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GLETSCHER-

SCHWUND AM
KILIMANDSCHARO

DEUTSCHE AUSGABE DES

SE RI E GE H IR N (TEIL II) Q U A SA R E SONNENSY STEM


Debatte: Wie funktioniert Neues von den Das Boot ist voll –
Bewusstsein? Strahlungsmonstern mit Planeten

ZUM
1/08

JAHR DER
MATHE-
MATIK
Neues aus der
JANUAR 2008

Welt der Fraktale


Mit Computerexperimenten entdecken
Forscher rätselhafte Geometrien

7,40 € (D/A) · 8,– € (L) · 14,– sFr.


D6179E
EDITORIAL
Der Datenanalyse- und Grafik-Workspace

Reinhard Breuer
Chefredakteur

Das Boot ist voll !


Die Frage, wie gut unser Planetensystem gegen Störungen von außen und
innen gewappnet ist, beschäftigt nicht nur Mathematiker und Astronomen seit
Jahrhunderten. Als Mensch möchte man ja schließlich gern wissen, ob die Erde
auch künftig noch verlässlich um die Sonne ziehen wird.
Unterstützt von Supercomputern kann man heute die planetaren Bewegungen
im Sonnensystem mit hoher Präzision, wenn auch nicht für alle Zukunft, simu­
lieren und ebenfalls ihre Stabilität untersuchen. Die neuen Resultate sind verblüf­ Highlights in ORIGIN 8 (• neue Funktionen):
fend. Unser Planetensystem ist, trotz weit gehend leerer (Welt-)Räume, bereits
randvoll, jedenfalls unter Gesichtspunkten der Stabilität. Das klingt reichlich • Technische Graphen in Publikationsqualität
paradox, ist aber ein Segen: Noch stärkeres planetares Gedränge würde auf der • Neue Arbeitsmappen mit mehreren Blättern
Erde eine Unruhe stiften, die uns nicht guttäte (S. 26). und Arbeitsmappen-Manager
• Sparklines und Meta-Daten im Spaltenkopf
Zum Jahr der Mathematik 2008 passt das Titelthema dieser Ausgabe: Fraktale. • Microsoft® Office Integration
Zwar verhalf ihnen erst der IBM-Forscher Benoît Mandelbrot mit dem »Apfelmänn- • Grafikformate als Design speichern
chen« so richtig zum Durchbruch. Doch reichen Vorläuferideen bis weit ins 19. • Neue Importformate: Axon pCLAMP®, ETAS
Jahrhundert zurück, insbesondere bis zum Mathematiker Felix Klein (1849 – 1925). INCA, imc FAMOS, Bild (BMP, GIF, JPG, uvm...),
Warum wir uns jetzt mit Fraktalen befassen? Vor einigen Jahren erschien das Fach- Kaleidagraph®, Minitab®, National Instruments
buch »Indra’s Pearls – The Vision of Felix Klein« über neuartige fraktale Gebilde. DIAdem und TDM, netCDF, SigmaPlot®, uvm...
Das Werk enthält anspruchsvollen Stoff und ist deshalb nur mathematisch Einge­ • Analysetemplates mit Autoaktualisieren
weihten anzuraten. Aber seine Ergebnisse, nämlich wundersame fraktale Land­ • Konsolidierte Reports für Ergebnisse
schaften und vorweihnachtlich verzaubernde Geometrien, sind seitdem – gleich­ • X-Funktionen und Kommandofenster
falls mit Com­puterhilfe – der Visualisierung zugänglich geworden. • ActiveX® und COM Support
Unser Mathematikredakteur Christoph Pöppe hat seit Langem ein Faible für • Drag&Drop- import, -analyse & -visualize
geometrische Gebilde. Der Medienpreisträger der Deutschen Mathematiker-
Vereinigung hat das Thema in seinem Beitrag so aufbereitet, dass auch Normal- • ORIGINPRO 8 bietet alle Funktionen von ORIGIN
sterbliche etwas davon haben (S. 72). und darüber hinaus erweiterte Analysehilfsmit-
tel für Statistik, 3D-Anpassung,
Herzlich Ihr Bild- und Signalverarbeitung.

Weitere Informationen zu ORIGIN:


http://www.additive-origin.de/sdw

Kostenfreie Demoversion:
http://www.additive-origin.de/download
NEU: unser Blogportal
Seit Kurzem ist das Blogportal von Spektrum der Wissenschaft in Betrieb.
Über ein Dutzend Forscher und Wissenschaftsjournalisten notieren darin Ge-
danken, die um die Forschung kreisen: Kurioses und Weltbewegendes, Amü-
santes und Aufregendes. Auch meine Tagebuch-Notizen sind jetzt von spek-
trum.de dorthin »umgezogen«. Besuchen Sie uns doch in der Blogosphäre!
ADDITIVE GmbH
Max-Planck-Straße 22b · D-61381 Friedrichsdorf/Ts.
Telefon 06172-5905-(0) 30 · Fax 06172-77 613
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008
Copyright 2007 ADDITIVE GmbH. Alle Produktnamen sind eingetragene
Warenzeichen der jeweiligen Hersteller, Irrtum und Änderungen vorbehalten
Inhalt
Januar 2008

42
medizin & biologie Wie funktioniert Bewusstsein?

52 26
medizin & biologie Die Macht der Riboschalter astronomie & physik Hell wie tausend Galaxien

aktuell astronomie & physik medizin & biologie


26 r Am Rande des Chaos 42 r Bewusstsein – Suche nach dem
10 Spektrogramm Das Sonnensystem ist randvoll mit neuronalen Korrelat
Klonembryonen von Affen · Nuancen- Planeten. Käme nur einer hinzu, würde Zwei Hirnforscher debattieren darüber,
reicher Bittergeschmack · Flüssige Fest- es – so zeigen auch neueste Untersu- wie die Nervenzellen im Gehirn beim
körper · Pluripotenz aus der Haut­u. a. chungen an Exoplaneten – die Grenze bewussten Erleben zusammen­arbeiten
zur Instabilität überschreiten
13 Bild des Monats 50 Schmerzende Muskeln
Furchtlose Maus 34 r Hell wie tausend Galaxien Sport macht Spaß. Wäre da nicht der
Trotz ihrer gigantischen Leuchtkraft lästige Muskelkater
14 Superschneller Gletscher
sind Quasare kaum größer als unser
Der größte Eisstrom Grönlands 52 Die Macht der Riboschalter
Sonnensystem. Heute helfen sie heute
bewegt sich in Rekordtempo Die Entdeckung dieser Schalt­elemente
sogar, die Entstehungsgeschichte von
für Gene verblüffte. Doch nun könnten
17 Kommentar: Galaxien aufzuklären
sie Wege zu neuartigen Antibiotika
Falsche Klimaskeptiker
eröffnen
Unbelehrbare Leugner des Klima-
wandels heizen Klimahysterie nur an
19 S
 chwarze Löcher als Super- Weitere Rubriken 106 Rezensionen:
Teilchenbeschleuniger
L. Jacquet – Der Fuchs und das Mädchen
Sind aktive Galaxienkerne die Quelle 3 Editorial
Th. Damour – Once upon Einstein
extrem energiereicher Teilchen im All? 8 Leserbriefe
T. Staud, N. Reimer – Wir Klimaretter
9 Impressum
22 Mehr als Nachäffen H. Schott, R. Tölle – Geschichte der
70 Im Rückblick
Affen können Beobachtungen nach dem Psychiatrie
114 Vorschau
Kontext bewerten W. Lenzen (Hg.) – Ist Folter erlaubt?

23 Springers Einwürfe
Seid gut zu Fliegen!
Titelmotiv: David Wright
Die auf der Titelseite angekündigten Themen sind mit r gekennzeichnet; die mit markierten Artikel
können Sie als Audiodatei im Internet beziehen, siehe: www.spektrum.de/audio
62
88
erde & umwelt
Gletscherschwund am Kilimandscharo

Titelthema 84
Die neue Kunst der Fraktale  72 mensch & geist
Hera-Tempel in Paestum

erde & umwelt mensch & geist ZUM technik & computer
Jahr der
Mathe-
matik
62 r Kilimandscharo – Gletscher- 100 r Mit Licht ins Internet
schwund durch Klimawandel? 72 TITEL: Fraktale Perlen Licht als Datenträger bietet ungeahnte
Ernest Hemingway machte ihn einst Mit Computerexperimenten ent­ Möglichkeiten. Ein optischer Internet-
berühmt: den Schnee auf dem Kili- decken Mathematiker neuartige anschluss kann künftig Filme und
mandscharo. Heute wird die schrump- Geometrien – und zauberhafte Bilder virtuelle Gesprächspartner ins Wohn-
fende Eiskappe des Tropenvulkans gern zimmer holen
als Kronzeuge für den Klimawandel 84 Kolonien in »Großgriechenland«
bemüht – zu Unrecht In der Antike emigrierten Griechen
nach Italien und Sizilien
92 ESSAY: Zweifel und Gewissheit
Über den Missbrauch des Glaubens
96 Monumentale Kaleidozyklen
Umstülpbare Ringe aus Tetraedern

Thema der Woche


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24 11

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TIPPS Wissenschaftsblogs nach Wahl! FReigeschaltet »Der Mythos vom Teenager-Gehirn«


www.wissenslogs.de  www.gehirn-und-geist.de/artikel/912987

Tipps Interaktiv

Wissenschaftsblogs nach Wahl! Flucht bis an den Südpol


 uf der Suche nach
A Gleich vier wissenschaftliche Blogportale hat Roald Amundsen: einer der größten Abenteurer
extrasolaren Planeten der Verlag Spektrum der Wissenschaft nun und Forschungsreisenden des letzten Jahrhun­
Früher einmal war der Glaube an Planeten etabliert. Unsere Autoren sind Raumfahrt­ derts und Bezwinger von Südpol und Nord­
um ferne Sterne den Sciencefiction-Autoren experten und Philosophen, Biologen und westpassage. Tor Bomann-Larsen lässt das
vorbehalten. Dann aber machten immer Psychologen, Mathematiker und Archäologen, Leben des Norwegers Revue passieren, ohne
ausgefeiltere Mess- und Spähtechniken aus Physiker und Mediziner, Historiker und platte Heldenverehrung, dafür in erfrischend
der Sache des Glaubens eine des genauen Hirnforscher. Sie sind Wissenschaftler, Prakti­ lakonischem Schreibstil. Nach unseren 5 × 5-
Hinschauens – und siehe da: Exoplaneten ker oder Journalisten – und jeder von ihnen Kriterien können Sie ihn auch selbst bewerten!
kreisen offenbar in allen Ecken der Galaxis kommentiert die Wissenschaftswelt aus seiner Die Rezension finden Sie unter
 www.spektrumdirekt.de/exoplaneten Perspektive. Diskutieren Sie mit auf  www.spektrumdirekt.de/artikel/912086

Vulkane – die Feuer speienden Berge  www.wissenslogs.de


Reingehört
Die eruptive Gewalt der Feuer speienden Auch für Sehbehinderte und Blinde ist dieser
Berge zeugt von einer ungebrochenen Audioservice gedacht: Zehnmal pro Jahr stellen
www.brainlogs.de
Dynamik der Erde. Doch Vulkane verbrei­ wir Ihnen einen Artikel aus Spektrum der
ten nicht nur Angst und Schrecken, sie Wissenschaft vor, auf etwa zehn Minuten Dauer
bieten auch faszinierende Einblicke in das gekürzt und von professionellen Sprecherinnen
www.chronologs.de
Innenleben unseres Planeten und Sprechern gelesen
 www.spektrumdirekt.de/vulkane  www.spektrum.de/reingehoert
www.kosmologs.de
Für Abonnenten Freigeschaltet
.de
»Das Universum hacken« »Wie junge Sterne überschüssigen Heftarchiv
Die größte Informationsexplosion aller Zeiten Drehimpuls loswerden« www.spektrum.de/archiv
war der Urknall. Das Universum verarbeitet auf Astronomische Beobachter finden erste Hin­
der Ebene der Atome und Elementarteilchen Spektrum Notizen
weise auf rotierende molekulare Ausflüsse
permanent Information und funktioniert dabei www.spektrum.de/notizen
Diesen Artikel finden Sie als KOSTENLOSE
wie ein gigantischer Quantencomputer, der die Leseprobe von STERNE UNd Weltraum unter Spektrogramm
Vielfalt, Komplexität und Ordnung unserer www.spektrum.de/spektrogramm
www.suw-online.de/artikel/911839
Welt hervorbringt
Dieser Artikel ist für Abonnenten Spektrum Tagebuch
frei zugänglich unter
»Der Mythos vom Teenager-Gehirn« www.spektrum.de/tagebuch
 www.spektrum-plus.de Aufmüpfiges, irrationales Verhalten Pubertie­
render gilt geradezu als unabwendbar. Forscher Spektrum zum Hören
www.spektrum.de/hoeren
halten Umbauvorgänge im Gehirn für die
Ursache. Der Psychologe Robert Epstein wider­ Spektrum in die Schulen
spricht. Denn das Chaos im Kopf tritt fast nur www.spektrum.de/wis
bei westlichen Teenagern auf.
Der Mathematische Monatskalender
Diesen Artikel finden Sie als kostenlose
Leseprobe von Gehirn&Geist unter
www.spektrum.de/monatskalender
www.gehirn-und-geist.de/artikel/912987 Leserbriefe
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kraft
Wasser

Wir kennen die Geheimnisse des Schnees.


Für eine effiziente Nutzung von Wasserkraft gehen wir auch ungewöhnliche
Wege. Wir schicken zum Beispiel jedes Jahr Techniker von E.ON in die Berge der
Bayerischen Alpen. Bei Wind und Wetter sind sie dort unterwegs und erkunden
Beschaffenheit, Höhe und Gewicht der Schneefelder. So ermitteln sie die Menge
des Schmelzwassers, das unsere Wasserkraftwerke im Frühjahr in Energie um-
wandeln können. Das verbessert die Planung und macht Ihre Stromversorgung
wieder ein Stück sicherer.

