisierung, die ihn in die Nähe des Wissen­ nen, hervorgehobenen Werkaspekten ein Bild des
schaftlers rückt, rauben lassen. Das Kunsturteil des gesellschaftlichen und geistigen Lebens der zweiten
Kenners soll zu einem guten Teil auf Eigenschaften Jahrhunderthälfte entstehen zu lassen. Wesentliche
des freien Dilettantismus beruhen.81 Ein vorrangig Merkmale seiner Analyse des modernen Menschen
intellektuelles, vom »Allgemeinen zum Speziel­ faßt er mit einer Dilettantismuskonzeption84, die
len«82 gerichtetes Vorgehen, wie es der Historiker er im Essai über den Religionshistoriker und Se­
habe, gefährde die Unschuld der Beobachtung, die mitologen Ernest Renan darlegt und zum Teil bei
Fähigkeit, Kunsteindrücke vorurteilslos zu emp­ den anderen Autoren mit zunehmender Schärfe
fangen und damit letztlich das kennerschaftliche vertieft. Renan hatte sich mit seiner großen vier­
Urteil. händigen Histoire des Origines du Christianisme
Burckhardts »Lob der dilettantischen Beschäfti­ ( 1 863-1 8 8 1 ) , deren erster Band über das Leben
gung mit der Geschichte«83 nahm uneingeschränkt Jesu sofort ein Bestseller wurde, als Hauptvertreter
auch der viels e itige Dichter und Feuilletonist Egon der ästhetischen Historiographie etabliert. Auf der
Friedell für die Abfassung seiner dreibändigen Kul­ Basis textkritischer Arbeit nutzte er auch Einge­
turgeschichte der Neuzeit ( 1 927- 1 9 3 2) in Anspruch. bungen und Vermutungen sowie eine tiefe Emp­
Mit direktem Bezug auf Goethe, Ranke u. a. legi­ findung: »Dans un tel effort pour faire revivre les
timierte Friedell seine subj ektive Stoffauswahl und hautes :imes du passe, une part de divination et de
die Form der Darstellung. conjecture doit etre permise. Une grande vie est
un tout organique qui ne peut se rendre par la sim­
ple agglomeration de petits faits. II faut qu'un sen­
timent profond embrasse !' ensemble et en fasse
l'unite.«85 Diesen künstlerischen Standpunkt, wie
er selbst im Vorwort zur Vie de Jesus ( 1 863) sagte,
befolgt er auch in der Darstellung, mit der er sich
dem psychologisierenden Roman annähert. In die­
sem Sinn unterstreicht er in seinem Werk mehr­
So MAX JACOB FRIEDLÄNDER, Von Kunst und Kenner­
schaft ( 1 942; Leipzig 1 992) , S9, rnS. fach den Zusammenhang zwischen Geschichtswis­
S 1 Vgl. FRIEDLÄNDER Der Kunstkenner (Berlin 1 9 1 9) , senschaft und Ästhetik.
I I-1 3 , 3 S . An diesem Punkt setzt Bourget an. Er konsta­
S2 FRIEDLÄNDER (s. Anm. So) , 92 f.
tiert bei Renan eine seltene Ausgewogenheit zwi­
S3 BURCKHARDT (s. Anm. 73), 4S 3 .
S 4 Vgl. JEAN-FRAN<;Ois HUGOT, L e Dilettantisme dans schen Intelligenz und Sensibilität, die ihm ein sym­
la litterature fran,aise de Renan a Ernest Psichari (Pa­ pathetisches Vordringen in die Gegenstände seiner
ris 19S4); ULRICH SCHULZ-BUSCHHAUS , Bourget wissenschaftlichen Arbeit ermögliche. Renan, Ver­
oder die Gefahren der Psychologie, des Historismus treter einer neuen, undogmatischen Religionshi­
und der Literatur, in: Lendemains S (19S3), H. 30,
storiographie, »Une critique infiniment multiple«,
3 6-45 .
8 5 ERNEST RENA N , Introduction, in: Renan, Vie d e Jesus sei ein Dilettant geworden, weil er alles genossen
(Paris 1 863), LV habe, was er verstandesmäßig erfaßt habe (»que,
IV Dilettantismus als Ästhetisierungskonzept historischer Wissenschaften 8I

d'autre part, il a tout goilte de ce qu'il a compris, fernt, den Preis der Unbestimmtheit und Willenlo­
Renan est devenu un dilettante«86) . Vor der ge­ sigkeit (»l'incapacite de vouloir« [44] ) .
wöhnlichen Spielart des Dilettantismus - Frivolität Damit fügt Bourget den Charakteristika des Di­
und Oberflächlichkeit - hätten Renan seine Her­ lettantismus ein weiteres hinzu, das er zudem in
kunft, Erziehung und Gläubigkeit bewahrt. die äußerst einflußreiche Opposition zur Aktion
Über den >Dilettantisme<, dem Bourget einen ei­ bringt: Willensschwäche (später, im Amie/-Aufsatz,
genen Abschnitt im Renan-Essai widmet, heißt es als Krankheit bezeichnet87) . Es ist ein Dilettantis­
nun: »C'est beaucoup moins une doctrine qu'une mus, der sich dadurch auch auf die Gesellschaft ne­
disposition de !' esprit, tres intelligente a Ja fois et gativ auswirkt, daß er Zweifel und Unruhe sät.
tres voluptueuse, qui nous incline tour a tour vers Der Dilettantismus selbst, so Bourget, ist ein Zei­
!es formes diverses de Ja vie et nous conduit a nous chen der Metamorphose und des Übergangs, eine
preter a toutes ces formes sans nous donner a au­ möglicherweise gefährliche Geisteshaltung, die,
cune.« (36) Dieser Bourgetsche Dilettantismus als verbreitet wie ein Fieber, zugleich das Ergebnis des
Fähigkeit, sich in j eden Lebensstil versetzen, sich gegenwärtigen Zustands von Individuen und Ge­
vielerlei Neigungen widmen zu können, bedarf ei­ sellschaft sei (»avant d' etre une cause, cette fievre
nes besonderen, verfeinerten und zugleich systema­ est un effet« [40] ) .
tischen Skeptizismus, der - und hier wird eine in Zum Beweis, wie sehr der Dilettantismus eine
der Historie des Begriffs durchgängige Bedeu­ konstante Versuchung der Epoche ist, verweist
tungskomponente einbezogen - zugleich dem Bourget auf den multiplen Charakter von Sitten
Genuß dient (»avec un art de transformer ce scepti­ und Gesellschaft, Möbeln und Konversation: Alles
cisme en instrument de jouissance« [ebd.]) . lade dazu ein, aus der eigenen Seele ein Mosaik
Der Unterschied zum historischen Dilettantis­ komplizierter Gefühlsregungen zu machen. Paris,
mus eines Leonardo da Vinci, Shakespeare oder von j eher Mikrokosmos der französischen Gesell­
Montaigne liegt für Bourget vor allem darin, daß schaft, wird als Hauptstadt der Multiplizität und
dort die kreative Kraft eines Zeitalters fließen des Dilettantismus beschrieben (»Respirer a Paris,
konnte, das von Aktion gekennzeichnet war, wäh­ c' est boire ces atomes, c' est devenir critique, c' est
rend die Gegenwart zu den Spätzeiten der Ge­ faire son education de dilettante« [43 ] ) .
schichte gehört: »quand ! 'extreme civilisation a Im Umherschweifen zwischen widersprüchli­
peu a peu aboli Ja faculte de creer, pour y substi­ chen Standpunkten mangelt es dem Dilettantismus
tuer celle de comprendre, Je dilettantisme revele sa an Eindeutigkeit - es werden keine endgültigen
poesie«, und Bourget schließt den Kreis zum Zu­ Wahrheiten mehr verkündet nach dem Ende des
stand der Modeme mit einem Wort, das Vergil zu­ Dogmatismus. So gesehen, sei der Dilettantismus
geschrieben wurde: »On se lasse de tout, excepte »une sorte de dialectique d'un genre nouveau,
de comprendre . . . « (3 7) gd.ce a laquelle l'intelligence participe a l'infinie
Die Kehrseite dieser bei Renan für seinen wis­ fecondite des choses«. Der Dilettanten-Philosoph
senschaftlichen Gegenstand nützlich eingesetzten (»le dilettante philosophe«) bewirkt durch diese
Souveränität der Balance zwischen Verstehen und »curiosite« (39) eine Vermehrung der Phänomene,
Genießen, eines »detachement sympathique a die die Systeme sprengt, ja eine Relativierung aller
l'egard des obj ets de la passion humaine« (ebd.) ist Ideen und Wertungen und somit der Systeme
in der Gegenwart ein Dilettantismus, der zu intel­ selbst.
lektueller und emotionaler Verwandlung verführt,
weil er alle Facetten der Geschichte und des Le­
bens reflektieren will (»le reve du dilettante serait
d' avoir une ame a mille facettes pour reflechir tous
ces visages de l'insaisissable Isis« [38]). Für diese
86 PAUL BOURGET, Renan (1 8 82) , in: Bourget, Essais de
Zersplitterung seiner selbst in Hyperreflektiertheit
psychologie contemporaine ( 1 8 8 3 / r 8 8 5 ) , hg. v. A.
bezahlt der einzelne, der sich so vom Leben ent- Guyaux (Paris 1 993), 36.
87 Vgl. BOURGET, Amiel ( 1 8 8 5 ) , in: ebd., 405 ff
82 Dilettantismus

3. Historismus und Hermeneutik »Vielerlei-Wissens« faßt Nietzsche prägnant als


»gefährliche Lust an geistigem Anschmecken«.
Der von Bourget konstatierte Dilettantismus in der Eine Persönlichkeitsschilderung Wagners im Geist
zeitgenössischen Kultur, ausgehend von einer bei der Bourgetschen Modernitätskritik vertieft die
Ernest Renan festgestellten >hermeneutischen Lust Diagnose: Ein »Geist der Unruhe, der Reizbarkeit,
an der Geschichte<, machte ein spezifisches Pro­ eine nervöse Hast im Erfassen von hundert Din­
blem der ästhetischen Wendung der Hermeneutik gen, ein leidenschaftliches Behagen an beinahe
des Historismus deutlich. Ähnliche Argumente krankhaften hochgespannten Stimmungen, ein un­
finden sich in einer Diskussion über die Relativität vermitteltes Umschlagen«89• Dieses Verdikt ver­
historischer Werte, die von Friedrich Nietzsche schärft Nietzsche in seiner 1 8 8 8 erschienenen
bereits 1 874 mit seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen Schrift Der Fall Wagner. Wagner stellt sich Nietz­
initiiert wurde. sche dar als »Führer für das Labyrinth der moder­
Nietzsche sah die Ursache der modernen, desin­ nen Seele«, ja »Wagner resümirt die Modernität«90
tegrativen Lebensweise in einem musealen Histo­ mit all ihren zwiespältigen Tendenzen.
rismus, im Ausschlachten der Geschichte für eine Hierzu klingen Gadamers Bemerkungen zur
Multiplizität der Stile und einer beziehungslosen Wahrheit in den Geisteswissenschaften ( l 9 5 3) wie eine
Sammel- und Bildungswut. Das bloß antiquarische Paraphrase: »Der Historismus, der überall ge­
Interesse an der Geschichte überlagere die Gegen­ schichtliche Bedingtheit sieht, hat den pragmati­
wart. Im zweiten Stück der Betrachtungen Vom schen Sinn der geschichtlichen Studien zerstört.
Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben ( 1 874) Seine verfeinerte Kunst des Verstehens schwächt
legt Nietzsche dar, »daß ein Übermaß der Historie die Kraft zu unbedingter Wertung, in der die sittli­
dem Lebendigen schade«88, weil so die plastische che Realität des Lebens besteht. Seine erkenntnis­
Kraft des Lebens, sich der Vergangenheit wie einer theoretische Zuspitzung ist der Relativismus, seine
kräftigen Natur zu bedienen, ange griffen werde . Ko ns e que nz der Nihilismus. «91
Hier fallt die Bezeichnung Dilettantismus nicht, Gadamer sieht die Hermeneutik als Theorie
aber im vierten Stück über Richard Wagner in Bay­ und Praxis der Auslegung eng mit der praktischen
reuth (1 876) beschreibt Nietzsche die Wagnersche Philosophie verknüpft, ja setzt sie sogar an deren
Persönlichkeit als von einer »unkräftigen Vielsei­ Stelle.92 Hierin liegt ein Bezug zum bereits darge­
tigkeit des modernen Lebens wie [von - d. Verf.] legten Dilettantismusbegriff Rortys. Auch die neu­
einer heftigen Kinder-Krankheit befallen«. Mit der este Historismusdebatte in der Hermeneutik führt
neuen Wortbildung »Dilettantisieren« fallt Nietz­ mit ihrer Frage der Bewertung kultureller Pluralität
sche dort das Urteil über Wagners frühen Bil­ und historischer Realität innerhalb wissenschaftli­
dungsweg, zu dem sowohl Künste als Gelehrsam­ cher Systematik bestimmte, mit der Moderne ver­
keit gehörten. Experimentierlust und ein gewisses knüpfte Subjektivismen fort, die seit Ende des
Maß an Unfertigkeit, zusammen mit einer leicht 1 8 . Jh. in den Dilettantismusbegriffintegriert wur­
erregbaren Empfindung und einem »Dünkel« des den.

88 FRIEDRICH NIETZSCHE, Vom Nutzen und Nachteil


der Historie für das Leben ( 1 874) , in: NIETZSCHE
( SCHLECHTA ) , Bd. l ( 1 994) , 2 1 9 . V. Literarisierungen
89 NIETZSCHE ( s . Anm. 2 8 ) .
90 NIETZSCHE, Der Fall Wagner ( 1 888), in: NIETZSCHE
( s CHLECHTA ) , Bd. 2 ( 1 994) , 904. 1 . Das moderne Ich im Roman des Pin de siede
91 HANS-GEORG GADAMER, Wahrheit in den Geistes­
wissenschaften ( 1 9 5 3 ) , in: Gadamer, Kleine Schriften, Repräsentierte der Dilettantismus eines Ernest Re­
Bd. 1 (Tübingen 1 967) , 40. nan nach Bourgets Worten eine der völlig neuarti­
92 Vgl. GUNTER SCHOLTZ, Zum Historismusstreit in der
gen, ja wesentlichsten Weisen, zu denken und zu
Hermeneutik, in: Scholtz (Hg.) , Historismus am
Ende des 20. Jahrhunderts. Eine internationale Dis­ fühlen während dieser Epoche, so läßt sich dies
kussion (Berlin 1 997) , 208 . ebenso von dem l 8 84 veröffentlichten Roman Jo-
V Literarisierungen 83

ris Karl Huysmans sagen. A rebours, von dem Lin­ du genie de l'homme« bezeichnet und als Fähigkeit
zer Dichter Hermann Bahr als »Handbuch des Di­ umschrieben, »de savoir concentrer son esprit sur
lettantismus«93 bezeichnet und zur Bibel der Deca­ un seul point, de savoir s' abstraire suffisamment
dents avanciert, stellt neben Bourgets Essais die pour amener l'hallucination et pouvoir substituer
entscheidende Formulierung der Figur des Ro­ Je reve de la realite i la realite meme« (34 f. ) .
manhelden der Decadence dar. Huysmans schildert Die Realitätsbewältigung durch selbstinszenierte
den mißlungenen Versuch des Duc des Esseintes, Illusionen degradiert die Natur zur Kulisse: »la na­
eines Aristokraten mit Dandy-Attitüde, dem ge­ ture a fait son temps«, so Huysmans' Protagonist,
sellschaftlichen Leben in Paris zu entfliehen. In ei­ »la degoutante uniformite de ses paysages et de ses
nem nach den eigenen Vorstellungen sorgf:iltig ciels« (3 5) hat die Geduld der Menschen mit
und äußerst luxuriös ausgestatteten Landhaus in verfeinertem Geschmack endgültig erschöpft. Die
Fontenay-aux-Roses geht der letzte Sproß eines Künstlichkeit ist das Erkennungszeichen des
alten Adelsgeschlechtes verschiedenen Liebhabe­ menschlichen Genies.
reien nach. Der Autor läßt seinen Helden in der Die Distanz des intellektuellen, spätzeitlichen
Abgeschlossenheit seines extravaganten Univer­ Ichs zu sich selbst und zur Natur, welche ersetzt
sums »!es etats morbides !es plus fuyants, !es plus wird durch menschliches Gestaltungsvermögen,
trembles« durchleben und die Erfahrung »des das extrem Artifizielles hervorbringt durch eine bis
esprits epuises et des ames tristes«94 machen (so zum äußersten getriebene Virtuosität und Kost­
Des Esseintes über seine Baudelaire-Lektüre) , ei­ barkeit der Materialien, sind die thematischen
nerseits als Flucht vor Banalität und Mittelmäßig­ Schwerpunkte des zeitgenössischen Psycho­
keit, andererseits mit dem Ziel erlesener Genuß­ gramms, das durch den ersten und sehr erfolgrei­
empfindungen und eingebildeter Wonnen, die den chen Roman des jungen Gabriele D'Annunzio, II
wahren in jeder Hinsicht gleichkommen. Piacere ( 1 8 89) , um weitere Facetten bereichert
Des Esseintes, der sich sein Speisezimmer als wird.
Schiffskabine, sein Schlafzimmer als Mönchszelle D'Annunzio zeigt seinen Helden in einem von
eingerichtet hat, gibt sein ortsgebundenes Dasein zwei Seiten her betriebenen Selbstexperiment von
nur in geistigen Reisen auf. Jeden gewünschten Lustempfindungen. Eros und Kunst werden be­
Ort und j ede Situation kann der an seiner Zeit und nutzt, um über ihre sinnliche un d geistige Qualität
an sich selbst Leidende erreichen, ohne durch die selektive Welterfahrung zu ermöglichen. D'An­
damit verbundenen Unannehmlichkeiten einge­ nunzio stellt seinen Protagonisten explizit in den
schränkt zu werden. Ganz im Sinne der Baudelai­ Deutungszusammenhang: Graf Sperelli-Fieschi
reschen modernite-Vorstellung verschafft er sich d'Ugenta »era, in veriti, !'ideal tipo de! giovine si­
die rasch wechselnden, fast momenthaften Ein­ gnore italiano nel XIX secolo, il legittimo carn­
drücke einer Fernreise. Dieses Vergnügen an der pione d'una stirpe di gentiluomini e di artisti ele­
Ortsveränderung, »qui n' existe, en somme, que par ganti, !'ultimo discendente d'una razza intellet­
le SOUVenir et presque jamais dans le present, a la tuale« (Er war tatsächlich der ideale Typ des jungen
minnte meme Oll iJ s'effectue«, wird durch die italienischen Adligen im 1 9 . Jahrhundert, ein wah­
Vorstellungskraft ermöglicht, nämlich mittels »une res Musterexemplar eines Geschlechts von Edel­
approximative sophistication de l'objet poursuivi leuten und eleganten Künstlern, der letzte Ab­
par ces desirs memes« (32 f.) . kömmling einer durchgeistigten Rasse) 95. Er ge-
Unterstützt durch Lektüre, Düfte und ein dem
>Reiseziel< dienliches Ambiente, wird so eine 93 HERMANN BAHR, Selbstbildnis (Berlin 1923), 232.
Situation geschaffen, in der Sinnesreizungen zur 94 JORIS-KARL HUYSMANS, A rebours ( 1 8 84) , in: Huys­
halluzinativen Schöpfung der gewünschten Wirk­ mans, CEuvres completes, hg. v. C. Grolleau, Bd. 7
lichkeit führen. Wie bei Bourget ist auch hier die (Paris 1 929) , 2 1 8 .
95 GABRIELE n ' ANNUNZIO, 1 1 Piacere ( 1 8 89), in: D'An­
Voraussetzung für den Genuß eine Distanz zur
nunzio, Prose di romanzi, hg. v. E. Bianchetti, Bd. 1
Realität (hier auch der eigenen Historie) , von (Mailand 1 968), 36; dt. : Lust, übers. v. C. Denzler
Huysmans als »l'artifice [ . . . ] Ja marque distinctive (Stuttgart 1 995), 40.
84 Dilettantismus

hörte »a questa classe, ch'io chiamerei arcadica per­ male, und »piu ehe il pensiero, amava l' espressione«
che rese appunto il suo piu alto splendore dell' ama­ (mehr als den Gedanken liebte er den Ausdruck)
bile vita del XVIII secolo« ([zu] jener Klasse, die (95 ; dt. r n7) : »Un pensiero esattamente espresso in
man arkadisch nennen könnte, da sie ihren größ­ un verso perfetto e un pensiero ehe gia esisteva pre­
ten Glanz eben im liebenswert heiteren Leben des formato nella oscura profondita della lingua.« (Ein
l 8. Jahrhunderts entfaltete) . Diese arkadische genau ausgedrückter Gedanke in einem vollkom­
Klasse zeichnet sich darüber hinaus durch ästheti­ menen Vers ist ein Gedanke, der in der dunklen
sche Neugier (»curiositi estetica«) und archäologi­ Tiefe der Sprache schon vorgeformt existierte.)
sche Leidenschaft (»mania archeologica«) aus (3 5 ; ( 1 50; dt. 1 67) Sein Schaffen zeigt die ganze Breite
dt. 3 9) . Vom Vater stammt Sperellis Grundsatz, das dilettantischer Kunstpraxis, wie sie durch den klas­
eigene Leben wie ein Kunstwerk zu gestalten. sizistischen Dilettantismusbegriff diskreditiert
Aber auch Sperellis doppelter Narzißmus eroti­ wurde: »esercizii, giuochi, studii, ricerche, esperi­
scher und geistiger Genüsse stellt keine wirkliche menti tecnici, curiositi« (Übungen, Spiele, Stu­
Beziehung zu den Personen und Gegenständen dien, Versuche, technische Experimente, Kuriosi­
seiner Lust her. »Dopo la resoluzione delle forze, täten) (95 ; dt. r n7) . Zum eigenen Ansporn rezitiert
prodotta dall'abuso dell'analisi e dall'azion separata D' Annunzios Protagonist an dieser Stelle Goethes
di tutte le sfere interiori« (nach der Zersetzung sei­ Gedicht An Kenner und Liebhaber ( 1 776) , worin
ner Kräfte durch übermäßiges Analysieren und Goethe sich vom eigenen Zeichnen noch künstle­
maßloses Handeln ohne innere Beteiligung) (94; risches Gelingen versprach %
dt. ro6) verlangt es Sperelli nach >!dealen<, nach Solches Verhalten entspricht letztlich einem
>Kunst<: »L'Arte! L'Arte! - Ecco l'Amante fedele, Sammlertum im Geist der frühen Kunst- und
sempre giovine, immortale; ecco la Fonte della Wunderkammern. Ein Gewährsmann dieses Typs,
gioia pura, vietata alle moltitudini, concessa agli bei dem die Anhäufung der Objekte und die man­
eletti. [ ) Come aveva egli potuto bevere ad altre
„ . gelnde Differenzierung von Kunst und Natur die
coppe dopo avere accostate le labbra a quell'una? Gegenstände des Genusses austauschbar werden
Come aveva egli potuto ricercare altri gaudii dopo läßt, ist der venezianische Lebemann Pococurante
aver gustato il supremo?« (Die Kunst! Die Kunst! - aus Voltaires Candide (1 759). Hermann Bahr, der
Hier war die treue Geliebte, ewig jung, unsterb­ wesentlich dazu beitrug, im deutschsprachigen
lich; hier war die Quelle der reinen Freude, verbo­ Raum auf Paul Bourget aufmerksam zu machen,
ten der Menge, vorbehalten den Auserwählten. bringt das Thema in seinem Aufsatz Decadence
[ . J Wie hatte er aus anderen Kelchen trinken
„ (1 894) auf den Punkt: »So fühlen die Decadenten,
können, nachdem seine Lippen an diesen einen daß Kunst nicht Natur, aber daß doch ohne Natur
gerührt hatten? Wie hatte er andere Vergnügen erst recht keine Kunst ist. [„ .] Es ist das Dilemma
suchen können, nachdem er von dem höchsten aller Dilettanten.«97
gekostet hatte?) ( 1 46; dt. 1 64) Er läßt sich für sein Bourget fand für die Folgen dieses spezifischen
eigenes Zeichnen, Radieren und Dichten von an­ >Historismus< das Bild des Salons, TreflPunkt der
deren Werken inspirieren. Seit Ende des 1 8 . Jh. Kunstbeflissenen und Schöngeister, der - einem
unterliegt die Inspiration des Dilettanten dem Ver­ Museum vergleichbar - eine Schule eben dieses
dikt der unschöpferischen Nachahmung und eines modernen >multiplen< Geistes sei. Die reiche
Kunstschaffens aus zweiter Hand. Auch Sperelli Kunstausstattung des Salons mit Gemälden, Bron­
wählt das technisch Schwierige, bevorzugt das For- zen, Goldschmiedearbeiten etc. bilde zusammen
mit den Gefühlen und Interessen der anwesenden
96 Vgl. HANS RUDOLF VAGET, Dilettantismus und Mei­ Personen »un fonds de conceptions analogues sur
sterschaft. Zum Problem des Dilettantismus bei Goe­ les chapitres essentiels de la vie«. Jeder finde die
the. Praxis, Theorie, Zeitkritik (München 1971), 222. Komplexität seiner Persönlichkeit wieder in der
97 BAHR, Decadence {1 894) , in: Bahr, Zur Überwin­
Vielfalt dieses »ameublement«98.
dung des Naturalismus - Theoretische Schriften
1 8 87-1 904, hg. v. G. Wunberg {Stuttgart 1 968), 172. Diese Mischung aus Schaubude und Kunstkabi­
98 BOURGET (s. Anm. 86) , 43 . nett und ihre Funktion für den modernen Men-
V. Literarisierungen 85

sehen - letztendlich ist dies auch das Strukturprin­ friedenen und Unwissenden, die nicht unter dem
zip von Huysmans A rebours, wo das Leben sich als Druck und der Zucht des Talents lebten. Denn das
eine Abfolge von artifiziellen Zuständen entrollt - Talent [ . ] ist nichts Leichtes, nichts Tändelndes,
. .

paraphrasierte Hugo von Hofmannsthal in seinem es ist nicht ohne weiteres ein Können. In der Wur­
ersten D 'Annunzio-Aufsatz als »Triumph der Mö­ zel ist es Bedüifnis, ein kritisches Wissen um das
belpoesie« 99• In seinem Stück Der Tor und der Tod Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr Können
( r 89 3 ) , das mit bemerkenswerter Konzentration nicht ohne Qual erst schafft und steigert.«104 Auch
zentrale Dilettantismusmotive der Bourgetschen in Lotte in Weimar ( 1 9 3 9) greift er die Dilettantis­
Essais versammelt, spricht Hofinannsthal gar von musthematik von verschiedenen Aspekten her auf.
einer »Rumpelkammer voller totem Tand«11m Neben der Schiller unterlegten negativen Konno­
Hofmannsthal, der die Bourgetschen Ideologeme tation des Dilettanten als eines oberflächlichen und
als Inbegriff der französischen Moderne aufgreift, undisziplinierten Stümpers und der Goethe-Refle­
nimmt innerhalb der Bourget-Rezeption insofern xion, in der der Dilettantismus wieder positiver
eine Sonderstellung ein, als er eine gewissermaßen erscheint, verschiebt sich der Akzent auf die Ver­
integrale Aneignung des von Bourget in den Essais wandtschaft des Dilettantismus mit »dem Dämoni­
fixierten Gedankenguts vollzogen hat. 101 Die Ver­ schen und dem Genie«105.
schärfung der Dilettantismusthematik, die Hof­
mannsthal ebenfalls analog vollzieht, mündet je­
2. Antiästhetische Konzeptionen in Literatur und
doch in den Monologen des Claudia in Der Tor
Kunst
und der Tod schließlich in eine wesentliche Diffe­
renz: Die Heterogenität der Überlieferung, ver­ Eine Reminiszenz an den ästhetizistischen Sub­
sinnbildlicht im Bild des Musealen, wird von Hof­ j ektbegriff, die das Motiv der Handlungsunfahig­
mannsthal als Ort eher des Abgestorbenen denn keit nochmals vorfuhrt, wie es etwa auch von Itala
der Multiplizität aufgefaßt. Der Tor beklagt das Svevo mit seinem Typus des >inetto< zentral verar-
Unglück, die Bilder der Empfindungen und Ge­
fühle vor den Empfindungen und Gefühlen ge­
kannt zu haben. Der genießerische Skeptizismus 99 HUGO VON HOFMANNSTHAL, Gabriele D'Annunzio
(!) ( 1 893), in: Hofmannsthal, Gesammelte Werke in
wird als Unbehagen begriffen. War der Dilettantis­
Einzelausgaben, hg. v. H. Steiner, Prosa I (Frankfurt
mus bei Bourget zudem mit der gesellschaftlichen a . M . 1 950) , 1 82 .
>unite< verbunden, beinhaltet er bei Hofinannsthal r no HOFMANNSTHAL, Der Tor und der Tod (1 893), in:
einen existentiellen, vom Individuum auf das Le­ Hofmannsthal, Gesammelte Werke in Einzelausga­
ben als solches gerichteten Blick. 102 Die Überwin­ ben, hg. v. H. Steiner, Gedichte und lyrische Dra­
men (Frankfurt a. M. 1952), 202.
dung dieser ästhetizistischen Lebenshaltung findet rn1 Vgl. S CHULZ-BUSCHHAUS, Der Tod des Dilettan­
bei Hofmannsthal knappen Ausdruck in der Sen­ ten. Über Hofmannsthal und Bourget, in: M. Röss­
tenz: »Im Dilettantismus ist der Keim einer sittli­ ner/B. Wagner (Hg.), Aufstieg und Krise der Ver­
chen Verderbnis. « 103 nunft. Kornparatistische Studien zur Literatur der
Aufklärung und des Fin-de-siecle (Wien/Köln/Graz
Der Dilettantismus erscheint bei Heinrich
1 984) , 1 8 8 .
Mann und Thomas Mann nicht nur in literarischer I 02 Vgl. HINRICH c . SEEBA, Kritik des ästhetischen
Verarbeitung, sondern auch als Reflexion auf das Menschen - Hermeneutik und Moral in Hofmanns­
eigene Künstlertum. Der Begriff wird im Früh­ thals >Der Tor und der Tod< (Bad Homburg u. a.
werk mit je spezifischer Gewichtung entwickelt, 1 970) , 1 1 9 f.
I 0 3 HOFMANNSTHAL, Buch der Freunde ( 1 922) , in:
etwa in Heinrich Manns erstem Roman In einer Hofmannsthal, Gesammelte Werke in Einzelausga­
Familie (1 894) und in Thomas Manns Bajazzo ben, hg. v. H. Steiner, Aufreichnungen (Frankfurt
(1 897) . Die Erzählung über Schillers Leben Schwere a. M. 1959) , 6 5 .
Stunde (1905) von Thomas Mann nimmt sogar aus­ 1 04 THOMAS MAKN, Schwere Stunde ( 1 905), in: Mann,
Gesammelte Werke, Bd. 8 (Frankfurt a. M. 1 960) ,
drücklich Bezug auf den klassizistischen Dilettan­
3 7 5 f.
tismusbegriff, wenn es heißt: »Nur bei Stümpern 105 MANN, Lotte in Weimar (1939), in: Mann, ebd.,
und Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzu- Bd. 2 (Frankfurt a. M. 1 960) , 628.
86 Dilettantismus

beitet wird106, liegt mit Carl Einsteins Bebuquin stisch geprägten Form der Imagination, emer
oder die Dilettanten des Wunders ( 1 9 1 2) vor. Bereits bruchlosen Identität von Subjekt und Objekt. Das
zu Beginn ruft Bebuquin aus: »welch schlechter Scheitern des für diese Verwandlung zuständigen,
Romanstoff bin ich, da ich nie etwas tun werde, konstitutiven Subj ekts versinnbildlicht der Dilet­
mich in mir drehe [ . . . ] . Sicher ist mir, daß ich tant, dessen ausschweifende Phantasie der Stoff­
noch nie gehandelt oder erlebt habe.«107 und Formfrage nicht genügen kann und der daher
Der Text selbst aber, der die geltenden erzähleri­ »von allen Sachen und Dingen abgleiten« muß.
schen Konventionen sprachlich und strukturell ra­ »Mit der Unendlichkeit zu arbeiten, ist purer Di­
dikal in Frage stellt, steht als Werk für eine völlig lettantismus. « (82) Bei Einstein steht die Spiegel­
andere Ästhetik. Bereits der vielfach deutbare metapher, eine der ältesten Bildformeln für das
Name Bebuquin weist auf das Absurde. 108 Ein­ Genie des Künstlers, für die unschöpferische Phan­
steins Textmontage, die an bildkünstlerische kubi­ tasterei des Dilettanten: »Ihre Sucht nach Origina­
stische Aperspektivität und die (späteren!) Monta­ lität entspringt Ihrer beschämenden Leere; meine
getechniken der Dadaisten erinnert, hebt Logik auch. [ „ .] Dann spiegeln Sie sich in sich selbst. «
und Kausalität gewohnter Handlungsführung auf. (76) Die Selbstbespiegelung, i m Werk Karl Philipp
Räumliche und zeitliche Kontinuität wird aufge­ Moritz' Ursache eines dilettantischen Ungenügens
brochen durch die Orientierung an den kaleido­ vor der Kunst und dem Leben, ist Ausdruck für die
skopisch vorgeführten Bewußtseinsprozessen des Krise eines Bewußtseins, das sich letztlich weder
Protagonisten. Über das auch explizit kenntlich intellektuell noch sinnlich realisieren kann. Wie
gemachte Motiv der hyperreaktiven Befindlichkeit Hofmannsthals Claudia kann auch Bebuquin die
des Romanhelden der Decadence hinaus (z. B. mit ästhetische Metamorphose nur rigoros, mit dem
dem Hinweis auf d'Annunzio) - »Viel stärker, reiz­ Tod des empirischen Ich und seiner Fiktionen
voller, gefährlicher sind die Empfindungen, die vollziehen.
keines Erlebnisses bedürfen«109 - wird die Selbstbe­ Einsteins Werk hatte richtungsweisende Bedeu­
spiegelung des Bebuquin als erkenntnistheoreti­ tung für die Dadaisten. 1 10 Seine Sprache, die Text­
sches Versagen des bürgerlichen Subjekts insze­ konstruktion und die Idee der »Berechtigung alles
niert. Das >Wunder< des Dilettantismus wäre der Ästhetischen« 1 1 1 in der Vernichtung und im Wahn­
Ausbruch aus den an der Obj ektwelt eingeübten sinn konnten Impulse für die dadaistische Bewe­
Erfahrungsmustern und intellektuellen Wahrneh­ gung geben, die auf die materielle und psychische
mungsweisen zu einer völlig neuen, nicht duali- Zerstörung des Krieges und die aus ihr folgenden
sozialen und politischen Umwälzungen mit einem
neuartigen, >unkünstlerischen< Handeln und Erle­
ro6 Vgl. RUDOLF BEHRENS , Metaphern des Ich. Roma­ ben reagierte. Es bedürfte nicht des Hinweises auf
neske Eingrenzungen des Subjekts bei D' Annunzio, den dadaistischen Aufruf >dilettanten erhebt euch
Svevo und Pirandello, in: H. ]. Piechotta (Hg.) , Die [ „ . ] . die alte kunst ist tot< des Kölner Dada-Kreises
literarische Modeme in Europa, Bd. I (Opladen um Max Ernst und Johannes Baargeld, um Dada
I 994) , 3 5 ! .
als größten und einzigen Triumph einer >dilettanti­
ro7 CARL EINSTEIN, Bebuquin oder die Dilettanten des
Wunders (entst. I 906/ r 909; ersch. I 9 1 2) , in: Ein­ schen Ästhetik< zu begreifen. Dada macht das Tri­
stein, Werke, hg. v. R.-P. Baacke u. a„ Bd. I (Berlin viale, das Banale, das Laute und das Häßliche, das
I 980) , 78. Ambivalente und das Fragmentarische zum Pro­
ro8 Vgl. SIBYLLE PENKERT, Carl Einstein. Beiträge zu gramm. Das kultur- und gesellschaftskritische Mo­
einer Monographie (Göttingen I 969) .
1 09 EINSTEIN (s. Anm. 1 07) , 96. ment des Dadaismus hinterfangt das >Dilettanti­
I IQ Vgl. HANNE BERGIUS, Der Da-Dandy - das >Nar­ sche< und wertet dessen Spontaneität und Autodi­
renspiel aus dem Nichts<, in: Tendenzen der Zwan­ daktentum als Möglichkeit des umweglosen
ziger Jahre [Ausst.-Kat.] (Berlin I 977) , 3 / I 2-3 h7. Neuanfangs ohne konventionalisierte Vorgaben.
I I I EINSTEIN (s. Anm. 1 07) , 77.
»mensch ist dilettant«112, schrieb Heinrich Hoerle
I I2 Zit. nach Wulf Herzogenrath (Hg.) , Max Ernst in
Köln. Die rheinische Kunstszene bis I 922 [Ausst.­ l 920 in der Zeitschrift Schammade, die Höhepunkt
Kat.J (Köln I 980) , 272. des Kunstprogramms der >rheinischen Dada-Dilet-
V. Literarisierungen 87

tanten< 1 13 und letztes aufsehenerregendes Ereignis


von Dada Köln war, das damit Anschluß an die in­
ternationale Dada-Bewegung fand.

Simone Leistner

Literatur
ALTHAUS, GABRIELE u. a. (Hg.), Avanti Dilettanti: Über
die Kunst, Experten zu widersprechen (Berlin 1 992) ;
BRIESE-NEUMANN, GISA, Ästhet - Dilettant - Narziß.
Untersuchungen zur Reflexion der Fin-de-siecle-Phäno­
mene im Frühwerk Hofmannsthals (Frankfurt a. M./
Bern/New York 1985); HESSE, HANS ALBRECHT, Ex­
perte, Laie, Dilettant: über Nutzen und Grenzen von
Fachwissen (Opladen 1 998); HOLTZHAUER, HELMUT,
Goethe: Kunst und Dilettantismus. Probleme der Goe­
thezeit und der Gegenwart, in: Weimarer Beiträge 9
( 1 963), 705-728 ; JOO, ILL-SUN, Goethes Dilettantismus­
Kritik: Wilhelm Meisters Lehrjahre im Lichte einer äs­
thetischen Kategorie der Modeme (Frankfurt a. M.
1 999) ; KAMMLER, EVA, Zwischen Professionalisierung
und Dilettantismus: Ron1ane und ihre Autorinnen un1
1 800 (Opladen 1 992) ; LEISTNER, SIMONE, Der Dilettant.
Studien zur Figur des Kunstliebhabers in Diskurs und
Praxis der Künste (Diss. Bonn 1 993); MATTENKLOTT,
GERT, Das Ende des Dilettantismus, in: Merkur 41
( 1 987) , 748-76 1 ; SAULNIER, CLAUDE, Le Dilettantisme.
Essai de psychologie, de morale et d'estherique (Paris
1 940) ; STRAUSS, ELISABETH (Hg.) , Dilettanten und Wis­
senschaft. Zur Geschichte und Aktualität eines wechsel­
vollen Verhältnisses (Amsterdam 1 996) ; VAGET, HANS
RUDOLF, Dilettantismus und Meisterschaft (München
1 97 l ) ; WIElER, MICHAEL, Dilettantismus - Wesen und
Geschichte (Würzburg 1 996) .

1 1 3 Vgl. Rheinische Zeitung (19. 2. 1 920) , zit. nach ULI


BOHNEN/DIRK BACKES, Max Ernst und die Kölner
Szene 1 9 1 7-1920, in: Herzogenrath (s. Anm. 1 1 2),
1 40.
88 Einbildungskraft/Imagination

Einbildungskraft/Ima gination bzw. erkenntnistheoretische Prämissen zugrunde.


Das ist ablesbar an der Beziehung zwischen roman­
(griech. cpaVTacria; lat. imaginatio, phantasia; engl.
tischer Kunsttheorie und der Bewußtseinsphiloso­
imagination; frz. imagination; ital. immaginazione;
phie des deutschen Idealismus. So sind die beiden
span. imaginaci6n; russ. Cl1Jia soo6palKeH11ll,
Begriffsvarianten in der Erstfassung von Fichtes
soo6palK ett11e)
Wissenschaftslehre ( r 794) ununterscheidbar; denn
Einleitung; 1. Zur Aktualität des Begriffs; 2. Wort­ Fichte spricht von »dem wunderbaren Vermögen
geschichte; 3 . Ein begriffsgeschichtlicher Einschnitt; der produktiven Einbildungskraft [ . . ], ohne wel­
.

