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Nr.

14/September – November 2008


www.daheim-magazin.de
HIER BINDEN
Liebe Leser,

SCHEITERN ist überbewertet. Scheitern ist nicht schlimm. Schlimm ist nur die Angst zu scheitern,
denn sie hemmt. Konstantin Wecker weiß davon ein Lied zu singen. Deswegen haben wir mit ihm
gesprochen. Wir haben uns auch aus programmatischen Gründen für diesen Titel entschieden.

EDITORIAL
2

Die Pause ist vorbei. Daheim wird nun wieder regelmäßig alle drei Monate erscheinen. Allerdings
haben wir das Magazin überarbeitet, entrümpelt und neu strukturiert. Vom monothematischen
Konzept ist die Titelgeschichte übrig geblieben, mit der sich auch eine Fotostrecke auseinander-
setzt. In der Rubrik „Denk ich an Deutschland“ sprechen Menschen, von denen man sonst selten
etwas hört, über dieses Land. Das Ressort „Sterben lernen“ thematisiert Veränderungen in ihren
vielfältigen Erscheinungsformen, denn ohne Vergehen kein Werden.
Außerdem gibt es in daheim von nun an drei neue Kolumnen: Meredith Haaf schreibt über Gleich-
berechtigung, Heinz Helle über Freiheit und Selbstbeschränkung und Philipp Mattheis zieht Par-
allelen aus der Vergangenheit.

Viel Spaß beim Lesen und beim Scheitern!


02 EDITORIAL

03 INHALT

05 DENK ICH AN DEUTSCHLAND Menschen, die sonst niemand fragt, sprechen über dieses Land

08 SCHEITERN
09 VON EINS BIS ZEHN Dinge, die wir über das Scheitern gelernt haben
11 „SCHEITERN HAT KEINE CHANCE MEHR“ Der Sänger Konstantin Wecker ist Profi im Scheitern. Ein Interview

KOLUMNE
14 DAMENGEDECK Meredith Haaf über Pornografie

INHALT
3

17 STERBEN LERNEN
18 ZWISCHEN DEN STEINEN DAS LEBEN Zu Besuch in einem sterbenden Dorf in Sachsen

KOLUMNE
20 VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Philipp Mattheis und der Fritzl des Mittelalters

23 LICHT SCHEITERN in Bild zusammengestellt von Jakob Wierzba

KOLUMNE
29 SELBSTBESCHRÄNKUNG Heinz Helle im Freibad

33 IMPRESSUM
PROPAGANDA
Text HEINZ HELLE
Design THEY
DENK ICH AN
DEUTSCHLAND
NAME DER RUBRIK 5

Menschen, die sonst niemand fragt, sprechen über dieses Land


DURIAN, 46 ING
GE PILS, 64
LE
EBT SEIT 17 JAHREN BEETREIBT
VON ROHKOST DIE
E KNEIP
PE „DU UND I“
Aufgezeichnet von CHRISTOPH GURK Aufgezeichnet von CHRISTOPH GURK

Ich weiß nicht, was mich am Bodybuilding so fasziniert hat. Schon mit sechs Jahren Ich war schon immer ein Nachtmensch. Als ich das „Du und I“ vor zehn Jahren mit
habe ich heimlich den Bodybuildern beim Training zugesehen. Mein Vater machte sich meinem Mann aufgemacht habe, hatten wir nur eine Konzession bis um zehn Uhr
über sie lustig, ich aber war begeistert. Mit 14 fing ich mit Gewichtheben an, heimlich, abends. Wenn die Kneipe zu war, bin ich noch weggegangen. Heute stehe ich bis
in einer alten Turnhalle. Vor Muskelschmerzen konnte ich kaum gehen, aber ich bekam um vier oder fünf Uhr morgens hinter dem Tresen. Zu Hause kann ich meistens nicht
Respekt. Ein Jahr später landete ich beim Bodybuilding. Damals kam es mir wie Kunst gleich einschlafen, trotzdem bin ich um acht Uhr morgens wieder wach. Ich bin jetzt
vor, den Körper so zu modellieren, wie man es sich wünscht. Innerhalb von einem Jahr 64, vielleicht braucht man weniger Schlaf, je älter man wird. Die meisten meiner Gäste
nahm ich 20 Kilo Muskelmasse zu. Ich dachte nur an Erfolg, dicke Muskeln und aß sind außerdem Stammgäste, wenn die sagen „Inge, ein Bier geht noch“ dann kann ich
Unmengen Fleisch. Mit 17 nahm ich das erste Mal Anabolika. Durch die Steroide wurde nicht einfach zumachen. Viele kommen jeden Tag und ich kenne alle ihre Probleme.
ich krank und brach in einer Disco zusammen. Auf der Intensivstation hatte ich einen Ich glaube, eine gute Wirtin ist immer auch eine gute Psychologin. Eigentlich habe ich
Blutdruck von 220, mein Herz war vergrößert, die Nieren waren entzündet und die Leber Kartonagentechnik gelernt, dann aber in der Firma meines Mannes gearbeitet. 1989
stand vor dem Kollaps. Der Arzt sagte, wenn ich weiter so mache, werde ich keine 30 haben wir die Kneipe aufgemacht und zusammen geführt, bis mein Mann gestorben ist.
Jahre alt. Ich brach mein Training ab - trotzdem kamen Jahre später die Lebertumore, Heute führe ich das „Du und I“ alleine. Eigentlich läuft es ganz gut, aber ich merke, dass