Mehr über E.ON und das Thema Wasserkraft erfahren


Sie unter www.eon.com
LESERBRIEFE
LESERBRIEFE

Der Mensch im Mittelpunktswahn? insofern Verlierer, als sie ohne uns prak­
tisch nicht mehr überlebensfähig ist.
Erde ohne Menschen, November 2007 Es gab noch nie und es wird nie eine
Überlebensgarantie für eine Spezies auf
Nettes Gedankenspiel serem Planeten bestimmt nicht; für »das diesem Planeten geben und das gilt
Der Artikel betreibt ein nettes Gedan­ Universum« völlig belanglos. auch für uns. Der Unterschied zum bis­
kenspiel. Aber bereits der Titel »Die Bei Lichte betrachtet ist unsere herigen Artensterben ist nur: Wir leis­
Welt ohne uns – Reise über eine unbe­ Spezies­, bei aller Bewunderung für un­ ten massive aktive Sterbehilfe für die ei­
völkerte Erde« ist falsch. Die Erde ist sere Verstandesleistung, eine blutrünsti­ gene Art.
auch ohne uns bevölkert, nämlich mit ge und barbarische Art, die, überspitzt Ich denke, dass der Autor sein Ziel,
Pflanzen und Tieren. Diese anthropo­ formuliert, sämtliches Leben auf der »die Umweltprobleme durch seine Be­
zentrische Einstellung zieht sich wie ein Erde entweder in Nutztiere, Nutzplan­ trachtungsweise in neuem Licht zu seh­
roter Faden durch den Artikel. Auch die zen oder in Schädlinge beziehungsweise en« nicht erreicht, weil er den Verur­
Frage »Wäre es nicht ein schmerzlicher Unkraut einteilt und entsprechend be­ sacher zu sehr in eine Zuschauerrolle
Verlust, wenn die Menscheit von der handelt. Die innerhalb der eigenen Spe­ setzt.
Erde verschwände?« ist rührend naiv zies unterdrückt, ausbeutet, mordet, fol­ Roland Schnack, Stuttgart
und gleichzeitig entlarvend für den tert, sodass man sich schämen muss,
noch immer vorherrschenden Mittel­ dieser Art anzu­gehören. Wenn der Au­ Konkretes Beispiel
punktswahn vieler Menschen. tor dann noch meint, unser Vieh würde für Erde ohne Menschen
Für wen soll es denn ein schmerz­ uns vermissen, dann wird es vollends Dieser Artikel ist zwar nett, aber warum
licher Verlust sein? Für das »Indivi­ grotesk. Das Vieh, und hier speziell die wird darin nur ein rein fiktives Beispiel,
duum« ja; für »alle Kreaturen« auf un­ völlig überzüchtete Milchkuh, ist nur wie »die Stadt New York zerfällt«, ge­

Atheisten, für die dieses ganze Thema bis­


Menschen überzeugen, die nicht mehr glauben her keine besondere praktische Relevanz
Der Gotteswahn, Rezension, November 2007 hatte, die Einstellung ändern. Und es
kann vielleicht Menschen überzeugen, die
Als ich diese Besprechung las, fragte ich relles Argument gegen einen Glauben an vieles oder das meiste nicht mehr glau­
mich, ob Herr Dahl das Buch tatsächlich Gott hält (sondern nur gegen den Glau­ ben, was sie in den Kirchen hören, aber
gelesen hat. Ich bin selbst noch mitten­ ben an einen gütigen Gott!). sich das bisher aus Tradition, Bequem­
drin und kann daher nur zwei markante 2. Zur allgemeinen Bewertung des lichkeit oder Opportunismus nicht einge­
Punkte aufführen: Buchs überhaupt: Es wird sicher bei den standen haben. Es ist ein Aufruf, für eine
1. Zur Frage Theodizee: Am Ende des überzeugten Atheisten und bei den über­ atheistische Überzeugung einzutreten, sie
Kapitels 3 steht explizit die Begründung, zeugten Gläubigen keine Weltbilder auf gesellschaftsfähig zu machen und viel­
warum Dawkins sie nicht für ein gene­ den Kopf stellen. Aber es kann bei den leicht nach und nach den Einfluss zu re­

Leser- und Bestellservice: Tel. 06221 9126-743, Gesamtherstellung: Vogel Druck- und Medienservice GmbH & Co. KG,
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 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


gistriert. Mittels Fourier-Transformation
wird das Zeitsignal im Computer in das
Frequenzspektrum umwandelt. Ich mei­
ne, die Brücke zwischen Kode und Be­
wusstsein muss ähnlich verlaufen: Das
Gehirn rechnet den Kode in ein »Spek­
trum« um, das das bewusste Erleben dar­
stellt. Das Bewusstsein wäre demnach
ein mathematisches Konstrukt – Virtual
Reality im Sinn des Worts.

Fotoillustration: Kenn Brown


Dr. Markus Straub, Zürich

Die Erde ohne Menschen – bevölkert


von Tieren und Pflanzen Außerirdische, die
extrem langsam leben
bracht, noch dazu ohne experimentelle nachbarten Stadt Prypjat wurden da­
Überprüfung, ob die in dem Artikel mals schlagartig alle Menschen evaku­ Was ist Leben? Essay, Oktober 2007
gemachten Behauptungen über die iert und es setzte ein entsprechender
zeitliche Abfolge auch wirklich so ein­ Verwitterungsprozess der menschlichen Die berechtigte Frage, ob wir außerir­
treffen mögen. Zivilisationsobjekte ein, der nun schon disches Leben gegebenenfalls überhaupt
Dabei gäbe es ganz konkrete Unter­ über zwanzig Jahre beobachtet werden erkennen könnten, wird letztlich immer
suchungsobjekte, Stichwort die Kata­ kann. wieder mit der Aussage bejaht, man müs­
strophe von Tschernobyl. Aus der be­ Peter Maier, Wien se einfach nur eine Definition anwenden,
die breit genug ist und dann genau hin­
sehen.
Auch Herr Hazen lässt nicht einmal
duzieren, den Religion in so vielen Berei­ Lesen Sie das von mir herausgegebene anklingen, dass es prinzipiell für uns un­
chen des menschlichen Zusammenlebens Buch »Brauchen wir Gott?«, das neben möglich sein könnte, solche Lebens­
beansprucht – zu Unrecht, wie Dawkins Beiträgen von Norbert Hoerster, Hans formen zu identifizieren (und parado­
versucht zu begründen. Mich hat es auf Albert, Gerhard Vollmer und vielen an­ xerweise erst recht dann, wenn sie so et­
jeden Fall sehr nachdenklich gemacht. deren mehr auch einen Artikel von was wie »Intelligenz« entwickelt hätten).
Anna Schmitz, Tübingen Richard Dawkins enthält und damit Dabei würde es schon genügen, sich
auch einen Beweis meiner Hochachtung vorzustellen, dass Lebensformen, deren
Antwort des Rezensenten Edgar Dahl: für den Oxforder Aufklärer liefert. Energieumsatz (und bei Intelligenz dann
Richard Dawkins’ »Der Gotteswahn« ist auch die Kommunikationsfähigkeit) ge-
ein ganz ausgezeichnetes Buch. Daran gen­über unserer vertrau­ten Zeitskala um
wollte ich in meiner Rezension nie Zwei­ Vom Kode signifikante Größenordnungen verlang­
fel aufkommen lassen. Obgleich ich Ho­ samt wäre, von uns schlichtweg deshalb
ersters Buch »Die Frage nach Gott« ar­ zum Bewusstsein übersehen würden, weil wir schon längst
gumentativ nach wie vor für besser halte, Der Gedächtniskode, Oktober 2007 gestorben wären, bevor so ein »Wesen«
steht es für mich außer Zweifel, dass eine einzige Lebenszustandsveränderung
Dawkins’ Buch weit mehr Leser errei­ Joe Tsiens Artikel zeigt auf eindrückliche – beziehungsweise bei einem Kommuni­
chen und weit eher ein Umdenken be­ Weise, welche Fortschritte bei der Ent­ kationsversuch einen Sinnzusammen­
wirken wird. schlüsselung der neuronalen Prozesse des hang – übermittelt hätte.
Das Leid und Elend dieser Welt ist in Gehirns gemacht wurden. Das von David Dr. Stefan Fabry, München
der Tat kein Argument gegen die Exis­ Chalmers formulierte »Hard Problem«
tenz eines Gottes. Es ist jedoch ein Argu­ dieses Forschungsgebiets bleibt aber nach
Briefe an die Redaktion ...
ment gegen die Existenz eines gütigen wie vor ungelöst: Wie können die physi­
Gottes. Das Theodizeeproblem besteht kalischen Prozesse im Gehirn das subjek­ … sind willkommen! Tragen Sie Ihren Le-
denn ja auch per definitionem darin, die tive Erleben auslösen? Oder anders ge­ serbrief direkt in das Online-Formular
Leiden dieser Welt mit der Güte Gottes sagt: Welches ist die Verbindung zwischen beim jeweiligen Artikel ein (klicken Sie
unter www.spektrum.de auf »Aktuelles
zu vereinbaren. Kode und Bewusstsein? Heft« beziehungsweise »Heftarchiv« und
Für mich ist es nach wie vor ein Rät­ In meiner Doktorarbeit beschäftigte dann auf den Artikel).
sel, weshalb Dawkins nicht Darwin ge­ ich mich mit Strukturanalysen von Mo­
Oder schreiben Sie mit Ihrer vollständigen
folgt ist und vor allem auf das sinnlose lekülen mit Hilfe der Kernspinresonanz­ Adresse an:
und unschuldige Leiden der Tiere hinge­ spektroskopie. Dabei wird mit einem Spektrum der Wissenschaft
wiesen hat. Das Leiden der Tiere über breitbandigen Radiopuls die sich in Frau Ursula Wessels
Jahrmillionen hinweg war für Darwin zu einem Magneten befindliche Molekül­ Postfach 10 48 40
69038 Heidelberg (Deutschland)
Recht der stärkste Einwand gegen die probe angeregt und die Entwicklung des E-Mail: leserbriefe@spektrum.com
Existenz eines gütigen Gottes. resultierenden Signals mit der Zeit re­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  


Spektrogramm
Der Malaiengleitflieger – hier ein Weibchen Sinne
mit einem in der Flughaut eingewickelten
Jungen – ist eine von zwei heute noch exis- Bitter ist nicht
tierenden Riesengleiterarten.
gleich bitter

Norman Lim, National University of Singapore


hörnchen oder den Riesengleitern. Wissen- q Sauer macht lustig, Süßes verführt – aber
schaftler um Jan E. Janecka von der Texas alles was bitter ist, entspricht gar nicht
A & M University in College Station haben un­serem Geschmack. Aus gutem Grund: Die
diese Frage nun mit DNA-Vergleichen meisten natürlichen Giftstoffe sind bitter,
geklärt. Dazu durchsuchten sie das Erbgut vor allem jene in Pilzen und Pflanzen. Der
der Tiere nach Übereinstimmungen in menschliche Geschmackssinn hat sich im
seltenen Mutationen. Das Ergebnis: Sieben Verlauf der Evolution dieser Gefahr ange­-
solche Genveränderungen haben die Pri- passt. Deshalb reagieren die Sinnesorgane
maten mit den Riesengleitern und nur eine unserer Zunge besonders empfindlich auf
Paläontologie mit den Spitzhörchen gemeinsam, während Bitterstoffe. Aber können sie diese auch

Unsere Vettern, Riesengleiter und Spitzhörnchen keine ein-


zige teilen. Außerdem verglichen die For-
unterscheiden? Das war lange umstritten.
Es gibt Tausende von Bitterstoffen, aber
die Riesengleiter scher die Gensequenzen von zwei Riesen­
gleiterarten sowie drei Spitzhörnchen- und
nur 25 Rezeptoren zu ihrer Erkennung in den
Sinneszellen der menschlichen Geschmacks-
q Riesengleiter sehen aus wie eine Kreu- sechs Primatengattungen miteinander und knospen. Eine 1 : 1-Zuordnung ist also nicht
zung aus Eichhörnchen und Fledermaus. leiteten daraus ab, wann sich die verschie- möglich. Molekularbiologische Untersu-
Tatsächlich sind sie aber mit den Spitzhörn- denen Entwicklungslinien trennten. chungen an Tieren deuteten sogar darauf hin,
chen und den Affen verwandt. Gemeinsam Beide Analysen ergaben das gleiche Bild. dass alle Geschmackszellen das komplette
mit diesen bilden sie die Gruppe der Eu- Demnach sind die im heutigen Südostasien Sortiment an Bitterrezeptoren aufweisen.
archonta, deren Entwicklungslinie vor etwa beheimateten Riesengleiter die engsten Ver- Dem widersprachen allerdings physiologische
90 Millionen Jahren vom Stammbaum der wandten der Primaten. Ihr letzter gemein- Untersuchungen. Demnach reagieren die
anderen Lebewesen abzweigte. Über samer Vorfahr lebte in der Kreidezeit vor Sinneszellen individuell verschieden auf den
die Details der Verwandtschaftsbeziehung etwa 80 Millionen Jahren – sechs Millionen Kontakt mit Bitterstoffen.
herrschte bisher allerdings Unklarheit. Jahre nachdem sich die Spitzhörnchen Bei Experimenten mit menschlichen Zell-
Umstritten war vor allem, wem die von der gemeinsamen Entwicklungslinie kulturen konnten Forscher um Wolfgang
Primaten am nächsten stehen – den Spitz- abgespalten hatten. Science, Bd. 318, S. 792 Meyerhof und Maik Behrens vom Deutschen
Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-
Rehbrücke die alte Streitfrage nun klären.
Geologie
Ihnen gelang der Nachweis, dass Geschmacks-
Magma-Aufstieg unter Yellowstone zellen jeweils mit einem individuellen Satz
von nur vier bis elf Bitterrezeptoren bestückt
q Bei seiner letzten großen Eruption vor Demnach wölbte sich die Caldera zwi- sind. Sie erkennen also nicht alle bitteren
640 000 Jahren – der dritten innerhalb von schen 2004 und 2006 um knapp 18 Zentime- Substanzen, sondern nur einen Teil davon.
1,5 Millionen Jahren – begrub der Yellow- ter auf – so schnell wie nie zuvor seit Beginn Jede hat gleichsam ihren eigenen Geschmack.
stone-Vulkan den gesamten Südwesten der der Aufzeichnungen. Möglicherweise dringt Dazu passt, dass manche Menschen
USA unter einer bis zu 400 Meter hohen derzeit neue Gesteinsschmelze von unten in zwischen bitter und bitter unterscheiden –
Ascheschicht. Durch den Einsturz der Erd- die ehemalige Magmakammer ein. Das legt zum Beispiel Chicoree mögen, aber Grape-
kruste über der sich leerenden Magmakam- zumindest ein von den Wissenschaftlern fruits ungenießbar finden.
mer entstand ein riesiger Krater. Unterhalb entwickeltes Computermodell nahe. Dass  The Journal of Neuroscience, Bd. 27, S. 12 630
dieser Caldera sammelt sich bis heute glü- Calderen sich heben und wieder absacken ist
hendes Magma aus dem Erdinneren. Davon durchaus üblich und nicht unbedingt ein
zeugen die heißen Quellen und spektaku- Zeichen für einen bevorstehenden Ausbruch. Die heißen Quellen im Yellowstone-Natio-
lären Geysire im darüber gelegenen Yellow­ Bei Yellowstone mit seiner Vorgeschichte nalpark zeugen vom Vulkanismus im Unter-
stone-Nationalpark. betrachten es die Forscher allerdings mit grund. Ihre Farbenpracht verdanken sie hit-
Tatsächlich kommt die Caldera nicht zur Argwohn. Science, Bd. 318, S. 952 zeliebenden Bakterien.
Ruhe: Zwischen 1923, dem Jahr der ersten
Henry Holdsworth / Robert B. Smith, University of utah

Messungen, und 1985 hatte sie sich um


etwa 70 Zentimeter gehoben, danach aller-
dings wieder etwas gesenkt. Seit 1995
steigt ihr Boden erneut – und zwar in Re-
kordtempo. Das haben Forscher um Wu-
Lung Chang an der Universität von Utah in
Salt Lake City mittels GPS-Messungen und
Daten des europäischen Umweltsatelliten
Envisat ermittelt.