4. Mögliche Gründe für den Einschnitt; ches gar nichts im menschlichen Geiste sich erklä­
1. Vorgeschichte; 1 . Phantasia, phantasmata und
ren läßt« 1 . Auf der Einbildungskraft gründet sich
aisthesis; 2. Einbildungskraft und Augenlust; 3. Die
mütterlich-monströse Einbildungskraft; II. Die
für Fichte nicht nur künstlerische Kreativität, son­
Umdimensionierung der Einbildungskraft; dern »die Möglichkeit unsers Bewußtseins, unsers
1 . Die Anfange; 2. Die Einbildungskraft als Vermögen Lebens, unsers Seins für uns, als Ich« ( 1 46) .
temporaler Sinnentwürfe; III. Die dichterische Die Subjekt- bzw. Bewußtseinsphilosophie des
Einbildungskraft; 1. Die Einbildungskraft in der
deutschen Idealismus hat in den letzten Jahrzehn­
Mitleidsästhetik; 2. Ungeformte versus geformte Ein­
bildungskraft; a) Die kulturkritische Polemik gegen die ten, ob in kritischer Abgrenzung von ihr (Lacan)
>luxurierende< Einbildungskraft; b) Die formende und oder in dem Bemühen, ihre verschüttete Aktualität
geformte Einbildungskraft; 3 . Die Einbildungskraft des freizulegen (Castoriadis, Z izek, Frank u. a.), die
Genies und der moderne Subjektbegriff; 4. Ästhetischer zeitgenössische Diskussion ästhetischer, epistemo­
Paradigmenwechsel: Der Gegensatz zwischen Kant und
Hegel; IY. Die romantisch-avantgardistische Ein­
logischer, ontologischer, repräsentationslogischer
bildungskraft; V. Die Einbildungskraft im und psychologischer (psychoanalytischer) Fragen
20. Jahrhundert; 1 . Die Tradierung des aufklärerisch­ beeinflußt. So sieht Slavoj Z izek die Möglichkeit
klassischen Begriffs der Einbildungskraft; 2. Der psycho­ einer politischen Ontologie in der Gegenwart erst
analytisch inspirierte Begriff der Einbildungskraft dann gegeben, wenn sie die Erkenntnisse moder­
ner Subj ekttheorien in sich aufnimmt. Zu diesem
Zwecke greift er auf den vielfach abgeschriebenen
Begriff des >kartesischen Subjekts< zurück, »whose
Einleitung rejection forms the silent pact of all the struggling
parties of today's academia«, allerdings nicht »to re­
1. Zur Aktualität des Begriffs turn to the cogito in the guise in which this notion
has dominated modern thought (the seif-transpar­
Die Einbildungskraft oder Imagination war und ent thinking subject) , but to bring to light its for­
ist im Kontext moderner Kunst- und Subj ekttheo­ gotten obverse, the excessive, unacknowledged
rien bedeutsam. Die beiden Wortprägungen die­ kerne! of the cogito, which is far from the paci­
nen seit rund 250 Jahren dazu, die Spontaneität des fying image of the transparent Selfo . Die Kehrseite
menschlichen Geistes bei der Konstruktion von des kartesischen, sich selbst gegenwärtigen Sub­
Schein (ästhetische Variante) und Realität (er­ j ekts sei die Einbildungskraft, deren »key dimen­
kenntnistheoretische Variante) auf den Begriff zu sion« schon bei Kant ihr »disruptive, anti-synthetic
bringen. Die Varianten sind nicht unabhängig aspect« gewesen sei, »which is another name for
voneinander; denn auch der kunsttheoretischen the abyss of freedom«2.
Variante liegen seit dem späten r 8 . Jh. subj ekt- Ähnlich konzeptualisiert Cornelius Castoriadis
eine >radikale Imagination< als die psychische Vor­
bedingung und Grundlage eines gleichfalls >radika­
1 JOHANN GOTTLIEB FICHTE, Grundlage der gesarnrnten len Imaginären<, das er in Abgrenzung von Lacan
Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Zuhörer nicht als spiegelbildlich induzierte Beziehung zu
( 1 794; Hamburg 1 979), 1 2 8 .
einem Ähnlichen, sondern als »unaufhörliche und
2 SLAVOJ ZIZEK, The Ticklish Subject. The Absent
Center of Political Ontology (London/New York (gesellschaftlich-geschichtlich und psychisch) we­
1 999) , 2. sentlich indeterminierte Schöpfung von Gestalten/
Einleitung 89

Formen/Bildern« begreift, »die j eder Rede von et­ !ein, wer seine Imagination, indem er sein geistiges
was zugrundeliegen«3. Auge auf Gott richtet, im Zaum halte: »Qui enim
phantasiae dominari contendit in ea persistit digni­
tate in qua creatus positusque est, a qua jugiter in­
2. Wortgeschichte
vitatur dirigendam esse mentis aciem in bonorum
Das seit dem frühen 1 6 . Jh. gebräuchliche >Einbil­ ornnium parentem Deum«. Wer sich dem Gebot
dungskraft< ist die dt. Entsprechung von griech. der Sinne und den Wirkungen der Einbildungs­
>phantasia< und lat. >imaginatio< oder >phantasia<. kraft ausliefere, degeneriere zum Tier. (»Qui au­
Die Wortprägung geht offensichtlich auf Paracelsus tem incurvi sensus fallacisque imaginationis dicto
zurück, der sie als Übersetzung von lat. >vis imagi­ paret, [ ] in bruta degenerat.«)4
. . .

nationis< einführte. Bis ins 1 8 . Jh. werden Einbil­ Vor dem 1 8 . Jh. haben Einbildungskraft und
dungskraft, Imagination und Phantasie meist als Imagination zu keiner Zeit im Zentrum ästheti­
gleichbedeutend behandelt. scher Diskussionen gestanden. Im 1 8 . Jh. schwingt
sich der Begriff in seinen drei Wortformen (wobei
Phantasie nun zunehmend von Einbildungskraft
3. Ein begriffsgeschichtlicher Einschnitt
und Imagination abgespalten wird) rasch zum Ge­
Kennzeichnend für die Begriffsgeschichte von Ein­ genstand zahlreicher Bücher und Essays auf. Auch
bildungskraft, Imagination und Phantasie ist ein die meisten Abhandlungen zum Geniebegriff sind,
grundlegender, zeitlich relativ präzis angebbarer James Engell zufolge5, seit William Duffs Essay on
historischer Wandel: Der Begriff, der über rund Original Genius in Philosophy and the Fine Arts, Parti­
2200 Jahre hin eine in der Hierarchie der psychi­ cularly in Poetry ( 1 767) und Alexander Gerards
schen Vermögen niedrige Fähigkeit bezeichnete Essay on Genius ( 1 774) Abhandlungen über die
und aus ontologischen, erkenntnistheoretischen Imagination und ihren Anteil an künstlerischer
und moralischen Gründen skeptisch betrachtet Produktion.
wurde, wird im 1 8 . Jh. , etwa zwischen Joseph Ad­ Der Gegensatz der Bedeutungen von Einbil­
disons On the Pleasures ofthe Imagination ( 1 7 1 2) und dungskraft und Imagination vor und nach diesem
Alexander Gerards Essay on Genius ( 1 774) , gravie­ Einschnitt läßt sich vorläufig so bestimmen: In der
rend umge we rtet. jahrtausendelang dominanten Denkfigur eines ver­
Aristoteles hatte die phantasia in De anima tikalen Gegensatzes von (immaterieller) Transzen­
(428a) als einen von der Vernunft zu kontrollieren­ denz und Materialität wurde die Einbildungskraft
den psychischen Vorgang bestimmt, der als Wir­ als materiell und damit als unzuverlässiges, deshalb
kung der Sinneswahrnehmung auch in Tieren rationaler Kontrolle zu unterwerfendes psychisches
nachweisbar sei. Die phantasia oder imaginatio galt Vermögen gedeutet. Nach dem Wandel wurde es
seither aus erkenntnistheoretischen wie morali­ ein unentbehrliches Vermögen, mit dem sich der
schen Gründen als fragwürdig. Patristische und Mensch kreativ auf Obj ekte in Raum und Zeit be­
scholastische Autoren dehnten die Aristotelische zieht.
Vermögensabstufung auf die ontologische und Eine Aussage Samuel Taylor Coleridges ist ge­
ethische Stufenfolge Gott - Materie aus. Die mate­ eignet, den drastischen Wandel, dem der Begriff
rielle Einbildungskraft stand der kognitiven und
moralischen Vervollkommnung des Menschen im
CORNELIUS CASTORIADIS, Gesellschaft als imaginäre
Wege. Auf Marsilio Ficinos geschichtlich ergebnis­
Institution. Entwurf einer politischen Philosophie
los gebliebenen Versuch einer AufWertung der ( 1 975), übers. v. H. Brühmann (Frankfurt a. M. 1 984) ,
Imagination reagierend, schreibt Gianfrancesco 12.
Pico della Mirandola 1 500 in seinem Liber de imagi­ 4 GIANFRANCESCO PICO DELLA MIRANDOLA, De imagi­
natione, der ersten ausschließlich der Imagination natione/ Über die Vorstellung ( 1 500) , lat.-dt. , hg. u.
übers. v. E. Keßler (München 1 984), 64/65 .
gewidmeten und sie nicht mehr in ein Unterkapi­
Vgl. JAMES ENGELL, The Creative Imagination. En­
tel der Psychologie oder Erkenntnistheorie ver­ lightenment to Romanticism (Cambridge/London
weisenden Abhandlung, Menschenwürde zeige al- 1981).
90 Einbildungskraft/Imagination

1m 1 8. Jh. unterliegt, vorläufig und schematisch 4. Mögliche Gründefür den Einschnitt


anzudeuten: Das künstlerische Genie sei abhängig
von der »synthetic and magical power, to which In der einschlägigen Literatur wird der konstatierte
we have exclusively appropriated the name of im­ Bruch selten zur Kenntnis genommen. Man geht
agination«. Genialität, und damit Imagination, sei mit Bezug auf die Wortgeschichte davon aus, daß
nicht allein Voraussetzung schöpferischer Ausnah­ ein ehemals vermögenspsychologischer, ontologi­
meleistungen, sondern menschlicher Größe scher und ethischer Ausdruck im r 8. Jh. in den
schlechthin; mit Hilfe seiner imagination bringe neuen Diskurs der Ästhetik übernommen wurde
der Dichter »the whole soul of man into activity, und der >Bruch< nicht begriffsgeschichtlicher Natur
with the subordination of its faculties into each sei; das Wort sei schlicht in einen anderen Begriffs­
other, according to their relative worth of dignity« . bereich übernommen worden. Genauer: die Poe­
Da der »spirit of unity, that blends, and (as it were) tik habe »das Vermögen der Einbildungskraft [zu­
fuses, each into each«, Eigenschaft nicht nur des nächst - d. Verf.] in seiner allgemeinen erkenntnis­
Werkes, sondern des sich als Einheit erfahrenden psychologischen Funktionsbestimmung, d. h. ohne
Subj ekts sei, wird die Ausbildung der Imagination spezifisch poetisch->ästhetische< Modifikation«
zur wichtigsten Voraussetzung des Charakters; als übernommen und dieses sich ursprünglich »auf alle
Kraft, die den Menschen von Fremdbestimmungen möglichen Erkenntnisbereiche und Erkenntnisge­
befreien kann, wirkt die Imagination persönlich­ genstände, auf die Mathematik wie auf die ver­
keitsbildend. 6 schiedenen >Künste«<8 beziehende Vermögen erst
Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Philo­ spät ästhetisch-poetologisch eingeschränkt. Da es
stratos im 3 . und Ficino im 1 5. Jh. gilt Picos nega­ sich bei der Wortgeschichte von Einbildungskraft
tive Einschätzung der Einbildungskraft von der nicht um eine zusammenhängende Begriffsge­
Antike bis ins 1 8 . Jh.; Coleridges entschieden posi­ schichte handeln soll, sondern um die Übernahme
tive Beurteilung ist ebenso typisch für die letzten einer Worthülse in einen anderen Begriffsbereich,
2 5 0 Jahre. (Zu den wenigen Ausnahmen der jün­ wird die (ästhetisch belangvolle) Begriffsgeschichte
geren Geschichte zählen Anhänger der analyti­ der Einbildungskraft auf eine angeblich erst im
schen Philosophie, die die Einbildungskraft in der r 8. Jh. beginnende Geschichte der künstlerischen

Tradition Platons und Aristoteles' als erkenntnis­ oder kreativen Einbildungskraft eingeschränkt.
theoretisch bedenklich ansehen. Daniel Flory Einbildungskraft bezeichnet j edoch seit der An­
spricht mit Bezug auf diesen Traditionsstrang tref­ tike auch ein künstlerisch-kreatives Vermögen.
fend von einem »epistemological hangover of some Der Begriff wird vor seiner ästhetischen Verein­
badly outmoded theory«7.) Generell gilt: Begriffs­ nahmung im r 8. Jh. in der Philosophiegeschichte
geschichtlicher Wandel ist selten so abrupt. Wenn zwar primär nicht poetologisch gebraucht, doch
Brüche so greifbar werden wie hier, dann ver­ läßt sich ein kunsttheoretischer Gebrauch seit der
spricht ihre Erklärung weitreichende geschichtli­ Spätantike nachweisen. Bei Platon, Aristoteles, den
che Einsichten. Stoikern und den Epikuräern kommt er zwar nur
als erkenntnistheoretischer vor, doch schließt seine
Bedeutung spätestens seit dem 3 . Jh. das ein, was
6 SAMUEL TAYLOR COLERIDGE, Biographia Literaria or seit dem 1 8. Jh. künstlerische Einbildungskraft
Biographical Sketches of my Literary Life and Opini­ heißt. 9 Flavius Philostratos etwa vergleicht in sei­
ons ( 1 8 1 7) , in: COLERIDGE, Bd. 7/2 (i983), 1 5-17.
nem Leben des Apollonios von Tyana (entst. um 2 1 7)
7 DANIEL DEAN FLORY, Fear of Imagination in Western
Philosophy and Ethics (Diss. University of Minnesota den relativen Wert von phantasia und mimesis als
1995), 8 . kreativen Vermögen und gibt ersterer den Vorzug.
HORST-MICHAEL SCHMIDT, Sinnlichkeit und Ver­ Die Phantasie sei eine größere Künstlerin als die
stand. Zur philosophischen und poetologischen Be­ Mimesis, weil sie nicht nur reproduziere, was sie
gründung von Erfahrung und Urteil in der deutschen
Aufklärung (München r 982) , 1 00.
sehe, sondern auch produziere, was sie nicht sehe,
9 Vgl. GERARD WATSON, •Phantasia< in Classical und somit Wirklichkeit nicht imitiere, sondern
Thought (Galway 1988). nachbilde. Ähnlich argumentiert Avicenna: Erst
Einleitung 9l

der Anteil der Phantasie an dichterischer Rede be­ Mann >verweichlicht< und >verweiblicht< durch
wirke, daß die Seele sich ihr öffne. Er unterschei­ Kunst. Die Assoziation des Ästhetischen mit dem
det dabei sehr genau zwischen Rhetorik und Poe­ Weiblichen war vom Mittelalter bis ins 1 9 . Jh. gän­
sie und stuft nur das Poetische als imaginativ ein.10 gig. 12
Äußerungen wie diese lassen sich seit Philostratos Die ursprüngliche Deutung der Einbildungskraft
zur Genüge nachweisen. Behauptungen über die als sinnlich bzw. materiell legt es nahe, den Bruch
Modernität der künstlerischen Einbildungskraft mit der AufWertung der Sinnlichkeit im 1 8 . Jh. zu
gehen implizit oder explizit von einem modernen erklären. Denn die Entstehung der Ästhetik als
Begriff des Ästhetischen aus, der nicht in Rech­ Disziplin ist mehrfach mit einer »Emanzipation der
nung stellt, daß Funktion und Bewertung der Sinnlichkeit«1 3 in Zusammenhang gebracht wor­
Kunst sich im l 8. Jh. radikal ändern. den. Die Kunst, als Ausdrucksform der Sinnlich­
Schränkt man den Begriff der Einbildungskraft keit, sei in der Mitte des 1 8 . Jh. der Philosophie
nicht auf einen modernen Begriff kreativer Ein­ und »den rationalen Wissenschaften [ . . . ] mit dem
bildungskraft ein, dann gilt, daß phantasia und Anspruch einer ästhetischen, auf sinnliches Emp­
imaginatio als wortgeschichtliche Vorläufer der finden und Fühlen gegründeten Wahrheit (veritas
Einbildungskraft seit der Antike zur Erklärung aesthetica)« gegenübergestellt worden. Damit voll­
künstlerischer Wirkungen herangezogen wurden. ende sich die »Emanzipation der schönen Künste
Allerdings wird dem Begriff künstlerischer Einbil­ aus der 2ooojährigen Tradition der Herrschaft der
dungskraft selbst bei Autoren, die ihn gebrauchen, Vernunft, der Beschränkung auf die Nachahmung
aus außerästhetischen Gründen nur untergeordnete der Natur und der Anwendung technisch erlern­
Bedeutung zugesprochen. Ein die Natur nachah­ barer Regeln«14.
mender Diskurs wie der künstlerische, so heißt es Präziser und produktiver als die Charakterisie­
in unzähligen Variationen, bleibe der >Materie< rung dieses Prozesses als Emanzipation ist die von
verhaftet; er verleite zur Sünde, da er sich von Erich Auerbach entwickelte These, der menschli­
Gott und der Vernunft entferne. Die Einbildungs­ che Blick sei von der Antike zur Modeme von der
kraft könne aus eigener Kraft nur minderwertige Vertikalen in die Horizontale umgepolt worden.
Werke schaffen. Diese Einschätzung bestimmt Das trifft nicht nur für die von Auerbach unter­
au ch noch das Urteil von Künstlern an der s u chte n literarischen Darstellungsweisen zu, son­
Schwelle zur Moderne. So schreibt John Dryden dern läßt sich auf den Wandel ästhetischer Grund­
1 664: »imagination in a poet is a faculty so wild begriffe ausdehnen. Auerbach hatte argumentiert,
and lawless that like an high-ranging spaniel it in der Literatur der Antike und des Mittelalters
must have clogs tied to it, lest it outrun the judg­ habe »ein vertikaler Zusammenhang, von allem
ment«, weshalb er nach einem Mittel sucht, »that Geschehen nach oben aufsteigend, in Gott konver-
bounds and circumscribes the fancy«1 1 , wobei der
rein stilistische Wechsel zwischen imagination und
fancy, Einbildungskraft und Phantasie, zeittypisch
ist.
Allgemein gilt, daß das ontologisch-ethische 10 Vgl. ISMAIL M. DAHIYAT, Avicenna's Commentary
Gefalle vom Geist zur Sinnlichkeit den Poeten on the Poetics of Aristotle. A Critical Study with an
zwinge, der >Vernunft< im Akt des Schreibens die Annotated Translation of the Text (Leiden I 974) , 6 I f.
Oberhand zu lassen und den Einfluß der >Sinnlich­ I I JOHN DRYDEN, OfDramatic Poesy. An Essay ( I 664) ,
in: DRYDEN, Of Dramatic Poesy And Other Critical
keit<, zu der die Einbildungskraft gehört, möglichst Essays, hg. v. G. Watson, Bd. 2 (London I 962), 8 .
weit zurückzudrängen. Sprache wird, vor allem als I 2 V gl . HOWARD R. BLOCH, Medieval Misogyny and
Schrift, aufgrund ihrer Materialität als sinnlich, the Invention of Western Romantic Love (Chicago
und damit als ethisch fragwürdig, empfunden. Da I99I), 44.
1 3 ERNST CASSIRER, Philosophie der Aufklärung (Tü­
die Frau der Natur (und damit der Materialität der
bingen I932), 476.
Sprache) näher sei als der Mann, wird künstleri­ I4 JOACHIM RITTER, >Genie III.<, in: RITTER, Bd. 3
sche Arbeit meist als >weiblich< eingestuft; der ( I 974) , 285 .
92 Einbildungskraft/Imagination

gierend, allein bedeutend«, bestanden. 15 Aus der forschenden Blicks, der sich in der Kontemplation
vertikalen Einordnung allen Geschehens sei die des Ideellen oder Göttlichen zu immobilisieren
Notwendigkeit einer Figuraldeutung hervorgegan­ sucht. Die Imagination motiviert die Seele, so
gen, die »nicht wenig dazu beigetragen [habe] , den Proklos im 5. Jh., sich in Raum und Zeit aus­
horizontalen, geschichtsmäßigen Zusammenhang schweifend zu verlieren. Die in der Sozialhierar­
der Geschehnisse zu entwerten« (1 1 3) . Er faßt den chie höher rangierenden Klassen, so bereits Pla­
allmählichen Übergang von vertikaler zu horizon­ ton 17, sollen gleichzeitig eine besondere Disposi­
taler Kultur als Verlust von Transzendenz bzw. als tion zu kontemplativer Erkenntnis haben. Ihre
Prozeß ihrer Substitution durch innerweltliche besinnliche Geisteshaltung verleiht ihnen Würde
Sinnorientierungen. Montaigne sei der erste Au­ und grenzt sie von den nachfolgenden Klassen ab,
tor, der auf Transzendenz als Sinnanker verzichtet die laut Platon Wirklichkeit primär mit Hilfe der
habe; er habe »von allen Zeitgenossen am reinsten phantasia angehen. Erst wenn die führenden So­
das Problem der Selbstorientierung des Menschen zialklassen sich selbst als Handelnde definieren und
gesehen; die Aufgabe, sich ohne feste Stützpunkte ihren Blick von der Vertikalen in die Horizontale
in der Existenz Wohnlichkeit zu verschaffen« umpolen, ändert sich diese Einschätzung. Die So­
(296) . zialgeschichte schlägt so in die Begriffe der Er­
Die These einer vertikal-horizontalen Umpo­ kenntnistheorie und Ästhetik durch.
lung menschlicher Sinnorientierung stellt sich für Um diesen Wandel und seine Bedeutung für die
ein Verständnis der Begriffsgeschichte von Einbil­ Neudefinition von Einbildungskraft in den Griff
dungskraft als erstaunlich fruchtbar heraus, was zu bekommen, muß eine Geschichte des Begriffs
nicht weiter verwundern sollte; denn der Phanta­ mit dem Gebrauch von phantasia und imaginatio
sie, Imagination oder Einbildungskraft wurde als in der Antike beginnen. Die These vom begriffs­
Vor- und Darstellungsvermögen jahrhundertelang geschichtlichen Neuanfang der Einbildungskraft
die Funktion zugeschrieben, den menschlichen im l 8. Jh. blockiert wichtige Fragestellungen;
Blick in den Koordinaten von Raum und Zeit zu denn die Geschichte des Begriffskomplexes Ein­
orientieren. Wenn Adam Bergk am Ende des bildungskraft, Imagination und Phantasie ist als
1 8 . Jh. über den Menschen sagt: »Durch die Ver­ Niederschlag wesentlicherer Prozesse, die an den
sinnlichung des Abwesenden und Vergangenen übt Spuren ihrer linguistischen Ausfällung sichtbar
und vervollkommt er die Phantasie«16, dann be­ werden, eine analysierbare, allen Brüchen zum
deutet Versinnlichung hier eine Verbildlichung Trotz zusammengehörige Geschichte. Die be­
von Vorstellungen, auf die sich handlungsmoti­ griffsgeschichtlichen Veränderungen des r 8. Jh.
vierte Menschen ausrichten. weisen auf eine neue Bedeutung des Visuellen und
Solange Erkenntnis, Sein und Gesellschaft als in der Perspektive hin, auf ein neues Verständnis von
Transzendenz verankert imaginiert wurden, >Auge< und >Blick< und auf eine grundlegende
konnte der phantasia bzw. imaginatio als sinnlicher Umorganisation der Art, wie Menschen sich als
Vorstellungskraft ebensowenig eine grundlegende Subj ekte begründen. Die AufWertung der Einbil­
Rolle zugeschrieben werden wie den übrigen dungskraft geht mit einer AnfWertung von Bild­
sinnlichen Erkenntnisorganen. >ErkenntniS< zielt in lichkeit einher. Beide zusammen indizieren eine
vertikalen Kulturen nicht auf eine Orientierung in neuartige, horizontale und textliche Organisation
der Wirklichkeit, sondern auf eine Stillstellung des von Begehren und neue >Technologien des Selbst<
(Foucault) , eine neue Art der Konstitution von
1 5 ERICH AUERBACH, Mimesis. Dargestellte Wirklich­ Subjektivität im Medium von >Bildern< bzw. Tex­
keit in der abendländischen Literatur ( 1 946; Bern/ ten. Nach 1 700 wird menschliches Begehren kul­
München 61 977) , 7 5 . turell auf kanonisierte Texte ausgerichtet und da­
1 6 A D A M JOHANN BERGK, Die Kunst, Bücher z u lesen durch nicht mehr vertikal und autoritativ, sondern
Oena 1 799) , 1 2 5 .
horizontal und textkulturell organisiert. Das auto­
1 7 Vgl. THOMAS G. ROSENMEYER, <l>avnxcria und Ein­
bildungskraft. Zur Vorgeschichte eines Leitbegriffi nome Individuum der Modeme, dem eine kreative
der europäischen Ästhetik, in: Poetica 18 ( 1 986) , 225. Einbildungskraft zugeschrieben wird, stellt sich da-
I. Vorgeschichte 93

mit als ein sich auf imaginäre >Bilder< beziehendes Platon wie bei Aristoteles beziehen sich aisthesis
heraus. und phantasia auf das (ursprünglich primär dem
Auge) Wahrnehmbare. Begriffsgeschichtlich berei­
ten sie damit nicht nur die spätere Diskussion einer
visuellen Orientierung des menschlichen Blicks in
1. Vorgeschichte den Koordinaten von Raum und Zeit vor, sie re­
gen auch Baumgarten, der sich wiederholt auf
diese Definitionen bezieht, zu dem vielleicht
1. Phantasia, phantasmata und aisthesis
durchschlagendsten Neologismus der Kunstge­
Von der Antike bis in die frühe Modeme werden schichte, >Aesthetica<, an.
in der Diskussion von Phantasie, Imagination und Auch in der christlichen Tradition spielt die
Einbildungskraft Aspekte räumlicher Ausdehnung Imagination in Fragen der Körperlichkeit bzw.
und körperlicher Sensibilität mitdiskutiert. Platon -losigkeit von Erkenntnis eine Rolle. Augustinus'
führt den Begriff der phantasia in seinen mittleren Traktat De trinitate, der die christliche Erkenntnis­
Dialogen (Politeia, Theaitetos, Sophistes) als Ergän­ theorie und Psychologie bis ins Spätmittelater be­
zung zu den Begriffen der aisthesis (sinnlicher Ein­ stimmt hat, schreibt von der Imagination, daß der
druck; Empfindung) und doxa (Meinung, Urteil) Mensch mit ihrer Hilfe Dinge nur in Raum und
bzw. dianoia (Denken) ein.18 Die vorplatonische Zeit denken könne. Gerade aufgrund des Ge­
Philosophie hatte erkenntnistheoretisch nicht zwi­ brauchs der Imagination sei die Gewöhnung an die
schen (passiver) Empfindung und (aktiver) Wahr­ Körper so stark geworden, daß sich die Aufmerk­
nehmung, äußerem Sinneseindruck und innerem samkeit immer mehr nach außen wende. Das
Bild dieses Sinneseindrucks unterschieden. 19 Pla­ Übersteigen der Bilder in Richtung eines (imma­
ton sah hier ein Problem und definierte aisthesis als teriellen) Geistigen soll Augustinus zufolge Spie­
den äußeren Sinneseindruck und phantasia als das gelbeziehungen im Sinne ästhetischer Kultur blok­
innere Bild dieses Sinneseindrucks.20 Schleierma­ kieren. Die Körperlichkeit der Imagination be­
chers Platon-Übersetzung verwischt diese klare deute nicht nur kognitive Unzuverlässigkeit,
Begriffsunterscheidung häufig, da sie in ihrer sondern einen wuchernden, ausschweifenden Ein­
Übersetzung von phantasia und aisthesis inkonse­ fluß auf alles Seelische. Selbst »j ene Formung des
quent ist. Diese terminologische Inkonsequenz hat Sinnes [ . . . ] , die Schau genannt wird«, werde »allein
die noch Baumgarten bewußte Tatsache verstellt, vom Körper, der geschaut wird, eingeprägt [ . . . ] ,
daß phantasia für Platon durchwegs ein Vermögen das heißt von einem sichtbaren Ding«, was auf eine
der Vor- und Darstellung ist. Sie steht erkenntnis­ Zerstörung von >Form< hinauslaufe. (illa tarnen in­
theoretisch und vermögenspsychologisch zwischen formatio sensus, quae visio dicitur, a solo imprima­
Sinneseindrücken und Verstand (nous) und wan­ tur corpore quod videtur, id est, a re aliqua visibili:
delt erstere in phantasmata um, als die sie Denkma­ qua detracta, nulla remanet forma quae inerat sen­
terial des Verstandes werden. Gerade als Vor- und sui, dum adesset illud quod videbatur.)23
Darstellungsvermögen wird die phantasia bei
Baumgarten und seinen Zeitgenossen zur Grund­
lage eines modernen Begriffs der Einbildungs­
kraft. 21 18 Vgl. WATSON (s. Anm. 9), I - I O .
1 9 Vgl. MURRAY WRIGHT BUNDY, The Theory of lma­
Aristoteles, der sich dem platonischen Sprachge­
gination in Classical and Mediaeval Thought (Urbana
brauch im wesentlichen anschließt, hatte in De 1 927) , 1 3 .
anima die phantasia als ein imaginäres Vor-Augen­ 2 0 Vgl. PLATON, Tht. 1 5 1 e- 1 52c.
Stellen definiert22; . sie sei das, wonach in uns eine 2 1 Vgl. WATSON (s. Anm. 9) , 27.
Erscheinung (phantasma) entstehe; die Seele denke 22 Vgl. ARISTOTELES, De anima 3 , 3 .
2 3 AUGUSTINUS, D e trinitate, in: MIGNE ( PL ) , Bd. 42
niemals ohne phantasmata oder Bilder (vgl. 43 l a
( 1 845), 986; dt. : fünfzehn Bücher über die Dreieinig­
1 7) und könne nur über diese, nicht über Wirk­ keit, hg. u. übers. v. M. Schmaus, Bd. 2 (München
lichkeit nachdenken (vgl. 432a 4-1 4) . Sowohl bei 1936), 99.
94 Einbildungskraft/Imagination

2. Einbildungskraft und A ugenlust aus griech. eidölon abgeleitete lat. idolum bedeutet
Bild, Gestalt) . Die Imagination neigt als Organ der
Aufgrund ihrer Materialität wird die Imagination direkten, geist- oder gottfernen, unzuverlässigen
über Jahrhunderte hin mit dem Motiv des körper­ Lektüre zur Idolatrie; die Einbildungskraft, so
lichen Sehens (im Gegensatz zur geistigen Schau) Thomas von Aquin, erschaffi nichts als Bilder:
bzw. mit der Augenlust verbunden. Warnungen »Alia operatio est formatio, secundum quod vis
vor der Seh- und Augenlust und der Unzuverläs­ imaginativa format sibi aliquod idolum rei absentis,
sigkeit des Lichtes durchziehen die Schriften vel etiam numquam visae.« (Die andere Tätigkeit
christlicher Philosophen von den Kirchenvätern [gegenüber der bloßen Veränderung - d. Verf.] ist
bis ins theologische Schrifttum des 1 8 . Jh. (für letz­ Formung, sofern sich die Einbildungskraft von ei­
teres typisch ist John Henry Mauclercs Dr. Blonde/ nem abwesenden oder auch niemals gesehenen
Confuted; or, The Ladies Vindicated: with Regard to Ding ein Bild formt.)26
the Power of Imagination in Pregnant Women, 1 747) . Idolatrie meint in diesem Kontext niemals ein­
Für den Kirchenvater Valerianus ist »das Begehren fach Götzendienst. Das wird besonders bei Paracel­
der Augen« (cupiditas oculorum)24 die größte Ge­ sus deutlich, der das Wort Einbildungskraft im
fahr, die dem menschlichen Geist droht. Augusti­ Zuge seiner Kritik der Idolatrie prägt. Paracelsus
nus insistiert (Confessiones 3 , 6, r o), daß körperliche schreibt in seinem Liber de imaginibus idolatriae: Es
Dinge in Wahrheit »phantastische Bilder von kör­ gebühre sich nicht, vor Bildern zu beten, die aus
perhaftem Anschein, bloß erdichtete Körperge­ Holz oder Stein sind, weil dabei allein die Reprä­
bilde« (corporalia phantasmata, falsa corpora) sind, sentation als sinnliche Darstellung des Göttlichen
die unsere Seele durch das Auge berücken. Er klagt der Seele eingeprägt werde, »und nit gott, der
sich wiederholt an, daß seine Schau vor seiner durch sie figurirt wird«; denn »was einem vor den
Konversion beschränkt war auf Körper, »die wir augen ist, dasselbig lauft dem im sinn umb, also
mit dem leiblichen Auge sehen« (quae videmus mag keiner vollkomben und rein sein in seinem
visu carneo) , und daß Gott »nicht die Körper da gebett, der da vor den bildern bettet, dann das ma­
[ist] , die wir sehen« (nec ista corpora es, quae vide­ terialische lauft ihm vor und nit der geist«27. Durch
mus)25. Jedes Bild, jede Art von Repräsentation, Francis Bacons Idolenlehre wird der Begriff des
selbst die Schrift, galt jahrhundertelang als >sinn­ idolum dann zwar für die Philosophie der Mo­
lich< und somit geistfern; Zeichen können Sinn deme untragbar, doch ändert sich an der alten
niemals direkt erschließen. Sie sind >idola<, weshalb Hierarchie und der Einschätzung von Imagination,
die Imagination seit der lateinischen Patristik mit Bild, Auge und Repräsentation als materiell zu­
dem Idol und der Idolatrie verbunden wird (das nächst nichts. Die Imagination wird gerade deshalb
als negativ bewertet, weil sie ein Vermögen der
24 VALER!ANUS, Homiliae, in: MIGNE ( PL ) , Bd. 5 2 Darstellung ist und diese grundsätzlich von den
( 1 845), 745. Sinnen abhängig bleibt. Das gilt bis über das
2 5 AUGUSTINUS , Confessiones. Bekenntnisse, lat.-dt„ l 7. Jh. hinaus uneingeschränkt. So schreibt noch
übers. von Joseph Bernhart (Frankfurt a. M. 1 987) ,
Descartes im Discours de la methode ( 1 637) , viele
1 1 2/1 1 3 .
2 6 THOMAS VON AQU!N, Summa theologica 1 , q . 8 5 , a. hätten Schwierigkeiten, das Wesen des Geistes zu
2, ad 3; dt. : Summa theologica, lat.-dt. , hg. v. d. Al­ erfassen; »c'est qu'ils n'e!event jamais leur esprit au
bertus-Magnus-Akademie, Bd. 6 (Salzburg/Leipzig dela des choses sensibles, et qu'ils sont tellement
1 9 3 7) , 307.
accoutumes a ne rien considerer qu' en l'imaginant,
27 PARACELSUS, Liber de imaginibus idolatriae, in: Para­
celsus, Sämtliche Werke, 2. Abt., hg. v. K. Goldam­ qui est une fat,:on de penser particuliere pour !es
mer, Bd. 3 (Wiesbaden/Stuttgart 1986), 277. choses materielles, que taut ce qui n' est pas imagi­
2 8 RENE DESCARTES, Discours de Ja methode pour bien nable leur semble n'etre pas intelligible.«28
conduire sa raison, et chercher la veritf dans les sci­
ences (1637) /Von der Methode des richtigen Ver­
nunftgebrauchs und der wissenschaftlichen For­
schung, frz.-dt„ hg. u. übers. von L. Gäbe (Hamburg
1 960) , 60.
I. Vorgeschichte 95

3. Die m ütterlich- monströse Einbildungskraft gen Bilder oder Gestalten formieret« (Dein dixi,
quod quanquarn in principio irnaginaturn non sit
Als körperliche, d. h. dem eigentlichen Menschsein nisi rnerurn ens rationis: non tarnen tale perrna­
äußerlich bleibende, weil nicht geistige, nicht sub­ neat. Siquidern Phantasia est virtus sigillifera, voca­
j ektivitätskonstitutive Kraft wurde die Einbil­ turque hactenus imaginativa, quod formet rerurn
dungskraft vor ihrer Urndeutung im l 8. Jh. häufig conceptarum irnagines, sive ideas, easque in spiritu
in die Medizin verwiesen, wo sie als wuchernde, suo vitali characterizet)33. Krankheit nehme ihren
>Form< zerstörende Kraft eine Rolle spielt. Pico Anfang deshalb oft von einer unbändigen Einbil­
spricht vorn kontaminierenden Einfluß der Imagi­ dungskraft, die sich nicht unter die Macht des
nation; denn die Seele werde durch »Vermischung Willens zwingen lasse und ihren Sitz in der
mit Körperlichem verunreinigt« (Unde anirnae pe­ Milz habe. Letzteres gilt für den männlichen Kör­
riculurn irnrninet sernper, ne propriurn ipsius opus per; bei Frauen, so insistiert eine lange Tradition,
praepediatur, neve contagiis eorum inquinetur)29• ist die Einbildungskraft in der Gebärmutter loka­
Paracelsus vertritt wenig später die Meinung, daß lisiert. Der Uterus, »Inbegriff eines Organs der
die Einbildungskraft in der Verbreitung der Pest Einbildungen«, empfangt »das Bild des Mannes« als
eine Rolle gespielt habe; und noch Nicolas Male­ »Ein-Bildung«; da der Gebärmutter eine eigene
branche hält sie für einen Ansteckungsherd. wis imaginativa« zugeschrieben wird, kann sie
Die Assoziation der Imagination mit Körper­ selbst »Ein-Bildungen« auslösen. So wurde die
lichkeit erfolgt demnach nicht allein aus verrnö­ Einbildungskraft in der Gerichtsmedizin herange­
genspsychologischen Gründen; in der Medizin ist zogen, wenn es um die Frage ging, ob eine Frau
sie eine organisch lokalisierbare Kraft im menschli­ »per imaginationern« schwanger werden könne.
chen Körper, deren Defekte eine ganze Reihe von Das Parlament von Grenoble entschied 1637, »es
Krankheiten auslösen können. »Einbildung« wurde könne eine Frau, die träumte, sie verkehre mit ih­
als »ein physiologisches Prinzip von erheblicher rem seit vier Jahren abwesenden Mann, sehr wohl
Bedeutung« betrachtet, das präzis meinte, was es durch diese Imagination geschwängert worden
sagte: das dem Körper Eingebildete, von seiner sein«34.
Umwelt Eingeschriebene.30 Einbildungen Geistes­ Das »Verständnis der Schwängerung als Ein-Bil­
gestörter etwa wurden als von der Einbildungskraft dung« durch den Mann legte es nahe, bei Mißbil­
ausgelöste materiale Beschriftungen der Seele ge­ dungen an eine »falsche, rnutterinterne Zeugung
deutet, die sich aufgrund einer wuchernden Ein­ oder Ein-Bildung« zu denken ( u 6) . Die »vis ima­
bildungskraft nicht mehr vom Körperlichen lösen ginativa« des Uterus entzieht sich in diesem Falle
könne. Wenn Irre sich einbilden, jemand zu sein, dem vom Manne ausgehenden formenden Prinzip
der sie nicht sind, dann seien die Worte, mit denen und wird zur aktiv-wuchernden Materie. Der Ge-
sie ihre Überzeugung ausdrücken »alwaies accorn­
panied with sorne strong Phantasme or füll Imagi­
nation; the fulnesse and clearnesse whereof [ . . ] .
29 PICO (s. Anm. 4) , 94/9 5 .
does naturally bear down the Soul into a belief of
3 0 ESTHER FISCHER-HOMBERGER, Aus der Medizinge­
the truth and existence of what she thus vigorously schichte der Einbildungen ( 1 978), in: Fischer-Horn­
apprehends«3 1 . Ähnlich stellte man sich vor, daß berger, Krankheit Frau und andere Arbeiten zur Me­
das »Bild einer Krankheit [ . . . ] ganz realiter zur Ur­ dizingeschichte der Frau (Bern/Stuttgart/Wien
1 979) , 108.
sache eben dieser Krankheit werden«32 kann. Jo­
31 HENRY MORE, Enthusiasmus Triumphatus (1662) , hg.
hann Baptista van Helrnont schreibt 1 648 in sei­ v. M. V De Porte (Los Angeles 1 966) , 4-7.
nem Ortus medicinae: »Ob gleich das eingebildete 32 FIS CHER-HOMBERGER (s. Anm. 30), 1 09.
Dinge am Anfange nichts anders ist als ein blasses 3 3 JOHANN BAPTISTA VAN HELMONT, Ortus medicinae
phantastisches Getichte, so bleib[t] es doch nit so; (1 648: Amsterdam 1 6 5 2) , 43 1 f.; dt. : Aufgang der
Artzney-Kunst, übers. v. C. Knarr von Rosenroth
sinternal die Phantasie eine Siegel-rnässige Krafft
(Sulzbach 1 6 8 3 ) , 961 f.; vgl. FIS CHER-HOMBERGER
ist, welche deswegen die Einbildungs-Krafft ge­ (s. Anm. 30) , l 09 f.
nennet wird, weil sie von den eingebildeten Din- 34 FISCHER-HOMBERGER (s. Anm. 30), 1 22.
96 Einbildungskraft/Imagination

danke einer sich der formenden Kraft bzw. dem kann pathologische Wirkungen in dem Sinne ha­
Geiste entziehenden Materie liegt der zweitausend­ ben, daß sich das Erblickte dem Kind material ein­
jährigen Begriffsgeschichte der mütterlichen oder schreibt: »II n'y a pas un an qu'une femme ayant
monströsen Einbildungskraft zugrunde. Wo die considere avec trop d' application Je tableau de
mütterliche Einbildungskraft sich die Kraft der S. Pie, dont on celebroit Ja feste de Ja Canonisa­
Formung anmaßt, wird dem Fötus nicht mehr das tion, accoucha d'un enfant qui ressembloit parfai­
Bild des Vaters eingeprägt, sondern ein fremdes, tement a Ja representation de ce Saint. II avoit Ie vi­
von der Mutter angeschautes Bild, das im Uterus sage d'un vieillard, autant qu'en est capable un en­
zu wuchern beginnt. Ärzte insistieren von der An­ fant qui n'a point de barbe. Ses bras etoient croisez
tike bis ins 1 8. Jh. immer wieder, daß allein die sur sa poitrine, ses yeux toumez vers Je Ciel, & il
mütterliche Einbildungskraft für Mißbildungen avoit tres-peu de front, parce que l'image de ce
verantwortlich zu machen sei. Fortunio Liceto Saint etant elevee vers la voute de l'Eglise en re­
schreibt 1 6 1 6 : »Selbst wenn sowohl die Imagina­ gardant Ie Ciel, n'avoit aussi presque point de
tion des Vaters als auch der Mutter Mißbildungen front. [ „ .] Enfin cet enfant ressembloit fort au ta­
bewirken kann, so ist die Ursache doch mehr der bleau, sur lequel sa mere l' avoit forme par la force
Imagination der Mutter als der des Vaters zuzu­ de son imagination. «36 Die angeschauten Szenen
schreiben, [ . ] weil die weibliche Imagination
„ prägen sich dem Subjekt >material< ein. Schauen ist
auch nach dem Beischlaf in der ganzen Zeit von Teil eines osmotischen Austausches zwischen einer
Empfängnis und Kindesbildung wirksam ist; da stoffiichen Welt und einem ebenso stoffiichen Sub­
Frauen heftigere Imaginationen haben« (etsi vero j ekt. Erst auf der Basis eines nicht-osmotischen
utriusque parentis phantasia monstroso partui caus­ Körperbegriffs wird das Subjekt sich blickend als
sam exibere valet; hoc tarnen magis maternae, autonom empfinden und die Einbildungskraft als
quam paternae phantasiae adscribendum est, turn eine visuelle, sich schaffend und deutend auf Bilder
quia pater in actu Veneris id solum praestare potest; beziehende, subjektkonstitutive Kraft begreifen.
femina vero etiam post congressum toto concep­ Nun verläuft die Begriffsgeschichte von Einbil­
tionis, & formationis tempore; turn quia mulieres dungskraft nicht, wie man meinen könnte, so, daß
vehementiores habent imaginationes35) . die Tradition der mütterlich-monströsen Einbil­
Malebranche versucht in De la recherche de la ve­ dungskraft graduell, parallel zum vermeintlichen
rite ( 1 674- 1 678) eine systematische Darstellung der Siegeszug >wissenschaftlichen< oder >aufgeklärten<
mütterlichen Einbildungskraft. Er sieht die Ursa­ Denkens, ausläuft und von einem >modernen< Be­
che von Mißbildungen in Wechselwirkungen zwi­ griff künstlerischer Einbildungskraft abgelöst wird.
schen dem mütterlichen Gehirn und dem Gehirn Im Gegenteil, die Diskussion der mütterlich-mon­
des Embryos und benutzt als Beispiel den Fall einer strösen Einbildungskraft erreicht in der Mitte des
Schwangeren, die der Hinrichtung eines Krimi­ 1 8 . Jh„ zur Zeit der Umdeutung des Begriffs, ei­
nellen beiwohnte: Das Kind sei nicht nur mit den­ nen neuen Höhepunkt. Typisch hierfür ist ein
selben Brüchen zur Welt gekommen, die dem 1 75 6 in Straßburg publizierter, drei Übersetzungen
Hingerichteten während der Exekution beigefügt aus dem Englischen und Französischen zusammen­
wurden, sondern soll aufgrund der Schockwir­ fassender Kompilationsband, Drey merkwürdige Phy­
kung, die mittels der Einbildungskraft der Mutter sikalische Abhandlungen von der Einbildungskraft der
auf das Kind übertragen wurde, geistesgestört ge­ schwangern Weiber, und derselben Wirkung auf ihre Lei­
wesen sein. Auch der Anblick eines Gemäldes beifrucht. Der Verleger betont in seinem Vorbe­
richt, die »Materie von der Einbildungskraft der
schwangern Weiber« sei so bekannt, »daß wir täg­
lich mancherley seltsames davon urtheilen hören« .
Er bedauert, daß dieses Thema, über welches
3 5 FORTUNIO LICETO, De monstrorum caussis, natura et
»viele Gelehrte sich noch nicht aus dem Streit wik­
differentiis libri duo ( 1 6 1 6; Padua 1 634), 21 r .
3 6 NICOLE MALEBRANCHE, D e Ja recherche d e Ja verite keln wollen«, im deutschsprachigen Raum noch
( 1 674-1678), in: MALEBRANCHE, Bd. I ( 1 962), 24o f. nicht »nach physikalischen rd. h. naturwissenschaft-
I. Vorgeschichte 97

liehen - d. Verf.] Grundsätzen«37 abgehandelt wor­ »the Changes and Alterations wrought upon our
den sei. Eine solche Diskussion war in England Bodies especially the Fluids therin moving, by this
und Frankreich seit 1 727 geführt worden, als der Power of the Imagination are almost incredible«39•
Arzt James Blonde! The Strength of Imagination in Sich auf Thomas Fienus berufend, vertritt er die
Pregnant Women Examin 'd veröffentlichte, ein Meinung, daß die Imagination, »by causing a Mo­
Buch, das zum größten Teil aus der Kritik eines tion of the Humours and Spirits in the Bodies of
einzigen Kapitels in einem Buch über Hautkrank­ Men, is capable of producing almost every Disease
heiten, Daniel Turners De Morbis Cutaneis. A Trea­ therein« ( r r o) ; sie hole Äußeres ins Innere.
tise of Diseases Incident to the Skin von 1 7 1 4 , besteht. Blonde! hält dem entgegen, es sei lächerlich,
Turner, ebenfalls Arzt, war Anhänger der alten von der Einbildungskraft zu behaupten, sie könne
physiologischen Theorie der Einbildungskraft; als Wirkungen »aller Arten an einen Körper hervor­
solcher hatte er ein Kapitel seines Buches der müt­ bringen«, Wirkungen, die mit der Einbildungskraft
terlichen Einbildungskraft als Ursache von Mutter­ »nicht die geringste Gemeinschaft, oder in wel­
malen gewidmet. Turner veröffentlichte unverzüg­ chen sie nicht den geringsten Einfluß hat«4<'· Der
lich eine polemische Antwort auf Blondels Kritik, menschliche Körper sei ein abgeschlossener Orga­
Defence of the Twelfth Chapter of the First Part of a nismus, in dem die Einbildungskraft als blickendes
Treatise De Morbis Cutaneis, worauf Blonde! eine Vermögen wirksam wird. Sobald der Körper als
zweite Kritik publizierte, der Turner mit zwei wei­ organischer gefaßt wird und sich damit zentriert,
teren polemischen Verteidigungen seiner medizi­ wird die Einbildungskraft von einer Relaisstation
nischen Theorie begegnete. materialer Austauschprozesse zu einer sich visuell
Es geht bei dem Streit zwischen Turner und auf Welt beziehenden Kraft umgedeutet. Der fran­
Blonde! gleichzeitig um eine alte und eine neue zösische Arzt Isaac Bellet führt l 7 4 5 die Entmate­
Sicht der Einbildungskraft und um einen unter­ rialisierung (Entphysiologisierung) der Einbil­
schiedlichen Körper- und Naturbegriff. In der Li­ dungskraft konsequent zu Ende und beschränkt
teratur zur Geschichte des Körperbegriffs wird all­ ihre Wirksamkeit auf ein blickendes und immate­
gemein angenommen, daß sich ein individuelles rielles, d. h. moralisches Verhältnis unter Mitmen­
Körpergefühl erst im 1 8 . Jh. durchgesetzt hat. Vor schen. Der Begriff der monströsen Einbildungs­
dieser Wende sei man von einer osmotischen kraft. Musterfall einer physiol o g is c h definierten
Wechselbeziehung zwischen dem Körper und den Einbildungskraft, sei unsinnig, weil die Einbil­
Elementen ausgegangen: »Zwischen innen und au­ dungskraft ein rein seelisches Vermögen sei, wäh­
ßen findet ein beständiger Austausch statt [ . . . ] Wie rend die »Vereinigung« zwischen Mutter und Fötus
hier die Haut das Innere nicht abschließt, so ist »eine blose körperliche« sei, »an welcher die Seele
auch der Körper nie geschlossen, >anderes<, >andere keinen Theil haben kan«, da man »nicht anneh-
Materie< als die umgebende Welt.«38 Diese Vorstel­
lung einer Durchlässigkeit und Unabgeschlossen­
heit der Körper erlaubt es den Subjekten nicht, 37 AMAND KÖNIG, Vorbericht des Verlegers, in: J .
BLONDEL/r. BELLET/] . H . MAUCLERC, Drey merk­
sich als leiblich konstituierte Individuen zu erle­
würdige P hysikalische Abhandlungen von d er
ben. Der Gegensatz zwischen Turner (alter Kör­ Einb il dungs kr aft der schwangern Weiber, und
perbegrift) und Blonde! (neuer Körperbegrift) ist derselben Wirkung auf ihre Leibesfrucht (Straß­
präzis der von Barbara Duden beschriebene, wobei burg 1 7 5 6 ) , [unpag. ] .
3 8 BARBARA DUDEN, Geschichte unter der Haut. Ein
der Konflikt zwischen beiden bezeichnenderweise
Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730
mittels einer Debatte über die Einbildungskraft (Stuttgart 1 987), 24.
ausgetragen wird. 3 9 DANIEL TURNER, De Morbis Cutaneis. A Treatise of
Turner läßt die Einbildungskraft lediglich als Diseases Incident to the Skin (London 1 7 14) , 105-
physiologisch fundierte Vermittlungsinstanz eines 1 07.
40 JAMES BLONDEL, Erste Abhandlung über die Einbil­
materialen Austausches zwischen dem Körper und
dungskraft der schwangern Weiber in ihre Leibes­
seinem Umfeld gelten; er nennt die »Phansy or frucht ( 1 729) , in: BLONDEL/ BELLETIMAUCLERC (s.
Imagination« eine »Faculty of the sensitive Soul«; Anm. 37), rn.
98 Einbildungskraft/Imagination

