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Christa Wolf: Medea - Stimmen

Der Fluch des Selbstbewußtseins


Mit diesem Buch hat sich die Star-Autorin der ehemaligen
DDR im letzten Jahr wieder zu Wort gemeldet und gleich in
die Feuilletonspalten geschrieben.

Christa Wolf nimmt den alten mythischen Stoff der


Königstochter Medea aus dem kaukasischen Kolchis auf, die
dem Argonauten Jason zu dem ersehnten "Goldenen Vlies"
verhilft und mit ihm nach Griechenland flieht. Bei Christa
Wolf ermordet entgegen dem überlieferten Mythos nicht sie
ihren Halbbruder Absyrtos, sondern ihr um seine Macht
fürchtender Vater. Sie findet mit Jason Aufnahme in Korinth
und erweckt aufgrund ihres Stolzes den Haß der Korinther, die
sie schließlich verbannen und ihre Kinder steinigen.
Christa Wolf legt die Geschichte in eine antike Realität, frei von jeglichen mythischen
Verbrämungen. Bei ihr flieht Medea aus Kolchis, als sie erkennt, daß ihr Vater Aietes den
Bruder als potentiellen Konkurrenten umgebracht hat. In Korinth zeichnet sie sich durch ihre
Heilkünste aus und fällt durch ihre unkonventionelle und eigenwillige Art auf. Diese
selbstbewußte Art gestehen die reichen und selbstüberzeugten Korinther einer "Asylantin"
nicht zu und beginnen, ihr die Schuld an allen größeren und kleineren Unglücken
zuzuschieben. Jason verleugnet sie, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Christa Wolf hat das Buch in elf Monologe eingeteilt, in denen die handelnden Personen ihre
Sicht der Ereignisse schildern und ihre eigene Rolle mehr oder weniger glaubwürdig
reflektieren. Dieser Kunstgriff der multiplen Subjektivität bringt dem Leser die einzelnen
Charaktere näher und wirkt wesentlicher intensiver als der konventionelle Erzählstil.

Christa Wolf handelt das Medea-Mythos in mehreren Ebenen ab:

In der ersten, deutlichsten Ebene beschreibt sie das Schicksal der Fremden, die aus ihrer
Heimat fliehen und sich in den Schutz einer fremden Gesellschaft begeben. Natürlich stand
bei dieser Betrachtungsebene das aktuelle Asylantenproblem Pate. Die Fremden behalten ihre
Sitten und Gebräuche bei, und allein das gereicht ihnen schon zum Nachteil.
Selbstbewußtsein wird ihnen als unpassende Anmaßung gegenüber den großzügigen
Gastgebern ausgelegt. Man erwartet von ihnen Dankbarkeit und Unterwürfigkeit statt
Eigenständigkeit. Diese schwelende Ablehnung des Fremden schlägt dann bei der ersten
Gelegenheit in in Haß und Strafaktionen um, wie die Geschichte seit Jahrhunderten bewiesen
hat.

Die zweite Ebene beschreibt den Konflikt einer starken und selbstbewußten Frau mit einer
patriarchalischen Gesellschaft. Die schwächeren Männer können ihr Rollenverständnis nicht
mit diesem Frauenbild vereinen, und die starken sehen in ihr eine lästige Konkurrentin, gegen
die man z.B. die schwachen Männer ideal mobilisieren kann. Die Männer kommen bei diesem
Vergleich nicht gut weg: Jason ist der typische Feigling mit dem permanentem Drang, sich
von jeglicher Schuld reinzuwaschen und auch von seiner Umwelt die Bestätigung seiner
Unschuld einzutreiben. Dabei steht ausgerechnet das Opfer Medea seiner reinen Selbstschau
im Wege, und so trägt in seinen Augen am Ende zwangsläufig sie die gesamte Schuld am
eigenen Schicksal und seiner vermeintlichen Seelenqual. Andere - Leukon -sehen die eigene
Ohnmacht und den Anteil Feigheit darin und gehen innerlich daran zugrunde. Die reinen
Machtmänner - Akamas - betrachten Medea als Gegnerin und als ideales politisches Opfer
und Werkzeug für ihre Machtpläne.

Die dritte Ebene scheint etwas hergeholt, drängt sich angesichts der Autorin und der aktuellen
politischen Lage jedoch geradezu auf. Abstrahieren wir: In einem östlichen Land vernichtet
der Diktator Erich alias Aietes seinen Sohn Absyrtos - Assoziatiionskette Zukunft, Hoffnung,
Sozialismus - nur um des Machterhalts willen. Die Tochter flieht in den Westen zu den
reichen Korinthern, doch diese erweisen sich schnell als hochmütig, selbstgefällig, habgierig
und verachten die armen Flüchtlinge aus dem "barbarischen" Osten. Bald zeigt sich zudem,
daß die Macht in Korinth auf einem Verbrechen basiert, selbst die allegorische "Leiche im
Keller" wird bemüht. Bald schon sehnen sich die Kolcher in ihre Heimat zurück, die ihnen
immer noch besser als das verkommene Korinth erscheint. Alles klar?

Insgesamt ist Christa Wolf ein sehr eindrigliches Buch gelungen, und auch die Reflexion ihrer
eigenen vormaligen Heimat erscheint verständlich. So wie sie jedoch den Medea-Mythos für
die eigenen Zwecke vergewaltigt - der Mythos schreibt mehrheitlich ihr den Mord an dem
Bruder und den Kindern zu - so wirkt auch die vollkommene Frau etwas zu vordergündig als
eigenes Wunschbild. Medea ist wahrhaftig, liebevoll, leidenschaftlich, mitfühlend,
treusorgend, mutig und konsequent. Christa Wolf selbst steht im Verdacht, zu DDR-Zeiten
zumindestens zeitweise als "Inoffizielle Mitarbeiterin" der Stasi zugearbeitet zu haben.
Werden hier nicht die Tippfehler eines Lebensmanuskriptes mit dem weißen Tippex der
Makellosigkeit übertüncht? Wer ein unbestritten gelungenes Buch mit einem so reichen
historischen und gesellschaftlichen Assoziationsgeflecht überzieht, darf sich nicht wundern,
wenn er sich selbst unversehens in diesem verfängt. Das Buch ist im Luchterhand-Verlag
erschienen.

“Finden, was niemals war”{1} – Christa Wolfs Umdeutung


des Medea-Mythos
Marion Hussong

Anfang der neunziger Jahre, rund ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung der Erzählung
“Kassandra”, begann Christa Wolf, sich erneut mit der Mythologie der vorklassischen Antike
auseinanderzusetzen. Wieder wendete sie sich dem Stoffkreis um eine außergewöhnliche
Frauengestalt zu; diesmal dem der Medea, die seit Euripides als rachsüchtige Bruder- und
Kindermörderin zu den berüchtigten Figuren der griechischen Sagenwelt zählt. Der Autorin
ging es in ihrer Begegnung mit Medea darum, die Frau Medea hinter der literarischen Figur
zu erkennen, ihre Gestalt aus der Einengung der literarischen Tradition zu lösen. Christa Wolf
spricht in ihrem Essay “Begegnungen Third Street”{2} von der Erleichterung, die sie
verspürte, als sie “freudig und triumphierend” (HA 11) durch Quellenstudium des Lexicon
Iconigraphicum Mythologiae Classicae bestätigt fand, was sie intuitiv bereits gewußt habe:
“Die hat ihre Kinder nicht umgebracht” (HA 12).{3} Nun stellte sich für Christa Wolf die
Aufgabe, Medea auf literarischem Wege zu rehabilitieren, den Vorgaben der Überlieferung
durch männliche Autoren eine alternative Variante weiblicher Interpretation
entgegenzustellen. Das Resultat ist der 1996 erschienene Roman Medea. Stimmen.{4}