10 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Aktuell

ROBOTIK

Mein Freund, die Schabe

ULB-EPFL
Schaben und Roboter in geselliger Runde

q Schaben sind gesellig, Roboter eher nicht. Können sich beide einer Kakerlake gemein. Trotzdem wurden sie von den Insekten
trotzdem anfreunden? Den Beweis dafür haben Jose Halloy von der sofort akzeptiert. Das lag freilich nicht nur an ihrem Verhalten. Die
Freien Universität Brüssel und seine Mitarbeiter nun erbracht. Forscher hatten ihre Schützlinge zusätzlich mit den Pheromonen
Zunächst betrieben die Forscher Verhaltensstudien. Sie setzten der Schaben einparfümiert.
eine Gruppe Amerikanischer Großschaben (Periplaneta americana) Als vollwertige Mitglieder in die Gruppe aufgenommen, konnten
in einem hellen Gehege mit zwei dunkleren Unterstellplätzen aus. die autonom handelnden Roboter das Verhalten der Kakerlaken
Dort sammelten sich die sozialen Tiere binnen weniger Stunden, sogar gezielt beeinflussen. Waren sie so programmiert, dass sie
weil sie Dunkelheit instinktiv bevorzugen. Entsprechend den be- hellere Flecken des Geheges ansteuerten, folgten ihnen die meisten
obachteten Verhaltensmustern programmierten die Wissenschaft- Insekten – entgegen ihrer instinktiven Abneigung. Hatten dann alle
ler anschließend einige schabengroße Roboter. Diese besaßen ein gemeinsames Plätzchen gefunden, schmiegten sie sich eng an-
zwar weder Flügel noch Fühler und hatten auch sonst wenig mit einander – klares Zeichen echter Freundschaft. Science, Bd. 318, S. 1155

Stammzellen I

Erste Klonembryonen von Affen


q Ist es möglich, Menschen zu klonen? bisher üblich, anzufärben. So konnten sie In dieser Eizelle eines Rhesusaffen an der
Zwar ließ sich das 1996 beim Klonschaf die DNA präziser und ohne möglicherweise Spitze einer Pipette ist das Erbgut beleuch-
Dolly erprobte Verfahren rasch auf andere schädliche Chemie entfernen. tet (heller Fleck oben) und kann nun abge-
Säugetiere übertragen – von der Maus über Zudem erkannten sie, dass Kalzium- und saugt werden.
die Kuh bis zum Hund –, doch schon bei Magnesiumionen im Nährmedium schon
Shoukhrat M. Mitalipov, ONPRC

Affen scheiterten lange Jahre alle Versuche. die Embryonalentwicklung einleiten, bevor
Und wenn das Klonen bei ihnen nicht funk- das Erbgut in der verschmolzenen Zelle
tioniert, dürfte es beim Menschen schon gar genügend Zeit hatte, sich zu reprogrammie-
nicht klappen. ren, also in den embryonalen Urzustand
Nun allerdings ist diese Hürde genommen zurückzukehren. Deshalb ließen sie
worden. Shoukhrat Mitalipov von der Oregon die betreffenden Ionen zunächst weg.
Health and Science University in Beaverton So hatten sie Erfolg – allerdings nur
gelang es, geklonte Embryonen von Rhesus- mäßig. Aus 304 Eizellen konnten sie nicht
affen zu erzeugen. An dem prinzipiellen Ver­- mehr als 35 Klon-Embryonen und daraus
fahren, eine entkernte Ei- mit einer Körper- lediglich zwei Stammzelllinien gewinnen.
zelle zu verschmelzen, änderten sie nichts. Das zeigt, dass das Verfahren noch keines-
Doch verbesserten sie zwei Details. Zum wegs optimal ist. Dennoch haben sich die
einen machten Mitalipov und seine Mitarbei- Chancen auf ein erfolgreiches Klonen beim
ter das abzusaugende Erbgut der Eizelle mit Menschen deut­lich verbessert.
polarisiertem Licht sichtbar, statt es, wie  Nature, Online-Vorabveröffentlichung vom 14. 11. 2007

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  11


Beim Aufprall auf einen Zylinder fächert sich archäologie
ein Teilchenstrahl zu einer flachen Scheibe
auf. Deren Entstehung ist links von der Seite Kakao mit Schuss
gezeigt; rechts das Endprodukt in Aufsicht.
q Kakao galt den Azteken als so kostbar,
dass sie die Bohnen sogar einige Jahrhun-
wollten sie prüfen, ob und unter welchen derte als Währung verwendeten. Sie bereite-
Bedingungen sich auch feste Teilchen wie ten daraus ein Getränk, das sie meist auf-
Xiang Cheng, University of Chicago eine Flüssigkeit verhalten können. geschäumt und mit exotischen Zutaten wie
Tatsächlich stoben die Partikel oberhalb Honig oder Chili schlürften. Die Spanier
Physik
einer bestimmten Strahldichte senkrecht brachten das Genussmittel mit nach Europa
Flüssige Festkörper zu ihrer Ursprungsrichtung auseinander
und bildeten eine flache Scheibe, die sich
und leiteten damit seinen weltweiten Sie-
geszug ein. Aber wann wurde Kakao erst-
q Im Jahr 1833 entdeckte der Physiker analog zum Wasserfilm über den Zylinder- mals angebaut? Zwar gehörte der Begriff
Felix Savart einen überraschenden Effekt. rand hinaus ausdehnte. Die Kügelchen schon um 1000 v. Chr. zum Wortschatz der
Als er einen kräftigen Wasserstrahl vertikal waren offenbar derart dicht gepackt, dass Olmeken, einer frühen Kultur am Golf von
auf das Ende eines geschlossenen Zylin- sie wie die Moleküle einer Flüssigkeit Mexiko. Die ältesten bekannten Reste der
ders lenkte, bildete sich an der Aufprall- immer wieder gegeneinander stießen und Droge selbst, gefunden in der Maya-Stätte
stelle ein dünner Film, der weit über den sich deshalb nach dem Aufprall nur ge- Rio Azul in Guatemala, stammen jedoch aus
Zylinderrand hinausschoss und den Körper meinsam in einer Ebene ausbreiten konn- dem 5. nachchristlichen Jahrhundert.
wie eine hauchdünne Käseglocke umhüllte. ten. Verringerten die Forscher dagegen die

PNAS / National Academy of Sciences


Sidney Nagel und Kollegen von der Konzentration der Partikel, gewannen
Universität Chicago (Illinois) machten den diese ihre Individualität zurück. Nun
gleichen Versuch nun mit Partikeln: Sie prallten sie einzeln von der Platte ab und
richteten statt des Wassers einen Strahl spritzten wie bei einem Feuerwerk in alle
mikroskopisch kleiner Glas- und Kupfer­ Richtungen davon.
kügelchen auf einen Stahlzylinder. Damit  Physical Review Letters, Bd. 99, Artikel-Nr. 188001

Stammzellen II

Alleskönner aus der Haut Die Azteken tranken Kakao gern aufge-
schäumt. Deshalb befand sich an den Kan-
q Embryonale Stammzellen können sich zu kodiert waren. Wissenschaftler um James
nen eine Tülle zum Hineinblasen.
jeder Gewebeart entwickeln. Aus ihnen Thomson von Universität von Wisconsin in
sollten sich also nach Bedarf Ersatzorgane Madison wählten denselben Weg, kombi-
züchten lassen. Zur Gewinnung der Alleskön- nierten die Gene für OCT3 und SOX2 aber mit Immerhin entdeckten Forscher 2002
ner müssen jedoch frühe Embryonen zerstört denen für NANOG und LIN28 und übertrugen einen Hinweis auf noch früheren Gebrauch.
werden. Nun eröffnet sich ein Ausweg aus sie auf fötale Körperzellen sowie auf Vor- In 2600 Jahre alten Kannen aus Maya-Grä-
diesem moralischen Dilemma. Gleich zwei hautzellen eines beschnittenen neugebore- bern im Norden von Belize fanden sie Spu-
Forschergruppen ist es unabhängig vonei­ nen Jungen. Beide Gruppen hatten Erfolg. ren von Theobromin, das in Mittel­amerika
nander gelungen, Zellen erwachsener Men- Die Aktivität der von den Genen kodierten nur im Kakaobaum vorkommt. Nun konnten
schen in den Embryonalzustand zurück­ Proteine reichte aus, um die Zellen in indu- John Henderson von der Cornell-Universität
zuversetzen. Die Wissenschaftler um Shinya zierte embryonale Stammzellen umzuwan- in Ithaca (New York) und Kollegen die glei-
Yamanaka von der Universität Kioto wieder- deln, die sich als gleichwertig zu solchen aus che Substanz sogar auf Kannenscherben
holten dazu ihr bei Mäusen bereits erfolg- Embryonen erwiesen. So entwickelten sich nachweisen, die bei Ausgrabungen in Hon-
reiches Verfahren. daraus nach der Injektion in Mäuse Ge- duras geborgen worden waren und in die
Mit Retroviren führten sie vier Gene, die schwülste, in denen die verschiedensten Zeit bis 1100 v. Chr. zurückreichen.
normalerweise nur in embryonalen Stamm- Gewebetypen vertreten waren. Im Ernst Allerdings bereitete man Kakao damals
zellen abgelesen werden, in die adulten wären Retroviren als Genfähren allerdings anscheinend nicht aus Bohnen zu. Das
Zellen ein. Diese produzierten daraufhin die ausgeschlossen, weil sie ein hohes Tumor­ schließen die Forscher aus der rekonstru­
Transkriptionsfaktoren OCT3/4, SOX2, KLF4 risiko bergen. Cell und Nature, Online- ierten Form der Gefäße. Diese hatten anders
und c-MYC, die in der eingeschleusten DNA Vorabpublikationen vom 20. 11. 2007 als spätere Kakaokannen keine Tülle zum
Hineinblasen, um Schaum zu erzeugen.
Jeff Miller / University of Wisconsin-Madison

In dem Behälter befand sich daher vermut-


lich einst chicha: vergorenes Fruchtfleisch,
das ebenfalls Theobromin enthält. Der erste
Kakao war demnach mit Schuss.
 Proceedings of the National Academy of Sciences,
Online-Vorabveröffentlichung vom 16. 11. 2007

Aus menschlichen Fibroblasten ließen Mitarbeit: Christoph Marty


sich durch Genmanipulation diese
12pluripotenten
 Stammzellen erzeugen. SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008
Furchtlose Maus

bild des monats


Mäuse haben instinktiv Angst vor Raubtieren. Entscheidend dafür ist, wie Hitoshi
Sakano von der Universität Tokio und Kollegen nun zeigten, der Geruchssinn. Gen­
veränderte Mäuse, bei denen die Riechzellen in einem Teil der Nasenschleimhaut ent-
fernt waren, zeigten keine Furcht vor Katzen. Sie näherten sich ihnen voller Neugier,
ja spielten sogar mit ihnen – was gut ging, solange der Stubentiger wie hier so jung
war, dass er noch keinen ausgeprägten Jagdinstinkt hatte. Das Erstaunlichste daran:
Die Mäuse nahmen den Katzengeruch sehr wohl wahr; sie fanden ihn nur nicht mehr
bedrohlich. Allerdings konnten sie nach­träglich darauf trainiert werden, ihn zu meiden
und Katzen aus dem Weg zu gehen.

Ko und Reiko Kobayakawa


Klima Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Größter Gletscher Grönlands


fließt in Rekordtempo
Aktuelle Messungen bestätigen, dass sich die Fließgeschwindigkeit des
Jakobshavn-Isbræ-Gletschers verdoppelt hat – Indiz für ein beschleunigtes
Abschmelzen des grönländischen Eisschilds wegen der globalen Erwärmung?