men« könne, »daß die Mutter von ihrem Kinde abgeschlossene, nicht mehr osmotische Körper
gesehen werde; daß sie es aufmerksam auf die Be­ kann mit anderen Körpern allenfalls noch mit­
wegungen machen könne, welche die Leiden­ schwingen. (Die medizinische Diskussion der Ein­
schaften in ihrem Gesicht verursachen.«41 Bellets bildungskraft verstummt mit der zugunsten Blon­
Diskussion der Kommunikation von Leidenschaf­ dels entschiedenen Londoner Debatte allerdings
ten zeigt, daß die Medizingeschichte hier sehr di­ nicht. Sie lebt in Sozialisationsdebatten fort - vgl.
rekt mit der Ästhetikgeschichte verflochten ist: die verbreiteten Lesesucht- und Onaniedebatten.
»Unsere Begierden, unsere Leidenschaften verbin­ Der französisch-holländische Arzt ]. D. T. de Bien­
den uns mit andern Menschen; daher entspringet ville etwa publiziert 1 77 1 La nymphomanie ou traite
diese Neigung ihnen nachzuahmen, und ihren de la fureur uterine mit einem Anhang über die Ein­
Verdruß oder ihre Ergötzlichkeiten als unsere ei­ bildungskraft, wobei er insistiert, daß die Wirkun­
gene anzusehen. Ihre Blicke, der Zustand ihres gen der Einbildungskraft auf den Körper eines der
Angesichtes sind deutliche Zeichen ihrer Gedan­ wichtigsten Studiengebiete des Arztes seien. Die
ken, uns sind diese Gedanken bekannt, wir verglei­ Patientin müsse lernen, ihre Einbildungskraft zu
chen sie, ziehen mit einer Geschwindigkeit beherrschen, damit die von ihr instigierten lüster­
Schlüsse daraus, die uns zwingen, an derselben Lei­ nen Bilder sie nicht zur Masturbation verleiteten.
denschaften, von welchen sie beunruhiget werden, Ärzte greifen häufiger in die Lesesucht-Debatten
Theil zu nehmen.« Für den zunehmend isolierten der Zeit ein; de Bienville geht so weit zu behaup­
bürgerlichen Körper wird zwischenmenschliche ten, daß die modischen Liebesromane ihre Lese­
Kommunikation von Blicken und der Deutung des rinnen zur Nymphomanie verleiten.)
Erblickten abhängig. Der sich in sich selbst zu­
rückziehende Charakter läßt sein Wesen durch vi­
suelle An-Zeichen erkennen; der >Anblick< von
Menschen und ihren Geschichten wird zum Me­ II. Die Umdimensionierung
dium eines moralisch relevanten Austausches von der Einbildungskraft
Gedanken und Gefühlen, weshalb Bellet in einem
Traktat über die medizinische Bedeutung der Ein­
1 . Die Anfänge
bildungskraft immer wieder in einen Diskurs ver­
fallt, der Literaturwissenschaftlern als ästhetischer Der Modernisierungsprozeß veränderte den Habi­
Diskurs der Empfindsamkeit vertraut ist: »Wir tus menschlicher Orientierung in Raum und Zeit;
werden durch die Gestalt, die Gesichtszüge, die er verschob den kulturell privilegierten Blick von
Blicke einer Person, so bald wir dieselbige zum er­ der Vertikalen (immaterielle Transzendenz) in die
stenmahl zu Gesichte bekommen, auf eine ange­ Horizontale (materielle Wirklichkeit) . Im Zuge
nehme Art gerühret«; jede Rührung nehme >>in dieses Wandels wurde das Ideal körperloser Gei­
dem Grunde unseres Auges ihren Anfang« und stigkeit (mens, pneuma, intellectus intuitivus)
ende »in der Bewegung der Fasern unseres durch die Anerkennung der Bedeutung körperlich
Hirnes«. Wenn Bellet insistiert, daß der »Eindruck gebundener Vorstellungen ersetzt; diese erkennt­
der äußerlichen Gegenständen in unsere Seele mit nistheoretischen Veränderungen finden ihre Ent­
denen übereinstimmenden Thönen, die auf einem sprechung in lebenspraktischen Modifikationen.
Klavier gemachet werden, verglichen«42 werden Eine vorschreibende, katechetische Moralität wird
könne, so spielt er auf die im ästhetischen Diskurs ersetzt durch eine Praxis anschaulicher Sittlichkeit,
des r 8 . Jh. weit verbreitete Saitenmetapher an. Der in der die literarische bzw. bildliche Darstellung
moralischer Fragen an Geltung gewinnt. Die Be­
griffsgeschichte von Einbildungskraft und Imagi­
41 [ISAAC BELLET] . Dritte Abhandlung enthaltend phy­ nation spiegelt diese Zusammenhänge nicht nur
sikalische Briefe von der Einbildungskraft der
präzis wider; sie ist in sie aktiv vermittelnd einge­
schwangern Frauen ( 1 745), in: BLONDELIBELLET/
MAUCLERC (s. Anm. 3 7) , 3 72 . bunden.
4 2 Ebd., 3 7 1 , 399. Bereits Pico della Mirandola wollte die Imagina-
II. Die Umdimensionierung der Einbildungskraft 99

tion um l 500 vermögenspsychologisch aufWerten, benötigend, das der Natur den Status eines privile­
weil er mit ihr eine terminologische Möglichkeit gierten Untersuchungsgegenstandes menschlichen
gegeben sah, planendes, eingreifendes Handeln zu Wissensdranges zu sichern vermag, versichert sich
legitimieren. Doch die AnfWertung bereitete ihm und seinen Lesern stets aufs neue, daß Gott dabei
Schwierigkeiten, da ihm eine positive Bewertung als Summum bonum, Ort einer transzendenten
der Imagination als Erkenntnisvermögen zur Er­ Verankerung menschlicher Existenz, erhalten
forschung von Wirklichkeit zwar unabdingbar bleibt. Er will beides: Immobilisierung des Be­
schien, er ihr aber aus ontologischen und ethischen wußtseins in Fragen der Ordnungspolitik und Mo­
bzw. ordnungspolitischen Gründen mißtraute. bilisierung des Bewußtseins in Fragen der Wirk­
Seine positive Einschätzung kippt deshalb wieder­ lichkeitserforschung.
holt in ihr Gegenteil um. Er entwickelt typische Doch schon bald erwies sich Picos Verbindung
Übergangsargumente, die zwischen dem Alten einer >alten< Lösung in Fragen der Ordnungspolitik
und Neuen unentschlossen hin- und herschwan­ und einer >neuen< in Fragen der Wirklichkeitser­
ken. Immer dann, wenn er die bürgerliche Ord­ forschung als unpraktikabel. Die Einbildungskraft
nung thematisiert, steckt er seine eigene AufWer­ wurde generell als Vermögen, Zielvorstellungen
tung der Imagination zurück: »]am neque difficile zu entwerfen, aufgewertet; sie wurde zum Er­
probatu est errata universa, quae tarn in civili quam kenntnisvermögen des Möglichen, zum Vermö­
philosophica et Christiana vita contingunt, ex ima­ gen, nicht logisch ableitbare Zwecke zu setzen.
ginationis vitio principia sumere.« (Es ist auch Diese Entwicklung kulminiert bei Thomas Hob­
nicht schwer zu zeigen, daß alle Irrtümer, die so­ bes, der Begehren und Einbildungskraft in den
wohl im gesellschaftlichen als auch im philosophi­ Dienst eines auch politisch eingreifenden, in den
schen und christlichen Leben vorkommen, einem Koordinaten von Raum und Zeit lokalisierbaren
Fehler der Vorstellung entspringen.) Der staatliche Handelns stellt. Im Leviathan ( 1 6 5 1 ) geht es u. a.
Frieden (»civitatis pax«) wird durch eine verkehrte um eine Temporalisierung der Imagination im
Imagination (»imaginatio prava«) gestört. Charak­ Dienste von Planung und Kalkül, die Hobbes ord­
teristischerweise fallt er, wenn es um ordnungspo­ nungspolitisch nicht mehr an Transzendenz rück­
litische Fragen geht, auch erkenntnistheoretisch in bindet: »For there is no such Finis ultimus, (utmost
das Paradigma von Transzendenz und Materie zu­ ayme,) nor Summum bonum, (greatest Good,) as
rück: »Qui enim phantasiae dominari contendit in is spoken of in the Books of the old Morall Philos­
ea persistit dignitate in qua creatus [ . . . ] est, a qua ophers. Nor can a man any more live, whose Desi­
jugiter invitatur dirigendam esse mentis aciem in res are at an end, than he, whose Senses and Im­
bonorum omnium parentem Deum.« (Denn wer aginations are at a stand. [ . ] the object of mans
. .

die Phantasie zu beherrschen trachtet, bewahrt desire, is not to enjoy once onely, and for one in­
sich j ene Würde, mit der er geschaffen und in die stant of time; but to assure for ever, the way of his
er hineinversetzt wurde und die ihn ständig auffor­ future desire.«44
dert, die Kraft des Geistes auf Gott, den Schöpfer Die Bedeutsamkeit der Einbildungskraft für eine
alles Guten, zu richten.)43 Theorie zweckrationalen Handelns und die ord­
Das positive Erkenntnispotential der Einbil­ nungspolitischen Implikationen dieser Bedeutung
dungskraft ist die andere Seite ihres ordnungspoli­ werden in einer Reihe von Polemiken gegen Hob­
tischen Störpotentials, weshalb sie in der Renais­ bes deutlich; etwa in der John Bramhalls, des Bi­
sance, ihrem Störpotential zum Trotz, zum einem schofs von Derry: »Sometimes he [Hobbes] makes
Vermögen der Planung wird, das für die instru­ it [die philosophische Beweisführung - d. Verf] to
mentelle Indienstnahme der Vernunft unabdingbar be a consideration, or an act of the understanding,
ist: »ea non modo quae fuere jam concipit, sed sometimes an imagination, or an act of the fancy,
quae futura aut suspicatur, aut credit« (sie erfaßt
nicht nur das Vergangene, sondern auch, was sie
43 PICO (s. Anm. 4) , 66/67, 64/65.
für die Zukunft vermutet oder glaubt; 52/ 5 3 ) . 44 THOMAS HOBBES, Leviathan ( 1 6 5 1 ) , hg. V. c. B.
Pico, die Einbildungskraft als Erkenntnisvermögen Macpherson (Harmondsworth 1 968), 1 6o f.
r oo Einbildungskraft/Imagination

etc. So he makes it I know not what.«45 Als Vertre­ im r 8 . Jh. zunehmend an Geltung gewann. Hob­
ter einer Institution, die Wahrheit als transzendente bes blockiert mehrfach eine Anerkennung ästheti­
autoritativ vermitteln und soziale Ordnung als eine schen Denkens als ein dem rationalen Denken
auf Transzendenz bezogene legitimieren will, spürt ebenbürtiges; so, wenn er zum Verhältnis von Ima­
Bramhall das kulturrevolutionäre Potential einer gination und Unendlichkeit sagt: »Whatsoever we
nicht mehr hierarchisch (vertikal) eingebundenen imagine, is Finite. Therefore there is no Idea, or
Einbildungskraft. Hobbes antwortet mit einer ge­ conception of anything we call Infinite.«47 Imagina­
zielten Totalisierung des Begriffs der Einbildungs­ tion ist für ihn allein als Mittel der Planung und
kraft: »If the Bishop had observed what he does Organ der Herrschaft über Zeit legitim.
himself, when he deliberates, reasons, understands, Hobbes, der das Ähnlichkeitsdenken der Vor­
or imagines, he would have known what to make moderne durch eine Logik von Differenz und
of all that I have said in this Number. He would Identität ersetzt, spannt den Begriff der Imagina­
have known that consideration, understanding, reason, tion in letztere ein. Dies führte zunächst dazu, daß
and all the passions of the mind, are imaginations. That die theoretische Bedeutung der Imagination einge­
to consider a thing, is to imagine it; that to understand a schränkt und sie als separates psychisches Vermö­
thing, is to imagine it; that to hope and fear, are to imag­ gen in eine philosophische Teildisziplin, eine aus
ine the things hoped for and feared. [ „ .] when we rea­ ihrer ontologischen Verankerung gelöste Vermö­
son, we imagine the consequence of affirmations genspsychologie, verwiesen wurde. Mit anderen
and negations joined together; and when we hope Worten: Das ontologische, ethische und vermö­
or fear, we imagine things good or hurtful to our­ genspsychologische Gefalle vom Geistigen zum
selves: insomuch as all these are but imaginations Körperlichen, das in einer Gegenbewegung als
diversely named from different circumstances. «46 Geflecht von Ähnlichkeiten gleichzeitig relativiert
Die Produkte der Imagination sind Vorstellun­ wurde, wird auf ein vermögenspsychologisches
gen, die Verstand und Vernunft zu Entscheidungen Gefalle hin, das nicht relativiert wird, verengt. Da
motivieren. Auch darin deutet sich die Verlage­ der vermögenspsychologische Begriff der Imagina­
rung des Fixpunktes menschlicher Orientierung tion zwischen der Mitte des 17. und der des r 8 . Jh.
von der Vertikalen in die Horizontale an. Indem vorherrscht, ist die Behauptung, daß die »Poetik
Hobbes die antizipierende Kraft der Imagination das Vermögen der Einbildungskraft in seiner allge­
betont, bekräftigt er die zeitliche und räumliche meinen erkenntnispsychologischen Funktionsbe­
Dimension menschlicher Vorstellungen. Doch stimmung, d. h. ohne spezifisch poetisch->ästheti­
auch Hobbes' Lösungsvorschläge stellten sich bald sche< Modifikation übernimmt« und daß sich
als unzulänglich heraus, da sie allein Zweckrationa­ dieses Vermögen »auf alle möglichen Erkenntnis­
lität als wichtiges gesellschaftliches Organisations­ bereiche und Erkenntnisgegenstände, auf die Ma­
prinzip und als Prinzip menschlicher Erkenntnis thematik wie auf die verschiedenen >Künste«<48 be­
anerkannten. Die dadurch begünstigte Linearität ziehe, sicher teilweise richtig. Dennoch ist diese
des Denkens schließt ein Denken aus, das sich Deutungsperspektive zu eng. Die Kunsttheorie
nicht an die Regeln logisch-linearer Ordnungen übernimmt nicht einfach einen Begriff aus einem
halten will, etwa das ästhetische Denken, das, in­ anderen Bereich, in dem er bereits ausgeprägt war.
dem es der Imagination bzw. Einbildungskraft die Zur Debatte steht eine Verschiebung oder Ver­
Begabung zuspricht, logische Zusammenhänge Stellung metaphysischer Transzendenz (Gott) in
produktiv und konstruktiv übersteigen zu können, die körperliche Immanenz von >Bildern< oder Vor­
stellungen, zu denen bald auch künstlerische, be­
sonders aber literarische Werke gezählt werden.
45 JOHN BRAMHALL, zit. nach Hobbes, The Questions Diese Transformation eines das Selbst übersteigen­
Concerning Liberty, Necessity, and Chance ( 1 656), den Bezugspunktes von der Vertikalen in die Hori­
in: HOBBES (ENGL) , Bd. 5 ( 1 841), 3 5 8 .
zontale ist Voraussetzung einer ästhetisch begrün­
4 6 HOBBES, ebd., 3 5 8 f.
4 7 HOBBES (s. Anm. 44) , 99. deten (Raum und Zeit immanenten) >Transzen­
48 SCHMIDT (s. Anm. 8), !00. denz<. In ästhetischer Kultur ist Transzendenz
II. Die Umdimensionierung der Einbildungskraft IOI

nicht metaphysischer Anker, der Subj ekten mit os­ überbrücken. Ihr wird die Kraft zugeschrieben, ei­
motischem Körpergefühl in einem von >Ähnlich­ nen anderen, besseren Zustand in die Folgezeit
keiten< durchzogenen Weltall ein Gefühl der Si­ projizieren zu können und Mittel und Wege zu er­
cherheit gibt, sondern (ästhetischer) Spiegel eines sinnen, diesen Zustand herbeizuführen. Dieses
körperlich abgegrenzten Individuums. Vorausset­ Vermögen ist Einbildungskraft im wörtlichen
zung dieser Transformation ist eine vorüberge­ Sinne: eine Kraft, die dem Realen etwas einbildet;
hende vermögenspsychologische Verengung des sie ist eine als >Entwurfsvermögen< disziplinierte
Begriffs der Einbildungskraft. Phantasie, Kehrseite eines chronologischen Be­
Hobbes' Erörterung der Imagination im Levia­ griffs der Zeit.
than, eine gegenüber der medizinischen Diskussion Eingreifendes Handeln braucht den Begriff der
der Imagination in der Londoner Royal Academy (nicht oder noch nicht realisierten) Möglichkeit.
rund 80 Jahre frühere Umbildung des Begriffs, ist Das antike und das patristisch-scholastische Den­
ein wichtiger Wegbereiter dieser Entwicklung. Al­ ken blockte eine philosophische Legitimation ein­
lerdings ist die Einbildungskraft bei ihm nie ein greifenden Handelns dadurch ab, daß es Möglich­
Vermögen, mit dem sich Subj ekte blickend auf keit nicht denken konnte. Schon für Platon galt:
Welt beziehen. Anstatt sich sehend auf imaginierte »der Demiurg schöpft das Potential der Ideen aus,
oder reale Objekte zu beziehen, bezieht sich die das Reale repräsentiert erschöpfend das !deale«,
Imagination auf verblassende Eindrücke in der woraus folgt: »Alles Mögliche ist schon da, und für
Psyche von ehemals gesehenen Obj ekten. Hobbes das Werk des Menschen bleiben keine unverwirk­
insistiert, die Einbildungskraft sei »nothing but >de­ lichten Ideen übrig. [ „ .] Die Idee der vollständi­
caying sense,< and is found in men, and many other gen Entsprechung von Möglichkeit und Wirklich­
living creatures, as well sleeping as waking«49. Das keit läßt nicht zu, daß der Mensch geistig originär
durch die Einbildungskraft Vorgestellte, das bei wirken kaml.«50 In der Begriffsgeschichte von Ein­
ihm noch nicht als moralischer, narrativ entfalteter bildungskraft entspricht das der Einreihung der
Fixpunkt eines handelnden Subjekts wichtig wird, Imagination oder phantasia in die vertikal abge­
hat für die Konstitution von Subjektivität noch stufte Ontologie von Geist und Körper. Seit der
keine Bedeutung. Hobbes muß, da er den subjekt­ Renaissance wurde die Legitimation eingreifenden
internen Entwürfen der Einbildungskraft keine Handelns zum Problem. In diesem Zusammen­
identitätsstiftende, moralisch-ästhetische Kraft zu­ hang wurde die Einbildungskraft als zeitliches Ver­
schreibt, der Macht des Souveräns, äußerer Autori­ mögen diskutiert, d. h. graduell als Vermögen pla­
tät, vertrauen. Die Umwandlung der Welt in ein nender Vernunft umgedeutet. Doch erst im I 8. Jh.
Bild kommt erst bei Hume zum Abschluß und wird die Einbildungskraft ohne Einschränkung als
führt erst bei ihm zur Anerkennung der identitäts­ ein Vermögen zeitlicher Entwürfe gefaßt.
konstitutiven Leistungen von Einbildungskraft und Vor dieser Umdeutung gilt allgemein, was Ma­
Bild. rie-Helene Huet über die mütterliche vis imagina­
tiva sagt: »the role of imagination is entirely devoid
of intention - it has no teleology. [ . . . ] Imagination
2. Die Einbildungskraft als Vermögen
deals only with resemblances, and resemblances
temporaler Sinnentwüife
without interpretation.«51 Zwar war der Einbil­
Die Einbildungskraft wurde im I 8. Jh. nicht nur dungskraft schon zuvor eine zeitliche Dimension
als instrumentelles, sondern auch als kreatives Ver­ zugeschrieben worden, doch stets in bezug auf
mögen zunächst auf die Zeitabläufe von Handlun­
gen bezogen; es wurde weniger als Vermögen ge­ 49 HOBBES (s. Anm. 44) , 86.
deutet, das Sinnentwürfe kreativ und zeitunabhän­ 50 HANS BLUMENBERG, >Nachahmung der Natur<. Zur

gig aus sich herausstellt, sondern als eines, das dem Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen,
in: Blumenberg, Wirklichkeiten, in denen wir leben
Menschen ermöglicht, handelnd in Wirklichkeits­ {Stuttgart 1 9 8 1 ) , 70.
abläufe einzugreifen, d. h. die Diskrepanz von 51 MARIE-H E L E NE HUET, Monstrous Imagination (Cam­
Wirklichkeit und imaginierter Möglichkeit zu bridge, Mass./London 1 993), 5 2 .
l 02 Einbildungskraft/Imagination

Vergangenheit. Die imaginatio war mit der memo­ cuntur, et nihil est in phantasia, quod non ante fue­
ria verwandt; sie blieb von Erinnerungsspuren ab­ rit in sensu.)s3
hängig. So hatte selbst Hobbes noch die Imagina­ In der Aesthetica (1750/ J 75 8) argumentiert
tion meist auf vergangene Sinneswahrnehmungen Baumgarten ganz anders. Zur kreativen Fähigkeit
bezogen. Ähnlich heißt es in Christian Wolffs gehört nunmehr die Vorstellung der Zukunft:
Deutscher Metaphysik (1 720) , die »Einbildungs-Kraft Zum schönen Geist des Ästhetikers gehöre »die
bringet nichts hervor, als was wir vor diesem emp­ natürliche Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, die
funden oder gedacht«52. Auch der junge Baumgar­ dem schönen Geist die Begabung der Phantasie
ten folgt dem: »Die Vorstellung meines vergange­ verleiht, und zwar weil [ . . . ] nicht nur aus dem ge­
nen Zustandes, folglich auch des vergangenen Zu­ genwärtigen Zustand, sondern auch aus der Ver­
standes der Welt, ist eine Einbildung (Phantasma, gangenheit die Zukunft im voraus erkannt wird«.
imaginatio, visum, visio) . Folglich habe ich Einbil­ (Ad ingenium venustum [ . . . ] dispositio naturalis ad
dungen, und sie werden durch die Kraft der Seele imaginandum, qua ingenium venustum sit
gewürkt, wodurch sie sich [ . . . ] Welt nach der Lage €U(j)UVTUITTWTOV, quia [ . . . ] non ex solis praesenti­
ihres Körpers vorstellt. Folglich habe ich eine Ein­ bus, sed et praeteritis futura cognoscuntur.)54 Zwar
bildungskraft (phantasia) , oder das Vermögen der diskutiert Baumgarten auch die anderen Dimen­
Einbildungen. Und da nun meine Einbildungen sionen der Zeit, aber er weist der Zukunft unter
Vorstellungen solcher Sachen sind, die vordem ge­ den drei Dimensionen die größere Bedeutung zu:
genwärtig waren, so stellen sie mir Sachen vor, die »Der schöne Geist ist natürlicherweise so veranlagt,
ich empfunden habe, welche aber zu der Zeit, da dass er im gegebenen Falle nicht nur von seinem
ich sie mir einbilde, abwesend sind«; denn durch eigenen vergangenen Zustand, was auch immer
die Einbildungskraft werden »Vorstellungen nur das Gedächtnis reproduziert, sondern auch von
wiederholt, und es ist nichts in derselben, was den äussern Wahrnehmungen selbst abstrahiert
nicht vorher in den Sinnen gewesen seyn sollte«. und sich auf einen erdachten Zustand, etwa einen
(Repraesentatio status mundi praeteriti, hinc status zukünftigen, konzentriert, ihn, sei er nun gut oder
mei praeteriti, est Phantasma [imaginatio, visum, schlecht, scharf ins Auge fasst und fahig wird, ihn
visio] . Ergo phantasmata forma seu imaginor, id­ mit angemessenen Ausdrucksmitteln, und zwar
que per vim animae repraesentativam universi pro unter der Leitung des Verstandes und der Vernunft,
positu corporis mei. / Habeo facultatem imagi­ vor die Augen zu stellen.« (Ingenium venustum
nandi seu Phantasiam. Cumque imaginationes naturaliter dispositum est, vt aliquando, non a statu
meae sint perceptiones rerum, quae olim praesen­ suo praeterito solum, quicquid memoria regerat,
tes fuerunt, sunt sensorum, dum imaginor, absen­ sed ab ipsis sensationibus externis abstrahendo, fic­
tium. / [ . . . ] Ergo phantasia perceptiones reprodu- tum aliquem statum, vt futurum, attendat, eun­
dem, vt bonum, vel malum, perspicaciter intuea­
tur, et signis conuenientibus ob oculos ponere pos­
52 CHRISTIAN WOLFF, Vernünfftige Gedancken von sit, sub intellectus et rationis imperio.)55
Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch al­
Etwa zur gleichen Zeit erklärt Gottsched die
len Dingen überhaupt (1 720) , in: WOLFF, Abt. l ,
Bd. 2 (1983), 500. »aus der vorstellenden Kraft der Welt herfließende«
53 ALEXANDER GOTTLIEB BAUMGARTEN, Metaphysica Einbildungskraft hin und wieder für fahig, »den
( 1 739), in: Baumgarten, Texte zur Grundlegung der künftigen, und bloß möglichen« Zustand der Welt
Ästhetik, lat.-dt. , hg. u. übers. v. H. R. Schweizer
vorzustellen, allerdings nur, »in so weit er aus Zu­
(Hamburg r983), 28; dt. : Metaphysik, hg. v. J. A.
Eberhard, übers. v. G. F. Meier (Halle 1783), 1 9 1 f. sammensetzung alter Theile erwachsen kann«. Ge­
54 BAUMGARTEN, Bd. l, 1 2 ; dt. : HANS RUDOLF rade weil Gottsched die Einbildungskraft nicht nur
SCHWEIZER, Ästhetik als Philosophie der sinnlichen als eine Welt vorstellende, sondern auch als eine
Erkenntnis. Eine Interpretation der >Aesthetica< A. G. Zukunft entwerfende Kraft faßt, sind für ihn die
Baumgartens mit teilweiser Wiedergabe des lateini­
von Pico bis Malebranche und Turner diskutierten
schen Textes und deutscher Übersetzung (Basel/
Stuttgart 1973), 1 2 5 . »Fehlgeburten« der Einbildungskraft nur noch
5 5 Ebd., 16; dt. 1 29. Folge »heftiger Verletzung des Gehirnes« , wodurch
III. Die dichterische Einbildungskraft rn3

»die materialischen Bilder in demselben in Verwir­ schreibt: »Der Gedanke der Zukunft ist schon an
rung gerathen«56. Er trennt die materielle Störung sich selbst blas für die Phantasie«59, dann geht es
der Einbildungskraft deutlich von ihrer kulturellen ihm um Kulturkritik. Die menschliche Phantasie
Funktion als Kraft der Vorstellung und des Ent­ werde eher von nebulösen Wünschen als von ra­
wurfs. Der Geschichtsphilosoph Isaak Iselin, der tionalen Zielsetzungen motiviert. Bährens zielt
»schmeichelhafte Aussichten in bessre Zeiten« er­ wie viele seiner Zeitgenossen auf eine Kritik kom­
öffnen und »menschenfreundliche Seelen erquik­ merzieller Gesellschaften ab; der Zivilisationspro­
ken« will, schreibt wenig später: »Mit einer zaube­ zeß habe einen neuen Menschentyp entstehen las­
rischen Macht erweitert die Einbildnngskraft das­ sen, für den es wichtiger sei, »mehr zu wünschen
selbe [das Gebiet der Sinne, das für sich nur >Bilder und zu hoffen, als würklich zu geniessen« ( r n8) zu
der Gegenwart< darbiete - d. Verf.] zu gränzenlo­ haben. Die zeitliche Ausrichtung der Einbildungs­
sen Anssichten. Sie rufet das Blosmögliche und das kraft auf Zukunft führe zu einem Begehren, für das
Abwesende, das Vergangene und das Zukünftige, typisch sei, daß es begehrt, ohne von der Verwirk­
aus den entferntesten und dunkelsten Gegenden lichungsmöglichkeit des ersehnten Genusses beein­
hervor.«57 flußt zu werden.
Seit der Mitte des Jahrhunderts wird die Einbil­
dungskraft vorbehaltlos als Kraft anerkannt, die
auch im handlungsanleitenden Entwurf von zu­
künftigen Zuständen (von Möglichkeiten) kreativ III. Die dichterische Einbildungskraft
ist. Dabei wird sie in ihrer Eigenschaft als Ent­
wurfsvermögen häufig als Vorbedingung der mora­ Im Laufe des r 8 . Jh. setzen sich Einbildungskraft
lischen Handlungsfähigkeit von Menschen angese­ und Imagination als Termini für ein kreatives, bil­
hen. So schreibt William Hazlitt um die Jahrhun­ derschaffendes Vermögen durch. Dem Medien­
dertwende: »lt is only from the interest excited in theoretiker Marshall McLuhan zufolge wurde die
him by future obj ects that man becomes a moral Imagination zwar schon im Zuge der Ausbreitung
agent«58. Der »moral agent«, der »rational or volun­ des Buchdrucks zu einer »power of visualizatiom60,
tary pursuits« verfolgt, ein selbstbewußter und sei­ doch schlägt sich das begriffsgeschichtlich erst seit
nes Selbsts mächtiger Akteur, ist angewiesen auf den 3oer und 4oer Jahren des r 8 . Jh. nieder, in de­
eine gesunde Imagination, die ihm gleichzeitig das nen sich, parallel zu den genannten Veränderungen
Sein von Mitmenschen erschließt: »The imagina­ in der Medizin, die Prämissen der philosophischen
tion, by means of which alone I can anticipate fu­ (und ästhetischen) Diskussion der Einbildungskraft
ture objects, or be interested in them, must carry ändern. Hume schreibt im Enquiry Concerning Hu­
me out of myself into the feelings of others by one man Understanding (1 777) : »The imagination has
and the same process by which I am thrown for­ the command over all its ideas, and can join and
ward as it were into my future being, and inter­
ested in it. I could not love myself, if l were not ca­
56 JOHANN CHRISTOPH COTTSCHED, Erste Gründe der
pable of loving others.« (3) Die Imagination wird
gesammten Weltweisheit ( I 73 6) , in: Gottsched, Aus­
bei Hazlitt geradezu zum allseitigen Grundvermö­ gewählte Werke, Bd. 5 / J (Berlin I 9 8 3 ) , 568 f
gen der Menschheit: »without a power of willing a 57 ISAAK ISELIN, Über die Geschichte der Menschheit,
given end for itself, and of employing the means Bd. I ( I 764; Basel I 786), XXXI I, 6.
immediately necessary to the production of that 5 8 WILLIAM HAZLITT, An Essay on the Principles of
Human Action ( I 805), hg. v. J. R. Nabholtz (Gaines­
end, [ . . . ] there could be neither volition, nor ac­ ville I 969) , I f
tion, neither rational fear nor steady pursuit of any 59 JOHANN CHRISTOPH BÄHRENS, Ueber den Werth
object, neither wisdom nor folly, generosity, or der Empfindsamkeit besonders in Rücksicht auf die
selfishness.« (66) Romane. Nebst einer Nachschrift über den sittlichen
Werth der Empfindsamkeit von ]. A. Eberhard (Halle
Allerdings wird die Einbildungskraft als antizi­
1 786) , 78.
pierendes Vermögen nicht nur positiv auf Zukunft 60 MARSHALL MCLUHAN, The Gutenberg Galaxy (To­
bezogen. Wenn etwa Johann Christoph Bährens ronto I 962) , I 2 3 .
r 04 Einbildungskraft/Imagination

mix and vary them, in all the ways possible. lt may tung entsteht demnach, wenn wir einige Theile
conceive fictitious obj ects with all the circumstan­ verschiedener Einbildungen nehmen, und sie in
ces of place and time. lt may set them, in a manner, eine Vorstellung als in ein Ganzes zusammen ver­
before our eyes, in their true colours, just as they binden.«64 Gegen Ende des Jh. wird der von der
might have existed.«61 Während für Hobbes »Im­ Einbildungskraft eingeleitete blickende Bezug auf
agination and Memory« noch »but one thing« wa­ Dichtung immer stärker betont; so schreibt Schil­
ren, »which for divers considerations has divers ler am 28. 2. 1 793 an Christian Gottfried Körner:
names«62, ist für Hume die Imagination eine »Die Sprache stellt alles vor den Verstand, und der
schöpferische Kraft, die mit dem eher mechani­ Dichter soll alles vor die Einbildungskraft bringen
schen Gedächtnis wenig gemein hat. (darstellen) die Dichtkunst will Anschauungen, die
Einbildungskraft, seit dem r 8. Jh. nicht mehr Sprache gibt nur Begriffe.«65 Die kreative Leistungs­
Kraft der Rückerinnerung, sondern des Vor-Stel­ fähigkeit der Einbildungskraft hängt ebenso wie
lens und Vergegenwärtigens von Bildern, auf die die des Verstandes von ihrer Distanzierungskraft
das Ich sich als handelndes bezieht, wird in j enem ab, nur daß letztere im Falle der Einbildungskraft
historischen Moment zu einem wichtigen Begriff, anschaulich, in dem des Verstandes begrif!lich ver­
in dem die Welt als Bild vorgestellt wird, d. h. vor­ fahrt. Die Einbildungskraft ist nicht mehr Vermö­
stellendes Subjekt und vorgestelltes Objekt sich gen, das >Ideen< bzw. mentale Abbildungen erin­
einander entfremden.63 Die Visualisierung des nert, sondern das Bilder vor sich hin- bzw. schöp­
Subj ekt-Objekt-Verhältnisses, in die die Begriffs­ ferisch aus sich herausstellt. Auf die Vorstellung
geschichte von Einbildungskraft eingebunden ist, eines Ganzen (distanzierte Anschauungen) bezieht
ist Teil eines psychischen Modernisierungsprozesses, man sich außerdem reflexiv. Insofern wird in der
in dessen Folge sich die körperliche in die blik­ Tat bereits am Anfang des r 8. Jh. der Einbildungs­
kende Einbildungskraft transformiert; parallel dazu kraft »eine reflexive Qualität«66 zugeschrieben. Die
werden die menschlichen Sinne neu bewertet: das Einbildungskraft erblickt nicht nur; sie reflektiert,
Ohr wird gegenüber dem Auge, Oralität gegen­ auf der Grundlage einer Distanzierung von Subjekt
über dem Text abgewertet. und (künstlerischem) Objekt, auf dieses Verhältnis.
Dabei wird die Dichtung als ein bildliches, vor Diese Umwandlung der Einbildungskraft in ein
den Rezipienten hingestelltes Ganzes gefaßt, in anschauendes und reflexives Vermögen führt im
dem der Leser sich spiegelnd als Subjekt konstitu­ Laufe des r 8 . Jh. häufig zur begrif!lichen Abspal­
ieren kann; denn Einbildungskraft als kreative Fä­ tung der Einbildungskraft und Imagination von
higkeit, »fictitious obj ects with all the circumstan­ der Phantasie: Häufig wird nur die Einbildungs­
ces of place and time« zu erschaffen, bedeutet kraft, nicht die Phantasie, als schöpferische Kraft
Hume zufolge gleichzeitig, fiktive Gegenstände bestimmt, sich visuell und reflexiv auf Gegenstände
»before our eyes« hinzustellen. Das klingt im deut­ zu beziehen.
schen ästhetischen Diskurs so nach: »Eine Erdich-

1. Die Einbildungskrefi in der Mitleidsästhetik


61 DAVID HUME, An Enquiry Concerning Human Un­
derstanding ( 1 777) , in: HUME ( ENQUIRIES ) , 49. Ihrer Distanzierungsleistung zum Trotz soll Einbil­
62 HOBBES (s. Arun. 44 ), 89. dungskraft Distanz im Sinne von Entfremdung
63 Vgl. MARTIN HEIDEGGER, Die Zeit des Weltbildes auch aufheben können. Dieser Aspekt wird in der
(entst. 1 9 3 8 ) , in: Heidegger, Holzwege (Frankfurt Mitleidsästhetik wichtig. Hier soll sie dazu beitra­
a. M. 1957), 6cr-rn4.
64 GEORG FRIEDRICH MEIER, Anfangsgründe aller schö­ gen, die sich immer stärker durchsetzenden An­
nen Wissenschaften ( 1 748/ 50) , Bd. 2 (Halle 2 1 7 5 5 ) , sprüche abstrakten, distanzierten Denkens und
485. Handelns in ästhetischen Situationen zu entspan­
6 5 FRIEDRICH SCHILLER a n Christian Gottfried Körner nen: »All joy or sorrow for the happiness or calami­
( r . 3. 1 793), in: SCHILLER, ßd. 26 ( 1 992) , 228.
ties of others is produced by an act of the imagina­
66 SILVIO VIETTA, Literarische Phantasie. Theorie und
Geschichte: Barock und Aufklärung (Stuttgart 1 986), tion, that realises the event however fictitious, or
85. approximates it however remote, by placing us, for
III. Die dichterische Einbildungskraft r o5

a time, in the condition of him whose fortune we 2. Ungeformte versus geformte Einbildungskraft
contemplate; so that we feel, while the deception
a) Die kulturkritische Polemik gegen
lasts, whatever motions would be excited by the
die >luxurierende< Einbildungskraft
same good or evil happening to ourselves.« Die
Imagination brauche »parallel circumstances, and Im r 8 . Jh. wird die Sozialisation handlungsmoti­
kindred images, to which we readily conform our vierter Subjekte zum kulturpolitischen Projekt er­
minds«67. Bei Adam Smith wird die Einbildungs­ hoben; damit drängt sich die kulturkritische Frage
kraft als Mittel der Überwindung sozialer und kör­ auf, ob die Distanz aufhebende Erfahrung sozialer
perlicher Isolation und, gemeinsam mit dem Mit­ Gefühle, die die Mitleidsästhetik anstrebt, oder der
leid, als Vorbedingung sozialer Gefühle konstitutiv; Bezug von Subjekten auf von der Einbildungskraft
ihre Wirkungen sollen die Folgen wirtschaftlichen generierte Wunschbilder Handlungsmotiviertheit
Eigennutzes ebenso wie die Abgesondertheit der zersetzen kann. Bürgerliche Intellektuelle der Zeit,
Körper ausgleichen. Die körperlichen Sinne »nev­ die die kulturpolitische Funktion entgrenzender
er did, and never can, carry us beyond our own Erfahrungen diskutieren, polemisieren gegen die
person, and it is by the imagination only that we Folgen einer »ausschweifenden« Einbildungskraft,
can form any conception of what are his [ our die das menschliche Begehren nicht, wie sie sollte,
brother's - d. Verf.] sensations. [ . . . ] lt is the im­ auf einen Mittel- oder Zielpunkt bezieht, sondern
pressions of our own senses only, not those of his, es »in sanften Gefühlen« ausschweifen läßt. »Der zu
which our imaginations copy. By the imagination sehr sinnlich gewordene Mensch, der keine Kraft
we place ourselves in his situation, we conceive zum Denken mehr übrig hat, der gern seine Phan­
ourselves enduring all the same torments, we enter tasie in sanften Gefühlen wiegt, und der jede
as it were into his body, and become in some mea­ Selbstuntersuchung fliehet, weil sie ihm lästig und
sure the same person with him.«68 Smith kommt unbequem wird, ergreift am liebsten ein Reli­
immer wieder auf das Wechselspiel von körperli­ gionssystem, welches ihn gleichsam mit einer
cher Distanzierung und Distanz suspendierender neuen Art Wollust nährt, und sein Gewissen durch
Imagination zurück: »The frame of my body can eine erträumte mystische Gnade beruhigt.« 70
be but little affected by the alterations which are Auch der verbreitete Terminus einer >luxurie­
brought about upon that of my companion: but rendem Einbildungskraft bezeichnet ein von der
my imagination is more ductile, and more readily Kulturkritik der Zeit zunehmend als gesellschafts­
assumes, if 1 may say so, the shape and configura­ schädlich angesehenes Verlangen nach Entdifferen­
tion of the imaginations of those with whom 1 am zierungserfahrungen: »Many impose upon the
familiar. [ . . . ) The person who has lost his whole world, and many upon themselves, by an appear­
fortune, if he is in health, feels nothing in his body. ance of severe and exemplary diligence, when they,
What he suffers is from the imagination only [ . . . ] , in reality, give themselves up to the luxury of fancy,
our imaginations can more readily mould themsel­ please their minds with regulating the past, or
ves upon his imagination, than our bodies can planning out the future; place themselves at will
mould themselves upon his body.« (29) Bei Hazlitt,
der Smiths Gedanken aufgreift, ist die Imagination
das Vermögen, das der Mitleidsfähigkeit zugrunde
liegt: »sympathy [ . . . ] is itself an act of the imagina­ 67 SAMUEL JOHNSON, The Rambler 60 ( 1 3 . IO. 1 750) ,
in: The Rambler, Bd. 2 (London 1 809) , 2 8 .
tion«69. Letztlich garantiert nur die Imagination
68 ADAM SMITH, The Theory o f Moral Sentiments
Mitmenschlichkeit; denn der Mitleidende »must ( 1 759), hg. v. D. D. Raphael/ A. L. Macfie (Oxford
believe to be endued with the same feelings, and 1 976) , 9.
with those feelings he must be capable of sympa­ 69 HAZLITT (s. Anm. 58), 74f.
thizing in the same manner as with his own imagi­ 70 CARL FRIEDRICH POCKELS, Über religiöse Schwär­
merei, in: Gnöthi sauton oder Magazin zur Erfah­
nary feelings« (62) .
rungsseelenkunde als Lesebuch für Gelehrte und Un­
gelehrte, Bd. 5 / 3 , hg. v. C. P. Moritz/C. F. Packeis
(Berlin 1 787) , 44.
r 06 Einbildungskraft/Imagination

in varied situations of happiness, and slumber away agieren, bleibt aber formbar; die regellose Einbil­
their days in voluntary visions.«71 Samuel Johnson dungskraft hingegen hat sich von den internalisier­
deutet das Verlangen nach »airy gratifications« ten Normen befreit, zerstört also die Folgen erzie­
( ebd.) als ein neuartiges soziales Phänomen, das, herischer Arbeit. Es geht Kant offensichtlich um
weil es die Handlungsfähigkeit der Bürger zersetzt, eine Organisation von Subjektivität, in der die
kulturell entschärft und eingedämmt werden muß: Einbildungskraft nicht unterdrückt, sondern pro­
»The dreamer [ . . . ] abandons himself to his own duktiv integriert ist. Dazu bedarf es einer neuen
fancy; new worlds rise up before him, one image is Pathologie der Einbildungskraft. Während die ab­
followed by another, and a lang succession of de­ norme Einbildungskraft ehemals wuchernde Kör­
lights dances around him. [ . . . ] The infatuation perlichkeit meinte (monströse Einbildungskraft) ,
strengthens by degrees, and, like the poisons of meint sie nun geistige Zerstreuung (Verrücktheit
opiates, weakens his powers, without any external des Geistes) . Denn die »Lebhaftigkeit der Bilder
symptoms of malignity.«72 Man fordert deshalb der Phantasie«, denen »Leidenschaft zum Grunde
wiederholt eine »Theorie über die Disciplin der liegt«, kann »den Verstand verhindern, über dasje­
Einbildungskraft«73, ein Vorschlag, der auch bei nige gehörig zu reflectiren, worauf die Aufmerk­
Kant anklingt: »Die Vergehungen (vitia) der Ein­ samkeit nicht durch die Leidenschaft selbst gelenkt
bildungskraft sind: daß ihre Dichtungen entweder wird [ . . . ) . Sie kann also Zerstreuung bewirken.
bloß zügellos oder gar regellos sind [ . . . ] . Der letztere Denn wenn der Verstand nicht auf dasjenige ach­
Fehler ist der ärgste. [ . . . ] Die zügellose Phantasie tet, worauf er jetzt achten soll, so ist das ein Zu­
kann immer noch einbeugen [ . . . ); aber die regel­ stand der Zerstreuung.«76 »Die nämlichen Gründe
lose nähert sich dem Wahnsinn, wo die Phantasie aber, welche die Aufmerksamkeit der Einbildungs­
gänzlich mit dem Menschen spielt, und der Un­ kraft in leidenschaftlichen Zuständen auf die zu­
glückliche den Lauf seiner Vorstellungen gar nicht sammenstimmenden Bilder hinziehen, und sie da­
in seiner Gewalt hat . <( 74 durch [ . . . ] zur Klarheit bringen, haben auch zur
Bezeichnenderweise wurde die zügellose Ein­ Folge, daß die Aufmerksamkeit auf eben diese Bil­
bildungskraft traditionell als das eigentliche Übel der fixirt, und dadurch bewirkt wird, daß dieselben
angesehen. So schreibt noch Johann Georg Sul­ nicht allein einen höhern Grad von Lebhaftigkeit
zer: »die Einbildungskraft ist an sich leichtsinnig, erhalten, sondern auch von der Phantasie, oft bis
ausschweifend und abentheuerlich«75• Der Einbil­ auf die kleinsten Züge, ausgemalt werden.« ( 1 59)
dungskraft sollen Zügel angelegt, d. h. sie soll ex­ Den Zustand einer durch Leidenschaft bewirkten
terner Leitung, etwa der der Vernunft, unterwor­ >Fixierung< der Einbildungskraft auf ihre Vorstel­
fen werden. Indem er Regellosigkeit als schädli­ lungen nennt Maaß Verrücktheit. Die (neue) Pa­
cher ansieht denn Zügellosigkeit, insistiert Kant thologie der Zerstreuung bildet das notwendige
auf der Notwendigkeit einer inneren Bildung der Negativ der kreativen Einbildungskraft; beide, Po­
Einbildungskraft. Eine zügellose Einbildungskraft sitiv und Negativ, konvergieren in einem neuen
hat es noch nicht dazu gebracht, >autonom< zu Subjektivitätsideal.
Der Gegensatz von alter und neuer Pathologie
liegt auch dem Unterschied zugrunde, den Kant,
71 JOHNSON, The Rambler 203 (2 5 . 2. I 752), in: The im Kontext einer Diskussion der dichterischen
Rambler, Bd. 4 (London 1 809) , 2 1 8 . Einbildungskraft, zwischen >imaginatio affinitas<
7 2 JOHNSON, The Rambler 89 (22. r . I 7 5 I ) , in: The und >imaginatio plastica< einführt. Er setzt und
Rambler, Bd. 2 (London 1 809), I 8 5 f.
73 JOHANN GEBHARD EHRENREICH MAAS S , Versuch nutzt ihn, um gegen ein Denken in Affinitäten, ein
über die Einbildungskraft ( 1 792; Halle/Leipzig assoziatives, durch logische Regeln nicht gebunde­
' I 797) , I 1 5 . nes Denken, zu polemisieren; er ist Ausdruck eines
7 4 IMMANUEL KANT, Anthropologie i n pragmatischer bewußt geführten kulturpolitischen Kampfes ge­
Hinsicht ( I 798), in: KANT ( wA ) , Bd. 12 ( 1 977) , 484 f.
gen einen herkömmlichen und für einen neuen
75 >Einbildungskraft<, in: SULZER, Bd. 2 ( 1 792) , I I .
7 6 MAASS, Versuch über die Leidenschaften, Bd. l (Halle Denktypus, gegen ein Denken in Ähnlichkeiten
I 805), 1 49. und für eines in Identitäten und Differenzen. Seine
III. Die dichterische Einbildungskraft ! 07