NAME DER RUBRIK 6

Spätfolgen der Anabolika. Das war ein Schock, eine Chemotherapie wollte ich aber einige Gäste nicht mehr kommen, weil alles teurer geworden ist und natürlich wegen
unter keinen Umständen. Ich war Vegetarier und hatte Bücher über Er- des Rauchverbots. Wenn das Gesetz so geblieben wäre, hätte ich bestimmt zumachen
nährung gelesen. Ich begann zu fasten und stellte meine Ernährung auf Rohkost um, müssen. Das war ein großes Thema hier, sonst reden wir aber wenig über Politik. Ich
aß nur noch Gräser und Blätter und warf mich auf Wiesen, um Gras zu fressen wie ein versuche das zu vermeiden, die meisten haben dann schon etwas getrunken und sol-
Rindvieh. Oft erbrach ich mich. Nach einiger Zeit nahm ich auch Früchte zu mir und che Gespräche arten gern in Streit aus. Deutschland ist toll, aber ich würde auch gerne
machte Wanderungen. Ein halbes Jahr später ging ich zum Arzt. Die Tumore waren in Spanien leben, am Meer. Eine Kneipe würde ich da aber nicht mehr aufmachen.
verschwunden. Dafür bin ich einfach zu alt.
Heute lebe ich seit über 17 Jahren konsequent nur von Rohkost. Fremde reagieren oft
heftig auf meine Form der Ernährung, jahrelang wurde ich Grassfresser genannt. Meine
Freunde und Verwandten akzeptieren meine Ernährung, betonen aber immer gerne, wie
wichtig Fleisch sei und dass man doch nicht so extrem sein müsse.
Die Deutschen mögen oft kleinkariert sein, aber je weiter südlich man kommt, desto
freier, freundlicher und weniger dogmatisch werden sie. Ich bin ein Exot und hier in
Bayern ganz gut aufgehoben. An Deutschland stören mich die Politik und die versteckte
Diktatur, die auf Menschen ausgeübt wird, die keinen festen Arbeitsplatz haben. Trotz-
dem gefällt es mir hier einigermaßen, vor allem die soziale Sicherheit - und natürlich das
satte Grün.
IRIN
NA, 63 CONCHA RÖSSLER, 24
BEESSERT IHRE RE
ENTE UND KILLA SCHÜTZE, 29
MITT PFANDFLASCH
HEN AUF LEBEN ALS SURFLEHRERINNEN IN PORTUGAL
Aufgezeichnet von CHRISTOPH GURK Aufgezeichnet von GORDON REPINSKI

Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal Flaschen gesammelt. Ich habe mich damals Freunde, unsere Kindheit, die Vergangenheit – das ist für uns Deutschland. Und viele
gewundert, wieso niemand die Flaschen selbst zum Supermarkt bringt und ob ich die Regeln und Verbote. Es ist manchmal auch wie das Gegenteil von Freiheit. „Schon wie-
einzige bin, die auf die Idee gekommen ist. Heute komme ich fast jeden Abend, voraus- der Weihnachten!“ Diesen Satz hört man so oft in Deutschland. Weil die Zeit so schnell
gesetzt, es ist schönes Wetter. Manchmal kann ich gar nicht alle Flaschen mitnehmen, vergeht, man sie einfach vergehen lässt.
dann lasse ich die Glasflaschen liegen und nehme nur die Plastikflaschen mit. Die sind Seit ein paar Jahren sind wir hier an der Algarve. Zuerst nur für ein paar Tage im Urlaub.
leichter und bringen auch mehr Geld, aber dafür gibt es auch weniger davon – die mei- Irgendwann haben wir dann unsere Jobs als Art Direktorin in einer Werbeagentur und
sten trinken eben Bier und keine Cola. Wenn ich Glück habe, dann kann ich sechs bis Tänzerin aufgegeben. Seit wir hier arbeiten, ist Portugal unser Zuhause geworden. Sur-
sieben Euro pro Abend verdienen, das ist ganz schön viel, wenn man nur eine kleine fen hat unser Leben verändert. Es macht glücklich, auf dem Wasser zu sein. Man ist al-
Rente hat. Ich bin 63 und habe eigentlich mein ganzes Leben gearbeitet. Zuerst in einer leine mit dem Brett, der Sonne und dem Meer. Draußen, in der Natur. Den ganzen Tag.
Fabrik in Griechenland, dann sind wir 1975 nach Deutschland gekommen. Hier war ich Die schönsten Erinnerungen an Deutschland kommen aus unserer Jugend. Mit den
Hausfrau, mein Mann war bei BMW. Gut verdient hat er nie und wir haben uns oft gestrit- Freunden an einem Sommerwochenende an den Badesee fahren. Die Zeit und das
ten. Irgendwann ist er ausgezogen und ich habe mir eine Arbeit gesucht. Vor dreieinhalb Wetter genießen.

NAME DER RUBRIK 7

Jahren musste ich aufhören, wegen meines Rückens. Seitdem bekomme ich eine kleine Manchmal fehlen einem in Portugal natürlich auch ganz einfache Dinge: das deutsche
Rente und mein Sohn unterstützt mich. Das reicht nicht immer, alles ist so teuer gewor- Essen, Schwarzbrot, Käse und Schnitzel. Auch das Stadtleben, die Tage und Nächte
den. Also habe ich angefangen, die Flaschen zurückzugeben, die ich so gefunden habe. am Hamburger Hafen, die Schiffe. Die Freiheit, die man auch dort spürt.
Mein Sohn würde das nie zulassen, aber zum Glück wohnt er in Mannheim und weiß Und die verschiedenen Kulturen. Verrückt, da ist man im Ausland und plötzlich fehlen
nichts davon. Manche Jugendlichen kennen mich schon und bringen die Flaschen direkt einem die verschiedenen Kulturen, die es in der Heimat gibt. Und die Gesundheitsver-
zu mir, dann unterhalte ich mich kurz mit ihnen. Ein paar Mal wollte mir jemand Geld sorgung ist auch in Deutschland besser. Aber deshalb zurückgehen? Wegen der Rente
schenken, aber das mag ich nicht, ich bin keine Bettlerin. Oft machen die Leute Witze vielleicht? Das ist für uns kein Grund. Wirkliche Sicherheit gibt es mittlerweile doch auch
über mich oder gucken komisch, aber das nehme ich ihnen nicht übel. Ich glaube viele in Deutschland nicht mehr. Unsere Zukunft liegt am Meer.
Deutsche wissen einfach nicht, wie es ist, kein Geld zu haben. Aber die meisten jungen
Leute sind nett, auch wenn ich nicht verstehen kann, wieso sie ihre Flaschen nicht selbst
zurückbringen. Verdienen die so viel Geld, dass es ihnen egal ist? In Griechenland sind
die Leute viel ärmer, die schmeißen nicht so viele Sachen weg.
SCHEITERN
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Scheitern kann schön sein. Warum haben wir so viel Angst davor?
1. SCHEITERN HÄNGT VON DER PERSPEKTIVE AB
Scheitern ist das Fehlschlagen eines Vorhabens. Je größer das Vorhaben, desto höher die Gefahr zu scheitern.

2. ES IST SCHON ALLES GESAGT ÜBERS SCHEITERN


“He who has never failed somewhere, that man cannot be great.” Hermann Melville
“I don‘t know the key to success, but the key to failure is trying to please everybody.” Bill Cosby
„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ J. W. Goethe
“Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.” Samuel Beckett

3. EINER VERLIERT IMMER


Bei Nullsummenspielen verliert (anders als Politiker manchmal behaupten) immer jemand. Spieltheoretisch ist ein Spiel, bei dem
keiner etwas verliert, kein Spiel. Nullsummenspiel bedeutet schlicht, dass die Summe aller Gewinne und aller Verluste am Ende Null
ergibt. SPD minus zehn, Linke plus zehn bei insgesamt 100 Prozent zum Beispiel. Auch war die Bundesliga ein Nullsummenspiel,
bevor man für einen Sieg drei Punkte bekam.