Wie bereits im Falle der Kassandra-Erzählung, in der Christa Wolf nicht nur die Frauengestalt
der Seherin neu entwarf, sondern auch den Selbstzerstörungstrieb der abendländischen Kultur
zur Diskussion stellte, sollte auch die Neudeutung der Medea-Figur in einem umfassenden
politischen und sozialgeschichtlichen Zusammenhang behandelt werden. Christa Wolf stellte
in ihrem Roman die Frage, warum siegreiche politische Systeme „niemals bereit und in der
Lage sind, die Lebensweise, die Ziele und Ideale [. . .] der unterlegenen Gruppe [. . . ] zu
begreifen“ (MV 23). Sie sei immer wieder auf dieses Problem gestoßen, als „nach der
´Wende´ in Deutschland [. . . ] die DDR von der Bühne der Geschichte verschwand (MV 15).
Unschwer sind auch im Roman die Analogien zur deutsch-deutschen Situation der neunziger
Jahre zu erkennen, in dessen Metaphorik das östliche Kolchis und das westliche Korinth auf
Ost- und Westdeutschland verweisen.

Weder die feministische Komponente des Romans noch der politische Diskurs wurden von
der Pressekritik als gelungen empfunden. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde dem
Buch von Rezensenten nicht viel Anerkennung zuteil. “Im antiken Gewand wird der
Gegenwart der Prozeß gemacht, das heißt der Macht und den Männern” urteilte Der Spiegel
und verwarf das Buch als “banalen Etikettenschwindel.”{5} Frankfurter Allgemeine Zeitung
und Spiegel verstanden Christa Wolfs Medea als Schlüsselroman mit recht billigen Chiffren:
“Honecker heißt jetzt Aietes” wähnt Manfred Fuhrmann von der Frankfurter Allgemeinen.{6}
Volker Hage vom Spiegel will in der Figur des eitlen und bewunderungssüchtigen Presbon,
“dem Ehrgeizling aus dem Osten, der in Korinth sein Talent anbietet,” Marcel Reich Ranicki
erkennen und interpretiert die Gestalt als Retourkutsche einer beleidigten Autorin gegen den
Literaturkritiker, der Christa Wolf in einem 1994 erschienenen Artikel als “Staatsdienerin”
der DDR bezeichnet hatte.{7}

Die Frauenforschung und die feministische Germanistik nahmen Medea wohlwollender auf.
1997 organisierte das FrauenMuseum (sic!) in Bonn die Ausstellung "Medea altera" mit
Arbeiten bildender Künstler und Künstlerinnen zu Christa Wolfs Roman. Der Ausstellung
begleitend wurde der Band Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos
und Bild zusammengestellt, der, ähnlich wie die Frankfurter Poetik-Vorlesungen zur
Kassandra-Erzählung, Arbeitsnotizen und Essays von Christa Wolf zum Medea-Thema
enthält.{8}

Ohne die feministische Komponente und die Ost-West-Thematik in Frage stellen zu wollen,
möchte ich vorschlagen, den Roman hier aus einer Perspektive zu diskutieren, die über die
feministische und tagespolitische Problematik hinausgeht. Im Zentrum von Christa Wolfs
Medea-Buch steht auch die Frage nach dem historischen Bewußtsein abendländischer Kultur
im späten zwanzigsten Jahrhundert. Unter diesem Aspekt bleiben die Frauenfrage und die
Ost-West-Problematik in Christa Wolfs Medea zwar thematisch relevant, sind aber dem
Überbau der eigentlichen geschichtstheoretischen Frage untergeordnet. Wolfs Einschätzung
der deutsch-deutschen Situation nach der Wende und ihr Porträt der aufgeklärten Frau als
Sündenbock einer verblendeten Gesellschaft enthüllen sich als Symptome einer
dreitausendjährigen Geschichtserfahrung, die das Weltgeschehen aus der Sicht der Sieger
interpretiert und die Verlierer verstummen läßt. Diese Art von Geschichtsdiskurs stellt Christa
Wolf mit ihrer radikalen Umdeutung des Medea-Mythos in Frage.

Die Äußerungen Christa Wolfs in dem 1997 verfaßten Essay „Von Kassandra zu Medea“ und
die Poetik-Vorlesungen zum Kassandra-Band verweisen auf diesen Ansatz. Es zeigt sich, daß
sich Querverbindungen zwischen Christa Wolf und dem marxistisch orientierten
Geschichtstheoretiker Walter Benjamin herstellen lassen, der kurz vor seinem Selbstmord
1940, auf der Flucht in Südfrankreich, seine bekannten Thesen „Über den Begriff der
Geschichte“ verfaßt hatte.{9} Drei Denkstränge in Christa Wolfs Auseinandersetzung mit
dem Mythos zeigen Affinitäten zur Geschichtstheorie Walter Benjamins, die er als
„Historischen Materialismus“ bezeichnet. Es sind dies die Frage nach der Achronie,
verstanden als Gleichzeitigkeit historischen Geschehens in Vergangenheit und Gegenwart, die
Frage nach dem Auftauchen und Sich Bemerkbar-Machen von verstummten historischen
Verlierergestalten und die Frage nach dem historischen Telos.

Bereits in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen äußerte sich Christa Wolf zu ihrem


Geschichtsbild. In der Dritten Vorlesung sprach sie sich dafür aus, geschichtliche Realität
nicht als lineare Abfolge in einem räumlich-zeitlich bedingten Koordinatensystem zu sehen,
sondern als Gleichzeitigkeit historischer Phänomene, die Vergangenheit und Gegenwart
bewußt als Nebeneinander verstehen (KV 116). Darauf, daß das Problem historischen
Empfindens ein zentraler Aspekt dieses Buches ist, verweist Christa Wolf, indem sie die
bereits in Kassandra angedeutete These historischer Achronie am Anfang des Romans zur
Diskussion stellt. In Form eines Zitats von Elisabeth Lenk wird Achronie definiert als ein
„Ineinander der Epochen nach dem Modell eines Stativs, eine Flucht sich verjüngender
Strukturen. Man kann sie auseinanderziehen wie eine Ziehharmonika, dann ist es sehr weit
von einem Ende zum anderen, man kann sie aber auch ineinander stülpen wie die russischen
Puppen, dann sind die Wände der Zeiten einander ganz nah“ (M 9). Im Vorwort zum Roman
Medea greift Christa Wolf das Bild dann wieder auf und spricht von der Durchlässigkeit
dieser Zeitenwände, die es uns erlaube, aus der Gegenwart in die Tiefe der Zeit einzutreten.
Bereits die Figur der Kassandra spricht in der Erzählung von diesem Phänomen: Nach dem
Zusammenbruch Troias, in der Erkenntnis des ewig fortwährenden Selbstzerstörungstriebs
der Menschen, sagt sie: „Soviel weiß ich: Es gibt Zeitenlöcher. Dies ist so eines, hier und
jetzt. Wir dürfen es nicht ungenutzt vergehen lassen“ (K 141). Für Christa Wolf wirkt gerade
der Mythos als Katalysator, der solche Zeitenüberlagerungen begünstigt, da er, in seiner
Repräsentativität menschlichen Verhaltens, die Erfahrungen der Gegenwart mit denen längst
versunkener Zeiten verschmelzen läßt (MV 11): Man könne „an solchen scheinbar weit
zurückliegenden Figuren die zeitgenössischen Probleme besonders deutlich herausfiltern“,
stellte Christa Wolf in einem Interview fest: „[. . .] Da wird erkennbar, daß das
Grundverhalten der Menschen in ählichen Situationen schon dem unseren ähnlich oder gleich
war“ (MV 49).{10}

Die Kongruenz der übereinandergelagerten Epochen läßt die Zeit gleichsam stillstehen und
erlaubt der Schriftstellerin, in der Gegenwart die Erfahrung der Jahrtausende
nachzuvollziehen. In ihrem Essay „Begegnungen Third Street“ (HA 7-41) erklärte Christa
Wolf ihre persönliche Erfahrung des Phänomens der Achronie. Sie sei von der mythischen
Gestalt Medea nicht mehr losgekommen, die plötzlich in ihrem Bewußtsein aufgetaucht sei,
ständig im Begriff, sich wieder aufzulösen. (HA 11-12). Durch den Schreibprozeß versuchte
die Autorin, die schemenhafte Figur zu festigen und bleibend zu gestalten.