Von Hans-Gerd Maas, Reinhard Dietrich Weltweit schmelzen derzeit die Glet- Immerhin herrschte relativ warmes
und Ellen Schwalbe scher (siehe S. 62). Hauptursache dürfte, Wetter. Die Temperaturen lagen durch-
wie viele Indizien nahe legen, die globale weg über dem Gefrierpunkt und erreich-

D er Jakobshavn-Isbræ-Gletscher, auf
Grönländisch Sermeq Kujalleq, ist
einer der aktivsten Gletscher der Welt.
Erwärmung sein, ausgelöst durch vom
Menschen freigesetzte Treibhausgase.
Nach den Ergebnissen von Klimasimula-
ten teils 15 Grad Celsius. Allerdings
wehte vom Eisschild herab fast stets ein
unangenehm kalter Wind.
Er bildet zusammen mit dem etwa sech- tionen sollten sich die Folgen in der Ark- Gegenüber 2004 mussten wir unser
zig Kilometer langen Kangia-Fjord den tis besonders drastisch zeigen. Deshalb Lager vergangenen Sommer rund zwei
Ilulissat Isfjord, den die Unesco 2004 sind detaillierte Untersuchungen grönlän- Kilometer tiefer im Inland aufschlagen,
zum Weltnaturerbe erklärt hat, und discher Gletscher von großem Interesse. weil sich die Gletscherfront inzwischen
mündet an der Westküste Grönlands in Noch gravierender als deren Rückzug weiter zurückgezogen hatte. Als wichtigs­
die Davis Strait. dürfte allerdings eine indirekte Folge da- tes Instrument positionierten wir am
Schon 1893 stellte der dänische Ma- von sein. Wenn die schwimmende Glet- südlichen Eisrand eine Digitalkamera
rineleutnant R. R. J. Hammer bei Ver- scherfront wegschmilzt, kann sie dem mit einer Auflösung von 39 Megapixeln,
messungen fest, dass sich der Jakobshavn nachdrängenden Eis nicht mehr so viel die uns die Firma IGI aus Kreuztal leih-
Isbræ extrem schnell bewegt: um zwan- Widerstand entgegensetzen. Dadurch weise zur Verfügung gestellt hatte. Sie
zig Meter pro Tag. Dieser Wert wurde sollte sich die Fließbewegung beschleuni- kann automatisch Serien von Aufnah-
im 20. Jahrhundert mehrfach durch geo- gen. Das aber heißt, dass das grönlän- men in festgelegten Intervallen macht.
dätische oder fotogrammetrische Mes- dische Inlandeis schneller ins Meer ab- Allerdings verbrauchte sie, wie sich er-
sungen überprüft und bestätigt. Berück- fließt und den Meeresspiegel erhöht. wies, ziemlich viel Strom, sodass wir öf-
sichtigt man die Breite und Höhe der ter, als uns lieb war, einen frischen Blei-
Gletscherfront, ergibt sich daraus eine Expedition ins Eis akku heranschleppen mussten.
Eisproduktion von dreißig bis vierzig Satellitenbilder eignen sich nur einge- Angesichts der zerklüfteten Oberflä-
Kubikkilometer pro Jahr. Damit beför- schränkt dazu, die Geschwindigkeit eines che von Gletschern bietet sich die Foto-
dert der Gletscher rund sieben Prozent Gletschers zu erfassen. Deshalb hat die grammetrie als Werkzeug zum Bestim-
der jährlichen Niederschlagsmenge auf Technische Universität Dresden schon men des Fließtempos an. Meist findet
dem grönländischen Inlandeis ins Meer. 2004 eine erste und vergangenen August sich ein auffälliges Merkmal, dessen Ver-
Bis etwa 2000 befand er sich dabei in eine weitere Messkampagne vor Ort bleib in aufeinanderfolgenden Aufnah-
einem mehr oder weniger stabilen Zu- durchgeführt. Aus der Nähe wollten wir men erkennbar ist. Da die Dynamik des
stand und erreichte als zehn Kilometer genaue Daten gewinnen, wie schnell sich Eisstroms keine nennenswerten Bewe-
breiter Eisstrom den Kangia-Fjord. Seit- der Gletscher bewegt und ob und wie gungen quer zur Fließrichtung erwarten
dem hat sich seine über hundert Meter sich sein Fließverhalten ändert. ließ, beschränkten wir uns auf Fotos mit
hohe Front dramatisch zurückgezogen. Eine solche Expedition ist durchaus einer senkrecht zur Fließrichtung orien-
Das zeigen Satellitenbilder – etwa Land- abenteuerlich. Vom Internationalen Air- tierten Kamera.
sat-Aufnahmen –, auf denen sich das port Kangerlussuaq im Westen Grön- Wir erstellten mehrtägige Bildsequen­
Gletscherende sehr gut erkennen lässt. lands geht es nach Ilulissat und von dort zen mit 15-minütigen Intervallen im Be-
Demnach ist der Jakobshavn Isbræ in mit dem Hubschrauber in knapp einer reich der Gletscherfront. Dank der Lage
nur drei Jahren – zwischen 2001 und Stunde an das Ende des Kangia-Fjords – des Eisstroms auf etwa 70 Grad nörd-
2004 – um mehr als zehn Kilometer ge- in ein Niemandsland fernab jeder Zivili- licher Breite war es bis Anfang August
schrumpft. Inzwischen mündet er in sation. Verpflegung und Ausrüstung für auch nachts noch hell genug zum Foto-
Form zweier getrennter Eisströme aus den zehntägigen Aufenthalt mussten wir grafieren. Das aber hieß zugleich, dass an
Norden und Osten in den Kangia-Fjord. mitbringen. Kampiert wurde in Zelten keinen Tagesrhythmus zu denken war.
Gleichzeitig hat seine Dicke, wie Mes- auf dem steinigen Boden einer Seitenmo- Wann immer günstige Wetterverhält-
sungen der Nasa mit Laserscannern vom räne des Gletschers. Der feine Staub dort nisse herrschten, nutzten wir das für un-
Flugzeug aus ergaben, um bis zu zehn hielt sich noch Monate nach der Rück- sere Untersuchungen aus. Und so kam es
Meter pro Jahr abgenommen. kehr hartnäckig in unserer Ausrüstung. schon vor, dass wir nachts um zwei noch

14 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Aktuell

Sauerkraut für die Hauptmahlzeit des stabilen Zielmarken im Vordergrund als außerdem anhand von stereoskopischen
Tages kochten. Insgesamt hatten wir mit Bezugsgrößen. Anschließend ließen sich Aufnahmen und geodätischen Messungen
dem Wetter Glück: Es gab kaum Nebel per fotogrammetrischer Bildanalyse in einen lokalen Bildmaßstab für jeden
und nur einmal 36 Stunden Dauerregen. den Fotosequenzen automatisch an vor- Punkt. Bei einem Normalwinkelobjektiv
Die Auswertung der Aufnahmen er- gegebenen oder auf einem Raster defi- und einer Entfernung von zwei bis vier
folgte weit gehend automatisch durch nierten Stellen Ausschnitte der Gletscher- Kilometern zwischen Kamera und aufge-
Verfahren der fotogrammetrischen Bildse- oberfläche verfolgen. Vielfach gelang es nommenem Objekt ergab sich eine Mess-
quenzanalyse. Zunächst wurden Bewe- dabei, die betrachteten Punkte auf ein genauigkeit von zwei bis vier Zentimetern
gungen der Kamera, verursacht durch Zehntel Pixel genau zu lokalisieren. an der Gletscheroberfläche.
Windeffekte, Einsinken und Aufwär- Um die Wanderung eines ausgewähl- Bei der Bildauswertung hatten wir al-
mung der Stativbeine sowie Instabilitäten ten Merkmals auf den Bildern in eine Ge- lerdings mit erschwerenden Bedingun­
des Untergrunds, kompensiert. Dabei schwindigkeit auf der Gletscheroberfläche gen zu kämpfen. So änderten immer
dienten die Bildkoordinaten von vier orts- umrechnen zu können, bestimmten wir wieder durchziehende Wolkenfelder die

Vor sechs Jahren ragte der Jakobshavn-Is- 2001 2004 2007


bræ-Gletscher noch ein gutes Stück in den
Kangia-Fjord hinein (unten). Den größten
Teil des Fjords füllten allerdings auch damals
schon abgebrochene Eisbrocken. Seither hat
sich die Gletscherfront, wie die Detailauf-
nahmen von 2001, 2004 und 2007 zeigen,
um mehr als zehn Kilometer zurückgezogen.

Alle Fotos: Google Earth / Landsat

2001

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  15


Beleuchtungsverhältnisse. Hinzu kamen gung reproduzierte mit einer leichten
AKTUELL

starke Variationen im Schattenwurf Dämpfung und Phasenverzögerung ex-


durch die tief stehende, nie unterge- akt die Gezeitenkurve für einen Pegel in
hende Sonne, die im Tagesverlauf einen Ilulissat, das etwa fünfzig Kilometer

Hans-Gerd Maas
vollen Kreis beschrieb. Das erwies sich westlich an der Mündung des Kangia-
vor allem an Stellen mit extrem zerklüf- Fjords in die Diskobucht liegt. Damit
tetem Eis als hinderlich. konnte erstmals bewiesen werden, dass
Dennoch erhielten wir am Ende für die Gletscherzunge in ihrem vorderen Zur Bestimmung der Fließgeschwindigkeit
mehr als 4000 Gletscherpunkte genaue Bereich nicht bis zum Boden reichte, wurde in den Aufnahmen des Gletschers mit
Bewegungslinien (Trajektorien) über sondern auf dem Fjord aufschwamm. Verfah­ren der fotogrammetrischen Bild­se­
Zeiträume von mindestens 24 Stunden. Der vertikale Hub der Trajektorien quenz­analyse die Bewegung cha­rak­teris­ti­
Sie dokumentieren, dass sich der Glet- nahm damals in östlicher Richtung ab. scher Strukturen verfolgt. Hier sind 40×40-
scher in seinem Frontbereich in Fließ- Die detaillierte Analyse dieser Verringe- Pixel-Ausschnitte in zwei aufeinander fol-
richtung sehr gleichmäßig um etwa vier- rung ergab, dass die Aufsetzlinie des genden Bildern gezeigt.
zig Meter pro Tag bewegt. Damit hat Gletschers, hinter der er bis zum Boden
sich seine Geschwindigkeit gegenüber reicht, vor drei Jahren etwa einen Kilo-
dem langjährigen Mittel des 20. Jahr- meter hinter der Gletscherfront lag. Bohrplattformen im Nordatlantik ab-
hunderts verdoppelt – primär wohl eine Unseren neuen Messungen zufolge nimmt, ist die erhöhte Geschwindigkeit
Folge der nun fehlenden Stabilisierung hat sich der Jakobshavn Isbræ inzwi- mit vermehrter Kalbeisproduktion ein
durch die Gletscherzunge. Dieses Ergeb- schen bis hinter diese Linie zurückgezo- Besorgnis erweckendes Anzeichen des
nis hatten wir schon 2004 erhalten. Mit gen, schwimmt also auch an seinem Klimawandels. Ob sie anhalten wird
genaueren Aufnahmen konnten wir es Vorderende nicht mehr auf. Dies hat er- und ob benachbarte Gletscher an der
letzten Sommer bestätigen. Zugleich hebliche Auswirkungen auf sein Kal- Westküste Grönlands ein ähnliches Ver-
zeigten die neuen Messungen, dass die bungsverhalten. Bis 2004 brachen vom halten zeigen, sind spannende Fragen
enorme Zunahme des Fließtempos nicht aufschwimmenden Schelfeis große Eis- für künftige Messkampagnen.
nur ein kurzzeitiges Phänomen war, son- berge – teils mit Flächen über einem
dern unvermindert anhält. Quadratkilometer – ab, deren majestäti- Hans-Gerd Maas ist Professor für Fotogramme-
Im Jahr 2004 hatten wir außerdem scher Anblick den Betrachter beein­ trie und Reinhard Dietrich Professor für Theore-
festgestellt, dass sich die Gletscherober- druck­te. Nun produziert der Gletscher tische und Physikalische Geodäsie an der Tech-
fläche innerhalb von 24 Stunden jeweils die gleiche Eismenge in wesentlich nischen Universität Dresden, wo Ellen Schwalbe
zweimal um insgesamt etwa 1,5 Meter kleineren Brocken. Auch wenn dadurch am Institut für Photogrammetrie und Fernerkun-
hob und senkte. Diese vertikale Bewe- die Gefährdung von Schifffahrt und dung ihre Doktorarbeit anfertigt.

Die hochauflösende Digitalkamera rechts im kleinen oberen Bild machte in Abständen von 15
Hans-Gerd Maas

Minuten Aufnahmen des Gletschers. Links neben ihr steht eine GPS-Antenne. Das untere Bild
zeigt eines der Digitalfotos.

16 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Aktuell
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KOMMENTAR
Falsche Klimaskeptiker
Pseudoexperten, die mit haltlosen Argumenten eine
angeb­liche Klimamafia anprangern, bringen ernst zu
nehmende Forscher in Misskredit, die begründete Zwei-
fel am Schreckens­szenario eines katastrophalen an-

JAXA, ISAS, HINODE / NASA


thropogenen Klima­wandels hegen.

Von Sven Titz

Immer wieder machen so genannte Klimaskeptiker mit kühnen Die Aktivität der Sonne – hier bei einer Eruption ausgestoßene
Behauptungen von sich reden. Es ist eine uneinheitliche Gruppe, Plasmafäden – hat in den letzten drei Jahrzehnten nachweislich
die einen vom Menschen verursachten Klimawandel rundweg nicht zugenommen. Trotzdem wollen viele »Klimaskeptiker« den
abstreitet. Besonders viel Aufsehen erregte vor ein paar Mona- Klimawandel mit einer solchen Zunahme erklären.
ten der Film »The Great Global Warming Swindle« von Martin
Durkin. Zunächst lief er im britischen Privatsender Channel 4, der Klimadiskussion auch seriöse kritische Stimmen gibt. Wer
später in einer revidierten Fassung auch im deutschen Fernse- die Unhaltbarkeit der Argumente von Durkin, Beck und Co. er-
hen auf RTL. Durkin versucht darin zu belegen, dass die globale kannt hat, tendiert leicht zum anderen Extrem: dem Glauben an
Erwärmung von einer veränderten Sonnenaktivität herrühre. ein katastrophales Klimaszenario. Daran aber zweifeln auch ei-
Ein weiteres Beispiel: In der Zeitschrift »Energy & Environ- nige ernst zu nehmende Fachleute.
ment« vom März 2007 behauptete der Diplombiologe und Lehrer Hat die Intensität der Hurrikane zugenommen, oder scheint
Ernst-Georg Beck, die Verfasser des UN-Klimaberichts hätten das nur so, weil die Wirbelstürme heute viel genauer beobachtet
CO2-Messdaten verschwiegen, die der gängigen Lehrmeinung wi- werden als früher? Diese Frage stellt der Hurrikanexperte Chris-
dersprechen (Bd. 18, S. 259). In Wirklichkeit sei die Konzen­tration topher Landsea. Der Mathematiker und Meteorologe Hans von
von Kohlendioxid in den vergangenen zwei Jahrhunderten schon Storch erwartet, dass sich die Menschheit an den bevorstehen-
mehrfach so hoch gewesen wie heute. Becks These hat in den In- den Klimawandel rechtzeitig anpassen kann, wenn sie nur will.
ternetforen der »Skeptiker« viele Anhänger gefunden. Zudem halten einige Ökonomen – etwa Richard Tol – den »Stern
Sowohl Durkins Film als auch Becks Artikel sind freilich mit Review«, in dem die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels
Fehlern gespickt. So haben Änderungen der Sonnenaktivität in analysiert werden, für übertrieben. Ohnehin sind viele Wissen-
den vergangenen drei Jahrzehnten nach allem, was wir wissen, schaftler wie der Ozeanphysiker Carl Wunsch der Ansicht, dass
nicht zur globalen Erwärmung beigetragen. Allenfalls könnte ein sich anhand der momentan verfügbaren Messdaten und Modelle
anderer Effekt eine Rolle spielen: Derzeit läuft am Europäischen noch keine verlässlichen Klimaprognosen für die kommenden
Kernforschungszentrum Cern ein groß angelegtes Experiment Jahrzehnte abgeben lassen.
zur Wirkung kosmischer Strahlung auf die Atmosphäre. Manche Der Politikwissenschaftler Roger Pielke jr. hat Experten wie
Experten vermuten, dass die Sonne den Strom von Teilchen aus Landsea, von Storch und Tol, die das Risiko einer vom Menschen
dem Kosmos und damit die Wolkenentstehung auf der Erde be- verursachten globalen Erwärmung anerkennen, aber nicht mit
einflusst. Doch bislang ist die Beweislage zu dünn, um sich katastrophalen Folgen rechnen, als »non-skeptic heretics« be-
ernsthaft Gedanken über diese Hypothese zu machen. Und wie zeichnet, als »nichtskeptische Ketzer«. Mit diesem Etikett ver-
verhält es sich mit der Frage nach der historischen CO2-Konzen­ sucht er gegen die vereinfachte Sicht anzugehen, wonach die
tration? Der »Klimaskeptiker« Beck stützt sich schlichtweg auf Diskutanten in zwei Lager zerfallen – eine Mehrheit, die den Kli-
fehlerhafte Messungen. mawandel für überwiegend anthropogen und extrem gefährlich
Es wäre übrigens am besten, Sie vergäßen die Bezeichnung hält, und eine Minderheit, die kategorisch an dieser Aussage
»Klimaskeptiker« gleich wieder. Denn Skepsis als wissenschaft- zweifelt. Pielke erinnert daran, dass es auch ein paar Fachleute
liche Grundhaltung zeichnet die meisten dieser Klimadissi- gibt, die zwischen den beiden Lagern stehen.
denten – oder wie auch immer man sie nennen möchte – nicht Die Debatte würde durch stärkeres Differenzieren sicher an
gerade aus. Zudem handelt es sich selten um echte Fachleute. Niveau gewinnen. Bedauerlich ist nur Pielkes Namenswahl.
Durkin ist Filmemacher und Beck Biologe. Zur Unkenntnis sol- Denn mit der Bezeichnung »nichtskeptisch« unterstellt er den
cher Akteure kommt hinzu, dass sie gern diejenigen Teile der moderat kritischen Forschern das Fehlen jeder Skepsis, also der
Wirklichkeit ausblenden, die nicht in ihr Weltbild passen. Die wissenschaftlichen Tugend par excellence. Das ist absurd, denn
Auseinandersetzung mit ihnen strapaziert vor allem deshalb die an begründeter Skepsis mangelt es seinen »Häretikern« zum
Nerven, weil sie viele längst widerlegte Behauptungen unbeirrt Glück nicht. Darum haben sie auch tatsächlich etwas zu sagen.
stets von Neuem vorbringen.
Doch was vielleicht noch ärgerlicher ist: Der Konflikt mit den Sven Titz ist promovierter Meteorologe und arbeitet als freier Journa-
vermeintlichen Skeptikern täuscht darüber hinweg, dass es in list in Berlin.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  17


