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� J.B.

METZLER
Ästhetische Grundbeg riffe Historisches Wörterbuch
(ÄGB) in sieben Bänden

Herausgegeben von Karlheinz Barck


(Gescheftsführung)
Martin Fontius
Dieter Schlenstedt
Burkhart Steinwachs
Friedrich Wolfzettel

Redaktion Berlin Redaktion Frankfurt/Main


Dieter Kliche Sandra Luckert
(Leitung und Koordination) Volker Michel
Bertolt Fessen
Martina Kempter
Ästhetische Grundbegriffe

Band6
Tanz - Zeitalter/Epoche

Studienausgabe

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart Weimar
·
Studentische Mitarbeiter: Maren Gehl, Valentina Six und Annegret Strümpfe! (Redaktion Berlin);
Mercedeh S. Golriz und Denise Meixler (Redaktion Frankfurt am Main)

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar

Gesamtwerk:
ISBN 978-3-476-02353-7

ISBN 978-3-476-02359-9
ISBN 978-3-476-00550-2 ( eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-00550-2

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.


Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung
des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2010 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2010
www .metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
V

Inhaltsverzeichnis

Benutzungshinweise VI
Siglenverzeichnis VII
Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und
biblischen Quellen XIII

Artikel

Tanz (RoGER W. MÜLLER FARGUELL, Vollkommen/Vollkommenheit OosEF FRÜCHTL,


Winterthur) Münster; SIBILLE MISCHER, Münster) 3 67
Techniken, künstlerische (FRIEDRICH KITTLER,
Berlin) l 5 Wahrheit/Wahrscheinlichkeit (B URGHARD
Text/Textualität (CLEMENS KNOBLOCH, D AMERA u , verstorben) 3 98
Siegen) 23 Wahrnehmung (MARTIN FONTIUS, Berlin) 436
Theatralität (HELMAR S CHRAMM, Berlin) 48 warenästhetik/Kulturindustrie (MARK N APIERALA,
Tradition - Innovation (Tr11 R. KuHNLE, Jena; TrLMAN REIT z , J ena) 46 1
Augsburg) 74 Weiblichkeit (DOROTHEA D ORNHOF,
Tragisch/Tragik (ROLAND GALLE, Essen) I l 7 Berlin) 48 I
Traum/Vision (H A N S Ur.RrrH RECK, Köln) 1 7 1 Werk (JAN-PETER PuDELEK, Berlin) 520
Wertung/Wert (JAKOB STEINBRENNER,
Unbewußt/das Unbewußte (MAI WEGENER, München) 5 8 8
Berlin) 202 Widerspiegelung/Spiegel/ Abbild (HANS HEINZ
Unheimlich/das Unheimliche (ANNELEEN HoLz, S. Abbondio; THOMAS METSCHER,
MAsscHELEIN, Löwen) 24 r Ottersberg) 617
Unterhaltung/Gespräch (MECHTHILD ALBERT, Wirkung/Rezeption (HERMANN JosEF
Saarbrücken) 260 SCHNACKERTZ, Eichstätt) 670
Urbanismus (HEINZ PAETZOLD , Hamburg/ Witz (MARKUS WrNKLER , Genf; CHRISTINE
Kassel) 2 8 1 Cour.DING, Chico, Cal.) 694
Wunderbar (KARLHEINZ BARCK, Berlin) 730
Vage/unbestimmt (REMO Bomr, Pisa) 3 1 2
Verstehen/Interpretation (RAINER LESCHKE, Zeitalter/Epoche (JusTUS FETSCHER,
Siegen) 3 3 0 Berlin) 774
VI

Benutzungshinweise Hauptsprachen anbelangt, in der Regel nach den


Originalquellen. Außer im Englischen und Fran­
zösischen werden fremdsprachigen Zitaten gängige
Die Artikel der Ästhetischen Grundbegriffe folgen ei­ und leicht zugängliche Übersetzungen hinzu­
nem vorgegebenen Rahmen: Der Artikelkopf gefügt. Quellenangaben altgriechischer und latei­
führt das Lemma an, wie es üblicherweise im nischer Texte werden, wenn ein bloßer Verweis
Deutschen benutzt wird; dann, sofern möglich, auf erfolgt, in der inneren Zitierweise gegeben. Wird
Altgriechisch und Latein sowie in den europäi­ ein Text zitiert, nennt die Angabe Edition und
schen Hauptsprachen Englisch, Französisch, Italie­ Seitenzahl der Übersetzung. Wo keine Überset­
nisch, Spanisch und Russisch. Die vorangestellte zung nachgewiesen ist, stammt sie vom Autor. Für
Artikelgliederung wird zur Orientierung des Le­ sämtliche Zitate im Text werden Stellennachweise
sers auch in der Kopfzeile mitgeführt. geführt. Sammelnachweise folgen auf das letzte der
Die Bibliographie am Ende des Artikels faßt die zu belegenden Zitate. Erscheinen Stellennachweise
wesentliche Literatur zum Thema zusammen und zu Zitaten direkt im laufenden Text, so beziehen
dokumentiert die neuere Forschungslage. Sie ver­ sich die Angaben stets auf die in der vorausgehen­
zeichnet keine Quellentexte; diese werden mit den Anmerkung genannte Edition. Gelegentliche
ausführlichen Angaben im Anmerkungsapparat ge­ Flexionsänderungen in den Zitaten werden nicht
nannt. So verstehen sich die Anmerkungen zu­ eigens gekennzeichnet. Hervorhebungen im Ori­
gleich als eine durchlaufende Gesamtbibliographie ginal stehen ausschließlich kursiv.
zum Thema. Vielbenutzte und gut zugängliche Werk- und
In den Quellenangaben erscheinen die zitierten Einzelausgaben, ebenso große Wörterbücher und
Einzelschriften mit dem Datum des Erstdrucks. Enzyklopädien, werden mit Siglen bezeichnet, die
Liegt zwischen diesem und dem Entstehungsda­ das Siglenverzeichnis erschließt. Ihm folgt ein Ver­
tum ein großer zeitlicher Abstand, so wird letzteres zeichnis der abgekürzt zitierten antiken und bibli­
verzeichnet. Zitiert wird, was die europäischen schen Quellen.
VII

bert [ „ . ] , 35 Bde. (Paris/Neufchastel/ Amster­


Siglenverzeichnis dam 1 7 5 1-1780) : [A-Z] , 17 Bde. (Paris/Neuf­
chastel r 7 5 r-r 76 5); Recueil de planches,
l l Bde. (Paris 1 762-1 772) ; Supplement, 4 Bde.

I. Wörterbücher und (Amsterdam 1 776-1 777) ; Suite du recueil de


Enzyklopädien planches, l Bd. (Paris/Amsterdam I 777) ; Table
analytique et raisonnee, 2 Bde. (Paris/ Amster­
ADELUNG - JOHANN CHRISTOPH ADELUNG, dam 1 780)
Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hoch­ EDWARDS - The Encyclopedia ofPhilosophy,
deutschen Mundart, mit beständiger Verglei­ hg. v. P. Edwards, 8 Bde. (New York/London
chung der übrigen Mundarten, besonders aber 1 967) , l Bd. Supplement, hg. v. D. M. Borchert
der Oberdeutschen ( 1 774-1 786) ; zweyte, ver­ (New York u. a. 1 996)
mehrte u. verbesserte Ausgabe, 4 Bde. (Leipzig EISLER - RUDOLF EISLER, Wörterbuch der philo­
1 793-1 8 0 1 ) sophischen Begriffe und Ausdrücke quellen­
B AYLE - PIERRE B AYLE, Dictionaire historique et mäßig bearbeitet ( 1 8 99) , 4. Aufl„ 3 Bde.
critique, 2 Bde. in 4 Teilen (Rotterdam 1 697) ; (Berlin 1 927- 1 9 3 0)
2. Aufl„ 3 Bde. (Rotterdam 1 702) ; 3 . Aufl„ hg. ENCYCLOPAEDIA BRITANNICA - The Encyclo­
v. P. Marchand, 4 Bde. (Rotterdam I 72ü) ; paedia Britannica, or, a Dictionary of Arts and
4 . Aufl„ hg. v. P. Des Maizeaux, 4 Bde. (Amster­ Sciences, compiled upon a new plan, 3 Bde.
dam u. a. 1 730) ; 5. Aufl„ hg. v. P. Des Maizeaux, (Edinburgh 1 7 7 1 ) [und spätere Auflagen]
4 Bde. (Amsterdam u. a. 1 740) ; hg. v. A. ]. Q. ERSCH/GRUBER -JOHANN SAMUEL ERSCH/
Beuchot, 16 Bde. (Paris 1 8 20-1 824) JOHANN GOTTFRIED GRUBER, Allgemeine
BLANKENBURG - CHRISTIAN FRIEDRICH VON Encyclopädie der Wissenschaften und Künste,
BLANKENBURG, Litterarische Zusätze zu Johann Sect. 1 , 99 Bde. u. Reg.bd. (Leipzig 1 8 1 8-
Georg Sulzers allgemeiner Theorie der schönen 1 892) , Sect. 2, 43 Bde. ( 1 8 27-1 8 89) , Sect. 3 ,
Künste [ „ . ] (zuerst integriert in: SULZER [ 1 786/ 2 5 Bde. ( 1 8 3 0-1 8 50)
1 787] ) , 3 Bde. (Leipzig 1 796- 1 798) FURETIERE - ANTOINE FCRETIERE, Dictionaire
BROCKHAUS - DAVID ARNOLD FRIEDRICH universel, Contenant generale1nent tous les
BROCKHAUS, Conversations-Lexicon oder Mots Fran�ois Cant vieux que modernes, & !es
kurzgefasstes Handwörterbuch für die in der Termes de toutes !es Sciences et des Arts [ . . . ]
gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissen­ 3 Bde. (Den Haag/Rotterdam 1 690) ; 2. Ausg„
schaften und Künsten vorkommenden Gegen­ hg. v. H. Basnage de Bauval, 3 Bde. (Den Haag/
stände [ „ . ] , 6 Bde. u. 2 Suppl.bde. (Amsterdam/ Rotterdam 1 70 1 ) ; Neue Ausg„ hg. v.]. Brutei
Leipzig l Socr-1 8 1 l) [und spätere Auflagen, mit de La Riviere, 4 Bde. (Den Haag 1 727) [und
wechselnden Titeln J andere Auflagen]
CHAMBERS - EPHRAIM CHAMBERS, Cyclopaedia: GOTTSCHED -JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED,
or, An Universal Dictionary of Arts and Handlexicon oder kurzgefaßtes Wörterbuch der
Sciences, Containing an Explication of the schönen Wissenschaften und freyen Künste
Terms and an Account of the Things Signified (Leipzig 1 760)
Thereby in the SeYeral Arts, Liberal and Me­ GRIMM - JACOB GRIMM/WILHELM GRIMM,
chanical, and the Several Sciences, Human and Deutsches Wörterbuch, 1 6 Bde. u. Quellen­
Divine, Compiled from the Best Authors, 2 Bde. verzeichnis (Leipzig 1 8 54-1 9 7 1 )
(London l 728) GROVE - The New Grove Dictionary ofMusic
DIDEROT (ENCYCLOPEDIE) - Encyclopedie, ou and Musicians, hg. v. S. Sadie, 20 Bde.
Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et (London/New York 1 980) ; 2. Aufl„ 29 Bde.
des metiers, par une Societe de gens de lettres. (London/New York 200 1 )
Mis en ordre & publie par M. Diderot, [ . . . ] & HAUG - Historisch-kritisches Wörterbuch des
quant a la partie mathematique, par M. d' Alem- Marxismus, hg. v. W F. Haug (Hamburg 1 994 ff.)
VIII Siglenverzeichnis

HEBENSTREIT - WILHELM HEBENSTREIT, Wissen­ LITTRE - MAXlMILIEN PAUL EMlLE LITTRE, Dic­
schaftlich-literarische Encyk:lopädie der Aesthe­ tionnaire de Ja langue fran�aise, 4 Bde. (Paris
tik. Ein etymologisch-kritisches Wörterbuch 1 863-1 869) [und spätere Auflagen]
der ästhetischen Kunstsprache (Wien l 843) LTK - Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl„
HEINSIUS - THEODOR HEINSIUS, Volksthümliches hg. v. J. Höfer/K. Rahner, ro Bde. (Freiburg
Wörterbuch der Deutschen Sprache mit Be­ 1 9 5 7-1965); 3„ völlig neu bearb. Aufl„ hg. v.
zeichnung der Aussprache und Betonung für die W Kasper, l I Bde. (Freiburg u. a. 1 993-200 1)
Geschäfts- und Lesewelt, 4 Bde. (Hannover MEYER - HERMANN JULIUS MEYER, Neues
I 8 I 8-1 822) [und spätere Auflagen] Conversations-Lexikon für alle Stände, l 5 Bde.
HEYDENREICH - CARL HEINRICH HEYDENREICH, u. Suppl.bd. Portraits, Ansichten, Karten
Aesthetisches Wörterbuch über die bildenden (Hildburghausen 1 8 5 7- 1 8 60) [und spätere
Künste nach Watelet und Levesque. Mit nö­ Auflagen, mit wechselnden Titeln]
thigen Abkürzungen und Zusätzen fehlender MGG - Die Musik in Geschichte und Gegenwart,
Artikel kritisch bearbeitet, 4 B de. (Leipzig hg. v. F. Blume, I7 Bde. (Kassel u. a. 1 949/ r 9 5 1 -
1 793-1 795) I 986) ; 2 „ neubearb. Aufl„ hg. v . L. Finscher
JACOB - Encyclopedie philosophique universelle, (Kassel u. a. I 994 ff.)
hg. v. A. Jacob, 4 Abt„ 6 Bde. (Paris 1 989- MITTELSTRASS - Enzyklopädie Philosophie und
1 998) Wissenschaftstheorie, hg. v. J. Mittelstraß,
JElTTELES - IGNAZ JEITTELES, Aesthetisches Lexi­ Bd. 1-2 (Mannheim/Wien/Zürich 198 0-- 1 984) ,
kon. Ein alphabetisches Handbuch zur Theorie Bd. 3-4 (Stuttgart/Weimar 1 995-1 996)
der Philosophie des Schönen und der schönen OED - The Oxford English Dictionary. Second
Künste [„. ] , 2 Bde. (Wien 1 8 3 5 / 1 8 3 7) Edition, hg. v. J. A. Simpson/E. S. C. Weiner,
KLUGE - FRIEDRICH KLUGE, Etymologisches 20 Bde. (Oxford I 9 89)
Wörterb u ch der deutschen Sprache ( I 8 8 3), PANCKOUCKE - Encyclopedie methodique, ou par

24„ erw. Aufl„ bearb. v. E. Seebold (Berlin/ ordre de matieres, par une Societe de Gens de
New York 2002) [und frühere Auflagen] Lettres, de Savans et d' Artistes, I 96 Bde. (Paris/
KOSELLECK - Geschichtliche Grundbegriffe. Lüttich 1782-1 8 3 2)
Historisches Lexikon zur politisch-sozialen PAUL - HERMANN PAUL, Deutsches Wörterbuch,
Sprache in Deutschland, hg. v. 0. Brunner/ 9„ vollst. neu bearb. Aufl. v. H. Henne (Tübin­
W Conze/R. Koselleck, 8 Bde. (Stuttgart gen 1 992)
1 972-1 997) PAULY - Pauly's Real-Encyclopädie der classischen
KRUG - WILHELM TRAUGOTT KRUG, Allgemeines Altertumswissenschaft, neue Bearb., begonnen
Handwörterbuch der philosophischen Wissen­ v. G. Wissowa, Reihe I , 47 Halbbde. (Stuttgart
schaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte. I 894-1 963) , Reihe 2, Halbbde. 1-1 8 (Stuttgart
Nach dem heutigen Standpuncte der Wissen­ I 9 I 4-1 967) , Halbbd. 19 (München I 972) ,
schaft bearb. u. hg. ( 1 827- 1 829) ; zweite, ver­ Suppl.bde. l - I 2 (Stuttgart I903-1 970) ,
besserte u. vermehrte, Aufl„ 5 Bde. (Leipzig Suppl.bde. 1 3- I 5 (München 1 973-1978),
I 8 3 2-1 8 3 8) Register d. Nachträge u. Suppl. (München
KRÜNITZ - JOHANN GEORG KRÜNITZ (Hg.) , I 9 8o) , Gesamtregister, Bd. I (Stuttgart/Weimar
Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines 1 997)
System der Land-, Haus und Staats-Wirthschaft PAULY ( KL) - Der kleine Pauly. Lexikon der
(übers. a. d. Frz.), fortges. v. F. J. Floerke (ab Antike, hg. v. K. Ziegler/W. Sontheimer,
Bd. 73), H. G. Floerke (ab Bd. 78) , J. W D. Bd. l-3 (Stuttgart I 964- I 969) , Bd. 4-5
Korth (ab Bd. 1 24) , C. 0. Hoffmann (ab (München I 972- 1 975)
Bd. 226) , 242 Bde. (Berlin 1 773-1 8 5 8) PAULY ( NEU) - Der neue Pauly. Enzyklopädie der
LAROUSSE - PIERRE ATHANASE LAROUSSE, Grand Antike, hg. v. H. Cancik/H. Schneider/M.
dictionnaire universel du X!Xe siede, 1 5 Bde„ Landfester, 16 Bde. (Stuttgart/Weimar I 996-
2 Suppl.bde. (Paris 1 866- I 8 8 8) 2003)
Siglenverzeichnis IX

RAC - Reallexikon für Antike und Christentum. der Philosophie, als Logic, Metaphysic, Physic,
Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Pneumatic, Ethic, natürlichen Theologie und
Christentums mit der antiken Welt, hg. v. T. Rechts-Gelehrsamkeit, wie auch Politic für­
Klauser (Stuttgart 1950 ff.) kommenden Materien und Kunst-Wörter
RGG - Die Religion in Geschichte und Gegen­ erkläret und aus der Historie erläutert; die
wart. Handwörterbuch für Theologie und Streitigkeiten der ältern und neuem Philoso­
Religionswissenschaft, 3 . Aufl., hg. v. K. phen erzehlet, die dahin gehörigen Bücher und
Galling, 6 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen 1 9 5 7- Schrifften angeführet, und alles nach Alphabe­
1 965); 4., völlig neu bearb. Aufl., hg. v. H. D. tischer Ordnung vorgestellet werden (Leipzig
Betz u. a., 8 Bde. u. Reg.bd. (Tübingen 1 726) ; Zweyte verbesserte und mit denen Leben
1 998 ff.) alter und neuer Philosophen vermehrte Auflage
RITTER - Historisches Wörterbuch der Philo­ (Leipzig 1 7 3 3 ) ; davon Titelauflage (Leipzig
sophie, hg. v. ]. Ritter/K. Gründer (Basel/ 1 740) ; Vierte Aufl. in zween Theilen, mit vielen
Stuttgart 1971 ff.) neuen Zusätzen und Artikeln vermehret, und
ROSCHER - Ausführliches Lexikon der griechi­ bis auf gegenwärtige Zeiten fortgesetzet, wie
schen und römischen Mythologie, hg. v. W. H. auch mit einer kurzen kritischen Geschichte der
Roscher, Bd. l-5 (Leipzig 1 8 84-1 924) , Bd. 6 Philosophie aus dem Bruckerischen großen
(Leipzig/Berlin 1 924-1937) Werke versehen, von Justus Christian Hennings
SANDKÜHLER - Europäische Enzyklopädie zu (Leipzig 1 775)
Philosophie und Wissenschaften, hg. v. WATELET - CLAUDE HENRI WATELET/PIERRE
H. ]. Sandkühler u. a., 4 Bde. (Hamburg 1 990) CHARLES LEVESQUE, Dictionnaire des arts de
SOURIAU - Vocabulaire d'Esthetique, hg. v. E. peinture, sculpture et gravure, 5 Bde. (Paris
Souriau/ A. Souriau (Paris 1 990) 1 792)
SULZER - JOHANN GEORG SULZER, Allgemeine ZEDLER - JOHANN HEINRICH ZEDLER, Grosses
Theorie der Schönen Künste in einzeln, nach vollständiges Universal-Lexicon aller Wissen­
alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf schaften und Künste, 64 Bde. u. 4 Suppl.bde.
einander folgenden, Artikeln abgehandelt, (Halle/Leipzig 1 7 3 2-1 754)
2 Bde. (Leipzig l77 1/r774); 2. verb. Aufl.,
4 Bde. (Leipzig l778/ r 779); neue (von Christian
Friedrich von Blankenburg] vermehrte Aufl.,
4 Bde. (Leipzig l 786/ r 787); neue [von C. F. v.
Blankenburg] vermehrte zweyte Auflage, 4 Bde. 2. Werkausgaben und Einzel­
u. Reg.bd. (Leipzig 1 792-1 799) schriften
TRE - Theologische Realenzyklopädie, hg. v. G.
Krause/G. Müller (Berlin/New York 1 976 ff.) ADORNO - THEODOR w. ADORNO, Gesammelte
TREVOUX - Dictionnaire universel franyois et latin, Schriften, hg. v. R. Tiedemann u. a., 20 Bde.
vulgairement appele Dictionnaire de Trevoux (Frankfurt a. M. 1 970-1986)
( . . . ] ( 1 704) ; 7. Aufl., 8 Bde. (Paris 1771) [und AST - FRIEDRICH AST, System der Kunstlehre oder
andere Auflagen] Lehr- und Handbuch der Ästhetik (Leipzig 1 805)
TRÜBNER - Trübners Deutsches Wörterbuch, hg. BACON - FRANCIS BACON, The Works, hg. V.
v. A. Götze/W. Mitzka, 8 Bde. (Berlin 1939- ]. Spedding/R. L. Ellis/D. D. Heath, 1 4 Bde.
1 9 5 7) (London 1 8 5 8- 1 8 74)
TURNER - The Dictionary of Art, hg. v. ]. Turner, BATTEliX ( 1 746) - CHARLES BATTEUX, Les beaux
34 Bde. (London 1 996) Arts reduits a un meme Principe (Paris 1 746)
UEDING - Historisches Wörterbuch der Rhetorik, BATTEUX ( 1 747) - CHARLES BATTEUX, Les beaux
hg. v. G. Ueding (Tübingen 1 992 ff.) Arts reduits a un meme Principe (Paris 1 747)
WALCH - JOHANN GEORG w ALCH, Philosophi­ BATTEUX (1773) - CHARLES BATTEUX, Les Beaux
sches Lexicon. Darinnen Die in allen Theilen Arts Reduits a un meme Principe (Paris 1 773)
X Siglenverzeichnis

BAUDELAIRE - CHARLES BAUDELAIRE, CEuvres DESCARTES - RENE DESCARTES, CEuvres, hg. V.


completes, 2 Bde., hg. v. C. Pichois (Paris I 97 5 / C. Adam/P. Tannery, 12 Bde. u. Indexbd. (Paris
1 976) I 897-1 9 1 3 )
BAUMGARTEN - ALEXANDER GOTTLIEB BAUM­ DIDEROT ( ASSEZAT) - DENIS DIDEROT, CEuvres
GARTEN, Aesthetica, 2 Bde. (Frankfurt a. d. 0. completes, hg. v. ]. Assezat/M . Tourneux,
I 750/r 758) 20 Bde. (Paris I 875-I 877)
BAUMGARTEN ( DT) - ALEXANDER GOTTLIEB DIDEROT ( vARLOOT) - DENIS DIDEROT, CEuvres
BAUMGARTEN, Theoretische Ästhetik. Die completes, hg. v. H. Dieckmann/j. Proust/
grundlegenden Abschnitte aus der >Aesthetica< J. Varloot (Paris I 97 5 ff.)
(r750/ r 75 8 ) , lat.-dt„ übers. u. hg. v. H. R. DILTHEY - WILHELM DILTHEY, Gesammelte
Schweizer (Hamburg I 9 8 3 ) Schriften, Bd. I-9, I I, I2 (Leipzig/Berlin I 9 I 4-
BENJAMIN - WALTER BENJAMIN, Gesammelte I 9 3 6) ; Bd. ro, I 3 ff. (Göttingen I 9 5 8ff.) [und
Schriften, hg. v. R. Tiedemann/H. Schweppen­ spätere Auflagen]
häuser, 7 Bde. u. 3 Suppl.bde. (Frankfurt a. M. DU BOS - JEAN-BAPTISTE DU BOS, Reflexions
l972-I 999) critiques sur la poesie et sur la peinture ( l 7 I 9),
BLOCH - ERNST BLOCH, Gesamtausgabe, I6 Bde. 7. Aufl„ 3 Bde. (Paris I 770)
u. Erg.bd. (Frankfurt a. M. I959-I 978) FEUERBACH - LUDWIG FEUERBACH, Gesammelte
BODMER - JOHANN JACOB BODMER, Critische Werke, hg. v. W Schuffenhauer (Berlin
Betrachtungen über die Poetischen Gemählde I 967ff.)
der Dichter (Zürich I 74 I ) FLAUBERT - GUSTAVE FLAUBERT, CEuvres comple­
BOILEAU - NICOLAS BOILEAU-DESPREAUX, tes, hg. v. d. Societe des Etudes litteraires fran-
CEuvres completes, hg. v. F. Escal (Paris I 966) 1=aises (Paris I 97 I ff)
BOUTERWEK - FRIEDRICH BOUTERWEK, Aesthetik FREUD ( Gw) - SIGMUND FREUD, Gesammelte
(Leipzig I 806) Werke, hg. v. A. Freud u. a„ Bd. l-1 7 (London
BRECHT - BERTOLT BRECHT, Gesammelte Werke, l 940-- I 952), Bd. I 8 (Frankfurt a. M. 1 968) ,
20 Bde. (Frankfurt a. M. I 967) Nachlaßbd. (Frankfurt a. M. I987)
BRECHT ( BFA) - BERTOLT BRECHT, Werke. Große FREUD ( sA) - SIGMUND FREUD, Studienausgabe,
kommentierte Berliner und Frankfurter Aus­ hg. v. A. Mitscherlich/ A. Richards/]. Strachey,
gabe, hg. v. W Hecht u. a„ 30 Bde. u. Reg.bd. r o Bde. u. Erg.bd. (Frankfurt a. M. 1 96cr--I 975)
(Berlin/Frankfurt a. M. 1 9 8 8-2000) [und spätere Auflagen]
BREITINGER - JOHANN JAKOB BREITINGER, GADAMER - HANS-GEORG GADAMER, Gesammelte
Critische Dichtkunst, 2 Bde. (Zürich 1 740) Werke, ro Bde. (Tübingen l 9 8 5-I 995)
BROCH - HERMANN BROCH, Kommentierte GOETHE ( BA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE,
Werkausgabe, hg. v. P. M. Lützeler (Frankfurt Berliner Ausgabe, 22 Bde. u. Suppl.bd. (Berlin/
a. M. l976ff.) Weimar I 960-- I 978)
BURCKHARDT - JACOB BURCKHARDT, Gesamt­ GOETHE ( HA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE,
ausgabe, 14 Bde. (Stuttgart/Berlin/Leipzig Werke, hg. v. E. Trunz, I 4 Bde. (Hamburg
I 929-1934) I 948-I 960) [und spätere Auflagen, seit I 972 in
BURKE - EDMUND BURKE, A Philosophical En­ München] [Hamburger Ausgabe]
quiry into the Origin of Our Ideas of the Sub­ GOETHE ( WA) - JOHANN WOLFGANG GOETHE,
lime and Beautiful ( I 757) , hg. v. J. T. Boulton Werke, hg. i. Auftr. d. Großherzogin Sophie
(London I 9 5 8) von Sachsen, I 43 Bde. (Weimar I 8 87- 1 9 1 9)
COLERIDGE - SAMUEL TAYLOR COLERIDGE, The [Weimarer Ausgabe]
Collected Works, hg. v. K. Coburn (London/ GOTTSCHED ( DICHTKUNST) - JOHANN
Princeton I 969ff.) CHRISTOPH GOTTSCHED, Versuch einer
CONDILLAC - ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC, Critischen Dichtkunst ( 1 730); 4. Aufl. (Leipzig
CEuvres philosophiques, hg. v. G. Le Roy, 3 I 7 5 I)
Bde. (Paris l 947-I 9 5 I ) HEGEL ( ÄSTH) - GEORG WILHELM FRIEDRICH
Siglenverzeichnis XI

HEGEL, Ästhetik (I835-I838) , hg. v. F. Bassenge HUME - DAVID HUME, The Philosophical Works,
(Berlin I955) hg. v. T. H. Green/T. H. Grose, 4 Bde. (London
HEGEL (GLOCKNER) - GEORG WILHELM 1874-1875)
FRIEDRICH HEGEL, Sämtliche Werke. HUME (ENQUIRIES) - DAVID HUME, Enquiries
Jubiläumsausgabe in 20 Bänden, mit einer Concerning Human Understanding and
Hegel-Monographie (Bd. 2I-22) und einem Concerning the Principles of Morals, hg. v.
Hegel-Lexikon (Bd. 23-26) hg. v. H. Glockner L. A. Selby-Bigge/P. H. Nidditch (Oxford
(Stuttgart I927-I940) 1975)
HEGEL (TWA) - GEORG WILHELM FRIEDRICH HUME (TREATISE) - DAVID HUME, A Treatise of
HEGEL, Werke, hg. v. E. Moldenhauer/K. M . Human Nature (173g---1740) , hg. v. L. A. Selby­
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HEIDEGGER - MARTIN HEIDEGGER, Gesamtausgabe Werke, aufGrund des Nachlasses veröff. vorn
(Frankfurt a. M. I976ff.) Husserl-Archiv Louvain/Leuven unter Leitung
HEINE (DA) - HEINRICH HEINE, Historisch-kriti­ von H. L. van Breda; ab Bd. 22 in Verb. mit
sche Gesamtausgabe der Werke, hg. v. R. Boehrn unter d. Leitung von S. Ijsseling
M. Windfuhr, I6 Bde. (Hamburg I973-I997) (Den Haag 1950-1987; Dordrecht/Boston/
( D üsseldorfer Ausgabe] London I989ff.)
HEINE (HSA) - HEINRICH HEINE, Säkularausgabe. HUTCHESON - FRANCIS HUTCHESON, Collected
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k:lass. dt. Literatur in Weimar (dann Stiftung HUTCHESON (INQUIRY) - FRANCIS HUTCHESON,
Weimarer Klassik) u. d. Centre National de la An Inquiry Concerning Beauty, Order, Har­
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I970ff.) I973)
HERDER - JOHANN GOTTFRIED HERDER, Särnrnt­ JEAN PAUL (HKA) - JEAN PAUL, Sämtliche Werke.
liche Werke, hg. v. B. Suphan, 33 Bde. (Berlin Historisch-kritische Ausgabe, Abt. l, I8 Bde.
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HOBBES (LAT) - THOMAS HOBBES, Opera philo­ Werke, hg. v. N. Miller, Abt. l, 6 Bde„ Abt. 2,
sophica quae Latine scripsit ornnia, hg. v. 4 Bde. (München I959-I985) ( und spätere
W Molesworth, 5 Bde. (London I839-1845) Auflagen]
HOBBES ( rnv ) - THOMAS HOBBES, Leviathan JUNG - CARL GUSTAV JUNG, Gesammelte Werke,
(165I), hg. v. R. Tuck (Cambridge u. a. 1991) Bd. I, 3, 4, 6-8, II, I6 (Zürich/Stuttgart I958-
HÖLDERLIN (FA) - FRIEDRICH HÖLDERLIN, Särntl. 1969) , Bd. 2, 5, 9, ro, I2-I5, 17-I9 u. Suppl.bd.
Werke. Hist.-krit. Ausgabe, hg. von D. E. Sattler (Olten/Freiburg i. Br. I97I-1987)
(Frankfurt a. M. 1975ff.) ( Frankfurter Ausgabe] KANT (AA) - IMMANUEL KANT, Gesammelte
HÖLDERLIN (GSA) - FRIEDRICH HÖLDERLIN, Schriften, hg. v. d. Kg!. Preuß. bzw. Preuß. bzw.
Sämtliche Werke, 8 Bde„ hg. v. F. Beissner Dt. Akad. d. Wiss. bzw. d. Akad. d. Wiss. d.
(Stuttgart l943-I985) ( Große Stuttgarter Aus­ DDR bzw. Berlin-Brandenb. Akad. d. Wiss.
gabe] (Berlin 1902ff.) [Akademieausgabe]
HOME - HENRY HOME, Elements of Criticisrn, KANT (wA) - IMMANUEL KANT' Werke, hg. V.
3 Bde. (Edinburgh I762) [und spätere Auflagen] W Weischedel, I2 Bde. (Frankfurt a . M . I974-
HUMBOLDT - WILHELM VON HUMBOLDT, Ge­ I977) [Werkausgabe im Suhrkamp-Taschenbuch
sammelte Schriften, hg. v. d. Kg!. Preuß. Akad. Wissenschaft]
d. Wiss„ I7 Bde. (Berlin/Leipzig 1903-1936) KIERKEGAARD - S0REN KIERKEGAARD, Gesarn-
XII Siglenverzeichnis

melte Werke, hg. u. übers. v. E. Hirsch/H. Ger­ Werke. Kritische Gesamtausgabe, hg. v. G.
des/H. M. Junghans, 36 Abt. u. Reg.bd. (Düs­ Colli/M. Montinari (Berlin I967 ff)
seldorf/Köln 1950-1969) NIETZSCHE (SCHLECHTA) - FRIEDRICH
KLEIST - HEINRICH VON KLEIST, Sämtliche Werke NIETZSCHE, Werke, hg. V. K. Schlechta, 3 Bde.
u. Briefe, hg. v. H. Sembdner, 2 Bde. (München (München I954-I956) [und spätere Auflagen]
91993) [und frühere Auflagen] NOVALIS - NOVALIS, Schriften. Die Werke Fried­
KRACAUER - SIEGFRIED KRACAUER, Schriften rich von Hardenbergs, hg. v. P Kluckhohn/R.
(Frankfurt a. M. 1971ff.) Samuel/H.-J. Mähl, Bd. 1-3, 2. Aufl. (Stuttgart
LA METTRIE - JULIEN OFFRAY DE LA METTRIE, I960-I968) ; 3. Aufl. (Stuttgart I977-I988) ;
CEuvres philosophiques, hg. v. F. Markovits, Bd. 4-5 (Stuttgart 19751!988) , Bd. 6 [in
2 Bde. (Paris 1987) 4 Teilbdn.] (Stuttgart 1998 ff)
LESSING (GÖPFERT) - GOTTHOLD EPHRAIM RIEDEL - FRIEDRICH JUSTUS RIEDEL, Theorie der
LESSING, Werke, hg. v. H. G. Göpfert, 8 Bde. schönen Künste und Wissenschaften. Ein Aus­
(München 1970-1979) zug aus den Werken verschiedener Schriftsteller
LESSING (LACHMANN) - GOTTHOLD EPHRAIM (Jena 1767)
LESSING, Sämtliche Schriften, hg. v. K. Lach­ ROSENKRANZ - KARL ROSENKRANZ, Ästhetik
mann/F. Muncker, 23 Bde. (Stuttgart J l886- des Häßlichen (I853) , hg. v. D. Kliche, 2. Aufl.
I924) (Leipzig I 996)
LICHTENBERG - GEORG CHRISTOPH LICHTEN­ ROUSSEAU - JEAN-JACQUES ROUSSEAU, CEuvres
BERG, Schriften u. Briefe, hg. v. W Promies, completes, hg. v. B. Gagnebin/M. Raymond,
4 Bde. u. 2 Kommentarbde. (München 1968- 5 Bde. (Paris I959-1995)
1992) RUGE - ARNOLD RUGE, Neue Vorschule der
LOCKE (ESSAY) - JOHN LOCKE, An Essay Con­ Aesthetik. Das Komische mit einem komischen
cerning Human Understanding (1690), hg. v. Anhange (Halle 1836)
P. H. Nidditch (Oxford I975) SCHELLING (sw) FRIEDRICH WILHELM JOSEPH
-

LUKACS - GEORG LUKACS, Werke, Bd. 2, 4-I2 SCHELLING, Sämmtliche Werke, hg. V. K. F. A.
(Neuwied/Berlin I962-I97I) , Bd. l3-I7 Schelling, Abt. l , ro Bde„ Abt. 2, 4 Bde.
(Darmstadt/Neuwied I974-1986) (Stuttgart/Augsburg 1856-1861)
MALEBRANCHE - NICOLAS MALEBRANCHE, SCHILLER - FRIEDRICH SCHILLER, Werke. Natio­
CEuvres completes, hg. v. A. Robinet, 20 Bde. nalausgabe, hg. v. J. Petersen u. a. (Weimar
u. 2 lndexbde. (Paris I958-I984) I943ff.)
MEIER - GEORG FRIEDRICH MEIER, Anfangsgründe SCHLEGEL (KFSA) Kritische Friedrich-Schlegel­
-

aller schönen Wissenschaften (1748-I750) , Ausgabe, hg. v. E. Behler u. a. (Paderborn u. a.


2. Aufl„ 3 Bde. (Halle 1754-I759) I958 ff)
MENDELSSOHN - MOSES MENDELSSOHN, SCHLEIERMACHER - FRIEDRICH DANIEL ERNST
Gesammelte Schriften, hg. v. L Elbogen u. a. SCHLEIERMACHER, Krit. Gesamtausgabe, hg. V.
(Stuttgart-Bad Cannstatt I97l ff.) H.-J. Birkner u. a. (Berlin/New York 198off.)
MEW - KARL MARX/FRIEDRICH ENGELS, Werke, SCHOPENHAUER - ARTHUR SCHOPENHAUER,
hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim Sämtliche Werke, hg. v. A. Hübscher, 7 Bde„
ZK der SED, 43 Bde„ 2 Bde. Verzeichnis, 1 Bd. 2. Aufl. (Wiesbaden 1946-1950) [und spätere
Sachregister (Berlin 1956-I990) Auflagen]
MONTAIGNE - MICHEL DE MONTAIGNE, Les Essais SHAFTESBURY - ANTHONY ASHLEY COOPER, EARL
(I580) , hg. v. F. Strowski/F. Gebelin/P Villey, OF SHAFTESBURY, Complete Works/Sämtliche
5 Bde. (Bordeaux I906-I933) Werke. Standard Edition, hg. u. übers. v. W
MORITZ - KARL PHILIPP MORITZ, Werke in drei Benda u. a. (Stuttgart-Bad Cannstatt l98Iff.)
Bänden, hg. v. H. Günther (Frankfurt a. M. SOLGER - KARL WILHELM FERDINAND SOLGER,
I98I) Vorlesungen über Aesthetik, hg. v. K. W L
NIETZSCHE (KGA) - FRIEDRICH NIETZSCHE, Heyse (Leipzig 1829)
Abkürzungen griechischer Werktitel XIII

SPINOZA - BARUCH DE SPINOZA, Opera. Im


Auftr. d. Heidelb. Akad. d. Wiss. hg. v.
Verzeichnis der abgekürzt
C Gebhardt, Bd. 1-4 (Heidelberg o. J. [1925]) , zitierten antiken und
Bd. 5 (Heidelberg 1987)
VALERY - PAUL VALERY, CEuvres, hg. v. J. Hytier, biblischen Quellen
2 Bde. (Paris 1957/r960)
VALERY ( CAHIERS) - PAUL VALERY, Cahiers, hg.
v. J. Robinson-Valery, 2 Bde. (Paris 1973/r974)
VISCHER - FRIEDRICH THEODOR VISCHER, Abkürzungen griechischer
Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Werktitel
Gebrauch für Vorlesungen (1846-1858) , hg. v.
R. Vischer, 6 Bde. (München I922-I923) AISCHYLOS
VOLTAIRE - VOLTAIRE, CEuvres completes, hg. V. Pram. Prometheus
L. Moland, 52 Bde. (Paris 1877-1885) Eum. Eumenides
WIELAND ( AA) - CHRISTOPH MARTIN WIELAND, Ag. Agamemnon
Gesammelte Schriften, hg. v. d. Kg!. Preuß.
bzw. Preuß . bzw. Dt. Akad. d. Wiss. bzw. d. ARISTOPHANES
Akad. d. Wiss. d. DDR bzw. Berlin-Brandenb. Nub. Nubes
Akad. d. Wiss. (Berlin I909ff.) [Akademieaus­ Thesm. Thesmophoriazusae
gabe]
WIELAND (sw) - CHRISTOPH MARTIN WIELAND, ARISTOTELES
Sämmtliche Werke, 39 Bde. u. 6 Suppl.bde. An. De anima
(Leipzig I794-1811) Cael. De caelo
WINCKELMANN - JOHANN JOACHIM WINCKEL­ Eth. Eud. Ethica E udemia
MANN, Sämtliche Werke. Einzige vollständige Eth. Nie. Ethica Nicomachea
Ausgabe, hg. v. J. Eiselein, 12 Bde. (Donau­ Int. De interpretatione
eschingen I825-I829) , Abbildungen, r Metaph. Metaphysica
Bd. (Donaueschingen 1835) Phys. Physica
WOLFF - CHRISTIAN WOLFF, Gesammelte Werke, Poet. Poetica
hg. v. J. Ecole u. a., Abt. 1, 22 Bde., Abt. 2, Pol. Politica
37 Bde., Abt. 3: Ergänzungsreihe (Hildesheim Prob!. Problemata
1964 ff) Rhet. Rhetorica
Sens. De sensu
Top. Topica

3. Text- und Quellensammlungen EURIPIDES


MIGNE ( PL) - PAUL MIGNE (Hg.), Patrologiae Hipp. Hippolytus
cursus completus [„ . ] . Series Latina, 22I Bde.
(Paris I844-I864) , 5 Suppl.bde., hg. v. A. HESIOD
Hamman (Paris 1958-1974) Erg. €pya Kai hµ€pm
MIGNE ( PG) - PAUL MIGNE (Hg.), Patrologiae Theog. Theogonia
cursus completus [„ . ] . Series Graeca, 162 Bde.
(Paris I857-I9I2) HOMER
CCHR ( L) - Corpus Christianorum. Series Latina II. Ilias
(Turnhaut 1954ff.) Od. Odyssee

PINDAR
0. Olympien
XIV Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen

PLATON Brut. Brutus


Alk. I, 2 Alkibiades r , 2 De or. De oratore
Ax. Axiochos Div. De divinatione
Charm. Charmides Farn. Epistulae ad familiares
Epist. Epistulae Fin. De finibus
Euthyd. Euthydemos Inv. De inventione
Gorg. Gorgias Leg. De legibus
Hipp. mai., min. Hippias maior, minor Nat. De natura deorum
Ion Ion Off. De officiis
Krat. Kratylos Or. Orator
Leg. Leges S. Rose. Pro Sex. Roscio Amerino
Phaid. Phaidon Top. Topica
Phaidr. Phaidros Tusc. Tusculanae disputationes
Phil. Philebos
Polit. Politikos HORAZ
Prot. Protagoras Ars Ars poetica
Rep. De re publica c. Carmina
Sis. Sisyphos Epist. Epistulae
Soph. Sophistes S. Sermones
Symp. Symposion
Tht. Theaitetos OVID
Tim. Timaios Am. Amores
Fast. Fasti
SOPHOKLES Met. Metamorphoses
Ant. Antigone Trist. Tristia
Oid. K. Oidipus aufKolonos
Phil. Philoktetes PLAUTUS
Men. Menaechmi
XENOPHON
Kyr. Kyrupaideia PLINIUS
Lak. pol. AaK€5atµovlwv 1roA.1T€ta Nat. N aturalis historia
Mem. Memorabilia
Oik. Oikonomikos QUINTILIAN
Inst. Institutio oratoria

Abkürzungen lateinischer Rhet. Her. Rhetorica ad C. Herennium

Werktitel
SALLUST
AUGUSTINUS Cat. Coniuratio Catilinae
Civ. De civitate dei lug. Bellum lugurthinum
Conf. Confessiones
SENECA
CICERO Benef. De beneficiis
Ac. i Lucullus sive Academicorum Epist. Epistulae ad Lucilium
priorum libri Nat. N aturales quaestiones
Ac. 2 Academicorum posteriorum
Libri TACITUS
Att. Epistulae ad Atticum Ann. Annales
Abkürzungen biblischer Bücher und außerkanonischer Schriften XV

VERGIL
Aen. Aeneis
Aet. Aetna
Ed. Eclogae
Georg. Georgica

Abkürzungen biblischer Bücher


und außerkanonischer Schriften

ALTES TESTAMENT
Gen. Genesis ( 1 . Buch Mose)
Ex. Exodus (2 . Buch Mose)
Lev. Leviticus (3. Buch Mose)
Num. Numeri (4. Buch Mose)
Dtn. Deuteronomium (5. Buch Mose)
Jos. Josua
Jes. Jesaja
Jer. Jeremia
Am. Arnos
Mi. Micha
Ps. Psalmen
Koh. Kohelet (Prediger)
Dan. Daniel

NEUES TESTAMENT
Mt. Matthäus
Mk. Markus
Lk. Lukas
Joh. Johannes
Act. Apostelgeschichte
Röm. Römerbrief
I ., 2. Kor. 1 . , 2. Korintherbrief
Gai. Galaterbrief
Phil.. Philipperbrief
Kol. Kolosserbrief
1 . , 2. Tim. 1., 2. Timotheusbrief
Tit. Titusbrief
Hehr. Hebräerbrief
1 . , 2. Petr. r . , 2. Petrusbrief
1 . , 2 . , 3. Joh. !., 2., 3. Johannesbrief
Apk. Offenbarung Johannis

AUSSERKANONISCHE SCHRIFTEN
Jdt. Judith
Weish. Weisheit Salomos
1., 2. Makk. 1., 2. Makkabäerbuch
Sir. Jesus Sirach
Tanz

Tanz 1. 1 8 .Jahrhundert
(griech. OPXllcrt�, xope:ia; lat. saltatio; engl. dance;
frz. danse; ital. danza; span. danza; russ. TaHel.\)
1. Wissenschaft der Tanzkunst
Einleitung; 1. 18. Jahrhundert; r. Wissenschaft der Die (früh)neuzeitliche Begriffsbildung zum Tanz
Tanzkunst; 2. Verschriftlichung der Tanzsprache; ist weitgehend geprägt von der Ablehnung heid­
3. Semiotik des Tanzes; 4. Der Tanz im Kanon der
schönen Künste; 5. Theatralik des Tanzes; 6. Schillers nisch-kultischer und spätantiker Kunsttanzformen
Ästhetik des Tanzes; II. 19. Jahrhundert; 1 . Kleists durch den Klerus. 4 Der Kanon zumeist pietistisch
>Marionettentheater< und das ron1antische Ballett; motivierter Askesevorschriften führt im frühen
2. Tanz in der bürgerlichen Gesellschaft; 3. Tanz­ r 8. Jh. zu einem Legitimationsdruck auf die Tanz­
pädagogik; 4. Tanz als Metapher des Realen; 5. Nietzsches
meister, deren Traktate zur Tanzkunst darum be­
Rhetorik des Tanzes; III. 20. Jahrhundert; l . Tanz als
poetologisches Modell; 2 . Ausdrucksdimensionen des müht sind, Theorien der Natur- und Kunstbeherr­
Tanzes; 3. Forn1alisierungen des Tanzes; 4. Tanz als schung in einer Tanzwissenschaft zu vereinen. Die
Gesellschaftsutopie; 5. Zeitgenössische Tanzästhetiken; wissenschaftliche Begründung der Tanzkunst cha­
Zusammenfassung rakterisiert den zeitgenössischen Diskurs sowohl
deutschsprachiger Arbeiten von Lovis Bonin (Die
neueste Art zur galanten und theatralischen Tantz­
Kunst, 1 7 1 2) und Samuel R. Behr (Die Kunst wohl
Einleitung
zu Tantzen, r 7 r 3) als auch der französischen von
Claude F. Menestrier (Des ballets anciens et modernes
Der Tanz als körpersprachliche, zumeist rhyth­ selon les reg/es du thedtre, 1 682) und Pierre Rameau
misch-musikalisch induzierte Bewegungsart gehört (Le maftre a danser, 1 725).5 Der Leipziger Tanz- und
zu den ephemeren Kunstformen. Das Substantiv Fechtmeister Johann Pasch hält das geltende Para­
Tanz (mhd. tanz, mnd. dans, danz) ist seit dem digma in seiner Beschreibung wahrer Tanz-Kunst
l 2 ./ l 3. Jh. bezeugt und wurde aus dem Altfran­ ( 1 707) fest: »Wahre Tanz-Kunst ist in Theoria eine
zösischen ( danse) entlehnt. Seine neuzeitliche und Wissenschaft, welche dem Triebe der Natur zu
moderne Begriffsgeschichte orientiert sich v. a. an
gattungsästhetischen, semiotischen und pädagogi­ l Vgl. DOROTHEE GÜNTHER, Der Tanz als Bewegungs­
schen Diskursen. In seinen ekstatischen und rituel­ phänomen. Wesen und Werden (Reinbek b. Hamburg
len Formen gilt er als anthropologische Konstante. 1 1 962) ; KAYE HOFFMAN, Tanz, Trance, Transformation
Gestik, Mimik, Pantomimik sowie seine Bezie­ (München l 984) .
2 Vgl. FRANCIS E. SPARSHOTT, Why Philosophy Neg­
hung zu Drama, Musik, Plastik, Malerei und Poe­
lects the Dance (London 1983); SPARSHOTT, Off the
sie, zu Freiheit und Norm, auch zur sozialen und Ground. First Steps to a Philosophical Consideration
ethnischen Bezugsgruppe bestimmen den Einzel-, of the Dance (Princeton 1988).
Gesellschafts- und Kunsttanz in der Ästhetik seiner VERENA KÜHNE-KIRSCH, Die )schöne Kunst< des Tan­
jeweiligen historischen Erscheinungsform. Vom zes. Phänomenologische Erörterung einer flüchtigen
Kunstart (Frankfurt a. M. u. a. 1 990) , 9.
philosophischen Diskurs nach Platon vernachläs­
4 Vgl. CARL ANDRESE1', Die Kritik der Alten Kirche am
sigt2, findet der Tanz als »synthetische Kunstform«3 Tanz der Spätantike, in: F. Heyer (Hg.), Der Tanz in
erst im 1 8 . Jh. Eingang in den Kanon der schönen der modernen Gesellschaft (Hamburg 1 9 5 8), 1 3 9 ( ;
Künste. Während der Solotanz den Menschen als VERA JUNG, >Wilde< Tänze - >Gelehrte< Tanzkunst, in:
R. v. Dülmen (Hg.), Körper-Geschichten. Studien zur
Kunstwerk und Ausdruckswesen thematisiert,
Historischen Kulturforschung (Frankfurt a. M. 1 996) ,
macht seine soziale Funktion den Tanz zum Träger 43-70.
sakraler und profaner Gesellschaftszeremonielle, Vgl. KURT PETERMANN, Tanzbibliographie. Verzeich­
aber auch zum Medium von Kritik und sozialer nis der in deutscher Sprache veröffentlichten Schriften
Utopie. und Aufsätze zum Bühnen-, Gesellschafts-, Kinder-,
Volks- und Turniertanz sowie zur Tanzwissenschaft
(Leipzig 1 966); KARL HEINZ TAUBERT, Höfische
Tänze. Ihre Geschichte und Choreographie (Mainz
u. a. 1968), 7-1 3 .
2 Tanz

mehr als höchst-nöthiger/ oder auch freudiger Be­ Executio mit Rücksicht auf rhetorische Mnemo­
wegung (per disciplinas Philosophicas) solche Re­ techniken.9 Auf diese Verwandtschaft von Tanz­
geln setzet oder giebet/ damit die Bewegung in und Redekunst verweist bereits Lukian. 10 Der rein
Praxi (in specie per disciplinas Mathematicas) ver­ mechanischen Applikation schulrhetorischer For­
nünftig/ und also recht natürlich und menschlich men auf die Tanzkunst hat Jean Georges Noverre
verrichtet/ und zu einem und dem anderen Ge­ in seinen Lettres sur la danse, et sur les ballets ( r 760)
brauche angewendet werden können.«6 Die Selbst­ eine >Sprache< des Tanzes entgegengesetzt, die mit
disziplinierung an Körper und Geist7 gilt seit der dem Anspruch auftritt, auch die Seele des Publi­
Antike als Regulativ zur Ausprägung sozialer Di­ kums dramatisch zu bewegen. 1 1
stinktionsmerkmale. Gemäß der von Platon darge­
legten Unterscheidung zwischen kriegerischer
2 . Verschriftlichung der Tanzsprache
(rruppix'l, pyrriche) und friedlicher (€µµ€i\na,
emmeleia) Bewegungserziehung8 wird die Tanz­ Über den sprachlich-mimetischen Ursprung des
kunst einerseits militärischen Exerzitien zur Seite Tanzes äußert sich Platon, der die Tanzkunst als
gestellt, andererseits dient sie dem standesgemäß »Nachahmung der gesprochenen Worte durch die
disziplinierten Handeln im öffentlichen Raum. Gesten« (µiµl]O'l� TWV A€yoµE:vwv crx�µam) 12 be­
Bindeglied zwischen physischer und mentaler Dis­ zeichnet hat. Eine Verschriftlichung dieser Tanz­
ziplin bildet in den tanzwissenschaftlichen Trakta­ sprache unternimmt die systematische Tanznota­
ten eine Rhetorik des Tanzes, die Gestus und Ak­ tion von Raoul Auger de Feuillet aus der Schule
tion nach Regeln der Redekunst komponiert. des Charles-Louis Beauchamp, Tanzmeister am
Analog zur Dispositio einer Rede wird die Schritt­ Hof Ludwigs XIV Feuillets Choregraphie, ou l'art de
folge organisiert; die Ordnung der Figuren folgt decrire la danse par caracteres, fif!.ures et sif!.nes demonstra­
den Regeln der Elocutio. Entsprechend führt die tifs ( 1 700) ist die erste moderne bildliche Tanz­
D ars te llung (Repraesentatio) des Tanzes von der schrift seit Thoinot Arbeaus (Anagnrnrn für J e han
lnventio eines Themas, das poetisch, allegorisch Tabourot) im Jahr 1588 gedruckten Notationsver­
oder dramatisch aufgefaßt wird, zur mimetischen suchen Orchesographie. Im r 8 . Jh. wird die Bezeich­
nung Choreographie (aus griech. xop6�, choros,
>Tanz, Reigen< und ypacpnv, graphein, >schrei­
6 JOHANN PASCH, Beschreibung wahrer Tanz-Kunst
( 1 707) , hg. v. K. Petermann (München 1978). 16. ben<) für >Tanzschrift< gebräuchlich. Anders als sei­
7 Vgl. RUDOLF ZUR LIPPE, Naturbeherrschung am nem englischen Übersetzer John Weaver13, der
Menschen, 2 Bde. (Frankfurt a. M. r 97 4) . später in seinen eigenen Anatomical and Mechanical
8 Vgl. PLATON, Leg. 7, 8 1 4d-8 1 6d. Lectures upon Dancing ( r 721) eine streng physiolo­
9 Vgl. PASCH (s. Anm. 6) , 3 2 f.
r o Vgl. L UKIAN, D e saltatione 3 5 f.
gische Kenntnis des tanzenden Körpers fordert,
I I Vgl. JEAN GEORGES NOVERRE, Lettres sur Ja danse, et geht es Feuillet um eine Notation, die Studium,
sur !es ballets (Stuttgart 1 760) , 28 f. Kommunikation und Mnemonik des Tanzes ga­
1 2 PLATON, Leg. 7, 8 r 6a; dt. : Die Gesetze, hg. v. 0. Gi­ rantiert. In seinen tabellarischen Darstellungen
gon, übers. v. R. Rufener (Zürich/München 1 974) ,
werden die elementaren Tanzpositionen durch
304; vgl. HERMANN KOLLER, Mimesis in der Antike.
Nachahmung, Darstellung, Ausdruck (Bern 1 954) , Zeichen der jeweiligen Fußstellungen schematisch
2 5-48. kodifiziert und nach dem System einer Ars combi­
13 Vgl. FEUILLET, Orchesography or, the Art of Danc­ natoria zu komplexen Choreographien verkettet. 1 4
ing, by Characters and Demonstrative Figures, übers.
Nach diesem synoptischen System choreographi­
v. ]. Weaver (London 1 706) .
14 Vgl. CLAUDIA JES CHKE, Tanzschriften. Ihre Ge­ scher und musikalischer Notation publiziert Feuil­
schichte und Methode. Die illustrierte Darstellung ei­ let um 1 700 einen Recueil de danses mit Komposi­
nes Phänomens von den Anfangen bis zur Gegenwart tionen von Louis Pecour. Der Leipziger Tanzmei­
(Bad Reichenhall 1 9 8 3 ) , 73--'78, 1 99-208 ; JUTTA ster Gottfried Taubert charakterisiert in seiner
voss, >Von Schritt zu Schritt in verständlichen Zei­
chen und CharactCrcs1: Zur Geschichte der Tanznota­
materialreichen >Apologie für die wahre Tantz­
tion, in: Kodikas/Code. Ars Semeiotica 1 8 ( 1 995), Kunst<, getitelt Rechtschaffener Tantzmeister oder
1 54. gründliche Erklärung der Jrantzösischen Tantz-Kunst
!. 1 8 . Jahrhundert

( 1 7 1 7) , deren 2. Buch eine deutsche Übersetzung keit von Bewegung ein, wie sie Leibniz in seinen
der Choregraphie enthält, Feuillets Kartographie des Meditationen zur >cognitio symbolica< eröffnet hat.
Tanzes als arithmetische Kombinationskunst. 15 Für Lambert ist die symbolische Erkenntnis bezüg­
Taubert erweitert das semiotische Notationssystem lich der Tanzbewegung »auf eine gedoppelte Art
seines französischen Vorbilds zu einem umfassenden figürlich« bedingt, insofern einerseits die Zeichen­
Kompendium der Ethik und der Theorie des Tan­ form eine Figur des Tanzes geometrisch sichtbar
zes, womit er einen bedeutenden Beitrag zur bür­ macht, andererseits Tanzgattungen wie >la chaine<
gerlichen Kulturgeschichte des frühen 1 8 . Jh. lei­ oder >le moulinet< einen abstrakten Bewegungs­
stet. Eine Kritik an Feuillets ebenso komplizierter begriff in Form einer Trope vorstellen. So liege
wie ungenauer »algebre des Danseurs« bringt No­ Feuillets Choreographie der figürlichen Erkenntnis
verre in seinen Lettres sur la danse, et sur les ballets vor: näher als die musikalische Notenschrift: »Da die
»Plus la Danse s' embellira, plus les caracteres se mul­ Tänze selbst Figuren und Bewegungen sind, so ist
tiplieront, & plus cette science sera inintelligible« 1 6. auch die Zeichnung derselben in einem viel ein­
Die kommentierten Choreographien des Gesell­ fachem Verstande figürlich, als die Zeichnung der
schafts- und Volkstanzes aus der zweiten Jahrhun­ Töne in der Musik vermittelst der Noten.«19 Als
derthälfte, wie Carl Joseph von Feldtensteins Envei­ unzureichend bezeichnet indessen Condillac die­
terung der Kunst nach der Chorographie zu tanzen, sen figürlichen Aspekt der Tanzschrift gerade we­
Tänze zu eifinden, und aufzusetzen; wie auch Anwei­ gen ihrer fehlenden Musikalität. Er kontrastiert die
sung zu verschiedenen National- Tänzen (1 772) , gelten Feuilletsche Tanzschrift mit der Prosodie der alten
als wichtige Dokumente der Nationalfolklore. Sprachen und findet in der Lehre vom musikali­
schen Akzent und den Silbenquantitäten, trotz ein­
geschränkter Kodierbarkeit sprachlicher Dynamik,
3. Semiotik des Tanzes
eine größere Zeichenvarietät, um die Eigenschaf­
Die Tanznotation wird in der Zeichentheorie des ten des Ausdrucks zu taxieren: Ȇn ne sauroit tirer
1 8 . Jh. kontrovers diskutiert. Die Semiotik der aucune induction de la choreographie, ou de l'art
Tanzmeister17 wird in der Psychologia empirica d' ecrire en notes les pas et les figures d'une entree
( 1 73 2) Christian Wolffs in exemplarischer Weise de ballet. [ . ..] Dans notre declamation, les sons,
beigezogen, sie findet ihren Niederschlag aber pour la plupart, [ . ] sont ce que, dans !es ballets,

auch in Etienne Bonnot de Condillacs Essai sur sont certaines expressions que la choreographie
l'origine des connoissances humaines (1 746) und vor al­ n'apprend pas a decrire.«20 Die moderne Semiotik
lem in Johann Heinrich Lamberts Neuem Organon
( 1 764) . In der Psychologia empirica geht Wolff im
Zusammenhang seiner Analyse intuitiver und sym­ 1 5 Vgl. GOTTFRIED TAUBERT, Rechtschaffener Tantz­
bolischer Erkenntnis auf Feuillets Kunst, »Tanz­ meister oder gründliche Erklärung der frantzösischen
schritte durch Zeichen auszudrücken« (saltationes Tantz-Kunst (Leipzig 1 7 1 7) , 737 (2. Buch, Kap.
per characteres exprimendi) , ein: Ȇpe eorundem XLIV) .
I6 NOVERRE (s. Anm. I I ) , 387.
saltationes noviter inventae absenti communicari
1 7 Vgl. GEROLD UNGEHEUER, Der Tanzmeister bei den
facilius ac multo brevius possunt, quam si verbis Philosophen. Miszellen aus der Semiotik des I 8. Jahr­
describendae forent.«18 (Mit ihrer Hilfe könnten hunderts, in: Kodikas/Code. Ars Semeiotica 2 ( 1 980) ,
neu erfundene Tänze abwesenden Personen leich­ 3 5 3-376.
18 CHRISTIAN WOLFF, Psychologia empirica (1732), in:
ter und viel kürzer mitgeteilt werden, als wenn sie
WOLFF, Abt. 2, Bd. 5 ( 1 968), 207.
mit Worten beschrieben würden.) Die zeitgenös­ 19 JOHANN HEINRICH LAMBERT, Nenes Organon oder
sische Tanznotation wird in die seit dem r 7. Jh. an­ Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung
dauernde Problematik einbezogen, zwischen den des Wahren und dessen Unterscheidung vom Irrtum
>figurae hieroglyphicae< und den arbiträren Zei­ und Schein ( 1 764) , hg. v. G. Schenk, Bd. 2 (Berlin
I 990) , 474 (
chen der >linguae< systematisch zu unterscheiden.
20 ETIENNE BONNOT DE CONDILLAC, Essai sur l'origine
Wolff und Lambert gehen überdies auf die Frage des connoissances humaines ( 1 746) , in: CONDILLAC,
nach der intuitiven oder begrifflichen Erkennbar- Bd. 1 ( 1 947) , 67.
4 Tanz

wird die Verbindung synchroner Aussagen (iko­ unter die »unvollkommenen Künste«24 einordnen,
nische Zeichen und Figuren) mit diachronen Ab­ und zwar als dynamische >Mittelgattung< bei der
läufen als "kinesische Codes« (codici cinesici)21 dialektischen Bestimmung von Musik und Plastik.
bezeichnen. Zu den Vorreitern des Paradigmenwechsels um die
Mitte des l 8. Jh„ der die Künste auch nach Maß­
gabe ihrer Fähigkeit bewertet, Bewegung zu reprä­
4. Der Tanz im Kanon der schönen Künste
sentieren, zählt neben Charles Batteux25 und No­
Friedrich Gottlieb Klopstocks Poetik der "Wortbe­ verre auch Johann Gottftied Herder, der die von
wegung«22 kommt das Verdienst zu, den Tanz mit Johann Joachim Winckelmann geprägte kunst­
dem rhythmisch-prosodischen Potential der Spra­ theoretische Diskussion um die Anwendbarkeit
che vereint zu haben. Seine Einführung der >Tanz­ griechischer Schönheitstopoi auf zeitgenössische
kunst< in den Rivalitätskonflikt um den Rang der Kunstformen aus der starren Privilegierung von
schönen Künste und der schönen Wissenschaften ( 1 7 5 8) Ruhe über Bewegung herausführt. Das Aufspren­
signalisiert zudem einen Statuswandel des Tanzes gen strenger Gattungsgrenzen und die Erschütte­
in der ästhetischen Theorie seiner Zeit. Immanuel rung des Schönheitsideals äußerer Ruhe wird für
Kant schätzt in der Kritik der Urteilskraft ( 1 790) den den Kunstbegriff des Sturm und Drang konstitutiv,
ästhetischen Wert der schönen Künste nach ihrer dessen Bildsprache von Johann Georg Hamann in
Fähigkeit, das Spiel der Einbildungskraft von seiten seiner Aesthetica in nuce ( 1 762) als »ein taumelnder
der Empfindung oder von der Idee her zu bewe­ Tanz«26 beschrieben wird.
gen. In den bildenden Künsten werden "blei­ Die Ut-pictura-poesis-Debatte (Winckelmann,
bende«, in den darstellenden "transitorische« Funk­ Lessing, Herder, Goethe) , die sich um das transito­
tionen der Einbildungskraft angesprochen. In die­ rische Moment bildhafter Darstellung dreht, wird
sem Wertsystem bildet der Tanz eine "Verbindung begleitet von der Frage nach der unsichtbaren Be­
der schönen Künste in einem und demselben Pro­ wegung der Musik und ihrer Darstellung im Tanz:
dukte«23. G. W. F. Hegel wird den Tanz im >System Musik stellt nach Herder das innere Wesen des
der einzelnen Künste< seiner Ästhetik ( 1 8 3 5-1 8 3 8) ästhetischen Gegenstandes dar, während die bil­
denden und darstellenden Künste dessen äußere
Darstellung bieten. Im 4. seiner Kritischen Wälder
( r 769) plädiert er fur eine >natürliche Poesie< der
2 I UMBERTO ECO, La struttura assente (Mailand I 968), Tanzkunst, die den Begriff der Schönheit aus der
I 54; dt. : Einführung in die Semiotik, übers. v. J. Tra­ harmonischen Verbindung »lebendiger Bildhaue­
bant (München 1 972) , 2 5 5 . rei«, )>sichtbarer Musik« und )>stummer Poesie«27
22 FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK, Vom deutschen
Hexameter ( I 779) , in: Klopstock, Sämrntliche Werke, gewinnt. Im Anschluß an Platon bezeichnet er in
Bd. IO (Leipzig 1 85 5 ) , 1 29; vgl. WINFRIED MEN­ seiner kunsttheoretischen Spätschrift Kalligone
NINGHAUS, Dichtung als Tanz - Zu Klopstocks Poe­ ( 1 800) die Musik als "Führerin des Tanzes«, die
tik der Wortbewegung, in: Comparatio. Revue inter­ den Menschen in einer unsichtbaren Klangwelt
nationale de litterature comparee 3 ( 1 9 9 1 ) , 1 2()- 1 50.
zum gestischen Ausdruck "eines Tanzes j eder See­
23 IMMANUEL KANT, Kritik der Urteilskraft ( 1 790) , in:
KANT ( wA ) , Bd. I O ( I 974) , 269, 264. lenbewegung«28 anrege. Damit hat Herder im Zei­
24 HEGEL, Vorlesungen über die Ästhetik ( I 8 3 5- 1 8 3 8) , chen auflebender Empfindsamkeit zumal auf die
in: HEGEL ( TWA ) , B d . I 4 ( 1 970) , 262; vgl. ebd„ Tendenz des Sturm und Drang gewirkt, die Bewe­
Bd. 1 5 ( 1 970) , 3 24. gung am Kunstgegenstand mit einer Bewegung
2 5 Vgl. BATTEUX ( I 746) , 2 50-291 .
2 6 JOHANN GEORG HAMANN, Aesthetica in nuce ( I 762) , des seelischen Erlebens zu identifizieren. Die Ver­
in: Hamann, Schriften zur Sprache, hg. v. J. Simon bindung von Kunst- und Selbstbetrachtung, die
(Frankfurt a. M. I 967) , 1 07. funktionale Parallelisierung der Begriffe von >mo­
27 JOHANN GOTTFRIED HERDER, Kritische Wälder. tion< und >emotion< zieht in der Folge eine Kodi­
Oder Betrachtungen über die Wißenschaft und Kunst
fizierung ästhetisch induzierter Gefuhlslagen mit
des Schönen ( I 769) , in: HERDER, Bd. 4 ( I 878), I 2 I f.
28 HERDER, Kalligone ( I 8oo) , in: HERDER, Bd. 22 sich, zu deren bedeutendstem Illustrator Daniel
( I 8 8o) , 1 8 I . Chodowiecki mit seiner graphischen Serie Natür-
I. I 8 . Jahrhundert

liehe und affectirte Handlungen des Lebens ( I 778) ge- 6. Schillers Ästhetik des Tanzes
worden ist.
In theoretischer Auseinandersetzung mit Kant und
5. Theatralik des Tanzes Herder hat Friedrich Schiller in seinem Brief­
wechsel mit Christian Gottfried Körner, herausge­
Die Suche nach typisierbaren Analogien zwischen geben unter dem Titel Kallias oder über die Schönheit
Kunstkörper und emotionalem Ausdruck des ( 1 79 3 ) , die Rationalität ästhetischer Urteilsbildung
Menschen schlägt sich sowohl in der Affektenlehre mit der zeitgenössischen Diskussion um eine dyna­
und Physiognomik als auch in der Tanz- und mische Kunstform zur Deckung gebracht.31 Die
Schauspieltheorie der zweiten Hälfte des I 8 . Jh. Künste Europas erfahren unterdessen einen nor­
nieder. Im Kampf wider die manierierte Pantomi­ mativen Impuls von Edmund Burkes A Philosophi­
mik auf der Bühne hebt Gotthold Ephraim Lessing cal Enquiry into the Origin of our Ideas �f the Sublime
die moralische Signifikanz der Cheironomie (Ge­ and Beautiful ( I 757) und von William Hogarths
bärdensprache) hervor: »Jede Bewegung, welche The Analysis ef Beauty ( I 7 5 3 ) . Davon nimmt Schil­
die Hand bei moralischen Stellen macht, muß be­ ler v. a. die von Hogarth als »line of grace« dekla­
deutend sein«, hält er im 4. Stück seiner Hamburgi­ rierte Serpentinenform auf sowie das ästhetische
schen Dramaturgie ( I 767�I 768) fest, »oft kann man Ideal eines »ornamental way of moving«32. Seinen
bis in das Malerische damit gehen; wenn man nur Begriff einer »Schönheit der Bewegung«, die ohne
das Pantomimische vermeidet«29. Für die Tanz­ jeden »Tanzmeisterzwang im Gange und in den
bühne hat Noverre, dessen Briefe über die Tanzkunst Stellungen« auskommt, entwickelt Schiller aus der
Lessing I 769 teilweise übersetzt, eine ebenso pro­ Betrachtung des englischen Kontertanzes: »ich
grammatische wie umstrittene Schrift verfaßt, weiß für das Ideal des schönen Umgangs kein pas­
worin er die intentionale Bedeutsamkeit von Mi­ senderes Bild als einen gut getanzten und aus vie­
mik und Gestik in der getanzten Pantomime reha­ len verwickelten Touren komponierten englischen
bilitieren will: »Enfants de Terpsichore, renoncez Tanz. Ein Zuschauer aus der Galerie sieht unzäh­
aux cabrioles, aux entrechats & aux pas trop com­ lige Bewegungen, die sich aufs bunteste durch­
pliques; abandonnez Ja minauderie pour vous livrer kreuzen und ihre Richtung lebhaft und mutwillig
aux Sentiments, aux graces naives & J. l' expression; verändern un d doc h niemals zusammenstoßen. Alles
appliquez-vous a Ja Pantomime noble; n'oubliez ist so geordnet, daß der eine schon Platz gemacht
jamais quelle est l'ame de votre Art; mettez de hat, wenn der andere kommt, alles fügt sich so ge­
l'esprit & du raisonnement dans vos pas de deux.« schickt und doch wieder so kunstlos ineinander,
Noverres ästhetische Konzeption des >ballet d'ac­ daß jeder nur seinem eigenen Kopf zu folgen
tion< verknüpft den Ausdruck emotionaler Bewe­ scheint und doch nie dem andern in den Weg tritt.
gung mit dem Anspruch, ein bewegtes Gemälde Es ist das treffendste Sinnbild der behaupteten ei­
der Natur und zugleich eine dramatische Hand­ genen Freiheit und der geschonten Freiheit des an­
lung darzustellen: »Un Ballet est un tableau, Ja deren.«33 In seiner Elegie Der Tanz ( I 795) hat
Scene est Ja toile, !es mouvements mechaniques
des figurants sont !es couleurs, leur phisionomie 29 GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Hamburgische Dra­
est, si j 'ose m'exprimer ainsi, le pinceau, l'ensem­ maturgie ( 1 767- 1 768), in: LESSING (GÖPFERT) , Bd. 4
ble & la vivacite des Scenes, Je choix de Ja Musi­ ( I 973), 250.
que, la decoration & Je costume en font le coloris; 3 0 NOVERRE (s. Anm. 1 l ) , 5 5 , 2 .
3 1 Vgl. MARK WILLIAM ROCHE, Dynamic Stillness.
enfin, le Compositeur est le Peintre. Si la nature lui Philosophical Concepts of >Ruhe< in Schiller, Hölder­
a donne ce fen & cet enthousiasme, l'ame de la lin, Büchner and Heine (Tübingen 1 987), I -62 .
Peinture & de la Poesie, l'irnrnortalite lui est egale­ 32 WILLIAM HOGARTH, The Analysis of Beauty ( 1 7 5 3 ) ,
ment assuree.«30 Noverres synästhetische Konzep­ hg. v. J . Burke (Oxford 1 9 5 5 ) , 56, I 5 3 ·
3 3 FRIEDRICH SCHILLER, Kallias oder über die Schön­
tion der Tanzkunst, welche Poesie, Malerei und
heit. Briefe an Körner ( 1 793), in: Schiller, Sämtliche
Drama in sich vereint, weist bereits auf die roman­ Werke, hg. v. G. Fricke/H. G. Göpfert, Bd. 5 (Mün­
tische Universalpoesie Friedrich Schlegels voraus. chen 1 984) , 42 5 .
6 Tanz

Schiller der freien Spielform einer beweglichen haben rnüsse«36, wobei die These aufgestellt wird,
Sozialordnung nochmals das Gepräge eines >ästhe­ daß im Tanz der Marionette mehr Anmut und
tischen Staates< verliehen, wie er ihn im 27. Brief Grazie zu finden sei als bei den geschicktesten
Über die ästhetische Erziehung des Menschen ( 1 795) Tänzern. Die Marionette erscheint frei von Ziere­
beschrieben hat.34 Jahre nach dem Kallias-Brief­ rei, indem ihre »Seele (vis rnotrix)« stets im
wechsel mit Schiller verfaßt Körner für Heinrich »Schwerpunkt der Bewegung« liegt und sie, der
von Kleists Phöbus einen Aufsatz Über die Bedeutung Schwerkraft »antigrav«37 folgend, den Boden nur
des Tanzes (1 808), der die Verwandtschaft von Pro­ elfenhaft streift, um daraus den Schwung ihrer
sodie und Tanz herausstellt. 35 Glieder zu beleben. Zum romantischen Bewe­
gungsideal wird schwebende Leichtigkeit durch
Charles Blasis in The Code of Terpsichore ( 1 825) stili­
siert. Märchenhafte Elfentänze der Primaballerina
I I . 1 9 . Jahrhundert mit Spitzenschuhen und Tutu haben diesen ätheri­
schen Tanz popularisiert, etwa im Ballett La Syl­
phide ( 1 8 3 2) , später auch in Jacques Offenbachs >El­
1 . Kleists >Marionettentheater< und das romantische
fentanz< aus der Oper Die Rheinnixen ( 1 872) . Kleist
Ballett
hingegen radikalisiert das zeitgenössische Kunst­
Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionetten­ ideal von Anmut und Grazie des Tanzes in der
theater ( l 8 r o) nimmt eine Schlüsselstellung in der Weise paradoxal, daß es erst durch die Künstlich­
ästhetischen Begriffsbildung des Tanzes zur Zeit keit der Bewegung mechanischer Glieder und Pro­
der Romantik ein. Hier wird die Frage erörtert, thesen ganz einzulösen wäre. 38 Anders als Schiller
ob ein Puppenspieler »selbst ein Tänzer sein, oder formalisiert er die Schönheit der Bewegung nicht
wenigstens einen Begriff vorn Schönen im Tanz in Form einer Serpentine, sondern als elliptische
Linie, die den »Weg der Seele des Tänzers« be­
schreibt. Diese Linie könne nicht anders gefunden
3 4 Vgl. SCHILLER, Über die ästhetische Erziehung des werden »als dadurch, daß sich der Maschinist in
Menschen in einer Reihe von Briefen ( 1 79 5 ) , in: den Schwerpunkt der Marionette versetzt, d. h.
ebd„ 667.
35 Vgl. CHRISTIAN GOTTFRIED KÖRNER, Über die Be­
mit andern Worten, tanzt«39. Im Modell des Ma­
deutung des Tanzes, in: Phöbus r ( r 808) , r. Stück, rionettentanzes wird eine Annäherung des mecha­
3 3-3 8. nischen Tanzes an den romantischen Topos des
3 6 HEINRICH v. KLEIST , Über das Marionettentheater »Unendlichen« gesucht, in dem sich die Grazie
( r 8 ro) , in: KLEIST, Bd. 2 (7 1 984) , 3 40.
wieder einfinde, »wenn die Erkenntnis gleichsam
3 7 Ebd„ 341 f.
3 8 Vgl. RUDOLF DRUX, Marionette Mensch. Ein Meta­ durch ein Unendliches gegangen ist, [„ ] d. h. in
.

phernkomplex und sein Kontext von E. T. A. Hoff­ dem Gliederrnann, oder in dem Gott«40.
mann bis Georg Büchner (München 1 986) , I 8 1 ;
BERNHARD GREINER, >Der Weg des Tänzers<. Kleists
Schrift >Über das Marionettentheater<, in: Neue 2. Tanz in der bürgerlichen Gesellschaft
Rundschau 98 ( I 987), H. 3, r 1 2-I 3 r .
3 9 KLEIST (s. Anm. 36), 3 40; vgl. PAUL D E MAN, Aes­ Der Durchbruch des Walzers gegen Ende des
thetic Formalization: Kleist's >Über das Marionetten­ 1 8 . Jh. steht im Zeichen einer gewandelten Kör­
theater<, in: de Man, The Rhetoric of Romanticism per- und Bewegungskultur im Übergang zur bür­
(New York 1984) , 263-290; ROGER w. MÜLLER FAR­
gerlichen Gesellschaft. 41 Die anfängliche Unsicher­
GUELL, Tanz-Figuren. Zur metaphorischen Konstitu­
tion von Bewegung in Texten. Schiller, Kleist, Heine, heit im Wechsel vorn höfischen Gesellschafts- zum
Nietzsche (München 1995), 1 4 1 ff offenen Paartanz spiegelt sich in Johann Wolfgang
40 KLEIST (s. Anm. 36), 3 4 5 . Goethes »Ball auf dem Lande« aus den Leiden des
4 I Vgl. GABRIELE KLEIN, FrauenKörperTanz. Eine Zivi­ jungen Werther (1 774) : »Wir schlangen uns in Me­
lisationsgeschichte des Tanzes (Weinheim/Berlin
1 992) , r o 5 ; RUDOLF BRAUN/DAVID GUGERLI, Macht
nuetts um einander herum [ ] . Lotte und ihr
„ .

des Tanzes - Tanz der Mächtigen. Hoffeste und Herr­ Tänzer fingen einen Englischen [Kontertanz -
schaftszeremoniell r 5 50-I 9 1 4 (München 1993), 1 66 f d. Verf.] an, und wie wohl rnir's war, als sie auch in
II. 1 9 . Jahrhundert 7

der Reihe die Figur mit uns anfing, magst du füh­ Wohlverhaltens für Jünglinge, die mit Glück in die TVelt
len. [ . . . ] Es ist hier so Mode, fuhr sie fort, daß j e­ treten wollen ( 1 800) sowie Johann Heinrich Katt­
des Paar, das zusammen gehört, bei'm Deutschen fusz' Taschenbuch für Freunde und Freundinnen des
[Walzer - d. Verf.] zusammen bleibt [ . . . ]. Und da Tanzens ( r 800) , in Ilmenau Louis Casortis Der in­
wir nun gar an's Walzen kamen, und wie die Sphä­ structive Tanzmeister für Herren und Damen ( 1 826)
ren um einander herumrollten, ging's freilich an­ und in München Franz Xaver Nadlers Kallischema­
fangs, weil's die Wenigsten können, ein bißchen tik, oder Anleitung zu einem edlen Anstande und zur
bunt durch einander.«42 Analog zur Ballszene aus schönen, gefälligen Haltung des Körpers, sowohl im ge­
Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni ( 1 787)43 sellschaftlichen Umgange als beim Tanze ( 1 8 3 4) . Auch
chiffriert die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen der vom Turnvater Jahn beeinflußte liberale Tanz­
in den aufgeführten Tanzformen von Menuett und lehrer in Jena, Eduard David Helmke, beansprucht
Walzer eine politische wie soziale Gegenwelt, die mit seinem Lehrsystem der Neuen Tanz- und Bil­
mit einer neuen Raum- und Zeiterfahrung korre­ dungsschule ( r 829) , Gymnastik, Philosophie und
spondiert: Auf der Schwelle zum I 9. Jh. verwan­ Ästhetik zu verbinden. Standesbewußt legt die
delt sich das statische Weltbild in ein dynamisches. bürgerliche Tanzpädagogik darauf Wert, »daß nie
Das Menuett (aus lat. minutus, >vermindert, sehr ein Lehrer untergebne oder dienende Personen,
klein<, dt. seit dem 1 7 . Jh. als >Kleinschrittanz< be­ Handwerksgesellen und dergl., die j edoch nicht je­
kannt) tritt in seiner gesellschaftlichen Bedeutung der Tanzlehrer in Unterricht nimmt, zu den Her­
zurück; der Walzer (aus mhd. walzen, >rollen, dre­ ren und Damen in dieselbe Classe«45 aufnimmt.
hen<) , ab Ende des r 8. Jh. als Sammelbegriff ver­ Das spannungsreiche »Abgrenzungs- und Auswahl­
schiedener Drehtänze gebraucht, avanciert zum dilemma«46 prägt das merkantile Selbstverständnis
deutschen >Nationaltanz<. Zugleich differenzieren freiberuflicher Tanzlehrer, die sich im kleinstädti­
und verselbständigen sich Kunst-, Gesellschafts­ schen Milieu der Metternichzeit zu behaupten ha­
und Volkstanz. ben. Helmke richtet sich mit seiner Kunst, sich
durch Selbstunterricht in kurzer Zeit zum feinen Welt­
mann und sehr geschickten Tänzer zu bilden ( r 8 3 o)
3. Tanzpädagogik
auch direkt an den bürgerlichen Verbraucher. Dar­
In diesem sich dynamisierenden Sozialverband über hinaus führt die Einstellung von Tanz- und
fungiert die Etikette als erzieherisches Korrektiv. Sportlehrern an öffentlichen Schulen seit Beginn
So stellt das Standardwerk des Moralphilosophen des 1 9 . Jh. zur Verankerung des Tanzes im huma­
Adolph Freiherr von Knigge, Ober den Umgang mit nistischen Erziehungskanon. Als erster Tanzlehrer
Menschen ( 1788), die Gefahren des Tanzes als Be­ Schulpfortas legt Franz Anton Roller in seinem
währungsprobe guter Erziehung dar: »Der Tanz
versetzt uns in eine Art von Rausch, in welchem
die Gemüter die Verstellung vergessen - Wohl 42 JOHANN WOLFGANG GOETHE, Die Leiden des jun­
dem, der nichts zu verbergen hat!« Knigges »An­ gen Werther ( 1 774) , in: GOETHE ( wA ) , Abt. l, Bd. 1 9
( 1 899) , 2 5 , 3 1 (
ständigkeitsregeln beim Tanze«44 folgen in der er­ 43 Vgl. PAUL NETTL, Mozart und der Tanz. Zur Ge­
sten Hälfte des 1 9 . Jh. eine Reihe von >Leitfaden< schichte des Balletts und Gesellschaftstanzes (Zürich/
und Lehrbüchern zur bürgerlichen Etikette, die Stuttgart 1 960) , 49 ff.
mit ihrer Verhaltens-, Bewegungs-, Körper- und 44 ADOLPH FREIHERR VON KNIGGE, Über den Umgang
mit Menschen ( 1 788), hg. v. G. Ueding (Frankfurt
Tanzkultur ein >gebildetes Publikum<, mithin den
a. M. 1 977) , 278.
Bürger als >Gentilhomme< ansprechen. Es prägt 45 EDUARD DAVID HELMKE, Neue Tanz- und Bildungs­
sich ein inhaltlicher Musterkanon von Bildungs­ schule. Ein gründlicher Leitfaden für Eltern und Leh­
und Habitusschablonen heraus, der durch die obli­ rer bei der Erziehung der Kinder und für die erwach­
gate >Tanzstunde< junger Bildungsbürger vermittelt sene Jugend, um sich einen hohen Grad der feinen
Bildung zu verschaffen und sich zu kunstfertigen und
wird. So erscheinen etwa in Leipzig Georg Carl
ausgezeichneten Tänzern zu bilden ( 1 829; Leipzig
Claudius' Kurze Anweisung zur wahren feinen Lebens­ 1 982), 1 3 3 .
art nebst den nöthigsten Regeln der Etikette und des 4 6 BRAUN/ GUGERL! (s. Anm. 4 1 ) , 240.
8 Tanz

Systematischen Lehrbuch der bildenden Tanzkunst und »Da tanzten sie nun, u m zu zeigen, daß Frankreich
körperlichen Ausbildung von der Geburt an bis zum glücklich sei; sie tanzten für ihr System, für den
vollendeten Wachsthume des Menschen ( 1 843) die Ver­ Frieden, für die Ruhe Europas; sie wollten die
bindung des >Nützlichen< und >Schönen< in schuli­ Kurse in die Höhe tanzen, sie tanzten a la hausse.
scher Bewegungserziehung nahe.47 Freilich manchmal, während den erfreulichsten
Entrechats, brachte das diplomatische Korps allerlei
Hiobsdepeschen aus Belgien, Spanien, England
4. Tanz als 1\Jetapher des Realen
und Italien; aber man ließ keine Bestürzung mer­
Als politische Metapher hat vor allem Heinrich ken, und tanzte verzweiflungsvoll lustig weiter. «49
Heine den Tanz eingesetzt. Bei unmißverständ­ Besonders den seit 1 8 3 0 in Frankreich beliebten
licher Stoßrichtung gegen die Restauration per­ Cancan oder Chahut stellt Heine seiner Leserschaft
sifliert Heine im ersten Teil seiner Reisebilder, Die der Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volks­
Harzreise ( 1 824) , die eingeschränkte Bewegungs­ leben vom Februar l 842 als Karnevalisierung der
freiheit des deutschen Bundestags unter den Be­ gesellschaftlichen Reglements unter dem Bürger­
dingungen des Wiener Kongresses. Seine Allego­ königtum Louis-Philippes vor: »Es ist kaum be­
rese der »diplomatischen Bedeutung des Balletts« greiflich, wie das Volk unter solcher schmählichen
als Pirouettieren des Bundestages, als Menuett der Kontrolle seine lachende Heiterkeit und Tanzlust
kleinen Fürsten oder als trunkenes Schwanken im behält. Dieser gallische Leichtsinn aber macht
Ringen um das europäische Gleichgewicht, stellt eben seine vergnügtesten Sprünge, wenn er in der
»in getanzten Chiffern das Schicksal des deutschen Zwangsj acke steckt, und obgleich das strenge Po­
Vaterlandes vor Augen«48• Dieser Technik einer lizeiauge es verhütet, daß der Cancan in seiner zy­
>getanzten Persiflage< bedient sich Heine auch im nischen Bestimmtheit getanzt wird, so wissen doch
5. Artikel seiner Zeitschriftenserie über Franzö­ die Tänzer durch allerlei ironische Entrechats und
sische Zustände ( 1 8 3 2) , die er für die Augsburger übertreibende Anstandsgesten ihre verpönten Ge­
Allgemeine Zeitung aus dem Pariser Exil verfaßt: danken zu offenbaren, und die Verschleierung er­
scheint alsdann noch unzüchtiger als die Nacktheit
selbst.«50 Mehr noch als in seinen späteren Ballett­
47 Vgl. FRANZ ANTON ROLLER, Systematisches Lehr­
librettos Der Doktor Faust ( 1 847) und Die Göttin
buch der bildenden Tanzkunst und körperlichen Aus­
bildung (Weimar I 843), V-X. Diana ( 1 8 54) , die jene Ambivalenzthematik von
48 HEINRICH H E I N E , Die Harzreise ( 1 826) , in: Heine, Tanzlust und Totentanz aus seiner kulturphilo­
Sämtliche Schriften, lig. v. K. Briegleb, Bd. 2 (Mün­ sophischen Schrift Elementargeister und der Novelle
chen 1 969) , I 4 7 f. Florentinische Nächte (beide 1 8 3 5) wiederaufneh­
49 HEINE, Französische Zustände ( 1 8 3 2) , i n : Heine (s.
Anm. 48), Bd. 3 (München l 9 7 I ) , l 49 f. men, sind Heines journalistische Glossen gezeich­
5 0 HEINE, Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und net von einer ironisch-revolutionären Ästhetik, die
Volksleben ( I 842), in: Heine (s. Anm. 48), Bd. 5 den Tanz als eine subversive Signatur seiner Zeit
(München 1 974) , 394. begreift. 51 Im Versepos vom tanzenden »Tendenz­
5 I Vgl. MAX NIEHAU S , Hinunel, Hölle und Trikot.
bären«52 Atta Troll ( l 84 7) hat Heine zugleich eine
Heinrich Heine und das Ballett (München 1959);
B E N N O V O N W I E S E , Das tanzende Universum, in: Ikone der Gesinnungskritik geprägt, die die politi­
von Wiese, Signaturen. Zu Heinrich Heine und sei­ sche Dichtkunst des Jungen Deutschland ridiküli­
nem Werk (Berlin I 976) , 1 3 4-1 66; KLAUS BRIEGLEB , siert. 53 Diese parodistische Verwendung des Tanzes
Opfer Heine? Versuche über die Schriftzüge der Re­ im Sinne eines politischen Gegenliedes hat Karl
volution (Frankfurt a. M. I 986); M Ü LLER FARGUELL
(s. Anm. 3 9) , l 77 f. Marx in seiner Einleitung zur Kritik der Hege/sehen
5 2 HEINE, Atta Troll ( 1 847) , in: Heine (s. Anm. 48) , Rechtsphilosophie ( 1 843) auf die einschlägige Sen­
Bd. 4 (München I 9 7 I ) , 563 (Caput XXIV, I r . Str.) tenz gebracht, man müsse »diese versteinerten Ver­
53 Vgl. WINFRIED WOESLER, Heines Tanzbär. Histo­ hältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man
risch-literarische Untersuchungen zum >Atta Troll<
ihnen die eigene Melodie vorsingt«54.
(Düsseldorf 1 978), 3 4 I -345, 3 5 I f.
54 KARL MARX , Kritik der Hegelschen Rechtsphiloso­ Dem stehen vor allem in der zweiten Jahrhun­
phie ( 1 843), in: MEW, Bd. l ( 1 956), 3 8 1 . derthälfte ästhetisierende Ballettbetrachtungen ge-
II. I 9. Jahrhundert 9

genüber, die an der >Realismusfrage< wenig Inter­ tierendem Schein ist nach Nietzsche für Geburt
esse zeigen.55 Nebst Charles Baudelaire, der in La und Geschichte der abendländischen Tragödie
Fanfarlo ( 1 847) das erotische Mysterium des Tanzes ebenso konstitutiv, wie sie sich, im Hinblick auf
als »poesie avec des bras et des jambes«56 feiert, Richard Wagners Konzeption des Gesamtkunst­
konzentriert sich die ästhetische Begriffsvermitt­ werks61 , aus der Einheit von Tanz, Ton- und
lung des Tanzgeschehens in Theophile Gautiers Dichtkunst stets aufs neue hervorzubringen hätte.
Salons ( 1 8 3 3 ff.) und Feuilletons darauf, den »Singend und tanzend äussert sich der Mensch als
Rausch weiblicher Schönheit, die mythische In­ Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: [ . . . ] Der
szenierung tödlicher Tanzekstase (Giselle, 1 84 1 ) , Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk
das Faszinosum der Femme fatale und des Exoti­ geworden. </" Im menschlichen Kunstwerk des
schen (etwa in der Figur der Salome) in professio­ Tanzes sind Subjekt und Objekt, Tänzer und Tanz
nelle Kunstkritik umzuwandeln.57 ununterscheidbar.63 In der Folge bringt William B.
Yeats die selbstreflexive Struktur dieser Kunstform
auf den Nenner: »How can we know the dancer
5. Nietzsches Rhetorik des Tanzes
from the dance?«64 Das rhetorische und stilistische
Durch seine facettenreiche Verwendung des Tanz­ Spiel mit der Selbstähnlichkeit von Subjekt und
begriffes hat Friedrich Nietzsches Denken in der
Folge vielfaltigsten Einfluß auf Konzeptionen
55 Vgl. HORST KOEGLER, Versuche über das Realismus­
des Tanzes in den bildenden und darstellenden
problem im Ballett des 19. Jahrhunderts, in: Das Bal­
Künsten genommen. In Die Fröhliche Wissenschaft lett und die Künste, hg. v. der Internationalen Som­
( 1 8 82) hat Nietzsche einer Gewohnheit Ausdruck merakademie des Tanzes (Köln 1 9 8 1 ) , 6-1 9 .
gegeben, »im Freien zu denken, gehend, sprin­ 5 6 CHARLES BAUDELAIRE, L a Fanfarlo ( I 847) , in: BAU­
DELAIRE, Bd. l (1975), 573 .
gend, steigend, tanzend«, und dabei Wertfragen als
57 Vgl. THEOPHILE GAUTIER, E crits snr la danse, hg. v.
Choreographie dynamischer Denkfiguren in Szene !. Guest (Arles 1995); DEIRDRE PRIDDIN, The Art of
zu setzen. »Unsre ersten Werthfragen, in Bezug auf the Dance in French Literature from Theophile Gau­
Buch, Mensch und Musik, lauten: >kann er gehen? tier to Paul Valery (London I 952), I 8 f. : KLEIN (s.
mehr noch, kann er tanzen'<«58 In der Götzen­ Anm. 4 1 ) , 1 2o f. ; GUY DUCREY, Corps et graphies.
Poetique de la danse et de la danseuse a la fin du l 9e
Dämmerung ( 1 8 89) ruft Nietzsche die Bedeutung
siede (Genf I 996) , 265, 277.
der Tanzerziehung im platonischen Kulturstaat in 5 8 FRIEDRICH NIETZSCHE, Die fröhliche Wissenschaft
Erinnerung, wobei er ergänzt, daß auch Denken ( 1 8 82) , in: NIETZSCHE (KGA) , Abt. 5, Bd. 2 (1973),
wie Tanzen gelernt sein will, »als eine Art Tanzen«: 296.
»Man kann nämlich das Tanzen in jeder Form nicht 59 NIETZSCHE, Götzen-Dämmerung ( 1 8 89) , in: NIETZ­
S CHE (KGA) , Abt. 6, Bd. 3 ( 1 969) , ro3 f.
von der vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzen­ 60 Vgl. '1IETZSCHE, Die Geburt der Tragödie ( 1 872), in:
können mit den Füssen, mit den Begriffen, mit NIETZSCHE (KGA) , Abt. 3, Bd. l (1 972), 58 f; MÜL­
den Worten; habe ich noch zu sagen, dass man es LER FARGUELL (s. Anm. 3 9) , 278 f.
auch mit der Feder können muss, - dass man schrei­ 6 I Vgl. RICHARD WAGNER, Das Kunstwerk der Zukunft
( 1 8 50) , in: Wagner, Gesammelte Schriften und Dich­
ben lernen muss?«59 Zur Urverwandtschaft von tungen, Bd. 3 (Leipzig I 887) , 67.
Tanz und Sprache äußert sich Nietzsche in seiner 62 NIETZSCHE (s. Anm. 60) , 26.
Frühschrift zur Geburt der Tragödie aus dem Geiste 63 Vgl. DE MAN, Semiology and Rhetoric, in: de Man,
der Musik ( 1 8 72) . Im kulturhistorischen Rückgriff Allegories ofReading. Figural Language in Rousseau,
auf den frühgriechischen Dionysoskult läßt er den Nietzsche, Rilke, and Proust (New Haven/London
1 979) , 3-I9; JOHN E. ATWELL, The Significance of
Tanz des Tragödienchors aus dionysischem Melos Dance in Nietzsche's Thought, in: The Midwest
und apollinischem Logos hervorgehen: Was der Quarterly 25 ( I 984) , H. 2, 1 29-1 47; NICOLAS s .
dionysisch erregte Satyrchor in leiblicher Symbolik HUMPHREY, Heinrich Heine and Friedrich Nietz­
tanzt, stellen die apollinischen Schauspieler als sche. Dance as Metaphor and Rhetorical Imagery
(Baltimore 1 987) .
sprachlich objektivierte Traumvision auf der Szene
64 WILLIAM B. YEATS, Among School Children ( 1 928),
dar.60 Diese ursprüngliche Trennung von rausch­ in: Yeats, The Poems, hg. v. R. J. Finneran (London
haft-symbolischem Tanz und sprachlich repräsen- I 9 8 3 ) , 2 I 7.
ro Tanz