VON EINS BIS ZEHN


Dinge, die wir über das Scheitern gelernt haben. Von ADRIAN RENNER und PHILIPP MATTHEIS NAME DER RUBRIK 9

4. NOCH NIE DURFTEN WIR SO VIEL SCHEITERN WIE HEUTE


Das große bürgerliche Projekt, die Institutionalisierung der Liebe in der Ehe geht zu Ende. Quantitativ lässt sich das so aussagen: vor
18 Jahren wurden noch 516.000 Ehen geschlossen und 155.000 geschieden. 2005 betrug die Zahl der Eheschließungen nur noch
388.000, die der Scheidungen aber 202.000. Qualitativ bedeutet es schlicht, dass wer scheidet, nicht mehr scheitert.

5. NOCH NIE DURFTEN WIR SO WENIG SCHEITERN WIE HEUTE


Dafür gibt es ein neues, großes bürgerliches Projekt, in dem Scheitern keinen Platz mehr hat: Die Institutionalisierung der eigenen
Biografie im Lebenslauf. Früher hat man Menschen danach beurteilt, für was sie stehen. Heute beurteilt man Menschen nach einem
DINA4-Zettel, auf dem steht, welche Erfolge sie in ihrem Leben hatten.

6. SCHEITERN IST JÄMMERLICH


Man kann sehr erhaben scheitern wie Hannibal, der nach dem 2. Punischen Krieg in Kleinasien Selbstmord beging. Man kann auch
wie Napoleon in Waterloo Würde finden und damit in die Geschichte eingehen. Und man kann so richtig beschissen versagen. Einfach
zu blöd für etwas sein. Dann landet man hier: www.failblog.org
7. WER SCHEITERT, IST IN GUTER GESELLSCHAFT
Selbst Gott scheitert: Am Bösen. Das Schlechte auf der Welt ist mit der Allmacht eines guten Gottes nicht vereinbar. Entweder nämlich
will Gott das Böse beseitigen und kann es aber nicht: Dann ist er nicht allmächtig. Oder er kann es zwar, will es aber nicht: Dann ist
er kein guter Gott. Wenn er das Böse aber beseitigen will und kann – warum tut er es dann nicht? Nachdem das Theodizee-Problem
Theologen über Jahrhunderte beschäftigt hat, tendiert man heute zur schlichten Variante: Es gibt keine Lösung.

8. SCHEITERN ALS CHANCE FUNKTIONIERT AUCH NICHT IMMER


Scheitern als Chance, so heißt ungefähr 90 Prozent der allesamt unnützen Ratgeberliteratur zum Thema – und 1998 der Wahlslogan
der von Christoph Schlingensief gegründeten Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten. Wahlprogramm: Alle
Arbeitslosen Deutschlands baden gleichzeitig im Wolfgangsee bei Salzburg, um das am Ufer gelegene Sommerdomizil Helmut Kohls
zu überschwemmen. Hat natürlich auch nicht geklappt.

9. MAN KANN SCHEITERN, OHNE JE ETWAS ZU TUN


Im-Konjunktiv-Leber haben immer etwas vor. Sie haben die faszinierendsten Pläne und oft sogar die Fähigkeit, ihre Zuhörer dafür zu
begeistern: aus Indien Handtaschen importieren, gebrauchte Unterwäsche an Fetischisten in Japan verkaufen oder einfach mal die

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Hausarbeit schreiben. Die Hausarbeit aber müssen sie richtig gut machen und deswegen mindestens doppelt so viele Bücher als nö-
tig lesen. Schließlich wollen sie nicht irgendeine Hausarbeit abgeben, sondern eine der besten, die je geschrieben wurden. Am Ende
passiert nichts von alle dem. Warum? Hinter dem vermeintlichen Perfektionismus versteckt sich die panische Angst, an den eigenen
hohen Ansprüchen zu scheitern.

10. SCHEITERN IST EIN GUTES ÄSTHETISCHES PRINZIP


„Alles ist eitel“, sagte Martin Luther und meinte damit, dass alles menschliche Schaffen vergänglich und im Vergleich zur Herrlichkeit
Gottes nichtig ist. „Vanitas“-Motive in Form von Totenköpfen und anderen morbiden Symbolen prägten die abendländische Kunst bis
weit in das 18. Jahrhundert hinein. Um angesichts dieser Nichtigkeit des menschlichen Daseins eine Rechtfertigung für das eigene
Schaffen zu finden, gestanden sich die Künstler ihr Versagen im Vornherein ein. Sie gefielen sich in der Pose des Scheiterns. Erst mit
der Aufklärung wurde dieser Demutsgedanke durch ein neues Selbstbewusstsein ersetzt.
als etwas Produktives erweist, bei dem
aus einer Niederlage etwas Neues ent-
steht? Oder geschieht das immer nur
in der Retrospektive?
Es geschieht in dem Moment, in dem der
Schmerz am tiefsten ist und die Lage
ausweglos erscheint. In dem man merkt,
dass nichts von dem, was man sich vorge-
nommen hat, funktioniert. Ein Beispiel?

Ja, bitte.
Ich war zweimal im Gefängnis und ich
habe beide Male, bei allem Leid, Ärger
und Tränen, ein Gefühl der Freiheit ge-
spürt wie sonst nie im Leben. Beim er-
sten Mal war ich gerade 19. In diesem
Moment war ich so nah bei mir selbst, so
sehr in der Gegenwart, dass ich nichts

„SCHEITERN HAT KEINE CHANCE MEHR“ Illustration Ekaterina Grizik


Der Sänger und Pianist Konstantin Wecker ist ein Profi im Scheitern. NAME DER RUBRIK 11

Ein Interview ADRIAN RENNER und PHILIPP MATTHEIS.