Ähnlich verhielt es sich bereits beim Erarbeiten der Kassandra-Gestalt. Auch hier schilderte
Christa Wolf ihre Begegnung und Gestaltung der mythologischen Figur, dem Titel der Ersten
Frankfurter Poetik-Vorlesung entsprechend, als „das zufällige Auftauchen und die
allmähliche Verfertigung einer Gestalt“ (KV 9). Walter Benjamins „Historischer
Materialismus“ definiert historische Erkenntnis ähnlich: „Das wahre Bild der Vergangenheit
huscht vorbei“, schreibt Benjamin. „Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen in seiner
Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten“ (I 253). Auch er zieht den
Schluß, daß die Erkenntnis der Gegenwart durch die Einsicht bedingt ist, daß Gegenwart und
Vergangenheit unwiderruflich miteinander verflochten sind. Der Moment des
„Vorbeihuschens“ der Vergangenheit entspricht für Benjamin einem fruchtbaren Augenblick
der „Stillstehung“ der Zeit, die „im Werk“ des Einzelnen „das Lebenswerk“, im Lebenswerk
die Epoche und in der Epoche den gesamten Geschichtsverlauf aufbewahrt“ (I 260). Er
unterscheidet seinen Ansatz von dem des Historismus, der Geschichte anhand der großen
Ereignisse und heroischen Repräsentanten des Weltgeschehens darstellt. Stattdessen will
Benjamin das Augenmerk auf eine umfassende Darstellung der „Ereignisse richten, […] ohne
große und kleine zu unterscheiden”, in der Einsicht, “daß nichts, was sich jemals ereignet hat,
für die Geschichte verloren zu geben ist” (I 252).

Wie Christa Wolf geht es auch Benjamin um das das Hörbar-Machen des Echos der Stimmen
“verstummter” Gestalten der Vergangenheit. Für Kassandra stellte Christa Wolf die Frage
“Wer war Kassandra, bevor man von ihr schrieb?” (KV 127, 138) und verwies darauf, daß die
Figur uns ja nicht in Selbstzeugnissen, sondern nur in der Sicht der Dichter überliefert ist. Bei
Medea geht es um die Rehabilitation einer Frau, die durch die literarische Überlieferung als
Kindermörderin denunziert wurde. Beide sind Verliererfiguren, und Christa Wolf nimmt die
Verliererperspektive an, um ihre Geschichte neu zu erzählen.{11} Wie Walter Benjamin vor
ihr, versteht auch sie die Herkunft des gegenwärtigen Menschen nicht nur als Resultat der „
Mühe der großen Genien [. . . ], sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen” (I
254). Um die Geschichte neu zu erfassen, will Christa Wolf wie Benjamin dieses bisher
stumme Element in die Betrachtung mit einbeziehen: “Die Frauen [. . . ], die Dienstboten, die
Sklaven selbstverständlich, aber auch alle Fremden, die `Barbaren` [. . . ]“ (MV 13). So
gelangt sie in der Studie des Medea Stoffes durch das Hervorholen von Unterdrücktem und
nicht Mitgeteiltem zu einer neuen Sicht der Figur, die sie nun, statt als skrupellose Bruder-
und Kindermörderin, als Opfer einer politischen Intrige und Vernichtungskampagne darstellt.
„Zu finden, was niemals war“ (MV 12), den Mythos neu zu erfassen, indem die traditionelle
Interpretation angefochten wird und neue, produktive Fragen gestellt werden, ist ihr Anliegen.
Dabei ignoriert sie das etablierte Medea-Bild der literarischen Überlieferung nicht einfach,
sondern bezieht es durch das Zeugnis der Personen der Handlung des Romans mit in die
Diskussion ein. In der Überlieferung des Medea-Stoffes leitet Christa Wolf die
Dämonisierung der Figur aus deren Verliererstatus ab. Christa Wolf entwirft in ihrem Roman
ein soziales und politisches Netzwerk von Vorurteilen und Unterdrückung, in dem Medea
vernichtet werden mußte. Medeas Geschichte wurde dann von den Überlebenden, den Siegern
aufgeschrieben; das Bild, das von ihr bleibt, dient dementsprechend den Interessen der Sieger.
Gegen diese Art der Geschichtsinterpretation polemisierte Walter Benjamin, wenn er dem
Historismus vorwarf, sich in die Sieger einzufühlen und wenn er die jeweils Herrschenden als
„die Erben aller, die gesiegt haben“ denunziert, deren Weg über die dahinführt, die heute am
Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man
bezeichnet sie als die Kulturgüter […] Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich
ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch
der Prozeß der Überlieferung nicht, in den es von dem einen an den andern gefallen (I 254)
Sein Anliegen, so Benjamin, sei es, “die Geschichte gegen den Strich zu bürsten” (I 253).

Ebenso Christa Wolfs Sicht der Dinge, wenn sie im Aufsatz “Von Kassandra zu Medea”
feststellt, daß die Sieger entschieden und noch immer entscheiden, “wie diese Geschichten
weitererzählt, umgeformt, umgedeutet und in die Geschichte der [. . . ] gesellschaftlichen
Hierarchie [. . . ] eingebaut wurden” (MV 13). Nicht Medea ist für Christa Wolf barbarisch,
sondern eine Weltsicht, die die Identifikation mit den Siegern und die Ausgrenzung der
Verlierer voraussetzt und gutheißt, ohne alternative Deutungen zu erwägen. Sie erklärte
diesen Gedanken bereits in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen: Die abendländische
Gewohnheit, “den Weg der Sonderung, der Analyse, des Verzichts auf die Mannigfaltigkeit
der Erscheinungen zugunsten [. . . ] der Geschlossenheit von Welbildern und Systemen“ zu
gehen, habe die Entwicklung einer einseitigen Ästhetik der Sieger begünstigt (KV 139). Im
Roman Medea ist Jason der Repräsentant dieser Helden-Ästhetik. Nach der Rückkehr aus
Kolchis wird er von den Korinthern immer wieder genötigt, die Geschichte der
Argonautenfahrt und der Erringung des Goldene Vließes, zu erzählen. Medea hatte Jason
geholfen, die Schlange, Wärterin des Vließes, durch ein Schlafmittel zu beschwören, und so
das Goldene Vließ zu stehlen. Jason weiß: Mit jedem Mal, da er sein Abenteuer erzählt, „hat
die Geschichte sich ein wenig verändert, so wie die Zuhörer es von mir erwarteten“ (M 57).
Medeas helfende Rolle wird im Laufe der Überlieferung herabgespielt, Jasons Heldenmut
wird hochgestapelt. Medea durchschaut das: „Sie haben aus jedem von uns den gemacht, den
sie brauchen“, sagt sie zu Jason. „Aus dir den Heroen und aus mir die böse Frau“ (M 57). Im
Roman wird am Exempel der Rezeption von Jasons Version der Argonautenfahrt, mit ihrer
zunehmend positiven Umdeutung des Männerbildes und ihrer Abwertung des Frauenbildes,
die Fragwürdigkeit unserer Tradition historischer Berichterstattung vorgeführt. Christa Wolf
zeigt: Wo die Überlieferung ansetzt, beginnt zwangsläufig auch die Verfälschung im Sinne
der Machthaber.