Objekt des Tanzes65 demonstriert Nietzsche in III. 20. Jahrhundert


Also sprach Zarathustra ( 1 8 8 3 - 1 8 8 5 ) in allegorischen
Tanzliedern sowie im Motiv des Seiltänzers.66 Za­
1 . Tanz als poetologisches Modell
rathustras Aufruf, den »Geist der Schwere [zuJ töd­
ten«, ist an Selbstüberwindung und die Lehre ge­ Als Folge des Virtuosentums in den performativen
bunden, »dass alles Schwere leicht, aller Leib Tän­ Künsten wird das autonome Körperkunstwerk der
zer, aller Geist Vogel werde«67. Seine >Umwertung Tänzerin, wie es auch Edgar Degas und Auguste
aller Werte< und die Anwendung einer elevato­ Rodin wiederholt thematisieren, um die Jahrhun­
rischen Rhetorik des Tanzes auf Gegenstände dertwende zum vorherrschenden Meditationsob­
der Philosophie, Politik und Gesellschaft haben j ekt der Theater- und Tanzästhetiker. Lole Fuller,
Nietzsches polyperspektivischen Dynamismus zur Isadora Duncan, Ruth St. Denis, aber auch eine
>Drehscheibe< des philosophischen Diskurses von gestische Schauspielerin wie Eleonora Duse gelten
Moderne und Postmoderne werden lassen.68 zu j ener Zeit als paradigmatische Gestalten. Im
Zeichen der Problematisierung traditioneller Krea­
tivitätskonzepte substituiert die Tänzerin als »poe­
tologische Modellfunktion«69 nicht selten den klas­
sischen Topos der Muse und verweist damit auf
65 Vgl. JACQUES DERRIDA, La question du style, in: Prozeßcharakter und Medialität künstlerischen
Nietzsche aujourd'hui?, Bd. 1 (Paris 1973), 241 f.
Schaffens der Avantgarde. Mit Schwerpunkten im
66 Vgl. MARION FABER, Angels of Daring. Tightrope
Walker and Acrobat in Nietzsche, Kafka, Rilke and Fin de siede und im Expressionismus profiliert sich
Thomas Mann (Stuttgart 1 979) ; BEATRICE COM­ der Tanz als Medium der Sprach- und Kulturkritik
MENGE, La danse de Nietzsche (Paris 1988); ANNE­ in der literarischen Moderne.70 Inbegriff eines
MARIE PIEPER, >Ein Seil geknüpft zwischen Tier und
neuartigen »synästhetischen Bewegungstheaters<J I ,
Übermensch<. Philosophische Erläuterungen zu
Nietzsches erstem >Zarathustra< (Stuttgart 1 990) . das Bewegung, Raum und Licht miteinander ver�
67 NIETZSCHE, Also sprach Zarathustra ( I 8 8 3-8 5), in: schmilzt, ist um die Jahrhundertwende Loi:e Fullers
NIETZSCHE (KGA) , Abt. 6, ßd. 1 ( 1 968), 45, 286. >Serpentinentanz<, der ein breites Wirkungsfeld in
68 Vgl. JÜRGEN HABERMAS, Eintritt in die Postmo­ der avantgardistischen Kunstszene vom Impressio­
derne: Nietzsche als Drehscheibe (entst. 1983), in:
nismus über den ornamentalen Jugendstil bis zum
Haberrnas, Der philosophische Diskurs der Moderne
(Frankfurt a. M. 1 9 8 5 ) , 1 04-129; HENK MANSCHOT, Art Nouveau entfaltet. Fullers Freitanz sprengt die
Nietzsche und die Postmoderne in der Philosophie, Fesseln des klassischen Balletts und setzt den Kör­
übers. v. C. Goldmann, in: D. Kamper/W v. Reijen per als bewegliche Lichtskulptur in Szene. Sie be­
(Hg.) , Die unvollendete Vernunft. Moderne versus dient sich einer Lichttechnik, die bereits in den
Postmoderne (Frankfurt a. M. 1 987) , 478-496; GRA­
HAM PARKES, The Dance frorn Mouth to Hand, in: 1 8 8oer Jahren durch die >Chronophotographies<
C. Koelb (Hg.), Nietzsche as Postmodemist. Essays von Eadweard Muybridge und Etienne ]. Marey
Pro and Contra (New York 1 990) , I 27-1 4 r . erprobt wurde.
6 9 GABRIELE BRANDSTETTER, Tanz-Lektüren. Körper­ Stephane Mailarme bringt in seinem Essai Ballets
bilder und Raumfiguren der Avantgarde (Frankfurt
( 1 886) diesen tänzerischen Symbolismus auf ein
a. M. I995), 290.
70 Vgl. WOLFGANG ROTHE, Tänzer und Täter. Gestalten zentrales Axiom: »A savoir que la danseuse n 'est pas
des Expressionismus (Frankfurt a. M. I 979); LEONA une femme qui danse, pour ces motifs juxtaposes
V AN V AERENBERGH, Tanz und Tanzbewegung. Ein qu'elle n 'est pas unefemme, mais une metaphore re­
Beitrag zur Deutnng deutscher Lyrik von der Deka­ sumant un des aspects elementaires de notre forme,
denz bis zum Frühexpressionismus (Frankfurt a. M.
u. a. 1991); GREGOR GUMPERT, Die Rede vom Tanz. glaive, coupe, fleur, etc„ et qu 'elle ne danse pas, sug­
Körperästhetik in der Literatur der Jahrhundertwende gerant, par Je prodige de raccourcis ou d' e!ans,
(München 1 994) . avec une ecriture corporelle ce qu'il faudrait des
7 I BRANDSTETTER/BRYGIDA M. OCHAIM, Loie Fuller. paragraphes en prose dialoguee autant que descrip­
Tanz. Licht-Spiel. Art Nouveau (Freiburg I 989) , 7.
tive, pour exprimer, dans Ja redaction: poeme de­
72 STEPHANE MALLARME, Ballets ( 1 886) , in: Mailarme,
CEuvres cornpletes, hg. v. H. Mondor/G. Jean-Aubry gage de tout appareil du scribe.<<72 Die stumme Ge­
(Paris 1 974) , 304. bärdenschrift des Tanzes wird in dem Maß zur kri-
III. 20. Jahrhundert ll

tischen Negation der Schriftsprache, als sie den 2. A usdrucksdimensionen des Tanzes
Schriftraum kreiert, ohne ihn zu usurpieren.73
Für die poetische Sprachskepsis des Fin de siede, Die erstrebte Emanzipation vom reinen Wortthea­
als deren Wortführer der junge Hugo von Hof­ ter und die »Überwindung des toten und starren
mannsthal hervortritt, wird der ephemere Tanz Wortweltbildes«81 führen zu Beginn des 20. Jh. zu
zum ersehnten Gegenpol: »Wir sind im Besitz ei­ einer größeren Aufmerksamkeit für die optisch
nes entsetzlichen Verfahrens, das Denken völlig wirkenden Bühnenmittel, die szenische Gestal­
unter den Begriffen zu ersticken. [ . . . ] So ist eine tung, Lichteffekte, Kostüm und Maske sowie für
verzweifelte Liebe zu allen Künsten erwacht, die die expressive Pantomimik. Auch die egalitären
schweigend ausgeübt werden: die Musik, das Tan­ Jazztänze aus Amerika, vom Foxtrott über den
zen und alle Künste der Akrobaten und Gaukler.«74 Shimmy bis zum Charleston, die Europa in den
In seinem Aufsatz Über die Pantomime ( 1 9 1 l) stellt >Wilden Zwanzigern< bewegen, werden von Heinz
Hofmannsthal der »Sprache der Worte« eine Spra­ Pollack als Revolution des Gese/lscheftstanzes (1 922)
che der »reinen Gebärden« tanzender Körper ent­ betrachtet. In offener Opposition zur klassischen
gegen: »Die Sprache der Worte ist scheinbar indi­ Balletttradition, die mit Serge P. Diaghilevs Ballets
viduell, in Wahrheit generisch, die des Körpers Russes (1 909) noch einmal einen Höhepunkt fin­
scheinbar allgemein, in Wahrheit höchst persön­ det, erlebt die >Bewegungskunst< im Freien Tanz
lich. Auch redet nicht der Körper zum Körper, oder Ausdruckstanz eine epochale, wiewohl auch
sondern das menschliche Ganze zum Ganzen.« 75 heterogene Neubestimmung.82 Als Schlüsselbe­
Daß die Sprachkritik im Tanz eine >Rhetorik des griffe der frühen Reformbewegungen können
Schweigens< beschwört, gilt ebenso für Hofmanns­ >Natur<, >Leben<, >Kosmos<, >Ausdruck< und
thals Tragödienschluß seiner Elektra (1903) »Wer- >Trance< gelten. Gemeinsame Anknüpfungspunkte
glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: /
schweigen und tanzen« 76 - wie für Rainer Maria
Rilkes Beschreibung der »Tanzfigur« im 28. seiner
Sonette an Orpheus ( 1 923) als einer »unerhörten
Mitte«77• Rilkes Poetik des Tanzes stellt Wandlung 73 Vgl. GUMPERT (s. Anm. 70) , l 5 8 ff. ; BRANDSTETTER
(s. Anm. 69) , 3 3 2 ff. ; DUCREY (s. Anm. 57), 3 72 f.
und Me tamorphos e ins Zentrum seiner B ewe­ 74 HUGO VON HOFMANNSTHAL, Eine Monographie.
gungsgedichte und sucht »in dem Schwung der >Friedrich Mitterwurzer<, von Eugen Guglia [Rez.]
Figur nichts wie den wendenden Punkt<-78. ( 1 895), in: Hofmannsthal, Gesammelte Werke, hg. v.
Das Transitorische des Tanzes ist gleichfalls Ge­ H. Steiner, Prosa, Bd. l (Frankfurt a. M. 1 950) , 265.
genstand des sokratischen Dialogs in Paul Valerys 75 HOFMANNSTHAL, Über die Pantomime ( 1 9 1 r), in:
ebd. , Prosa, Bd. 3 (Frankfurt 1952), 49 f.
L'ame et la danse ( 1 92 1 ) , der die Erkenntnisfunktion 76 HOFMANNSTHAL, Elektra. Tragödie in einem Aufzug
fugativer Kunst zur Sprache bringt. Wie Welle und frei nach Sophokles ( 1 903), in: ebd. , Dramen, Bd. 2
Feuer, so sei auch der Tanz ein »acte pure des me­ ( 1 954) , 7 5 .
tamorphoses«79, in dem der Augenblick die Form 77 RAINER MARIA RILKE, D i e Sonette a n Orpheus
(1923), in: Rilke, Sämtliche Werke, hg. v. E. Zinn,
gebäre und die Form den Augenblick sichtbar ma­
Bd. r (Wiesbaden 1955), 769 [.
che. Die transitorische Form des Augenblicks wird 78 Ebd., 7 5 8 ; vgl. DIETGARD KRAMER-LAUFF, Tanz und
im ekstatischen Drehtanz manifest, wenn sich der Tänzerisches in Rilkes Lyrik (München 1 969) .
Zusammenhalt der Dingwelt scheinbar auflöst und 79 PAUL VALERY, L'ame et la danse (1921), in: VALERY,
Bd. 2 ( 1 960) , 1 6 5 .
die Tänzerin in der Mitte ihrer Bewegung ruht.
80 VALERY, Philosophie d e l a danse ( 1 93 6) , i n : VALERY,
Diese absolute Form der Bewegung bestimmt Va­ Bd. r (1957), 1 400; vgl. KÖRNE-KIRSCH (s. Anm. 3 ) ,
lery in seiner Philosophie de la danse ( l 9 3 6) als ab­ r 49 f. ; GUMPERT (s. Anm. 70) , 1 7 1 ff. ; BRANDSTETTER
strakte Idee des Tanzes, die sich auf andere Künste (s. Anm. 69) , 284-289.
übertragen läßt. In einer beständigen Ablösung, Sr FRITZ BÖHME, Tanzkunst (Dessau 1 926) , 4 r .
82 Vgl. GUNHILD OBERZAUCHER-SCHÜLLER (Hg.),
Verwandlung und Entgrenzung findet sie Eingang
Ausdruckstanz. Eine n1itteleuropäische Bewegung der
ins Gedicht: »Commencer de dire des vers, c' est ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Wilhelmshaven
entrer dans une danse verbale.«80 1 992) .
12 Tanz

finden sich bei Frarn;ois Delsarte im dreiteiligen Körpermitte und unter Betonung der Erden­
System des intellektuellen, emotionalen und physi­ schwere, Mikro- und Makrokosmos, Innen- und
schen Ausdrucksvermögens sowie bei Emile Ja­ Außenwelt, Zentrum und Peripherie in einer or­
ques-Dalcroze im System der >Rhythmischen ganischen Entwicklung hervorbringt. So bezeich­
Gymnastik<, das sich mit der körperlich differen­ net Wigman in ihren Refl e xionen zur Sprache des
zierten Visualisierung musikalischer Strukturen Tanzes ( 1 963) den Raum als »eigentlichen Wir­
durch Bewegung im Raum befaßt. Eingebettet in kungsbereich des Tänzers«: »Nicht der greifbare,
ein allgemeines Programm der Kultur- und Le­ der begrenzte und begrenzende Raum der konkre­
bensreform, erneuert Jaques-Dalcroze das antike ten Wirklichkeiten, sondern der imaginäre, der ir­
Konzept der >Eurhythmie< (e:upu8µia)83 im Rah­ rationale Raum der tänzerischen Expansion, der
men der 1 9 1 2 eingeweihten Gartenstadt in Helle­ die Grenzen der Körperlichkeit aufzuheben ver­
rau bei Dresden, wo in Zusammenarbeit mit dem mag und der ins Fließen gebrachten Gebärde eine
Theaterreformer Adolphe Appia die Idee >rhyth­ scheinbare Unendlichkeit verleiht, in der sie sich
mischer Plattformen< im >lebenden Raum< des zu verstrahlen, zu verströmen, zu verhauchen
Tanztheaters realisiert wird. scheint.«85 Der Tanz wird nicht mehr durch den
Von den bedeutendsten Vertreterinnen des ex­ konkreten Raum, sondern der imaginäre Raum
pressiven Tanzes, namentlich Isadora Duncan, durch den Tanz definiert. Der >ekstatische Tanz<
Mary Wigman84 und Martha Graham, wird die gilt als Paradigma einer subj ektzentrierten Raum­
Relation von Körper und Raum als intuitive Aus­ erfahrung, die eine Verbindung der Tanzenden mit
drucksdimension verstanden, die, ausgehend von den überindividuellen Kräften von Natur und
Kosmos sucht. Entsprechend betonen Dreh- und
Spiraltänze wiederholt die »Radianz des Körpers<<86
und erweitern den »tänzerischen SinrnP getanzter
83 Vgl. PLATON, Rep. 7 , 522a; PLATON, Prot„ 3 26b; Sprache über den kritisch suspendierten Logozen­
L UKIAN, De saltatione 72. trismus der Schriftkultur hinaus zur künstlerisch
84 Vgl. HEDWIG MÜLLER, Die Begründung des Aus­ erlebten Wirklichkeitsinterpretation. 88 »Erst in sei­
druckstanzes durch Mary Wigman (Diss. Köln 1 986) . ner räumlichen Strahlung empfängt der Tanz seine
85 MARY WIGMAN, Die Sprache des Tanzes ( 1 96 3 ;
letzte und entscheidende Wirkung«, schreibt Wig­
München 1 986), 1 2 .
86 BRANDSTETTER, Elevation und Transparenz. Der man: »Denn in ihr verdichten sich seine flüchtigen
Augenblick im Ballett und modernen Bühnentanz, Zeichen zur lesbaren und einprägsamen Spiegel­
in: C. W Thomsen/H. Holländer (Hg.), Augenblick schrift, in der die tänzerische Aussage zu dem
und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeit­ wird, was sie sein soll und werden muß: Sprache -
metaphorik in Kunst und Wissenschaften (Darmstadt
1 984), 48 3 . die lebendige, künstlerische Sprache des Tanzes.«89
87 RUDOLF V O N LABAN, Die Welt des Tänzers (Stuttgart In Form einer zyklischen >Raumharmonielehre<
1 920) , 44. hat Rudolf von Laban die >Weltanschauung des
88 Vgl. INGE BAXMANN, >Die Gesinnung ins Schwingen Tänzers< in die ganzheitlich-vitalistische Konzep­
bringen<. Tanz als Metasprache und Gesellschaftsuto­
tion seiner >Choreosophie< übertragen.90 Sie grün­
pie in der Kultur der zwanziger Jahre, in: H. U. Gum­
brecht/K. L. Pfeiffer (Hg.), Materialität der Kommu­ det im platonisch-pythagoreischen Ideengut und
nikation (Frankfurt a. M. 1 988), 3 60-3 7 3 ; BRAND­ rekurriert auf Ludwig Klages' biozentrische An­
STETTER (s. Anm. 69) , 4 1 3-42 1 . thropologie sowie auf Henri Bergsons intuitioni­
89 WIGMAN (s. Anm. 8 5 ) , 12. stischen >elan vital<. Fast gleichzeitig mit Rudolf
90 Vgl. RUDOLF VON LABAN, Choreutics, hg. V . L. Ull­
mann (London 1 966) ; dt. : Choreutik. Grundlagen Steiners anthroposophischem Tanzalphabet der
der Raumharmonielehre des Tanzes, übers. v. C. Per­ >Eurythmie< entwirft Laban in den 20er Jahren sein
rottet (Wilhelmshaven 1 9 9 1 ) , 7 f. Notationssystem einer cligitalen >Tanzschrift<, die,
9 1 Vgl. VALERIE PRESTON-DUNLOP, Rudolf von Laban, durch das analoge Modell des dreidimensionalen
in: Oberzaucher-Schüller (s. Anm. 82), 95-rn4;
>Ikosaeders< ergänzt, den Schrifttanz ( 1 928) zu einer
KLAUS THORA, Der Einfluss der Lebensphilosophie
Rudolf von Labans auf das tänzerische Weltbild, in: Methodik mit universalem Anspruch werden
ebd„ 1 54-1 60. läßt.91
III. 20. Jahrhundert l3

3. Formalisierungen des Tanzes Brennpunkt der >Neuen Sachlichkeit< auf der


Bühne stehen die Bauhaustänze Oskar Schlemmers.
Der Theatertheoretiker und Regisseur Edward Die Figurinen seines Triadischen Balletts ( 1 922)
Gordon Craig postuliert in seinem Aufsatz The Ac­ stellen eine kinetische Ganzkörpermaske dar und
tor and the Über-1\1arionette, der 1 908 in seiner Zeit­ bewegen sich mechanistisch im Umfeld einer geo­
schrift The Mask erscheint, eine Stilisierung dar­ metrischen Raumlineatur. Schlemmers analytisch­
stellerischer Bewegung bis zur »symbolical gesture« konstruktivistischer Raum- und Bewegungsbegriff
emes zeichenhaft-andeutenden Gebärdenspiels. prägt sich in seiner Konzeption einer >Tänzerischen
Ihm schwebt ein >Theater der Zukunft< vor, worin Mathematik< aus: »Die Gesetze des kubischen Rau­
der personifizierende Darsteller vollends durch das mes sind das unsichtbare Liniennetz der planimetri­
Maskenspiel einer »inanimate figure« 92 ersetzt schen und stereometrischen Beziehungen. Dieser
würde, die sich tranceartig der vollkommenen Be­ Mathematik entspricht die dem menschlichen Kör­
wegung annähert. 1 92 1 veröffentlicht William B. per innewohnende Mathematik und schafft den
Yeats mit seinen Four Plays Jor Dancers eine Reihe Ausgleich durch Bewegungen, die ihrem Wesen
von marionettenhaft-abstrakten Tanzspielen, die nach mechanisch und vom Verstand bestimmt sind.«
Craigs Theaterästhetik der Künstlichkeit mit den Die abstrakten Funktionsgesetze zwischen Körper
regelhaften Sprechgesängen und Bewegungen des und Raum nehmen in einer »wandelnden Architek­
japanischen No-Theaters verbinden.93 Durch tur« 99 von Modellkostümen Gestalt an, deren Ent­
streng formalisierte Bewegungssprache sollen die stehung veranschaulicht wird, »stellt man sich den
Akteure zum kontrollierten Vorzeigen von Gefüh­ Raum mit einer weichen plastischen Masse gefüllt
len und Gedanken gezwungen werden; eine di­ vor, in der die Stadien des tänzerischen Bewegungs­
stanzierende Gestik, die in ihrer obj ektivierenden ablaufes sich als negative Formen verhärten«100.
Verfremdung auf die Dramaturgie Bertolt Brechts Hinter den Bühnenexperimenten des Bauhauses
vorausweist, aber auch auf die Kunst der Deperso­
nalisierung nach dem hieratischen Vorbild des bali­
nesischen Tanztheaters durch Antonin Artaud (Sur 92 EDWARD GORDON CRAIG, The Actor and the
Über-Marionette ( 1 908), in: Craig, On Movement
le theatre balinais, 193 1 ) .
and Dance, hg. v. A. Rood (New York 1977) , 40,
D e n »bedenklichen Hang, sich z u formalisie­ 50.
ren«94 teilt der Tanz nach Siegfried Kracauer hin­ 93 Vgl. GUMPERT (s. Anm. 70) , 1 1 7.
sichtlich der Skandierung von Zeit in Raumkon­ 94 SIEGFRIED KRACAUER, Die Reise und der Tanz
struktionen mit der Reisekultur. »Was tanzt, will ( 1 925), in: KRACAUER, Bd. 5 / 1 ( 1 990) , 290.
anders werden und dahin abreisen«, hat dem Ernst 95 ERNST BLOCH, Das Prinzip Hoffnung (entst. 1 9 3 8-
1 947; ersch. 1 954-1 959), in: BLOCH, Bd. 5 (1 959),
Bloch in Das Prinzip Hoffnung nachgetragen: »Das 456.
Fahrzeug sind wir selbst.«95 Die Formalisierung des 96 Vgl. SIEGFRIED GIEDION, Mechanization Takes
Tanzes in den 2oer Jahren steht im Zusammenhang Command (Oxford 1 948) .
einer beschleunigten sozialen Mobilität sowie der 97 Vgl. LEONETTA BENTIVOGLIO, Danza e futurisn10
in Italia. 1 9 1 3-193 3 , in: La danza italiana l ( 1 984),
Taylorisierung von Arbeitsprozessen % Sie spiegelt
6 1 -82; BRANDSTETTER (s. Anm. 69) , 3 86-4 1 3 , 424-
sich sowohl in der futuristischen Fasziniertheit an­ 432.
gesichts technisierter Geschwindigkeit wie in der 98 Vgl. VSEVOLOD E . MEJERCHOL ' D , Akter buduscego
kubistischen Zerlegung von Bewegungsabläufen ( 1 922), in: Mej erchol'd. Stat'i, pis'ma, reci, besedy,
Bd. 2 (Moskau 1 968), 488; dt. : Der Schauspieler der
oder in den dadaistischen Zerstückelungsexperi­
Zukunft und die Biomechanik, übers. v. H. Hawe­
menten der >Lettres dansantes<.97 Im Kontext einer mann, in: Mejerchol'd, Theaterarbeit 1 9 1 7-1930,
konstruktivistischen Ästhetik hat Vsevolod E. Me­ hg. v. R. Tietze (München 1 974) , 75.
jerchol'd die Techniken moderner Industriearbeit 99 OSKAR SCHLEMMER , Mensch und Kunstfigur, in:
mit denjenigen der darstellenden Künste paralleli­ Schlemmer/L. Moholy-Nagy (Hg.) , Die Bühne im
Bauhaus (München 1925), 1 3 , 1 6 .
siert: Studium und Inszenierungen des Tanzes fol­
I OO SCHLEMMER, Tänzerische Mathematik, i n : P. Stefan
gen den >Gesetzen der Biomechanik<, mit dem Ziel, (Hg.), Tanz in dieser Zeit (Wien/New York 1 926) ,
unproduktive Bewegung zu eliminieren.98 Im 34.
14 Tanz

steht keine naive Technikbegeisterung, sondern die sehen Agit-Prop-Gruppen bis hin zu den Massen­
»Erkenntnis des Unmechanisierbaren«101 aus einer ornamenten der Revuetheater105 etablieren sich
dialektischen Bestimmung der unaufhaltsamen Me­ Basistechniken der Massenchoreographie, an die
chanisierungsprozesse am menschlichen Körper. eine totalitäre Inszenierung der Volksgemeinschaft
anknüpfen kann, die den »rhythmischen Faktor«
zur Verbindung »aller Glieder des Volkes«106 em­
4. Tanz als Gesellschaftsutopie
setzt.
Der Tanz als Gesellschaftsutopie, als Ausdruck ei­
ner Arbeits- und Volksgemeinschaft, wie sie sich
5. Zeitgenössische Tanzästhetiken
bereits beim Theaterreformer Georg Fuchs in Der
Tanz ( 1 906) als »Kultform«102 der Massen abzeich­ Die Tanzästhetiken der Nachkriegszeit können mit
net und von Havelock Ellis in The Dance of Life Ludwig Wittgenstein als unterschiedliche Sprach­
( 1 923) zum kulturphilosophischen Monismus er­ spiele der » Vorstellung des Tanzens« 107 begriffen
hoben wird, erlebt in der Zwischenkriegszeit werden. Die konzeptionelle >Metaerzählung<
durch die Synthese von Kult- und Arbeitsbewe­ (Jean-Fran�ois Lyotard) tritt hinter das jeweilige
gung seine größte Verbreitung. Als »neuen Kultur­ Darstellungsexperiment mit Tanzkonzepten, -sti­
faktor«103 begrüßt John Schikowski in Der neue len und -traditionen zurück. Sei es, daß ein Voka­
Tanz (1 924) die Solidaritätserfahrung im Rhyth­ bular von Ornamenten neoklassisch inszeniert
mus des kollektiven Tanzes, während Rudolf Bode (George Balanchine) oder die Theatralik der Stile
den »Rhythmus als Lebensanschauung« zelebriert, zur Erfahrung der Alterität wird (Maurice Bejart) ,
die den gymnastischen Gruppentanz gegen das sei es, daß Montage- und surreale Verwandlungs­
»metrische Prinzip«104 von Technik und Intellekt techniken die Kombinierbarkeit von Material und
profiliert. Von Labans chorischem Gesamtkunst­ Geste thematisieren, abstrahieren bzw. negieren
werk über die >Bewegungschöre< der kommunisti- (Gerhard Bohner) : Stets bleibt die Avantgarde der
konzeptionellen Durchbrechung verpflichtet.
Dem stehen jugendkulturelle Musik- und Tanzfor­
101 S CHLEMMER (s. Anm. 99) , 7. men gegenüber, vom Rock'n Roll der 5oer über
1 02 GEORG FUCHS, Der Tanz (Stuttgart 1 906) , 7.
103 JOHN SCHIKOWSKI, Der neue Tanz (Berlin I 924) , 4.
den Rap der 8oer bis zum Techno der 9oer Jahre,
1 04 RUDOLF BODE, Rhythmus und Körpererziehung deren Kennzeichen eine zunehmende Individua­
Oena 1923), 63, 3 5 . lisierung sowie die rasche Kommerzialisierung
105 Vgl. RElNHARD KLO OSSITHOMAS REUTER, Körper­ durch die Kulturindustrie ist. Im Bereich des
bilder. Menschenornamente in Revuetheater und Kunsttanzes weicht das Narrative und Mimetische
Revuefilm (Frankfurt a. M. 1980).
106 BÖHME, Deutscher Tanz und Volkstanz (193 4) , zit. dem aleatorischen Spiel mit Wiederholungen
nach Marion Kant/Lilian Karina, Tanz unterm Ha­ (Merce Cunningharn, Trisha Brown) , der kriti­
kenkreuz. Eine Dokumentation (Berlin 1 996) , 1 27; schen Isolation von getanzten Trivialrnythen (Pina
vgl. HENNING EICHBERG u. a., Massenspiele. NS­ Bausch) und der mechanischen Reduktion im
Thingspiel, Arbeiterweihespiel und olympisches Ze­
>Minima! Dance< (Phil Glass) bis hin zur Intermit­
remoniell (Stuttgart 1 977) .
107 LUDWIG WITTGENSTEIN, Philosophische Untersu­ tierung der Zeitkünste in Intervallen, Lücken und
chungen ( 1 9 5 3 ) , in: Wittgenstein, Werkausgabe, der bewegungslosen Stille (John Cage) . 108 Mediali­
Bd. l (Frankfurt a. M. i 989) , 3 87. tät und Virtualität markieren als Trendbegriffe das
108 Vgl. BRAND STETTER , Intervalle. Raum, Zeit und
Problemfeld, dem sich die experimentelle Tanz­
Körper im Tanz des 20. Jahrhunderts, in: M. Ber­
gelt/H. Völckers (Hg.), Zeit-Räume (München praxis am Ende des 20. Jh. durch elektronische
1 9 9 I ) , 22 5-270; HANNE SEITZ, Räume im Dazwi­ Kornpositionstechnik, Videokunst und Computer­
schen. Bewegung, Spiel und Inszenierung im Kon­ simulation stellt. Die gegenwärtige Konstitution
text ästhetischer Theorie und Praxis. Grundlegung des Tanzes in der Selbstbeobachtung setzt der
einer Bewegungsästhetik (Essen i 996) .
Choreograph William Forsythe 1984 in Analogie
1 09 WILLIAM FORSYTHE [Interview]. Gutes Theater
ganz anderer Art, in: Ballett International 7 ( 1984) , zum Wörterbuch: »ein Buch, in dem sich die Spra­
H . 8, 9. che selbst beschreibt« 109.
Zusammenfassung 15

Zusammenfassung Catalogue (München I982); DUCREY, GUY, Corps et


graphies. Poetique de Ja danse et de la danseuse a Ja fin du
I 9° siede (Genf I 996) ; GUMPERT, GREGOR, Die Rede
Die flüchtige Zeitkunst des Tanzes hat im philoso­
vom Tanz. Körperästhetik in der Literatur der Jahrhun­
phischen Diskurs nach Platon, der ihm großen er­ dertwende (München I 994) ; JESCHKE, CLAUDIA, Tanz­
zieherischen Wert beimißt, bis zu seiner Aufurer­ schriften. Ihre Geschichte und Methode. Die illustrierte
tung bei Herder, Schiller, Hegel und Nietzsche Darstellung eines Phänomens von den Anfangen bis zur
wenig Beachtung gefunden. Erst durch seine wis­ Gegenwart (Bad Reichenhall I 9 8 3 ) ; KOCH, MARION,
Salomes Schleier. Eine andere Kulturgeschichte des Tan­
senschaftliche Beschreibung und die elaborierte zes (Hamburg I 995) ; KLEIN, GABRIELE, FrauenKörper­
choreographische Notation zu Beginn des r 8 . Jh. Tanz. Eine Zivilisationsgeschichte des Tanzes (Wein­
wird der Tanz auch Gegenstand semiotischer Un­ heim/Berlin I 992); KÖHNE-KIRSCH, VERENA, Die
tersuchungen. Im Kanon der schönen Künste fin­ >schöne Kunst< des Tanzes. Phänomenologische Erörte­
rung einer flüchtigen Kunstart (Frankfurt a. M. u. a.
det er gegen Ende des r 8. Jh. in seiner Eigenschaft
I 990) ; MÜLLER FARGUELL , ROGER w . , Tanz-Figuren.
Aufnahme, zwischen Kunst und Natur, Regel und Zur metaphorischen Konstitution von Bewegung in Tex­
Freiheit, Gestus und Emotion, überhaupt zwischen ten. Schiller, Kleist, Heine, Nietzsche (München I 995) ;
bildenden und darstellenden Künsten zu vermit­ SCHEPER, DIRK, Oskar Schlemmer. Das Triadische Bal­
teln. Der Übergang vom Menuett zum Walzer und lett und die Bauhausbühne (Berlin 1988); SEITZ, HANNE,
Räume im Dazwischen. Bewegung, Spiel und Inszenie­
Cancan spiegelt eine gewandelte Körper- und rung im Kontext ästhetischer Theorie und Praxis.
Bewegungskultur der bürgerlichen Gesellschaft; Grundlegung einer Bewegungsästhetik (Essen I 996) ;
sie profiliert einerseits das Virtuosentum auf der SORELL, w ALTER, Der Tanz als Spiegel der Zeit. Eine
Bühne, andererseits eine sittliche Tanzpädagogik. Kulturgeschichte des Tanzes (Wilhelmshaven I 9 8 5 ) .
Der Tanz wird zur politischen Metapher (Heine) ,
zur Figur dynamischen Denkens (Nietzsche) ,
schließlich nach der Jahrhundertwende zum Me­
dium poetologischer Reflexion. Mit dem Auf­
brechen der klassischen Ballettnormen und dem
Aufkommen des Jazz avanciert der Tanz zum Leit­
begriff der >Wilden Zwanziger<; in Theorie und
Techniken, künstlerische
Praxis werden in der ersten Hälfte des 20. Jh. nebst (griech. TEXVcxt; lat. artes; engl. artistic techniques;
dem autonomen Körperkunstwerk die Ausdrucks­ frz. techniques artistiques; ital. tecniche artistiche;
dimensionen des Subjekts erprobt, ebenso die span. tccnicas artisticas; russ. xyJ:IO)KeCTBeHHhie
konstruktivistische Formalisierung und die Ästhe­ cpe,l:ICTBa, xyJ:IO)KeCTBeHHhie TeXHl1K11)
tisierung von Massenchoreographien. Die Nach­
1. Sein als Physis; II. Sein als Vorstellung;
kriegszeit weist eine Differenzierung von jugend­
III. Sein als Technik
kultureller und experimenteller Tanzkultur auf.
Der postmoderne Tanz begreift die historischen
und gegenwärtigen Tanzkonzeptionen als Material
seiner Inszenierung. Künstlerische Techniken heißen im folgenden
Roger W Müller Farguell Aufriß, der ihre europäische Geschichte entwirft,
wissensgesteuerte Verfahrensweisen beim Schaffen
Literatur von Werken, die anders als Inhalte gelehrt und for­
BAXMANN, INGE, >Die Gesinnung ins Schwingen brin­
malisiert werden können, unter den hochtechni­
gen<. Tanz als Metasprache und Gesellschaftsutopie in der
Kultur der zwanziger Jahre, in: H. U. Gumbrecht/K. L. schen Bedingungen von heute also auch automati­
Pfeiffer (Hg.), Materialität der Kommunikation (Frank­ siert. Nun entzieht sich aber nicht nur der Gehalt
furt a. M. I988 ) , 3 60--3 7 3 ; BRANDSTETTER, GABRIELE, oder Sinn, so es ihn denn gibt, seiner Technisie­
Tanz-Lektüren. Körperbilder und Raumfiguren der rung, sondern auch und gerade der Sachverhalt,
Avantgarde (Frankfurt a. M. 1995); COHEN, MARSHALL/
COPELAND , ROGER (Hg.), What is Dance? Readings in daß j ene künstlerischen Techniken selbst mehr­
Theory and Criticism (New York 1 9 8 3 ) ; DERRA DE MO­ fache Wandlungen durchlaufen haben, versperrt
RODA, FRIDERICA, The Dance Library I480-I980. A sich einer technisierenden Erfassung. Sie können
r6 Techniken, künstlerische

daher nur als Ereignisse innerhalb einer langen Ge­ Schon darum umfaßt TEXVTJ alles, was im Ge­
schichte zureichend beschrieben werden. gensatz zur cpucrn; (physis, Natur) , und das heißt
zum Kocrµo.; (kosmos, Welt[all]) , nicht von sich
selbst her aufgeht, dessen Wesen oder Zweck die
Griechen aber eben deshalb als Nachahmen
1. Sein als Physis (µtµT)<r1<;, mimesis) dieser physis bestimmen. TEXVTJ
verfügt nicht einfach wie v6µo.; (nomos) , die Sat­
Wie alle anderen Worte, die zu denken geben, sind zung, über ein Handeln (rrpa�t<;, praxis) , sondern
auch Kunst und Technik Gaben der Griechen. setzt Seiendes ins Werk, das - nach der klassischen
Entscheidend aber bleibt, daß auf griechisch Kunst Bestimmung bei Aristoteles - Natürlichem entwe­
und Technik nicht wie in der Neuzeit auseinan­ der nachgebildet ist oder es einem Endzweck zu­
derfallen, was künstlerische Techniken fast tautolo­ führt, den die Natur selbst nicht erreicht hätte4:
gisch klingen läßt. Denn im Begriffsumfang reicht Sie heißt daher ein Machen (rrotT)crJ<;, poiesis) im
das Wort TEXVTJ (techne), dessen Wurzel so etwas weiten, nicht auf Poesie beschränkten Sinn. Wenn
wie >zimmern< auf deutsch besagt, von der höch­ dieses Machen - wie bei freien Musikern und
sten prophetischen Zukunftsschau bis zu Künsten Dichtern, Bildhauern und Architekten - wahrhaft
wie Dichtung oder Plastik, vom Alltag der Hand­ Neues sein läßt, kommt den Künstlern derselbe
werke bis zum Negativkompositum für Schwarz­ Ruhm zu wie Erfindern; wenn es bloß Werkstoffe
kunst und »Betrügerei« (KaKOTE:XVtT)V) 1 . handwerklich behandelt, sinkt es herab zum Ge­
Die Griechen scheinen auch die ersten zu sein, gensatz von jener rrotT)crt.;, die in der cpucr1.; (physis)
welche die Frage nach dem göttlichen, fremdlän­ selbst wirkt: der Zwiefalt von Zeugen und Gebä­
dischen oder griechischen Ursprung jeder einzel­ ren. Aus dieser dienenden Funktion der Technik,
nen Kunst und Technik aufgeworfen haben. So die ja in der Antike immer auch Sklavenarbeit ein­
wetteifern Kadmos, Palamedes2, Prometheus, aber schloß, folgt umgekehrt, daß freie griechische
auch Platons Ägypter Theut und selbst die Musen Städte - wie Xenophon über Zweck und Ziel von
um den Ruhm, das griechische Vokalalphabet, Spartas Gesetzen angibt - auf TE:KV01totta (tekno­
diese Grundlage europäischer Dichtung und Wis­ poiia) , dem Kindermachen, gründen5, moderne
senschaft, erfunden zu haben. Allen elementaren Staaten und Wirtschaften seit etwa r 8 00 dagegen -
Kulturtechniken und (gegebenenfalls) Künsten nach Johann Beckmanns Wortprägung - auf Tech­
entsprechen daher Stifter oder Stifterinnen: Pro­ nologie. 6
metheus dem Feuer, Hermes der Leier, Athena der Es war Aristoteles, der den Begriff künstleri­
Flöte, Hephaistos dem Schmiedehandwerk.3 In scher Technik - bezeichnenderweise am Beispiel
diesem Sinn kommt mit den Griechen die Frage des Erzgusses von Götterbildern - maßgeblich be­
selbst auf, wie künstlerische Techniken auf die stimmt hat. In ihrer Geschiedenheit vom natür­
Welt gekommen sind. lichen Zeugen und Werden schließen alle Techni­
ken oder Künste ein Wissen ein. Handwerkern
und Künstlern muß im vorhinein der Anblick des­
r HERAKLIT, B 1 29, in: Die Fragmente der Vorsokrati­
ker, hg. u. übers. v. H. Diels/W Kranz, Bd. I (Berlin sen vorschweben, was ihr Werk nach seiner Voll­
7 I 954) , 1 8 1 . endung sein wird. Das erhebt erste oder leitende
2 Vgl. BARRY B . POWELL, Homer and the Origin o f the Künstler zwar zu Architekten, aber nicht zu neu­
Greek Alphabet (Cambridge u. a. I 9 9 I ) , 5 f., 23 3-23 6 .
zeitlichen Schöpfern oder Genies. Der Macher
Vgl. REIMAR MÜLLER, D i e Entdeckung der Kultur.
Antike Theorien über Ursprung und Entwicklung der bleibt vielmehr nur eine unter vier Ursachen
Kultur von Homer bis Seneca (Düsseldorf/Zürich (mT!a bzw. atnm) , die im vollendeten Gebilde
2003), 4 3 , 73-76. am Werk gewesen sind: der »Stoff« (UAT)7) und die
4 Vgl. ARISTOTELES, Phys. 2, 8, I 99aI 5-I7. geschaute »Form« (abo.; - r 94b26) , der Ausgang
5 Vgl. XENOPHON, Lak. pol. I, 3.
vom »Urquell« (apxil - 194b29) oder Werkenden
6 Vgl. JOHANN BECKMANN, Entwurf einer allgemeinen
Technologie (Leipzig/ Göttingen I 806) . her und schließlich oder zuhöchst der Hingang auf
7 ARISTOTELES, Phys. 2, 3 , I 9 5 a 1 7 . den »Zweck« (TEAO<; - 1 94b3 2) , wie er das Einzel-
I. Sein als Physis l7

ding zu seiner Wirklichkeit (E:vE:pyna, energeia) dige Name apµovia, den eine Tochter von Liebe
bringt. Denn schon weil der Bewirkende ebenso­ und Krieg auch selbst führt 1 1 , steht dabei für das äl­
gut Polyklet heißen kann wie »Bildhauer« teste technische Wissen der Griechen: Das heutige
(avliptaVTorro16c; - l 9 5 a3 4) schlechthin, sind Unteritalien hieß nur darum Großes Griechen­
Künstler bei den Griechen weder Autoren noch land, weil Pythagoras von Samos und seinen ersten
Genies (im Doppelwortsinn von inspiriertem >ge­ Schülern daselbst die Entdeckung gelang, daß die
nius< und technischem >ingenieur<) . acht Töne der Leier zueinander in harmonischen
Die Weise, in der solches Wissen vorgeht, vor­ Beziehungen stehen oder, griechischer gesagt, Ver­
liegt und weitergegeben wird, bleibt in den grie­ hältnisse (t-.6y01) zwischen den kleinsten natürli­
chischen Besprechungen der TiXVTJ daher oft un­ chen Zahlen darstellen: Die Oktave (apµovia) als
terbestimmt. Denn mit einer einzigen Ausnahme Zweiteilung einer schwingenden Saite ist ein
ist es freien Bürgern im Gegensatz zu Sklaven und Durchgang durch ein Ganzes (füa rracrwv) 12, der
Handwerkern (j3avaucr01, banausoi) untersagt, im Doppelschritt einer Quinte und einer Quarte
technisch zu arbeiten. Diese Ausnahme folgt un­ zusammenkommt (2 : 1 = 3 : 2 X 4 : 3 ) 1 3 und am Ka­
mittelbar aus der griechischen Erfindung des einzi­ non (dem späteren Monochord) ebenso praktisch
gen Alphabets, das seit 800 v. Chr. die Laute einer wie mathematisch aufWeisbar und unterweisbar
Sprache einschließlich aller Vokale einzeln an­ wird. Die Kithara also, nicht etwa Platons spätere
schreibt, seit etwa 5 70 gleichfalls die Zahlen und mythische Sphärenharmonie zwischen Sonne,
schließlich in Ausnahmefällen auch musikalische Mond und fünf Planeten, hat Europas Kunst ihr
Tonhöhen. Das Vokalalphabet als Verschriftung erstes >epistemisches Ding<14 geschenkt.
von Ilias und Odyssee, und zwar noch zu Lebzeiten Es gibt daher keine Technik, auch und gerade in
ihres mündlichen Sängers8, bleibt mithin die ele­ den Künsten, die ohne Wissen von Zahlen ihr
mentare oder basale Technik, die allem Kunst­ Werk bewirken könnte. Solange die griechische
schönen seitdem zugrunde liegt. Buchstaben Dichtung von Saiteninstrumenten begleiteter Ge­
(ypaµµaTa, grammata) sind abzählbare Elemente sang bleibt, gelten die Maßzahlen in Harmonie
(crTOtXE:l a, stoicheia) , die Sein und Denken zuein­ und Rhythmus gleichermaßen für epische Vor­
ander halten und damit denken heißen, lang bevor träge, Hynmen und Dramenchöre. Auch die Tem­
sich auch die cpucr1c; (physis) den Griechen in Ele­ pelarchitektur, zumal im pythagoreischen Unter­
mente gliedert. Deshalb gibt j eder Schauspieler italien, setzt einfache ganzzahlige Verhältnisse in
unter attischer Sonne seinen Zuschauern sehr Stein um, und das selbst an Gebäudeteilen, die den
schlicht zu hören, welche Kunst und Lust es ist, Tempelbesuchern verborgen bleiben. Erst bei Ver­
die Buchrolle einer Tragödie oder Komödie gele­ suchen, solche Verhältnisse (1-.oym) (wie im Fall
sen und auswendig behalten zu haben.9 Aus dem­ des Bildhauers Polykleitos) auf den Menschenleib
selben Grunde schickt es sich für freie junge Män­ oder (im Fall der Steinchenfiguren des Pythago-
ner, diesen >Kreis< des Griechenalphabets lang vor
ihren Kampfspielarten zu erlernen: als ypaµµaTIKtl
TiXVTJ (grammatike techne) das Lesen und Schrei­
ben, als ap16µ1]TIKtl (arithmetike) das Rechnen mit 8 Vgl. POWELL (s. Anm. 2), 22 1-237.
Zahlen, als yEwµnptKtl (geömetrike) das Bilden 9 Vgl. JESPER SVENBRO, Phrasikleia. Anthropologie de
beschrifteter Figuren und schließlich als apµovia la lecture en Grece ancienne (Paris 1988), 1 90-- 1 98.
I Q Vgl. ARISTOTELES, Metaph. 13, 3 , r n78aI4.
(harmonia) schlechthin das Singen, Tanzen und
I I Vgl. JOHANNES LOHMANN. Der Ursprung der Musik
Leierspiel. ( I 959), in: Lohmann, Musike und Logos. Aufsätze
Erst Aristoteles, mit dem die mathematische zur griechischen Philosophie und Musiktheorie, hg.
Neigung des Denkens abbricht, setzt das grün­ v. A. Giannar:is (Stuttgart 1 970) , 5 1 .

dende Wissen von der apµovia zu einer unter vie­ I 2 Vgl. ebd„ 82, 39.
I3 Vgl. ebd„ 46, 63, 84.
len gleichrangigen Wissensformen herab, wenn er
1 4 Vgl. HANS-JÖRG RHEINBERGER, Experimentalsy­
etwa Harmonik und Optik (apµovtKtl und OITTIKtl steme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der
[TE:XVTJ]) auf dieselbe Ebene rückt rn Der ehrwür- Proteinsynthese im Reagenzglas (Göttingen 200 I ) .
r8 Techniken, künstlerische

reers Eurytos15) auf die Form (a1ioc;) von Lebewe­ Bis ins Hochmittelalter bleiben Grammatik,
sen wie Pferd und Mensch zu übertragen, versagen Dialektik und Rhetorik die drei elementaren unter
die Mittel griechischer Geometrie und Arithme­ sieben freien Künsten, während die Poetik ein
tik. Aus eben diesem Grund prägt Aristoteles sein Schattendasein fristet. Erst das anschließende, auf
Begriffspaar von Form (€i1ioc;) und Stoff (UAI]) , das eine Vierteilung der Mathematik als Wissen »über
- j eder mathematischen Bestimmtheit bar - den­ Geometrie, Zahlen (Arithmetik) und Sphärik und
noch die Ästhetiken vor Heidegger nachhaltig be­ [ . . . ] Musik« (m;pi yaµ€Tptac; Kai aptßµwv Kai
stimmt hat. Zumal Dichtern und Malern bleibt seit mpmp1Kac; Kai [ . . . ] µwcr1Kac;) 19 durch den Pytha­
Aristoteles' Lehrer Platon alles Wissen von den goreer Archytas von Tarent zurückgehende Qua­
Dingen, die sie darstellen, abgesprochen und nur drivium erweitert dieses >triviale< Trivium um
das immanent technische belassen, Nachahmungen wahrhafte Wissenschaften, die mit den Zahlen
oder »Schattenbilder« sinnlicher Dinge anfertigen auch Techniken einschließen: Musik und Arith­
zu können (€11iwt-ou 1il]µtoupy6c;) 16, die aber schon metik, Astronomie und Geometrie.20 Andere
ihrerseits unsinnliche Ideen nachahmen. (Noch für Kunsttechniken außer dem Singen und Sagen
Hegel erweist das »Produzieren«, sofern es »ein mit übergeht die europäische Universität, bevor im
technischem Verstande und mechanischen Äußer­ späten r 8. Jh. Archäologie und Kunstgeschichte
lichkeiten beschäftigtes Arbeiten« ist, den »Künst­ aufkommen. Nicht zufällig entwickelt Guido von
ler« als »den Meister« jenes »Gottes«, den das Arezzo um r o20, als Neubeginn gegenüber den
»Kunstwerk« als »Werk der freien Willkür«17 doch Griechen, unser Notenliniensystem, tritt um 1 220
ehren soll.) Solche Verfahren entfaltet die helleni­ an die Stelle des alten Wortes >!ist< (Geschick) unser
stische Philosophie in ihren Grammatiken, Poeti­ >kunst< im spätlateinischen Doppelsinn von ars und
ken und Rhetoriken, ohne sie allerdings Techni­ scientia.
ken zu nennen. Wenn Aristoteles' Poetik, bezeich­
nend genug, mathematisch-musikalische t.6yo1 i n
sprachliche überführt und die Metapher, mit der
Empedokles »das Alter >Abend des Lebens«< (ni I I . Sein als Vorstellung
yi]pac; E:crrr€pav 13iou) 18 nennt, aus dem Verhältnis
des Abends zum Tag das des Alters zum Leben her­ In dieser langen Latenzzeit, die künstlerische Tech­
leitet, klärt sie eine lediglich poetische oder auch niken vom Hellenismus bis ins Hochmittelalter
rhetorische Figur, keine künstlerische Technik. umhüllt hat, gibt es allerdings Ausnahmen: Me­
chanik und Architektur. Die Mechanik lehrt seit
Archytas von Tarent, ihrem pythagoreischen Be­
gründer, das diagrammatische Entwerfen »mit der
geometrischen Zeichnung« (1i1aypciµµan YEWµ€­
1 5 Vgl. ARISTOTELES, Metaph. 14, 5, 1 092b 1 0-1 3 . TPIKWt)21 nicht bloß von Werkzeugen wie etwa der
1 6 PLATON, Rep. 1 0, 599d; dt. : Der Staat, übers. v. 0. Kithara, sondern von Maschinen (lateinisch ma­
Apelt (Leipzig 1923), 3 9 5 .
china geht unmittelbar auf dorisches, d. h. unter­
1 7 HEGEL, Enzyklopädie der philosophischen Wissen­
schaften ( 1 8 1 7) , in: HEGEL ( TWA ) , Bd. IO ( 1 970) , 369 italisches µaxavci zurück, nicht auf ionisch-atti­
(§ 560) . sches µT]xaYT\, das noch lange die Grundbedeutung
1 8 ARISTOTELES, Poet. 2 I , I 4 5 7b24; dt. : Poetik, griech.­ List bewahrt und damit Athens technischen Rück­
dt. , hg. u. übers. v. M. Fuhrmann (Stuttgart 1982) ,
stand belegt) , wie sie seit Heron von Alexandria
69.
I9 ARCHYTAS, B I , in: Diels/Kranz (s. Anm. I), 432. auch ins Theater einziehen. Trotz Platons Verbot,
20 Vgl. ERNST ROBERT CURTIUS, Europäische Literatur mathematische Gesetze in irdischen Materialien
und lateinisches Mittelalter ( 1 948; Bern 4 1 963), 46- zum Laufen zu bringen, reißt die Überlieferungs­
67. kette von Archytas - dessen »zum Nutzen der gan­
2I ARCHYTAS, A I , in: Diels/Kranz (s. Anm. I), 42 r .
zen Menschheit für alle Ewigkeit« (ad omnium uti­
2 2 Vgl. VITRUV, D e architectura 9 , Vorrede, 1 5 ; dt. :
Zehn Bücher über Architektur, lat.-dt., hg. u. übers. litatem perpetuo)22 erarbeitete Gedanken Vitruv
v. C. Fensterbusch (Darmstadt 4 I 987), 4 1 1 . zufolge mehr Würdigung verdienen als die schnell
II. Sein als Vorstellung 19

verwelkenden Lorbeeren und Körper der Sportler dards wie Linearperspektive oder gleichschwe­
- zu Archimedes von Syrakus nicht ab23, bis sie bei bende Temperatur getreten, deren Algorithmen
Vitruv, der auch zwischen einfachen aristoteli­ dann ganze Künstlergenerationen mehr oder min­
schen Werkzeugen und Archytas' Maschinen un­ der unbewußt befolgen mußten. (Es hat drei Jahr­
terscheidet24, die römische Baukunst durchdringt: hunderte gebraucht, bis die Kunstgeschichte Ver­
in den Kampfmaschinen der gallischen Kriege meers Tafelbildern, den schönsten von der Welt,
nicht minder als in den Prachtbauten des Augustei­ die Camera obscura aller Perspektive nachgewiesen
schen Friedens. Ohne mathematisch-technisches hat.) Seit Alberti (wie nach ihm Dürer) Guten­
Wissen wäre die Kuppel des Pantheons nie errich­ bergs Buchdruck ausdrücklich begrüßt und über­
tet worden. dacht hat, schließen solche Standards immer auch
Viele Indizien sprechen nun aber dafür, daß die technische Zeichnungen ein, wie erst das Medium
frühe Neuzeit gerade darin Epoche gemacht hat, Buchdruck sie fehlerlos vermassen kann. 29 Seit
musikalisches oder architektonisches Wissen auf Kepler und Descartes geben solche Diagramme
andere Künste zu übertragen. Filippo Brunelleschi zudem zu wissen, welche Geometrie sowohl der
verläßt die Zunft der Florentiner Goldschmiede, Camera obscura als auch dem perspektivischen
also eine ars mechanica, um nach Jahren privater Sehen zum Grund liegt, welche Algebra sowohl
Mathematikstudien um l 420 erstens die Kuppel dem instrumentalen Akkord wie dem musikali­
von Santa Maria de! Fiore zu konstruieren und schen Hören. Es wird daher möglich, künstlerische
zweitens die Architektur von San Giovanni ins er­ Techniken wie auch tierische Organe als Maschi­
ste linearperspektivische Tafelbild der Geschichte nen statt als bloße Werkzeuge zu denken und den
zu bannen. 25 Leon Battista Alberti, Brunelleschis Begriff des Arbeitssklaven zu verabschieden. (Des­
adliger Freund und Schüler, legt 143 5 oder 1436 halb ersetzen an den Musikinstrumenten Silber,
mit Della Pittura den ersten konstruktiven Traktat Messing, Stahl immer mehr das Pflanzliche und
über Linearperspektive vor, um auch das niedrige
Handwerk der Maler - nach den Leitbildern eukli­
discher Optik und mittelalterlicher Musik - in
eine technisch begründete, also freie Kunst zu 23 Vgl. PLUTARCH, Marcellus 1 4, 6- 1 5 .
24 Vgl. VITRUV, De architectura 1 0 , 1 , 3 ; dt. 46 L
überführen.26 Im Jahr l 596 schli e ßli ch verwirft Si­ 25 Vgl. SAMUEL EDGERTON J R . , The Heritage of Giot­
mon Stevin die ganzzahlig reinen Tonverhältnisse to's Geometry: Art and Science on the Eve of the
der Pythagoreer, um alle elf chromatischen Töne Scientific Revolution ( 1 99 1 ; Ithaca/London ' 1 993);
einer Oktave auf dasselbe irrationale Intervall zu JACQUES LACAN, Le seminaire, hg. V. J.-A. Miller,
livre 7' L'ethique de Ja psychanalyse (entst. 1 9 5 9-
stimmen (>temperieren<) , was Musizieren in belie­
1 960) (Paris 1 986), 160-163 .
bigen Dur- oder Moll-Tonarten überhaupt erst er­ 26 Vgl. MARCEL BACIC, The Birth of Perspective from
laubt. 27 Seitdem umfassen Künste vor allen anderen the Spirit of Music, in: Perspektiva/Perspective
j ene Dreiheit, die Hegel mit gutem Recht roman­ [Ausst.-Kat.] , hg. v. d. Kunsthalle Budapest (Budapest
tisch nannte: Malerei, Musik und Dichtung. Ihrer 2000) , 2 5 1-260.
27 Vgl. SIMON STEVIN, Vande Spiegheling der Singconst
aller Einheit stellt seit l 600 die Guckkastenoper
(entst. 1 5 85) /0n the Theory of the Art of Singing,
dank perspektivischer Kulissen, arioser Primadon­ niederl.-engl., hg. u. übers. v. A. D. Fokker, in: Ste­
nen und generalbaßbegleiteter Rezitative zunächst vin, The Principal Works, hg. v. E. Crone u. a., Bd. 5
Fürstenhochzeiten und nachmals Bürgerfesten vor. (Amsterdam 1 966) , 422-459.
28 Vgl. KANT, Kritik der Urtheilskraft ( 1 790) , in: KANT
Was die Ästhetiken des deutschen Idealismus al­
( AA), Bd. 5 ( 1 908), 3 26-3 3 0 (§ 5 3 ) .
lerdings verdunkeln, seitdem Kants Kritik der Ur­ 29 Vgl. MARIO CARPO, L'architettura dell'eta della
theilskraft das Dichten zur höchsten, nämlich dem stampa. Oralitii, scrittura, libro stampato e riprodu­
Denken nächsten Kunst ernannt hat28, sind jene zione n1eccanica dell'immagine nella storia delle teo­
künstlerischen Techniken, ohne die kein Tafelbild rie architettoniche (Mailand 1 998); engl.: Architec­
ture in the Age of Printing: Orality, Writing, Typo­
und keine Symphonie zustande kämen. An die
graphy, and Printed Images in the History of
Stelle von Stilen, wie sie die Griechen zumal an Architectural Theory, übers. v. S. Benson (Cam­
der Tempelarchitektur unterschieden, sind Stan- bridge, Mass./London 200 1 ) , l l \)-1 24.
20 Techniken, künstlerische

Tierische.) Bei Euler schließlich verschmelzen Denn wo Philolaos von Kroton und sein Schü­
Optik und Akustik30, also die wissenschaftlich­ ler Archytas den Längenverhältnissen von Saiten
technischen Grundlagen romantischer Kunstge­ das Walten oder >Welten< einer Harmonie ablasen
nüsse, zu einer einzigen partiellen Differentialglei­ - nach Philolaos wäre es unmöglich gewesen, mit
chung, die Schwingungen (Frequenzen) im allge­ den Dingen »eine Weltordnung zu begünden,
meinen anzuschreiben erlaubt, weil ihre Lösung wenn nicht Harmonie dazu gekommen wäre«
auf trigonometrische Ausdrücke für Obertongemi­ (KOCJµT]ß�vat, €1 µ� apµov1a E7r€VEV€T0)33 -,
sche, und das heißt Klangfarben, unmittelbar zu­ schreibt die mathematische Physik der Zeitereig­
rückführt. Diese allgemeine, von Euler noch be­ nisse neuzeitlichen Künsten nachgerade vor, was
strittene Lösung der Schwingungsgleichung fand sie physiologisch vorgestellten Sinnen vorzustellen
Daniel Bernoulli.31 Sie hat auf dem Weg über Jo­ haben. Die Zeit des Weltbildes, wie Heidegger sie
seph Fouriers Theorie analytique de la chaleur ( 1 822) nannte, verhält also auch künstlerische Techniken
zur allgemeinsten mathematischen Modellierung zur repraesentatio der res extensa für ein ego co­
physikalisch-ästhetischer Entsprechungen geführt. gito: Reflexion und Refraktion, Spiegelung und
Die Grade solcher Allgemeinheit ermißt Lamberts Brechung sind erst einmal Formeln Cartesischer
Neues Organon an Notationssystemen wie etwa po­ Optik34, bevor die Malerei des 1 8 . Jh. sie auch in
lyphonen Partituren, deren Technizität Sympho­ ihre Tafelbilder setzt. 35 Obertonreihen, wie sie
nien und Sonaten erst ermöglicht hat. 32 ganz entsprechend die Klangfarbenmalerei von
Symphonieorchestern bestimmen, sind erst einmal
Entdeckungen von Joseph Sauveurs neuer experi­
menteller Akustik36, bevor Rameau ihnen den
Dur-Akkord ablernen oder Rousseau dem die na­
30 Vgl. LEONHARD EULER, Lettres a une princesse d'AJ­
turnachahmend-reine Melodie entgegensetzen
lemagne sur divers sujets de physique & de philoso­
phie ( r 768-I 772 ) , in: Euler, Opera omnia, hg. v. A. kann.37 Aber nicht weil empfindende Individuen
Speiser u. a„ Abt. 3, Bd. I I (Zürich I 96o) , 5 I-74 oder geniale Autoren im Werk ihre bloße Seele
(Nr. 22-3 I ) ; ebd., Bd. I2 (Zürich I 96o) , 6-8 ausdrücken würden, kündigen die Künste späte­
(Nr. 1 3 5 ) . stens ab l 770 dem aristotelischen Gebot der Na­
3I Vgl. DANIEL BERNOULLI, Reflexions et eclaircisse­
turnachahmung; sie tun es, weil die Illudierung ei­
mens sur les nouvelles vibrations des cordes, in: His­
toire de l' Academie Royale des Sciences et Beiles ner zweiten Wirklichkeit ohne avancierte Kunst­
Lettres de Berlin 9 ( I 7 5 3 ) , I 47- I 9 5 · techniken nicht zu bewerkstelligen wäre.
32 Vgl. JOHANN HEINRICH LAMBERT, Neues Organon Zwei wissenschaftliche Großproj ekte, die briti­
oder Gedanken über die Erforschung und Bezeich­
sche Royal Society und Diderots französische En­
nung des Wahren und dessen Unterscheidung vom
lrrthum und Schein, Bd. 2 (Leipzig I 764) , I 6 f. (Se­ cyclopedie ( 1 7 5 1-1 7 80) , verfolgen den erklärten
miotik, I , 25 ) . Zweck, Handwerkerwissen, vordem zünftig und
33 PHILOLAOS, B 6, in: Diels/Kranz (s. Anm. I ) , 409. darum geheim, für Wissenschaften anzuzapfen.
34 Vgl. MICHEL AUTHIER, La refraction et l'>oubli< carte­ Aus der merkantilistischen Kopplung von arts und
sien, in: M. Serres (Hg.), Elements d'histoire des
metiers, die seit Jean-Baptiste Colbert Europas
sciences (Paris I 989) , 25 I-273 ; dt. : Die Geschichte
der Brechung und Descartes' >vergessene< Quellen, Manufakturen auf Mode und Europas mechani­
in: M. Serres (Hg.) , Elemente einer Geschichte der sche Künste umgekehrt auf Programmierbarkeit
Wissenschaften, übers. v. H. Brühmann (Frankfurt (wie im Webstuhl Jacques de Vaucansons und her­
a. M. I 994) , 445-486.
nach Joseph-Marie Jacquards) umgestellt hat, wird
35 Vgl. MICHAEL BAXANDALL, Shadows and Enlighten­
mem (New Haven/London I 995 ) , 76- I I 7 . um l 800 ein strenger Gegensatz zwischen Künsten
36 Vgl. JOSEPH SAUVEUR, Principes d'Acoustique e t de und arts industriels, der auch Luhmanns theoreti­
Musique, ou Systeme general des Intervalles des Sous, scher Scheidung zweier Gesellschaftssysteme, Wirt­
& de son application a tous les Systemes & a tous !es schaft und absoluter Kunst, unbefragt zugrunde
lnstrumens de Musique (Paris 1 70 I ) .
liegt. Ganz entsprechend trennen sich um 1 780 die
37 Vgl. JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Essai sur l'origine
des langues (entst. I 7 5 5-176I ) , in: ROUSSEAU, Bd. 5 Ingenieure in Wort und Sache von den Architek­
( I 995 ) , 4 I o-4 1 7 (Kap. 1 2- I 4) . ten; die einen rechnen fortan Statiken und Materi-
III. Sein als Technik 2l

almöglichkeiten durch, die anderen legen kühlen wegtäuschen, daß die Industrialisierung vormals
Zweckbauten - vom Theater über das Gefängnis künstlerischer Techniken schlichtweg ohne Kunst
bis zur Bank - erklärende Fassaden an. Spätestens auskommt. Nachdem Helmholtz ab I 860 die phy­
seitdem ist künstlerische Technik alles das, was sikalischen und physiologischen Prozesse, die j eder
nicht in Konsumentensinne fallen darf, soll es sie Akustik und Optik zugrunde liegen, geklärt oder,
illudieren können. Der Künstler wird daher zum mehr noch, Naturgesetze und Sinnesorgane syste­
Spezialisten der Produktion oder (wie beim Diri­ matisch korreliert hat40, wird es Ingenieuren wie
genten) der Reproduktion, das absolute Kunst­ Thomas Alva Edison möglich, beide Wahrneh�
werk zur Phantasmagorie.38 Die hochtechnische mungen selbst zu industrialisieren: das Hären im
Phantasmagorie schließt allerdings nicht aus, son­ Phonographen (1 877) , das Sehen im Kinetoskop
dern ein, daß erst Wagners Musikdramen, im Un­ ( l 89 3 ) . 41 Künstlerische Techniken schlagen also in
terschied zur klassischen Oper, Arbeitsmusiken zu technische Medien um, Einzelverfahren in ganze
sehen und zu hören geben. Systeme der Aufnahme und Wiedergabe. Derart
Im Jahre 1 793 erkennt das revolutionäre Paris im geschlossene Übertragungsketten erlauben es, die
Theater eine Maschine, die in Optik und Akustik reproduzierten Sänger, Musiker und Schauspieler
- schon den Zuschauern zuliebe - wissenschaft­ aus j edem Wissen im griechischen Wortsinn erst­
lich-technischen Fortschritt machen muß: Ar­ mals wieder zu entlassen: Der frühe Jazz, den fol­
gandlampen erhöhen die Beleuchtung, Maßnah­ gerecht nur Schallplatten überliefern, geht von
men die Stille im Zuschauersaal. Seit 1 8 3 0 begrei­ musikalischen Analphabeten aus um die Welt, der
fen Komponisten wie Berlioz - frei nach Descartes Stummfilmstar bringt es ohne Lektüre und Büh­
- Orchester nicht mehr als eine Spielergruppe, die nenaussprache zu Ruhm. Neuen technischen Be­
aus toten Tieren sanfte Töne lockt, sondern als ei­ rufen zumal für ledige Frauen - von der Telephon­
nen Maschinenpark, der aus Holz und Blech, Stahl vermittlung bis zum Schreibmaschinendiktat - ge­
und Messing gleichwohl homogene Klangteppiche währen Unterhaltungsmedien eine neue Freizeit,
webt. r 8 50 schließlich erklärt Richard Wagner, alle unverwechselbar mit griechischer CJXOAtl (schale,
Dichtung zwischen ihm und Aischylos, dem Ende Muße) .
musikalisch-tr�gischer Gesamtkunstwerke m In einer ersten Phase beruhten diese Medien auf
Athen, habe nurmehr »den Katalog einer Bilderga­ methodisch strikter Trennung zwischen den Sin­
lerie« vorgelegt, »aber nicht die Bilder selbst«39• nesfeldern, deren Eigenheiten sie erkunden. Der
(Das tut zwar Sophokles unrecht, doch nieman­ Phonograph gibt nichts zu sehen, der Stummfilm
dem sonst.) Ab 1 8 56, dem Entdeckungsjahr der er­ nichts zu hören; weil Phonographenwalze und
sten Anilinfarbe, erweitern synthetische Pigmente Zelluloidrolle in Echtzeit beschrieben und ausgele­
auch die Paletten der Maler, ganz wie Metallin­ sen werden können, entfallt das Alphabet als über­
strumente den Farbraum des großen Orchesters sinnliche Einheit aller Sinne. Eben das erlaubt es
zum stufenlosen Spektrum ausbauen. Moderne beiden Medien, in einer Rückkopplungsschleife
Malerei, wie sie seit Realismus und Impressionis­ zu ihren eigenen technischen Parametern neue äs-
mus unterm Konkurrenzdruck der Photographie
steht, kann Albertis standardisierte Zentralperspek­
tive vor allem darum aufgeben, weil der experi­ 38 Vgl. THEODOR w. ADORNO, Versuch über Wagner
mentelle Einsatz neuester Industrieprodukte im­ ( 1 964) , in: ADORNO, Bd. 1 3 (1971), 82--9 1 .
3 9 RICHARD WAGNER, Das Kunstwerk der Zukunft
mer wieder Überraschungen zeitigt.
( 1 8 50) , in: Wagner, Ges. Schriften und Dichtungen,
Bd. 3 (Leipzig ' 1 8 87) , 105 f.
40 Vgl. HERMANN VON HELMHOLTZ, Handbuch der
physiologischen Optik (1 867; Leipzig ' 1 8 86-1 896) ;
III. Sein als Technik HELMHOLTZ , Die Lehre von den Tonempfindungen
als physiologische Grundlage für die Theorie der Mu­
sik ( 1 8 6 3 ; Braunschweig 5 1 896) .
Der nachgerade militärtechnische Kult um mo­ 41 Vgl. FRIEDRICH KITTLER, Grannnophon Film Type­
derne Avantgarden darf aber nicht darüber hin- writer (Berlin 1 986) , r o f. , 2 5-29.
22 Techniken, künstlerische

thetische Verfahren - von der Geräuschrnikropho­ her griechischen, Künste zwei Antworten: Im
nie oder Großaufnahme bis zum Hörspiel oder durchschnittlichen Fall schwankt ihre Reaktion
Trickfilm - zu entwickeln, wie sie der Guckka­ zwischen Übernahme und Absetzung, also bei­
stenbühne allesamt verschlossen bleiben mußten. spielsweise von der filmischen Lichtregie auch in
Das hat wohl als erster Medientheoretiker Hugo modernen Theatern bis zur mittelalterlichen
Münsterberg vorn Harvard Psychological Lab Handschriftlichkeit von Stefan-George-Gedich­
beim technisch-physiologischen Vergleich von ten43; im höchsten Fall dagegen wird Kunst selbst
Sturnrnspielfilrn und Bühnenkunst erkannt.42 So zur Frage nach dem, was moderne Technik heißt,
rückt >das Medium< gerade in den engen Grenzen der Künstler also zum Ingenieur. Paul Valery, der
seiner Bandbreite und Auflösung zu j ener >Bot­ nicht umsonst mit einer Studie über Leonardo da
schaft< (Marshall McLuhan) auf, die marxistische Vinci debütierte, zieht 1 92 8 aus der Erfindung des
Kunstheorien von Bela Balazs bis Walter Benjamin Radios, d. h. der Verschaltung elektrischer Hoch­
allzu ungeschichtlich reflektierten. frequenzen und neuronaler Niederfrequenzen den
Erst in einer zweiten Phase nach dem Ersten Schluß, alle Künste auf »distribution de Realite
Weltkrieg, der die Verarbeitung und Übertragung Sensible a dornicile«44 umzustellen. Gleichwie
medialer Daten zumal militärtechnisch von Me­ Arnphions Leierspiel die architektonische Errich­
chanik auf Elektronik umgestellt hat, sind die ge­ tung der Stadt Theben ist oder das moderne, aber
trennten Sinnesfelder von Auge und Ohr wieder unplatonische Idealschiff seine Form vorn Wind­
kombinierbar geworden. Tonfilm und Fernsehen kanal ernpfängt45, so soll auch die Dichtung - im
bescheren multimediale Illusionen, deren offensi­ Gegensatz zur sofort vergessenen verschwindenden
ver, und das heißt rnassenwirksarner, Realismus Alltagsrede - ihre Sprache in eine derart unaufhör­
zugrundeliegende Hochtechnologien allerdings liche Oszillation zwischen Sinn und Klang der
nicht minder phantasmagorisch oder werbewirk­ Worte versetzen46, daß gerade dies reine Schwin­
sam als ihr großes Vorbild Bayreuth tarnt. Daß sex gen niemals aus dem Gedächtnis geht47, die Über­
and crirne, technischer denn je, zum Inhalt sonder­ tragung also mit ihrer Speicherung zusammenfällt.
gleichen werden, macht das Wunder ihrer Aus­ Aber das alles sind Improvisationen überm Kör­
strahlung unangreifbar. Gerade umgekehrt unter­ per der reellen Zahlen gewesen, Kompromisse
nehmen moderne Medienkünste den asketischen zwischen Kunst und Sinnlichkeiten. In einer drit­
Versuch, derlei versteckte Technologien durch ten Phase nämlich, die den Zweiten Weltkrieg
Mißbrauch oder Verfremdung selbst wie vormals vorbereitet und gewonnen hat, holt die Technisie­
künstlerische Techniken einzusetzen. rung auch das unvordenkliche Medium unserer
Auf diese Herausforderung durch Medien haben Lettern und Ziffern ein: die Alphabetschrift, Euro­
die hergebrachten, und das heißt vorn Ursprung pas erste oder tiefste Technologie. Computer sind
vorn Prinzip her Turingmaschinen und darum im­
stande, diskrete Zeichenketten selbständig zu
schreiben und zu lesen, zu löschen und zu befol­
42 Vgl. HUGO MÜNSTERBERG, The Photoplay: A Psy­
gen. 48 Und da in elektronisch-technischer Praxis
chological Study (New York 1 9 16).
43 Vgl. KITTLER, Aufschreibesysteme. 1 800, 1 900 ( 1 9 8 5 ; schon Leibniz' zwei Ziffern o und r zur Codierung
München 42003) , 2 1 3-446 (Teil I I : 1 900) . aller möglichen Schriften, Geräusche und Bilder
44 PAUL VALERY, La Conquete de l'ubiquite (1928), in: hinreichen, scheint unter Computerbedingungen
VALERY, Bd. 2 ( 1 960) , 1 2 8 5 . die Universalität des griechischen Vokalalphabets
45 Vgl. VALERY, Eupalinos ou l'Architecte ( 1 9 2 1 ) , in:
ebd„ 1 3 6. wiedergewonnen, aber auf der Grundlage der
46 Vgl. VALERY, Au suj et du >Cimetiere marin< ( 1 9 3 3 ) , Zahl. Es gibt daher keine Kunstwerke mehr, deren
in: ebd„ B d . 1 ( 1 957), 1 496-1 507. Ästhetik von Algorithmen, logisch-mathemati­
47 Vgl. VALERY, Histoire d'Amphion ( 1 932), in: ebd„ schen Operationen also, die in endlicher Laufzeit
Bd. 2, 1278.
zum Ende und Erfolg führen, nicht zumindest an­
48 Vgl. ALAN M . TURING, lntelligence Service. Schrif­
ten, hg. v. B. Dotzler/F. Kittler, übers. v. Dotzler u. a. genähert erfaßt werden könnte. In der Miniatur­
(Berlin 1 987) . form digitaler Schaltkreise sind die technischen
Einleitung: Reichweite, Architektonik und gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes 23

Verfahren, auf denen nicht nur Europas Künste, Text/Textualität


sondern auch Europas Wissenschaften beruhten,
(engl. text, textuality; frz. texte, textualite;
zu einer ebenso autonomen wie programmierba­
ital. testo, testualira; span. texto, textualidad;
ren Wirklichkeit geronnen. Jede geschichtliche
russ. TeKCT, TeKCTyaJihHOCTb)
oder denkbare Bildgebung, linearperspektivisch
oder nicht, j ede mögliche musikalische Stimmung, Einleitung: Reichweite, Architektonik und
pythagoreisch oder nicht: alle lassen sie sich, gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes; 1. Der
scheinbar ohne überhaupt noch Stoffe zu berüh­ begriffiiche Status von Text in der Geschichte;
ren, durch Algorithmen simulieren. Das Internet l . Wort und Begriff; 2. Bezeichnungsfestigkeit und
Begrifflichkeit; 3 . Begriffliche Äquivalente von Text post
kann, was an Werken je entstanden ist, in digitalen und ante litteran1; 4. Der vorfind.liehe Sinn von Text als
Formen speichern und übertragen, unendlich oft Ausgangspunkt; II. Geschichte der Begriffe Text und
und autorlos kopierbar. Ob Künste, Künstler und Textualität; 1. Von der antiken Rhetorik zur Bibel;
ihr einst revolutionärer, nämlich goethezeitlicher 2. Text, Zeichen und Sache in der Hermeneutik der
Aufklärung; 3. Text im Jahrhundert der Philologen;
Urheberrechtsschutz49 dieser Herausforderung ge­
4. Der strukturalistische Textbegriff; 5. Vom Werk zum
wachsen sein werden. steht in den Sternen. Text; 6. Neuere Entwicklungen des Textbegriffs; 7. Die
Computer jedenfalls würden erst dann versagen, soziale Welt als Text; Nachbemerkung
wenn es darum ginge, ihren Sinn oder Zweck
selbst zu bestimmen. Eben damit erweisen sie aber,
daß j ener Sinn, so es ihn denn gibt, kein Men­
schenwerk sein kann: »j 'entends par poesie, d'une Einleitung: Reichweite, Architektonik und
fayon tres generale, Ja recherche du sens inalienable gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes
des choses«50.
Friedrich Kittler Zur lateinischen Wortfamilie texere (weben) ge­
hören die Substantive textus/textum/textura (Ge­
Literatur webe, Geflecht, Zusammenhang, Struktur; Mach­
AYRES, JAMES, The Artist's Craft: A History of Tools, art, Stil [der Rede]) , die schon früh auch für den
Techniques and Materials (Oxford 1 9 8 5 ) ; BÜSCHER, Zusammenhang des Gesprochenen und Geschrie­
BARBARA/HERRMANN , HANS-CHRISTIAN VON/HOFF­
MANN, CHRISTOPH (Hg.) , Ästhetik als Programm. Max benen verwendet werden. Textus bei Cicero und
Bense/Daten und Streuungen (Kaleidoskopien, Bd. 5) Quintilian entspricht aber nicht dem deutschen
(Berlin 2004); FRANCASTEL, PIERRE, Art et technique Text, sondern ist eher mit Stil, Duktus, Machart zu
aux XIXe et :xx_e siecles (Paris 1956); HOFSTÄTTER, übersetzen. 1 Als Entlehnung taucht der Ausdruck
HANS H. u. a. (Hg.), Geschichte der Kunst und der künst­
text zuerst im Spätmittelhochdeutschen auf.2 Bis
lerischen Techniken (München [ 1 965] / [ 1 967]); LÖBL,
RUDOLF, TEXNH - Techne. Untersuchungen zur Be­ ins l 8. Jh. verläuft die Bedeutungsentwicklung im
deutung dieses Worts in der Zeit von Homer bis Aristo­ Deutschen und Französischen annähernd gleich.
teles (Würzburg 1 997/2003) ; MAINBERGER, GONSALV Die Encyclopedie ( 1 7 5 1-1780) listet fast die gleichen
K „ Rhetorische Techne (Nietzsche) in der psychoanaly­ Teilbedeutungen auf wie deutsche Nachschlage­
tischen Technik (Freud) . Prolegomena zur Rationalität
der Psychoanalyse, in: J. Figl (Hg.) , Von Nietzsche zu werke: was man liest in den Büchern der Bibel;
Freud. Übereinstimmungen und Differenzen von Denk­
motiven (Wien 1996) , 69-95 ; MITCHAM, CARL, Think­
ing through Technology: The Path between Engineering 49 Vgl. HEINRICH BOSSE, Autorschaft ist Werkherr­
and Philosophy (Chicago 1 994) ; MÖBIUS, HANNO/ schaft. Über die Entstehung des Urheberrechts aus
BERNS, JÖRG JO CHEN (Hg.) , Die Mechanik in den Kün­ dem Geist der Goethezeit (Paderborn u. a. 1 9 8 1 ) .
sten. Studien zur ästhetischen Bedeutung von Naturwis­ 50 ROLAND BARTHES, Mythologies (Paris 1957), 268.
senschaft und Technologie (Marburg 1 990) ; McMFORD, l Vgl. KONAD EHLICH, Zum Textbegriff, in: A. Roth­
LEWIS, Technics and Civilization (New York 1 934); kegel/B. Sandig (Hg.), Text - Textsorten - Semantik.
MUMFORD , LEWIS, Art and Technics (New York 1952); Linguistische Modelle und maschinelle Verfahren
NYE, DAVID E „ American Technological Sublime (Cam­ (Hamburg 1984), I O .
bridge, Mass. 1 994) ; ROHBECK, JOHANNES, Technologi­ 2 Vgl. >Text<, i n : GRIMM, Bd. 1 1 / r / r ( 1 9 3 5 ) , 294; >Text<,
sche Urteilskraft. Zu einer Ethik technischen Handelns in: HANS SCHULZ u. a., Deutsches Fre1ndwörterbuch,
(Frankfurt a. M. 1993 ) . Bd. 5 (Berlin/New York 1 98 1 ) , 201-204.
24 Text/Textualität

Bezeichnung für das Korpus der Heiligen Schriften Ausgangs- und Motivbedeutung fü r fachliche und
(Antonym: Glosse, Kommentar) ; der griechische theoretische Terminologisierungen variabler Strin­
bzw. hebräische Urtext; Passage der Bibel, deren genz und Reichweite dient, handelt es sich um ei­
man sich bedient, ein Dogma zu beweisen oder ei­ nen >fächerübergreifenden wissenschaftlichen Aus­
nen Irrtum zurückzuweisen; Bibelstelle, die als druck<4, behaftet mit den semantischen Eigentüm­
Grundlage der Predigt dient. Daneben gibt es fol­ lichkeiten solcher Zwitterwesen.
gende Teilbedeutungen: prächtiges Evangelien­ In ästhetischen Debatten größerer Reichweite
buch; die Worte zu Musikstücken; Drucktechnik. war >Text< in neuerer Zeit insofern involviert, als
Die heute vorherrschende Bedeutung >(schriftlich) der Ausdruck im polemischen Gegensatz zum
niedergelegte Äußerung von mehr als Satzlänge, Werkbegriff gleichzeitig dessen evaluative Kompo­
die einen Sinnzusarnrnenhang bildet<, folgt recht nente neutralisiert und dessen ehedem exklusive
zwanglos aus der Gegenstandsausweitung der älte­ Zurechnungsbasis verbreitert hat. Die Ausdehnung
ren Oppositionen zu >Text<: Kommentar, Glosse, literatur- und textwissenschaftlicher Bemühungen
Anmerkung. auf sprachliche Trivial- und Gebrauchsformen
Allgemein bezeichnet der Terminus mithin ohne höheren literarischen Anspruch ging damit
»Worte, die - und insofern sie - für Etwas als einher. Was als Werk nicht aufzutreten bean­
Grund- und Unterlage dienen«3. Die gemein­ sprucht, kann als Text gleichwohl Gegenstand
sprachliche Bedeutung des Ausdrucks läßt sich wie fachlicher Bearbeitung werden. Diese Konstella­
folgt zusammenfassen: Wortlaut oder materielle tion ersetzt die alte und paradoxe Ausgangslage der
Vergegenständlichung eines (zumeist schriftlich) fi­ Literaturwissenschaft durch eine neue, nicht min­
xierten Sprachwerkes. Fachsprachlich gehört Text der paradoxe: Ehedem, im Kontext eines emphati­
heute mit Wort, Satz, Zeichen und einigem mehr schen Werkbegriffes, mußte das literarische Kunst­
zu den aspektheterogenen und offenen Grundbe­ werk eigentlich als solches interpretationsunabhän­
griffen der Sprach- und Literaturwissenschaft, die gig identifizierbar sein. Im Grunde mußte die
nicht abschließend definiert werden können, weil Wertung der Forschung vorausgehen, weil nur ein
ihre theoretische Produktivität vorwiegend heuri­ Werk Aufinerksarnkeit beanspruchen konnte.5 Als
stischer Natur ist und sich nur im Rahmen axio­ Texte hingegen sind alle Sprachwerke gleicherma­
matischer Ausformulierungen entfaltet. ßen grau, und ihre schiere Textualität erlaubt es
In der Gemeinsprache ist die Grundbedeutung nicht, ästhetische Wertungen zu begründen.
von Text relativ stabil: Der Ausdruck dient der Be­ Die Opposition von Text und Interpretation
zeichnung schriftlich fixierter Dokumente auf der konnotiert die Autorität des Geschriebenen ge­
einen, ihres Wortlautes auf der anderen Seite. Kon­ genüber den Wechselfällen der subj ektiven Auffas­
turiert wird diese Gemeinbedeutung durch die sung. Nur dann, wenn das Geschriebene selbst Au­
beiden Oppositionen von Text zu Rede und Inter­ torität hat, entwickelt und institutionalisiert sich
pretation. Insofern diese grund- und bildungs­ Philologie als Aufinerksamkeit für Wortlaut und
sprachliche Bedeutung ihrerseits als >technische< Formulierung, für Struktur und Variation ge­
schriebener Sprache 6 Die Oppositionen von Text
>Text<, in: DANIEL SANDERS, Wörterbuch der deut­ zu Auslegung, Glosse und Kommentar unterstrei­
schen Sprache (1 860-1 865), Bd. 212 (Leipzig 1 865), chen diese Konnotation.
1 300. Die Schwächung und Auflösung dieses Systems
4 Vgl. CLEMENS KNOBLOCH / BURKHARD SCHAEDER,
von Oppositionen und Konnotationen ist ein ge­
Fächerübergreifender wissenschaftlicher Wortschatz,
in: Schaeder (Hg.), Siegener Institut für Sprachen im meinsames Merkmal aller neueren Terminologisie­
Beruf (SiSiB) (Essen 1 994) , 1 2 5-148. rungen von Text. Galt der philologischen Praxis
Vgl. LUTZ DANNEBERG, Zur Theorie der werk.imma­ Textualität als die Bedingung der Identität und
nenten Interpretation, in: W. Barner/C. König (Hg.) , Wiederholbarkeit von Sinn, so verschiebt die neo­
Zeitenwechsel. Gern1anistische Literaturwissenschaft
strukturalistische Vorliebe für Lektüren und Lesar­
vor und nach 1 945 (Frankfurt a. M. 1 996) , 3 1 3- 3 42 .
6 Vgl. CESARE SEGRE, >Testo<, in: Enciclopedia Einaudi, ten den Akzent in die Gegenrichtung, hin zur Ein­
hg. v. R. Romano, Bd. 14 (Turin 1 9 8 1 ) , 269-29 r . maligkeit der die Textualität erst konstituierenden
Einleitung: Reichweite, Architektonik und gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes 25

>heraklitischen< Lesepraxen, die e s schlechthin un­ auf wechselnde und präzisierende Kontexte ange­
möglich erscheinen lassen, daß man zweimal in wiesen sind. Zwischen den beiden Polen der mate­
denselben Text steigt. Die physische Identität eines riellen Wiederholbarkeit des Zeichenkörpers und
Textes qua Zeichenkörper, philologischer Garant der Unwiederholbarkeit kommunikativer Konstel­
für die (freilich immer grenzwertig gedachte) Re­ lationen liegt der theoretische Verschiebebahnhof,
produzierbarkeit von Sinn, erscheint aus dieser in dem sich die neueren Terminologisierungen
Sicht als unangemessene Verkleidung für die of­ von Text abspielen. Je nachdem, welches Quantum
fene, niemals festlegbare, unendliche Diffusion von von Wiederholbarkeit eine Texttheorie zuläßt,
Sinn, für die ein Text eigentlich stehe. Manfred fahrt sie auf einem anderen Gleis. Eine Extrempo­
Frank hat wiederholt darauf hingewiesen, daß sition wird markiert von der Hypothese, nur der
diese Konstellation von der gemeinhin als >herme­ materielle Signifikant eines Zeichens sei wieder­
neutisch< titulierten nur wenig unterscheidet, was holbar, alles bi- oder multilateral Semiotische, alles
aber die Protagonisten beider Richtungen nicht aus Ausdruck und Inhalt Bestehende hingegen sei
an der Pflege einer unversöhnlichen Feindschaft unhintergehbar konstellationsgebunden. Die (para­
hindert.7 doxe) Formel hierfür lautet: Zeichenhaftigkeit ( =
Die problemtheoretische Klammer, die alle >al­ Textualität) = Unwiederholbarkeit. Diese Position
ten< und >neuen< Textbegriffe zusammenhält, ist läßt sich zu der Annahme >mildern<, bestimmte
die Frage nach der (Un-)Wiederholbarkeit von Zeichen (etwa bezeichnungsfeste, stark lexikali­
Sinn. Ihr Korrolar ist das System der Zurechnungs­ sierte, hoch institutionalisierte) hätten einen iden­
adressen, die für realisierten Sinn in Anspruch ge­ tisch wiederholbaren semantischen Kern, der
nommen werden. Das kann die Autorität des Tex­ durch wechselnde Kontexte bloß spezifiziert oder
tes selbst sein, der Autor, der Rezipient, die Spra­ angereichert wird.
che, die >Sache<, von welcher der Text handelt, Die Mittelposition auf diesem Kontinuum wird
US\V. 8 eingenommen von der (bei Laien und Linguisten
Mit der Abwendung vom geschlossen und sta­ gleichermaßen verbreiteten) >linguistic ideology<9,
tisch gedachten Werk, das in wechselnden Zeiten nach der das gesamte Lexikon einer Sprache durch
und Kontexten lediglich die ihm von Anfang an relativ feste Bedeutungs- und Bezeichnungsver­
innewohnenden >Seiten< offenbart, wird diese hältnisse stabilisiert und wiederholbar gemacht ist,
Wiederholbarkeit zusehends problematisch. Die während die Präzisierung von Sinnanweisungen
Hinwendung zur (per definitionem unwiederhol­ fallweise einerseits in der syntagmatischen Verket­
baren) Dynamik situierter Interaktion und Kom­ tung der Zeichen, andererseits in den Umständen
munikation läßt den >alten< Textbegriff wirklich alt der Verwendung von Ausdrücken zu finden ist.
aussehen. Seine Wiederholbarkeitssuggestion er­ Diese >Ideologie< enthält auch die Hypothese, daß
scheint als trügerische Proj ektion der Schriftform sich für eine situierte Äußerung, einen token im
und als wahrhaft praktische Idealisierung einer interaktionalen Text, eine und nur eine richtige
Schicht, deren Autorität im Auslegungsmonopol Interpretation angeben lasse, die teils an die Inten­
heiliger Schriften begründet und von deren Auto­ tion des Sprechers, teils an die von allen geteilte
rität nur geliehen ist. Die Grundfrage, um die es Bedeutung der Ausdrücke rückgekoppelt sei. Es
hierbei geht, ist eine sprach- und zeichentheoreti­
sche: Kontexte suggerieren die Unwiederholbar­
7 Vgl. MANFRED FRANK, Was ist Neostrukturalismus?
keit von Sinn, sind aber natürlich auf Zeichen und
(Frankfurt a. M. 1984) , 1 29-1 3 4, 541-572.
Symbole angewiesen, die in ihnen zu Zeichen und 8 Vgl. KNOBLOCH, Problemgeschichte und Begriffsge­
Symbolen mit lokalem Sinn werden. Zeichen und schichte, in: H. E. Brekle u. a. (Hg.) , A Science in the
Symbole ihrerseits leben jedoch ausschließlich aus Mak:ing: The Regensburg Symposia on European Lin­
der Suggestion, daß sie einen selbstidentischen, guistic Historiography (Münster 1 996) , 25g---27 3 .
9 Vgl. MICHAEL SILVERSTEIN, Language Structure and
wiederholbaren, gegen wechselnde Kontexte ab­
Linguis ti c ldeology, in: P. R. Clyne/W. F. H anks/C. L.
setzbaren semantischen Gehalt haben, obwohl sie Hofbauer (Hg.), The Elements: A Parasession on Lin­
im Verkehr für die Realisierung ihres Sinnes auch guistic Units and Levels (Chicago 1 979) , 193-247.
26 Text/Textualität

versteht sich, daß dieser metapragmatische Glau­ lieh nicht gegen ihre fallweise vorgenommene
benssatz eng mit dem Systemvertrauen in die Ver­ Deutung abgesetzt werden können, dann ist die
läßlichkeit der sprachlichen Kommunikation zu­ Textualität kultureller Praxen an deren materielle
sammenhängt, mit der allgemeinen Erwartung, Vergegenständlichung nicht gebunden. Es wird
Äußerungen seien in der Regel für alle praktischen folgerichtig, auch da von Texten zu sprechen, wo
Zwecke hinreichend eindeutig. Offenkundig ist wir nur zeichengesteuerte kulturelle Praxen ohne
aber auch, daß dieser Glaubenssatz auf philologi­ dauerhafte Vergegenständlichung vorfinden. Der
sche Textverständnisse abgefärbt hat. Weg wird frei für einen kulturanthropologischen
Am entgegengesetzten Ende des Verschiebe­ Textbegriff, der die Wiederholbarkeitssuggestion
bahnhofs wird nicht das selbstidentisch wiederhol­ in allen zeichenvermittelten kulturellen Praxen
bare Zeichen zur Chimäre, sondern die offenen aufdeckt und expliziert. 10 Daß nicht allein Sprache
und dynamischen Potenzen >antwortender< Kon­ semiotisch prozessiert wird, der Sprache wohl aber
texte und Umstände. Man operiert mit der (grenz­ ein Haupt- und Ehrenplatz im >gesellschaftlichen
wertigen) Hypothese, auch der globale und kom­ Leben der Zeichen< gebühre, ist ja ein (in der
plexe Sinn punktuell-eindeutiger Konstellationen kanonischen Fassung des Cours enthaltenes 1 1 ) ge­
der Textproduktion und -rezeption sei nicht nur meinstrukturalistisches Axiom. Versuche, dieses
eindeutig, sondern im Prinzip auch wiederherstell­ Axiom zu präzisieren und zu entfalten, finden sich
bar und darstellbar für ein späteres Publikum. in vielen kultursoziologischen Theorien des 20. Jh.
Keine historische Disziplin kann ganz ohne diese (z. B. bei Hans Freyer, Alfred Schütz, George Her­
Chimäre leben, wenn sie sich nicht selbst aufgeben bert Mead, Thomas Luckmann, Clifford Gecrtz) .
will - auch die Begriffsgeschichte nicht. Aus einer solchen Sicht lassen sich kulturelle Pra­
Weil der semantische Spielraum des Textbegrif­ xen als (wiederholbare?) Texte auffassen und nach
fes diesen Verschiebebahnhof in seiner Gesamtheit Grad und Art ihrer (scheinhaften oder wirklichen)
umfaßt, ist Text ein potentieller master term, ein Objektivierung in Zeichensystemen anordnen.
gebietskonstitutiver Grundbegriff einer Kulturwis­ Das erste Modell dieser Art findet man der Sache
senschaft, die sich als allgemeine Kultursemiotik nach bei Freyer, der freilich den Ausdruck Text in
versteht. Sein Thema ist die (Un-)Wiederholbar­ diesem Zusammenhang nicht verwendet. 12
keit von Sinn. Daß bei dieser Verlagerung von Sinn in die se­
Mit der Auflösung der für die Alltagsbedeutung miotisch orientierten Vollzüge selbst der >alte<
von Text konstitutiven Oppositionen geht die Ver­ Textbegriff weitgehend auf der Strecke bleibt, ist
flüssigung und Prozessualisierung von Sinn not­ daran zu erkennen, daß verschiedentlich für die
wendig einher. Wenn die objektivierte Schriftform Aufzeichnung und Obj ektivierung solchermaßen
Wiederholbarkeit von Sinn nicht garantiert, dann orientierter Praxen andere und neue Bezeichnun­
werden notwendig alle Erwartungen von Wieder­ gen eingeführt werden: record, Dokument, »Kom­
holbarkeit zweifelhaft. Wenn Zeichen grundsätz- munikatbasis«13 usw. Die wissenschaftsrhetorischen
Potenzen des Textbegriffes freilich ändern sich
bei dieser Verschiebung zu den Vollzügen nicht
IO Vgl. CLIFFORD GEERTZ, Local Knowledge: Further wesentlich. Die Identität und Wiederholbarkeit
Essays in lnterpretive Anthropology (New York von Handlungen unterliegt den gleichen Parado­
1983). xien wie die von Zeichen und Symbolen. Hilfs­
I I Vgl. FERDINAND DE SAUSSURE, Cours d e linguistique
weise Zusatzterminologisierungen (Prätext, Sub­
generale ( 1 9 1 6) , hg. v. T. De Mauro (Paris 1 972) , 3 3 :
dt. : Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, text usw. ) , wie man sie häufi g (aber nicht einheit­
übers. v. H. Lommel (Berlin ' 1 967), 1 9 . lich definiert) antreffen kann, beziehen sich auf
1 2 Vgl. H A N S FREYER, Theorie des objektiven Geistes. Sinnschichten, die ein Text qua Anspielung auf an­
Eine Einleitung in die Kulturphilosophie ( 1 923 ; Leip­ dere Texte oder auf Deutungsgewohnheiten aufru­
zig/Berlin 3 1 934) .
fen kann, ohne daß sie auf der propositionalen
1 3 SIEGFRIED J . SCHMIDT, Grundriß der Empirischen
Literaturwissenschaft ( 1 980; Frankfurt a. M. 1 99 1 ) , 96 Ebene manifest werden. Wenn Geertz, für den
u. ö. Text als Grund- und Leitbegriff fungiert, das »un-
Einleitung: Reichweite, Architektonik und gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes 27

packing of performed meaning«14 als Aufgabe der genüber erscheint aus der Sicht der neueren Text­
Kulturanthropologie bestimmt, dann gerät er in begriffe j eder Rückverweis von Sinn auf einen
Schwierigkeiten, die denen der Philologie auf den personalen Urheber als Illusion, weil Sinn als sub­
ersten Blick entgegengesetzt zu sein scheinen. Auf j ektfreie, allein auf Selbst- und Kontextbezügen
den zweiten Blick sind es j edoch beinahe die glei­ gründende Kategorie vorgestellt wird.
chen. Der Versuch, einen von seinen fallweise ak­ Wenn also der kontextuell variierte Selbstbezug
tionalen Vollzügen gar nicht zeichenhaft abgesetz­ der Zeichen die einzige Sinnquelle bildet (wäh­
ten Sinn zu fixieren, zeigt, daß Selbstidentität und rend Subj ektbezug ebenso wie semantische und
Wiederholbarkeit auch bei Handlungen nur in referentielle Identität Illusionen sind) , dann kann
deren sprachlicher Typisierung zu haben ist. So der j eweilige Benutzer eines Zeichens sich zwar
verändert sich am Ende nicht viel. Ein gemein­ einbilden, mit dessen Gebrauch etwas zu intendie­
sprachlicher Text ist ein Gebilde, dem ich mich ren, tatsächlich ist aber die Sinndynamik j edem ab­
(vermeintlich) immer wieder zuwenden kann, sichtlichen Einfluß entzogen. Sowenig der Autor
während ein (Sinn-)Vollzug an sich unwiederhol­ eines geschriebenen Werkes dessen Deutungen in
bar ist. Die sprachliche Typisierung einer kulturel­ der Hand hat, sobald der Text zugänglich ist, so­
len Praxis suggeriert, sie sei so wiederholbar wie wenig kann irgendein Zeichenbenutzer Urheber
ein Zeichen. So stiftet der kulturanthropologische von bestimmtem Sinn sein. Die Vorstellung eines
Textbegriff das Type-token-Problem von der an­ Subj ektes erscheint nun ihrerseits als Artefakt und
deren Seite neu. Eine sprachlich identifizierte und Proj ektion eines Zeichenprozesses, der sich selbst
>ausgepackte< Handlung gewinnt den Anschein konstituiert. Richard Brütting spricht in diesem
von Wiederholbarkeit dadurch, daß sie im günstig­ Zusammenhang davon, der Text werde eine Art
sten Falle einer aus der Kultur der Akteure selbst »semiotisches Mobile«16, bewegt durch die wech­
genommenen sprachlichen Typisierung oder Be­ selnden Beziehbarkeiten auf andere Texte, auf den
deutungskategorie zugeordnet werden kann. Infol­ gesellschaftlichen Gesamttext, auf neue Verwen­
gedessen werden tendenziell die kulturellen Praxen dungsweisen der alten Zeichen.
semiotisch analysierbar, mittels deren die Akteure Mit dem Subjekt als Sinngaranten geht dem neu­
Handlungen als >Fälle von< bestimmten typisierten eren Textbegriff gleichzeitig eine weitere, ehedem
Bedeutungskategorien verstehen. für Sinnkonstitution in Anspruch genommene Be­
Zwangsläufig in Auflösung geraten ist durch die ziehbarkeit verloren: die referentielle Beziehung
geschilderten Verschiebungen ein anderer traditio­ der Zeichen eines Textes auf irgendeine Art von
neller Bezugspunkt des Text-Sinn-Feldes: der Au­ Realität, wie sie von allen klassischen Weisen der
tor oder, wie es in emphatischer Pose oft heißt, das Interpretation (wie auch immer vermittelt, gebro­
>Subjekt< des Sinnes. Von dieser Neuerung wird chen, indirekt, übersetzt) angenommen wird. Re­
gewöhnlich am meisten Aufhebens gemacht, ob­ ferenz ist hier nicht im technischen Sinne der Se­
wohl auch schon in der klassischen Hermeneutik mantik als singulär bestimmter Obj ektbezug, son­
Schleiermachers das biographisch konstituierte dern nur ganz allgemein als Außenbezug von
Subj ekt nur den einen Pol der Sinndynamik bildet Texten gemeint. Da indessen unsere nimmermüden
(>psychologische Interpretation<) , die Rekonstruk­
tion der objektivierten sprachlichen Praxen und
Darstellungstechniken (von den relativ zeitstabilen 14 GEERTZ, Blurred Genres: The Refiguration of Social
Thought (1 980), in: Geertz (s. Anm. ro) , 29.
der Grammatik und des Lexikons bis hin zu den
15 Vgl. FRIEDRICH S CHLEIERMACHER, Hermeneutik
stärker variablen, zeitgebundenen Traditionen und und Kritik mit besonderer Beziehung auf das Neue
Gewohnheiten des Sprechens) den anderen, der Testament, hg. v. F. Lücke, in: Schleiermacher,
gleichfalls subj ektfrei gedacht wurde (>grammati­ Sämmtl. Werke, Abt. I, Bd. 7 (Berlin 1 83 8) , 1 2-28 u.
sche Interpretation<) . 1 5 Selbst die >psychologische ö.
16 Vgl. RICHARD BRÜTTING, >E criture< und >texte<. Die
Interpretation< bezieht den Sinn nicht auf die sub­
französische Literaturtheorie mach dem Strukturalis­
jektive Intention des Autors, sondern auf dessen mus<. Kritik traditioneller Positionen und Neuansätze
Persönlichkeit als Folie und Hintergrund. Demge- (Bonn 1 976) , 7 4.
28 Text/Textualität

Chimärenj äger die ganze Welt zum Text erklären, wie medial) reproduzierbar. E s ist dies der theoreti­
kann es natürlich außerhalb ihrer keinen Stützpunkt sche Kontext, der den diversen Umkontextualisie­
für semiotische Mediationen geben. Der Stoff eines rungspraktiken der avantgardistischen Ästhetik ih­
Textes besteht ausschließlich aus anderen Zeichen. ren Distinktionswert zuspielt: Was passiert, wenn
Wenn die Sinndynamik eines Textes ausschließ­ man (wie Marcel Duchamp) einem Urinal ein änig­
lich und autonom im Feld wechselnder Selbstbe­ matisierendes Sprachzeichen beigesellt und es in
züge und Kontextualisierungen spielt, dann ver­ einem Kontext plaziert, der zu ästhetischen Deu­
steht sich seine Unwiederholbarkeit von selbst. tungen einlädt? Wenn es stimmt, daß »einer der
Die j eweils letzte Verwendung eines Zeichens ver­ Haupteinsätze der Kämpfe in der Kunst stets und
ändert ja bereits den Kontext, welcher für die j e­ überall die Frage der legitimen Zugehörigkeit zum
weils nächste Verwendung desselben Zeichenkör­ Feld ist«17, dann vermochte man mit Hilfe des em­
pers als Resonanzraum zur Verfügung steht. Diese phatischen Werkbegriffes (durch dessen schiere
Ansicht hat viele Affinitäten zur literarischen Pra­ Verwendung) das Problem als gelöst darzustellen.
xis Gertrude Steins, zu deren ästhetischen Stilmit­ Der evaluativ neutralisierte und auf alle Zeichen­
teln ja die Veränderung durch Wiederholung ge­ gebilde ausgeweitete Textbegriff hält das Problem
hört, die ständige Repetition eines Ausdrucks oder dagegen als ungelöst im Zustand dauernder kom­
einer Konstruktion, die ihren Sinn just in dem munikativer Präsenz: Die Qualität eines Textes ist
Maße verfremden und verändern, in dem sie im keine ihm innewohnende Eigenschaft, sie ist ledig­
immer komplexer werdenden Kontext ihrer selbst lich eine Art von Akzent, der Zeichengebilden in
gelesen werden müssen. bestimmten Milieus habituell verliehen wird. In­
Gemeinsam ist den neueren Ansätzen in der sofern paßt der modernisierte Textbegriff in eine
Textwissenschaft die polemische Gegenposition zur ideologische >Szene<, deren Vorderbühne egalitär
allgegenwärtigen Suggestion, mit den Zeichenkör­ und relativistisch organisiert ist18: Alles geht, die Sy­
pern sei auch deren Sinngehalt beliebig (technisch steme kultureller und ästhetischer Präferenzen
scheinen gleichberechtigt nebeneinanderzuliegen,
Kitsch, Kunst und Werbung bedienen sich der
17 PIERRE B O U R D I E U , Genese historique d'une estheti­
nämlichen Zeicheninventare; aber auf der Hinter­
que pure, in: Les Cahiers du Musee National d'Art
bühne gilt die distinktive und hierarchisierende Lo­
moderne 27 ( 1 989), 95-rn6; dt. : Die historische Ge­
nese einer reinen Ästhetik, übers. v. B. Dieckrnann, gik der >kleinen Unterschiede< (Bourdieu) . Am
in: Merkur 46 ( 1 992), 975 . Ende heißt >Anything goes< ja nicht, daß alles >in<
1 8 Vgl. PANAJOTIS K O N D Y L I S , Der Niedergang der bür­ wäre, im Gegenteil, es heißt, daß der >in< ist, der
gerlichen Denk- und Lebensform (Weinheim 1 99 1 ) , >Anything goes< sagt. Wehe j edoch, einer hängt An­
23 8-267.
1 9 Vgl. JACK G O O D Y (Hg.) , Literacy in Traditional So­ sichten an, die als >veraltete< erkannt wurden. Das
cieties (Cambridge 1 968); W A L T E R J . O N G , Orality nämlich >geht< durchaus nicht.
and Literacy: The Technologizing of the World (Lon­ Mit der Differenz von Text und Welt geht nicht
don/New York 1982); MICHAEL GIESECKE, Der nur die im weitesten Sinne abbildende Zeichenbe­
Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische
ziehung verloren, sondern auch noch eine weitere
Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations­
und Kommunikationstechnologien (Frankfurt a. M. Eigenschaft, die (zu Texten obj ektivierten) Zei­
1991). chen traditionell zugeschrieben wurde: die Eigen­
20 Vgl. E CKART S C HEERER, Mündlichkeit und Schrift­ schaft nämlich, gesellschaftliche Aufbewahrungs­
lichkeit: Implikationen für die Modellierung kogniti­
und Tradierungsform von Wissen zu sein. Im all­
ver Prozesse (Bericht Nr. 7 1 / i 99 1 , Forschungsgruppe
>Mind and Brain<, Zentrmn für interdisziplinäre For­ gemeinen fassen Kulturhistoriker die Genese und
schung (ZiF] , Universität Bielefeld) ; DAVID R. OL­ Verbreitung von Schrift und später dann die des
soN, Mind and Media: The Episternic Functions of Buchdrucks19 nicht allein als mediale Revolutio­
Literacy, in: Journal of Comrnunication 38 (1988), H. nen, sondern als sozial und mental gleichermaßen
3, 27-3 6; O L S O N , Thinking about Narrative, in: B. K.
schwerwiegende Umwälzungen des individuellen
Britton/ A. D. Pellegrini (Hg.), Narrative Thought
and Narrative Language (Hillsdale, N. ]./Hove/Lon­ und gesellschaftlichen Verhältnisses zur Tradierung
don 1 990) , 9g-1 l r . und Aneignung von Wissen.20 Diese Erklärungs-
Einleitung: Reichweite, Architektonik und gegenwärtiger Zustand des Textbegriffes 29

möglichkeit geht mit dem Verlust der Wiederhol­ Pflichtzitate von Nietzsche, Heidegger und Hus­
barkeitssuggestion von Sinn zwar nicht restlos ver­ serl mit einigen Wahlpflichtzitaten von Derrida,
loren, sie verschiebt sich aber unterderhand zu ei­ Lacan, Barthes und anderen wechseln.
ner Lehre, deren Sinn die Konstruktion (vermeint­ Unter den fachlichen Terminologisierungen des
licher) Kontinuitäten in der Kultur ist. Man kann Textbegriffes ist, neben den unzähligen linguisti­
bestenfalls den Anschein von Wissenstradierung schen23, die editionswissenschaftliche zu nennen.24
und -kontinuität an der Dauersuggestion geschrie­ Dort hat sich der Ausdruck Text bis in die jüngste
bener und verbreiteter Texte festmachen; tatsäch­ Zeit als >impliziter Grundbegriff< in der Tradition
lich bilden die niedergelegten Zeichenkörper ka­ der Philologie erhalten. Die praktischen Probleme
nonischer Texte aber nicht mehr als den Anlaß der Edition erzwingen Entscheidungen darüber,
und Auslöser für die Konstruktion von Kontinuität ob der Text eines Werkes ausschließlich die eine
in der Diskontinuität. und richtige Fassung oder aber die Gesamtheit der
Wenn schließlich die Hauptsinnquelle von Tex­ belegten Fassungen und Veränderungen desselben
ten die reflexive Beziehung auf den sich ständig umfaßt.25
verschiebenden Horizont anderer Texte (bzw. ei­ Von großer praktischer Bedeutung ist daneben
nes hypothetischen Gesamttextes) ist, dann führt die Ausweitung textwissenschaftlicher Verfahren
dies automatisch zu einer Universalisierung und und Begriffe auf mediale Obj ektivationen, die
Aufwertung derjenigen textuellen Kategorien, die nicht schriftlich, aber materiell reproduzierbar
traditionell Aspekte partieller Reflexivität von sind: Hörspiele, Filme, Videos, Cartoons, Comics,
Texten beschreiben: Rekurrenz, Zitat, Anspielung, aber auch Ballett, Theater, Parade usw. Wenn eine
Redewiedergabe, geprägte Idiomatik, Intertextua­ Kultur wie ein Zeichensystem funktioniert, dann
lität. Angelegt ist diese Aufwertung bereits in klas­ können alle ihre Manifestationen als Texte gelesen
sischen strukturalistischen Arbeiten. 2 1 Wäre die werden und die fest aufgezeichneten allein haben
Reflexivität des Zeichengebrauchs (d. h. die Ei­ den Vorzug, über den einzelnen Zuwendungsakt
genschaft jeder Zeichenverwendung, die früheren hinaus kontinuiert zu werden.
Verwendungen des nämlichen Zeichenkörpers Geistesgeschichtlich betrachtet, handelt es sich
global zu konnotieren) letztlich die Hauptsinn­ bei den neuen Textbegriffen um eine Radikalisie-
quelle, dann käme eben alles darauf an, die For­
men, Arten und Erscheinungsweisen der Refle­ 21 Vgl. VALENTIN N. VOLOSINOV, Marksizm i filosofia
xivität so zu ordnen, daß auch der Anschein ge­ jazyka (Leningrad 1 928); dt. : Marxismus und Sprach­
ordneter Außenbezüge (>Referenz<, >Subjekt<) philosophie, hg. v. S. M. Weber, übers. v. R. Horle­
mann (Frankfurt a . M . /Berlin/Wien 1 975); TZVETAN
erklärbar wird. Interessant für die Konstitution von
TODOROV, Mikhall Bakhtine et Ja theorie de
Textualität wäre dann die Frage, was sich für die l'enonce, in: H. Geckeler u. a. (Hg.) , Logos Semanti­
verschiedenen Arten von Zeichen noch zu wieder­ kos. Studia linguistica in honorem Eugenio Coseriu
holen scheint, wenn sich ein Zeichenkörper wie­ 1 9 2 1-198 1 , Bd. 1 (Berlin/New York/Madrid 1 9 8 1 ) ,
derholt, und wie die (vermeintliche) Selbstidentität 28g--299; ROMAN JAKOBSON, Poetik. Ausgewählte
Aufsätze 1921-1 97 1 , hg. v. E. Holenstein/T. Schel­
von Zeichen auf diesem Wege ausgebildet wird. Es bert (Frankfurt a. M. 1 979) .
ist dies ja auch das Lernproblem j edes Individuums, 22 Vgl. SILVERSTEIN , The lnterdeterminacy of Contex­
das sich in laufende Zeichenprozesse einschaltet: tualization: When is Enough Enough?, in: P. Au er/ A.
Es muß herausbekommen, was sich für die übrigen Di Luzio (Hg.), The Contextualization of Language
(Amsterdam/Philadelphia 1 992) , 5 5-76.
Zeichenbenutzer noch zu wiederholen scheint,
23 Vgl. EUGENIO COSERIU, Textlinguistik. Eine Einfüh­
wenn sich ein Zeichenkörper wiederholt22, und rung (1 980; Tübingen ' 1 9 8 1 ) .
außerdem noch, welche Situationsparameter den 24 Vgl. SIEGFRIED S CHE!BE/ CHRISTEL LAUFER (Hg.),
Einsatz bestimmter Zeichenkörper steuern. Selbst­ Zu Werk und Text. Beiträge zur Textologie (Berlin
verständlich ist auch die hoch reflexive Frage er­ 1991).
2 5 Vgl. GUNTER MARTENS, Was ist - aus editorischer
laubt, warum die Propagandisten frei flottierenden Sicht - ein Text? Überlegungen zur Bestimmung ei­
und unwiederholbaren Sinnes beständig Texte nes Zentralbegriffs der Editionsphilologie, in:
schreiben, in denen immer wieder die nämlichen Scheibe/Laufer (s. Anm. 24) , 1 3 5- 1 5 6 .
3o Text/Textualität

rung strukturalistischer und semiotischer Gedan­ tive Selbstorganisation des individuellen Bewußt­
ken. Von den strukturalistischen Strömungen ist die seins. Wiewohl die Bedeutung der Wortzeichen in
Kopenhagener Glossematik26 am wichtigsten ge­ gewissen Grenzen obj ektiv ist (bzw. objektiviert
wesen, von den semiotischen die radikalisierte werden kann) , da sie zum Sprachsystem gehört,
Theorie des lnterpretanten aus der Peirceschen se­ geht der Sinn ihrer fallweise situierten Verwen­
miotischen Begriffstrias von Zeichen, Objekt und dung über den obj ektiven Systemwert weit hinaus.
lnterpretant. Schon für den Stammvater der moder­ Begrifflich nennt man einesteils die konzeptuelle
nen Zeichentheorie stand der lnterpretant nicht für oder intensionale Organisation der Wortbedeu­
ein Subjekt, sondern für ein Verhalten oder eine tung selbst (kraft deren sie eine in der Regel grenz­
Gewohnheit, in deren Zusammenhang Phänomene unscharfe Extension definiert) , anderenteils stellt
als Zeichen interpretiert werden müssen, damit das man den Begriff auch als wesentliche, epistemo­
Verhalten als solches weitergehen kann. logische und definierte Konzeptualisierung den
Während traditionell Schrift auch den Maßstab eher akzidentellen, häufig nicht schlüssig definier­
abgibt, an welchem die >flüchtigen< Kommunika­ ten und bloß norninativen Alltagssprachbedeutun­
tionen gemessen werden, hat der >neue< Textbe­ gen gegenüber. In ihrer Verwendung erheben die
griff den Spieß umgekehrt und die Einmaligkeit letzteren nur Anspruch auf kommunikative Identi­
und Unwiederholbarkeit der Interaktion dem Text fizierbarkeit des jeweils Gemeinten, nicht auf des­
qua Lektüre zurückerstattet. Insgesamt liefert die sen wesentliche und erschöpfende Konzeptualisie­
Konjunktur des Verhältnisses von Schrift und rung. Wortbedeutungen bilden eher inklusive Op­
Rede27, die Literalitätsdebatte in den Kulturwis­ positionen und lassen sich als ungeordnete
senschaften, den aktuellen geistesgeschichtlichen Merkrnalskomplexe beschreiben, die nicht bei je­
Hintergrund für die neueren Entwicklungen des der Verwendung alle relevant werden. Schließlich
Textbegriffes. gilt ein weiterer Begriff von Begriff in den neueren
sozialgeschichtlichen Arbeiten, die an den Wör­
tern als Brennpunkten und Organisatoren gesell­
schaftlicher Erfahrnng und Kommunikation inter­
1. Der begriilli che Status von Text in der essiert sind: Begrifflich heißen da Wortbedeutun­
Geschichte gen, die in der analytischen Zusammenschau ihrer
Verwendungen als Träger wesentlicher sozial- oder
ideengeschichtlicher Bewegungen erscheinen,
1 . Wort und Begriff
Wortbedeutungen, die dem Historiker als Fakto­
Die Worte einer Sprache bilden das wesentliche ren und 1 ndikatoren geschichtlicher Prozesse die­
gesellschaftlich obj ektivierte Zeichenmaterial für nen können. 28 Die Widersprüche zwischen den
die alltägliche Kommunikation und für die kogni- verschiedenen Bedeutungen von Begriff bleiben in
praxi ohne negative Auswirkung, wo sich ein ide­
engeschichtlicher Entwicklungsstrang mit einer
26 Vgl. HANS JOERGEN ULDALL/LOUIS HJELMSLEV,
sprachlichen Chiffre fest verbindet (>Kultur<, >Na­
Outline of Glossematics: A Study in the Methodol­
ogy of the Humanities with Special Reference to Lin­ tion<, >Sozialismus<, >Staat< usw.). Dort kann Ideen­
guistics, Bd. I : ULDALL, General Theory (Kopenha­ geschichte als zur gesellschaftlichen Kommunika­
gen 1 9 5 7) . tion hin erweiterte Wortgeschichte begriffen wer­
27 Vgl. JACQUES DERRIDA, L'ecriture et la ditference
den, und die Geschichte der Wortbedeutung zeigt
(Paris 1 967) ; OLSON, Mind and Media (s. Anm. 20) ;
S CHEERER (s. Anm. 20) . wenigstens tendenziell auch die Evolution eines
28 Vgl. REINHART KOSELLECK, Vergangene Zukunft. Begriffs.
Zur Semantik geschichtlicher Zeiten (Frankfurt a. M. Für >Text< ist dieses Verfahren nicht praktikabel.
1 979); KOSELLECK, Sozialgeschichte und Begriffsge­ Das Stichwort taugt nicht als Faktor oder Indikator
schichte, in: W. Schieder/V Sellin (Hg.), Sozialge­
geschichtlicher Vorgänge. Es läßt sich nicht be­
schichte in Deutschland, Bd. 1 (Göttingen 1986) , 8C}­
r n9; DIETRICH BUSSE, Historische Semantik. Analyse griffsgeschichtlich adeln. Seine Wortbedeutungen
eines Programms (Stuttgart 1 9 8 7) . zeigen wenig Neigung zu dramatischer Verände-
!. Der begriffiiche Status von Text in der Geschichte 3r

rung. Bis zum Aufkommen von Theorien über malen (Intension) fragen. Man kann schließlich
Text und Textualität dient das Wort fast ausschließ­ von einem (als problematisch unterstellten) Gegen­
lich relativ stabilen Bezeichnungszwecken. Auch stand Text c) nach dessen richtiger begriffiicher
nach der >Verbegriillichung< von Text kann der Charakterisierung oder d) nach dessen adäquaten
Ausdruck bestenfalls als wissenschaftshistorischer Bezeichnungen fragen. Die Vermengung dieser
und wissenschaftssoziologischer Indikator gelten, Problemebenen verursacht das Durcheinander
da seine Relevanz in der nichtfachlichen Kommu­ (nicht nur) beim Textbegriff. Der methodischen
nikation gering, j edenfalls nicht begriilli ch im Unterscheidung dieser verschiedenen Fragestellun­
Sinne der Sozialgeschichte ist. gen entspricht bei Text auch eine historische Dif­
ferenzierung der Sache selbst (die hier eben die
Begriillichkeit und Wortbedeutung von Text ist) .
2. Bezeichnungifestigkeit 1md Begrifjlichkeit
Die Wortgeschichte von Text erlaubt bis zum
Man erhält nur partiell die gleiche Geschichte, 20. Jh. fast nur Fragen nach a) , während die Be­
wenn man einesteils untersucht, was im Laufe der griffsgeschichte von Text eigentlich erst mit dem
Zeit mit den Worten Text und Textualität bezeich­ Problernatischwerden des Gegenstandes Text (und
net worden ist, anderenteils aber die begriilli chen mit der Theoriebildung darüber) im 20. Jh. be­
Äquivalente dessen, was wir heute als Textbegriff ginnt.
vorfinden bzw. mit Text bezeichnen. Sucht man In diesem Sinne sind Gegenstandsausweitung
die historischen Bezeichnungen für verbindlich und Verbegrifilichung von Text parallele Prozesse.
aufbewahrte, vergegenständlichte sprachliche Zei­ Vom festen Namen der Bibel über die Bezeich­
chenprozesse, so findet man, daß sie nicht immer nung schriftlich tradierter Werke und dann von
Texte hießen. Umgekehrt war über einen großen auslegungsfahigen Zeugnissen der Sprachkommu­
Zeitraum Text kein Begriff im sozial- oder ästhe­ nikation überhaupt führt dieser >zwiespältige< Pro­
tikhistorischen Sinne, sondern der eingeführte zeß der Verbegriffiichung und Bezeichnungserwei­
Name für das Korpus bzw. für den überlieferten terung zu einem Ausdruck, der alle sozialsemioti­
Wortlaut der Heiligen Schrift, die Bezeichnung für schen Prozesse umfassen kann.
den Schriftpassus, der einer Predigt zugrunde ge­
legt wurde usw.
3. Begrifjliche Äquivalente von Text post und ante
Die Fixierung eines Wortes als Name und seine
litteram
Begriill ichkeit schließen sich aber tendenziell aus.
Denn zur Begriillichkeit gehört sowohl im er­ Als nominative Äquivalente von Text können alle
kenntnistheoretischen als auch im sozialgeschicht­ Bezeichnungen für auslegungsbedürftige soziale
lichen Sinne eine Art von semantischem Über­ Zeichengebilde gelten, zuerst der Ausdruck Zei­
schuß über die bloße Namensfunktion hinaus: die chen selbst, aber auch Werk, Schrift, Quelle,
>generative< Fähigkeit, neue Gegenstände zu subsu­ Zeugnis, Urkunde. In jüngster Zeit kommt unter
mieren, zu definieren und zu charakterisieren dem Einfluß der neueren französischen Sprachphi­
(>Gegenstand< steht hier für vieles) . Offene Hori­ losophie und einer global auf den sozialen Zei­
zonte der Intension und Extension sind auch Vor­ chenprozeß gerichteten Perspektive der Ausdruck
aussetzung dafür, daß über die Besetzung von Be­ Diskurs hinzu. Im philologischen 1 9 . Jh. heißen
griffen ideologisch gestritten werden kann (>ideo­ die Texte, mit denen man sich so eingehend be­
logisch< ist hier im vorrnarxschen Sinne verstanden schäftigt, fast immer Werke oder Schriften, wäh­
als die gesellschaftliche und kognitive Organisation rend Text nur als Bestimmungswort in der Nomi­
der Ideen und Vorstellungen betreffend) . nalkornposition häufig begegnet (Textkritik, Text­
Die Frage >Was ist ein Text?< läßt sich auf ganz auslegung usw. ) .
unterschiedliche Weise stellen und beantworten29:
Man kann von einem (als gekannt unterstellten) 29 Vgl. KJ.AUS HEGER, Text und Textlinguistik, i n : J . S.
Lexem Text her a) nach dessen Denotaten (Exten­ Petöfi (Hg.) , Text vs. Sentence: Basic Questions of
sion) oder aber b) nach dessen semantischen Merk- Text Linguistics, Bd. T (Hamburg 1 979) , 49-62.
32 Text/Textualität