kulturpolitische Indienstnahme zielt auf j ene Mo­ nennt, dann spielt »Form« auf die Notwendigkeit
difikation von »toute !' episteme de Ja culture occi­ einer Formung des Subj ekts im Medium oder
dentale [ „ . ] dans ses dispositions fondamentales«77 Spiegel geformter Texte an (auch wenn letztere,
ab, von der Foucault gehandelt hat. Kant war sich wie in seinem Beispielfall, in geselliger Konversa­
offenbar des Unterschiedes zwischen den beiden tion hie et nunc erst produziert werden) . Die men­
konkurrierenden Epistemen sehr klar bewußt. Zu­ schlichen Vorstellungen sollen an einen geformten,
mindest legt das seine Polemik gegen die »imagina­ kulturell hochgewerteten Gegenstand angebunden
tio affinitas« als Dichtungsvermögen »der Ver­ werden, damit der »Wechsel der Vorstellungen«
wandtschaft aus der gemeinschaftlichen Abstam­ nicht willkürlich geschieht. Ein fester Punkt für
mung der Vorstellungen von einander«78 nahe. die Einbildungskraft ist das Kunstwerk, das Buch,
Kant benutzt in seiner Polemik ein Gleichnis, der geschriebene Spiegel, die als Fixpunkte kultu­
das die Disziplinierungsinteressen, die sich an der reller Aktivität bürgerliche Subj ekte konzentrieren
Bedeutungsgeschichte von Einbildungskraft able­ und sie als gebildete konsolidieren sollen.
sen lassen, schlaglichtartig beleuchtet: »In einer ge­ Wie man sich das Verhältnis des Negativs der
sellschaftlichen Unterhaltung ist das Abspringen >luxurierenden< zum Positiv der kreativen Einbil­
von einer Materie auf eine ganz ungleichartige, dungskraft präzis vorzustellen hat und wie wichtig
wozu die empirische Assoziation der Vorstellun­ dafür die Kategorie der Form bzw. Formlosigkeit
gen, deren Grund bloß subjektiv ist [ „ .] , verleitet, ist, wird bei Schiller deutlich, der an der frei her­
eine Art Unsinn der Form nach, welche alle Un­ umschweifenden Einbildungskraft »ihre freye Be­
terhaltung zerbricht und zerstört. - Nur wenn eine wegung und ihr materielles Spiel, in welchem sie,
Materie erschöpft worden, und eine kleine Pause ohne alle Beziehung auf Gestalt, bloß ihrer Eigen­
eintritt, kann j emand eine andere, die interessant macht und Fessellosigkeit sich freut«, kritisiert: »In­
ist, auf die Bahn bringen. Die regellos herum­ sofern sich noch gar nichts von Form in diese
schweifende Einbildungskraft verwirrt, durch den Phantasiespiele mischt, und eine ungezwungene
Wechsel der Vorstellungen, die an nichts objektiv Folge von Bildern den ganzen Reiz derselben aus­
angeknüpft sind, den Kopf so, daß dem, der aus ei­ macht, gehören sie, obgleich sie dem Menschen
ner Gesellschaft dieser Art gekommen ist, zu Mute allein zukommen können, bloß zu seinem animali­
wird als ob er geträumt hätte. « (479) Kant plädiert schen Leben [„ . ] , ohne noch auf eine selbststän­
für eine hörbare Zäsur in alltäglicher Konversation, dige bildende Kraft in ihm schließen zu lassen.«79
um Gesprächssegmente thematisch voneinander Die Einbildungskraft müsse sich in eine solche
abzugrenzen und eine logische Anbindung des Kraft verwandeln, die »in dem Versuch einer freyen
>Mannigfaltigen< zu erleichtern. Wichtig ist, daß er Form den Sprung zum ästhetischen Spiele« (407)
dieses die Reichweite des bürgerlichen Logifizie­ macht, wozu es der »Betrachtung (Reflexion)«
rungsprojektes anzeigende Beispiel in einem Kapi­ (3 94) bedürfe. Der Bezug auf eine textliche Ord­
tel über das Dichtungsvermögen bzw. die >dich­ nung soll ein sentimentalisches Zerfließen >selb­
tende Einbildungskraft< diskutiert. Denn auch er ständiger< Subj ekte verhindern und eine Konzen­
neigt wie so mancher Kunsttheoretiker des r 8 . Jh. tration der Blicke auf klar angebbare und begrenzte
dazu, in der dichterischen Einbildungskraft eine Gegenstände begünstigen: »Die Einbildungskraft
Lust am Werke zu sehen, die von einer vag emp­ strebt, ihrer Natur gemäß, immer nach Anschau­
fundenen Ähnlichkeit unter Zeichen und Dingen ungen, d. h. nach ganzen und durchgängig be-
(oder zwischen einem Kunstwerk und der nachge­
ahmten Wirklichkeit) ausgeht und u. U. das bür­
gerliche Logifizierungsproj ekt gefährdet.
77 Vgl. MICHEL FOUCAULT, Les mots et les choses. Une
archeologie des sciences humaines (Paris 1 966) , 68.
b) Die formende und geformte Einbildungskraft 78 KANT (s. Anm. 74) , 476.
79 SCHILLER, Ueber die ästhetische Erziehung des Men­
Wenn Kant die »regellos herumschweifende Ein­ schen in einer Reihe von Briefen ( 1 795), in: SCHIL­
bildungskraft« eine »Art Unsinn der Form nach« LER, ßd. 20 (1962) , 406 f.
ro8 Einbildungskraft/Imagination

stimmten Vorstellungen«; womit sie »dem Abstrak­ nung gebracht werden können, s o fallt ihm Kunst
ten einen Körper«80 gibt. als therapeutisches Mittel ein. Seine Beschreibung
Ähnlich hatte bereits Johnson behauptet, daß eines unverrückten Geistes und eines schönen
der kulturell nicht eingebundene, nicht an Kultur­ Kunstwerks fallt dementsprechend sehr ähnlich
güter angebundene menschliche Geist allzu leicht aus; bei beiden gehe es um Konzentration, die sich
dazu neige, »from confinement to its stated task, sowohl subjekttheoretisch wie darstellungsästhe­
into sudden excursions« auszubrechen. Er schlägt tisch als >Einheit in der Mannigfaltigkeit< kundtut.
deshalb vor, daß ein leicht den Versuchungen des Kunst avanciert damit zum Mittel einer auf Sub­
Phantasierens erliegender Mensch seine Aufmerk­ j ektformation angelegten Kulturpolitik, zu einem
samkeit auf kulturelle Objekte richte, etwa in der Präventivmittel, das die geistige >Gesundheit< eines
Form eines konzentrierten Lesens von Literatur, Volkes als kulturelle Formation (Bildung) von Sub­
damit die luxurierende Einbildungskraft durch jekten garantieren hilft. Sozialmedizin und Ästhe­
»subj ects for reflection« 8 1 gebändigt werde. Die tik etablieren sich mit Grund zur selben Zeit. Ge­
kulturelle Aktivität des Lesens soll eine »unbridled rade dort, wo der ästhetische Diskurs sich mit dem
fancy« an kulturell hochgewertete Gegenstände sozialmedizinischen berührt, wird überdeutlich,
anbinden und damit verfeinern; Lektüre wird hier was sich vom 1 6 . zum 1 8 . Jh. verändert hat. Die
zum Mittel der diskursiven Bindung der Einbil­ Einbildungskraft ist nicht mehr wuchernde stoffii­
dungskraft und damit zum Mittel eines Phantasie­ che Kraft, die an die >Zügel< des (immateriellen)
bzw. Gefühlsmanagements: »In order to regain lib­ Geistes gelegt werden muß; sie kann und muß
erty, he must [ . . . ] teach his desires to fix upon ex­ selbst geformt, geregelt werden und wird als ge­
ternal things.«82 Fiktive Erzählungen, so meint er formte zu einer Kraft der Formung, d. h. zu einer
im Stile Gottscheds, seien notwendig für Leser geistigen Kraft. Indem das Subjekt seine Einbil­
»not fixed by principles«, was präzis der Grund sei, dungskraft kultiviert, wird es nicht nur schöpfe­
weshalb sie »easily [ . . . ) the current of fancy«83 fol­ risch; es formt sich auch selbs t .
gen würden. Diese Einstellung hat Folgen für die Der Gedanke einer sich sowohl subj ekttheore­
Literatur der Z eit, etwa wenn Samuel Richardson tisch als auch darstellungsästhetisch objektivieren­
in Pamela (1 740) , wie Nancy Armstrong schreibt, den Einbildungskraft ist besonders wichtig für Her­
»eroticism away from the material body and onto der. Der Mensch ist für ihn »ein Künstler«, sobald er
writing« verschiebt und Bildung »as a process of »Configurationen« aus sich »herausdenkt«. Es sei
reading« 84 darstellt. Die fiktive, nur als Schrift exi­ »die nothwendige Regel unsrer Natur, aus allem,
stierende Heldin avanciert zu einem Mittel, das was wir erlebten und fühlen, sofort Configuratio­
männliche Begehren zu regulieren. nen uns zu erschaffen, d. i. nur durch Gestaltung
Wenn Johann Gebhard Maaß nachsinnt, wie die zu denken. [„ .] Da bei den meisten Menschen das
durch eine ungeregelte Phantasie verwirrten See­ Gesicht der herrschende Sinn ist, was kann ihre
lenvermögen wieder in eine regelgerechte Ord- Phantasie anders, als Bilder zurücknehmen und
neu zusammensetzen [ . ] ? Diese Phantasien folgen
. .

einander gewissermaßen leidend; erschaffen wir


So SCHILLER, Ueber die nothwendigen Grenzen beim
Gebrauch schöner Formen ( 1 795), in: SCHILLER, aber mit Selbstbewußtseyn Bilder, welches die
Bd. 2 1 ( 1 963), 5. Griechen Bildungskraft (Idolopöie) nannten, so
81 JOHNSON, The Rambler 5 (3 . 4. 1 750) , in: The geschiehets nie ohne Regel, der sich in schnellen
Rambler, Bd. r (London 1 809) , 27.
Momenten selbst unser bedrohtes Auge nicht ent­
82 JOHNSON, The Rambler 89 (22. r . 1 7 5 1 ) , in: The
Rambler, Bd. 2 (London 1 809) , l 8 6 f. ziehet.« 85 Für die Anbindung der Einbildungskraft
8 3 JOHNSON, The Rambler 4 (3 1 . 3 . 1 750), in: The an Texte gelte, daß die »schaffende Einbildungs­
Rambler, Bd. l (London 1 809) , 20. kraft«, dieses »mächtige Vermögen der Seele«, zwar
8 4 NANCY ARMSTRONG, Desire and Domestic Fiction. aus sich heraus regelmäßig wirke und eine tex­
A Political History of the Novel (New York/Oxford
tuelle Anbindung nicht nötig zu haben scheine.
1 987), 120.
8 5 JOHANN GOTTFRIED HERDER, Kalligone ( 1 800) , in: Doch ist sie nur dann ein uneingeschränkt positives
HERDER, Bd. 22 ( 1 880), l 1 9 f. Vermögen, wenn sie »mit Selbstbewußtseyn« Bi!-
III. Die dichterische Einbildungskraft ro9

der schafft; und das heißt, wenn sie bereits in eine stigen Übergang von mündlicher zu schriftlicher
Textkultur integriert ist. Selbstbewußtsein ist Be­ Kultur zwischen 1450 und 1 750 in Zusammenhang
wußtsein, das in einem Selbst zentriert ist. Zur gebracht: »Wenn sich die Struktur mündlichen
Zentrierung seiner selbst braucht es einen Spiegel. Wissens als konservativ und identifikatorisch, per­
Es ist folglich ebenso wie die (gegenüber der unge­ sonalistisch und situativ beschreiben läßt, dann gilt
bundenen Phantasie) geläuterte Einbildungskraft für die schriftgestützte und interaktionsfreie Prosa, daß
Ergebnis von Textkultur. Der Mangel an Textkul­ die Objektivierung des Tradierten und die Ablö­
tur führt zu »bloßen Ejakulationen der Einbil­ sung seiner Geltung von der Glaubwürdigkeit des
dungskraft« ( 1 62) . Erst Texte erlauben es Subjek­ Sprechers die Entwicklung eines distanzierten und
ten, sich als Selbst »einzufassen«: »was die darstel­ reflektierten Verhältnisses zu den kulturellen Wis­
lend-erzählende Poesie [ „ . ] , um die Phantasie zu sensbeständen in Gang setzt. «86 Erst durch die ge­
bändigen, und zu ordnen, um allen Kräften und gen Ende des l 8. Jh. voll etablierte Lesekultur
Neigungen der menschlichen Natur Richtung zu komme diese Entwicklung zur Reife. Die ästheti­
geben, was sie hiezu für Hülfe geleistet, zeigt die sche Kultur der Modeme, für die ein distanziertes
Geschichte der Menschheit. [„ .] Sie zwang die und reflektiertes Verhältnis zu Texten charakteri­
ausgelassene Phantasie unwissender Menschen, die stisch sei, sei also letztlich von der Erfindung des
nirgend ein Ende findet, unter Gesetze, in Grän­ Buchdrucks und der Buchgeschichte abhängig. Es
zen.« (149f.) Die >Aufwertung< der Imagination ist sicher richtig, daß sich ohne das gedruckte
zur kreativen Einbildungskraft schloß paradoxer­ Buch ein reflexiver Bezug auf Texte nicht durch­
weise ihre Einfassung bzw. Zähmung ein: »Da gesetzt hätte; Typographie ist unabdingbare Vor­
unsre Seelenkräfte nur durch lehrhafte Muster und aussetzung der Distanzierung und Visualisierung
Uebungen cultivirt werden können: so sind der des Bezugs von Subj ekten auf Welt und damit
Einbildungskraft sowohl als dem Verstande, ja der auch der modernen Bedeutung von Einbildungs­
Vernunft selbst schöne, d. i. bildende Wissenschaf­ kraft und Imagination. Doch müssen Erklärungen
ten und Künste unentbehrlich. Die Phantasie zu dieser Art ergänzt werden durch Hinweise auf die
erwecken und in Schranken zu halten, ihr und der Entstehung eines abgeschlossenen Körpergefühls
Bildungskraft menschlichere Gedanken über Maas und die sich zwischen 1 650 und r 8oo durchset­
und Gestalt einzuprigen, und sie zu gewöhnen, zende lebensweltliche Distanzierung von Subjekt
daß sie dem Verstande gehorche [ . ], dies Alles
„ und Objekt. Das kunsttheoretische Begriffssystem,
kann nur durch Wissenschaften und Künste be­ das sich im r 8. Jh. herausschält, ist wie die es be­
wirkt werden, die selbst Form, Vorbild, Muster ge­ gleitende Kunstproduktion und -rezeption Aus­
währen, und durch solche eben so unvermerkt als druck eines neuen, reflexiven Bezuges auf Welt.
angenehm bilden. [„ . ] Cultur wird nur durch
Cultur, Werk durch Werk: eine gebildete Natur
3. Die Einbildungskraft des Genies und
nur durch edlere, glücklichere Naturen.« (3 l l f„
der moderne Subjektbegriff
3 1 4) Zur Debatte steht ein Phantasiemanagement,
auf dessen Grundlage das moderne Subjekt sich or­ Eine fast vitalistische Erfahrung von Subjektivität
ganisieren kann. Der Übergang von externen, au­ bildet seit Locke einen wichtigen Aspekt der Phi­
toritätsgestützten Disziplinierungsmaßnahmen zur losophie des Ich. Der englische Empirismus ver­
panoptisch abgestützten Internalisierung der Diszi­ langt als Fundierung der Möglichkeit einer Hin­
plin (vgl. Foucault, Les mots et /es choses) war nur wendung zum Obj ekt die Möglichkeit einer kör­
auf der Grundlage einer Textkultur möglich, in perlichen Erfahrung von Subjektivität (einer
der Spiegelungsverhältnisse eine sittlich-ästhetische
Erfahrung von Identität ermöglichten.
Man hat die Entstehung eines reflexiven Textbe­ 86 ROBERT H. VELLUSIG, Mimesis von Mündlichkeit.
Zum Stilwandel des Briefes im Zeitalter der techni­
griffs, um den es bei der >objektiven Anknüpfung<
schen Reproduzierbarkeit der Schrift, in: T. Elm/
der Vorstellungen an Sprachordnungen letztlich H. H. Hiebe! (Hg.), Medien und Maschinen. Litera­
geht, in der Forschungsliteratur mit einem langfri- tur im technischen Zeitalter (Freiburg 1 99 1 ) , 73 .
l IO Einbildungskraft/Imagination

körperlich fundierten personalen Einheitserfah­ schließt schon bei Locke einen reflexiven Selbstbe­
rung) und prägt dafür den Begriff des >internal zug ein. Locke schreibt: »the other fountain from
sense< als sinnliche Erfahrung der eigenen Existenz. which experience furnisheth the understanding
Letztendlich kann die empirische Erfahrung der with ideas is, - the perception of the operations of
eigenen Existenz aber nicht empiristisch, sondern our own mind within us, as it is employed about
nur ästhetisch abgestützt werden, weshalb sich the ideas it has got; - which operations, when the
der Empirismus mit Shaftesbury, einem Schüler soul comes to reflect on and consider, do furnish
Lockes, der ästhetischen Erfahrung zuwendet. Der the understanding with another set of ideas, which
das Schöne genießende Mensch ist bei sich, weil er could not be had from things without. [ . . . ) This
sich als körperlich-geistige Einheit erfahrt. Die source of ideas every man has wholly in himself;
Einbildungskraft, so der vom Empirismus beein­ and though it be not sense, as having nothing to do
flußte Joseph Addison in seinem berühmten Essay with external obj ects, yet it is very like it, and
On the Pleasures of the Imagination von l 7 l 2 (der might properly enough be called internal sense. But
häufig als der erste und wichtigste Versuch einer as I call the other Sensation, so I call this Reflection,
Neubestimmung von Imagination im 1 8 . Jh. be­ the ideas it affords being such only as the mind gets
trachtet wird) , versetze »the Anima! Spirits in by reflecting on its own operations within itself. «88
pleasing and agreeable Motions«. In der begriflli ­ In dieser Textstelle kann man mit einigem Recht
chen Erkenntnis sei der Mensch ebensowenig bei den historischen Ursprung der bewußtseinsphilo­
sich wie im Sinnengenuß; sein Subjektsein lasse sophischen Idee eines bei sich selbst seienden Be­
sich nur ästhetisch als ein nicht entfremdetes erfah­ wußtseins, eines Selbstbewußtseins, sehen. »Inter­
ren, weshalb er den »Pleasures of the Fancy« zu­ na! sense« ist das Ergebnis der Erfahrung des eige­
schreibt, »more conducive to Health«87 zu sein. nen Selbst durch »Reflection«. Die Reflexion auf
Der moderne Begriff der Einbildungskraft wird so die »Operations of our own mind« schlägt in ein
von Anfang an auf eine leibliche Erfahrung von selbst nicht mehr reflexives Gefühl um, und die
Identität bezogen, in der sich das Subj ekt weder Einbildungskraft wird, wenn auch noch nicht bei
durch Verstandesarbeit noch durch sinnlichen Ge­ Locke, zur Vermittlungsinstanz dieses Umschlags.
nuß verliert. Das wird am Ende des Jh. etwa bei Herder deut­
Reflexivität und vitalistische Erfahrung der ei­ lich, für den die Einbildungskraft »nicht nur das
genen Subjektivität schließen sich nicht aus. Der Band und die Grundlage aller feinem Seelenkräfte
medizinische Begriff von Individualität (vgl. sondern auch der Knote des Zusammenhanges
Theophile de Bordeu, Recherches sur quelques points zwischen Geist und Körper«89 ist.
d'histoire de la medecine, 1 764; Albrecht von Haller, Ästhetische Theorien des l 8. Jh. unterscheiden
Briefe über die wichtigsten Wahrheiten der Offenbarnng, sich vor allem darin, welchen Aspekt von ästheti­
1 772) schließt einen bewußten Rückbezug auf den scher Reflexivität sie betonen. Denn Reflexivität
eigenen Zustand ein, der in ein Bewußtsein der ei­ kann sich grundsätzlich auf zwei verschiedene Di­
genen Einheit umschlagen soll. Auch der Begriff mensionen ästhetischer Erfahrung beziehen; er­
des internal sense, aus dem Shaftesburys Begriff des stens auf das Verhältnis von (rezipierendem) Sub­
moral sense und damit der Begriff einer ästheti­ j ekt und (ästhetischem) Obj ekt, wobei das Subjekt
schen Erfahrung von Subjektivität hervorging, auf sein Verhältnis zu einem Gegenstand reflek­
tiert, zweitens auf ein reflexives Verhältnis im Sub­
j ekt selbst, wobei das Subj ekt auf seinen Gefühls­
87 JOSEPH ADDISON, [On the Pleasures of the Imagina­
tion) , in: The Spectator 4I I , 2 r . 6. 1 7 1 2, hg. v. D. F. oder Gemütszustand reflektiert.
Bond, Bd. 3 (Oxford 1 965), 539. Das Denkmotiv einer Dualität von Gefühlser­
8 8 JOHN LOCKE, An Essay Concerning Human Under­ fahrung des Ich und einem auf diese Erfahrung re­
standing (1 690) , hg. v. A. C. fraser, Bd. l (New York flektierenden Ich erreicht seinen Höhepunkt l 790
1 959), 1 2 3 f.
in Kants Kritik der Urteilskraft. Kant definiert dort
89 HERDER, Ideen zu einer Philosophie der Geschichte
der Menschheit (1784-1 79 1 ) , in: HERDER , Bd. 1 3 das Schöne als ein Gefühl der Lust, das durch die
( 1 8 87), 307f. Harmonie bzw. »Übereinstimmung« der Einbil-
III. Die dichterische Einbildungskraft 111

dungskraft »als Vermögen der Anschauungen a that synthetic and magical power, to which we
priori« mit dem Verstande »als Vermögen der Be­ have exclusively appropriated the name of imagi­
griffe«90 hervorgerufen wird (und das Erhabene nation.«92 Die Imagination ist auch hier Vorbedin­
analog als eine Übereinstimmung der Einbildungs­ gung einer Erfahrung der körperlich-geistigen
kraft mit der Vernunft) . Hier interessiert vor allem Einheit des Individuums.
das Schöne, da nur dieses j ene vitalistische Erfah­ Doch darf das Genie nicht dabei stehenbleiben,
rung von Subjektivität, die Kant Lust nennt, unge­ sich selbst lustvoll zu erfahren. Es muß sich auch
brochen auslöst. bei Coleridge auf seinen eigenen Gemütszustand
»Lust« ist für Kant ein »Gemütszustand«, der Re­ zurückbeugen, um durch eine anschauliche Erfah­
sultat »eines Gefühls des freien Spiels der Vorstel­ rung seiner Einheit diese zu intensivieren. Denn
lungskräfte« ( 1 3 2) ist und als »Bestimmungsgrund auch das Reflexionsverhältnis, daß das Subj ekt zu
des [ästhetischen - d. Verf.] Urteils« ( 1 3 1) dient. sich als Objekt erstellt, ist ein anschauendes. Cole­
Die lustvolle Erfahrung einer Übereinstimmung ridge insistiert: das Subjekt »becomes a subject by
unserer Vermögen als (durchaus körperliche) Er­ the act of constructing itself objectively to itself;
fahrung von Subjektivität (die allerdings nicht eine but which never is an object except for itself, and
bloß angenehme, >privatgültige< Sinnesempfindung only so far as by the very same act it becomes a
sein darf) , nicht die Erfahrung eines objektiven subj ect«. Das Subj ekt könne nur als gespaltenes
Schönen, liegt der ästhetischen Erfahrung bei Kant und auf diese Spaltung reflektierendes überhaupt
zugrunde. Er spricht folglich von der >>Lust im äs­ Subj ekt werden; anders ausgedrückt: Subjektivität
thetischen Urteile« und meint damit offensichtlich, kann sich als Individualität nur auf der Basis eines
daß Lust dem ästhetischen Urteil als Fundierungs­ Spiegelverhältnisses konstituieren. Ein Subjekt, das
erlebnis inhärent bleibt. Sie garantiert als von einer nur dadurch Subj ekt wird, daß es sich selbst als
Euphonie der psychischen Vermögen ausgelöstes Obj ekt setzt und dieses Setzen seiner selbst als Ob­
Gefühl Individualität. Die »freie Thätigkeit der j ekt als Voraussetzung seines Subjektseins erfahrt,
Einbildungskraft und des Verstandes«, so kann man ist ein unaufhebbar gespaltenes Subj ekt, selbst
auch bei anderen Zeitgenossen lesen, führe zu ei­ wenn es im nachhinein Strategien entwirft, die
nem »Vergnügen, das dem Geiste ebenso wohl be­ ihm die Illusion ungeteilter Individualität zurück­
hagt als dem Körper«91 . erobern. Coleridge hat dieses Gespaltensein sehr
Das Subjekt darf bei dieser Gefühlserfahrung al­ genau als unabdingbare Voraussetzung menschli­
lerdings nicht stehenbleiben; es muß sich auf sie chen Bewußtseins gefaßt, weshalb er Selbstbe­
zurückbeugen. Kant bezeichnet das Vermögen, wußtsein als Resultat einer »perpetual self-duplica­
mit dem wir uns auf ein ästhetisches Gefühl zu­ tion of one and the same power into subject and
rückbeugen, als reflektierende Urteilskraft. Erst das object« ansieht; die interne Spaltung des Subjekts
ästhetische Urteil, das aus der Reflexion auf den in ein Ich und seine Anschauung zieht nach sich,
eigenen Gemütszustand hervorgeht, sichert die In­ daß diese beiden »presuppose each other, and can
dividualität des Subjekts. exist only as antitheses«93.
Auch in der englischen Romantik findet sich Der Gedanke einer Spaltung des Subj ekts ist in
ein vergleichbarer Begriff von Reflexivität. So der europäischen Romantik weit verbreitet. So
greift Coleridge, der wichtigste Theoretiker der schreibt Hazlitt: »the mind produces a double indi­
Einbildungskraft (und des >Genies<) in der engli­ vidual part real and part imaginary« 94. Der »origin
schen Romantik, zunächst den Aspekt einer Eu­
phonie unserer Vermögen, d. h. einer vitalistischen
Erfahrung von Subjektivität auf: Das Genie bringe
durch sein Schaffen »the whole soul of man into 90 KANT, Kritik der Urteilskraft ( 1 790) , in: KANT (wA) ,
activity, with the subordination of its faculties into Bd. rn (1974) , r no f.
91 BERGK (s. Anm. 16), 1 56.
each other, according to their relative worth of
92 COLERIDGE (s. Anm. 6), 15 f.
dignity. He diffuses a tone, and spirit of unity, that 93 Ebd., Bd. 7 / 1 (1983), 273 .
blends, and (as it were) fuses, each into each, by 94 HAZLITT (s. Anm. 58), 97.
r 12 Einbildungskraft/Imagination

of our idea of seif« sei die »relation of a thinking sich selbst erklären. Wir müsen das in uns lesen,
being to itself« ( r o4) . Subjektivität als »conscious worüber nachzudenken uns ein Buch Gelegenheit
individuality« folge nicht »from the identity of the giebt. Wir müssen die Erklärung von der Erschei­
thinking being with itself at different times or at nung, die uns zum Betrachten dargehalten wird, in
the same time, or still less from being unlike uns suchen, und nicht in dem geschriebenen
others«, sondern »from the immediate reflection of Buchstaben [ . . . ]. Lesen heißt daher [ . . ] die man­
.

the mind on it' s own operations, sensations, or cherlei Zustände des menschlichen Gemüths in
ideas« ( r 04 f.) . Es handelt sich dabei um ein sub­ sich selbst verstehen lernen; [ . . . ] alles unter einen
jekttheoretisches Theorem, das für den modernen Gesichtspunkt zusammenfassen; [ . . ] das Ganze
.

Begriff der Einbildungskraft unabdingbar ist. Haz­ überschauen, und darüber Reflexionen anstellen.
litt führt den Begriff einer gespaltenen Subjektivi­ Das Buch, das wir lesen, darf uns nicht als Sklaven
tät sowohl mit dem Begriff der Imagination als behandeln, sondern wir müsen als freie Wesen
auch der Zeit eng: der Mensch »as it were projects über seinen Inhalt herrschen.«95 Besonders der Le­
himself forward into the future, and identifies him­ ser der schönen Literatur »muß den Hauptgedan­
self with his future being. [ . . ] this very circum­ ken, den der Dichter verfolgt, aufsuchen [ . . ] und
. .

stance of his identifying himself with his future durch seine Einbildungskraft in seinem Gedächt­
being, of feeling for this imaginary seif as if it were nisse abdrücken.« (ro9) Man könnte zwar argu­
incorporated with his actual substance, and weigh­ mentieren, daß die in einem Sinnzentrum veran­
ed upon the pulses of his blood is itself the strong­ kerte Bedeutungstotalität des Textes reale Sinnau­
est instance that can be given of the force of the toritäten ersetzt (ein zentraler Aspekt des
imagination« (S r , 84) . Modernisierungsprozesses) . Wichtiger aber ist, daß
Erstaunlicherweise wird die Reflexion auf die die Bedeutungstotalität des Textes selbst wieder re­
eigene Erfahrung und das dadurch ausgelöste in­ lativiert wird zugunsten eines Prozesses, in dem
tensivierte Erlebnis von Individualität immer wie­ sich Sinn innerpsychisch erstellt. Der Anteil der
der mit der Reflexion auf den Kunstgegenstand zu­ Einbildungskraft an diesem Prozeß zeigt, wie
sammengedacht. Das wird am Ende des Jh. beson­ wichtig er für die moderne Theorie autonomer
ders deutlich in einem Buch, das wie kein anderes (innengeleiteter) Subjektivität ist.
die pädagogischen und die subjekt- und sozialisa­ Dies ist der Grund, weshalb der Begriff der Ein­
tionstheoretischen Implikationen moderner Text­ bildungskraft auch in der zeitgenössischen Anthro­
und Lesekultur (und die Bedeutung der Einbil­ pologie eine wesentliche Rolle spielt. Die sich am
dungskraft für diese) auf den Begriff bringt, Adam Jahrhundertende als Fachdisziplin etablierende An­
Bergks Die Kunst, Bücher zu lesen: »Das Erste, was thropologie hat ein Interesse daran, eine Sicht des
man beim Lesen thun muß, ist, das Feuer der Ein­ menschlichen Körpers als eines in sich strukturier­
bildungskraft anzufachen, um den Vorstellungen ten, einheitlichen Organismus durchzusetzen. Die
Lebendigkeit einzuhauchen, und das Ganze sich vollständige Einheit des menschlichen Organismus
anschaulich darstellen und es mit Reflexion über­ ist Vorbedingung eines ästhetischen Bezugs auf
schauen zu können.« Bergk bindet die Distanzie­ Welt; die Erkenntnisinteressen von Anthropologie
rungsleistung j edoch unmittelbar an eine indivi­ und Ästhetik überschneiden sich folglich.
dualistische Erfahrung zurück: »Nicht das Buch Dies wird besonders deutlich an der Anthropolo­
muß uns eine Erklärung von dieser oder j ener Er­ gie für Aerzte und VVeltweise, die Ernst Platner, Pro­
scheinung zu geben scheinen, sondern die Bewe­ fessor der Medizin an der Universität Leipzig, r 772
gungen unsers eigenen Gemüthes müssen den Ver­ publizierte und die einen ebenso großen Einfluß
stand zum Reflektiren über seine Thätigkeiten auf die Geschichte der Ästhetik wie auf die Ge­
nöthigen, und ihm die erzählte Thatsache durch schichte der Medizin hatte. Platner führt u. a. eine
Unterscheidung zwischen Phantasie und Einbil­
dungskraft ein, die einen Werk- bzw. Textbegriff
vorbereitet, der gerade für die ästhetische Kultur
95 BERGK (s. Anm. 16), 62 f. der Modeme grundlegend werden sollte; dabei
III. Die dichterische Einbildungskraft rr3

bringt er Phantasie mit Willkürlichkeit in Zusam­ imaginarischen Ideen« erlaubt, ordnend auf es
menhang und Einbildungskraft mit einem geord­ selbst zurückzuwirken, vermeidet es die »Gefahr
neten Ganzen. Für die Einbildungskraft gilt: der Verstandesverwirrung«. Wie komplett die Ein­
»Wenn mehrere Impressionen zugleich erwachen, bildungskraft inzwischen begriffsgeschichtlich vom
und nicht jede als einzeln von andern unterschie­ Gedächtnis abgekoppelt ist (eine Konsequenz der
den werden kann, so entsteht daraus in der Seele Deutung der Produkte der Einbildungskraft als vi­
die Idee eines neuen Ganzen.«96 Dem Mediziner suell-symbolische Objektivationen des Genies) ,
Platner geht es dabei nirgends um Kunsttheorie, zeigt sich, wenn Platner insistiert: »Weil ein
sondern um Anthropologie, und das heißt um die Mensch von Genie die Bilder der Einbildungskraft
»>Vollständigkeit< und >Selbstgenügsamkeit< des durch Zusatz und Weglassung verändert, so ist oft
menschlichen Organismus«97, also um die Mög­ sein Gedächtnis im Einzelnen weniger getreu, als
lichkeit eines autonomen, auf Reflexion und Kon­ wo es nur darauf ankommt, das Ganze zu überse­
templation gegründeten Subjektbegriffs. Zu die­ hen, und wo die Genauigkeit im Einzelnen uner­
sem Zwecke geht er von einem moralischen Zen­ heblich ist. [ . . . ] Das Genie in der Einbildungskraft
trum im Subj ekt aus. Die Grenzlinie zwischen zeigt sich in der lebhaften Vorstellung zusammen­
Körperlichkeit und Geistigkeit, und das heißt zwi­ gesetzter, oder großer Obj ekte.« Es sei folglich
schen materieller Fremdbestimmung und geistiger Genie, »ein aus mannichfaltigen Theilen zusam­
Eigenständigkeit, läuft mitten durch den alten Be­ mengesetztes Ganzes, mit den Eigenschaften aller
griffskomplex Einbildungskraft/Phantasie, deren einzelnen Theile und mit den gegenseitigen Ver­
einer Teil, die Phantasie, negativ besetzt bleibt, hältnissen der Größe und Eigenschaften, lebhaft zu
während der andere, die Einbildungskraft, vergei­ denken.« (264)
stigt bzw. zum konstitutiven Bestandteil autono­ Der für Einbildungskraft konstitutive Bezug von
mer Subjektivität wird. Das rückt die Einbildungs­ betrachtenden Subj ekten auf zu deutende Kunst­
kraft in die Nähe der Vernunft: denn die »Ordnung gegenstände veranlaßt Platner, literarische Erzäh­
der imaginarischen Ideen« ist »Werk der Ver­ lungen, ja selbst Romane ausdrücklich als Bilder
nunft« 98, die Einbildungskraft folglich »Geschäft zu bezeichnen (vgl. 279) . Entscheidend ist nicht
der Vernunft« (r 86) , wobei Vernunft nicht univer­ Bildlichkeit an sich, sondern geordnete Bildlich­
sales Prinzip, sondern eine subj ektinterne Instanz keit als Richt- und Bezugspunkt einer ansonsten
meint, die Individualität zentriert. Ihr wichtigstes von Zerstreuung bedrohten Subjektivität. Wenige
Werk ist die »Ordnung der imaginarischen Ideen«; Jahre nach Platner schreibt Leonhard Meister in ei­
als textliche Darstellung dient letztere dem Ich zur ner ausschließlich einer begrifflichen Bestimmung
Begründung einer ebenso imaginären Einheit sei­ der kreativen Einbildungskraft gewidmeten Publi­
nes Selbsts, das sich in der Ordnung reflektiert. Ein kation (wobei er Einbildungskraft, Phantasie und
Verlust von Vernunft und Einbildungskraft würde Imagination als bedeutungsgleich behandelt) :
das Ich aufWeichen, zerstreuen: »Wenn diese »Auch selbst bey allem Reichthum an Bildern wird
Wirksamkeit der Vernunft abläßt, und die mecha­ statt harmonischen Weltbaus grauenvolles Chaos
nische Phantasie allein wirkt, so entsteht eine Ver­ entstehen, so lang dieser Reichthum zweck- und
wirrung der Ideen, z. B. im Traume, in der Fieber­ regellos da ist. Ohne Ordnung und Ebenmaß fehlts
hitze, Raserey, Melancholie u. s. f.« (2 1 9) der Imagination an festem Punkt, um den sie sich
Auch für den Mediziner Platner formt die Ein­ herumdreht. Gleichwie eine regelmäßige Bildung
bildungskraft als Kraft der Ein-Bildung bzw. Ge­ gefälliger und leichter als eine ungeheure ins Aug
staltung nicht nur Darstellungen, sondern Sub­
j ekte; sie ist Kraft, mit deren Hilfe das Ich sich ob­
jektiviert, um sich in seinen Objektivationen zu 96 ERNST PLATNER, Anthropologie für Aerzte und Welt­
spiegeln und sich als mit sich selbst identisches, au­ weise (Leipzig 1 772) , 1 6 8 .
97 CLAUDIA HONEGGER, D i e Ordnung der Geschlech­
tonomes Subj ekt zu begründen. Die Fähigkeit zur ter. Die Wissenschaft vom Menschen und das Weib
symbolischen Entäußerung ist für ihn Genie; aber (Frankfurt a . M . /New York 1 99 1 ) , 122.
nur wenn das »Orginalgenie« der »Ordnung der 98 PLATNER (s. Anm. 96) , 1 77.
l 14 Einbildungskraft/Imagination

fällt, so wird sie auch leichter in die Phantasie auf­ zendentale Funktion der produktiven Einbildungs­
gefaßt. «99 kraft ist es, eine Erfahrung des Schönen zu ermög­
lichen, die in einem »Gefühl der Lust« kulminiert:
»Nur da, wo Einbildungskraft in ihrer Freiheit den
4. Ästhetischer Paradigmenwechsel:
Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe die
Der Gegensatz zwischen Kan t und Hegel
Einbildungskraft in ein regelmäßiges Spiel versetzt,
In der Kritik der reinen Vernunft ( 1 7 8 1 ) bestimmt da teilt sich die Vorstellung, nicht als Gedanke,
Kant die Einbildungskraft zunächst traditionell als sondern als inneres Gefühl eines zweckmäßigen
»das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Zustandes des Gemüts, mit.« (228) Zwar ist der
Gegenwart in der Anschauung vorzustellen«100. Begriff der Einbildungskraft als ästhetischer
Doch dann erweitert er diese seit der Antike ge­ Grundbegriff bei Kant weniger fundamental als
läufige Definition durch den Begriff der produk­ der der (reflektierenden) Urteilskraft, die sich im
tiven Einbildungskraft: »Da nun alle unsere An­ ästhetischen Urteil auf das Verhältnis ihrer Vermö­
schauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungs­ gen zurückbeugt, doch ohne die Einbildungskraft
kraft, der subjektiven Bedingung wegen, unter der würde die Urteilskraft nicht tätig werden: »jene
sie allein den Verstandesbegriffen eine korrespon­ Auffassung der Formen in die Einbildungskraft
dierende Anschauung geben kann, zur Sinnlichkeit; kann niemals geschehen, ohne daß die reflektie­
so fern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung rende Urteilskraft, auch unabsichtlich, sie wenig­
der Spontaneität ist, welche bestimmend, und stens mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf
nicht, wie der Sinn, bloß bestimmbar ist, mithin a Begriffe zu beziehen, vergliche. Wenn nun in
priori den Sinn seiner Form nach der Einheit der dieser Vergleichung die Einbildungskraft (als Ver­
Apperzeption gemäß bestimmen kann, so ist die mögen der Anschauungen a priori) zum Verstande
Einbildungskraft so fern ein Vermögen, die Sinn­ (als Vermögen der Begriffe) durch eine gegebene
lichkeit a priori zu bestimmen [ . . . ] . So fern die Vorstellung unabsichtlich in Einstimmung versetzt
Einbildungskraft nun Spontaneität ist, nenne ich und dadurch ein Gefühl der Lust erweckt wird, so
sie auch bisweilen die produktive Einbildungskraft, muß der Gegenstand alsdann als zweckmäßig für
und unterscheide sie dadurch von der reproduktiven, die reflektierende Urteilskraft angesehen werden.«
deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen, ( r oo)
nämlich denen der Assoziation, unterworfen ist« Selbst wenn Kants Bestimmung der Einbil­
( l 48 f.) . Den Gegensatz von reproduktiver und dungskraft den Akzent von dem gegenständlichen
produktiver Einbildungskraft greift Kant im Ge­ Verhältnis zwischen einem anschauenden Subjekt
gensatz von >imaginatio associans< und >irnaginatio und einem angeschauten Objekt auf ein Verhältnis
plastica< wieder auf und verschärft ihn als kulturpo­ zwischen transzendentalen Vermögen hin ver­
litischen. schiebt (im Falle des Schönen zwischen Einbil­
Den Begriff der produktiven Einbildungskraft dungskraft und Verstand), so bleibt seine Diskus­
baut Kant in der Kritik der Urteilskraft aus; hier will sion der Einbildungskraft doch im Rahmen einer
er die Einbildungskraft als »nicht [bloß - d. Verf.] seit dem frühen 1 8 . Jh. beobachtbaren generellen
reproduktiv, wie sie den Assoziationsgesetzen un­ Visualisierung dieses Vermögens. Denn auch das
terworfen ist, sondern als produktiv und selbsttätig« Reflexionsverhältnis, das die reflektierende Ur­
nachweisen, als »Urheberin willkürlicher Formen teilskraft des Ichs zu sich als Obj ekt (Verhältnis
möglicher Anschauungen«1 0 1 • Die wichtigste trans- zweier Vermögen) erstellt, ist ein anschauendes.
Zeitgenossen, die Kant folgen, sehen zwischen den
verschiedenen Formen reflexiver Anschauung kei­
99 LEONHARD MEISTER, Ueber die Einbildungskraft nen grundsätzlichen Gegensatz. Doch gilt, daß die
(Bern 1 778), 1 04. Einbildungskraft nur insofern produktiv ist, sofern
wo KANT, Kritik der reinen Vernunft ( 1 7 8 1 ) , in: KANT
( wA ) , Bd. 3 ( 1 974) , 1 4 8 .
sie »bei den Anschauungen der Sinne« mitwirkt,
I O I KANT ( s . Anm. 90) , 1 60. »um das Mannichfaltige, was dieselben percipiren,
! 02 MAASS (s. Anm. 76) , Bd. 1 142. in Ein Bild zu fassen«102; ihre Produktivität ist Vor-
'
IV Die romantisch-avantgardistische Einbildungskraft rr5