Gerade deshalb fühlt sie sich von Stoffen aus der vorklassischen Mythologie angezogen,
deren Gestalten an der Schwelle unserer literarischen Tradition stehen. Sie eignen sich, einen
neuen Ansatz historischer Interpretation zu versuchen. Figuren wie Kassandra und Medea
entstammen einer vorschriftlichen Epoche, die Erinnerung an sie ist uns aber nur durch
schriftliche Zeugnisse erhalten. Was wir, so Christa Wolf, über sie “durch männliche
Überlieferung erfahren haben”, muß “nicht zwingend `die Wahrheit´ sein” (MV 12). Aus den
Spuren dieser vorschriftlichen Erinnerung unter Einbeziehung der vorhandenen Tradierungen
erstellte sie ihr Medea Bild, das nicht nur die Figur – übrigens sehr plausibel – neu zeichnet,
sondern auch diskutiert, wie es zur Dämonisierung dieser Gestalt kommen mußte: Die Frau
muß verleumdet, gedemütigt, gejagt, vernichtet werden. In die Zukunft hinein muß ihr Ruf als
Kindsmörderin befestigt werden. Die Mörder der Kinder gedenken ihrer Opfer in einem
heuchlerischen Kult. Ein Versuch, den mörderischen Verhältnissen durch Einsicht,
Aufklärung, Verhaltensänderung beizukommen, ist abgewehrt. Die Geschichte nimmt ihren
Lauf” (MV 16).

Christa Wolfs Ansatz, Medea neu zu schreiben, zeigt wieder die Verwandtschaft zu Walter
Benjamin, der verlangt: In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem
dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. Nur dem
Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung
anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er
siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört (I 253).

Christa Wolfs Medea-Bild ist ein nonkonformes Beispiel historischer Interpretation im Sinne
Walter Benjamins. Die Kette der Verleumdung der Medea-Gestalt ist mit ihrem Roman
unterbrochen. Wie verhält es sich aber mit der Dimension der Hoffnung, die Benjamin in
seiner These anspricht? Immerhin endet Christa Wolfs Roman mit einem Fluch, den Medea
über die Korinther verhängt. Und wie verhält es sich mit dem kryptischen Ausspruch Medeas
am Schluß des Buches: “Wohin mit mir? Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen
würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort” (M 236).

Innerhalb der hier diskutierten Auffassung von geschichtlicher Zeit müßte Medeas Frage, ob
sie jemals wirklich “dazugehören” kann, verneint werden. Kassandra und Medea verfügen in
der Darstellung Christa Wolfs über die Gabe, die wahren Verhältnisse ihrer Gegenwart richtig
zu sehen und die Folgen für die Zukunft abzuschätzen. In gewisser Hinsicht stehen sie damit
über und außerhalb ihrer Zeit, der diese Erkenntnis fehlt. Dennoch sind sie in ihrer physischen
Präsenz als Gestalten einer Handlung im Verhängnis ihrer Umstände gefangen. Sie gleichen
dem allegorischen Engel der Geschichte, den Walter Benjamin in seiner neunten These des
“Begriffs der Geschichte” folgendermaßen entwirft:

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der
aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen
sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der
Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette
von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig
Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen,
die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfühten. Aber ein Sturm weht vom Paradiese
her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr
schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt,
während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt
nennen, ist dieser Sturm (I 255).

Die Perspektive, die Kassandra und Medea bei Christa Wolf einnehmen, entspricht der des
Angelus Novus von Walter Benjamin. Vor dem Löwentor von Mykene rekapituliert
Kassandra die Geschichte Troias, die auf der metahistorischen Ebene für den
Selbstzerstörungstriebs der abendländischen Kultur steht. Medea sitzt auf der Wartebank vor
dem Gerichtssaal, in dem die Korinther, im Namen des Fortschritts, ihre Verbannung
beschließen werden. Kassandra und Medea sehen und erkennen, welche Folgen dieser
Fortschritt bringen wird. Der Fortschritt gehört den Siegern und die gehen oft über Leichen.
Weder Medea noch Kassandra wollen sich mit den Siegern identifizieren, da sie erkennen,
daß die Verblendung des Fortschrittsglaubens einen sich stets erneuernden Zyklus von
Unterdrückung und Selbstzerstörung, dem “Trümmerhaufen” in Benjamins Allegorie
entsprechend, erzeugt. Ob in Kolchis und Korinth oder in unserer Gegenwart, sich den “neuen
Verhältnissen anzupassen, die sich als die überlegenen, fortgeschritteneren verstehen, was
nicht heißen muß, daß sie die humaneren sind”, heißt auch die Augen vor dem Verhängnis der
Geschichte zu schließen. Da Medea, wie der Angelus Novus, in ihrer Erkenntnis der
Sachverhalte der historischen Entwicklung immer einen Schritt voraus ist, kann es keine Zeit
geben, in die sie passen könnte. Es kann auch niemanden geben, den sie befragen könnte.
“Das ist die Antwort”, erkennt sie am Ende des Buches.

Trotz des düsteren Romanendes läßt Christa Wolf Raum für Hoffnung. “Die Geschichte
nimmt ihren Lauf”, schreibt sie in „Von Kassandra zu Medea“, "doch die Literatur darf ihre
verschiedenen Möglichkeiten durchspielen. Den Mitspielern bleibt überlassen, welche ihnen
einleuchtet. Soll, in der leeren Mitte des Labyrinths, unangefochten der Minotaurus
herrschen? Wird da immer eine Ariadne sein, die dem männlichen Menschen, der das
Ungeheuer besiegt – nicht zuletzt in sich selbst – den Lebensfaden in die Hand gibt, an dem er
sich aus der Finsternis heraustasten kann?” fragt sie (HA 168).
Indem sie die verschiedenen Möglichkeiten durchspielt und eine Variante wählt, die den
verstummten Stimmen der Geschichte Gehör schenkt, wird für Christa Wolf das historische
Bewußtsein erweitert: “Es muß [. . .] immer selbstverständlicher werden, daß der männliche
und der weibliche Blick gemeinsam erst ein vollständiges Bild von der Welt vermitteln.“{12}
In der Neudeutung des Mythos, in dem wir die Achronie der Geschichte erfahren, liegt, so
Christa Wolf, die „Sehnsucht von uns allen, gemeinsam einen Ausweg aus dem Labyrinth zu
suchen und ihn, vielleicht, zu finden [. . . ]“ (HA 168).

Christa Wolf: Medea. Stimmen. München 1996

(S. 217)

1 Tot. Sie haben sie ermordet. Gesteingt, sagt Arinna. Und ich habe gedacht, ihre Rachsucht 2 2
vergeht, wenn ich gehe. Ich habe sie nicht gekannt.

3 Mich hat sie nicht erkannt, doch Lyssa, ihre Mutter, erkannte sie an einem dunklen Fleck 4 in ihrer
Armbeuge. Wie sie erschrak. Das Leben hier hat uns verändert. Die Höhle. Die 5 5 gnadenlose
Sonne im Sommer, die Kälte im Winter. Die Nahrung aus Flechten, Käfern, 6 6 6 kleinem Getier,
Ameisen. Wir sind die Schatten unserer früheren Jahre.