Aus der Perspektive der übergeordneten Be­ rnatisch erschöpft: Produzentenbezug, Rezipien­
griffe Hermeneutik und Philologie gibt es eine tenbezug, Sach- und Zeitbezug, Sprach-, Sinn-,
komplementäre Begriffigeschichte von Text als Handlungs-, Selbstbezug, intertextuelle Bezüge.
Name für alle als auslegungsbedürftig geltenden Die historische Entfaltung des Begriffs kann je­
Zeichengebilde. In dieser Hinsicht spiegelt die weils als Selektion aus diesen Bezügen beschrieben
wachsende Extension von >Text< den wachsenden werden (wobei das Künstliche, das >Quasi-Hegelia­
Gebietsanspruch der Hermeneutik: von den im nische< an diesem Verfahren herauszustellen ist,
Wortlaut überlieferten heiligen Schriften über die weil ja realiter keinesfalls >Selbstentfaltung< der ein
Schriftzeugnisse der Antike, die Texte der Natio­ für allemal angelegten Aspekte stattfindet; nur
nalphilologie bis hin zum Einschluß des anspruchs­ wenn man, wie nötig, den vorfindlichen Begriffs­
vollen Gesprächs unter Zeitgenossen bei Schleier­ sinn als Ausgangspunkt der Rekonstruktion
macher. Auch die Ausweitung der Textualität auf nimmt, stellen sich die Dinge so dar; das ist auch
alle sozial-semiotischen Prozesse und Ordnungen ein Hauptunterschied zur Wort- und Bedeutungs­
(mithin über die Grenzen des Sprachlichen hinaus) geschichte, die sich ihres durchgehenden Gegen­
folgt in jüngster Zeit noch diesem Muster. standes einfach durch die materiale Lautforrn versi­
chern kann) .
Die vorfindliche Bedeutung von Text steckt vol­
4. Der voifindliche Sinn von Text als Ausgangspunkt
ler Ambivalenzen. Diese findet man aber auch in
Text gehört heute, wie oben notiert, mit Wort, den Verbegriffiichungen und Terminologisierun­
Satz und Zeichen zu den aspektheterogenen und gen des Ausdrucks. Einerseits gilt Text als Name
offenen Grundbegriffen der Sprach- und Literatur­ für Einheiten der realisierten (bzw. fixierten)
wissenschaften, die nicht abschließend definiert Rede, andererseits bezeichnet man auch das mate­
werden können, weil ihre theoretische Produktivi­ rielle Substrat einer Sprechhandlung, das >beliebig<
tät vorwiegend heuristischer Natur ist und sich nur reaktualisiert werden kann, als Text. Im ersten
innerhalb bestehender Axiornatisierungen entfal­ Sinne sind Texte die einzige kommunikative Rea­
tet. 30 Der alltagssprachliche Ausdruck Text dient lität der Sprache, im zweiten Sinne bezeichnet
dabei als Ausgangs- und Anschlußpunkt. Er be­ Text gerade das, was von der kommunikativen
zeichnet wertungsfrei ein materiell abgeschlossenes Realisierung im j eweiligen Fall abgehoben und
und schriftlich niedergelegtes Sprachwerk, jedoch unabhängig ist. Die Textualität eines Sprachgebil­
nicht im Sinne der bloßen physischen Realität, der des oberhalb der Satzebene ist kohärenz- oder ko­
bestimmten Anordnung von Zeichenkörpern, häsionsbedingt. 32 Die Techniken der Herstellung
sondern als Grenzbegriff für die Reproduzierbar­ von Kohäsion sind aber teils sprachsystemisch, d. h.
keit von Sinn. 31 Bis in die Fachumgangssprache lexikalisch oder grammatisch (Anapher, Ellipse,
der Kultur- und Literaturwissenschaft hinein han­ Konjunktion, Merkmalsrekurrenz usw.), teils lie­
delt, wer von Texten spricht, von einer semantisch gen sie ganz in der Sach- und Sinnebene unseres
relativ festen Instanz, die sich in Opposition gegen Weltwissens, teils in einer Schicht unserer Sprach­
subjektive Zutaten der Rezipienten konturiert. kompetenz, die nicht einzelsprachlich gebunden
Hier ist das System der Bezüge darzustellen, das ist.33 Wer vorn geordneten Zusammenhang meh­
den Textbegriff nach heutigem Verständnis axio- rerer Sätze zum Textbegriff kommt, für den sind
Texte Sprachgebilde von mehr als Satzlänge, die
linguistisch beschrieben werden können. Wer Text
30 Vgl. KNOBLOCH, Geisteswissenschaftliche Grundbe­
griffe als Problem der Fachsprachenforschung, m: als Namen für sprachlich realisierten Sinn versteht,
Fachsprache l l ( 1 989) , l 1 3-126. für den bilden die sprachsystemischen Techniken
3 I Vgl. SEGRE (s. Anm. 6) , 270. der >Vertextung< von Sinn nur einen Ausschnitt der
32 Vgl. MICHAEL ALEXANDER KIRKWOOD HALLIDAY/ Textanalyse (Eugenio Coseriu: >transphrastische
RUQAIYA HASAN, Cohesion in English (London
1 976) .
Grammatik< vs. >Linguistik des Sinns<34) .
3 3 Vgl. C OSER!U (s. Anm. 2 3 ) , 5--<). Prekär wird im Ausdruck Text das alltägliche
3 4 Vgl. ebd„ 5 1- 1 5 3 , 1 54-1 76. Vor-Urteil, wonach die Bedeutung der Wörter der
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 33

Sprache (als einer obj ektiven Instanz) zugerechnet und aufgeklärte Verständnis, das sich ein Experte
wird, der Sinn des Gesagten aber dem Sprechen­ von einem alten Text erarbeitet, oft mit dem einfa­
den: In der abgelösten Form des Textes fallt der chen Vollzugssinn gar nichts zu tun, den ein Text
Sinn ganz dem Rezipienten anheim, und nur die für seine zeitgenössischen Adressaten gehabt haben
erneute kommunikative Thematisierung kann ihn mag, die ihn wohl kaum jahrelang bearbeitet ha­
zwingen, seine Auslegung am >Wortlaut< des Textes ben. Oder, anders gesagt, philologisch können
plausibel zu machen. In vielen Fällen erzwingt die auch triviale Texte nur durch andere, nichttriviale
sympraktische Rede eine Verständigungskontrolle Texte interpretiert werden, aber der >user< eines
am Fortgang des koordinierten Handelns. In j edem trivialen Textes hinterläßt keine Rezeptionsdoku­
Fall erlaubt sie die Rückfrage bei Unklarheiten. mente. Er verfertigt keine interpretierenden Texte.
Der Text hingegen steht allein, und er muß es tun Ziel solcher professionellen Operationen am Text
können, wenn wir ihn für einen Text halten sollen. ist gewöhnlich die Explikation des Impliziten.
Zwar mag der Produzent eines geschriebenen Tex­ Aufgrund des problematischen begriffiichen Sta­
tes bestimmte Adressaten im Auge gehabt haben, tus von Text gehe ich in den folgenden Abschnit­
doch kann 1im Prinzip< jeder einen geschriebenen ten der Durchführung jeweils einen doppelten
Text lesen, auch dann noch, wenn die Gesamtheit Weg: von der Geschichte des Wortes bzw. der
der Orientierungshorizonte des Schreibers längst Wortfamilie zur historischen Praxis der Auslegung
untergegangen ist. Darin liegt bereits die Möglich­ überlieferter Sprachzeugnisse und von den in der
keit, daß der bloße Zeitablauf aus einem gegebe­ Auslegungspraxis und im Begriffsfeld lebendigen
nen Text etwas macht, was dem Autor gar nicht Ansichten über Textualität bzw. über die Natur des
hätte in den Sinn kommen können.35 Darin liegt >Auszulegenden< zu den jeweils vorherrschenden
j edoch auch der Anlaß für die professionelle Re­ Bezeichnungen.
konstruktion untergegangener Horizonte, die frei­
lich nur dann einsetzt, wenn Dokumente aus der
Perspektive der rezipierenden Epoche gleichzeitig
>heilig< und aktuell >unverständlich< sind. In dieser I I . Geschichte der Begriffe Text und
Konstellation lauern die Paradoxien scharenweise. Textualität
Die unter dem Namen des hermeneutischen Zir­
kels bekannte ist nur die auffallendste. Je mehr die
1. Von der antiken Rhetorik zur Bibel
Verständigung auf der abgelösten sprachlichen For­
mulierung allein ruht, desto problematischer wird In der antiken Überlieferung besteht die Tätigkeit
sie. Im Extrem ermöglicht es die Textform, daß des >Philologen< (der zunächst noch >Grammatiker<
der Rezipient Gesagtes bloß zum Anlaß indivi­ hieß, während der Name >Philologe< allgemein
dueller, assoziativer und kontingenter Sinnproduk­ für den Liebhaber der Rede, der Literatur und für
tion nimmt. Gleichwohl halten wir an der Erwar­ den Gebildeten gebraucht wurde37) aus vier bis
tung fest, daß Texte im Prinzip (mehr oder weni­ sechs Teilaufgaben der Textanalyse. Bei Dionysios
ger) richtig verstanden werden können. Die Thrax, einem im 2. vorchristlichen Jahrhundert
Überprüfung kann nur im System der oben ge­ lebenden Schüler Aristarchs und Verfasser des
nannten Bezüge stattfinden. Sprachwissen und ältesten Handbuchs der Grammatik, sind es sechs:
-können des Rezipienten garantieren kein Rede­
oder Textverständnis. Sie geben nur den ersten
35 Vgl. SEGRE (s. Anm. 6) , 27 r .
Plan, der dann in tieferen Schichten abgearbeitet 3 6 Vgl. GEROLD U N GEHEUER, Vor-Urteile über Spre­
wird.36 Und doch hat man unter Umständen vom chen, Mitteilen, Verstehen ( 1 987), in: Ungeheuer,
Text allein die Sprachform. Offenbar rekurriert Kommunikationstheoretische Schriften, Ed. 1, hg. v.
Textverstehen auf die Gesamtheit des Rezipienten­ ]. G. Juchem (Aachen 1 987), 3 2 5-327.
3 7 Vgl. HEYMANN STEINTHAL, Geschichte der Sprach­
wissens, das sinnhaft mit dem Text verbunden wer­
wissenschaft bei den Griechen und Römern mit be­
den kann. Kraft dieser Tatsache gehört es immer in sonderer Rücksicht auf die Logik ( 1 863), Bd. 2 (Ber­
dessen Horizont, und gewiß hat das sicher oft tiefe lin ' 1 8 9 1 ) , 1 4-17.
34 Text/Textualität

r . Lectio, »das gekonnte laute Vorlesen nach Pro­ Staatsakte zu Schriftwerk überhaupt, Literatur,
sodie und Akzent« (avayvwcrn; (VTptj3�<; KCXTa Text.
rrpoau,il\icxv) ; 2. »Erklärung der verwandten rheto­ Die antike Auslegungspraxis verweist durch ih­
rischen Figuren« (E:��yl]crt<; KCXTa TOD<; E:vurrcip­ ren autoritativen Charakter auf den Problemkreis,
xovTcx<; 1IOll]T1KOU<; Tporrou<;) ; 3 . »Sprach- und der namentlich die theologische und juristische
Sacherklärungen« (yP.waawv T€ KCXt 'taTOptwv rrpo­ Hermeneutik bis zum Beginn der Aufklärung be­
xnpo<; arr65om<;) ; 4. »Auffinden der Wortablei­ herrscht: die verbindliche normative Auslegung
tungen« (i:: wµoP.oyiw; €Vp€0't<;) ; 5. »Darlegungen von Gesetzen und heiligen Texten.40 Zu vermitteln
zur Formenlehre« (avcxP.oyicx.; i::KP.oy1aµo<;) ; und war der Wille des Gesetzgebers oder der normative
als höchste Kunst schließlich 6. das »Kunsturteil« Sinn kanonischer Texte für die aktuelle Gegenwart
(Kptm<; rr011]µaTwv38) . In einem Scholion zu Dio­ und Praxis der Zeitgenossen des Auslegenden. Bis
nysios Thrax findet man vier wesentliche Abtei­ zur frühen Neuzeit war die Vorstellung vorherr­
lungen - emendatio (Wiederherstellung des Origi­ schend, der Text sei ein Gegebenes und alle Inter­
naltextes) , lectio, enarratio (Sacherklärung) und iu­ pretationen stammten allein von ihm selbst. Weder
dicium (Kunsturteil) : »Seit alters gibt es vier Teile die Subjektivität des Interpretierenden noch der
der Grammatik: [„ .] Textverbesserung, Vorlesen, Wechsel der zeitlichen Horizonte fanden Berück­
Sacherklärung und Kunsturteil.« (T 6 rrciP.cxt µ(pi] sichtigung.
Tij.; ypaµµanK�<; �v Tfa0'€pa· [„ .] 5top8wnK6v, Im Quintilianischen »dicendi textum«41 (Ge­
avayVWO'TIKOV, (�J]Yl]TlKOV Kat KplTlKOV.39) Das webe der Sprache) schwingt keineswegs die heu­
Auszulegende waren die ypaµµaTa (grammata, lat. tige Vorstellung mit, nach der Textualität gewisser­
literae, wörtlich: die Buchstaben) . Die Bedeutung maßen das Fixierungsmittel von Sinn ist oder das
von grammata weitete sich von Inschrift, Brief, Material, in dem Sinn aufbewahrt wird; vielmehr
ist der Duktus der sprachlichen Gedankenführung
selbst gemeint. Der antike Hermeneut versteht
sich nicht so sehr als Interpret eines Textes im heu­
38 D I O N Y S I O S THRAX, Ars grammatica I , in: Granuna­ tigen Sinne, sondern viel eher als Mittler und
tici Graeci, Bd. 1 1 ! , hg. v. G. Uhlig (Leipzig 1 8 8 3 ) , Sprachrohr von dessen Autor. 42 Der Text als sol­
5 f. ; vgl. T H E O D O R B I R T , Kritik und Hermeneutik
cher ist kaum abgesetzt von den Intentionen seines
nebst Abriß des antiken Buchwesens (München
1 9 1 3) , 7. Urhebers.
39 Commentarius Melampodis seu Diomedis I , in: Aus antiken und patristischen Quellen speist
Grammatici Graeci, Bd. 1 / 3: Scholia in Dionysii sich die das ganze Mittelalter hindurch gültige
Thracis Artern grammaticam, hg. v. A. Hilgard (Leip­ Doktrin vom vierfachen Schriftsinn, kodifiziert
zig 1 90 1 ) , 1 2 .
40 Vgl. HANS-GEORG GADAMER, >Hermeneutik<, in: und systematisiert durch Cassian43 (mit der von
RITTER, Bd. 3 ( 1 974) , ! 062. Origenes stammenden Augustinischen Lehre von
41 QUINTILIAN , Inst. 9, 4, 17; vgl. EMILIO BETT!, Teoria der Stufenfolge des wörtlichen, moralischen und
generale della interpretazione, Bd. 1 (Mailand 1 9 5 5 ) , geistigen Sinnes der Bibel als wichtigstem Vorläu­
3 5 4; dt. : Allgemeine Auslegungslehre als Methodik
fer) . 44 Danach lehrt die wörtliche Bedeutung die
der Geisteswissenschaften, übers. v. Betti (Tübingen
1 967), 266. historischen Tatsachen, die allegorische den Glau­
42 Vgl. JF.AN P F. PIN, L'hermeneutique ancienne. Les benssatz, der sich daraus ergibt, die moralische die
mots et !es idees, in: Poetique 6 ( 1 975), H . 2 3 , 291- daraus folgende Handlungsanweisung und die ana­
3 00; dt. : Die frühe Hermeneutik. Worte und Vorstel­ gogische den theologisch-heilsgeschichtlichen
lungen, übers. v. C. Voigt, in: V Bahn (Hg.), Typolo­
gie. Internationale Beiträge zur Poetik (Frankfurt Sinn. Mit dem Merksatz des 128 3 gestorbenen Do­
a. M. 1988), 97-I I 3 . minikaners Augustinus von Dänemark: »Der
43 Vgl. GERHARD EBELING, >Hermeneutik<, in: R G G , Buchstabe lehrt die Ereignisse, die Allegorie, was
Bd. 3 (3 1 959), 249. du glauben sollst, ! die Moral der Geschichte, was
44 Vgl. ORIGINES , De principiis 4, 2, 4; GADAMER (s.
du tun sollst, die Anagogie (Hinaufführung) , was
Anm. 40) , 1 062; MAXIMILIAN S C HERNER, >Text<. Un­
tersuchungen zur Begriffsgeschichte, in: Archiv für du hoffen sollst.« (Littera gesta docet, quid credas
Begriffsgeschichte 3 9 ( 1 996) , 1 1 7. allegoria ! Moralis quid agas, quid speres anago-
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 35

gia. 45) Erst von der Reformationstheologie wird gen zu >Text [„ .] in der Musick<, >Text, in der
diese Doktrin umgestoßen. Das sola scriptura (»Al­ Schrifftgüsserey<50 u. a.) eine längere Abhandlung
leyn die schriffi«46) , Luthers Lehre von der Selbst­ über die Bibelstelle, die der Predigt zugrunde ge­
auslegung der Schrift (»scriptura [ „ . ] sui ipsius in­ legt wird. Auch hier heißt es: »Erkläre die Worte
terpres«47) , reduziert den Glaubenswert der Schrift deines Textes, wo es nöthig ist; am allermeisten
zunächst auf ihren Wortsinn und wendet diesen aber suche die Sachen, die in deinem Text enthal­
polemisch gegen die Lehrautorität der Kirche. ten sind, zu erklären.«51 In der semiotischen Fun­
Daraufhin wendet sich die Reformationstheologie dierung des Textes gibt es zunächst weder einen
dem Bibeltext selbst neu zu und verwirft die auto­ Platz für die Subjektivität des Autors noch für den
ritative Tradition seiner Auslegung. In diesem >Eigensinn< der Sprache(n) . Die Möglichkeit, die
Streit steckt eine Einsicht, an die zu erinnern sich Dinge dieser Welt zu verstehen, wird als unproble­
auch heute lohnt: daß nämlich die schriftliche Co­ matisch vorausgesetzt. 52 Es sind und bleiben die
dierung der >gesta< stringenter und dauerhafter ist >Sachen selbst<, auf welche die Zeichen des Textes
als der inferentielle, allusive, kulturelle und prag­ letztlich zurückgeführt werden müssen. Peter
matische Sinn ihres Berichtes in der Kommunika­ Szondi argumentiert, daß genuine Hermeneutik
tion. erst dann ins Spiel kommt, wenn (mit Friedrich
Außerdem wird in der Literatur die Ansicht ver­ Ast und Schleiermacher) sowohl der Autor selbst
treten, daß die reformatorische Disjunktion von als Ziel der Deutungen wie auch die sprachliche
autoritativem Text selbst auf der einen Seite und Brechung des Gegenstandes den Umgang mit Tex­
von zweifelhaft-prüfungsbedürftiger Auslegung auf ten neu perspektivieren. 53
der anderen den Katalysator für das neuzeitliche Definitorisch findet man bei Georg Friedrich
Erkenntnisproblem abgegeben habe.48 Am Beispiel Meier ein Verständnis von Text, das in seinen
autoritativer Texte sei zuerst das Problem aufgetre­ Merkmalen dem heutigen weitgehend entspricht:
ten, verbindlich zwischen >objektivem< Sachgehalt »Der Text (textus) ist die Rede, in so ferne sie, als
und >subjektiver< Zutat zu unterscheiden, und diese der Gegenstand der Auslegung, betrachtet wird.«
Polarisierung sei Muster des neuzeitlichen Er­ Und weiter: »Eine Rede, welche keinen Sinn hat,
kenntnisproblems geworden: zu unterscheiden kan kein Text seyn«54. Auch die Verselbständigung
nämlich, was von den Sinneseindrücken Wirkung des Textsinnes gegenüber dem Verständnis des Au-
der wahrgenommenen Sache selbst und was >sub­
j ektive< Zutat des Erkennenden und seiner Sinnes­
organisation sei. 45 AUGUSTINUS VON D Ä NEMARK, Rotulus pugillaris l ,

Seit dem Mittelalter oszilliert die lexikalische hg. v. A . Walz, in: Angelicum 6 ( 1 929), 256.
46 MARTIN LUTHER, Antwort deutsch auf König Hein­
Bedeutung (bzw. der Bezeichnungswert) des Aus­ richs Buch ( 1 522), in: Luther, Werke. Kritische Ge­
drucks Text zwischen der Ebene des Werkes selbst samtausgabe, Bd. ro/2 (Weimar 1 907) , 232; vgl. LU­
und seiner materiellen Realisierung in einer Ab­ THER, Contra Henricum Regem Angliae ( I 522), in:

schrift. Noch in der humanistischen und der neu­ ebd„ I 86.


47 LUTHER, Assertio ornnium articulorum M. Lutheri
eren Philologie spricht man bei überlieferten Ab­
per bullan1 Leonis X. novissimam dan1natorum
schriften eines Werkes vielfach von dessen Tex­ ( I 5 20) , in: ebd„ Bd. 7 (Weimar 1 897) , 97.
ten. 49 48 Vgl. OLSON, Mind and Media (s. Anm. 20) , 29 f. ; OL-
SON, Thinking about Narrative (s. Anm. 20), ro3 f
49 Vgl. SEGRE (s. Anm. 6) , 270.
2. Text, Zeichen und Sache in der Hermeneutik der 50 Vgl. ZEDLER , Bd. 43 ( 1 745), 305, 3 I 5 .
A ufk lärung 51 >Text einer Predigt<, in: ebd„ 305 .
52 Vgl. PETER S Z O N D I , Einführung in die literarische
Die Textverstehenslehren der Aufklärung sind zu­ Hermeneutik, in: Szondi, Studienausgabe der Vorle­
nächst überwiegend am Verständnis der Sache in­ sungen, hg. v. J. Bollack u. a„ Bd. 5 (Frankfurt a. M.
1975), I42.
teressiert und betrachten den Text nur als Vehikel 53 Vgl. ebd„ I42 f
auf dem Weg zu dieser. In Zedlers Universal-Lexi­ 54 GEORG FRIEDRICH MEIER, Versuch einer allgemeinen
con findet man unter >Text< (neben kurzen Einträ- Auslegungskunst (Halle 1 7 5 7) , 5 8 , 60 (§§ r o 5 , ro9).
36 Text/Textualität

tors ist vollständig gedacht: Der Ausleger ist kei­ keit der Texte reflektiert: »den wahren Sinn«
neswegs gehalten, alles ebenso zu denken, wie es (verum sensum) einer Textstelle dürfe man nicht
der Autor gedacht hat. Er kann eine klarere, gewis­ mit der »Wahrheit ihres Inhalts« (rerum veritate)56
sere, größere Kenntnis des Sinnes haben als dieser. verwechseln; der zur Sprachgestalt gehörige Teil
Zur Auslegung eines Textes gehört die vollständige des Textsinnes ergibt sich aus der Vergleichung des
Erkenntnis der actio, auch insofern sie im Text Sprachgebrauchs in bezug auf die Sache. Im letzten
selbst nicht niedergelegt worden ist. Die wahre Drittel des 1 8 . Jh. , mit dem gewaltig zunehmen­
Natur der Sache, von welcher der Text handelt, ist den Interesse des gebildeten Publikums an Fragen
dessen beste Auslegung. Der Oberbegriff für das der Sprache und der Sprachlichkeit, schlägt das
Auszulegende überhaupt ist bei Meier »Zeichen« Sachinteresse vollends in Sprachinteresse um. Die
(4 f. , 57 [§§ 7, ro3]) . Die auszulegenden Redegat­ Sachdimension der Texte, für Meier noch selbst­
tungen oder Texte sind: l . »die heilige Schrift« verständlicher Interessenschwerpunkt, tritt zurück
( 1 3 0 [§ 2 5 1 ] ) ; 2. »die bürgerlichen Gesetze« ( 1 3 0 hinter deren Eigenschaft, unmittelbarer Ausdruck
[ § 252]); 3 . »sittliche Charakteristik« ( 1 3 0 [ § 253]) der Kulturen, Nationen, Völker zu sein. Die Spra­
(gemeint sind Reden, die auf den Charakter ihres chen selbst werden zu individualisierten Verkörpe­
Urhebers verweisen) ; 4. »Diplomata« (1 3 1 [§ 254] ) ; rungen der nationalen Kulturen. Die allgemeine
5 . »die Oracul [ . . . ] , das ist, [ . . . ] Vorhersehungen« Grammatik der Aufklärungszeit (mit ihrer Mi­
( 1 3 1 [§ 2 5 5] ) . Bei Johann Martin Chladenius findet schung aus sensualistischen und rationalistischen
man wenige Jahre vor Meier die Lehre vom »Sehe­ Motiven) fand in den Einzelsprachen die gemein­
Punckt«55, von der notwendigen Perspektivität ei­ samen Bedingungen vernünftigen Urteilens ver­
nes j eden Textes, mit der dialektischen (und bereits körpert. Sie befindet sich um l 800 überall auf dem
auf Schleiermachers hermeneutische Prinzipien Rückzug. Der fehlende manifeste Kontakt zwi­
hindeutenden) Folgerung, daß man einesteils dem schen Sprachwissenschaft und Hermeneutik im
Autor in seine innersten Absichten und Nebenge­ 18. Jh. , über den sich Hendrik Birus zu wundern
danken folgen, anderenteils aber auch alle obj ekti­ scheint57, hat seine Ursache in der traditionellen
ven Umstände des berichteten Ereignisses nach Gebildeorientierung der Sprachwissenschaftler (im
Zeit, Ort usw. rekonstruieren müsse, um die spon­ Unterschied zur naturgemäßen Werkorientierung
tane Perspektivität des Autors oder Textes zu neu­ der Hermeneutiker). Diese Konstellation ändert
tralisieren. sich erst, als nach l 800 die Sprachwissenschaft
Das primär sachlich gerichtete Interesse der selbst Nationalphilologie (und damit text- oder
Aufklärung an Texten ist freilich mehrfach zu rela­ werkorientiert) wird. Die Anlagen dazu findet
tivieren. Schon von Spinoza wird die Sprachlich- man freilich schon bei Herder, Karl Philipp Mo­
ritz, August Ferdinand Bernhardi und anderen Au­
5 5 JOHANN MARTIN CHLADENIUS, Einleitung zur rich­ toren der Übergangszeit. Auch Johann Heinrich
tigen Auslegung vernünfftiger Reden und Schrifften Lamberts Zeichenlehre, mit der Theorie der >sym­
(Leipzig 1 742) , 1 82, 1 8 7 (§§ 306, 309) . bolischen Erkenntniß< als Kernstück, dürfte in ei­
56 BARUCH DE SPlNOZA, Tractatus Theologico-Politicus
ner ausgeführten Geschichte der Aufklärungsher­
( 1 670) , in: SPINOZA, Bd. 3 (1925), 1 00 (Cap. 7) ; dt. :
Theologisch-politischer Traktat, übers. v. C. Geb­ meneutik nicht fehlen. 58
hardt (Leipzig 1 908), 1 3 7 -
5 7 Vgl. HENDRIK BIRUS, Zum Verhältnis von Herme­
neutik und Sprachtheorie im l 8. Jahrhundert, in: R. 3. Text im Jahrhundert der Philologen
Wimmer (Hg.), Sprachtheorie. Der Sprachbegriff in
Wissenschaft und Alltag (Düsseldorf/Bielefeld 1 987) , Die Professionalisierung der Philologie, die sich in
143-1 74. mehreren Etappen durch das 19. Jh. zieht, führt zu
58 Vgl. JOHANN HEINRICH LAMBERT, Neues Organon einer zunehmenden Distanzierung der Texte (bzw.
oder Gedanken über die Erforschung und Bezeich­ des Textsinnes) von der Lebenswelt der Rezipien­
nung des Wahren und dessen Unterscheidung vom
ten. Dominierte bislang die Vorstellung, der Text
lrrthum und Schein, ßd. 2 (Leipzig 1 764) , 5-43 ;
AXEL BÜHLER/tUIGl CATALDI MADONNA (Hg.) , >spreche< unmittelbar zu j edem Rezipienten, der
Hermeneutik der Aufklärung (Hamburg 1 994) . mit dem Organon der Philologen (Grammatik,
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 37

Hermeneutik, Kritik) umzugehen weiß, so wird mehr (bei Ast, Wolf, Schleiermacher) ist es der
>authentischer< Textsinn nun zu einer Größe, die >Geist< der vergangenen Epoche, der erweckt wer­
der mühsamen (und immer approximativ bleiben­ den soll, und das Werk gilt als Ausdruck der (typi­
den) historischen Rekonstruktion bedarf und von schen, klassischen) Individualität des Autors im
professionellen Experten verwaltet wird. Auch Rahmen der Epoche. Nicht mehr das textuell Dar­
wandelt sich die (aufklärerische) Vorstellung von gestellte ist bevorzugter Gegenstand der Rekon­
den nützlichen Lehren, die man aus der Beschäfti­ struktion und des Verständnisses, sondern die
gung mit den >alten< Texten ziehen könne, zum »Cultursituatiorn62 und die Individualität des Au­
eher indirekten, von der bürgerlich-praktischen tors in ihr. Der auszulegende Text wird (vor allem
Welt zunehmend distanzierten Bildungswert. Karl bei Ast63) ein emphatisches Ganzes, bei dem der
Gottfried Wilhelm Theile betrachtet die herme­ Sinn jeder Einzelheit in ihrer Beziehung auf die
neutische Wissenschaft zwar als eine historische Grundidee liegt. Der Hermeneut stopft also nicht
dem Ziel und den Wegen nach, hält aber ihren mehr bloß das Sinngewebe des löchrig geworde­
wesentlichen Inhalt für apriorisch fundiert (nach nen Textes, er muß vielinehr dessen Grundmuster
dem gedanklichen Muster des ausgehenden völlig neu konstruieren.
1 8 . Jh. : Ableitung der wesentlichen und notwendi­ Während Schleiermachers Hermeneutik aber
gen Bestimmungen aus dem Begriff der Mitteilung noch bipolar und dialektisch angelegt ist (zwischen
und des Interpretierens) .59 der umfassenden Rekonstruktion des Sprachzu­
Die Axiomatisierung der Hermeneutik (na­ stands sowie der Traditionen des Sprechens -
mentlich bei Schleiermacher) zu einer allgemeinen grammatische Interpretation - und der Einord­
Textwissenschaft begleitet die Professionalisierung nung der Schrift in die Biographie des Autors -
der Philologien. Theile konstatiert noch, daß die psychologische Interpretation64) , wird Text in der
klassische Philologie bis dato ohne eine Theorie zweiten Jahrhunderthälfte zusehends psychologi­
der Auslegung ausgekommen sei.60 Um 1 900 ist siert. Es gilt nun, das Vorstellen und Erleben des
das Geschäft der Auslegung klassischer Texte kodi­ Autors möglichst authentisch nachzuvollziehen
fiziert und mechanisiert. Die Hermeneutik ist we­ (Dilthey) . Die Psychologie wird zur Leit- und Vor­
sentlich ein Werk der Theologen und Juristen. Erst bildwissenschaft der Philologien und der Sprach­
Schleiermacher vollzieht die Gen1einsan1keit des wissenschaft. Jeder Text ist ein Dokument des
Bildungsbürgertums, Texte auszulegen, auch in Fremdseelischen und will als solches verstanden
der Theorie programmatisch nach (Friedrich Au­ werden. Kongenialität und Intuition sind gefragte
gust Wolf und Ast gehen ihm freilich voraus) . Eigenschaften des Auslegers. Hier ist eine Hypo­
Im 1 9 . J h . ist und bleibt der Status von Text der thek aufgenommen worden, an der die Herme­
eines impliziten Grundbegriffes. Charakteristi­ neutik bis heute trägt: Sie hat sich auf >einfühlende<
scherweise findet man in den Handbüchern und Techniken und Fähigkeiten gestützt, die nicht ob­
Nachschlagewerken der Epoche keinen Eintrag j ektivierbar sind. Komplementär zur Psychologi­
>Text<, wohl aber Komposita mit >Text< als Bestim­ sierung der höheren Hermeneutik findet man die
mungswort und als Grundwort, während der
ganze Kanon der philologischen Termini technici 59 Vgl. KARL GOTTFRIED WILHELM THEILE, >Herme­
wie Konjektur, emendatio, recensio, Kritik, Über­ neutik<, in: ERSCH/ GRUBER, Abt. 2, Bd. 6 ( 1 829) ,
lieferung, Auslegung auf >Text< als einen impliziten 3 04a.
60 Vgl. ebd.
Zentralbegriff verweist.
61 Vgl. SZONDI (s. Anm. 52), l 42 f.
Was das System der konstitutiven Bezüge an­ 62 PHILIPP WEGENER, Untersuchungen über die Grund­
geht, so gibt es folgenschwere Verschiebungen ge­ fragen des Sprachlebens (Halle r 8 8 5 ) , 27.
genüber der Hermeneutik der Aufklärung: Für 63 Vgl. FRIEDRICH AST, Grundlinien der Grammatik,
diese transportieren Texte dominant ein Verständ­ Hermeneutik und Kritik (Landshut 1 808), l 7 I - 1 7 3 ,
1 78-1 8 1 (§§ 7 1 , 7 5 ) .
nis der Sache, von der sie handeln, und in der vol­
6 4 Vgl. FRANK, D a s individuelle Allgemeine. Textstruk­
len Rekonstruktion dieses Sachverständnisses gip­ turierung und -interpretation nach Schleiermacher
felt auch die Leistung des Hermeneuten.61 Nun- (Frankfurt a. M. r 977) .
38 Text/Textualität

Mechanisierung und >Technisierung< der niederen. Arrangements der Zeichen auf verschiedenen
Deren Verfahren werden kochbuchartig in feste Ebenen (und nennt sie >discourse<) .67 Für Louis
Regeln des Umgangs mit klassischen Texten ge­ Hjelmslev, den Mitbegründer der Glossematik,
faßt.65 dessen Ansichten sowohl für die sowjetische Kul­
Der implizite und weitgehend unbewußte Cha­ tursemiotikJurij M. Lotmans als auch für den fran­
rakter des philologischen Textbegriffs zeigt sich in zösischen Strukturalismus (einschließlich seiner
der wenig problematisierten Rückprojektion der Post- und Neoformen) wichtig geworden sind,
eigenen Standards in die erforschten Epochen: Die sind Texte sekundäre oder konnotative Systeme, da
Vorstellung, zu j edem Werk habe es eine und nur ihre eigenen signifikativen Ordnungen auf denen
eine >richtige< Fassung zu geben, während alle >an­ des Sprachsystems aufruhen. Für die textuellen Be­
deren< Abschriften Verfälschungen seien, gehört ziehungen bilden die bilateralen Sprachzeichen
zum Werk-Autor-Verhältnis des 19. Jh., nicht un­ (Ausdruck und Inhalt bzw. Form des Ausdrucks
bedingt aber auch zu den erforschten Texten. Das und Form des Inhalts) ihrerseits nur die Aus­
Original ist die Chimäre der Philologie, und die drucksseite (signifiant) , die den (außersprachlichen)
Überlieferung eines Werkes ist von seiner Verfäl­ Textsinn (signifie) organisiert. 68
schung nicht zu unterscheiden. 66 Hier knüpft unter anderem die Tartuer Schule
der Kultursemiotik an. Bei Lotman wird der
künstlerische Text definiert als explizite, begrenzte,
4. Der strukturalistische Textbegriff
strukturierte und fixierte Zeichenmenge, be­
In ihrer klassischen Fassung kennt die strukturali­ stehend aus externen und internen Beziehungen. 69
stische Lehre allein Systeme von signifikativen Ein­ Die extratextuellen Bezüge ergeben sich unter an­
heiten, die ihren Wert (valeur) in der Opposition derem durch die Relation auf die Gesamtmenge
zu allen anderen Einheiten fixieren. Systemrelatio­ der Elemente und Codes, aus denen die des j ewei­
nen in diesem Sinne sind extratextuell, extrakom­ ligen Textes ausgewählt sind. Literarische Texte
munikativ. Sie werden in der Rede nur >realisiert<, sind ihrerseits modellbildende Systeme, d. h. sie
existieren aber außerhalb derselben. Der Text ist verdichten ihren Sinn und Informationswert durch
lediglich der Ort, an dem man durch methodische Mehrfachcodierung, durch externe und interne
Analyse die Systembeziehungen findet, er ist der Umcodierung von Bedeutungen. Literarische
Inbegriff aller Realisierungen des Systems, als >pa­ Texte erhöhen die Prägnanz ihres Inhalts, ihrer In­
role< aber selbst nicht einheitlich organisiert, son­ formation, ihrer Außenbeziehungen durch beson­
dern voller Kontingenzen. Sehr unterschiedlich dere Prinzipien der parallelen und kontrastieren­
sind Theorie und Emphase, mit denen sich die den Organisation ihrer Innenbeziehungen. Textua­
Schulen des (linguistischen und literaturwissen­ lität beruht nicht notwendig auf Schriftlichkeit,
schaftlichen) Strukturalismus auf ihre textuelle Ba­ sondern auf kanonisch >festgestellter< Formulie­
sis rückbeziehen. Die Distributionsanalyse der rung. Hier gilt, daß jeder realisierte Text eine ge­
Schule um Zelig Harris kennt Texte als materielle ordnete Extraktion aus dem kulturellen Gesamt­
text darstellt, auf welchen die Sinneinheiten letzt­
lich als auf ihren Fundus verweisen. 70
65 Vgl. BIRT (s. Anm. 3 8) . In der gemeinstrukturalistischen Opposition von
6 6 Vgl. S E GRE (s. Anm. 6) , 280. System und Prozeß gehören Texte zunächst ganz
67 Vgl. ZEUG s. HARRIS, Discourse Analysis Reprints auf die Seite des Prozesses. Sie sind dessen Reali­
(1957; Den Haag 1963).
68 Vgl. J Ü RGEN TRABANT, Zur Semiologie des literari­ sierungen und kraft dieser Tatsache auch indirekt
schen Kunstwerks. Glossematik und Literaturtheorie Realisierungsformen des Systems. Es versteht sich,
(München 1 970) , 2 1-3 1 . daß diese Perspektive von der Analyse natürlicher
6 9 Vgl. J URIJ M . LOTMAN, Struktura chudozestvennogo Sprachen her genommen ist, bei der es zunächst
teksta ( 1 970) , in: Lotman, Ob iskusstve (Sankt Peters­
den Anschein hat, daß das System der Einheiten,
burg 1 998), 59-{i6; dt. : Die Struktur literarischer
Texte, übers. v. R.-0. Keil (München 1972), 8 I-9I . Relationen und Oppositionen von der unendli­
7 0 Vgl. SEGRE (s. Anm. 6), 289. chen Menge der Realisierungen als deren Grund-
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 39

Jage reinlich abgetrennt werden kann. 7 1 Was i n ei­ nicht primär unproblematische Erscheinungsfor­
nem Text steht, das interessiert aus dieser Perspek­ men des Codes, sondern vielmehr problematische
tive zunächst nur, insofern es auf Systembezüge Codierungen einer Kultur sind. Geschwächt wird
rückverweist. Von hier ist es noch ein langer Weg durch diese Problemverschiebung die Autonomie
zu der Erkenntnis, daß der >Sinn< eines Textes kein des Codes, der nun nicht mehr als selbständige
Abkömmling des Sprachsystems ist, dieses viel­ Sinnquelle erscheint, sondern als reine Form für
mehr seinerseits aus den geordneten Chiffren und die geordnete Darstellung kontingenter, konnota­
Kürzeln besteht, mit deren Hilfe >Diskurse<, kultu­ tiv vereinnahmter Sinngehalte. Schon für Uldall ist
relle Texte erzeugt und reproduziert werden kön­ die >Substanz des Inhalts< für alle Zeichensysteme
nen. gleich, die in ein und derselben Kultur operieren.
Die ideengeschichtlich bedeutsame Leistung der Deshalb kann man ein und dieselbe Situation im
Kopenhagener Glossematik (Hjelmslev, Hans Joer­ Prinzip in Texte aller Zeichensysteme übersetzen.
gen Uldall) haftet vornehmlich an den Ausdrücken Auch die Ausweitung des Textbegriffs auf flüch­
Text und Konnotation. Dem gemeinstrukturali­ tige, nicht aufgezeichnete Systeme von Handlun­
stischen Axiom, wonach Inhalt und Ausdruck in gen und Orientierungen findet man bereits in der
Zeichensystemen nur >aneinander< sich ordnen Glossematik. Uldall argumentiert, Soziologen und
und ordnen lassen, haben die Kopenhagener eine Anthropologen müßten an verläßlichen Sprachbe­
bestimmte Gestalt gegeben: das Modell der vier schreibungen interessiert sein, »since they can no
durch Kreuzklassifikation verbundenen Strata.72 more afford to ignore the texts of their situations
Die Inhalts- und Ausdrucksseite eines Zeichensy­ than the linguists the situations of their texts«74.
stems werden jeweils noch einmal in Form und Sowohl die Tartuer Kultursemiotik als auch die an­
Substanz unterteilt, so daß die folgenden vier Strata thropologische Textlehre konnten hier leicht an­
entstehen: Substanz des Ausdrucks - Form des setzen, ebenso natürlich die ungemein erfolgrei­
Ausdrucks - Form des Inhalts - Substanz des In­ chen Film-, Mode- und sonstigen Spartensemioti­
halts. Die Substanz des Ausdrucks ist das Medium ken der letzten Jahrzehnte.
des Zeichenträgers, bei natürlichen Sprachen also Für die Vertreter des Prager Strukturalismus
etwa der Laut, die Schrift, das Morsealphabet. Die stellt sich Text etwas anders dar. 7s Texte gelten als
Substanz des Inhalts ist eine Weltanschauung oder Sequenzen von Satz-tokens, nicht von Satz-types,
Kultur, die Gesamtheit der kulturellen Muster, Ty­ die vielmehr zum Code, zum System, gerechnet
pisierungen, >beliefs<. Die beiden mittleren Schich­ werden. Konstitutiv für die Identität eines Textes
ten (Form des Ausdrucks - Form des Inhalts) defi­ ist nicht die Bedeutung der Sätze, sondern der
nieren eine Sprache, die von der Glossematik mit­ Sinn der Äußerungen, aus denen er aufgebaut ist.
hin als reine Zuordnung von Formen gedacht Das ist im Kern die linguistische Position dieser
wird. Beide substantiellen Strata gehören an sich Schule. Coserius >Linguistik des Sinns<76 kann als
nicht zu einer Sprache, sie liefern ihr nur den Stoff, Programm einer Texttheorie im Geiste des Prager
der von ihr geordnet wird. >Konnotative< Systeme Strukturalismus gelesen werden.
bilden sich, wenn komplexe bilaterale Zeichenein­ Jakobsons klassische Definition eines dichteri­
heiten ihrerseits zu ausdrucksseitigen Verkörperun­ schen Textes nimmt dagegen ihren Ausgang bei ei­
gen weiterer Inhalte werden. Just das ist in allen nem bestimmten Gebrauch, der von den Techni­
Texten der Fall. Die textuelle >Konnotation< macht ken des sprachlichen Codes gemacht wird: Projek-
aus den bilateralen Zeichen des Codes gewisserma­
ßen trilaterale semiotische Einheiten, die auf kul­ 71 Vgl. DE S A U S SURE (s. Anm. I I ) , 24; dt. 10.
turell typisierte Situationen verweisen. Jede Ablö­ 72 Vgl. U L D A L L (s. Anm. 26) , 26.
sung eines Textes aus seinen originären Verwen­ 73 Vgl. ebd„ 29.
dungszusammenhängen erzeugt ein neues Objekt, 74 Ebd„ 30.
75 Vgl. J A K O B S O N (s . Anm. 21); P E T R S G A L L , Remarks
das als Ensemble von Text und Situation beschrie­
on Text, Language and Communication, in: Petöfi (s.
ben werden muß.73 Hier ist der für den neueren Anm. 29) , 8<)--100.
Textbegriff zentrale Gedanke angelegt, daß Texte 76 Vgl. COSERIU (s . Anm. 23), 5 1-1 5 3 .
40 Text/Textualität

tion des Äquivalenzprinzips (Ähnlichkeit, Rekur­ und das einzelne Märchen auf der anderen Seite
renz, Kontrast) von der paradigmatischen Achse schiebt sich eine strukturell und funktional wohl­
der Selektion auf die syntagmatische Achse der geordnete Dramaturgie aus Rollen und ihren
Verknüpfung. Vorgetragen 1 960, wählt diese These Funktionen. Diese ist ihrerseits so stabil, daß sie
durchaus den Code als >Generator< des textuellen auch im Wechsel ausdrucksseitiger Erscheinungs­
Sinnes und vor allem der ästhetischen Qualitäten formen immer erkennbar bleibt. Diese Ordnung
der Sprachkunst. Jakobsons »poetische Funktion der liegt zwar implizit einem Korpus von Texten zu­
Sprache« (poetic function of language) 77, zu Karl grunde, sie bildet aber insofern keinen selbständi­
Bühlers >0rganonmodell<78 als dominante »Einstel­ gen Code, als ihre spezifischen Einheiten von In­
lung auf die Botschaft« (set [Einstellung] toward the halt und Ausdruck außerhalb der Textsorte Mär­
message) 79 hinzuaddiert, ist diesbezüglich sehr deut­ chen nicht als solche vorkommen und sich
lich: Es ist die reflexive Formgebung, die Konzen­ variabler Zeichengestalten zur Materialisierung be­
tration auf das Arrangement der Mittel, was eine dienen können. So besteht eine hochgradige Of­
Zeichenfolge zum künstlerischen Text macht. In fenheit j ener »Mangel- oder Fehlsituation« (c11Tya­
Kunstwerken dominiert die poetische Funktion u;1111 HexBaTKl1 11Jil1 He.aocrnq11) 8 0 , die regelmäßig
das Ensemble der Sprachfunktionen, aber zu fin­ zur Ausgangslage des Märchens gehört. Das >Feh­
den ist sie im Konzert der übrigen Funktionen lende< kann auftreten als Nahrung, Geld, Braut,
auch anderweitig. Jakobson bleibt der Perspektive Bräutigam, Kind, Zaubermittel usw.
des klassischen Strukturalismus darin treu, daß Bedacht ist bei Propp einmal die Reflexivität
Texte für ihn im Kern Manifestationen des ihnen und Autonomie textueller Traditionen (und nicht
zugrunde liegenden Codes bleiben. Dessen Mög­ nur der Traditionen des sprachlichen Codes) , dann
lichkeiten sind es, auf denen die komplexen Sinn­ aber auch der Umstand, daß mit dieser relativen
effekte der Kommunikation basieren. Autonomie einer Textsorte spezifische Tropisie­
Einen ganz anderen, gleichwohl ebenfalls struk­ rungsmöglichkeiten einhergehen: Das dramaturgi­
turalistischen Ansatz wählt Vladimir Propp. Für sche Muster geht so fest in den Erwartungsbestand
ihn geben nicht die Zeichen und Symbole des Co­ der Rezipienten ein, daß es unter den diversesten
des die Bauteile eines (Märchen-)Textes ab, es sind ausdrucksseitigen Erscheinungen aufgerufen wer­
vielmehr die textsortentypischen Rollen, Aktio­ den kann. In der glossematischen Terminologie:
nen, Ereignisse und Entwicklungen, welche in Ganz unterschiedliche Einheiten von Ausdruck
wechselnden zeichenhaften Einkleidungen und und Inhalt konnotieren unter den gegebenen Be­
Abfolgen die im Kern stabile und wiederkehrende dingungen den nämlichen kulturellen Inhalt.
Ordnung des Märchens charakterisieren. Zwischen Propps Ansatz ist überall da wichtig geworden,
den sprachlich-symbolischen Code auf der einen wo es nicht angeht, bei der Analyse von Texten di­
rekt vom Zeichen und seinem (festen, selbstidenti­
schen) Wert auszugehen, wo das für Text oder
77 Vgl. JAKOB S O N , Linguistics and Poetics, in: T. A. Se­ Textsorte konstitutive wiederkehrende Muster in
beok (Hg.), Style in Language (New York/London
der Ebene der Rolle, der Handlung, der Drama­
1 960) , 3 56; dt. : Linguistik und Poetik, übers. v. T.
Schelbert, in: Jakobson (s. Anm. 2 1 ) , 92. turgie liegt. Das ist nicht nur dort der Fall, wo es
78 Vgl. KARL B Ü HLER, Sprachtheorie. Die Darstellungs­ feste Zeichenrepertoires im Sinne einer >Sprache<
funktion der Sprache Oena 1 93 4) , 24-3 3 . gar nicht gibt (also etwa bei allen Formen des bild­
7 9 JAKOBSON (s. Anm. 77) , 3 56; dt. 92. lichen und filmischen Erzählens) , sondern auch da,
80 VLADIMIR J . PROPP, Morfologija skazki ( 1 928; Mos­
kau ' 1 969) , 36; dt. : Morphologie des Märchens, wo mit Hilfe sprachlicher Zeichen rhetorische und
übers. v. C. Wendt (München 1 972) , 39. dramatische Texttraditionen bedient werden. Eine
81 Vgl. KENNETH B U R K E , A Grammar ofMotives (Berke­ breit fundierte philosophische Konzeption drama­
ley/Los Angeles 1 969) . turgischer Textanalysen gibt Kenneth Burke.81
82 Vgl. B R Ü TTING (s. Anm. 1 6) ; FRANK, Das Sagbare
In den neostrukturalistischen Schulen wird das
und das Unsagbare. Studien zur neuesten französi­
schen Hermeneutik und Texttheorie (Frankfurt a. M . Textkonzept radikalisiert, verallgemeinert und ent­
1 980) ; FRANK ( s . Anm. 7) . differenziert. 82 Der Text wird emphatisch aufge-
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 41

wertet: Vom bloßen Ort der System- (und anderer) 5. Vom Werk zum Text
Beziehungen wird er zum einzigen und eigentli­
chen Zentrum der sprachlichen Sinnproduktion In den 6oer und frühen 7oer Jahren ist zu beobach­
und zum eigentlichen Subjekt der semiotischen ten, wie sich der emphatische Werkbegriff der
Prozesse. Aufgegeben wird die (freilich auch im BRD-Literaturwissenschaft zu einem säkularisier­
klassischen Strukturalismus immer relative) Iden­ ten und weitgehend wertungsfreien Textbegriff
tität und Stabilität der Werte (valeurs), mit denen hin verschiebt. Vertreter avantgardistischer Ästheti­
die Zeichenelemente in den Text eingehen. Es ken wie Max Bense beginnen in den Jahren um
gibt nun außerhalb des universalen Textes (dis­ 1 960, ihre Arbeiten >Texte< zu nennen. Das Litera­
cours) gar keinen Punkt mehr, auf den sich Zei­ rische oder Künstlerische an einem Text gehört
chen beziehen könnten, auch keine relativ stabile damit nicht mehr in die unproblematische Vorab­
langue-Struktur, die den j eweiligen textuellen Ver­ Selektion >würdiger< Gegenstände, es wird zu ei­
wendungen der Zeichen und Schemata zum Halt nem theoretischen Problem, das nach textanalyti­
dienen könnte. Das Prinzip der Differenz ij edes schen Lösungen verlangt. In diesem Kontext wird
Zeichenelement fixiert seinen Wert relativ zu allen in der BRD der neuere Strukturalismus rezipiert. 85
anderen Zeichenelementen) löst bei Ferdinand de Parallel dazu gibt es, über den Textbegriff vermit­
Saussure das Sprachsystem mit seinen relativ festen telt, eine Gegenstandsausweitung, die der Litera­
darstellungstechnischen Ordnungen aus den Kon­ turwissenschaft auch triviale und alltägliche
tingenzen der Rede. Dieses verständige Prinzip Sprachwerke zuführt. Diese Enrwicklung ver­
wird in sein Gegenteil verkehrt, wenn es nicht den schiebt gleichzeitig den literaturwissenschaftlichen
Systemwert, sondern eben die Kontingenzen der Interessenschwerpunkt ein Stück weit von der
j eweiligen Zeichenverwendung im Text aufhellen kunstmäßigen oder >richtigen< Interpretation hin
soll, wie bei Derrida. Saussures berühmter Satz, zur tatsächlichen Rezeption. Die strukturalisti­
wonach es "in der Sprache [ . . . ] nur Verschieden­ schen Poetiken (Jakobson, Jan Mukafovsky, Lot­
heiten ohne positive Einzelglieder« gibt (dans la man, Algirda Julien Greimas, Tzvetan Todorov)
langue il n'y a que des differences sans termes posi­ tragen mit ihren semiotischen und linguistischen
tifs)83 wird grotesk uminterpretiert, denn für de Traditionen zur Obj ektivierung literaturwissen­
Saussure schließt dieser Satz eben auch sein Ge­ schaftlicher Methoden bei.
genteil mit ein: Die jedesmalige Verwendung eines Fast zeitgleich wird in der französischen Diskus­
langue-Elements in der Rede (oder eben im Text) sion das Fundament der post- und neostrukturali­
ergibt immer einen >terme positif<, denn in der stischen Texttheorie gelegt. Wirkungsmächtig sind
Rede beziehen sich die Systemelemente eben in diesem Zusammenhang vor allem Julia Kristeva
nicht nur auf sich selbst, sondern auf das, worüber und die Gruppe Tel quel sowie Barthes, dessen Ar­
gesprochen wird. De Saussures Genfer Schüler tikel für die Encyclopaedia Universalis exemplarisch
(Charles Bally, Albert Sechehaye) haben in diese die Verschiebungen zeigt, die den diskursiven Ge­
Richtung weitergedacht. Die Übertragung des halt des Textbegriffes heimsuchen. Barthes stellt
universalisierten Differenzprinzips auf den Text dort heraus, daß der tradierte Textbegriff nicht zu­
führt dazu, daß man nichts mehr in der Hand hat: fällig im Kontext von gesellschaftlichen Institutio-
Das Gesamt der gesellschaftlichen Kommunikation
besteht dann nur noch aus einem »semiotischen
Mobile«84, das sich ganz unabhängig von den Spre­
83 D E SAUSSURE (s. Anm. I I) , 1 66: dt. 1 4 3 ·
chern (und durch diese hindurch) bewegt und in 84 BR Ü TTING ( s . Anm. 1 6) , 74.
dem es keine feste Stelle mehr gibt. Die gesell­ 85 Vgl. HELGA GALLAS (Hg.) , Strukturalismus als inter­
schaftliche Kommunikation wird zur unkontrol­ pretatives Verfahren (Darmstadt/Neuwied 1 972) :
lierbaren, selbstlaufenden Maschine dämonisiert - HELMUT KREUZER / RUL GUNZENH Ä USER (Hg.) , Ma­
thematik und Dichtung. Versuch zur Frage einer ex­
eine Prozedur, deren Haupteffekt darin besteht,
akten Literaturwissenschaft (Münch en 1965); MAX
daß die Maschinisten zum Verschwinden gebracht BENSE, Theorie der Texte. Eine Einführung in neu­
werden. ere Auffassungen und Methoden (Köln 1 962) .
42 Text/Textualität

nen entstanden ist: Recht, Macht, Kirche, Lehre, sehen Erklärung, der Kommentar zu einem Kunst­
Literatur. Präsentiert wurden Texte als eine Art werk habe selbst ein Text zu sein oder zu werden:
Waffe gegen die Zeit (»une arme contre le » Que le commentaire soit lui-meme un texte, voila en
temps«86) , als moralisch-autoritative Gegenstände somme ce qui est demande par la theorie du texte« .
mit Dauersuggestion, verbunden mit der theoreti­ Rhetorisch steht z u vermuten, daß dieser An­
schen Illusion, die Kommunikation als signifikative spruch ehrgeizigen Kulturwissenschaftlern schmei­
Praxis (»pratique signifiante«, 1 680) ließe sich ein­ cheln könnte, stellt er doch ihre Auslegungen auf
frieren und stillstellen. Barthes selbst betont gegen eine Ebene mit dem ausgelegten Werk. In der
den autoritativen Produktcharakter der Texte, daß Konsequenz, so Barthes, gibt es keine Kritiker
diese weit eher als Inszenierung einer Produktion mehr, sondern nur noch Schriftsteller (»il n'y a plus
(»le theatre meme d'une production«, l 6 8 r ) ver­ de critiques, seulement des ecrivains«, 1688). Die
standen werden müßten, welche den Autor und rhetorische Suggestion dieses Satzes können nur
den Leser zusammenbringt. Vehement negiert Naive bestreiten. Unzweifelhaft richtig daran ist
wird die traditionell strukturalistische Ansicht, freilich, daß einen (emphatischen) Text für die Re­
Textsinn ließe sich aus Zeichenbedeutungen kon­ zeption nur verändern kann, wer einen neuen Text
struieren oder auf solche zurückführen. Die Dyna­ produziert, dessen Wirkung ihn ebenfalls als em­
mik von Sinnprozessen läßt sich nicht arretieren. phatischen ausweist. Das kann allerdings auch ein
Feste Bedeutungen seien in Texten nicht zu fin­ Ereignis sein. Barthes' Textdefinition erzeugt einen
den, wohl aber der Stoff zu Operationen im be­ neuen Gegenstand: die Lektüre. Der >festgestellte<
weglichen Spiel der Signifikanten (»j eu mobile de Text ist eine Illusion, weil Art und Horizont der
signifiants«, 1 682) . Die traditionellen Zurech­ Zuwendung niemals >festgestellt< werden können.
nungsinstanzen für Sinn (Autor, Code, Rezipient) Barthes kreditiert Kristeva und die Telquelisten
werden dergestalt verschoben, daß am Ende der mit der Einführung der Ausdrücke, welche das Er­
Text eine Art mythisches Subjekt wird: Es ist der kennungszeichen der neostrukturalistischen Text­
Text selbst, der unermüdlich in den Weinbergen theorie abgeben: lntertextualität, Phänotext und
der Signifikanz arbeitet, nicht sein Autor und Genotext, signifikante Praxis usw. Fast synchron
schon gar nicht sein Rezipient. weitet sich auch die linguistische Perspektive von
Schließlich wird der Textbegriff ausgeweitet auf der (zu formalisierenden) Syntax des Satzes hin
sämtliche signifikanten (bzw. semiotischen) Prakti­ zu Sinn-, Text- und Handlungsgesichtspunkten
ken (Bild, Musik, Film usw.), aber gleichzeitig (>pragmatische Wende<) . Das führt zu einer kurz­
reemphatisiert durch das Merkmal und die Bedin­ fristigen Annäherung von linguistischen und lite­
gung des signifikanten Überschusses (»deborde­ raturwissenschaftlichen Theoriebemühungen im
ment signifiant«, 1 686) . Was darunter zu verstehen Zeichen des Textbegriffes. 87
sei, wird nicht vollkommen klar. Der latente Die weiteren Schicksale dieser Annäherung sind
Kunstanspruch freilich lauert in der programmati- instruktiv. Sie zeigen die Bandbreite konträrer An­
schlußmöglichkeiten, die im Textbegriff beschlos­
sen liegt. Bei allem Interesse für allgemeine Ord­
nungen richtet sich doch das literaturwissenschaft­
86 ROLAND BARTHES, >Texte (theorie du)< ( 1 973), in: liche Fragen naturgemäß auf den Werkcharakter
Barthes, CEuvres completes, hg. v. E. Marty, Bd. 2 der Texte (nunmehr nicht im emphatischen Sinne,
(Paris r 994) , r 677. sondern im Sinne der Opposition von Sprachwerk
87 Vg\. SIEGFRIED J. SCHMIDT, Text, Bedeutung, Ästhe­
tik (München 1 970) ; TEUN A. VAN DIJK (Hg.), Bei­ und Sprachgebilde bei Karl Bühler88) , das linguisti­
träge zur generativen Poetik (München 1 972); MAN­ sche auf den Gebildecharakter. Es ist eher die um­
FRED TITZMANN, Strukturale Textanalyse (München fassende >Differenz<-Qualität eines Textes, die das
1 977); DIJK, Tekstwetenschap. Een interdisciplinaire literaturwissenschaftliche Interesse beflügelt; die
inleiding (Utrecht/Antwerpen 1 978); dt. : Textwissen­
schaft. Eine interdisziplinäre Einfiihrung, übers. v. C.
Linguistik haftet ihrer Natur gemäß mehr an den
Sauer (Tübingen 1 980) . schematisierten und objektivierbaren Texttechni­
88 Vgl. K. BÜHLER (s. Anm. 78), 48-69. ken, während sie zur singulären Besonderheit eines
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 43

Textes wenig zu sagen weiß. Auch den struktura­ tik<, welche die Suche nach systemischen Regula­
listischen Poetiken sind die literarischen Texte ritäten oberhalb der Satzebene fortsetzt. Text ist
eher Material zur Veranschaulichung ästhetischer dann einfach die höchstrangige Systemeinheit in
Sprachwirkungen, und man erhebt nicht den An­ der Kette Phonem-Morphem-Wort-Syntagma­
spruch, die gesamten Sinnpotenzen eines Textes zu Satz-Text. Wiewohl es zwischen beiden Lesarten
entfalten (oder auf den >wahren< Sinn zu reduzie­ Berührungspunkte (und vor allem: unklare Mi­
ren) . schungen) gibt, drängen sie die Linguistik in ent­
Klaus Heger formuliert konsequent, daß aus ei­ gegengesetzte Richtungen: Die >Linguistik des
ner sprachwissenschaftlichen Textlinguistik alle Sinnes< führt rasch über die Grenzen der einzel­
diejenigen Fragen ausgeschlossen bleiben, die sich sprachlichen Grammatik hinaus. Die transphrasti­
nicht auf bestimmte >Signemränge< (d. h. auf Mittel sche Grammatik bleibt per definitionem in diesen
des Sprachsystems, für die Kommunikation Sinn Grenzen. Als gestalteter Sinn verweist j eder Text
zu codieren) beziehen, sondern auf die jeweils hi­ alsbald auf die außersprachlichen Ressourcen der
storische Gebundenheit von deren Vorkommen.89 Sprachkommunikation (sozial geteiltes und verteil­
Naturgemäß haftet das literaturwissenschaftliche tes Wissen, Sach- und Personenkenntnis, allge­
Interesse eben am historisch gebundenen Vorkom­ meine Bedingungen der Sprachkommunikation) ,
men von Sprachzeichen und nicht an der Logik ih­ auf allgemein-psychologische Mechanismen der
res Funktionierens. Bei einem solchen Verständnis Sinngestaltung und -verarbeitung, die in seine For­
hat die Literaturwissenschaft also von der Textlin­ mulierung ebenso eingehen wie in seine rezeptive
guistik nichts zu erwarten. Anders stünde die Sa­ Reaktualisierung. Für die >Linguistik des Sinnes<
che freilich im textlinguistischen Programm, das sind die grammatischen Strukturmöglichkeiten >ei­
Coseriu entfaltet und das den Anspruch erhebt, gensinnige Werkzeuge< des Sprechens, die dies
auch die >vorkommensgebundenen< und extratex­ mitgestalten. Für die >transphrastische Grammatik<
tuellen Zeichenbezüge in ihrer Gesamtheit zu re­ bleibt die Sinnhaftigkeit der Texte im Status einer
konstruieren. 90 >Bedingung der Möglichkeit< bzw. einer vorausge­
setzten, aber nicht systematisch genutzten Res­
source. Auch innerhalb geistesverwandter textlin­
6. Neuere Entwicklungen des Textbegriffe
guistischer Schulen schwankt der Sinn des Textbe­
Hauptmotiv der textlinguistischen Strömung m griffes hartnäckig zwischen kommunikativen,
der Sprachwissenschaft war zweifellos der Wunsch, extrakommunikativen und eher >konstruktiven<
die extrakommunikative Sicht der Systemlinguistik Lesarten. »A text is a unit of language in use«9 1 ,
zu überwinden und Zugang zur kommunikativen heißt e s b e i Michael Alexander Kirkwood Halliday
Wirklichkeit des Sprechens und Sprachverstehens und Ruqaiya Hasan. In den Arbeiten Teun A. van
zu bekommen. Es war daher in der Regel die Dijks ist Text der Name für ein theoretisches Kon­
>Text-in-Funktion<, auf die sich das Interesse kon­ strukt, das dem Prozeß der Sprachkommunikation
zentrierte, und nicht das tradierte Sprachzeugnis vom Forscher unterlegt wird. Und beinahe immer
des Philologen. An die Stelle der kargen Systembe­ schwingt die alltagssprachliche Bedeutung mit,
deutung von Sprachzeichen trat der emphatische nach welcher Text eben gerade das (meist schriftli­
Anspruch, die Gesamtheit der Sinnbezüge zu re­ che) Dokument einer Sprachkommunikation ist,
konstruieren, die das textuelle Zeichen verfügbar soweit es zeitlich versetzt und reaktualisiert werden
macht (und die weder alle sprachlich noch alle text­ kann.
intern sind) . Von den komplementären Lesarten Neuere Arbeiten zum Textbegriff stellen dar­
des linguistischen Textbegriffes ist hier die von der über hinaus den Zusammenhang der Textform mit
>Linguistik des Sinns< einschlägig: Sprachzeugnisse der Organisation und Tradierung gesellschaftlichen
werden nicht als Manifestationen grammatischer
Systemstrukturen, sondern als geordnete kommu­
89 Vgl. HEGER (s . Anm. 29) , 52.
nikative Vermittlung von >Sinn< gelesen. Die an­ 90 Vgl. CO SERIU (s. Anm. 23), 8 8-1 0 1 .
dere Lesart ist die der >transphrastischen Gramma- 9 r HAUIDAY I HASAN (s . Anm. 3 2 ) , I .
44 Text/Textualität

Wissens ins Zentrum. 92 Hier ist besonders darauf doch mit ihnen zusammenzufallen. Insofern ist al­
zu verweisen, daß nicht bloß die kommunikative les explizite Wissen im Text und nicht im Text,
Stabilisierung, die Überwindung von Zeit und weil bei weitem nicht alle Verstehensvoraussetzun­
Raum und die Situationsentbindbarkeit Faktoren gen in ihm explizit codiert sind. Die zeitlich, sach­
bei der >Textualisierung< des Sprechens sind, son­ lich und sozial >zerdehnte< und polarisierte Kom­
dern auch kognitiv-intellektuelle Faktoren: Pro­ munikationssituation ist wesentliches Merkmal der
zesse von bestimmter kognitiver Komplexität brau­ Textualität bei Konrad Ehlich. 94
chen die Möglichkeit der Elaboration und bestän­ Eine zentrale begriffiiche Entwicklung von Text
digen Rückkopplung am Außenhalt; weiterhin im 20. Jh. hebt darauf ab, daß nicht so sehr der Au­
dürfte bei der Genese von Textualität die rituelle tor als Individuum (wie in der erlebnispsychologi­
Fixierung sprachlicher Formulierungen eine be­ schen Hermeneutik Diltheys) , noch die Struktur
trächtliche Rolle gespielt haben. In diesem Sinne des Codes (wie im strukturalistischen Textbegrifi) ,
ist die >textförmige< Organisation von Wissen Vor­ noch auch die textuell dargestellte Sache (wie in
aussetzung seiner gesellschaftlichen Tradierung der Aufklärungssemiotik) oder das historisch tra­
und Verselbständigung als Wissen, seiner Ablösung dierte Verständnis (wie in der Hermeneutik Hans­
vom Können. Die Art und Weise der textuellen Georg Gadamers) zentrale Dimensionen von Tex­
Aufbewahrung von Wissen wird dabei rasch zum tualität sind, sondern vielmehr die (immer unvoll­
Problem. Als dessen Indikator kann die Opposition ständige) Objektivation einer sozialen Konstella­
der beiden Positionen: >alles ist (im) Text< und >fast tion in einer (Zeichen-)Form, die eben diese Kon­
alles ist nicht im Text< dienen. 93 Einmal ist der Text stellation überdauert und aus anderen sozialen
bloß ein geordnetes System von Anhaltspunkten, Konstellationen heraus reaktualisierbar ist. Frühe
das der Rezipient auf sein vorgängiges Wissenssy­ Ansätze zu einem solchen Verständnis von Textua­
stem, dieses erweiternd, bezieht, das andere Mal ist lität findet man in der Sache schon bei Freyer und
Text die einzige Existenzform sozialer und kom­ bei Volosinov - laut Todorov ist >Valentin N. Volo­
munikativer Wirklichkeit. Der Widerspruch ist sinov< ein Pseudonym, unter dem Bachtin veröf­
nur scheinbar. Der ubiquitäre Textbegriff stellt ver­ fentlicht hat. 95 Gespeist wird ein solches Textver­
quer dar, daß alles durch die Sprache hindurch ständnis natürlich auch von der Theorie und Praxis
muß, um soziales Wissen auf der Ebene der Reprä­ der Hermeneutik, deren j eweilige Schwerpunkte
sentation zu werden, daß alles explizite Wissen an­ ja immer als Selektionen im Rahmen dieser ab­
schließbar ist an die Formen der Sprache, ohne strakten Bestimmung verstanden werden können.
Denn ob man einen überlieferten Text als Zeugnis
für historische Vorgänge, für einen Sprachzustand,
92 Vgl. EHLICH (s. Anm. 1 ) , 9-2 5 ; WOLFDIETRICH HAR­
TUNG, Wissensarten und Textkonstitution, in: Z. für die Biographie des Autors usw. nimmt - immer
Hlavsa/D. Viehweger (Hg.), Makrostrukturen im handelt es sich um die selektive Reaktualisierung
Text und im Gespräch (Linguistische Studien, Reihe sozialer Konstellationen aus >Resten<, die in selbst
A, Nr. 1 9 1 ) (Berlin 1 989), 95-1 24; HARTUNG, Kom­ traditionsfähigen Zeichensystemen codiert sind.
munikation und Wissen (Berlin I 99 1 ) .
Auch die neueren Hypothesen über den Zusam­
93 Vgl. HARTUNG, Wissensarten und Textkonstitution
(s. Anm. 92) , 97- I 02. menhang von Textualität und Wissensorganisation
94 Vgl. EHLICH (s. Anm. 1 ) , 51-2 5 . fügen sich in eine solche Sicht der Dinge nahtlos
9 5 Vgl. FREYER (s. Anm. 12); VOLOSINOV ( s . Anm. 2 1 ) ; ein.96
TODOROV ( s . Anm. 2 1 ) , 289. In diesem Licht ist auch die Debatte über Ein­
96 Vgl. HARTUNG, Wissensarten und Textkonstitution
(s. Anm. 92) . heit oder Pluralität von Textsinn müßig. 97 Wäh­
97 Vgl. UWE J APP, Hermeneutik - Der theoretische rend sich traditionelle Hermeneuten wie Emilio
Diskurs, die Literatur und die Konstruktion ihres Zu­ Betti und Eric Donald Hirsch gegen die Plurali­
sammenhangs in den philologischen Wissenschaften tätsannahme wehren98, schafft in der Heidegger­
(München 1 977) .
Tradition jeder Rezeptionsakt eine neue >Hori­
98 Vgl. BETT! (s. Anm. 4 1 ) , 3 54-3 57; dt. 265-267; ERIC
DONALD HIRSCH, The Aims of Interpretation (Chi­ zontverschmelzung< und somit neuen Sinn (Der­
cago 1 976) . rida hat Heidegger nur ein wenig >modernisiert<,
II. Geschichte der Begriffe Text und Textualität 45

aus der Kette der Tradition ist die Kette der Signi­ kativen Sinn auf seine vermeintlichen >Urheber<
fikanten geworden) . Die Unabschließbarkeit aller verteilen.
Textauslegung ist seit Schleiermacher ein Gemein­ Wechselt man die vom Wort Text definierte
platz, und ob man die tradierte äußere Textgestalt Perspektive zugunsten der in Schriftkulturen do­
als Garant der Einheit oder die beständige Neuaus­ minanten Sacherfahrung von Textualität (im Sinne
legung als Garant der Vielheit ansieht, ändert in von Literalität) , dann wird deutlich, wie auch un­
praxi wenig. sere Vorstellungen von der Dynamik gesprochener
Während Textualität hier für die Möglichkeit Kommunikation vom gewohnten Umgang mit
der Tradition steht (ohne diese freilich als bruch­ schriftlichen Texten her geprägt ist. Es wird argu­
lose oder widerspruchsfreie zu garantieren) , radika­ mentiert, daß bereits die Vorstellung, der Code ge­
lisiert die neostrukturalistische Textlehre das Kon­ sprochener Sprache bestehe aus diskreten und in­
textprinzip bis zu dem Indifferenzpunkt von varianten Symbolen und den Regeln ihrer syntag­
>Code< und Gesamttext (»texte general«99 bei Der­ matischen Verknüpfung, primär eine Suggestion
rida) : Jede Verwendung eines Sprachelements ver­ der Schriftform sei. 101 Demgegenüber sei der Cha­
ändert dieses auf eine grundsätzlich unvorherseh­ rakter des Sprechens eher kontinuierlich und er­
bare Weise. Der Gesamttext (Code) ist allein ver­ eignishaft, auf selbstidentische Symbole und die
antwortlich für diese Variation. Ein zentrales Regeln ihrer Verknüpfung nur sehr begrenzt ab­
Problem dieser (Hyper-)Generalisierung scheint bildbar. Unsere von den Schriftkonventionen ge­
mir zu sein, daß auf ihrer Ebene die Differenz von prägten Segrnentierungsgewohnheiten freilich ver­
Sach- und Zeichenauslegung, von Sprach- und leiten uns dazu, auch an gesprochenem >Text< mit
Weltwissen, von Sinn und Bedeutung nicht mehr den vertrauten Mitteln zu operieren. Wenn es
zur Verfügung steht. Ein Code, der außer seinem stimmt, daß die Schrifterfahrung unser Bild von
Eigensinn nichts codiert, ist keiner. der Rede gleichermaßen prägt und verfälscht,
Alle, auch die subtilsten und nuanciertesten dann ist Textualität in der Tat ein Schlüsselkonzept
Sinneffekte kann man grundsätzlich auf den Text für das Verständnis semiotischer Systeme. Das
zurückführen, dem man sie entnimmt, auf den Symbol- und Verknüpfungssystem, als das wir
Code, der sie >hergeben< muß, oder auf die Absicht schon die gesprochene Sprache zu verstehen ge­
des Sprechers, der sie hervorbringt. Die neostruk­ neigt sind (im Symbolverarbeitungsparadigma der
turalistische Text- und Diskurstheorie planiert die Kognitionswissenschaft ebenso wie im sprachli­
Dreidimensionalität auch dieses Bedingungsgefü­ chen common sense) , erweist sich dann lediglich
ges (die Begriffe Text und Diskurs sind in jüngster als Asymptote eines Entwicklungsprozesses, der
Zeit semantisch so eng zusammengerückt, daß von der Schriftlichkeit in Gang gesetzt und ange­
z. B. Thomas A. Sebeok in seinem semiotischen trieben wird.
Lexikon für beide nur einen gemeinsamen Eintrag
hat100) . Schon das alltägliche Sprachbewußtsein
7. Die soziale Welt als Text
kennt den Fall, daß sich ein Sinneffekt text- oder
codebedingt unfreiwillig durchsetzt, wenn ein Es ist die Kulturwissenschaft der 2oer Jahre, die zu­
Sprecher etwas >sagt<, was er nicht sagen will: Ver­ erst versucht, alle sozialen Objektiv- und Zeichen­
sprecher, sprachliche Fehlleistungen usw. Die gebilde begriffiich zusammenzufassen, die einzig
Sprachpsychologie lokalisiert die Bedingungen sol­ in den auf sie gerichteten, sie einbeziehenden, sie
cher Fehlleistungen im Code, im Sprecher und
im Text. Die eindimensionale Sinntheorie der 99 DERRIDA, Positions. Entretien avec Jean-Louis Hou­
>differance< läßt immer nur den code/texte general debine et Guy Scarpetta ( 1 9 7 1 ) , in: Derrida, Posi­
aus dem Sprecher sprechen und bedeutet daher ei­ tiom (Paris 1 972) , 82.
nen Differenzierungsverlust. Gleichzeitig klärt frei­ 1 00 Vgl. JA.NOS s . PETÖFl/A. S CHEFFCYZYK, >Text, Dis­
course<, in: Sebeok (Hg.), Encyclopedic Dictionary
lich eine solche >monomane< Theorie über den
of Semiotics, Bd. 2 (Berlin/New York/ Amsterdam
konventionellen Charakter der Zurechnungspro­ 1 986) , 1 080-108 8 .
zesse auf, mit deren Hilfe wir in praxi kommuni- 1 0 1 Vgl. S CHEERER (s. Anm. 20) .
46 Text/Textualität

praktisch uud theoretisch auslegenden Sozialhand­ >record< eben) , ist dann der bloße Schatten eines
lungen >belebt< werden, obwohl ihr Sinn gegen­ solchen.
über den Handlungen, in die sie eingehen, als Diese >Entgrenzung< des Textbegriffes vollzieht
obj ektiv imponiert. 102 Diese Perspektive rückt bei­ sich in mehreren Etappen. Das tertium compara­
nahe von selbst alle Manifestationen des >objekti­ tionis ist zunächst die Sprache, der Code. Wenn
ven Geistes< - Zeichen, Institutionen, Sozialfor­ Mode, Architektur, Mythos, bildende Kunst usw.
men - in einer Ebene zusammeu. semiotische Systeme (und mithin Sprachen) sind,
Mit dem Eindringen strukturalistischer Metho­ dann sind ihre Realisierungen Texte. Den Univer­
den und Denkweisen in Soziologie, Kulturwissen­ salitätsanspruch der Hermeneutik begründete einst
schaft und Ethnologie (u. a. bei Claude Levi­ die Ansicht von der Sprachmäßigkeit aller Verste­
Strauss, Barthes, Derrida, Lacan, Kristeva) beginnt hens- und Auslegungsprozesse. Was die Textualität
auch das Reden von der > Textualität< aller sozial­ angeht, so sind die Konsequenzen beider Ansich­
semiotischen Prozesse. Unsere Fähigkeit, den Aus­ ten (bei aller Feindschaft) j edenfalls die gleichen.
drucks-, Symbol- und Signalwert aller sozialen Der nächste Schritt entgrenzt die Zeichensysteme
Erscheinungen mehr oder weniger flüssig und ge­ gegenüber ihren Benutzern und reduziert diese zu
konnt zu >lesen<, legt den Vergleich mit der Lek­ bloßen Durchgangsstationen, Relais des Diskurses.
türe schriftlicher Texte nahe. Sozial- und Textwis­ Wenn jeweils die in j eder Verwendung eines Zei­
senschaften werden eng zusammengerückt. Das ist chens neue Kontextualisierung allein und von sich
übrigens eine Gemeinsamkeit der neostrukturali­ aus den differenten Sinn schafft, dann ist dieser ein­
stischen und der interpretativen Sozialwissenschaft, zig ein Effekt des Codes/Textes.
bei aller sonstigen Differenz. 103 Die >objektive
Hermeneutik< in den Sozialwissenschaften (Ulrich
Oevermann z. B.) 104 versteht Texte als unwieder­
holbare lnteraktionsprodukte und unterscheidet N achbemerkung
davon die aufgezeichnete Form derselben auch
terminologisch (>records<) . Die Aufzeichnung ist Es scheint mir nicht sinnvoll, alle Rede- oder gar
problematische Repräsentation einer Handlungs­ Zeichenvorkommen Text zu nennen, wie dies im
folge, die als solche nicht wieder eingefangen wer­ Namen des >entgrenzten< neostrukturalistischen
den kann. 105 Damit bleibt der Textbegriff an den Textbegriffes häufig praktiziert wird. Verzichtet
primären Vollzug sozialer Handlungen gebunden, man auf das definitorische Element der fixierten,
und was man landläufig einen Text nennt (ein transportablen und zeitüberdauernden Gestalt, ver­
wischt sich die Grenze zur sympraktisch eingebun­
ro2 Vgl. FREYER (s. Anm. 1 2) , roo-ro9. denen Rede (mit ihren Koordinationszwecken für
ro3 Vgl. PAUL RIC<EUR, The Model of the Text: Mean­ übergeordnete Tätigkeitssysteme) . Sinnvoller
ingful Action Considered as a Text, in: Social Re­ scheint es mir zu sein, Textualität an die gesell­
search 38 (1 97 1) , 52g--562; dt. : Der Text als Modell: schaftliche Aufbewahrung von Wissen zu binden.
hermeneutisches Verstehen, übers. v. W L. Bühl, in:
Nur weil Texte diese Eigenschaft haben, kann ihre
Bühl (Hg.), Verstehende Soziologie (München
1 972) , 252-283 ; HANS-GEORG SOEFFNER (Hg.) , In­ jeweilige Aktualisierung und Rezeption zur Nach­
terpretative Verfahren in den Sozial- und Textwis­ und Neukonstruktion von Wissen führen. Daß
senschaften (Stuttgart 1 979) ; SOEFFNER, Hermeneu­ j ede Fixierung von Sinn semantisch relativ und
tik. Zur Genese einer wissenschaftlichen Einstellung
>riskant< ist (und angewiesen auf den aktiv antwor­
durch die Praxis der Auslegung (1 984) , in: Soeffner,
Auslegung des Alltags - Der Alltag der Auslegung tenden Kontext des Rezipienten) , bleibt dabei un­
(Frankfurt a. M. 1989) , 98- 1 3 9 . benommen, und die Textualität nichtsprachlicher
ro4 Vgl. ;o REICHERTZ, Probleme qualitativer Sozialfor­ Ausdruckssysteme (Architektur, Mode usw.) wird
schung. Zur Entstehungsgeschichte der objektiven dadurch nicht unmöglich, sondern lediglich pro­
Hermeneutik (Frankfurt a. M. /New York 1986) .
blematischer und kritischer. Die gespaltene oder
105 Vgl. SOEFFNER, Prämissen einer sozialwissenschaftli­
chen Hermeneutik (1 982) , in: Soeffuer, Auslegung >zerdehnte< Kommunikationssituation, die Ehlich
des Alltags (s. Anm. ro3) , 67-7 3 . als textkonstitutiv annimmt, ist weder an sich an
Nachbemerkung 47

die Schriftform gebundeu noch unbedingt an die weils artikulierte Praxis. Ästhetische wie politische
Sprachlichkeit der Kommunikation (obwohl allein Praxen orientieren sich freilich dominant am kon­
die Schrift diesem Kommunikationstyp eine nen­ notativen Gedächtnis der Kommunikation.
nenswerte gesellschaftliche Bedeutung verschafft) .
Aber Kleider und Gebäude werden, obwohl sie Clemens Knobloch
natürlich Zeichenwerte haben und annehmen,
nicht als Kommunikationen erzeugt und aufbe­ Literatur
wahrt. Sie wehren sich durchaus nicht dagegen, BEAUGRANDE, ROBERT ALAIN DE/DRESSLER, WOLF­
daß ein Nachgeborener oder auch ein Zeitgenosse GANG ULRICH, lntroduction to Text Linguistics (London
I 98o) ; BEAUGRANDE, ROBERT ALAI'1 DE, Text, Dis­
ihnen einen völlig anderen Sinn als den konventio­ course, and Process: Toward a Multidisciplinary Science
nellen unterlegt. Und darum ist ihre Sprachlichkeit of Texts (Norwood, N. ]. 1 980) ; BRINKER, KLAUS,
ebenso problematisch wie ihre Textualität. Linguistische Textanalyse (Berlin 1985); BRÜTTING,
Gegenüber der wesentlich flüchtigen und einge­ RICHARD , >Text< und >ecriture< in der französischen Lite­
raturwissenschaft nach dem Strukturalismus (Bonn 1 976) ;
betteten Alltagsrede ist die (variable) Fähigkeit von
BUSSE, DIETRICH, Historische Semantik: Analyse eines
Text festzuhalten, den Rezipienten aktiv in außer­ Programms (Stuttgart 1987); COSERIU, EUGEN!O, Text­
alltägliche Orientierungsfelder zu versetzen und linguistik. Eine Einführung ( 1 980; Tübingen ' 1 9 8 1 ) ;
dabei selbst wechselnde Rezeptionssysteme partiell DIJK, T E U N A. VAN/PETÖFI, JANOS s . (Hg.), Grammars
zu überdauern. In diesem Sinne wäre Textualität and Descriptions (Studies in Text Theory and Text Anal­
ysis) (Berlin/New York 1 977) ; DIJK, TEUN A. VAN,
die graduelle Profilierung eines komplexen und Tekstwetenschap. Een interdisciplinaire inleiding (Ut­
>augenblicklichen< Zeichensinnes gegenüber den recht/ Antwerpen 1 978); dt. : Textwis�enschaft. Eine in­
Umständen seiner ursprünglichen Verwendung. terdisziplinäre Einführung, übers. v. C. Sauer (Tübingen
Mit einer solchen Axiomatik ließe sich der Wider­ r980) ; DORFMÜLLER-KARPUSA, KÄTHI/PETÖFI, JANOS
(Hg.), Text, Kontext, Interpretation. Einige Aspekte der
spruch aufheben und bearbeiten, der darin liegt,
Texttheoretischen Forschung (Hamburg I 9 8 1 ) ; DRESS­
daß der Textbegriff einmal von der vollen Realisa­ LER, WOLFGANG (Hg.), Textlinguistik (Darmstadt I 978);
tion eines Sinnes her gedacht ist, zum anderen aber FORGET, PHILIPPE (Hg.) , Text und Interpretation (Mün­
gerade eine realisationsunabhängige Dokument­ chen I 984); FRANK, MANFRED , Das individuelle Allge­
einheit bezeichnet. Vielleicht gibt es kein grotes­ meine. Textstrukturierung und Textinterpretation nach
Schleiermacher (Frankfurt a. M. r 977) ; FRANK, Das Sag­
keres Beispiel eines Textschicksals als das der unter bare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französi­
dem Namen Protokolle der Weisen von Zion bekann­ schen Hermeneutik und Texttheorie (Frankfurt a. M.
ten Collage antisemitischer Fiktionen. 106 Im NS­ 1 980) ; GROSSE, ERNST ULRICH, Text und Kon1munika­
Feindmythos wurde diesem Text autoritativ der tion. Eine linguistische Einführung in die Funktionen
der Texte (Stuttgart u. a. 1 976); HALLIDAY, MICHAEL
Status einer Quelle, eines >authentischen< Doku­
ALEXANDER KIRKWOOD/HASAN, RUQAIYA, Language,
mentes erteilt, das die >Realität< der jüdischen Context, and Text: Aspects of Language in a Social-Se­
Weltverschwörung belegen sollte. Natürlich ist die miotic Perspective ( 1 9 8 5 ; Oxford 1 989); HARTMAN,
NS-Ideologie weder eine >Wirkung< dieses Textes, GEOFFREY H., Saving the Text: Literature, Derrida, Phi­
noch ist die Textgestalt eine >Wirkung< der NS­ losophy (Baltimore/London I 9 8 I ) ; JELITTE, HERBERT
(Hg.), Sowjetrussische Textlinguistik, 2 Bde. (Frankfurt
Ideologie. Aber die heuristische und analytische a. M. 1 976) ; KALLMEYER, WERNER u. a., Lektürekolleg
Brauchbarkeit eines j eden Textbegriffes hat sich zur Textlinguistik, 2 Bde. (Frankfurt a. M. I 974) ; KNOB­
daran zu erweisen, daß sie die Paßformen zwischen LOCH, CLEMENS , Zum Status und zur Geschichte des
den kurrenten Deutungsmustern und den Zei­ Textbegriffs. Eine Skizze, in: Zeitschrift für Literatur­
wissenschaft und Linguistik 20 ( I 990) , H. 77, 66-87;
chengebilden herausarbeitet, welche sie konnotie­
MARTENS, GUNTER, Was ist - aus editorischer Sicht - ein
ren. Dabei versteht es sich von selbst, daß ein und Text? Überlegungen zur Bestimmung eines Zentral­
dieselbe Textgestalt synchron wie diachron unter­ begriffs der Editionsphilologie, in: S. Scheibe/C. Laufer
schiedliche Praxen artikulieren kann. Stabil (im (Hg.) , Zu Werk und Text. Beiträge zur Textologie (Ber­
Sinne von unbegrenzt wiederholbar) ist noch nicht lin 1991), I 3 5-I 56; NASSEN, ULRICH, Texthermeneutik
einmal der propositionale Gehalt eines Textes,
wenngleich die Ebene von >Referenz und Prädika­ rn6 Vgl. UMBERTO ECO, Sei passeggiate nei boschi nar­
tion< im Prinzip eher rekonstruierbar ist als die je- rativi (Milano 1 994) , 1 45-1 7 5 .
48 Theatralität

- Aktualität, Geschichte, Kritik (Paderborn 1 979) ; ONG,


Theatralität
wALTER J., Orality and Literacy: The Technologizing of
the World (London/New York 1 982) ; PETÖFI, JA.NOS s. (engl. theatricality; frz. theatralite; ital. teatralit:l;
(Hg.), Untersuchungen zur Texttheorie (Berlin 1 977) ; span. teatralidad; russ. TeaTpaJihHOCTh)
PETÖFI, JA.NOS s. (Hg.) , Text vs. Sentence: Basic Ques­
tions of Text Linguistics, 2 Bde. (Hamburg 1 979) ; Einleitnng; 1. Theater als metaphorisches Modell
PETÖFI, JA.NOS s . (Hg.), Text vs. Sentence Continued (Schwerpunkt Renaissance); I . Skizze zur Ent­
(Hamburg 1 9 8 1 ) ; SCHERNER, MAXIMILIAN, >Text<. wicklung der Theater-Metapher; 2. Antike-Rezeption
Untersuchungen zur Begriffsgeschichte, in: Archiv für (Erasmus von Rotterdam); 3 . Essayistisches Denken und
Begriffsgeschichte 39 ( 1 996) , 103-160; SCHMIDT, SIEG­ >Neue Wissenschaft< (Montaigne und Bacon) ; 4. Theater­
FRIED J „ Texttheorie. Probleme einer Linguistik der Metapher und Körpererfahrung (Paracelsus); II. Theater
sprachlichen Kommunikation (München 1973); SEGRE, als rhetorisches Instrument (Schwerpunkt 17. und
CESARE, >Testo<, in: R. Romano (Hg.) , Enciclopedia 18. Jahrhundert); I . Machttheater und theatrale
Einaudi, Bd. 14 (Turin 198 1 ) , 269"-29 1 ; TITZMANN, Erziehung (Hobbes und Locke) ; 2. Zensur als praktische
MANFRED , Strukturale Textanalyse (München 1 977) ; Arbeit am Begriff; III. Theater als schöne Kunst
WATTS, RICHARD J „ The Pragmalinguistic Analysis of (Schwerpunkt 18. und 19. Jahrhundert); r . Auto­
Narrative Texts (Tübingen 1 9 8 1 ) . nomiekonzepte und Theaterkunst; 2. Theatralität und
der Wandel der Ö ffentlichkeit im 1 9 . Jahrhundert;
IY. Theatralität und Medienkultur (Schwerpunkt
20. Jahrhundert); I . Theatralität als interdisziplinäres
Diskursclement; 2. Bühnen des Wissens