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Aktuell

Astronomie Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Schwarze Löcher 
als Super-Teilchenbeschleuniger
Aktive galaktische Kerne, wo große Mengen Materie in ein überschweres
Schwarzes Loch fallen, sind die hellsten Objekte im Kosmos. Nun legen neue
Beobachtungen nahe, dass sie auch die größten Teilchenbeschleuniger sind.

Von Ralph Engel und Fabian Schüssler Aber nicht nur ihr Ursprung bereitet man riesige Detektoranlagen, um diese
den Theoretikern Kopfzerbrechen. Mys- Partikel nachzuweisen.

S eit Mitte des vorigen Jahrhunderts


weiß man, dass es kosmische Teilchen
gibt, die unvorstellbare Energien von
teriös ist auch, wie diese Teilchen es schaf-
fen, überhaupt bis zur Erde zu gelangen.
Eigentlich sollten sie immer wieder mit
Dabei macht man sich einen Effekt
zu Nutze, den der französische Physiker
Pierre Auger 1938 erstmals beobachtete.
mehr als 1020 Elektronenvolt haben. Das den Photonen der kosmischen Hinter- Beim Eindringen in die Erdatmosphäre
erste Exemplar wurde 1962 im US-Bun- grundstrahlung, die den Kosmos als eine erzeugt ein hochenergetisches kosmisches
desstaat New Mexico mit Hilfe eines Art Nachleuchten des Urknalls erfüllt, zu- Teilchen eine Kaskade von rund hundert
großen Detektorfelds entdeckt. sammenstoßen und dabei sehr schnell ab- Milliarden »Sekundärteilchen«. Ein Teil
Die enormen Energiemengen lassen gebremst werden. Dieser Effekt heißt dieses so genannten Luftschauers erreicht
sich durch einen Vergleich mit dem Lar- nach den Theoretikern, die ihn postuliert die Erdoberfläche und lässt sich dort mit
ge Hadron Collider veranschaulichen, haben, Greisen-Zatsepin-Kuzmin­(GZK)- speziellen Detektoren nachweisen.
dem größten Beschleuniger der Welt, der Unterdrückung. Er sollte dazu führen,
momentan am Forschungszentrum Cern dass die Häufigkeit kosmischer Teilchen,
in Genf gebaut wird. Er hat einen die auf die Erde treffen, bei hohen Ener- Extrem energiereiche Teilchen aus dem All
Umfang von 27 Kilometern und ist mit gien stark abfällt. Versuche, das Phäno- erzeugen beim Eintritt in die Erdatmosphäre
supraleitenden Magneten modernster men experimentell zu beobachten, erga- Kaskaden von Elektronen. Zu deren Nach-
Bauweise ausgestattet. Um Teilchen auf ben in der Vergangenheit allerdings wi- weis dienen Tanks, die mit hochreinem Was-
Energien von 1020 Elektronenvolt zu dersprüchliche Resultate. ser gefüllt sind (Vordergrund). Darin rufen
bringen, müsste das Gerät allerdings die In jedem Fall sind kosmische Teilchen die Elektronen so genannte Tscherenkow-
Größe der Umlaufbahn des Planeten mit Energien über 1020 Elektronenvolt Lichtblitze hervor. Außerdem verursachen
Merkur haben. Deshalb verwundert es extrem selten. Abschätzungen zufolge sie bei der Wechsel­wirkung mit Luftstick-
nicht, dass derart energiereiche Partikel dürfte auf einer Fläche von einem Qua- stoff ein schwaches ultraviolettes Leuchten,
eines der größten Rätsel der Astrophysik dratkilometer weniger als eines pro Jahr- das sich mit Fluores­zenzteleskopen (rechts
darstellen. hundert niedergehen. Deshalb braucht im Hintergrund) beobachten lässt.

Ralph Engel

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  19


In der argentinischen Pampa in der che von 3000 Quadratkilometern (ver- Zunächst einmal gelang es, die GZK-
AKTUELL

Nähe der Kleinstadt Malargüe entsteht gleichbar mit der Größe des Saarlands) Unterdrückung zweifelsfrei nachzuwei-
seit 1998 das größte Feld aus solchen De- für den Nachweis nutzen. sen. Die 27 Teilchen mit extrem hoher
tektoren. Es handelt sich um das südliche Außer den Tanks dienen erstmals auch Energie, die trotzdem beobachtet wur-
Observatorium des Pierre-Auger-Projekts. Fluoreszenzteleskope zur Detektion der den, müssen deshalb aus unserer kos-
Eine internationale Kollaboration von Luftschauer. 24 an der Zahl, registrieren mischen Nachbarschaft stammen: aus
mehr als 300 Physikern und Ingenieuren sie das schwache ultraviolette Aufleuch- einem Umkreis von höchstens 200 Mil-
ist an seinem Aufbau beteiligt. Als De- ten der Stickstoffmoleküle in der Atmo- lionen Lichtjahren. Sonst wären sie auf
tektoren dienen Tanks, die mit zwölf sphäre, wenn diese von Sekundärteilchen ihrem Weg zur Erde durch Wechselwir-
Tonnen hochreinem Wasser gefüllt sind. getroffen werden. Allerdings können sie kung mit der Hintergrundstrahlung zu
Darin lösen die Sekundärteilchen so ge- nur in dunklen Nächten arbeiten, da das stark abgebremst worden.
nannte Tscherenkow-Lichtblitze aus. Lichtsignal eines Luftschauers kaum hel-
Vor zwei Jahren wurde die Errichtung ler als eine kurz aufblitzende 30-Watt- Boten von Schwarzen Löchern
des tausendsten Detektors gefeiert – am Glühlampe ist. Durch die Kombination Für Begeisterung unter den Forschern
Ende sollen es 1600 sein. Da die Teil- von Teilchendetektoren und Fluoreszenz- sorgte aber vor allem die Richtung, aus
chenkaskaden typischerweise Durchmes- teleskopen gelingt es, nicht nur die Ener- der die extrem energiereichen Teilchen
ser von mehr als fünf Kilometern aufwei- gie der kosmischen Partikel, sondern kamen. Bei zwanzig von ihnen zeigte der
sen, genügt es, die Tanks mit einem Ab- auch die Richtung, aus der sie kommen, Einfallsvektor mit einer Abweichung von
stand von 1,5 Kilometern aufzustellen. genauer als bei früheren Experimenten zu weniger als drei Grad auf aktive galakti­
Dadurch lässt sich schließlich eine Flä- bestimmen. sche Kerne unseres lokalen Universums,
Noch vor der Fertigstellung des süd- in denen die Astronomen gigantische
lichen Pierre-Auger-Observatoriums ist Schwarze Löcher vermuten (siehe S. 34).
Auf dieser Himmelskarte sind die bekannten die Suche nach den höchstenergetischen Besonders viele Partikel kamen aus Rich-
aktiven galaktischen Kerne in der Umgebung Teilchen bereits angelaufen. Die Detek- tung von »Centaurus A«, der dichtesten
unserer Galaxie als blaue Sterne eingetra- toren haben bisher mehr als eine Million starken Radiogalaxie des südlichen Stern-
gen. Die roten Punkte markieren die An- Luftschauer registriert. Und die Analyse himmels. 14 Millionen Lichtjahre ent-
kunftsrichtungen der extrem energiereichen dieser Daten förderte schon überra- fernt, beherbergt sie ein Schwarzes Loch
kosmischen Teilchen, die mit dem südlichen schende Erkenntnisse zu Tage, die das von mehr als 200 Millionen Sonnenmas-
Pierre-Auger-Observatorium nachgewiesen Rätsel um die Herkunft der höchstener- sen. Damit gibt es erstmals Hinweise da-
wurden. Dessen Beobachtungsbereich ist getischen kosmischen Strahlung einer rauf, dass aktive galaktische Kerne die
grau eingezeichnet. Lösung näherbringen. leistungsfähigsten Teilchenbeschleuniger

+60

+30

Virgo A

60 120 180 240 300

-30

Centaurus A
Fornax A

-60 t io
n
ora
llab
-Ko
Auger

20 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Aktuell

Viele höchstenergetische kosmische Teil-


chen kommen offenbar von der Radiogalaxie
Centaurus A. Gezeigt ist ein optisches Bild

rechts: Jack O. Burns (Univ. of Missouri) & David Clarke (SMU Canada)
(links) zusammen mit einer Aufnahme im Ra-
diobereich (rechts), in der zwei Plasma-
strahlen senkrecht zur galaktischen Ebene
erscheinen. Sie werden von der ins Schwar-
ze Loch fallenden Materie erzeugt.

links: NOAO;

des Universums sind – obwohl der ge- Er verrät nichts über ihre Identität. Da scher mit dem Bau eines Gegenstücks
naue Mechanismus noch unklar ist. aber eine so enge Korrelation zwischen auf der Nordhalbkugel beginnen, um
Diese Vermutung wird auch nicht ihrer Ankunftsrichtung und ihrem mut- alle Himmelsrichtungen beobachten zu
durch die sieben Teilchen widerlegt, für maßlichen Ursprungsort in aktiven ga- können. Es soll im US-Bundesstaat Co-
die sich kein solcher Galaxienkern als laktischen Kernen gefunden wurde, kön- lorado stehen. Die nun vorliegenden ers-
Quelle identifizieren ließ. Die meisten nen sie auf dem Weg zur Erde durch die ten Ergebnisse steigern die Spannung,
von ihnen kamen nämlich aus der Rich- Magnetfelder unserer Galaxie nur wenig mit der die Forscher den Messungen auf
tung der galaktischen Ebene. Diese dicht abgelenkt worden sein. Demnach han- der Nordhalbkugel entgegensehen; denn
bevölkerte Region trübt aber den Blick delt es sich vermutlich um Protonen, dort steht mit »Virgo A« die stärkste Ra-
auf Objekte dahinter und erschwert da- also Wasserstoffkerne. Damit aber eröff- diogalaxie am Himmel.
mit die Beobachtung Schwarzer Löcher, net sich nun umgekehrt die Möglichkeit,
die dort womöglich vorkommen. die geladenen Teilchen der kosmischen Ralph Engel und Fabian Schüssler sind Astro­
Der indirekte Nachweis der höchst­ Strahlung auch zur Messung der Ma- teilchen-Physiker am Forschungszentrum Karls-
energetischen
Dr. Willmar Schwabe Teilchen über ihre Sekun- gnetfelder in der Milchstraße zu nutzen.
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173 x 117 At- Nach der Fertigstellung des südlichen die Eigenschaften hochenergetischer kosmischer
mosphäre hat allerdings einen Nachteil: Auger-Observatoriums wollen die For- Strahlung untersuchen.

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Tierische Intelligenz Diesen Artikel können Sie als Audiodatei
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Mehr als Nachäffen


Ein Harvard-Psychologe hat nachgewiesen, dass Affen genau wie Menschen
ihre Beobachtungen in den jeweiligen Kontext einordnen und vor diesem
Hintergrund bewerten können.

Von Josephina Maier dann genauso umständlich, wenn das auf den Behälter, den der Mensch vor ih-
Vorbild bei der Demonstration die Hän- nen absichtlich angefasst hatte.