Herr Wecker, Sie haben Ihre Autobi- weiter brauchte. Mir wurde bewusst, dass
ographie „Die Kunst des Scheiterns“ ich viel weniger benötige, als ich zuvor
genannt. Impliziert das, dass es ein immer gedacht hatte. Jetzt, 40 Jahre spä-
richtiges und ein falsches Scheitern ter, weiß ich, dass ich damals etwas sehr
gibt? Wichtiges gelernt habe: Freiheit bedeutet
Das impliziert zunächst, dass es eine nicht, sich einfach alles zu nehmen, was
Kunst gibt, Scheitern zu erlernen und man möchte. Es bedeutet nicht nur, seine
ihm zu begegnen. Ich habe das Buch so Bedürfnisse und Triebe zu befriedigen.
genannt, weil ich mein Leben ausschließ- Freiheit bedeutet auch, etwas sein zu
lich unter dem Aspekt meiner Niederlage lassen.
betrachten wollte. Meine Niederlagen ha-
ben mich immer weiter gebracht als mei- Scheitern führt also zu einer Redukti-
ne Erfolge. Erst durch sie habe ich einen on auf das Wesentliche?
anderen Blick auf mich und das Leben Beim zweiten Mal war dieses Gefühl noch
bekommen. eindeutiger. Ich war drogenabhängig. Ich
habe das Kokain gebraucht, um gesell-
Können Sie diesen Moment beschrei- schaftsfähig zu sein. Ich ging irgendwo-
ben, in dem sich das eigene Scheitern hin, langweilte mich und anstatt wieder zu
Ich sage nur, dass einen eine Situation, sere Gesellschaft liberalisiert – was
in der alles Äußere wegbricht, nach in- Haarlängen, Sex und die Art der Le-
nen führen kann. Als ich damals aus dem bensführung angeht. Ist es heute…
Knast entlassen wurde, war ich öffentlich Ich möchte widersprechen! Nach außen
geächtet und saß auf einem ungeheuren hin – ja. Aber wenn man genauer hin-
Schuldenberg. Ich war geld- und ehrlos sieht, hat sie sich nur ökonomisiert. Je
– und trotzdem gab es in dieser Zeit Mo- spießiger man selbst ist, je genormter wir
ment, die zu den glücklichsten und inten- werden, desto mehr Interesse haben wir
sivsten meines Lebens gehören. Weil ich an den wenigen, die ausbrechen und dran
in mir etwas gespürt habe, das von alle kläglich scheitern. Wir leben doch mit und
dem Äußeren unberührbar ist. durch eine zerbrechende Britney Spears.
Wir lassen sie für uns leben. Im tiefsten
Entscheidet man selbst oder die ande- Innern hat jeder Mensch diesen Wunsch
ren, wann man gescheitert ist? nach Exzess, nach Grenzerfahrungen,
Man muss es für sich selbst entscheiden. etwas, das uns hinter die genormte Rea-
Die einzige Chance, durch Scheitern lität blicken lässt.
weiterzukommen, ist es anzunehmen.
Solange man die Schuld immer nur an- Ist das nicht heute viel schwieriger ge-

NAME DER RUBRIK 12

gehen, nahm ich Drogen. Der große Knall deren, dem Staat oder der Gesellschaft
hat mich wieder auf mich selbst zurück- gibt, wird man keinen geistigen Gewinn
geworfen. Schon in der ersten Stunde daraus ziehen können.
meines Gefängnisaufenthalts wurde mir
klar: Das hätte ich eigentlich schon seit Muss man das immer selbst erleben,
Jahren freiwillig tun müssen, mir endlich kann man nicht aus dem Scheitern an-
Zeit wieder für mich zu nehmen, Zeit für derer lernen?
die Stille zu nehmen. In diesem Moment Es gibt einen großen Unterschied zwi-
hatte ich oberflächlich alles verloren, schen angelesenen und erlebten Wissen.
doch gleichzeitig mehr gewonnen als in Wann wird einem Menschen klar, dass
all den Jahren zuvor. sein Leben vergänglich ist? Intellektu-
ell wissen wir es natürlich alle, aber die
Das hört sich so an, als müsste jeder eigene Sterblichkeit zu empfinden, ist
einen einmal grandios versagen und etwas ganz anderes. Erst durch die eige-
im Gefängnis sitzen, um sich selbst zu ne Erfahrung wird daraus ein lebendiges
spüren. Führen einen nicht auch Er- Wissen.
folge zu sich selbst?
Ich will das Scheitern nicht glorifizieren. In den letzten 40 Jahren hat sich un-
es damals nicht. Empfindet ihr das nicht Haben wir zuviel Angst vor dem Schei-
so? tern?
Ja. Wir können uns zwar ab und an mal
Natürlich gibt es diesen Druck, aber es einen Lapsus erlauben, aber im Berufsle-
ist doch nichts Verwerfliches, ein Be- ben gibt es für Niederlagen keinen Platz
dürfnis nach Sicherheit zu haben und mehr. Wir sind eine solche leistungsfi-
sich zu überlegen, wie man später le- xierte und erfolgsorientierte Gesellschaft
ben will. geworden, dass die Menschen sich ihr
Aber ist das nicht vielleicht schon die eigenes Scheitern nicht mehr eingeste-
Grenze? Überhaupt zu denken, dass es hen können. Scheitern hat keine Chance
nicht verwerflich ist, ein Sicherheitsbe- mehr.
dürfnis zu haben? Man kann ja auch der
Meinung sein, dass es völlig bescheuert
ist, sich als junger Mensch Gedanken da-
rüber zu machen.
Links:
Sie gelten als politisch links. Viele www.wecker.de
Leute halten das linke Projekt und den www.hinter-den-schlagzeilen.info

NAME DER RUBRIK 13

worden? Grenzen kann man doch nur real existierenden Sozialismus für ge-
überwinden, wenn sie andere setzen. scheitert. Ärgert Sie das?
Heute ist fast alles erlaubt. Das linke Projekt ist meines Erachtens
Die Grenzerfahrung liegt heute darin, genauso gescheitert wie der Kapitalis-
sich mit seinem ganzen Sein in etwas zu mus. Beide ideologische Systeme haben
stürzen. versagt und jetzt läge es an uns allen, an
euch und an mir, einen dritten, nichtideo-
Wie meinen Sie das? logischen Weg zu entwerfen. Konstantin Wecker, 1947 in München geboren, macht sich Ende
Eine Grenze gilt doch für die junge Gene- der 60er in der Kleinkunstszene als Sänger und Pianist einen
ration ganz massiv: Niemand darf in sei- Und wie soll der aussehen? Namen. 1977 gelingt ihm mit der LP „Genug ist nicht genug“ der
ner Jugend riskieren, später mal keinen Ich glaube, dass es über Netzwerke funk- Durchbruch. Kultstatus erlangt seine Ballade vom erschlagenen
Job zu bekommen. Ihr habt doch eine tionieren wird. Ich finde es schön, was in „Willy“. Weckers Kokainsucht erreicht Mitte der Neunziger ihren
solche Panik, später keinen Job zu be- den Sozialforen geschieht. Die zündende Höhepunkt: Er raucht täglich bis zu sieben Gramm gebastes
kommen und deshalb schwimmt ihr mit. Idee wird nicht von einem einzelnen kom- Kokain. 1995 wird er verhaftet und nach mehreren Gerichts-
Das war in meiner Generation so was von men nicht. Eine gerechtere Welt kann nur verhandlungen im Jahr 2000 schließlich zu einer Haftstrafe auf
scheißegal, weil uns klar war: Einen Job über eine ehrliche Demokratisierung ge- Bewährung verurteilt. Wecker engagiert sich gegen Rechtsex-
kriegst eh irgendwann, überleben tust schehen, die die Menschen miteinander tremismus und für die Friedensbewegung. Er ist verheiratet und
auch irgendwie. Diesen Arbeitsdruck gab verbindet. Vater zweier Söhne.
DAMENGEDECK Illustration Eva Maria Heier
Frauen und Männer sind gleich. MEREDITH HAAF sagt, was fehlt. NAME DER
KOLUMNE
RUBRIK 14