Einleitung

Mit dem Begriff >Theatralität< werden insbeson­


dere in den letzten drei Jahrzehnten völlig neue
Sichtweisen auf Fragen der Wahrnehmung, der
Körperlichkeit, der kulturellen und politischen
Entwicklung im Zeichen neuer Medien sowie auf
Interferenzen von Wissenschaft und Kunst in den
wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. Das Spek­
I Vgl . ERIKA FISCHER-LICHTE, lntroduction: Theatrica­ trum der Publikationen zu theoretischen und hi­
lity: A Key Concept in Theatre and Cultural Studies, storischen Aspekten von Theatralität ist inzwischen
in: Theatre Research International 20 ( 1 995), H. 2,
85-89; FISCHER-LICHTE, From Theatre to Theattica­ kaum mehr überschaubar. Vor diesem Hintergrund
lity - How to Construct Reality, in: ebd„ 97-1 0 5 ; tauchen seit einiger Zeit resümierende Darstellun­
CHRlSTOPHER B . BALME/CHRISTA HASCHE/WOLF­ gen und Sammelbände auf, in denen versucht
GANG MÜHL-BENNINGHAUS (Hg.), Horizonte der wird, maßgebliche Arbeitsfelder zu bestimmen
Emanzipation. Texte zu Theater und Theatralität (Ber­
und kritisch zu würdigen. 1 Die Erschließung völlig
lin 1 999) ; FIS CHER-LICHTE u. a. (Hg.), Theatralität
[Reihe] (Tübingen 20oo ff. ) ; JOSETTE FERAL (Hg.), neuer Gegenstandsfelder hat sich oft mit experi­
Sub-Stance. A Review of Theory and Literary Criti­ menteller Erprobung neuer Methoden und Infra­
cism, Sondernummer > Theatricality<, Bd. 3 l (Madison gestellungen tradierter begrifilicher und sachlicher
2002) ; PHILINE HELAS, >Theatralität und Performanz<, Abgrenzungen verbunden. Grundsätzlich kann
in: U. Pfisterer (Hg.). Metzler Lexikon Kunstwissen­
schaft (Stuttgart 2003) , 3 5 2-3 54; FLORIAN V ASSEN, man feststellen, daß Ansätze von > Theatralität<
>Theatralität<, in: G. Koch/M. Streisand (Hg.), Wör­ meist gerade auf die Relativierung bzw. Dekon­
terbuch der Theaterpädagogik (Berlin 2003) , 3 3 0-3 3 3 . struktion bestehender Begriffe und Methoden
2 Vgl. HELMAR SCHRAMM, Theatralität und Öffentlich­ zielten.2
keit. Vorstudien zur Begriffsgeschichte von >Theater<,
Als relevanter Erstbeleg für das Auftauchen von
in: K. Barck/M. Fontius/W Thierse (Hg.), Ästheti­
sche Grundbegriffe. Studien zu einem historischen >Theatralität< bzw. >TeaTpaJihHOCTh< im Sinne einer
Wörterbuch (Berlin 1 990) , 202-242. konsequenten begrifilichen Infragestellung ästheti-
Einleitung 49

scher Grenzen des Kunsttheaters zu Beginn des mit bestimmten Seiten der Kulturgeschichte von
20. Jh. wird immer wieder Nikolaj Evreinov mit Theater zusammen. Der Bezug auf ästhetische Dis­
seinen Arbeiten Teatr kak takovoj (Theater als sol­ kurse erwächst dabei vor allem aus einer Problema-
ches) von 1 9 1 2 und Teatr dija sebja (Theater für ei­
nen selbst) von 1 9 1 5 genannt.3 Als 1928 eine erste
Arbeit erscheint, die analog zu Heinrich Wölfilins Vgl. NIKOLA] N. EVREINOV, Teatr kak takovoj ( 1 9 1 2 ;
Kunstgeschichtlichen Grundbegrijfen ( l 9 r 5) explizit Berlin 1 9 2 3 ) ; EVRElNOV, Teatr dlja sebja, 3 Bde. (St.
Theaterwissensch�ftliche Grundbegrijfe thematisiert, ist Petersburg 1 9 1 5- 1 9 1 7) ; HARALD XANDER, Theatrali­
darin allerdings von Theatralität keine Rede.4 Dies tät itn vorrevolutionären russischen Theater. Evrei­
novs Entgrenzung des Theaterbegriffs, in: Fischer­
erklärt sich vor allem daraus, daß es der frühen
Lichte u. a. (Hg.) , Arbeitsfelder der Theaterwissen­
Theaterwissenschaft darauf ankam, gegen die bis­ schaft (Tübingen 1994) ; GERDA BAUMBACH, Immer
lang übliche, am Drama orientierte philologische noch Theatralität. Historisch-kritische Erwägungen
Sicht, einen ganz neuen, klar umgrenzten Begriff in Anbetracht der russischen Theaterhistoriographie
des frühen 20. Jahrhunderts, in: Rudolf Münz, Thea­
von Theater als Kunst der Aufführung abzugren­
tralität und Theater. Zur Historiographie von Thea­
zen. 5 Theatralität aber läuft eher darauf hinaus, tralitätsgefügen, hg. v. G. Amm (Berlin 1 998), 51"-59;
die begrifilichen Grenzen institutionalisierter For­ ELEONORE KALISCH, Theatral'nost' als kulturanthro­
men von Theaterkunst systematisch zu öffnen. So pologische Kategorie. Nikolai Evreinovs Modell des
gesehen ist die Geste Evreinovs, die auf eine be­ theatralen Instinkts vor den1 Hintergrund seiner >Ge­
schichte der Körperstrafen in Rußland<, in: ]. Fie­
wußte Relativierung der strikten Scheidung von
bach/W. Mühl-Benninghaus (Hg.), Herrschaft des
Kunst und Leben zielt - und zwar im Kontext ei­ Symbolischen. Bewegungsformen gesellschaftlicher
nes ganzen Spektrums ähnlicher Konzepte avant­ Theatralität in Europa, Asien, Afrika (Berlin 2002),
gardistischer Kunst - durchaus paradigmatisch, ob­ 1 4 1-163 .
4 Vgl. OSKAR EBERLE, Theaterwissenschaftliche
wohl die breite Entfaltung von Theatralitäts­
Grundbegriffe ( 1 928), in: H. Klier (Hg.), Theaterwis­
konzepten seit den 7oer Jahren des 20. Jh. sich senschaft im deutschsprachigen Raum. Texte zum
keineswegs aus einem systematischen Rückbezug Selbstverständnis (Darmstadt 198 l ) , 77--<:;2.
darauf erklärt. 6 Vgl. HANS CHRISTIAN VON HERRMANN, Die Virtua­
Die Entstehung solcher Konzepte und ihr Kon­ lität des Szenischen. Zur Genealogie nicht-literari­
schen Theaters (Habil. Leipzig 2002) , 2 1 1-265.
nex im Schnittpunkt von > Theatralität< erklärt sich 6 Vgl. JOACHIM FIEBACH, Brechts >Straßenszene<. Ver­
viel eher daraus, daß unter dem Einfluß techni­ such über die Reichweite eines Theatermodells, in:
scher Medien grundsätzliche Neuorientierungen Weimarer Beiträge 24 ( 1 978), H. 2, 1 23-1 3 4.
erforderlich werden. Der Bezug auf Theater und 7 Vgl. SCHRAMM, Theatralität und Denkstil, in:
Schranun, Karneval des Denkens. Theatralität im
seine Elemente bietet sich in dieser Situation an,
Spiegel philosophischer Texte des 1 6 . und 17. Jahr­
weil unterschiedlichste Theaterformen immer hunderts (Berlin l 996) , 3 7-46 u. 24sr-264.
wieder auf dem Gefüge von Wahrnehmung, Be­ 8 Vgl. MÜNZ (s. Anm. 3 ) ; MÜNZ, Theatralität und
wegung und Sprache als Faktoren kultureller Ener­ Theater. Konzeptionelle Erwägungen zum For­
gie beruhen.7 Theatergeschichte läßt sich durch­ schungsproj ekt >Theatergeschichte<, in: Wiss. Beiträge
der Theaterhochschule Leipzig 61 (1 989) , H. l , 5-20.
aus fassen als Archiv solcher Konstellationen
9 Vgl. >Theater-Theatrum Sympatheticum<, in: ZED­
oder komplexer > Theatralitätsgefüge<. 8 Begriffsge­ LER, Bd. 43 ( 1 745), 45 8-47 1 ; LOUIS DE JAcCOURT,
schichtliche Lexikoneinträge und Studien belegen >Theatre<, in: DIDEROT (ENCYCLOPEDIE ) , Bd. 16
dagegen klar, daß der heute weit verbreitete Be­ ( 1 765), 227-2 3 8 ; SILVIO D'AMICO, Encyclopedia
dello spettacolo, 9 Bde. (Rom 1954-1968); JOHANN
griff von Theaterkunst nichts anderes als das Re­
SOFER, Bemerkungen zur Geschichte des Begriffes
sultat einer allmählichen Eingrenzung ist. 9 Hinzu >Welttheater<, in: Maske und Kothurn 2 ( 1 956), 256-
kam seit den 7oer Jahren in verstärktem Maß die 268; >Theater<->Theaterwesen<, in: GRIMM , Bd. l l l r /
medienvermittelte Begegnung mit nichteuropäi­ l ( 1 9 3 5 ) , 3 3 1-34 1 ; THOMAS KIRCHNER, Der Thea­
schen Kulturen, die auf ihre Weise zur Etablierung terbegriff des Barock, in: Maske und Kothurn 3 l
(1985), 1 3 1-140.
eines neuen interkulturellen Verständnisses von
ro Vgl. FIEBACH, König und Dirigent für die Musik sei­
Theatralität beitragen. 10 > Theatralität< ist also nicht ner Rede. Grenzverschiebungen in Kunst- und Kul­
zu verwechseln mit >Theater<, hängt aber dennoch turwissenschaften, in: Weimarer Beiträge 29 ( 1 9 8 3 ) ,
50 Theatralität

tisierung von Möglichkeiten und Grenzen der I . Theater als metaphorisches Modell
Wahrnehmung. 1 1 (Schwerpunkt Renaissance)
Will man das begrifEgeschichtliche Archiv
>Theater< mit Blick auf Theatralität öffnen, so sind >Theatralität< weist selber durchaus metaphorische
drei wesentliche Bezugsfelder zu unterscheiden: Züge auf, wobei der Charakter des Metaphori­
Theater als metaphorisches Modell; Theater als schen hier nicht als Ausdruck oberflächlicher Rhe­
rhetorisches Instrument; Theater als schöne Kunst. torik mißzuverstehen ist. Im Gegenteil: Unter Be­
Im Geschichtsverlauf überlagern sich diese drei dingungen medialer Entwicklungen des 20. Jh.
Perspektiven und bilden oft krasse Spannungs­ und des damit verbundenen neuen Verhältnisses
verhältnisse gegeneinander, in denen sich die von Wahrnehmung und Sprache, von Wort, Zahl
Widersprüchlichkeit des semantischen Feldes of­ und Bild lassen sich Veränderungen von Begriffen
fenbart. gar nicht mehr ohne angemessene Metaphorologie
Die besondere Qualität des BegrifE >Theatrali­ behandeln.
tät< kommt zum Tragen, wenn Michel Foucault Seinen Schwerpunkt sieht das folgende Kapitel
sein Theatrum philosophirum ( l 970) aufschlägt oder in der frühen europäischen Neuzeit als »Zeitalter,
wenn Jean-Fran1=ois Lyotard über die philosophi­ das sich in einem Gärungsprozeß befand« 13. Die
sche und politische Bühne nachsinnt. 12 Die weit­ umwälzende Gewalt betraf nicht nur lokalisierbare
gefächerte internationale Diskussion seit Anfang Gemeinwesen, sie traf die Architektonik kulturel­
der 7oer Jahre impliziert nicht zuletzt ein experi­ ler Grenzen insgesamt. Der enorme Verbreitungs­
mentelles Suchen nach neuen Möglichkeiten theo­ grad des geflügelten Wortes von der >verkehrten
retischer Sprache angesichts eines weltweiten Um­ Welt< resultierte aus vielen Ursachen. So führten
bruchs kultureller Praktiken. etwa ökonomische Entwicklungen, die Erschlie­
ßung neuer Handelswege, die ursprüngliche Ak­
kumulation von Kapital, die Etablierung neuer
Techniken je nach regionaler Situation zu ein­
schneidenden Veränderungen des Lebensstils.
Ließ sich der Ort der Welt geographisch relativ
exakt kartographieren, so erwies er sich doch auch
als paradoxer Nichtort: Das von Abraham Ortelius
l 5 70 vorgelegte Theatrum orbis terrarum, ein faszi­
nierendes Kartenwerk zum geographischen Schau­
platz des Erdkreises, überlagerte sich mit diversen
Ansätzen, die Welt als ein ambivalentes theatrum
H. IO, 1 6 8 5-1708; DIANA TAYLOR/JUAN VlLLEGAS mundi zu betrachten. Theater mit seinen konsti­
(Hg.), Negotiating Performance. Gender, Sexuality, tuierenden Elementen wie Maske, Kostüm, Rol­
and Theatricality in Latin/ o America (Durham/Lon­ lenspiel, vor allem aber auch der Relation Bühne/
don 1 994) ; BALME, Metaphors of Spectacle. Theatri­
Publikum, stand den Versuchen, sich in einem
cality, Perception and Performative Encounters in the
Pacific, in: Fischer-Lichte u. a. (Hg.) , Wahrnehmung traumatisch verschlungenen Irrgarten disparater
und Medialität (Tübingen/Basel 200 1 ) , 2 1 5-23 r . Erfahrungsfragmente und Glaubensprinzipien zu
l l Vgl. ELIZABETH BURNS, Theatricality. A Study of bewegen, als distanzgewährendes Orientierungs­
Convention in the Theatre and in Social Life (Lon­ modell zu Diensten und unterstützte das Bemü­
don 1972) .
12 Vgl. MICHEL FOUCAULT, Theatrum philosophicum, hen, sich einen Begriff von der Welt zu machen.
in: Critique 282 (1 970) , 8 8 5-goS; JEAN-FRAN<;OIS
L YOT ARD, Regles et paradoxes et appendice svelte,
in: Babylone l ( 1 9 8 3 ) , 67-80. 1 . Skizze zur Entwicklung der T11 eater-Metapher
13 PAUL 0. KRISTELLER, Renaissance-Philosophie und
(a) Wortgeschichtlich nachweisbar ist die Herkunft
die mittelalterliche Tradition ( 1 965), in: Kristeller,
Humanismus und Renaissance, Bd. 1 (München des Topos >Welttheater< bereits in der Antike, wo­
1 974) , 1 4 3 . bei Platon, Lukian, Seneca, Platin für die Renais-
!. Theater als metaphorisches Modell (Schwerpunkt Renaissance) 51

sance-Rezeption besonders wichtig sind. 1 4 Rudolf Porta. Generell ist die Theatermetaphorik zu se­
Helm gibt 1 906 in seinem Werk Lucian und Menipp hen vor dem sprachhistorischen Hintergrund der
eine skizzenhafte typologische Übersicht zu Teil­ Allegoresetradition und diverser Bild-Schrift-Kon­
aspekten der antiken Theatermetaphorik und weist stellationen (z. B. mittelalterliche Wandmalerei,
auf die außerordentliche Fülle noch zu erschlie­ Totentänze, Heilsspiegel). Ihre Auswirkungen zei­
ßenden begriffsgeschichtlichen Quellenmaterials gen sich in den Bilderschriften der Renaissance,
hin. 15 Eine Rezeption und kritische Modifikation speziell in der Emblematik.
erfolgt dann durch Augustinus, Tertullian und (c) In auffallend reicher Fülle ziert die Theater­
durch Novatian. Die Ablehnung der römischen metaphorik die europäische Dichtung der Renais­
Schauspiele wird unterstrichen durch Gegenmo­ sance und des 17. Jh. Bei Fran�ois Rabelais und
delle der >mirabili< Deia und der >spectacula chri­ Pedro Calderen de la Barca, bei William Shake­
stiana<. 1 6 Für die spätere Bezugnahme ist nicht speare und Jean Racine treibt die Doppelbödigkeit
unerheblich, daß der von den Kirchenvätern ver­ solcher Motive verwirrend gestaffelte Spiegelun­
wendete Begriff der >Schauspiele< sehr weitgesteckt gen närrischer Phantasie und schwarzen Wahns
war (Theater, Amphitheater, Circus, Argon) . Dies hervor. Auch im deutschsprachigen Raum hat die
führte in späteren Auseinandersetzungen um das Theater-Metapher tiefe Spuren hinterlassen, insbe­
Theater bei Rückgriff auf die patristische Autorität sondere bei Andreas Gryphius, Christian Hofinann
zu Mißverständnissen und bewußten Entstellun­ von Hofmanswaldau und Daniel Casper von Lo­
gen. 17 Als dritte wichtige Ursprungsquelle meta­ henstein. 19 Parallelen lassen sich in der bildenden
phorischer Anspielungen auf Elemente des Thea­ Kunst beobachten. So faßt Federico Zuccari in sei-
ters ist die Bibel zu nennen.
(b) Im Mittelalter wirkt der Topos fort und wird
z. T. sehr wirkungsvoll variiert: So etwa im 1 2 . Jh.
14 Vgl. ERNST ROBERT CURTIUS, Europäische Literatur
bei Johann von Salisbury in seinem Policraticus, be­ und lateinisches Mittelalter ( 1 948; Bern 1 984) , 148;
merkenswert deshalb, weil dieses Werk durch seine RALF KONERSMANN", Welttheater als Daseinsmeta­
Neuauflage 1 595 einen starken Einfluß auf die pher, in: Konersmann, Der Schleier des Timanthes.
Rezeptionsgeschichte ausübte und möglicherweise Perspektiven der historischen Semantik (Frankfurt
a. M. 1 994) . 84ff.
die Quelle für die l 599 belegte Inschrift am 1 5 Vgl. RUDOLF HELM, Lucian und Menipp (Leipzig/
Globe-Theater - >Totus mundus agit histrionem<, Berlin 1 906) , 45-59.
im übertragenen Sinne >Die ganze Welt ist eine 1 6 Vgl. WERNER WEISMANN, Kirche und Schauspiele.
Bühne< - war. Beachtenswert für metaphorische Die Schauspiele im Urteil der lateinischen Kirchenvä­
ter unter besonderer Berücksichtigung von Augustin
Bezüge des Theaters auf die Kirche ist die allegori­
(Würzburg 1 972) , 1 07-1 10, 173 f.
sche Auslegung der christlichen Messe durch Ama­ 17 Vgl. ANTON REISER, Theatromania, oder Die Werke
lar von Metz. Obwohl zunächst offiziell bekämpft, der Finsterniß in denen öffentlichen Schau-Spielen
setzte sich diese Sicht später durch. Eine Tendenz von den alten Kirchen-Vätern verdammet (Ratzeburg
zur Verstärkung des Theaterbezugs läßt sich zudem 1 6 8 1 ) ; JOHANN M. GÖZE, Theologische Untersu­
chung der Sittlichkeit der heutigen deutschen Schau­
bei Honorius von Au tun finden. 18 Mittelalterliche bühne (Hamburg 1 769) .
Festkultur und karnevaleske Weltsicht führen zu 1 8 Vgl. ROLF STEINBACH, Die deutschen Oster- und
einer enormen Verbreitung des Topos >verkehrte Passionsspiele des Mittelalters. Versuch einer Darstel­
Welt<. Die Grenze zur Theatermetaphorik im en­ lung und Wesensbestimmung nebst einer Bibliogra­
phie zum deutschen geistlichen Spiel des Mittelalters
geren Sinne ist oft fließend. Zu nennen ist auch
(Köln/Wien 1 970) . 4.
die mittelalterliche Magie, in deren Sprache - u. a. 19 Vgl. LASZLO BuzAs, Der Vergleich des Lebens mit
in den Schriften Roger Bacons, bei Robert Great­ dem Theater in der deutschen Barockliteratur (Pecs
head und Albertus Magnus - Theatermetaphorik 1941); PETER RUSTERHOLZ, Theatrum vitae huma­
bei der Überschneidung von Machttechniken und nae. Funktion und Bedeutungswandel eines poeti­
schen Bildes. Studien zu den Dichtungen von An­
spielerischen Ritualen eine wichtige Rolle ein­ dreas Gryphius, Christian Hofinann von Hofinanns­
nimmt. Dies wird ebenfalls bedeutsam für die ma­ waldau und Daniel Casper von Lobenstein ( r 966;
gia naturalis im 1 6 . Jh. , etwa bei Giambattista Della Berlin 1 970) .
52 Theatralität

nem epochemachenden Traktat L'idea de' pittori, xels Theatrum historicum curiosum. Das ist: Histori­
scultori, et architetti ( 1 607) Kunst überhaupt als me­ scher offener Schau-Platz (1 698) oder Jacob Döplers
taphorisches Abenteuer, und im ausgeklügelten Theatrum poenarum, suppliciarum et executionum crimi­
Labyrinth des Manierismus wird der Bildbetrachter nalium. Oder Schau-Platz derer Leibes- und Lebens­
zu verspieltem Scharfsinn angeregt. 20 All dies po­ Stroffen ( 1 693 1 ! 697) . Noch im r 8 . Jh. tauchen ent­
tenziert sich im Lichte der verbreiteten Spiel- und sprechende Titel vereinzelt auf, wie z. B. Jacob
Festpraktiken, funktionierte doch insgesamt noch Leupolds Theatrum arithmetico-geometricum . Das ist:
»Theater als Teil des allgemeinen gesellschaftlichen Schau-Platz der Rechen- und Mess-Kunst ( 1 727) .
Lebens«21 . Der beispiellose Fest- und Theater­ (d) Im 1 8 . Jh. wirkt die Theatermetaphorik fort,
rausch, das >große Welttheater<22 der barocken wobei bedeutende neue Akzente zu konstatieren
Hofkultur fand seinen Widerhall im Sprachverhal­ sind: Die Theater-Metapher trifft etwa seit der
ten, in den Sprachspielen der Zeit. Hinzu kommt Jahrhundertmitte auf eine Terminologie von
folgender Umstand: »Das Wort >Theatrum<, also Drama und Schauspielkunst, eine Fachsprache des
Schauplatz, wurde noch Anfang des 1 7 . Jh. für je­ Theaters. Im Lichte des sich konstituierenden äs­
den erhabenen Ort, auf dem sich etwas des Zei­ thetischen BegrifEverständnisses wird der >Spiel­
gens würdiges ereignete, gebraucht.«23 Veröffentli­ raum< des metaphorischen Modells systematisch
chung schlechthin haftet dem Wort als historischer eingeschränkt. Andererseits erwachsen aus der ge­
Bedeutungsaspekt an, und daher erklärt sich sein stiegenen öffentlichen Wertigkeit von Theater so­
Auftauchen in Buchtiteln unterschiedlichsten In­ wie aus den entwickelten dramaturgischen Struk­
halts, eine Tendenz, die durch das ganze 1 7 . Jh. turen auch neue Anreize modellhafter Übertra­
fortwirkt, so z. B. 163 1 im großen Nachschlage­ gung. Dies zeigt sich an drei Themenkreisen,
werk von Laurentius Beyerlinck Magnum theatrum nämlich an der Anwendung von Theatermetapho­
vitae humanae24 oder in dem ab 1627 in 2 1 Folian­ rik auf Strukturen des menschlichen Geistes, der
ten periodisch erscheinenden Theatrum Europaeum. Naturzusammenhänge und der Geschichte oder
Die Breite des Spektrums kommt zum Ausdruck vielmehr dem »Theater der Weltgeschichte«25.
durch Veröffentlichungen wie Stanislaw Lubie­ Eine neue Qualität gewinnt die Theater-Metapher
nieckis Theatrum cometicum (1 6 8 1 ) , Gottfried De- auch im Rahmen der sich verschärfenden Religi­
onskritik, speziell in Frankreich. In zugespitzter
Form findet sie nun auch Eingang in kulturkriti­
20 Vgl. GUSTAV REN E HOCKE, Die Welt als Labyrinth. sche Gesellschaftsbetrachtungen, und zwar unter
Manier und Manie in der europäischen Kunst. Bei­ Akzentuierung der städtischen und nationalen
träge zur Ikonographie und Formgeschichte der eu­
Momente. Unter dem Einfluß des mechanischen
ropäischen Kunst von l 520-1650 und der Gegenwart
(Berlin 1957). Materialismus - und gegen Ende des Jahrhunderts
2 1 Vgl. MÜNZ, Zwischen >Theaterkrieg< und >National­ verschärft durch beginnende Anzeichen der Indu­
theateridee< - Zu den Anfangen der bürgerlichen strialisierung - findet die Marionetten-Metaphorik
deutschen Theaterhistoriographie, in: Wiss. Zs. der zunehmend Verbreitung. 26 Das Interesse an der
Humboldt-Universität zu Berlin, Gesellschafts- u.
>Natur des Menschen<, der Aufschwung von Er­
sprachwiss. Reihe 18 ( 1 969) , H. l, 1 5-36.
22 Vgl. RICHARD ALEWYN, Das große Welttheater. Die fahrungsseelenkunde und Individualpsychologie
Epoche der höfischen Feste ( 1 959; München/Berlin führen gegen Ende des r 8 . Jh. zu verstärkten Be­
'1985). zugnahmen auf die Verhaltensfigur des Narren.
23 RUSTERHOLZ ( s . Anm. 1 9 ) , 1 5 .
(e) Im 19. Jh. kommt es in der Tendenz zu einer
2 4 Vgl. LAURENTIUS BEYERLINCK, Magnum theatrum
vitae hurnanae, 6 Bde. (Köln 163 1 ) . krisenhaften Überlagerung dreier Ebenen des
2 5 GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL, Geographische Theaterbegriffs (metaphorisches Modell, rhetori­
Grundlage der Weltgeschichte (Vorlesung, erstmals sches Instrument, schöne Kunst) . Von Interesse für
gehalten r 822/ J 823), in: HEGEL ( TWA ) , Bd. 1 2 die Theatermetaphorik sind folgende Punkte: Es
( 1 970) , 1 32 .
vollzieht sich ein Wandel der theaterästhetischen
26 Vgl. ELEONORE RAPP, Die Marionette i n der deut­
schen Dichtnng vorn Sturm und Drang bis zur Ro­ Fachterminologie bei gleichzeitiger Dogmatisie­
mantik (Leipzig 1 924) . rungstendenz. Die Theater-Metapher tritt dazu in
!. Theater als metaphorisches Modell (Schwerpunkt Renaissance) 53

ein Spannungsverhältnis. Hervorzuheben ist auch überlagert sich mit Reaktivierungen der antiken
die Reaktivierung des Topos >theatrum mundi< rhetorischen Denkfigur des theatrum mundi.
durch die romantische Bewegung, so bei Wilhelm Sucht Erasmus im Kirchenstreit, ausgehend von
Heinrich Wackenroder, Novalis und Jean Paul.27 seiner katholischen Konfession, eine tolerante
Gegen die Ausbreitung eines Bildungsbürgertums Mitte, so ist er gleichzeitig auch um Vermittlung
steht dann eine kulturkritisch akzentuierte Radi­ zwischen humanistischer Bildung und religions­
kalisierung der Theatermetaphorik, gipfelnd bei ethischen Prinzipien bemüht. Beim Versuch, seine
Friedrich Nietzsche: »Theater und Musik das Ha­ komplexen Interessenfelder aufeinander abzustim­
schisch-Rauchen und Betel-Kauen der Europäer! men, gewinnt das Theaterdispositiv eine Orientie­
Oh wer erzählt uns die ganze Geschichte der Nar­ rungs- und Ordnungsfunktion. Wichtig ist bei
cotica! Es ist beinahe die Geschichte der >Bildung<, Erasmus nicht allein die im Weltganzen und in der
der sogenannten höheren Bildung!«28 Die Aushöh­ Schrift sich spiegelnde Scheidung in den äußeren
lung traditioneller Ideale und Wertvorstellungen, und den inneren Menschen, sondern auch die
verbunden mit kapitalistischer Entfremdung, trägt konkrete Ausformung einer zentralen Beobach­
zur Vertiefung von Identitätskrisen bei. In der Li­ tungs- und Darstellungsperspektive. Direkte Be­
teratur findet eine breite Thematisierung von Rol­ züge auf ein metaphorisches >Theater der Götter<,
lenempfinden und Maskierungszwang statt. Die in dem christliche Motive und antike Quellenbe­
fortschreitende Entwicklung der Technik und die züge einander durchdringen, finden sich bei Eras­
Überschneidung von Kunst und Industrie fördern mus in unterschiedlichsten Kontexten, die von
unter neuen Prämissen eine >Sprache der Dinge< ernsten religionsethischen Überlegungen bis zu sa­
zutage. Das öffentliche Leben wird allmählich im­ tirisch-ironischen Gedankenspielen reichen. So
mer stärker durch das Spektakel der Waren, durch heißt es etwa im Lob der Torheit (1 5 1 1) : »Einfach
Werbung und die Wechselwirkung von Theater unglaublich ist es, wieviel Spaß und Vergnügen die
und Mode geprägt: Primadonnenkult auf der ei­ Menschlein tagtäglich den Himmlischen machen.
nen Seite, Erfindung des Mannequins auf der an­ Die Götter verwenden nämlich nur ihre nüchter­
deren. Zu erwähnen ist in diesem Kontext auch nen Stunden, den Vormittag, auf ihre Beratungen
die weitverzweigte Verwendung von Theatermeta­ und das Anhören der Wünsche. Sind sie einmal
phorik in den ökonomischen und gesellschaftspoli­ erst angeheitert vom Nektar und haben keine Lust
tischen Schriften von Karl Marx. 29 zu ernsten Dingen mehr, dann setzen sie sich auf
die äußerste Fluh des Himmels, lehnen sich vor
und gucken hinunter, zu sehen, was die Menschen
2. A ntike-Rezep tion (Erasmus von Rotterdam)
treiben; kein Schauspiel ist ihnen lieber. Weiß
Der >Welttheater<-Topos wird bereits im Zuge hu­ Gott, es ist aber auch ein Theater! « (Quin etiam
manistischer Antike-Rezeption nachhaltig wieder­ incredibile sit dictu, quos ludos, quas delitias, ho-
belebt. Bei seiner Verbreitung und Differenzierung
leistet Erasmus von Rotterdam einen herausragen­
27 Vgl. BERNHARD GREINER, Welttheater als Montage.
den Beitrag, wenn er von »dieser wunderbaren
Wirklichkeitsdarstellung und Leserbezug in romanti­
Bühne der Welt« (mirabilem hanc mundi machi­ scher und moderner Literatur (Heidelberg 1 977) .
nam)30 spricht. 28 FRIEDRICH NIETZSCHE, Die fröhliche Wissenschaft
Der Zusammenhang zwischen einer räumlichen ( 1 8 82), in: NIETZSCHE (KGA ) , Abt. 5, Bd. 2 ( 1 973),
Gliederung des Weltganzen und einer Scheidung 1 20.
29 Vgl. MÜNZ, Charaktermaske und Theatergleichnis
der menschlichen Existenz in ein sekundäres Au­ bei Marx, in: Münz, Das >andere< Theater. Studien zu
ßen und ein wesentliches Innen bestimmt im einem deutschsprachigen teatro dell' arte der Lessing­
1 6 . Jh. weithin die Ausformung von Weltsichten zeit (Berlin 1 979) , 1 9-59.
und Denkansätzen. Die solchen religiösen Debat­ 30 ERASMUS VON ROTTERDAM, Enchiridion militis chri­
stiani/Handbüchlein emes christlichen Streiters
ten innewohnende Tendenz, in der Erscheinungs­
( 1 503), übers. v. W Welzig, in: Erasmus von Rotter­
welt, im menschlichen Verhalten und in der Mate­ dam, Ausgewählte Schriften in 8 Bänden, lat.-dt., hg.
rialität von Schrift theatrale Seiten zu entdecken, v. W Welzig, Bd. 1 (Darmstadt 1 968), 3 22/3 23 .
54 Theatralität

rnunculi quotidie praebeant Superis. Narn hi qui­ ces«32. Im Sog eines derartig strukturierten öffent­
dern horas illas sobrias, et anterneridianas iurgiosis
lichen Lebens wird jedermann zum Rollenspieler,
consultationibus, ac votis audiendis irnpartiunt. niemand kann sich dem entziehen: »Du rnasque et
Caeterurn ubi iarn nectare rnadent, neque lubet de l'apparence il n'en faut pas faire une essence
quidquarn seriurn agere, turn qua parte coelurn reelle, ny de l'estranger Je propre.« (989)
quarn rnaxirne prorninet, ibi consident ac pronis Als zentrale Ursache für das allerorten entfesselte
frontibus, quid agitent hornines speculantur. N ec Rollenspiel notiert Montaigne folgendes: »Les
est aliud spectaculurn illis suavius. Deurn imrnorta­homrnes se donnent a louage. Leurs facultez ne
lern! quod theatrurn est illud, quarn varius stulto­ sont pas pour eux, elles sont pour ceux a qui ils
rurn turnultus?)31 s'asservissent« (98 1 ) . Montaigne spürt eine Ten­
denz der Aufspaltung von Nutzen und Vergnügen,
Arbeit und Spiel, Körper und Geist. Skeptisch ge­
3 . Essayistisches Denken und >Neue Wissenschefi <
gen diesen Strom der Zeit, beharrt er auf einem
(Montaigne und Bacon)
Ganzheitsideal spielerischer Produktivität und
Wichtige Züge der Architektonik des europä­ sucht - gegen das Auseinanderklaffen von »ou­
ischen Wissens der Neuzeit sind den Denkgebäu­ vrier« und »ouvrage« (783) - die Einheit von Per­
den Francis Bacons und Michel de Montaignes ab­ son und Text.
lesbar. Beiden gemeinsam ist ein universeller Bacon hat in seiner Lehre von den Idolen vier
Zweife!, beide sehen sich in die beängstigend Quellen der menschlichen Täuschung systemati­
wechselvolle Szenerie einer >verkehrten Welt< hin­ siert; bezeichnenderweise befinden sich darunter
eingeworfen, und beide versuchen sie, ihre dispa­ auch sogenannte »ldola Theatri«33 (Idole des Thea­
raten Erfahrungsfragmente m großangelegten ters) . Eine pointierte Zuspitzung findet das ver­
philosophischen Ganzheitsentwürfen buchstäblich breitete Empfinden allgegenwärtiger theatraler
>durchzuspielen<: bei Montaigne mehr auf den Täuschung darin, daß es in Bacons New Atlantis
Kosmos des eigenen Ich gerichtet, bei Bacon auf einen speziellen Haustypus gibt, ein Theater der
die Natur des Weltganzen. Theater hilft bei diesen demonstrativen Demaskierung und Ent-Täu­
Versuchen, sich in einem traumatisch verschlunge­ schung: »We have also houses of deceits of the
nen Irrgarten der eigenen Lage zu vergewissern. senses; where we represent all rnanner of feats of
Nicht zufällig hat Montaigne in seinem Reiseta­ juggling, false apparitions, impostures, and illu­
gebuch der 8oer Jahre des 1 6 . Jh. einen Reigen un­ sions; and their fallacies. And surely you will easily
terschiedlichster Schauspiele (öffentliche Hinrich­ believe that we that have so rnany things truly nat­
tungen, Prozessionen, Feierlichkeiten, Zeremo­ ural which induce adrniration, could in a world of
nien) gesammelt; in solchen Gebräuchen erkennt particulars deceive the senses, if we would disguise
er »la meilleure et plus effectuelle part des poli- those things and labour to make thern seem more
rniraculous. But we do hate all irnpostures and
lies.«34
3 I ERASMUS VON ROTTERDAM, Mörias enkömion sive
laus stultitiae (r 5 I I )/Das Lob der Torheit, in: ebd., 4. Theater-Metapher und Körpereifahrung
Bd. 2, übers. v. A. Hartmann (Darmstadt 1975), r 12/
II3. (Paracelsus)
3 2 MICHEL D E MONTAIGNE, Essais ( 1 5 80) , in: Montai­
Gewisse Parallelen zur Theatermetaphorik lassen
gne, CEuvres completes, hg. v. A. Thibaudet/M. Rat
(Paris 1 962) , 908 f. sich auch in den bildenden Künsten beobachten.
3 3 FRANCIS BACON, Novum Organum (1 620) /Neues Hervorhebenswert ist dabei die »riesige Bilderen­
Organon, lat.-dt., hg. v. W Krohn, übers. v. R. Hoff­ zyklopädie der emblematischen Bücher«35. Andreas
mann/G. Korff (Hamburg ' 1 999) , 100. Alciatis Emblematum liber löst 1 5 3 r von Italien her
3 4 BACON, New Atlantis ( 1 627) , in: BACON, Bd. 3 (Lon­
don 1 8 59) , 1 64.
eine bis tief ins r 8. Jh. nachhallende Resonanz in
35 ALBRECHT SCHÖNE, Emblematik und Dramatik im ganz Europa aus. Nicht allein durch Bücher,
Zeitalter des Barock (München 1 962) , 48. wie z. B. den 1 6 8 3 zu Nürnberg erschienenen
!. Theater als metaphorisches Modell (Schwerpunkt Renaissance) 55

Emblematischen Catechismus, sondern auch über die als Zeichen eines großen Entwicklungsvorgangs
Präsenz emblematisch geschmückter Gebrauchs­ gesehen, dessen Verlaufsform gleichnishaft aus ei­
gegenstände wird der metaphorische Denkstil ver­ nem anthropologischen Grund sich herleitet. Der
breitet, eine Sicht auf die Welt als >Mundus sym­ Weltraum konstituiert sich aus geheimnisvollen,
bolicus•36. Dabei weist die emblematische Bild­ unsichtbaren Kräften, die sich Paracelsus über ein
Text-Struktur starke Analogien zu bestimmten metaphorisches Denken in Analogien veranschau­
körperlichen Seiten der theatralen Kultur wie etwa licht. Daraus folgen die sinnlich-poetischen Di­
den >lebenden Bildern< auf »Das Emblembild er­ mensionen seiner Sicht und seiner Sprache. Die
scheint als Miniaturbühne; das dramatische Schau­ Funktion der Gleichnisse besteht darin, eine hete­
gerüst erweist sich als ein ins Riesenhafte vergrö­ rogene Fülle von beobachtbaren Phänomenen als
ßertes emblematisches Bild.«37 Begriffsgeschicht­ widersprüchliche Ganzheit zu begreifen und auf
lich relevante Bezüge zur Theater-Metapher diesem Wege die rätselhafte organische Einheit des
springen geradezu ins Auge durch Buchtitel wie (gesunden oder kranken) Menschen zu entschlüs­
Jean Jacques Boissards 11zeatrum vitae humanae seln. So wird von einer anderen Seite her deutlich,
(1 596) oder das 1 623 erschienene Theatrum emble­ warum Paracelsus, ausgehend von ganz konkreten
maticum des Gregor Kleppis. Tradierte mediale Beobachtungen, als höchst origineller Sprach­
Strukturen der direkten körperlich-personalen schöpfer wirkt: Er sucht nach einer Ausdrucks­
Kommunikation, das deutet sich in solchen Sym­ weise, die sich dem dynamischen Zusammenspiel
ptomen an, verflechten sich mit neuen, durch den der unterschiedlichen Weltsphären, ihren wechsel­
Buchdruck ermöglichten Sprachebenen. seitigen Spiegelungen und Einflüssen gleichsam
Erst ganz allmählich jedoch festigen und diffe­ mimetisch einfügt.
renzieren sich die neuen Informationsnetze. Daher Sein Sprachkonzept ist äußerst weit gefaßt. Ne­
wirken überlieferte Erfahrungstechniken lange ben der >buchstabischen< Wörtersprache der Schrift
nach. 1 5 3 7 verteidigt Paracelsus sein Landfahren umfaßt es Mimik und Gestik, wie überhaupt die
mit dem Argument, daß von einem festen Ort aus ganze Formenvielfalt äußerer Erscheinungen als
kein Überblick der Heilkünste möglich sei, »son­ entzifferbare physiognomische (An-)Zeichen ge­
der sie müssen zusamen geklaubt werden, geno­ sunder oder kranker Prozesse. Von daher ist es
n1en und gesucht do do sie seindw18. Derart räun1- nicht verwunderlich, daß der Mediziner für Para­
lich beschränkte Öffentlichkeiten zwingen in dop­ celsus unter allen Beobachtern eine exponierte
peltem Sinne zu körperlicher Selbsterfahrung: Sonderstellung einnimmt; die Arzneiwissenschaft
Einerseits müssen neue Wissenshorizonte buch­ stellt den Gipfel j eglicher Beobachtungskunst dar.
stäblich physisch erwandert werden, zum andern
aber fordert die begrenzte Lebenswelt eine gezielte 36 Vgl. MICHAEL S CHILLING, Imagines mundi. Meta­
Selbstbeobachtung heraus. Die Erweiterung von phorische Darstellungen der Welt in der Emblematik
Weltsichten geschieht zunächst gewissermaßen am (Frankfurt a. M./Bern/Cirencester 1 979) .
Leitfaden des menschlichen Leibes.39 Vom Mikro­ 37 SCHÖNE (s. Anm. 3 5) , 225.
3 8 THEOPHRAST VON HOHENHEIM gen. PARACELSUS,
kosmos des eigenen Ich wird durch kühne meta­
Sieben Defensiones. Verantwortung über etliche Ver­
phorische Vergleiche raumzeitlicher Abgrund zum unglimpfungen seiner Mißgönner ( 1 5 3 7) , in: Paracel­
Weltganzen überspannt: »Gewißlich ist eine Zu­ sus, Sämtliche Werke, hg. v. K. Sudhoff, Abt. l ,
sammenstimmung aller Sachen in diesem gantzen Bd. l l (München/Berlin 1928), 1 4 I .
3 9 Vgl. GÜNTHER LOHR, Körpertext. Historische Se­
Erdenkreiß / und vergleicht sich / der sichtbare
miotik der komischen Praxis (Opladen 1 987), 92:
Himmel mit der Erden / der Mensch mit der gant­ CHRISTOPH WULf/DIETMAR KAMPER (Hg.), Logik
zen Welt<«'>. und Leidenschaft. Erträge historischer Anthropologie
Wenn gerade Paracelsus in dieser Hinsicht weit (Berlin 2002) .
über den Bereich der Medizin hinaus als Anreger 40 GEORG PHILIP HARSDÖRFFER, Frawenzimmer. Ge­
sprechspiele / so bey Ehr- und Tugendliebenden Ge­
zu wirken vermag, so hängt dies u. a. mit der sellschaften / mit nutzlicher Ergetzlichkeit I beliebet
grenzüberschreitenden >Weite< seiner Lehren zu­ und geübet werden mögen, Teil 8 (Nürnberg 1 649) ,
sammen. Das Auftauchen neuer Krankheiten wird 1 9 1 f.
56 Theatralität

In seinen Schriften ist daher gleichsam der Grund­ Die 1 624 herausgegebene Physiologia des Athana­
riß eines komplizierten theatrum mundi enthalten, sius Kircher, eine »Weltbühne der Paradoxien«44,
das sich über die praktische Tätigkeit des Arztes als enthält auch den technischen Entwurf einer Meta­
>Menschenbeobachter< konstituiert. Was sich hier phernmaschine. Verfaßt Jacob Böhme 1 6 1 2 seine
andeutet, ist in gevvisser Weise eben j ener tiefe Aurora, seinen ungeheuren philosophischen Ent­
Wesenszusammenhang »entre Je principe du thea­ wurf über die europäische >Morgenröte im Auf­
tre et celui de l' alchimie«41 , auf den später Antonin gang<, so gibt Nicola Sabbattini 1 63 8 genaue thea­
Artaud zu sprechen kommt, als er, j enseits der termechanische Anweisungen: »Wie man die
Überformung durch die Schriftkultur-Tradition, Morgenröte aufsteigen lassen kann« (modo di far
nach originären Ursprüngen des Theaters sucht. nascere !' Aurora)45• Verstanden sich die italieni­
So wird also im Spiegel der Theater-Metapher schen Theatralingenieure des 1 7 . Jh. noch als >In­
das ganze Spektrum lebendiger Erfahrung reflek­ genieure der Unendlichkeit<46, so bestaunt das Pu­
tiert und >zur Sprache gebracht<. Der historische blikum einer deutschen Provinz im Winter 1 774/
Bogen spannt sich von der Göttlichen Komödie bis 1 775 ein » Theatrum 2Vfundi, ein Welttheater in der
zu »des Teufels Spektakel«42, und die darin vibrie­ Nuß, wo sich unter andern ein Stücklein Welt,
rende Ambivalenz hat vielleicht kein anderer so la­ nämlich der Seehafen von Genua präsentirte«47. Bei
konisch genau getroffen wie Blaise Pascal: »Le der­ S0ren Kierkegaard findet sich 1 843 ein ähnliches
nier acte est sanglant, quelque belle que soi la Motiv in ironischer Akzentuierung, wenn die
comedie en tout Je reste. On jette enfin de la terre Rede ist von der »Lust zu theatralischem Auftre­
sur la tete et en voilit pour jamais. «43 ten«, verbunden mit der Phantasie, »die ganze Welt
Anzumerken wäre noch eine aus begriffige­ in einer Nußschale zu haben, die größer ist als die
schichtlicher Sicht interessante Beobachtung: Die ganze Welt, und doch nicht größer, als daß das In­
Idee des theatrum mundi durchläuft auch eine dividuum sie füllen könnte.«48
kulturgeschichtliche Bahn ihrer praktischen Um­
setzung, eine Geschichte des real existierenden
Mechanismus; Profanierung, Banalisierung und
schließlich auch Ironisierung gehen damit einher. II. Theater als rhetorisches Instrument
(Schwerpunkt 1 7 . und 1 8 . Jahrhundert)
41 ANTONIN ARTAUD , Le theatre et son double ( 1 932),
in: Artaud, CEuvres completes, Bd. 4 (Paris 1 964) , 58. Eine wichtige Seite von Theatralität besteht darin,
42 JACOB BÖHME, Aurora oder Morgenröte im Aufgang daß die Entfaltung dieses interdisziplinären Dis­
( 1 634), in: Böhme, Anrora oder Morgenröte im Auf­ kurselements nicht verstanden werden kann ohne
gang. Ausgewählte Texte, hg. v. G. Bartsch (Leipzig
1 974) , 1 42. Bezug auf medientechnische Entwicklungen und
43 BLAISE PASCAL, Pensees ( 1 670) , in: Pascal, CEuvres deren instrumentelle Implikationen. Daher verdie­
completes, hg. v. M. Le Guern, Bd. 2 (Paris 2000) , nen j ene Entwicklungen Beachtung, in denen sich
600. die systematische Instrumentalisierung bestimmter
44 HOCKE (s. Anm. 20) , 1 2 3 .
Seiten theatraler Kultur und damit verbundene Be­
45 NICOLA SABBATTINI, [Practica d i fabricar scene, e
machine ne' teatri] Anleitung, Dekorationen und mühungen um ein effektives Wirkungsmedium
Theatermaschinen herzustellen ( 1 6 3 8 ) , übers. u. mit abzeichnen. Solche Instrumentalisierungstenden­
dem Urtext hg. v. W Flemming (Weimar 1 926) , 1 6 1 ; zen gehen zunächst auch mit dem Versuch zusam­
dt. 274 f.
men, einen scharf begrenzten Begriff von Theater
46 Vgl. DIETRICH MACK, Ingenieure der Unendlichkeit,
in: Mack (Hg.), Barockfeste. Nachrichten und Zeug­ zu definieren. Einen Schwerpunkt darf man im
nisse über theatralische Feste nebst einem Singspiel 1 7 . Jh. sehen. In dieser Zeit wird aus dem Chaos
der Markgräfin Wilhelrnine von Bayreuth (München die Ordnung hervorgetrieben, aus dem Spiel die
1 979) , 8-12. Regel, aus dem Zweifel die Methode. Das ist die
47 JOHANN FRIEDRICH SCHÜTZE, Hamburgische Thea­
charakteristische Tendenz. Auffallig ist, daß sich
ter-Geschichte ( 1 794; Leipzig 1 975), r n 3 .
48 S 0 R E N KIERKEGAARD , D i e Wiederholung ( 1 843), in: die Entfaltung einer qualitativ neuen Wahrneh­
KIERKEGAARD, Abt. 5/6 ( 1 9 5 5 ) , 30. mungskultur - als praktische Herausarbeitung
II. Theater als rhetorisches Instrument (Schwerpunkt 1 7 . und 1 8 . Jahrhundert) 57

neuer Medien, Techniken und Verfahren der Be­ Volk kann nicht lesen. So wird die Idee der funk­
obachtung - innig verbindet mit j enem Traum tionierenden Amtssprache komplettiert durch die
vom totalen Überblick, an dem sich wissenschaftli­ Erfindung des autorisierten Funktionärs. Als Kind
cher Fortschritt ab etwa 1 600 zunehmend orien­ des Leviathan erscheint »a feigned or artificial person«
tiert. Mit Rene Descartes' Discours de la methode ( 1 47) . Der Bühnenbegriff >persona< wandelte sich
wird 1 6 3 7 der Anspruch auf ein Universum zwei­ zur Bezeichnung derjenigen, die stellvertretend re­
felsfrei gesicherten Wissens programmatisch. Vor­ den oder handeln: »So that a person, is the same
aussetzung dafür ist das methodische Ziehen einer that an actor is, both on the stage and in common
scharfen Grenze zwischen der eigensinnigen (phy­ conversation; and to personale, is to act, or represent
sischen) Wahrnehmungswelt und einem berechen­ himself, or another; and he that acteth another, is
baren (geistigen) Raum der systematischen Reprä­ said to bear his person, or act in his name; [„ .] as a
sentation. Charakteristisch für das ganze Zeitalter representer, or representative, a lieutenant, a vicar, an at­
ist die theoretische und praktische Herausarbeitung torney, a deputy, a procurator, an actor, and the like.«
eines Begriffs von Repräsentation, in dem sich (148)
Tendenzen der wissenschaftlichen Rationalisierung Der herrschaftsgeometrische Entwurf kann sich
mit solchen der öffentlichkeitsprägenden Herr­ aber nicht beschränken auf den Bauplan der Staats­
schaft überschneiden. Es kommt gleichermaßen maschine im Großen; das Perpetuum mobile der
zur Begründung des modernen Staates wie auch Macht muß in der Natur j edes einzelnen Bürgers
zur Erfindung des Laboratoriums und Entfaltung mechanisch verankert werden. Dementsprechend
experimenteller Wissenschaften. 49 Beide Ten­ findet das staatsphilosophische Denken von Hob­
denzen verbinden sich auf vielfaltige Weise mit be­ bes eine geradezu ideale Synchronfigur im Erzie­
stimmten Seiten von Theatralität. hungsprogramm des John Locke.
Lernen durch Täuschung heißt bei ihm die De­
vise. 53 Ungezügelte Begierden werden bezwungen
1 . Machttheater und theatrale Erziehung
durch List, Gewohnheiten ausgejätet und neu ge­
(Hobbes und Locke)
pflanzt. Starkes Verlangen nach reizvollen Spielen
Kein Theater könnte wohl je den Hang zu überle­ wird durch eine Spielpflicht gelähmt, ungeliebte
bensgroßen Kunstfiguren so weit treiben wie Tho­ Arbeiten werden durch Scheinverbote reizvoll ge­
mas Hobbes, der 1 6 5 1 eine unvergleichlich monst­ macht. Die Zeit verlangt, davon ist Locke über­
röse Gewaltfigur als Repräsentation staatlicher zeugt, eine Umgestaltung der Freuden.54 Erfolg
Ordnungsutopie auf die philosophisch-politische krönt diese Simulationspädagogik allerdings erst,
Bühne schickt: »For by art is created that great Le­ wenn ein verwandeltes >Auftreten<, wenn soziales
viathan called a Commonwealth, or State, in Latin Rollenspiel im Zögling »become natural in every
Civitas, which is but an artificial man; though of part; falling, as skilful musicians' fingers do, into
greater stature and strength than the natural, for
whose protection and defence it was intended«50•
49 Vgl. STEPHEN SHAPIN/SIMON S CHAFFER, Leviathan
Untertanen betrachtet Hobbes als bloße Menge,
and the Air-Pump. Hobbes, Boyle and the Experi­
»und (wenn dies auch paradox ist) der König ist das mental Life (Princeton 1985).
Volk« (et, quamquam paradoxum sit, rex est popu­ 50 THOMAS HOBBES, Leviathan or, the Matter, Form,
lus)51 . Dieser Zentralismus bedarf eines Öffentlich­ and Power of a Commonwealth, Ecclesiastical and
Civil ( 1 6 5 1 ) , in: HOBBES (ENGL) , Bd. 3 ( 1 8 3 9) , IX.
keitsnetzes, das geeignet ist, Machtsprache in j eden
5 1 HOBBES, De cive (1 642) , in: HOBBES (LAT) , Bd. 2
Winkel zu verbreiten. ( 1 8 3 9) , 29 1 ; dt. : Vom Menschen/Vom Bürger, hg. v.
Vertieft wird dieser heilige Glaube an die Wir­ G. Gawlick, übers. v. M. Frischeisen-Köhler (Ham­
kungsmacht der Sprache offenbar vor dem Altar burg ' 1 966) , r 99.
der Druckerpresse; immerhin vergleicht Hobbes 5 2 HOBBES (s. Anm. 50), 3 2 5 .
5 3 Vgl. J O H N LOCKE, Some Thoughts Concerning Edu­
den Verstand des gemeinen Volkes mit einem rei­
cation ( 1 693), in: LOCKE, Bd. 9 ( 1 823), 122.
nen Papier, »fit to receive whatsoever by public au­ 5 4 Vgl. LOCKE, An Essay Concerning Human Under­
thority shall be imprinted in them«52. Aber das standing ( 1 690) , in: LOCKE, Bd. l (1 823), 286.
58 Theatralität

harmonious order, without care, and without Von der spontanen Wirkungsmacht sinnlicher
thought«55. Das verlangt stetige Beeinflussung über Eindrücke konnte man sich überall im öffentlichen
sehr lange Phasen biographischer Enrwicklung. Leben ganz praktische Begriffe machen, sei es
Man erkennt hierin einen sensualistischen An­ durch die Attraktionskraft spielerischer Zerstreu­
satz zur methodischen Rationalisierung mensch­ ungen, sei es durch die weitverbreitete Lust am
licher Sinnlichkeit, einen programmatischen Ver­ Schrecklichen. >Erleuchtete und vernünftige Ver­
such der Systematisierung sinnlicher Ausdrucks­ gnügungen< dagegen wurden eher gegen die Praxis
vermögen zu organisierten Formen symbolischer konzipiert, und ihre Durchsetzung vollzog sich ge­
Gewalt. Dieses Grundprinzip ist für das Verständnis wissermaßen simultan zu äußerst drakonischen
medialer Strukturveränderungen von Öffentlich­ machtpolitischen Strukturveränderungen der Öf­
keit zu Beginn des 1 8 . Jh. und somit auch für eine fentlichkeit. Ihre Instrumentalisierung wird deut­
begriffsgeschichtliche Perspektive auf mediale Sei­ lich, wenn es bei Anthony Ashley Cooper Earl of
ten von Theatralität äußerst relevant. Seine Über­ Shaftesbury heißt: »The Magistrate, if he be any
tragbarkeit auf die Ebene öffentlicher Lustbarkei­ Artist, shou' d have a gentler hand; and instead of
ten klingt in einer Bemerkung von Leibniz an, die Causticks, lncisions, and Amputations, shou' d be
wie ein Nachtrag zum Hauslehrerkonzept von using the softest Balms«59.
Locke wirkt: »et un homme fait, a qui manque Aus vielen Gründen bot speziell Theater sich
cette excellente education, doit commencer plus­ an, als ein Instrument der sanften Gewalt begriffen
tost tard que jamais a chercher des plaisirs lumi­ zu werden. »Une piece de theatre est une represen­
neux et raisonnables, pour !es opposer a ceux des tation de quelque evenement, de quelque action
sens qui sont confus mais touchans.«56 Dies wirkt de Ja vie humaine; et cette representation doit etre
wie ein direkter Vorgriff aufjene Erziehungsstrate­ teile qu' eile plaise«60, heißt es bei Bernard Le Bo­
gien, die dem Theater im Lauf des r 8. Jh. von Vol­ vier de Fontenelle, und diese positiv rezipierte Be­
taire und anderen eingeschrieben "\Verden: »C' est la ziehung auf menschliches Handeln bildet fortan
,
plus belle education qu on puisse donner a la jeu­ ein Grundmotiv vieler Konzepte des Aufklärungs­
nesse, le plus noble de!assement du travail, la meil­ theaters.
leure instruction pour tous !es ordres des ci­ Überall in Europa zeichnen sich um die Wende
toyens«57. Und noch um 1 900 klingt dieser Ge­ zum r 8 . Jh. qualitativ neue Formen von Öffent­
danke bei Sigmund Freud an, wenn es heißt: »Das lichkeit ab, wodurch auch das Nachdenken über
teilnehmende Zuschauen beim Schau-Spiel leistet mediale Aspekte von Theater wichtige Anstöße er­
dem Erwachsenen dasselbe wie das Spiel dem hält. Besonders in Frankreich wird fortan daran ge­
Kinde«58. arbeitet, einen Theaterbegriff im Sinne aufkläreri­
scher Wirkungsideale zu instrumentalisieren, aller­
dings im Zuge heftiger Kontroversen, wie
55 LOCKE (s. Anm. 5 3 ) , 79. überhaupt gerade solche kritischen Auseinander­
5 6 GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ, Nouveaux essais sur setzungen dazu zwingen, begriffiiche Klärungen
l'entendement humain (entst. 1 703-1 70 5 , ersch.
oder vielmehr Differenzierungen herbeizuführen.
1 746) , übers. u. hg. v. W v. Engelhardt/H. H. Holz,
Bd. 1 (Frankfurt a. M. 1 96 1 ) , 286. Etwa hundert Jahre nach Bacons >houses of de­
5 7 VOLTAIRE an Francesco Albergati Capacelli (23 . 12. ceits<-Vision werden die von ihm enrworfenen
1 760) , in: Voltaire, Correspondance, hg. v. T. Bester­ Schutztechniken gegen theatrale Formen der Täu­
man, Bd. 6 (Paris r 980) , r 59. schung durch jean-Baptiste Du Bos im Zuge seiner
5 8 SIGMUND FREUD, Psychopathische Personen auf der
Bühne (entst. 1 905/ r 906, ersch. 1 942) , in: FREUD Verteidigung des Theaters an den gesunden Men­
(cw ) , Bd. 1 9 (Frankfurt a. M. 1 987) , 656. schenverstand des Zuschauers delegiert: »Nous n'y
59 SHAfTESBURY, A Letter Concerning Enthusiasn1 aportons point la prevention avec laquellc celui qui
( 1 708) , in: SHAFTESBURY, Abt. 1, Bd. I (198 1 ) , 3 26. s'est laisse persuader par un Magicien qu'il lui fera
60 BERNARD LE BOVIER D E FONTENELLE, Preface gene­
voir un Spectre, entre dans Ja caverne ou Ja Phan­
rale des pieces suivantes ( 1 7 5 1 ) , in: Fontenelle, CEu­
vres completes, hg. v. G.-B. Oepping, Bd. 3 (Paris tome doit aparoitre. Cette prevention dispose
1 8 1 8) , 4 3 8 . beaucoup a l'illusion, mais nous ne l'apportons
II. Theater als rhetorisches Instrument (Schwerpunkt 1 7 . und 1 8 . Jahrhundert) 59

point a u theatre.«61 Besondere Beachtung verdient 1 768 unmißverständlich zu verstehen: »Die Schau­
die Auseinandersetzung zwischen Jean Le Rond bühne ist vermögend, dem Umgang einer Nation
d'Alembert und Jean-Jacques Rousseau um das einen gewissen Anstrich von Artigkeit zu geben
Wesen der Schauspiele. »Au premier coup d'cril und die Sprache der Gesellschaften zu reinigen«68•
j ette sur ces institutions, je vois d'abord qu'un Voraussetzung eines solchen Funktionsverständ­
Spectacle est un amusement; et s'il est vrai qu'il nisses ist allerdings eine methodische Rationalisie­
faille des amusemens a l'homme, vous conviendrez rung der vorhandenen theatralen Kultur, eine dra­
au moins [ . . . ] qu'ils sont necessaires, et que tout stische Reform mit ätzenden Mitteln, Einschnitten
amusement inutile est un mal, pour un Etre clont la und Amputationen. Der Begriff der gereinigten
vie est si courte et Je tems si precieux«62, lautet ein Bühne, als siamesischer Zwilling mit dem des Na­
Hauptargument Rousseaus. D'Alembert dagegen tionaltheaters erwachsen, zeugt davon.
differenziert seinen Begriff von Theater mit Blick Für das begriffsgeschichtliche Verständnis der
auf das jeweilige Publikum und ist überzeugt, »que inneren Strukturierung dieses Wortpaares ist die
!es representations theatrales sont plus utiles a un Vertreibung des Harlekin besonders aufschluß­
peuple qui a conserve ses mcrurs, qu'a celui qui reich. In Deutschland wurde der Bühnennarr
aurait perdu !es siennes«63. Die Zustimmungen für durch Johann Christoph Gottsched mit einem kul­
diese Position reichen von Jean Franyois Marmon­ turpolitischen Bannfluch belegt. Begriffsgeschicht­
tel, der das Theater als mne ecole de politesse & de liche Konsequenz solcher Realprozesse konstatiert
gout«64 begreift, bis hin zur differenzierten Argu­ Karl Friedrich Flöge! l 789 in seiner Geschichte der
mentation Louis Sebastien Merciers, der gewisse Hofnarren: »In unsern erleuchteten Zeiten sind
Gefahren einräumt, die jedoch erfolgreich zu ver­ viele Benennungen, die vor Alters ehrwürdig wa­
meiden wären, um das Theater zu einem höchst ren, zu SchimpfWörtern geworden«w Rechtferti­
wirksamen Medium zu instrumentalisieren: »Ce­ gungsversuche des theatralischen Narrentums er­
pendant le moyen le plus actif & le plus prompt folgten neben Flöge! zwar durch Lessing, Thomas
d'armer invinciblement !es forces de la raison hu­ Abbt, Christoph Martin Wieland, Johann Georg
maine & de j eter tout-a-coup sur un peuple une Sulzer, Friedrich Justus Riede!, Johann Wilhelm
grande rnasse de lumieres, seroit, a coup sllr, le
theatre«65. Die sich im Lauf des 1 8 . Jh. durchset­
zende Grundtendenz bestand schließlich darin, im 61 DU BOS, Bd. l (1 770) , 452.
Theater »un moyen d'instruction publique«66 zu 62 JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Lettre i M. d'Alembert
sehen, und diese Auffassung wirkte nachdrücklich ( 1 7 5 8 ) , in: ROUSSEAU, Bd. 5 ( 1 995), 1 5 .
,
6 3 JEAN L E ROND D ALEMBERT, Lettre i ]. ]. Rousseau,
nach Deutschland hinein, wo sich der Gedanke an
citoyen de Geneve ( 1 759), in: d'Alembert, CEuvres,
Theater als ein äußerst weitreichendes Machtin­ Bd. 4 ( 1 8 2 1 ; Genf 1 967) , 443 .
strument ausdifferenzieren konnte; der Begriff des 64 JEAN-FRAN<;:OIS MARMONTEL, Apologie du theatre,
Nationaltheaters, immer wieder als Kristallisations­ ou Analyse de la lettre de M. Rousseau, citoyen de
kern politischen Räsonnements dienend, zeugt da­ Geneve, i M. D'Alembert, au sujet des spectacles, in:
Marmontel, Contes moraux, suivi d'une apologie du
von. Johann Friedrich Löwen, erster Direktor ei­ theatre, Bd. 2 (Den Haag 1 763), 1 60.
nes deutschen Nationaltheaters (Hamburger Entre­ 6 5 LOUIS-SEBASTIEN MERCIER, Du theatre, ou Nouvel
prise, 1 767) , wirbt für die Schauspiele u. a. mit dem essai sur l'art dramatique (Amsterdam I 773), 3 .
Argument: »Welch ein vortreffiiches Hülfsmittel 6 6 MARIE-JOSEPH DE CHENIER, L a liberte d u theatre en
France (Paris I 8 I 8), XXXIV.
könnten sie der Regierung seyn, wenn es darauf
67 JOHANN FRIEDRICH LÖWEN, Geschichte des deut­
ankäme, die Veränderung eines Gesetzes, oder die schen Theaters [ I 766] und Flugschriften über das
Abschaffung eines Gebrauchs vorzubereitem67. Hamburgische Nationaltheater [ 1 766/ 1 767] , hg. v. H.
Stümcke (Berlin 1 905), 72.
68 JOSEPH VON SONNENFELS, Grundsätze der Policey-,
2. Zensur als praktische Arbeit am Begriff Handlungs- und Finanzwissenschaft (Wien I 768),
127.
Joseph von Sonnenfels, erster offiziell eingesetzter 69 KARL FRIEDRICH FLÜGEL, Geschichte der Hofnarren
Theaterzensor im deutschsprachigen Raum, gibt (1 789; Hildesheim/New York I 977) , 3 6 .
60 Theatralität

Ludwig Gleim, Friedrich Nicolai und Justus Mö­ matisch verknüpft mit der Idee einer berechen­
ser, liefen im Endeffekt aber eher auf eine Konser­ baren Theatralität politischer Öffentlichkeit. Be­
vierung hinaus, nicht auf Reaktivierung des kriti­ griffsgeschichtlich von Interesse ist die mediale
schen Potentials. 70 In gewisser Weise wurzelt darin Vernetzung von Theater mit der Entfaltung einer
bereits jene Verharmlosungstendenz, die dann im literarischen Öffentlichkeit (so lassen sich z. B.
19. Jh. auch begriffiich bestimmend werden soll: l 3 3 deutschsprachige Theaterzeitschriften für die
»Schelm und Schalk hat im Laufe der Jahrhunderte 2. Hälfte des 1 8 . Jh. nachweisen) sowie mit der
einen merkwürdigen Bedeutungswechsel erfahren. kulturgeschichtlichen Ausformung der Öffentlich­
Ursprünglich zur Kennzeichnung bösartiger Ge­ keit des geselligen Verkehrs, reflektiert in Schau­
mütsbeschaffenheit verwandt, wird es heute ge­ spieltheorien, Erziehungsprogrammen, physiogno­
braucht, um einen liebenswürdigen Charakterzug mischen Theorien usw. Doch nicht allein im
zu benennen.« 71 Hinter dieser wortgeschichtlichen Lichte des allgemeinen Aufschwungs öffentlichen
>Sprachregelung< ist die scharfe kulturpolitische Lebens gewinnt Theater seine Kontur. Die Dialek­
Säuberungswelle kaum mehr zu ahnen, deren pro­ tik der Aufklärung impliziert auch scharfe sozio­
minentes Opfer der Harlekin einst geworden war. kulturelle Ausgrenzungsprozesse. Beachtliche hi­
Seine Verbannung deutet auf gesellschaftliche Di­ storische Beiträge zur begriffiichen Eingrenzung
stinktionsvorgänge hin, in deren Rahmen auch die von Theater als öffentliches Medium leistet die
methodische Rationalisierung von Theater zu ei­ Zensur als definierende Gewalt. Die Geschichte
nem >rhetorischen Instrument< verstanden werden politischen Theaters wird gewissermaßen begleitet
kann. durch Theaterdefinitionen der Zensur.
Ist diese Entwicklung erst einmal vollzogen, ver­ Zensureffekte resultieren im l 8. Jh. wesentlich
lagert sich der Kampf um die feinen Unterschiede aus kunsttheoretischen und ästhetischen Pro­
auf eine andere Ebene. Exemplarisch verdeutlichen grammansätzen. Löwen hält es für gut, »wenn das
läßt sich dies durch einen Blick auf den wortge­ Amt der römischen Censoren, denen die Aufsicht
schichtlichen Ursprung von >Zirkus<. l 807 wird in über das Theater anvertraut war, bey uns wieder
Paris der Cirque Olympique eröffnet, »der der jun­ könnte hergestellt werden«73• Und auch Sulzer
gen Unterhaltungskunst ihren Namen gibt: Zirkus. fragt: »Sollten nicht gegen die Verf:ilschung der
Bei der Einführung der neuen Bezeichnung steht Kunst Strafgesetze gemacht seyn, wie gegen die
die Behörde Pate: Ein Dekret Napoleons von 1 807 Verf:ilschung des Geldes?«74 Indirekte Zensur be­
hat allen Schaustellern von Raritäten und Kurio­ wirkt auch der sich gegen das Jahrhundertende
sitäten verboten, weiterhin ihre Häuser als Thea­ herausbildende ästhetische Autonomieanspruch.
ter zu bezeichnen«72• Philosophische Vernunft So spricht sich Goethe immer wieder gegen politi­
wird durch die europäische Aufklärung program- sche und personelle Anspielungen auf der Bühne
aus. »Das Schauspiel soll eine heitere ästhetische
Stimmung hervorbringen, die durch solche Reali­
70 Vgl. WOLFGANG PROMIES, Der Bürger und der Narr täten durchaus gestört wird«75.
oder das Risiko der Phantasie. Sechs Kapitel über das
Irrationale in der Literatur des Rationalismus (Mün­
chen 1 966) , 1 1 8 .
7 1 GUSTAV SlEGERT, >Schalkhaft<, in: EncycJopädischcs
Handbuch der Pädagogik, hg. v. W Rein, Bd. 8 III. Theater als schöne Kunst
(Langensalza ' 1 908), 648.
72 GÜNTER BOSEilrn.1cH BRINKMANN, Circus. Ge­ (Schwerpunkt I 8 . und I 9. Jahrhundert)
schichte und Ästhetik einer niederen Kunst (Berlin
1 978), 5 3 . Theater spielte als praktische Bezugsgröße und
7 3 LÖWEN (s. Anm. 67) , 7o f. Denkmodell eine wichtige Rolle bei der Heraus­
74 >Künste: Schöne Künste<, in: SULZER, Bd. 3 ( 1 793), bildung ästhetischer Grundbegriffe zwischen l 7 50
80.
und 1 800. Kann man mit einiger Berechtigung da­
75 JOHANN WOLFGANG GOETHE an Heinrich Karl Ab­
raham Eichstädt (16. 12. 1 805), in: GOETHE (wA) , von ausgehen, daß sich die Ästhetik im 1 8 . Jh. aus
Abt. 2, Bd. 19 (1 895), 73 . dem Geiste der Rhetorik und in Ablösung von
III. Theater als schöne Kunst (Schwerpunkt 1 8 . und 1 9 . Jahrhundert) 61

dieser Grundlage konstituiert, s o ergeben sich ge­ den am gesellschaftlichen Maskierungszwang um


rade vor dem Hintergrund der systematischen In­ in zügellose Theaterleidenschaft; doch verkrampfte
strumentalisierung von Theater bemerkenswerte Lebensschauspielerei, das erweist sich schnell, läßt
Einsichten. Mit Blick auf > Theatralität< ist der span­ sich mitnichten einfach in befreiende Schauspiel­
nungsreiche Übergang vom Konzept des rhetori­ Kunst hinübertreiben. 80 Moritz analysiert voll
schen Instruments hin zu einem Begriff von Thea­ Selbstbetroffenheit einen exemplarischen Fall thea­
ter als >schöner Kunst< deshalb wichtig, weil sich tralischer Schizophrenie: »Reiser lebte im Grunde
darin Widersprüche auftun, die immer wieder auf immer ein doppeltes, ganz voneinander verschie­
Dimensionen theatraler Kultur j enseits des Kunst­ denes inneres und äußeres Leben«81 • Da eine pro­
theaters verweisen. Hierbei zeigt sich die begriffs­ duktive Vermittlung dieser beiden Sphären im ge­
geschichtliche Relevanz der materiellen Praxis. sellschaftlichen Alltag undenkbar ist, bleibt als ret­
Theater als metaphorisches Modell, als rhetori­ tender Ausweg nur ihre ganz bewußte und
sches Instrument und als schöne Kunst - im 19. Jh. selbstbestimmte Trennung voneinander. In Moritz'
treten diese drei semantischen Felder in ein sehr Verständnis von Autonomie, in dem sich auf be­
widersprüchliches Verhältnis zueinander, und ge­ merkenswerte Weise ein komplexer Begriff des
rade aus diesen Widersprüchen treten Ansätze je­ Theatralischen spiegelt, erscheint die Freisetzung
nes Begriffs von Theatralität hervor, der dann im individueller Kräfte als eine gesellschaftliche, als
20. Jh. zum Schnittpunkt interdisziplinärer Dis­ menschheitliche Aufgabe.
kurse wird. Die Autonomiekonzepte (Kant, Schiller, Mo­
ritz, Goethe) gegen Ende des l 8 . Jh. sind tief
verwurzelt in einer - durch englische und franzö­
1. A u tonomiekonzepte und Theaterkunst
sische Einflüsse inspirierten - Diskussion um den
Zweckgebundene Zergliederung des Menschen, Naturbegriff, um die Natürlichkeit menschlicher
mechanische Einfunktionierung in widersprüch­ Existenz und daraus ableitbare anthropologische
lichste Verhaltensrollen wird im l 8. Jh. immer Maßbilder für Politik und Gesellschaft. Gleichzei­
wieder aus verschiedensten Blickwinkeln kritisch tig gipfelt darin ein ästhetisches Denken, das sich
beleuchtet. Die Palette reicht von Shaftesbury, der seit Beginn des Jahrhunderts im Wechselverhältnis
sich bereits an1 Beispiel von »Wrestlers « , »Vaulters<(, mit der Entfaltung öffentlicher Kunstpraxis vertieft
»Racers«, »Riders«, »Tennis-Players«76 us\v. gegen hat. Theater (als Schauspielkunst, als Drama) hat
spezialistische Verarmung wendet, bis zu Adolph dabei eine wichtige Rolle gespielt. So korrespon­
Freiherr von Knigges Verachtung von Gesprächen, diert dann auch die Begründung der Ästhetik als
die »zur Hälfte aus gewissen Formeln bestehen« n philosophische Disziplin um die Jahrhundertmitte
Offenbar wird es immer komplizierter, den so­
zialen Spannungen mit angestrengter öffentlicher
Schauspielerei zu genügen. Während Lord Che­
sterfields Briefe an seinen Sohn Philip noch ganz 76 SHAFTESBURY, The Moralists ( 1 709) , in: SHAFTES­
BURY. Bd. 2/I ( 1 987) , 1 90.
von der Gewißheit getragen sind, daß eine zwar
77 ADOLPH FREIHERR VON KNIGGE, Über den Umgang
höchst aufWendige, aber erfolgversprechende Wei­ mit Menschen ( 1 7881 I 790) , hg. v. G. Ueding (Frank­
tervermittlung sozialer Rollenerfahrung möglich furt a. M. 1 977) , 50.
sei - »1 am going off the stage, you are coming 78 PHILIP D ORMER STANHOPE EARL OF CHESTERFIELD
an seinen Sohn Philip Stanhope (12. 10. 1 748), in:
upon it«78, - ist der psychologische Roman Anton
Chesterfield, The Letters, hg. v. J. Bradshaw, Bd. l
Reiser ( 1 7 8 5-1 790) von Karl Philipp Moritz lesbar (London 1 893), 1 56.
als eine quälende Bestandsaufnahme der geschei­ 79 KARL PHILIPP MORITZ, Anton Reiser. Ein psycholo­
terten Selbstdarstellung. Eine häufig variierte gischer Roman ( 1 786), hg. v. E.-P. Wieckenberg
Grunderfahrung des Helden kommt zum Aus­ (Leipzig 1 987) , 1 82 .
So Vgl. E CKEHARD CATHOLY, Karl Philipp Moritz und
druck, wenn es heißt: »Er hatte sich dabei auf eine
die Ursprünge der deutschen Theaterleidenschaft
sehr theatralische Szene gefaßt gemacht, die ihm (Tübingen 1 962) .
aber gänzlich mißlang«n Am Ende schlägt das Lei- 8 1 MORITZ (s. Anm. 79) , 1 87.
62 Theatralität

mit dramaturgischen und schauspieltheoretischen »Erörterung der Grundbegriffe des Dramatischen,


Neuansätzen. Theatralischen, Tragischen und Comischen« erinnert
Begriffsgeschichtlich aufschlußreich ist der Zu­ noch an diesen Hintergrund, wenn es heißt, der
sammenhang zwischen raumarchitektonischer Ab­ dramatische Dichter habe »einen Theil seines
geschlossenheit der Theaterwelt und ästhetischem Geschäftes mit dem Volksredner gemein«85. Aller­
Autonomiedenken. Parallel zur weiteren Ausbil­ dings zielt Schlegels Vergleich gerade nicht auf
dung der Ästhetik kommt es in Deutschland zu ei­ die zweckgebundene Öffentlichkeitsfunktion von
nem Aufschwung des Theaterbaus, und das Thea­ Theater als rhetorischem Instrument, sondern auf
ter entwickelt »eine geschlossene Berufssprache«82, die interne Bündelung der Aufmerksamkeit des
eine verbindliche Terminologie. 83 Im Laufe des Publikums vor dem Altar der dramatischen Kunst.
1 9 . Jh. gewinnt dieser Gesichtspunkt noch größe­ Rhetorik als hochkultivierter Apparat der kal­
ren Stellenwert. So liest man bei Friedrich Theo­ kulierten Verhaltensprägung wird im Laufe des
dor Vischer: »Das Theater insbesondere ist ein 1 8. Jh. immer mehr mit den Welten trügerischen
idealer Raum: das Ganze der Bühne und des Zu­ Scheins, mit der gesellschaftlichen Maschinerie des
schauerraums soll die Stimmung erregen, daß hier Rollenzwangs und der symbolischen Gewalt iden­
der reinste Auszug des Lebens in einer Handlung tifiziert. Dagegen richtet sich nicht zuletzt der Au­
sich aufrollt, und die Architektur hat dementspre­ tonomieansatz ästhetischen Denkens. In der er­
chend einen Boden, eine Umschließung zu schaf­ wähnten Schizophrenie des Anton Reiser klafft ein
fen, wie wir sie uns vorstellen, wenn wir reine Abgrund, der auch die Trennungslinie zwischen
Menschheit, frei von allem Druck des gemeinen Ästhetik und Rhetorik markiert. Oder aus ande­
Zufalls und Bedürfnisses, uns in der edelsten äu­ rer Perspektive betrachtet: diese Schizophrenie
ßern Umgebung denken. Das moderne Theater ist schreibt sich dem Begriff von >Theater< (als rheto­
wesentlich Innenbau«84. rischem Instrument par excellence) in dem Mo­
Doch die Auffassung von >Theater< als auto­ ment ein, da sich ästhetische Auffassungen von
nome, als schöne Kunst treibt gravierende Wider­ Kunst historisch durchsetzen.
sprüche hervor, die vielleicht exemplarisch für in­ Um 1 800 ändern sich die Leitbegriffe durchge­
nere Spannungen bei der Herausbildung ästheti­ hend: Das ästhetisch bildende Vergnügen, das
scher Grundbegriffe stehen. Warum aber treten zweckfrei Spielerische wird betont, das Theater als
solche Probleme mit Blick auf Theaterkunst stärker >moralische Anstalt<, >Richtstuhl<, >Sittenschule<,
ans Licht als bei anderen Künsten? >Kanzel<, als >Forum< oder >Podium< tritt in den
Philosophische Ästhetik hat sich unter dem Ein­ Hintergrund (in Zeitschriften für das breite Publi­
fluß rhetorischer Tradition entwickelt, in Alexan­ kum übrigens mit ca. fünfzehnjähriger Verzöge­
der Gottlieb Baumgartens Aesthetica (1 7501 ! 75 8) rung gegenüber der >Fachdiskussion<) . Auch die
sind die Fundamente der Rhetorik überall erkenn­ Inschriften der Schauspielgebäude werden dem
bar. Selbst August Wilhelm Schlegels ästhetische Trend der Zeit angepaßt.86 Solche äußerlichen Ak­
zentverschiebungen ändern jedoch nichts an der
Tatsache, daß Theater stets fest in die medialen
82 ALFRED SCHIRMER, Deutsche Wortkunde. Eine kul­
turgeschichtliche Betrachtung des deutschen Wort­ Strukturen der Öffentlichkeit eingebunden bleibt;
schatzes (Berlin 1 946) , 8 5 . ohne direkt anwesendes Publikum kann Theater­
8 3 Vgl. U R S MEHLIN, Die Fachsprache des Theaters. kunst keine Werke in die Welt setzen. Daher rührt
Eine Untersuchung der Terminologie von Bühnen­
dann auch die Tendenz, das >ästhetische Wesen<
technik, Schauspielkunst und Theaterorganisation
(Düsseldorf 1 969) . von Theater am Drama festzumachen, die Auffüh­
84 VlSCHER, Bd. 3 ( 1 922) , 305 . rung als bloße Umsetzung anzusehen, die Schau­
85 AUGUST WILHELM SCHLEGEL, Vorlesungen über dra­ spielkunst als >anhängende Kunst<. Die schizo­
matische Kunst und Literatur ( 1 80<)-1 8 1 1 ) , hg. v. phrene Disposition des ästhetisch begriffenen, des
G. V Amaretti , Bd. l (Bonn/Leipzig 1923), 23 .
Kunst-Theaters äußert sich denn auch besonders
86 Vgl. RUDOLF WEIL, Das Berliner Theaterpublikum
unter A. W Iffiands Direktion ( 1 796 bis 1 8 1 4) (Berlin kraß in einer seltsam gespaltenen Wirkungsstrate­
1 9 3 2) , 87. gie: Die Zuschauer sollen angesprochen, sollen ge-
III. Theater als schöne Kunst (Schwerpunkt I 8. und 19. Jahrhundert) 63

fesselt werden, gleichzeitig aber im Interesse der in die Circulation aller seiner wahren und gemachten
sich geschlossenen Kunstvollkommenheit am be­ Bedürfnisse in einen Palast einzuschließen, so fern
sten gänzlich verschwinden. es möglich ist, alle zerstreute Schönheit und
Der innere Zwiespalt von Theater als >rhetori­ Glückseligkeit in seine gläsernen Mauern zu ban­
schem Instrument< und >schöner Kunst<, der nen«911 - dieser demonstrative Fortschrittsglaube
zwangsläufig im ästhetischen Theaterbegriff gä­ wird l 8 5 1 ironischerweise mit dem industriellen
rende Dualismus, wird bereits sehr anschaulich im Warenspektakel des Londoner Kristallpalasts zur
Spielkonzept Friedrich Schillers. Es gelte »unsere paradoxen theatralen Realität. Der junge Schiller
Natur, welche die Kunst [und das heißt neben den konnte die öffentlichkeitsprägende Aura der Kunst
mechanischen Künsten auch: die Kunst der rheto­ noch mit unschuldigem Enthusiasmus beschwö­
rischen Einflußnahme, der symbolischen Gewalt - ren: »So gar Industrie und Erfindungsgeist könnten
d. Verf.] zerstört hat, durch eine höhere Kunst und würden vor dem Schauplaze Feuer fangem9 1 ;
wieder herzustellem87. Solche Überlegungen sind Richard Wagner dagegen beklagt voll Ernüchte­
vorbereitet worden durch Entwicklungen m rung, »daß die Kunst, statt sich von immerhin re­
Schauspieltheorie und Dramaturgie. Natürlichkeit, spektablen Herren, wie die geistige Kirche und
immer auch verstanden als Oppositionsformel ge­ geistreiche Fürsten es waren, zu befreien, einer viel
gen das Politikum öffentlicher Verstellungszwänge, schlimmeren Herrin mit Haut und Haar sich ver­
wird zum Wahrscheinlichkeitsgebot für Dramati­ kaufte: der Industrie«n Hatte die ästhetische
ker und Bühnendarsteller. Theorie seit Mitte des 1 8 . Jh. in immer neuen An­
Alle starren, erkünstelten Regeln sollen beiseite läufen versucht, die Produktivität menschlicher
gefegt werden: »Tombez, tombez, murailles, qui Sinnlichkeit angemessen auf den Begriff zu brin­
separent !es genres! Que le poete porte une vue li­ gen, so prägt nun die industrielle Praxis dem Reich
bre dans une vaste campagne.«88 Doch die Entfes­ der Sinne ihre Signaturen auf.
selung der produktiven Natur des Genies im Dien­ Entscheidend für viele, im einzelnen höchst un­
ste der Menschheit, als Stellvertreter der Mensch­ terschiedlich gelagerte Bezüge auf das semantische
heit, verlangt ihren Preis. Das Privileg der Feld >Theater< im 19. Jh. ist häufig der Versuch,
radikalen Grenzüberschreitung ist keineswegs kon­ jenseits der tatsächlichen Härte sozialer, ökonomi­
kret verallgemeinert denkbar, geschweige denn scher, juristischer und politischer Widersprüche,
realisierbar. Daher muß das programmatische Fal­ das Idealbild einer politischen Gemeinschaft am
len metaphorischer Mauern durch die Errichtung Maßstab j enes >Reiches des Spiels und des Scheins<
neuer Schranken abgesichert werden, wie sie De­ kritisch zu orientieren, das um l 800 zum ästhe­
nis Diderot bereits r 7 5 8 entworfen hatte - die tisch-philosophisch sanktionierten Bestimmungs-
>vierte Wand< als Geburtsnarbe eines ästhetischen
Begriffs >Theater<: »Les spectateurs ne sont que des
temoins ignores de la chose [ „ . ] . Soit clone que
vous composiez, soit que vous jouiez, ne pensez 87 FRIEDRICH SCHILLER, Ueber die ästhetische Erzie­
hung des Menschen in einer Reihe von Briefen
non plus au spectateur que s'il n'existait pas. Imagi­
( 1 795), in: S CHILLER, Bd. 20 ( I 962), 3 2 8 .
nez, sur Je bord du theatre, un grand mur qui vous 8 8 MERCIER ( s . Anm. 6 5 ) , I 0 5 .
separe du parterre; j ouez comme si la toile ne se le­ 89 DENIS DIDEROT, De l a poesie dramatique (1758), in:
vait pas.«89 DIDEROT (ASSEzAT) , Bd. 7 ( I 875), 340, 345.
90 GOETHE, [Rez.] Johann Georg Sulzer, D i e schönen
Künste in ihrem Ursprung, ihrer wahren Natur und
2. Theatralität und der Wandel der Öffentlichkeit besten Anwendung (1 772) , in: GOETHE (wA) , Abt. 1 ,
Bd. 3 7 ( 1 896), 2 r n .
im 1 9. Jahrhundert
9 r SCHILLER, Was kann eine gute stehende Schaubühne
Goethes ursprünglich dem Autonomiebegriff der eigentlich wirken? ( l 784) , in: SCHILLER, Bd. 20
(I 962) , 99.
Kunst und des Theaters verpflichtete Vision, der
92 RICHARD WAGNER, Die Kunst und <lie Revolution
Mensch strebe aus dem unwägbaren Reich der (1 849) , in: K. Hammer (Hg.), Dramaturgische Schrif­
Naturgewalten empor, »bis es ihm endlich gelingt, ten des 19. Jahrhunderts, Bd. r (Berlin 1 987), 6 8 3 .
64 Theatralität

ort der Künste geworden war. (Eine entscheidende D i e ganze kritisch intendierte Palette begriffs­
Ausnahme bildete allerdings der bei Marx ent­ geschichtlich relevanter Bezüge auf die Kulissen­
faltete Begriff der >ökonomischen Charakter­ haftigkeit und die Maskeraden von >Theater<, wie
maske<. 93) >Theater< hat als vielversprechendes wie überhaupt auf dessen Spiel mit Dimensionen von
auch täuschendes Denkmodell insofern eine Son­ Täuschung, Trug und Schein im 19. Jh„ läßt sich
derstellung inne, als es durch die Ereignishaftigkeit hier kaum andeuten und muß auf einige exempla­
seiner Existenzweise gleichsam das Ideal der Kunst rische Positionen beschränkt bleiben.
und der Gemeinschaft in einem sinnlich erfahrba­ Arthur Schopenhauers philosophisches Haupt­
ren Raum aufeinander beziehen kann. werk Die Welt als Wille und Vorstellung ( 1 8 1 9) läßt
In Friedrich Schleiermachers Versuch einer Theo­ sich in diesem Kontext lesen als hochkomplexe
rie des geselligen Betragens aus dem Jahre r 802 wird »Betrachtung des Schauspiels der Objektivation
Geselligkeit, unter explizitem Bezug auf dramatur­ des Willens«% In seinem Ringen um begrifiliche
gische Prinzipien und Begriffe, im wohlverstande­ Fundamente seiner Philosophie spiegelt sich die
nen Sinne zum Analogon einer idealen Gesell­ ganze Theatralität erfahrbarer Lebenszusammen­
schaft. Möglich ist ihm diese weitreichende Konse­ hänge als ein Wesen, das sich »in Millionen Gestal­
quenz, indem er das Ideal einer freien, d. h. von ten von endloser Verschiedenheit darstellt und so
den alltäglichen Schranken der Familie und des das bunteste und barockeste Schauspiel ohne An­
Berufs entbundenen Geselligkeit zum wollendeten fang und Ende aufführt« und das »hinter allen je­
System«94 einer tätigen Gemeinschaft verdichtet. nen Masken steckt, so dicht verlarvt, daß es sich
Ausgehend von Kant, der bereits 1 784 den wider­ selbst nicht wiedererkennt«97•
sprüchlichen Progreß menschheitlicher Kultur im Immer wieder kreisen auch Kierkegaards Über­
Begriff der »ungeselligen Geselligkeit«95 erfaßt legungen um das »Schauspiel des Lebens«98 als am­
hatte, entwirft Schleiermacher im Ideal freier Ge­ bivalentes semantisches Feld, dem sich unter­
selligkeit das autonome Kunstwerk einer Harmo­ schiedliche Bedeutungsebenen einschreiben, die
nie gemeinschaftlicher Tätigkeit. von detaillierten Beobachtungen wie etwa der
Tendenz zur »Schaustellung von Kunstfertigkeit«99
bis hin zur grundsätzlichen Feststellung reichen:
»Hinter der Welt, in der wir leben, fern im Hinter­
93 Vgl. MÜNZ (s. Anm. 29) , 3 9-47. grunde liegt eine andre Welt, die zu j ener ersten
94 FRIEDRICH DANIEL ERNST SCHLEIERMACHER, ungefähr in dem gleichen Verhältnis steht, in wel­
Brouillon zur Ethik ( 1 802) , in: Schleiermacher, Phi­ chem die Szene, die man im Theater mitunter hin­
losophische Schriften, hg. v. J. Rachold (Berlin
ter der wirklichen Szene sieht, zu dieser letzteren
I984) , 42.
95 IMMANUEL KANT, Ideen zu einer allgemeinen Ge­ steht.«100
schichte in weltbürgerlicher Absicht ( 1 784) , in: Extrem verschärft wird die kulturkritische Deu­
Kant, Von den Träumen der Vernunft. Kleine tung des Zusammenhangs von Theatralität und
Schriften zur Kunst, Philosophie, Geschichte und Öffentlichkeit schließlich bei Nietzsche. Abgese­
Politik, hg. v. S. u. B. Dietzsch (Leipzig 'I 9 8 1 ) , 207.
hen von zahllosen beiläufigen Bemerkungen gegen
96 ARTHUR SCHOPENHAUER, Die Welt als Wille und
Vorstellung ( I 8 19) , in: S CHOPENHAUER, Bd. 2 »die Barbarei des theatralischen Effekts« 101 und sei­
( 1 949) , 3 r 6 . ner Betonung, er sei »wesentlich antitheatralisch
9 7 Ebd„ B d . 3 (1949) , 3 6 2 . geartet« 102, ist dabei die fundamentale Bedeutung
98 KIERKEGAARD ( s . Anm. 4 8 ) , 50.
seines Ansatzes einer physiologisch fundierten Äs­
99 KIERKEGAARD, Eine literarische Anzeige ( r 846) , in:
KIERKEGAARD, Abt. 17 ( 1 954) , 76. thetik für die prinzipielle Revision ästhetischer
I OO KIERKEGAARD, Entweder - Oder ( 1 843 ) , in: KIER­ Grundbegriffe hervorzuheben, was sich unter aus­
KEGAARD, Abt. I (1956) , 3 2 8 . drücklichem Bezug auf historische Formen von
r o r NIETZSCHE, Nachgelassene Fragmente [ 1 8 80-1 8 8 1 ] , Theatralität bereits in der Geburt der Tragödie aus
in: NIETZSCHE ( KGA ) , Abt. 5 , B d . I (1973), 727.
102 NIETZSCHE, Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke
dem Geiste der Musik ( 1 8 72) abzeichnet. Solche
eines Psychologen ( I 8 89) , in: ebd„ Abt. 6, Bd. 3 Überlegungen weisen interessante Parallelen zur
( 1 969) , 4 I 7 . physiologischen Fundierung der >experimentalen
III. Theater als schöne Kunst (Schwerpunkt 1 8 . und 1 9 . Jahrhundert) 65

Ästhetik< b e i Gustav Theodor Fechner unter Be­ fentlichkeit, eine allgegenwärtige Verwandlung der
zug auf die Begriffe von Spiel bzw. »Schauspiel«1 03 Räume, der Dimensionen und Perspektiven öf­
sowie zur frühen Psychoanalyse bei Freud auf. fentlichen Ausdrucks. Das von Kant philosophisch
Werden allerdings bei Freud physiologische begründete Gesellschaftsmodell eines rationalen
Grundlagen psychischer Prozesse anfangs sehr stark öffentlichen Diskurses selbstbewußter Vernunfts­
mit Blick auf Instrumente und Apparate des Labo­ personen wird entzaubert durch den Eigensinn ka­
ratoriums begriffen - man habe sich »das Instru­ pitalistischer Rationalisierung. Damit wird auch
ment, welches den Seelenleistungen dient«, vorzu­ der Autoritätsanspruch eines Öffentlichkeitsideals
stellen »wie etwa ein zusammengesetztes Mikro­ des gedruckten Wortes in ein Licht des Zweifels
skop, einen photographischen Apparat u. dgl.« 104 - gerückt, überstrahlt durch die glitzernde Trivialität
spielen Begriffe von Drama und Theater in seinem neuer Verkaufsöffentlichkeiten. Das allmählich
methodischen Ansatz im Lauf der Zeit eine immer entfesselte Reklameschauspiel der Warenwelt, der
wichtigere Rolle, ansgehend von der These, daß städtische Rhythmus öffentlicher Auftritte, das all­
hysterische Anfalle »mimische Darstellungen von tägliche Gedränge der Massen, die kalkulierte Ver­
erlebten und gedichteten Szenen sind, welche die spieltheit der Mode - all das signalisiert einen
Phantasie der Kranken beschäftigen, ohne ihnen Wandel medialer Strukturen des öffentlichen Le­
bewußt zu werden«105. Man findet bei Freud nicht bens. 1 1 0 Hinzu kommt die technische Erfindung
allein differenzierte Unterscheidungen des sozia­ bislang ganz unbekannter Medien. Aus dem Dun­
len, psychologischen oder psychopathologischen kel photographischer Experimente treten mit im­
Dramas1 06, sondern gleichsam ein ganzes Theatra­ mer schärferer Kontur die faszinierenden Hiero­
litätskonzept, das nicht erst seit der Fundamental­ glyphen einer suggestiven Bildersprache auf den
kritik von Gilles Deleuze und Felix Guattari in Plan der Öffentlichkeit. So konstituiert sich, un­
L'Anti-CEdipe ( I 972) - »a l'inconscient comme merklich fast und dennoch überall spürbar, aus un­
usine, on a substitue un theatre antique; aux unites zähligen Fragmenten eine wirkungsmächtige Rhe­
de production de l' inconscient, on a substitue la torik qualitativ neuer Symbolsysteme.
representation« 107 - eine überaus wichtige Rolle Einerseits bildet der Übergang zum I 9 . Jh. eine
bei der Revidierung oder Dekonstruktion ästheti­ diskursgeschichtliche Epochenschwelle, an der sich
scher Grundbegriffe im 20_ Jh. spielen soll.
Begrif!liche Koordinatensysteme werden im
I 9 . Jh. durch massenhaft verwandelte Wahrneh­
mungsgewohnheiten und sinnliche Reize erschüt­
tert. »Welche Veränderungen müssen jetzt eintre­ 103 GUST A V THEODOR FECHNER, Zur experimentalen
Aesthetik, in: Abh. Kg!. Sächs. Ges. d. Wiss. I 4
ten in unserer Anschauungsweise und in unseren ( 1 8 7 1 ) , 30.
Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von 1 04 FREUD , Die Traumdeutung (r 900) , in: FREUD (cw) ,
Zeit und Raum sind schwankend geworden«1 08, Bd. 213 (London 1 942) , 5 4 I .
berichtet Heinrich Heine I 843 aus Paris. Sofern 105 FREUD , Das Interesse a n der Psychoanalyse ( 1 9 I 3) ,
i n : ebd., B d . 8 (London I 945), 3 99.
aber nun tradierte Begriffssysteme sich um ihrer
1 06 Vgl. FREUD (s. Anm. 5 8) , 658 f.
konservierten Reinheit willen immer stärker ge­ 1 07 GILLES DELEUZE/FELIX GUATTARI, L'Anti-CEdipe
gen die Metamorphosen der Wirklichkeit abkap­ (Paris I 972), 3 1 .
seln, wird metaphorisches Denken als grenzüber­ 108 HEINRICH HEINE, Lutezia. Berichte über Politik,
Kunst und Volksleben ( I 8 54 [Artikel vom 5. 5 .
schreitende Alternative erprobt, eine breite Ent­
1 843]), in: HEINE (HSA) , Bd. I I ( 1 974) , 1 82 .
wicklung, die bei Nietzsche zweifellos einen r o9 NIETZSCHE, Über Wahrheit und Lüge i m aussermo­
gewissen Kulminationspunkt erreicht; als exempla­ ralischen Sinn { I 873), in: NIETZSCHE (KGA) , Abt. 3 ,
risch darf angesehen werden, wenn er I 873 Bd. 2 (1973), 3 74.
schreibt: »Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches I I O Vgl. WALTER BENJAMIN, Das Passagen-Werk (entst.
I 927-1 940) , in: BENJAMIN, Bd. 5 ( I 9 9 I ) ; CHRI­
Heer von Metapherrn109.
STOPH ASENDORF, Batterien der Lebenskraft. Zur
Sprachlichem Krisenbewußtsein korreliert im Geschichte der Dinge und ihrer Wahrnehmung im
I 9 . Jh. eine durchgreifende Umgestaltung der Öf- I 9 . Jahrhundert (Berlin I 984) .
66 Theatralität

gewissermaßen das Licht der Aufklärung bricht raturzentrismus bildet sich an der Wende zum
und zu einem vielfarbigen Spektrum aufschlußrei­ 20. Jh. die Theaterwissenschaft heraus. Allerdings
cher Fragestellungen ausdifferenziert. Zum ande­ verbindet sich deren Entstehung mit einer seltsa­
ren aber ragen die Schatten des 1 9 . Jh. bis in die men begrifl:lich-theoretischen Paradoxie: Zu einer
Gegenwart und deuten damit auf den primären Zeit nämlich, da durch die europäischen Avantgar­
Ursprungsort vieler gravierender Probleme hin. debewegungen der tradierte Kunstbegriff grund­
Guy Debords Diagnostizierung einer Socifte du sätzlich in Frage gestellt wird1 12, etabliert sie sich
spectacle ( 1 9 7 1 ) etwa wäre gar nicht denkbar ohne als neue Kunstwissenschaft mit dem Ziel, gegen
die erwähnte Konstituierung einer Rhetorik quali­ die Dominanz des Dramas die theatralische Auf­
tativ neuer Symbolsysteme im vergangenen Jahr­ führung als eigenständige Kunst zu behaupten. In
hundert. Bei Richard Sennett schließlich münden ihrem erklärten Anspruch, Theater als besondere
materialreiche Studien zum Wandel des öffent­ Kunstgattung begrifl:lich auszudifferenzieren, ist
lichen Lebens nicht zufällig in die zugespitzte For­ Theaterwissenschati: jedoch schon bald durch Ent­
mulierung: »The 1 9th century is not yet over.«1 1 1 wicklungen in der kulturellen Praxis geradezu
überrollt worden. Theatrale Darstellungen erlan­
gen - verbreitet durch immer weiter reichende
Medientechnik, durch großangelegte Veranstaltun­
IV Theatralität und Medienkultur gen in Politik, Sport, Musikkultur - eine unge­
(Schwerpunkt 20. Jahrhundert) heure Vielfalt und rhetorische Tiefenwirkung auf
ein Massenpublikum. Theatrale Wirkungsstrategie,
Im Zuge werkästhetischer Orientierungen zu Be­ genau erprobt und verfeinert im experimentellen
ginn des 1 9 . Jh. wird das 'Theatralische< als ästheti­ Spielraum der Kunst, wird übertragen auf ganz an­
scher Grundbegriff dem dramatischen Kunstwerk dere Ebenen des öffentlichen Lebens. Immer deut­
theoretisch zugeordnet. Diese Nobilitierung zum licher zeichnen sich solche Entgrenzungen von
Grundbegriff hat j edoch mit dem interdisziplinä­ Theater als wesentliche praktische Tendenz ab.
ren Diskurselement > Theatralität< nicht viel ge­ Bertolt Brecht mit seinen Überlegungen zum
mein; im Gegenteil - eine derartige hierarchische Theater des Alltags113 und Artaud mit seiner zuge­
N euverortung geht eher mit einer systematischen spitzten Problematisierung (»toutes !es limites sil­
Verdrängung wesentlicher Seiten eines komplexen lonnant Ja theatralite«1 14) markieren gleichsam zwei
Theaterbegriffs und damit verbundener begriffsge­ Pole in einem Feld solcher praktisch-experimen­
schichtlich relevanter Spuren von >Theatralität< tellen Ansätze. Weitreichende theoretische Konse­
einher. quenzen dieser Entgrenzungen sind erkennbar im
Nicht zuletzt als Gegenreaktion auf diesen äs­ Spiegel einer interdisziplinären Diskussion, die
thetisch begründeten und begrifl:lich fixierten Lite- sich seit Ende der r 96oer Jahre zunehmend um ei­
nen Begriff von Theatralität herauskristallisiert. Im
Mittelpunkt steht dabei nicht zuletzt der medien­
bedingte Umbruch von Zeichensystemen und
1 I I RICHARD SENNETT, The Fall of Public Man (Cam­
bridge u. a. 1 977) , 27. Wahrnehmungsgewohnheiten als weltweites Kul­
1 1 2 Vgl. KARLHEINZ BARCK, >Avantgarde<, in: Barck turproblem; schon aus diesem Grunde ist die Dis­
u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 1 (Stutt­ kussion vom Wesen der Sache her international
gart/Weimar 2000) , 5 44-577.
und interkulturell orientiert. Hinzu kommt ein
1 1 3 Vgl. HEBACH (s. Anm. 6) ; SCHRAMM, Das Haus der
Täuschungen (Bacon) . Einige Überlegungen zu weiterer Aspekt, der in den letzten Jahren immer
Brechts Ansatz eines >alltäglichen Theaters<, in: W mehr an Bedeutung gewonnen hat: ein wachsen­
Heise (Hg.) , Brecht 8 8 . Anregungen zum Dialog des Problembewußtsein für die Performanz von
über die Vernunft am Jahrtausendende (Berlin 1 987) , Wissen, für die Tatsache, daß sich unter dem Ein­
48-68.
l 1 4 JACQUES DERRIDA, Le theatre de la cruaute ( 1 966) ,
fluß neuer Medien die Produktion, Speicherung
in: Derrida, L' ecriture et la difference (Paris 1 967) , und Vermittlung von Wissen fundamental verän­
3 59. dert.
IV. Theatralität und Medienkultur (Schwerpunkt 20. Jahrhundert) 67

1 . Theatralität als interdisziplinäres Diskurselement piert werden oder nicht: entscheidend ist dabei
stets die Beobachterperspektive.
In seinem komplizierten Bau erweckt das seman­ Die damit verbundene Infragestellung eines tra­
tische Feld >Theatralität< geradezu den Anschein dierten Begriffs von Theater als Kunst berührt auf
eines Labyrinths. Hinzu kommt die Vernetzung ähnliche Weise auch andere Künste. Im Zeichen
mit ähnlich strukturierten Diskurselementen, die neuer Medien werden Fragestellungen laut, die im
vor dem Hintergrund medientechnischer Ent­ Rahmen hergebrachter Gattungsbegriffe nur ab­
wicklungen in den letzten Jahren größere Bedeu­ surde Legitimationsdiskurse heraufbeschwören.
tung erlangt haben, wie >Üralität<, >Performance<, Treffend konstatierte Friedrich Kittler seinerzeit:
>Körperlichkeit<, >Inszenierung<, >Ereignis< u. a. m. »Statt immer zu fragen, was die Heraufkunft von
Von einer abstrakt fixierten, metatheoretischen Medien den Künsten bringt, wäre umgekehrt zu
Zentralperspektive her läßt sich definitiv kein untersuchen, ob nicht die Medien selber zu Kün­
Überblick mit Tiefenschärfe organisieren. Folgt sten einer technischen Zeit geworden sind und ih­
man aber den verschiedenen Spuren nur einiger­ ren Stellenwert übernommen haben.«1 19 So kann
maßen konsequent, so muß disziplinäre Umgren­ denn auch der Entgrenzung des Theaterbegriffs in
zung ständig überschritten werden. Das themati­ Richtung Alltagserfahrung nicht etwa durch die
sierte Problem des Umbruchs von Sprachweisen bloße Erweiterung der Grenzen des Kunstbegriffs
und Wahrnehmungsgewohnheiten wird somit auf entsprochen werden. Es geht nicht mehr nur um
spezifische Weise gewissermaßen auch methodolo­ die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwer­
gisch erfahren. kes, sondern eher um die synergetische Verschmel­
Die von Brecht bereits in den 3oer Jahren unter zung von Technologien, Sprachsystemen und äs­
dem Einfluß von Radio und Film thematisierte thetischen Reizen, d. h. um ein völlig verändertes
>Theatralität des Alltags< wird nach dem 2. Welt­ Koordinatensystem heterogener Wirklichkeiten.
krieg, als einer Urerfahrung physischer Gewalt im In der Komplexität des Theatralitätsbegriffs spie­
20. Jh., von Henri Lefebvre in seiner Critique de la gelt sich eine kaleidoskopische Realität, eine Welt
vie quotidienne ( 1 947) ganz explizit unter dem der tiefgestaffelten Scheinbilder, die Überlagerun­
Aspekt symbolischer Gewalt problematisiert. "5 In gen der Medialität audiovisuellen Scheins mit einer
ähnlicher Weise i mpli zi eren auch die 1 9 5 7 publi ­ kon1plexen >>optique de l'illusion rnotrice<, 1 20 ent-
zierten Mythologies von Roland Barthes einen Be­
zug auf theatrale Seiten alltäglicher Erfahrungen
im Zeichen medial geprägter Verbreitungsmuster. 1 1 5 Vgl. HENRI LEFEBVRE, Critique de la vie quoti­
Eine breite Diskussion um Alltagsästhetik, verbun­ dienne (Paris 1 947) , 74 f.
1 1 6 Vgl. MICHEL DE CERTEAU , L'invention du quotidien:
den mit der Suche nach alternativen Lebensent­ les arts de faire (Paris 1980); PETER BÜRGER, Der All­
würfen sowie Kultur- und Kunstkonzepten, ent­ tag, die Allegorie und die Avantgarde. Bemerkungen
wickelt sich schließlich in den 7oer und Soer Jah­ mit Rücksicht auf]. Beuys, in: Merkur 40 (1986), 1 2 ;
ren und fördert dabei immer neue Gesichtspunkte HANS-GEORG S OEFFNER, Stil und Stilisierung. Punk
oder die Überhöhung des Alltags, in; H. U. Gum­
von Theatralität insbesondere in der medialen In­
brecht/K. 0. Pfeiffer (Hg.), Stil. Geschichten und
szenierung von Politik zutage. 1 1 6 Wichtig ist hier­ Funktionen eines kulturwissenschaftlichen Diskurs­
bei: Alltag ist im wesentlichen unspektakulär und elements (Frankfurt a. M. 1986), 3 1 7-3 4 1 ; MICHEL
dennoch theatralisch, denn es gibt ein unsichtbares MAFFESOLI, Theatralität, die das alltägliche Drama
Theater des Alltags. Sehr prägnant heißt es dazu konstituiert, übers. v. K. Lehnert, in: Ästhetik und
Kommunikation, H. 67/68 ( 1 987). 3 3-34.
bei Lyotard: »Cacher - montrer: Ja theatralite« 1 n 1 1 7 LYOTARD, La dent, la paume ( 1 972), in: Lyotard,
Damit ist gemeint, daß »la mise e n scene, techni­ Des dispositifs pulsionnels (1973; Paris 1980) , 89.
que d' exclusions et d' effacements, qui est activite r r 8 LYOTARD. L'acinema (1973), in: ebd., 60.
politique par excellence« 1 18, sowohl in ihren spek­ 1 1 9 FRIEDRICH KITTLER, Synergie von Mensch und Ma­
schine, in: F. Rötzer/S. Rogenhofer (Hg.), Kunst
takulären wie auch unauffälligen Formen darauf
machen? Gespräche und Essays (München 199 1 ) , 9 3 .
abzielt, Normalisierungsdispositive zu etablieren. 1 2 0 PAUL VIRILIO, L'horizon negatif. Essai d e drorno-
Die inszenierte >Normalität< kann als Theater rezi- scopie (Paris 1 984) . 1 64.
68 Theatralität

springt. Die damit verbundene Habitualisierung tung des Theaterdispositivs für seinen innovativen
von Wahrnehmungsweisen beeinflußt nicht nur Forschungsansatz wird offenbar, wenn er zum Po­
das Verhältnis zur Wirklichkeit. Betroffen ist die stulat erhebt, daß alle von ihm behandelten poeti­
gesamte Strukturierung der menschlichen Exi­ schen Tatbestände »participent en quelque maniere
stenz, d. h. anthropologische Fragestellungen er­ :l. ce qui fait l' essence du theatre; que tout ce qui
weisen sich unter völlig verändertem Vorzeichen est dit de celui-ci peut, d'une certaine maniere,
als relevant. Bezeichnenderweise durchwandert das l'etre d'eux« (56). Im Kapitel >Presence du corps<
klassische >Subjekt< die kulturphilosophischen führt Zumthor explizit den Begriff der Theatralität
Suchtexte nun als >fremden, als >Nomade<, >Reise­ ein; seine Schlußfolgerungen reichen bis in bri­
voyeur<, >telematischer Mensch<, >Passagier<, als sante kulturelle Veränderungen hochindustrialisier­
>fraktales Subj ekt< und immer wieder auch als ter Länder der Gegenwart hinein, bis hin zur
>Rollenspielen, >Schauspielen. Die fiktive Einheit »emergence d'un sujet >theatral«< (286) im perfor­
des Subj ekts zergliedert sich in einem Spektrum mativen Kontext der Postmoderne.
disparater Wahrnehmungswelten. Zwischen die­ Die Analyse moderner Systeme als >Gesellschaf­
sem Prozeß des radikalen Hervortretens der Diffe­ ten des Spektakels<122, das Interesse an der Struk­
renz aus der trügerischen Einheit der Person und turierung sozialen Rollenverhaltens Wir alle spie­
-

dem Ende der Autonomie von Kunst besteht ein len Theater ( 1 969) heißt denn auch die deutsche
fundamentaler Zusammenhang. Übersetzung von Erving Goffmanns Presentation of
Als interdisziplinäres Diskurselement zieht Seif in Everyday Life ( 1 959) hängt auf fundamen­
-