7 Wir Verblendeten. Wir haben von den Kindern als von Lebenden gesprochen. Haben sie 8 8
aufwachsen sehen, Jahr um Jahr. Unsere Rächer sollten sie sein. Und ich war nocht nicht 9 9 aus
dem Weichbild ihrer Stadt, da waren sie schon tot.

10 Welcher Unhold hat Arinna hergeführt. Wollen die Götter mich lehren, wieder an sie zu 11 11
glauben. Da lach ich nur. Jetzt bin ich ihnen über. Wo sie mich auch abtasten mit ihren 12 12
grausamen Organen, sie finden keine Spur von Hoffnung, keine Spur von Furcht an mir. 13 Nichts
nichts. Die Liebe ist zerschlagen, auch der Schmerz hört auf. Ich bin frei. 14 14 14 14 Wunschlos
horch ich auf die Leere, die mich ganz erfüllt.

[...]

16 Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, 17 den ich
fragen könnte. Das ist die Antwort.

Mit diesen Worten endet der Roman von Christa Wolf. Es wird deutlich, dass alle Hoffnung, alle
Mühen der Hauptfigur, ein anderes Leben, jenseits von Machtgier und Grausamkeit aufzubauen,
gescheitert sind. Der Abschnitt beginnt mit: "[t]ot". Nicht nur die Kinder von Medea sind tot, sondern
auch ihr letztes Vertrauen ins Leben. Sie glaubte in der Verbannung fest daran, dass es ihren Söhnen
gut geht, dass sie möglicherweise ihre Mutter eines Tages rächen würden (vgl. Zeile 7f). Nur mit
diesem festen Halt war es ihr möglich unter all den Entbehrungen "als Schatten [ihrer] früheren Jahre"
weiterzuleben. Doch auch dieser letzte Halt im Leben wird ihr genommen, indem sie die Wahrheit
erfuhr.

Der Personalisierung der Sonne mit der Attribuierung durch "gnadenlos", ein Adjektiv, das einen
menschlichen Charakterzug beschreibt, wird ein Leben im Schatten entgegen gestellt, so dass ein
Gegensatz entsteht. Die Sonne könnte metaphorisch für eine göttliche Instanz stehen, im Text ist z.B.
an anderer Stelle (S. 172) vom Sonnengott Helios die Rede oder für die Bewohner von Korinth und
Kolchis, vor denen sie fliehen musste. Da die Sonne "gnadenlos" ihre Ziele verfolgt, muss Medea als
Kritikerin z. B. auch der Götter (vgl. Z. ) als Schatten leben, als Schatten der Vergangenheit, in der sie
noch Kraft hatte, sich gegen den Lauf der Dinge aufzulehnen, in der ihre Kinder noch lebten. Aber
selbst dieses schattenhafte Dasein ist vorbei. Es gibt nur noch "Leere, die [sie] ganz erfüllt" (Z.14).

Medea stellt ihren Mitmenschen Fragen, sie hinterfragt sie. Aber ihre Fragen bleiben ohne
Fragezeichen: "Welcher Unhold hat Arinna hergeführt. Wollen die Götter mich lehren, wieder an sie zu
glauben" (Z. 10 f).

Vielleicht kommt so ihre Resignation zum Ausdruck. Durch ein Fragezeichen wird signalisiert, dass
steigende Intonation vorliegt, ein Merkmal neben der syntaktischen Struktur, das Fragen von allen
anderen Sätzen unterscheidet. Ist kein Fragezeichen vorhanden, obwohl die Wortstellung eindeutig
auf den Fragemodus hinweist, entsteht der Eindruck, als ob in diesen Fragen keine Emotion liegt,
sondern Enttäuschung oder Gleichgültigkeit. Ihre große Lebensfragen "Wohin mit mir. Ist eine Welt zu
denke, eine Zeit, in die ich passen würde (Z., 16)." bleiben offen.

Stellungnahmen
Alle Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, sich zum Roman zu äußern, eigene
Schwerpunkte zu setzen und die eigene Position zu reflektieren:

Inhaltlich hat mir der Roman eigentlich sehr gut gefallen. Die Veränderung der Hauptfigur
von der "Kindsmörderin" zur unschuldigen Frau ist gelungen. Auch die Konstellationen der
anderen Figuren zueinander und deren Charakter fand ich sehr interessant. Am besten hat mir
die Auseinandersetzung mit den, auf die heutige Zeit übertragbaren, Probleme gefallen. Dazu
gehören vor allen Dingen der Fremdenhass und die Ausgrenzung Anderer. Ebenfalls
interessant fand ich die Behandlung des Themas "Menschen- und Tieropfer" und die
Einstellung Medeas dazu.

Was mir an dem Roman weniger gut gefallen hat, sind zum einen die deutlichen Parallelen
zwischen Medea und der DDR- Vergangenheit von Christa Wolf. Meiner Meinung nach
kommt dieser Aspekt deutlich zum Ausdruck und ist leicht durchschaubar. Zum anderen
gefällt mir persönlich der Schreibstil von Christa Wolf nicht so sehr. Viele Sätze sind etwas
umständlich formuliert und deshalb schwer zu verstehen. Alles in allem, fand ich den Roman
aber auf jeden Fall lesenswert. Eva Schäfer

Mir hat der Roman gut gefallen, da sich Christa Wolf getraut hat, den Mythos aus einer
Männerdomäne, fast vollkommen umzuschreiben und daraus einen positiven Frauenroman zu
machen. Vom Inhalt her gefällt mir der Roman auch gut, da er immer wieder neue Rätsel und
Hintergründe aufzeigt und erst bei näherer Untersuchung entschlüsselt werden kann, was
aber auch nicht immer gelingt, wie man anhand der gestrigen Diskussion über den
Völkerkonflikt unschwer erkennen konnte. Ich mag spannende Bücher mit Intrigen. Auch ist
Medea kein "Heldenroman", sondern zeigt vielmehr die Schattenseiten, die eine starke
Persönlichkeit umgeben. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich den noch nicht gut kenne.
Ich konnte noch nicht ganz hinter das verwirrende Netz blicken, das Medea umgibt. Negativ
ist jedoch, dass der Roman einer typischen Schullektüre immer noch zu sehr ähnelt. Ich lese
privat zwar auch gerne Romane, und dieser hat mir als Unterrichtslektüre gut gefallen, doch
privat wäre Medea absolut nicht mein Fall. Melanie Becker

Einige Elemente des Romans haben mir ganz gut gefallen, andere weniger. Daher würde ich
persönlich das Buch in die Kategorie einmal lesbar einordnen. Ich persönlich mag es weniger,
wenn Frauen extrem emanzipatorische Züge an sich tragen. Warum kann in einem Roman
eine Frau nicht ganz natürlich sein? Medea wird mir zu sehr verherrlicht. Gefallen hat es mir,
dass wie man immer wieder in einer zweiten Ebene Bezüge zum Leben in der ehemaligen
DDR und der BRD finden konnte. Dies zeigt, dass unsere heutigen Probleme nicht erst jetzt
entstanden sind. Meine Lieblingsfigur ist Agameda. Ohne sie wäre ich beim Lesen sonst
stellenweise eingeschlafen. Ich habe nämlich verzweifelt die auf dem Umschlag
angekündigten "Spannungselemente eines modernen Polit- und Psychokrimis" gesucht. Nach
dem ersten Kapitel musste ich mich zwingen diese Buch weiterzulesen. Da dachte ich nur:
Hoffentlich ist nicht das ganze Buch in so einem "weinerlichen" Stil geschrieben. Auch wenn
es dann zum Glück nicht der Fall war, fand ich n ur wenige Stellen spannend. Ich werde mir
privat keinen Roman von Christa Wolf mehr kaufen! (Ich weiß, dass das falsch ist, denn ich
müsste mindestens ein 2.Buch von ihr lesen, um gerechterweise sagen zu können: nie mehr!")