bedingung von ästhetischer Lust und ästhetischem rückt ihre Abhängigkeit von visuellen Konstella­
Urteil. Auf jeden Fall ist die ästhetische Erfahrung tionen in den Vordergrund. Da Ziel des Philoso­
nicht darauf angelegt, Anschauungs- bzw. Refle­ phierens für ihn eine »absolute Identität des Sub­
xionsverhältnisse aufzuheben. jektiven und Objektiven«, eine Aufhebung des
Gerade weil dies so ist, wendet sich Hegel gegen visuellen Verhältnisses von Subj ekt und Objekt ist,
j ede Hochwertung der Kunst. Auch er geht davon kann »Kunst und Einbildungskraft [ „ . ] nicht das
aus, daß in der Phantasie oder Einbildungskraft Höchste« sein: »Denn die Idee, der Geist kann
»überhaupt das Prinzip des Herausstellens für die nicht auf eine Weise wahrhaft ausgedrückt werden
Anschauung«103 liege. Doch gerade dieser Sachver­ wie die, in der die Kunst ihre Idee ausdrückt. Dies
halt veranlaßt ihn, die Einbildungskraft (und mit ist immer Weise der Anschauung; und wegen die­
ihr die Kunst) abzuwerten. Zwar »vollendet sich ser Form der Existenz, dieser sinnlichen Weise
die vorstellende Tätigkeit in sich selber, insofern kann das Kunstwerk nicht entsprechen dem Gei­
sie produktive Einbildungskreft ist«, indem sie im ste.«105
»Bild« der Kunst eine »vorhandene Totalität als Hegels Kritik der Einbildungskraft als Kritik
eine bewährte wiederherstellt«; »denn die Kunst von Anschauungsverhältnissen rückt ihn näher an
stellt das wahrhaft Allgemeine oder die Idee in der die Romantik als seine bekannten Polemiken ge­
Form des sinnlichen Daseins, des Bildes, dar.« 1 04 gen diese vermuten lassen. Denn beiden geht es
Doch Hegel beurteilt das als negativ, da die pro­ um eine Kritik der Einbildungskraft (im Sinne von
duktive Einbildungskraft den Gegensatz von blik­ Kant und Schiller) als Vermögen der Anschauung,
kendem Subj ekt und angeschautem Objekt fest­ insofern diese »das Mannichfaltige«, wie Maaß
schreibe und damit deren Vermittlung verhindere. schrieb, »in Ein Bild zu fassen« bestrebt ist. Aus der
In der Sphäre der Einbildungskraft trete »der Ge­ Sicht der Kritiker der anschauenden Einbildungs­
gensatz zwischen meinem subjektiven oder vorgestell­ kraft unterdrückt das die Offenheit aller Darstel­
ten Inhalte und dem angeschauten Inhalte der Sache lung, einer Offenheit, die der Literatur bereits von
ein. Die Einbildungskraft erarbeitet sich einen ihr der Materialität ihres Mediums, der Sprache, auf­
eigentümlichen Inhalt dadurch, daß sie sich gegen gezwungen wird. Das hat Konsequenzen für den
den angeschauten Gegenstand denkend verhält, das Begriff der Einbildungskraft in der Romantik, die
Allgemeine desselben heraushebt und ihm Bestim­ mit Hegel eine Kritik ästhetischer Erfahrung als
mungen gibt, die dem Ich zukommen.« Auf der Ausdruck einer ersehnten Koinzidenz von Subjekt
Stufe der Einbildungskraft herrsche »der Gegensatz und Obj ekt anstrebt und gegen Hegel am episte­
des Subjektiven und Objektiven«; »der angeschaute mologischen Primat der Kunst festhält.
äußerliche Inhalt« werde dadurch »dem zur Allge­
meinheit erhobenen, vorgestellten Inhalte unter­
worfen. zu einem Zeichen des letzteren herabge­
setzt«, wodurch »dieser aber eben dadurch objektiv, IV Die romantisch-avantgardistische
äußerlich gemacht, verbildlicht wird« (25 8 ) . Hegel Einbildungskraft
beklagt dabei den epistemologischen Vorrang des
vorstellenden Subj ekts, das sich die Objektivität Im 1 7 . Jh., so Foucault, tritt die >Ähnlichkeit< in
der Wirklichkeit in der Anschauung unterwerfe ein Zeitalter ein, in dem sie entweder als unver­
und damit subjektiv verforme. In der Kunst führt nünftig oder zur Sache der Einbildungskraft erklärt
dies zu einer Privilegierung des Symbols auf Ko­ wird. Zwischen dem Dichter und dem Irren sei
sten der Allegorie.
Für Hegel ist, anders als etwa für Lessing und I03 HEGEL (ÄSTH), 869.
Herder, eine hohe Willkürlichkeit der Beziehung ro4 HEGEL, Enzyklopädie der philosophischen Wissen­
zwischen Signifikat und Signifikant, Symbol und schaften ( 1 8 30), in: HEGEL (TWA) , Bd. IO ( 1 970) ,
267.
Symbolisiertem Voraussetzung theoretischer Kul­
ro5 HEGEL, Vorlesungen über die Geschichte der Philo­
tur und damit der begrifflichen Erschließung von sophie ( 1 8 3 3- 1 8 36), in: HEGEL (TwA) , Bd. 20
Wirklichkeit. Hegels Kritik der Einbildungskraft ( 1 97 1 ) , 43 3 f.
r 16 Einbildungskraft/Imagination

seither der )>espace d'un savoir« entstanden, »oll, bzw. >Bedingungen< aufzulösen, nicht kategorisie­
par une rupture essentielle dans le monde occiden­ ren kann, erscheint ihm chaotisch. Für die Ro­
tal, il ne sera plus question des similitudes, mais des mantiker eröffnet das Chaotische jedoch einen Zu­
identites et des differences«106• Der Dichter sei seit­ gang zum Absoluten: »Durch die Anschauung des
her »celui qui, au-dessous des differences nommees Chaos [ . . . ] geht der Verstand zu aller Erkenntnis
et quotidiennement prevues, retrouve les parentes des Absoluten, es sey in der Kunst oder in der Wis­
enfouies des choses, leurs similitudes dispersees« senschaft, über.« Als Folge entstehe eine »Unab­
(63 ) . Muß diese Feststellung für die erste Phase der hängigkeit jeder einzelnen Erscheinung, die dem
Umdeutung der Einbildungskraft zu einem pro­ nur auf Bedingungen gehenden Verstand ein Ende
duktiv-kreativen Vermögen auch relativiert wer­ macht«, und erst dann könne er »die Welt als das
den (die disziplinierte Einbildungskraft paßte sich wahre Sinnbild der Vernunft, in der alles unbe­
der episteme der Identitäten und Differenzen ein) , dingt, und des Absoluten, in dem alles frei und un­
so gilt Foucaults Feststellung für die Frühromantik gezwungen ist, erkennen«107.
und spätere, sich ihr anschließende (besonders Präzis das Programm, »dem nur auf Bedingun­
avantgardistische) Kunstbewegungen uneinge­ gen gehenden Verstand ein Ende« zu machen, ist
schränkt. Gleichzeitig gilt, daß der Begriff einer die Vorbedingung der romantischen (und idealisti­
anschauenden Einbildungskraft für Kunstrichtun­ schen) Umdeutung der Einbildungskraft; Schelling
gen in der Tradition der Aufklärung (mit einem deutet die Einbildungskraft dementsprechend von
mehr oder weniger ausgeprägtem Anspruch reali­ einem Anschauungsvermögen in ein Unterschiede
stischer Darstellung) nie an Bedeutung verloren aufuebendes Vermögen um: »Das treffliche deut­
hat. sche Wort Einbildungskraft bedeutet eigentlich die
Die Frühromantiker können als die frühesten Kraft der Ineinsbildung, auf welcher in der That alle
Repräsentanten einer Gesellschafts- und Kultur­ Schöpfung beruht.« (3 86) Unter den Frühromanti­
kritik gelten, die ein von Kategorien der Identitä­ kern im engeren Sinne streben besonders Friedrich
ten und Unterschiede dominiertes (und andere Schlegel und Novalis eine analoge Umdeutung der
Wissensformen erstickendes) Wissen einer scharfen Einbildungskraft zu einem ungebundenen, nicht
Kritik unterzogen; sie polemisierten gegen eine al­ durch Verstand gezähmten kreativen Vermögen an.
les umfassende Rationalisierung des Lebens, gegen Während dem analytischen Verstand in der Auf­
eine Auf- und Einteilung von Wirklichkeit in klärung noch die Funktion zufiel, die negativen
Identitäten und Unterschiede: Politisch wendeten Auswirkungen des Gebrauchs von Imagination, »a
sie sich gegen den aufgeklärten, zentralistisch ver­ licentious and vagrant faculty, unsusceptible of
walteten Staat, dessen l'rivilegierung eines ökono­ limitations, and impatient of restraint, [that] has
misch-kameralistischen Denkens sie als Bedrohung always endeavoured to baffle the logician, to per­
eines reflexiv-praktischen Gebrauchs der Vernunft plex the confines of distinction, and burst the in­
erlebten. Sie diagnostizierten die moderne Gesell­ closures of regularity« 108, abzuschwächen, preisen
schaft als einen zunehmend durchrationalisierten die Romantiker die Fähigkeit der Einbildungskraft,
Bedingungszusammenhang und schrieben der die »confines of distinction« aufzulösen. Die pro­
Kunst die dekonstruktiv-anarchistische Funktion duktiv-störerischen Effekte der Einbildungskraft
zu, diesen Bedingungszusammenhang mindestens sollen die Nach teile der Rationalität ausgleichen:
mental aufzulösen. Was der rationale Verstand auf­ »Wir verlangen für die Vernunft sowohl als für die
grund seiner Manie, Wirklichkeit in Kausalketten Einbildungskraft, daß nichts im Universum ge­
drückt, rein beschränkt und untergeordnet sey.
106 FOUCAULT (s. Anm. 77) , 64. Wir fordern für j edes Ding ein besonderes und
ro7 F. w. J. SCHELLING, Philosophie der Kunst (entst. freies Leben. Nur der Verstand ordnet unter, in der
1 802- 1 803 ) , in: SCHELLING (sw) , Abt. l, Bd. 5 Vernunft und in der Einbildungskraft ist alles frei
( 1 8 59), 466.
ro8 JOHNSON, The Rambler 125 (28 . 5. 1 7 5 1 ) , in: The
und bewegt sich in dem gleichen Aether, ohne
Rambler, Bd. 3 (London 1 809), 77. sich zu drängen und zu reiben.«109 Die Vernunft,
! 09 SCHELLING (s. Anm. 1 07) , 393 . vom Verstand als rationalem Unterscheidungsver-
V. Die Einbildungskraft im 20. Jahrhundert I I7

mögen abgekoppelt und als nicht an Regeln ge­ vität, die Ich, das Subjekt erlangt, die höchste
bundene reflexive Kraft gedeutet, wird dabei in die Identität des Obj ektiven und Subjektiven ist nun
Nähe der Einbildungskraft gerückt1 1°; sie wird »di­ das, was Schelling Einbildungskrafl nennt; und das
recter Poet - direct produktive Imag[ination]« 1 1 1 . Obj ekt, die intelligente Anschauung derselben, ist
»lchheit oder productive Imaginationskrafü1 12 sind die Kunst.« Doch indem »so der letzte Punkt als
identisch. Für Novalis führt der schöpferische Ge­ Einbildungskraft, als Kunst bezeichnet ist, so ist
brauch der Imagination zur »Annihilation des Jet­ dies selbst im Subjekt ein untergeordneter Stand­
zigen«1 13, eines Jetzt, in dem Vernunft von Instru­ punkt.«115 Zwar relativieren die Romantiker die
mentalisierung und reflexiver Atrophie bedroht ist, Bedeutung des Einzelwerks, des eingerahmten
wobei er keinen Gegensatz mehr zwischen der Schönen als abgegrenzten Gegenstandes ästheti­
produktiven Imagination und einem reflexiven scher Anschauung, doch bleibt die Reflexion auf
Gebrauch der Vernunft sieht: »thät[ige] Vernunft Kunst (Kunstgeschichte als die Summe aller gro­
ist prod[uctive] Imagination« (460) . Allerdings führt ßen Kunstwerke) der einzig gangbare Weg in der
das ästhetische Programm der Romantik wortge­ Annäherung ans Absolute. Die ästhetische Refle­
schichtlich meist zu einer Privilegierung von xion bricht zwar den Rahmen um das Einzelwerk
>Phantasie< gegenüber Einbildungskraft oder Ima­ auf, sie kann aber den Gegensatz von reflektieren­
gination. So unterscheidet Jean Paul (der in dieser dem Subj ekt und reflektiertem Obj ekt nicht völlig
Hinsicht eindeutig zur Frühromantik zählt) folgen­ aufheben, da eine völlige Aufhebung dieses Unter­
dermaßen zwischen Einbildungskraft und Phanta­ schiedes ein Ende aller Reflexion, aller Erfahrung,
sie: »Einbildungskraft ist die Prose der Bildungs­ alles Denkens, d. h. Tod bedeuten würde.
kraft oder Phantasie.«1 1 4 Sie rahme den ästheti­
schen Gegenstand ein und beziehe sich auf das,
was sie sehe bzw. überschauen könne, während die
Phantasie das Angeschaute kreativ ergänze. »Das V. Die Einbildungskraft im 20. Jahrhundert
Mißverhältnis zwischen Gestalt und Überkraft öff­
net der Phantasie ein unermeßbares Feld des
1. Die Tradierung des aufklärerisch-klassischen
Schreckens« (96) . Die Einbildungskraft wird damit
Begriffs der Einbildungskraft
implizit auf das Schöne, die Phantasie auf das Erha­
bene bezogen. Die Einbildungskraft ist seit dem Ende des r 8 . Jh.
So sehr der romantische Begriff der Einbil­ konstitutiv für den Begriff des Genies. Coleridge
dungskraft sich durch eine Betonung ihres dekon­ hatte Genialität als das Ergebnis einer »synthetic
struktiv-anarchistischen Potentials vom Begriff der and magical power« beschrieben, »to which we
kreativen Einbildungskraft in Aufklärung und have exclusively appropriated the name of imagi­
Klassik unterscheidet, er distanziert sich nicht völ­ nation«. Dabei ist Imagination nicht nur Vorausset­
lig vom wesentlichsten Aspekt dieses Begriffs in zung künstlerischer, sondern auch menschlicher
Aufklärung und Klassik, dem der Anschauung: Größe; denn sie bringe »the whole soul of man
Teilweise geht auch er noch von einem blicken­
den, sich auf Gegenstände beziehenden Subjekt
aus. Das wird an Schellings Begriff der intellektuel­ 1 1 0 Vgl. KARLHEINZ BARCK, Poesie und Imagination.
len Anschauung, der von einigen Romantikern Studien zu ihrer Reflexionsgeschichte zwischen
Aufklärung und Modeme (Stuttgart/Weimar 1 993),
(Novalis insbesondere) übernommen wird, deut­
79-1 1 5 .
lich. In diesem Sinne wirft Hegel Schelling (und I I l NOVALIS, Das Allgemeine Brouillon ( 1 798-1 799) ,
der Romantik allgemein) vor: »Das Subj ekt muß in: NOVALIS, Bd. 3 ( 1 9 8 1 ) , 42 1 .
sich als intellektuelle Anschauung verhalten, wenn I I 2 NOVALIS, Fichte-Studien ( 1 795-1 796) , in: NOVALIS,
es philosophieren will.« Die »höchste Weise der Bd. 2 (198 1 ) , 266.
1 1 3 NOVAUS (s. Anm. 1 1 1 ) , 469.
Objektivierung der Vernunft, weil da sinnliche
1 1 4 JEA>r PAUL, Vorschule der Ästhetik (1 804) , in: JEAN
Vorstellung vereint ist mit Intellektualität«, werde PAt.:L (MILLER) , Abt. l, Bd. 5 ( 1 963), 47.
deshalb das Kunstwerk; und die »höchste Obj ekti- 1 1 5 HEGEL (s. Anm. I 05), 433 f.
1 18 Einbildungskraft/Imagination

into activity«. Sie wird zur elementaren Bedingung »The concept o f imagination i s under attack. « 1 18
von Bildung; der »Spirit of unity, that blends, and Dem romantischen Begriff des Genies stehe der
(as it were) fuses, each into each«116 erweist sich als strukturalistische des Systems, dem des Dichters
Voraussetzung der Einheit von Werken und der der der Sprache, dem des Subj ekts der der Funk­
Identitätserfahrung von Subjekten. Die Imagina­ tion, dem der Geschichte der der Struktur gegen­
tion soll Subj ekten helfen, sich von externen Ab­ über. » The concept of imagination is secure in the
hängigkeiten zu befreien und sich selbst in auto­ first [ context - d. Verf.] , not at all secure in the se­
nome, in sich zentrierte Individuen zu transfor­ cond. « (8) Ein solcher Begriff der Einbildungskraft
mieren. setzt, wie der Autor zugesteht, »the notion of a
Paul de Man hat ähnliche Engführungen von privileged consciousness« ( u ) voraus, ein Bewußt­
Kunst und Einbildungskraft als ideologielastig kri­ sein, dem sein eigenes Dasein grundsätzlich trans­
tisiert; die Imagination werde hier zu einer »sym­ parent erscheint; er fällt damit hinter den Begriff
bolic imagination«, in der »no disjunction of the gespaltener Subjektivität (Identität als imaginär)
constitutive faculties takes place«1 17 • Der Begriff sei zurück, den die europäische Romantik entwik­
Ausdruck einer Einheitssehnsucht, die nicht nur kelte.
unmöglich, sondern auch politisch gefährlich sei. Ähnlich wurde die Einbildungskraft in der deut­
Im Laufe des 19. und 20. Jh. wird der Begriff der schen Literaturwissenschaft der Nachkriegszeit
Einbildungskraft vielfach in ähnlicher Weise ideo­ mythisiert: »In der Einbildungskraft, in der die
logisch in Dienst genommen, zumal von einer Grenzen der Sinneswahrnehmungen und die
bürgerlichen Bildungsideologie, in deren Zentrum Grenzen der Anschauungsformen Raum und Zeit
ein Begriff autonomer Individualität steht; die Ein­ (und ebenso Kausalität) aufgehoben werden, er­
bildungskraft fungiert hier nicht nur als Garant scheinen auch die verschiedenen Bedeutungen ei­
menschlicher Kreativität, sondern handlungsmäch­ nes Wortes nicht eigentlich als Nacheinander und
tiger S ubj e ktivität. So insistiert ein angloamerika­ Nebeneinander, sondern als Ineinander. Der Dich­
nischer Literaturwissenschaftler, »that the imagina­ ter bringt den vielfältigen Sinn ein und desselben
tion is a free power [ . . . ] . The imagination is pro­ Wortes gleichzeitig oder doch wie symphonisch
pelled by man' s desire to create, to transcend zum Klingen.«119 Dank der >))formalen< Seite der
himself, to surpass in his real experience that por­ Dichtung [ . . . ] geht die äußere Form über in die
tion of it which is merely given [ . . . ] ; as such, ima­ Gestalt der inneren Vorstellung, der Phantasie, der
gination is a function of man's spirituality.« Die schaffenden und nachschaffenden Einbildungs­
Tatsache, daß die Imagination es dem Menschen kraft« (204 f.). Burger deutet die Einbildungskraft
gestatte, j edes Netzwerk externer Bestimmungen, als ein Mittel, das den Gebildeten gestattet, sich ge­
j ede Abhängigkeit hinter sich zu lassen, sei Bedin­ gen die Zivilisation der Moderne zu stellen und
gung seiner Freiheit. Denis Donoghue macht Welt zu erdulden: »In der Welt unserer Sinnes­
Theorien wie den Strukturalismus und den Mar­ wahrnehmungen, Anschauungsformen, Verstan­
xismus als die eigentlichen Widersacher einer adä­ deskategorien ist dieses Wesen [der Welt - d. Verf.]
quaten Einschätzung der Einbildungskraft aus: auseinandergefallen, die Einbildungskraft stellt die
Einheit wieder her, gleichsam eine restitutio in inte­
grum. « (203) Der »poetischen Schöpfung« wird
I I 6 COLERIDGE (s. Anm. 6) , 1 5 f. ebenso wie ihrer Nachschöpfung im Akt der Inter­
I I 7 PAUL DE MAN, The Rhetoric ofTemporality ( 1 969) ,
pretation ein »ausgezeichneter Seinsmodus« zuge­
in: de Man, Blindness and Insight. Essays in the
Rhetoric of Contemporary Criticism (Minneapolis schrieben, »in dem die menschliche Subjektivität
21983), 1 9 1 . ganz bei sich selbst ist« 120 •
1 1 8 DENIS DONOGHUE, Imagination (Glasgow 1 974) , 5 .
1 1 9 HEINZ OTTO BURGER, Methodische Probleme der
Interpretation ( 1 950), in: H. Enders (Hg.), Die
Werkinterpretation (Darmstadt 1 967) , 204.
1 20 ALFONS RECKERMANN, Sprache und Metaphysik
(München 1 979) , 1 8 .
V Die Einbildungskraft im 20. Jahrhundert 1 19

2. Der psychoanalytisch inspirierte Begriff geht: »Das Ich braucht [ . . . ] zum Sein und damit
der Einbildungskraft zum Messen den Spiegel. Das ist so: Wenn sich der
Mensch im Spiegel sieht, ist nur ein Wesen da, und
Anders als Phantasie spielt der Begriff der Einbil­ also sagt er: Ich.«122 Eben deshalb hält er den Nar­
dungskraft oder Imagination in der Psychoanalyse ziß-Mythos für den aufschlußreichsten Mythos der
eine nur untergeordnete Rolle. Das hängt damit Modeme. Kassner spricht von der »Flachheit« je­
zusammen, daß die Begriffe Phantasie und Einbil­ ner Deutungen, die in dem »schönen Knaben, der
dungskraft oder Imagination in der Psychoanalyse sich in sein eigenes Bild im Spiegel des Wassers
gemeinhin auf zwei unterschiedliche Spaltungen verliebt, nichts anderes als ein Symbol der Selbst­
des Subjekts bezogen werden. Freuds vertikale To­ liebe und Eitelkeit finden« wollen. In dem Mythos
pologie von bewußt, vorbewußt, unbewußt muß, sei etwas »unendlich Bedeutsames als dessen Kern
um den Unterschied zwischen Phantasie und Ein­ verborgen«: »der Übergang vom magischen Men­
bildungskraft bzw. Imagination zu verstehen, um schen zum Ich-Menschen, der Übergang von der
die horizontale Topologie von realem Ich und Magie zur Imagination« (2 19). Kassner sieht er­
imaginärem Selbstbildnis ergänzt werden. Phanta­ staunlich klar, daß der moderne Begriff der Einbil­
sie bezieht sich auf den Unterschied von Bewuß­ dungskraft die Kehrseite des modernen Subjektbe­
tem und Unbewußtem, Einbildungskraft oder griffs ist und daß beide parallel zueinander entstan­
Imagination auf den Unterschied zwischen einem den sind: Das »Andere, das Neue« sei »das Ich, die
biologischen Ich und dem imaginären Selbstver­ Bindung von Körper und Seele durch das Ich und
ständnis (Selbstbildnis) dieses Ich (>j e< und >moi< in zwischen diesem Körper und der Bildseele, zwi­
der Terminologie Lacans) . Das reale Ich illudiert schen Ich [>je< - d. Verf.] und Selbst [>moi< -
sich mithilfe seiner Einbildungskraft spiegelbildlich d. Verf.] die Einbildungskraft« (2 1 9) . Für Narziß sei
als Einheit. »die Einbildungskraft oder der Spiegel Bindung«,
Wie oben gesehen, hatten bereits eine Reihe weshalb »sein Wesen fort und fort in den Spiegel
europäischer Romantiker (Novalis, Coleridge, überströmt« (222) . Für ihn bedeute »Sehen soviel
Hazlitt u. a.) die spiegelbildliche Konstitution von wie Sein«; »in einer Welt ohne Bindungen« sei
Subjektivität mit dem Begriff der Imagination zu­ »der Spiegel des Narciß jetzt Bindung geworden«
s amm e ngebra c h t . Für Col er idge wird das Subjekt (225). Na rziß brauche die Einbildungskraft, »Um
»a subject by the act of constructing itself objec­ zu sehen, nur um zu sehen, wie er ist, nur um zu
tively to itself; but which never is an object except sein« (239), weshalb Narziß eher Symbol der Ver­
for itself, and only so far as by the very same act it änderung oder Verwandlung als der starren Selbst­
becomes a subject« . Der moderne Subjektbegriff liebe oder Eitelkeit sei. »Der letzte Sinn der Imagi­
läuft darauf hinaus, daß erst die imaginäre Einheit nation zwischen Narciß und dessen Bild, zwischen
des Spiegelbildes es dem Subjekt erlaubt, sich als Mensch und Spiegel, zwischen Ich und Welt, zwi­
mit sich selbst identisch zu erfahren. Die Imagina­ schen Anfang und Ende ist Rektifizierung. Oder
tion ist hauptsächliches Mittel des Subj ekts, sich der: Korrekriv zu sein. Mit anderen Worten: ohne
spiegelbildlich als (imaginäre) Einheit zu konstitu­ diese Imagination [ „ .] müßte alles entgleisen oder
ieren. Selbstbewußtsein ist für Coleridge dement­ erstarren oder in einer Zwangsvorstellung erstik­
sprechend nur auf der Grundlage einer »perpetual ken, sich ausschütten oder leer werden.« (230) Die
self-duplication of one and the same power into Einbildungskraft ersetzt in der Modeme den My­
subject and obj ect«121 möglich. thos (vgl. 2 3 1 ) , sie orientiert in der Geschichte, sie
Dieser Strang eines psychoanalytisch inspirierten situiert das Ich in den Koordinaten von Raum und
Begriffs der Einbildungskraft beeinflußt im 20. Jh.
eine Reihe von Autoren; der bemerkenswerteste
unter ihnen ist RudolfKassner, der in seinem Ro­ 1 2 1 COLERIDGE (s. Anm. 6) , Bd. 7/r (1983), 273.
1 22 RUDOLF KASSNER, Narziß oder Mythos und Einbil­
man Narziß oder Mythos und Einbildungskraft von
dungskraft (1928), in: Kassner, Sämtliche Werke, hg.
1 928 wie Coleridge von der Notwendigkeit eines v. E. Zinn/K. E. Bohnenkamp, Bd. 4 (Tübingen
spiegelbildlichen Gespaltenseins des Subjekts aus- 1 978), 2 1 8 .
r 20 Einbildungskraft/Imagination

Zeit und in der permanenten Bewegung des Mate­ von Imagination und Abstraktion, von Mythos
riellen. und Wissenschaft.« (99)
Damit weist Kassner auf die Unterscheidung
von imaginär und Imagination voraus, die als kul­ Jochen Schulte-Sasse
turkritische in den letzten Jahren wiederholt, vor
allem im Werk von Dietmar Kamper, wichtig ge­ Literatur
worden ist. Durch den Begriff des Imaginären bei ARMSTRONG, NANCY, Desire and Domestic Fiction. A
Lacan inspiriert, geht sie davon aus, daß die spezifi­ Political History of the Novel (New York/Oxford 1 987) ;
BARCK, KARLHEINZ, Poesie und Imagination. Studien zu
sche Weise, in der Subj ekte sich spiegelbildlich als ihrer Reflexionsgeschichte zwischen Aufklärung und
Einheit erfahren, Einheitssehnsüchte generiert, die Modeme (Stuttgart/Weimar r 993); BLOCH, HOWARD R . ,
sich nicht nur subjektkonstitutiv, sondern auch po­ Medieval Misogyny and the Invention o f Western Ro­
litisch bzw. massenpsychologisch ausdrücken kön­ mantic Love (Chicago 1 99 1 ) ; BUNDY, MURRAY WRIGHT ,
The Theory of Imagination in Classical and Mediaeval
nen; das Imaginäre ist als subjektiver Erlebnismo­
Thought (Urbana 1 927) ; DOD, ELMAR, Die Vernünftig­
dus in den Organisationsmodus der Modeme ver­ keit der Imagination in Aufklärung und Romantik. Eine
flochten (Nationalismus; Massenaufinärsche des komparatistische Studie zu Schillers und Shelleys ästheti­
Faschismus; Identifikation mit Medienstars; ethni­ schen Theorien in ihrem europäischen Kontext (Tübin­
sche Einheit und Reinheit usw.). Ähnlich wie gen 1 9 8 5 ) ; DONOGHUE, DENIS Imagination (Glasgow
1 974) ; ENGELL, JAMES, The Creative Imagination: En­
Kassner setzt Kamper den individuellen und kol­ lightenment to Romanticism (Cambridge/London
lektiven Einheitssehnsüchten des Ichs eine kritisch 1 9 8 1 ) ; FLORY, DANIEL DEAN, Fear oflmagination in We­
geläuterte Einbildungskraft entgegen: »Gegen das stern Philosophy and Ethics (Diss. University of Minne­
Imaginäre hilft nur eine über sich selbst aufgeklärte sota 1 995); HUET, MARIE-H E L E NE, Monstrous Imagina­
tion (Cambridge, Mass./London 1 993); KAMPER, DIET­
Imagination.« 123 Kamper spricht von einer »Spren­
MAR, Zur Geschichte der Einbildungskraft (München
gung des Kontinuums des Imaginären«, die »nur 1 9 8 1 ) ; KAMPER, DIETMAR, Zur Soziologie der Imagina­
mittels einer körpernahen Einbildungskraft« gelin­ tion (München 1986); KEARNEY, R I C H A R D , The Wake
gen könne. Das hat Folgen für literarisches Erzäh­ of the Imagination (Minneapolis r988); KÜSTER, BERND,
len wie für Geschichtsschreibung allgemein; beide Transzendentale Einbildungskraft und ästhetische Phanta­
sie. Zum Verhältnis von philosophischem Idealismus und
müssen nach einer Form streben, in der die Refle­ Romantik (Meisenheim 1 979) ; ROSENMEYER, THO­
xion auf die Genealogie der Strukturen die Spal­ MAS G., <I>aVTacria und Einbildungskraft. Zur Vorge­
tungen sichtbar werden läßt, anstatt sie narrativ zu schichte eines Leitbegriffi der europäischen Ästhetik, in:
überspielen. »Nur wenn die imaginäre Obsession Poetica 18 ( 1 98 6) , 1 97-248 ; SAt:DER, GERHARD, Emp­
findsamkeit, 2 Bde. (Stuttgart 1 9741 I 980) ; SCHMIDT,
der Geschichte: der geschlossene Raum der Einen
HORST-MICHAEL, Sinnlichkeit und Verstand. Zur philo­
Geschichte des Wartens verlassen werden kann, sophischen und poetologischen Begründung von Erfah­
gibt es noch Zukunft.« (66) Die häufig anzutref­ rung und Urteil in der deutschen Aufklärung (München
fende unkritische Feier der Imagination übersehe 1 982) ; VIETTA, SILVIO, Literarische Phantasie - Theorie
die Vergesellschaftung des Imaginären und die Im­ und Geschichte: Barock und Aufklärung (Stuttgart 1 986) ;
WATSON, GERARD, >Phantasia< in Classical Thought (Gal­
plikation der Einbildungskraft in diese. »Zwar läßt way 1988); WHITE, ALAN R . , The Language of lmagina­
sich die Übermacht imaginärer Obsessionen (vor tion (Oxford 1 990) .
allem der sexuellen) noch immer als >Rache< für
lang dauernde Einsperrung, Unterdrückung, Zu­
richtung, der Phantasie lesen, aber die Wiederkehr
einer archaischen Logik in den Zwangsverhältnis­
sen des beschleunigt fortschreitenden Kapitalismus
verweist auf einen tiefliegenden Zusammenhang

1 2 3 DIETMAR KAMPER, Zur Soziologie der Imagination


(München 1 986), 72.
Einleitung 121

Einfühlun g/Empathie/ der >Reichskristallnacht< a m I O . 1 r . 1 9 8 8 u m das


Amt des Bundestagspräsidenten brachte, mit den
Identifikation Sätzen: »Aber dann bitte die ganze Wahrheit - die
(engl. empathy; frz. identification; ital. empatia; Wahrheit der Opfer so eindringlich wie die Wahr­
span. empatia; russ. BqyBCTBOBaHMe) heit der Mörder. Und das ganze Gefühl - die Er­
schütterung über das Schicksal der Gejagten so be­
Einleitung; I. Die Entwicklung seit 1960; 1 . Em­
wegend wie, nein bewegender als die Einfühlung
pathie/Jdentifikation in der Soziologie; 2. Empathie/
Identifikation in der Psychoanalyse; 3 . Empathie/Jden­ in die Motive der Jäger.«5 Nur das Adjektiv >ein­
tifikation in der deutschen Literaturwissenschaft; fühlsam< begegnet auch ohne negative Färbung.
II. Aufklärung und Identifikation; 1. Die Entdeckung Der Phase der Kritik und der Tendenz eines
der Identifikation durch die Theoretiker des bürgerlichen rückläufigen theoretischen Interesses nach 1925 in
Dramas; 2. Rousseaus geschichtsphilosophische Inter­
pretation; 3 . Der Übergang zur Roniantik;
Deutschland folgte im Ausland, vor allem in den
III. Das naturwissenschaftlicheJahrhundert und angelsächsischen Ländern, eine Art von Revitali­
die Einfiihlung; 1. Symbolik und Einfühlung; 2. Vom sierung in veränderter Gestalt. In gedruckter Form
Objektivismus zum ästhetischen Subjektivismus: Theo­ tritt das Kunstwort >empathy< zuerst bei dem ame­
dor Lipps; 3. Die Partialität der Kategorie: Worringer;
rikanischen Psychologen Edward B. Titchener auf,
IY. Einf'tihlung in Deutschland zwischen 1930 und
1967; 1 . Einfühlung als Leitwort geistesgeschichtlicher
der es als Äquivalent des deutschen Ausdrucks Ein­
Methode; 2. Gegen die Einfühlung: Brecht und die fühlung verstanden wissen will und zur Beschrei­
marxistischen Theoretiker der Distanz; 3 . Einfühlung bung kinästhetischer Phänomene einsetzt: »Not
und Sozialpsychologie only do I see gravity and modesty and pride and
courtesy and stateliness, but I feel or act them in
the mind's muscles. This is, 1 suppose, a simple
case of empathy, if we may coin that term as a ren­
Einleitung dering of Einfühlung«6. Titchener spricht dann
auch direkt von »motor empathy«7. Mit dem Ter­
Die Zeit, als Theodor Lipps Einfühlung einen minus arbeiten seither verschiedene wissenschaftli­
»Grundbegriff der heutigen Ästhetik« 1 nannte, che Disziplinen. Das aus dem amerikanischen
liegt kaum I OO Jahre zurück. Seit der hermeneuti­ Englisch übernommene Lehnwort Emp athi e wird
schen Wende in der deutschen Philosophie, d. h. seit geraumer Zeit auch im Deutschen verwendet,
seit in der Nachfolge Husserls im Denken Heideg­ ohne daß durch diesen doppelten Transfer über
gers und Gadamers die Begründbarkeit des Verste­ den Atlantik die logische Verfassung des Begriffs
hens ins Zentrum trat und schließlich der Streit geschärft oder klarer geworden wäre und vielfach
um >Hermeneutik< und >Ideologiekritik< ent­ ohne daß die begriffsgeschichtlichen Zusammen­
brannte, ist Einfühlung dem Grundproblem der hänge überhaupt noch bewußt wären.
Hermeneutik zu- bzw. nachgeordnet, ob und wie
es gelingt, »einen Sinnzusammenhang aus einer an­
r THEODOR LIPPS, Einfiihlung und ästhetischer Genuß
deren >Welt< in die eigene zu übertragen«2. ( 1 906) , in: E. Utitz (Hg.), Aesthetik (Berlin 1923), 1 52.
Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache er­ 2 HANS-GEORG GADAMER, >Hermeneutik(, in: RITTER,
läuterte l 967 das Verb >einfühlen< mit »sich in Bd. 3 (1 974) , I 06 I .
jmds. Lage, in etw. hineinversetzen«3, nannte als >Einfühlen<, in: R. Klappenbach/W. Steinitz (Hg.) ,
Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Bd. 2
substantivische Wendungen »die Einfühlung in ei­
(Berlin 1 967) , 945 .
nen Dichter, in das vergangene Jahrhundert«4 und 4 >Einfühlung<, in: ebd.
dokumentierte damit die seit Lipps herrschende 5 THEO SOMMER, Von der Last, Deutscher zu sein. Die
Unschärfe und Bedeutungsverwaschung. Das Sub­ braune Vergangenheit läßt uns noch lange nicht los, in:
stantiv Einfühlung wird heute in der Umgangs­ Die Zeit ( 1 8 . 1 1 . 1988), I .
6 EDWARD B . TITCHENER, Lectures o n the Experimental
sprache als altmodisch empfunden und selten ge­ Psychology of the Thought-Processes (New York
braucht. So verurteilt Theo Sommer die Gedenk­ 1 909) , 2 1 ; vgl. OED, Bd. 5 ( 1 989) , 1 84.
rede, mit der sich Philipp Jenninger 50 Jahre nach 7 TITCHENER (s. Anm. 6) , 1 8 5 .
1 22 Einfühlung/Empathie/Identifikation

So heißt es in der Einleitung zu einer deutschen I . Die Entwicklung seit 1 960


Übersetzung: »In älteren Wörterbüchern ist der
Begriff >Empathie< oft gar nicht angeführt. Dafür
1. Empathie !Identifikation in der Soziologie
findet man unter dem Wort >Einfühlung< Defini­
tionen, die bereits in die Richtung der Bedeutung Zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Überle­
weisen, in der der Begriff auch hier verwendet gungen ist Einfühlung erst in den letzten Jahren
wird.« 8 Eine Enzyklopädie sanktioniert dieses pro­ geworden, obwohl die Analyse von Beziehungen
blematische Verfahren: »Empathie, dt. Einfühlung, zu ihren ureigensten Aufgaben gehört. Seit r 970
Mit-Leid«, beginnt der Artikel >Empathie/Sympa­ erscheinen nach Auskunft von Social Sciences Index,
tie<9; ein Artikel >Einfühlung< fehlt. Der Leitartikel Social Sciences and Humanities Index, Sociological Ab­
einer Berliner Tageszeitung schließlich beginnt mit stracts sowie Psychological Abstracts monatlich durch­
folgenden Worten: »Empathie heißt die Fähigkeit, schnittlich r 5 bis 20 Artikel, in deren Titel Einfüh­
sich in andere Menschen hineinzudenken, hinein­ lung auftaucht. Als Grundbegriff der Sozialwissen­
zufühlen. In der Politik ist sie nicht weniger wich­ schaft bleibe Einfühlung dessenungeachtet »an
tig als in der Psychologie, aus der dieser Begriff important neglected topic in social psychology and
stanunt<i 10. social science«1 1 . Das spezifisch menschliche Ver­
Die Lage ist zusätzlich schwerer durchschaubar mögen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Freude
geworden, seit der Begriff der Identifikation im li­ und Ängste, Schmerz und Hunger von anderen
teratur- und kunstgeschichtlichen Sprachgebrauch wie eigene Gefühle zu empfinden, wird dabei als
in den beiden deutschen Staaten fast wie ein Syn­ entscheidendes Gegengewicht zum animalischen
onym zu Einfühlung verwendet wurde, obwohl Hang des egozentrischen Verhaltens begriffen, das
die semantischen Zeiger von Identifikation (im freilich nur partiell entwickelt sei und durch ge­
Sinne einer engen Beziehung des Lesers zu einer zielte Maßnahmen gestärkt werden müsse. Der
literarischen Figur, die bis zur Verschmelzung ge­ Kontext, in den1 dieses intensive Interesse steht, ist
hen kann) und von Einfühlung (Hineinverlegen der unübersehbare Zerfall des Leitbildes vorn
eigener Gefühle in leblose Gegenstände der Natur) Schmelztiegel Amerika. Einfühlung avanciert zur
in ganz verschiedene Richtungen weisen. Zu­ Heilskategorie, um diesen Verlust zu kompensie­
nächst soll deshalb der aktuelle Begriffsgebrauch in ren: » The survival of the human species now ap­
einigen Wissenschaftsdisziplinen skizziert werden. pears to depend upon a universal increase in fimc­
tional ernpathy.« In extremer Idealisierung wird so
das Fehlen »of simple expanded empathy [ . ] the. .

basis of social tensions, confl i cts, violence, terro­


rism, and war<(12.
Während die soziologische Forschung für den
Amerikaner Kenneth B. Clark keinesfalls auf die
Wertfrage verzichten darf, hat sie für den französi­
schen Soziologen Michel Maffesoli vor allem zur
8 WULF WEINMANN, Einleitung, in: K. Bullmer, Em­ Gegenwartsdiagnose beizutragen. So beunruhi­
pathie. Ein programmierter Text zur Verbesserung gend die Phänomene auch scheinen mögen, es
der interpersonellen Wahrnehmungsfähigkeit, übers. gelte, sie zu verstehen und aufzuhören, das Gegen­
v. Weinmann/U. Schwarz (München/Basel 1 978),
wärtige zu hassen. Mit der Idee des bürgerlichen
VIil.
9 HARTMUT BÖHM, >Empathie/Sympathie<, in: SAND­ Individuums, der zufolge freie und unabhängige
KÜHLER, Bd. l ( 1 990) , 682. Menschen durch Verträge untereinander ihr sozia­
I O THOMAS KRÖTER, Taktik und Strategie, in: Der Ta­ les Leben regulieren und gestalten, sei der Prozeß
gesspiegel (29. IO. 1 996) , I . des fortschreitenden Übergangs von der Identität
l 1 KENNETH B . CLARK, Empathy: A Neglected Topic in
Psychological Research, in: American Psychologist
zur Identifikation in modernen Großstadtkulturen
35 ( 1980) , 1 87. nicht mehr zu erfassen. Dieser Prozeß der Entindi­
1 2 Ebd„ 1 90. vidualisierung durch Identifikation mag nach den
!. Die Entwicklung seit 1 960 1 23