Theatralität schnell das Interesse von Disziplinen tale Weise mit der Revolutionierung von Medien­
wie Soziologie, Psychologie, Kultur- und Kunst­ technologien zusammen. Die Entfaltung einer fa­
wissenschaften, Medienwissenschaft, reflexiver Li­ cettenreichen »Medien-Theatralität« 123 wirkt als
teraturwissenschaft, historischer Anthropologie mächtiger Verstärker bei der Habitualisierung fei­
und Ethnologie auf sich. Impulse wurden auch bei ner Unterschiede von Sprach- und Verhaltensmas­
der völligen Neuformierung ganzer Forschungs­ ken. Aber die Medien dienen keineswegs nur als
richtungen, wie z. B. der Oralitätsforschung, wirk­ technische Träger von Botschaften, vielmehr ver­
sam. Besonders deutlich wird dies in dem 1983 ändern sie durch das ihnen innewohnende Zusam­
veröffentlichten, richtungsweisenden Werk Intro­ menspiel zwischen hochkomplexen Zeichensyste­
duction a la poesie orale des Mediävisten Paul Zum­ men und Technologie unser gesamtes Verständnis
thor. Das Auftreten von Erzählern, fest verankert von Sprachkultur grundlegend. Gerade die Be­
in der Kultur archaischer Gesellschaften, belegt für trachtung von sprachlicher Kommunikation unter
Zumthor ein tiefes Bedürfnis, »clont la manifesta­ dem pragmatischen Aspekt der Performanz macht
tion Ja plus revelatrice est sans doute l'universalite deutlich, inwiefern Theatralität als interdisziplinä­
et la perennite de ce que nous designons du terme res Diskurselement Brücken zwischen weit ausein­
ambigu de theatre«1 2 1 • Die fundamentale Bedeu- anderliegenden Gebieten zu schlagen vermag:
Plötzlich treten höchst anregende Berührungs­
punkte zwischen der Analyse moderner Medien­
1 2 1 PAUL ZUMTHOR, Jntroduction a Ja poesie orale (Pa­
ris 198 3 ) , 5 3 . kultur und der anthropologischen Erforschung
1 2 2 Vgl. FERDINAND MOUNT, The Theatre o f Politics oraler Kulturen hervor.
(London 1 972) ; UMBERTO ECO, Spektakel-Knltur Abgesehen davon, daß Formen des Rituals in den
( 1 980) , übers. v. B. Kroeber, in: Theater heute I I
Strukturen hochentwickelter Gesellschaften weiter
( 1 984) , 1-3 ; GAUTAM DASGUPTA, The Theatricks of
Politics, in: Performing Arts Journal 1 1 (1988), H. 2, wirksam sind, ergeben sich für die Untersuchung
77-8 3 ; MICHAEL ROGIN, >Make my Dayk Spectacle theatralischer Dimensionen moderner Gesellschaf­
as An1nesia in ltnperial Politics, in: Representation ten bzw. bei der Betrachtung von Theater als Para­
29 (1 990) , 99- 1 2 3 . digma der Modeme wichtige Anregungen aus der
1 2 3 FIEBACH, Zur Geschichtlichkeit der Dinge und der
Perspektiven. Bewegungen des historisch materiali­
Arbeit der ethnologischen Feldforschung mit dem
stischen Blicks, in: R. Möhrmann (Hg.) , Theater­ Theatermodell. Das methodologische Problembe­
wissenschaft heute (Berlin 1 990) , 3 84. wußtsein innerhalb der Ethnologie schärft sich im
IV Theatralität und Medienkultur (Schwerpunkt 20. Jahrhundert) 69

Laufe ihrer Entwicklung an einem ihr innewohnen­ Forschungsrichtung heraus) , auf der anderen Seite
den, grundlegenden Konfliktpotential, ist sie doch wird sich Theaterwissenschaft der kunstwissen­
»d'abord une science europeenne utilisant, filt-ce a schaftlichen Beschränktheit ihres Gegenstandes
son corps dffendant, !es concepts de Ja tradition. Par und der Fragwürdigkeit ihres Begriffs von Theater
consequent, qu'iJ Je veuille Oll non, et ceJa ne de­ gerade auch im Lichte einer gewachsenen Auf­
pend pas d'une decision de !' ethnologue, celui-ci merksamkeit für nichteuropäische Kulturen und
accueille dans son discours !es premisses de !' ethno­ ethnologische Fragestellungen bewußt. Wenn etwa
centris1ne au moment memc oll il le dbnonce.<<124 Joachim Fiebach seit Anfang der 7oer Jahre die tra­
Die Versuche, über das Theatermodell Beobach­ ditionellen Grenzen des Theaterbegriffs und damit
tungs- und Erklärungsstrategien zu entwickeln und das gesamte Gegenstandsfeld der Theaterwissen­
zu verfeinern, erwachsen nicht zuletzt aus dem Be­ schaft einer systematischen Revision unterzog, so
streben, solche Bindungen an tradierte Begriffe zu hängt dies gewiß auch mit seinen Studien zur eu­
relativieren oder zu unterlaufen. Damit eröffnen ropäischen Theateravantgarde des 20. Jh. zusam­
sich allerdings eine Reihe neuer Komplikationen, men, mehr noch aber mit seiner Hinwendung zur
d. h. die feste Einbindung in traditionelle europäi­ Untersuchung von Theaterformen in Afrika.127
sche Denkstrukturen kann sich auf anderer Ebene Durch die reflexive Ethnologie wurde die Rela­
reproduzieren. Deutlich wird dies beispielsweise, tion zwischen Beobachter und Beobachtungsge­
wenn Victor Turner sein ethnologisches Konzept genstand exemplarisch als methodologisches Pro­
des sozialen Dramas in strikter Analogie zu konven­ blem erkannt. Es gibt keine absolute Distanz zwi­
tionellen Theaterformen entwirft; so geht er etwa schen Beobachter und Obj ekt, und folglich keine
davon aus, daß die Form des sozialen Dramas »clo­ >Objektivität< der Wahrnehmung und des Verste­
sely corresponds to Aristotle's description oftragedy hens. Der Beobachter ist immer auch Konstruk­
in the Poeties« 125. Der Ethnologe Fritz Kramer, der teur seines Gegenstandes.
sich, wenn auch aus ganz anderer Perspektive (Ak­ Von solchen Voraussetzungen her zeigt es sich,
zentuierung der Beziehungen zwischen Besessen­ daß Theatralität nicht allein als eine spezifische
heit und Kunst) , intensiv mit theatralen Elementen Form (mehr oder weniger spektakulärer) Bewe­
nichteuropäischer Kultur beschäftigt hat, wirft gungen oder Sprachen aufzufassen ist, sondern daß
Turner denn auch vor, er bewege 11sich ganz in1 sie auch durch eine besondere Form der Wahr­
Bannkreis einer spezifisch modernen Konfronta­ nehmung hervorgebracht wird. Elizabeth Bums
tion mit dem Fremden« 126. entwickelte bereits r 972 die These, Theatralität
Die anregende Kraft der Ethnologie für andere (>theatricality<) sei primär als Wahrnehmungsmodus
Disziplinen resultiert insgesamt aus derartigen kon­ (>particular viewpoint<, >mode of perceptiorn) auf­
troversen Diskussionen, in denen zwangsläufig die zufassen, relevant als Publikumsbegriff (>audience
gesamte europäische Kultur- und Wissenschafts­ term<) ; die Frage, ob Verhaltensweisen als >theatrali­
geschichte kritisch hinterfragt wird. Das Theater­ sche< beobachtet und bewertet werden, sei nicht
modell spielt dabei allein schon aufgrund des maß­ vom aktiven Handeln allein abhängig, sei »not sim­
geblichen Beobachtungsgegenstandes eine wich­ ply a matter of degrees of demonstrativeness« 1 w
tige Rolle: In oralen Kulturen fügen sich Elemente
wie Masken, Tänze, Erzählungen, Gesänge, ritu­
elle Handlungen zu einem komplexen Gefüge 124 DERRIDA, La structure, Je signe et Je jen dans Je dis­
cours des sciences humaines ( 1 966) , in: Derrida (s.
theatralisch relevanter Strukturen.
Anm. 1 14) , 4 1 4.
Ein interessanter Gesichtspunkt der interdiszipli­ 1 2 5 VICTOR TURNER, From Ritual to Theatre. The Hu­
nären Theatralitätsdiskussion der letzten Jahrzehnte man Serionsness of PJay (New York 1 982), 72.
besteht nun in folgender Tendenz: Auf der einen 126 FRITZ w . KRAMER, Der rote Fes. Über Besessenheit
Seite kristallisieren sich in der Ethnologie wichtige nnd Knnst in Afrika (Frankfurt a. M. 1987), 2 3 8 .
127 Vgl. FIEBACH, Die Toten als die Macht der Leben­
methodologische Diskussionen um das Für und den. Zur Theorie und Geschichte von Theater in
Wider des Theaterbegriffs (mit der >performativen Afrika (Berlin 1 986) .
Ethnographie< bildet sich gar eine eigenständige 1 2 8 BURNS (s. Anm. 1 1) , 20.
70 Theatralität

Die gleiche Situation kann aus extrem unterschied­ tur dieser beiden Weltbilder sind bezüglich Frage­
lichen, ja gegensätzlichen Blickwinkeln betrachtet stellung, Sprachgebrauch und was wir >Erklärung<
werden, Theatralität konstituiert sich j edoch nur im nennen, fundamental verschieden [ . . . ] . Diese Ein­
Rahmen bestimmter Rezeptionsweisen. Wodurch sicht gibt dem Problem der Wahrnehmung eine
wird aber die Art des Zuschauens eigentlich qualita­ völlig neue Perspektive: es sind die durch Bewe­
tiv bestimmt? So lautet ihre zentrale Frage, und eine gung hervorgebrachten Veränderungen des Wahr­
entscheidende Antwort darauf kristallisiert sich für genommenen, die wir wahrnehmen. Wie der Bio­
sie am Begriff der gesellschaftlichen Konventionen. loge Humberto Maturana sagt: >Wir sehen mit un­
In diesem Sinne verbindet sich die Frage nach seren Beinen<.«129 Mit diesen Ausführungen gerät
Dimensionen der Theatralität also stets aufs engste erneut der Typus des Wanderers, des Nomaden,
mit dem Problem der Intensität von Wahrneh­ des Flaneurs in den Blick. So ist es denn auch kein
mungsweisen. Die plötzliche Erschütterung blind Zufall, wenn der Ethnologe Klaus-Peter Koepping
praktizierter Gewohnheiten kann eine starke In­ die Simmelsche Figur des Fremden zum »Idealtyp
tensivierung vorhandener Wahrnehmungsmuster des ethnographischen Forschers«13u qualifiziert.
mit sich bringen; Brecht hat versucht, diesen Sach­ Festzuhalten wäre hier nun, daß sich die theatra­
verhalt als theatrale Verfremdungstechnik zu in­ lisch relevante Verfremdung von Zuschauerposi­
strumentalisieren. Solche ereignishaften Brüche tionen sowohl in der Dimension des Zeitlichen als
etablierter Ordnungssysteme können sich auf un­ auch in der des Räumlichen abspielen kann und
terschiedlichsten Ebenen als kultureller Entwer­ daß beides strukturell miteinander korrespondiert.
tungsschub auf vorhandene Muster beziehen. In Diese Korrespondenz ist vor allem deshalb zu be­
diesem Sinne gibt es eine Affinität zwischen ästhe­ achten, weil sich darin mit aller Konsequenz jene
tischen, wahrnehmungsbedingten Seiten von Verschiebungen von Raum-Zeit-Konstellationen
Theatralität und Begriffen wie >Revolution<, >Epo­ unter dem Einfluß neuer Medien abzeichnen, in
chenschwelle<, >rites de passage< (bei Arnold van deren Folge nicht nur der Rhythmus von Lebens­
Gennep) , >rupture epistemologique< (bei Gaston formen und Denkweisen einem umfassenden
Bachelard) , >ökonomisch-soziale Blickschranke< Wandel unterliegt, sondern auch der seit dem
(bei Ernst Bloch) , >paradigm shift< (bei Thomas 1 8 . Jh. durchgesetzte Geschichtsbegriff. Auf wel­
S. Kuhn) , >transgression< (bei Foucault) . che Weise ein Begriff von Theatralität dazu beitra­
Auf einen begriffigeschichtlich relevanten Aspekt gen kann, neue Zugangsweisen zum >geschichtli­
macht Heinz von Foerster aufmerksam, wenn er chen Raum< zu entdecken und zu erproben, zeigt
1989 schreibt: »Es ist ganz erstaunlich, wie sehr Hayden White 1 973 in seinem Konzept der Meta­
sich das Weltbild ändert, wenn man die Guckka­ h isto ry .131 Wesentliche Anregungen für ein interdis­
stenphilosophie des unbeteiligten Beschreibers mit ziplinäres Neuverständnis von Raum-Zeit-Dimen­
der Einsicht des mitfühlenden Beteiligten ver­ sionen finden sich aber bereits bei Bachelard. Sein
tauscht. Ja sogar die logische (semantische) Struk- einflußreiches Werk La poetique de l'espace ( 1 957)
verdient u. a. deswegen besondere Aufmerksam­
keit, weil Bachelards wissenschaftliche Entwick­
1 29 HEINZ VON FOERSTER, Wahrnehmen, in: Philoso­
phien der neuen Technologie, hg. v. Ars Electronica lung auf exemplarische Weise durch Grenzüber­
(Berlin 1989), 36. schreitungen zwischen Natur- und Geisteswissen­
1 3 0 KLAUS-PETER KOEPPING, Authentizität als Selbstfin­ schaft gekennzeichnet ist. Als Mathematiker und
dung durch den anderen: Ethnologie zwischen En­
Philosoph wendet er sich Fragen des dichterischen
gagement und Reflexion, zvv1schen Leben und Wis­
senschaft, in: H.-P Duerr (Hg.) , Authentizität und Bildes, der Psychologie und historischen Formen
Betrug in der Ethnologie (Frankfurt a. M. 1 987), der Imagination zu; bezogen auf raumzeitliche Di­
2 7 f. mensionen des Denkens und der Sprache spricht
1 3 1 Vgl. HAYDEN WHITE, Metahistory. T h e Historical er bezeichnenderweise vom »theatre du passe
Imagination in Nineteenth-Century Europe (Balti­
qu'est notre memoire«132•
more 1973 ) , 1 9 1-229.
1 3 2 GASTON BACHELARD, La poetique de l'espace (Paris So konnten sich Untersuchungen von Theatrali­
1 9 5 7) , 27. tät unter dem Aspekt der Wahrnehmungsweise im
IV Theatralität und Medienkultur (Schwerpunkt 20. Jahrhundert) 71

ersten Fall (d. h. als historische Forschung) u m Epi­ relle Veränderungen weitreichende Konsequenzen
zentren kultureller Entwertungsschübe kristallisie­ für die Produktion, Speicherung, Systematisierung
ren. Im zweiten Fall läuft das Interesse u. a. auf und Vermittlung von Wissen implizieren. Insbe­
Wahrnehmungsumbrüche bei der Begegnung von sondere der Wandel im Verhältnis von Textualität
Fremdkulturen im Ereignisraum der Gegenwart und Performativität wirkt sich auf den Status tra­
hinaus. Wie sehr ein theatralisch relevanter Wahr­ dierter wissenschaftlicher Disziplinen, Methoden
nehmungsmodus gerade von solchen interkulturel­ und Begriffe aus. Daher kann es kaum verwun­
len Bewegungen forciert werden kann, wird dern, daß internationale Diskussionen um >Science
exemplarisch deutlich, wenn Richard Schechner StudieS< und Wissenschaftsgeschichte seit den 8oer
Indien als eine einzige, riesige »performance« 133 Jahren einen enormen Aufschwung erfahren.°7
betrachtet oder wenn Roland Barthes »le spectacle Die Beobachtung theatraler Momente des Wissens
de la rue j aponaise (ou plus generalement du lieu ist letztlich im weitgefacherten Kontext dieser Dis­
public )« 134 schildert. kurse zu verorten.
Nicht zuletzt der totalen Veränderung des gan­ Zunächst ist allerdings zu fragen, worin die spe­
zen Koordinatensystems von Raum-Zeit-Struktu­ zifische Leistungsfähigkeit des Theatralitätsbegriffs
ren ist es geschuldet, daß Diagnosen zur Wahrneh­ im gegebenen Zusammenhang zu sehen ist. Dazu
mungskultur und zu Problemen der Aisthesis heute kann man sagen, daß die vielschichtige Problema­
buchstäblich existentielle Wichtigkeit erlangen. tik der Performanz von Wissen insbesondere mit
Gleichzeitig deutet sich in dieser Symptomatik an, Blick auf die grundsätzliche Beziehung von Wis­
daß wir uns mitten in einem kulturellen Entwer­ senschaft und Kunst von Interesse ist. Dabei han­
tungsschub befinden, der alles bisher Dagewesene delt es sich seit j eher um eine widersprüchliche
an Komplexität und Geschwindigkeit übertrifft. Relation, die im 20. Jh. auffälligen Veränderungen
Vor diesem Hintergrund überlagern sich jetzt unterliegt, welche sich speziell dem Theater sym­
Aspekte der Theatralität mit solchen der tech­ ptomatisch einschreiben. Als hochkomplexes kul­
nisch-medialen Simulation. Das Wahrnehmungs­ turelles System, das potentiell alle anderen Künste
problem erlangt unter solchen Vorzeichen eine umfaßt, ist Theater unter dem Einfluß neuer Me­
völlig neue Größenordnung und verbindet sich auf dien in besonderem Maße gezwungen, seine Posi­
qualitativ neue Weise mit dem Status des Denkens tion im dynamischen Wandel von Wahrneh­
und der Einbildungskraft. In diesem Kontext er­ mungs-, Bewegungs- und Sprachformen immer
scheint folgendes durchaus nicht übertrieben oder wieder neu zu bestimmen. Auf unterschiedlichste
bloß im oberflächlichen Sinn metaphorisch: Mit Weise werden daher praktische Bezüge zwischen
der weiteren Entwicklung hochkomplexer Com­ Wissenschaft und Theater unter dem Signum des
puter- nnd Medientechnologie kommt etwas auf Experimentierens reflektiert. Beachtung verdienen
den Beobachter zu, das bislang nur auf der Bühne in diesem Kontext auch solche Arbeiten, in denen
der Philosophie als Modell existierte - »das Schau­ direkte Bezüge zwischen konkreten historischen
spiel des Denkens«135.

2. Bühnen des Wissens r 3 3 RICHARD SCHECHNER, A Letter from Calcutta, in:


Schechner, Performative Circun1stances from the
Mit einem kurzen Ausblick auf solche Ansätze Avant Garde to Ramlila (Kalkutta 1 9 8 3 ) , XI.
134 ROLAND BARTHES, L'empire des signes (Paris 1 970) ,
von Theatralität, in denen sich theater- und
ro6.
wissenschaftsgeschichtliche Perspektiven kreuzen, 1 3 5 BALDRILLARD, Videowelt und fraktales Subjekt,
schließt sich gleichsam der Kreis: Ging es anfangs übers. v. M. Rüb, in: Philosophien der neuen Tech­
um die Begründung und Erprobung neuer Ansätze nologie (s. Anm. 1 29) , 127.
von Wissen(schaft) im Lichte der Theater- Meta­ 136 Vgl. S CHRAMM u. a. (Hg.) , Bühnen des Wissens. In­
terferenzen von Wissenschaft und Kunst (Berlin
pher, so richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf
2003 ) .
>Bühnen des Wissens<136 unserer Tage. Entschei­ 1 3 7 Vgl. MARIO BIAGIOLI (Hg.), The Science Studies
dend ist, daß neue Medientechniken und kultu- Reader (New York 1 999) .
72 Theatralität

Theaterformen und wissenschafts- bzw. technikge­ ner listigen Vernunft< zu fassen. 139 Es entstanden
schichtlichen Entwicklungen der j eweiligen Zeit bemerkenswerte Arbeiten zum Verhältnis von
hergestellt werden. 138 Theater und Philosophie. 140 In den 9oer Jahren
Konzeptionell ausbaufähige Untersuchungen werden schließlich im Lichte des Theatralitätsbe­
des Zusammenspiels theater- und wissenschaftsge­ griffs vielfältige Bezüge zwischen Computer,
schichtlicher Entwicklungen sind j edoch erst auf Techniken des Denkens und Theater reflektiert.141
Basis jener kulturwissenschaftlichen Neuansätze Wenn dabei allerdings zuweilen allzu mechanisch
von Theatralität möglich gewesen, die nicht nur versucht wird, Brücken zwischen interaktiven
das Gegenstandsfeld enorm erweiterten, sondern Computertechnologien und klassischen Theater­
auch Fragestellungen, methodisches Vorgehen, Be­ dramaturgien zu schlagen, werden die performati­
griffe substantiell beeinflußten. Daraus wiederum ven Seiten heutigen Wissens eher verzerrt als ge­
erwuchsen vielfältige Impulse für die Erforschung klärt.
historischer Theatralitätsformen. Indem auf diese Ein qualifizierter Begriff von Theatralität, der
Weise der kulturprägende Zusammenhang von sich nicht einseitig an der Textualität dramaturgi­
> Theatralität und Repräsentation< immer stärker scher Strukturen, sondern eher am performativen
ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, geraten Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung
zwangsläufig auch wesentliche Relationen zwi­ und Sprache orientiert, kann j edoch dazu beitra­
schen Theater- und Wissenschaftsgeschichte auf gen, aufschlußreiche Bezüge zwischen Theater­
völlig neue Weise in den Blick. und Wissenschaftsgeschichte zu entdecken. Dabei
So versucht Yehuda Elkana, im Rahmen seines ist zu beachten, daß sich der Aufbau historischer
Entwurfs einer Anthropologie der Erkenntnis, die Konfigurationen des Wissens mit einer Stilisierung
>Entwicklung des Wissens als episches Theater ei- dreier Kulturfaktoren - nämlich Wahrnehmung,
Bewegung und Sprache - verbindet. Genau darin
aber deutet sich eine bemerkenswerte Beziehung
1 3 8 Vgl. FRANCES A. YATES, The Art of Memory (Lon­ zwischen Theater- und Wissenschaftsgeschichte
don 1 966) ; MARGRET DIETRICH, Vom Einfl u ß der an. Keinem anderen traditionellen Kulturphäno­
Mathematik und Mechanik auf das Barocktheater men ist nämlich das kunstvoll stilisierte Zusam­
(Wien/Köln/Graz 1 970) ; PHILIP BUTTERWORTH,
menspiel von Wahrnehmung, Bewegung und
Theatre of Fire. Special Effects in Early English and
Scottish Theatre (London 1 998) . Sprache in gleichem Maße eigen wie dem Theater.
1 3 9 Vgl. YEHUDA ELKANA, Anthropologie der Erkennt­ Zwischen der Verortung des Beobachters im Re­
nis. Die Entwicklung des Wissens als episches Thea­ präsentationsraum der Wissenschaft und der raum­
ter einer listigen Vernunft, übers. v. R. Achlama zeitlichen Organisation von Sehen, Sprechen,
(Frankfurt a. M. 1 986).
1 40 Vgl. MARCO BAS CHERA, Das dramatische Denken. Handeln im Kanon europäischer Theaterformen
Studien zur Beziehung von Theorie und Theater bestehen aufschlußreiche Bezüge.
anhand von 1. Kants >Kritik der reinen Vernunft< Parallel zum Aufkommen und zur immer stär­
und D. Diderots >Paradoxe sur Je comediern (Heidel­ keren Differenzierung eines solchen Theatralitäts­
berg 1 989); CONSTANTIN BOUNDAS /DOROTHEA
begriffs als interdisziplinäres Diskurselement sind
OLKOWSKI, Gilles Deleuze and the Theatre of Phi­
losophy (New York 1 994) . seit Ende der 6oer Jahre in verstärktem Maße Ver­
1 4 1 Vgl. CHARLES D . LAUGHLIN JR./JOHN MCMANUS/ öffentlichungen zu verzeichnen, in denen Wissen­
EU GENE o ' AQUILI, The Theater of Mind, in: schaftsgeschichte mehr oder weniger explizit als
Laughlin/McManus/d'Aquili, Brain, Symbol & Ex­ Kulturgeschichte in Erscheinung tritt und die zahl­
perience. Toward a Neurophenon1enology of Hu­
man Consciousness (Boston/Shaftesbury 1 990) , reiche konkrete Befunde zur Inszenierung, Kon­
2 1 2-237; BRENDA LAUREL, Cmnputer as Theatre struktion bzw. Performanz von Wissen enthal­
(Addison 1991); JANET H. MURRAY, Hamlet on the ten.142 Die bis in die jüngste Zeit reichende Fülle
Holodeck. The Future of Narrative in Cyberspace von Publikationen einer kulturgeschichtlich ange­
(Cambridge 1 997) .
legten Wissenschaftsgeschichte, deren Resultate
142 Vgl. FOUCAUlT, Les tnots et les choses. Une ar­
cheologie des sciences humaines (Paris 1 966) ; FOU­ zur Theatralität von Wissen auf produktive Weise
CAULT, L'archeologie du savoir (Paris 1 969) ; HANS mit Ergebnissen der theaterwissenschaftlichen For-
IV. Theatralität und Medienkultur (Schwerpunkt 20. Jahrhundert) 73

schung korrespondieren, kann hier kaum skizzen­ !es Modell, in: Fischer-Lichte, Ästhetische Erfahrung.
haft angedeutet werden. 1 43 Im Rahmen solcher Das Semiotische und das Perfonnative (Tübingen/Basel
200 1) , 269-3 43 ; FISCHER-LICHTE, ERIKA (Hg.) , Theatra­
Forschungsansätze finden sich, allein schon auf­
lität und die Krisen der Repräsentation (Stuttgart/Wei­
grund ihrer synchronischen Komplexität, auch be­ mar 2001 ) ; KOTTE, ANDREAS, Theatralität: Ein Begriff
merkenswerte Spuren einer grundlegenden Ver­ sucht seinen Gegenstand, in: Forun1 modernes Theater
netzung mit Fragen der Ästhetik und der Kunst. I3 (1 998) , H. 2, 1 1 7- 1 3 3 ; MATALA DE MAZZA, ETHELI
PORNSCHLEGEL, CLEMENS (Hg.), Inszenierte Welt.
Zum Kristallisationspunkt solcher Bezüge werden
Theatralität als Argument literarischer Texte (Freiburg i.
insbesondere j ene Untersuchungen, in denen es Br. 2003 ) ; MÜNZ, RUDOLF, Theatralität und Theater.
um konkrete Strategien des exakten Beobachtens Zur Historiographie von Theatralitätsgefügen, hg. v.
und damit um eine Problematisierung von Kon­ G. Amm (Berlin I 998) ; NEUMANN, GERHARD /PROSS,
ventionen, Stilisierungen, Techniken der Wahr­ CAROL!NE/WILDGRUBER, GERALD (Hg.) , Szenogra­
phien. Theatralität als Kategorie der Literaturwissenschaft
nehmung geht.
(Freiburg i. Br. 2000) ; SCHECHNER, RICHARD, Perform­
Die konzeptionsbildende Qualität eines solchen ance Theory 1 970--1 976 (New York 1 977) ; S CHRAMM,
thematischen Schwerpunktes erschöpft sich aber HELMAR, Karneval des Denkens. Theatralität im Spiegel
keineswegs im Herausarbeiten einer historischen philosophischer Texte des I 6. und I 7. Jahrhunderts (Ber­
lin I 996) ; THORET, YVES, La theatraJite: etude freudienne
Typologie des wissenschaftlichen Beobachtens. 1 44
(Paris 1993) ; TURNER, VICTOR, From Ritual to Theatre.
Produktive Inspirationen erwachsen vor allem aus The Human Seriousness of Play (New York 1982) ;
Korrelationen zu jener ästhetischen Wende, die ZU.MTHOR, PAUL, lntroduction J la poesie orale (Paris
sich seit Mitte der 7oer Jahre abzeichnet und in de­ 1983) .
ren Zentrum Fragen der Wahrnehmung stehen.145
So gewinnt allmählich ein Begriff von Aisthesis
Kontur, der sich geradezu als programmatischer
Schnittpunkt interdisziplinärer Diskurse erweist
und der erheblich dazu beiträgt, mitten im Zen­
trum wissenschaftsgeschichtlicher Gegenstände äs­
thetische Fragestellungen, Bezüge auf Kunst, Poe­
sie, Phantasie zu entdecken, und damit auch spe­ BLUMENBERG, Der Prozeß der theoretischen Neu­
gierde (Frankfurt a. M. 1973 ) ; RUDOLF ZUR LIPPE.
zielle Fragen nach der Theatralität von Wissen. Naturbeherrschung am Menschen, 2 Bde. (Frank­
furt a. M. 1 974) ; WOLF LEPENIES, Das Ende der
Heimar Schramm Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständ­
lichkeit in den Wissenschaften des 1 8 . und I9. Jahr­
hunderts (München 1 976) .
143 Vgl. SIMON S CHAFFER, Natural Philosophy and
Literatur Public Spectacle in the Eighteenth Century, in: His­
BALME, CHRISTOPHER B . / HASCHE, CHRISTA/MÜHL­ tory of Science 2I ( 1983) , I- 43; MICHEL SERRES
BENNINGHAUS, WOLFGANG (Hg.), Horizonte der E1nan­ (Hg.) , Elements d'histoire des sciences (Paris I989) ;
zipation. Texte zu Theater und Theatralität (Berlin JAN GOLINSKI, Science as Public Culture. Chem.is­
1 999) ; BOURGAUX, JACQUES, Possessions et simulacres. try and Enlightenment in Britain I 760-- 1 820 (Cam­
Aux sources de la theatralite (Paris 1 973 ) ; BURNS, ELIZA­ bridge I 992) ; SARAH SCHECHNER GENUTH, Comets,
BETH, Theatricality. A Study of Convention in the Thea­ Popular Culture, and the Birth of Modem Cosmol­
tre and in Social Life (London 1 972) ; DEBORD, GUY, ogy (Princeton 1 997) .
La societe du spectacle (1 9 7 1 ; Paris 1 989) ; ELKANA, I 44 Vgl. LUDWIK FLECK, Über die wissenschaftliche Be­
YEHUDA, Anthropologie der Erkenntnis. Die Entwick­ obachtung und die Wahrnehmung im allgemeinen
lung des Wissens als episches Theater einer listigen (1 9 3 5) , in: Fleck, Erfahrung und Tatsache. Gesam­
Vernunft, übers. v. R. Achlama (Frankfurt a. M. 1986) ; melte Aufsätze, hg. v. L. Schäfer/T. Schnelle
FEBVRE, MICHELE, Danse contemporaine et theJ.tralite (Frankfurt a. M. I 9 8 3) , 5 9- 82; HENNING KLAUSS,
(Paris I995) ; FERAL, JOSETTE (Hg.) , Sub-Stance. A Re­ Zur Genealogie des wissenschaftlichen Blicks (Ol­
view of Theory and Literary Criticism, Sondernummer denburg I986) ; ULRIKE H!CK, Geschichte der opti­
>Theatricality•, Bd. 3 1 (Madison 2002) ; FIEBACH, JOA­ schen Medien (München 1 999) .
CHIM, Keine Hoffnung, keine Verzweiflung. Versuche 145 Vgl. BARCK u. a. (Hg.), Aisthesis: Wahrnehmung
um Theaterkunst und Theatralität (Berlin 1 998) ; FI­ heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik
SCHER-FICHTE, ERIKA, Theatralität: Theater als kulturel- (Leipzig 1 990) .
74 Tradition - Innovation

Tradition - Innovation tionen entweder dem Neuen oder dem Alten den
Vorzug gibt, bezeichnet es die Prozessualität inner­
(griech. rrapa5ocnc; - cXVaKaJVWO'\t;; lat. traditio -
halb eines kulturellen bzw. künstlerischen Bezugs­
innovatio; engl. tradition - innovation;
systems. Der Dualismus Tradition - Innovation ist
frz. tradition - innovation; ital. tradizione -
untrennbar mit den Topoi verbunden, welche die
innovazione; span. tradici6n - innovaci6n;
Modeme beschreiben; insbesondere ist ihm j ener
russ. Tpa.r:u.11111l! - HOBaTopcrno)
Topos eingeschrieben, wonach »das Kunstwerk {„ .]
1. Wort- und Begriffsgeschichte; a) Tradition;
sich im Streit eines Gegensatzes«1 entfalte.
b) Innovation; c) Tradition - Innovation; II. Tradition
als Problem der Kulturtheorie; l . Lateinische Antike: a) Tradition
imitatio und aemulatio; 2. Mittelalter: Die Kraftlinien In der Geschichte des Begriffs Tradition, abgeleitet
des typologischen Denkens; 3. Renaissance und Manie­
risn1us; 4. Die >Doctrine classique<; 5 . Die >Querelle des
von lat. traditio >Auslieferung, Übergabe; Vortrag,
anciens et des modernes<; III. Die neue Rede von der Lehre, Satzung<, aber auch >Verrat< (zu lat. tradere,
Tradition; r . Voraussetzungen; 2. Identität und Ideo­ >übergeben, weiterreichen, aushändigen; anver­
logie; 3 . Fixierung des idealistischen Traditionsbegriffi; trauen; übereignen, verkaufen; aufzeichnen;
rv. Der Weg in die Moderne; l. Tradition zwischen
schriftlich oder mündlich mitteilen, berichten,
Historisn1us und Voluntarismus; 2. Neue Technik - neue
Kunst; V. Funktionalisierungen; l. Tradition und vortragen, lehren<, auch >ausliefern, verraten<),
>literarische Evolution<; 2. >Ästhetische Innovation< als geht die Geschichte der Terminologie von >Über­
Effekt; 3. Tradition, >Latenz< und das n1essianische Neue; gabehandlungen< und >Überlieferungen< in unter­
4. Tradition in der kritisch-rationalen Wissenschafts­ schiedlichen rechtlichen, politischen, gesellschaft­
theorie; 5. Innovation in der informationstheoretischen
und semiotischen Ästhetik; VI. Reibungsverluste:
lichen, wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen
Tradition - Innovation in der Postmoderne Bereichen auf.2 Eine erste fachterminologische
Einschränkung von tradere/traditio findet durch
das antike Rechtssystem statt, in der griech.
rrapabiö6vm (seltener die Nominalbildung
1. Wort- und Begriffsgeschichte rrapci5ocr1c;) und lat. tradere rechtlich relevante
Übergabevorgänge bezeichnen. 3 Auf weitere grie­
chische und lateinische Besetzungen zurückge­
Tradition - Innovation dient als oppositionelles hend, steht seit der Antike lat. traditio (griech.
Begrifüpaar zur Bezeichnung von Entwicklungen rrapciöocr1c;) für das >Weiterreichen von Wissen,
im Spannungsfeld von Kontinuität und Wandel. Normen und Fertigkeiten<. Im Rhetorikunterricht
Als Topos in der Ästhetik oft mit einer wertenden werden tradere und docere häufig als Synonyme
Bedeutung versehen, die an kulturellen Manifesta- verwendet.
Bestimmt Tradition letztlich jede Religion, so
bilden - im Gegensatz zu den antiken Religionen
- Judentum und Christentum theologische Sy­
r BEAT WYSS, Der Wille zur Kunst. Zur ästhetischen
steme heraus, in denen der Überlieferungstenni­
Mentalität der Modeme (Köln 1 996), 94.
2 Vgl. VOLKER STEENBLOCK, >Tradition<, in: RITTER, nologie eine wichtige Funktion zufallt, wobei v. a.
Bd. r o ( 1 998). ! ) 1 5 - 1 3 29. das Neue Testament diese entfaltet und in der Patri­
Vgl. WALTER MAGASS, Tradition - Zur Herkunft eines stik die apostolische Sukzession legitimiert.4 Für
rechtlichen und literarischen Begriffs, in: Kairos 24 das Judentum erfolgten Repristination und Kodifi­
(1 982), 1 1 0-1 20; SIEGFRIED WIEDENHOFER, >Tradi­
tion, Traditionalismus<, in: KOSELLECK, Bd. 6 ( 1 990) , zierung der Überlieferung (Tradition) unter persi­
6o8 ff. scher Fremdherrschaft: Die Kolonisatoren bedien­
4 Vgl. NIKLAS LUHMANN, Die Religion der Gesellschaft ten sich der Überlieferung, um sich zu Beschüt­
(Frankfurt a. M. 2000) , 63 f. ; YVES M . -J . CONGAR, La zern dieser Völker aufzuschwingen. Zugleich
tradition et !es traditions, Bd. l (Paris 1 960) , 20-24.
wurde aus dem entpolitisierten Kanon die Gewalt
Vgl. JAN ASSMANN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift,
Erinnerung und politische Identität in frühen Hoch­ des prophetischen Wortes getilgt: Tradition trat in
kulturen (München 32000) , 207 f. ein Spannungsverhältnis zur Offenbarung.5
1. Wort- und Begriffsgeschichte 75

Lat. traditio erfuhr zunächst seine Prägung lieferung: Tradition wird damit zum Garanten ei­
durch die Theologie in Wortverbindungen wie ner politischen Legitimität, die sich nicht mehr
»traditio evangelica«6 als >Überlieferung einer ausschließlich religiös begründet. Damit unter­
Lehre<. Für die Reformation ist traditio gleichbe­ scheidet sich Tradition von bloßer Konvention:
deutend mit den von Luther als traditiones horni­ »Sobald die Konvention sich der Regelmäßig­
num denunzierten Dogmen und Glaubenssätzen keiten des Handelns bemächtigt hat, aus einem
der katholischen Kirche, mit einer Entfremdung >Massenhandeln< also ein >Einverständnishandeln<
von der Offenbarung. 7 Bei dem wissenschaftskriti­ geworden ist [ . . . ), wollen wir von >Tradition< spre­
schen Renaissancedenker Heinrich Cornelius chen.«15 Das im 1 8 . Jh. einsetzende geschichtsphi­
Agrippa von Nettesheim hingegen wird die Tradi­ losophische Denken bereitet schließlich den Bo­
tion gleichgesetzt mit der prophetischen Rede, auf den für das Etablieren von Tradition als »Verhält­
der letztlich die wahre Theologie gründe: »Wie nis-Kategorie, die auf geschichtliche Bewegung
die Prophetie die Rede von Propheten, so ist diese verweist« 16. Zunächst postuliert die Theologie im
Art der Theologie nichts anderes als die Überliefe­ Gegensatz zu rnillenaristischen Bewegungen eine
rung von Theologen, d. h. von Männern, die mit
Gott reden.« (Quamadmodum Prophetia est sermo
Prophetarum, sie Theologia non est aliud quam
traditio Theologorum, hoc est, cum Deo loquen­ 6 TERTULLIAN, Adversus Marcionem 5, 19, 1, in: CCHR
(L ) , Bd. III (I954), 720; vgl. TERTULLIAN, De prae­
tium.)8 scriptione haereticorum 2 1 , 6, in: ebd., 230.
Mit den für das Lateinische genannten Bedeu­ 7 Vgl. MARTIN LUTHER, Acta Augustana ( I 5 1 8), in: Lu­
tungen gelangt traditio in die europäischen Volks­ ther, Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 2 (Weimar
sprachen: Die Verwendung von Tradition im Sinne I 8 84) , I 7 ; PHILIPP MELANCHTHON, Die Augsburgi­
sche Konfession ( 1 5 3 0) , in: Die Bekenntnisschritten
von >Verrat< ist im Deutschen vereinzelt (16. Jh.),
der evangelisch-lutherischen Kirche, hg. im Gedenk­
im Englischen dagegen häufiger belegt ( I 5 . -
jahr der Augsburgischen Konfession 1930 (Göttingen
1 7 . Jh.) .9 Seit dem 1 3 . Jh. im Französischen10 und 6 1 967) , 69 f. ; GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Soge­
Italienischen 1 1 und seit dem l 6. Jh. im Deutschen 12 nannte Briefe an den Herrn Doktor Walch (entst.
und Englischen ist Tradition (tradieren) bzw. tradi­ 1 779) , in: LESSING ( GÖPFERT ) , Bd. 7 ( I 976) , 677-708 .
HEINRICH CORNELIUS AGRIPPA VON NETTESHEIM,
tion/tradizione auch in der Rechtssprache für be­ De incertitudine et vanitate scientiarum atque artium
stimmte Formen der Eigentumsübergabe nachge­ liber ( I 5 3 I ; Leiden I 644) , 289; dt. : Über die Frag­
wiesen, so in den j uristischen bzw. rechtsphiloso­ würdigkeit, ja Nichtigkeit der Wissenschaften, Künste
phischen Überlegungen Kants. 1 3 In der Bedeutung und Gewerbe, übers. v. G. Güpner, hg. v. S. Wollgast
{Berlin 1 993 ) , 246.
von >Weitergabe von Glaubensgrundsätzen, Tech­
9 Vgl. •tradieren<, in: GRIMM, Bd. I I I I / I ( I 9 3 5 ) , 1022;
niken und (Fach-) Wissen (von Generation zu Ge­ >Tradition<, in: OED, Bd. I 8 (' I 989), 3 5 3 .
neration)< ist Tradition in den Volkssprachen seit 1 0 Vgl. >Tradition•, in: P. Imbs (Hg.), Tresor de Ja langue
dem 14. Jh. (engl.) bzw. dem 1 7 . Jh. (frz. und dt.) franyaise, Bd. I6 (Paris 1 992) , 444 f.
und in der Bedeutung >mündliche oder schriftliche 1 1 Vgl. >Tradizione<, in: N. Tonunaseo, Dizionario della
lingua italiana, Bd. 4/z (Pisa/Rom/Neapel I 879) ,
Überlieferung (traditio oralis/literalis) von Vergan­
l53I.
genem (oft im Sinne von Sage, Mythos oder Le­ I 2 Vgl. >Tradition<, in: GRIMM, Bd. I I / 1 / i ( I 9 3 5 ) ,
gende)< seit dem r 7. Jh. (ital. 1 6 . Jh. , j edoch nur 1 022-102 5 .
für die mündliche Überlieferung) verbreitet. Für I 3 Vgl. IMMANUEL KANT, Die Metaphysik der Sitten
(I785), in: KANT ( wA ) , Bd. 8 (9 1991), 3 87.
die beiden letztgenannten Bedeutungen wird im
I 4 Vgl. > Überlieferung<, in: GRIMM, Bd. I l lz (I 936),
Deutschen seit dem 16. Jh. parallel das Wort 3 97-3 9 8 .
>Überlieferung< verwendet. 14 Mit dem ausgehen­ 1 5 MAX WEBER, Wirtschaft u n d Gesellschaft. Grundriß
den l 8. Jh. löst sich der Begriff Tradition immer der verstehenden Soziologie ( 1 922; Tübingen 5 I 980) ,
mehr aus dem religiösen Kontext und bezeichnet I92.
I 6 ROBERT WElMANN, Tradition als literar-geschichtli­
nun in allen Bereichen des Lebens eine die Identi­ che Kategorie, in: Wein1ann, Literaturgeschichte und
tät einer sozialen Gruppe und schließlich eines Mythologie. Metliodologisclie und historische Stu­
Staatswesens (Nationalstaat) begründenden Über- dien ( I 97 1 ; Frankfurt a. M. I 977), 42.
76 Tradition - Innovation

»statische Zeitstruktur«17, die dann zum Funda­ ou changement important qu'on fait dans le gou­
ment für politische Prognostik und Legitimations­ vernement politique d'un etat, contre l'usage & !es
strategien wird. regles de sa constitution.« Solch tiefgreifende Ver­
änderungen seien nur mit Bedacht und - wenn die
b) Innovation Ordnung ihrer wirklich bedürfe - nach den Re­
Innovation findet seit Beginn des 1 9 . Jh. als aus geln der Vernunft durchzuführen: » Les revolutions
dem lat. innovatio (>Erneuerung, Veränderung<; zu que le temps amene dans le cours de la nature, arri­
lat. innovare, >erneuern<) entlehntes Fremdwort vent pas-a-pas; il faut dune imiter cette lcnteur
Eingang in deutsche Wörterbücher - möglicher­ pour !es innovations utiles qu'on peut introduire
weise über frz. innovation. Der Gebrauch bleibt dans !' etat; car il ne s' agit pas ici de celles de la po­
bis ins 20. Jh. vorrangig auf die Bereiche Wissen­ lice d'une ville particuliere.«21 Im 19. Jh. warnt der
schaft und Technik beschränkt. 18 Die frühesten Be­ Architekturtheoretiker Eugene-Emmanuel Viol­
lege für die Entlehnung von lat. innovatio in den let-Le-Duc vor einem »demon de l'innovation«,
Volkssprachen finden sich im Französischen seit einem Geist, der »avec toutes !es traditions«22 bre­
dem ausgehenden r 3. Jh. als Terminus der Rechts­ che. 1 8 8 3 gebraucht Joris-Karl Huysmans innova­
sprache zur Bezeichnung bestimmter Formen der tion zur Bezeichnung fundamentaler Neuerungen
Schuldübernahme. 19 Bis weit ins 1 9 . Jh wird frz. im Umgang mit künstlerischen Materialien: »II
innovation überwiegend in ähnlichem Kontext faut avoir frequente !es expositions successives des
wie das aus dem Französischen entlehnte dt. Inno­ Independants pour bien apprecier taute l'innova­
vation gebraucht: als »innovation scientifique«20. tion que ces artistes ont apportee, au point de vue
Bereits seit dem r 8 . Jh. ist j edoch noch eine wei­ materiel, dans l' ordonnance de leurs cruvres. «23
tere Bedeutung zu verzeichnen. In der Encyclopedie Das englische Verbalabstraktum innovation ist
steht >Innovation< u. a. für einen politischen (revo­ seit dem 16. Jh. als Vorgangs- und Handlungsbe­
lutionären) Umbruch, der zunächst im Wider­ zeichnung (>erneuern, Einführen von Neuerun­
spruch zu den Gesetzen des Gemeinwesens steht - gen, Veränderung von Bestehendem< - bei Shake­
und damit auch j eder Tradition i. S. von kultureller speare auch >Umwälzung, Revolution, lat. nova
und politischer Identität widerspricht: »nouveaute, res<) und als Zustandsbezeichnung (>Neuerung,
Neueinführung, neue Verfahrensweise<) belegt;
erst im 1 9 . Jh. wird es auch als juristischer Termi­
nus gebraucht24; seit Mitte des 20. Jh. bezeichnet
r7 REINHART KOSELLECK, Vergangene Zukunft. Zur es in der angloamerikanischen Wirtschaftssprache
Semantik geschichtlicher Zeiten (Frankfurt a. M. vorrangig die Einführung eines neuen Produktes
1 989), 3 3 .
1 8 Vgl. ARNOLD ZINGERLE, >Innovation<, in: RITTER, bzw. ein neues Produkt auf dem Markt, schließlich
Bd. 4 ( 1 976) , 39 1-3 9 3 . auch grundlegende Neuerungen in allen Berei­
1 9 Vgl. >Innovation<, in: Tresor d e l a langue franyaise (s. chen bzw. diese herbeiführende Handlungen oder
Anm. I O) , Bd. J O (Paris 1983), 259; Vorgänge.25 Unter angloamerikanischem Einfluß
20 HONORE DE BALZAC , La comedie humaine. Avant­
findet dt. Innovation (Adj ektiv: innovativ) bald
propos ( 1 842) , in: Balzac, La comedie humaine, hg. V.
P.-G. Castex, Bd. 1 (Paris 1 976) , 7. Eingang in die Fachterminologie der Wirtschaft;
2 I LOUIS DE JAlH"'.OURT, >Innovation<, in: DIDEROT in den 1 96oer Jahren erfolgt dann eine dem anglo­
(ENCYCLOPEDIE) , Bd. 8 ( 1 765), 7 5 5 . amerikanischen Gebrauch entsprechende Bedeu­
22 EUG:ENE EMMANUEL VIOLLET-LE-DUC, Entretiens tungserweiterung; das Adjektiv innovativ kann sich
sur l'architecture (Paris 1 863), 1 2 5 .
2 3 J ORIS-KARL HUYSMANS, L'art moderne ( 1 8 8 3 ) , in: überdies auf die Disposition für Neuerungen be­
Huysmans, <Euvres completes, hg. v. C. Grolleau, ziehen. Über die substantivischen und adjektivi­
Bd. 6 (Paris 1 929) , 274. schen Komposita sowie über die mit dem Adj ektiv
24 Vgl. >Innovation<, in: OED, Bd. 7 (' 1989) , 998. innovativ gebildeten Wortverbindungen >Innovati­
2 5 Vgl. >Innovation<, in: BRUDER CARSTENSEN, Anglizis­
onsgeist<, >Innovationsbereitschafü, >innovations­
men-Wörterbuch. Der Einfluß des Englischen auf
den deutschen Wortschatz nach 1945, Bd. 2 (Berlin/ freudig<, >innovativer Geist< u. ä. entsteht in der
New York 1 994) , 703 . Alltagssprache eine semantische Unschärfe von In-
I. Wort- und Begriffsgeschichte 77

novation bzw. innovativ zu >Originalität<, >Kreati­ Darüber hinaus artikulieren sie in der Folgezeit
vität< bzw. >kreativ<; eine entsprechende semanti­ das seit der Aufklärung bewußt problematisierte
sche Unschärfe findet sich auch in engl. innovation Spannungsverhältnis zwischen kollektivem An­
bzw. innovative. spruch und Individuum; sie verweisen auf einen
Es gilt festzuhalten, daß dt. Innovation und engl. noch nicht zum Abschluß gelangten Prozeß der
innovation nach 1 945 zunächst überwiegend in Theorien- und Begriffsbildung, den Wilfried Bar­
den Fachterminologien von Ökonomie, Soziolo­ ner pointiert: »Der temporale wie der soziale
gie und Technik auftreten und erst nach und nach Aspekt schlägt sich nieder in den - alltagssprachli­
als Schlagwort in die Kulturwissenschaften einge­ chen wie wissenschaftssprachlichen - Oppositions­
hen, um den kulturellen und künstlerischen Wan­ begriffen zu Tradition (oder Überlieferung) : Wan­
del in Analogie zu den genannten Bereichen zu del, Evolution, Innovation, Fortschritt, Revolu­
beschreiben. tion. In ihnen ist zunächst, als gemeinsame
Differenz, das Kollektive von Tradition gefaßt. Sie
c) Tradition - Innovation wird individuell rezipiert, aktualisiert, ist aber nie
Seit dem 3 . Jh. n. Chr. ist vereinzelt die Gegen­ als solche individuell. Hier grenzt sich Tradition ab
überstellung von innovare und tradere belegt, so von Gewohnheit, die auch individuell sein kann
etwa im Grundsatz der römischen Kirche: »Nihil und deren kollektiver Ausprägung, als (schweigen­
innouetur [ ] nisi quod traditum est« (Nichts
„ . , der oder ausdrücklicher) >Konvention< neuerdings
möge neu eingeführt werden [ ] , als was schon
„ . größere Aufmerksamkeit zuteil wird.«28 Zwar gibt
überliefert ist)26, wobei hier die Legitimation der es in französischen Texten aus dem 19. Jh. bereits
kirchlichen Lehre durch das von ihr selbst ge­ vereinzelt Belege zur Gegenüberstellung von tradi­
schaffene Faktum gemeint ist. Dieser frühe Beleg tion - innovation, das oppositionelle Begriffspaar
läßt bereits eine erste Schlußfolgerung zu: Der Tradition - Innovation hingegen hat sich erst in
Wunsch, Tradition einen Oppositionsbegriff hin­ jüngerer Zeit in den Gesellschafts- und Kulturwis­
zuzufügen, zeigt das kritische Reflektieren der mit senschaften zur Bezeichnung des Verhältnisses von
dem Traditionsbegriff verknüpften Legitimität aus Alt und Neu durchgesetzt. Die Verwendung des
einer Position heraus an, die ihrerseits nach Legiti­ zum Topos avancierten Begriffspaars muß immer
mierung strebt; eine solche Position ist sowohl auf der Geschichte der beiden Einzelbegriffe einge­
der Grundlage faktisch vollzogener Veränderungen denk bleiben. Ebensowenig darf man übersehen,
als auch auf der eines Veränderungen einfordern­ daß mit ihm nach wie vor weitere Wort- bzw. Be­
den Gegenentwurfs denkbar. (Vergleichbares kann griffspaare konkurrieren: Tradition - Evolution,
mutatis mutandis auch über die lat. Wortpaare an­ Tradition - Fortschritt, Tradition - Revolution,
tiqui - moderni und vetustas - novitas gesagt wer­ Tradition - Modeme (Modernität) , antiquus -
den.) Der Gebrauch von Verhältniskategorien ist modernus, vetustas - novitas, progressiv - konser­
mögliches Indiz für eine Krise. Von gesellschaft­ vativ (reaktionär) usf. Auf die Ästhetik bezogen
licher Krise wird dann gesprochen, »wenn die Ge­ muß festgestellt werden, daß diese Wort- bzw. Be-
sellschaftsmitglieder Strukturwandlungen als be­
standskritisch eifahren und ihre soziale Identität
bedroht fühlen«27. Doch aus der mit dem 1 8 . Jh. 26 CYPRIAN an Pompeius (im J. 296) , in: CCHR (1) ,
einsetzenden kritisch reflektierenden Haltung zur Bd. 3/C (1 996) , 565 (74, 2, 2); dt. : Des Heiligen Kir­
chenvaters Caecilius Cyprianus Briefe, übers. v. ]. Bär
Geschichte heraus können oppositionelle Wort­
(München 1 928), 3 5 9; vgl. WIEDENHOFER (s. Anm.
bzw. Begriffspaare entstehen, in denen sich das la­ 3), 6 1 6 .
tente oder manifeste Bewußtsein von einem in die 27 JÜRGEN HABERMAS, Legitimationsprobleme i m Spät­
Zukunft gerichteten (weltlichen) historischen Pro­ kapitalismus (1973; Frankfurt a. M. 5 1 979) , 1 2 .
zeß eingeschrieben hat; daher ist es bezeichnend, 28 WILFRIED BARNER, Ü ber das Negieren von Tradi­
tion. Zur Typologie literaturprogrammatischer Epo­
daß solche Wort- bzw. Begriffspaare erst mit der
chenwenden in Deutschland, in: R. Herzog/Kosel­
geschichtlichen Zäsur durch die Französische Re­ leck (Hg.), Epochenschwelle und Epochenbewußt­
volution an Bedeutung gewinnen. sein (München 1987), 1 3 .
78 Tradition - Innovation

griffspaare aus anderen Disziplinen an sie herange­ topische Argumentation. Dies gilt nicht weniger
tragen worden sind. Auch hat keines von ihnen ei­ für den Topos Tradition - Innovation. Daher kann
nen so weitgehenden Bedeutungswandel erfahren, dieses Begriffspaar nicht als Einheit zum Gegen­
als daß es unter Aufgabe seiner j eweiligen Her­ stand einer begriffsgeschichtlichen Untersuchung
kunft und seines ideologischen Wirkungspotentials werden; seine Geschichte ist vielmehr die unter­
völlig in der ästhetischen Terminologie aufgegan­ schiedlicher Theorien und Topoi, eine Geschichte,
gen wäre. Erst vor dem Hintergrund der semanti­ die in der antiken Rhetorik ihren Ausgang
schen Entwicklung im 20. Jh. kann sich >Innova­ nimmt30 und sich in der Theologie zum ersten
tion< über partikulare terminologische Besetzun­ Mal zu einem »metaphorologischen Grundkon­
gen hinweg als eine zu >Tradition< in Opposition flikt«31 entwickelt.
stehende Verhältniskategorie durchsetzen. Von da­
her ist die Rede von Tradition - Innovation als
eine Kompromißbildung zu sehen, die sich ihrer­
seits nie ganz von bestimmten ästhetischen oder I I . Tradition als Problem der Kulturtheorie
weltanschaulichen Programmen zu lösen vermag.
Da diese Rede auf dem temporalen Hiatus von Al­ Das theologische Traditionsverständnis ist durch­
tern und Neuem gründet, an dem die historische gängig an der schriftlichen Überlieferung ausge­
Bewegung sichtbar wird, läßt ihr Gebrauch auch richtet. Indes ist Tradition für j ede Religion kon­
auf ein bestimmtes Verhältnis zur Geschichte stitutiv, also auch für Religionen, die nicht auf
schließen. Ein genuin ästhetisches Moment ist da­ schriftlicher Überlieferung gründen. In der Bezie­
gegen die jeweilige Gestalt des Hiatus, wie er in hung der jeweiligen Gemeinschaft zu einem Be­
den Künsten an bestimmten gattungsimmanenten kenntnis bestimmt sich Tradition durch den Grad
oder gattungsübergreifenden Merkmalen konkreti­ des erinnernden Bewußtseins von den Zielen. Die
sierbar ist. Werden solche Merkmale innerhalb ei­ urchristliche Gemeinde lebte noch in einer von
ner bestimmten Zeitspanne an möglichst vielen diesen bestimmten geschichtlichen Gemeinsam­
Einzelwerken wahrgenommen, kommt es schließ­ keit32, doch im Zuge der Erweiterung der Inhalte
lich zur Festlegung einer Epoche. Daß es sich da­ individueller und kollektiver Erinnerung wurde,
bei um keine objektive Größe handeln kann, ver­ so Maurice Halbwachs, zur Sicherung des Bestands
deutlicht Hans Blumenberg: »Als >Epoche< gilt die Fixierung von Tradition notwendig.33 Die Ver­
erst für uns, was die rhetorische Hyperbel vom schriftlichung kann damit als ein wichtiges Mo­
Epochemachenden aufgebracht hat.«29 Allgemei­ ment der Traditionsbildung angesehen werden.
ner formuliert bedeutet dies: >New ist nur, was Durch die Schrift j edoch gerät Tradition in einen
post festum zum >Neuen< erklärt wird. Aus der Konflikt mit der Geschichte, die ihr im Zeichen
Sicht der antiken Rhetorik verweist letztlich ein des Wandels zusehends eine feste Zeitstelle zu­
j edes den temporalen Hiatus von >Altem< und weist. Eine Gemeinschaft wird ihrer Tradition ent­
>Neuem< fassende Begriffspaar auf eine rhetorisch- fremdet: »C'est qu'en general l'histoire ne com­
mence qu'au point Oll finit Ja tradition, moment
Oll s'eteint ou se decompose la memoire sociale.«34
29 HANS BLUMENBERG, Die Legitimität der Neuzeit. Mit anderen Worten: Wo von Tradition die Rede
Erneuerte Ausgabe (1 966; Frankfurt a. M. 1 996) , 5 3 1 . ist, geht es um den Bestand der gesamten Ordnung
3 0 Vgl. HEINRICH LAUSBERG, Elemente der literarischen
- nichts anderes ist mit dem von Theologen und
Rhetorik ( 1 949; München ' 1 96 3 ) , 26 (§ 40) .
3 I MARKUS BUNTFUSS, Tradition und Innovation. Die Religionshistorikern konstatierten >metaphorolo­
Funktion der Metapher in der theologischen Theo­ gischen Grundkonflikt< gemeint. Die Argumenta­
riensprache (Berlin/New York 1 997) , l 89. tionen von Max Weber und Halbwachs zeigen,
32 Vgl. ASSMANN (s. Anm. 5), 65 f. daß Tradition nun definitiv zum Gegenstand einer
3 3 Vgl. MAURICE HALBWACHS , Les cadres sociaux de la
Kulturtheorie geworden ist, welche sich nicht ein­
memoire (1925; Paris 200 1 ) , 199 ·
34 HALBWACHS, La memoire collective ( 1 950; Paris seitig auf schriftliche Überlieferung stützen darf.
2002) , 1 3 0. So schreibt Anthony Giddens: »Writing expands
II. Tradition als Problem der Kulturtheorie 79

the level of time-space distanciation and creates a gen untersucht werden. Solche Kategorien sind
perspective of past, present, and future in which z. B. >la memoire collective< (Halbwachs) oder das
the reflexive appropriation of knowledge can be >kulturelle Gedächtnis< Oan Assmann) . Indes gilt
set off from designated tradition.« Giddens hebt dies nicht unbedingt für Partialsysteme innerhalb
hervor, daß die Schriftform lediglich eine spezifi­ der j eweiligen Kultur, da eine bestimmte Gruppe
sche Form der Traditionsaneignung ist und inner­ über ihre eigene Tradition verfügen kann, so die
halb einer umfassenderen Kulturtheorie nur be­ Vertreter eines Berufszweigs, die v. a. Fertigkeiten
dingt als Kriterium taugt, will man eine Kultur >tradieren< - so auch in Literatur und Kunst, in de­
bzw. Zivilisation adäquat erfassen: »In oral cultures, nen Tradition immer auf etwas schriftlich Fixiertes
tradition is not known as such, even though these bzw. auf ein Artefakt verweist. Dennoch ist der
cultures are the most traditional of all.«35 Dies zeigt weite Horizont der Tradition auch hier fest einge­
auch die von der Wissenssoziologie getroffene schrieben. Sie bildet den irreduziblen Grund einer
Feststellung, daß möglicherweise der vereinzelt j eden Neuerung (Innovation) , die ihrerseits aus
Tradition reflektierende Skeptizismus in den soge­ dem potentiellen oder vollzogenen Wandel heraus
nannten primitiven Gesellschaften - ja in der ge­ Tradition erst zum Gegenstand der Reflexion
samten Vormoderne - gesellschaftlich nicht hinrei­ macht. Über diesen Gegensatz wird für die Mo­
chend organisiert war, »to offer a challenge to the deme eine Kultur in ihrer Geschichtlichkeit kon­
upholders of the >official< traditionw16• Daraus resul­ kretisiert. So gibt es für den Musikwissenschaftler
tiert die Möglichkeit zur Herausbildung konkur­ Hans Heinrich Eggebrecht ohne das Ineinander­
rierender Traditionen, von denen jene, die um ihr greifen von Tradition und Innovation schlicht
Machtmonopol ringt, zur Ideologie wird. Entspre­ keine Geschichte der Musik. 39
chend bewegt sich die Unterscheidung zwischen
Vormoderne und Modeme auch nur innerhalb ei­
1 . Lateinische A n tike: imitatio und aemulatio
nes zivilisationsgeschichtlich vorbestimmten Be­
zugssystems. Anhand eines Beispiels von Claude Die antike Rhetorik fordert das sichere Beherr­
Levi-Strauss stellt Blumenberg fest, daß der Wech­ schen aller rhetorischen Mittel durch Übung
sel von einem vormodernen in ein modernes Be­ (exercitatio) an Vorbildern (imitatio) , um diese
zugssystem zwangsläufig eine Auflösung der alten schließlich im Wettstreit zu übertreffen (aemula­
Lebensweise zur Folge habe. Ein solch radikaler tio) . 40 Der Begriff aemulatio weist j edoch über die
Vorgang bedeute den mit hoher Wahrscheinlich­ Rhetorik hinaus und bezeichnet auch ein Verhält­
keit »letal« ausgehenden »Identitätsbruch, den man nis literarischer und künstlerischer Produktion zu
sich angewöhnt hat, >Kulturrevolution< zu nen­ ihren Vorbildern, von denen sie sich auf schöpferi­
nen«37. Der Versuch, innerhalb einer Zivilisation sche Weise zu lösen suchten; er steht auch für die
eine Kulturrevolution durchzuführen, wie etwa im ersten Ansätze zu einer literarischen Evolutions-
revolutionären China, führt allerdings mit hoher
Wahrscheinlichkeit dazu, daß ein solch expliziter
Bruch mit der Tradition letztlich wieder mit Ver­
3 5 ANTHONY GIDDENS, The Consequences of Mod­
satzstücken aus eben dieser bewältigt wird - nach ernity (Cambridge 1990) , 3 7 .
dem von Freud aufgezeigten Muster der sekundä­ 3 6 PETER L . BERGERITHOMAS LUCKMANN, The Social
ren Bearbeitung traumatischer Neurosen. 38 Umge­ Construction of Reality (1 966; London 1 967), 1 3 9 ·
kehrt wird nicht selten in Zeiten der Krise das Be­ 3 7 BLUMENBERG , Lebenszeit und Weltzeit (Frankfurt
a. M. 1 986) , 59.
stehende gedanklich auf eschatologische Endzeit­ 3 8 Vgl. CLAUDE lEVI-STRAUSS, Anthropologie structu­
visionen, auf den Bruch, hin transzendiert. rale ( 1 9 5 8 ; Paris 1 9 8 5 ) , 262 f.
Aus all dem folgt nun für die Kulturtheorie die 39 Vgl. HANS HElNRI<CH EGGEBRECHT, Musik im
Notwendigkeit - als Quintessenz der Auseinander­ Abendland. Prozesse und Stationen vom Mittelalter
bis zur Gegenwart ( 1 99 1 ; München ' 1 998), ro, 82 1 .
setzung mit Tradition im 19. und beginnenden
4 0 Vgl. GERT UEDING/BERND STEINBRINK, Grundriß
20. Jh. -, daß sie auf eine umfassendere Kategorie der Rhetorik. Geschichte - Technik - Methode
zurückzugreifen hat, innerhalb derer Veränderun- (1 976: Stuttgart/Weimar 3 1 994) , 3 2 8 .
80 Tradition - Innovation

theorie.41 In einem Exkurs zu seiner Historia Ro­ den müsse. E s gilt hier festzuhalten, daß Velleius
mana erkennt Velleius Paterculus in der aemulatio Paterculus die Begriffe imitatio und aemulatio kei­
das - im weitesten Sinne - epochenstiftende Prin­ neswegs antithetisch begreift, sondern als einander
zip in der Redekunst sowie in allen anderen Kün­ bedingende Prinzipien44, die in ihrer Dynamik auf
sten. Es dient ihm dazu, sich der Frage anzu­ die höchste Vollendung einer Kunstgattung abzie­
nähern, warum ähnlich große Schöpfer in j eweils len. Das Neue als die materia nova markiert für
einer Kunstgattung zu einer bestimmten Zeit (»in ihn einen notwendigen Bruch: Das ingenium
suum quodque saeculum«42) wirkten und wie sich wendet sich j etzt einer anderen Kunst zu, um nun­
damit Epochen herausbilden konnten. Der Wett­ mehr diese zu ihrer höchsten Vollendung zu füh­
eifer (aemulatio) sei der Nährboden für den schöp­ ren. Damit kennt er auch keine den Künsten im­
ferischen Geist (ingenium) , und Neid oder Be­ manente Tradition; allenfalls ließen seine Ausfüh­
wunderung seien die Motive für die imitatio; nur rungen die Annahme einer der Entfaltung der
was mit höchster Anstrengung betrieben werde, Künste förderlichen gesellschaftlichen Tradition
könne zur höchsten Vollendung gelangen; schließ­ zu, wenn er feststellt, daß im antiken Griechenland
lich sei es unmöglich, auf den Gipfeln der Voll­ die Redekunst (eloquentia) einzig in Athen zu
kommenheit zu verharren. Wenn ihre Möglichkei­ höchster Blüte gelangt sei, andere Städte dagegen
ten zur Fortentwicklung ausgeschöpft seien, dann keine berühmten Redner hervorgebracht hätten.
verliere eine Kunst zwangsläufig an Qualität und Velleius' Ausführungen zur aemulatio zeichnen
Bedeutung (»naturaque quod summa studio peti­ in idealtypischer Weise die Genese eines vollende­
tum est, ascendit in summum difficilisque in per­ ten Werkes und die Herausbildung eines Höhen­
fecto mora est, naturaliterque quod procedere non kamms in den Künsten nach. Dabei darf nicht
potest, recedit.«43) Die Folge sei, daß der schöpfe­ übersehen werden, daß die griechische und lateini­
rische Geist sich einem neuen Gegenstand zuwen- sche Antike keineswegs von einem in Epochenab­
schnitten denkenden historischen Bewußtsein ge­
41 Vgl. BARBARA BAUER, >Aemulatio<, in: UEDING, prägt war.45 Eine Auswahl vorbildlicher Werke von
Bd. 1 ( 1 992) , 1 4 1 f. älteren Autoren (auctores classici) sollte die Konti­
42 VELLEIUS PATERCULUS, Historia Romana I , 17, 5 ; nuität sichern46; so erstellte etwa Quimilian für die
dt. : Römische Geschichte, lat.-dt., übers. u. hg. v. M .
Redekunst einen Kanon von Autoren, die - wie
Giebel (Stuttgart 1992) , 37; vgl. MANFRED HINZ,
Graciin, Velleius Paterculus und die >aemulatio<, in: die Wettkampfmetaphern >provocare< und >cedere<
W:-D. Lange/W: Matzat (Hg.) , Sonderwege in die in seinen Schriften belegen - Gegenstand von imi­
Neuzeit. Dialogizität und Intertextualität in der spa­ tatio und aemulatio sein sollten.47 Der Inhalt war
nischen Literatur zwischen Mittelalter und Aufklä­ Gegenstand der inventio, dem kunstvollen Auffin­
rung (Bonn 1 997) , 28 ff.
43 VELLEIUS PATERCULUS (s. Anm. 42) , l , 17, 6; dt. 39. den von Argumenten und Stoffen. Das rhetorische
44 Vgl. >aemulatio<, in: Thesaurus linguae Latinae, Bd. 1 Regelsystem seit dem Frühhellenismus legte die
(Leipzig 1 900) , 97ü-972. Literatur der attischen Klassik zugrunde.48 Zu ei­
45 Vgl. ERNST ROBERT CURTIUS, Europäische Literatur nem ersten ausführlich dokumentierten Literatur­
und lateinisches Mittelalter (1948; München 7 1 969) ,
streit kam es in der Attizismus-Asianismus-Kontro­
257.
46 Vgl. ebd., 2 5 3 ff. ; BAUER (s. Anm. 41 ) , 1 43 · verse: Diese nahm gegen Mitte des r . Jh. v. Chr. in
47 Vgl. QUINTILIAN, Inst. , I O, 1 , 9 3 ; I O, l , I 0 1 ; dt. : Rom ihren Ausgang, als sich die in der Provinz
Ausbildung des Redners, zwölf Bücher, lat.-dt., Asia rhetorisch geschulten Römer von dem bis <1�­
übers. u. hg. v. H. Rahn, Bd. 2 (Darmstadt 1 972) ,
hin weitgehend unhinterfragten attischen Kanon
469, 473 ; BAUER (s. Anm. 4 1) , 148.
48 Vgl. HANS GERD RÖTZER, Traditionalität und Moder­ trennten. 49 Vor diesem Hintergrund dürfte auch
nität in der europäischen Literatur. Ein Überblick die Historia des Velleius zu sehen sein. Die >Alten<
vom Attizisn1us-Asianisn1us-Streit bis zur >Querelle (antiqui) blieben in der Antike keinesfalls immer
des Anciens et des Modemes< (Darmstadt 1 979) , 3 . unangetastete Autoritäten; in ihrer Konfrontation
4 9 Vgl. ebd., 4 ; ALBRECHT DIHLE, >Attizismus<, in:
mit den >Neuen< (novi, seit der Spätantike neote­
UEDING, ßd. 1 ( 1 992) , I I 63-1 1 76; JOACHIM ADA­
MIETZ/FRANZ-HUBERT ROBLING, )Asianismus<, in: rici) zeichnet sich bereits eine über die aemulatio
UEDING, Bd. I ( 1 992) , 1 I I 4- I I 2 I . hinausweisende Querelle um nunmehr mit einem
II. Tradition als Problem der Kulturtheorie 8r

historischen Index versehene Verhältniskategorien modernus im 5 . Jh. - in Gelasius' Epistolae pontifi­


ab, die alle Künste erfaßt. Allerdings sind in lateini­ cum (494/ 495) zunächst noch bezogen auf die da­
schen Quellen auch vereinzelte Hinweise auf ver­ mals aktuellen Dekrete der letzten römischen Sy­
schollene Theorien griechischer Autoren zu einer node im Unterschied zu den antiquis regulae -
fortschreitenden Entwicklung der bildhauerischen zeugt durchaus von einer reflektierenden Selbstbe­
techne im Dienste der Mimesis zu finden. 50 stimmung des mittelalterlichen Denkens. Bei Cas­
siodorus steht die antiquitas für das heidnisch-rö­
mische Altertum, das für die moderni, das Goten­
2. Mittelalter: Die Kraftlinien des typologischen
reich, politischen Vorbildcharakter besitzt; im
Denkens
9. Jh. wird zwischen dem saeculum modernum,
Im Mittelalter, das ganz im Zeichen christlicher dem Universalreich Karls, und der römischen An­
Eschatologie stand, bildete sich eine an der Bibel­ tike unterschieden, was bis in die >Renaissance< des
exegese geschulte geschichtliche Denkform heraus, 1 2 . Jh. hineinwirkt, in der auch die antikisierenden
für die erst im r 8 . Jh. , abgeleitet aus griech. typos Romane und der höfische Roman entstehen55;
und antitypos, der Begriff >Typologie< geprägt wer­ dann kommt es zu einem fortschreitenden Einbe­
den sollte. Friedrich Ohly bezeichnet die Typolo­ ziehen des christlichen Altertums in die Bedeutung
gie als eine »auf die Geschichte gerichtete Art der von antiquitas. Während in der Politik das Heilige
Allegorese«5 1 . Sie stellt eine Sinnbeziehung zwi­ Römische Reich mit dem biblisch begründeten
schen den beiden Seiten der Weltzeit her, die von Anspruch der translatio imperii einen eindeutigen
der Genesis bis zum Jüngsten Gericht reicht und Bezug zum paganen Altertum herstellt, gestaltet
durch die Ankunft Christi eine Zäsur erfahren sich ein solcher in der Rezeption von Literatur
hat. 52 Dabei repräsentiert die Zeit vor Christus den und Philosophie vielschichtiger. Dabei können
typos und die nach Christus den antitypos. Erst die prinzipiell drei Positionen ausgemacht werden: ( r )
Offenbarung kündet vom Ende dieser Weltzeit, die die radikale Ablehnung der heidnischen Antike;
durch die >Neue Welt Gottes< abgelöst wird53; in­ (2 ) die Anerkennung der formalen Leistung antiker
nerhalb der Weltzeit dagegen sind das Alte und das Autoren; (3) die Legitimierung ihrer Inhalte auf­
Neue immer im Sinne einer überwindenden Voll­ grund typologischer Lektüre. Als Fazit zur typolo­
endung der vetustas durch die novitas aufeinander gischen Lektüre pagan-antiker Texte und des Alten
bezogen. Seit dem 12. Jh. wurde die Beschränkung Testaments läßt sich sagen, daß sie eine Strategie der
der typologischen Methode aus ihrer einseitigen konsequenten Repristination ist, um den kirch­
Anbindung an die Exegese des Alten Testaments ge­ lichen Anspruch auf unumstößliche theologische
löst, und Typen aus dem profanen Altertum fanden Autorität zu sichern. Auch in der Entwicklung des
Aufnahme in dieses Deutungsverfahren. Das typo­
logische Denken bildet eine der Konstanten, die
dem Mittelalter das Gepräge einer homogenen
Epoche verleihen, obgleich es mannigfache kultu­ 50 Vgl. ERNST H. GOMBRlCH, The Ideas of Progress and
their Impact on Art (New York [Priv.dr.] 1971); dt. :
relle Höhepunkte kennt. Ein geschärftes Wahr­
Kunst und Fortschritt. Wirkung und Wandlung einer
nehmungsbewußtsein für das Neue ist einem chri­ Idee (1978; Köln ' 1 987), 9 f.
stozentrischen Denken, das einzig die durch Chri­ 5 l FRIEDRICH OHL y ' Typologie als Denkform der Ge­
sti Geburt markierte Zäsur der Weltzeit anerkennt, schichtsbetrachtung, in: V. Bohn (Hg.), Typologie.
Internationale Beiträge zur Poetik (Frankfurt a. M.
fremd. Auch bleibt die Schöpfungsmetaphorik
1988), 24.
vom Mittelalter bis weit in die moderne Theologie 52 Vgl. ebd., 27.
hinein (creatio bzw. creatio ex nihilo - und damit 5 3 Vgl. Apk. 2 1-22 .
die Schaffung des völlig Neuen) einzig auf das 54 Vgl. BUNTFUSS (s. Anm. 3 1) , 2 1 7 .
Wirken Gottes bezogen. 54 5 5 Vgl. H A N S ROBERT J A U S S , Literaturgeschichte als
Provokation (Frankfurt a. M. 1 970) , l 6 ff. ; ERICH
Es würde j edoch zu kurz greifen, das Mittelalter
KÖHLER, Vorlesungen zur Geschichte der französi­
einzig aus der Perspektive einer reinen Christozen­ schen Literatur. Mittelalter r, hg. v. H. Krauß (Stutt­
trik heraus zu deuten. Das Aufkommen des Wortes gart u. a. l 9 8 5 ) , 93 f.
82 Tradition - Innovation

Wortpaares antiqui (antiquitas) - moderni56 zeigt meinhin für den Beginn der Neuzeit steht: die
sich die typologische Denkform als für die mittel­ Renaissance. 59 Auf die bildenden Künste bezogen,
alterliche Geschichtserfahrung prägendes Moment: erheben die Theorien des 19. Jh. den >Natura­
Das Neue bezieht seine Kraft aus dem Alten, das lismus< des 1 5 . Jh. zum entscheidenden Kriterium
aber erst im Neuen seine Steigerung erfährt.57 der Epochenbestimmung; dieser >Naturalismus< -
wie etwa bei Jan van Eyck - stellt j edoch eine
konsequente Fortentwicklung der Spätgotik dar.60
3 . Renaissance und Manierismus
Ein weiterer, umgreifenderer Aspekt der Epochen­
Für die abendländische (Kultur-) Geschichte nach bestimmung ist an der >Rhetorik der Säkulari­
der Antike gilt im allgemeinen Bewußtsein noch sierung< orientiert, für die der Ausruf >the resur­
immer die Annahme eines zeitlich-historischen rection< von Francis Bacon beim Anblick antiker
Bruchs, den Odo Marquard pointiert: »zur am­ Statuen nackter Menschen zum Paradigma ge­
tierenden Grundzäsur wird die Mittelalter-Neu­ worden ist.61 Seit dem 19. Jh„ als sich der Begriff
zeit-Zäsur.«58 Ebenso gilt aber, daß keine einheit­ Renaissance zur Bezeichnung der Epoche etwa
liche Auffassung darüber herrscht, wie diese Zäsur von r 3 00 bis 1 600 durchsetzt, gilt folgende An­
zu fassen sei. Nicht weniger divergieren die An­ schauung: Der >finsteren< Zeit des theologisch ge­
sätze zur Bestimmung jener Epoche, die ge- prägten Mittelalters steht nun j ene der Wieder­
geburt (>rinascita<, >renaissance<) , des entspringen­
den Quells (>risorgimento<) , der Auferstehung
(>resurrection<, >risurrezione<) einer zunehmend
säkularen Welt entgegen - allerdings verwendet
56 Vgl. ELISABETH GÖSSMANN, Antiqui und Modenil Petrarca die Topoi von >Tod< und >Wiedergeburt<,
im Mittelalter. Eine geschichtliche Standortbestim­
von >Licht< und >Dunkelheit<, zur Verklärung
mung (München/Paderborn/Wien 1 974) : ALBERT
ZIMMERMANN (Hg.), Antiqui und Moderni. Traditi­ der christlichen Antike, die vom >finsteren< Mit­
onsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten telalter abgelöst worden sei. 62 Die Geschichtsbe­
Mittelalter (Berlin/New York 1 974) . trachtung befreit sich aus dem Wirkungskreis des
57 Vgl. JAUSS (s. Anm. 5 5) , 1 6-20; CURTIUS (s. Anm. christozentrischen Denkens und wendet sich hin
45), 256-26 1 .
5 8 ODO MARQUARD, Temporale Positionalität - Zum
zur Annahme einer natürlich-zyklischen Bewe­
geschichtlichen Zäsurbedarf des modernen Men­ gung.
schen, in: Herzog/Koselleck (s. Anm. 28), 346. Das Bild der Renaissance stützt sich vornehm­
5 9 Vgl. ARNOLD HAUSER, Sozialgeschichte der Kunst lich auf Quellen des r6. Jh„ die ihrerseits bereits
und Literatur ( 1 9 5 3 ; München 1983), 281-294;
die Gestalt eines historischen Rückblicks haben.
KARLHEINZ STIERLE, Renaissance - Die Entstehung
eines Epochenbegriffs aus dem Geist des 1 9 . Jahrhun­ So verschiebt Giorgio Vasari in seinen Künstler­
derts, in: Herzog/Koselleck (s. Anm. 28), 45 3-492 . biographien Le vite de' piu eccellenti architetti, pittori
60 Vgl. JOHAN HUIZINGA, Herfsttij der middeleeuwen. ed scultori italiani da Cimabue insino a' tempi nostri
Studie over levens- en gedachtenvormen der veer­ ( 1 5 5 0) den Antipoden zum >finsteren< Mittelalter,
tiende en vijftiende eeuw in Frankrijk en de Neder­
das den Untergang der Kunst gebracht habe, in die
landen (Haarlem 1 9 1 9) ; dt. : Herbst des Mittelalters.
Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und pagane Antike; der Maler Giotto wird für ihn zum
I 5. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlan­ Inbegriff der Wiederentdeckung der Natur, über
den, hg. v. K. Köster ( 1 9 1 9 ; Stuttgart " 1 975), 3 8 8 . die der Weg zur Antike führe, eine Wiederentdek­
6 1 Vgl. BLUMENBERG (s. Anm. 29) , 1 1 7.
kung, in der er mehr als eine bloße »restaurazione«
62 Vgl. FRAN CESCO PETRARCA, De sui ipsius et multo­
rum ignorantia/ Über seine und vieler anderer Un­ sieht, nämlich eine »rinascita«63. Unter dem Ein­
wissenheit, lat.-dt„ übers. v. K. Kubusch, hg. v. A. fluß antiker Schriftsteller entwickelt Vasari ein
Buck (Hamburg 1 993); STIERLE (s. Anm. 59), 454ff. Schema, das die Wiedergeburt der Künste in Ita­
63 GIORGIO v ASARI, Le vite d e ' piu eccellenti architetti, lien um 1 3 00 erklärt64; von dieser Zeit an sieht er
pittori ed scultori italiani da Cimabue insino a' tempi
eine kontinuierlich fortschreitende Entwicklung,
nostri ( 1 5 50), hg. v. G. Milanesi, Bd. l (Florenz
1 876) , 223; vgl. STIERLE (s. Anm. 59), 457 f. die mit Michelangelo j edoch ihren nicht mehr zu
64 Vgl. GOMBRICH (s. Anm. 50) , 1 5 . übertreffenden Höhepunkt erreicht. Von seinem
II. Tradition als Problem der Kulturtheorie 83

Standort aus betrachtet, stellt sich die Geschichte paraci6n entre lo antiguo y lo presente ( 1 5 3 9) gar die
der Kunst als die eines Niedergangs dar. 65 Überlegenheit der Gegenwart. 7 1
In zumeist in lateinischer Sprache abgefaßten Mit der Spätrenaissance kommt e s , ausgehend
poetologischen Schriften (z. B. von Petrarca und von Italien, insbesondere in der bildenden Kunst
Julius Caesar Scaliger) wird die aemulatio antiker zu einer das antike bzw. antikisierende Harmonie­
Autoren gefordert. Sowohl in 1 talien als auch in prinzip sprengenden Formensprache des Manieris­
Frankreich gewinnt die volkssprachliche Literatur mus, die Arnold Hauser auf eine Krise, eine »Er­
an Bedeutung, und die Gelehrten ringen um die schütterung der Kriterien der Wirklichkeit«72 zu­
Anerkennung der jeweiligen Nationalsprache als rückführt. Die vielschichtige Bedeutung des
eine dem Lateinischen gleichrangige. Die französi­ Begriffs Manierismus, der auf ital. > (gran') maniera<
sche Literatur des 16. Jh. umfaßt ein breites Spek­ zurückgeht und bei Vasari - noch deutlicher bei
trum, das von den Grotesken eines Rabelais bis zu Raffaello Borghini - die persönliche Ausdrucks­
einem antikisierenden Klassizismus reicht. Na­ weise eines Künstlers bezeichnet, rückt nicht zu­
mentlich die Dichter der Pleiade äußern sich pro­ letzt den individuellen (neuen) Zug am Kunstwerk
grammatisch zur Volkssprache als Literatursprache. in den Vordergrund, weshalb im Manierismus mit­
Joachim Du Bellay fordert in La deffence et illustra­ unter der eigentliche Ursprung der modernen
tion de la langue franfoyse ( 1 5 49) zur Nachahmung Kunst gesehen wird.73 Im 1 7 . Jh. wird die maniera
(>imitation<) - nicht Übersetzung - antiker Auto­ in 1 talien durch Giovanni Pietro Bellori und Carlo
ren (>anciens<) auf, um die französische Sprache zu Cesare Malvasia als affektierte Kunstübung desa­
bereichern (>illustren) ; vorbildlich seien die >anci­ vouiert74, in Frankreich steht ihr die aufkommende
ens< durch ihre Verdienste in der >invention< (i. e. Doctrine classique entgegen. Anders in Spanien,
inventio, hier offensichtlich vorrangig auf den wo Baltasar Graciin die Subjektivierung auf die
sprachlichen Ausdruck bezogen) ; wer den Wert Spitze treibt und sein Postulat von der >excelencia
seiner Sprache zu bereichern trachte, möge hierin de primero<, wonach nur der (historisch) Erste
den antiken Autoren folgen (»amplifier la langue eine herausragende Stellung beanspruchen kann
fran,oyse par l'immitation des anciens auteurs (EI hCroe, 1 63 7) , auch zum letztlich entscheidenden
grecz et romains«66) . Du Bellay greift dabei z. T. ästhetischen Kriterium erhebt: Nicht durch imita-
die Argumente von Sperone Speroni auf, der in
seinem Dialogo delle lingue ( 1 542) allerdings so weit 65 Vgl. HANS KÖRNER, Auf der Suche nach der >wahren
ging, die Abkehr von den zum Ballast gewordenen Einheit<. Ganzheitsvorstellungen in der französischen
antiken Sprachen zu fordern 67 Pierre de Ronsard Malerei und Kunstliteratur vom mittleren r 7. bis zum
bezeichnet in seinem Abbrege de l' art poetique fran­ mittleren 19. Jahrhundert (München 1 988), 43 .
66 JOACHIM DU BELLAY, La deffence et illustration de Ja
fOYS ( 1 565) mit >invention< sowohl das Auffinden langue franyoyse ( 1 549), hg. v. H. Chamard (Paris
von Gedanken, das sich durch Naturanlage oder 1 904) , I 0 3 .
Studium der vorbildlichen Autoren ergebe68, als 67 Vgl. RÖTZER ( s . Anm. 4 8 ) , 8 8 .
auch die angeborene Vorstellungskraft, durch wel­ 68 Vgl. PlERRE DE RONSARD, Abbrege d e !'Art poetique
fran1=oys ( 1 565), in: Ronsard, CEuvres completes, hg.
che der Dichter die wahrscheinlichen oder denk­
v. J. Ceard u. a., Bd. 2 (Paris 1 994) , 1 1 7 5 .
baren Dinge nachahmen, erfinden und darstellen 69 Vgl. ebd., 1 1 78.
könne. 69 Die Poesie, gemeint ist hier die der grie­ 70 Vgl. ebd., r r 7 5 .
chischen Antike, sei in ihren Anfängen nur eine 7 1 Vgl. K A R L KOHUT, Ingeniosa comparaci6n entre lo
antiguo y lo presente. Aufnahme und Kritik der anti­
>allegorische< (d. h. didaktische) Theologie gewe­
ken Tradition im spanischen Humanismus, in: K.
sen. Nachdem sie dann mit Homer ihren Höhe­ Heitmann/E. Schroeder (Hg.) , Renatae litterae. Stu­
punkt erreicht habe, seien später Dichter gefolgt, dien zum Nachleben der Antike und zur europä­
die sich mehr durch Kunstfertigkeit ausgezeichnet ischen Renaissance (Frankfurt a. M. 1 973), 22of.
hätten als durch göttliche Inspiration. Diese wie­ 72 HAUSER (s. Anm. 59), 3 8 3 .
73 Vgl. HAUSER, Der Ursprung der modernen Kunst
derum seien von römischen Dichtern geschmäck­
und Literatur. Die Entwicklung des Manierismus seit
lerisch nachgeahmt worden.70 In Spanien prokla­ der Krise der Renaissance ( 1 964; München 1 979) .
miert Crist6bal de Villal6n in seiner Ingeniosa com- 74 Vgl. HAUSER (s. Anm. 59), 378.
84 Tradition - Innovation

tio könne man den Gipfel des Ruhmes erklimmen, 4. Die > Doctrine classique <
sondern allein durch Erneuerung. Dabei rekurriert
Graci:in auf den rhetorischen Begriff der aemula­ Einen vehementen Angriff auf den Manierismus
tio, den er nunmehr als Antonym zur imitatio ver­ und den literarischen Barock führt in Frankreich
absolutiert.75 Von einer »traditionsabbrechenden Jean-Louis Guez de Balzac. Seine Argumentation
Innovationsstrategie«76 kann jedoch einzig - und beginnt mit der gegen den Humanismus gerichte­
dies mit Einschränkungen - aus einer zurück­ ten Unterscheidung zwischen paganer und christ­
schauenden Perspektive auf die gesamte Renais­ licher Antike. Einen notwendigen Bruch konsta­
sancekultur gesprochen werden. Die >Innovations­ tiert Balzac dort, wo die christliche Religion auf
strategien< der italienischen Hofinannstraktate sind Stil, Sprache und Grammatik des antiken Lateins
der rhetorischen inventio zuzuordnen und somit keine Rücksicht mehr zu nehmen brauche.80 Die
Teil des acutum genus dicendi, dem ital. acutezza religiöse Überzeugung habe alle formalen Fesseln
(Castiglione) und span. agudeza (Graciin) entspre­ zu sprengen und letztlich sowohl gegen die Spra­
chen.77 Dasselbe gilt für das seit Dante belegte und che als auch gegen die Sitten der heidnischen Welt
im 1 6 . und 1 7 . Jh. verbreitete Stilmittel des con­ zu verstoßen. Dies gilt indes nicht für die Literatur,
cetto (frz. concet oder concept) , zusehends abge­ die sich am zeitgenössischen Publikum orientiert:
löst durch pointe78, worauf auch die entsprechende Gegen den in der Haltung der bienseance begrün­
Bedeutung von frz. esprit zurückgeht. 79 Das acu­ deten Zeitgeschmack dürfe nicht verstoßen wer­
tum genus dicendi kennt das Neue nur als ein wir­ den. 81 Einen solchen Verstoß aber stellt für ihn das
kungsästhetisches Moment und keineswegs als Mißachten der Wahrscheinlichkeit (vraisemblance)
epochale Neuerung im Sinne von Innovation. dar. Dies sei insbesondere dann gegeben, wenn
Motive aus der antiken Mythologie in Texte mit
biblischen Motiven eingebracht würden. Dabei
lehnt er für die Literatur eine Auslegung nach der
allegorischen bzw. typologischen Methode ab, ge­
gen die er sich auch in seinem Socrate chrhien
75 Vgl. BALTASAR GRACI.�N, El heroe ( 1 6 3 7) , in: (1 652) wenden wird.82 Sein Argument bezieht sich
Graciin, Obras completas, hg. v. M. Batllori/C. Pe­
ausschließlich auf sein zeitgenössisches höfisches
ralta, Bd. l (Madrid 1 969) , 2 54a; HINZ (s. Anm. 42) ,
25 ff Publikum. Der Bereich der Literatur ist der sensus
76 HINZ (s. Anm. 42) , 27. literalis; sie ist das Residuum des delectare und
77 Vgl. HINZ, Rhetorische Strategien des Hofmanns. nicht des docere83 - womit deren Eigenständigkeit
Studien zu den italienischen Hofniannstraktaten des proklamiert wird. Die Ausführungen von Guez de
1 6 . und 17. Jahrhunderts (Stuttgart 1 992) .
78 Vgl. DIETRICH BRJESEMEJSTER, > Concetto<, in: Balzac sind im Kontext einer lebhaft geführten
UEDING. Bd. 2 ( 1 994) , 3 I I-3 14. >Querelle< um das humanistische Erbe der Renais­
79 Vgl. CURTIUS (s. Anm. 45), 298 ff ; TILL R . KUHNLE, sance zu sehen. So lehnt etwa der anonyme j esuiti­
>Klassizismus. IV Neuzeit. 2 . Frankreich<, in: sche Verfasser des Traktates De auxiliis (1632) jede
UEDING, Bd. 4 ( 1 998), roo5-ro22; BERENcERE PAR­
dogmatische oder kirchenpolitische Abweichung
MENTIER, Le siede des moralistes. De Montaigne a
La Bruyere (Paris 2000) , 2 5 2 f. von der patristischen traditio ab; zugleich verteidi­
80 Vgl. JEAN-LOUIS GUEZ DE BALZAC, Dissertation sur gen die Jesuiten den Schulkanon mit seinem in­
une tragedie intitulee >Herodes infanticida<, in: Guez zwischen humanistischen Gepräge. 84 Die seit dem
de Balzac, CEuvres diverses (1 644) , hg. v. R. Zuber 16. Jh. getroffene Unterscheidung zwischen einer
(Paris 1995), 1 84.
81 Vgl. ebd., r 8 5 ; KUHNLE (s. Anm. 79) . dem delectare zugerechneten paganen und einer
82 Vgl. ZUBER, Guez de Balzac et les deux antiquites, in: christlichen Literatur gehört mit zu den Vorausset­
XVII' Siede 33 ( 1 9 8 1 ) , 146. zungen für eine klassizistische Poetik der franzö­
8 3 Vgl. ebd., 1 96. sischsprachigen Literatur, die sich in ihren Prämis­
84 Vgl. RE!l'<HART HERZOG, Epochenerlebnis >Revolu­
sen überwiegend an Aristoteles und Horaz orien­
tion< und Epochenbewußtsein >Spätantike< - Zur Ge­
nese einer historischen Epoche bei Chateaubriand, tiert. Ihren eigentlichen Ausgang nimmt die
in: Herzog/Koselleck (s. Anm. 28), 2 1 2 f. Normierung jedoch in der >Öffentlichkeit< des
II. Tradition als Problem der Kulturtheorie 85