A uf geistigem Gebiet, wo genau liegt


da die Grenze zwischen Mensch
und Affe? Mit der Antwort tun sich
de frei hatte – anderenfalls werteten sie
die Verwendung des Kopfs als Notbehelf
und nahmen ihrerseits lieber die Finger.
Im eigentlichen Versuch setzte Wood
den Affen dann eine Person vor, die eines
der beiden Futtergefäße statt mit den
Wissenschaftler bis heute schwer. Dass Gergely schloss daraus, dass Kleinkinder Fingern mit dem Ellbogen berührte. In
wir unseren haarigen Verwandten auf schon in diesem Alter die Handlungen der Hälfte der Fälle hielt der Mensch da-
einigen­ Feldern weit überlegen sind, ver- ihrer Mitmenschen in einen Gesamtkon- bei einen Gegenstand in der betreffen­
steht sich von selbst. Doch bei dem Ver- text stellen und interpretieren können. den Hand. Nur unter diesen Umständen
such, die Unterschiede an bestimmten Verfügen auch nichtmenschliche Pri- wählten die Primaten, wie sich zeigte,
Fähigkeiten festzumachen, erweist sich maten über diese Fähigkeit? Das wollte bevorzugt das mit dem Ellbogen be-
oft, dass Affen viel mehr können, als wir Wood herausfinden. Mit Liszt- und Rhe- rührte Gefäß. Offenbar betrachteten sie
ihnen zutrauen. susaffen sowie Schimpansen testete er die ungewöhnliche Geste als Ersatz für
Das musste auch der Psychologe Jus- drei Spezies, die unterschiedlich eng mit das nicht mögliche Anfassen mit den
tin Wood von der Harvard-Universität dem Menschen verwandt sind. Fingern – genau wie die Kleinkinder das
in Cambridge (Massachusetts) feststel- Zunächst prüfte der Forscher, ob die Schalterdrücken mit der Stirn als Notbe-
len, als er drei Arten von Primaten einen Tiere überhaupt zwischen einer zufäl- helf erkannten, weil die Hände nicht frei
Schlussfolgerungstest absolvieren ließ ligen und einer absichtlichen Bewegung waren. In den anderen Fällen hielten die
(Science, Bd. 317, S. 1402). Er orien- unterscheiden können. Dazu benutzte er Tiere die Berührung dagegen für zufällig
tierte sich dabei an einem Versuch, den wie sein Kollege Gergely ein mensch- und damit bedeutungslos. Demnach
György Gergely vom Psychologischen liches Vorbild, dem die Affen zusahen. werteten alle drei Primatenarten die
Institut der Ungarischen Akademie der Die Person berührte einen von zwei Fut- Handlung nur dann als zielgerichtet,
Wissenschaften in Budapest 2002 durch- terbehältern entweder wie zufällig mit wenn sie in den Gesamtkontext passte.
geführt hatte. dem Handrücken oder fasste ihn in ei-
Damals beobachteten 14 Monate alte ner klar zielgerichteten Bewegung an. Affen ziehen logische Schlüsse
Kinder, wie ein Erwachsener einen Licht- Danach mussten sich die Affen für eines Das erstaunt umso mehr, als der Ellbogen
schalter mit der Stirn betätigte. Die der beiden Gefäße entscheiden. Bei allen den Tieren als Fingerersatz völlig fremd
Knirpse machten es anschließend nur drei Arten fiel die Wahl deutlich häufiger ist. Deshalb können die Affen auch nicht
einfach frühere Erfahrungen aus ihrem
Justin Wood, Harvard University

normalen Umgang miteinander auf die


Testsituation übertragen haben. In die-
sem Punkt hebt sich Woods Studie von
einem etwas älteren Versuch ab, der auf
den ersten Blick sehr ähnlich wirkt. Zu
Beginn dieses Jahres hatten Forscher um
Friederike Wange von der Universität
Wien einige Collies einen dressierten
Hund beobachten lassen, der mit seiner
Pfote eine Schaukel niederdrückte und so
an Futter gelangte. Seine Artgenossen be-
nutzten daraufhin ebenfalls ihre Pfote
statt der Schnauze, die sie für eine solche

Ein Wissenschaftler fasst gegenüber einem


Makaken (nicht sichtbar) mit einer deutli­
chen Geste eine Koskosnusshälfte an. Affen
können solche absichtlichen Handlungen
von rein zufälligen Berührungen unterschei-
den und ihre Bedeutung erkennen.

22 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Aktuell

Aufgabe normalerweise nehmen würden.


Hatte das Vorbild allerdings einen Ball im
Maul, sodass es die Schaukel nicht damit Springers Einwürfe
niederdrücken konnte, ignorierten die
Collies sein Beispiel und wählten die ge-
wohnte Methode.
Intelligentes Imitieren ist also nicht
Seid gut zu Fliegen!
Primaten vorbehalten. Die Leistung der Insekten haben ein empfindsames Gemüt.
Affen im Experiment von Wood geht
aber noch einen Schritt darüber hinaus. Der eine liebt Katzen, der andere Hunde, ein dritter mag Kanarienvögel, ein vierter
Die Tiere hatten keinen Artgenossen, schaut gern den Fischen in seinem Aquarium zu. Umgekehrt weiß jeder ein Tier, vor
sondern einen Menschen vor sich. Au- dem es ihn am meisten ekelt. Sind es für Sie Schlangen, Mäuse oder Ratten? Mir be-
ßerdem konnten sie eine ihnen völlig reiten Insekten größtes Unbehagen, gerade weil ich für ihre oft überraschende Be-
fremde Bewegung richtig deuten und in weglichkeit und Energie besonderen Respekt empfinde.
den Kontext einordnen. Das lässt ver- Damit stehe ich nicht allein da. Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung« wie
muten, dass unsere engsten Verwandten auch die mehrfach verfilmte Kurzgeschichte »Die Fliege« von George Langelaan er-
im Tierreich ebenso wie wir zum Ziehen zielen ihren Gruseleffekt, indem sie ein menschliches Bewusstsein in den Leib eines
logischer Schlüsse aus komplexen Sach- Käfers beziehungsweise einer Stubenfliege sperren.
verhalten fähig sind. Damit wäre eine Mein starkes Unbehagen lässt sich wohl mit der großen evolutionären Distanz
weitere Bastion des vermeintlich exklusiv zwischen Mensch und Insekt erklären. Katzen sind verspielt, Hunde treu, Vögel sin-
Menschlichen gefallen. gen – sie alle ähneln uns nicht nur in ihrem Körperbau, sondern stehen uns auch
Woods Ergebnisse ergänzen auch emotional nahe. Hingegen sind mir Insekten und andere Krabbeltiere bisher nur wie
neurologische Befunde zum Sich-Ein- kleine, ungeheuer raffiniert gebaute Automaten erschienen, gegen die ich ohne Be-
fühlen in die Handlungen anderer. denken mit Fliegenklatsche oder Schuhsohle vorging. Doch seit ich einen Artikel
Demnach feuern bestimmte Nervenzel- über das mutmaßliche Innenleben der Taufliege Drosophila gelesen habe, sehe ich
len – die so genannten Spiegelneurone – derlei »Ungeziefer« mit anderen Augen.
im prämotorischen Kortex von Primaten In den 1960er Jahren begann sich das Forschungsfeld der Neurogenetik zu etab-
nicht nur beim Ausführen einer Bewe- lieren; sie untersucht Zusammenhänge zwischen Erbgut und Verhalten – vor allem
gung, sondern auch dann, wenn diese am Modell der Taufliege (Nature, Bd. 450, S. 193). Bestimmte Mutationen verändern
bloß bei anderen beobachtet wird. Man- nur den Körperbauplan und lassen beispielsweise aus dem Kopf statt Fühlern Beine
che Forscher schließen daraus, dass ein wachsen, doch andere führen zu drastisch verändertem Verhalten. So gibt es Droso-
Mensch oder Affe, um die Aktionen sei- phila-Mutanten, die an Schlaflosigkeit leiden; andere haben den Sinn für gewisse Ge-
nes Gegenübers zu verstehen, die zuge- rüche eingebüßt oder fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen. Neuerdings
hörigen Bewegungen im eigenen moto- untersuchen Neurogenetiker an mutierten Taufliegen, welche Komponenten in deren
rischen System probeweise nachvollzieht. winzigem Gehirn ausfallen, die normalerweise für Lernen, Gedächtnis oder visuelle
Wood glaubt aber, dass sich die Ergeb- Mustererkennung zuständig sind.
nisse seines Experiments damit allein
nicht erklären lassen; denn gleich ob die Sogar erbliche Charakterunterschiede lassen sich bei Fliegen feststellen. Manche
Hand einen Gegenstand trägt oder sind tollkühn, andere feige, wenn sie im Labor über einen schmalen Abgrund klettern
nicht, die Ellbogenbewegung bleibt die- sollen. Auch Aggressivität, soziales Verhalten und Balzrituale erweisen sich als indi-
selbe. Seiner Ansicht nach muss daher viduell verschieden. Das wirft die Frage auf, ob wir der einzelnen Fliege nicht etwas
ein ergänzendes System existieren, das wie Persönlichkeit und Emotionalität zubilligen müssen. Im erwähnten Nature-Arti-
weitere Informationen einbezieht. kel wird ein Forschungsprogramm skizziert, das die Suche nach komplexen Charak-
Ob die Fähigkeit von Affen, Beobach- terzügen wie Geselligkeit, Altruismus, Einfühlung, Frustration, Hass, Eifersucht und
tungen im Kontext zu bewerten, nicht Unterordnung bei Drosophila zum Ziel hat.
nur mit derjenigen von Kleinkindern, Das mutet nur auf den ersten Blick überzogen an: Auf den zweiten erinnert es uns
sondern auch von erwachsenen Men- daran, dass Fliegen Verwandte sind, wenn auch weit entfernte. Gewiss haben sich un-
schen mithalten kann, bleibt nach sere Stammbaumlinien vor Hunderten von Millionen Jahren getrennt, aber der Mensch
Woods Experiment aber fraglich. Alle teilt viel von seinem Erbgut mit Drosophila, und die so genannten Homöo­box-Gene
drei Primatenarten hatten bei dem Ell- sorgen bei beiden für die Ausdifferenzierung von vorne und hinten, von Kopf und Kör-
bogenversuch nicht beachtet, dass ihr per, von Rumpf und Beinen. Erst diese ferne Verwandtschaft er-
menschliches Vorbild auch seine zweite klärt, warum die Sciencefiction-Idee einer Kreuzung von Mensch
Hand zum Berühren des Futtergefäßes und Insekt etwas so gruselig Plausibles an sich hat.
hätte benutzen können. Ob diese nun Als ich heute Frühstück machte, floh eine kleine Spinne aus
hinter dem Rücken versteckt oder ganz meiner Saftpresse. Früher hätte ich sie in einem Anfall von
offensichtlich unbeschäftigt war – die Schreck und Ekel sofort zerquetscht, doch jetzt ließ ich sie lau-
Affen nahmen keine Notiz davon. fen. Ein wenig kam ich mir dabei vor wie der hinduistische Bet-
telmönch, der unterwegs vor sich den Boden kehrt, damit er
Michael Springer
Josephina Maier ist freie Wissenschaftsjourna- kein Insekt zertritt, denn »Tat twam asi«: Auch das bist du.
listin in Darmstadt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  23


Planetensysteme

Am Rande des

CHAOS
Die Zahl der Planeten, die einen Stern umkreisen, ist kein Zufall. Unser
Sonnensystem beispielsweise könnte früher zwar mehr Planeten be-
sessen haben. Dann aber katapultierte es den einen oder anderen ins
Weltall, um seine eigene Stabilität zu bewahren. Beobachtungen extra-
solarer Planetensysteme helfen jetzt, diese Hypothese zu erhärten.

Von Steven Soter lasse, wenn nur die Positionen und Impulse al-

D
ler Himmelskörper zu einem bestimmten Zeit-

In Kürze ie gleiche Schwerkraft, die Äpfel


von den Bäumen fallen lässt, hält
punkt genau genug bekannt seien.
Dann aber bewies Henri Poincaré im späten
auch die Planeten auf ihren Bah- 19. Jahrhundert, dass Laplace einige seiner
r  Die Himmelskörper im Plane-
nen. Isaac Newtons Erkenntnis, Gleichungen zu sehr vereinfacht hatte. Er hat-
tensystem unterliegen gegen-
die er in seinen im Jahr 1686 fertig gestellten te Terme wegfallen lassen, die er als überflüssig
seitigen gravitativen Wech- 
»Principia Mathematica« formulierte, bereitete ansah – die es aber keineswegs waren. Dadurch
selwirkungen, die sich auf-
dem Naturforscher aber auch Sorgen. Müss- übersah Laplace, dass es im Sonnensystem zu
schaukeln können. Solche Re-
ten sich die schwachen Schwerkräfte zwischen chaotischen Bewegungen kommen kann. Tat-
sonanzen können vor allem
benachbarten Planeten nicht aufsummieren, sächlich wirken die Planeten bisweilen so auf-
kleinere Objekte aus ihrer Bahn  
sodass die Exzentrizitäten der Umlaufbahnen einander ein, dass schon kleinste Verände-
schleudern.
– deren Abweichung von der Kreisform – be- rungen der Anfangsorte zu einem völlig ande-
r  Die Bahnen der großen ständig zunähmen? Zusammenstöße zwischen ren Endzustand des Systems führen. Ein
Planeten sind stabil. Merkur   den Planeten und schließlich die Zerstörung solches System bezeichnen Mathematiker und
und Venus allerdings könnten des Sonnensystems wären unvermeidlich. Da Physiker als chaotisch und man kann ihm nur
einst infolge von Resonanzen dies nicht geschah, glaubte Newton, dass Gott mit modernen Hochgeschwindigkeitsrechnern
kollidieren. Daraus schlossen selbst hin und wieder eingriff, um die Bahnen zu Leibe rücken. Tatsächlich waren es Compu-
Forscher, dass Planetensys­- der Planeten zu korrigieren und so für einen ter, die schließlich Belege dafür lieferten, dass
te­me sich stets am Rand zur reibungslosen Ablauf am Himmel sorgte. das Sonnensystem insgesamt nur sehr geringe
Instabilität befinden. Ihre Um 1800 jedoch kam Pierre-Simon Laplace Stabilität aufweist. Laplace war widerlegt: Die
langfristige Stabilität bewahren auf mathematischem Weg zu dem Schluss, dass Bewegungen der Himmelskörper sind über
sie, indem sie im Lauf der Zeit sich das Sonnensystem selbst stabilisiert. Die lange Zeiträume hinweg grundsätzlich nicht
einzelne Planeten aus dem gravitativen Wechselwirkungen führten näm- exakt vorhersagbar.
System werfen oder ihre Zahl lich, so der Mathematiker und Philosoph, nur
durch Kollisionen verringern. zu kleinen Oszillationen der Bahnexzentri­ Kaum noch Platz im System
r  Anhand neuer Beobachtungen zitäten um ihre Mittelwerte herum. Warum Heute simulieren Theoretiker die Entstehung
von Exoplanetensystemen   Gott in seinem Hauptwerk über Himmelsme- von Planetensystemen auf immer leistungs-
um fremde Sterne lässt sich chanik nicht mehr vorkomme, fragte ihn da­ stärkeren Rechnern, während astronomische
diese Hypothese überprüfen. raufhin sein Freund Napoleon Bonaparte. Beobachter in schneller Folge neue Planeten-
Auch diese scheinen bis an   »Dieser Hypothese, Sire«, soll er geantwortet systeme rund um fremde Sterne aufspüren.
den Rand ihrer Kapazität mit haben, »bedurfte ich nicht!« Laplace war zu- Die Faktenlage spricht dafür, dass Planetensys-
Planeten gefüllt zu sein. dem überzeugt, dass sich der künftige Aufent- teme in der Regel bis fast an ihre Kapazitäts-
haltsort jedes Objekts im Sonnensystem aus grenzen mit Himmelskörpern »gefüllt« sind –
den Bewegungsgesetzen exakt vorausberechnen (viel) mehr Planeten, so die verblüffende Fol-