Dafür werde ich aber versuchen, wenn ich Zeit habe (die mir als gestresste Schülerin leider
fehlt), also erst in den Sommerferien mal den Mythos zu lesen. Ich glaube, dass mir dieser
besser gefallen wird, denn Ödipus fand ich auch gut.(Ödipus ist meine
"Lieblingsschullektüre"!). Das heißt, dass mir Christa Wolfs "Medea" doch etwas gebracht
hat. Katharina Siebert

Der Roman "Medea - Stimmen" von Christa Wolf entdeckt einen antiken Mythos neu und
entwickelt dabei einen so aktuellen, zeitgenössischen Bezug, dass dieser sich vielschichtig und
immer wieder anders erleben lässt. Jede der Stimmen stellt einen eigenen Charakter dar, der
tiefe Einblicke in die Psyche erlaubt und daher besonders authentisch wirkt. Das Buch ist
fesselnd, eine gelungene Mixtur aus Spannung, Hoffnung und Verzweiflung. Am Ende des
Romans schien sich die Leere in Medea beklemmend auf den Leser zu übertragen, die eigene
Hilflosigkeit wird ihm erschreckend im Spiegel präsentiert. Dass eine als Ideal gezeichnete
Figur wie Medea mit ehrenhaften Motiven und reinem Herz am Machttrieb und der
Profitsucht der Menschen scheitert, lässt den Leser Verzweiflung empfinden, denn so kann es
nicht richtig sein. Dass es aber auch heute, nach 2000 Jahren immer noch solche Schicksale
gibt, trifft ihn noch mehr, noch persönlicher. Nicht zuletzt wird dies durch die einfühlsame
Schilderung erreicht, die den gesamten Roman durchzieht. Man bleibt mit dem nagenden
Zweifel zurück, ob man selbst nicht schon einmal Opfer von Propaganda und
Machtmissbrauch geworden ist als Teil einer Masse, die einer Einzelperson großes Unrecht
getan hat. Dies muss nicht in einem großen politischen Rahmen geschehen sein wie das
Beispiel in Korinth, und trotzdem ist der Gedanke nicht weniger unangenehm. Die
faszinierendste Figur in dem Roman ist mit Abstand Medea. Couragierte Frauen wie sie, die
für die Gerechtigkeit einstehen und ihre Identität nicht durch Normenkontrolle aufgeben sind
selten und somit nacheifernswert. Insgesamt ist der Roman abgerundet und gelungen,
bewegend und anregend zugleich. Dieses Buch will nicht nur einfach gelesen werden, es will
etwas verändern. n.n.
Der Roman hat mir gut gefallen, nur der Schluss nicht. Ich habegehofft, dass Medea und
Jason am Ende noch zusammenkommen und ihre Kinder nicht umgebracht werden. Am
Anfang fand ich das Buch sehr schwer zu verstehen, da es keine Einleitung gibt und immer
nur eine Person berichtet, bzw. es nur ihre Gedanken sind. Was ich auch gut finde ist, dass
man die Probleme auf die heutige Zeit übertragen kann. Z.B. auf den heutigen Rassismus.
Außerdem finde ich gut dargestellt, wie sich die Menschen auf einmal von einem entfernen,
nur weil die Gesellschaft einen verachtet und , dass noch nicht einmal Medeas Mann Jason zu
ihr hält. Heute gibt es auch viele Fälle, wo Menschen von denen, die sie lieben verlassen
werden, nur weil sie nicht mehr der Gesellschaft entsprechen. Man sieht auch sehr gut, welche
Wandlungen der Mensch in seinem Leben durchmacht.(Vom einem hochangesehenen zu
einem verachteten Menschen) Ich denke, dass mich das Buch auch zum Nachdenken angeregt
hat und zwar darüber, dass man einen Menschen nicht verstoßen soll, nur weil er anders
denkt. Außerdem sieht man, nicht jedem blind vertrauen soll. Alex Michalak

Mir persönlich hat der Roman "Medea Stimmen" von Christa Wolf sehr gut gefallen, da
gerade die Protagonistin auch eine Frau aus der heutigen Zeit hätte sein können. Jede
Leserin könnte sich mit ihr identifizieren, da sich, jede Frau, wie auch Medea in diesem
Roman, nach Liebe sehnt. Vor allem de Aufbau dieses Romans ist sehr ungewöhnlich, aber
gerade deshalb ist er wohl sehr spannend und abwechslungsreich geworden. Der Leser kann
durch die Monologe verschiedener Beteiligter, die Geschehnisse aus verschiedenen
Blickwinkeln und Aussichten betrachten. Dadurch erhält der Leser ein besseres und vor allem
nicht einseitiges Bild über die unterschiedlichen Charaktere. Auch wird durch diesen Aufbau
eine gewisse Spannung erzeugt, da dieser Roman durch die verschiedenen Monologe Stück
für Stück wie ein Puzzle zusammengesetzt werden muss um ein ganzes Stück zu erhalten. Der
Roman wäre niemals vollständig und verständlich würde auch nur ein "Puzzlestück" fehlen.
Meiner Meinung nach ist es auch sehr interessant, dass Christa Wolf in ihrem Roman
versucht einen alten griechischen Mythos aufleben zu lassen und dieser dadurch modernisiert
wird. Die Autorin schildert Medea nicht mehr als Kindsmörderin, wie es der griechische
Mythos erzählt, eher als kluge, weise und wissende Frau die aus diesem Grund eine Gefahr
für den mächtigen Kreon darstellt und deshalb gegen Ende des Romans fliehen muss. In
diesem Roman wird sehr stark deutlich, dass das Thema der Macht nicht nur in der
griechischen Mythologie behandelt worden ist sondern auch bis in die heutige Zeit hinein
behandelt werden kann oder wohl eher muss. Mareike Suchatzki

Mir hat das Buch recht gut gefallen. Die Einteilung in die verschiedenen Leute bzw. Stimmen
fand ich sehr originell und abwechslungsreich. Es wäre äußerst interessant zu erfahren, wie
Leute sich verändern und wie verschiedene Menschen zu einem Sachverhalt Stellung nehmen.
Jeder von diesen "Stimmen" hat die Geschichte so geschildert, dass er selbst am Ende gut "da
steht". Außerdem bekommt man durch diese Art der Gliederung bzw. des Aufbaus, einen sehr
guten Überblick über die verschieden Charaktere. Des Weiteren fand ich gut, dass Christa
Wolf die "Vorlage" von Euripides abgeändert hat. Da man für gewöhnlich nur "Medea" von
Euripides kennt und so Medea als frevelhafte, mordende Frau kennt, ist es umso interessanter,
die selbe Frau als unschuldige Widerstands- Kämpferin zu sehen. Einen weiteren Punkt, der
interessant ist, ist der, dass der Roman eigentlich auf mehreren Ebenen abläuft. Auf der ersten
Ebene Medea, die zu unrecht verbannt wird und deren Kinder gesteinigt werden. Auf der
zweiten Ebene, die Assoziationen mit der ehemaligen DDR. Diese, so denke ich, sind
offensichtlich. Dies bleibt aufgrund von Christa Wolfs Vergangenheit, wie jeder weis, nicht
verborgen. So könnte Medea, die aus Kolchis, also aus der ehemaligen DDR flieht, eine
einstige Bürgerin dieses Staates sein. Aites wäre dann der Sozialismus, der die Demokratie
und andere demokratische Elemente in Form des Absyrtos umbringt. Dies alles nur, damit
Aites alias der Sozialismus länger sn der Macht bleiben kann. Medea findet aber auch in
"Westdeutschland", verkörpert durch die Stadt Korinth, keinen Frieden. Hier wird sie als
Fremde bzw. Asylantin behandelt und man verlangt von ihr, ein Stück weit ihre
Persönlichkeit aufzugeben um sich den Korinthern alias die Westdeutschen anzupassen. Ich
denke diese indirekte Kritik von Christa Wolf kommt in ihrem Roman "Medea - Stimmen"
zum Ausdruck. Ich fand es gut, dieses Buch zu lesen, da es eine moderne Umgestaltung der
"Euripides - Vorlage" zum gesellschaftspolitischen Drama, ist. Kathrin Lülsdorf