1 7 . Jh. , die von den beiden gesellschaftlichen Säu­ komödie. 90 Die unaufdringliche >surprise< ist auch
len des Absolutismus (>la cour et Ja ville<) gebildet in der Konversation beheimatet, jenem genre deli­
wird.85 Mit der literarischen Normierung korre­ cat, dessen Beherrschung esprit erfordert. In Vol­
liert eine Sprachpflege, welche die Vorbildlichkeit taires Encyclopedie-Artikel heißt es schließlich über
dieser Öffentlichkeit und der >bons auteurs fran­ den esprit: »Aristote a bien raison de dire, qu' il faut
yoys< für die Sprache festschreibt.86 Unter den du nouveau; Je premier qui pour exprimer que !es
>bons auteurs< werden überwiegend zeitgenössische plaisirs sont meles d' amertumes, !es regarda comme
Autoren verstanden, die keinem festen Kanon zu­ des roses accompagnees d' epines, eut de ]' esprit.
gerechnet sind. Der durch Pierre Corneilles Le Cid Ceux qui Je repeterent n' en eurem point.«91
( 163 7) ausgelöste Literaturstreit (>Querelle du
Cid<) , an dem die von Richelieu zum Zwecke der
5. Die > Querelle des anciens et des modernes <
Sprachnormierung l 6 3 5 gegründete Acadhnie Jran­
raise maßgeblich beteiligt ist, und das Erscheinen Bereits zur Zeit ihrer Blüte erhebt sich Kritik an
von Nicolas Boileaus L'art poetique (1 674) markie­ der Doctrine classique. Jean Desmarets de Saint­
ren die entscheidenden Eckdaten für die Heraus­ Sorlin etwa formuliert eine Widerlegung der am
bildung der Doctrine classique. Boileau beruft sich antiken Vorbild ausgerichteten Tragödie: Nicht die
u. a. auf Fran\Ois de Malherbes' Commentaire sur Tugenden der heidnischen Helden seien vorbild­
Desportes ( r 606) , in dem dieser mit den antiken lich, sondern die der Heiligen. Kam es innerhalb
Kriterien puritas und consuetudo zur Kritik an der Doctrine classique zu einem Quidproquo von
dem Dichter Philippe Desportes aufgerufen hat. 87 >inütatio naturae< und >Ünitation des anciens<, zu
Die Repristination antiker Autoren als Vertreter einer fast bis zur Synonymie reichenden semanti-
eines als vollkommen angesehenen Literatursy­
stems wird nun definitiv zum Maßstab für die zeit­
genössische literarische Produktion.
Obwohl mit großer Liebe zum Detail geführt,
bietet der post festum als Doctrine classique be­ 85 Vgl. ERICH AUERBACH, La cour et Ja ville, in: Auer­
zeichnete Diskurs keinen ausformulierten Regel­ bach, Vier Untersuchungen zur Geschichte der fran­
zösischen Bildung (Berlin 1 9 5 1 ) , 1 2-50; WERNER
katalog, sondern beruft sich einzig auf die postu­
KRA USS, Über die Träger der klassischen Gesinnung
lierte Vollkommenheit der >anciens<. Auf diese im 1 7 . Jahrhundert ( 1 934), in: Krauss, Gesammelte
Weise sichern seine Träger die Autorität jener In­ Aufsätze zur Literatur und Sprachwissenschaft (Frank­
stanz, der sie huldigen. Wenn Guillaume Colletet furt a. M. 1 949) , 3 2 1-3 3 8 ; NORBERT ELIAS, Die höfi­
in seinem 1636 vor der Academie gehaltenen Dis­ sche Gesellschaft ( 1 969; Frankfurt a. M. 1 994) , 1 2 o ff.
86 Vgl. CLAUDE FAVRE DE VAUGELAS, Remarques sur Ja
cours de l'eloquence, et de l'imitation des anciens die langue franyoise (1 647) , hg. v. A. Chassang, Bd. l (Pa­
Möglichkeit zum aemulativen Überbieten der an­ ris 0. J.), u-50 (Preface); HARALD WEINRICH, Vau­
ciens durch die Nachahmung derselben erklärt - gelas und die Lehre vom guten Sprachgebrauch, in:
»en !es imitant, on !es peut surpassen88 -, dann Zeitschrift für romanische Philologie 76 ( 1 960) , 1-3 3 .
87 Vgl. LAUSBERG, Die Stellung Malherbes i n der Ge­
sieht er das Überbieten als einen kollektiven Akt
schichte der französischen Schriftsprache, in: Roma­
an, der ganz im Dienste Frankreichs stehe und nische Forschungen 62 (1 950), 1 72-200.
dem nicht zu überbietenden Vorbild Richelieus 88 GUILLAUME COLLETET, Discours de l'doquence, et
folge. Der die zeitgenössische literarische Produk­ de l'imitation des anciens (1638), in: Colletet, L'art
poetique ( 1 6 5 8 ; Genf 1 970) , 5 3 .
tion flankierende normative Forderungskatalog der
89 Vgl. L E O SPITZER, Die klassische Dämpfung in
Doctrine classique läßt für das >Neue< innerhalb Racines Stil, in: Spitzer, Romanische Stil- und Lite­
eng gezogener Grenzen für das acutum dicendi ge­ raturstudien, Bd. l (Marburg 1 93 1) , 1 3 5-270.
nus nur wenig Spielraum. Durch Einschränkung 90 Vgl. PETER BÜRGER, Die frühen Komödien Pierre
der rhetorischen Figuren wird die pathetische Corneilles und das französische Theater um 1630.
Eine wirkungsästhetische Analyse (Frankfurt a. M.
Bühnenrede der Tragödie auf die >klassische
1971), 48-56.
Dämpfung<89 verpflichtet, mouveaute< und >sur­ 9 1 VOLTAIRE, >Esprit, (Philos. & Belles-Lettr.)<, in: Dl­
prise< kennzeichnen dagegen Komödie und Tragi- DEROT ( ENCYCLOP E DIE ) , ßd. 5 ( 1 7 5 5 ) , 973 .
86 Tradition - Innovation

sehen Unschärfe zwischen inventio, mimesis und heute genannt wird - kommt es 1 6 8 7 mit Charles
imitatio, so erklärt Desmarets nun das klassizisti­ Perraults vor der Academie franraise gehaltenen Vor­
sche Wahrscheinlichkeitspostulat (vraisemblance) trag Le siede de Louis le Grand, in dem er seine Ver­
für unvereinbar mit dem Wahrheitsanspruch des teidigung der >modernes< vorbereitet. Damit zieht
christlichen Schöpfungsbegriffs und hebt die >in­ er sich den Widerspruch von Autoritäten wie Boi­
vention< als die eigenständige Leistung des Men­ leau, Frans;ois de Salignac de la Mathe Fenelon
schen hervor. Das einzige, freilich unerreichbare, und Jean de La Bruyere zu, die die Partei der >anci­
Vorbild sei die Bibel92; in der Natur gebe es keine ens< bilden. Auf seine Seite schlägt sich der junge
Vorbilder (»mode!es«93) für die Poesie. Der Unter­ Bernard Le Bovier de Fontenelle, ein Bewunderer
schied zwischen imitatio und inventio entspreche der antiken Rhetorik. In seiner Digression sur les an­
dem zwischen >copiste< und >inventeur< in der Ma­ ciens et les modernes ( 1 6 8 8) proklamiert Fontenelle
lerei: Der handwerklich arbeitende >copiste< ver­ die Eigenständigkeit der modernes gegenüber der
füge nicht über den schöpferischen Geist eines >in­ antiken Poesie. Fontenelle weist in diesem Zusam­
venteur<94. In Desmarets impliziter Analogie von menhang darauf hin, daß sowohl die Redekunst als
Schöpfer und Dichter95, dem allen Vorgaben ent­ auch die Dichtung als Produkte der Imagination
hobenen >inventeur<96, ist bereits der Geniebegriff den Vorzug hätten, schneller zur »perfection«97 ge­
des l 8. Jh. angelegt. langen zu können als die Wissenschaften. Eine
1 6 7 1 veröffentlicht Gabriel Gueret La guerre des jede Disziplin folge ihren eigenen Entwicklungs­
auteurs anciens et modernes. Mit seiner kriegerischen gesetzen; in Übereinstimmung mit Velleius Pater­
Metapher stellt er die Parameter j enes Literatur­ culus weist er einer jeden Disziplin ihre Epoche
streites einander gegenüber, in dem es um eine zu: Im 1 7 . Jh. gelte dies für die Philosophie; in der
Revision des Verhältnisses zur Antike geht: die Antike habe die Rhetorik eine größere >perfection<
>Querelle des anciens et des modernes<. Zum offe­ erreicht als die Poesie. 98 Fontenelle zieht deshalb
nen Literaturstreit - und damit zur eigentlichen die Überlegenheit der antiken Autoren in Zweifel:
>Querelle des anciens et des modernes<, wie sie Für ihn gibt es keinen qualitativen Unterschied
zwischen den Dimensionen Vergangenheit und
Zukunft. Er bestreitet die Auffassung von der Ein­
maligkeit der im Altertum erreichten Vollkom­
menheit. Die Gegenüberstellung von Rhetorik
und Poesie mit ihrem unterschiedlichen Grad der
92 Vgl. JEAN DESMARETS DE SAINT-SORLIN, Les delices >perfection< ist als eine argumentative Strategie zu
de l'esprit - dialogues (Paris 1 6 5 8) , [Prologue, nicht verstehen, die das Ziel verfolgt, den Prozeß des
pag. ] .
93 DESMARETS DE SA!NT-SORLIN, La comparaison d e Ja Sich-Vervollko mmnens (>Se perfectionner<) als ei­
langue et de Ja poesie fran,oise, avec Ja grecque et Ja nen in der historischen Dimension zwar offenen,
latine, et des poetes grecs, latins et fran,ois (Paris nichtsdestoweniger aber auf einen dem jeweiligen
1 670) , 9. Teilgebiet eigenen Punkt der Vollendung (>point
94 Vgl. ebd., 94, 4 1 .
de la perfection<) ausgerichteten darzustellen. Fon­
9 5 Vgl. DESMARETS DE SAlNT-SORLIN, Marie Made­
leine ou Je triomphe de Ja griice - Poeme (Paris tenelles entelechisches Fortschrittsverständnis hat
1 669) , [Prologue, nicht pag.] . folglich die historische, den Geschichtsverlauf
96 Vgl. DESMARETS DE SAlNT-SORLIN (s. Anm. 93), 90. beschreibende Zeit noch nicht im Blick.99 Die
97 BERN ARD LE BOVIER DE FONTENELLE, Digression sur
perfection ist dabei ein abstraktes Ideal ohne for­
!es Anciens et !es Modemes ( 1 688), in: Fontenelle,
CEuvres completes, hg. v. A. Niderst, Bd. 2 (Paris mal-inhaltliche Vorgaben. Fontenelle beabsichtigt
1991), 419. keineswegs, die anciens und jegliche imitatio zu
98 V gl . ebd., 42 1 f. verwerfen; vielmehr sucht er den Eigenwert der
99 Vgl. JAUSS, Ästhetische Normen und geschichtliche modernes zu betonen - und schränkt die aemu­
Reflexion in der >Querelle des Anciens et des Moder­
latio ein: »Quand nous aurons trouve que !es An­
neS<, in: Charles Perrault, Parallele des anciens et des
modernes en ce qui regarde les arts et les sciences ciens ont atteint, sur quelque chose, le point de
(1688- 1 697) , hg. v. Jauss (München 1 964) , 1 6 . perfection, contentons-nous de dire qu'ils ne peu-
I I . Tradition als Problem der Kulturtheorie 87

vent etre surpasses: mais ne disons pas qu'ils ne genständigen Epoche hervor; seinem zyklischen
peuvent etre egales.« 1 (1(1 Epochenverständnis verpflichtet, gibt er j edoch zu
Im selben Jahr wie Fontenelles Digression ( 1 68 8) bedenken, daß der kulturelle Zenit bereits erreicht
erscheint der erste Teil von Perraults vierhändiger sein könnte w4
Parallele des anciens et des modernes, in der er zur Die Vertreter der modernes behaupten die Ei­
beckmesserischen Kritik an seinem Vortrag Le siede genständigkeit der Literatur und schließlich der
de Louis le Grand Stellung bezieht. Er nimmt diese Kunst (>!es beaux arts<) ihrer Zeit überhaupt und
Replik zum Anlaß für eine umfassende kunst-, verweisen, geleitet vom Gedanken der aemulatio,
kultur- und wissenschaftstheoretische Stellung­ darauf, daß sie wohl die Qualität der antiken Lite­
nahme. Einige der in der Parallele entwickelten ratur erreichen könne. Curtius nennt die >Querelle
oder aufgegriffenen Argumente belegen ein neues des anciens et des modernes< ein »konstantes Phä­
Bewußtsein von der künstlerischen Produktion nomen der Literaturgeschichte« 105, das er bereits an
und werden die ästhetische Diskussion bis weit ins der Asianismus-Debatte ausmacht. Jauß spricht zu­
l 8. Jh. hinein mitbestimmen. Perrault faßt die treffender von einem »literarischen Topos«106, und
Künste zu einem einheitlichen System gleichbe­ als solcher scheint er in das Begriffspaar Tradition
rechtigter Gattungen zusammen, ein Gedanke, den - Innovation Eingang gefunden zu haben. Der To­
er in einer weiteren Schrift, Le cabinet des beaux arts pos der >querelle litteraire< wurde mit Augustin Si­
( 1 690) , ausführt: Die beaux arts werden nach­ mon lrailhs umfassender Studie Querelles litteraires
drücklich von den Artes liberales abgegrenzt; zu ou memoires pour servir a l'histoire des revolutions de la
j enem System zählt nunmehr auch die >eloquence<. Republique des Lettres depuis Homere jusqu 'a nos Jours
Die Annahme eines solchen Systems begründet (1761) aus der Perspektive aufklärerischen Fort­
eine von der engen Anbindung an die Rhetorik schrittsdenkens gesehen und zum Paradigma einer
emanzipierte Kunsttheorie und stellt einen wichti­ kulturgeschichtlichen Betrachtungsweise erhoben:
gen Schritt auf dem Weg zur Ästhetik als einer ei­ »Au milieu de toutes ces disputes, soutenues de
genständigen philosophischen Disziplin dar. Eine part & d'autre avec tant de chaleur, i travers ce fa­
der gewichtigsten Einlassungen Perraults ist die tras d'injures & de libe!es, parmi ces revolutions
Frage, warum man in allen Künsten von einem continuelles de la republique des lettres, Je lecteur
Prozeß ständiger Weiterentwicklung spreche, von pourra suivre le fil de nos connoissances, les pro­
der Poesie der Antike dagegen, die sich noch im gres du gofü, la marche de l'esprit humairn107• In­
Stadium ihrer Kindheit befinde, bereits von Voll­ nerhalb dieser Geschichte der querelles litteraires
endung. 101 Indem er die Produkte der Künste als wird auch ausdrücklich die >Querelle des anciens
historisch relative Ausdrucksformen der absoluten et des modernes< als historische Auseinanderset­
Vollkommenheit des Schönen betrachtet, gewinnt zung um die Doctrine classique genannt108 - noch
bei ihm dieses Ideal (>l'idee du beau<) erst an Ge­ vor der Verankerung des Terminus als Topos in
wicht: Es läßt sich nicht mehr auf das abstrakte der Literaturgeschichte durch Hippolyte Rigault
Regelwerk der Doctrine classique verpflichten.
Damit wird der >bon gout< zu der einzigen Instanz,
100 FONTENELLE (s. Anm. 97) , 424.
die über Kunst zu urteilen hat: Geschmack ist 1 0 1 Vgl. PERRAULT, Parallele des anciens et des moder-
Zeitgeschmack. 1 02 Die letzte Konsequenz wird die nes [ 1 697] (s. Anm. 99) , 289.
Subjektivierung des Geschmacksurteils sein. In 102 Vgl. ebd., 299.
103 Vgl. ebd., 3 3 1 .
diesem Zusammenhang kommt es auch zu einer
104 Vgl. PERRAULT, Parallele des anciens et des moder-
wichtigen publikumssoziologischen Betrachtung: nes [ 1 688] (s. Anm. 99) , l 14.
Das neue Lesepublikum löst die Bildungselite der 105 CURTIUS (s. Anm. 45), 256.
>Spvans< als Autorität ab. Die nunmehr möglich 106 JAUSS (s. Anm. 5 5) , 14.
gewordene Differenzierung lenkt den Blick auch 107 AUGUSTIN SIMON IRAILH, Querelles litteraires ou
men1oires pour servir a l'histoire des revolutions de
auf die Rezeptionsbedingungen. 103 Besonders
la Republique d e s Lettres depuis Homere jus qu' a
deutlich tritt in Le siede de Louis le Grand und in nos jours, Bd. l (Paris r 76 1 ) , XIV
seiner ersten Parallele das Selbstverständnis einer ei- 108 Vgl. ebd., Bd. 2 (Paris 1 7 6 1 ) , 285 ff
88 Tradition - Innovation

r 8 56 rn9 Dennoch ist eine Gleichsetzung dieses To­ genständigen nationalen »Literatursystems«112, ei­
pos mit j enem von Tradition - Innovation proble­ ner eigenen Literaturtradition zu machen.
matisch, zumal die historische >Querelle< sich noch England erlangt nicht zuletzt durch Charles de
innerhalb universaler Vergleichskategorien bewegt, Saint-Evremond Kenntnis von den Positionen der
denen ein entelechisches Entwicklungsschema ein­ französischen >Querelle des anciens et des moder­
geschrieben ist. Diese Kategorien widersprechen, nes< . 1 1 3 Dieser Rezeption ging Bacon mit seinen
wie Luhmann feststellt, auch dem »Postulat nach wissenschaftstheoretischen Schriften voraus: Die
Originalität«1 1 0 und den nunmehr historisch be­ herkömmliche Form des Erschließens von Wirk­
gründeten gattungsimmanenten Stilmerkrnalen. lichkeit erfolge über starre Idole (>ldola<) , die eine
Die Position der modernes hat die Herausbildung Herrschaft des Vorurteils darstellen, das wahrer Er­
eines auf Autonomie gegründeten Systems von kenntnis entgegenstehe. Eine besondere Wir­
Kunst und Literatur befördert. 1 1 1 Indes ist ihre Po­ kungsmacht schrieb er jenen Idolen zu, die den
sition nicht mit der Forderung nach formaler Er­ dogmatischen Setzungen philosophischer Lehr­
neuerung in der Literatur verbunden. Die erst ge­ meinungen entspringen, »welche durch Tradition,
gen Mitte des r 8 . Jh. abklingende historische Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit Geltung er­
>Querelle des anciens et des modernes< hat in langt haben« (quae ex traditione et fide et neglectu
Frankreich die Literatur- und Kunsttheorie aus invaluerunt)1 14. Dennoch kann Bacon, dessen Phi­
dem engen Korsett der Doctrine classique befreit; losophie auf dem Postulat der Erneuerung beruht,
sie hat den Klassizismus (als Terminus in Frank­ nicht einfach als traditionsfeindlich eingeordnet
reich erst seit dem beginnenden 1 9 . Jh. geläufig) werden. In The Advancement ef Learning ( 1 605) und
aus dem Inventar absolutistischer Legitimations­ in De dignitate et augmentis scientiarum ( 1 623) hielt er
strategien herausgelöst und damit entscheidend an der Tradition als dem wesentlichen Element des
dazu beigetragen, ihn zum Konstituens eines ei- Lernens fest: »For all knowledge is either delivered
by teachers, or attained by men's proper endeav­
ours: and therefore as the principal part of tradi­
tion of knowledge concerneth chiefly writing of
! 09 Vgl. HIPPOLYTE RIGAULT, Histoire de Ja Querelle books, so the relative part thereof concerneth read­
des Anciens et des Modemes ( 1 8 56; New York
ing of books.« 1 1 5 Daher unterteilte er die »tradi­
1963); ALFRED LOMBARD, La Querelle des Anciens
et des Modemes. L'Abbe Du Bos (Neuchatei 1 908), tion of knowledge« nach zwei Gesichtspunkten:
6; AUGUST BUCK, Die •Querelle des Anciens et des »the one Critical, the other Pedantical«1 16• Beide
Modernes< im italienischen Selbstverständnis der Formen seien unverbrüchlich miteinander ver­
Renaissance und des Barocks (Wiesbaden 1973), 5 . knüpft: »For Pedantical knowledge, it containeth
l I O LUHMANN, Die Kunst der Gesellschaft (1995;
Frankfurt a. M. ' 1 996) , 376. that difference of Tradition which is proper for
I 1 l Vgl. ebd. . 3 77; MICHAEL NERLICH, Abenteuer oder use« 1 17. Seine Verteidigung der Erneuerung be­
das verlorene Selbstverständnis der Modeme. Von gann in der Auseinandersetzung mit der Rhetorik.
der Unaufhebbarkeit experimentellen Handelns So zeigte er etwa, daß die rhetorische inventio
(München 1 997) , rn9.
durch ihre Rückbindung an topica keinesfalls
l 1 2 CURTIUS (s. Anm. 45), 270.
1 1 3 Vgl. GERHARD SAUDER, [Nachwort] , in: Edward echte inventio im Sinne von erfinden (invenire) ,
Young, Gedanken über die Original-Werke, übers. dem Aufdecken von Unbekanntem (»ignota dete­
v. H. E. von Teubern ( 1 760; Heidelberg 1 977) , 6. gere«118) bedeuten könne.
l l 4 FRANCJS BACON, Novum organum ( 1 620) , in: BA­ Der im Kontext der englischen Querelle (>Battle
CON, Bd. 1 ( 1 8 5 8) , 1 6 5 ; dt. : Neues Organon, lat.­
dt„ übers. v. R. Hoffmann/G. Korf, hg. v. W. of the Books<) geführte Disput nimmt seinen Aus­
Krohn, Bd. l (Hamburg 1 990) , 1 0 5 . gang im wissenschaftstheoretischen Streit darüber,
I l 5 B A C O N , T h e Advancement o f Learning ( 1 605), in: ob Aristoteles oder Bacon der Vorzug zu geben sei.
BACON, Bd. 3 ( 1 8 5 9) , 4 1 3 f. William Temple wendet sich in seinem Essay upon
I I 6 Ebd„ 4 1 3 ; vgl. BACON, De dignitate et augmentis
scientiarum (1623), in: BACON, Bd. l ( 1 8 5 8) , 708 ff.
the Ancient and Modern Learning (1 690) vehement
1 1 7 BACON (s. Anm. 1 1 5) , 4 1 5 . gegen Bacon und Fontenelle. Ihm tritt William
I I 8 BACON, D e dignitate (s. Anm. 1 1 6) , 6 3 3 . Wotton entgegen, der in seinen Reflections upon
III. Die neue Rede von der Tradition 89

Ancient and Modern Learning ( 1 694) ähnlich argu­ hann Gottfried Herder einen Verteidiger zu fin­
mentiert wie Perrault und die Vergleichbarkeit von den. 120
kulturellen Leistungen in den unterschiedlichen
Epochen bezweifelt. Jonathan Swift ergreift mit
seiner Satire The Battle of the Books ( r 704) die Partei
der Ancients: Descartes habe Aristoteles zu wei­ III. Die neue Rede von der Tradition
chen und Homer trage den Sieg über Perrault und
Fontenelle davon. 1 19 Alexander Pope, ein Verehrer
1 . Voraussetzungen
Boileaus, geht daran, Natur und Klassik miteinan­
der zu verbinden, indem er j ener einen universalen Die >Querelle des anciens et des modernes< fällt in
Status zuweist, den die klassischen Autoren nach­ eme Zeit des aufkommenden Krisenbewußt­
geahmt hätten. Er läßt Tradition in seinen Natur­ seins. 127 Schon 1 6 8 5 erhebt Pierre Bayle die mah­
begriff aufgehen 1 20 und setzt in seinem Essay on nende Stimme gegen »le prejuge de la Tradi­
Criticism ( 1 7 1 1 ) die aristotelische Mimesis (imitatio tion« 128. Gottfried Wilhelm Leibniz thematisiert
naturae) an die Stelle der imitatio: »Learn hence den Widerspruch zwischen Tradition und Ver­
for ancient rules a just esteem; / To copy nature is nunft, wobei er j ene nur für die Allgemeinheiten
to copy them.«121 In seinen Samuel Richardson (>generalites<) gelten läßt, »mais quand on vien au
gewidmeten Conjectures on Original Composition fait, il se trouve que !es differens pays ont receu des
( 1 759) polemisiert Edward Young gegen Pope und
gegen eine jede Regelpoetik, wie immer sie auch l 19 Vgl. RICHARD FORST ER JONES, Ancients and Mod­
begründet sein mag. Er antwortet darauf mit einer ems. A Study of the Background of the Battle of the
metaphernreichen Apologie des Genies und der Books (St. Louis 1936); JONES, The Background of
the Battle of the Books, in: Jones, The Seventeenth
Originalität122 und rekurriert dabei auf die Inhalte
Century. Studies in the History of English Thought
des theologischen Traditionsbegriffs: »His taste and Literature from Bacon to Pope (London 1 9 5 1 ) ,
partook the error of his religion, - it denied not 1 0-40; R Ö TZ E R (s. Anm. 4 8 ) , 98 ff.
worship to saints and angels; that is, to writers 1 20 Vgl. ALEIDA ASSMANN, Zeit und Tradition. Kultu­
who, canonized for ages, have received their apo­ relle Strategien der Dauer (Köln/Weimar/Wien
theosis from established and universal fame.« 123 Das
1 999) , l 3 7 f.
1 2 1 ALEXANDER POPE, A n Essay o n Criticism ( 1 7 1 1 ) , in:
Genie seiner Zeit sieht Young einer Gefahr aus­ Pope, Poetical Works, hg. v. H. Davis (London/
gesetzt, welche für die Antike nicht bestanden New York/Toronto 1 968), 68 (V. 1 3 9 f.) .
habe: Es könne zwischen Originalität und Nach­ 122 Vgl. ROLAND MORTIER, L'originalit6. Une nouvelle
categorie esth6tique au siede des lumieres (Genf
ahmung wählen, wobei die letztere unweigerlich
1 982) , n
sein Verkümmern nach sich ziehe. 124 Mit Origi­ 1 2 3 EDWARD YOUNG, Conjectures on Original Com­
nalität ist bei ihm aber nicht absolute Freiheit ge­ position in a Letter to the Author of >Sir Charles
meint, sondern die gelungene Nachahmung der Grandison< (1 759), in: Young, The Complete
Natur. Damit bleibt er dem mimetischen Prinzip Works, hg. v. ]. Nichols, Bd. 2 (1 8 54; Hildesheim
1 968), 569.
verpflichtet, das er gegen die imitatio ausspielt;
1 24 Vgl. ebd., 5 5 3 .
jene erhebt er zur eigentlichen Bezugsgröße der 1 2 5 Vgl. LAWRENCE M . PRICE, The Reception of Eng­
aemulatio: Die alten Meister sollen keinesfalls ver­ lish Literature in Germany (1932; New York 1 968),
worfen werden: »Imitate them by all means; but 290 (
1 26 Vgl. JOHANN GOTTFRIED HERDER, [Rez.] ]oh. Jac.
imitate aright« (5 54) . Nachahmenswert sei viel­
Rambach, Schreiben über die Frage: ob das Lesen
mehr der auf die Mimesis hin ausgerichtete Schaf­ der Alten an dem Mangel der Original-Scribenten
fensprozeß: »Such is Emulation's high-spirited ad­ Schuld sey ( 1 765), in: HERDER, Bd. l ( 1 877) , 1 2 1 .
vice« (569) . In Deutschland, wo bereits 1 760 eine 1 2 7 Vgl. KOSELLECK, Kritik und Krise. Eine Studie zur
Übersetzung erscheint, wird Young von Johann Pathogenese der bürgerlichen Welt ( 1 959; Frankfurt
a. M. 6 1 989) , 1 3 2 ff
Christoph Gottsched, dem deutschen Verteidiger
I 28 PIERRE BA YLE, Pensees diverses sur la comete
des >erlernbaren< Regelwerks der Doctrine classi­ ( 1 682) , hg. v. A. Prat, Bd. 1 ( 1 9 n ; Paris 1 994) , 3 5
que, heftig angegriffen 125, um wenig später in Jo- ( § 7).
90 Tradition - Innovation

opinions differentes depuis longtemps; et dans les thetischen Theorienbildung, die in letzter Konse­
memes pays encor on est alle du blanc au noir«129• quenz die Doctrine classique mit ihrem
Mit der Reflexion der Krise setzt die Frage nach Regelwerk untergraben sollte. So bildete ein unter
der Legitimität ein, die seit dem r 8. Jh. auf dem Einbeziehung der Lehre Augustinus' und der
Hintergrund der sich entwickelnden Geschichts­ christlich-neuplatonischen Ontologie formulierter
philosophie gestellt wird. Für diese Zeit konstatiert transzendentaler Begriff des Schönen (>le beau<) die
Luhmann »eine kritische Sichtung der Bindungen Grundlage der Ästhetik Diderots. 132 Das Schöne in
an die eigene Tradition. Die Tradition erscheint der Kunst zeichne sich durch Einheit aus: »Rien
j etzt als oktroyierte Unmündigkeit, von der man n'est beau sans unite«133• Gleichzeitig erhob der
sich befreien muß. Die Kunstreflexion findet sich Sensualismus Voltaires definitiv das Individuum
in einer Situation, in der ihr die Markierung ihres mit seinen >Sensations< und >sentiments<134 zu der
Abstands zur eigenen Tradition aufgegeben ist, Instanz eines (präreflexiven) Geschmacksurteils.
und genau darin nimmt sie bei aller Autonomie ih­ An den Sensualismus knüpfte auch Jean-Fran,:ois
rer Selbsteinschätzung an Gesellschaft teil.«130 Luh­ de Saint-Lambert in seinem Artikel >Genie< für die
mann argumentiert hier j edoch bereits mit einem Encyclopedie an: Das Genie habe ein ausgeprägteres
abstrakten Verständnis von Tradition, das die Be­ Empfindungs- und Erinnerungsvermögen, wo­
deutungen des Wortes im r 8. Jh. nicht hinreichend durch es in der Wahrnehmungsfahigkeit seiner
erfaßt. Für Frankreich entstand im Ausgang der Zeit vorausschreite. 135
>Querelle des anciens et des modernes< durch das Die wichtigsten ästhetischen Theorien im
etwa von Batteux verfochtene Postulat von der Frankreich des 1 8 . Jh. kristallisieren sich um Versu­
Einheit der Künste131 zunächst ein besonderes Ver­ che, eine universale Vorstellung von Kunst zu ent­
hältnis der Negativität zur krisenhaften gesell­ wickeln, aus der die Konfrontation von Alt und
schaftlichen Situation: In den Künsten entfaltet Neu weitgehend gebannt ist. Bis zum Ende des
sich vordergründig ein gegen den Wandel abge­ r 8 . Jh. war der Begriff Tradition in den ästheti­
schottetes Residuum, das auch die Prämissen der schen und philosophischen Diskursen Frankreichs
Doctrine classique in sich aufzunehmen ver­ von untergeordneter Bedeutung; die entsprechen­
mochte. Im Frankreich der Aufklärung behielt der den Einträge in der Encyclopedie setzen den Akzent
Klassizismus seine herausragende Stellung, da er als auf den theologischen und juristischen Sprachge­
eine dem Prinzip der raison entsprechende Dok­ brauch. Das französische r 8. Jh. blieb zunächst
trin angesehen wurde (so auch bei Voltaire) . Aller­ dem Gedanken einer zyklischen Kulturtheorie
dings kam es nun zu einer Verschiebung in der äs- verpflichtet, die auch in anderen Ländern ihre Ent­
sprechungen fand: insbesondere Giambattista Vicos
129 LEIBNIZ, Nouveaux essais sur l'entendement humain Principi di una scienza nuova d'intorno alla commune
(entst. 1 703-1705), in: Leibniz, Philosophische natura delle nazioni ( 1 725) und die Schriften Johann
Schriften, frz.-dt., übers. u. hg. v. W v. Engelhardt/ Joachim Winckelmanns verknüpfen die Ge­
H. H. Holz, Bd. 3 1 2 (1 959; Frankfurt a. M. 1 996) , schichte der Kunst mit der der Zivilisation. 136 Erst
656.
nach der Französischen Revolution begann ein an
1 3 0 LUHMANN (s. Anm. 1 ! 0) , 443 .
1 3 1 Vgl. BATTEUX ( 1 746) . der Idee vom linearen Fortschritt, von der >perfec­
1 3 2 Vgl. KÖRNER (s. Anm. 65) . 74ff. tibilite< der Menschheit geprägtes geschichtsphilo­
1 3 3 DENIS DIDEROT, Pensees detach6es sur la peinture, sophisches Denken, für das v. a. der Philosoph Jean
la sculpture, l' architecture et la poesie pour servir de
Antoine Nicolas de Caritat de Condorcet (Esquisse
suite aux salons ( 1 798), in: DIDEROT ( ASSEZAT) ,
Bd. 1 2 ( 1 876) , So. d'un tableau historique des progres de l'esprit humain,
134 Vgl. VOLTAIRE, >Gout, (Gramm. Litterat. & Phi­ 1 795) steht, diese zyklische Auffassung nachhaltig
los.)<, in: DIDEROT (ENCYCLOPEDIE) , Bd. 7 ( 1 757), zu durchbrechen. Mit der Annahme einer linearen
76 I . Bewegung rückte auch der Hiatus von Alt und
1 3 5 Vgl. JEAN-FRANyOIS D E SAINT-LAMBERT, >Genie<,
Neu ins Blickfeld: die Tradition konnte zum (säku­
in: DIDEROT ( ENCYCLOPEDIE) , Bd. 7 ( 1 757), 5 8 1-
5 84. laren) philosophischen Problem werden. Die Phi­
1 3 6 Vgl. GOMBRICH (s. Anm. 50), 3 7 . losophie der Aufklärung, die sich der von der Ver-
III. Die neue Rede von der Tradition 91

nunft geleisteten Durchdringung aller Wissensge­ thos: »Die Sage oder der Mythus ist ja aber eben
biete verschrieben hat, etabliert geradezu eine Di­ j ene Mischung, wo sich Überlieferung und Dich­
chotomie von Vernunft und (irrationaler) Tradi­ tung gatten, wo die Ahndung der kindischen Ver­
tion - vorrangig im theologischen Sinne. Für Kant nunft und die Morgenröte der schönen Kunst in­
etwa gibt es nur eine wahre Voraussetzung für einander verschmelzen.« 141
Erkenntnis, »bloß die Vernunft, nicht ein vorgeb­ In Frankreich kommt es mit dem beginnenden
licher geheimer Wahrheitssinn, keine über­ 1 9 . Jh. zu einem großangelegten Angriff auf die
schwengliche Anschauung unter dem Namen des Doctrine classique, der unter der Bezeichnung >ro­
Glaubens, worauf Tradition oder Offenbarung, mantisme< eine literaturhistorische Zäsur markiert.
ohne Einstimmung der Vernunft, gepfropft werden Am augenscheinlichsten formuliert Victor Hugo
kann«137. Die Tradition erscheint dem aufkläreri­ in seiner Priface de Cromwell ( 1 827) das Unvermö­
schen Denken zunächst als Element einer obsolet gen tradierter Gattungen, das universale Prinzip
gewordenen Philosophie, die sich noch als Magd der Poesie adäquat zu artikulieren. Sein Gegenent­
der Theologie verstanden hat. Doch wo der Blick wurf ist ein nach Monumentalität strebendes
auf die Geschichte fallt, kann sich das Denken der Drama als Vollendung einer die Extreme (>le sub­
Tradition (Überlieferung) nicht verweigern - dar­ lime<, >le grotesque<) in Harmonie aufhebenden
auf verweist schon Schiller: »Die Quelle aller Ge­ »poesie complete« 142. Der Dichter wird ganz im
schichte ist Tradition, und das Organ der Tradition Sinne der europäischen Romantik zum poeta va­
ist die Sprache. Die ganze Epoche vor der Sprache, tes 143 - ein Topos, dessen sich nicht zuletzt auch
so folgenreich sie auch für die Welt gewesen, ist für der Saint-Simonismus im Namen seines utopi­
die Weltgeschichte verloren.«138 schen Gesellschaftsentwurfes bedient, um die
Zur Zeit der Aufklärung bilden sich Strömun­ Dichter zur »avantgarde« 144 zu erklären. Unter
gen heraus, die für sich in Anspruch nehmen, über dem Eindruck romantischer Verherrlichung des
das Arkanum eines humanitätsstiftenden Wissens Mittelalters als einer Epoche der Totalität entwik­
zu verfügen: das sich gegen absolutistische Staats­ keln die Saint-Simonisten den geschichtsphiloso­
ideen etablierende Logengeheimnis. 139 Allen voran phischen Entwurf einer Drei-Stadien-Lehre -
die Freimaurerei beruft sich auf die Überlieferung, gleichsam das umgreifendere, auf eine vollkomme­
aus der sie ihr Wissen herleitet: »Und hier fangt die nere Zukunft gerichtete Gegenstück zu den drei
Zeit an, wo die Fingerzeige der niedergeschriebe­ Stufen in den Zivilisationstheorien des 1 8 . Jh. -,
nen Historie freilich ermangeln; aber eine sorgfäl­
tig aufbewahrte Tradition, die so viel innere Merk­
male der Wahrheit hat, ist bereit, diesen Mangel zu 1 3 7 KANT, Was heißt: sich im Denken orientieren?
( 1 786) , in: KANT (w A ) , Bd. 5 (' 1 996) , 268.
ersetzen.« 140 Diese Tradition aber könne am Ende 1 3 8 S CHILLER, Was heißt und zu welchem Ende studiert
durch Verschriftlichung zu Historie werden. man Universalgeschichte? Eine akademische An­
Ungeachtet der veränderten produktions- oder trittsrede ( 1 789) , in: Schiller, Sämtliche Werke, hg.
wirkungsästhetischen Beurteilung von Kunst und v. G. Fricke/H. Göpfert, Bd. 4 ( 1 9 5 8 ; München/
Darmstadt 6 1 980) , 76 r .
der Herausbildung der Ästhetik als eigene Disziplin
1 3 9 Vgl. KOSELLECK (s. Anm. 1 27), 68 ff.
durch Baumgarten und Kant, bleibt die europä­ 1 40 LESSING, Ernst und Falk (entst. 1 778-1 780) , in: LES­
ische Aufklärung, insbesondere die französische, SING ( GÖPFERT ) , ßd. 8 (1 979) , 486.
weitgehend einer auf den klassizistischen Kanon 141 FRIEDRICH SCHLEGEL, Über das Studium der grie­
chischen Poesie ( 1 79 5 / J 796), in: SCHLEGEL ( KFSA ) ,
bezogenen Kunstbetrachtung verpflichtet. Aller­
Abt. 1 . Bd. 1 (1 979) , 3 0 3 .
dings deutet indirekt schon Schiller mit seiner 1 42 VICTOR H U G O , Preface d e Cromwell ( 1 827) , in:
Feststellung, die Tradition sei der Ausgang aller Hugo, Theatre complet, hg. v. ].-]. Thierry/]. Me­
Geschichte, auf die Problematik einer solchen zur leze, Bd. 1 (Paris I963), 424.
Abstraktion von der Historie tendierenden Be­ 143 Vgl. PAUL BENICHOU, Le temps des prophetes.
Doctrines de l'age romantique (Paris 1 977) .
trachtung von Kunst und Literatur hin. Und
1 44 GLINDE RODRIGUES, L'artiste, le savant et l'indu­
Friedrich Schlegel unterstreicht den gemeinsamen striel. Dialogue ( 1 825), in: Claude-Henri de Saint­
Weg von Vernunft und Dichtung im antiken My- Simon, CEuvres, Bd. 5 (Paris 1 966) , 2 ! 0 .
92 Tradition - Innovation

der zufolge j etzt eine neue, organische Gesell­ den Weg fü r einen umfassenderen Traditionsbe­
schaftsordnung bevorstehe. In dieser neuen Gesell­ griff, der die gesamte Kultur und Verfassung einer
schaftsordnung stelle sich die Kunst in die Dienste Gesellschaft umgreift.
eines neuen Kultes. HS Die Autonomie der Kunst
wird antizipierend aufgehoben und ihre Gattungen
2. Identität und Ideologie
erhalten konkrete Funktionen. Das Gattungsgren­
zen sprengende »Gesamtkunstwerk«146 wird zu ei­ »Poesie ist die Muttersprache des menschlichen
nem kultischen Quidproquo von gesellschaftlicher Geschlechts«149 - dieser Satz Johann Georg Ha­
Praxis und Kunst weitergedacht; das Genie wird manns begründet das neue Interesse an der Volks­
wieder auf das Kollektiv verpflichtet - oder: Neue poesie. Besonders Herder macht es sich zur Auf­
Kunst ist nur in einer neuen Gesellschaft denkbar. gabe, dem englischen Vorbild (Thomas Percy,
Der Ausblick auf das Frankreich des 1 9 . Jh. Reliques of Ancient Poetry, 1 765) folgend, alte Volks­
zeigt: Kunst und Literatur werden jetzt nicht mehr dichtungen, in denen die Urform menschlichen
ausschließlich aus der Perspektive einer kanon­ Gemeinwesens zum Ausdruck gelange, zu sam­
orientierten Ästhetik betrachtet, sondern auch in meln. Die noch existierenden Naturvölker zeich­
einem historischen Kontext verortet, der neue neten sich durch eine Dichtung aus, welche die
bzw. konkurrierende Institutionalisierungen künst­ Seele ihrer Nation widerspiegle. 150 Auch wenn
lerischer Produktion zeitigt. Es ist insbesondere ein Herder im Europa des 1 8 . Jh. die Volkspoesie in
Verdienst der romantischen Kunsttheorie und Ge­ den unteren sozialen Schichten zu finden meint, ist
schichtsphilosophie, die Aufklärung dahingehend sie nach seiner Auffassung nicht das literarische Er­
zu korrigieren, daß die Dichotomie von Vernunft zeugnis einer bestimmten sozialen Schicht, son­
und Tradition überwunden wird und letztere zu dern mündlich Überliefertes, das sich allein durch
neuem Recht gelangt.147 Hat sich in Deutschland sein Alter und seine ursprüngliche Ausdrucksform
schon mit Winckelmann eine neue Sicht auf den auszeichne. Herders Suche gilt den »Originalnatio­
zur Norm gewordenen Klassizismus durchgesetzt, nen der Welt«, von denen die »Allgemeine Ge­
welche dessen vorbildlichen Werke an ihrem histo­ schichte des menschlichen Geschlechts« 151 ihren
rischen Ort situierte, »um ein inhaltlich umschrie­ Ausgang genommen habe. Aus dieser Sicht kommt
benes Stilideal, und zugleich historisch-deskriptiv es auch zu einer Neubewertung des klassischen Al­
eine Zeit oder eine Epoche zu bezeichnen, die tertums, in dem die Griechen allein zur Quelle der
dieses Ideal erfüllte« 148, so bereitet die Romantik Geschichte geworden seien, »und welch eine späte,
durchlöcherte und oft versiegene Quelle« ( 5 8 3 ) ,
die vieles nicht z u erfassen vermocht habe: »Alles
I 4 5 Vgl. EMILE BARRAULT, Appel aux artistes. Du passe
et de l'avenir des beaux-arts (Paris I 8 30). außer ihnen [den Griechen - d. Verf.] entweder
I 46 WALTER BENJAMIN, Das Passagen-Werk (entst. ohne Nationalgeschichtschreiber oder diese Natio­
I 927- I 940) , in: BENJAMIN, Bd. 5/2 ( I 982) 7 I 8 , 740. nalgeschichte verloren und verdrängt.<< (582 f.) Auf
I 47 Vgl. HANS-GEORG GADAMER, Wahrheit und Me­ die griechische Dichtung zurückblickend, verneint
thode. Grundzüge einer philosophischen Herme­
schließlich F. Schlegel die Vorstellung von einer
neutik (1960) , in: GADAMER, Bd. I ( I 986) , 2 8 5 .
I 48 Ebd„ 293 . creatio ex nihilo durch das Genie: »Große Genies
1 49 JOHANN GEORG HAMANN, Aesthetica in nuce haben herkulische Kraft an den Versuch ver­
( 1 762) , in: Hamann, Sämtliche Werke, hg. v. J. Nad­ schwendet, eine epische Welt, einen glücklichen
ler, Bd. 2 (Wien I 950) , I 97·
Mythus aus nichts zu erschaffen. Die Tradition ei­
I SO Vgl. HERDER, Von Deutscher Art und Kunst ( I 773),
in: HERDER, Bd. 5 ( I 877) , 1 64. nes Volks - diese nationelle Fantasie - kann ein
1 5 1 HERD ER, Ueber die neuere Deutsche Literatur. großer Geist wohl fortbilden und idealisieren, aber
Fragmente. Erste Sammlung. Zweite völlig umgear­ nicht metamorphosieren oder aus Nichts erschaf­
beitete Ausgabe [Aus einem Entwurf der Bearbei­ fen.« 152
tung ( I 767/ I 768)] , in: Herder, Ausgewählte Werke
in Einzelausgaben. Schriften zur Literatur, hg. v. R.
Mit der AufWertung der mündlichen Überliefe­
Otto, Bd. I (Berlin/Weimar I 98 5) , 5 8 2 f. rung einer Kollektivität, eines Volkes, im Span­
I 5 2 S CHLEGEL (s. Anm. 1 4 I ) , 3 3 3 . nungsfeld von Aufklärung und Romantik begrün-
III. Die neue Rede von der Tradition 93

den deutsche Denker über die Sprache ein neues rich Engels zugespitzt: »Die Religion, einmal ge­
Traditionsverständnis. Hamann kritisiert eine Phi­ bildet, enthält stets einen überlieferten Stoff, wie
losophie - insbesondere die Kants -, die den denn auf allen ideologischen Gebieten die Tradi­
ebenso irrtümlichen wie vergeblichen Versuch un­ tion eine große konservative Macht ist. Aber die
ternommen habe, die Vernunft von aller Überlie­ Veränderungen, die mit diesem Stoff vorgehn, ent­
ferung/Tradition zu lösen. Über die Vernunft setzt springen aus den Klassenverhältnissen, also aus den
er die nunmehr nicht minder transzendental ver­ ökonomischen Verhältnissen der Menschen, die
standene Sprache, »das einzige erste und letzte Or­ diese Veränderungen vornehmen.«158 Und noch
ganon und Kriterion der Vernunft« 153. Erfahrung deutlicher heißt es bei Karl Marx: »Es ist ferner
und Überlieferung (Tradition) werden damit zu klar, daß es hier wie immer im Interesse des herr­
unabdingbaren Voraussetzungen der Vernunft er­ schenden Teils der Gesellschaft ist, das Bestehende
klärt. Herder greift diesen Gedanken auf und ent­ als Gesetz zu heiligen und seine durch Gebrauch
wickelt ihn fort. Nach seiner Auffassung ist die und Tradition gegebnen Schranken als gesetzliche
Tradition über die Sprache mit der Offenbarung zu fixieren.« 159 Die Kritik von Marx und Engels
verknüpft, so daß die Erziehung des Menschenge­ trifft hier jenes Traditionsverständnis, das sich im
schlechts ebenso wie die Bildung des Individuums Gefolge der französischen Restauration als auch
durch die Übung in Nachahmung die Überliefe­ des deutschen Idealismus herausgebildet hat.
rung sicherstelle: »Da nun aber unser specifische Mit dem Beginn des 19. Jh. setzte v. a. in Frank­
Charakter eben darinn liegt, daß wir, beinah ohne reich die politisch-ideologische Besetzung des Tra­
Instinkt gebohren, nur durch eine Lebenslange ditionsbegriffs ein. Die Gegenbewegung zu den
Uebung zur Menschheit gebildet werden, und so­ Ideen der Französischen Revolution, die Restaura­
wohl die Perfectibilität als die Corruptibilität uns­ tion (Joseph Marie Comte de Maistre, Louis Ga­
res Geschlechts hierauf beruhet: so wird eben da­ briel Ambroise Vicomte de Bonald und der junge
mit auch die Geschichte der Menschheit nothwen­ Hugues-Felicite-Robert de La Mennais) , vindi­
dig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Geselligkeit zierte die Tradition für ihre an der Familie ausge­
und bildenden Tradition vom Ersten bis zum letz­ richteten gesellschaftspolitischen Vorstellungen:
ten Gliede. «154 An die Kette der Tradition, des Ga­ »car !es mo:urs ne sont que !es Jois domestiques
ranten einer j eden n1enschlichen Ordnung, anzu­
knüpfen, sei die Aufgabe der Philosophie der Ge­
schichte. iss Die Romantik schließlich bereitet
endgültig den Weg für die Einbettung des Traditi­
onsbegriffs in ein totalisierendes Bild von Mensch 1 5 3 HAMANN, Metakritik über den Purisn1us der Ver­
nunft (entst. 1 784) , in: Hamann (s. Anm. 1 49), Bd. 3
und Kosmos; so notiert I 7 9 8 Novalis: Ȇber die ( I 9 5 1 ) , 284.
Verwandl[ung] der Geschichte in Tradition. Lez­ l 54 HERD ER, Ideen zur Philosophie der Geschichte der
tere ist höher.« 156 Menschheit ( 1 784- 1 79 I ) , in: HERDER, Bd. 1 3
Doch schon Herder warnt davor, daß bei einer ( 1 887), 3 4 5 ; vgl. ebd„ 3 5 4 ff.
1 5 5 Vgl. ebd„ 3 52.
blinden Ausrichtung auf die Tradition sich diese
1 56 NOVALIS, Vorarbeiten zu verschiedenen Fragmen­
gegen eine jede Erneuerung richten könne: »Die tensammlungen ( 1 798), in: Novalis, Werke, Tagebü­
Tradition ist eine an sich vortrefliche, unserm Ge­ cher und Briefe Friedrich von Hardenbergs, hg. v.
schlecht unentbehrliche Naturordnung; sobald sie H . -J. Mähl/R. Samuel, Bd. 2 ( 1 978; Darmstadt
aber sowohl in praktischen Staatsanstalten als im 1 999) , 423 .
r 5 7 HERD ER, Ideen zur Philosophie der Geschichte der
Unterricht alle Denkkraft fesselt, allen Fortgang Menschheit, in: HERDER, Bd. 14 ( I 909) , 89.
der Menschenvernunft und Verbesserung nach I 5 8 FRIEDRICH ENGELS, Ludwig Feuerbach und der
neuen Umständen und Zeiten hindert: so ist sie Ausgang der klassischen deutschen Philosophie
das wahre Opium des Geistes sowohl für Staaten ( I 8 86) , in: MEW, Bd. 21 ( 1 962) , 305 .
l 59 KARL MARX, Das Kapital. Kritik der politischen
als Sekten und einzelne Menschen.«1 57 Herders Ö konomie, Bd. 3 ( 1 894) , in: MEW, Bd. 25 ( 1 970) ,
Warnung vor dem Mißbrauch der Tradition als Le­ 80 1 ; vgl. MARX, Der achtzehnte Brumaire des Louis
gitimationsstrategie, als Ideologie, wird von Fried- Bonaparte ( 1 852), in: MEW, Bd. 8 ( I 960) , I I 5 .
94 Tradition - Innovation

conservees par la tradition« "·0• Diese Strömung pelten Kampf persönlich z u bestehen, der durch
sollte das Etikett >traditionalisme< ( r 8 5 r) erhal­ den Fortschritt der Wissenschaften nicht erleich­
ten. 161 Tradition bzw. >traditionalisme< wurde in tert, sondern erschwert wird. Denn es ist am Ende
der Sprache der politisch-ideologischen Auseinan­ doch nur immer das Individuum, das einer breite­
dersetzung mehr und mehr gleichbedeutend mit ren Natur und breiteren Überlieferung Brust und
>konservativ< bzw. >Konservativismus< und als Op­ Stirn bieten soll.«163 Goethes Darstellung bezieht
positionsbegriff zu >revolutionnaire< gebraucht, was sich nicht vorrangig auf die Kunst, sondern auf die
sich auch in den anderen europäischen Sprachen Gesamtheit der Wissenschaften. Und dennoch
durchsetzen sollte. Insbesondere in Frankreich aber drängt die von ihm gewählte Metaphorik des
konnte sich >traditionalisme< - und damit ein dem Kampfes den Begriff aemulatio auf. Der Unter­
Irrationalen verpflichtetes Traditionsverständnis - schied besteht allerdings darin, daß der Kampf ge­
als politischer Oppositionsbegriff zu >rationalisme< gen ein beständig Anwachsendes dem Heranbilden
etablieren. 1 62 des Menschen als Individuum und seiner Einglie­
derung in diesen Prozeß einer >breiteren Überlie­
ferung< dient. Notabene: Die Autorität des Über­
3. Fixierung des idealistischen Traditionsbegriffs
lieferten ist nicht gleichzusetzen mit abstrakten
Für das r 8. und das beginnende 19. Jh. in Deutsch­ Konventionen! Auch ist nach Goethe das Überlie­
land kann zusammenfassend festgestellt werden, ferte keineswegs als eine homogene Größe zu ver­
daß der Gegenstandsbereich, den das Wort Tradi­ stehen: Es komme in der Gestalt von Denkmälern
tion (Überlieferung) bezeichnet, auch als ein dem oder bloßen Trümmern einher, als »praktischer
(historischen) Prozeß des Werdens unterworfener Handgriff«, als eine fortwährende Notwendigkeit
oder als auf diesen verweisender angesehen wird. und nicht zuletzt als etwas, das »der Mensch, ohne
Goethe faßt den daraus entstehenden Konflikt zu wollen, immer wieder selbst hervorbringt, wie
zwischen Tradition (Überlieferung) und Indivi­ Musik und die übrigen Künste«1M Durch die
duum in eine Reflexion: »Wir stehen mit der Überlieferung wirke das Abwesende auf uns, je­
Überlieferung beständig im Kampfe, und jene For­ doch in unterschiedlicher Form: »Die gewöhnliche
derung, daß wir die Erfahrung des Gegenwärtigen ist historisch zu nennen; eine höhere, der Einbil­
auf eigene Autorität machen sollten, ruft uns dungskraft verwandte, ist mythisch. Sucht man
gleichfalls zu einem bedenklichen Streit auf. Und hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine Be­
doch fühlt ein Mensch, dem eine originelle Wirk­ deutung, so verwandelt sie sich in Mystik.« 165 Die
samkeit zuteil geworden, den Beruf, diesen dop- Hierarchie zeigt, daß dem Individuum eine wich­
tige Funktion in der Konkretisierung des Überlie­
1 60 LOUIS GABRIEL AMBROISE VICOMTE DE BONALD, ferten zufallt. Auch gelte es, über dem Erfolg der
Essai analytique sur !es Jois naturelles de !'ordre so­ Literatur das »frühere Wirksame« nicht zu verges­
cial, ou Du pouvoir, du ministre et du sujet dans la sen, sich immer wieder den »Altvorderen« zuzu­
societe ( 1 800; Paris 1 840), 232. wenden, um letztlich zu erhalten, was »an uns Ori­
1 6 1 Vgl. HEINZ PEPPERLE, >Traditionalismus<, in: G.
Klaus/M. Buhr (Hg.), Marxistisch-leninistisches
ginal« (505) sei. Mit anderen Worten: Da sich der
Wörterbuch zur Philosophie, Bd. 3 (Reinbek b. Kern des Überlieferten, das Original, dem analyti­
Hamburg 1 9 8 3 ) , 1 22cr-1 2 3 r . schen Zugriff entzieht, ist Tradition in letzter Kon­
162 Vgl. >Traditionalisme<, in: ANDR E LALANDE, Voca­ sequenz nur am Individuum selbst festzumachen.
bulaire technique et critique de la philosophie ( l 926;
Wandel oder Evolution können für Goethe keines­
Paris '41983), 1 1 41-1 1 4 3 ; >Tradition<, in: ebd„ T 1 40-
1 141. wegs als Oppositionsbegriffe zu Tradition (Über­
1 63 GOETHE, Maximen und Reflexionen, in: GOETHE lieferung) gefaßt werden. Diese Hinwendung zum
( HA ) , Bd. 12 (91 9 8 1 ) , 392. Individuum und zur Entelechie zeugt nicht zuletzt
1 64 GOETHE, Materialien zur Geschichte der Farben­ von einer Skepsis gegenüber einem teleologischen
lehre (entst. 1 805-1 806) , in: GOETHE (HA ) , Bd. 1 4
(7 1 982), 5 1 f.
oder gar eschatologischen Geschichtsbild. 166 Das
165 GOETHE (s. Anm. 1 6 3 ) , 392. Genie bei Goethe ist gleichbedeutend mit Origi­
1 66 Vgl. ebd„ 3 9 3 . nalität einer schöpferischen inventio, welche im-
III. Die neue Rede von der Tradition 95

mer auch - im Sinne rhetorischer invention - auf und Besonderem auf. Tradition erscheint ihm zu­
das Vorausgegangene zurückgreift. Für die Ge­ nächst als eine dem dialektischen Prinzip eher zu­
nieästhetiken der französischen und deutschen widerlaufende Kategorie. In seiner Ästhetik hinge­
Aufklärung sowie der Weimarer Klassik gilt, daß gen gelangt die Tradition mit Blick auf die antike
sie, obzwar dem Individuum zugewandt, keines­ Dichtung durchaus zu ihrem Recht, jedoch nicht
falls traditionsfeindlich sind. etwa im Sinne F Schlegels, der das Genie znm
In Friedrich Schleiermachers Schriften zur Vollzngsorgan des Überlieferten erklärt hat, son­
Ethik geht Tradition einher mit der Vorstellung dern indem er den Dichter zu j enem erhebt, der
von einer Gemeinschaft, die sich als Erkenntnisge­ ihm erst seinen Gehalt verleihe. »Beides aber, Tra­
meinschaft erweist, die sich auf den Erkenntnispro­ dition und eigenes Bilden, läßt sich durchaus verei­
zeß des einzelnen bezieht und in der Auseinander­ nigen. Die Tradition ist das erste, der Ausgangs­
setzung mit den anderen konstituiert. 167 Diese Ge­ punkt, der wohl Ingredienzien überliefert, aber
meinschaft ist aber geprägt von ihrem historischen noch nicht den eigentlichen Gehalt und die echte
Ort. Der Begriff Tradition bleibt bei ihm vorran­ Form für die Götter mitbringt. Diesen Gehalt nah­
gig auf die mündliche Überlieferung beschränkt, men j ene Dichter aus ihrem Geist und fanden in
die sich als der Anspruch der unteren Klassen des freier Umwandlung für denselben auch die wahre
Volkes erweise, zugleich aber unvollständig sein Gestalt und sind dadurch in der Tat die Erzeuger
könne. Hier habe die »pädagogische Tätigkeit« der Mythologie geworden, welche wir in der grie­
eine wichtige Aufgabe: »Sie soll ein Supplement chischen Kunst bewundern.«171 In seinen Vorlesun­
geben wenigstens in den Fällen, wo die Tradition gen über die Geschichte der Philosophie ( 1 8 3 3- 1 8 3 6)
des unmittelbaren Lebens eine armselige sein muß. weitet er den Begriff der Tradition aus, indem er
Die Schule hat für die Jugend aus dem Volke das Herders Bild von der >heiligen Kette< aufgreift und
geschichtliche Bewußtsein soweit zu entwickeln dieses in ein produktives, Neuerungen in sich auf­
und soweit sie g<; schichtlich zurückzuführen, bis nehmendes Prinzip umdeutet: »Diese Tradition ist
sie an die Zeit kommt, in der eine bestimmte ge­ aber nicht nur eine Haushälterin, die nur Empfan­
schichtliche Bewegung stattgefunden, welche den genes treu verwahrt und es so den Nachkommen
gegenwärtigen Zustand veranlaßt hat, so daß das unverändert überliefert. Sie ist nicht ein unbeweg­
Volk zu einem leben di ge n , d. h. ge n e ti s c h e n Be­ tes Steinbild, sondern lebendig und schwillt als ein
wnßtsein seiner Verhältnisse kommt.«168
Ambivalent gestaltet sich Hegels Verhältnis zur
Tradition. In der Phänomenologie des Geistes ( 1 807)
erweist sie sich ihm als Teil jenes Prinzips, das der
I 67 Vgl. FRIEDRICH DANIEL ERNST SCHLE!ERMACHER,
»Bewegung, die der Geist ist«, und dem »reinen Ethik I 8 1 2 / I 3 (Einleitung und Güterlehre), in:
Selbstbewußtsein« widerspricht, als eine Form des Schleiermacher, Werke, hg. v . 0. Braun/]. Bauer,
»Hinausgehens« der Vorstellung, für das gilt: »in­ Bd. 2 (Leipzig I 9 I 3 ) 305 [. ; GUNTER SCHOLTZ,
dem es nur Instinkt ist, verkennt es sich, verwirft Ethik und Hermeneutik.• Schleiermachers Grundle­
gung der Geisteswissenschaften (Frankfurt a. M .
mit der Form auch den Inhalt und, was dasselbe 1 995), 1 3 4.
ist, setzt ihn zu einer geschichtlichen Vorstellung I 68 S CHLEIERMACHER, Grundzüge der Erziehungskunst
und einem Erbstücke der Tradition herab; hierin (Vorlesungen 1 826), in: Schleiermacher, Texte zur
ist das rein Äußerliche des Glaubens nur beibehal­ Pädagogik. Kommentierte Studienausgabe, hg. v.
M. Winkler/j. Brachmann, Bd. 2 (Frankfurt a. M.
ten und damit als ein erkenntnisloses Totes; das In­
2000) , 275.
nerliche desselben aber ist verschwunden, weil dies 1 69 GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL, Phänomeno­
der Begriff wäre, der sich als Begriff weiß.« 169 Je­ logie des Geistes ( 1 807) , in: HEGEL ( TWA ) , Bd. 3
doch trifft hier sein Verdikt offensichtlich eine ( I 970) , 5 60.
mißverstandene Tradition. 17° Was bei Schleierma­ 1 70 Vgl. HEGEL, Grundlinien der Philosophie des
Rechts ( I 8 2 I , recte I 820) , in: HEGEL ( TWA ) , Bd. 7
cher ein fester Bestandteil der Erkenntnisgemein­
( I 970) , 22 f.
schaft ist, geht bei ihm im dialektischen Begriff der 1 7 I HEGEL, Vorlesungen über die Ästhetik ( I 8 3 5- 1 8 3 8 ) ,
Bildung, dem Zusammenwirken von Allgemeinem B d . 2, in: HEGEL ( TWA ) , B d . 1 4 ( 1 970) , 77.
96 Tradition - Innovation

mächtiger Strom, der sich vergrößert, je weiter er als den letzten Schritt zur Befreiung des Menschen:
von seinem Ursprunge aus vorgedrungen ist.«172 »Das Leben wird frei vom Erkennen durch Be­
griffe; der Geist wird souverän allen Spinngeweben
dogni,atischen Denkens gegenüber. [„ .] Und der
Relativität gegenüber macht sich die Kontinuität
IV. Der Weg in die Modeme der schaffenden Kraft als die kernhafte historische
Tatsache geltend.«175 Aus dieser geistesgeschichtli­
chen Hinwendung zur Kontinuität verliert Tradi­
1. Tradition zwischen Historismus und
tion j eden Bezug zu ihrem historischen Ort. Lite­
Voluntarismus
ratur- und Kunstgeschichte verfolgen nun den
Wenn Curtius von einer denkbaren »Morphologie Auftrag, die Kontinuität der schöpferischen Kräfte
der literarischen Tradition«173 spricht und die über zu objektivieren und den Kanon einer Weltlitera­
einen Kanon vermittelte Tradition als den Garan­ tur zu erstellen. Der Gegenstand der Geistesge­
ten von Kontinuität betrachtet, dann erfolgt dies schichte entsteht am Erleben der schaffenden
aus der Sicht einer auf Wilhelm Diltheys Lebens­ Kraft, die sich nicht mehr in das enge Korsett einer
philosophie zurückgehenden Vorstellung von Gei­ Nationalliteratur zwängen läßt. Ihre Methode, sich
stesgeschichte. Das hier entwickelte Traditionsver­ diesem Gegenstand des Erlebens zu nähern, ist die
ständnis ist Teil des in sich zutiefst geschichtspessi­ hermeneutische. Um die Geistesgeschichte gegen
mistischen Historismus. Dieser begreift Geschichte die Historie abzuschotten, die als depravierende
nicht mehr als gesetzmäßigen historischen Prozeß Kraft empfunden wird, gilt die Aufmerksamkeit ei­
und überantwortet die Geschichtsbetrachtung ei­ ner an Dilthey geschulten Kulturwissenschaft der -
ner individualisierten Perspektive. Das Verhältnis wie Krauss schreibt - »Wiederkehr typischer Rich­
von Historismus und Tradition resümiert Werner tungsgedanken«, einer Typenlehre, die Manife­
Krauss in einer kritischen Bestandsaufnahme: »Im stationen unterschiedlichster Epochen »auf einen
Historismus war die Geschichte zum Ausdruck der einzigen Nenner der Stilgesinnung«1 76 verpflichtet.
bloßen Bewegung verkümmert. Das Sein und die Die Entwicklung der geistesgeschichtlichen Me­
Dauer waren als ungehobener Restbestand des ge­ thode in Deutschland ist als logische Konsequenz
schichtlichen Prozesses zurückgeblieben. Sie bil­ der Ästhetik des 1 9 . Jh. zu sehen, die über Kants
den nunmehr das Element, mit dem sich die Ge­ Diktum vom interesselosen Wohlgefallen über die
schichte die hemmenden Gegenkräfte auf dem ei­ Autonomiepostulate des L'art pour l'art und des
genen Boden bereitet. Der Fluchtbewegung Ästhetizismus das Ästhetische in eine Position der
begegnet nunmehr der Ausschnitt der bleibenden N egativität hinsichtlich der Lebenswirklichkeit
Werte und Traditionen. Die Traditionen sind die drängen; sie blickt zurück auf ein ausdifferenziertes
Verpflichtung auf die geschichtliche Dauer.«174 und aus ihrer Sicht vollendetes System der Kunst­
Dilthey begreift das »historische Bewußtsein von gattungen als dem vermeintlich einzigen Garanten
der Endlichkeit jeder geschichtlichen Erscheinung« ästhetischer Erfahrung. In diesem Kontext kann
auch Hegel mit seinem Satz: »Auf dem idealen Bo­
den der Kunst muß die Not des Lebens beseitigt
1 72 HEGEL, Vorlesungen über die Geschichte der Philo­ sein«177 vereinnahmt werden. Es ist ein Kultur­
sophie ( 1 8 3 3-1 8 3 6) , Bd. 1, in: HEGEL ( TwA ) , Bd. 1 8 und Kunstverständnis, das sich einseitig an der Ver­
(1971), 2 1 .
gangenheit orientiert und für die Gegenwart letzt­
1 7 3 CURTIUS (s. Anm. 45), 396.
1 74 KRAUSS, Literaturgeschichte als geschichtlicher Auf­ lich j egliche authentische künstlerische Produktion
trag, in: Sinn und Form 2 ( 1 950), H. 4, l ID. in Abrede stellt. Tradition wird zum Signum einer
1 7 5 WILHELM DILTHEY, Der Aufbau der geschichtlichen Anschauung, die (Kultur-)Geschichte auf den Sta­
Welt in den Geisteswissenschaften ( 1 9 rn), in: DIL­ tus eines Gewordenen verweist.
THEY, Bd. 7 (Stuttgart/Göttingen 5 1 968), 29 1 .
Wilhelm Windelband verteidigt die »Unent­
1 76 KRAUSS (s. Anm. 1 74) , 99 f.
1 77 HEGEL, Vorlesungen über die Ästhetik ( 1 8 3 5- 1 8 3 8 ) , fliehbarkeit der Tradition« gegen die im Anschluß
ß d . 1 , i n : HEGEL ( TWA ) , B d . 1 3 ( 1 970) , 3 3 3 . an Friedrich Nietzsche erfolgenden Angriffe auf
IV Der Weg in die Modeme 97

die Tradition, wobei er auf deren eigene Verpflich­ tion, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf
tung auf das überlieferte Kulturgut verweist. Jahrhunderte hinaus, zur Solidarität von Geschlech­
Nietzsches »voluntaristisches« Denken steht für ihn ter-Ketten vorwärts und rückwärts in infinitum. Ist
im Kontext eines technizistisch geprägten Fort­ dieser Wille da, so gründet sich Etwas wie das im­
schrittsideals: »Aber der voluntaristische Zug, der perium Romanum« 181 . Nietzsches Forderung ist
in Nietzsches dionysischem Grundwesen mit seiner die nach einem Traditionsstifter, der sich über jede
apollinischen Bildung ringt, hat sich bei der gro­ gesetzte Tradition hinwegheben soll. Als eindeutig
ßen Masse der Zeitgenossen durch den utilisti­ von Nietzsche geprägt zeigt sich Webers Schilde­
schen Zug gefärbt und verstärkt. Dieser Utilismus rung einer durch die Bürokratie ihres heiligen
hängt selbstverständlich mit dem Charakter unseres Charakters beraubten Tradition, der das Charisma
Zeitalters der Technik zusammen [ . . . ] . Gerade die­ gegenüberstehe: »das Charisma in seinen höchsten
ser Utilismus aber meinte den ganzen historischen Erscheinungsformen [sprengt] Regel und Tradi­
Ballast unserer traditionellen Bildung loswerden zu tion überhaupt und stülpt alle Heiligkeitsbegriffe
können, um sich, unbeirrt von ihren Vorurteilen, geradezu um. «1 82
einer reinen Auffassung der natürlichen Wirklich­ Der von Vasari zum unüberbietbaren Vollender
keit hinzugeben.«178 der Kunst erklärte Michelangelo gerät bei dem Le­
Gegen den Historismus und sein Traditionsver­ bensphilosophen Georg Simrnel zur tragischen
ständnis stehen einige Richtungen philosophischen Gestalt: »Michelangelo war gewiß der vollkom­
Denkens und politischer Ideologie, die sich einem menste Typus des Schöpfers: die von seinen Gestal­
vitalistischen, lebens- oder existenzphilosophi­ ten bevölkerte Welt ist ausschließlich in seinem
schen Bild vom Menschen verschrieben haben und Geiste erwachsen. Allein er formte sie nach den
sich nicht zuletzt auf Nietzsche berufen. Dieser Normen der klassischen Tradition, und diese übten
verwies mit seiner Schrift Die Geburt der Tragödie den Zwang, an dem das Ungestüm seiner Schöp­
aus dem Geiste der Musik ( 1 8 72) die höchste Ausprä­ ferkraft sich fortwährend brach, in dem es sich, zu
gung ästhetischer Erfahrung und die ihr adäquate tragischem Konflikt, eingeengt fühlte«183. Tradi­
Gattung, die Tragödie, in die Antike: Was vormals tion und Methode in der Kunst sind ihm »Hem­
Tradition hieß, geht nun in dem Dualismus von mungen des Lebens«, die der expressionistische
Apollinischem und Dionysischem, von Schein und Maler abstreife : »Ich möchte mir das Schaffen des
ekstatischer Erfahrung auf. Von daher auch seine expressionistischen Malers (und entsprechend, nur
Erwartung, Richard Wagner könne nunmehr ei­ nicht so einfach ausdrückbar, in allen anderen
nen Neuaufbruch wagen, indem er mit seiner Künsten) bei absoluter Reinheit so vorstellen, daß
Kunst eine ihrer Erfahrung adäquate Zukunft anti­
zipiere: »Das tiefste Bedürfniss treibt ihn [Wagner - 1 78 WILHELM WINDELBAND, Über Wesen und Wert
d. Verf.] , für seine Kunst die Tradition eines Styls zu der Tradition im Kulturleben ( 1 908), in: Windel­
begründen, durch welche sein Werk, in reiner Ge­ band, Präludien. AufSätze und Reden zur Philoso­
stalt, von einer Zeit zur anderen fortleben könne, phie und ihrer Geschichte, Bd. 2 (Tübingen 91 924) ,
247 f.
bis es jene Zukunft erreicht, für welche es von sei­
1 79 FRIEDRICH NIETZSCHE, Unzeitgemässe Betrachtun­
nem Schöpfer vorausbestimmt war.« 179 Es ist nur gen. 4. Stück: Richard Wagner in Bayreuth ( 1 876) ,
folgerichtig, daß Wagners Gegenentwurf eines in: NIETZSCHE ( KGA) , Abt. 4, Bd. I ( 1 967) , 70.
Kunstwerks der Zukunft ( r 849) zuerst als ein diese 1 80 Vgl. RICHARD WAGNER, Das Kunstwerk der Zu­
kunft (1 849) , in: Wagner, Dichtungen und Schrif­
Kunstgattungen in sich vereinendes >Gesamtkunst­
ten, hg. v. D. Borchmeyer, Bd. 6 (Frankfurt a. M.
werk< mit anthropologischem Anspruch gedacht 1983), 28 f.
werden mußte, von dem aus die Gesellschaft neu 1 8 1 NIETZSCHE, Götzen-Dämmerung oder Wie man
zu organisieren sei. 18° Für den jungen Nietzsche mit dem Hammer philosophirt { I 8 89), in: NIETZ­
war die Kunst Wagners eben Ausdruck j enes Wil­ SCHE ( KGA ) , Abt. 6, Bd. 3 ( 1 969) , 1 3 5 .
1 82 WEBER (s. Anm. 1 5) , 6 5 8 .
lens zur Tradition: »Damit es Institutionen giebt,
1 8 3 G E O R G SIMMEL, Gestalt und Schöpfer ( 1 9 1 6) , in:
muss es eine Art Wille, Instinkt, Imperativ geben, Simmel, Gesamtausgabe, hg. v. 0. Ranunstedt,
antiliberal bis zur Bosheit: den Willen zur Tradi- Bd. 1 3 (Frankfurt a. M. 2000) , 1 87 .
98 Tradition - Innovation

seine seelische Bewegtheit sich ohne weiteres in weit, daß e s sich nur noch i m Interesse a n der Viel­
die Hand, die den Pinsel hält, fortsetzt« 184. Was gestaltigkeit möglicher Typen, Richtungen, Stand­
Kunst ist, bestimmt nicht mehr die Kategorie der punkte des Philosophierens in den entlegensten
Form, die sich an einem tradierten Kanon orien­ und fremdesten Kulturen bewegt und mit diesem
tiert, sondern die produktionsästhetische Kategorie Interesse die eigene Bodenlosigkeit zu verhüllen
des Aufgehens im individuellen Schöpfungsakt, sucht. Die Folge wird, daß das Dasein bei allem hi­
der absolute Vorrang des Subjektiven vor aller storischen Interesse und allem Eifer für eine philo­
Fremdbestimmtheit. logisch >sachliche< Interpretation die elementarsten
In der Existenzphilosophie Martin Heideggers Bedingungen nicht mehr versteht, die einen posi­
geht der Traditionsbegriff als Teil j ener Geschichte tiven Rückgang zur Vergangenheit im Sinne einer
der Ontologie auf, deren Destruktion er in Sein produktiven Aneignung ihrer allein ermögli­
und Zeit (1 927) zum Programm erhoben hat. Seine chen.« 187 Die Übertragung in die Terminologie
Argumentation basiert auf der vorgegebenen Tra­ der Rhetorik mag Heideggers Position verdeutli­
dition, die sich gegen die (authentische) Ge­ chen: Tradition ist für ihn gleichbedeutend mit ei­
schichtlichkeit des Daseins stellt, und nicht, wie nem blind hingenommenen Koordinatensystem,
bei Nietzsche, auf dem schöpferischen Willen zur in dem sich das Dasein über die imitatio immer
Tradition. Tradition geriert sich ihm zum hem­ aufgehoben weiß; dagegen hält er die aemulatio,
menden Prinzip: »Sie [die Tradition - d. Verf.] j enen Imperativ, der das Dasein darauf verpflichtet,
überantwortet das Überkommene der Selbstver­ durch seinen >Willen< (Nietzsche) sich über den
ständlichkeit und verlegt den Zugang zu den ur­ Willen der Traditionsstifter zu erheben.
sprünglichen >Quellen<, daraus die überlieferten Während bei Heidegger im Ringen des Daseins
Kategorien und Begriffe z. T. in echter Weise ge­ mit der Tradition dieser noch eine erhebliche Wir­
schöpft wurden. Die Tradition macht sogar eine kungsmacht zugestanden wird, führt Sartre in
solche Herkunft überhaupt vergessen.«185 Die L'etre et le neant (1943) den Gedanken dahin weiter,
>überlieferten Kategorien< sind dabei durchaus als daß er die freie Wahl der Haltung zur Gesamtheit
Ausfluß dessen zu verstehen, was Nietzsche den individueller und kollektiver Vergangenheit in den
>Willen zur Tradition< genannt hat. Doch Heideg­ Vordergrund rückt: »ce qui est passe est un certain
gers Argumentation verhält sich zu der Nietzsches genre d' engagement vis-a-vis du passe et une cer­
komplementär: Einmal als Gegebenes an- bzw. taine espece de tradition.«188 Auf dem Weg zu ei­
hingenommen, beraubt die Tradition das Dasein ner dialektischen Begründung des Existenzialismus
seiner Möglichkeiten, indem sie sich - einem erhält die Tradition, obwohl er den Terminus weit­
Schleier gleich - über ihre Ursprünge legt. 186 So gehend meidet, bei Sartre ein neues Gewicht. Der
fährt Heidegger fort: »Sie bildet die Unbedürftig­ Mensch in der Geschichte soll sich von einem
keit aus, einen solchen Rückgang in seiner Not­ Denken befreien, das sowohl das Individuum als
wendigkeit auch nur zu verstehen. Die Tradition auch eine konkrete Gruppe auf den Status eines
entwurzelt die Geschichtlichkeit des Daseins so bloßen Signifikats reduziert (»au rOle d'un signi­
fie«) , und auf diese Weise zu einem totalisierenden
Akteur werden; der dialektische Existentialismus
1 84 SIMMEL , Der Konflikt der modernen Kultur. Ein begreift sich als ein theoretisches Fundament der
Vortrag ( 1 9 1 8) , in: ebd. , Bd. 16 (Frankfurt a. M. Interpretation und der Totalisierung (»une base
1 999) , 1 9 1 .
theorique d'interpretation et de totalisation«) , mit
1 8 5 MARTIN HEIDEGGER, Sein und Zeit ( 1 927) , in: HEl-
DEGGER, Abt. 1, Bd. 2 (1 977) , 29 (§ 6). dem sich der Mensch die hinter den Gegebenhei­
1 86 Vgl. ASSMANN (s. Anm. 1 20) , 1 45-1 50. ten stehenden Absichten erschließt, »dans l'inten­
187 HEIDEGGER (s. Anm. 1 8 5), 29 (§ 6) . tion d' apprendre et non de retrouver«189. Dieser Ge­
1 8 8 JEAN-PAUL SARTRE, L'etre et le neant. Essai d'onto­ danke ließe sich auf eine Formel bringen: Tradi­
logie phenomenologique (Paris 1 943), 561 .
tion und Emanzipation.
1 89 SARTRE, Questions de methode ( 1 957/i958), in:
Sartre, Critique de la raison dialectique, hg. v. A.-E. Heidegger erörtert das Problem der Tradition
Sartre, Bd. l ( 1 960; Paris 1 98 5 ) , 1 2 3 . (Überlieferung) noch einmal in seinen Überlegun-
IV Der Weg in die Modeme 99

gen zum Wesen des Kunstwerks: Sind Werke ein­ ist für jede Spätzeit die Macht der Tradition, nämlich
mal ihrem Ort entrissen, im Museum aufbewahrt, die alte und feste Zucht, der sicher gewordene
so habe ein nicht mehr rückgängig zu machender Takt von solcher Stärke, daß er das Absterben der
Weltzerfall stattgefunden: »Als die Gewesenen ste­ alten Geschlechter überdauert und unaufhörlich
hen sie [die Werke - d. Verf.] uns im Bereich der neue Menschen und Daseinsströme aus der Tiefe
Überlieferung und Aufbewahrung entgegen. in seinen Bann zieht.«191 Tradition avanciert bei
Fortan bleiben sie nur solche Gegenstände.«190 Die Spengler zu einem (autoritären) Prinzip, das zum
Überlieferung geht bei Heidegger in dessen Be­ Vollzugsorgan des dem Neubeginn zugewandten
griff >Bewahrung< auf, durch die ein Geschaffenes Willens wird. Es ist keine Tradition ohne voraus­
erst zu einem den gewohnten Bezügen entrückten gegangene Zäsur denkbar. Jose Ortega y Gasset
Werk werde: »Dieses: das Werk ein Werk sein las­ konzediert seiner Zeit eine nie gekannte Stärke,
sen, nennen wir die Bewahrung des Werkes. Für mit der sie über die vorausgegangenen Epochen
die Bewahrung erst gibt sich das Werk in seinem hinausgewachsen sei. Aber diese Stärke gehe ein­
Geschaffensein als das wirkliche, d. h. jetzt: werk­ her mit Traditionsverlust, der Orientierungslosig­
haft anwesende.« (54) Ohne Sprache gibt es keine keit und Furcht erzeuge: »Esta grave disociaci6n de
Bewahrung, denn allein die Sprache bringe das preterito y presente es el hecho general de nuestra
Seiende erst als Seiendes ins Offene. Kunstwerke epoca y en ella va incluida Ja sospecha, mis o me­
sind ihm in ihrem Wesen Poesie, eine auf beson­ nos confusa, que engendra el azorarniento peculiar
dere Weise über die Sprache erfolgende Form der de Ja vida en estos aiios. [ . . . ] EI resto de espiritu
Öffnung. Hier greift Heidegger auf die Kunsttheo­ tradicional se ha evaporado. Los modelos, las nor­
rie der Romantik zurück: »Wenn alle Kunst im mas, las pautas, no nos sirven. Tenemos que resol­
Wesen Dichtung ist, dann müssen Baukunst, Bild­ vernos nuestros problemas sin colaboraci6n activa
kunst, Tonkunst auf die Poesie zurückgeführt wer­ de! pasado, en pleno actualismo - sean de arte, de
den. Das ist reine Willkür. Gewiß, solange wir ciencia o de politica. « (Dies entscheidende Ausein­
meinen, die genannten Künste seien Abarten der andertreten von Vergangenheit und Gegenwart ist
Sprachkunst, falls wir die Poesie durch diesen eine allgemeine Tatsache unserer Epoche, und das
leicht rnißdeutbaren Titel kennzeichnen dürfen. mehr oder minder verworrene Gefühl davon er­
Aber Poesie ist nur eine Weise des lichtenden Ent­ zeugt die merkwürdige B es türz ung des Lebens in
werfens der Wahrheit, d. h. des Dichtens in diesem diesen gegenwärtigen Jahren. [ . . . ] Der Geist der
weiteren Sinne.« (6o f.) Ein solcher Begriff vom Tradition ist bis auf den letzten Rest entflohen.
Kunstwerk eröffnet in seiner eigenen Welt dem Vorbilder, Normen, feste Formen nützen uns
Dasein wiederum Möglichkeiten, die von der Tra­ nichts. Wir haben unsere Probleme - seien sie
dition verschüttet werden, j ener Tradition, der die künstlerisch, wissenschaftlich oder politisch - ohne
(erinnernde) Bewahrung entgegensteht. Bewah­ die tätige Mitarbeit der Vergangenheit in voller
rung ist aber unabhängig von der Aktualisierung Gegenwart zu lösen.) 192 Der Mensch der Modeme
zu denken; vielmehr ist sie dem Werk, dem einst­ ist ein zur Gegenwart Verurteilter. Die Bestands­
mals als Geschaffenes Hervorgebrachten, als Poten­ aufnahme Ortega y Gassets beschreibt den Grund,
tialität mitgegeben, auch wenn es dem Vergessen auf dem die Existenzphilosophie Fuß fassen
anheimfallen sollte. Somit gelingt es Heidegger, konnte. Im Zeichen des Massenmenschen und sei-
eine Art existenzial-ontologisch fundierten Histo­
rismus zu postulieren, indem er (gesellschaftliche)
1 90 HEIDEGGER, Der Ursprung des Kunstwerkes ( 1 9 3 5 /
Tradition gegen Bewahrung ausspielt. i 9 3 6) , i n : HEIDEGGER , Abt. 1 , B d . 5 ( 1 977) , 27.
Nietzsches Forderung nach der radikalen Zäsur, 191 OSWALD SPENGLER, Der Untergang des Abendlan­
mit der sich eine Neuerung auf ihre Vollendung in des. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte
Tradition hin zu bewegen habe, findet auch ihren ( 1 9 1 8 ; München " 1995), 976.
1 92 JOSE ORTEGA y GASSET, La rebeli6n de las masas
Nachhall in Oswald Spenglers kulturpessirnisti­
( 1 930; Madrid 43 1975), 90; dt. : Der Aufstand der
schem Denken: »Denn was für j ede Frühzeit dieser Massen, übers. v. H. Weyl ( 1 930; Reinbek b. Ham­
schöpferische Aufstieg zur lebendigen Form, das burg 1 9 8 3 ) , 2 5 .
1 00 Tradition - Innovation

ner Unmoral sieht er seine Zeit als die der »mera tionen geht eine Revolutionierung der Möglich­
negaci6n«193 (bloßen Verneinung) , die eines Auf­ keiten künstlerischen Schaffens einher, von denen
schreis harrt. Spengler und Ortega y Gasset sind die folgenreichsten die zu einer Mechanisierung
die beiden herausragenden Vertreter eines Kultur­ der Kunst führenden neuen Reproduktionstechni­
pessimismus, der in der Kunst der Modeme letzt­ ken werden.
lich nur noch Entartung (Max Nordau, 1 892/ Schon im 1 5 . und 1 6 . Jh., als der Buchdruck sei­
1 893), oder, wie Hans Sedlmayr, einen Verlust der nen Siegeszug antrat und graphische Reprodukti­
Mitte (1 948) registriert: Der Abschied vom Ge­ onsverfahren verbessert bzw. neu entwickelt wur­
samtkunstwerk, dem die markorientierte Segmen­ den (Kupferstich und Radierung) , regte sich erster
tierung der Einzelkünste nachfolgt, wurde durch Widerstand gegen eine mechanische Reproduk­
die Neuzeit eingeleitet und war durch die späte tion von Texten und Bildern. 197 Als mit der Erfin­
Romantik nicht mehr zu revidieren. 194 Kulturge­ dung der Lithographie im ausgehenden 1 8 . Jh. den
schichte wird zur Krankheitsgeschichte, das Neue Künstlern ein noch wirkungsvolleres Reprodukti­
zum pathologischen Symptom. 195 onsinstrument zur Verfügung stand und in der er­
sten Hälfte des 1 9 . Jh. die Daguerreotypie der
Photographie den Weg bereitete, wurde eine Re­
2. Neue Technik - neue Kunst
vision des Kunstbegriffs eingeleitet, die technische
Im 1 9 . Jh. , mit dem Eintritt in die Modeme, sieht Innovationen im Bereich der Medien - Film, Ton
sich die Ästhetik mit einem dreifachen Problem und Tonfilm sowie in jüngster Vergangenheit Vi­
konfrontiert: ( I) Das explosionsartig zunehmende deo und digitale Aufnahmetechniken - einschlie­
Quantum an technischen Innovationen, das zur in­ ßen sollten. Mit der neuen Technik ist auch der
dustriellen Revolution anwächst, verändert die Le­ durch den Realismus eingeleitete Wandel des Ge­
bensbedingungen und Modalitäten der Wahrneh­ genstandsbereichs der Kunst besiegelt worden: Das
mung auf eine solch radikale Weise, daß deren j etzt entfaltete mimetische Potential führt eine ein­
Transposition in der Kunst nach Vergleichbarem seitig an Tradition ausgerichtete inventio als Maß­
drängt; so bringt etwa Benjamin in seinen Baude­ stab für die Inhalte der Kunst definitiv ad absur­
laire-Interpretationen diese neue Entwicklung mit dum.
dem Dichter auf den Begriff des >Chocks<196• (2) Eine erste eingehendere Analyse der neuen Ver­
Mit der sich etablierenden bürgerlichen Ordnung hältnisse unternimmt Benjamin in seinem Essay
entsteht ein Kunstmarkt, der die Dichotomisie­ Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reprodu­
rung von Kunst in hohe und Trivial- bzw. Massen­ zierbarkeit. Mit den neuen Reproduktionsverfahren
kunst festschreibt. (3) Mit den technischen lnnova- sei das »Hier und Jetzt des Kunstwerks« ausgefallen,
j enes hie et nunc, an dem sich seine Geschichte,
i93 Ebd. , 260; dt. 1 4 1 . »der es im Laufe seines Bestehens unterworfen ge­
1 94 Vgl. HANS SEDLMAYR, Verlust der Mitte. Die bil­ wesen ist«198, vollzogen habe. Hier setzt für Benja­
dende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Sym­ min die Relevanz der Tradition ein, die er - ganz
ptom und Symbol unserer Zeit ( 1 948; Frankfurt
im etymologischen Sinne von tradere - in der Ge­
a. M. " 1 9 8 3 ) , 8 7 f.
1 9 5 Vgl. WYSS, Trauer der Vollendung ( 1 9 8 5 ; Köln schichte des Originals verortet. Die Echtheit des
] 1 997) , 23 8-3 I 4 . Originals aber entziehe sich einer jeden Reprodu­
196 Vgl. BENJAMIN, Charles Baudelaire. Ein Lyriker im zierbarkeit. 199 Die technische Reproduzierbarkeit
Zeitalter des Hochkapitalismus ( I 9 3 6) , in: BENJA­
bewirke den Verlust des ein Kunstwerk konstitu­
MIN, Bd. 1 /2 ( I 974) , 63off.
197 Vgl. EDGAR WIND, Art and Anarchy. The Reith ierenden >Hier und Jetzt<, sie bedeute das Zertrüm­
Lectures 1 960 revised and enlarged (London I 963), mern seiner Aura. Da j edoch diesem Akt der De­
69 f. struktion eine Veränderung der Sinneswahrneh­
1 9 8 BENJAMIN, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech­ mung korrespondiere, werde auch das vormals
nischen Reproduzierbarkeit (2. Fassung, entst.
Einmalige - mittels Reproduktion - in diesen Pro­
I 9 3 5- I 936) , in: BENJAMIN, Bd. I i 2 ( 1 974) , 475 .
1 99 Vgl. ebd. , 476. zeß einbezogen und den Massen zugänglich.200
200 Vgl. ebd., 477-480. Zum Paradigma der neuen Kunst erhebt Benjamin
IV Der Weg in die Modeme 101

den Film. Obwohl Medium der Zerstreuung, habe (bürgerlichen) Kunstauffassung, als auch Erneue­
der Film die Möglichkeiten zu veränderten Moda­ rung, nämlich die der Wahrnehmungsgewohnhei­
litäten der Wahrnehmung eröffnet, wodurch ihm ten. Die historischen Avantgarden, die ihre Wir­
u. a. eine »revolutionäre Funktion« zufalle, nämlich kung auf das Unerwartete, Provokative und Neue
»die künstlerische und wissenschaftliche Verwer­ gründen, haben die Herausbildung des Topos Tra­
tung der Photographie, die vordem meist ausein­ dition - Innovation vorbereitet, eines Topos, der
ander fielen, als identisch erkennbar zu machen« gerade die mit der Avantgarde einsetzende Revi­
(499) . Die spezifischen Effekte des Films, die diese sion ästhetischer bzw. kunst- und literaturge­
Leistung ausmachen, seine >Chock<-Momente, schichtlicher Begriffe zu verdecken droht. Gegen
habe z . B . der Dadaismus mit den Mitteln der Ma­ eine solche oberflächliche Antithese von >Altern<
lerei und Literatur vorwegzunehmen versucht, und >Neuen< widerspricht Benjamin im Namen
doch erst der Film habe sie einzulösen ver­ der materialistischen Geschichtsphilosophie, die
mocht wt Für Hauser bestätigt insbesondere der sowohl die einseitige Hinwendung zum Neuen als
russische Film, »daß, sobald einmal in der Kunst auch die Apologie des Immergleichen - womit
die Übertragung aus dem Stofilichen ins formale auch die Geistesgeschichte gemeint ist - als »Kate­
vollzogen ist, die Form als ein rein Technisches, gorien des historischen Scheins«205 entlarvt. Die
ohne den weltanschaulichen Hintergrund, aus Berechtigung des Benjaminschen Widerspruchs
dem sie hervorgegangen ist, übernommen und macht das von Andre Breton formulierte Selbst­
verwendet werden kann«2"2. verständnis des Surrealismus deutlich: Mit dem am
Benjamins Essay ist in Zusammenhang mit dem Ende des ersten Manifeste du surrealisme ( 1 924) pro­
Anspruch der historischen Avantgardebewegungen pagierten »non-conformisme absolu«206 verabschiedet
zu sehen, den Status der Kunst - die »Institution sich die Bewegung ihrerseits aus der Geschichte
Kunst«2"3 - in der bürgerlichen Gesellschaft mit und konzediert im Namen einer »certaine aristo­
dem Ziel zu kritisieren, den Hiat zwischen Kunst cratie de pensee«207 letztlich ihr Aufrücken zur
und Lebenspraxis zu überwinden. Der avantgardi­ Tradition. Hier kann in bezug auf das Traditions­
stische Impetus richtet sich gegen das Postulat von verständnis eine Parallele zu T. S. Eliot gezogen
der Autonomie, das in der (geistesgeschichtlichen) werden, der einer von Diskontinuität beherrschten
Reflexion von einem Tradition für sich beanspru­
chenden Teilsystem kanonfahiger Kunst und in be­ 201 Vgl. ebd. , 50L
zug auf den Künstler von einem an dieser Tradi­ 202 HAUSER (s. Anm. 59), 1 02 5 .
tion ausgerichteten >handwerklichem Selbstver­ 2 0 3 PETER BÜRGER, Theorie der Avantgarde (Frankfurt
a. M. 1 974) , 29; vgl. BÜRGER, Institution Kunst als
ständnis ausgeht. Daher stehen die historischen
literatursoziologische Kategorie. Skizze einer Theo­
Avantgardebewegungen - von denen der Dadais­ rie des historischen Wandels der gesellschaftlichen
mus und der Futurismus als die radikalsten angese­ Funktion der Literatur, in: Bürger (Hg.) , Vermitt­
hen werden - für einen zweifachen Bruch: (r ) mit lung - Rezeption - Funktion. Ästhetische Theorie
einer vermeintlichen Tradition, die sich in L' art und Methodologie der Literaturwissenschaft (Frank­
furt a. M. 1 979) , 1 73-199.
pour l'art und elitärem Ästhetizismus erschöpft; (2) 204 Vgl. FILIPPO TOMMASO MARlNETTI, Fondazione e
mit der Dichotomie von Kunst und gesellschaftli­ Manifesto de! Futurismo ( 1 909) , in: Marinetti,
cher Praxis. Die an den Begriffen >Schönheit< und Teoria e invenzione futurista, hg. v. L. De Maria
>Wohlgefallen< orientierte Tradition des Ästheti­ (Mailand 1 968), rn-14.
205 BENJAMIN (s. Anm. 1 46) , 1 2 5 1 ; vgl. JAUSS, Aus alt
schen provozieren die historischen Avantgarden
mach neu? Tradition und Innovation in ästhetischer
durch neue Verfahren - z . B . Collagen, Photo­ Erfahrung, in: W Kluxen (Hg.) , Tradition und In­
montagen und obj ets trouves, die Verfremdung des novation. 1 3 . Deutscher Kongreß für Philosophie
Alltäglichen (Surrealismus) oder das Einbeziehen (Hamburg 1 988), 406.
technischer Innovationen, so der Kult der Ge­ 206 ANDRE BRETON, Manifeste du surrealisme (1 924) ,
in: Breton, CEuvres compleres, hg. v. M. Bonnet,
schwindigkeit (>velociti<) im Futurismus204, in der
Bd. l (Paris 1988), 146.
Kunst. Der auf diese Weise bewirkte >Chock< 207 BRETO N Caractfres de l' evolution moderne et ce
'
meint sowohl Negation, nämlich die der tradierten qui en participe ( 1 922) , in: ebd. , 29 I .
r o2 Tradition - Innovation

Zeitlichkeit in der Ereignisgeschichte den >histori­ schaftlichen Anspruch ästhetischen und insbeson­
cal sense<, mit einer dem Kanon zugewandten, dere literarischen Manifestationen annähert: »Uns
Vergangenheit und Gegenwart integrierenden ho­ zeichnet nicht >Formalismus< als ästhetische Theo­
mogenen Zeitlichkeit, entgegensetzt: »historical rie und nicht >Methodologie< als abgeschlossenes
sense compels a man to write not merely with his wissenschaftliches System aus, sondern einzig das
own generation in his bones, but with a feeling Bestreben, auf Grundlage von spezifischen Eigen­
that the whole of the literature of Europe from schaften des literarischen Materials eine selbstän­
Homer and within it the whole of the literature of dige Wissenschaft von der Literatur zu entwik­
his own country has a simultaneous existence and keln.« (.[(m1 Hac xapaKTepeH He ><PopMaJil13M<,
composes a simultaneous order.«208 Mit anderen KaK 3CTeTl1qecKaJI Teüplilll, 11 He >MeTO,l(OJIOrlilll<,
Worten: Tradition gilt wieder als Garant der Auto­ KaK 3aKOHqeHHaJI HayqHaJI CllICTeMa, a TOJlhKO
nomie von Kunst und Literatur und hebt den An­ CTPeMJieH11e K C03MH11JO caMOCTOJITeJILHoti
spruch der historischen Avantgarden auf ein JimepaTypHoti HayK11 Ha ocHoBe crrel\11<P11qec­
Durchbrechen der Dichotomie von Kunst und Le­ K11x csoticTB JI11TepaTypHoro MaTep11ana.) 2 10 Der
benspraxis auf. russische Formalismus betrachtet in seiner Früh­
phase Kunst und insbesondere Literatur von ihrer
Produktion her. Ein zentraler Begriff des russi­
schen Formalismus ist daher der des >Materials<,
V Funktionalisierungen der als Korrelat der >Form< nunmehr an die Stelle
des >Inhalts< tritt; das Begriffspaar >Form - Inhalt<
wird durch das Begriffspaar >Form - Material< ab­
1 . Tradition und > literarische Evolution <
gelöst: Form als ästhetische Kategorie bezeichnet
In den 20er Jahren entwickeln russische Literatur­ das Prinzip, nach dem das Material - in der Litera­
wissenschaftler unter dem Einfluß des von der fu­ tur sind damit Sprache, Motive, Topoi, Weltan­
turistischen Avantgarde geführten Angriffs auf ein schauungen usw. gemeint - organisiert wird.2 1 1
kontemplatives Kunstverständnis die formalistische D i e zur Bearbeitung des >Materials< eingesetzten
Methode209, die sich mit einem neuen wissen- Verfahren werden >Kunstmittel< genannt. Der For­
malismus hat die Analyse dieser Verfahren zur Auf­
208 T. s. ElIOT, Tradition and the Individual Talent gabe der Literaturwissenschaft erklärt. Jede künst­
( 1 9 1 9) , in: Eliot, Selected Prose, hg. v. F. Kermode lerische Arbeit betrachtet er als einen Prozeß Ob­
(London 1975), 3 8 ; vgl. ASSMANN (s. Anm. 1 20) , j ekte verfremdender Deformation. Bei Viktor B.
1 50-1 56.
Sklovskij beschreibt >ostranenie< (Verfremdung) ,
209 Vgl. PETER v. ZIMA , Literarische Ästhetik. Metho­
den und Modelle der Literaturwissenschaft ( 1 99 1 ; die sich durch die künstlerische Tätigkeit (Produk­
Tübingen ' 1 995), 8 8--<}9. tion) einstellende Veränderung der alltäglichen
2 ! 0 BORIS M. EJCHENBAUM, Teorija >formal'nogo me­ Wahrnehmung von Dingen, nach folgendem
toda<, in: Ejchenbaum, Literatura. Teorija, kritika, Schema: Kunst erschwere die Wahrnehmung und
polemika ( 1 927; Chicago 1 969) , 1 1 7; dt. : Die Theo­
lenke auf diese Weise den Blick auf den Wahrneh­
rie der formalen Methode, in: Ejchenbaum, Auf­
sätze zur Theorie und Geschichte der Literatur, mungsprozeß selbst; das Erleben eines solchen Pro­
übers. v. A. Kaempfe (Frankfurt a. M. 1965), 9; vgl. zesses sei in der Kunst Selbstzweck und müsse da­
HANS GÜNTHER, Marxismus und Formalismus, in: her verlängert werden; da Kunst ein Mittel sei, das
Günther, Marxismus und Formalismus. Dokumente
Machen einer Sache zu erleben, sei das Gemachte
einer literaturtheoretischen Kontroverse (München
1973), 9; BÜRGER, Zum wissenschaftslogischen Sta­ in der Kunst unwichtig. 212 Mit der Hinwendung
tus des Formalismus, in: Bürger, Vermittlung - Re­ zur künstlerischen Produktion und den Begriffen
zeption - Funktion (s. Anm. 203 ) , 1 m-1 1 7 . >Material< und >Verfremdung< legt der russische
Z I I Vgl. GÜNTHER (s. Anm. 2 r n) , 9. Formalismus das theoretische Fundament für eine
212 Vgl. VIKTOR B . SKLOVSKIJ, lskusstvo, kak priem/
Analogie zwischen technischer Innovation und
Die Kunst als Verfahren ( 1 9 1 6) , russ.-dt„ übers. v.
R. Fieguth, in: J. Striedter (Hg.) , Texte der russi­ Neuerung im Kunstschaffen, um sie zugleich im
schen Formalisten, Bd. l (München 1 969) , 1 4/ J 5 . Ansatz zu widerlegen: Nicht die Innovation am
V. Funktionalisierungen ro 3

Produkt als das >Neue< mit verbesserten und erwei­ stems gedacht werden kann. Aus dieser Beziehung
terten Funktionen, sondern der veränderte Um­ heraus treten spezifische Fakta hervor, welche die
gang mit dem Material ist Gegenstand formalisti­ Funktionsqualität des jeweiligen Elementes be­
scher Analyse, weshalb auch das Neue bzw. Inno­ stimmen, so etwa seine >Funktion< als literarisches
vation nicht den Status einer eigenständigen Werk: »Daß ein Faktum als literarisches Faktum exi­
ästhetischen Kategorie beanspruchen kann; ein stiert, hängt von seiner Differenzqualität ab (d. h.
solcher kommt vielmehr der Verfremdung zu. von seiner Korrelation sei es zur literarischen, sei
Hier setzt die Frage nach dem geschichtlichen es zur außerliterarischen Reihe)« (Cyll..\eCTBOBa­
Index in der Literaturbetrachtung ein. Allen Rich­ H11e cpaKTa, KaK JI11Teparypttoro, 3aB11c11T OT ero
tungen des Formalismus gemeinsam ist die Ableh­ 1111cpepeHI.\l1aJibHOrü Ka'!eCTBa [T. e. OT COOTHe­
nung der bis dato herrschenden Literaturge­ CCHHOCTl1 JI1160 c Jil1TepaTypHblM, JI1160 c BHe­
schichtsschreibung mit ihrer Traditionsbezogen­ Jil1TepaTypHbIM PH.110 MJ - 440/ 44 1 ) . Literarische
heit. So verwirft Jurij Tynjanov ( 1 927) , der eine »Evolution als >Ablösung< des Systems« setze folg­
Theorie der literarischen Evolution entwickelt, die lich keine vollständige Erneuerung der einzelnen
Tradition als Maßstab der Literaturbetrachtung: Elemente voraus, >>Sandern eine neue Funktion dieser
»Der Grundbegriff der alten Literaturgeschichte, formalen Elemente« (Ho OHl1 rrpe11rroJiaraIOT
die >Tradition<, erweist sich als unrechtmäßige Ab­ HOBYIO cjJyHKl.\11IO 3Tl1X cjJopMaJII>Hl1X 3JieMeH­
straktion eines oder mehrerer literarischer Ele­ TOB - 4 5 8 / 459) . Fazit: Eine Literaturgeschichte
mente desselben Systems, in dem sie das gleiche darf sich nicht allein im Vergleich der Formen er­
>emploi< haben und die gleiche Rolle spielen, und schöpfen, sondern muß sich auch dem Funktions­
als deren Kontraktion mit eben diesen Elementen wandel der einzelnen Elemente zuwenden. Tynja­
eines anderen Systems, in dem sie ein anderes >em­ nov gibt dabei folgendes zu berücksichtigen: »Die
ploi< besitzen, zu einer vermeintlich einheitlichen, dem Aussehen nach nicht im geringsten ähnlichen
scheinbar ungeteilten Reihe. / Als Hauptbegriff Erscheinungen verschiedener funktionaler Systeme
der literarischen Evolution erweist sich die Ablö­ können ihren Funktionen nach ähnlich sein, und
sung der Systeme, die Frage der >Traditionen< aber umgekehrt. Das Problem wird hier dadurch ver­
verlagert sich auf eine andere Ebene.« (ÜCHOBHOe deckt, daß jede literarische Richtung in einer be­
IIOHHTl1e crnpot1 l1CTop1111 Jil1TepaTypbl >Tpa.r111- stimmten Periode sich ihren Rückhalt in den vor­
l.\l1H< OKa3b!BaeTCH HerrpaBOMepHoCI a6cTpaK­ ausgegangenen Systemen sucht, - was man als
l.\11et1 0)1HOro 11Jil1 MHOr11x Jil1TepaTyHblX >Traditionalität< bezeichnen kann.« (CoBepIIIeHHO
3JieMeHTOB 0)1Hüt1 Cl1CTeMbl, B K0Tüpüt1 OHl1 HeCX0)1Hble !10 Bl1)1ll!MOCT!II iIBJieH!IIH pa3HblX
HaX0)1HTCH Ha 0)1HOM >aMrrJiya< 11 11rpaIOT Oi1HY cpyHKI.\llIOHaJibHbIX CllICTeM MoryT 6b!Tb CX0.11Hbl
püJib, 11 CBe11eH11eM 11X c TeMl1 lKe 3JieMeHTaMl1 rro cpyHKl.\llIHM, !II Hao6opoT. Borrpoc 3aTeM­
11pyrot1 Cl1CTeMbl, B KOTopoCI OHl1 HaX0)1HTCH Ha HHCTCH 3)1eCb TeM, 'ITO KalK)10e Jill!TepaTypHOe
11pyroM >aMrrJiya< - B cp11KTl1BHO-e)111Hblt1, KalKy­ HarrpaBJICHllle B lll3BeCTHblM rreplllü.11 lllll..\eT CBO!II X
Il..\11MCH l.\eJIOCTHbIM pi!.11 . / I'JiaBHbIM IIOHH­ orropHblX IIYHKTOB B rrpe11III eCTBYIOil..\ll!X Clll ­
Tl1eM JI11TepaTypHot1 3BOJIIOI.\1111 OKa3b!BaeTCH CTeMax, - TO 'ITO MOlKHO Ha3BaTb >Tpa.11!1!1.\ll!OH­
CMeHa Cl1CTCM, a Bürrpoc 0 >Tpa.1111l.\11i!X< rrepe­ HOCTbIO<. - 4 5 8 / 459) Folglich kennt Tynjanov
HOCl1TCH B 11pyry10 IIJIOCKOCTb.) 2 13 Sowohl das auch keine antithetische Gegenüberstellung von
Einzelwerk als auch die Literatur als solche bezeich­ Tradition und Evolution, da beide Begriffe für ihn
net Tynjanov als >Systeme<, wobei er nicht präzise in unterschiedlichen epistemologischen Positionen
zwischen den Termini >Reihe< und >System< unter­ verwurzelt sind.
scheidet. System setzt er in Beziehung zu anderen
Reihen, wodurch sein Ansatz eine historisch-ge­
sellschaftliche Dimension erhält. >Funktion< nennt
2 1 3 JURIJ TYNJANOV, Ü Jiteraturnoj evoljucii/ Über die
er die Beziehung des jeweiligen Elementes zu den
literarische Evolution (1 927) , russ.-dt., übers. v. H.
anderen Elementen eines Systems214, wobei em Imendörffer, in: ebd. , 436/ 437.
System wiederum als Element eines weiteren Sy- 2 1 4 Vgl. ebd., 4 3 8 / 439.
1 04 Tradition - Innovation

Roman Jakobson verankert die Tradition in der gen, sich z. B. als Neorealisten oder Naturalisten zu
Kommunikationstheorie als ein für die Konstituie­ definieren. Diesen Prozeß der Distanzierung
rung von Zeichenklassen relevantes Prinzip, wo­ macht Jakobson bis in die Richtungen hinein aus,
durch sie die Wahrnehmung präj udiziere: »Die be­ die den Realismus für sich beanspruchen, obzwar
dingte Sprache der Malerei hat man zu erlernen, sie die Prämissen der anfangs etablierten Realis­
um ein Bild sehen zu können, ähnlich wie man muskonzeption weit hinter sich gelassen haben;
ohne Kenntnis der Sprache etwas Gesagtes nicht dadurch fallen dem Wort Realismus schließlich so
verstehen kann. Diese Bedingtheit, die Traditiona­ viele Bedeutungen zu, daß es als Maßstab der
lität malerischer Darbietung bedingen in bedeu­ Kunst- und Literaturbetrachtung seine Relevanz
tendem Maße den eigentlichen Akt unserer visuel­ verliert.
len Wahrnehmung. Je nach dem Akkumulations­ Jan Mukafovsky, herausragender Vertreter des
grad von Tradition wird ein gemaltes Bild zu Prager Strukturalismus, betrachtet den Wandel in
einem Ideogramm, zu einer Formel, mit der un­ der Kunst von der Veränderung der Normen her,
verzüglich aufgrund der Korrespondenz ein Ge­ die man als das analytische Erfassen und, in Anleh­
genstand verbunden wird. Das Wiedererkennen nung an Curtius, als die Sicherung von Tradition
vollzieht sich in Sekundenschnelle. Wir hören auf, auf abstrakter Ebene bezeichnen könnte. Ausge­
ein Bild zu sehen. Das Ideogramm muß deformiert hend von der Jurisprudenz konstatiert Muka­
werden. Der Maler als Neuerer muß an den Din­ fovsky, daß jede Praxis, die sich auf eine Norm be­
gen sehen, was man gestern nicht sah, muß der ziehe, nicht bloß Interpretation derselben, sondern
Wahrnehmung eine neue Form geben.« (YcJIOB­ ihrerseits normbildend sei, da gerade das Rechtssy­
HOMY lKll!BOIIll!CHOMY H3hIKY Ha.110 HayqMThC.H, stem ja nicht den Einzelfall zu erfassen vermöge:
qT06b1 YBll!,lle Th KapniHy, rro.1106Ho TOMy, KaK »Auch die ästhetischen Normen werden durch die
HeJlh3.H IIOH.HTh CKa3aHHOrO, He 3Ha.H .H3bIKa. Anwendung umgestaltet. Während aber die
3Ta ycJIOBHOCTb, Tpa,llll!l.\ll!OHHOCTb lKll!BOIIll!C­ Rechtsnormen, sofern es sich nicht um Gesetzge­
HOM rro,11aqll! B 3Haqll!TeJihHOi1 CTerreHll! o6ycnas­ bung im eigentlichen Sinne handelt, sich nur in­
Jill!BaeT CaMhIM aKT Hall.\ero 3pll!TeJibHOro BOC­ nerhalb sehr enger Grenzen verändern und die
rrpll!.HTll!.H. Ilo Mepe HaKorrJieHMH TPa.llll.\ ll Mlll , Sprachnormen diesen Prozeß zwar wirkungsvoll
lKll!BOIIll!CHhIM o6pa3 CTaHOBll!TC.H 11!,lleorpaMMOM, aber unsichtbar vollziehen, geschehen die Verän­
cpüpMyJiot1, c KOTOpol1 HeMe,llJieHHO IIO CMelK­ derungen der ästhetischen Normen mit sehr gro­
HOCTll! CB.H3hrnaeTc.H rrpe.11MeT. Y3HasaHll!e cTa­ ßer Spannweite und unverhüllt. Es wird indes
HOBll!TC.H MrHoseHHhIM. Mh! rrepeCTaeM Bll!.lleTh nicht in allen Teilen des ästhetischen Bereichs auf
KapTMHy. 11.AeorpaMMa AOJllKHa 6b1Th .11ecpop­ die Wandlung der ästhetischen Norm auf gleich
MMposaHa. YBll!AeTL B sell.\11! TO, qero sqepa He intensive Weise aufinerksam gemacht; am auffällig­
Bll!,lleJill!, ,llOJilKeH lKll!BOIIll!Cel.\-HOBaTop, HaB.H- sten sind die Veränderungen dort, wo der Bruch
3aTh socrrpll!.HTll!IO HOBYIO cpopMy.) 2 15 Am Bei­ der ästhetischen Norm eines der hauptsächlichsten
spiel des literarischen Realismus zeigt Jakobson Mittel der Wirkung ist.«216 Der Schluß dieser Pas­
auf, daß Tradition keineswegs eine starre Kategorie sage verweist eindeutig auf die historischen Avant­
darstellt: Habe sich eine Form des Realismus eta­ garden. Das Kunstwerk sei, so Mukafovsky, »im­
bliert, so seien neue realistische Künstler gezwun- mer eine inadäquate Anwendung der ästhetischen
Norm«, erst durch den Normbruch zeichne es sich
als solches aus. Den Begriff >Bruch< definiert er als
2 1 5 ROMAN JAKOBSON, 0 chudoZestvennom realizme/
Über den Realismus in der Kunst (1921), russ.-dt„ »das Verhältnis zwischen der zeitlich vorausgehen­
übers. v. K. Eimermacher, in: ebd„ 3 761377. den und der von ihr abweichenden, jetzt sich bil­
216 JAN MUKAROVSKY, Esteticki funkce, norma a hod­ denden neuen Norm« (45) . Mit dem Verstoß ge­
nota j ako sociilni fakty (Prag 1936) ; dt. : Ästhetische gen eine ästhetische Norm sei gleichzeitig ein Ver­
Funktion, Norm und ästhetischer Wert als soziale
stoß gegen den Geschmack verbunden, bis dieser
Fakten, in: Mukarovsky, Kapitel aus der Ästhetik,
übers. v. W Schamschula ( 1 970; Frankfurt a. M . sich der neuen Norm zuwende; das ästhetische
1 982) , 44 f. Wohlgefallen an der >lebenden Kunst< werde also
V Funktionalisierungen ro 5

immer von einem gewissen Mißbehagen begleitet. KyccTBa, 11n11 ero HeT, 1160 OH eCTh CTl1Jih
Das Mißbehagen kann folglich als das residuale rrpelK):le Bcero caMoro B11):leH11l! M11pa 11 ylKe sa­
Fortwirken des Umstandes, daß das nunmehr TeM o6pa60TKl1 MaTep11ana.)217 Der Stil schließe
Schöne einst dem Wohlgefallen widersprochen somit >Neuartigkeit< auf der Inhaltsseite aus. Bach­
hat, verstanden werden; das Residuale bedingt zu­ tin nennt den »Klassizismus« (KJiaCCl1J:.\113M) den
gleich die Disposition, das Neue nach einiger Zeit Stil par excellence, der seine ganze Kraft auf die
zu akzeptieren. Mukafovskys These zu dem von konstitutiven »Momente der ästhetischen Vervoll­
der historischen Avantgardebewegungen vollzoge­ kommnung« (MoMeHThI 3CTeTwiecKoro saBep­
nen Bruch läßt sich daher wie folgt resümieren: III eH11H) und die »immanente Vertiefung der tradi­
Ein Kunstwerk kann das Mißbehagen auf einen tionellen Tendenzen des Lebens« (11MMaHeHTHOe
extrem hohen Grad treiben - Mukafovsky nennt yrny6nett11e Tpa):ll1I.\110HHOM HarrpaBJieHHOCTl1
dafür den Surrealismus als Beispiel; es bleibt j edoch lKl13H11) konzentriere. Komme es dagegen zu
auch in der größten Provokation jenes »Mißbeha­ Spannungen und zu >Neuartigkeit<, dann sei dies in
gen«, welches das »ästhetische Wohlgefallen« (4 7) der Regel bereits ein Zeichen der Krise: »Die In­
begleitet, so daß sich durch die Provokation hin­ tensität und die Neuartigkeit im Produzieren des
durch die Kunst in ihren konstitutiven Prinzipien Inhalts ist in den meisten Fällen bereits ein Zeichen
behauptet, d. h. wenn sich das Mißbehagen inner­ für die Krise des ästhetischen Schaffens. «
halb der Grenzen bewegt, die dem Wohlgefallen (Harrpl!lKeHHOCTb 11 HOBl13Ha IBopqecTBa co­
als Funktion gesetzt sind. So sind auch die histori­ ):leplKaH!lll! B 6onhIIIl1HCTBe cnyqaeB ecTh ylKe
schen Avantgarden keineswegs als das Ende der rrp11sttaK Kp11s11ca 3CTeT11qecKoro IBOpqepcIBa.)
Kunst zu denken, und ihre Normen werden Teil Inhaltliche >Neuartigkeit< erweise sich zuerst als
j enes Kanons der mechanisierten Normen, die in eine »Krise der Autorschaft« (Kp11s11c aBTopcIBa)
der von Mukafovsky ausgemachten »Hierarchie ( r 76; dt. 2 76) , denn sie bedeute das Infragestellen
der ästhetischen Normsysteme« (58) die unteren der Kunst an ihrem traditionellen Ort. Für den
Plätze belegen. >Klassizismus< als Epocheustil gilt somit: Er ist ein
Der junge Michail Bachtin rückt über eine Gefüge, in dem eine die Lebenspraxis überschrei­
Neubewertung des >Inhalts< (co):leplKaH11e) Kunst tende, >transgrediente< Form - wie Bachtin in An­
und Literatur in den Horizont einer historischen knüpfung an den Neukantianismus schreibt - als
Anthropologie, von wo aus es zu einer direkten das einheitsstiftende Moment wirke.218 Die Ro­
Gegenüberstellung von Tradition und >Neuartig­ mantik dagegen mit ihrer Vorstellung vom »ganz­
keit< (HOBl13Ha) kommt. Das epochenspezifische heitlichen Schaffen« (I.\eJIOCTHOro rnopqecIBa)
Bild des Menschen von sich selbst wird zum Fokus und vom »ganzheitlichen Menschen« (I.\eJIOCT­
einer Theorie der Kunst. Diese Theorie ist keine Horo qeJIOBeKa) ( 1 76; dt. 276) führe zu einem
Theorie der einzelnen Kunstgattungen, vielmehr Verlust dieser >transgredienten< Position des Kunst­
wendet sie sich der Frage nach dem Ort der Kunst schaffens. Dem Autor werde das Recht abgespro­
in der jeweiligen Kultur zu. Bachtin betrachtet das chen, sich außerhalb der Lebenspraxis zu situieren;
Verhältnis von Tradition und >Neuartigkeit< aus der er verfüge aber zugleich auch über keinen festen
Trias >Inhalt<, >Form< und >Material< heraus, wobei Ort mehr in ihr - kurz: Bachtin schildert hier die
er den Inhalt als das >Neuartigkeit< bewirkende Grunderfahrung der Moderne.
Moment ansieht. >Neuartigkeit< gründe weder im
freien Spiel der Form noch im Widerstand des
Materials im experimentierenden Umgang mit
derselben. Bachtins Argument ist von seinem Stil­ 217 MICHAIL M. BACHTIN, Avtor i geroj V estetii:eskoj
verständnis her zu verstehen: »Ein großer Stil um­ dejatel'nosti (um 1 920-1 925), in: Bachtin, Esterika
faßt alle Gebiete der Kunst - oder aber es gibt ihn slovesnogo rvori:esrva (Moskau 1 979) , 1 7 5 ; dt. : Au­
tor und Held in der ästhetischen Tätigkeit [Teil­
nicht; denn er ist vor allem der Stil der Sicht der
übers.], übers. v. I. Faix, in: Kunst und Literatur
Welt, dann erst der der Bearbeitung des Materials.« ( 1 978) , H. 6, 276.
(EOJibIIIO M CTl1Jlb 06tt11MaeT BCe o6naCTl1 11C- 2 1 8 Vgl. ebd., 1 76 ff. ; dt. 276 ff.
ro6 Tradition - Innovation