26  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Astronomie & Physik

Illustration: NASA, JPL / CalTech / Tim Pyle (SSC)

gerung, fänden darin gar keinen Platz. Die 3 :1-Resonanz der mittleren Bahnbewegung Vor 4,6 Milliarden Jahren, noch
zahlreichen Beobachtungsdaten werden uns sprechen. Im Asteroidengürtel sind zudem wei- bevor die Erde existierte, war
nun helfen, das fragile Gleichgewicht zwischen tere Lücken bekannt, die etwa durch die 5 : 2- die Sonne von einer Scheibe aus
Ordnung und Chaos in Planetensystemen bes- oder 7 : 3-Resonanzen mit Jupiter entstehen. Gas und Staub umgeben (Illustra-
ser zu verstehen. Die Zeiten Laplaces, in denen Das Beispiel einer Kinderschaukel veran- tion), aus der sich schließlich
das Sonnensystem als Musterbeispiel für uhr- schaulicht, was dabei geschieht. Stößt man die die acht Planeten unseres Sonnen-
werkhafte Stabilität galt, sind jedenfalls vorbei. Schaukel an zufällig ausgewählten, jeweils un- systems bildeten. Aber warum
Den ersten fundierten Beleg für Instabilitä- terschiedlichen Orten ihrer Bahn an, so be- gerade acht? Computersimulatio-
ten im Sonnensystem entdeckte der amerika- einflusst dies ihr Verhalten nicht allzu sehr. nen deuten darauf hin, dass es
nische Astronom Daniel Kirkwood im Jahr Stößt man sie aber immer dann an, wenn sie früher mehr waren. Dann aber
1866, als er den Asteroidengürtel zwischen den höchsten Punkt ihrer Bahn erreicht, sum- warf das Sonnensystem, um seine
Mars und Jupiter untersuchte. Zu jener Zeit mieren sich die Stöße auf, die Schaukel Stabilität zu bewahren, einige
waren erst rund 90 Asteroiden bekannt, wäh- schwingt höher und höher. Selbst wenn man davon hinaus ins All.
rend heutige Kataloge die Bahnen von über sie nur jedes zweite oder dritte Mal am höchs-
150 000 Exemplaren auflisten. Trotz der dürf- ten Punkt anstößt, verstärkt sich die Schwin-
tigen Daten fand Kirkwood auffällige Lücken gung. Dann allerdings dauert das Aufschau-
in der Verteilung der Zeiten, die Asteroiden keln länger, die Resonanz ist schwächer.
für einen Umlauf um die Sonne brauchen. Befindet sich ein Asteroid auf einer Um-
(Entsprechende Lücken wies auch die Vertei- laufbahn, auf der es zu Resonanzen kommt,
lung der Bahndurchmesser auf, denn beide kann seine Exzentrizität daher so weit anwach-
Größen hängen auf wohl definierte Weise mit- sen, dass er schließlich in die Sonne stürzt
einander zusammen.) So besaß keines der Ob- oder mit einem Planeten kollidiert. Möglich
jekte eine Umlaufdauer von etwa 3,9 Jahren. ist auch, dass er so nahe an einem Planeten
Dies entspricht, bemerkte Kirkwood, gerade vorüberzieht, dass ihn dessen Anziehungskraft
einem Drittel der Umlaufdauer von Jupiter. in eine andere Region des Sonnensystems
Das ist kein Zufall. Umkreist ein Asteroid schleudert. Selbst Asteroiden auf stabilen Um-
unser Zentralgestirn exakt dreimal, während laufbahnen werden mitunter in eine der Kirk-
Jupiter genau einen Umlauf vollzieht, dann wood-Lücken gestoßen. Hier bekommen sie
nähern sich beide Himmelskörper stets am es dann mit Jupiter zu tun und werden aus
gleichen Punkt ihrer Umlaufbahn am stärks- dem Asteroidengürtel hinausgeschleudert.
ten an. Dort erhält der Asteroid durch die Viele der Meteoriten, die auf die Erde treffen,
Schwerkraft seines massereichen Nachbarn je- sind ebenfalls Bruchstücke aus dem Gürtel,
desmal einen kleinen Impuls. Mit der Zeit die sich in eine der Resonanzlücken verirrt
summieren oder schaukeln sich diese Stö- hatten. Die Riesenplaneten zerren aber auch
rungen auf, sodass die Astronomen von einer an den kleinen Eiswelten, die den jenseits der

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 27


Planetensysteme

Deutliche Lücken durch Resonanzeffekte veran-

American Scientist, Barbara Aulicino nach: IAU, Minor Planet Center


Verhältnis der Umlaufzeiten (Asteroid : Jupiter)
4: 1 3 :1 5: 2 7:3 2 :1 3:2 1:1 schaulicht dieses Diagramm. Die waagerechte
15
Achse zeigt die Entfernung der untersuchten
Anzahl der Himmelskörper (Tausend)

Asteroiden von der Sonne (genauer: die Länge


der großen Halbachse der Bahnellipse), gemes-
sen in Astronomischen Einheiten (1 AE entspricht
10 der mittleren Entfernung zwischen Erde und
Sonne). In der Senkrechten ist die Zahl der in der
jeweiligen Entfernung bekannten Asteroiden
aufgetragen. Destabilisierende Resonanzen
Merkur

führen zu Minima in der Verteilung (Kirkwood-

Jupiter
Venus

5
Erde

Mars

Lücken). Der Asteroidengürtel zwischen Mars und


Jupiter wird durch 4 : 1- und 2 : 1-Resonanzen mit
Jupiter eingegrenzt. Auch stabile Resonanzen
existieren, etwa die 3 : 2- (Hilda-Asteroiden) und
0 1 : 1-Resonanz (Jupiter-Trojaner).
0 1 2 3 4 5 6
große Halbachse der Bahnellipse (Astronomische Einheiten)

Neptunbahn liegenden Kuipergürtel bevöl- wortlich sind kleine Unterschiede in der Kon-
kern. So sorgen sie für Nachschub an kurzpe- figuration der beteiligten Himmelskörper.
Will man säkulare Reso­ riodischen Kometen, wie sie regelmäßig auch Viele Objekte im Kuipergürtel sind in einer
nanzen in Planetensysteme ins innere Sonnensystem vordringen. Doch stabilen 2 : 3-Resonanz mit Neptun gefangen.
um fremde Sterne untersu- auch schon im jungen Sonnensystem übten sie Sie umkreisen die Sonne also zweimal, wäh-
chen, muss auch ein wei- Einfluss aus: Damals füllten kleine Eiskörper, rend der Planet drei Umläufe vollzieht. Nach
terer Effekt berücksichtigt die zu eng an den wachsenden Riesen vorbeif- Pluto, dem ersten entdeckten Objekt dieser
werden. Die Auswirkungen
logen, die Oortsche Wolke (die der Sonne Art, werden sie Plutinos genannt. Die Bahnen
der Raumzeitkrümmung
können nämlich ähnlich
noch ferner ist als der Kuipergürtel) mit vielen einiger dieser Plutinos und auch die Bahn von
groß wie die der Resonanz hundert Milliarden Kometenkernen. Pluto selbst kreuzen sogar die Neptunbahn.
werden. Dies haben Fred C. Die folgenreichen Begegnungen veränder- Die Geometrie ihrer Resonanzbahn verhindert
Adams von der Universität ten sogar die Umlaufbahnen der großen Pla- aber, dass sie dem Planeten zu nahe kommen,
Michigan und Gregory neten. Weil die wachsenden Planeten Saturn, und sichert so ihr Überleben.
Laughlin von der Universi- Uranus und Neptun mehr kleine Körper nach Ein weiteres Beispiel für recht stabile Um-
tät von Kalifornien in Santa innen in Richtung Jupiter schleuderten als laufbahnen stellen die Trojaner dar. Diese
Cruz jüngst am Beispiel der nach außen, wanderten sie selbst auf Grund Schar Tausender von Asteroiden bewegt sich
Sterne Ypsilon Andromedae der Drehimpulserhaltung nach außen. Bei Ju- auf derselben Bahn wie Jupiter um die Sonne.
und HD160691 nachgewie-
piter war das Gegenteil der Fall: Der sehr mas- Manche laufen ihm voraus, andere hinterher,
sen. Deren Planeten sind
näher an ihrem Zentralge-
sereiche Planet schleuderte die meisten kleinen in einem Abstand von jeweils 60 Grad. Weil
stirn als die Erde an der Körper in das äußere Sonnensystem oder so- solche »koorbitalen« Objekte die gleiche Um-
Sonne und der Gravitation gar noch weiter hinaus, weshalb er selbst nach laufdauer wie der Planet selbst haben, sind die
ihrer Sterne daher beson- innen wanderte. Trojaner in einer 1 :1-Resonanz gefangen. Auch
ders stark ausgesetzt. Doch zurück zu den resonanten Umlauf- in diesem Fall bleiben nahe Vorbeiflüge an
bahnen. Meist sind sie hochgradig instabil, Jupiter aus, die Trojaner sind also ungefährdet.
aber es gibt einige Ausnahmen. Dafür verant- Ähnliche Asteroidenfamilien begleiten auch

Der Asteroidengürtel zwischen


Mars und Jupiter enthält unzählige
felsige Himmelskörper (weiße
Punkte). Die Trojaner (rosa) außer­-
halb des Asteroidengürtels sind
auf ihren Bahnen sicher, weil sie in
einer 1 : 1-Resonanz mit Jupiter
gefangen sind. Einge­zeichnet sind
nur Asteroiden mit einer Größe
APL
JHU

von über 50 Kilometer. Die meis-


A/
NAS

ten dieser Himmelskörper sehen


vermutlich aus wie Eros. Der
Asteroid ist mit seinen 33 Kilo­
metern Längsdurchmesser viel zu
IAU, Minor Planet Center

klein, als dass ihn seine eigene


Schwerkraft in Kugelform bringen Eros
Jupiter
28
könnte.
 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008
Astronomie & Physik

die Planeten Mars und Neptun um die Sonne. Erst in jüngerer Zeit gelang es Wissen-
Die gegenseitige Anziehung der Planeten führt schaftlern, chaotische Systeme mit Hilfe von
auch zu zyklischen Prozessen, bei denen sich Computern in hoher Auflösung zu simulieren
die räumliche Orientierung ihrer Umlauf- und so besser zu verstehen. Die bislang um-
bahnen ändert. Es kommt zu einem Effekt fangreichsten Rechnungen zur langfristigen
analog der Präzession der Rotationsachse un- Stabilität des Sonnensystems stammen von
serer Erde, zudem rotiert die Hauptachse der Jacques Laskar vom Bureau des Longitudes,
Ellipse innerhalb der Ebene der Umlaufbahn. einem astronomischen Institut in Paris. Laskar
Dies führt zu säkularen, also langfristigen Re- simulierte die gravitativen Wechselwirkungen
sonanzen, denn die Drehung der Orientierung zwischen den acht Planeten unseres Sonnen-
einer elliptischen Bahn dauert um ein Viel- systems über einen Zeitraum von 25 Milliar-
faches länger als die Umlaufzeit. Säkulare Re- den Jahren (das Sonnensystem ist nur fünf
sonanzen wiederum können starke Störungen Milliarden Jahre alt). Dabei fand er he­raus,
der Bahnen kleinerer Himmelskörper bewir- dass die Exzentrizitäten und andere Parameter
ken. Das Sonnensystem ist also eine tückische der Umlaufbahnen chaotische Veränderungen
Region: Auf einer Unzahl möglicher Bahnen durchlaufen. Schon eine Prognose der Positi-
wären Himmelskörper säkularen Resonanzen onen, die die Planeten in nur 100 Millionen
oder Resonanzen der mittleren Bahnbewegung Jahren einnehmen, ist daher unmöglich.
ausgesetzt. Besonders störungsanfällig können Könnte sich also auch die Erde eines Tages
zudem Bahnen sein, auf denen sich Resonan- auf einer stark elliptischen Bahn wiederfinden?
zorbits überlappen. Dann würden sich auch unsere Lebensbedin- In der Verteilung kleiner Körper
gungen ändern, weil ihre Abstände von der im äußeren Sonnensystem sind
Erde auf stark elliptischen Abwegen? Sonne viel stärker variieren würden als heute. Bereiche stabiler Resonanzen
Obwohl das Sonnensystem einen so geord- Oder könnte das Sonnensystem einst sogar ei- deutlich zu erkennen (unten). In
neten Eindruck macht, enthält es doch viele nen Planeten verlieren? Nein. Denn auch für 30 Astronomischen Einheiten
chaotische Elemente. Eine grundlegende Ei- das Chaos gibt es physikalische Grenzen. Ein (AE) Entfernung sind die Trojaner
genschaft des mathematischen Chaos ist die Beispiel dafür ist das ebenfalls chaotische Sys- von Neptun zu finden. Dann
extreme Abhängigkeit eines Systems von sei- tem Wetter. Obwohl Meteorologen nicht vo­ folgen in Entfernungen zwischen
nen Anfangsbedingungen. Schon eine schein- raussagen können, wie das Wetter in einem 40 und 50 AE die Kuipergürtel-
bar unbedeutende winzige Störung kann zu Monat sein wird, können sie doch mit großer Objekte, einschließlich Plutos
wesentlichen Änderungen seiner großräumi- Sicherheit einen Bereich angeben, in dem die und der nach ihm benannten
gen Konfiguration zu einem späteren Zeit- Wetterbedingungen dann liegen werden. Plutinos. Hinzu kommen Objekte,
punkt führen. Ein vertrautes Beispiel ist das Denn externe Faktoren wie die Helligkeit der die in 3 : 4- und 1  : 2-Resonanzen
Billardspiel: Mikroskopische Änderungen in Sonne oder die Länge der Tage schränken die mit Neptun gefangen sind. Das
der Bahn einer Billardkugel können, insbeson- Spielräume des Systems Wetter ein. Bild links zeigt, dass sich die
dere nach vielen Kollisionen, das ursprünglich Wie Laskar herausfand, sind die Umlauf- meisten Plutinos (rosa Punkte)
beabsichtigte Ergebnis eines Stoßes völlig ver- bahnen der Planeten über Milliarden Jahre und anderen Kuipergürtel-
ändern. Deterministisch sind chaotische Syste- hinweg relativ stabil, obwohl das Chaos ihre Objekte (weiß) jenseits der
me gleichwohl, sie folgen also präzise den Ge- Positionen beeinflusst. Einerseits ist also die Neptunbahn befinden. Durchzie-
setzen der klassischen Physik. Weil aber die Konfiguration der Planeten langfristig im De- hende Kometen und aus dem
möglichen minimalen Störungen nicht präzise tail völlig unvorhersehbar, andererseits aber Kuipergürtel hinausgeworfene
erfasst werden können, bleibt ihre Entwick- verändern sich die Umlaufbahnen nicht so Objekte sind zu Zwecken der
lung grundsätzlich unvorhersagbar. stark, dass Kollisionen zwischen den Planeten Übersichtlichkeit nicht darge-
stellt.