Herzlich willkommen! Kaffee? Schnaps? die Stripper Pole zu dancen. Eine große über sexuelle Angelegenheiten eigentlich
Pole Dancing ist in China übrigens das amerikanische Supermarktkette erregte schwer und ist ohne den Einfluss mehr-
neue Aerobic, so dokumentierte das neu- Anfang des Jahres Aufsehen, als sie kür- prozentiger Getränke eigentlich unmög-
lich die New York Times. Der Ausdruck zere, rosafarbene Stangen auf den Markt lich. Ungünstig, denn meinem Wunsch,
entstammt dem Fachjargon des Rotlicht- brachte: Für die siebenjährige Sportlerin. ein Leben ohne Sexualrhetorik zu führen,
milieus und bezeichnet die Praxis west- Und jetzt also auch China. steht nicht nur ein unbestreitbares Inte-
licher Animierdamen, auf Podesten zu Feministinnen von heute, zumal wenn resse an der Materie im Weg, sondern
stehen und sich zur sexuellen Unterhal- sie weiß, akademisch und unter 50 sind, auch die Realität.
tung anderer in Unterwäsche um geölte zeichnen sich ja – anders als die rest- Feministinnen halten seit den Siebziger
Stangen zu schwingen. Diese Tätigkeit ist lichen Teilnehmer am medialen Diskurs Jahren das Private für politisch. In der
körperlich sehr anstrengend und hat Aus- – unter anderem durch ihren Hang zur Natur des Privaten liegt es auch, sexuell
wirkungen auf die Muskulatur und Fitness, Selbstreferenz aus. Das haben ranghohe zu sein und daher ist in jedem Eck der fe-
die vergleichbar mit Pilates sind. Wie bei Frauenbewegerinnen und kritische Beo- ministischen Debatte ein bisschen Porno-
weltweiten Tendenzen oft der Fall, sind die bachterinnen in den letzten Monaten je- grafie versteckt. Oder wenigstens irgend-
USA dem Rest der Welt auch beim Stan- denfalls mehrfach festgestellt. Ich will da wer, der über den ganzen Kram reden will.
gentanz weit voraus. Seit einigen Jahren keine Ausnahme machen und biete hier- Kein anderer Wert wird Feministinnen so
gilt es unter Mittelschichtsdamen als de ri- mit ein Geständnis: Als grundsätzlich sehr oft abgenommen, wie ihr pornografischer
geur, zur Fitnesserhaltung regelmäßig um verklemmte Person fällt mir das Gespräch Puls. Überhaupt haben wenige Themen
so stark zur Differenzierung im Feminis- aber offenbar nicht jenes Sexy gemeint, Meredith Haaf ist Mitbetreiberin
mus weltweit beigetragen. Perfides Fick- dass ein starker, geschmeidiger Körper des feministischen Blogs:
bildmaterial! Denn das Problem dabei ist, seiner Besitzerin verleiht – das gibt es http://maedchenmannschaft.net/
dass es eben nicht nur ein Problem gibt. nämlich beim Joggen, Klettern oder Vol- und Co-Autorin des Buches
Fängt man einmal an darüber nachzuden- leyball auch. Beinspreitz-Sexy richtet sich „Wir Alphamädchen“.
ken, steht man ganz schnell vor einem explizit an einen Zuschauer. Es ist ein
Zentralmassiv aus ästhetischen, sozialen normiertes, professionelles Sexy, eines,
und manchmal auch politischen Fragen. das die Pornografie – im weitesten Sinne
Wer da weniger als ein Leben braucht, um – generiert hat. Und es ist bemerkens-
zum Ergebnis Pro-Porno oder Anti-Porno wert, wie sehr es sich verzahnt hat mit der
zu kommen, hat geschummelt. Selbstwahrnehmung und Selbstdarstel-
Leider verhält es sich mit Pornos so: In- lung von Frauen auf der ganzen Welt.
teresse oder Lust werden eigentlich nur Der große Michel Foucault hat jahrelang
durch eine Idee der pornografischen Si- darüber geschrieben und gesprochen,
tuation generiert. Das Produkt selbst dass die sexuelle Befreiung (und damit die
rechtfertigt die ganze Aufregung in keiner Explosion der Pornografie) keineswegs
Weise. Gleichzeitig ist die pornografische Symptom einer bürgerlichen Freiheit sei,
Logik überall – in der Werbung, der Mode, sondern im Gegenteil die Menschen mit

KOLUMNE 15

mancher Popmusik, in der Selbstdarstel- weitaus stärkeren Zwängen belege, als


lung 2.0. Einer ästhetischen oder philo- in einer „repressiven“ Gesellschaft je-
sophischen Beurteilung dieses Umstands mals der Fall. Wenn jetzt die Chinesinnen
stellt sich dann immer das Problem des froh und munter an der Stange rutschen,
Freiheitsanspruchs in den Weg. Auf den könnte man dazu mit den Schultern zu-
ersten Blick scheint es nämlich nur die cken. Vielleicht lohnt es sich aber, darü-
Wahl zwischen sexfeindlicher Klemm- ber nachzudenken, warum sich in China
haltung und lethargischer Passt-Schon- die westliche Pornoästhetik durchsetzen
Hipsterei zu geben. Nichts davon ist be- kann, freilich ohne dass sich dort viel
friedigend, und weil dieser Umstand sehr mehr liberalisiert hat als Wirtschaftssy-
mühsam ist, kann sich zwischendurch stem: Vielleicht hat wahre Freiheit heu-
durchaus die Frage aufdrängen, warum te etwas damit zu tun, eine Ästhetik und
man jetzt nicht den Porno einfach Porno eine Sexualität zu finden, die sich von
sein lassen kann. der Pornografie nicht beeindrucken lässt.
Unter anderem wegen Trendsportarten. Und deswegen bleibt nach wie vor nichts
Viele Frauen geben als Hauptgrund für übrig, als immer weiter über Sex und so
die Stangenübungen an, sie würden sich weiter zu denken und zu reden.
dabei besonders sexy fühlen. Damit ist
STERBEN LERNEN
NAME DER RUBRIK 16
Ich höre dich sagen mehr leise als laut
»Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut«

Tocotronic, Let there be Rock

ZWISCHEN DEN STEINEN DAS LEBEN Illustration Sebastian Schöpsdau


In Großrückerswalde, Sachsen, ist nicht mehr so viel los. 17

HEINZ HELLE war trotzdem da.