Normen der überkommenen Moral verzweifelte zung mit anderen Subj ekten verschafft dem Begriff
Formen annehmen: »prendre la forme paroxysti­ Einfühlung seine Attraktivität, wenn es gilt, emo­
que de la transe (religieuse, musicale . . . ) ou celle tionale Phänomene zu beschreiben, die mit der
plus adoucie du masque, sans oublier celle, taut Auflösung von traditionellen Wertbeziehungen -
aussi repandue, de l'indetermination sexuelle« . Im Identifikation mit Nation, mit Familie, mit einem
Vergleich mit den individuellen blieben auch diese gewohnten Lebensweg - vor allem in den moder­
»identifications contemporaines, publicitaires, te!e­ nen Metropolen in Zusammenhang stehen. Die
visuelles, groupales, emotionnelles«13 im Rahmen Frage, wie diese eigentümliche Begriffsstruktur zu
ganz normaler soziologischer Strukturen. Jede erklären ist, hat unsere historische Analyse zu lei­
Gruppenbildung brauche einen idealisierten Pol: ten.
Ob politischer Häuptling eines Clans, Heiliger ei­
ner Kirche oder Guru einer Sekte, ob Modedenker
2. Empathie /Identifikation in der Psychoanalyse
akademischer Gruppen oder Star begeisterter Fan­
gemeinden - auch die modernen Halbgötter er­ Im Unterschied zum Auf und Ab in Disziplinen
füllten die Funktion, einen Anziehungsmechanis­ wie der Ästhetik oder Kunstpsychologie verfügt
mus auszulösen und durch Faszination soziale Bin­ der Begriff Empathie in der Sozialpsychologie und
dungen hervorzurufen, deren Kennzeichen im therapeutischen Kontext über eine stabile Tra­
Flüchtigkeit sei. Für Maffesoli zeichnet sich das dition. Einfühlung gehört seit langem zum Berufs­
moderne Individuum immer stärker durch seine ideal j edes Psychotherapeuten - »always kind, un­
Sucht nach mannigfaltigen gemeinschaftlichen und derstandig, empathic and lucid listener«15. Und
emotionellen Identifikationen aus. Es zerfällt in allgemeiner Konsens besteht auch darüber, daß der
eine Person mit unterschiedlichen Masken. 1 4 Die Prozeß der Einfühlung mit Identifikation verbun­
Identifikation bringe ans Licht, daß die Person aus den ist, die sich vor anderen Formen hauptsächlich
einer Serie von Schichten besteht, die in Sequen­ durch zwei Merkmale auszeichnet: Es handelt sich
zen gelebt werden. um »transient identification«16, die den Therapeu­
Unverkennbar dient dieser Soziologie die »es­ ten in die Lage versetzt, ein intuitives Verständnis
thetisation galopante« ( 1 4) unserer Lebenswelt seines Patienten zu erreichen. Zum Gefühl einer
dazu, einen starken »hedonisme du quotidien« ( 1 3 ) Versc hmelzung gehört im therapeutischen Prozeß
zu postulieren, fü r dessen Existenz bereits der ferner »the capacity to separate seif from nonself<< 17,
emotionale Charakter sozialer Beziehungen Be­ um der Wahrnehmung Platz zu machen, daß man
weischarakter hat. Von sozialen Spannungen, Kon­ nicht nur mit dem Patienten fühlt, sondern auch
flikten und Gewalt ist diesem Beobachter der Me­ über ihn. Das Vermögen, das Ich vom Nicht-Ich zu
tropole an der Seine nichts bekannt: »>Faire de sa trennen, geht dem Kleinkinde noch ab. Erst nach
vie une ceuvre d'art<, n'est-ce pas devenu une in­ Vollendung des ersten Lebensjahres werden Kinder
jonction de masse?« ( 1 4) lautet die Parole. Der Be­ sich deutlicher bewußt, daß sie eigenständig exi­
griff der Einfühlung steht auch hier zu Diensten: stieren und von anderen unterschieden sind. »By
»toutes !es notations faites autour de l'identification
peuvent etre resumees par la notion d' Einfühlung,
d' origine esthetique ou philosophique, et dont on 13 MICHEL MAFFESOLI, Aux creux des apparences. Pour
commence a voir l'actualite sociologique. L' Ein­ une ethique de l'esthetique (Paris 1 990) , 242, 246.
1 4 Vgl. ebd„ 266.
fühlung, que !' on peut traduire par empathie, decrit
15 AMNON ISSACHAROFF, [Rez.] Michael J. Tansey/
bien d'une part la projection de moi vers un object Walter F. Burke, Understanding Countertransference
exterieur, et d' autre part la confusion qui s' etablit from Projective Jdentification to Empathy (Hillsdale,
entre des sujets communiquant dans un meme ob­ N. J. 1 989) , in: The Psychoanalytic Review 78
jet.« (266) ( 1 99 1 ) , 474.
16 DAVID BERES/JACOB A. ARLOW, Fantasy and Jdenti­
Die Möglichkeit des Bedeutungswechsels, das
fication in Empathy, in: The Psychoanalytic Quarterly
Pendeln von der Proj ektion des Ichs auf ein äuße­ 43 ( 1974) , 3 3 .
res Objekt bis zur kommunikativen Verschmel- 1 7 Ebd„ 47-
1 24 Einfühlung/Empathie/Identifikation

late childhood the most advanced level of empathy kommen, sie deutlicher werden zu lassen, sie dem
emerges«18. Insofern kann man sagen: Die Fähig­ Klienten selbst erfahrbar zu machen.«21 In pädago­
keit, sich einzufühlen, erwirbt der Heranwach­ gisch-medizinischen Ausbildungsprogrammen, die
sende zusammen mit anderen Funktionen wie ohne einen Therapeuten gebraucht werden sollen,
»memory, thought, comprehension and concep­ werden die Termini >Identifikation<, >Projektion<
tualization«. Von dieser Einschränkung abgesehen und >Reaktionsbildung< als psychologische Ab­
gilt: » The empathic process which is central to the wehrmechanismen begriffen, um unerwünschte
psychotherapeutic relationship [ . . ] is also a basic
. Selbstwahrnehmungen zu zerstören, und daher ne­
element in all human interaction and finds its gativ definiert. Identifikation bedeutet in solchen
highest social expression in the shared aesthetic ex­ Texten »the ascribing to one's seif of qualities and
perience of the artist and his audience, as weil as in characteristics belonging actually to another person
religion and other group phenomena.« 1 9 or obj ect«22.
Obwohl ästhetische und therapeutische Einfüh­ Der Zeitpunkt, zu dem der Einfühlungsbegriff
lung nicht einfach identisch sind, ist eine gemein­ aus der Ästhetik in die empirische Psychologie
same Grundlage mit Sicherheit anzunehmen. übernommen wurde, läßt sich relativ genau be­
Denn Einfühlung wird im therapeutischen Kon­ stimmen. 1 948 fragte Rosalynd F. Dymond, ob
text genau in j enem Sinne verwendet, in dem der Empathie die Grundlage bilden könne, um den
Einfühlungsbegriff ursprünglich von Friedrich Klienten durch therapeutische Interventionen zu
Theodor Vischer und seinem Sohn Robert ent­ mehr Einsicht zu verhelfen.23 Seitdem wird der
wickelt und verstanden wurde: Als ein Akt der Be­ Terminus in der Sozial- und in der klinischen Psy­
deutungsverleihung, mit dem die Suche nach einer chologie angewandt, ohne daß von einer genau­
Begründung des Naturschönen, das von Natur da eren Bestimmung dieser Erlebenskategorie gespro­
ist und zugleich als schön auffallt, eine begrifiliche chen werden kann. »Der Bereich der Wirksamkeit
Erklärung fand. Im ther ap e uti sc hen Zusammen­ von Einfühlungs - o der Emp athi e prozess en reicht
hang wird der Vischersche Lehrsatz »Das Schöne vom Verstehen anderer Personen über >Gefühlsan­
ist nicht ein Ding, sondern ein Akt«20 allerdings steckung< [ . . . ] bis hin zu Altruismus und Philan­
umgekehrt: »Es gilt den vom Klienten vorgenom­ thropie.« Aus pragmatischen Gründen gibt es Ten­
menen Bedeutungsverleihungen auf die Spur zu denzen, Empathie »zur Kennzeichnung des sozia­
len Aspektes der Einfühlung«24 zu verwenden, den
Terminus Einfühlung dagegen für den ästhetischen
1 8 DANIEL GOLEMAN, Emotional Jntelligence (199 5 ; Aspekt zu reservieren.
London 1 996), I O 5 .
1 9 BERES/ ARLOW ( s . Anm. 1 6) , 47.
20 FRIEDRICH THEODOR VISCHER, Kritik meiner Ästhe­ 3. Empathie /Identifikation
tik (1 866), in: F. T. Vischer, Kritische Gänge, hg. v.
in der deutschen Literaturwissenschaft
R. Vischer, Bd. 4 (München 1 922) , 3 8 3 .
2 1 HOLGER HÖGE, Emotionale Grundlagen ästhetischen Während das intensive psychotherapeutische Inter­
Urteilens. Ein experimenteller Beitrag zur Psycholo­
esse an Empathie für die Psychologie der Kunst
gie der Ästhetik (Frankfurt a. M. /Bern/New York
1 9 84) , 60. bislang nur vereinzelt programmatische Entwürfe
22 KENNETH BULLMER, The Art of Empathy: A Manual gezeitigt hat, in denen das Einfühlungsprinzip als
for Improving Accuracy of Interpersonal Perception Relationsbegriff bestimmt wird, mit dem die In­
(New York/London 1975), 78.
teraktion zwischen Künstler, Kunstwerk und Be­
23 Vgl. ROSALYND F . DYMOND, A Preliminary Investi­
gation of the Relation of lnsight and Empathy, in: trachter als zusammengehöriger Prozeß beschrie­
Journal of Consulting Psychology 12 ( 1 948) , 228- ben und j ede isolierte Analyse überwunden wer­
233. den könne25, arbeitet die Literaturwissenschaft in
24 HÖ GE (s. Anm. 2 1 ) , 5 3 f , 6 5 . Deutschland bereits seit Jahrzehnten wieder mit
2 5 Vgl. w . R A Y CROZ!ER/PAUL GREENHALGH, The Em­
pathy Principle: Towards a Model for the Psychology
dem Begriff, verwendet dabei allerdings fast aus­
of Art, in: Journal for the Theory of Social Behavior schließlich das Wort Identifikation.
22 (1992) , 63-79. Im Westen wie im Osten Deutschlands erfolgte
!. Die Entwicklung seit 1 960 125

die Begriffsaufnahme in deutlicher Abgrenzung fingierten Erfahrung, das Erproben seiner selbst
gegenüber der Ästhetik der Distanz in der Mo­ am vorgestellten Schicksal des andern, macht das
deme. Auf Grund der unterschiedlichen Voraus­ eigentümliche Vergnügen am Schwebezustand ei­
setzungen und Zielstellungen vollzog sich diese ner ästhetischen Identifikation aus.«27 Im Zentrum
Abkehr allerdings mit stark voneinander abwei­ eines Funktionskreises von fünf »Primäreinstellun­
chenden Zügen. gen« (24 7) steht bei Jauß die auf Aristoteles zu­
Das seit dem l 8. Jh. in Deutschland ausgebildete rückgeführte admirative und sympathetische Iden­
Zweischichtenschema literarischer Wertung, dem tifikation. Diese wird als »der ästhetische Affekt des
die ästhetische Wertung mit wechselnden Gegen­ Sich-Einfühlens in das fremde Ich« (27 1 ) bestimmt
satzpaaren folgte, hatte Verzicht auf Distanz stets als und als Teil der Katharsis verstanden, einer Katego­
Zeichen von Inferiorität beurteilt. Unmittelbarkeit rie, die bei Jauß im erweiterten Sinn den Prozeß
oder der vom Bedürfnis des Lesers nach Wunsch­ der Rezeption bei der Lektüre und danach um­
erfüllung bestimmte Szenenaufbau im Roman gal­ faßt.
ten bis weit über die Mitte des 20. Jh. hinaus als In der DDR hatte die Abkehr von der Ästhetik
Markenzeichen für >deutschen Kitsch<. der Distanz wesentlich früher eingesetzt. War sie
In der Tat bildet der sog. >!-Wert< (Identifikati­ doch unvereinbar mit dem Ziel einer sozialisti­
onswert) im Kalkulationsgeschäft einschlägiger schen Gesellschaft und der daraus abgeleiteten kul­
moderner Verlage eine feste Größe, die an Testle­ turpolitischen Grundorientierung, die extreme
sern sog. Trivialliteratur überprüfen lassen, wieweit Spaltung zwischen Kunst und Leben zu überwin­
die Identifikation mit den Helden geht, um auf die den, wofür seit 1 9 5 9 der >Bitterfelder Weg< Losung
Verkäuflichkeit ihrer Ware zu schließen. Die her­ war.
ablassende Haltung, mit der im Feuilleton bis Im Kulturpolitischen Wörterbuch von 1 970 lautet
heute von >Identifikationsmustern< gesprochen deshalb im Stichwort >Einfühlungstheorie< der
werden kann, die sich unter den Indianern Karl Kommentar über deren aktuelle Bedeutung: »Für
Mays wie unter den Germanen Gustav Freytags für die gesellschaftliche Funktion der sozialistisch-rea­
jugendliche Leser finden, bezeugt die unveränderte listischen Kunst besitzt die gefühlsmäßige Anteil­
Geltung des überlieferten Wertungsschemas ge­ nahme des rezipierenden Subjekts am Handeln der
genüber einer als 1nin d erwertig klassifizierten Lite­ künstlerisch dargestellten Figuren große Bedeu­
ratur. tung. Der Begriff der Einfühlung sollte dafür nicht
Mit der Entwicklung der Rezeptionsästhetik zur verwandt werden, auch um Verwechslungen mit
literarischen Hermeneutik wurde Identifikation in dem entsprechenden Begriff in der E. auszuschlie­
der alten Bundesrepublik auch für Literatur von äs­ ßen. Stattdessen hat sich dafür der Begriff der äs­
thetischem Rang verwendbar. Polemisch gegen thetischen Identifizierung durchgesetzt, womit die
Adorno gerichtet, eröffnet Hans Robert Jauß 1 976 Vorstellung des Rezipienten, sich selbst in den Ge­
seine Theorie ästhetischer Erfahrung mit der stalten des Kunstwerkes und seinen Handlungen
These: »Ästhetische Erfahrung wird um ihre pri­ zu erleben, bezeichnet wird«28. (Der Artikel dürfte
märe gesellschaftliche Funktion verkürzt, solange Horst Redeker zum Verfasser haben, dessen Berli­
sie im kategorialen Rahmen von Negation und ner Dissertationsschrift von l 96 3 Über Wesen und
Affirmation belassen und die konstitutive Negati­ Bedingungen der subjektiven Aktivität [besonders in
vität des Kunstwerks nicht mit Identifikation als Form der ästhetischen Identifikation im Prozeß der Re-
ihrem rezeptionsästhetischen Gegenbegriff vermit­
telt wird.«26 Der für alle ästhetische Erfahrung un­ 26 HANS ROBERT JAUSS, Negativität und Identifikation.
entbehrliche Akt der Distanznahme wird so in den Versuch zur Theorie der ästhetischen Erfahrung, in:
Begriff integriert und verleiht ihm den Charakter H. Weinrich (Hg.) Positionen der Negativität (Mün­
eines Prozesses: »Denn weder das bloße Aufgehen chen 1975), 268.
27 JAUSS, Ästhetische Erfahrung und literarische Her­
in einer Emotion, noch die völlig abgelöste Refle­ meneutik (Frankfurt a. M. 1 982), 254.
xion über sie, sondern erst die Hin-und-Her-Be­ 28 >Einfühlungstheorie<, in: H. Bühl u. a. (Hg.) , Knltur­
wegung, das immer neue Sich-Abheben aus der politisches Wörterbuch (Berlin 1 970) , 1 1 7.
1 26 Einfühlung/Empathie/Identifikation

zeption der Kunst} in ihrer Bedeutung für die erzieheri­ von Einfühlung/Empathie in der Sprache der So­
sche Funktion der Kunst im Sozialismus 1 969 in über­ ziologen und Psychologen im Sinne von Proj ek­
arbeiteter Fassung unter dem Titel Kunst und sozia­ tion des Ichs und transitorischer Identifikation.
listisches Menschenbild im Druck erschien.) Wie und weshalb es zu dieser Kopplung zwischen
Rechnung getragen war mit dieser terminologi­ aktiven und passiven Aspekten, zwischen dem Akt
schen Differenzierung dem großen Streit um die der Einfühlung und der auf Rezeption angewiese­
nichtaristotelische und die aristotelische Kunstauf­ nen ästhetischen Identifikation kam, ist die Grund­
fassung, von dem die Diskussion in der DDR frage, von der sich der begriffsgeschichtliche
lange geprägt war und der erst durch Werner Mit­ Rückblick leiten lassen muß.
tenzweis 1 97 5 geschriebene Neufassung seines
I 967 erschienenen Aufsatzes Die Brecht-Lukacs­
Debatte als Gegensatz ästhetischer Positionen »in­
nerhalb des Marxismus«29 interpretiert und histo­ II. Aufklärung und Identifikation
risiert worden ist. Schon l 969 hatte Mittenzwei
die ästhetische Position, die Brecht in seinen letz­
1 . Die Entdeckung der Identifikation durch
ten Lebensjahren in der DDR entwickelte, als
die Theoretiker des bürgerlichen Dramas
»neue Stufe der nichtaristotelischen Technik, die
auf dem dialektischen Gebrauch von Einfühlung Die Überzeugung, daß die geistigen Wurzeln des
und Nichteinfühlung, von Identifizierung und Einfühlungsbegriffs in der deutschen Romantik
Distanz beruht«30, charakterisiert. Unter der Vor­ liegen, begleitet den Begriff nahezu seit seiner Ge­
aussetzung, daß sozialistische Literatur schließlich burt. »Der Gedanke der Einfühlung ist aus den
irgendwann einmal in einer nichtantagonistischen metaphysisch-ästhetischen Spekulationen der Ro­
Gesellschaft wirken solle, erschien der Gebrauch mantik herausgewachsen«31 , berichtet 1 9 ! 0 Moritz
von E i nfühlu n g >unbedenklicher<. Daß sie gesell­ Geiger vor dem 4. Kongreß für experimentelle
schaftlich aktivierend wirke, galt als evident. Psychologie. Unverändert vertreten Dieter Hen­
Auffallig ist nicht nur die fast zeitgleiche Ten­ rich und Wolfgang Iser auch 1 982 diese Ansicht
denz zur positiven Wiederaufnahme des Begriffs vom Jahrhundertanfang, wenn sie das Spektrum
Einfühlung unter dem Titel Identifikation oder der Einfühlungstheorie mit den Positionen »von
Identifizierung um 1 970 in der Literaturwissen­ romantischer Poetik über die Psychologie des Ge­
schaft der beiden deutschen Staaten. Auffallig ist fühls bis hin zu einer Philosophie der Symbole«32
ebenso das festhalten an der Doppelbedeutung kennzeichnen.
An dem klassischen Ort, wo der Begriff zuerst
29 WERNER MITTENZWEI, Die Brecht-Lukics-Debatte, vermutet und gesucht wurde, in Lessings Brief­
in: Mittenzwei (Hg.), Wer war Brecht. Wandlung wechsel mit Mendelssohn und Nicolai, schien der
und Entwicklung der Ansichten über Brecht im Spie­ »Begriff der Einfühlung [ . . . ] noch nicht ent­
gel von >Sinn und Form< (Berlin 1 977), 399. deckt«33. Lessing hat das Wort Einfühlung zwar
3 0 MITTENZWEI, Erprobung einer neuen Methode. Zur
ästhetischen Position Bertolt Brechts, in: Mittenzwei
nicht verwendet, vom Begriff aber durchaus eine
(Hg.) Positionen. Beiträge zur marxistischen Litera­ Vorstellung gehabt, wenn er dem »feinen Mit­
turtheorie in der DDR (Leipzig 1 969) , 89. schwingen unserer Seele bei allem, was der tragi­
3 1 MO RITZ GEIGER, Über das Wesen und die Bedeutung sche Held erlebt«34, auch nur sekundäre Bedeu­
der Einfühlung, in: F. Schumann (Hg.), Bericht über
tung beigemessen und es als »zweyten mitgetheilten
den 4. Kongreß für experimentelle Psychologie in
Innsbruck (Leipzig 1 9 1 1 ) , 30. Affekt« klassifiziert hat. »Dergleichen zweyte Affek­
3 2 DIETER HENRICH / WOLFGANG ISER, Bibliographie, ten aber, die bey Erblickung solcher Affekten an
in: Henrich/Iser (Hg.), Theorien der Kunst (Frank­ andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Na­
furt a. M. 1982) , 6 1 2. men der Affekten« . Wichtig waren Lessing die pri­
3 3 ROBERT PETSCH, Einleitung, in: Petsch (Hg.), Les­
sings BriefWechsel mit Mendelssohn und Nicolai
mären Affekte: »Denn diesen Affekt empfinden
über das Trauerspiel (Leipzig 1 9 ! 0) , LII. nicht die spielenden Personen und wir empfinden
3 4 Ebd. , LIV ihn nicht blos, weil sie ihn empfinden, sondern er
II. Aufklärung und Identifikation 127

entsteht in uns ursprünglich aus der Wirkung der Maske und Kothurn (wie in der Antike) oder Kna­
Gegenstände auf uns«35. So bedeutsam nun vor al­ ben als Frauendarstellern bzw. Ammen, »von einer
lem die Herkunft von der Symbolik für die Ein­ Mannsperson gespielt« (wie in der Shakespeare­
fühlungsästhetik gewesen ist, sie bildet nur die eine Zeit) , agierten zum ersten Male Frauen und Män­
Wurzel des Begriffs. Die andere reicht zurück in ner auf der Bühne, die der Zuschauer als seines­
die europäische Aufklärung und ist zunächst zu be­ gleichen ansehen konnte. Goethe hat 1 8 1 6 »die
trachten. Unvollkommenheit der englischen Bretterbühne«
Lessing hatte seine Überlegungen noch in der mit diesen für »unsere folgerechte, Übereinstim­
Sprache der Schule, in der von Wolff geprägten mung liebende Denkart« unerträglich und possen­
philosophischen Tradition formuliert; und die haft wirkenden Zügen in Verbindung gebracht:
Deutung der >zweiten mitgeteilten Affekte< ist in »Es ist keine Spur von der Natürlichkeitsforderung,
der Lessingforschung bis heute umstritten. Das in die wir nach und nach durch Verbesserung der
Identifikationsphänomen kommt dagegen präg­ Maschinerie und der perspectivischen Kunst und
nant bei Autoren zur Sprache, die das neuartige der Garderobe hineingewachsen sind, und von wo
Äquivalenzverhältnis zwischen Zuschauer und dra­ man uns wohl schwerlich in j ene Kindheit der An­
matischem Personal in den Mittelpunkt rücken, fange zurückführen dürfte: vor ein Gerüste, wo
das mit dem bürgerlichen Drama allererst möglich man wenig sah, wo alles nur bedeutete [ . ] Wer „ .

geworden ist. Die Tragödie hatte die Menschen will sich nun gegenwärtig so etwas zumuthen las­
stets größer, die Komödie sie kleiner vorgestellt, sen ?«37
als sie wirklich waren. Wenn das bürgerliche Trau­
erspiel bzw. in Frankreich >le genre dramatique se­
2. Rousseaus geschichtsphilosophische Interpretation
rieux< sie nun endlich unverzerrt zeige, müsse das
Interesse, die Anteilnahme des Zuschauers not­ Die neuartige Erfahrung der ästhetischen Identifi­
wendig stärker und intensiver ausfallen. Beaumar­ kation, einmal gemacht, blieb naturgemäß nicht
chais argumentiert l 767 in diesem Sinne und mit auf das Schauspiel beschränkt. Bei Diderot, der in
kritischem Blick auf die heroische Tragödie: »Que seinen berühmten Theaterprogrammschriften der
me font a moi, sujet paisible d'un E tat monarchi­ Tragödie und der Komödie neue Inhalte und
que du dix-huitien�e siede, les revolutions d'Athe­ Funktionen zugewiesen hatte, wird auch die Lek­
nes et de Rome? Quel veritable interet puis-je türe eines Romans aus der Perspektive eines sich
prendre a Ja mort d'un tyran du Peloponnese? au identifizierenden Lesers beschrieben. Im Unter­
sacrifice d'une jeune princesse en Aulide? 11 n'y a schied zu den allgemeinen und abstrakten Verhal­
dans tout cela rien a voir pour moi, aucune mora­ tensmaximen der Moralphilosophie, die keinen
lite qui me convienne. Car qu' est-ce que la mora­ sinnlichen Eindruck hinterlassen, zeige der Roman
lite? C'est Je resultat fructueux et l'application per­ Richardsons handelnde Menschen, die der Stel­
sonelle des reflexions qu'un evenement nous arra­ lungnahme des Lesers ganz andere Möglichkeiten
che. Qu'est-ce que l'interet? C'est le sentiment bieten: »celui qui agit, on Je voit, on se met a sa
involontaire par lequel nous nous adoptons cet place Oll a Ses COtes; Oll Se passionne pour Oll CO!ltre
evenement, Sentiment qui IlOUS met en la pJace de
celui qui souffre, au milieu de sa situation.<<36 Ver­
stand und Reflexion des Zuschauers verarbeiten
das Theatergeschehen auf ihre lebenspraktische 35 GOTTHOLD EPHRAIM LESSING an Moses Mendels­
sohn (2. 2. 1757) , in: LESSING (LACHMANN) , Bd. 1 7
Bedeutung hin, nachdem sich zuvor der Zuschauer ( 1 904) , 92.
durch >spontane Gefühlsregung< >an die Stelle des 3 6 PlERRE-AUGUSTIN CARON DE BEAUMARCHAIS, Essai
Leidenden versetzt', sich durch Identifikation das sur le genre dramatique serieux ( 1 767) , in: Beaumar­
>Geschehen zu eigen< gemacht hat. chais, CEuvres, hg. v. P. u. J. Larthomas (Paris 1988),
1 2 5 f.
In der Geschichte des europäischen Theaters
37 JOHANN WOLFGANG GOETHE, Shakespeare als Thea­
war mit der Verbürgerlichung der Dramatik ein terdichter (entst. 1 8 1 6) , in: GOETHE (wA) , Abt. l ,
Wendepunkt erreicht: An Stelle von Figuren in Bd. 4 1 / 1 ( 1 902), 6 8 f.
128 Einfühlung/Empathie/Identifikation

lui; on s'unit a son r6le, s'il est vertueux«38. Im Er­ Mitgefühls< in Betracht. Adam Srrilth hat seine
gebnis des Identifikationsprozesses, bei dem das Theory of Moral Sentiments rrilt einer eindringlichen
Gefühl in ständiger Bewegung ist, vermag deshalb Analyse der Bewußtseinsvorgänge eröffnet, die
selbst fiktives gutes Handeln Befriedigung zu ge­ beim Anblick eines leidenden Mitmenschen ausge­
währen: »Combien j 'etais bon! combien j'etais ju­ löst werden: »By the imagination we place oursel­
ste! que j 'etais satisfait de moi! J' etais au sortir de ta ves in his situation, we conceive ourselves endur­
lecture, ce qu'est un homme a Ja fin d'une journee ing all the same torments, we enter as it were into
qu'il a employee :i faire Je bien.«39 his body, and become in some measure the same
Bei Rousseau, der im Auftrag d'Alemberts für person with him, and thence form some idea of his
die Encyclopedie zahlreiche Musikartikel geschrie­ sensations, and even feel something which, though
ben und überdies ein erfolgreiches Singspiel kom­ weaker in degree, is not althogether unlike
poniert hatte, ist erkennbar, daß der Identifikati­ them.«41
onsbazillus auch die Oper ergriff In ihrer französi­ Der >rriltgeteilte Affekt<, für Lessing uninteres­
schen Sonderform bildete sie eine eigentümliche sant, ist als »fellow-feeling« ( 1 0) für Srrilth philoso­
Verbindung der Welt des Mythos rrilt Götterer­ phisch-systematisch von zentraler Bedeutung. Und
scheinungen samt Wunderspektakeln und einge­ seine ethische Theorie läßt keinen Z weife! daran,
schobenen Balletten, bei denen Tänzer und Hof­ daß die ästhetische Erfahrung des Mitleidens oder
gesellschaft zu ihrem Recht kamen. Über die Ver­ Mitfühlens (»pity or compassion« [9]) rrilt den Hel­
änderungen des Librettos und der Musik urteilt den im Trauerspiel und im Roman zu ihren Vor­
Rousseau: »Aussi des que Ja Musique eut appris a aussetzungen gehört: >>Whatever is the passion
peindre et a parler, Jes charmes du Sentiment fi­ which arises from any object in the person princi­
rent-ils bien-t6t negliger ceux de Ja baguette, le pally concerned, an analogous emotion springs up,
Theatre fut purge du jargon de la Mythologie, at the thought of his situation, in the breast of
l'inter&t fut substitue au merveilleux, [ . . . ] et le every attentive spectator. Our joy for the deliver­
Drame lyrique prit une forme plus noble et moins ance of those heroes of tragedy or romance who
gigantesque. Tout ce qui pouvoit emouvoir Je interest us, is as sincere as our grief for their dis­
creur y fut employe avec succes, [ „ .] et !es Dieux tress, and our fellow-feeling with their misery is
furent chasses de Ja Scene quand on y sut represen­ not more real than that with their happiness. « ( I O)
ter des hommes.«40 Das philosophische Jh. hat dem Mitleid, das von
Das Stichwort für das veränderte Kunstempfin­ einigen Theatertheoretikern noch als angestamm­
den und Kunsterleben ist bei den reflektierenden tes Vorrecht der Heldentragödie reklarrilert wurde,
Köpfen immer wieder die Anteilnahme, >i'interet<. bereits eine geschichtsphilosophische Deutung ge­
Wie Anteilnahme am Leiden eines anderen Men­ geben und es als ursprüngliche und auch von den
schen überhaupt zustande kommt, mußte vor al­ >verderbtesten Sitten< noch nicht erstickte >natürli­
lem die von sensualistischen Prärrilssen ausgehen­ che Regung< gedeutet. Es ist Rousseau, der in sei­
den Denker Westeuropas veranlassen, intensiv ner berühmten zweiten Preisschrift einen Zusam­
nach Erklärungsmöglichkeiten zu suchen. Da un­ menhang zwischen der Rührung des Zuschauers
rrilttelbare Erfahrung von den Gefühlen anderer im Theater und der menschlichen Frühzeit gese­
durch unsere Sinne ausgeschlossen war, kam nur hen hat. Dem negativen Menschenbild La Roche­
die menschliche Vorstellungskraft als >Quelle des foucaulds, für den Mitleid mit dem Unglück ande­
rer im Grunde nur antizipatorisches Mitleid rrilt
38 DENIS DIDEROT, Eloge de Richardson (1 762), in: DI­ unserem künftigen eigenen Unglück bedeutet, hält
DEROT (VARLOOT) , Bd. 13 ( 1 980) , 1 9 2 f. Rousseau das Argument entgegen: »Quand il seroit
39 Ebd„ 1 9 3 . vrai que la comrrilseration ne seroit qu'un senti­
4 0 JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Dictionnaire d e musique ment qui nous met a la place de celui qui souffre,
( 1 768), in : ROUSSEAU, Bd. 5 (1995), 9 5 3 f.
sentiment obscur et vif dans l'homme Sauvage, de­
41 ADAM SMITH, The Theory of Moral Sentiments
(1 759), in: Smith, The Glasgow Edition of the Works veloppe, mais foible dans l'homme Civil, qu'im­
and Correspondence, Bd. l (Oxford 1 976) , 9. porteroit cette idee a Ja verite de ce que je dis, si-
II. Aufklärung und Identifikation l 29

non de lui donner plus de force? En effet, la com­ wurde, ist eine Besprechung des Iffiandschen
miseration sera d'autant plus energique que l'ani­ Rührstücks Die Jäger von 1 790: »was Wunder,
mal Spectateur s'identifiera plus intimement avec wenn vom Rhein bis zur Elbe, von der Spree bis zur
l'animal souffrant: Or il est evident que cette iden­ Donau, und von der Newa bis zum Belt, eine
tification a du etre infiniment plus etroite dans Thräne der Rührung den Leiden der Warbergschen
l'etat de Ja Nature que dans l'etat de raisonne­ Familie fließt«. »Hier sind wir in einer Welt, die
ment.«42 Mit dieser Theorie war den Tränen der wir alle kennen, hier wird eine Menschheit entfal­
Rührung die höchste philosophische Legitimation tet, in der wir alle zu Hause sind, die geradezu aus
erteilt und die ästhetische Genußfähigkeit auf das dem Kreise unsrer Erfahrung genommen ist, in
Gattungsbewußtsein der Menschen erweitert. dem wir uns selbst wiederfinden. Ganz natürlich,
Während Mendelssohn in seiner Übersetzung von daß ihre Darstellung unserm Herzen und unserm
1 75 6 den entscheidenden Passus in betont fremd­ Interesse am nächsten liegt. Die Menschen darin
wortfreies Deutsch überträgt: »Unstreitig muß das sind ganz eigentlich unsre Brüder, Freunde und
Mitleiden desto heftiger seyn, je fähiger das zu­ Verwandten, wir schmiegen uns also auch um so
schauende Thier ist, sich an die Stelle des Leiden­ inniger an ihre Schiksale, Leiden und Freuden.
den zu setzen«43, steht in der neuen Übersetzung [ . . . ] Es ist uns, als ob wir zu der Familie gehörten,
Brigitte Burmeisters »sich identifiziert« und »Iden­ die vorgestellt wird, es ist, als träfe uns selbst,
tifikation«44. was sie trift; und so weinen und freuen wir uns
In der Aufklärung, so können wir zusammenfas­ über ihre Leiden und Freuden, als ob es unsre ei­
sen, mag das Wort Identifikation insgesamt relativ genen wären.«46 Die entscheidenden Stichworte
wenig im ästhetischen Sinne verwendet worden >Menschheit<, >Interesse<, >Familie< sind vorhanden.
sein. Der Begriff und wesentliche seiner Aspekte Jede kritische Haltung aber erscheint aufgesogen
lagen danach in der Kunsttheorie und der Ethik von dem Anspruch, sich selbst im mitgefühlten
ausgearbeitet vor: der nicht zu übergehende Anteil Leiden zu genießen.
der Imagination am emotionalen Geschehen ei­ Auch der pantheistische Drang, mit dem die
nerseits und die fundamentale Bedeutung des >An­ deutschen Frühromantiker eine Vereinigung mit
die-Stelle-des-anderen-Tretens< andererseits, wofür der Welt als einer Allheit suchten, brachte zwar in
Robert Vischer später unter ganz anderen Prämis­ ästhetischer Hinsicht die Zurückgewinnung poeti­
sen »Zentrale Versetzung«45 sagen wird. scher Kraft für das dichterische Wort, aber wenig
Klarheit für das mit dem Wort Einfühlung be­
zeichnete Phänomen. »So wird auch keiner die
3. Der Übergang zur Romantik
Natur begreifen, der kein Naturorgan [ . . . ] hat, der
Die weitere Entwicklung zur romantischen Peri­
ode ist, entgegen der vorherrschenden Meinung,
begriffsgeschichtlich nicht sehr ergiebig. Das Wort 42 ROUSSEAU, Discours sur l'origine et les fondernens de
Einfühlung findet sich bei Herder, Novalis, den l'inegalite parmi !es hommes ( 1 7 5 5 ) , in: ROUSSEAU,
Bd. J ( 1 964) , 155 f.
Schlegels und anderen; dem Begriff selbst wird je­
43 ROUSSEAU, Abhandlung von dem Ursprunge der
doch trotz der romantischen Poetisierung der Welt Ungleichheit unter den Menschen, und worauf sie
keine wesentliche Funktion eingeräumt. Das be­ sich gründe, übers. v. M. Mendelssohn ( 1 756), in:
sagt nicht, das Phänomen der Identifikation habe MENDELSSOHN, Bd. 6/2 ( 1 9 8 1 ) , 1 1 6.
44 ROUSSEAU, Abhandlung über den Ursprung und die
es am Jahrhundertausgang nicht mehr gegeben.
Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen,
Vielmehr ist es umgekehrt seine außerordentliche übers. v. B. Burmeister, in: Rousseau, Kulturkritische
Verbreitung und Trivialisierung in Drama und und politische Schriften, hg. v. M. Fontius, Bd. I
Roman, die wohl als Ursache des abflauenden In­ (Berlin 1 989) , 232.
teresses bzw. der Abwertung bei allen anspruchs­ 45 ROBERT VlSCHER, Über das optische Formgefühl
( 1 873), in: R. Vischer, Drei Schriften znm ästheti­
vollen Köpfen gelten kann. Bezeichnend für die
schen Formproblem (Halle 1 927) , 26.
Art und Weise, wie das Phänomen Identifikation 46 JOHANN FRIEDRICH SCHINK, Dramaturgische Mo­
inzwischen im Theater erfahren und reflektiert nate (Schwerin 1 790) , 224, 223 f.
l3o Einfühlung/Empathie/Identifikation

nicht, wie von selbst, [ ] durch das Medium der


. . . wußtsein vertraut als ein rein physikalisches Phä­
Empfindung, sich mit allen Naturwesen vermischt, nomen, in der künstlerischen Darstellung Goethes
sich gleichsam in sie hineinfühlt.«47 Das von Nova­ als >ahnungsvolle Beleuchtung< bezeichnet werden
lis den Dichtern zugesprochene Vermögen, sich dürfe, ohne beim gebildeten Leser Anstoß zu erre­
mystisch den Zugang zur Seele der Natur und ih­ gen49, war die zu klärende Problemstellung, für die
ren Erscheinungen zu erschließen, ist unter dem schließlich der Begriff der Einfühlung als Antwort
Terminus Identifikation auch beim späten Rous­ gefunden wurde.
seau anzutreffen. »Je sens des extases, des ravisse­ Friedrich Theodor Vischer, der als Hegelianer
mens inexprimables a me fondre pour ainsi dire begann und zusammen mit seinem Sohn Robert
dans le systeme des etres, a m'identifier avec Ja na­ Vischer zum Vater der Einfühlungstheorie wurde,
ture entiere.«48 Was diese sog. romantische Ge­ hat dem Problem des Naturschönen, abweichend
fühlsästhetik von der empfindsamen unterscheidet, von Hegel, eine systematisch ganz neue Stellung
ist ihr Verzicht auf Geselligkeit. Noch im Rühr­ gegeben. Sein entscheidender Gedanke, den alle
stück wurde durch Tränen ein >sympathetisches späteren Einfühlungsästhetiker teilen, ist es, bei der
Band< um Gleichgestimmte geschlungen. Der Weltbetrachtung die Kategorie des Gegenstandes
Rousseau der Reveries ist mit sich allein, er vergißt durch die des Tuns abzulösen: »Das Schöne ist
sich selbst, wenn seine Seele ihre Flügel spannt, nicht ein Ding, sondern ein Akt«50 bzw. »ein In­
um sich mit der ganzen Natur zu vermischen. Nur einander von mehreren Akten«51 • Unabhängig
metaphorisch (>gleichsam<, >pour ainsi dire<) kann vom Bewußtsein eines Betrachters existiert es
deshalb von Einfühlung/Identifikation die Rede nicht. Wenn das Funkeln der Gestirne am Himmel
sem. als erhaben oder eine Landschaft als anmutig emp­
funden wird, dann ist diese ästhetische Wahrneh­
mung durch die aktive und umformende Bewußt­
seinstätigkeit des Menschen zu erklären. Diesen
III. Das naturwissenschaftliche Jahrhundert Vorgang hatte Vischer in seiner Aesthetik ( 1 846-
und die Einfühlung 1 8 5 8) als >>leihendes Anschauen«52 zu erfassen ge­
sucht. In der für die Entwicklung der Einfühlungs­
ästhetik epochemachenden Abhandlung über das
1 . Symbolik und Einfühlung
Symbol lautet die Beschreibung »Eintragung der
Die Konstellation, aus der heraus sich in der 2 . Menschenseele in Unpersönliches«53, und die Ab­
Hälfte des 1 9 . Jh. eine ganze neue Bedeutung von leitung des Begriffs Einfühlung erfolgt jetzt aus
Einfühlung entwickelt hat, knüpft nicht an die dem Mythos. In der menschlichen Frühzeit seien
deutsche Naturphilosophie an, sondern an das die rätselhaften Erscheinungen der Natur als Be­
nach Hegels Tod dominierende naturwissenschaft­ seeltheit der Dinge aufgefaßt worden. Im Mythos
liche Denken. Weshalb ein alltäglicher Vorgang suche das religiöse Bewußtsein nach einer Er­
wie ein Sonnenuntergang, dem modernen Be- klärung für das ganze Dasein. Das in die Natur­
erscheinung versetzte Ich werde dabei zum gött­
lichen Ich. Aus diesem Befund hat Vischer die
47 NOVALIS, Die Lehrlinge zu Sa1s ( 1 802) , in: NOVALIS, weitreichende These entwickelt: »Der Akt der
Bd. 1 ( 1 977) , 1 0 5 . Seelenleihung bleibt aber als naturnotwendiger
48 ROUSSEAU, Les reveries d u promeneur solitaire
Zug der Menschheit eigen, auch wenn sie längst
( 1 7 82) , in: ROUSSEAU, Bd. 1 (1959), 1 065 f
49 Vgl. F. T. VISCHER, Das Symbol ( 1 8 87), in: E T. Vi- dem Mythus entwachsen ist; nur j etzt mit dem,
scher, Kritische Gänge, Bd. 4 (s. Anm. 20) , 432. was wir Vorbehalt nennen« (43 5) . Vischer weitet
5 0 F . T. VISCHER (s. Anm. 20) . damit den Symbolbegriff Hegels aus und entdeckt
5 1 F. T. V!SCHER (s. Anm. 49) , 43 8 . in der >>dunkeln [ . . . ] Symbolik« (43 1) des Gemüts
5 2 VlSCHER, Bd. 2 ( 1 922) , 3 1 .
>>eine der Grundleistungen der Subjektivität«54. Im
5 3 F . T . V!SCHER (s. Anm. 49) , 434.
54 GADAMER, Wahrheit und Methode ( 1 960) , in: GADA­ Unterschied zum mythisch-religiös gebundenen
MER, Bd. l ( 1 986), 8 5 . Bewußtsein, dem es mit der Verwechslung von
III. Das naturwissenschaftliche Jahrhundert und die Einfühlung l3 l

Bild und Sinn ernst ist, kennzeichnet ein nur etwa der Blick den Umrissen der Berge folgt und
schwebender Ernst das moderne ästhetische Be­ durch sukzessive Anschauung die Lust des Bewe­
wußtsein. Dam..it war die Gegenwart von Vischer gungsgefühls erregt; und schließlich die Funktion
als eine neue, selbständige Periode für die Ästhetik der »zentralen Versetzung«, die motorischer wie
erschlossen und Hegels Asthetik ( 1 8 3 5-1 8 3 8) in ei­ sensitiver Natur sein kann. »Mein geistig-sinnliches
nem weiteren Punkt verändert. Die Freiheit der Ich transponiert sich in das Innere des Obj ektes und
symbolisierenden Tätigkeit des Gemüts konnte zur erfühlt seinen Formcharakter von innen heraus.«58
Grundlage der Ästhetik des ausgehenden r 9. Jh. Während die beiden ersten Einstellungen von au­
werden. ßen nach innen gehen, erfaßt die Einfühlung das
Vischer hatte zunächst nach einem Terminus ge­ Obj ekt von innen und ist daher die intensivste
sucht, der »die Innigkeit des Verhaltens« ausdrük­ Form.
ken sollte, und »innige Symbolik« oder »intime Die außerordentliche Karriere, die der neu
Symbolik«55 in Erwägung gezogen. In dem Aufsatz gefundene Begriff jetzt machen konnte, hing mit
Das Symbol hat er »den Akt, durch welchen sich seiner Konstituierung auf einem Grenzgebiet zu­
der Beschauer in das Unbeseelte so hineinversetzt, sammen: Der empirischen Psychologie bot er den
als ob er mit seiner Lebenskraft und Seele selbst Anreiz, die Teilnahme des Körpers bei den ver­
darin sei«, mit dem von seinem Sohn 1 872 vorge­ schiedenen Phänomenen ästhetischer Aktivität ge­
schlagenen und von Johannes Volkelt in Der Sym­ nauer zu untersuchen. Auf dem Weg experimen­
bolbegriff in der neuesten Ästhetik l 876 aufgegriffenen teller Analyse und Beobachtung sollten Einsichten
Begriff als »Akt der Einfühlung« (43 7) bezeichnet. in elementare Bewußtseinsphänomene möglich
Daß die Phantasie in alles den Menschen hinein­ sein. Für die philosophische Ästhetik deutscher
schaut und »aus Luft, Wolke, Berg, Fels, Pflanze Tradition kennzeichnet er eine entscheidende
ein Mensch« uns scheinbar anblickt, deutet für ihn Etappe bei der radikalen Subjektivierung des
auf eine echte Einheit von Natur und Geist hin: Ästhetischen. Für das Postulat Friedrich Theodor
»der starke Schein wäre nicht möglich, wenn nicht Vischers von 1 866: »Die Ästhetik muß den Schein,
alles Unpersönliche, ja auch Unorganische eine als gebe es ein Schönes ohne Zutun [ . . . ) des an­
wirkliche Vorstufe des Geistes wäre« (456) . schauenden Subjekts schon auf ihrem ersten
Für Robert Vischer war der von seinem Vater Schritte vernichten; [ . . . ) das Schöne ist einfach
1 866 entwickelte Gedanke entscheidend gewor­ eine bestimmte Art der Anschauung«59, war eme
den, das »innige Ineinsfühlen des Bildes und des konkrete Orientierung gefunden.
Inhalts« müsse wohl so erklärt werden, »daß j eder
geistige Akt in bestimmten Schwingungen und
2. Vom Objektivismus zum ästhetischen
[ . . . ) Modifikationen des Nervs sich in der Art voll­
Subjektivismus: Theodor Lipps
zieht und zugleich reflektiert, daß diese sein Bild
darstellen, daß also ein symbolisches Abbilden Der Versuch, die analysierende Psychologie zu ei­
schon im verborgenen Innern des Organismus ner Grundwissenschaft der gesamten Philosophie
stattfindet«56. Seine Folgerung lautete: »Es ist also zu entwickeln, ist mit dem Namen von Theodor
ein unbewußtes Versetzen der eigenen Leibform Lipps verknüpft. Bei ihm wird der aus dem Ver­
und hiemit auch der Seele in die Obj ektsform. hältnis des Menschen zur Natur entwickelte Be­
Hieraus ergab sich mir der Begriff, den ich Einfüh­ griff Einfühlung auf den kunstphilosophischen
lung nenne.«57 Der Vorzug des Begriffs war offen­ Werkbereich bezogen und damit sein Anwen-
kundig, da er Tatsachen alltäglicher Beobachtung
mit einem komplexen und kaum beachteten psy­
chischen Geschehen verbinden konnte. Drei Arten 55 F. T. VISCHER (s. Anm. 49) , 43 5 .
des ästhetischen Verhaltens ließen sich unterschei­ 56 F. T. VISCHER (s. Anm. 20) , 3 19, 3 20.
57 R . VISCHER (s. Anm. 45), 4.
den: die >sensitive< Gefühlsbeteiligung, die für das
58 R . VISCHER, Der ästhetische Akt und die reine Form
ruhende Auge besonders durch Licht und Farbe ( 1 8 74) , in: R. Vischer (s. Anm. 45), 47 f.
erzeugt wird; das >motorische< Verhalten, bei dem 59 F. T. VISCHER (s. Anm. 20) , 224.
l32 Einfühlung/Empathie/Identifikation

dungsbereich erheblich erweitert. Eine Ästhetik entwickelt worden war, wollte allerdings zu Ein­
des Willens zum künstlerischen Schaffen, über­ fühlung als psychischem Erlebnis schlecht passen,
prüfbar durch experimentelle Psychologie - in wobei zwischen »Stimmungseinfühlung« und »Tä­
diesem Rahmen schien die Hypothese der Einfüh­ tigkeitseinfühlung«62 zu unterscheiden bleibe.
lung den Zeitgenossen die Basis einer ganz neuen Schließlich war der Begriff als eine der Quellen
Philosophie des Schönen und der Kunst abzuge­ des ästhetischen Genusses gebräuchlich, und es
ben. In dem Buch über Raumästhetik hatte Lipps fehlte nicht an besonnenen Stimmen, die vor den
an den sog. >optischen Illusionen< nachgewiesen, metaphysischen und verabsolutierenden Ten­
wie reale geometrische Formen durch unser Urteil denzen warnten. »Die neuere Literatur über Ein­
verfalscht werden. Die Engländerin Vernon Lee fühlung«, bilanzierte Max Dessoir, »hat uns mit ei­
meinte in Lipps einen >neuen Darwin< begrüßen ner Fülle von Redewendungen überschüttet und
zu können, dessen Idee der Einfühlung in ihrer in ihnen unverkennbar das Verhalten der Seele ge­
Bedeutung mit der von der natürlichen Zuchtwahl kennzeichnet, wie es in manchen Fällen dunkel ge­
zu vergleichen sei.60 Und in der Tat ist der Begriff fühlt und instinktiv erfahren wird. Aber die Theo­
>ästhetische Einfühlung< auch in das Gebiet der rie droht zu einer schablonenhaften Versprachli­
Biologie gewandert. Von Karl Möbius, dem Di­ chung sich auszuwachsen.«63 Schon 1 9 1 2 hatte
rektor des Berliner Zoologischen Museums, er­ Theodor A. Meyer in die gleiche Kerbe gehauen
schien in den Sitzungsberichten der Preußischen und betont, daß in größeren Kunstwerken meh­
Akademie der Wissenschaften nicht nur eine Ab­ rere Gefühlstypen gleichzeitig vorhanden sein und
handlung über Die ästhetische Betrachtung der Tiere zu Bewußtsein kommen müßten, wenn das Ganze
( 1 895), sondern auch eine über das diffizilere Pro­ erfaßt werden sollte: »In der Tatsache [ . . . ] , daß wir
blem: Können die Tiere Schönheit wahrnehmen und unter günstigen Bedingungen an bestimmten Hö­
empfinden? ( 1 906) .61 hepunkten des Kunstwerks mit unserer Seele ganz
Was mit der Expansion in neue Bereiche und im Kunstwerk sind, liegt die Wahrheit der Einfüh­
Disziplinen verlorengehen mußte, war die seman­ lungstheorie.« »Die vollständige Einfühlung ist ein
tische Einheit des Begriffs. Moritz Geiger hat Ausnahmezustand, und es ist gut, daß er nur in äs­
schon l 9 IO nicht weniger als vier unterschiedliche thetischen Feierstunden eintritt. Er steht an der
Bedeutungen beobachtet. Neben Einfühlung als Grenze des Ästhetischen. «64
theoretischem Erklärungsmodell für das Entstehen Worum es bei diesen Auseinandersetzungen
unseres Wissens vom anderen Menschen steht Ein­ ging, war in philosophischer Hinsicht die Abwehr
fühlung als Nacherleben und als Mitgehen mit an­ der Metaphysik des subjektiven Idealismus, zu dem
deren Menschen, also als methodisches Erkennt­ sich Johannes Volkelt wie Lipps unverhohlen be­
nismittel der Psychologie. Daß die Einfühlungs­ kannten. »Es ist eine Grundthatsache«, schrieb
theorie bei den Vischers als >Beseelung des Lipps, »daß ein >sinnlich gegebenes Objekt<, genau
Untermenschlichen<, also als seelische Funktion genommen, ein Unding ist, Etwas, das es nicht
giebt und nicht geben kann. [ . . . ] Von meinem Le­
ben [ . ] ist jedes Objekt, das für mich als dies be­
. .