2. >Ästhetische Innovatio n < als Effekt und ökonomische Momente verbergen. Die stei­
gernde Amplifikation bzw. die gegen das zur >Ver­
Aus marxistischer Perspektive erkennt Wolfgang F. altung< bestimmte Produkt gerichtete verklei­
Haug in der fortwährenden Erneuerung der Ge­ nernde Amplifikation (minutio) führt das >ästheti­
stalt eines Produktes eine Technik, die auf weitaus sche Werterlebnis< herbei, ein Erlebnis, das die
radikalere Weise als die qualitative Vergreisung die Parteilichkeit stiftende amplificatio nunmehr als
Gebrauchszeit eines Produkts verkürze und die Aufforderung zum Kauf begreift, wobei der Ge­
Nachfrage belebe: »Diese Technik setzt bei der Äs­ brauchswert des als neue Ware inszenierten Indu­
thetik der Ware an. Durch periodische Neuinsze­ strieproduktes weiter in den Hintergrund rückt.
nierung des Erscheinens einer Ware verkürzt sie Die Mittel hierfür liefert die Umgestaltung akzi­
die Gebrauchsdauer der in der Konsumsphäre ge­ dentieller, d. h. den Gebrauchswert eines Produk­
rade fungierenden Exemplare der betreffenden tes nicht beeinflussender Elemente wie Form und
Warenart. Diese Technik sei im folgenden als äs­ Farbe.
thetische Innovation bezeichnet.«219 Innovation Roland Barthes' Essay über das Modell DS 19
kennzeichnet die sich scheinbar von selbst bewe­ des Automobilherstellers Citroen (La nouvelle Ci­
gende, eine sinnlich-übersinnliche Gestalt anneh­ troen, 1957) zeigt anschaulich die Rhetorik, welche
mende Ware; sie ist Ausdruck des Warenfetischis­ die Strategie der ästhetischen Innovation von Wa­
mus. Das eigentliche Ziel der ästhetischen Innova­ ren prägt: Dem französischen Hersteller sei es ge­
tion sei jedoch nicht etwa die ästhetische lungen, über bloße Modellkorrekturen hinweg die
Erneuerung, sondern das ästhetische Veralten eines Illusion zu erzeugen, man habe mit dem Modell
Produktes innerhalb einer Produktgattung. Die DS 19 das Auto neu erfunden.221 Die technische
von Haug formulierte Theorie einer Technik der Perfektion, die dem Industrieprodukt Automobil
ästhetischen Innovation spitzt das auf unterschied­ die Aura einer natura naturans verleiht, läßt Bar­
lichen sozialpsychologischen Konstituenten beru­ thes zu der >rhetorischen Hyperbel vom Epoche­
hende Phänomen Mode auf die Produktion und machenden< (Blumenberg) greifen, womit gesagt
Vermarktung von Waren zu, die nicht mehr primär sein soll, daß das Modell DS 19 zur schöpferischen
der Selbstinszenierung des Individuums, sondern aemulatio im Automobilbau herausfordert, daß sie
der Inszenierung ihrer selbst dienen. Generell gilt zum Gegenstand der imitatio wird. Zugleich ver­
für die ästhetische Innovation, daß sie nicht über mittle diese Perfektion auch jenen Grad der Ver­
ein bestimmtes Maß der Vertrautheit hinausgehen trautheit, die das Automobil mit der sublimierten
darf, d. h . : Der Gebrauchswert substituiert die Tra­ Erscheinungsform des im alltäglichen Gebrauch
dition. An die Analyse der ästhetischen Innovation Befindlichen (»sublimation de l'ustensilite«222) ver­
läßt sich daher folgendes anschließen: Die Sprache binde: es behält seinen Gebrauchswert.
der Mode wie auch die Sprache der Ware verbin­ Die im Zeichen ästhetischer Innovation ste­
det eine rhetorische Strategie (amplificatio220) , hin­ hende Warenproduktion hat zwei gegenläufige Be­
ter der sich unterschiedliche sozial-psychologische dingungen zu erfüllen: Sie muß durch ein ständi­
ges Neuinszenieren von Produkten das Veralten
2 1 9 WOLFGANG F. HAUG, Kritik der Warenästhetik vorausgegangener Produkte mit vergleichbarem
( 1 97 1 ; Frankfurt a. M. ' 1 972) , 50; vgl. MARTIN JÜR­ Gebrauchswert vorspiegeln und gleichzeitig Stan­
GENS, Modeme und Mimesis. Vorschlag für eine dards für die Serienproduktion setzen, die ihrerseits
Theorie der modernen Kunst (Münster 1988),
in immer kürzerer Zeit einen immer größeren
12off.
220 Vgl. LAUSBERG, Elemente der literarischen Rheto­ Ausstoß bewältigen muß. Angesichts dieser Lei­
rik (s. Anm. 3 0) , 3 8 ff. (§§ 73 ff ) . stung im Bereich der industriellen Warenproduk­
2 2 1 Vgl. ROLAND BARTHES, Mythologies, suivi d e L e tion sieht Bazon Brock das Verständnis von der ge­
Mythe, auj ourd'hui ( 1 957) in: Barthes, Gluvres nuin künstlerischen Produktion als revisionsbe­
completes, hg. v. E. Marty, Bd. l (Paris 1993), 655 f ;
WOLFGANG WELS CH, Unsere postmoderne Mo­
dürftig an: »Mit der bloßen Innovationsleistung
deme ( 1 987; Berlin 4 1 993), 94. können sich die Künstler nicht mehr von Waren­
222 BARTHES (s. Anm. 22 1 ) , 656. produzenten unterscheiden, da die Warenproduk-
V Funktionalisierungen ro7

tion inzwischen innovativer geworden ist als die als Kunst ausgibt, was keine ist, und dabei emem
künstlerische. Fazit: Aufbrechen der Künstlerrol­ Kunstverständnis Vorschub leistet, das Kunst mit
len.«223 Neuinszenierung gleichsetzt. Eine Folge ist daher
Ästhetische Innovation heißt die Anwendung das polemische Mißverstehen der Modeme durch
künstlerischer Techniken auf kunstfremde Zwecke, reaktionäre Kunstkritiker wie Sedlmayr. Dieser er­
das Erzeugen von Effekten im Dienste einer Rhe­ kennt in der Revolution der modernen Kunst ei­
torik der Ware; >ästhetische Innovation< allein kann nen radikalen Bruch, den die Kunst durch ihre
keine Innovation der Kunst im Sinne einer epo­ konsequente Unterwerfung unter das Außerkünst­
chalen Zäsur meinen, denn mit Bachtin gilt es fest­ lerische, d. h. technische Innovationen und Ef­
zuhalten: »Das technische Moment sind die Fakto­ fekte, vollzogen haben soll. 229 Vom Effektcharakter
ren des künstlerischen Eindrucks, nicht aber die äs­ des Neuen innerhalb fester Gattungsnormen lebt
thetisch bedeutsamen Summanden des Inhalts aber v. a. die Unterhaltungskunst. Am Beispiel der
dieses Eindrucks, das heißt des ästhetischen Objek­ Science-Fiction-Literatur verdeutlicht dies Brock:
tes.« (Texm1qecK11e MOMeHTbl - 3TO cpaKTOpbl »Was sich also als literarischer Stilwille anzubieten
xy110JKecTBeHHOro HO He scheint, ist im wesentlichen ein Problem des lnno-
cJiaraeMhie eo- vationsniveaus, der Dichte der Neuigkeiten, die
11eplKaHl1H 3TOro BrreqaTJieHl1H, TO ecTb den Fortgang der Handlung ermöglichen. Ist die­
3CTeT11qecKoro o6beKrn.) 22 4 Und in einer Notiz ses Innovationsniveau gering, so muß der Autor
über den Besuch eines Broadway-Theaters unter­ des öfteren zurückgreifen auf Erfahrungen und
streicht Bertolt Brecht die Diskrepanz zwischen ei­ Kenntnisse, die der Leser bereits hat und die er vor
nem reaktionären Inhalt und den sich explosions­ allem meistens aus dem hat, was er für Literatur
artig entfaltenden Effekten auf der mit modernster hält. Die Eigentümlichkeit der Darstellung im S.-F.
Technik ausgestatteten Bühne: »Diese >Technik< kann in dem die Geschichte bedingenden Verlauf
wird dazu verwendet und ist dazu entwickelt, an beschrieben werden durch Innovation und Ein­
Dingen und Ideen Interesse zu erwecken, die nicht fallslosigkeit, durch Neuigkeit und Rückverwei­
im Interesse des Publikums sind.«225 Brecht hebt sung oder Rückfall in Schonbekanntes.«230
die affirmative Seite des Effekts hervor, die auch
dort besteht, wo dieser scheinbar einzig im Dienste 223 BAZON BROCK, Ästhetik als Vermittlung. Arbeits­
der Kunst stehe. Hermann Broch entlarvt die Be­ biographie eines Generalisten, hg. v. K. Fohrbeck
schränkung auf den Effekt als das der Kunst (Köln r 977) , 308.
Fremde, wenn er etwa über das schlechte L' art 224 BACHTIN, Problen1a sodedanija, materiala i formy v
slovesnon1 chudoZestvennom tvorC:estve, in: Bachtin,
pour l'art schreibt, es sei nur »I'art pour l'effet,
Voprosy literatury i estetiki (Moskau 1975), 47; dt. :
kurzum Kitsch, der Pseudo-Neues ohne neue Das Problem von Inhalt, Material und Form im
Realitätseinsicht hervorbringt, oder aber sich Wortkunstschaffen, in: Bachtin, Die Ästhetik des
überhaupt nicht um Neues kümmert und seine Ef­ Wortes, übers. v. R. Grübe! u. S. Reese, hg. v. R.
fekte mit mehr oder minder akademischem Eklek­ Grübe! (Frankfurt a. M. I 979) , 1 3 1 .
225 BERTOLT BRECHT, Über Bühnenbau und Musik des
tizismus erzeugt«226. Gerade auf der Ebene der
epischen Theaters ( I 93 5-I 942) , in: BRECHT, Bd. I 5
technischen Momente entsteht das für neue Ef­ ( 1 967) , 469; vgl. BERND JÜRGEN WARNEKEN, Lite­
fekte konstitutive Innovationspotential; nur über rarische Produktion_ Grundzüge einer n1aterialisti­
diese Momente kann eine Analogie zwischen äs­ schen Theorie der Kunstliteratur (Frankfurt a. M.
1 979) , 22-29.
thetischen und technischen bzw. ökonomischen
226 HERMANN BROCH, Hofinannsthal und seine Zeit
Innovationsprozessen erfolgen, allerdings unter ( 1 947/ I 948), in: BROCH, Bd. 9/ I ( 1 976) , 2 5 7 f.
Preisgabe dessen, was Kunst ist. Schon F. Schlegel 2 2 7 Vgl. F . SCHLEGEL, Seine prosaischen Jugendschrif­
hat vor der Verabsolutierung des Effekts ge­ ten, hg. v. J. Minor, Bd. I ( I 882; Wien ' 1 906) , I T O.
warnt227, und Kitsch ist, was vorgibt, Kunst zu sein 228 Vgl. LUDWIG GIESZ, Phänomenologie des Kitsches
( I 960; Frankfurt a. M. 1 994) , 53 ff.
und doch nur die Funktion erfüllt, Stimmungen zu 229 Vgl. SEDLMA YR, Die Revolution der modernen
erzeugen. 228 Das Prinzip der ästhetischen Innova­ Kunst (Reinbek b. Hamburg 1 9 5 5) , I I I .
tion potenziert letztlich den Kitsch, indem es etwas 230 BROCK (s. Anm. 223) , 87.
ro8 Tradition - Innovation

3. Tradition, > Latenz < und das messianische Neue nicht aus, daß die Tradition durch die Nieder­
schrift eine sie erschöpfende Fixierung erfahre. 233
Von weitreichender Bedeutung für die neueren In der Tiefenpsychologie C. G. Jungs finden
Theorien zur Tradition wird die von Freud in sei­ sich Tradition und Latenz im >Archetypus< aufge­
ner Schrift Der 1\lfann Moses und die monotheistische hoben, der das jeweilige seit Urzeiten vorgege­
Religion ( r 93 7/ r 93 9) vorgenommene Revision des bene, sich der Abstraktion entziehende Struktur­
Traditionsbegriffs. Er geht dabei von dem parado­ moment einer jeden menschlichen Tätigkeit - und
xen Umstand aus, daß nach der anfänglichen Ab­ folglich auch einer jeden ästhetischen Manifesta­
wendung von der Mosesreligion sich schließlich tion - bezeichnet. 234 Ernst Bloch kritisiert die tie­
doch der jüdische Monotheismus herausbilden fenpsychologische Archetypenlehre ob ihrer Vor­
konnte. Freud nimmt an, daß sich die mosaische wegnahme der strukturalistischen Methode, deren
Tradition in Gestalt mündlicher Überlieferung als »Rückgriff auf unveränderlich sich durchhaltende
Widerspruch und Ergänzung zu den ersten Versu­ Grundstrukturen, auf dauernde Urtypen«235 er be­
chen einer Geschichtsschreibung habe erhalten reits bei Jung ausmacht. Echte Archetypen dagegen
können, um letztendlich als das wahrhaftigere Mo­ seien nicht als in ihrer Bedeutung an den Ort ihres
ment über die schriftliche Fixierung zu triumphie­ erstmaligen Auftretens fixierte, sondern als »fortbe­
ren.231 Daß die Tradition so wirken konnte, erklärt deutende« zu fassen, »deren Wiederkehr sich be­
Freud mit einem Vergleich aus der Individualpsy­ sonders genau aus ihrer Unabgegoltenheit herleitet,
chologie: Auf einen Schock komme es erst nach aus ihrer Zukunft in der Vergangenheit und gerade
Wochen zur Symptombildung der »traumatischen nicht aus einer scheinbar ahistorischen Stabili­
Neurose«, die sich ungeachtet der zeitlichen Di­ tät«236. Für Bloch verweist der Jungsche Archety­
stanz direkt auf die erfahrenen Erschütterungen pus lediglich in den Bereich des »ausschließlich
beziehe. Als den gemeinsamen »Charakter« von nach unten Verdrängten, unterbewußt Findbaren«,
Neurose und Religionsgeschichte macht Freud die das sich weithin ins Bekannte auflösen lasse und
»Latenz«232 aus. Aus der als >Latenz< begriffenen daher nur von einer »langweiligem<, die Nacht­
Tradition heraus versucht Freud auch Epochen be­ träume beherrschenden »Latenz« sei. Dem hält er
sonderer literarischer Blüte zu erklären: Das Epos die das »Erhofft-Erahnte«, die Tagesphantasien er­
eines Homer oder die attischen Dramatiker hätten zeugende und über utopisches Potential verfu­
aus dem reichen Sagenmaterial geschöpft, das ih­ gende »unerschöpfliche Latenz«237 entgegen.
nen mittels der Tradition aus verschütteten Zeiten Die von Freud über die Verbindung von Tradi­
der Hochkultur überliefert worden sei, das also la­ tion und Latenz vorbereitete Revision des Traditi­
tent fortgewirkt habe. Dieses Material habe sich im onsbegriffs hat dazu angeregt, in der Tradition nun
Widerspruch zur Geschichtsschreibung in den nicht mehr - wie dies avantgardistische Pro­
Werken niedergeschlagen. Doch schließt Freud gramme nahegelegt hatten - das Abgegoltene, das
durch das Neue zu Ersetzende, zu sehen, sondern
einen aus der Vergangenheit in die Gegenwart hin­
23 1 Vgl. SIGMUND FREU D , Der Mann Moses und die
einragenden Imperativ. Der Blick auf das Unabge­
monotheistische Religion ( 1 9 3 61 ! 93 9) , in: FREUD
( SA ) , Bd. 9 ( 1 974) , 5 1 7 . goltene ist nicht nur der auf das Verdrängte in On­
2 3 2 Ebd. , 5 1 6. togenese und Philogenese, auf die Wirkungsmacht
233 Vgl. ebd. , 5 1 9 f. der Ideologie, die sich den Traditionsbegriff ein­
234 Vgl. CARL GUSTAV JUNG, Symbole der Wandlung.
verleibt hat; vielmehr meint er gerade das ganz an­
Analyse des Vorspiels zu einer Schizophrenie ( l 9 I I /
1 9 1 2 ; 1 952), in: JUNG, Bd. 5 (1973), 295 f.; JUNG, dere, das sich Geltung zu verschaffen sucht, das im
Zur Psychologie des Kindarchetypus ( 1 940) , in: Lauf der Geschichte immerfort nach seinem Recht
JUNG, Bd. 9/1 ( 1 976) , 1 69. drängt. Benjamin spricht von Tradition, wenn er
23 5 ERNST BLOCH, Experimenturn mundi (entst. 1 972- diejenigen, die von der jeweils herrschenden, den
1 974) , in: BLOCH, Bd. 15 ( 1 975), 1 5 8 .
Status quo als einen unumstößlichen festlegenden
2 3 6 Ebd. , 1 59.
2 3 7 BLOCH, Das Prinzip Hoffnung (entst. 193 8-1 947; Ideologie vergessen werden, in Erinnerung ruft
1 9 54-1959), in: BLOCH, Bd. 5 ( 1 959), l 8 r f und einen neuen Begriff der Geschichte fordert:
V Funktionalisierungen 1 09

»Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns dar­ lichkeit verloren. 243 Die bürgerliche Gesellschaft
über, daß der >Ausnahmezustand<, in dem wir le­ versucht die verlorene Tradition ästhetisch (im
ben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff Sinne S0ren Kierkegaards) zu ersetzen. Dies mani­
der Geschichte kommen, der dem entspricht.«238 festiert sich ideologisch dort, wo mit dem Hinweis
Tradition wird hier keinesfalls als etwas Starres ge­ auf Werte nach Legitimation gerufen wird - eine
faßt. Benjamin - wie auch Bloch und Theodor W Strategie, die Adorno in ihrer Widersprüchlichkeit
Adorno - ist in seinem Ansatz nachhaltig von der entlarvt: Während die Vernunft in einer von
neueren jüdischen Philosophie geprägt: Eine enge Zweckrationalität bestimmten Welt den Menschen
Verbindung von Tradition und Offenbarung kenn­ unterjocht und insofern ins Irrationale umschlägt,
zeichnet eine Grundhaltung, die sich gegen einen als der Mensch sich mit seiner Vernunft nicht mehr
starren Traditionsbegriff wendet. Bei Gershom gegen diesen Prozeß zu stemmen vermag, muß das
Scholem ist die Tradition das alles in sich aufgrei­ Bestehende »Sukkurs suchen bei eben dem Irratio­
fende Grundprinzip, das als ein schöpferisches zu nalen, das es ausrottet, bei der Tradition, die doch,
begreifen sei239, während sein Lehrer Hermann ein Unwillkürliches, dem Zugriff sich entzieht,
Cohen in der Tradition noch eine Verfremdung falsch wird durch Appell« (3 1 2) . Im Sog des Tradi­
der ursprünglichen Erfahrung erkannte: »Diese Er­ tionsverlustes entsteht für die Künste eine ambiva­
weiterung der Offenbarung auf die Tradition ist lente Situation: Wohl kann der Künstler, der sich
unabwendbar eine Auflösung der Offenbarung in selbst in keine Tradition mehr eingebunden weiß,
Erkenntnis.«240 Benjamin steht hingegen in Ein­ über Traditionen frei verfügen.244 Doch der Re­
klang mit Scholems Charakterisierung des jüdi­ kurs auf Tradition zeitigt allenfalls Kunstgewerbe,
schen Traditionsverständnisses als jenem Überindi­ wofür Adorno die neoklassizistischen Richtungen
viduellen, in das sich das Individuelle einschreibt: als Beispiel nennt. Die Ablehnung einer unaufrich­
»Die Tradition ist eine der großen Leistungen, in tigen Tradition, welcher der Bürger huldigt, hat ei­
der die Beziehung des menschlichen Lebens auf nen raschen Wechsel der ästhetischen Programme
seine Grundlagen realisiert wird. Sie ist die leben­ zur Folge. Mit anderen Worten: Die Neuerungen
dige Berührung, in der der Mensch die uralte entstehen auf dem Boden einer »Allergie gegen
Wahrheit ergreift und über alle Geschlechter hin in Tradition« (3 1 3 ) , die in das Entstehen eines regel­
der Z wi e sprache des Gebens und Nehmens sich rechten Verbotskanons mündet, der die gesamte
mit ihr verbindet. «2 4 1 Kunstgeschichte zu usurpieren sich anschickt.
Das Neue im Sinne von Innovation spielt bei D ennoch beansprucht die Geschichte weiter ihre
Benjamin und Bloch nur eine untergeordnete Macht. Und die Allergie gegen falsche Tradition
Rolle, weil es sich im Ephemeren verliert. Auf die­ droht zu verschütten, was Tradition noch an Un­
sem Hintergrund ist auch Adornos dialektische abgegoltenem, an Latenz in sich birgt. Selbst dort,
Besetzung des Traditionsbegriffs im Zeichen seiner wo man sich bar jeder Tradition wähnt, ist man in
Kritik am zweckrationalen Denken zu sehen. den Fängen der Geschichte: So hat z. B. ein j eder
Adorno sieht Tradition im Widerspruch zur Ra­
tionalität, »obwohl diese in j ener sich bildete« . Die 23 8 BENJAMIN, Über den Begriff der Geschichte (entst.
bürgerliche Gesellschaft, in der einzig das Prinzip 1939-1 940) , in: BENJAMIN , Bd. 1 / 2 ( 1 974), 697.
des Tausches von Äquivalenten dominiert, macht 239 Vgl. GERSHOM SCHOLEM, Offenbarung und Tradi­
Adorno für den Traditionsverlust verantwortlich: tion als religiöse Kategorien im Judentum, in: Scha­
lem, Über einige Grundbegriffe des Judentums
»Mit bürgerlicher Gesellschaft ist Tradition stren­
(Frankfurt a. M. 1 970) , 1 20.
gen Sinnes unvereinbar. «242 Mit den modernen 240 HERMANN COHEN, Religion der Vernunft aus den
Produktionsverfahren sind die handwerklichen Quellen des Judentums, hg. v. B. Strauß ( 1 9 1 9 ;
Produktionsweisen, deren Praxis auch für die äs­ Wiesbaden 3 1 995), 3 o r .
thetische Tradition traditionsbildend war, in Ver­ 2 4 1 SCHOLEM ( s . Anm. 2 3 9 ) , 1 20.
242 THEODOR w . ADORNO, Über Tradition (1 966) , in:
gessenheit geraten. Mit dem Verlust traditioneller A D O R N O , Bd. r o/ I ( 1 977) , 3 1 0.
Elemente geht auch das Bewußtsein von der zeitli­ 243 Vgl. ebd., 3 rnf.
chen Kontinuität und damit von der Geschicht- 244 Vgl . ebd., 3 1 2 .
l ro Tradition - Innovation

Schriftsteller bereits über die Sprache Teil an der Kunst als Refus erlaubt es, sein Postulat auf ein In­
Tradition und damit an einer erinnerungswürdigen novationspotential zu reduzieren, das über ein Ver­
Schicksalhaftigkeit, »denn die geschichtliche Spur ständnis des Neuen im Sinne der ästhetischen In­
an den Dingen, Worten, Farben und Tönen ist im­ novation, der unablässigen Neuinszenierung von
mer die vergangenen Leidens« (3 1 5) . Tradition Waren, nicht hinauskommt. In der Ästhetischen
birgt einen Imperativ in sich, der nicht dem Ver­ Theorie, deren radikale Position der Negativität
gessen anheimfallen darf Alles Erreichte ist Erwor­ ihm mannigfache Kritik eingetragen hat248, deutet
benes, Errungenes. Die entscheidende Quintessenz Adorno an, vor welchem Horizont nach der Posi­
aus Adornos dialektischer Betrachtung der Tradi­ tivität von Kunst und nach der ästhetischen Erfah­
tion für die Kunst lautet: Auch in der Verweige­ rung zu fragen ist. Die Aporie, die aus einer histo­
rung wirkt das Vergangene fort. 245 rischen Betrachtung des Traditionsverlustes und
Ungeachtet seiner kritischen Bestandsaufnahme der Konzeption einer scheinbar geschichtslos dem
der Tradition erhebt Adorno in seiner Ästhetischen Neuen zugewandten modernen Kunst entsteht, er­
Theorie, die vor dem Hintergrund des radikalen hält dort ihre Relativierung, wo Kunst und Reali­
Bruchs zu sehen ist, den die ästhetische Moderne tät aufeinanderstoßen. Kunst sei - getreu der These
insbesondere durch die historischen Avantgardebe­ Schopenhauers - als die >Welt noch einmal< zu se­
wegungen für sich beansprucht hat - das >Neue< in hen. Er gibt dabei zu bedenken, daß diese Welt der
den Rang einer Kategorie. Mit diesem Bruch re­ Kunst in ihrer Komposition mit Elementen der er­
flektiert die Kunst der Modeme einen entschei­ sten versetzt sei, »gemäß den jüdischen Beschrei­
denden Faktor ihrer eigenen geschichtlichen Si­ bungen vom messianischen Zustand, der in allem
tuation: »In einer wesentlich nicht-traditionalisti­ sei wie der gewohnte und nur um ein Winziges
schen Gesellschaft ist ästhetische Tradition a priori anders«249. Diese Aussage ist nur mit Blick auf die
dubios. Die Autorität des Neuen ist die des ge­ Bestimmung der Tradition als Latenz zu verstehen:
schichtlich Unausweichlichen.« Der Begriff der Sind künstlerische Materialien und Verfahrenswei­
Moderne negiere nicht einfach die Stile vorausge­ sen frei verfügbar, ist der Künstler also nicht mehr
gangener Epochen, sondern die Tradition als sol­ Teil einer künstlerischen Tradition als Praxis, so
che; daher sei »seine Abstraktheit [ . . . ] verkoppelt bezieht Kunst den Kunstcharakter, mit dem sie
mit dem Warencharakter der Kunst«246• Gegen sich vom bloßen Kunsthandwerk oder sentimenta­
diese Bestimmung der Modeme in der Kunst er­ len Kitsch unterscheidet, aus einem Bezug zur
hebt Peter Bürger den Einwand, daß sie sich zu realen Welt, der in dem Aufgreifen der in dieser
einseitig an dem von der historischen Avantgarde enthaltenen Latenzen besteht. Auf diese Weise
beanspruchten Bruch orientiere und diesen zum rückt Kunst gerade nach dem (vermeintlich) radi­
Entwicklungsprinzip moderner Kunst überhaupt kalen Bruch durch die historische Avantgarde zur
mache. In letzter Konsequenz habe Adorno es ver­ Geschichte auf. Der Vergleich mit dem »messiani­
säumt, seine Kategorie des Neuen hinreichend zu schen Zustand«250 meint also das utopische - und
historisieren. 247 Allerdings nur eine oberflächliche nicht etwa kulturrevolutionäre - Potential der
Lektüre von Adornos Konzeption der modernen Kunst, die durch sie vermittelte Ahnung von dem
intramundan noch Unabgegoltenen.
Der jüdische Messianismus ist auch Ausgangs­
245 Vgl. ADORNO, Ästhetische Theorie ( 1 970) , in: punkt für Jacques Derridas im Anschluß an Hegel,
ßd. 7 ( 1 970) , 60.
ADORNO,
Marx und Heidegger erfolgte Widerlegung der
246 Ebd., 3 8.
247 Vgl. BÜRGER, Theorie der Avantgarde (s. Anm. millenaristischen Konzeption vom Ende der Ge­
203) , 83 f. schichte bei Francis Fukuyama: »II s'agissait alors
248 Vgl. JAUS S , Negativität und Identifikation, in: H. de penser une autre historicite non pas une nou­
Weinrich (Hg.) , Positionen der Negativität (Mün­ velle histoire ou encore moins un mew historicism <,
chen 1975), 264 ff. ; JAUS S , Aus alt mach neu? (s.
Anm. 205) , 393-41 3 .
mais une autre ouverture de l' evenementialite
249 ADORNO (s. Anm. 245), 208. comme historicite qui permit de ne pas y renoncer
250 BLOCH (s. Anm. 235), 1 5 9· mais au contraire d'ouvrir l'acces :l. une pensee af-
V. Funktionalisierungen lll

firmatrice de la promesse messianique et emanci­ als das, was sich auf deutschen Bühnen seinerzeit
patoire comme promesse: comme promesse et non abspielte« (52) . Aus der Sicht der Wissenschafts­
comme programme ou dessin onto-theologique theorie Feyerabends mit ihrer Verschränkung von
ou onto-eschatologique. Car loin qu'il faille re­ Praxis und Tradition kann Innovation als Maßstab
noncer au desir emancipatoire, il faut y tenir plus keine Gültigkeit beanspruchen, weil das Neue sich
que jamais, semble-t-il, et d'ailleurs comme a l'in­ letztlich immer als eine Tradition erweist. Ähnlich
destructible meme du >il faut<. C' est li la condition lautet die Position von Thomas S. Kuhn, der eine
d'une re-politisation, peut-etre d'un autre concept Parallele zwischen den Enrwicklungen in den Wis­
du politique.«251 senschaften und in den Künsten sieht: Nur durch
die Praxis innerhalb einer Tradition könne es zu
jener Veränderung der Aufgabenstellung (>Paradig­
4. Tradition in der kritisch-rationalen
menwechsel<) kommen, der post festum sich als
Wissenscheftstheorie
Revolution erweise.253 Er vindiziert damit für den
Aus einem weiter gefaßten Verständnis von Idio­ kritisch-rationalen Traditionsbegriff eine histori­
synkrasie heraus stellt Paul Feyerabend in seiner sche Perspektive, die bei Karl Popper in den Hin­
kritisch-rationalistischen Wissenschaftstheorie zwei tergrund rückt. Dieser betrachtet Tradition zualler­
verschiedene Traditionskonzeptionen einander ge­ erst als soziologische Kategorie254, wobei er die
genüber. Mit »Idiosynkrasie« bezeichnet er ein Sprache zum Medium der Wahrheit erhebt, das
Verhalten, das, sich objektiven Regeln entziehend, diese zugleich verschleiere. Dem Verschleiern
Teil der »historischen Tradition« sei. Die »Idio­ wirke eine eigene Tradition entgegen, nämlich die
synkrasien« sind für ihn gleichbedeutend mit der Vernunft. Mit anderen Worten: Popper bannt
»praktischen Kenntnissen«, so erwa dem vollkom­ aus seiner rationalen Theorie der Tradition einen
menen Beherrschen einer Sprache. Die »abstrakte jeglichen Irrationalismus, um damit dem ideologi­
Tradition« suche dagegen ein Regelwerk zu erstel­ schen Mißbrauch, erwa faschistischer Provenienz,
len und führe daher zu »theoretischer Erkenntnis«. zu begegnen: » This is the tradition and discipline
Als solche könne sie j edoch nur, um beim Beispiel of clear speaking and of clear thinking; it is the
zu bleiben, einen Teil der Sprache als System erfas­ critical tradition - the tradition of reason.«255
sen. Für F eyerabe n d ist jedoch keine »abstrakte Für die unterschiedlichen Ansätze zu einer Re­
Tradition« ohne historische und damit »idiosynkra­ vision des Traditionsbegriffs - auch wenn dieser j e
tische« Komponente denkbar; der Vorrang gebührt nach epistemologischem Standort durch andere
der Praxis: »der Kennende und nicht die obj ekti­
ven Regeln benrteilen einen Vorgang«252. Feyer­
abend geht bei seiner Beurteilung der Tradition
zunächst wie Adorno von einer Gegenüberstellnng 2 5 1 JACQUES DERRIDA, Spectres de Marx. L' Etat de la
von Vernunft und Praxis bzw. Vernunft und Tradi­ dette, le travail du deuil et la nouvelle Internationale
tion aus, um dann die These zu enrwickeln, daß (Paris 1 993), 1 2 5 f.
252 PAUL FEYERABEND, Erkenntnis für freie Menschen.
ein Wandel, eine Reform, nichts anderes meine als
Veränderte Ausgabe (Frankfurt a. M. l 980), 6 5 .
die Verdrängung einer Tradition durch eine an­ 2 5 3 Vgl. THOMAS s . KUHN, The Essential Tension: Tra­
dere, wobei diese lediglich noch nicht als solche dition and Innovation in Scientific Research, in:
erscheine. Was die Vernunft anbelangt, so sei diese C. W Taylor/F. Barron (Hg.) , Scientific Creativity.
lts Recognition and Development ( 1 963 ; New
nnr eine Handlungsform, eine Tradition unter an­
York/London/Sidney ' 1 966) , 3 4 1-3 54; KUHN ,
deren. Als Movens eines jeden Wandels erkennt er Comment on the Relation of Science and Art, in:
daher die »Wechselwirkung von Traditionen« (3 9) . Comparative Studies in Society and History l l
Hierfür nennt Feyerabend ein Beispiel aus der Li­ ( 1 969) , 403-4 1 2 .
teraturgeschichte: »Als Gottsched das deutsche 254 Vgl. K A R L POPPER, Towards a Rational Theory of
Tradition, in: Popper, Conjectures and Refutations.
Theater reformieren wollte, suchte er nach guten
The Growth of Scientific Knowledge (London
Stücken, das heißt, er suchte nach einer Tradition, 1 963 ) , 1 2 3 .
die würdiger, geordneter und eindrucksvoller war 2 5 5 Ebd. , 1 3 5 .
I 12 Tradition - Innovation

B egriffe flankiert oder gar substituiert wird: >para­ nur dann wirklich Information, wenn sie Innova­
digms< (Kuhn) , >models<256 oder gar die das gesell­ tion ist, d. h. wenn sie Neues und Überraschendes
schaftlich-kulturelle Leben strukturierenden »epi­ bietet. Die »ästhetische Information« zeichne sich,
steme«257 in Foucaults >Archeologie des sciences so Bense, durch eine besondere Intensität des
humaines< - kann folgendes als Resümee festgehal­ Überraschungseffekts aus. Die mathematische Be­
ten werden: Nicht das Neue ist Ausgang der Re­ stimmung von Information und damit Innovation
flexionen über die Tradition, sondern die Bestim­ erfasse »das originale Moment in einem Ordnungs­
mung der Tradition als fester Bestandteil gesell­ schema« (327 f.). Mathematisch ausgedrückt gilt:
schaftlichen Lebens, als Raum schöpferischen Die Reinheit der Information bestimmt sich nach
Erinnerns. Erneuerung oder gar Revolution als das dem Grad ihrer vom jeweiligen Ordnungsschema
Ersetzen einer Tradition durch eine andere oder als her gesehenen Unwahrscheinlichkeit. Damit ist je­
Paradigmenwechsel vollzieht sich durch die Praxis doch noch keine Aussage über ihre Bedeutung ge­
innerhalb von Partialsystemen und ist daher nicht macht, sondern lediglich die Innovation numerisch
als ein die ganze Lebensweise umfassender Identi­ ausgedrückt.261 Daher setzt für Bense das »Verste­
tätsbruch zu sehen. Nicht zuletzt vor dem Hinter­ hen« - ein Begriff, mit dem er auf die Hermeneu­
grund solcher Feststellungen hat sich die Auffas­ tik rekurriert - einer Botschaft voraus, daß »be­
sung von einem dialektischen Einbeziehen der stimmte Züge der Zeichenfolge« bekannt sind;
Tradition in die kritische Betrachtung gesellschaft­ Kommunikation erfordert einen möglichst gerin­
lich-kultureller Prozesse weitgehend durchge­ gen Grad an Innovation. Hier setzt Bense zu einer
setzt258; in der kritischen Sozialwissenschaft etwa Präzisierung dessen an, was eine »ästhetische Bot­
eines Jürgen Habermas erscheinen Normen und schaft« ausmacht: »Die ästhetische Botschaft j edoch
Konventionen (mit anderen Worten: Tradition) in verschiebt den statistischen Charakter der Zei­
dem weiter gefaßten Konzept der »Lebenswelt«259 chenfolge in Richtung höherer Innovation, Über­
aufgehoben. raschung, Fragilität, Unstimmigkeit, deren Inbe­
griff wir dann Originalität nennen« (330) . Die in­
formationstheoretische Ästhetik verzichtet auf die
5. Innovation in der informationstheoretischen und
Tradition als antithetischen Begriff; vielmehr ver­
semiotischen Ästhetik
sucht sie ihren Ansatz in >traditionelle< ästhetische
Einen eigenen Stellenwert erhält die Innovation Positionen einzuschreiben. Als Beispiel hierfür
in der informationstheoretischen Ästhetik. Max nennt Bense die Unterscheidung zwischen Origi­
Bense definiert das Kunstwerk als » Träger einer be­ nalität und Stil: Originalität drücke sich in einer
sonderen, nämlich ästhetischen Information«260. Nun Maßzahl innovativer, überraschender Selektionen
ist nach der Informationstheorie j ede Information von Zeichen aus, während der Stil »von redundan­
ten Zügen der Gestaltung« geprägt sei, also bereits
identifizierbare »Ordnungsrelationen« (330) auf­
weise.
Umberto Eco führt den informationstheoreti­
2 5 6 Vgl. MARY B. HESSE, Models and Analogies in Sci­
ence (London/New York 1963). schen Ansatz weiter; Bezug nehmend auf die Posi­
2 5 7 MICHEL FOUCAULT, Les mots et les choses. Une ar­ tionen von Spitzer und Auerbach postuliert er, daß
cheologie des sciences humaines (Paris 1 966) , 47. »die ästhetische Botschaft sich im Verstoß gegen die
258 Vgl. LESZEK KOLAKOWSKI, Vom Sinn der Tradition,
Norm verwirklicht« (il messaggio estetico [ . . J si at­
.
in: Merkur 23 ( 1 969) , H. 1 2 , r n 8 5 .
259 HABERMAS, Theorie des kommunikativen Han­ tua nell' offendere la norma)262• Dieses Paradigma ver­
delns, Bd. 2 ( 1 98 1 ; Frankfurt a . M . 1988), 1 99. absolutieren hieße jedoch, Entropie zu erzeugen.
260 MAX BENSE, Aesthetica. Einführung in die neue Äs­ Für die >dichterische Rede< sei ergänzend gesagt,
thetik (1965; Baden-Baden '1982), 265. daß Unordnung nur insofern entstehe, als diese
261 Vgl. ebd., 3 2 8 .
»mit dem statistischen Begriff der Entropie nur
2 6 2 UMBERTO ECO, L a struttura assente ( 1 9 6 8 ; Mailand
1 980) , 68; dt. : Einführung in die Semiotik, übers. v. mehr in übertragenem Sinne gleichgesetzt« werden
]. Trabant (München 1 972) , 1 5 1 . könne (non puo piu essere identificato alla nozione
VI. Reibungsverluste: Tradition - Innovation in der Postmoderne rr3

statistica di entropia se non in senso traslato)263. Eine Paradigmen der Modeme, die für ihn zugleich
»ästhetische Funktion« (funzione estetica) habe eine Widerlegung der Kritischen Theorie darstellt:
eine Botschaft nur dann, »wenn sie sich als zwei­ Der Zusammenbruch abstrakt begründeter Legiti­
deutig strukturiert darstellt und wenn sie als sich mationsstrategien habe in der Wissenschaft den
auf sich selbst beziehend (autoreflexiv) erscheint, Ruf nach der Legitimierung des der Vernunft Wi­
d. h. wenn sie die Aufmerksamkeit des Empfängers derstreitenden (»paralogie«267) provoziert. Lyotards
vor allem auf ihre eigene Form lenken will« Bestandsaufnahme der >condition postmoderne<
(quando si prcscnta come strutturato in modo am­ konvergiert hier mit der kritisch-rationalistischen
biguo e appare autoriflessivo, quando cioe intende Wissenschaftstheorie, die - über die Praxis - den
attirare !' attenzione de! destinatario anzitutto sulla Wandel in den Wissenschaften auf idiosynkratische
propria forma)264. Die >ästhetische Funktion< setzt Faktoren zurückführt. Feyerabend formuliert, daß
aber voraus, daß sie - in bezug auf den Code, ge­ eine solche Bestandsaufnahme aus der Sicht eines
gen den sie verstößt - folgende Bedingung erfüllt: klassischen Rationalismus, der ausschließlich auf
»Alle Ebenen der Botschaft verletzen die Norm reflektierten Maßstäben gründet, als ein »anything
nach derselben Regel. Diese Regel, dieser Code goes«268 erscheinen muß. Lyotard betont den Un­
des Werks, ist von Rechts wegen ein Idiolekt [ . . . ] . terschied zwischen >paralogie< und Innovation:
Dieser Idiolekt erzeugt Nachahmung, Manier, sti­ Diese sei von einem System bestimmt oder zumin­
listische Gewohnheit und schließlich neue Nor­ dest stehe sie in dessen Diensten, während jene ein
men, wie uns unsere ganze Kulturgeschichte überraschendes, oft erst post festum zu bestimmen­
lehrt.« (tutti i livelli dcl messaggio offendono la des Moment - »fait dans la pragrnatique des sa­
norma seguendo la stessa regola. Questa regola, voirs« (98 f.) - ausmache. Innerhalb seiner Argu­
questo codice dell' opera, in linea di diretto e un mentation ergibt sich extrapolierend für das her­
idioletto [ . . ]; di fatto questo idioletto genera imita­
. kömmliche Begriffspaar Tradition und Innovation
zione, maniera, consuetudine stilistica e infine folgende Konsequenz: Es wird ausschließlich auf
nuove norme, con ci insegna tutta la storia dell' arte ein konkretes System bezogen gedacht und ver­
e della cultura.)265 Der Idiolekt meint letztlich das liert, hinsichtlich der Innovation, jegliche Rele­
Zusammenspiel von aemulatio und imitatio. vanz zur Bezeichnung einer (epochalen) Zäsur.
Die inforrnationstheoretischen und semiotischen Nicht anders verhält es sich bei D errida, für den
Theorien zur Ästhetik erheben die Innovation, die nach der epochalen Wende in der Philosophie
Kommunikation erschwert, ohne sie in bloßes Ge­ vorn Logozentrisrnus zum Phonozentrisrnus die
räusch aufzulösen, nicht nur in den Rang einer äs­ Wissenschaftstheorie eine völlig neue Richtung
thetischen Kategorie, sondern erklären sie zur dif­ einschlägt: »le concept de la science ou de la scientifi­
ferentia specifica von Kunst überhaupt. Innovation cite de la science - ce que !' on a toujours deter­
hat damit auch nicht den Rang einer zu Tradition rnine cornme logique concept qui a toujours ete
-

in Opposition stehenden historischen Verhältnis­ un concept philosophique, rnerne si la pratique de


kategorie; vielmehr bleibt diesem Ansatz die Frage la science n'a en fait jarnais cesse de contester !'im-
nach einer allgemeinen Theorie der ästhetischen
Erfahrung eingeschrieben, die er nicht einzulösen 263 ECO, Opera aperta. Forma e indeterminazione nelle
vermag. 266 poetiche contemporane ( 1 962; Mailand ' 1 967) , 107;
dt. : Das offene Kunstwerk, übers. v. G. Memmert
( 1 973 ; Frankfurt a . M . 1 977) , 1 2 ! .
264 E C O (s. Anm. 262), 62; dt. 1 4 5 f.
265 Ebd. , 68; dt. r 5 1 f.
VI. Reibungsverluste: Tradition - 266 Vgl. ebd., 70; dt. 1 56.
Innovation in der Postmoderne 267 JEAN-FRAN<;OIS LYOTARD, La condition postmo­
derne. Rapport sur le savoir (Paris 1 979) , 9 8 .
2 6 8 FEYERABEND, Against Method. Outline of an
Durchaus in Anlehnung an den kritischen Ratio­
Anarchistic Theory of Knowledge (London 1975),
nalismus formuliert Jean-Frarn;:ois Lyotard in La 10; vgl. FEYERABEND (s. Anm. 252), 97 ff. : WELSCH
condition postmoderne ( I 979) seine Antwort auf die (s. Anm. 221), 34f., l 3 5 f.
r 14 Tradition - Innovation

perialisme du logos, par exemple en faisant appel, mische) Verfahren, in dem die Totalität des abend­
depuis toujours et de plus en plus, :l. !' ecriture non­ ländischen Denkens (mit anderen Worten: der
phonetique. Sans doute cette subversion a-t-elle Tradition) neu befragt wird: »la de-construction de
toujours ete contenue :l. l'interieur d'un systeme al­ la plus grande totalite - Je concept d' episteme et de la
locutoire qui a donne naissance au projet de la metaphysique logocentrique - dans laquelle se sont
science et aux conventions de toute caracteristique produites, sans jamais poser la question radicale de
non-phonetique. II n' a pu en etre autrement. II ap­ l'ecriture, toutes !es methodes occidentales d'ana­
partient neanmoins :l. notre epoque qu'au moment lyse, d' explication, de lecture ou d'interpreta­
Oll ]a phonetisation de ]' ecriture - origine histori­ tion. «272 Herausragendes Signum eines solchen
que et possibilite structurelle de la philosophie Dekonstruktivismus ist, daß er keineswegs die Tra­
comme de la science, condition de !' episteme - tend dition (>la plus grande totalite<) eskamotiert, son­
:l. s'emparer de la culture mondiale, la science ne dern in Gestalt des philosophischen Kanons fort­
puisse plus s'en satisfaire en aucune de ses avan­ während auf sie bezogen bleibt. Dasselbe gilt für
cees.«269 Derrida knüpft an Heideggers Projekt ei­ eine sich dekonstruktivistisch verstehende Litera­
ner Destruktion der Geschichte der Ontologie turwissenschaft im Gefolge von Paul de Man.273
und die damit verbundene Abkehr von Tradition Besonders manifest wird die Traditionsbezogen­
zugunsten einer allein in der Sprache beheimateten heit Derridas dort, wo er den Begriff der >brico­
Bewahrung an. Die fundamentale Wende bei Der­ lage<274 anspricht. Ein j eder >discours< sei ein Bear­
rida ist der Primat der Schrift (ecriture) , den er als beiten (basteln, >bricoler<) der Überlieferung/Tra­
den Ort des freien Spiels der Signifikanten begreift: dition (hier: >texte d'un heritage<) : »Si !' on appelle
Wohl in Anlehnung an das Schriftverständnis des bricolage la necessite d' emprunter ses concepts au
Judentums wird die konsonantische Schrift des texte d' un heritage plus ou moins coherent ou
Hebräischen durch das Hinzufügen vokalischer ruine, on doit dire que tout discours est bricoleur.
Elemente im Sinne von Randglossen, >marges<270, L'ingenieur, que Levi-Strauss oppose au bricoleur,
interpretiert. Die Schrift sei bestimmt von einem devrait, lui, construire la totalite de son langage,
abwesenden transzendentalen Signifikat (auf wel­ syntaxe et lexique. En ce sens l'ingenieur est un
ches das Setzen des an sich arbiträren Zeichens zu­ mythe: un suj et qui serait a !' origine absolue de
rückgeht) , also an keinen vorgegebenen Sinn ge­ son propre discours et le construirait >de toutes pie­
bunden, sie lade ein zur »aventure seminale de la ces< serait le createur du verbe, Je verbe lui-meme.
trace«2n In der Unbestimmtheit der Spur (trace) L'idee de l'ingenieur qui aurait rompu avec tout
gehen nun sowohl Tradition als auch Heideggers bricolage est donc une idee theologique; et
Bewahrung - und damit die Totalität des abend­ comme Levi-Strauss nous dit ailleurs que le brico­
ländischen Denkens - auf. An die Stelle der vom lage est mythopoetique, il y a tout :l. parier que l'in­
Logos vorgegebenen (metaphysischen) Sinnkonsti­ genieur est un mythe produit par le bricoleur. Des
tuierung tritt nun die Dekonstruktion, das sich je­ lors qu' on cesse de croire a un tel ingenieur et a un
des festgelegten Standpunktes enthaltende (dyna- discours rompant avec la reception historique«275•
Derrida verwirft hiermit jegliche fundamentale In­
269 DERRIDA, De Ja Granunatologie (Paris 1 967) , 1 2 f. novation als ein theologisches Konzept, als die
270 Vgl. DERRIDA, Marges d e J a philosophie (Paris nicht zu leistende creatio ex nihilo. Innerhalb der
1 972) . Kraftlinien des Diskurses ist die Bewegung des
271 DERRIDA, L'ecriture et la difference (Paris 1 967) ,
Neuen immerzu auf der Grundlage des diskursiv
427.
272 DERRIDA (s. Arun. 269) , 68. Vorgegebenen zu denken, ohne dessen Konstitu­
273 Vgl. JONATHAN CULLER, On Deconstruction. enten, die sich letztlich hinter der Spur verbergen
Theory and Criticism after Structuralism (Ithaca und ein offenes System zeitigen, zu überschreiten.
1 982) , 3 1 6 f. Die poststrukturalistische Texttheorie kassiert
274 Vgl. Ltv1-STRAUSS, La pensee sauvage ( 1 962; Paris
1 990) , 3 o ff
die Unterscheidung von Tradition und Innovation
2 7 5 DERRIDA ( s . Anm. 271), 4 1 8 ; vgl. dagegen ASSMANN - nimmt man als Beispiel Julia Kristevas Bestim­
(s. Anm. 5), 288 f. mung des literarischen Textes als eine »permuta-
VI. Reibungsverluste: Tradition - Innovation in der Postmoderne ll5

tion de textes, une inter-textualite: dans l' espace Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise
d'un texte plusieurs ennonces pris a d'autres textes ins Auge gefaßt werden muß: mit Ironie, ohne
se croisent et se neutralisent«276. Das vom einzelnen Unschuld.)279 Ecos Verständnis der Postmoderne
Text, insbesondere dem Romantext, geleistete in­ liegt das einer Modeme zugrunde, die sich über
tertextuelle Zusammenspiel schreibe sich als »ideo­ den von den historischen Avantgardebewegungen
logeme« in das diskursive System der Gegenwarts­ beanspruchten - aber gescheiterten - Traditions­
literatur ein; seit der »coupure epistemologique du bruch definiert und deren Impetus in eine regel­
XIX'-XX' siede« sei die Literatur definitiv nicht rechte Erschöpfung mündet.280 Der Rückgriff auf
mehr auf ein irreduzibles Sinngefüge zurückzufüh­ die Hyperbel vom Traditionsbruch durch die
ren: »L'acceptation d'un texte comme un ideolo­ Avantgarde führt daher eine jede begriflli che Fi­
geme determine Ja demarche meme d'une semioti­ xierung der Postmoderne in eine unabwendbare
que qui, en etudiant le texte comme une intertex­ Aporie, weil sie auf keine vergleichbare epochen­
tualite, le pense ainsi dans (Je texte de) la societe et konstituierende Zäsur zurückzublicken vermag.281
l'histoire«277• Tradition geht somit in dem Text der Von einer solchen Verlegenheit zeugen generell
Gesellschaft und der Geschichte auf und konstitu­ die mit den Präfixen >Neo-< und >Post-< vorgenom­
iert damit zugleich den jeweiligen Einzeltext in menen Begriffsbildungen. >Postmoderne< als histo­
seiner Einzigartigkeit. Ähnlich argumentiert der risch verankerten Begriff demontiert allerdings
Romancier Claude Simon, wenn er in der Kunst Eco: Wenn er >postmodern< als >Geisteshaltung<, als
zwischen den Traditionen (>!es traditions<) , die le­ »Kunstwollen«282 (dt. im Original) einen metahi­
diglich tote Formen wiederholten, und der Tradi­ storischen Status zuweist, will sagen, einer j eden
tion (>la tradition<) , einem dynamischen Prinzip, Epoche ihre Postmoderne zuschreibt, dann rückt
das uns geprägt habe und von dem sich eine jede er nolens volens zu den Prämissen der Geistesge­
Erneuerung abhebe, unterscheidet. Von der dyna­ schichte auf. Die Wendung Ecos zu einem post­
mischen Tradition gehe eine jede Revolution aus, modernen Historismus ist kein Zufall283, muß
die dann auch wieder auf diese zurückführe: Seine doch gerade eine semiotische bzw. informations­
Revolution ist eine permanente.278 theoretische Ästhetik, die Innovation zum ent­
Aus der Sicht der antithetischen Gegenüberstel­ scheidenden Maßstab des Ästhetischen erhebt,
lung von Tradition und Innovation kann die soge­ nach einer adäquaten Antwort auf den Umstand
nannte Postmoderne als die Reaktion auf ein sich suchen, daß schon die Kultur der Modeme sowohl
erschöpfendes Innovationsparadigma gesehen wer­
den. Eco reagiert darauf mit einer Neubestim­
mung des Bezugs zur Vergangenheit. Ausgehend 276 JULIA KRISTEVA, Proble1nes de la structuration du
texte, in: Foucault u. a„ Theorie d' ensemble (Paris
von dem Unternehmen der historischen Avantgar­ 1968), 299.
den, mit der Vergangenheit abzurechnen, weil 277 KRISTEVA, LT]µEtWTlX� [Semiotike] . Recherches
diese auf uns laste, und der daraus resultierenden pour une semanalyse (Paris 1 969) , l I 9 .
Aporie, daß die Avantgarde, die er mit der Mo­ 278 Vgl. CLAUDE SIMON, Tradition e t Revolution, in:
La Quinzaine litteraire ( I . 5. - I 5 . 5. 1 967), 1 2-1 3 ;
deme gleichsetzt, in ihrem verzweifelten destrukti­
KUHNLE, Chronos und Thanatos. Zum Existentia­
ven Impetus ihrerseits einen Metadiskurs geschaf­ lismus des >nouveau romancier< Claude Simon (Tü­
fen habe, der von ihren unmöglichen Texten spre­ bingen 1995), 489 f.
che, hält er die Ironie für die einzig denkbare 279 EcO, 11 nome della rosa. In appendice: Postille a >11
nome della rosa< 1 9 8 3 (Mailand " 1 986) , 529; dt. :
Antwort: »La risposta post-moderna al moderno
Nachschrift zum >Namen der Rose<, übers. v. B .
consiste nel riconoscere ehe il passato, visto ehe Kroeber (1 984; München/Wien 8 1 986), 78.
non puo essere distrutto, perche Ja sua distruzione 280 Vgl. JOHN BARTH, The Literature of Exhaustion
porta al silenzio, deve essere rivisitato: con ironia, (New York 1 967) ; BARTH, The Literature of Reple­
in modo non innocente.« (Die postmoderne Ant­ nishment (New York 1 980) .
2 8 1 Vgl. WELSCH (s. Anm. 221), 9 1--94·
wort auf die Modeme besteht in der Einsicht und
282 ECO (s . Anm. 279) , 528; dt. 77.
Anerkennung, daß die Vergangenheit, nachdem sie 283 Vgl. ROLAND SIMON-S CHAEFER, Vom Ende der In­
nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre novationskunst, in: Kluxen (s. Anm. 205), 43 8 .
1 16 Tradition - Innovation

in der ästhetische Innovation einfordernden Ent­ garde - die nichts von der Versöhnlichkeit Em­
wicklung der Märkte als auch in einer den Bruch scher Ironie hat - mit dem Hinweis darauf abzu­
mit der Tradition für sich vindizierenden künstleri­ lenken, daß diese in inkommensurablen Lärm ab­
schen Produktion die Zahl der Innovationen pro zugleiten und folglich auch ihren Marktwert zu
Zeiteinheit ständig hat anwachsen lassen. Lübbe verlieren drohe. Mit anderen Worten: Das Innova­
nennt dieses Phänomen die »temporale Innovati­ tionsparadigma als Signum des Avantgardismus
onsverdichtung«284. Die Folge ist ein Verarmen der kann sich nur deshalb behaupten, weil künstleri­
>ästhetischen Botschaft< (Bense) hin zu j ener sich sche Produktion sich den Prämissen der Warenäs­
als Kitsch artikulierenden Entropie, von der die in­ thetik unterwirft. Um verkauft werden zu können,
formationstheoretische Ästhetik spricht und damit müssen Kunstwerke wie Waren bei aller (ästheti­
die kulturpessimistischen Theorien etwa von scher) Innovation immer einen hohen Anteil an
Spengler bis Levi-Strauss affirmiert. Redundanzen aufWeisen, die Vertrautheit garantie­
Die noch zu bewältigende >Innovationsverdich­ ren.286 Der Kunst aber, will sie sich als Kunst be­
tung< der Modeme und ihre Aporien führten nach haupten, bleibt die von einem numinosen >Arrive­
Lyotard in die condition postmoderne. Seine kriti­ t-il?< geleitete Erwartung als Konstituens ästheti­
sche Revision des Innovationsparadigmas durch scher Erfahrung eingeschrieben. Hier ist der
das Postulat der >paralogie< zieht eine entspre­ Grund einer j eden Erfahrung überhaupt oder der
chende Bestimmung des Ästhetischen nach sich: letzte Seinsgrund mit gemeint, den Lyotard im
Eine j ede ästhetische Erfahrung sei letztlich an den Anschluß an den jüdischen Philosophen Emma­
Augenblick der Konkretisierung gebunden, von nuel Levinas als das unbestimmbare »II y a lui­
einem »now« (engl. im Original) geleitet, dem die meme«287 bezeichnet - und damit rückt er zur Exi­
Frage »Arrive-t-il?«285 eingeschrieben sei; sie sei das stenzphilosophie auf, die den Primat der Existenz
»Ereignis« (dt. im Original) , auf dessen Grund das über eine j ede Rede von der Tradition erklärt hat.
Erhabene (»le sublime«, 1 1 8) entstehe. Träger des Lyotard spricht von einem »cynisme de l'innova­
>Arrive-t-il?< ist für Lyotard eine echte Avantgarde, tion« (r r 8) , hinter dem sich die Verzweiflung dar­
die diese Frage in jede Innovation hineintrage, über verberge, daß eigentlich nichts mehr ge­
ohne in deren Konkretisierung eine Antwort zu schehe, und der sich in ein >als ob< flüchte: »Mais
finden: »Entre deux informations, il n'arrive rien, innover consiste a faire comme s'il arrivait beau­
par definition.« ( 1 1 7) Indem der Kunst eine ver­ coup de choses, et a !es faire arriver. « Die Leistung,
dinglichte Zeitvorstellung mit der Annahme indif­ die er einer echten Avantgarde abverlangt, ist mehr
ferenter Einheiten - was der »confusion entre l'in­ als nur Traditionsbruch, den sich die »metaphy­
novation et !'Ereignis« gleichkomme - oktroyiert sique du capital« ihrerseits wieder einverleiben
worden sei, habe ein Quidproquo von Waren- und würde: Innovation wird durch den Rekurs auf den
Kunstproduktion entstehen können. So sei es dem Gedanken vom >Neuen< als Schein entlarvt - wie
Kunstmarkt gelungen, von einer echten Avant- auch Tradition.
Till R. Kuhnle
284 LÜBBE, Historisierung und Ästhetisierung. Über
Unverbindlichkeiten im Fortschritt, in: ebd., 4 1 6 . Literatur
2 8 5 LYOTARD, L'inhumain. Causeries s u r l e temps (Paris ADORNO, THEODOR w . , Über Tradition, in: ADORNO,
1988), I 1 7 . Bd. JO/I ( 1 977) , 3 1 0-320; ARENDT, HANNAH, Fragwür­
286 Vgl. BARTHES, Le plaisir d u texte ( 1 97 3 ) , i n : Barthes dige Traditionsbestände im politischen Denken der Ge­
(s. Anm. 2 2 1 ) , Bd. 2 (Paris 1 994) , 1 522. genwart: vier Essays (Frankfurt a. M. 1 9 5 7) ; ASSMANN,
287 LYOTARD (s. Anm. 285), r 1 7; vgl. EMMANUEL LE­ ALEIDA , Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der
VINAS, De l'existence a l'existant (Paris 1 947) , r oo; Dauer (Köln/Weimar/Wien 1 999) ; ASSMANN, ALEIDA/
EDITH WYSCHOGROD, Emmanuel Lbvinas. The ASSMANN, JANIHARDMEIER, CHRISTOPH (Hg.) , Schrift
Problem of Ethical Metaphysics (Den Haag r 97 4) , und Gedächtnis. Beiträge zur Archäologie der literari­
2 1 8 ; KUHNLE, Ernst und Revolte. Ein Versuch zum schen Kommunikation (München 3 1 998); ASSMANN,
>Existentiellen Messianismus<, in: Ron1anistischc JAN, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und
Zeitschrift für Literaturgeschichte 22 ( 1 998), H. r /2, politische Identität in frühen Hochkulturen (1 992; Mün­
I3 I f. chen 32000) ; DANIEL-ROPS, HENRI (Hg.), Tradition et
Einleitung l 17

innovation: la querelle des anciens et des modernes dans (München u . a . 2000) ; SUNTRUP, RUDOLFIVEENSTRA,
le monde actuel (Genf 1 956); BALLMER, CHRISTOPH/ JAN R . (Hg.), Tradition and Innovation in an Era of
GARTMANN, THOMAS (Hg.) , Tradition und Innovation Change/Tradition und Innovation im Übergang zur Frü­
in der Musik: Festschrift für Ernst Lichtenhahn zum hen Neuzeit (Frankfurt a. M. u. a. 200 I ) ; WEIZSÄCKER,
60. Geburtstag (Winterthur 1 993); BARNER, WILFRIED, CARL-FRIEDRICH VON, Die Rolle der Tradition in der
Über das Negieren von Tradition. Zur Typologie litera­ Philosophie, in: Weizsäcker, Die Einheit der Natur. Stu­
turprogrammatischer Epochenwenden in Deutschland, dien (München 3 1 983), 37 1-384; WILSON, HALF T . , Tradi­
in: R. Herzog/R. Koselleck (Hg.) , Epochenschwelle tion and Innovation. The Idea of Civilization as Culture
und Epochenbewußtsein (München I987) , 3-5 I ; BAR­ and its Significance (London/Boston I 984) .
NER, WILFRIED (Hg.), Tradition, Norm, Innovation. So­
ziales und literarisches Traditionsverhalten in der Frühzeit
der deutschen Aufklärung (München 1 989) ; BENSE,
MAX, Einführung in die informationstheoretische Ästhe­
tik. Grundlegung und Anwendung in der Texttheorie
(Reinbek b. Hamburg I 969) ; BÜRGER, PETER, Theorie
der Avantgarde (Frankfurt a. M. '°1995); BURKE, PETER,
Tradition and Innovation in Renaissance ltaly. A Sociolo­ Tragisch/Tragik
gical Approach (London 1 974) ; CLOVER, FRANK M . /
HUMPHREYS, R . STEPHEN (Hg.) , Tradition and Innova­ (griech. Tpay1K6�; lat. tragicus, ars tragica;
tion in Late Antiquity (Madison, Wis. I 989); FOURNET­ engl. tragic; frz. tragique; ital. tragico;
BETANCOURT, RAUL (Hg.), Kulturen zwischen Tradition span. tragico; russ. Tpan1qecKoe)
und Innovation: stehen wir am Ende der traditionellen
Kulturen? Dokumentation des 3. Internationalen Kon­
Einleitung; I. Von den Anfängen bis zum Ausgang
gresses für Interkulturelle Philosophie (Frankfurt a. M.
des Mittelalters; 1 . Griechische Antike. Aristoteles;
200 1 ) ; HALBWACHS, MAURICE, Les cadres sociaux de la
2. Die römische Tradition; 3. Mittelalter; II. Von der
memoire ( I 92 5 ; Paris 200 I ) ; JAUSS, HANS ROBERT, Li­
Renaissance bis zur Aufklärung; I . Übersetzungen,
teraturgeschichte als Provokation (Frankfurt a. M. 1 970) ;
Kommentare und Poetiken der italienischen Renais­
KLUXEK, WOLFGANG (Hg.), Tradition und Innovation.
sance; 2. Stationen der französischen und englischen
1 3 . Deutscher Kongreß für Philosophie (Hamburg
Renaissance; 3. Die französische Klassik; 4. Die Trans­
I 988); KOLAKOWSKI, LESZEK, Vom Sinn der Tradition,
formation von Tragik und Tragödie in der Aufklärung;
in: Merkur 23 ( 1 969) , 1085-rn92; KRAUSS, ROSALIND
III. Philosophie des Tragischen; I . Schiller und
E., The Originality of the Avant-Garde and other Mo­
Goethe; 2. Hegel im Kontext; 3. Revision von Auf­
demist Myths (Cambridge, Mass./London I 985);
klärung und Fortschritt: Schopenhauer und Nietzsche;
KUHN, HELMUT/WIEDMANN, FRANZ (Hg.), Die Philo­
IV. Ausblick auf das 20. Jahrhundert
sophie und die Frage nach den1 Fortschritt. Verhand­
lungen des 7 . Kongresses flir Philosophie, Philosophie
und Fortschritt (München I 964) ; KUHN, THOMAS s . ,
The Essential Tension: Tradition and Innovation in
Scientific Research, in: C. W Taylor (Hg.), The Third Einleitung
University of Utah Research Conference on the Identi­
fication of Creative Scientific Talents (Salt Lake City
1 959) , 1 62-174; MOOG-GRÜNEWALD, MARIA (Hg.) ,
Das Neue: eine Denkfigur der Modeme (Heidelberg Mit dem Titel des 1 993 erschienenen Essays An­
2002) ; PARSONS, TALCOTT, Societies. Evolutionary and schwellender Bocksgesang hat Botho Strauß das Ziel
Comparative Perspectives (Englewood Cliffi, N. J. seiner im weiteren entfalteten Gedankenführung
I 966) ; ROLOFF, VOLKER (Hg.) , Tradition und Moderni­ bereits angedeutet: Gegen den von einer vergesell­
tät. Aspekte der Auseinandersetzung zwischen >Anciens<
schafteten Kultur dirigierten Hegemonialanspruch
und >Modemes< (Essen 1988); SCHMAUS, MICHAEL
(Hg.), Die mündliche Überlieferung. Beiträge zum Be­ über Geist und Moral, Wissenschaft und Glauben
griffder Tradition (München 1 957) ; SCHOLEM, GERSHOM, setzt er seine Hoffnung auf die Tragödie als »gei­
Offenbarung und Tradition als religiöse Kategorien im stige Reserve« der Zukunft. Aus ihr will er die
Judentum, in: Scholem, Über einige Grundbegriffe des
Möglichkeit gewinnen, »im Namen der Weisheit
Judentums (Frankfurt a. M. I 97ü) , 90- 1 20; SCHOLTZ,
GU>rTHER (Hg.), Historismus am Ende des 20. Jahrhun­ der Völker, im Namen Shakespeares, im Namen
derts. Eine internationale Diskussion (Berlin 1 997) ; der Rangabwertung von Wirklichkeit, im Namen
S CHWINDT, JÜRGEN PAUL (Hg.), Zwischen Tradition und der Verbesserung der menschlichen Leidenskraft
Innovation. Poetische Verfahren im Spannungsfeld klassi­ gegen die politischen Relativierungen von Exi­
scher und neuerer Literatur und Literaturwissenschaft
stenz« Widerstand zu leisten: »Die Tragödie gab
l l8 Tragisch/Tragik

ein Maß zum Erfahren des Unheils wie auch dazu, tragbaren Gedanken führen ihn zu einer Über­
es ertragen zu lernen. Sie schloß die Möglichkeit legung, in der Annäherung an das Tragische und
aus, es zu leugnen, es zu politisieren oder gesell­ Zeitdiagnose noch einmal zusammenlaufen: »if
schaftlich zu entsorgen.« 1 Scharf wird die impli­ Americans believe that there are no insoluble ques­
zierte N ormativität und Distanznahme gegen ein tions, they can't ask tragic questions. And if they
entkonturiert Alltägliches als Qualität der Tragödie believe that punishment is only for ignorance or
und des Tragischen zur Geltung gebracht. Ver­ inadequate effort, they can't give tragic answers.
gleichbaren Inhalts ist das vielleicht wirkungs­ They can't have the tragic sense. - That sense is to
mächtigste Plädoyer für die Tragödie, welches das feel a due hurnility before the forces that are able
20. Jh. hervorgebracht hat: ein Passus aus Jean to humble us, without wishing to avoid the contest
Anouilhs Antigone (1 946) , in dem die vollkom­ where the humbling may take place. We will be a
mene Kompromißlosigkeit und die unkorrumpier­ more civilized people when we get it.«3
bare Reinheit des Handelns als Gratifikation des Die Überschreitung und Aufkündigung einer
Tragödien-Todes gegen die dem Drama zugehö­ den Menschen gemeinhin umstellenden smvie
rige Hoffnung ausgespielt und gleichsam angeprie­ festlegenden Wirklichkeit zieht sich in jüngerer
sen wird. Lakonisch heißt es: »C' est propre, la tra­ Zeit wie ein roter Faden durch vielfältige Bestim­
gedie. C'est reposant, c'est sur . . . [ . . . ] Dans le mungsversuche des Tragischen: »Die meisten
drame, on se debat parce qu' on espere en sortir. Menschen sind zu zaghaft und zu ängstlich, als daß
C' est ignoble, c' est utilitaire. La, c' est gratuit. C' est sie es wagten, geradewegs in ihre inneren Brände
pour les rois. Et il n'y a plus rien a tenter, enfin!«2 zu blicken. Tragische Helden hingegen sind begie­
Ein amerikanisches Seitenstück zu dieser Apolo­ rig zu erfahren, was diese Brände sind, und das ist
gie der Tragödie bildet ein anläßlich der Erstauf­ ein Teil ihrer fanatischen Aufrichtigkeit. «4 In allge­
führung von Eugene O'Neills The Iceman Cometh meinerer Formulierung schreibt Jean-Marie Do­
1 946 in der Zeitschrift Life erschienener Leitarti­ menach: »L'homme tragique est un etre separe, qui
kel. Der (anonyme) Verfasser erörtert, inwiefern refuse le monde, que sa passion ou son exigence de
die amerikanische Gesellschaft durch den ihr eige­ purete entraine hors de la realite.«5 Und echohaft
nen Mangel an hierarchischem Gefalle und mehr heißt es in einer eher saloppen Erörterung: »Mais
noch aufgrund des für sie konstitutiven Fort­ le tragique [ . . . ] donne un coup de vieux :'i l' esprit
schrittsoptimismus blind sei für das Phänomen des de serieux de tous les systemes, quels qu'ils soient,
Tragischen, für den Schauder, welchen den Men­ de la societe prograrnrnee.«6 Das kulturkritische
schen im Banne des Tragischen erreiche. Seine Negationspotential, das der Tragödie und dem
tendenziell auf alle modernen Gesellschaften über- Tragischen zugesprochen wird, kann aber für eine
allgemeine Erfassung des Phänomens nicht hinrei­
chen. Dies zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die
Wirkungsdimension der Tragödie, die schon Ari­
l BOTHO STRAUSS, Anschwellender Bocksgesang, m: stoteles in seine Wesensbestimmung aufgenommen
Der Spiegel 47 (1993), H. 6, 205 .
und die Hans-Georg Gadamer dafür genutzt hat,
2 JEAN ANOUILH, Antigone (Paris 1 946) , 55 f.
3 [ANONYMUS ] , Untragic America, in: Life ( 1 946) , H. »schmerzhafte Entzweiung<? lediglich als Aus­
20, 3 2 . gangspunkt des tragischen Prozesses zu lesen, des­
4 RALPH J . KAUFMANN, D i e Tragödie u n d ihre konstitu­ sen Zielpunkt aber als »tragische Affirmation« zu
ierenden Voraussetzungen, in: V. Sander (Hg.), Tragik
deuten: »Die tragische Affirmation ist Einsicht
und Tragödie (Darmstadt 1 9 7 1 ) , 43 3 .
5 JEAN-MARIE DOMEN ACH, L e retour d u tragique (Paris kraft der Sinnkontinuität, in die sich der Zuschauer
1 967) , 295. selbst zurückstellt.« ( r 26)
6 MICHEL MAFFESOLI, L'instant eternel. Le retour du Die Spannweite in der Bestimmung der Tragö­
tragique dans les societes postmodernes (Paris 2000) , die und des Tragischen hat als Herausforderung ge­
15.
wirkt, Definitionsversuche mit einem ahistori­
7 HANS-GEORG GADAMER, Wahrheit und Methode.
Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik ( 1 960; schen Geltungsanspruch ins Spiel zu bringen. Pro­
Tübingen ' 1 965), 1 24. grammatisch schreibt Oscar Mandel: »A work of
!. Von den Anfangen bis zum Ausgang des Mittelalters l 19

art i s tragic i f i t substantiates the following situa­ >tragisch< als wort- und begriffsgeschichtlich pri­
tion: A protagonist who commands our earnest mordial.
good will is impelled in a given world by a pur­ Die Tragödie erwächst aus dem Mythos. Nach­
pose, or undertakes an action, of a certain serious­ drücklich ist die Nicht-Identität von >Mythos< und
ness and magnitude; and by that very purpose or >Tragödie< von Hans-Thies Lehmann betont wor­
action, subject to that same given world, necessar­ den: »Die Tragödie exponiert leidvolle Szenen der
ily and inevitably meets with grave spiritual or mythischen Tradition. Neue Bedeutung nehmen
physical suffering.«8 Mehr als die einzelnen Be­ diese an, weil und insofern in die mythische Zeit
standteile dieser Definition interessiert hier, daß die punktuelle Perspektive des Menschen einge­
Mandel mit der nachgeschobenen These von der führt wird.«12 Diese Distanzgewinnung der Tragö­
Selbstdestruktivität des Helden eine substantielle die dem Mythos gegenüber, solcherart am Kennt­
Erweiterung seiner Ausgangsposition schon im lichwerden des Subjekts festgemacht, hat Ernst
Zuge von deren vermeintlicher Erläuterung vor­ Howald an die spezifische Wirkungsintention der
nimmt und so die Aporie seines Definitionsan­ Tragödie dadurch gebunden, daß er einen ersten
spruchs selbst demonstriert. 9 Dieses Detail interes­ und einen zweiten >Leib< der Tragödie unterschie­
siert, weil es von grundlegender Bedeutung ist. den hat. Als erster Leib der attischen Tragödie gel­
»Definierbar ist nur das, was keine Geschichte ten ihm der Mythos und die vom Mythos bereit­
hat« 10, notiert Friedrich Nietzsche. Gegen Mandel gestellten Handlungselemente. Tragisch aber sind
und Nietzsche folgend wird im weiteren darauf diese Handlungselemente noch nicht per se. Sie
verzichtet, ahistorische Festschreibungen über Tra­ werden es erst durch ihre Transforrnierung in ei­
gödie und Tragik zu treffen. nen zweiten Leib, der seinerseits unter dem Gesetz
der Spannungssteigerung steht, also auf die Publi­
kumswirkung hin bezogen ist und in dieser Wir­
kung seine Einlösung findet: »Tragik ist also das,
I. Von den Anfängen bis zum Ausgang was eine organisch gesteigerte seelische Spannung
des Mittelalters hervorruft, es ist ein Geschehen, das in einer sol­
chen Abfolge von Einzelsituationen besteht, die
Im heutigen Gebrauch des Wortes >tragisch< lassen imstande sind, in einer gleichmäßig progressiven
sich drei klar voneinander abgrenzbare Bedeu­ Weise uns in immer höhere Spannung und Erre­
tungsebenen unterscheiden: r . die alltagssprach­ gung zu versetzen. Weil diese Steigerung organisch
liche Bezeichnung für ein extremes Unglück: »syn­ und gleichmäßig ist, muß sie unerbittlich schei­
onym for calamity« 1 1 ; 2. die Bezeichnung von nen.«13 Howald löst damit einen der vermeintli­
Ereignissen, Situationen, Konflikten und Charak­ chen Eckpfeiler der Organisation des Tragischen,
teren in bezug auf ihr Vorkommen und ihre Funk­ die Unerbittlichkeit in der Geschehensfolge, aus
tion in bestimmten künstlerischen Formen, ins­ wie immer verstandenen Ursache-Folge-Verhält­
besondere in der Tragödie; und 3 . eine philo­ nissen heraus und bildet sie in eine Rezeptionska-
sophische Reflexion, die zwar auf die Tragödie
zurückgreift, sich ineins aber von diesem Bezugs­
punkt ablöst und die grundlegende Erfassung von OSCAR MANDEL, A Definition of Tragedy (New York
Lebensphänomenen für sich in Anspruch nimmt. 1 9 6 1 ) , 20.
9 Vgl. ebd., 24.
Angesichts des Umstands, daß der alltagssprachli­
IQ FRIEDRICH NIETZSCHE, Zur Genealogie der Moral
che Gebrauch von >tragisch< sich vorderhand einer ( 1 887), in: NIETZSCHE (SCHLECHTA) , Bd. 2 ( 1 966) ,
sukzessiven Bedeutungserweiterung und -verfla­ 82 1 .
chung dessen verdankt, was Merkmal der Tragödie II MANDEL (s. Anm. 8), 5 .
gewesen ist, die Verselbständigung einer philoso­ I2 HANS-THIES LEHMANN, Theater nnd Mythos. Die
Konstitution des Subjekts im Diskurs der antiken Tra­
phischen Konzeption von >Tragik< aber ein ge­
gödie (Stuttgart 1 9 9 1 ) , 5 4 .
schichtlich sehr j unges Phänomen ist, erweist sich 13 ERNST HOWALD, Das Tragische, in: Neue Schweizer
die die Tragödie selbst betreffende Bedeutung von Rundschau I Nouvelle Revue suisse 22 ( 1 929) , 424.
1 20 Tragisch/Tragik

tegorie um. Entscheidend für das Wirk:lichwerden I . »Gesang anläßlich eines Bockopfers«, 2. »Lied

des Tragischen sind demnach nicht die Götter oder der Böcke« und- in neuerer Zeit aber weniger dis­
das Schicksal oder das Milieu oder die Psyche, ent­ kutiert 3. »Lied um den Bockspreis«15. Die Tra­
-

scheidend ist, daß mit solchen Bausteinen ein gödie als Opfergesang zu verstehen gibt in beson­
»Spannungsleib« (422) geschaffen wird, der im Zu­ derem Maße Raum dafür, ihre Frühgeschichte
schauer den Effekt der Unerbittlichkeit unabweis­ durch Opfer, Ritus und Dionysosmysterien be­
bar macht und die Realität des Tragischen schafft. stimmt zu sehen. 16 Selbst unter den Bedingungen
Ergänzt sei dieses allgemeine Problemtableau der (mehrheitlich bevorzugten) Entscheidung für
durch einen abschließenden Hinweis auf Murray »Gesang der Böcke« 17 bleiben aber kultische For­
Kriegers Unterscheidung zwischen >tragischer men von dominanter Bedeutung: Als Keimzelle
Sehweise< und >Tragödie<. Anders als Lehmann und der Tragödie wird ein durch Weinrausch evoziertes
auch Howald entwirft Krieger einen Primat des Dionysoslied der Menge verstanden, das in einen
Tragischen, dem eine geradezu unerträgliche ekstatischen Tanz einmündet, in dem um Dionysos
Härte zugespochen wird, die durch die ästhetische gescharte, bocksartige und phallische Satyrn den
Form der Tragödie abgemildert werden muß. Die Chor bilden.18 Entscheidend ist, daß der kultisch­
tragische Sehweise bedarf der Form der Tragödie, dionysische Herkunftsbereich der Tragödie dem
»Um der Welt das geistig Heile zu erhalten, das die Wort selbst eingeschrieben bleibt. Der »Unterbau
tragische Sehweise selbst verneinte«14. des Dramas« 19 mit seiner rituellen Vorgeschichte,
mit seinen Masken, Tänzen, Umzügen und den
Elementen orgiastischer Ergriffenheit ist spätestens
1. Griechische Antike. Aristoteles
nach der Reform durch Peisistratos (2. Hälfte des
Entstehungsgeschichtlich ist >tragisch< an das Wort 6. Jh. v. Chr.) und der nun vollzogenen Herauslö­
und auch die Institution >Tragödie< unmittelbar sung des ersten Schauspielers aus dem Chor über­
rückgebunden. Vom Streit der Altphilologen um blendet worden, bleibt aber wortgeschichtlich als
den Ursprung der Tragödie sei festgehalten, daß Substrat von >Tragödie< erhalten.
kultische und literarische Wurzeln (gemäß Kapitel Entsprechendes gilt auch für TpaytKO<; (tra­
4 der Poetik des Aristoteles) sich in der Frühge­ gisch) , welches ursprünglich >bocksartig<, >zum
schichte der Tragödie kreuzen. Ist auch die Herlei­ Bock gehörig< heißt, in dieser Bedeutung aber im
tung von Tpayu,i111a (Tragödie) von Tpayo<; (Bock) attischen Griechisch und während des die Tragö­
und ü,i11tj (Gesang) unbestritten, so läßt doch die diendichtung und -aufführungen begründenden
Wortkornposition >Bock + Gesang< grammatisch 5. Jh. v. Chr. zurücktritt, so daß schließlich als
und genealogisch sehr unterschiedliche Begriffibil­ Grundbedeutung >der Tragödie eigen<, >zur Tragö­
dungen zu, von denen die prominentesten sind: die gehörig< vorrangig ist. Wichtig ist, daß seit
Aristophanes, vor allem aber im 4. Jh. v. Chr.
TpaytKO<; auf die dominante Wortbedeutung >Zur
14 MURRAY KRIEGER, Die Tragödie und die tragische Tragödie gehörend< nicht mehr eingeschränkt
Sehweise, in: Sander (s. Anm. 4) , 2 8 1 .
1 5 HUBERT CANCIK, >Tragödie<, in: PAULY (KL) , Bd. 5
bleibt. Vielmehr kommt es zu einer umfassenden
(München 1 975), 909. Bedeutungserweiterung, die nachhaltig in das
16 Vgl. WALTER BURKERT, Griechische Tragödie und Spektrum der späteren Wortverwendung ausgreift.
Opferritual, in: Burkert, Wilder Ursprung. Opferri­ Eine Schlüsselfunktion in diesem Prozeß dürfte
tual und Mythos bei den Griechen (Berlin 1 990) , 1 3-
Platon zuzuschreiben sein. Die Applikation seiner
39; JEAN-P!ERRE VERNANT/PIERRE VIDAL-NAQUET,
Mythe et tragedie en Grece ancienne, 2 Bde. (Paris kunstkritischen Grundposition auf die sich im
1 972/ ! 986) . Niedergang befindende Tragödienpraxis seiner
17 KONRAT ZIEGLER, >Tragödie<, in: PAULY, Bd. 6/2 Zeit führt nicht nur dazu, daß er die Tragödie als
(Stuttgart 1 9 3 7), 1 920. Schauplatz furchtbarer Taten und Affekte aus­
18 Vgl. JOACHIM LATACZ, Einführung in die griechi­
macht, sondern sie auf dieser Basis auch als Ein­
sche Tragödie (Göttingen 1 993), 53-64.
1 9 KONRAD THEODOR PREUSS, Der Unterbau des Dra­ fallstor für die von ihm gefürchtete Affizierung
mas, in: Vorträge der Bibliothek Warburg 7 ( 1 930), 1 . und Unterstützung des vernunftfernen epithyrneti-
I. Von den Anfangen bis zum Ausgang des Mittelalters 121

kon und eine daraus sich ergebende Schwächung selbstgestellte Frage gibt, ob und inwiefern die Poe­
des oberen Seelenvermögens, des Logistikon, tik überhaupt dem Problem des Tragischen gilt25,
sieht.20 So nennt er als Erkennungszeichen für »die ihre eigene Berechtigung. Aristoteles führt die zu
tragische Dichtkunst [ . . . J, daß sie mehr auf die seiner Zeit dominante Verwendungsweise von
Lust ausgeht und darauf, den Zuschauern gefällig TpaytKo<; - also den Gebrauch des Wortes in der
zu sein« (ii Twv TPUY0?1ilwv Tioi11CJti; l . . . j Ön Tipoi; Bedeutung >Zur Tragödie gehörig<hder Tragödie
TI]v iibo\ll]v µaAAOV wpµ11<m Kat TO xapi(rn8m eigen< - fort, verschärft sie allenfalls zu der Bedeu­
nii i; 8€aTati;)21 • Die folgenreiche semantische Er­ tung >das Wesen der Tragödie ausdrückend<. Mit
weiterung von >tragisch< ist folgendermaßen auf dieser eingeschränkten und am Substantiv orien­
den Punkt gebracht worden: »Es handelt sich dabei tierten Wortbedeutung hängt es wohl auch zusam­
um eine Bedeutung, die auch wir wohl noch mit men, daß der adjektivischen Form in der For­
dem Worte verbinden; verstehen wir doch nicht schung eigene Aufmerksamkeit nicht entgegenge­
selten unter >tragisch< ein Schwernehmen des Un­ bracht wird. Aus heuristischen Gründen bietet sich
wesentlichen, das affektierte Zur-Schau-Tragen ei­ eine Konzentration auf die adjektivische Form
ner traurigen Stimmung. Ähnlich verwendet nun gleichwohl an, umkreist doch gerade der Einsatz
Platon den Begriff. Alles bewußt oder unbewußt von TpaytKO<; eine Sequenz von besonders rele­
Anspruchsvolle, alles, was auf ein Publikum wirken vanten Kernbegriffen der Poetik und zwar die
sollte, was also den Philosophen irgendwie mit Begriffe aµapita (hamartia, Irrtum, Fehler) ,
dem äußeren Schein verwandt bedünken mußte, TI€pm€T€ta (Peripetie, plötzlicher Umschwung,
bezeichnet er mit dem Wort Tpay1KO<;, das bei Wendepunkt) , avayvwptCJt<; (anagnörisis, Wieder­
ihm somit auch die Bedeutung des Schwülstigen erkennung) und mi8oi; (Pathos, schweres Leid) .
angenommen hat.«22 Festzuhalten ist, daß im 4. Jh. Sie fungieren im Verständnis des Aristoteles als
v. Chr. ein Prozeß beschleunigt wird, in dessen Konstitutionsbedingungen der Tragödie und avan­
Verlauf die ältere Bedeutung von Tpay1K6i; näm­ cieren in der Neuzeit nicht selten zu Gelenkstellen
lich >zur Tragödie gehörend<, dominant bleibt, in der Diskussion um das Tragische.
aber ergänzt wird nm eine übertragene Wortver­ Aristoteles verwendet das Wort TpaytKO<; in der
wendung im Sinne von >erhaben< oder auch >prah­ Poetik nur selten, stets jedoch in einem Zusam­
lerisch� oder >ergreifend�, in welcher der ursprüng­ menhang, der deutlich macht, daß für ihn die
liche Bezug auf die Tragödie in den Hintergrund funktionale Einbindung dessen, was er als wesen­
treten kann. haft zur Tragödie gehörig auffaßt, unabdingbar ist.
Ihre intensivste Wirkung hat die partiell ab­ >Tragisch< kann für Aristoteles nie die Nachah­
schätzige Einfärbnng, die das Wort TpaytKO<; durch mung eines einzelnen Ereignisses, sondern immer
Platon erhalten hatte, dadurch hervorgebracht, daß nur die Nachahmung einer spezifischen »Zusam-
Aristoteles seine eigene Tragödientheorie als Ant­
wort auf Platon konzipiert hat.23 Führen die tragi­
schen Affekte Platon zufolge zu der bezeichneten 20 Vgl. PLATON, Rep. I O , 595b; 603 a-b; 605a-d.
21 PLATON, Gorg. 502b-c; dt. : Gorgias, in: Platon,
Schwächung des oberen Seelenvermögens und ei­ Sämtliche Werke, übers. v. F. Schleiermacher, hg. v.
ner entsprechenden Gefährdung des Publikums, so W F. Otto u. a., Bd. l (Reinbek b. Hamburg 1957),
weiß Aristoteles in schierer Umkehrung von Pla­ 258.
tons Ausgangspunkt diese Affekte und den tragi­ 22 JOHANNES GEFFCKEN, D e r Begriff des Tragischen in
der Antike. Ein Beitrag zur Geschichte der antiken
schen Prozeß insgesamt für eine Reinigung und
Ästhetik, in: Vorträge der Bibliothek Warburg 7
Stärkung der Zuschauer umzudeuten. Die kapitale ( 1 927) , l 1 9 f.
Verdichtung, die die Konzeption des Tragischen 23 Vgl. ALBIN LESKY, Geschichte der griechischen Lite­
auf diesem Wege erfahrt, ist ein Ergebnis der Wir­ ratur ( 1 9 5 8 ; Bern/München 3 1 97 r ) , 640.
kungsgeschichte. So gilt das Diktum: »Kein Text 24 REINHARD LOOCK, >Tragische, das<, in: RITTER,
Bd. ro ( 1 998), 1 3 3 5 .
hat die Geschichte des Tragischen so sehr geprägt
2 5 Vgl. HENRI GOUHIER, Reflexions sur l e tragique et
wie die Poetik des Aristoteles«24; zugleich hat die ses problemes, in: Revue de theologie et de philoso­
negative Antwort, die Henri Gouhier auf die phie 5 ( 1 97 1 ) , 306.
122 Tragisch/Tragik

menfügung der Geschehnisse« (� rwv rrpayµarwv ser Hamartia ist eine intensive Debatte geführt
CJUCJTacn<;)26 sein. Diese Zusammenfügung erfüllt worden. Noch im 19. Jh. wird mehrheitlich die
die Voraussetzung, als tragisch qualifiziert zu wer­ These vertreten, daß Gegenstand der Hamartia
den, wenn sie beim Zuschauer Jamme r und Schau­ eine moralische Schuld, eine charakterlich ableit­
der erweckt. Es geht also stets darum, daß das ein­ bare Fehlhandlung ist. Die im Englischen üblich
zelne Geschehnis in eine sehr spezifische Verflech­ gewordene Übersetzung einer derart moralisch
tung eingebunden wird und diese Verflechtung verstandenen Hamartia mit >tragic flaw< gibt diese
sich an der angestrebten Wirkung bemißt. In die­ Position genau wieder, während die deutsche
sem Zusammenhang ist die Wendung aus dem l J . Wendung >tragische Schuld< eine gewisse Über­
Kapitel zu sehen, der zufolge die Tragödien sich als zeichnung insofern darstellt, als sie nicht genügend
»die tragischsten« (TpaytKWTUTat)27 erwiesen ha­ Raum läßt für die Disproportionalität zwischen
ben, die den Umschlag von Glück in Unglück als (eher schwacher) Ursache und großer Wirkung.29
Folgewirkung »eines Fehlers« (lil' aµapnav Diese Deutung von Hamartia wird im Zuge der
nva)28 des Protagonisten in Szene setzen. Nicht >philologischen Interpretation< in Frage gestellt.
zuletzt durch die vorab erwogenen - dann aber Hamartia wird nun pointierter als Irrtum, verse­
wieder verworfenen - konkurrierenden Modelle, hentliches Abweichen vom richtigen Weg oder in­
die zum Gegenstand haben, daß makellose Männer tellektueller Fehlgriff verstanden. Der für die Ha­
von Glück in Unglück, Schufte von Unglück in martia anfällige Held wird von Max Kommerell als
Glück geraten, wird vor Augen geführt, worauf »ein Ungeschickter, ein tragisch Linkischer im
die schließliche Entscheidung für eine an der Ha­ großen Stil«30 gesehen. Werner Söffing resümiert:
martia orientierte Handlungsoption gestützt ist: »Die Hamartia kann weder als Charakterschwäche
Die Hamartia fungiert als Auslösungsmechanismus (>tragic flaw<) noch als sittliche Schuld (>tragic
innerhalb eines komplizierten Geschehnis- und guilt<) verstanden werden, sondern nur als tragi­
Wirkungsablaufs, welcher in der Hervorrufung scher Irrtum (>tragic error<) , als moralisch indiffe­
von Jammer und Schauder seinen Zielpunkt hat. renter, folgenreicher Fehlgrifi«31 • Diese völlige Lö­
Über die Frage nach der genauen Bedeutung die- schung des moralisch-sittlichen Aspekts wird in
neueren Arbeiten als verfehlt angesehen, eine Ver­
bindung der intellektuellen und der moralischen
26 ARISTOTELES, Poet. 6, l450a I 5 ; dt. : Poetik, griech.­
dt. , hg. u. übers. v. M . Fuhrmann (Stuttgart 200 I ) , Lesart für möglich und nötig gehalten. 32 Heilmut
21. Flashar referiert, »daß Hamartia einen charakterbe­
27 Ebd. , I 4 5 3 a27-2 8 ; dt. 4 1 . dingten, sittlich relevanten Denkfehler bedeutet,
2 8 Ebd., l 4 5 3 ag-10; dt. 3 9 . wobei der Ursprung des falschen in der betreffen­
29 Vgl. RAINER SAUER. Charakter und tragische Schuld,
in: Archiv für Geschichte der Philosophie 46 ( 1 964) , den Person selbst liegt, die die fehlerhafte Hand­
I8. lung zu verantworten hat, wenn auch kein Vorsatz
3 0 M A X KOMMERELL, Lessing und Aristoteles. Untersu­ und keine Böswilligkeit vorliegen.«33 Das dieser
chungen über die Theorie der Tragödie ( I 940; Frank­ Position inhärente Problem liegt darin, Plausibili­
furt a. M. l 1 960) , I27.
3 l WERNER SÖFFING, Deskriptive nnd normative Be­
sierungen für den tragischen Prozeß anzubieten,
stimmungen in der >Poetik< des Aristoteles (Amster­ welche nicht mehr hinreichend Raum lassen für
dam i 9 8 1 ) , 1 79· die »schmerzhafte Entzweiung«34, die Aristoteles
32 Vgl. VIVIANA CESSI, Erkennen und Handeln in der zufolge unabdingbar ist für Jammer und Schauder
Theorie des Tragischen bei Aristoteles (Frankfurt
und also die Einlösung der tragischen Wirkung.
a. M. 1 987) , 262.
3 3 HELLMUT FLASHAR, Die Poetik des Aristoteles und Im 1 8 . Kapitel fallt ebenfalls der Terminus >tra­
die griechische Tragödie, in: Flashar (Hg.) , Tragödie. gisch<, und zwar im Zusammenhang mit dem der
Idee und Transformation (Stuttgart/Leipzig 1 997) , Peripetie. Mittels der Peripetien erreichen die
56. Dichter, was sie erstreben: das Tragische. 35 Steht
3 4 GADAMER (s. Anm. 7) , I24.
die Hamartia am Anfang des tragischen Prozesses,
35 Vgl. ARISTOTELES , Poet., 1 456a2 1 ; ANDREAS Z!ERL,
Affekte in der Tragödie. Orestie, Oidipus Tyrannos so sind Peripetie und Anagnorisis seine zentralen
und die Poetik des Aristoteles (Berlin 1 994) , 24. Gelenkstellen. Der plötzliche Umschlag steht für
!. Von den Anfangen bis zum Ausgang des Mittelalters 123

das Hervorbrechen eines vermeintlich Fremden, der verknüpft: »Denn darin ist zwar etwas Ab­
das den Menschen überwältigt, ihn aus seiner scheuliches enthalten, j edoch nichts Tragisches; es
Bahn wirft, ihn aber auch, mittels der Einsicht in tritt nämlich kein schweres Leid ein.« (TO T€ ycip
seine Situation, eben dies heißt Anagnorisis, auf ei­ µtapov Ex€!, Kat OU TpaytKOV" arra8€c;; yap.)40
ner höheren Stufe zu sich zurückzuführen ver­ Die verworfene Möglichkeit ist eine, die »abscheu­
mag.36 Die Verkettung, die für das Handlungsge­ lich« (µtapov) in dem Sinne wäre, daß ihr Ablauf
schehen gilt, erhält erst durch die Peripetie ihre ei­ offensichtlich vollkommen quer stünde zu j ener
gentliche Wucht: »Die Peripetie ist ( . . . ] der anthropologischen Disposition, die günstigenfalls
Umschlag dessen, was erreicht werden soll, in das in die Erweckung von Jammer und Schauder über­
Gegenteil« (Ean 6€ rr€pm€:T€\a µE:v Ti €1c;; TO führt werden kann. Tragisch und also der Tragödie
E:vavriov TWV rrpaTToµE:vwv µ€Taßol.�)37. Der besonders zuträglich, so läßt sich der zitierte Passus
Umschlag von Glück in Unglück ist auf keinen positiv reformulieren, ist eine Handlungskonfigu­
Fall durch eine Gleichung irgendwelcher Art, ration, die eben dieses Ergebnis abruft. Trotz der
schon gar nicht durch die von Schuld und Sühne, viel diskutierten Präferenz, die Aristoteles in die­
zu schließen. Eine zentrale Figur in der Konstruk­ sem Kontext für die Option >Handlungsabsicht
tion des Tragischen wird die Peripetie dadurch, (ohne Wissen) und schließliches Nicht-Handeln<
daß mit ihr die Handlungsintention verkehrt und formuliert, darf als generelle Maxime gelten, daß
der Rahmen einer vorhersehbaren Zukunft ge­ Bestandteil einer Jammer und Schauder erwecken­
sprengt wird. Gleichwohl ist das, was im Zeichen den Handlung die Hinführung zu schwerem Leid
der Peripetie Gestalt gewinnt, nicht bloße oder gar (rra8oc;;) 41 ist. Der Begriff Pathos, den Aristoteles
abschreckende Kontingenz, sondern rückgebun­ in sehr divergierenden Zusammenhängen benutzt,
den an einen von Aristoteles vorgeschriebenen bewahrt allemal eine passive Einfärbung. Ein enor­
Prozeß, der sich im Rahmen von Wahrscheinlich­ mer Grad an Leiden ist dem Begriff eigen und
keit und innerer Notwendigkeit abspielt, aber auch auch die komplementär mitgeführte Vorstellung
für das Wunderbare offen sein kann. Es ist ein Pro­ eines ungeheuren Falls. »Pathos ist also ein Ereig­
zeß, der Identifikation nicht ausschließt, sondern nis, wovon Menschen betroffen werden; und zwar
zu ihr einlädt. Diese den Begriffen inhärente Span­ ereignet es sich durch und im Handeln der Betrof­
nung macht die B esonderheit von Peripetie und fenen.«42 Dieses den Menschen widerfahrende
Anagnorisis, ihr Geeignetsein für einen tragischen Leid löst seine Wirkung nicht als factum brutum
Vorgang, aus; in einer Formulierung, wie sie be­ aus, sondern insofern als es interpretiert und ge­
reits im 6. Kapitel vorkommt, liest man: »Außer­ spiegelt wird an der Reaktion der Akteure. 43 Ins­
dem sind die Dinge, mit denen die Tragödie die besondere aber ist mit Pathos die finale Station be-
Zuschauer am meisten ergreift, Bestandteile des . nannt, in die der Weg, der mit Hamartia eingesetzt
Mythos, nämlich die Peripetien und die Wiederer­ und über Peripetie und Anagnorisis geführt hat,
kennungen.« (Ilpoc;; 6€ TOUTO!c;; TeX µE:y10Ta mc;; schließlich einmündet. Konturiert wird somit das
ipuxaywy€\ Ti TpayU)6ta rnii µueou µE:pTJ E:aTiv, cii innere Handlungsskelett, das Aristoteles zufolge
T€ 1T€pmf:T€lat Kat avayvwpt0"€l<;.)38 die Tragödie auszeichnet. Dieses Handlungsskelett
Ein weiteres Mal kommt der Begriff >tragisch< mit den Stationen Hamartia -t Peripetie / Ana-
im 14. Kapitel vor. Und wieder geht es um den
funktionalen Zusammenhang der tragischen
Handlung. Aristoteles erwägt die vier Möglichkei­
36 Vgl. CLIFFORD LEECH, Tragedy (London I 969) , 6 5 .
ten, die sich aus dem Verhältnis von Wissen und 3 7 ARISTOTELES, Poet. I I , I45 2a22-2 3 ; d t . 3 5 .
Tun ergeben. Man kann wissend tun und nicht 3 8 Ebd., I 45oa3 3-3 5 ; dt. 23 .
tun, ebenso wie unwissend tun und nicht tun.39 39 Vgl. MANFRED FUHRMANN, Anmerkungen, in: ebd.,
Die Konklusion aus diesen Erörterungen besagt, I20 (Kap. I4, Anm. 7) .
40 ARISTOTELE S , Poet. 14, 1453b3 8-3 9; dt. 4 5 .
daß unter diesen vier Möglichkeiten diej enige die
4 I Vgl. SÖFFING (s . Anm. 3 1 ) , I 22 f.
schlechteste ist, welche Wissen (inklusiv der Ab­ 42 KOMMERELL (s. Anm. 3 0) , 1 84.
sicht) und schließliches Nicht-Handeln miteinan- 43 Vgl. ZIERL (s . Anm. 3 5) , 40.
1 24 Tragisch/Tragik