Die Erde ist steinig im Erzgebirge. Jahr- stand zu sein, einige Gartenzäune wur- len jungen Leute. Mittlerweile fehlen hat, frage ich. Wir. Ob einer Architekt
hunderte lang stießen die Bauern beim den offenbar vor kurzem gestrichen. die jungen Leute, um frei werdende ist, oder Ingenieur? Übung macht den
Pflügen immer wieder auf größere Gra- Und ein Hotel, das für die Ausmaße des Lehrstellen zu besetzen. Meister. Und wie habt ihr das bezahlt?
nitbrocken. Mühsam hoben sie sie auf Dorfes eigentlich etwas zu groß wirkt. Einmal 30 Mark von jedem eingesam-
und warfen sie beiseite, zur Grenze, Ich bin noch gar nicht richtig wach, als „Gibt es denn überhaupt noch junge melt, später Partys veranstaltet. War
zum Nachbarfeld. Wo sich die Steine mich die Wirtin anspricht. Sie hat mich Menschen hier?“ es schwer, eine Genehmigung zu be-
sammelten, wuchsen Bäume. Und in mit jemandem verwechselt. Ich frage, „Natürlich.“ kommen? Wir haben niemanden ge-
diesen schmalen Grenzwäldern zwi- was man hier abends so machen kann. fragt. Und wie oft seid ihr hier? Jeden
schen Feldern, die schon lange nicht Sie muss lachen, verspricht aber, spä- Dann erzählt sie von den Buden. Bu- Tag.
mehr bewirtschaftet werden, wachsen ter zu mir an den Tisch zu kommen und den? Buden. Das könne man nicht so Sie sind stolz auf ihre Bude, auf ihr ei-
heute Hütten. Ohne Geld, ohne Ge- mir ein bisschen was über das Dorf zu gut erklären, man müsse es selbst se- genes Stück Welt, dass sie sich mit 14
nehmigung, ohne Brandschutzverord- erzählen. hen. Plötzlich geht alles ganz schnell. Jahren selbst aufgebaut haben. Es ist
nung. Gebaut mit dem einzigen Roh- Sie erzählt von langen Schulwegen, Ein Anruf und zehn Minuten später ein angenehmer, ehrlicher Stolz. Der
stoff, der hier oben immer ausreichend von hoher Arbeitslosigkeit, von ihrer fährt eine Freundin vor. Ich steige ein. Stolz eines guten Gastgebers.
vorhanden ist: Freundschaft. Ausbildung zur Hotelfachfrau im We- In der Dämmerung fahren wir aus dem Als es vollkommen dunkel ist, schal-
sten, von der Rückkehr zu ihrer Fa- Dorf und über Serpentinen den Berg tet sich automatisch das Aggregat ein.
Jeden Tag sterben in Deutschland milie, von Heimatverbundenheit, Ge- hinauf. Zwischen Feldern und Baum- Musik geht an, das Innere der Hütte ist
mehr Menschen, als geboren werden. meinschaft und Zusammenhalt. Sie reihen finden wir einen kleinen Park- plötzlich hell erleuchtet. Ich sehe eine

18

Statistisch gesehen liegt das ganze erzählt, wie es Anfing, mit dem Ende platz, auf dem etwa fünf Autos stehen. geflieste Bar und mehrere Sofas. Und
Land im Sterben. 1999 lebten in Groß- von Niederschmiedeberg. Wir gehen einen schön gepflasterten für einen kurzen Moment wünsche ich
rückerswalde, Mittlerer Erzgebirgs- Damals vor acht Jahren war die DDR Weg neben einer kleinen akkuraten mir, ich hätte in den letzten zehn Jah-
kreis, Sachsen, 4100 Menschen. Heute seit zehn Jahren Geschichte. Die er- Steinmauer entlang, wie in einem ge- ren mehr Zeit mit meinen Freunden in
sind es noch 3668. Auf der Fahrt zu ste Euphorie über die neu gewonnene pflegten Vorgarten. Vor einem Holz- einer Bude wie dieser zugebracht, statt
ihnen verliert man zwangsläufig die Freiheit war verflogen – falls es sie haus bleiben wir stehen. Auf der Ve- neben ihnen in einem lauten Münchner
Orientierung. Dunkle, dicht bewaldete je gegeben hatte. Aus dem VEB DKK randa sitzen etwa acht Frauen und Club.
Senken und weite Felder wechseln ei- Waschgeräte Schwarzenberg, dem Männer im Alter zwischen 20 und 30, Ich trinke mein Bier aus, bedanke mich
nander ab. Die Wegweiser im mittleren ehemals bedeutendsten Hersteller trinken Bier, rauchen und blicken über und sage meiner Fahrerin, dass ich
Erzgebirgskreis beziehen sich wahl- von Kühlgeräten in Osteuropa, wurde die Felder in das Nebel verhangene abmarschbereit bin. Schließlich muss
weise auf das nächste, das übernäch- Foron. Anfangs sah es auch ganz gut Panorama des mittleren Erzgebirges. sie morgen arbeiten und ist nur mei-
ste oder irgendein anderes Dorf, das aus: 1993 erfand man noch den welt- Es ist fast dunkel. netwegen heute hier herausgekom-
angeblich in der Nähe ist. weit ersten FCKW-freien Kühlschrank. Einer der Jungs führt mich herum. Er men. Zum Abschied werde ich eingela-
Dann Großrückerswalde. Ein rosa Rat- 2001 machte man dann zu. Die Pro- zeigt mir die Feuerstelle hinter dem den, wieder zu kommen, wenn hier mal
haus, eine Kirche, eine Feuerwehrwa- duktion in Niederschmiedeberg war Haus. Die Laube und den Geräte- richtig Party gemacht wird. Ich sage,
che. zu teuer geworden. Foron ließ fortan schuppenm, in dem die beiden Diesel- ich überlege es mir.
Die Wohnhäuser entlang der Durch- in der Türkei fertigen. Danach fehlten aggregate stehen. Die Bude gefällt mir. Und ich meine es.
gangsstraße scheinen in gutem Zu- dann zuerst die Lehrstellen für die vie- Sieht stabil aus. Wer das alles gebaut
Frankreichs geboren. 25 Jahre später
wird de Rais an der Seite der Jungfrau
von Orleans Frankreich vom Joch der
Engländer befreien. Sein Vater fällt 1415
in der Schlacht von Azincourt, in der erst-
mals ein Herr englischer Bogenschützen
ein Aufgebot französischer Ritter besiegte
(ein unerhörtes Novum zu dieser Zeit:
Einfache, nichtadelige Bauern besiegen
mit einer feigen Waffe Ritter von hoher
Geburt!). Gilles de Rais wächst bei sei-
nem Großvater auf, der sich jedoch kaum
um seine Erziehung kümmert. Der junge
Ritter fällt durch Jährzorn, Zügellosigkeit
24 Jahre hatte Josef Fritzl seine Tochter und Grausamkeit auf. In Kombination mit
Elisabeth in einem Kellerverlies gefangen der Macht seines Standes – die Landbe-
gehalten. Als seine Tochter und Enkelin, völkerung war im feudalen Mittelalter der
die 19-jährige Kerstin erkrankt, lässt er totalen Willkür der Adeligen ausgesetzt

VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG Illustration Anna Carina Jass


Alles war schon mal da. PHILIPP MATTHEIS erinnert. NAME DER
KOLUMNE
RUBRIK 19

sich dazu überreden, sie in ein Kranken- – entwickelte sich daraus mit den Jahren
haus zu bringen. Der Inzestskandal von eine Monstrosität, die von Fiktion kaum zu
Amstetten fliegt auf. Immerhin – Gilles übertreffen ist. Erste Züge seiner Persön-
de Rais missbrauchte nicht seine eige- lichkeit offenbaren sich 1426, als de Rais
nen Kinder. (Er hatte nur eine Tochter, zu einem Feldzug nach Südfrankreich
und die fiel ihm nicht zum Opfer.) Die Ta- aufbricht. Er findet Gefallen am Töten,
ten des französischen Barons zählen zu und noch mehr: Es bereitet ihm Lust.
den abgründigsten der Weltgeschichte. 1429 zieht er mit Jeanne d’Arc in Paris
Gleichzeitig steht dieser Mensch für ei- ein. Zuvor wurde Karl IV. in Rheims zum
nen Typus Mann, dessen Zeit langsam König von Frankreich gekrönt. Das Volk
vorüber war. Es war die letzten Atemzüge jubelt, wenige Jahre später ist der Hun-
des Mittelalters: Die Zeit der ungezügel- dertjährige Krieg zu Ende und Frankreich
ten, von niemanden außer der Kirche im befreit. Trotzdem 1430 wird die Jungfrau
Zaum gehaltenen Männer, deren einziger von Orleans an die verfeindeten Burgun-
Lebenssinn das Kriegsführen war, neigte der und Engländer ausgeliefert. Die ma-
sich ihrem Ende. chen ihr den Prozess und verurteilen sie
Gilles de Rais wird 1404 als Sohn eines als Ketzerin zum Tod auf dem Scheiter-
der reichsten und mächtigsten Männer haufen. De Rais hat nun nichts mehr zu
tun. Mit einer Gruppe Eingeschworener schlitze ihnen den Bauch auf und ergöt-
verbringt er die nächste Jahren in seinen ze sich an den inneren Organen. Er bete
zahlreichen Schlössern und verprasst den Teufel an.
seinen Reichtum. Unter ihnen ist auch 1440 kommt die Wahrheit ans Tageslicht.
der Italiener Prelati. Er versteht sich auf De Rais ist zum Opfer seines Jähzorns
Teufelsbeschwörungen und Schwarze geworden. Um seine gewaltigen Aus-
Magie, und wird zu de Rais wichtigsten gaben zu decken, hat er eines seiner
Komplizen. In der Landbevölkerung häu- Schlösser verkauft. Jetzt will er es sich
fen sich unterdessen die Gerüchte, Kin- mit Waffengewalt zurückholen. De Rais
der würden in den Schlössern des Sire de stürmt eine Kirche und wirft den Bruder
Rais verschwinden. Mal ist es ein elfjäh- des Käufers, den Geistlichen Jean le Fer-
riger Junge, der zum Betteln zum Schloss ron, in den Kerker. Nun wird es sowohl
gegangen war. Mal ein 14-Jähriger, der der Kirche als auch seinem Lehnsherren,
als Knappe hätte dienen sollen, aber nie Herzog Johann V., zuviel: Im Herbst 1440
wieder gesehen wurde. Es heißt: De Rais wird de Rais in zwei Prozessen – einem
habe widernatürlichen Verkehr mit sei- weltlichen und einem kirchlichen – wegen
nen Opfern. Er töte Kinder und vergehe Sodomie, Gotteslästerung und Häresie
sich an ihnen im Moment ihres Todes. Er angeklagt. Zunächst streitet de Rais alle

KOLUMNE 20

Vorwürfe ab. Als ihm die Richter jedoch


die Folter androhen, gesteht er. De Rais
wird zum Tod durch Erhängen verurteilt. In
den Jahren von 1433 bis 1440 fielen der
perversen Grausamkeit des Barons min-
destens 140 Kinder im Alter von 8 bis 18
Jahren zum Opfer. Alle tötete er auf grau-
samste Weise und verging sich an ihnen.
Die Prozessakten befinden sich noch
heute in der Nationalbibliothek in Paris
und in Nantes. In der Bretagne und Teilen
der Normandie hat sich die tatsächliche
Gestalt des Barons mit der Sagengestalt
des Königs Blaubart vermischt. Auf die-
se Weise gingen die Grausamkeiten des
Gilles de Rais in die kollektive Erinnerung
der Landbevölkerung ein.
LICHT
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SCHEITERN in Bildern. Zusammengestellt von JAKOB WIERZBA.


Strausberg
NAME DER RUBRIK 22

Foto Christoph Löffler


Kreuzberg, Berlin

Foto Giovanna Schulte-Ontrop


Charzykowy, Polen
NAME DER RUBRIK 24

Foto Jakob Wierzba


Naturkundemuseum

Foto Giovanna Schulte-Ontrop


Palast der Republik,
Berlin

Foto Christine Bachmann


SELBSTBESCHRÄNKUNG Illustration Hanna Milda
Jeder Mensch ist frei. HEINZ HELLE sucht Grenzen. NAME DER
KOLUMNE
RUBRIK 27

Lautlos legen sich dünne Schichten klinisch reinen Wassers auf die glänzende Alumini-
umverkleidung des Beckenrands. Es ist unerträglich hell. Das Kreischen glücklicher Kin-
der bildet einen angenehmen Klangteppich. Meine Beine baumeln im Wasser. Irgendwo
packt eine junge Mutter ihre Brüste ein.