stimmte existirt - und andere Obj ekte existiren


60 Vgl. VERNON LEE, La sympathie esthetique d'apres nun einmal für mich nicht -, nothwendig und
Th. Lipps, in: Revue philosophique de la France et selbstverständlich durchdrungen. Und Dies nun ist
de l' Etranger 64 ( 1 907) , 6 1 5 .
der allgemeinste Sinn der >Einfühlung<.«65 Solange
6 1 Vgl. KARL MÖBIUS, Ästhetik der Tierwelt Qena
1 908), III. Freiheit als eigentliches Kennzeichen des ästheti­
62 GElGER (s. Anm. 3 1) , 50, 5 1 . schen Zustandes galt, wie die Tradition der deut­
6 3 MAX DESSOIR, Ästhetik und allgemeine Kunstwissen­ schen Ästhetik lehrte, konnten aber auch forsche
schaft ( 1 906; Stuttgart ' 1 923), 46. Formulierungen nicht darüber hinwegtäuschen,
64 THEODOR A . MEYER, Kritik der Einfühlungstheorie,
daß man das Phänomen auch ganz anders sehen
in: Ztschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwiss. 7 ( 1 9 12),
566, 567. konnte und Einfühlung jedenfalls nicht als Syn­
6 5 LIPPS (s. Anm. l ) , 1 5 8 . onym für >Sympathie< anzusehen war, wie Lipps
III. Das naturwissenschaftliche Jahrhundert und die Einfühlung 133

das wollte.66 Denn diese unterstellt ein freies inne­ mit diesem Verdikt durch den großen Russen,
res Mitmachen bzw. Einfühlung im positiven Sinn, nimmt sich die Formel: »der ästhetische Genuß
was für die von Lipps zwar erwähnte, aber nie be­ wird [ . . . ] in dem Einklang des Eigenen und des
schriebene >negative Einfühlung< nicht gelten Fremden gefunden«69, auf die Dessoir den Grund­
konnte. gedanken der Einfühlungstheorie brachte, akade­
Was darunter zu verstehen sei, hat Lev Tolstoj misch und verharmlosend aus.
r 8 89 in der Kreutzersonate gezeigt, wenn er im 2 3 . Eine wichtige Weiterentwicklung und Neufor­
Kapitel aus der Einfühlungstheorie verallgemei­ mulierung hat die Einfühlungstheorie in den 20er
nernd radikal andere Konsequenzen zieht: »My- Jahren in Rußland durch Michail Bachtin erfah­
3h1Ka 3aCTaBJHleT MeH51 3a6b!BaTh ce651, MOe ren. In dessen erst r 979 an die Öffentlichkeit ge­
lilCTlilHHOe IlOJlO)!(eHlile, OHa nepeHOCli!T MeH51 B langten Aufsatz Autor und Held in der ästhetischen
KaKoe-To .11pyroe, He CBoe nono)!(eHMe: MHe Tätigkeit wird Einfühlung nur als Anfangsphase,
no.11 BJ1lil51HlileM MY3h1Klil Ka)!(eTc51, qTo 51 nicht als Endzweck der ästhetischen Tätigkeit ver­
qyBCTBYIO TO, qero 51, co6cTBeHHO, He qyBCTByJO, standen: »ITepBblM MOMeHT 3CTeTJilqeeKOM .11e51-
'!TO 51 IlOHli!Ma!O TO, qero He ITOHli!Ma!O, qTo TeJ1hHOCTlil - ß)!(JilBaHlile: 51 .llOJl)!(eH nepe)i(li!Tb -
Mory To, qero He Mory. [ . . . ] ÜHa, MY3h1Ka, YBlil.lleTh lil Y3HaTb - TO, �o oH [repotl] nepe­
cpa3y, Henocpe.11cTBeHHO nepeHOClilT MeH51 B TO )!(JilBaeT, CTaTb Ha ero MeCTO, KaK 6hl COBITaCTh c
.llYIIIeBHOe COCT051Hlile, B KOTopoM HaX0.11li!J1C51 Hli!M«70. (Das erste Moment der ästhetischen Tä­
TOT, KTO nMcan MY3h1Ky. 51 CJ1li!Ba10ch c Hli!M tigkeit ist die Einfühlung: Ich muß erleben - er­
.llYIII OIO lil BMeCTe c Hli!M nepeHOIIIYCh lil3 0.11 - blicken und erfahren -, was er [der Held - d. Verf.J
Horo COCT051Hlil51 B .11pyroe, HO 3aqeM 51 3TO erlebt, seinen Platz einnehmen, gleichsam eins mit
.11ena10, 51 He 3HaJO.« (Die Musik bewirkt Selbst­ ihm werden.) Aber nicht schon in diesem Ver­
vergessen, ich vergesse meine Lage und werde in schmelzungsvorgang, sondern erst in der Rückbe­
eine andere Welt versetzt. Unter ihrem Einfluß sinnung auf das eigene Ich beginnt für Bachtin die
glaube ich etwas zu fühlen, was ich in Wirklichkeit entscheidende ästhetische Erfahrung: »3CTeTM­
nicht empfinde, Dinge zu verstehen, die ich nicht qecKa51 .11e5ITeJ1hHOCTh [ . . . ] HaqJilHaeTC51, co6CT­
begreife, Fähigkeiten und Kräfte zu besitzen, die BeHHO, Tor.11a , Kor.11a Mhl B03Bpall.\aeMC51 B ce651 lil
mir fehlen. [ . . . ] Nur die Musik vermag es, mich Ha CBOe MeCTO BHe CTpa.11a 101I1ero, ocpopMn51eM
unvermittelt in die Stimmung zu versetzen, in der M 3aBepIIIaeM MaTepMan B)!(li!BaHM51; M 3Tlil
sich der Komponist befand, als er die betreffende ocpopMneHMe M 3aBepllleHMe np0Mcxo.1151T TeM
Musik komponierte. Meine Seele geht in seiner nyTeM, qTo Mbl BOCITOJ1H51eM MaTeplilan B)!(li!Ba­
auf und teilt ihre wechselnden Stimmungen, doch Hlil51«71 . (Die ästhetische Tätigkeit beginnt eigent­
werde ich mir dessen nicht bewußt, weshalb.)67 lich dann, wenn wir in uns selbst, auf einen Platz
Offensichtlich wehrt sich Tolstoj gegen das von außerhalb des Leidenden zurückkehren und das
der Musik verursachte Aufreizen der Gefühle als Material der Einfühlung gestalten und vollenden;
Selbstzweck. Er hinkt mit dieser puritanischen
Auffassung der längst herrschenden Ansicht von
66 Vgl. LIPPS, Ästhetik, Bd. 1 (Hamburg/Leipzig 1 903),
der Autonomie der Kunst weit hinterher. Man 1 3 9 f.
wird als Deutscher am Ausgang des 20. Jh. , wenn 6 7 LEV TOLSTOJ, Krejcerova sonata (1 891), in: Tolstoj ,
man Wagners Hitler (1 997) von Joachim Köhler ge­ Polnoe sobranie socinenij, hg. V. V. G. C ertkov,
Bd. 27 (Moskau/Leningrad 1 9 3 3 ) , 6 1 ; dt. : Die Kreut­
lesen hat, jedoch nachdenklich, wenn es bei Tolstoj
zersonate, in: Tolstoj , Die Kreutzersonate und andere
weiterhin heißt: »Pa3Be MO)!(HO .11onyeTli!Th, Erzählungen, übers. v. E. v. Baer (Leipzig 19 54) , 266.
qT06b1 BC51Kli!M, KTO xoqeT, rli!ITHOTlil31i!poBaJ1 6b1 68 Ebd.; dt. 267.
0.llli!H .11pyroro li!Jllil MHOrli!X lil ITOTOM 6hr .11enan 69 DESSOIR (s. Anm. 63), 42.
c Hli!Mlil qTo xo'leT.« (Ist es denn zulässig, daß je­ 70 MICHAIL M . BACHTIN, Avtor i geroj V estetiCeskoj
dejatel'nosti (um 1920-1925), in: Bachtin, Estetika
der, dem es einfallt, die Macht erhält, den anderen
slovesnogo tvorcestva (Moskau 1 979) , 24 f. ; vgl. JAUSS
oder sogar viele Menschen zu hypnotisieren, damit (s. Anm. 27) , 68 1 .
er mit ihnen tun kann, was er will?)68 Verglichen 7 1 BACHTIN (s. Anm. 70) , 26.
r 34 Einfühlung/Empathie/Identifikation

und diese Gestaltung und Vollendung vollzieht 3 . Die Partialität der Kategorie: Worringer
sich so, daß wir das Material der Einfühlung ergän­
zen>>.) Wie der Therapeut nach der Identifikation Daß Lipps im »Einfühlungsgedanken die alleinige
mit den Gefühlen eines Patienten das Vermögen prinzipielle Grundlage des Ästhetischen«75 sah und
aufbringen muß, das Ich vom Nicht-Ich zu tren­ diese Lösung mit dem Eifer des Neophyten uner­
nen, um sich ein Bild über den Patienten zu ma­ müdlich in seinen Schriften propagierte, mußte
chen, so postuliert Bachtin die Distanznahme als vor allem auf jenem Gebiet zum Widerspruch rei­
unverzichtbares Moment, wenn ästhetische Erfah­ zen, von dem die Einfühlungstheorie ausgegangen
rung ihre Möglichkeiten ausschöpfen soll. war, dem des Sehens und des >Anschauens<. Es ist
In Deutschland wurde dagegen mit der Abwehr das Verdienst Wilhelm Perpeets, mit Nachdruck
gegenüber dem »maßlosen Subjektivismus« der auf die allgemein verbreitete falsche Genealogie
Jahrhundertwende und mit dem Festhalten am Be­ hingewiesen zu haben: Der Terminus »Einfüh­
griff der Kunst als »Anschauung«, die »uns einer lungs-Ästhetiker«76 ist zum ersten Mal 1 894 ge­
objektiven Welt« gegenüberstellt, das Ästhetische braucht worden, nachdem die Einfühlungstheorie
gegen eine Instrumentalisierung verteidigt, bei der der beiden Vischers ausgearbeitet vorlag. Er signa­
es nur dazu dienen soll, »uns den ganzen Umfang lisiert die nachträgliche Ausweitung der natur­
der erlebbaren Sensationen zu erschließen«72• Es ästhetischen Problemlösung auf den gesamten
ging den Kritikern bei alldem um eine Absiche­ Bereich der Kunst. Eröffnet war damit die Amal­
rung der geistesgeschichtlichen Disziplinen »gegen gamierung mit dem im 1 8 . Jh. entwickelten Ein­
Übergriffe der naturwissenschaftlich arbeitenden fühlungsbegriff, der ausschließlich auf Menschen
Psychologie« 73. bzw. literarische Figuren bezogen war. Weil das
In dieser Funktion hatte der Begriff bei Dilthey Wort Einfühlung bei Aufklärern wie bei Romanti­
auch für seine Begründung einer Erkenntnistheo­ kern aber auch auf die zoomorph aufgefaßte Natur
rie der Geisteswissenschaften Verwendung gefun­ angewendet worden war, um die sympathetische
den. Mit der Grundthese, daß die Geisteswissen­ Einfühlung des Menschen in den sinnreichen Kos­
schaften im Zusammenhang von >Erleben, Aus­ mos der Natur auszudrücken, datierten fast alle
druck und Verstehen< gründen, war der Prozeß der Einfühlungstheoretiker - Friedrich Theodor Vi­
Selbstauslegung des Lebens gekennzeichnet. Weil scher ist die Ausnahme - die konzeptionelle
Dilthey eine Philosophie des ganzen Menschen ge­ Grundlegung der Einfühlungsästhetik irrtümlich
ben wollte, waren Psychologie, Entwicklungsge­ in die Zeit der romantischen Naturphilosophie.
schichte und Transzententalphilosophie eine ei­ Schon für den jungen Friedrich Theodor Vischer,
gentümliche Verbindung eingegangen.74 betont demgegenüber Perpeet, hatte die Natur
keinen Logos: »Nicht aus dem Staunen über die
Befreundung mit der Natur, sondern über die
Befremdung ihr gegenüber konzipiert die Ein­
fühlungsästhetik ihre These. Nicht etwa Novalis,
72 MEYER (s. Anm. 64) , 5 52.
sondern Hegel, der mit der Phänomenologie des
73 O SKAR WALZEL, Gehalt und Gestalt im Kunstwerk
des Dichters (Berlin 1923), 9. Geistes die Romantik beigesetzt hatte, ist ihr un­
74 Vgl. HERBERT SCHN Ä DELBACH, Philosophie in freiwilliger Pate. «77
Deutschland 1 8 3 I - I 9 3 3 (Frankfurt a. M. I 983), 75. Die 1 906 von Lipps in einer Wochenschrift ver­
75 GEIGER (s. Anm. 3 I ) , 59.
öffentlichte Abhandlung Einfühlung und ästhetischer
76 THEOBALD ZIEGLER, Zur Genesis eines ästhetischen
Begriffs, in: Ztschr. f. vgl. Literaturgeschichte, N. F. 7 Genuß, in der er seine theoretischen Überlegungen
( I 894) , I I 5 ; vgl. WILHELM PERPEET, Historisches und zusammenfaßte, hat wie ein Manifest der Einfüh­
Systematisches zur Einfühlungsästhetik, in: Ztschr. f. lungsästhetik gewirkt. Bei künftigen Untersuchun­
Ästhetik u. allg. Kunstwiss. , N. F. I I { I 966) , I 96 .
gen sollte »nicht mehr von der Form des ästheti­
77 PERPEET (s. Anm. 76) , 204.
78 WILHELM WORRINGER, Abstraktion und Einfühlung.
schen Objektes, sondern vom Verhalten des be­
Ein Beitrag zur Stilpsychologie ( I 908; Dresden I 996) , trachtenden Subjekts«78 ausgegangen werden. Das
36. Übertragen der aus der Ästhetik des Naturschönen
III. Das naturwissenschaftliche Jahrhundert und die Einfühlung 135

gewonnenen Perspektive auf das Gebiet der Kunst­ trieb bei den Schöpfern der Kunstwerke in den
geschichte erwies sich jedoch als schwierig. Es Mittelpunkt und verdrängte die Aneignung der
zeigte sich, daß der postulierte sinnliche Selbstge­ Werke durch das >betrachtende Subjekt<. Die aus
nuß des bürgerlichen Individuums bei Kunstrich­ der Reflexion über das Naturschöne entwickelte
tungen, die die Natur in ihrem organischen Leben Einfühlungstheorie ist bei ihrer Anwendung auf
wiedergaben, besser anwendbar war als bei Kunst­ das Gebiet der bildenden Künste durch Worringer
richtungen, die Natur in ihrem anorganischen Le­ zweifellos erheblich eingeschränkt worden.
ben darstellten. Abstraktion und Einfühlung. Ein Bei­ Schon bei ihm, dem im Grunde die Formel von
trag zur Stilpsychologie hieß das Gegenmanifest, in Lipps »der ästhetische Genuß [ . . . ] ist objektivirter
dem der junge Kunsthistoriker Wilhelm Worrin­ Selbstgenuß«80 nur als Folie dient, wird Einfühlung
ger 1 908 den Nachweis führte, daß die Einfühlung formelhaft gebräuchlich. Als >Schlagwort< stand
für Kunstwerke j enseits der griechisch-römischen Einfühlung seitdem auch für den allgemeinen
und der modernen okzidentalen Kunst nicht an­ Sprachgebrauch und für viele Zwecke zur Verfü­
wendbar sei. 79 Für dieses weite Gebiet müsse viel­ gung. Das Urteil, »daß der Verfasser sein Material
mehr der nach anorganischer Gesetzmäßigkeit durch seelische Einfühlung gar zu sehr erweicht
strebende »Abstraktionsdrang« als Schlüssel be­ und nach eigenem Sinne gemodelt hat«81, ist ein
trachtet werden, den Worringer als »Gegenpol« kritisches, von dem Münchener Romanisten Karl
(48) zur Einfühlung versteht und »bei allen ( . . . ] Vossler auf die Montesquieu-Arbeit Victor Klem­
Völkern am Anfange der Kunstübung« ( 1 1 9 f.) er­ perers bezogen. Der Vorwurf, »bei sprachlichen
kennen will. Vorgängen Sinn und Entwicklung durch das Ge­
Damit war nicht nur der Absolutheitsanspruch fühl zu deuten, also durch Einfühlung zu erklären,
der Einfühlungsästhetik erschüttert. Die gesamte warum irgendeine Sprachgemeinschaft oder ir­
von der Antike und Renaissance abstrahierte gendein Autor so sprechen oder so schreibern82,
Kunstanschauung, deren Wertungskriterien das wird von einem anderen Romanisten aber auch
Organische und das Lebenswahre bildeten, war als gegen Vossler selbst erhoben. Dagegen stand der
»europazentrisch« ( 1 43 - als Neologismus gekenn­ Begriff in der nach der Niederlage im 1 . Weltkrieg
zeichnet) relativiert. Das »Kunstwollen« (48) ägyp­ gepflegten Völkerpsychologie oder Wesenskunde
tischer Pyramiden oder sarazenischer Arabesken in höchstem Ansehen: »Kein anderes Wort be­
könne auf dieser Grundlage niemals angemessen zeichnet deutlicher die deutsche Art, Eindrücke
analysiert werden. Zugleich hatte Worringer ein aufzunehmen und zu verarbeiten, als der von
bemerkenswertes Plädoyer für die neitgenössi­ Theodor Lipps geprägte Name >Einfühlung<. Der
schen Kunstkampfbewegungen« (8) - wie er im vortreffliche Gelehrte wollte mit diesem schon in
>Vorwort zur Neuausgabe 1 948< formuliert - und der Romantik verbreiteten Wort einen Vorgang
deren >Abstraktionsdrang< geschrieben. Der stark der allgemeinen Seelenkunde festhalten; aber gab
durch die Arbeiten Alois Riegls geprägte Worrin­ uns damit, was schwerer wiegt, ein festes Kennzei-
ger wollte die unterschiedlichen Kunstäußerungen
terminologisch scharf voneinander abgegrenzt se­
79 Vgl. ebd.
hen. Er hat die Amalgamierung der unterschiedli­ So LIPPS (s. Anm. 1 ) , 1 52.
chen Typen von Einfühlung, wie sie die Einfüh­ 8 1 KARl VOSSLER, Französische Philologie (Gotha
lungsästhetik am Ausgang des 1 9 . Jh. bewirkt hatte, 1 9 1 9) , 60.
82 LEO JORDAN, Die verbale Negation bei Rabelais und
aber nicht grundsätzlich kritisiert. Immerhin war
die Methode psychologischer Einfühlung in der
mit dieser Übertragung aus einer Erkenntnistheo­ Sprachwissenschaft, in: W Meyer-Lübke (Hg.),
rie eine Handlungstheorie geworden, eine Wand­ Hauptfragen der Romanistik (Heidelberg 1922), 75;
lung, für die der 1 90 1 von Riegl in die Kunstwis­ vgl. FRANZ LEBSANFT ' Ein deutsch-jüdisches Schick­
senschaft eingeführte Begriff des >Kunstwollens< sal: Der Philologe und Linguist Leo Jordan ( 1 8 74-
1 940) , in: H. H. Christmann/F.-R. Hausmann (Hg.) ,
wichtig war, auch wenn er nur für Zeiten und
Deutsche und österreichische Romanisten als Ver­
Völker, nicht für Einzelpersonen angewendet wer­ folgte des Nationalsozialismus (Tübingen 1 989) , 165-
den sollte. Auf diese Weise rückte der Einfühlungs- 167.
I36 Einfühlung/Empathie/Identifikation

chen unserer Wesensmitte an die Hand.«83 Die IV Einfühlung in Deutschland


Idee der Einfühlung wurde im Ausland zunächst zwischen 1 9 3 0 und 1 967
als »formule bien tudesque et un peu bizarre«84
empfunden und gilt Mikel Dufrenne sogar heute Für die Entwicklung in der verhängnisvollsten Pe­
noch als unhaltbar: »Notion mal maitrisee, parce riode deutscher Geschichte ist charakteristisch, daß
que ce qu' eile veut dire est finalement impensa­ in verschiedenen Bereichen mit semantisch unter­
ble. «85 In Deutschland ist der Begriff dagegen in schiedlichen Einfühlungsbegriffen gearbeitet wird
den 20er Jahren zum Klischee einer Konfrontation und der Terminus >die deutsche Bewegung< und
von Völker- und Kulturkunde verkommen: >Die deren Herrschaft im Dritten Reich obendrein zu
deutsche Einfühlung< heißt ein Kapitel in dem extrem gegensätzlichen Wertungen veranlaßt. Der
Buch Esprit und Geist des Berliner Romanisten radikalen Ablehnung der Einfühlung durch bedeu­
Eduard Wechssler, dem als Gegenstück ein Kapitel tende Künstler wie Brecht und die Köpfe der kriti­
über >Le besoin d' emotions et de Sensations< bei schen Philosophie steht die durch Jahrzehnte
den Franzosen vorangestellt ist. unbeirrbar positive Wertung durch die deutsche
Vor dem Wertmaßstab der Ideologen des Natio­ Geisteswissenschaft Diltheyscher Prägung als do­
nalsozialismus fand die gesamte Einfühlungsästhe­ minante Position gegenüber. Die Überwindung
tik trotz solch völkischer Stilisierung keine Gnade. dieser starren Fronten gelingt in der Bundesrepu­
Alfred Rosenberg kritisiert die intensive Suche blik erst im Zeichen der Psychoanalyse, deren Re­
nach motorischen Korrelaten bei der Reaktion auf patriierung aus der angelsächsischen Welt nach
Formen als eine Unterschätzung des »Unbewußt­ 1950 eine ungeheure Wirkung auf das allgemeine
Irrationalem86, protestiert gegen die verabsolutie­ Denken ausübt. Sigmund Freuds Strukturierung
rende Konzentration der neueren Ästhetiker »al­ des Seelenlebens hatte dem Vorgang der Einfüh­
lein auf die Gefühle des Kunstempfängers« (4 1 4) , lung in der Entwicklung des persönlichen Ichs ei­
wodurch »die Verhältnisse allen Ernstes auf den nen festen Platz gegeben. Mit Hilfe der Begriffe
Kopf gestellt« (41 6 f.) und »das objektiv im Kunst­ Identifikation und Introjektion ließen sich Einsich­
werk Gegebene« (4 1 5) übersehen würden. Bei der ten in die Grundlagen kollektiven Verhaltens ge­
»Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe winnen, konnte die Verschränkung und das Aus­
unserer Zeit«, wie es im Untertitel heißt, erhält die einandertreten des persönlichen und des sozialen
Einfühlungsästhetik von Rosenberg das kritische Ichs dargestellt werden.
Attribut »psychologistisch« (4 1 7) . Nach ihrer Lehre
laufe ästhetischer Genuß auf »seelische Selbstbe­
1 . Einfühlung als Leitwort geistesgeschichtlicher
friedigung« (4 1 6) hinaus, die Bedeutung »des völ­
Methode
kisch-rassisch-bedingten aesthetischen Willens«
(4 1 7) dagegen komme nirgends zur Sprache. Der hohe Stellenwert, den das Wort Einfühlung
für die Geisteswissenschaft in Deutschland über
Jahrzehnte innegehabt hat, scheint dabei im Rück­
blick am wenigsten verständlich. Was sich um die
Jahrhundertwende vollzog, war die Abkehr von
83 EDUARD WECHSSLER, Esprit und Geist. Versuch einer der Überschätzung des Bewußtseins und die Ent­
Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen (Bie­ deckung der Dimension der unbewußten psychi­
lefeld/Leipzig 1 927), 5 r .
schen Vorgänge. »Das Unbewußte«, schrieb Freud
8 4 LEE (s. Anm. 60) , 6 1 5 .
8 5 MIKEL DUFRENNE, Textes & inedits. L a vie, l'amour, 1 900, »muß nach dem Ausdrucke von Lipps als all­
la terre, in: Revue d'esthetique, N. S., H. 30 ( 1 996) , gemeine Basis des psychischen Lebens angenom­
1 20. men werden. Das Unbewußte ist der größere
86 ALFRED ROSENBERG, Der Mythus des 20. Jahrhun­ Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich ein­
derts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestalten­
schließt«87. Mit der Einfühlungsästhetik schien der
kämpfe unserer Zeit ( 1 930; München 1936), 4 1 5 .
87 SIGMUND FREUD, Die Traumdeutung ( 1 900) , in: Erkenntnisfortschritt verbunden, daß Wahrneh­
FREUD ( GW ) , Bd. 2 1 3 ( 1 942), 6 1 7 . mungsprozesse von Gestalten und Formen mit
IV Einfühlung in Deutschland zwischen 1 9 3 0 und 1 967 137

wissenschaftlich meßbaren physiologischen Reak­ der deutschen romantischen Tradition hatten die
tionen in unserem Körper verknüpfbar würden. Einfühlungsästhetiker selbst in die Welt gesetzt.
Erst in dieser Konstellation wird an der Pariser Der Mythos von der Einfühlung als urdeutscher
Sorbonne der erste Lehrstuhl für Ästhetik in Geisteserrungenschaft steht bei der Germanistik, in
Frankreich gegründet. Und Subordination der in­ der Spitzer zufolge »schon vor Hitler die Fähigkeit,
tellektuellen Aktivitäten unter die emotionellen ist das Eigene >fern< zu sehen, gering war« (578), noch
auch bei Victor Basch, dem ersten Lehrstuhlinha­ Jahrzehnte nach 1 945 in ungebrochenem Ansehen.
ber, die Voraussetzung, unter der bei ästhetischer In dem repräsentativen Reallexikon der deutschen Li­
Betrachtung »le peuple des sentiments, serf dans teraturgeschichte, dessen Bände ab 1 9 5 8 in 2. Auflage
!' etat normal, qui est !' etat de la connaissance, jaillit erscheinen, enthalten gerade methodologische Ar­
avec une energie d' autant plus prodigieuse que le tikel eindrucksvolle Belege. Im Artikel >Literatur
contemplateur est plus sensible, est plus vibrant. La und Geschichte< ist Einfühlung das Zauberwort,
nature tout entiere se met a chanter, a se mouvoir, um die Revolution im Geschichtsverstehen um
a danser. Tout en eile, tout en nous, car eile est deve­ 1 770 zu erklären: »Winckelmann wies den Weg
nue nous, n'est que source de sentiments, de joie ou mit der seelisch vertieften Einfühlung in die Ver­
de douleur, de tension ou de detente, d' excitation gangenheit«, während Herder, angeregt »von Auf­
ou de depression. / > Tout en eile, tout en nous, car klärung, Pietismus, Platonismus und Präromantik,
eile est devenue nous<, qu' est-ce que cela veut von Rousseau und Hamann«, schließlich »die neue
dire? Cette phrase recele l'acte esthetique par ex­ Methode der histor.-ästhet. Einfühlung« entwik­
cellence, !' Einfühlung«88• kelte, »die in Poesie und G [eschichte] die gleiche
Als wichtiger Theorieansatz für das eigene Fach Notwendigkeit walten sieht«91 . Im Zentrum der
bleibt die Einfühlung auch bei großen deutschen »geistesgeschichtl. Methode«, präzisiert der Artikel
Emigranten nach 1 945 in Erinnerung, wobei frei­ >Literaturwissenschaft<, steht »das relativistisch­
lich über ganz verschiedene Phänomene gespro­ einfühlende Verständnis der jeweiligen epochalen
chen wird. »This doctrine«, heißt es 1 972 bei dem Einheit«92. Auch wenn eingeräumt wird, die
Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich, »relies on the Methode der Wesensschau biete Angriffsflächen
traces of muscular response in our reaction to für Kritik, fehlt von Selbstzweifel jede Spur. Über
forms; it is no t only the perception of music which den in den b eiden ersten Jahrzehnten des 20. Jh. in
makes us dance inwardly, but also the perception Deutschland erfolgten »Übergang von positi­
of shapes.«89 Dagegen ist Leo Spitzer als Vertreter vistisch-biographistischer zu idealistisch-ideen­
der Philologie, jener »Wissenschaft, die den Men­ geschichtlicher L[iteraturwissenschaft] « heißt es la­
schen zu verstehen sucht, soweit er sich im Worte pidar, er sei »die größte und eindrucksvollste
(Sprache) und in Wortgebilden äußert«, 1 946 von
der Sorge erfüllt, daß in den Jahren des überstei­
gerten nationalistischen Wertgefühls die in der
deutschen Romantik entwickelte philologische
88 VICTOR BASCH, Le maitre-probleme de l'esthetique
Tugend des Vergleichens, »ein stetiges Naherücken
(1921), in: Basch, Essais d'esthetique, de philosophie
des Femen wie ein stetiges Fernerücken des Na­ et de litterature (Paris 1 934), 64.
hen«90, nicht mehr gepflegt werden konnte und so 89 ERNST H. GOMBRICH, The Mask and the Face: The
keine neue Generation zu sehen sei, »die Einfüh­ Perception of Physiognomie Likeness in Life and in
Art, in: Gombrich/j. Hochberg/M. Black, Art, Per­
lung in Fremdes weiterführen« (578) könnte.
ception, and Reality (Baltimore/London 1 972), 3 5 .
Unverkennbar verwendet der Kunsthistoriker 9 0 L E O SPITZER, Das Eigene und das Fremde. Über Phi­
Einfühlung als konkreten, von der Einfühlungsäs­ lologie und Nationalismus, in: Die Wandlung 1
thetik geprägten Begriff, während der Terminus ( 1 945/ 46) , 576.
bei Spitzer die von Dilthey befestigte vage Bedeu­ 9 1 BERTHOLD EMRICH, >Literatur und Geschichte<, in:
W Kohlschmidt/W Mohr (Hg.), Reallexikon der
tung des >Verstehens< als >Übertragung des eigenen
deutschen Literaturgeschichte, lld. 2 (llerlin ' 1 965),
Selbst in einen gegebenen Inbegriff von Lebensäu­ 132.
ßerungen< hat. Die irreführende Genealogie aus 9 2 ERIK LUNDING, )Literaturwissenschaft<, in: ebd. , 200.
l38 Einfühlung/Empathie/Identifikation

Revolution in der Geschichte der L[iteraturwis­ 2. Gegen die Einfühlung: Brecht und
senschaft] « 93. die marxistischen Theoretiker der Distanz
Von semantischer Entwicklung kann bei solch
leitmotivartiger Wiederholung keine Rede sein. Die Arbeit mit dem Begriff, die bei den Vertretern
Zu fragen ist deshalb, welche Positionen oder der Geistesgeschichte fehlt, ist bei den Kritikern
Grenzen damit verteidigt werden sollten. Schon der Einfühlung in reichem Maße vorhanden. Zu
Oskar Walzels l 92 l im Manuskript fertiggestelltes ihnen gehören bedeutende philosophische Köpfe,
Buch Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters, und ein ganzes Arsenal von Argumenten ist bei der
das die verschiedenen vorhandenen Methoden und Polemik aufgeboten worden.
Verfahren integrativ zusammenführen sollte, hatte Grundposition dieser kritischen Richtung, de­
eine deutliche Antwort gegeben: Auf der einen ren Repräsentanten Benjamin, Brecht und Adorno
Seite sind es die Begriffe des Kunstwerks und der sind, ist die Überzeugung vom Geltungsverlust der
Dichtungsgeschichte, die allein Einfühlung und äs­ klassischen Kunstphilosophie im 20. Jh. Eine mate­
thetische Würdigung verdienen, wohingegen die rialistisch orientierte Theorie der Kunst und Lite­
»Geschichte aller möglichen schriftlichen Auf­ ratur muß Einfühlung immer im Verhältnis zum
zeichnnngen« 94 nicht in die Znständigkeit der Lite­ gesellschafi:lichen Handeln in weltgeschichtlicher
raturwissenschaft, sondern der Soziologie gehöre. Perspektive reflektieren. Aus dieser geschichtsphi­
Anf der anderen Seite geht es um die Abwehr von losophischen Perspektive ist die Verwendung äs­
»Übergriffen der naturwissenschaftlich arbeitenden thetischen Begriffsmaterials, das in früheren Ge­
Psychologie« (9) , die den Vorbedingungen gegen­ schichtsperioden entwickelt wurde, grundsätzlich
sätzlicher Ausdrucksmöglichkeiten sogar »in der problematisch.
Urform am Kinde« (1 l) auf die Sprünge kommen Walter Benjamin, um i 9 3 0 wohl der bedeutend­
wolle. ste deutsche Literaturkritiker, hat in seinem Verriß
Zu solcher Gebietsabgrenzung hatte Lipps selbst der von Emil Ermatinger herausgegebenen Philoso­
das Beispiel gegeben, als er 1 906 jede Verbindung phie der Literaturwissenschaft (1930) , eines Standard­
zwischen ästhetischem Erleben und dem Erleben werks der geistesgeschichtlichen Richtung, diese
»in der realen Welt« oder »im praktischen Leben« radikale Ablehnung brillant formuliert. Über die
negierte. Grundbedingung für jeden, »der von gebetsmühlenartige Berufung auf die »ewigen
Einfühlung redet und in der Einfühlungsfrage mit­ Werte« in der zeitgenössischen Literaturwissen­
reden will« 95, ist Lipps zufolge die Einsicht in die schaft und -kritik wird das Urteil gefallt: »In die­
kategoriale Differenz dieser Bereiche. Auch wenn sem Sumpfe ist die Hydra der Schulästhetik mit ih­
Lipps die Ästhetik als psychologische Disziplin ver­ ren sieben Köpfen: Schöpfertum, Einfühlung,
stand, als Geisteswissenschaft hatte sie nicht Ele­ Zeitentbundenheit, Nachschöpfung, Miterleben,
mente oder Faktoren zu sammeln, sondern ein Illusion und Kunstgenuß zu Hause.«96 Einfühlung
Prinzip zu entwickeln und dann nach all seinen erscheint als eines der »Ochsenaugen« im Hause
Möglichkeiten zu verfolgen. der Dichtung, aus dem die Germanistik das Feuer
auf alle soziologischen und sozialgeschichtlichen
Ansätze »materialistischer Literarhistorie«97 eröffne,
seitdem sie, von positivistischer Sammelarbeit
emanzipiert, sich geistesgeschichtlicher Deutung
verschrieben habe. Die innere Zusammengehörig­
93 Ebd„ I99·
94 WALZEL (s. Anm. 73), 8. keit der Einfühlung mit den Begriffen Nachschöp­
95 LIPPS (s. Anm. I ) , I 6 5 . fung, Zeitentbundenheit, Miterleben und Kunst­
96 WALTER BENJAMIN, Literaturgeschichte und Litera­ genuß ist richtig herausgestellt.
turwissenschaft { I 93 I ) , in: BENJAMIN, Bd. 3 ( 1 972) , Als ein »Grundpfeiler der herrschenden Ästhe­
286.
tik« 98 hat Einfühlung dagegen bei Brecht eine
97 Ebd„ 287.
98 BERTOLT BRECHT, Über experimentelles Theater schlechthin überragende Stellung. Durch Brechts
(entst. I939), in: BRECHT (BFA) , Bd. 22/ r ( 1 993), 5 5 ! . eigene ästhetische Theorie und deren paradigmati-
IV Einfühlung in Deutschland zwischen 1 9 3 0 und 1 967 139

sehe Umsetzung i n eine Dramatik neuen Typs ge­ the broader setting of your dramaturgy«104• Die
langt der Begriff erneut in eine Zentralstellung. weltweite Bedeutung, die Brechts Dramatik seit
Die massive theoretische Polemik, verbunden mit der Jahrhundertmitte trotz des Kalten Krieges er­
struktureller Gattungsanalyse, verleiht der Position langte, ändert allerdings nichts daran, daß er den
von Brecht ihren unvergleichbaren Rang. Einfühlungsbegriff gerade durch seine polemisch­
»Unsere dramatische Form beruht darauf, daß strategisch gedachte Fundamentalkritik historisch
der Zuschauer mitgeht, sich einfühlt, verstehen mystifizierte. Indem er den Vorgang der Einfüh­
kann, sich identifizieren kann.« Diese Feststellung lung mit der Wirkung der Katharsis praktisch iden­
ist für Brecht ein Todesurteil, weil für ihn die »gro­ tifizierte und seine epische Dramatik als antiaristo­
ßen modernen Stoffe«99, die Konflikte zwischen telisches Modell bezeichnete, wurde der geschicht­
großen Menschengruppen, in dieser Form nicht liche Einsatzpunkt der Einfühlungstechnik in der
mehr darstellbar sind. Schon im Dreigroschenprozeß Epoche der Aufklärung verschüttet. Denn erst die
hatte Brecht am modernen Film und Roman das mit dem bürgerlichen Drama erreichte Äquivalenz
Zerschlagen der »introspektiven Psychologie« und des Bühnenpersonals mit dem Publikum, die
den Verzicht auf »den Menschen als Maß aller Überwindung von Maske und Kothurn auf der
Dinge«1 00 als wichtigen Fortschritt begrüßt. Um Bühne bzw. die Ablösung von Knaben als Frauen­
auf der Höhe der Zeit zu sein und Phänomene wie darstellern durch veritable Frauen in der Schau­
»Weltkrieg oder Bürgerkrieg« auch auf dem Thea­ spielkunst, d. h. die Entfaltung des bürgerlichen In­
ter zu behandeln - der Faschismus war in der Tat dividualismus im I 8. Jh„ brachte die entscheidende
eine unübersehbare Gefahr - schien die »alte Ein­ Voraussetzung. Paradox genug, daß der auf Über­
fühlungsdramatik« mit ihrer Konzentration auf windung der Dramatik des Individualismus be­
»häusliches Unglück plus Seelenschmerz«"11 nicht dachte Brecht durch die Herausforderung der ge­
mehr brauchbar. Vom »Standpunkt der Einzelper­ samten europäischen Theatertradition die Begriffs­
sönlichkeiten aus« waren für Brecht schon struktu­ geschichte so gründlich verwirrte.
rell »die entscheidenden Vorgänge unseres Zeital­ Schon innerhalb der marxistisch orientierten
ters nicht mehr« zu begreifen, »durch Einzelper­ Diskussion stieß Brechts Position früh auf Kritik.
sönlichkeiten können sie nicht mehr beeinflußt Der ungarische Philosoph Georg Lukacs wurde
werden. Damit fallen die Vorteile der Einfühlungs­ hier sein großer theoretischer Antipode. Für ihn
technik, jedoch fallt mit der Einfühlungstechnik unterlag »Brechts erbittert-einseitige, historische
keineswegs die Kunst.«102 Für das »Publikum des Tatbestände und Zusammenhänge verdeckende
wissenschaftlichen Zeitalters« 103 konzipierte und Polemik gegen die >Einfühlungstheorie«< mit Wor­
erprobte Brecht daher die >episches Theater< ge­ ringers Polemik von rechrs dem gleichen Trug­
nannte Dramenform, mit der dem Zuschauer die schluß, nämlich eme letztlich oberflächliche
Haltung der Einfühlung, die Neigung zur Identifi­ Kunsttheorie »mit der Theorie und Praxis der
kation und zum rechtfertigenden Verstehen ver­ großen realistischen Perioden der europäischen
wehrt werden sollte. Die epische Spielweise hatte
demgegenüber eine Distanz zwischen Darstellung
und Dargestelltem wie zwischen Zuschauer und 99 BRECHT, Letzte Etappe: Ö dipus (1 929) , in: BRECHT
Dargestelltem zu ermöglichen. (BFA) , Bd. 2 1 ( 1 992) , 279, 278.
Wie stark eine gleichbleibende Wortgestalt dazu r oo BRECHT, Der Dreigroschenprozeß ( 1 93 1 ) , in: ebd„
477.
verleitet, ganz unterschiedliche Bedeutungsgehalte
rn1 Ebd„ 478.
einfach vorauszusetzen, beleuchtet die Anfrage des 102 BRECHT, Thesen über die Aufgabe der Einfühlung
amerikanischen Brecht-Übersetzers Eric Bentley in den theatralischen Künsten (entst. um 193 5 ) , in:
im November 1 949: »In the background of the BRECHT (BFA) , Bd. 22/1 ( 1 993), 1 7 5 .
idea >Verfremdung< would you say the work of 103 BRECHT, Dialog über Schauspielkunst ( 1 929), in:
BRECHT (BFA) , Bd. 21 ( 1 992), 279.
Lipps and Worringer was important? They elabo­
!04 ERIC BENTLEY an Brecht (19. 1 1 . 1 949) [Brecht-Ar­
rated the conception of >Einfühlung<, which is, in a chiv, Berlin, 782/ 3 5 ] ; vgl. Bentley, The Brecht Me­
way, your starting-point. 1 am interested in finding moir (New York 1985), 92.
1 40 Einfühlung/Empathie/Identifikation