gnorisis -+ Pathos gewinnt seine innere Schlüssig­ Vorgaben für clie Handlungsentfaltung verpflichten
keit aus dem Umstand, optimale Voraussetzung für dazu, eine scharf umrissene Vorstellung von der
den eigentlichen Zielpunkt der Tragödie zu sein: Katharsis anzusetzen. Entsprechend heißt es auch
die Erweckung von Jarnruer (€1.rnc;) und Schauder im ersten Abschnitt des 1 4 . Kapitels: »Denn man
(cpoßoc;) sowie die »Reinigung von derartigen Er­ darf mit Hilfe der Tragödie nicht jede Art von Ver­
regungszuständen« (Tt]v TWV TOtoUTWV rra81]µaTWV gnügen hervorzurufen suchen, sondern nur die ihr
Ka8apcnv)44• Dieser sogenannte Katharsissatz ist gemäße.« (OU yap mxcrav Ö€t �1]T€lV �ÖOVrJV CXTCO
legendär, und seine Rezeptionsgeschichte darf als Tpayuib\m;;, cXAAa Tt]v O!Kdav.)47 Das der Tragö­
ein Knotenpunkt der europäischen Kulturge­ die gemäße Vergnügen aber liegt für Aristoteles
schichte betrachtet werden. 45 zunächst einmal in der Hervorrufung von Jarnruer
Hervorzuheben ist hier vor allem das Komple­ und Schauder sowie in einem zweiten Schritt in
mentärverhältnis, welches das von Hamartia bis Pa­ der Reinigung ebensolcher Erregungszustände.
thos reichende Handlungsgerüst als Kernbestand Die Tendenz, die hier schon für die Aneignung
der Darstellungsebene und die Hervorrufung der der Hamartia festgestellt wurde, gilt erst recht für
Katharsis als Ziel und Zentrum der Rezeptions­ das Verständnis des Katharsissatzes: Vom 1 9 . Jh. an
ebene miteinander verschränkt. Die tragischen Af­ hat eine intensive historisch-philologische For­
fekte sind beiden Ebenen zugehörig und profilie­ schung dazu geführt, die seit der Aufklärung gel­
ren sich in ihrer je eigenen Ausformung wechsel­ tenden ethischen Prämissen und Zielsetzungen der
seitig. Die tragische Handlung selbst steht im Katharsis abzuschwächen oder gar aufzulösen und
Vorzeichen des Jammervollen und Schaudererre­ sie durch eine medizinisch-diätetische Deutung zu
genden und bildet somit die Voraussetzung für substituieren. Jacob Bernays forciert einen »patholo­
j ene »Affekttransformationen«46, hin zur Ebene der gischen Gesichtspunkt«48 als Leitfaden für die Inter­
Rezeption, die ganz von eben diesen Affekten do­ pretation des Katharsissatzes. Die Katharsis - von
miniert wird. In dem Maße, in dem Aristoteles Gotthold Ephraim Lessing noch als »Verwandlung
sehr präzise Vorstellungen über die Wirkung der der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten«49
Tragödie zugrunde legt, leitet sich eben daraus gepriesen - mutiert für ihn zur »erleichternden
eine feste Vorgabe für das Arrangement der Ge­ Entladung«50 in einem an medizinischen Purgie­
schehnisse und deren inhaltliche Prägung ab. Ent­ rungspraktiken orientierten Sinn des Wortes.
sprechend gilt auch: Die hier nachgezeichneten Wolfgang Schadewaldts folgenreiche Deutung aus
den 5oer Jahren des 20. Jh. hat den Ansatz von
Bernays fortgeführt und vor allem dadurch ausge­
baut, daß er die für die Erzeugung von Katharsis
44 ARISTOTELES, Poet. 6, 1 449b27-28; dt. 19.
45 Vgl. WERNER MITTENZWEI, >Katharsis<, in: K. Barck konstitutiven Affekte >phobos< und >eleos< ins Zen­
u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 3 (Stutt­ trum seiner Untersuchung rückt und ihr Verständ­
gart/Weimar 200 1 ) , 245-272. nis auf eine ganz neue Grundlage stellt. 51 Beide Af­
46 ZIERL (s. Anm. 3 5), 29. fekte werden nun aus dem christlichen Horizont,
47 ARISTOTELES, Poet., l 4 5 3 b r o-- I I ; dt. 43 .
in welchem sie seit der Renaissance standen, her­
48 JACOB BERNAY S , Grundzüge der verlorenen Ab­
handlung des Aristoteles über Wirkung der Tragödie, ausgelöst und entschieden j eweils als »Elementaraf­
in: Abhandlungen der Historisch-Philosophischen fekt«52 vorgestellt. Aufgerufen wird damit eine un­
Gesellschaft in Breslau 1 ( 1 8 5 7) , 1 4 1 . mittelbare Affektgewalt, der die Zuschauer leidend
4 9 GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Hamburgische Dra­ ausgesetzt sind. >Phobos<, bislang als Furcht über­
maturgie ( 1 767-1768), in: Lessing, Gesammelte
Werke in zehn Bänden, hg. v. P. Rilla, Bd. 6 (Berlin/ setzt, wird nun nicht mehr als eine das Subjekt fe­
Weimar 1968) , 3 99. stigende Gemütsbewegung vorgestellt, sondern als
50 BERNAYS (s. Anm. 48), 148. plötzliches Ergriffenwerden durch einen Schauder
51 Vgl. WOLFGANG SCHADEWALDT, Furcht und Mit­ vor dem Furchtbaren, welches auf der Bühne ge­
leid? Zur Deutung des Aristotelischen Tragödiensatzes
schieht oder zu geschehen droht, als Kälteschauer,
( r 9 5 5 ) , in: Schadewaldt, Antike und Gegenwart. Über
die Tragödie (München 1 966) , 1 6-60. der das Blut gefrieren läßt. Und >eieos<, gemeinhin
52 Ebd., l 8, 24. als ein durchaus christlich geprägtes Mitleiden ver-
!. Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters 125

standen und entsprechend positiv gewertet, wird Für die Tragödie wird so eine »Einheit von Er­
nun von Schadewaldt auf den ursprünglichen kenntnis, tragischem Affekt und Vergnügen«56 für
Wortsinn eines schmerzhaften Mit-Erleidens, das möglich gehalten.
einem unverdient in Unglück Geratenen gilt, zu­
rückgeführt. Gedacht ist wiederum an ein heftiges
2. Die römische Tradition
affektives Erfaßtwerden, für welches Schadewaldt
nun die Übersetzung >Jammer< oder >Rührung< Es gehört zu den Phänomenen der Geistesge­
einsetzt. Entscheidend ist, daß es sich um einen schichte, daß die Semantik des Terminus >tragisch<
heftigen, schmerzhaften Affekt handelt, der, wie in der Antike nur peripher durch die kleine Schrift
der Schrecken, als schwere Störung empfunden des Aristoteles, die ja nicht für die Öffentlichkeit
wird. Die Übersetzung von >phobos< und >eleos< bestimmt war und auch nur sporadisch zur Kennt­
mit >Schauder< bzw. >Jammer< und ihre Deutung als nis genommen wurde, beeinflußt worden ist. 57
störende Elementaraffekte führt dazu, daß auch der Hauptursache dürfte sein, daß die Tragödie selbst
Katharsis selbst keinerlei läuternde, bessernde oder für viele Jahrhunderte nicht mehr im Mittelpunkt
irgendwie erzieherische Aufgabe mehr zugespro­ literarischer Produktivität und kulturellen Interes­
chen wird, sondern sie ihrerseits als ein elementa­ ses stand. Die relative Marginalisierung der Tra­
rer Vorgang verstanden wird, präsentiert nun als gödie kennzeichnet auch die römische Literatur.
»Ausscheiden, Beseitigen, Fortschaffen von stören­ Unbeschadet des Umstands, daß es eine auf das
den und beschwerlichen Stoffen (und Erregungen) griechische Modell rekurrierende römische Tragö­
aus dem Organismus« (40) . dienproduktion und -praxis zur Zeit der Republik
Dieses Modell ist in neueren Untersuchungen durchaus gegeben hat und später mit den - freilich
wiederum in Frage gestellt worden, indem den mehr für die Lektüre reservierten - Stücken Sene­
konstruktiven und geistigen Zügen des tragischen cas eine eigenständige »Transformation der grie­
Prozesses größere Aufmerksamkeit gewidmet wor­ chischen durch die römische Tragödie«58 hat ein­
den ist. Arbogast Schmitt53 und Viviana Cessi54 ha­ gebracht werden können, ist doch offenkundig,
ben, indem sie antizipierende Phantasie- und Vor­ daß beide Rezeptionsphasen der griechischen Tra­
stellungstätigkeiten als konstitutive Elemente der giker nicht dazu angetan waren, die Tragödie als
tragischen Handlung aufWeisen konnten, auch neuen Mittelpunkt der römischen Literatur auszu­
Terrain für die These gewonnen, daß die Affekte bilden. Schon Lessing räsoniert darüber, »warum
in der Deutung des Aristoteles durchaus einen ra­ die Römer in dem Tragischen noch so weit unter
tionalen oder kognitiven Aspekt haben. Wenn der dem Mittelmäßigen geblieben sind«, und erwägt
Zuschauer zu partizipierender Identifikation ein­ als Ursache »die gladiatorischen Spiele«, die ganz
geladen ist, so gilt doch auch, daß im Schauder, auf die Präsentation von Emotionskontrolle ausge­
von dem er erfaßt wird, ein Wissen um die histo­ richtet gewesen seien und somit in schierem Wi-
rische und lebensweltliche Ferne der agieren­
den Personen mitschwingt; und wenn er vom
schmerzhaften Jammer über den unverdient Lei­
denden ergriffen wird, so setzt die Empfindung 53 Vgl. ARBOGAST SCHMITT, Menschliches Fehlen und
dieses Jammers die Mitführung eines ethischen Ur­ tragisches Scheitern. Zur Handlungsmotivation im
teils voraus. Das solchermaßen als Bestandteil der Sophokleischen >König Ö dipus<, in: Rheinisches Mu­
seum 13 I (1 988), 3-30.
Affekte berücksichtigte »reflektorische Moment«
5 4 Vgl. CESSI (s. Anm. 32), !04-126.
führt Flashar pointiert zu der gegen Schadewaldt 5 5 FLASHAR (s. Anm. 33), 6 r .
gerichteten Formulierung, daß die tragischen Af­ 56 ZIERL (s. Anm. 3 5) , 90.
fekte »keine Elementaraffekte im Sinne der Gänse­ 5 7 Vgl. FUHRMANN, Nachwort, in: Aristoteles (s. Anm.
haut und des Taschentuchs«55 sind und mithin 26), 1 44-178.
5 8 Vgl. ECKHARD LEFEVRE, Die Transformation der
auch die Katharsis die über lange Zeit unterstellte griechischen durch die römische Tragödie am Bei­
kategoriale Trennung zwischen Erkenntnisvermö­ spiel von Senecas >Medea<, in: Flashar (s. Anm. 3 3 ) ,
gen und Affekten zu unterlaufen in der Lage ist. 66.
126 Tragisch/Tragik

derspruch zur »Absicht der tragischen Bühne«59 einer normativen Wendung für eine pointierte Ab­
gestanden hätten. Ein deutliches Indiz für die rela­ grenzung einer tragischen und einer kornischen
tive Randständigkeit der Tragödie im römischen Sprechweise votiert wird: »versibus exponi tragicis
Geistesleben mag man schließlich darin sehen, daß res comica non volt« (Was komisch ist, will nicht
von allen aus dem Griechischen übernommenen im Schwung und Pomp des Trauerspieles vorgetra­
dramatischen Gattungen allein die Tragödie die gen sein)63. Ein Diktum, das nicht ausschließt, daß
griechische Bezeichnung (Tpayu,iliia) auch im La­ die Tragödie in Einzelfillen auch über einen alltäg­
teinischen (tragoedia) bewahrt und also von den lichen Sprachstil verfügen kann, etwa um die Rüh­
Römern mit einem Fremdwort bezeichnet wor­ rung des Zuschauers zu gewinnen: »et tragicus
den ist.60 plerurnque dolet serrnone pedestri, / Telephus et
Vor diesem Hintergrund wird es kaum verwun­ Peleus cum pauper et exsul uterque / proicit arn­
dern, daß lat. >tragicus< die vom Griechischen her pullas et sesquipedalia verba, / si curat cor spectan­
vorgegebene Wortbedeutung zunächst fortschreibt tis tetigisse querella.« (Wenn Telephus und Peleus /
(»Of or belonging to tragic drama«; »Suitable to im tiefsten Elend, dürftig und verbannt / aus ihrem
tragedy, tragic in style«61), wobei neben der engen Vaterland, des Hörers Herz / mit ihren Klagen
Anlehnung an Gestalt und Auffuhrung der Tragö­ rühren wollen, lehrt / sie die Natur ganz einen an­
die (einschließlich der Bezeichnung des Tragö­ dern Ton! / Da werfen sie die hohen Stelzen und /
diendichters und -schauspielers) die übertragene die ellenlangen Wörter gerne weg! - V 95 ff; dt.
Bedeutung im Sinne von >erhaben<, >pathetisch<, 5 17 f.) Auf dieser Ebene der Stil- und Gattungser­
>schwülstig< als Stil- und Gattungsmerkmal nach­ örterung liegt die Wendung von Quintilian, der,
haltig entwickelt und in dieser Gewichtung auch Lektürevorschläge für Schulklassen unterbreitend,
neu akzentuiert wird. Zugespitzt läßt sich sagen, der tragoedia die >gravitas<, der comoedia die >ele­
daß die Termini >tragoedia< und >tragicus< im klassi­ gantia< zuweist: »rnulturn autem veteres etiam La­
schen Latein bevorzugt als Möglichkeit genutzt tini conferunt, quarnquarn plerique plus ingenio
werden, die Regeln der Stiltrennung zu verdeutli­ quam arte valuerunt, in prirnis copiarn verborurn,
chen: »When writers did come to make stylistic quorurn in tragoediis gravitas, in cornoediis ele­
comparisons, tragedy was an obvious candidate for gantia et quidam velut UTT\Ktcrµ6c; inveniri potest. «
the most exalted rank«62• Eindrücklich wird diese (Viel bietet aber auch die ältere lateinische Dich­
Vorrangigkeit der Frage von Gattungs- und tung, wenn auch die meisten Dichter ihre Stärke
Sprachseparierung durch den Einsatz von >tragicus< mehr im natürlichen Talent als in der Kunst der
in Horaz' Epistula ad Pisones bezeugt, wenn dort in Form haben, vor allem für die Wortwahl, wofür
man in den Tragödien den würdigen, in den Ko­
5 9 LESSING, Laokoon oder über die Grenzen der Malerei mödien den geschmackvollen Ausdruck und so et­
und Poesie ( 1 766) , in: Lessing (s. Anm. 49) , Bd. 5 was wie UTTtK1crµ6c; [Attizismus - d. Verf.] finden
(Berlin/Weimar 1 968), 4 1 . kann.)64 Ergänzt wird diese sprachlich-stilistische
6 0 Vgl. JAN HENRIK WASZINK, Die griechische Tragö­ Bestimmung durch eine pointierte Engführung
die im Urteil der Römer und der Christen, in: Jahr­
buch für Antike und Christentum 7 ( 1 964) , 1 4 r .
der Tragödie mit der Ständeklausel: »comoedia a
6 1 >Tragicus<, in: P. G . Glare (Hg.), Oxford Latin tragoedia differt, quod in tragoedia introducuntur
Dictionary, Bd. 8 (Oxford 1 982), 1957- heroes duces reges, in cornoedia hurniles atque pri­
62 HENRY A . KELLY , Ideas and Forms of Tragedy from vatae personae. «65 (Die Komödie unterscheidet sich
Aristoteles to the Middle Ages (Cambridge 1993), 7.
von der Tragödie dadurch, daß in der Tragödie
63 H O RAZ, Ars 89; dt. : Christoph Martin Wieland,
Übersetzung des Horaz, hg. v. M. Fuhrmann (Frank­ Helden, Heerführer und Könige agieren, in der
furt a. M. 1 986), 5 1 7. Komödie aber bescheidene und uns vertraute Per­
64 QUINTILIAN , Inst. 1, 8 , 8 ; dt. : Ausbildung des Red­ sonen.)
ners. Zwölf Bücher, lat.-dt., hg. u. übers. v. H. Rahn, Daß es auch in der klassisch-römischen Literatur
Bd. l (Darmstadt 1 972) , 1 1 9.
inhaltliche Schwerpunktsetzungen für >tragicus<
6 5 DJOMEDES , Ars Grammatica, in: H. Keil (Hg.), Flavii
Sosipatri Charisii artis grammaticae libri V ( 1 8 57; gibt, zeigt z. B. ein Passus in Livius' Ab urbe condita
Hildesheim 1981), 488. libri, welcher eine Episode aus der Frühgeschichte
!. Von den Anfangen bis zum Ausgang des Mittelalters 127

Roms - die durch Verwandtenmord errungene Vorgezeichnet sind damit schon die Hauptkoor­
Königsherrschaft des Tarquinius Superbus - durch dinaten von Augustinus' großer Theater-Kritik.
die mitgeführte Anspielung auf griechische Tragö­ Ihren historischen Ort findet sie nicht zuletzt in
dienmythen kennzeichnet: »tulit enim et Romana dem Umstand, daß kultische Volksfeste und jede
regia sceleris tragici exemplum«66. Zu übersetzen Art von öffentlichem Schauspiel als besonders at­
ist hier mit: »Denn auch das Königshaus in Rom traktives Erbe der alten Religion wirksam sind und
bot das Beispiel eines Verbrechens, wie es aus Tra­ entsprechend Augustinus' Gegenwehr hervorru­
gödien bekannt ist«. Der Rekurs auf die antike fen. 69 Erstens macht er es sich zur Aufgabe, sämtli­
Tragödie und die ihr eigenen moralischen Grenz­ che Bühnenkünste seiner Zeit und auch den über­
überschreitungen hat also die Funktion, das Ver­ lieferten Mythos, aus dem sie immer noch sich
brecherische, das in der Frühgeschichte Roms aus­ speisen, einer rigoristisch-christlichen Moralkritik
gemacht worden ist, zu benennen und eventuell zu unterwerfen; zweitens nimmt er das ganz ein­
auch zu nobilitieren. Diese Tradition wirkt noch deutige Ergebnis dieser Kritik, nämlich daß die
in den auf das 7./8. Jh. n. Chr. datierten und kano­ Schauspiele sich als eine Art »Teufelsdienst« (dia­
nisch formulierenden Liber glossarum hinein, erhält bolo serviretur) 70 darstellen, lediglich zum Aus­
aber den im Mittelalter obligaten moralischen Ak­ gangspunkt dafür, eine der weitreichendsten und
zent, wenn nun die Verbrechen als Gegenstand der beunruhigendsten Fragen der Kulturgeschichte
Tragödie folgendermaßen benannt werden: »Tra­ mit aller Schärfe zu formulieren: Wie ist es mög­
goedia est genus carminis quo poete regum casus lich, so lautet das von ihm gestellte Problem, daß
durissimos et scelera inaudita uel deorum res alto die fiktionale Repräsentation von Ereignissen, die
sonito describant. « (Die Tragödie ist ein Trauerge­ unmittelbar zu erleben die Menschen aufs äußerste
sang, wo Dichter in erhabenem Ton die härtesten fürchten und verabscheuen würden, von ihnen in­
Stürze der Könige, unerhörte Verbrechen oder die tensiv genossen werden kann? »Wie kommt es,
Dinge der Götter beschreiben.)67 daß der Mensch dort schmerzlich fühlen will,
Ganz anders funktioniert der Rückgriff auf das wenn er Trauriges und Tragisches sich ansieht? Er
>scelus tragicum< in den frühchristlichen Zeugnis­ möchte es gewiß nicht an sich selbst erleiden, und
sen. Mit ihnen wird die theaterfeindliche Tradi­ gleichwohl, als Zuschauer will er Schmerz dabei
tion, die Platon schon i naugu r iert e , in pointierter empfinden, und gerade der Schmerz ist sein Ge­
Steigerung fortgeführt. Schon bei Tertullian wer­ nuß. Was ist das, wenn nicht Irrsinn zum Erbar­
den die inhaltlichen Dimensionen des Tragödien­ men?« (Quid est, quod ibi homo vult dolere cum
geschehens in ganz neuer Schärfe wahrgenommen, spectat luctuosa et tragica, quae tarnen pati ipse
wenn auch als ein Schauplatz moralischer Verwerf­ nollet? Et tarnen pati vult ex eis dolorem spectator
lichkeiten, welche obendrein zur Nachahmung an­
stiften: »Quodsi surrt tragoediae et comoediae sce­
lerum et libidinum auctrices cruentae et lascivae, 66 TITUS LIVIUS, Ab urbe condita libri I, 46, 3, hg. V.
impiae et prodigae, nullius rei aut atrocis aut vilis W Weißenborn/H. J. Müller, Ed. r (Berlin " 1 963),
230.
commemoratio melior est« (Wenn aber Tragödien 67 LACTANTIUS, Liber glossarvrn. Glossaria reliqva, hg.
und Komödien blutrünstige und unzüchtige, ruch­ v. G. Goetz ( r 894; Amsterdam r965), rn2: dt. zit.
lose und ausschweifende Beispiele sind, die zu Ver­ nach DAVID E. GEORGE, Deutsche Tragödientheorien
brechen und Wollust anstiften, dann kann auch die vorn Mittelalter bis zu Lessing. Texte und Kommen­
tare (München 1 972), 24(
Aufführung einer entweder gräßlichen oder ge­
68 QUINTUS SEPTIMUS TERTULLIANUS, De spectaculis
meinen Sache nicht besser sein) . Mit einer poin­ r 7,7; dt. : Über die Spiele, lat.-dt., übers. u. hg. v.
tierten Konklusion proklamiert Tertullian nicht K.-W Weeber (Stuttgart 1988), 59.
weniger als die Aufhebung der ästhetischen Quali­ 69 Vgl. FRITZ VAN DER MEER, Augustinus der Seelsor­
tät aller Schauspielformen: »quod in facto reicitur, ger. Leben und Wirken eines Kirchenvaters (Köln
1 9 5 1 ) , 72-8 3 .
etiam in dicto non est recipiendum.« (was als Tat
7 0 AUGUSTINUS, Civ. 4, 2 6 ; dt. : Der Gottesstaat, lat.-dt„
zurückgewiesen wird, ist auch in Worten nicht ak­ hg. u. übers. v. C. ]. Perl, Ed. 1 (Paderborn u. a.
zeptabel.)68 1 979) , 267.
128 Tragisch/Tragik

et dolor ipse est voluptas eius. Quid est nisi misera­ den Wechselspiel gegenüber aus der philosophia
bilis insania?)71 Auffallend ist vor allem, daß Augu­ gewinnen kann. In diesem Kontext nun wird die
stinus hier den Sammelbegriff >luctuosa et tragica< tragoedia als ein Bild für den jederzeit zu gewärti­
aufruft, ihn in seiner ästhetischen Dimension zur genden Sturz der Großen und die damit zusam­
Geltung bringt und so offensichtlich das von ihm menhängenden Umschläge des Lebens benannt:
avisierte Problem auf eine allgemeine Ebene erhe­ »Quid tragoediarum clamor aliud deflet nisi indis­
ben kann. Wie weit Augustinus schließlich damit creto ictu fortunam felicia regna vertentem?« (Was
über den von ihm selbst gesteckten moralischen beweint der Weheruf der Tragödien anderes als das
Horizont der Theatererfahrung hinausführt und Schicksal, das mit seinem Schlage ohne Unter­
eine ihn selbst bedrängende Frage aufWirft, das schied glückliche Reiche umstürzt?) 73 Bezeichnet
zeigt vielleicht am deutlichsten seine eigene har­ aber wird mit »tragoediarum clamor« nicht eine
sche Einordnung des von ihm freigelegten Phäno­ Charakterisierung der Tragödie oder tragischer
mens als >insania<. Konstellationen; vielmehr wird ein festes, in der
Diatribentradition eingeübtes Bild der Tragödie
abgerufen74, um eine möglichst treffende Vorstel­
3. Mittelalter
lung der Fortuna profilieren zu können.
Mit dem Ende des römischen Reiches klingt die Entsprechend läßt Boethius sich schon j ener
Tradition ab, in der das Erbe der griechischen Tra­ Epoche zuordnen, in der das Rad der Fortuna die
gödie noch mitgeführt worden war. Das heraufrie­ dominante Illustrationsfigur für Leiderfahrung
hende Mittelalter setzt einen ordo-Gedanken und katastrophenträchtigc Schicksalswendungen
durch, der für die ontologische Unordnung, an wird75, die Tragödie hingegen und j edwede Form
welche die Tragödie rückgebunden ist, keinen tragischer Inszenierungen zunehmend an Bedeu­
Raum läßt. Entsprechend wird schon Charles de tung einbüßen, bis sie schließlich vorwiegend zur
Sai nt-E vremo n d feststellen: »L'esprit de notre reli­ Erläuterung der Stiltrennungslehren beigezogen
gion est directement oppose a celui de la trage­ werden. Ging es im klassischen Rom, wo >tragoe­
die. « 72 So verschwinden >tragoedia< und >tragicus< dia< diese Funktion ebenfalls schon hatte, noch
zunehmend aus dem Repertoire der kulturell darum, normative Vorgaben für eine zumindest
maßgeblichen Debatten. Für diese Relevanzein­ partiell (über Pantomimen und Lektüre) lebendig
buße bietet bereits Boethius ein schönes Beispiel. gehaltene Gattung zu formulieren, so stehen nun
Im Vordergrund des zweiten Buchs seines Haupt­ die modus loquendi immer mehr im Vordergrund
werks De consolatione philosophiae stehen die Wirk­ des Interesses. Wie weit die solchermaßen einge­
samkeit der Fortuna und die (auch stoisch fun­ leitete Entkonturierung von >tragoedia< und >tragi­
dierte) Gegenwehr, die der Mensch ihrem dauern- cus< reicht, dafür bietet kein Geringerer als Dante
sehr markante Beispiele. Berühmt ist insbesondere
der Vers Inferno 20, 1 1 3 , in welchem Dante Vergil
71 AUGUSTINUS , Conf. 3 , 2, 2; dt. : Bekenntnisse, lat.­ von der Aeneis als von »L' alta mia tragedia« spre­
dt. , hg. u. übers. v. ]. Bernhart (München 1 9 5 5 ) , 99.
chen läßt, eine Wendung, die von Hermann Gme­
72 CHARLES D E SAlNT-EVREMOND, De la tragedie an­
cienne et moderne ( 1 672) , in: Saint-E vremond, lin durchaus unzutreffend mit »Mein tragisches
CEuvres en prose, hg. v. R. Ternois, Bd. 4 (Paris Gedicht«76 übersetzt wird. Er verschleift damit,
1 969) , 1 7 3 - daß Dante den Terminus >tragedia< soweit ent­
73 BOETHIUS, De consolatione philosophiae 2, 2. p.; dt. :
grenzt, daß jegliche Dichtung in hohem Stil damit
Trost der Philosophie, lat.-dt., hg. u. übers. v. E . Ge­
genschatz/0. Gigon (München/Zürich 1 990) , 49. erfaßt werden kann. Daß diese sprachlich-stilisti­
74 Vgl. JOACHIM GRUBER, Kommentar zu Boethius >De sche Perspektivierung von >tragoedia< und >tragi­
consolatione philosophiae< (Berlin/New York 1 978), cus< bei Dante fest verankert ist, erweist neben
1 77· Convivio I , 5 , 8 vor allem De vulgari eloquentia,
75 Vgl. KELLY (s. Anm. 62) , 22 1 f.
wenn ebendort ein triadisches Stilschema folgen­
76 DANTE ALIGHIERI, La divina comn1edia, Inf. 20, 1 1 3 ;
dt. : Die göttliche Komödie, ital.-dt., hg. u . übers. v. dermaßen vorgestellt wird: »Deinde in hiis que di­
H. Gmelin, Bd. l (Stuttgart 1949) , 24 I . cenda occurrunt debemus discretione potiri,
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung l 29

utrum tragice, sive comice, sive elegiace sint ca­ auf unseren Begriff gibt. Negativ ist als entschei­
nenda. Per tragediam superiorem stilum induci­ dendes Kennzeichen der mittelalterlichen Begriffs­
mus, per comediam inferiorem, per elegiam stilum verwendung festzuhalten, daß in ihr nicht einmal
intelligimus miserorum.« (Dann müssen wir hin­ die szenisch-dramatische Präsentation als Wesens­
sichtlich der Dinge, die sich zum Dichten darbie­ merkmal fungiert. 79
ten, uns der Unterscheidung mächtig machen, ob
sie tragisch, komisch oder elegisch zu besingen
sind. Unter Tragödie verstehen wir die höhere
Dichtart [stilus] , unter Komödie die niedere, und II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung
unter Elegie verstehen wir die Dichtart der Un­
glücklichen.)77 Diese Transformierung eines in frü­ Im Zuge der Renaissance erfahren Begriff und
heren und späteren Zeiten zentralen Gattungsbe­ Konzept der Tragödie eine ganz neue Fokussie­
griffs in eine Stilqualität findet allerdings bei Dante rung, ausgerichtet an der Poetik des Aristoteles. Es
eine nachhaltige Korrektur in der Epistola 13 an geht dabei um nicht weniger als die »nascita di un
Cangrande della Scala, in welcher die Abgrenzung tragico moderno«80• Dies bedeutet auch: Das Pro­
von Tragödie und Komödie nicht mehr nur über j ekt >Wiedergewinnung der Poetik< hat, aus heuti­
stilistische Argumente, sondern auch über die >ma­ ger Sicht, nicht etwa zum Inhalt, die Bedingungen
teria< vorgenommen wird: »Et est comedia genus der Tragödie und die zugehörigen Implikationen
quoddam poetice narrationis ab omnibus aliis dif­ des Tragischen, wie Aristoteles sie umrissen hatte,
ferens. Differt ergo a tragedia in materia per hoc, zu restituieren. Das Ergebnis des säkularen Aneig­
quod tragedia in principio est admirabilis et quieta, nungsprozesses der Poetik wird vielmehr darin lie­
in fine seu exitu est fetida et horribilis [ . . . ] . Come­ gen, aristotelische Kategorien mit neuzeitlichen
dia vero inchoat asperitatem alicuius rei, sed eius humanistischen und christlichen Leitvorstellungen
materia prospere terminatur«. (Und die Komödie zu einer Amalgamierung zu führen, welche dann
ist eine Art poetische Erzählung, die sich von allen ihrerseits auf Vorstellungen des Tragischen von er­
anderen unterscheidet. Sie unterscheidet sich näm­ heblichem Einfluß ist. In funktionsgeschichtlicher
lich von der Tragödie im Stoff dadurch, daß die Perspektive handelt es sich dabei um eine Kom­
Tragödie zu B eginn bewundernswert ist und ru­ pensation fi.ir die n u n virulent werdenden Erklä­
hig, am Ende oder zum Schluß aber ekelerregend rungsdefizite christlicher Weltdeutung. 81
und erschreckend [ . . . ] . Die Komödie aber beginnt
mit dem Abstossenden einer Sache, aber ihr Stoff
wird glücklich abgeschlossen) 78. Als Kennzeichen
der >materia<, welche der Tragödie zugesprochen
wird, tritt ein prozessualer Wandel von einem gu­ 77 DANTE, De vulgari eloquentia 2, 4; dt. : Über das
ten Anfang zu einem schlimmen Ende in den Vor­ Dichten in der Muttersprache, übers. v. F. Dornseiff/
dergrund der Aussage. Daraus ist zu schließen, daß ]. Balogh (Darmstadt 1925), 56.
78 DANTE, Epistola 13, 29; dt. : Das Schreiben an Can­
eine präzise Tragödienkenntnis eher nicht anzuset­ grande della Scala, lat.-dt., hg. u. übers. v. T. Ricklin
zen ist, wohl aber ein Eindringen von Relevanz­ (Hamburg 1 993), 1 3 .
merkmalen der Fortuna und des de-casibus-Sche­ 7 9 Vgl. RAINER STILLERS, Drama und Dramentheorie
mas in diese Bestinmrnng für möglich zu halten ist. der Antike in der Poetik des italienischen Humanis­
mus, in: B. Zimmermann (Hg.), Antike Dramen­
Berücksichtigt man ferner, daß das >furchtbare
theorie und ihre Rezeption (Stuttgart 1 992) , 1 4(}­
Ende< in den bald aufblühenden Bestimmungsver­ l58.
suchen von >tragisch< als fester Bezugspunkt fun­ So ENEA BALMAS, Della nascita di u n tragico moderne,
gieren wird, so zeichnet sich ab, daß Dante in sei­ in: E. Mosele (Hg.), Dalla tragedia rinascimentale alla
ner aspektreichen Annäherung an >tragoedia<htra­ tragicon1media barocca. Esperienze teatrali a con­
fronto in Italia e in Francia (Fasane 1 993), 1 3 .
gicus< am Schnittpunkt antiker, mittelalterlicher 8 1 Vgl. ANDREAS KABLITZ , Tragisc h er Fall und verbor­
und frühneuzeitlicher Gesichtspunkte zu verorten gene Wahrheit. Torquato Tassos >Re Torrismondo<,
ist und einen entsprechend schillernden Ausblick in: Flashar (s. Anm. 3 3 ) , 84-109.
130 Tragisch/Tragik

1. Übersetzungen, Kom mentare und Poetiken der tutto rei.«82 (Unter den den Alten überlieferten
italienischen Renaissance Dingen nimmt die Tragödie den ersten Platz ein.
Denn indem sie edle Handlungen mit dem Ernst
Nachdem das Mittelalter die Poetik nur m emer und in dem angemessenen Stil nachahmt, aus de­
verstümmelten Übertragung aus dem Arabischen nen Mitleid und Schauder hervorgehen, reinigt sie
hatte zur Kenntnis nehmen können, erschien nach das menschliche Gemüt von Lastern und erregt in
einer ersten lateinischen Version im Jahre 1 49 8 ihm die Sehnsucht einzig nach der Tugend; ihr
vom frühen l 6. Jh. a n i n dichter Folge eine ganze Ziel ist, daß so auch diejenigen reagieren sollen,
Serie von Ausgaben. Über deren Rezeption wird die in allem böse und nicht gut sind.) Natürlich
schließlich die neuzeitliche Theorie der Tragödie handelt es sich hier um ein Definitionsangebot,
in Italien selbst, in Frankreich, England und auch welches auf der Kenntnis der Poetik beruht. Ebenso
Deutschland ihr Fundament erhalten. Es wird eine offenkundig ist aber die Differenz, die diese Be­
Epoche eröffnet, die eigene weltanschauliche und stimmung von der des Aristoteles trennt.
kulturpragmatische Fragen, Probleme und Lösungs­ Die Nachahmung edler Handlungen (»imita le
intentionen in eine nuancenreiche Interpretation reali attioni«) wird von Giraldi im Vordergrund
des Aristoteles einspeist und auf dieser Basis eine seiner Tragödienbestimmung angesiedelt. Beide
vermeintlich philologisch argumentierende Gat­ ins Spiel gebrachte Konzeptualisierungen verdie­
tungspoetik hervorbringt, die - über die >doctrine nen Beachtung: die Nachahmung ebenso wie die
classique< bis hin zu Lessing - sich als so dominant Ständeklausel. Die im Mittelalter vor allem das ge­
erweist, daß sie theoretische Fragen zur Tragödie nus dicendi illustrierende Ständeklausel wird von
und zu den Konstitutionsbedingungen von >tra­ Giraldi in die eher offenen Vorgaben, die Aristote­
gisch< ganz in sich aufsaugt. les zu diesem Punkt gemacht hat, eingespeist.
Im letzten Drittel des 16. Jh. erscheint in Vene­ Kombiniert wird die auf das Mittelalter zurück­
dig eine Ausgabe mi t den gesammelt en Dramen greifende Bestin1n1ung der >reali attioni< nllt dem
von Giovan Battista Giraldi. Im Vorwort zu seinem originär aristotelischen Argument, wesentlich sei
Stück Cleopatra ( 1 5 8 3) gibt der Verfasser eine Tra­ für die Tragödie die Nachahmung von Handlung,
gödiendefinition in Versen, welche die wesentli­ was zu einer verschärften Wahrnehmung der kom­
chen Themen der so ausgefeilten poetologischen positorischen Bündelung des dargestellten Gesche­
Diskussionen der zurückliegenden Dezennien zu­ hens führen und schließlich in eine Erörterung der
sammenführt. In ihrer schnörkellos vereinfachten Einheitsregeln münden wird. Wie nachhaltig die­
Version treten die angeführten Merkmale pointiert ser Prozeß geradezu ontologisch abgesichert wird,
hervor. Sie bezeichnen präzise die Differenz zu macht eine Äußerung von Giraldi offenkundig,
den oft entkonturierten Vorstellungen des Mittel­ in welcher er die Fokussierung auf eine (in sich
alters und markieren die Eckpunkte, auf die sich geschlossene) Handlung als dem Verfahren der
die Tragödiendiskussion bis in die Aufklärung hin­ Nachahmung immanent ansieht: »Cum imitatio, et
ein zentrieren wird: »Fra le cose trovate da gli anti­ poesis sit res qudam naturalis, at natura tantum in
chi / [. . . ] Ottiene Ja tragedia il primo luoco. / suis actionibus proponit sibi unum finem, necessa­
Che s' ella imita le reali attioni / Con quella graviti, rium est ut actio, quam imitatur tragedia, sit una,
con quel decoro / Onde compassion ne nasca, e quia est optimum, et nobilissimum poesis genus.«83
horrore, / Purga de' vitij gli animi mortali, / E lor (Da die Nachahmung und die Dichtung ein natür­
face bramar sol la virtute / Veggendo ehe fin fac­ liches Phänomen sind, die Natur aber in ihren
ciano coloro, / Che in tutto buon non sono e in Handlungen sich nur ein einziges Ziel setzt, ist es
notwendigerweise so, daß die Handlung, die die
Tragödie nachahmt, in sich geschlossen ist, wo­
durch sie denn das beste und edelste Genus der
82 GIOVAN BATTIST A GIRALDI, Le Tragedie (Venedig
Dichtung ist.) Pointierter noch heißt es bei Fran­
1 5 83), 7.
83 GIRALDI, [Iudicium de defensione trag1�diae ( 1 5 5 8)] cesco Robortello: »cum tragcedia imitatio sit actio­
MS Vat. Lat. 6528, fol. 23 r . nis vnius, qux quamprimum producitur ad exi-
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung 131

tum.«84 (Denn die Tragödie ist die Nachahmung lieh durchdringt sie die Seele, berührt uns in au­
einer einzigen Handlung, die sobald wie möglich ßergewöhnlicher Art und Weise. Die Nachah­
zum Ende führt.) Aufinerksamkeit zieht des weite­ mung vollzieht sich bei j ener mit einer gewiß
ren eine komplementäre Qualität der irnitatio auf größeren Wirkungsmächtigkeit.)
sich, die wiederum von Robortello freigelegt wird Kompositorische Konzentration und ästheti­
und die durchaus als Reflexion auf den ästheti­ scher Darstellungsmodus werden von nun an in
schen Status des in den Blick gebrachten Tragö­ der poetologischen Diskussion als Koordinaten
diengeschehens gefaßt werden kann. Betont wird mitgeführt, von denen im weiteren wichtige Im­
von Robortello, daß mittels der imitatio das darge­ pulse auf die Semantik von >Tragödie< und >Tragik<
stellte Geschehen, wie furchtbar es in sich auch ist, ausgehen. Tun sich die Renaissancepoetiken
zur Quelle von Vergnügen beim Zuschauer zu schwer damit, den von Aristoteles als »Zusammen­
werden vermag und gerade in dieser Transforma­ setzung der Geschehnisse« (TT]v m!veecnv TWV
tion die Wirksamkeit der imitatio sich erweist: rrpayµciTwv)85 definierten Mythos als Einheit der
»voluptatem, qux capitur ex tragcedia, esse eam, Handlung zu erfassen und wiederzugeben, so ist
quam parit irnitatio.« ( 1 46) (Das Vergnügen, wel­ kaum zu entscheiden, ob diese Schwierigkeit
ches aus der Tragödie gewonnen wird, ist das, wel­ schon auf eine Vorrangstellung der in der Neuzeit
ches die Nachahmung bereitet.) Verschärft Robor­ schließlich durchgesetzten vierten Einheit, der des
tello mit dieser Bestimmung bereits die Wendung Helden, verweist. Pointiert proklamiert jedenfalls
des Aristoteles, der zufolge Nachahmung den wird die Einheit der Zeit, und die Einheit der
Menschen angeboren ist und ihnen Freude berei­ Handlung stellt sich häufig eher als eine unum­
tet, so verdient besonderes Interesse, daß er sein gängliche Folgeerscheinung ein. So etwa schreibt
Insistieren auf der Rolle der imitatio für eine quali­ Robortello im Zuge einer Unterscheidung zwi­
tative Differenzierung zwischen Komödie und schen Tragödie und Epos: >mam repraesentatio tra­
Tragödie nutzt. Waren beide Gattungen traditio­ gica non excedit imitationem rerum gestarum spa­
nellerweise über den Stand der Protagonisten, die tio longiore, quam circuitu vnius solis.« (denn die
Stilhöhe der Sprache und über den Zielpunkt des Aufführung der Tragödie überschreitet nicht die
Geschehens unterschieden worden, so unternimmt Nachahmung der dargestellten Handlung um ei­
es Robortello nun, sie mittels der unterschiedli­ nen Zeitraum, der länger ist als ein einziger Son­
chen Wirksamkeit und Notwendigkeit der imitatio nenumlauf.) Und im gleichen Kontext begründet
zu separieren. Beruhen zwar beide Theaterformen er den Handlungsaufbau des Sophokleischen Ödi­
auf der Nachahmung, so resultiert aber Robortello pus mit folgenden Worten: »quo in loco obseruare
zufolge das Vergnügen des Zuschauers im Fall der licet Sophoclis poetx industriam in scribendo eo
Komödie aus dem Inhalt der dargestellten Hand­ poematis genere; cum enim intelligeret, vno die
lung, im Fall der Tragödie aber aus dem Modali­ absolui debere actionis tragicx imitationem; sem­
tätswandel des Dargestellten, welcher durch die per ad exitum festinat.«86 (an dieser Stelle darf man
imitatio gewonnen worden ist. Die imitatio er­ auf den Fleiß hinweisen, von dem der Dichter So­
möglicht entsprechend eine ästhetische Transfor­ phokles beim Schreiben dieses dichterischen Ge­
rnierung des Dargestellten in einen Status, der es nus beseelt war. Weil er nämlich einsah, daß die
dem Zuschauer erlaubt, auch das per se schaurige Nachahmung der tragischen Handlung an einem
oder abstoßende Tragödiengeschehen zu genie­ einzigen Tage vollendet werden muß, eilt er im­
ßen.: »Quod si quxras vtra maior voluptas, ausim mer dem Handlungsende entgegen.) Die Raffung
affirmare, qux ex tragcedia prouenit maiorem der Dauer, die hier so nachdrücklich eingeklagt
multo. altius enim peruadit animos, rariusque no­ und expliziert wird, akzentuiert bereits die Hand-
bis cötingit; maioreque quadam vi fit imitatio illa.«
(Ebd.) (Wenn Du nun fragst, welche von beiden
84 FRANCESCO ROBORTELLO , In !ibrum Aristotelis De
ein größeres Vergnügen bereitet, möchte ich zu
arte poetica explicationes (r 548; München 1 968), 50.
behaupten wagen, daß das weitaus größere Ver­ 85 ARISTOTELES , Poet. 6, 1 45oa4-5 ; dt. 19.
gnügen aus der Tragödie hervorgeht. Tiefer näm- 86 ROBORTELLO (s. Anm. 84) , 50,
I 32 Tragisch/Tragik

lungsverclichtung, die ihrerseits, im Modus der nommene Dauer angesprochen, clie von der
Nachahmung, zu einem Erkennungszeichen der zeitlichen Erstreckung der im Modus der Nachah­
Gattung Tragödie wird und auch Syntagmen wie mung dargestellten Handlung unterschieden
>repraesentatio tragica< und >actio tragica< mit be­ wird. 90 In cliesem Sinn also bezeichnet >repraesen­
sonderer Bedeutung auflädt. In beiden Fällen geht tatio tragica< clie Vorführung, die tragödienspezifi­
es vorderhand um eine Gattungsspezifizierung, im sche Ereignisse zum Gegenstand hat. Ganz in die­
ersten Fall in Abgrenzung zum Epos, im zweiten sem Sinne heißt es bei Jean Chapelain: »La poesie
als Spezifizierung des Sophokleischen Verfahrens dramatique ou representative a pour obj et l'imita­
der Handlungsführung. Entscheidend ist aber, daß tion des actions humaines«91 . Aufschlußreich für
über clie hier ablesbare Auseinandersetzung mit der clie Bedeutung von >repraesentatio tragica< ist dar­
Poetik Begriffsbildungen entstehen und dominant über hinaus aber, daß in Italien noch im 1 6 . Jh.
werden, die ein abgrenzbares und abgegrenztes Ei­ Fortentwicklungen von geistlichen Spielen unter
genrecht eines als >tragisch< bezeichneten Gescheh­ dem Terminus >sacre rappresentazioni< - alternativ
niszusammenhangs erkennbar werden lassen. Dies auch >tragoediae< genannt - allgegenwärtig wa­
gilt ganz offensichtlich für clie mit vielen Belegen ren n Berücksichtigt man des weiteren, daß >re­
vertretene >actio tragica<87 und die Konjunktur, die praesentatio< bis ins 17. Jh. hinein ein »Gegenwär­
cliesem Begriff dadurch zuwächst, daß er in der tigseinlassen« in dem Sinne bedeutet, daß »das Ab­
>doctrine classique<88 und mehr noch bei Lessing89 gebildete im Abbild selber anwesend wird«93, so
zum Angelpunkt der Einheitsdiskussion und also erschließt sich ein Konnotationsfeld, welches auf
der ästhetischen Strukturierung von tragischen Er­ die Bedeutung von >repraesentatio tragica< nicht
eignissen wird. Es gilt ebenso aber für >repraesenta­ ohne Folgen bleiben kann. Erläuternd sei ange­
tio tragica<, eine Formulierung, die im oben zitier­ merkt, daß Thomas von Aquin clie Liturgie insge­
ten Kontext von Robortello gegen die Nachah­ samt als »repraesentatio dominicae passionis« (Ver­
mung der handlungskonstitutiven Ereignisse gegenwärtigung des Herrenleidens)94 bezeichnet
(»imitationem rerum gestarum«) abgesetzt wird. und damit einem Repräsentationsbegriff zum
Da clie >imitatio rerum gestarum< nicht die Ereig­ Durchbruch verholfen hatte, der auf der Realprä­
nisse in ihrer Rohform bezeichnet, sondern durch­ senz Gottes in der Encharistiefeier beruht. Damit
aus deren dichterisch bearbeitete Gestalt aufruft, wiederum war eine Tradition begründet, die in ih­
erhält die Redeweise von der >repraesentatio tra­ rer Auswirkung auf das Theater >repraesentatio<
gica< ein temporal intendiertes eigenständiges Ge­ weniger als >Aufführung< und mehr als >Vergegen­
wicht. Sicherlich ist zunächst einmal die tatsächli­ wärtigung< verstehen lassen mußte, so daß die uns
che >Aufführung< und die von ihr in Anspruch ge- als Ausgangspunkt dienende Wendung >repraesen­
tatio tragica<, so gelesen, auf eine realpräsentische
Vergegenwärtigung tragischer Wirklichkeit weisen
87 Vgl. ebd„ 1 2 8 . würde. Festzuhalten ist, daß in den poetologischen
8 8 Vgl. JACQUES SCHERER, L a dramaturgie classique e n Texten der Renaissance latent eine Dynamik des
France (Paris 1 950) , 98-109.
Tragischen mitschwingt, deren begriffliche Form
89 Vgl. KOMMERELL (s. Anm. 30), 1 43-1 6 3 .
90 Vgl. ebd„ 286 f. sowohl mit Repristinationen kultisch fundierter
9 1 JEAN CHAPELAIN , Discours de la poesie representa­ Frühformen als auch mit realpräsentischen Insze­
tive (163 5), in: Chapelain, Opuscules critiques, hg. v. nierungen der Tragöclie im >Theater der Grausam­
A. C. Hunter (Paris 1 9 3 6), 1 29. keit< wird kompatibel gemacht werden können.
92 Vgl. TIMOTHY J . RElSS, Renaissance Theatre and
Theory of Tragedy, in: G. P. Norton (Hg.), The Die Analyse der Tragödienwirkung, wie sie Gi­
Cambridge History of Literary Criticism, Bd. 3 ralcli zusammengefaßt hat, nimmt in den Poetiken
(Cambridge 1 999) , 232. der Renaissance einen zentralen Stellenwert ein.
93 GADAMER (s. Anm. 7) , 1 3 4· Geführt wird cliese Wirkungsdiskussion, soweit sie
94 THOMAS VON AQUIN, Summa theologica 3 , q. So, a.
clie Tragödie betriffi, weitgehend über Reformu­
r2, ad 3; dt. : Summa theologica, lat.-dt„ hg. v. Ka­
tholischen Akademikerverband, Bd. 30 (Salzburg lierungen und Erläuterungen des Katharsissatzes
1 9 3 8) , 276. von Aristoteles. Es ist heute üblich geworden, zwi-
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung 133

sehen einer moralisch-pädagogischen oder auch könnte, »verrannt« und können daraus auch nicht
ethischen, einer emotiven und einer medizinischen wie das Publikum gelöst und befreit werden. Es
oder auch hedonistischen Interpretation des Ka­ drängt sich auf, in dieser Opposition zweier so ent­
tharsissatzes zu unterscheiden. Komplementär dazu gegengesetzter Zustände die Wirksamkeit christli­
ist eine dreifache Lesart des Genetivs » nl Y TWV cher Parameter auszumachen und demnach die
TOIOUTWV rcaOTJµciTwv KaOap<JtV« (Reinigung von >persone Tragiche< als durch Sündenfall und Schuld
derartigen Erregungszuständen) 95 zu einem festen eingebunden zu verstehen, die korrespondierende
Versatzstück in der Literatur zu diesem Thema ge­ >Reinigung< für die Betrachter aber als eine christ­
worden: Der genetivus subj ectivus besagt, daß die lich motivierte Schuldlösung bzw. Schuldüberwin­
Affekte Furcht und Mitleid selbst die Reinigung dung zu lesen. Dem entspricht auch, wenn Daniel
vornehmen, ihnen also eine eigene aktive Leistung Heinsius schon 1 6 1 1 >katharsis< nicht mehr mit
zugesprochen wird, der genetivus objectivus, daß dem ja durchaus moralisch geprägten Wort >purga­
sie ihrerseits - im Sinne einer Läuterung - gerei­ tio< übersetzt, sondern - die eingeschlagene Ten­
nigt werden, und der genetivus seperativus zu dem denz verschärfend - den Prozeß der Reinigung
Ergebnis führt, daß die Zuschauer von eben diesen nun als Sühne, als »perturbationum expiatione«97,
Affekten lustvoll befreit werden. Eine Ausdifferen­ bezeichnet. Es versteht sich nahezu von selbst, daß
zierung der unterschiedlichen Verfahrensweisen - unserer Versdefinition entsprechend - die Tragö­
und der entsprechenden Zielsetzungen ist schon in dienhandlung ein musterhaft schlimmes Ende der­
der Mitte des 16. Jh. anzutreffen. Aber schemati­ j enigen demonstriert, die »in tutto buon non sono
sche Klassifizierungen bilden nicht den Ausgangs­ e in tutto rei<(98.
punkt, sondern das Ergebnis j ener langen Wir­ Zu beobachten sind in der Renaissance aber
kungsgeschichte des Katharsissatzes, die bis in die auch nachhaltige Versuche, die moralisierende Ein­
neueste Zeit hinein an Intensität kaum eingebüßt grenzung zu durchbrechen und eine ihr vor- oder
hat. nachgelagerte Handlungs- und vor allem Affektdy­
Ganz eindeutig dominiert in der Renaissance namik als Zentrum des tragischen Prozesses zu­
eine moralische Lesart des Katharsissatzes. Eine be­ rückzugewinnen. Erleichtert werden diese Ten­
sonders pointierte Akzentsetzung erfahrt diese Les­ denzen durch die strukturell wirksame Fusion von
art in einer weiteren Schrift Giraldis: »la Tragedia poetologischem und rhetorischem Denken, wel­
coll'horrore, & colla compassione, mostrando che die Renaissance durchzieht und eine Freiset­
quello ehe debbiam fuggire, ci purga <lalle pertur­ zung von Wirkungsaffekten wesentlich begünstigt.
bationi, nelle quali sono incorse le persone Tragi­ Besonderes Gewicht gilt dem Ringen um weitge­
che.«96 (Mittels Schrecken und Mitleid reinigt uns hende Identität der involvierten Affekte, pointiert
die Tragödie, indem sie uns vor Augen führt, was zum Ausdruck gebracht von Giulio de! Bene, der
wir fliehen sollen, von den Seelenstörungen, in eine gegen die Komödie abgesetzte Gattungsdefi­
welche die tragischen Helden verstrickt sind.) Der nition ganz auf der Wirkung des >movere< aufbaut
Sinn dieser Formulierung ist vorderhand recht und mit einer in dieser Zeit überraschenden Dezi­
klar: Über den Weg der Abschreckung führt die diertheit einen nur auf Furcht und Mitleid bezoge­
Tragödie zur Reinigung. Aufschlußreich ist dabei, nen Affektprozeß ganz auf die Seite des Publikums
daß wir - also ein universell konzipiertes Publikum verlagert, wenn er formuliert: »la tragedia, muoue
- von eben den Seelenstörungen gereinigt werden, timore et la misericordia ne petti delli auditori, per
welche die »persone Tragiche« durchdringen. Das
Attribut >Tragiche< wird hier also streng für die
Charakterisierung der Handlungsprotagonisten re­
serviert. Sie sind es, die in die »perturbationi « (See­ 95 ARISTOTELES ,Poet. 6, 1449b27-28 : dt. 1 9 .
lenstörungen) verstrickt sind und bleiben. In ihrer 96 GIRALDI,Discorso intorno a l con1porre de i romanzi,
delle comedie, e delle tragedie (Venedig 1 5 54), 2 1 9 .
Eigenschaft als »persone Tragiche« tragen sie die
97 D A NIEL HEINSIU S , De tragoedia constitutione ( 1 6 I I ;
Male solchen >Gestörtseins< an sich. Sie sind in die­ Hildesheim/New York 1 976) , 1 r .
sen Zustand, wie man das >incorse< übersetzen 9 8 GIRALDI (s. Anm. 82), 7.
l 34 Tragisch/Tragik

questi rnedesirni liberare e purgarli da questi rnede­ führt wird, unter der ebenso gute wie schlechte
sirni affetti di tirnore et di misericordia«99 (Die Tra­ Menschen sind, müßte ich dafür sorgen, daß die
gödie weckt in der Brust der Zuhörer Furcht und tragischen Personen auf mittlerer Ebene seien, da­
Mitleid, um sie von eben diesen Affekten der mit aus der Ähnlichkeit zwischen ihnen und dem
Furcht und des Mitleids zu befreien und zu reini­ Theaterpublikum Mitleid und Schrecken hervor­
gen) . In dem Maße, in dem das moralisch geprägte gehen könnte.) In einer Diktion, die deutlich auf
Horrorszenarium und seine Sanktionierung als Lessing vorausweist und dessen Proklamation eines
Gegenstand der Tragödie sich abschwächt, wird >mittleren< Helden, der mit dem Zuschauer von
Raum geschaffen für eine Affektmobilisierung und gleichem >Schrot und Korn< sein soll, antizipiert,
Affektbefreiung, die nicht mehr im Vorzeichen macht Speroni die Bedingungen und Vorausset­
von Abschreckung, sondern von partizipierender zungen affektiver Erschütterung (»son rnosso«)
Einstimmung steht und nun, überspitzt gesagt, in zum Angelpunkt seiner Argumentation. Die affek­
den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Und die tive Erschütterung wird - als oberstes Ziel - zum
angestrebte Affektmobilisierung wird potentiell Gradmesser für die die Tragödie konstituierenden
zum bestimmenden Kriterium für inhaltliche Bestandteile. Daß die Protagonisten der Handlung
Konstellationen der Tragödie, wie etwa erkennbar von mittlerem Zuschnitt sein sollen, widerspricht
wird, wenn Sperone Speroni den >mittleren Hel­ ja durchaus der oben skizzierten rhetorischen Tra­
den< einklagt: »Se dunque il terrore, e la cornpas­ dition der Tragödienbestimmung. Um so auffal­
sione nasce dalla sirnilitudine, ehe e tri l'huorno, lender ist, daß die in sich nicht einfach deutbaren
ehe patisce alcun male, e colui, ehe lo ucde patire, Hinweise des Aristoteles von Speroni über den
perche uedendo io alcuno, ehe a rne sia simile, op­ Primat der Zielsetzung entschieden werden. Von
presso da qualche infortunio, e pensando io, ehe mittlerem Zuschnitt müssen seinem auf lebens­
cio sopra di rne rnedesirnarnente, possa cadere, son weltliche Erfahrungen rekurrierenden Ansatz nach
rnosso a terrore, e pieta di un tal fatto; e hauendosi die Protagonisten sein, damit Furcht und Mitleid
la Tragedia a rappresentare alla rnoltitudine, laquale sich im Zuschauer entfalten können. Die >persone
e d'huomini posti td buoni, e cattiui, pero faceua Tragiche< erhalten also - dies ist der entscheidende
bisogno, ehe le persone Tragiche fussero rnezane, Unterschied zu ihrer oben angeführten Bestim­
accioche dalla simiglianza, eh' era td esse eo! po­ mung durch Giraldi - ihre Qualifizierung vorn
polo de! Teatro, hauesse a nascere la cornpassione, Ziel der affektiven Durchdringung des Zuschauers
e '] terrore. « 100 (Wenn also der Schrecken und das her. Das Attribut >tragisch< wird damit aus primär
Mitleid eine Frucht der Ähnlichkeit sind, die zwi­ inhaltlichen Bestimmungen herausgelöst und in ei­
schen dem unter einem Übel Leidenden und je­ nen affektbestirnrnten Wirkungszusammenhang
nem besteht, der diesem Leiden zuschaut, dann gestellt. Besonders markant geschieht dies in der
werde ich ebenso zu Schrecken und Mitleiden be­ rhetorischen Frage von Antonio Sebastiano Min­
wegt, wenn ich j emanden mir ähnlichen von ei­ turno: »Qual cosa e cosi Tragica, corne il rnuouer
nem Unglück niedergedrückt sehe und bedenke, altrui?« 1 0 1 (Was heißt also >tragisch< anderes als das
daß ein solches Unglück auch mich befallen kann; Gemüt anderer zu bewegen?) , einer Frage, die
und da nun die Tragödie vor einer Menge aufge- weit ins 1 8 . Jh . vorausweist und schließlich zu der
Redeweise von den >tragischen Affekten< führen
wird.

99 GIULIO DEL BENE, Che la Fauola e Ja Comedia


uuole essere honesta e non contenere nuli costurni, 2. Stationen derfranzösischen und englischen
MS BNF, Mag!. 9, I 3 7, 5 5v.
Renaissance
I OO SPERONE SPERONI, Canace tragedia, alla qvale sono
Aggivnte alcune altre sue con1positioni, e vna apolo­ Die vielen Stimmen der Renaissance-Poetiken
gia e alcune lettioni in difesi della tragedia (Venedig
1 597) , 1 67.
laufen nicht in einem Akkord zusammen. Dies
IOI ANTONIO SEBASTIANO MINTURNO, L ' arte poetica mag dazu beigetragen haben, daß sie von einer
( 1 564; München 1971), 76. korrespondierenden Tragödienproduktion im gro-
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung I 35

ßen Stil nicht beantwortet worden sind rn2 Wie Niederschlag, so daß >fin< und >murt< besonders
sehr eher schlichte Akzentsetzungen einem gat­ häufig besagte Kennzeichnungen auf sich ziehen.
tungsmäßigen Erfolg entgegenkommen, das bekun­ So kündet Rossets Erzähler in der siebzehnten sei­
den 1 5 5 9 in England und Frankreich erschienene ner Geschichten an, von den »cruautes de Lystorac
Prosasammlungen, die - quer zur Aristoteles-Re­ et de sa fin funeste et tragique«106 zu handeln. Die
zeption - in einer Amalgamierung aus Erbaulichem Verschränkung von >cruautes< einerseits und >fin
und Schaurigem, befördert durch den j eweiligen funeste et tragique< andererseits zeigt auf engstem
Bestsellerstatus, in erheblichem Maße als substrat­ Raum den Kern des die Histoires tragiques weitge­
haftes Anregungspotential für die in beiden Ländern hend bestimmenden Strukturgesetzes an: In dem
bald folgende große Tragödienproduktion gedient furchtbaren Ende, das den Protagonisten wider­
haben dürften: der Mirror for Magistrates und die fahrt, löst sich eine durchgreifende göttliche Ge­
Histoires tragiques. Exemplarisch ist hier auf die rechtigkeit ein. Die Frage, in welchem Grad die
Histoires tragiques als auf eine spezifische Form von Inszenierung dieser Gerechtigkeit ein Ermögli­
Erzählungen einzugehen, die bis in das 1 8 . Jh. hin­ chungsgrund für das Ausspielen ästhetisch faszinie­
ein in Frankreich höchst erfolgreich gewesen sind. render Grausamkeiten ist, drängt sich auf, ohne
An ihrem Anfang steht die Übersetzung und Be­ immer eindeutig beantwortet werden zu können.
arbeitung der Novellen von Matteo Bandello Allenthalben greifbar ist das explizite Vorhaben,
durch Pierre Boaistuau und Fran1=ois Belieferest. ein Gegenspiel von moralischem Vergehen und
Deren Ausgabe führt den Titel Histoires tragiques103 schlimmem Ende zu präsentieren. So heißt es in
und begründet eine Gattungsform, in welcher der Ankündigung der neunzehnten Novelle, in der
abenteuerliche Vervv·ick:lungen und vor allem ein Formulierung von Rossets Erzähler: »C' est la fin
grausiges Ende im Vordergrund des Geschehens tragique et funeste de Flamine que le Ciel avait
stehen. Ihren Höhepunkt findet die Gattung in ei­ douee de beaucoup de perfections. Elle en abusa
ner 1 6 1 9 herausgegebenen Sammlung von Fran­ follement par son impudicite, et encore plus par Je
yois de Rosset. 104 Der Autor verarbeitet zeitgenös­ meurtre qu' eile fit commettre en la personne de
sische Kriminalfalle, Liebesgeschichten und Ge­ son mari. Dieu, qui juge et qui retribue a chacun
waltverbrechen zu einer Szenerie, in der, unter der selon ses �uvres, veuille que la cruaute exercee sur
Regie der Leidenschaften, moralische und soziale son corps soit l'expiation du vice de son mari. «
Regeln transgrediert und die Akteure in ein un­ (427) Die i n der Forschung herausgestellte strenge
heilvolles Ende geführt werden. So lenken diese Schematisierung der Histoires tragiques107 spiegelt
Geschichten durch ihre inhaltliche Ausformung sich innerhalb dieses Einleitungspassus darin, daß
den Blick auf ein desaströses Ende, das zum domi­ in der Folge einer begünstigten Ausgangslage ( r . )
nanten Gattungsmerkmal wird. Versucht man, die
Semantik von >tragique<, wie sie diesen Erzählun­
gen eignet, einzugrenzen, so bietet sich als Aus­ 102 Vgl. AUGUST BUCK, Italienische Dichtungslehren.
gangspunkt die Beobachtung an, daß dieser Termi­ Vom Mittelalter bis zum Ausgang der Renaissance
(Tübingen 1 952), 1 1 7-1 7 r .
nus meist mit einem anderen Attribut zusammen
ro3 Vgl. XVI I I . Histoires tragiques. Extraictes des <ru­
genannt wird. Die am häufigsten assoziierten Ad­ vres ltaliennes de Bande! & mises langue Franvoise.
j ektive lauten: >malheureux<, >deplorable<, >san­ Les six premieres par Pierre Boisteau f . . . ]. Les douze
glant<, >funeste<, >lamentable<, >pitoyable< und >exe­ suivans par Franvois de Belle Forest (Lyon 1 596) .
crable<, und von diesen ist >funeste< das mit Abstand I 04 V gJ. FRAN<;OIS DE ROSSET, Les histoires memorables
et tragiques de ce temps ( 1 6 1 9) , hg. v. A. de Vaucher
am häufigsten beigezogene Adj ektiv rns >Funeste< Gravili (Paris l 994) .
wiederum ist mit Vorstellungen von Gewalt, Un­ ro5 Vgl. ALAIN RIFFAUD , Fortune du mot tragique, in:
tergang und irreparablem Verhängnis verbunden. Papers on French Seventeenth Century Literature
Verstärkt wird dieser Effekt noch durch eine Verla­ 21 (1 994) , 5 3 3 -5 5 r .
ro6 ROSSET (s. Anm. 1 04) , 3 6 5 .
gerung solch gesammelten Unheils auf das Ende
r n 7 Vgl. SERGIO POI.I, Histoire(s) tragique(s). Antholo­
der j eweiligen Geschichten. Das gilt strukturell, gie/Typologie d ' un genre litteraire (Fasano 1 99 1 ) ,
findet aber auch in einzelnen Syntagmen seinen 2 1 -4 1 .
136 Tragisch/Tragik

eine leidenschaftsbedingte Transgression angekün­ dus.«109 Und als letztes Beispiel sei noch die politi­
digt wird (z.), die erst in einer strengen Sühnung sche Leidenschaft schlechthin, der Ehrgeiz, hier
einen Abschluß findet (J .) . Wiederum macht das angeführt: »Execrable faim de regner, a quoy ne
Beispiel deutlich, daß gerade der Endpunkt der pousses tu le courage des Mortels! S'il est permis
solchermaßen organisierten Erzählungen als >tragi­ de violer le droict, on le peut faire (dit un ambi­
que< qualifiziert wird. Diesem negativ besetzten tieux) pourveu que ce soit pour avoir domination
Zielpunkt geht eine Peripetie voraus, die ihrerseits sur !es autres. [ . . . ] Ils [die Ehrgeizigen - d. Verf.]
rückgebunden ist an eine exzessive Leidenschaft, ont le plus souvent termine leurs jours par une fin
die zu schwerer moralischer Verirrung führt und funeste et tragique. « 110
erst im katastrophenträchtigen und meist gewaltsa­ Die zitierten Passagen finden sich durchgehend
men Ende eine überfillige, aber auch den Zuhörer in der Einleitung der j eweiligen Novelle und ha­
oder Leser bewegende Korrektur erhält, so daß ben insofern eine klassifizierende Funktion. Sie
transgredierende Leidenschaft und ein eben diese künden ein Geschehen an, das sich nach einer in­
Leidenschaft vindizierendes tragisches Ende eng neren Gesetzmäßigkeit abspielen wird. So sehr
miteinander verwoben sind. Das Spektrum der sol­ vorderhand nur der jeweilige Ausgang der Novel­
cherart abgerufenen Leidenschaften zeigt die Viel­ len als >tragique< bezeichnet wird, so zieht doch in
falt der Lebensbereiche, derer sich die Histoires tra­ dem Maße, in dem die entsprechenden Bestim­
giques annehmen: »De toutes !es passions humaines mungen klassifikatorische Bedeutung gewinnen,
je pense que celle de !'Amour est la plus violente. das Ereignisgefüge insgesamt die Konnotation des
[ . . . ] L'Histoire que je veux raconter en rend Tragischen auf sich. Das aber heißt, daß im Rah­
tesmoignage. Elle contient tout ce qui se peut re­ men der Histoires tragiques - fast zeitgleich zu den
marquer en amour de funeste et de tragique. « 108 so elaborierten Erörterungen in den Poetiken -
Ähnliche Ansprüche kommen aber auch dem Ra­ ein eigenes und eher basales Modell des Tragischen
chebedürfnis zu, insbesondere wenn es sich ver­ Kontur gewinnt. Dieses Modell hat mehr substrat­
schmähter Liebe oder verlorener Ehre verdankt hafte Züge, ist in dieser Eigenschaft aber höchst
und Sache der Frauen wird: »Cruelle vengeance erfolgreich gewesen. Es wird bestimmt durch ei­
que tu as bien souvent de pouvoir sur !es hommes! nen verhängnisvollen und erschütternden Ausgang,
[ . . . ] Mais particulierement le sexe qui est le plus der zusammengedacht werden muß mit leiden­
doux et le plus benin, est suj et a cette passion. schaftsbedingten Verfehlungen und einer tenden­
Mille histoires en rendent tesmoignage, et particu­ ziell plakativen Einlösung poetischer Gerechtig­
lierement ceste cy, que je donne a la posterite pour keit. Wichtigstes Kennzeichen dieses Modells aber
l'une des plus pitoyables et tragiques qu' on puisse ist die ganz neue Bedeutung, die in ihm den Lei­
lire.« (3 1 8) Als kollektives Verhängnis wird bei denschaften zukommt. Von nun an werden sie
Claude Malingre die Verzweiflung (im Sinne krie­ Hauptakteure in allen Inszenierungen des Tragi­
gerischer Kompromißlosigkeit und Todesverach­ schen sein. Dies gilt für die französische Entwick­
tung) angeklagt: »Le desespoir a souventefois pro­ lung, die über Pierre Corneille zu Jean Racine,
duit des effects grandement tragiques et funestes, führt, erst recht aber für die englische Tragödien­
aussi l'histoire fournit assez d' exemples de cette tradition.
manie ou fureur d' esprit, ou des villes entieres, et So zentral die Rolle der Leidenschaften bei
des peuples obstinez se sont miserablement per- Shakespeare auch sein wird, der Mirror for Magis­
trates lenkt, als eine der vermuteten Quellen seines
108 ROSSET (s. Anm. 1 04) , 1 82. Werks1 1 1 , den Blick noch einmal zurück auf die im
1 09 CLAUDE MALINGRE, Histoires tragiques de nostre Mittelalter vorherrschende Fortuna-Tradition und
temps (Rouen 1 6 3 5 ) , 670. ihre Erklärungsfunktion für den Fall und das
1 1 0 ROSSET (s. Anm. 1 04) , 3 87. schlimme Ende der Großen. Selbst wenn im Zuge
I I I Vgl. WALTER F . SCHIRMER, Glück und Ende der
dieser Tradition die mittelalterliche Weltverach­
Könige in Shakespeares Historien, in: K. L. Klein
(Hg.), Wege der Shakespeare-Forschung (Darmstadt tung verabschiedet wird, so bleiben die Protagoni­
1971), 1 3 . sten im wesentlichen doch exempelgebende Ma-
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung r37

rionetten dieser Fortuna, geeignet, die vermeintli­ d. Verf.] can move, Plutarch yieldeth a notable tes­
chen Wirkungsmöglichkeiten der Menschen als il­ timony of the abominable tyrant Alexander Phe­
lusionär erscheinen zu lassen. Dem korrespondiert raeus; from whose eyes a tragedy, weil made and
die Tragödienbestimmung von Geoffrey Chaucer: represented, drew abundance of tears, who with­
» Tragedie is to seyn a certeyn storie, / As olde out all pity had murdered infinite numbers, and
bokes maken us memorie, / Of him that stood in some of his own blood; so as he that was not a­
greet prosperitee / And is y-fallen out of heigh de­ shamed to make matters for tragedies, yet could
grcc / lnto miserie, and endeth wrecchedly. « 1 1 2 not resist the sweet violence of a tragedy. And if it
Vor diesem Hintergrund tritt die im Werk Sid­ wrought no further good in him, it was that he, in
neys entfaltete neue Vielschichtigkeit hervor, die despite of himself, withdrew himself from heark­
gegen Ende des r 6 . Jh. im Blick auf die Tragödie, ening to that which might mollify his hardened
auch in England, möglich geworden ist. Sir Philip heart.« ( r r 8) Hier geht es nicht mehr darum, mit­
Sidney kommt für diesen Zusammenhang beson­ tels des großen Bösewichts und seines unheilvollen
dere Bedeutung zu, da in seinem Werk deutlich Endes auf exempelhafte Weise göttliche Vergeltung
Interferenzen zwischen einer - allerdings nur ide­ von Stolz und Missetaten zu demonstrieren, son­
altypisch scharf abgrenzbaren - mittelalterlichen, dern um das viel weiter gesteckte Ziel, die Macht
mehr an der Fortuna orientierten Tradition auf der der Poesie am exponierten Beispiel der Tragödie
einen und neo-aristotelischen Motiven auf der an­ zu erweisen. Und diese Macht verdankt sich einer
deren Seite zu erkennen sind. Deutlich zitiert, aber von ihr ausgehenden einfühlsam-affektiven Wir­
auch bereits überboten wird die Fortuna-orien­ kung. Der >abominable tyrant<, von dem überkom­
tierte Tradition, wenn es in der Apology for Poetry mener Lesart nach die den Zuschauer erfassende
(r 595) heißt: »the right use of Comedy will (1 Abschreckung herrührte, wird nun selber zum Zu­
think) by nobody be blamed, and much less of the schauer und als solcher zum Gewährsmann für ein
high and excellent Tragedy, that openeth the great­ ganz neues Potential der Tragödie. Im Zuge einer
est wounds, and showeth forth the ulcers that are allerdings nur heuristischen Trennung von Lebens­
covered with tissue; that maketh kings fear to be welt und Kunst wird die Ablösung vom Modell
tyrants, and tyrants manifest their tyrannical hu­ der Abschreckung zur Voraussetzung dafür, die
mours; that, with stirring the affects of admiration Sonderbedingungen und -möglichkeiten der
and commiseration, teacheth the uncertainty of Kunst zu explorieren: Der Tyrann, der in seiner
this world, and upon how weak foundations gilden Herrschaftspraxis >without all pity< war, durch
roofs are builded« 1 u Ausgangspunkt ist der mora­ nichts sich rühren ließ und gerade dadurch, wie es
lische Nutzen, der hier für die Tragödie reklamiert nun heißt, den Stoff für Tragödien lieferte, wird als
wird und vorderhand über furchteinflößende Ab­ Zuschauer der Tragödie, über deren Inhalt be­
schreckung eingelöst wird. Expliziter als in den zeichnenderweise gar nichts weiteres mehr gesagt
Poetiken der Renaissance üblich, werden von Sid­ wird, erweicht und zu Tränen gerührt. Wie weit
ney aber geläufige Fortuna-Motive wie die Unsi­ Sidney mit solchen Formulierungen auf die Dis­
cherheit der Welt und die Brüchigkeit aller ver­ kussion des r 8. Jh. vorgreift, zeigt sich, wenn er
meintlich so fest verankerten Macht in das Zen­ abschließend bemüht ist, die lebenspraktische
trum seiner Bestimmung gestellt. In unmittelbarer Tragweite dieser ästhetisch induzierten Gefühlslage
Anlehnung an die Aristoteles-Rezeption dürfte zu erweisen: Es hat demnach nur akzidentielle
wiederum der Hinweis auf die Affektdynamik ste­ Gründe, daß die ästhetisch motivierte Gefühlser-
hen, die hier mit der Verbindung von »admiration
and commiseration« ins Spiel gebracht wird.
Deutlich verschärft wird diese Reflexion auf das l l 2 GEOFFREY CHAUCER, Canterbury Tales, 3 1 63 ff ,
affektive Wirkungspotential der Tragödie noch, in: W W Skeat (Hg.), The Complete Works of
Geoffrey Chaucer, Bd. 4 ( 1 900; Oxford ' 1 972) , 243 .
wenn Sidney im Kontext des zitierten Passus eine
l l 3 PHILlP SIDNEY, An Apology for Poetry or the De­
Anekdote aus Plutarch als Argument für seine fence of Poesy ( 1 595), hg. v. G. Shepherd (London
Apology anführt: »But how much it [die Tragödie - 1 965), l 1 7 f.
l38 Tragisch/Tragik

weichung des Tyrannen seine praktische Lebens­ rnoody disconted fury, / A s by his srnoothed brows
weise nicht umgestaltet hat. Wäre er nur etwas auf­ it does appear. Why look you still so stern and
geschlossener seiner neuen Erfahrung gegenüber tragical?« 1 1 5 Zunächst wird >tragical< hier durch
gewesen, so hätte sein versteinertes Herz auf Dauer >Stern< im Sinne von >unbeweglich<, >streng<, >fin­
transformiert werden können, und der grundsätz­ ster< und >verbohrt< näher beleuchtet. Vor allem
lich gültige Triumph der Tragödie wäre an diesem aber bekommt die nun freigesetzte Bedeutung da­
Beispiel schon auf Dauer evident geworden. Wenn durch Kontur, daß die hurnoralpathologisch zu
Sidney auf diese Weise auch seine apologetische verstehende »rnoody [ . . . ] fury«, die hatte ausge­
Absicht einlöst, überwölbt wird der moralische schlossen werden sollen, in Gestalt einer >tragi­
Nutzen vorn Eigengewicht, das der affektiven Er­ schen Physiognomik< wiederkehrt. 1 1 6 Als Gegen­
schütterung des Zuschauers zugesprochen wird begriff fungieren allein die >srnoothed brows<, eine
und die entscheidende Nobilitierung der Tragödie natürlich ironisch evozierte Ungetrübtheit, die nur
trägt. In eben dieser Modalität aber darf Sidneys dazu dient, die kommenden und eben katastro­
ausdifferenziertes Wirkungsmodell der Tragödie, phenträchtigen Verwicklungen schärfer ins Licht
das noch um die affektorientierte Denotation von zu rücken. Als Vorgriff auf diesen prozessualen Ab­
>tragic< in Arcadia ( 1 590) zu ergänzen wäre1 14, als lauf ist die niederdrückende und in Aussichtslosig­
ein Hohlspiegel für Shakespeares umfassende Ex­ keit gebannte Grundstimmung zu verstehen, die
plorierung des Tragischen gelten. eben >tragical< heißt und in z Henry VI (r 594) bün­
Ohne in seinem Werk bereits eine Theorie des dig als »tragic rnelancholy« 117 bezeichnet wird. Et­
Tragischen explizit zu machen, besetzt Shakespeare was verlagert wird diese Bedeutung von »tragical«,
mit der Verwendung von >tragic(al)< und >tragedy<, wenn explizit der Ziel- und Endpunkt einer Ge­
konnotativ und auch denotativ, wichtige Bedeu­ schehnisfolge als gleichermaßen unheilvoll und
tungsfelder seiner Historien und Tragödien. Atmo­ ausweglos bezeichnet werden soll, wie es etwa in
sphärisch aussagekräftig ist vor allem der attributive Richard III ( 1 5 97) geschieht, als Queen Margaret
Gebrauch. Deutliche Kontur erhält das Wort >trag­ für ihre Feinde ein Ende in Aussicht nimmt, das
ical< bereits, wenn es in 1 Henry VI ( l 62 3) War­ - sie als »bitter, black and tragical«1 1 8 beschwört.
wick spricht zu Gloucester - heißt: »Behold, rny Damit klingt schon die Bedeutung an, die, viel
lord of Winchester, the Duke / Hath banished klarer als das Attribut, der Terminus >tragedy< selbst
mit sich führt: die Hervorhebung eines grausamen
Endes, eines gewaltsamen, oft plötzlichen Todes.
Intrige, Gewalt, Verschwörung und Mord, diese
1 1 4 Vgl. SIDNEY, The Countess of Pembroke ' s Arcadia
Kette von Greueln, die mit dem elisabethanischen
(The new Arcadia) ( 1 590) , hg. v. V Skretko\\�cz
(Oxford 1987) . Theater verknüpft wird, findet in dem Begriff
1 l 5 SHAKESPEARE, The First Part of Henry the Sixth >tragedy<, wie Shakespeare ihn verwendet, ihren
( 1 623 ) , 3 . Aufz., r . Sz., V 1 2 5-128, in: S. Greenblatt Widerhall und kulminierenden Abschluß. 1 1 9 Dies
(Hg.), The Norton Shakespeare, based on the Ox­ tritt etwa hervor, wenn Hastings in Richard III den
ford Edition (New York 1 997) , 472.
Ruin seiner Feinde mit den Worten antizipiert:
1 1 6 Vgl. >Moody<, in: C. T. Onions (Hg.), The Shorter
Oxford English Dictionary on Historical Principles »But I shall laugh at this a twelvernonth hence: /
(Oxford 3 1 962 ) , 1 278. That they which brought rne in rny rnaster' s hate,
1 l 7 SHAKESPEARE, The First Part of the Contention of / I live to look upon their tragedy. « 120 In blutiger
the Two Famous Hauses ofYork and Lancaster (The
Metaphorik wird dieses Motiv zum Erkennungs­
Second Part of Henry VI; l 594) , 4. Aufz., I. Sz„ V
4, in: The Norton Shakespeare (s. Anm. u 5 ) , 261 . zeichen gleichsam vorzivilisatorischer Metzelei
I I 8 SHAKESPEARE, Richard III ( 1 597) , 4. Aufz., 4. Sz., und schieren Raubtierverhaltens, wenn es bereits
V 7, in: ebd. , 573 . in 2 Henry VI heißt: »Who finds the heifer dead
1 1 9 Vgl. JAMES V. CUNNINGHAM, >Tragedy< in Shake­ and bleeding fresh, / And sees fast by a butcher
speare, in: A Journal ofEnglish Literature History 1 7
( 1950) , 3 6--46.
with an axe, / But will suspect 'twas he that rnade
120 SHAKESPEARE (s. Anm. u 8 ) , 3. Aufz., 2. Sz. , V 54- the slaughter? / Who finds the partridge in the
56, in: The Norton Shakespeare (s. Anm. 1 1 5 ) , 5 5 3 . puttock's nest / But rnay irnagine how the bird
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung 139

was dead, / Although the kite soar w:ith unblood­ >Querelle du Cid< gibt Georges d e Scudery die Ar­
ied beak? I Even so suspicious is the tragedy. « 12 1 gumentationsrichtung vor: »entre toutes !es regles
[ . . . ] la plus importante, et comme la fondamentale
de tout l'Ouvrage, est celle de la vray-sem­
3. Diefranzösische Klassik
blance.«125 Es macht die Sonderstellung Corneilles
In der literaturgeschichtlichen Entwicklung in aus, daß er sich dem kunsttheoretischen und politi­
Frankreich hat die von Giovanni Battista Guarini schen Druck der Zeit nicht beugt und an seiner
inaugurierte Pastoraltradition und die von ihr be­ Gegenposition festhält: Provokativ eröffnet er die
setzte Liebesthematik einen zentralen Anteil an der Sammlung seiner theatertheoretischen Schriften
Auflösung sowie der Um- und Neuorientierung tnit der Losung: »on en est venu jusqu' i etablir une
der Gattungen, dergestalt daß die These über »ei­ maxime tres fausse, qu 'ilfaut que le sujet d'une trage­
nen genetischen Zusammenhang von italienischer die soit vraisemblable.«126 Racines Antwort ist glei­
paratragischer Pastorale und französischer klassizi­ chermaßen lakonisch und eindeutig, macht aber
stischer Tragödie«122 plausibel gemacht werden die von ihm vorgenommene Akzentverschiebung
konnte. Unbestreitbar ist, daß die Liebe zu einem sichtbar: »II n 'y a que le vraisemblable qui tauche
integralen Bestandteil in der zunehmend struktu­ dans la Tragedie.«127 Durch die >vraisemblance< und
rierten Tragödie der französischen Klassik und zu die von ihr geleistete Filterung und Überhöhung
einem Fokus tragischer Konstellationen avanciert. von Wirklichkeit wird die Ausgestaltung der habi­
Man kann die Liebesthematik als paradigmatisches tuellen Normen des höfischen Publikums weiter
Erkennungszeichen für j enen »Systeme nouveau befördert und zugleich eine Mimikry der Kunst an
de Tragedie« 123 bezeichnen, den Rene Rapin für diese Normen sichergestellt. Die solcherart mit der
die zeitgenössische Tragödienproduktion in An­ höfischen Dezenz oder auch >bienseance< kurzge­
spruch nimmt und welcher - in Termini ge­ schlossene >vraisemblance< wird mithin zu einem
schichtlicher Prozessualität übertragen - als Index für die Theaterarbeit der Zeit konstitutiven Be­
für den die Neuzeit kennzeichnenden Verinnerli­ zugspunkt. Nur gegen sie oder aus ihr heraus kann
chungsschub zu lesen ist, der bei Corneille erst an­ die Manifestation des Tragischen in der französi­
satzweise, bei Racine aber massiv die Tragödie so­ schen Klassik Kontur gewinnen.
wie die ihr impliziten Formen des Tragischen
prägt und der, vororientierend, bereits die Regeln
mitstrukturiert, die notorisch für die französische
Klassik sind. 1 2 1 SHAKESPEARE (s. Anm. 1 1 7) , 3. Aufz„ 2. Sz„ V
Der sukzessiv entwickelte Regelkanon der fran­ 1 8 8-1 94, in: ebd„ 2 5 5 .
1 2 2 KARL MAURER, Die verkannte Tragödie. Die Wie­
zösischen Klassik ruft als autoritativen Bezugspunkt dergeburt der Tragödie aus dem Geist der Pastorale,
insbesondere Aristoteles auf und ist reich an Re­ in: Maurer, Goethe und die romanische Welt. Stu­
prisen der Renaissancepoetiken, überbietet diese dien zur Goethezeit und ihrer europäischen Vorge­
aber dadurch, daß er auf eine sozialdisziplinierende schichte (Paderborn u. a. 1 997) , 225.
1 2 3 RENE RAPIN, Reflexions sur Ja poetique d'Aristote
Erneuerung des eigenen Nationaltheaters gerichtet
et sur les ouvrages des poetes anciens et modernes
ist und in diesem Ziel seinen eigentlichen Orien­ (1 674; Hildesheim/New York r 973), 1 82.
tierungspunkt findet. So sind die einzelnen poeto­ 124 Vgl. RENE BRAY, La formation de Ja doctrine classi­
logischen Diskussionspunkte - mag es sich dabei que en France ( 1 927; Paris 3 1 963 ), 1 9 1-2 1 4.
1 2 5 GEORGES DE SCUDERY, Observations sur Je Cid
um sprachliche Lizenzen oder Aufbaufragen, um
( 1 637), in: A. Gaste (Hg.), La querelle du Cid. Pieces
den Stellenwert moralischer Vorgaben oder die et pamphlets d'apres !es originaux (1 898; Genf
Rolle der Einheitsregeln handeln - weitgehend in 1 970) , 74.
ein funktionales Verhältnis zum Zentrum der klas­ 126 PIERRE CORNEILLE, Les trois discours sur le poeme
sizistischen Poetik, der Bestimmung der vraisem­ dramatique (1660) , in: Corneille, CEuvres completes,
hg. v. G. Couton, Bd. 3 (Paris 1 987), 1 1 7.
blance, gestellt und, über sie vermittelt, auf eine
127 JEAN RACINE, PrCface de >BfrCnice< ( 1 670) , in: Ra­
tatsächliche oder projektive Theaterpraxis bezo­ cine, CEuvres comp!etes, hg. v. G. Forestier, Bd. 1
gen.124 Im Zuge der von Richelieu mitgesteuerten (Paris 1 999) , 45 1 .
1 40 Tragisch/Tragik

Hauptzeuge für den Primat der >vraisemblance< Poetik, die >vraisemblance<, befördert hat, hinter­
ist Franyois Hedelin Abbe d' Aubignac. Die von läßt, was die wichtigste Gattung der Zeit, die Tra­
ihm verfochtene Absage an die Ereignispoetik und gödie, angeht, ein eher konturloses Bild. Eben da­
der korrespondierende Verzicht auf Handlungs­ mit legt er eine dem 1 7 . Jh. immanente Spannung
komplexität führen nicht nur zu einer dezenz­ zwischen klassizistischen Vorgaben und Tragödie
orientierten Neutralisierung herkömmlich schau­ frei.
riger Tragödienausgänge, sondern auch zu einer Was Corneille angeht, so liegt der Fall eher ein­
auffallenden Formalisierung und Abschwächung fach. Die Überschreitung der gesellschaftlich und
des Tragödienbegriffs überhaupt. So sichert d' Au­ ästhetisch lizenzierten Wirklichkeit - programma­
bignac in einem zentralen Passus zwar das Konzept tisch als »aller au-dela du vraisemblable«129 ausgeru­
des Tragischen gegen seine Reduktion auf einen fen - wird mit dem Begriff des Tragischen schon
blutigen Ausgang ab, kann aber die damit frei ge­ im Cid ( 1 637) verbunden: Elvire versucht ihre
wordene und schließlich erst durch Racine neu Herrin Chimene von der Ehrverpflichtung, nach
besetzte Position noch nicht mit einer emotiv ge­ dem Duellsieg Rodrigues nun ihrerseits ihren Va­
prägten Tragik aufftillen: »plusieurs se sont imagi­ ter rächen zu wollen, mit den Worten »Quittez,
nes que le mot de Tragique ne signifiait jamais quittez, Madame, un dessein si tragique«130 abzu­
qu'une aventure funeste & sanglante; et qu'un bringen. Theoretisch deklariert Corneille diesen
Poeme Dramatique ne pouvoit etre nomme Trage­ impliziten Akt des »depassement«131 zum Zentrum
die, si la Catastrophe ne contenoit la mort ou l'in­ seiner Tragödienarbeit, wenn er folgenden Kern­
fortune des principaux Personnages: mais c'est a satz, von dem alle weiteren Differenzierungen ih­
tort, etant certain que ce terme ne veut rien dire ren Ausgang nehmen, formuliert: »la tragedie [ . . . ]
sinon Une chose magnifique, serieuse, grave & convena­ veut pour son sujet, une action illustre, extraordi­
ble aux agitations et aux grands revers de la fortune des naire, serieuse [ . . . ] et [ . . ] demande de grands pe­
.

Princes; et qu'une Piece de Theatre porte ce nom rils pour ses heros«132. Die zuerst legitimierte und
de Tragedie seulement en consideration des Inci­ dann geforderte »action [ . . . ] extraordinaire« hat
dens & des Personnes dont eile represente la vie, & die Überschreitung der >vraisemblance< und der
non pas a raison de la Catastrophe. « 128 So greift höfischen Gesittung zu ihrer konstitutiven Voraus­
d' Aubignac auf eine Position zurück, die in einer setzung, sie zielt auf eine Tragödie, welche sich aus
frappierenden Nähe zur rhetorischen Tradition der außerordentlichen Stoffen speist, die per se un­
Stiltrennung steht; er erweitert diese Tradition an­ wahrscheinlich, durch historische Faktizität aber
satzweise um einen elegischen Blick auf die condi­ beglaubigt sind. Sie werden von Corneille für ei­
tion humaine, kann mit diesen Mitteln aber für nen Impetus und eine bis zum äußersten gespannte
eine zeitgenössische Erfassung des Tragischen kei­ Seelenbewegung genutzt, die man zu einem »un­
nen aussagekräftigen Rahmen finden. Gerade der geheuren Fall des Wollens oder Leidens«133 hat er­
Autor, der die Zentralkategorie der klassizistischen klären können. Diese forcierte Bewegung, die ei­
nem Halbvers aus Horace (1641) zufolge »hors de
]'ordre commun«134 führt und die in einem be­
1 2 8 FRAN<;:o1s HEDEL!N ABBE n' AUBlGNAC , La pratique rühmt gewordenen Appell aus Rodogune (1 644) -

du theitre und andere Schriften zur >Doctrine classi­ »Sors de mon creur, Nature« 135 - alle Menschlich­
que<, hg. v. H. J. Neuschäfer (München 1971), 1 2 8 f. keit und Natürlichkeit hinter sich zu lassen bereit
129 CORNElLLE (s. Anm. 1 26), I I 8 . ist, kulminiert in einem Zustand, den man als das
1 3 0 CORNElLLE, L e Cid ( 1 637), in: Corneille (s. Anm.
1 26) , Bd. l (Paris 1 980), 742 . tragische Dispositiv Corneilles bezeichnen könnte
1 3 1 JACQUES MOREL, La tragedie (Paris 1 964) , 60. und der von ihm selbst mit Bezug auf die Figur der
1 3 2 C ORNElLLE (s. Anm. 1 26) , 1 2 5 . Cleopatre in Rodogune als j enseits aller Moral lie­
1 3 3 KOMMERELL (s. Anm. 30), 1 5 7· gende, ja häufig an Verbrechen gebundene »gran­
l 34 CORNElLLE, Horace (164 1 ) , in: Corneille (s. Anm.
1 3 0) , 859.
deur d'ame« gefaßt wird: »tous ses crimes sont ac­
135 CORNElLLE, Rodogune ( 1 644) , in: ebd. , Bd. 2 (Paris compagnes d'une grandeur d'ame, qui a quelque
1 984), 2 5 3 . chose de Si haut, qu' en meme temps qu' Oll deteste
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung 141

ses actions, on admire Ja source clont elles par­ »admiration« 141. Diese wird zum Brennspiegel von
tent.« 136 Corneilles Tragödientheorie und -praxis. In ihr
Ungeachtet ihrer kasuistisch anmutenden Selbst­ findet jener >>eclat des belles actions« 142 seinen Nie­
prüfungen und ihrer nachhaltig betonten inneren derschlag, der ein jedes seiner Konflikt- und Trans­
Brüchigkeit 137, ist die von Corneilleschen Helden gressionsszenarien überstrahlt und der geeignet ist,
vollzogene projektive Selbsterhöhung in den Zu­ die je aufgerufene Tragik wieder zu relativieren.
stand der >grandeur d' ame< nicht als Psychologisie­ In pointiertem Widerspruch zu Corneille be­
rung der Charaktere zu fassen, vielmehr wesentlich stimmt Racine in seinem poetologischen Schlüs­
auf eine Manifestation in Taten und Ereignisver­ seltext, dem Vorwort zu Berenice (1 670) , als zentra­
flechtungen (»traiter !es choses selon le neces­ les Wirkungsziel der Tragödie eine hochgeartete
saire« 138) gerichtet. Sie bringen mittels der »unite Traurigkeit, einen Affekt, der nicht wie die >admi­
de peril« (1 74) jene Krise hervor, in der die Tragö­ ration< an heroischer Grenzüberschreitung, son­
die ihren Zielpunkt findet. Insofern ist die Ge­ dern an leidgeprägter Partizipation ausgerichtet ist:
schichte mit den ihr eigenen Gefahren das zentrale »Ce n'est point une necessite qu'il y ait du sang et
Explikationsfeld dieser tragischen Konstellierun­ des morts dans une Tragedie; il suffit que !'Action
gen: Und dies - wenn auch in Gestalt häufig sehr en soit grande, que !es Acteurs soient heroi'ques,
entlegener Stoffe - in einem zeitnahen Sinn inso­ que !es Passions y soient excitees, et que tout s'y
fern, als der im 1 7 . Jh. sich verbreitende Gedanke ressente de cette tristesse maj estueuse qui fait tout
der Staatsräson vielerlei Anlaß bieten konnte, über le plaisir de la Tragedie.«143 Nach der in der zwei­
Norwendigkeit und Größe von Verbrechen zu re­ ten Hälfte des l 7. Jh. üblichen Marginalisierung
flektieren sowie die tragikbildende Kraft derart von >sang< und >morts< werden vertraute Merkmale
motivierter Transgressionen in Szene zu setzen (»Action [„ .] grande«, »Acteurs [„ .] heroi'ques«)
und zu explorieren. 139 Damit ist ein Kontext be­ aufgerufen, um in ihrem Schutz die Racine-spezi­
nannt, der es offensichtlich macht, daß die Liebe in fische Dimension für die Bestimmung der Tragö­
den Corneilleschen Tragödien nur figuriert, um die herauszustellen: die ganz in den Vordergrund
überwunden zu werden und um in diesem Gestus rückende Erregung der Leidenschaften, die ob ih­
der Selbstübersteigung eine Annäherung an über­ rer - theoretisch allerdings nicht explizierten -
persönliche tragische Affekte zu erreichen: »Lors­ Unerfüllbarkeit in die von Akteuren und Zuschau­
qu' on met sur Ja scene un simple intrique d'amour ern geteilte »tristesse majestueuse« einmünden.
entre des rois, et qu'ils ne courent aucun peril, ni Daß diese, insofern als es sich um einen Wirkungs­
de leur vie, ni de leur Etat, je ne crois pas que bien affekt handelt, mit »tout le plaisir de Ja Tragedie«
que !es personnes soient illustres, l'action le soit as­ kurzgeschlossen werden kann - an anderer Stelle
sez pour s' e!ever jusqu' a la tragedie. Sa dignite de­ heißt es lakonisch »La principale Regle est de
mande quelque grand interet d'Etat, ou quelque plaire et de toucher« (452) - zeigt an, wie sehr Ra­
passion plus noble et plus male que l'amour, telles cme die emotive Erschütterung des Zuschauers
que sont !' ambition ou la vengeance; et veut don­ zum Maßstab des tragischen Prozesses macht. Er
ner a craindre des malheurs plus grands, que la
perte d'une maitresse.«140
Erst eine vertikal ausgerichtete Willensanspan­ 136 CORNEILLE (s. Anm. 1 26), 1 29.
nung ermöglicht das Erreichen des hier eingeklag­ 137 Vgl. SERGE DOUBROVSKY, Corneille et Ja dialecti­
que du heros (Paris 1 963) .
ten »grand interet d'Etat« und also die Sicherung
1 3 8 CORNElLLE (s. Anm. 1 26) , 1 64.
der »passion plus noble«, welche auf die »grandeur 139 Vgl. MATE! CHIHAIA, Institution und Transgression.
d'ame« führt. Einzig die dramatische Entfaltung Inszenierte Opfer in den Tragödien Corneilles und
dieser »grandeur d'ame« kann von Seiten des Pu­ Racines (Tübingen 2002) , 86--<)2.
blikums den affektiven Widerhall hervorrufen, den 1 40 CORNEILLE (s. Anm. 1 26) , 1 24.
1 4 1 CORNEILLE, Nicomede ( 1 6 5 1 ) , in: Corneille (s.
Corneille nach eher gequälten Erörterungen über Anm. 1 3 5) , 64 r .
die Tragweite der aristotelischen Katharsis als den 1 42 CORNEILLE (s. Anm. 1 26) , 1 7 1 .
wichtigsten tragischen Wirkungsaffekt ausgibt: die 1 4 3 RACINE (s. Anm. 1 27), 450.
1 42 Tragisch/Tragik

tut dies über eine äußerste Annäherung an Aristo­ zesses. Nicht hinreichend beachtet wird in heuti­
teles. Stellt man sich Corneilles Abwehr der Ka­ gen Interpretationen die Ausponderierung, die
tharsis, die für ihn nur ein (obendrein untaugli­ Racine selbst für diese >violence des passions< ins
ches) Mittel zur moralischen Besserung des Zu­ Spiel bringt, wenn er sie um die >beaute des senti­
schauers sein konnte144, vor Augen, so tritt hervor, ments< und die >eiegance de ]' expression< ergänzt.
einen wie weiten Weg Racine zurückzulegen Erst über diese Mittel und die durch sie möglich
hatte, bis er schließlich - wenn auch an entlegener, gewordene Ästhetisierung einer per se schaurigen
nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Stelle, in Realität kann die von Racine entworfene Rück­
einer Mischung aus Übersetzung und Kommentar bindung der Tragödie an die vraisemblance gelin­
der Poetik festhalten kann: »La tragedie [ . . . ] (eile
- gen. Die von Racine befürwortete vraisemblance
ne se fait) point par un recit, mais par une repre­ indiziert nicht Abhängigkeit von den gesellschaftli­
sentation vive qui, excitant Ja pitie et Ja terreur, chen Belangen und Erwartungen der Zeit, sondern
purge (et tempere) ces sortes de passions. (C'est-a­ deren Indienstnahme für den Entwurf einer Tragö­
dire qu'en emouvant ces passions, eile leur 6te ce dienkunst, die sich als absolut dadurch erweist, daß
qu'elles ont d'excessif et de vicieux, et les ramene a ein nacktes Leidenschaftssubstrat mit Formvorga­
un etat modere et conforme a Ja raison.)«14 s Indem ben der klassischen Kunst - gemeint sind insbeson­
Racine für seine Analyse der Katharsis die auf der dere sprachliche und stilistische Perfektion, Digni­
Bühne dargestellten Leidenschaften in ihrer j ewei­ tät der Charaktere, Aufrufung kollektiv verbürgter
ligen Besonderheit außer acht läßt und die Kathar­ Ordnungen - amalgamiert und auf diese Art das
sis als einen Akt der Selbstreinigung der genuin früher die Tragödie inhaltlich charakterisierende
tragischen Affekte Furcht und Mitleid liest, gelingt Pathos der Distanz als ein vornehmlich ästhetisches
es ihm auch, konzeptionell den Erregungsablauf erwiesen werden kann: »Les Personnages Tragiques
auf einen Zustand zurückzuführen, der sich als doivent etre regardes d'un autre ceil que nous ne
>conforme a la raison< erweist, den Zuschauer also regardons d' ordinaire !es Personnes que nous avons
in der Ordnung bestätigt, die durch die Explora­ vues de si pres.«147
tion der Leidenschaften so nachhaltig unterlaufen Unter diesen Rahmenbedingungen erhält auch
worden war. die Liebe als Kernbestand der Racineschen Tragö­
Als Aufbauprinzipien, die zu diesem Ziel führen dien einen neuen Stellenwert. Sie steht nicht
können, nennt Racine »Une action simple, soute­ mehr, wie noch bei Corneille, für eine Leiden­
nue de Ja violence des passions, de Ja beaute des schaft, die notwendig ist, um das zeitgenössische
sentiments, et de !' elegance de ]' expression. « 146 Mit Publikum in das Tragödiengeschehen einzustim­
der Preisgabe der noch für Corneille konstitutiven men, die im weiteren aber überwunden und verab­
Ereignisverflechtung und ihrer Ablösung durch die schiedet werden muß, sondern macht nun selbst
>action simple< wird die Voraussetzung für die Ver­ das Gegenstandsfeld des tragischen Prozesses aus.
lagerung der Geschehnisdynamik ins Innere nur Sicherlich kann mit ihr an das Publikum ange­
weniger Personen geschaffen. Diese Interiorisie­ knüpft werden, ineins aber bietet sie die Möglich­
rung und die mit ihr ermöglichte psycho-spatiale keit, dessen eher galante Erfahrungen bis auf eine
Eingrenzung bewirkt geradezu ideale Vorausset­ archaische Stufe der menschlichen Natur hin zu
zungen für die Entfesselung der >violence des pas­ erweitern und zu vertiefen, die Liebe also - ge­
sions< als zentraler Schaltstelle des tragischen Pro- stützt auf den ganzen Apparat der vraisemblance -
mit der >violence des passions< auszustatten und ihr
derart das Tremendum eines ästhetisch transfor­
1 44 Vgl. CORNElLLE (s. Anm. 1 26) , 145 f. mierten Sujets zu verleihen, das schrecklich und
145 RACINE, Extraits de la >Poetique< d'Aristote (1673), faszinierend in einem ist. Darüber hinaus eignet
in: Racine, CEuvres completes, hg. v. R. Picard, sich die Liebesthematik wie kaum ein zweiter Ge­
Bd. 2 (Paris 1 969), 923.
1 46 R A C I N E (s. Anm. 1 27) , 45 1 .
genstand dazu, die in Racines Theater manifest
1 47 RACINE, Preface de >Bajazet< ( 1 672) , in: Racine (s. werdende Verlagerung vom Handlungsprimat, wie
Anm. 1 27) , 625. er fraglos in der Antike gegolten hat, zu dem in der
II. Von der Renaissance bis zur Aufklärung 143

Neuzeit dominant werdenden Vorrang der Cha­ Adieu qu'eile dit a Titus, et !' effort qu'eile se fait
raktere und der entsprechenden Neufundierung pour s'en separer, n'est pas le moins tragique de Ja
des Tragischen sinnfällig zu machen. Piece, et j 'ose dire qu'il renouvelle assez bien dans
Ein einziges Mal verwendet Racine den Termi­ le ccrur des Spectateurs !' emotion que Je reste y
nus >tragique< in einer Tragödie, in La Thebai"de avait pu exciter.« 150 Ganz in das Innere einer per­
( 1 664) , als Jocaste den verzweifelten Versuch unter­ ennierenden Seelenqual verlagert, kann die extrem
nimmt, ihre Zwillingssöhne Polynice und Eteocle ausgedünnte Handlung von Berenice mit ihrem
von einem gegeneinander gerichteten Vernich­ neuartigen Tragödienende in Form eines elegi­
tungskampf abzubringen, indem sie ein >tragisches< schen Abschieds zum Ermöglichungsgrund für die
Ende als Menetekel beschwört: » 0 Dieux! Que j e extreme Gemütserschütterung werden, die Racine
m e vois cruellement dec;ue! I N' avais je tant presse immer neu als via regia zur Erschließung der tragi­
cette fatale vue, / Que pour !es desunir encore plus schen Wirkung umkreist. Insofern wird die >vio­
que j amais? / Ah! Mes Fils, est-ce li comme on lence des passions< epochenübergreifend und den
parle de paix. I Quittez, au nom des Dieux, ces j eweiligen Tragödienmodalitäten angepaßt als
tragiques pensees.«148 Jocaste ruft mit ihren »tragi­ Schlüssel zum tragischen Geschehen und zur tragi­
ques pensees« inhaltlich und strukturell durchaus schen Wirkung hypostasiert.
Grundprinzipien Racinescher Tragik auf. So wird Wie die >violence des passions< zu fassen ist, dar­
das fatale Geschick der Brüder implizit - über ihre über gibt ein Passus von Jean de La Bruyere Aus­
Abstammung von Ödipus und Jocaste - in Form kunft, in welchem die von der Tragödie ausgehen­
der (sexuelle Perversion einschließenden) Genea­ den Affektbewegungen intensiv nachgezeichnet,
logie ebenso in Szene gesetzt wie explizit als Mani­ aus allen gesellschaftlichen und