Mir persönlich hat der Roman "Medea" von Christa Wolf gut gefallen. Ich fand es
faszinierend, wie sie die alte "Medea" neu gestaltet und in einen anderen Menschen
umgewandelt hat. Sie hat Medea mit neuen Charakterzügen versehen und ihr somit eine
andere Rolle in der Gesellschaft gegeben. Auch fand ich es spannend, mir als Leser einen
Einblick in die Intrigen und verborgenen Geheimnisse an den Königshöfen verschaffen zu
können. Mich beeindruckte die Darstellung der einzelnen Hauptpersonen. Jede wurde mit
unverwechselbaren Charaktereigenschaften versehen und spielte ihr eigenes "Spiel" im
Roman. Diese unterschiedlichen Personen machen meiner Meinung nach den Roman erst
faszinierend. Man fragt sich immer, wie die einzelnen Personen wohl auf die
Vorgehensweisen ihrer "Mitmenschen" reagieren. Der Hauptgrund, warum mir der Roman
gefallen hat, ist die Hauptfigur Medea. Ihre Denk- und Vorgehensweise schafft es, den Leser
in ihren Bann zu ziehen. Ihre Neugier und Unerschrockenheit im Bezug auf das "Geheimnis"
in Korinth und ihre Art mit Menschen umzugehen haben etwas außergewöhnliches. Etwas,
was mich in diesem Roman etwas abgeschreckt hat, waren die Intrigen. Im ersten Moment
kommt es einem etwas übertrieben vor. Wenn man jedoch genauer nachdenkt wird einem
bewusst, dass sich die Gesellschaft auch heute in diesem Punkt nicht geändert hat. Wenn
jemand anders ist, als die anderen, gegen den Strom schwimmt, sich nicht immer anpasst und
weiß, was er kann, von sich überzeugt ist, kann es durchaus vorkommen, dass derjenige der
Stein des Anstoßes in der Gesellschaft wird. Meiner Meinung nach lässt sich der Roman
aufgrund des eben genannten Aspektes und einiger anderer durchaus auf die heutige Zeit
übertragen. Kathrin Loh

Mir persönlich hat der Roman sehr gut gefallen. Ich möchte fast sagen, dass er eine
Bereicherung meines Wissens ist. Mir gefällt die Art von Prosatexten. Sie sind sehr
tiefgründig und man erhält einen Einblick in die Emotionen Liebe, Schmerz und Ohnmacht
der einzelnen Personen. Da ich sowieso ein Fan von griechischen Mythen bin, gefällt es mir,
dass eine moderne Schriftstellerin sie neu überarbeitet hat. An alten Schriftstücken wird
deutlich, dass sich im Wandel der Zeit nichts grundlegendes verändert hat. Die Sucht an
Machtergreifung, die Verzweiflung an Liebe, das Kaschieren von Grausamkeiten, auch in
Vormachtstellungen sowie ehrgeizige Widerstandskämpfer hat es früher als auch heute immer
schon gegeben. Ich kann diesen Roman nur weiterempfehlen, an diejenigen, die sich für die
Psyche anderer interessieren und die sich selbst gerne Gedanken machen. Ich werde diesen
Roman bestimmt in langer Erinnerung behalten. Judith Röder
Medea Stimmen. Der Titel sprach mich schon von Beginn an an. Einerseits, weil mich
Romane über geschichtliche bzw. mythische Begebenheiten ansprechen. Andererseits auch,
weil ich, bevor ich die Fassung von Christa Wolf gelesen habe, so gut wie gar nichts über
diesen Mythos wusste. Den Roman von Christa Wolf habe ich fast an einem Stück
durchgelesen: es fesselte mich förmlich. Obwohl ich so (d.h. beim ersten Lesen) noch nicht
alle Dinge und Anspielungen verstanden habe und mir noch nicht über den Sinn des Romans
im Klaren war, denke ich, dass mir die Besprechung im Unterricht vieles verdeutlicht hat. Mir
hat gut gefallen, wie die Autorin einen solch alten Sachverhalt auf aktuelle Probleme
übertragen hat und diese so lebendig werden lässt. Eine ganz neue Erfahrung, denn viele
geschichtliche Romane, wie z.B. "Die Päpstin" vermitteln lediglich einen Einblick in die
Verhältnisse der beschriebenen Zeit. Die Struktur des Romans war auch interessant zu
verfolgen: verschiedene Personen nehmen Stellung zur Hauptperson und geben so Einblick in
die Verhältnisse und Zustände in Kolchis und Korinth. Allerdings erscheint mir Medea selbst
in manchen Punkten als etwas zu stark hervorgehoben bzw. zu idealisiert und damit
unglaubwürdig. Katharina Delinsky

Der Roman war in unserer heutigen Sprache geschrieben und daher leicht zu verstehen. Daher
konnte man sich leicht überwinden ihn zu lesen, anders als bei "Woyzeck" oder "Der
Bibelpelz". In dem Roman war viel Spannung durch die Morde und Intrigen und es wurde nie
langweilig, obwohl man von Anfang an wusste, dass Medea am Schluss entweder umgebracht
oder verbrannt werden würde. Ich fand sehr gut, das verschieden Personen von ihr erzählt
haben, da man sich so ein eigenes Bild von ihr Machen konnte und nicht nur ihr Verhalten aus
der einseitigen Sicht einer Person beschrieben wurde. So wurde jeder Satz wichtig und hat
bestimmte Details gegeben, die man zum Verständnis des Verhaltens einiger Personen
brauchte. Bei "Stille Zeile sechs" wurde man leicht dazu verleitet, ein paar Seiten zu
überlesen, da dort wenig Handlung oder Spannung drin war. Ich finde es auch gut, dass ein
alter Mythos neu, als unterhaltender Roman geschrieben wird, so lernt man alte Mythen
kennen. Bücher wie "Andorra" zum Beispiel würde ich nie freiwillig lesen, da sie für mich
keinen Nutzen haben. Bücher müssen auf realen Begebenheiten beruhen oder über
Allgemeinwissen ( Mythos Medea) berichten. Ich fand auch gut, dass hier eine Frau die
Hauptrolle hatte, die zudem noch äusserst interessante Charaktereigenschaften besitzt.
Besonders interessant fand ich, als Psychologie- Fan, die Therapie, die sie mit Glauke
gemacht hat. Heilung durch aufkrempeln der Vergangenheit und dann, Konfrontation mit dem
gemiedenen Ort. Schade fand ich nur, dass die Person der Merope so wenig beschrieben
wurde. Mich hätte ihr Verhalten mehr interessiert, als das des Oistros, da man doch ihre
Tochter geopfert hat. Marina Schuster