Kunst«1ü5 zu verwechseln. Für Lukacs war nicht ehe, deren Verhältnis zum Kunstwerk davon be­
die Negation des Überkommenen, sondern der herrscht wird, ob und in welchem Maß sie sich
»Kampf um das Erbe [ . . . ] eine der wichtigsten etwa anstelle der Personen setzen können, die da
ideologischen Aufgaben des Antifaschismus« 106 • Er vorkommen; alle Branchen der Kulturindustrie ba­
verteidigte daher Mimesis und Katharsis in einem sieren darauf und befestigen ihre Kunden darin.«
weit gefaßten Sinn als die seit Jahrtausenden leben­ Die herrische Diktion muß hier das doppelte Di­
digen »zentralen Grundprinzipien der schöpferi­ lemma Adornos kaschieren, daß er einerseits die
schen Arbeit«107, nachdem er seine Auseinander­ von der klassischen deutschen Ästhetik befestigte
setzung mit der Einfühlungstheorie in dem großen illusionäre Linie der >Freiheit< der Kunst vom
Essay Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer bereits Markt fortführt, zum anderen selbst aber über
r 9 3 4 abgeschlossen hatte. Was er ablehnte, war keine Begrifllichkeit verfügt, um dem massenhaf­
nicht nur die mit der Klassenkampftheorie unver­ ten Umgang der >Banausen< mit der Kunst eine po­
einbare Einfühlung als künstlerische Methode, sitive Seite abzugewinnen. Diese Ohnmacht wird
durch die die Ausbeuter und Unterdrücker immer mit dem Geständnis eingeräumt: »Philosophisch ist
mehr als »Opfer der Notwendigkeit« dargestellt der Verstehensbegriff durch die Diltheyschule und
würden: »man >fühlt sich in sie ein<, >versteht< ihre Kategorien wie Einfühlung kompromittiert. Setzt
Lage und die Notwendigkeit ihres Handelns, um­ man selbst derlei Theoreme außer Aktion und for­
gibt sie mit der sympathischen Melancholie eines dert Verstehen von Kunstwerken als streng durch
>tragischen< Nicht-anders-handeln-Könnens« 1 08. deren Objektivität determiniertes Erkennen, tür­
Es war ihre Entwicklung »Zur Weltanschauung« 109, men sich Schwierigkeiten.« 1 1 1
ihr religiöser Charakter1 1 0 , die die Einfühlungs­ Die negative Wertung der Einfühlung hat in
theorie für den Philosophen unannehmbar Deutschland über den Bereich von Theater und
machte. Film hinaus lange Zeit in der Kritik an Kitsch und
Ein dezidierter Verächter der Einfühlung war Trivialliteratur ihre anhaltende Selbstbestätigung
auch Adorno, in dessen Ästhetischer Theorie die gefunden. Mit der Herablassung eines Beobach­
Grenzlinie zwischen authentischer Kunst und ka­ ters, für den Kunst und ästhetische Distanz un­
pitalistischer Kulturvermarktung durch die nega­ trennbar sind, schreibt Karl Markus Michel I 9 5 9
tive bzw. affirmative Haltung zu ästhetischer Un­ über die subjektiven Anwandlungen bei den
mittelbarkeit gezogen wird. »Ästhetische Erfah­ Kunstbanausen: Im Kitschroman »ist der Stellen­
rung legt zwischen den Betrachtenden und das wert der einzelnen Szenen lediglich durch die
Objekt zunächst Distanz. [ . . . ] Banausen sind so!- Ökonomie der vom Roman betriebenen Wunsch­
erfüllung bestimmt; alles erscheint eindeutig,
r o 5 GEORG LUKAcs, Die Eigenart des Ästhetischen, in: durch sich selbst bedeutungsgeladen; der Leser darf
LUKAcs, Bd. 12 (1963), 1 86, 1 87. sich unmittelbar identifizieren. « 1 1 2 Nun gehört der
r o6 LUKA c s , Thomas Mann über das literarische Erbe Kitschbegriff zu jenen Besonderheiten der deut­
( 1 936), in: Lukics, Schicksalswende (Berlin 1956), schen Geistesentwicklung, denen Franzosen und
69.
Angelsachsen nichts Vergleichbares entgegenstellen
ro7 LUKAcs, Einführung in die ästhetischen Schriften
von Marx und Engels ( 1 945), in: LUKAcs, Bd. r o können. Mit der These Jochen Schulte-Sasses, den
( 1 969) , 2 1 8 . modernen Kitschbegriff als »Funktion der klas­
r o S LUKAcs, Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer sisch-romantischen Kunsttheorie« 1 1 3 zu begreifen,
( 1 934), in: ebd., 3 o r . ist I97I in der bundesrepublikanischen Germani­
r o9 Ebd. , 297.
I I O Vgl. ebd., 296 f. stik eine entscheidende Neubewertung eingeleitet
I I I THEODOR w. ADORNO, Ästhetische Theorie ( I 970) , worden. Als Ausgangspunkt wird auch von ihm
in: ADORNO, Bd. 7 (' I 972) , 5 I 4, 5 I 3 . der hochherzige Optimismus der Aufklärer fest­
I I 2 KARL MARKUS MICHEL, Gefühl als Ware. Zur Phä­ gestellt, aus dem allen Menschen gegebenen Emp­
nomenologie des Kitsches, in: Neue deutsche Hefte,
findungsvermögen auf eine einheitliche Kunst­
H. 57 (April I959), 47.
I I3 JO CHEN SCHULTE-SASSE, Die Kritik an der Trivial­ wirkung zu schließen. Was in der sensualistischen
literatur seit der Aufklärung (München I 9 7 I ) , 1 42. Ästhetik als rührend und deshalb als künstlerisch
IV Einfühlung in Deutschland zwischen 1930 und 1 967 141

wertvoll betrachtet wurde, erschien auf Grund der Nicht nur zwischen dieser sozialpsychologi­
mit Klassik und Romantik einsetzenden Dichoto­ schen Diagnose und dem Identifikationsverbot in
rnisierung der Literatur in eine hohe und eine nie­ der Ästhetik der Distanz besteht eine auffällige Par­
dere nur mehr als passive Bedürfnisbefriedigung. allelität. Bemerkenswert ist ebenso eine durch das
Die dem deutschen Kitschbegriff zugrunde liegen­ Postulat einer »Einfühlung Ereignissen gegenüber,
den ästhetischen Wertvorstellungen werden sicht­ die schon durch ihre quantitative Dimension Ein­
bar, wenn sie so in ihrem historischen Ursprung fühlung unmöglich rnachen«1 14, ausgelöste anhal­
hervortreten: in Umlauf gebracht in der Auseinan­ tende Debatte, die in der Diskussion um das Berli­
dersetzung von Moritz, Schiller, Goethe und den ner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas
Romantikern mit der >Trivialliteratur< im Ringen nach der deutschen Wiedervereinigung eine ge­
um die Gunst des Publikums ihrer Zeit. spenstische Fortsetzung gefunden zu haben
Im Vergleich zu der vorn Naturschönen ausge­ scheint. Die These, daß der Massenmord undar­
henden Einfühlungstheorie vorn Jahrhundert­ stellbar sei, erlaubt unter der Perspektive emotio­
beginn im Sinne transitiver Ich-Ausweitung und naler Einfühlung nur zwei Möglichkeiten: Identifi­
dem auf Verstehen vergangener Kulturperioden kation mit den Opfern oder Identifikation mit den
orientierten Einfühlungsbegriff der deutschen Gei­ Tätern. Prinzipiell ausgeschlossen scheint Identifi­
stesgeschichte kennzeichnet die Diskussion der zierung mit »unmenschlichen, ja sogar antirnen­
Einfühlung auf dem Gebiet der Kunstwirkung of­ schlichen Worten und Taten, die beispiellos sind in
fensichtlich die inhaltliche Nähe zur Einfühlungs­ der Geschichte« (parole ed opere non urnane, anzi,
debatte im 1 8 . Jh. Auf dem Gebiet der Wirkung contro-urnane, senza precedenti storici1 15) . Prirno
von Literatur und Kunst kann Einfühlung, wo Levi ist überzeugt, kein normaler Mensch sei in
immer ein Sichversetzen an die Stelle einer Figur der Lage, »sich mit Hitler, Hirnrnler, Goebbels,
stattzuhaben vermag, auch mit Identifikation, Eichmann und zahllosen anderen zu identifizieren«
Identifizierung und ähnlichen Termini ausgedrückt (nessun uorno normale potri rnai identificarsi con
werden, wie einige der zitierten Belege zeigen. In­ Hitler, Hirnrnler, Goebbels, Eichmann e infiniti al­
sofern ist es wohl legitim, in der theoretischen Ver­ tri) , da ein »Verstehen« letztlich auf ein »Rechtfer­
ständigung über die individuelle Kunstrezeption tigen« hinauslaufe (perche cornprendere e quasi
die Hauptquelle der Einfühlung zu sehen. giustificare 1 16) . Identifikation mit den Tätern be­
deutet daher Identifikation mit den Eltern oder
Großeltern bzw. auch mit sich selbst, wozu Identi­
3. Einfühlung und Sozialpsychologie
fikation mit den Opfern als radikaler Gegensatz er­
Eine besondere, mit der schrecklichen deutschen scheint.
Geschichte im 20. Jh. verknüpfte Rolle erhält der Auf fatale Weise bleibt bei dieser rnanichäischen
Einfühlungsbegriff in der vor allem von Alexander Konstruktion ausgeschlossen, worauf es dem hol­
und Margarete Mitscherlich seit den 6oer Jahren ländischen Publizisten Jan Bururna zufolge nachge­
entwickelten analytischen Sozialpsychologie. Als rade doch ankäme: »to look back, frorn the point
Signatur der Bundesrepublik der Ära Adenauer of view neither of the victirn nor of the criminal,
konstatieren beide 1967 die mangelnde Aufarbei­ but of the critic« 1 n Nur so würde der Distanz des
tung des Nationalsozialismus und erklären die >Un­ Zuschauers gegenüber dem grauenvollen Gesche-
fähigkeit zu trauern< aus der vorausgegangenen
narzißtischen Liebe zum Führer. Nach dem Un­
I 1 4 ALEXANDER MITSCHERLICH/MARGARETE MIT-
tergang des ehemaligen Idols und dem Zusam­ SCHERL!CH, Die Unfähigkeit zu trauern (München
menbruch erfolgte in Selbstschutzreaktion statt der 1 967) , 82, 8 3 .
eigentlich fälligen Selbstverachtung der Abbruch 1 1 5 PRlMO LEVI, Appendice (1 976) [zu: S e questo e un
aller affektiven Brücken zum Dritten Reich. Da­ uomo (1958)], in: Levi, Opere, Ed. 1 (Turin 1 987),
208 f.
mit verbunden war eine Gefühlsstarre, die »eine
I I 6 Ebd„ 208.
Einfühlung in die Verfolgten als Menschen« für 1 1 7 JAN BURUMA, The Wages of Guilt: Memories of
lange Zeit verhinderte. War in Germany andjapan (London 1994) , 249.
1 42 Ekel

hen, seiner Fähigkeit zu eigener Reflexion und zu The Empathy Principle: Towards a Model for the Psy­
eigenem Urteil Rechnung getragen, die zum Akt chology of Art, in: Journal for the Theory of Social Be­
havior 22 ( 1 992) , 63-79; EISENBERG, NANCYI STRAYER,
der Einfühlung und des Mitleidens seit Lessing
JANET (Hg.) , Empathy and lts Development (Cam­
hinzugehört, so daß Emotion und Reflexion nicht bridge/New York 1 987); FEAGIN, SUSAN L . , Reading
auseinandergerissen würden. In der Tat ist die Ge­ with Feehng: The Aesthetics of Appreciation (Ithaca
fühlsstarre gegenüber der Naziperiode schon 1 979 1 996) ; JAU S S , HANS ROBERT, Negativität und Identifika­
durch den enormen Erfolg des amerikanischen tion. Versuch zur Theorie der ästhetischen Erfahrung, in:
H. Weinrich (Hg.) Positionen der Negativität (München
Films Holocaust in der alten Bundesrepublik über­ 1975), 263-3 39; PERPEET, WILHELM, Historisches und
wunden worden. »The soap opera form had such a Systematisches zur Einfühlungsästhetik, in: Ztschr. f. Äs­
powerful effect because it was the opposite of thetik u. allg. Kunstwiss„ N. F. 1 r ( 1 966) , 193-2 1 6.
Brechtian alienation: emotions are boosted, identi­
fication is enforced. [ . ] Yet it is precisely that

kind of identification that much postwar German


art and literature has shied away from.« 1 1 8
Daß die i n den 6oer Jahren beginnende Aufar­
beitung der Geschichte des deutschen Nationalso­
zialismus den von ihm verwendeten Stilmitteln der Ekel
Emotionalisierung, »der emphatischen Einfühlung (griech. liucrwliia, 1iucrx€pE:ta; lat. taedium,
und dem kathartischen Erlebnis« 119, eine Absage fastidium, nausea; engl. disgust; frz. degofü,
erteilte, dafür gab es, wie die Mitscherlichs zeigten, nausee; ital. schifo, disgusto, nausea; span. asco,
spezifische Gründe. Davon, daß die seelische oder nauseas; russ. TOllIHOTa, OMep3ett11e,
moralische Erschütterung des Lesers oder Zu­ ornpamett11e)
schauers im Sinne der aristotelischen Dramatik
seither gründlich rehabilitiert worden sei, kann si­ Einleitung; 1. Ekel und Ekelhaftes als anthro­
pologisch-ästhetische Kategorie des 18. Jahr­
cher keine Rede sein. Aber praktisch ist sie vollzo­
hunderts; II. Die romantische Ekel-Lizenz;
gen: »Der höchste Grad von >Verfremdungseffekt< III. Ekel in Rosenkranz' >Ästhetik des Häßlichen<;
ist eben die sogenannte >Einfühlung<. Einen hö­ rv. Nietzsche; V. Evolutionstheoretische Deutun­
heren Kunstakt im Theater gibt es nicht«120, be­ gen des Ekels vor Freud; VI. Freud; VII. Kolnai,
>Der Ekel<; VIII. Bataille; IX. Sartre; X. Kristeva;
kennt 1 998 der Regisseur Peter Stein. So spricht
XI. Zur akademischen Konjunktur des >Abjekten<;
vieles dafür, daß die Kategorie der Einfühlung auf XII. Abject Art
den Gebieten des Theaters und des Romans, ihren
ursprünglichen Domänen, und vor allem bei den
durch die modernen Medien ermöglichten syn­
thetischen Genres auch im 2 r . Jh. eine Rolle spie­ Einleitung
len wird.
Martin Fontius Traditionelle Ekel-Materien wie Exkremente,
Blut, zerstückelte Körper oder schleimig-breiig­
Literatur sumpfige Viskosität (die einen > lnterkategorialitäts­
BERES, DAVID/ ARLOW, JACOB A„ Fantasy and Identifi­ Ekel< an dem auslösen, was weder fest noch flüssig
cation in Empathy, in: The Psychoanalytic Quarterly 43 ist) begegnen vielfach in Kunst und Literatur des
( 1 974) , 26-50; CROZIER, W. RAY/GREENHALGH, PAUL,
20. Jh. Sie machen nicht allein ihren Gegenstand,
sondern oft geradezu ihr Medium und die ent­
r r 8 Ebd„ 90. scheidende Dimension ihrer provokativen Wir­
r 1 9 BERND F. LUNKEWITZ, Hinein ins Gefühl. Was kung aus. Über das Arbeiten mit Exkrementen
fehlt, was frommt der deutschen Literatur? Eine An­ und körperlichen Entstellungen hinaus haben
wort an den Verleger Arnulf Conradi, in: Der Tages­
Künstler der l 99oer Jahre auch erstmals >echte< Lei­
spiegel ( 5 . 3 . 1 999) , 2 8 .
1 20 PETER STEIN, >Ich mag die Deutschen auch nicht< chenteile verwendet. Zwei Kunstausstellungen ha­
[Interview], in: Der Tagespiegel (6. 6. 1 998), 2 5 . ben Tendenzen einer solchen Anti-Ästhetik nicht
!. Ekel und Ekelhaftes als anthropologisch-ästhetische Kategorie des 1 8 . Jahrhunderts 143

allein dokumentiert, sondern zugleich streitbar auf eine alles Symbolische sprengende >Realität< gibt.
konkurrierende theoretische Schlüsselbegriffe be­ Sie gewinnt das Verworfene mittels komplexer
zogen. Die Ausstellung l'informe. mode d'emploi Entekelungsweisen als emphatische Lust zurück.
( 1 996) im Pariser Centre Pompidou nahm ihren Diese Schnittstelle von Kunst und Ekel hat eine hi­
Ausgang von Georges Batailles Kategorie des >in­ storische und (anti-)zivilisatorische Tiefendimen­
forme<. Sie setzte sich ausdrücklich ab von der US­ sion: Sie bricht nicht allein mit der genuinen Kon­
amerikanischen Verbreitung der von Julia Kristeva struktion des Ästhetischen, wie sie das 1 8 . Jh. auf
etablierten Kategorie der >abjection<. Diese war den Begriff gebracht hat, sie erinnert auch stets
1 993 in der Ausstellung Abject Art (Whitney Mu­ daran und bezieht aus dem relativ verschleißfesten
seum of Modem Art, New York) bereits mu­ Fortbestehen elementarer Tabus ihre Kraft.
seumsfahig geworden, nachdem sie in den vorauf­
gehenden Jahren wesentlich die Reflexion auf die
Werke Cindy Shermans, Robert Mapplethorpes
u. a. geprägt hatte. Beide Kategorien, >informe< I. Ekel und Ekelhaftes als anthropolo gisch­
und >abject<, implizieren ausdrückliche Annahmen ästhetische Kategorie des 1 8 . Jahrhunderts
über das Ekelhafte und seine Beziehungen zum
Ästhetischen und Symbolischen. >Ekel< wird erstmals im r 8 . Jh. ein ausdrücklicher
Psychoanalyse und (anti-)ästhetische Theorie Gegenstand der Philosophie. Selbst die Wörter
des 20. Jh. haben dem Gefühl des Ekels und der degout, disgust und Ekel setzen sich erst seit dem
Arbeit am Ekelhaften durchweg eine zentrale Be­ 1 6 . bzw. 1 7. Jh. im allgemeinen Sprachgebrauch
deutung zugesprochen. Freuds grundlegende >My­ durch und finden dann im r 8. Jh. Eingang in theo­
the< von ekellosem Paradies, ekelloser Kindheit, zi­ retische Texte. Der französische Begriff verrät ei­
vilisierend-neurotisierenden >Ekelschranken< und nen wesentlichen Zusammenhang: Die diskursive
untilgbarer Insistenz des Verekelten bringt den Karriere von >degout< ist die weniger beachtete
>verbotenen< Kontinent des Ekelhaften in die Rolle Kehrseite des seit dem späteren r 7. Jh. stürmisch
einer transsymbolischen >Wahrheit< über die poly­ vermehrten Interesses am >goilt<, am ästhetischen,
morph-perverse Libido. Im Nein-Sagen des Ekels teilweise auch moralischen >Geschmackc 1 Die
sind verschiedene Dimensionen einer geheimen Emergenz der Ästhetik als einer eigenständigen
bis offenen Bejahung entdeckt worden. Nicht die Wissenschaft im 1 8 . Jh. und die ersten Theorien
einfache Verwerfung, sondern die Verwerfung der des Ekels sind zwei Seiten derselben Entwicklung,
Verwerfung, die Verwindung des Ekels, seine Inte­ und es sind weithin dieselben Autoren, welche die
gration in eine Ö konomie der Lust und der Er­ grundlegenden Bestimmungen des Ästhetischen
kenntnis machen den Kern des Ekel-Denkens seit einerseits, des Ekels andererseits geprägt haben.
Nietzsche aus. Gerade als das Skandalöse, Unassi­ Gewiß haben literarische Texte schon in der
milierbare, schlechthin Heterogene, als die Trans­ Antike vielfach ekelhafte Phänomene evoziert.2 In
gression der zivilisatorischen Verbote, als die (anal­ Sophokles' Philoktet ist die Rede von der stinken­
sadistische) Destruktion der schönen Form und die den, eiternden und regelmäßig neu aufbrechenden
lachende Transzendenz der symbolischen Ordnung Wunde des ausgesetzten Helden; zu den Habselig­
avanciert das Ekelhafte in die Rolle eines unver­ keiten in seiner elenden Höhle gehört ein trock­
fügbaren >Realen< und einer verdrängten >Wahr­ nender Lappen, »vom Eiter einer üblen Wunde
heit<. Das Wahre ist das Ekelhafte, das Ekelhafte ist ganz befleckt«. (iou iou. Kai muTa y' ä/\/\a
das Wahre, ja das >Ding an sich<: Auf diesen Satz
läuft von Nietzsche über Freud, Kafka, Bataille r Vgl. WILLIAM JAN MILLER, The Anatomy of Disgust
und Sartre bis Kristeva unversehens eine gewich­ (Cambridge/London 1 997) , 1 69.
tige und weithin übersehene Bewegung modernen 2 Vgl. MANFRED FUHRMANN, Die Funktion grausiger
und ekelhafter Motive in der lateinischen Dichtung,
Denkens hinaus. Fast durchweg führt dieser Satz
in: H. R. Jauß (Hg.), Die nicht mehr schönen Künste.
auf einen zweiten: Die Kunst ist die Praxis, die zu­ Grenzphänomene des Ästhetischen (München 1 968) ,
allererst dieser abj ekten Wahrheit einen Ort und 23-66.
1 44 Ekel

8aAJTE:TCXl / paKT], f3apE:iac;; TOD VOCJl]AE:la<; sondern behauptet eine intellektuelle Lust an unse­
rrA.f:a.)3 Revoltierender Anblick, übler Geruch rer generellen Fertigkeit, Dinge und Vorgänge so
(1\ucrocrµ\a, dysosmia) und akustischer Leidensaus­ darzustellen, daß sie in der Mimesis wiedererkenn­
druck konstituieren Philoktet als ein multisenso­ bar sind. Für das insgesamt seltene Vorkommen
rielles Beispiel für >dyschereia< (1\ucrxf:pEta, V körperlicher Ekelerfahrungen in der Literatur des
900) , für Ekel in der wörtlichen Bedeutung des äu­ Mittelalters wurde eine analoge Fremddominanz
ßerst schwierig zu Handhabenden, Widrigen. Das bemerkt: Hier dienen sie zumeist der Darstellung
Ekelhafte der Wunde interessiert Sophokles nicht eingetretener oder drohender Erniedrigung, sind
um seiner selbst willen; es ist ein Argument des also »subsumed into the moral and social economy
Odysseus, um die schändliche Aussetzung Philok­ of shame and honor« . Erst im r 7. und l 8. Jh. ge­
tets zu rechtfertigen: »weil vom zerfressenen Beine winnt dargestellter bzw. in Texten reflektierter
ihm der Eiter troff, / daß wir die Weihespenden Ekel »a life of its own« 5 , wird er zu einem Deside­
und die Opfer nicht / mehr ungestört verrichten rat, das um seiner eigenen (anti-)ästhetischen und
konnten« (voOli,J KaTacrTa�ovm 1\taf36plt,J rr61\a. / moralischen Qualitäten willen die Betrachtung
oTI\ OUT€ A.01f3lic;; i]µiv OUT€ 8uµaTWV / rrapJiv lohnt.
EK�A.01<; rrpocrföyE:tv; V 7--g; dt. 479) . Es steht Die Anthropologie des r 8. Jh. hat die Empfin­
zweitens unter dem Verdacht, von den Göttern dung des Ekels als elementares Reaktionsmuster
verhängt zu sein, und untersteht insofern einer von eminenter Bedeutung für das physische, gei­
moralisch-religiösen Hermeneutik. Und es hat stig-moralische und soziale Leben angesehen. Kant
drittens den Charakter einer Probe: Edler Charak­ definiert sowohl den physischen wie den morali­
ter bemißt sich, wie später in manchen Heiligen­ schen und intellektuellen Ekel als einen »Anreiz,
viten, an der Überwindung des physischen Ekels sich des Genossenen durch den kürzesten Weg des
(vgl. V 874-876) . Speisecanals zu entledigen (sich zu erbrechen)« 6 ,
Wenn nach Aristoteles die angeborene Lust des als das »Bestreben [ . . . J , eine Vorstellung, die zum
Menschen an mimetischen Darstellungen auch die Genuß dargeboten wird, von sich zu stoßen«
Darstellung einer verwesten Leiche einschließt4 , so (24 1 ) . Die Unterscheidung, welche Geruch und
impliziert dies keine Auseinandersetzung mit der Geschmack durch innerliche »Einnehmung« 7 ihres
genuinen Ekelqualität des dargestellten Obj ekts, Objektes treffen, ist die von bekömmlich vs. unbe­
körnrnlich, gesundheitsforderlich vs. gesundheits­
schädlich bis tödlich. Die kulturalistische Deutung
SOPHOKLES, Phil., V 3 8 f.; dt. : Dramen, gr.-dt., hg. Condillacs sieht das Ekelgefühl dagegen vorsichti­
u. übers. v. W Willige (München/Zürich ' 1 985),
ger in der Gewöhnung an einen bestimmten Ge­
48 r .
4 Vgl. ARISTOTELE S , Poet. 1 448b. schmack und mithin in der Unterscheidung von
5 MILLER (s. Anm. r), 1 54. gewohnt vs. ungewohnt fundiert. 8 Hume, Adam
6 IMMANUEL KANT, Anthropologie in pragmatischer Smith und Samuel Johnson hatten schon vor Kant
Hinsicht ( 1 798), in: KANT ( AA ) , Bd. 7 ( 1 907) , 1 5 7· dem Ekelurteil eine Anleitungsfunktion für prak­
7 KANT, Reflexionen zur Anthropologie, in: KANT
tisch-moralisches Verhalten zugesprochen. 9 Für
( AA) , Bd. 15 ( 1 9 1 3 ) , 1 06, 804.
8 Vgl. ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC, Traite des Kant gehört die »starke Vitalempfindung« 1 0 des
sensations (1 754), in: CONDILLAC, Bd. l ( 1 947) , 3or . Ekels in ihrer moralischen Dimension zur »Ästhe­
9 Vgl. HUME ( ENQUIRIES ) , 289, 294; SAMUEL JOHN­ tik der Sitten«: »wo die Gefühle, welche die nöthi­
SON, The Rambler 4 (3 1 . 3. 1 750) , hg. v. W J. Bate/ gende Kraft des moralischen Gesetzes begleiten, je­
A. B. Strauss, Bd. 1 (New Haven/London 1 969) ,
24 f. ; ADAM SMITH, The Theory ofMoral Sentiments ner ihre Wirksamkeit empfindbar machen« 1 1 . Der
(1 759), hg. v. D. D. Raphael/A. L. Madie (Oxford Trias der »Gefühle des Erhabenen, des Schönen, des
1 976), 3 6 . Ekelhaften«12 kommt eine genau aufeinander abge­
IQ KANT ( s . Anm. 6) , 1 5 7. stimmte philosophische Organonfunktion zu. Die
II KANT, Die Metaphysik der Sitten ( 1 797) , in: KANT
Vitalempfindung des Ekels liefert negative Gegen­
( AA ) , Bd. 6 ( 1 907) , 406.
l2 KANT, Untersuchung über die Deutlichkeit der stücke zu den die Philosophie supplementierenden
Grundsätze ( 1 764) , in: KANT (AA ) , Bd. 2 ( 1 905), 280. Leistungen sowohl des Schönen als auch des Erha-
!. Ekel und Ekelhaftes als anthropologisch-ästhetische Kategorie des 1 8 . Jahrhunderts 145

benen. Diese verschaffen der Zweckmäßigkeit der die vitale Stärke der Ekelempfindung betont, un­
Natur und den Vernunftideen von Freiheit und terscheidet Haß und Ekel von vornherein der Art
Moralität eine Realität im Gefühl und stimmen nach. So heftig das Ablehnungsurteil des Ekels ist,
uns dazu, diese unbeweisbaren Ideen zu denken. so wenig befördert es doch die für den Haß typi­
Ekel dagegen nötigt uns dazu, das Widermorali­ sche Aggressions- und Vernichtungsintention ge­
sche, das Unfreie und das, was wider den >be­ gen seinen Anlaß. Die >Natur des Ekels< ist es inso­
kömmlichen< und >schönen< Zusammenhang der fern zu zivilisieren. Kant hat darauf eine Politik
Natur zu streiten scheint, von uns zu stoßen. Er und Moral des Ekels errichtet. Deren Schema ist
verschafft so ebenfalls - nur im Modus der Kritik - es, die dunkle Sinnesbasis des Ekels >höheren<
den Vernunftideen von Moralität und Freiheit eine Zwecken dienstbar zu machen.
Realität im Gefühl. Ekel ist derart »eine negative Die Grundlegung der modernen Ästhetik um
Bedingung des Wohlseins<P ; ein negatives Erhabe­ die Mitte des 1 8 . Jh. war ihre Grundlegung im
nes, ein Organon der >besorgten< Vermeidung von Verbot des Ekelhaften. Das Ästhetische ist das Feld
Lastern, das dem erhaben-bewegten Gefühl der j enes Gefallens, dessen schlechthin Anderes der
Überlegenheit unserer moralischen Bestimmung Ekel ist: So lautet seine kürzeste, einzig unumstrit­
über alle Naturhindernisse am negativen Pol unse­ tene und dennoch fast vergessene Basisdefinition
rer Möglichkeiten zur Seite steht. In ihrer affekti­ bei allen maßgeblichen deutschen Autoren. In der
ven Organon-Funktion korreliert die Trias der französischen und englischen Ästhetik gibt es dazu
»Gefühle des Erhabenen, des Schönen, des Ekelhaf­ keine Äquivalente. Zwar sprechen auch Addison
ten« zugleich mit der Trias der drei >oberen< Ver­ bzw. Diderot von >disgust< bzw. >degout<. Addison
mögen: Das Schöne erfüllt seine Organonfunktion schreibt im Spectator: » There may, indeed, be som­
zuallererst über den Verstand, das Erhabene über ething so terrible or offensive, that the Horrour or
die Vernunft und das Ekelhafte über die Einbil­ Loathsomness of an Object may over-bear the
dungskraft. Pleasure which results from its Greatness, Novelty,
Kants Pädagogik ( 1 803) erklärt die Erziehung or Beauty; but still there will be such a Mixture of
zum Ekel zu einem der höchsten Lehrziele: »Es be­ Delight in the very Disgust it gives us, as any of
ruht alles bei der Erziehung darauf, daß man über­ these three Qualifications are most conspicuous
all die ric h tige n Gründe aufstelle und den Kindern and prevailing. « 1 7 Aber diese Begriffe besetzen we­
begreiflich und annehmlich mache. Sie müssen ler­ der die herausragende systematische Position, noch
nen, die Verabscheuung des Ekels und der Unge­ teilen sie die spezifisch philosophische Semantik,
reimtheit an die Stelle der des Hasses zu setzen; in­ die Ekel in der deutschen ästhetischen Tradition
nern Abscheu statt des äußern vor Menschen und zukommt. Erst im 20. Jh. , erst nach Nietzsche und
der göttlichen Strafen, Selbstschätzung und innere Freud gewinnen >disgust< und >degout< auch im
Würde statt der Meinung der Menschen.« 14 Das französischen und englisch-amerikanischen Kul­
gemeinsame Merkmal dieser Lernziele ist die Ten­ turraum prominenten Eingang in ästhetische und
denz zur Verinnerlichung und zur Vermeidung äu­ poetische Reflexionen. Die Ästhetik des l 8. Jh.
ßerer Gewalt. Eine Verabscheuung auf der Basis ließ andere >unangenehme Empfindungen<, wie
von Haß würde zu Gewalttaten, letztlich zu Mord das Schreckliche und das Bemitleidenswerte der
führen, eine aus Ekel dagegen eher zur Meidung Tragödie, in der Kunst nicht nur zu, sondern ver-
des Objekts oder zu seiner Entfernung aus unserer
Nähe. 1 5 Condillacs Traitt! des sensations ( 1 754) be­
13 KANT (s. Anm. 6), 1 5 8 .
stimmt das Verhältnis von Haß und Ekel als einen 1 4 KANT, Pädagogik ( 1 803), in: KANT ( AA ) , B d . 9
bloßen Gradunterschied: Ekel unterscheide sich ( 1 923), 492 f.
von Haß nur durch den schwächeren Grad der 1 5 Vgl. AUREL KOLNAI, Der Ekel, in: Jahrbuch für Phi­
Ablehnung. Doch auch bei Abstraktion von die­ losophie und phänomenologische Forschung i O
(1 929) , 525 f.
sem Gradunterschied, so relativiert Condillac seine
16 Vgl. CONDILLAC (s. Anm. 8), 2]2.
Definition, seien die Worte Haß und Ekel gleich­ 1 7 JOSEPH ADDISON, The Spectator 4 1 2 (2J . 6. 1 7 1 2) ,
wohl nicht durcheinander ersetzbar. 16 Kant, der hg. v. D . F. Bond, Bd. J (London 1 965), 540.
langte sie ausdrücklich als Mittel der Reizsteige­ möge des Gesetzes der Einbildungskraft auf die
rung, der Intensivierung der ästhetischen Lust. 1 8 blasse Vorstellung in der Seele, der Gegenstand
Gerade a n diesen >gemischten Empfindungen< mag für würklich gehalten werden, oder nicht.
sollte sich die Fähigkeit der Kunst zur Transforma­ Was hilfts dem beleidigten Gemüthe also, wenn
tion von Unlust in Lust bewähren. Das Ekelhafte sich die Kunst der Nachahmung noch so sehr ver­
figuriert als der unassimilierbare Grenzwert, an räth? Ihre Unlust entsprang nicht aus der Voraus­
dem das Ästhetische strandet: »Nur der Ekel«, so setzung, daß das U ebel wircklich sey, sondern aus
Johann Adolf Schlegel 1 75 1 in den Fußnoten zu der blassen Vorstellung desselben, und diese ist
seiner Batteux-Übersetzung, »ist von denj enigen wirklich da. Die Empfindungen des Eckeis sind
unangenehmen Empfindungen ausgeschlossen, die also allezeit Natur, niemals Nachahmung.« 20
durch die Nachahmung ihre Natur verändern las­ Die genuinen Ekel-Sinne sind stumpf gegen die
sen.« 1 9 ästhetische Täuschung, weil sie die Unterschei­
Die maßgebliche Ekel-Abhandlung des 1 8 . Jh„ dung gar nicht treffen, deren Suspens und Vertau­
zugleich das erste Ekel-Traktat überhaupt und der schung - bei Aufrechterhaltung der Unterschei­
kardinale Referenztext für alle nachfolgenden dung - von der rationalistischen bis zur Kantischen
Ekel-Reflexionen bei Lessing, Herder und Kant ist Ästhetik die Wirkungsweise der ästhetischen Er­
Moses Mendelssohns 82. Literaturbrief vom 1 4 . Fe­ fahrung auszeichnet: Die Künste täuschen (illudie­
bruar 1 760. Geruch und Geschmack erscheinen ren) , weil sie tauschen, weil sie das künstliche Zei­
darin als die kardinalen Ekel-Sinne. In der Kunst chen wie die >natürliche< Anwesenheit des Be­
können diese Sinne nur durch eine assoziative Er­ zeichneten, weil sie ihre eigene Künstlichkeit wie
innerungsbrücke zu den >höheren Sinnen< Gesicht Natur erscheinen lassen. All diesen Modellen der
und Gehör zur Geltung kommen. Diese Brücke ist Täuschung durch (Ver-)Tauschen und damit der
die Einbildungskraft bzw. die Vorstellung. Auffällig formalen Struktur der ästhetischen Erfahrung ent­
ist, daß die Interferenz der >bloßen Vorstellung< - ziehen die niederen Sinne die Voraussetzung.
und das gilt letztlich von Mendelssohn über Kant Denn sie besetzen die zu tauschenden Pole Natur
bis Freud - im Feld des Ekels keinerlei Abschwä­ und Kunst, Realität und Fiktion gar nicht mit ei­
chung der unangenehmen Empfindung bewirkt. nem Unterscheidungswert. Ästhetische Täuschung
Der Ekel wird vielmehr geradezu als diej enige verwirrt die Unterscheidung von Kunst und Wirk­
Empfindung definiert, deren Gewalt in Realität lichkeit, Ekel läßt sie kollabieren. »In dieser son­
und Vorstellung stets gleich und ununterscheidbar derbaren, auf lauter Einbildung beruhenden Emp­
ist: »Die Vorstellungen der Furcht, der Traurigkeit findung« - so reformuliert Kant die Dreiheit von
des Schreckens, des Mitleides u. s. w. können nur Ekelempfindung, >bloßer Vorstellung< und wider­
Unlust erregen, in so weit wir das Uebel für standslos schaltender Einbildungskraft - »wird die
würcklich halten. Diese können also durch die Er­ künstliche Vorstellung des Gegenstandes von der
innerung, daß es ein künstlicher Betrug sey, in an­ Natur dieses Gegenstandes selbst in unserer Emp­
genehme Empfindungen aufgelöset werden. Die findung nicht mehr unterschieden, und j ene kann
widrige Empfindung des Eckeis aber erfolgt, ver- alsdann unmöglich für schön gehalten werden« 21 -
sofern nämlich >schön< gerade das komplexe Pro­
zessieren der vom Ekel unterlaufenen Unterschei­
1 8 Vgl. BATTEUX ( 1 746) , 94 f. dung meint. >Auf lauter Einbildung< zu beruhen
19 JOHANN ADOLF SCHLEGEL, [Anmerkung] , in: c. Bat­
impliziert hier keineswegs eine positive Behaup­
teux, Einschränkung der Schönen Künste auf einen
einzigen Grundsatz, übers. v. ]. A. Schlegel ( 1 7 5 1 ) , tung von Irrealität oder Nicht-Existenz des Ekels.
B d . 1 (Leipzig 3 1 770) , 1 1 1 . Angesichts des Zusammenbruchs der Natur­
2 0 MOSES MENDELSSOHN ' Briefe, die neueste Literatur Kunst-Unterscheidung im Ekel konstatieren die
betreffend (1759-1765), in: Mendelssohn, Gesam­ von Mendelssohn parallel verwandten Formulie­
melte Schriften, Bd. 5 / J (Stuttgart-Bad Cannstatt
rungen, Ekel sei >allezeit Natur< und >bloße Vor­
1991), 1 3 2.
2 1 KANT, Kritik der Urtheilskraft ( 1 790) , in: KANT (AA) , stellung<, vielmehr die gleiche Suspension des Reali­
Bd. 5 ( 1 908), 3 1 2 . täts- und damit auch des Kunstzeichens, nur je-
!. Ekel und Ekelhaftes als anthropologisch-ästhetische Kategorie des 1 8 . Jahrhunderts 147

weils von der anderen Seite der kollabierten Un­ gerade gestillten Begierde, so Spinoza, lassen Sät­
terscheidung aus. Nur kraft dieser komplexen Lo­ tigungslust in Überdruß umschlagen: »Doch ist
gik kann der Ekel, dessen >dunkle< Sinnesbasis mit von der Liebe noch diess zu bemerken, dass es
den deutlicheren Sinnen der Kunstwahrnehmung nämlich sehr häufig geschieht, wenn wir das, was
»eigentlich zu reden« 22 gar nichts zu tun hat, wir begehrten, geniessen, dass der Körper durch
gleichzeitig so sehr das Innere der ästhetischen diesen Genuss in eine neue Verfassung geräth, [ . ] . .

Täuschung bedrohen, daß er als ihr negatives Defi­ und der Geist alsbald sich etwas Anderes in der
niens dienen kann. Phantasie vorzustellen und etwas Anderes zu wün­
Das Ästhetische wird aber nicht allein von au­ schen beginnt«. (Attamen de Amore hoc notan­
ßen durch den Einbruch des Ekelhaften bedroht. dum restat, quod scilicet saepissime contingit, dum
Es steht vielmehr auch von sich aus in Gefahr, in re, quam appetebamus, fruimur, ut Corpus ex ea
ein Ekelhaftes umzuschlagen. »Was blos angenehm fruitione novam acquirat constitutionem, a qua ali­
ist, führet bald eine Sättigung, und zuletzt den Ek­ ter determinatur, et aliae rerum imagines in eo ex­
kel mit sich. [ . . ] Hingegen fesselt das Unange­
. citantur, et simul Mens alia imaginari, aliaque cu­
nehme, das mit dem Angenehmen vermischt ist, pere incipit.) Wenn sich ihm dann gleichwohl das
unsere Aufmerksamkeit, und verhindert die allzu >alte< Obj ekt zu weiterer Befriedigung aufdrängt,
frühe Sättigung. Bey dem sinnlichen Geschmacke ergibt sich ein Konflikt von vergangener und ge­
zeiget die tägliche Erfahrung, daß eine reine Sü­ genwärtiger Begierde, der im Sexuellen wie beim
ßigkeit bald den Ecke! nach sich ziehet. « 23 Sätti­ Essen die Werte von Widerwillen und Ekel errei­
gungsekel gilt dem Maß an Süßigkeit, das die chen kann: »während wir es [ . . . ] geniessen, wird
Grenze lustvoller Sättigung überschreitet, und ist der Magen angefüllt, und der Körper in eine an­
daher wesentlich Übersättigungs-, Übermaß- oder dere Verfassung gebracht. Wenn nun, während der
Exzeßekel. Körper bereits in anderer Verfassung ist, das Bild
Andere Autoren haben eine solche immanente dieser Speise, weil sie gegenwärtig ist, gehegt wird,
Verkehrung in Mißfallen und Ekel für alle >gefal­ und folglich auch das Bestreben oder die Begierde,
lenden< Empfindungen einschließlich des Schönen sie zu essen, so wird j ener neue Zustand dieser
diagnostiziert. Johann Karl Wezel schreibt in sei­ Begierde oder diesem Bestreben entgegen und
nem Versuch über die KenntnijJ des Menschen ( r 784/ folglich die G egenwart d e r Sp e is e, die wir begehrt
1 78 5 ) : »Der Schmerz, besonders der körperliche, hatten, unangenehm seyn, und das ist es, was man
spannt die Nerven an und erschlaft sie nur, wenn Widerwille und Ekel nennt.« (At quamdiu eodem
er zu einem sehr hohen Grade anwächst und zu sie fruimur, stomachus adimpletur, Corpusque ali­
lange dauert, hingegen können wir keine Art der ter constituitur. Si igitur Corpore jam aliter dispo­
angenehmen Empfindung lange genießen, ohne sito, ejusdem cibi imago, quia ipse praesens adest,
daß sie die Organe erschöpft: Ueberdruß und Ekel fomentetur, et consequenter conatus etiam, sive
sind ihre beständigen Begleiter.« 24 Cupiditas eundem comedendi, huic Cupiditati,
Schon Breitingers Critische Dichtkunst ( 1 740) seu conatui nova illa constitutio repugnabit, et
wendet die besondere Struktur quantitativen consequenter cibi, quem appetebamus, praesentia
(Über-)Sättigungsekels auf die dichterische elocu­ odiosa erit, et hoc est, quod Fastidium, et Taedium
tio an: »Gleichwie die unmässige Verschwendung
des Gewürtzes die Speisen nur verderbet und Ek­
kel erwecket; also erstecken die überhäuften Blu­
men und Zierrathen in einer Schrift die Schönheit 22 MENDELSSOHN (s. Anm. 20) , 1 3 2 .
der Materie.« 2 5 Neben den Sättigungswerten reiner 23 MENDELSSOHN, Rhapsodie oder Zusätze z u den
Süßigkeit, ermüdender Wiederholung und allzu Briefen über die Empfindungen ( 1 76 1 ) , in: Mendels­
umständlicher Ausführlichkeit gewinnt im l 8 . Jh. sohn, Ästhetische Schriften in Auswahl, hg. v. 0. F.
Best (Darmstadt ' 1 986) , 1 3 9 f.
vor allem ein traditionsreiches Ekel-Paradigma
2 4 JOHANN KARL WEZEL, Versuch über die Kenntniß
eine Leitfunktion: der Ekel an sexueller Erfüllung. des Menschen, Bd. 2 (Leipzig 1785), 1 5 3 .
Fortgesetzte sexuelle Ansinnen im Moment der 2 5 BREITINGER, ßd. 1 , 225.
1 48 Ekel

vocamus.) 26 Condillac hat analog die Genese von Vermeidungswert dieser Regel läßt Lessing keinen
Ekel gegenüber zuvor lustvoll genossenen Speisen Zweifel: »daß uns endlich vor dem ganzen Gegen­
einer Mischung aus Gewohnheitsabrieb und der stande ekelt« 3 1 •
Verteidigung einer genossenen Lusterfalrrung zu­ Die Theorie der ästhetischen Lust verlangt da­
geschrieben. 27 her, als Antidoton gegen deren immanente Ekelge­
Nach Kant ist die »gemeine Bekanntschaft« mit fahr, eine potentiell unendliche Arbeit des Verstan­
sexueller Erfüllung generell von »Ekel« 28 bedroht. des als Basis, Motor und mitlaufendes Ingrediens
»Ekel macht satt« 29 , lautet eine bündige Notiz der ästhetischen Lusterfahrung. Ekel ist in diesem
Kants. Die Regel der Sättigungsvermeidung hat Modell zugleich Unter- und Obergrenze, Wider­
Kant daher zu einer >Hauptmaxime< allen Verhal­ part und eigene Tendenz des Schönen. Zwischen
tens generalisiert: »Auf welchem Wege man aber Kants kontradiktorischen Sätzen »die Sache selbst
auch immer Vergnügen suchen mag: so ist es, wie vereckelt die da schön ist« 32 und »Dem Schönen ist
bereits oben gesagt, eine Hauptmaxime, es sich so nichts so sehr entgegengesetzt als der Ekel« 33 er­
zuzumessen, daß man noch immer damit steigen schreibt sich die neue Wissenschaft der Ästhetik
kann; denn damit gesättigt zu sein, bewirkt denje­ ihren Raum und ihr Ideal. Im Interesse der Sätti­
nigen ekelnden Zustand, der dem verwöhnten gungs- und damit der Ekelvermeidung geht das
Menschen das Leben selbst zur Last macht und Ästhetische von Beginn an eine enge Kooperation
Weiber unter dem Namen der Vapeurs verzehrt. « 30 mit dem reflektierenden Verstand ein: Sinne und
Nur eine solche Diätetik verhindert den immanen­ Verstand werden so konfiguriert, daß ein virtuell
ten Umschlag des Schönen in ein Vomitiv. unabschließbarer Prozeß der >Informationsanrei­
Lessings berühmte Regel des >fruchtbaren Au­ cherung< sich eröffnet. Ästhetisch heißt für Kant
genblicks< setzt dieses anthropologisch-ästhetische eine Idee genau in dem Maß, in dem sie »die Aus­
Gesetz der Sättigungsvermeidung aufs genaueste in sicht in ein unabsehliches Feld verwandter Vorstel­
einen künstlerischen Imperativ um. Sie schreibt lungen eröffnet«34 und so die eigene Unerreichbar­
vor, »in dem ganzen Verfolge eines Affects« stets keit für j ede endliche Deutung behauptet. Wo sie
seinen maximalen Sättigungswert, »die höchste dagegen »bloß« auf einen sich selbst erschöpfenden
Staffel desselben«, zu vermeiden, damit »der Ein­ »Genuß angelegt ist«, der »nichts in der Idee zu­
bildungskraft freies Spiel« bleibt und wir »desto rück:läßt«, werde ihr »Gegenstand nach und nach
mehr hinzu denken können«. Über den negativen anekelnd« (3 26) .
Als durch und durch endliche, ebenso spontane
wie kurze, ebenso heftige wie entschiedene Ab­
wehrreaktion läßt Ekel keinerlei Raum für Refle­
26 BARUCH DE SPINOZA, Ethica/Ethik ( 1 677) , in: Spi­ xion - um so weniger für einen Typ von Refle­
noza, Opera/Werke, lat.-dt., hg. v. K. Blumenstock, xion, der seine eigene Unabschließbarkeit und
übers. v. B. Auerbach, Bd. 2 (Darmstadt 1 967), 3 50; Unentscheidbarkeit affirmiert. Ist die Einführung
dt. 3 5 1 . der unendlichen Reflexion in die ästhetische Er­
2 7 Vgl. CONDILLAC (s. Anm. 8), 3 00.
fahrung eine der kardinalen Innovationen von
28 KANT, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen
und Erhabenen ( 1 764) , in: KANT (AA ) , Bd. 2 ( 1 905), Baumgarten bis Kant und Friedrich Schlegel, figu­
234. riert das Erbrechen aus Ekel auch insofern als ne­
29 KANT (s. Anm. 7) , 473 . gatives Definitionsmodell: als unverdaulicher Block
30 KANT (s. Anm. 6) , 237. reflexionsloser Endlichkeit und Entscheidung. Ein
3 I GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Laokoon: Oder über
die Grenzen der Malerei und Poesie ( 1 766) , in: Les­ Kernstück der neuen Wissenschaft der Ästhetik,
sing, Werke, hg. v. W Barner, Bd. 5/2 (Frankfurt die vielbeschworene Unendlichkeit und Unab­
a. M. 1 990) , 32 f. schließbarkeit der ästhetischen Erfahrung, kann so
3 2 KANT, Bemerkungen zu den Beobachtungen über das als Gegenmittel gegen jene radikale Endlichkeit
Gefühl des Schönen und Erhabenen (entst. ca. 1 765-
des Ekels gelesen werden, die das Feld des Ästheti­
1 77 5 ; ersch. 1 842) , in: KANT ( AA ) , Bd. 20 ( 1 942) , 6 1 .
3 3 KANT (s. Anm. 28), 2 3 3 . schen nicht nur von außen definiert und bedroht,
3 4 KANT (s. Anm. 2 1 ) , 3 1 5 . sondern stets schon von innen infiltriert hat. Nor-
I. Ekel und Ekelhaftes als anthropologisch-ästhetische Kategorie des 1 8 . Jahrhunderts 1 49

rnative Unendlichkeit ist - auch - ein Anti-Vomi­ depouillee ( 1 728) vonJean-Baptis