Die Optionen sind überschaubar: Ich kann ins Wasser gehen. Ich kann nach Hause
gehen. Ich kann mich nackt ausziehen und quer über die Liegewiese laufen um zu se-
hen, ob das irgendeine außergewöhnliche Reaktion zur Folge hätte. Hätte es vermutlich
nicht:

Dies ist ein Freibad.

Ein lederhäutiger Mann um die Fünfzig trägt leere Bierflaschen zum Kiosk. Aus einem
ziemlich großen Leopardenstring quillt Schamhaar. Ein Fußkettchen blinkt. Einige dicke
Kinder essen Eis oder Pommes oder beides. Ein Arschgeweih verteidigt sein Revier.
Zwei rauchende Jungs schlagen Flanken quer über die Wiese. Manchmal trifft der Ball
einen lesenden älteren Herrn, aber der lächelt nur milde. Ein Jugendlicher liegt vollkom-
men regungslos auf seiner ebenso jugendlichen und regungslosen Freundin. Zwei tä-
towierte Schwule reiben sich mit Lotion ein. Ein Mädchen lernt Vokabeln. Die Schwulen
knutschen. Ein Bierbauch bringt sich am Beckenrand in Position.
Mir ist heiß.

Die Optionen sind keineswegs überschaubar.

In einem Freibad gibt es keine Regeln außer denen, die das System Freibad am Leben
erhalten. In einem Freibad zu sein bedeutet, dass jederzeit alles passieren kann, aber
so gut wie nichts passiert. Wie im Leben.

Plötzlich fällt ein Meteorit ins Kinderbecken. Der Knall zerfetzt mein Trommelfell. Mit
weit aufgerissenen Mündern springen die, die noch können, auf. Bestimmt schreien sie.
Menschen laufen durcheinander. Zäune werden überwunden, Pläne verworfen. Nach
Sinnzusammen-hängen wird nicht mehr gefragt. Strukturen zerfließen. Rufe, Sätze,
Worte. Alles. Platsch.

Mein Körper gleitet ins Wasser, mit der festen Absicht, zehn schnelle Bahnen zu schwim-
men.

KOLUMNE 28

Es werden immerhin fünf.

Als ich aus dem Becken steige, ist alles wieder in Ordnung.
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diamc ortisim do con utat. zzril ute volenibh esequat, quamet lame- acil et etumsan ea ad dolummo dignim
Text Heinz Helle Guercing ea core magna consecte facidui tum quiscilisl dolendre delit la faccumsan ipis at. Bor ad magnis nulla faccum qua-
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blan exerostrud diam irit nismodolore et ulput luptatue magniamet incillu ptatuero tie tate do dolorting et non eliquat ad do
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Ibh eugait et, suscipit dolore cor acin uta- quismod eum zzrit wis nonsed delenit at conullan hendiamet, quis diamcore dio ex
tum il dolortis dolenim del ulpute digna lam, quissequis num inisci tat atiscing esed magna conum nullan utpatisl ero od
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ting eugait at doloreetue magnisit in ve- enim quip endre dolesectet lam in ullute doleseq uamconsequi tem incil do odo
lenis am doloreetum iriustrud doloboreet faccum alis nonsed dipissectem del digna consequ atuero con ex eu faci exeraes

TITEL – DARF FARBE ÄNDERN UND ZWEIZEILIG SEIN Illustration Name Vorname
Hier steht die Beschreibung des Artikels. Die Farbe des Textes ist schwarz. Der Text kann dreizeilig sein. NAME DER RUBRIK 29

Odio odio consequis elenismod eugait, susto dunt nis diam vel do consecte molor aliquis ea faccum dolorem
aliquam, sis alisim eum ing el utpat lut alisi tionulla commy nullaor tissecte. NAME VORNAME.

utat. Tet in ex etum dolore dolobortie fa- faccum nulla feuguer ad magnibh ea fa- ectet, consectem vullaoreet, sismodipit
cidunt prationsequi essim zzril ipsustrud cillan hendips uscidui sisciduisit at, si. velit lutpat am, sit ametueratem doloreet
modigna feu faccum zzrilit dunt nos ent Mincilla alis augiam alismodigna feuis ex ex er aut pratumsan henibh exeraes-
num velent am et veros nostrud modolo- adiamconsed dolent lummodi psusto ex si.
bore facidunt ex etum do conullu msand- et aut nonse minci te modiamet volor si. It do odipsustrud te feugue diat, sectet,
rercing et, consenim velent ad eugait wis Ugiamcommod tie conulpu tpatie facin verat.
ad dunt utpat wis dolor sectem volorem utat vendigna at. Elendigna faccumsan Sed eum ilis niat augue facin henim nul-
doloboreet, veraess equam, con veliquat henibh er augiam, quamcoreet, quam lan essed doluptatin veros acil ulputem
praesendit, velendr eraesto enit luptat. nos am diatum do od dolor sum augia- inim dunt nonse conse conulla conse do
Lenit luptat. tummy nullaore estrud moloreet la conul- dolore dolut wisi.
Guerili quamconsenim dit iustrud tie do la oreet, suscilit adionulla accummolum Pat. Ut lam irit landre faccums andrera
dolobore diam del eugiat, quisi te dolut et, ver sum am zzriuscincip et nummy essequis dolore dolum quis dit, quat,
prat. nit wis num zzriure min henibh esectem consenisim exerostrud molestie veliquam
Is do od ming ex ex ea feugiam conulput- nulluptat. Ut vel ex el utat, sit, con volo- velit vullan heniamet accumsan henim
pat. Uscipisi. Liquis eugiamet alis et num bor ad duiscil irit inciduipit laore modignis eugait, quis nonsequat vulla faccum volor
ad tet la consequ ipiscidunt duisim zzrilla nos niam vullandre diam augueraessed si.Velenim quisit volore corem quisisci-
adio commy nulput il in eraesenibh elisim modipsu scincipis dolorer sumsandipsum pisl duip esenibh essectet enit, conulput
quatue te magnim vel dolore magna feugi- iriuscin ut in etumsan henisl in ut aute tat. alit iril ullum in henim esting esequat lore
IMPRESSUM
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Herausgeber Philipp Mattheis, Ekaterina Grizik

Redaktion Christoph Gurk, Heinz Helle, Philipp Mattheis, Adrian Renner

Kreation Ekaterina Grizik

Fotoredaktion Jakob Wierzba

Programmierung Bernhard Slawik

Autoren Meredith Haaf, Gordon Repinski

Illustration/Gestaltung Eva-Maria Heier, Anna Jass, Hanna Milda, Sebastian Schöpsdau, THEY

Fotos Christine Bachmann, Christoph Löffler, Giovanna Schulte-Ontrop

Internet www.daheim-magazin.de

Email redaktion@daheim-magazin.de, kreation@daheim-magazin.de, abo@daheim-magazin.de

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