Mir persönlich hat der Roman relativ gut gefallen, da ich es für eine gute Idee halte, einen so
alten Mythos wieder aufzugreifen und ihn für die heutige Zeit zugänglicher zu machen.
Besonders gelungen fand ich die Rolle der Medea, die nicht mehr als Kindsmörderin
dargestellt wird, sondern als Sündenbock. Jedoch glaube ich nicht, dass sie so sehr
emanzipiert war, wie wir im Unterricht gesagt hatten. Zudem war es nicht sehr leicht, sich in
den Roman einzulesen, weil er nicht chronologisch geordnet ist und oft zwischen den Zeiten
springt. Das macht es auch schwer manche Anspielungen zu erkennen und zu verstehen.
Nochmals würde ich das Buch allerdings nicht lesen und privat käme es für mich nicht in
Frage, d.h. mir gefällt zwar die Idee auf die der Roman basiert, aber die Umsetzung nicht.
Außerdem sehe ich den Zusammenhang zwischen DDR und BRD zu Korinth und Kolchis
nicht. Medea wird einfach zu sehr als "Heldin" von C. Wolf beschreiben und die angekündigte
Spannung blieb in meinen Augen völlig aus. Der Stil in dem C. Wolf schreibt, sagt mir absolut
nicht zu, darum werde ich privat bestimmt kein Buch mehr von ihr lesen. Also, als Schul-
Lektüre ganz akzeptabel aber um es privat zu lesen zu langatmig, langweilig und
uninteressant. Stefanie Thomas

Mir hat der Roman sehr gut gefallen; das Interessante ist vor allem die Schreibweise des
Romans. Durch die "Stimmen", die den Verlauf der Geschichte jeweils aus ihrer Sicht
schildern, hat man als Leser die Möglichkeit, ganz verschiedene Eindrücke über ein und
dasselbe Geschehen zu bekommen. Dadurch kann man den Hintergrund und das eigentliche
Geschehen besser verstehen und hat nicht, wie in vielen anderen Romanen, nur eine einseitige
Bewertung bzw. Schilderung des Ganzen. Ebenfalls sehr interessant ist die geschickte
Hinführung der einzelnen Stimmen, die Christa Wolf sprechen lässt. Sie beschreibt
beispielsweise durch Agameda die Person Akamas, die wiederum im Kapitel. In dem Akamas
spricht, aufgegriffen wird und in Bezug auf Agamedas Aussage weiterhin bestärkt wird.
Somit bekommt man als Leser ein unglaubliches Spannungsgefühl, weil man ja schon weiß,
dass die Personen über ein und dieselbe Sache eine grundverschiedene Meinung haben
könnten und man somit verschiedene Interpretationen sowie unterschiedliche Charaktere zu
"sehen" bekommt. Sehr gut hat mir auch gefallen, dass die Geschichte Medeas auch auf die
heutige Zeit zu übertragen ist, was mir während des Lesens immer wieder aufgefallen ist.
Hierdurch habe ich mich mit dem Roman identifizieren können, nicht, weil ich selber
Erfahrungen solcher Art gemacht habe, sondern vielmehr, weil Medeas Situation auf dem
heutigen weit verbreiteten Fremdenhass zu übertragen ist, der weltweit zur Erschütterung
führt. Da ich persönlich auch eher philosophisch veranlagt bin und mich gern mit Psychologie
auseinandersetze, stellt der Roman "Medea" für mich nicht nur ein einfaches Buch dar,
sondern so etwas wie eine Quelle psychologisch zu interpretierenden Ereignissen, die ich
gerne auf meine eigene Art interpretiere. Diese Eigenschaft des Romans lässt sich nicht in
jedem solcher Art finden. Corinna Suchatzki

Mir hat der Roman gefallen, da er aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird und man
sich so selbst seine eigene Meinung bilden kann. Außerdem konnte man sich selbst gut
hineinversetzen, da sicher jeder schon mal in einer Lage war in der er andere gegen sich
hatte. Obwohl dies hier ja natürlich verstärkt war. Gut war auch, das es kein so alter Stoff
war mit dem nichts anfangen kann. Die Thematik dieses Buches ist auf die aktuelle Zeit immer
noch übertragbar. Zum Beispiel die Ausländerfeindlichkeit, der damaligen Konflikt
Westdeutschland gegen Ostdeutschland oder auch Unterordnungen zwischen Armen und
Reichen. Noch immer ist man auch heute solchen Umständen /Konfliktsituationen ausgesetzt
und noch immer ist man auf der Suche nach einer Frau wie Medea. Medea, die emanzipierte
Frau, die hier die Rolle des Vorbildes übernimmt und die bewusst handelt ohne jegliche
Konsequenzen aus dem Weg zu gehen. Dies aber, auch die negativ handelnden Personen
machen diesen Roman interessant und beeindruckend. Was mich überrascht, oder besser
gesagt nachdenklich gemacht hat, ist das naive Zusammenhalten der Korinther, die trotz der
Erkenntnis über die Wahrheit, solange mit dieser Last leben. Dies ist es jedoch was den
Roman spannend macht. Also, im Großen und Ganzen hat mir der Roman sehr gut gefallen,
wir sollten öfters Bücher lesen, die so deutlich negative und positive Charaktere
repräsentieren und verschiedene Meinungen im Ganzen erkennen lassen. Sogar Leute von
denen man es nicht glaubt, haben Leichen im Keller.
Svenja Amann

Der Roman "Medea" von Christa Wolf hat mir gut gefallen, da in ihm zeitlose Probleme
verarbeitet sind: Das Problem der Machtausübung, der Zuwanderung und das Verhältnis
Mann - Frau. Diese Themen beleuchtet Christa Wolf von verschieden Seiten, wodurch sie mir
gut zugängig wurden. Alle sind auf heute übertragbar und aktuell. Allerdings ist die
Darstellung der Medea meiner Meinung nach etwas zu heroisch geraten, da sie meist völlig
selbstlos und mit bewunderswerter Konsequenz handelt. Dadurch wird die Übertragbarkeit
auf wenige Personen beschränkt. Um den Roman beurteilen zu können und dabei auch
Christa Wolf gerecht zu werden, habe ich mich nach ihrer Intension gefragt. Mir scheint, dass
sie ihre eigene Vergangenheit in der DDR verarbeiten, aber auch in gewisser Weise
rechtfertigen will: Sie schildert weder Kolchis (DDR) nach Korinth (Westdeutschland) als
"perfekte" Staatsformen und stellt die Behauptung auf, dass beide "eine Leiche im Keller
haben", auf der sie ihre Macht aufgebaut haben. Mich würden daher zweierlei Dinge
interessieren: Erstens, was sie als Leiche der DDR bzw. Westdeutschland bezeichnen würde.
Das andere wäre die Frage, ob sie in ihren anderen Werken ebenfalls ihre Vergangenheit
beschrieben hat und wie die DDR dabei "wegkam". Allein von der Lesbarkeit her fand ich
ihrem Stil teilweise etwas anstrengend, da sie überlange Sätze mit, meiner Meinung nach, zu
vielen Pronomen formuliert. Aber die Art und Weise, wie sie die psychischen Hintergründe
für das menschliche Handeln analysiert, finde ich sehr interessant und gelungen.
Abschließend fand ich diesen Roman aufgrund seiner Aktualität und Vielschichtigkeit
ansprechend und gut. Mirjam Stahl