0,5 American Scientist, Barbara Aulicino nach: IAU, Minor Planet Center

Verhältnis der Umlaufzeiten (Asteroid : Neptun)


1 : 1 3 : 4 2 : 3 1 : 2
0,4

Pluto
0,3
Exzentrizität

0,2

0,1
Neptun
IAU, Minor Planet Center

0
Pluto 28 30 40 50
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 29
große Halbachse der Bahnellipse (Astronomische Einheiten)
liarden Jahren mit der Venus kollidiert. Das
Sonnensystem, schloss Laskar, befindet sich ge-
nau an der Grenze zur Instabilität. Dieser Ge-
danke wiederum führte ihn zu der Idee, dass
das Sonnensystem »dynamisch voll« oder zu-

Stephanie Freese, nach: Jacques Laskar, 1996


mindest fast voll ist. Versuchte man, die vor-
handenen Planeten um einen weiteren zu er-
gänzen, würden die gravitativen Störungen das
System in Aufruhr versetzen. Erst nach einer
Kollision käme es wieder zur Ruhe – oder
nachdem es einen Planet hinausgeworfen hat.
Laskar vermutete, dass das Sonnensystem
sich auch im Verlauf seiner Entwicklung stets
Die maximalen Exzentrizitäten möglich wären. Beispielsweise sorgt die Erhal- genau an dieser Grenze befand. Dazu aber
der Bahnen der inneren Planeten tung des Gesamtdrehimpulses im Planetensys- muss es nach und nach Objekte hinausgewor-
verändern sich im Lauf der Zeit tem dafür, dass die Exzentrizitäten der Plane- fen haben. Die Zeitskala, auf der dies stattfand,
erheblich, wie numerische Simu- tenbahnen bestimmte Grenzwerte nicht über- entsprach dabei jeweils seinem Alter: War es
lationen von Jacques Laskar schreiten. Am stabilsten sind die Umlauf- beispielsweise eine Milliarde Jahre alt, benöti-
zeigen. Im Verlauf von Milliarden bahnen der äußeren Riesenplaneten. Die gte es etwa diesen Zeitraum, um ein großes
Jahren kann die Bahn eines kleineren terrestrischen Planeten, insbesondere Objekt hinauszuwerfen.
Planeten daher innerhalb einer Mars und Merkur, werden heftiger umher­ Mittlerweile ist es fünfmal älter, sodass es
breiten (farbig eingezeichneten) geworfen. Ihre Exzentrizitäten schwanken im bis zu einem weiteren solchen Ereignis nun
Region verlaufen. Die weißen Verlauf von Jahrmillionen ganz erheblich, wie noch länger dauern wird. Im Sonnensystem
Linien markieren seine gemittel- die Simulationen zeigen. Diese Schwankungen könnte es vor Milliarden von Jahren folglich
te Umlaufbahn. Für Merkur sind einerseits groß genug, dass sie den zwi- mehr Planeten gegeben haben als heute. Das
besteht sogar die Möglichkeit schen ihren Bahnen liegenden Bereich von al- Sonnensystem immunisierte sich also gegen
einer Kollision mit der Venus len kleineren Körpern säubern, andererseits ein Chaos auf großen Skalen, indem es die
(violetter Bereich). aber nicht so groß, dass sie zusammenstoßen Zahl der Planeten allmählich verringerte und
könnten. Eine mögliche Ausnahme fand Las- so die Abstände zwischen ihnen vergrößerte.
kar allerdings: Für Merkur, den masseärmsten Ihre gegenwärtige Zahl muss daher gerade so
Planeten, errechnete er eine immerhin kleine groß (und der Abstand zwischen ihnen so
Wahrscheinlichkeit, dass dieser in einigen Mil- klein) sein, wie es ein Zustand langfristiger

Simulationen zeigen die Ent­­­- 1,0 Jedes Planetensystem ist an­­-


0,8 Anfang
ät

wicklung der inneren Staub- ders (rechts): Planetesimale in


zit

0,6
tri

und Gasscheibe um einen 0,4 einer Staub- und Gasscheibe


en
Exz

jungen Stern. Anfangs existie- 0,2 um einen Stern können eine


0
ren dort zahlreiche Planetesi- 3 Millionen Vielzahl verschiedener Plane-
male auf fast kreis­förmigen Jahre tensysteme hervorbringen. In
Umlaufbahnen (oben). Binnen Simulationen müssen neben
weniger Mil­lionen Jahre wach- ihrer Anfangszahl und räum-
sen die Ex­zentrizitäten der 10 Millionen lichen Verteilung auch chao-
meisten kleinen Körper stark
Jahre tische Wechselwirkungen
an. Aus der Verschmelzung berücksichtigt werden. Grafik a
kleiner Objekte entstehen stellt das äußere Sonnensys-
währenddessen Planeten- 30 Millionen tem dar. Zum Vergleich sind elf
Zeit

Jahre
embryos. Im Lauf der Zeit (äußere) Planetensysteme
kollidieren klei­nere Körper gezeigt, die alle aus derselben
mit größeren oder werden aus 60 Millionen Simulation hervorgingen. Sie
dem System geschleudert. Zu- Jahre besitzen zwischen einem (b)
rück bleiben einige wenige und sieben (f) äußere Planeten
Planeten mit niedriger Bahn- unterschiedlichster Masse. Die
exzentrizität (unten). Der 200 Millionen Zahlen geben die jeweilige
Wert der Exzentrizität reicht Jahre Planetenmasse als Vielfaches
von 0 (kreisförmig) bis 1 der Erdmasse an.
(parabelförmig). American Scientist,

0 0,5 1,0 1,5 2,0


Barbara Aulicino
nach: John  E. Chambers, 2001

große Halbachse der Bahnellipse 


(Astronomische Einheiten)

30  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Astronomie & Physik

Stabilität erfordert. Ein solcher Prozess der überraschend ist dieses Ergebnis natürlich
dynamischen Relaxation ist nicht nur in Pla- nicht: Der Asteroidengürtel ist dicht bevölkert
netensystemen am Werk, sondern auch in und muss aus diesem Grund relativ immun
Sternhaufen und ganzen Galaxien. Durch den gegen Störungen sein. Andererseits zeig­te die-
Hinauswurf der am wenigsten stabilen Mit- selbe Untersuchung, dass die Bahn eines Rie- NEUESTE FUNDE I
glieder nähern sich die Bahnen der zurück- senplaneten dort schnell instabil würde. Jüngst fand die Hypothese der
bleibenden Objekte aneinander an und ihre Abgesehen von weiteren Horten der Stabi- bis an den »Rand« gefüllten
Planetensysteme weitere
Exzentrizitäten nehmen ab. lität wie dem Kuipergürtel, der fern der Pla-
Bestätigungen. Jacob L. Bean
neten liegt, und den Trojanern von Mars, Ju- nämlich, jetzt an der Universität
Bemerkenswert leerer Raum piter und Neptun ist der interplanetarische Göttingen, und ein Team an der
Computersimulationen mit »Testkörpern«, Raum aber bemerkenswert leer. Dies ist keine Universität Texas in Austin
die in das virtuelle Planetensystem eingefügt Nebensächlichkeit. Ein Planet muss sogar, so entdeckten im September 2007
werden, zeigen, dass die acht Planeten recht fordert es seit August die Neudefinition dieses einen riesigen Gasplaneten nahe
dominant sind. Nahezu überall im Sonnen- Begriffs, seine orbitale Nachbarschaft von an- dem Stern HD 74156.
system stören sie die sich auf Kreisbahnen be- derem Material befreit haben. Die meisten der Unmittelbar danach erhielt Bean
wegenden Testkörper ganz erheblich. Schon kleinen Objekte, die ihre Bahnen zwischen eine E-Mail von Rory Barnes und
innerhalb weniger Millionen Jahre kommt es den Planeten ziehen, sind denn auch nur vo­ Sean N. Raymond. Diese näm-
jeweils zu nahen Begegnungen mit einem Pla- rübergehende Eindringlinge. Sie gelangten lich hatten aus ihrer Hypothese
neten, infolge derer sie aus ihren Bahnen ge- erst vor kurzer Zeit in die Nachbarschaft der schon drei Jahre zuvor, als sie
schleudert werden. Offenbar gibt es aber auch Planeten und werden schon bald mit einem Computersimulationen zur
Stabilität von Planetensystemen
zahlreiche Regionen, in denen sich Objekte von ihnen kollidieren oder aber aber aus dem
durchführten, die Existenz
erheblich länger aufhalten können. Eine die- Sonnensystem hinausgeschleudert.
dieses Planeten prognostiziert.
ser Regionen liegt zwischen den Bahnen von In die vorherrschende Theorie zur Entste-
Die letzte erfolgreiche Voraus­
Mars und Jupiter – es ist also kein Zufall, dass hung des Sonnensystems, die erstmals im Jahr
sage dieser Art liegt über 
sich genau dort der Asteroidengürtel befindet. 1755 von dem Philosophen Immanuel Kant 150 Jahre zurück: 1846 hatten
Simulationen von Jack Lissauer und seine formuliert wurde, fügen sich die neuen Ideen Astronomen auf Grund von
Kollegen am Ames Research Center der US- auf ganz natürliche Weise ein. Nach Kants Unregelmäßigkeiten des Ura-
Weltraumbehörde Nasa und an der Queen’s- Theorie der Nebelakkretion entstanden das nus-Orbits auf die Existenz von
Universität in der kanadischen Provinz Onta- Sonnensystem und auch andere Planetensys- Neptun geschlossen.
rio belegen, dass ein erdgroßer Planet, wäre er teme durch die Kondensation und Ansamm-
denn dort entstanden, über Jahrmilliarden lung von Staub und Gas in einer abgeplatte-
hinweg auf einer stabilen Bahn liefe. Allzu ten Scheibe um einen jungen Stern. Moderne

318 95 15 17 746 1261 593 23 2


Jupiter Neptun
a Saturn Uranus g

343 87 85 87

b h

39 17 14 54 38 23
American Scientist, Barbara Aulicino nach: Harold  F. Levison et al., 1998

c i

15 14 9 279 196 44 19 12

d j

279 196 44 3 85 87 16

e k

7 26 21 16 15 4 8 40 42 24

f l

1 10 100 1 10 100
großeorbital
Halbachse der Bahnellipse
semimajor (Astronomische
axis in astronomical Einheiten)
units (AU) großeorbital
Halbachse der Bahnellipse
semimajor (Astronomische
axis in astronomical Einheiten)
units (AU)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 31


Planetensysteme

nicht maßstabsgetreu Verschmelzungen. Einige Embryos werden


erster Exoplanet auch in die Galaxis hinauskatapultiert, wo sie
5,6 Millionen Kilometer Abstand zum Zentralstern seither zwischen den Sternen umhertreiben.
zweiter Exoplanet Die kraterübersäten Oberflächen der Him-
18,0 äußerster melskörper, die sich im jungen Sonnensystem
Exoplanet bildeten, insbesondere einige Monde und As-
dritter Exoplanet Erde 867,6
35,9 149,6 teroiden, zeugen noch heute von dem dama-
ligen Bombardement. Auch die Entstehung

Spektrum der Wissenschaft, nach Daten der NASA


Mars Jupiter des irdischen Monds fällt in diese Zeit. Ein
227,9 778,3
marsgroßer Embryo kollidierte mit der Proto-
neu entdeckter Erde, wodurch eine gewaltige Menge an
55 Cancri/
unsere Sonne Exoplanet Trümmern ins All geschleudert wurde. Aus
116,7 einem Teil dieser Trümmer wiederum bildete
sich schließlich der Mond.
Umlaufbahnen Mittels Computermodellen können Theo-
retiker heute die Entwicklung von Planeten-
systemen mit unterschiedlichen Anfangsbe-
NEUESTE FUNDE II Beobachtungen liefern starke Argumente für dingungen, also unterschiedlichen Gas- und
Im November 2007 wuchs die
diese Theorie, denn Astronomen entdecken Staubscheiben verfolgen. Einige dieser Simula-
Zahl der bekannten Planeten, mittlerweile routinemäßig solche Scheiben tionen führen zu Systemen, deren Massen und
die den Stern 55 Cancri umkrei- um neugeborene fremde Sterne. Umlaufbahnen denen unseres Sonnensystems
sen, von vier auf fünf an. Diesen Die staubkorngroßen Partikel in diesen ähneln. Andere produzieren Systeme mit Rie-
Fund hatten Rory Barnes und Scheiben verbinden sich zunächst zu Billionen senplaneten in exzentrischen Umlaufbahnen.
Sean N. Raymond ebenfalls felsiger Asteroiden und eisiger Kometen mit In solchen Fällen reduzieren Zusammenstöße
bereits vorhergesagt. Das Bild wenigen Kilometer Durchmesser, den Plane­ und Hinauswürfe die Zahl der Planeten und
oben zeigt einen Vergleich tesimalen. Diese Objekte stoßen relativ sanft vergrößern die durchschnittlichen Abstände
unseres Sonnensystems mit zusammen und formen auf diese Weise Hun- zwischen ihnen. Die Planeten stehen gewisser-
dem 55-Cancri-System. derte von mond- bis marsgroßen Planeten- maßen miteinander im Wettstreit um die Nut-
Die drei innersten Planeten des »Embryos«, die ihre Bahnen inmitten der ver- zung des Raums und verschaffen sich mit ih-
Systems laufen auf Bahnen, die bliebenen Planetesimale ziehen. Einige Em- ren gravitativen Ellbögen Platz. Die Bildung
enger sind als die des Merkur.
bryos (der Begriff ist in der Fachwelt üblich, der Planeten hängt dabei extrem stark von den
Weit außen im System befindet
Anm. d. Red.) in den äußeren Bereichen der Anfangsbedingungen ab, wie die Simulationen
sich ein Riesenplanet. In der
Region zwischen ihnen, so Scheibe wachsen so stark, dass sie durch ihre zeigen. Wenn zu Beginn der Rechnungen nur
hatten Be­rechnungen ergeben, Schwerkraft das in der Scheibe reichlich vor- ein einziger von hundert Embryos um einen
könnte ein weiterer Planet eine handene Gas an sich ziehen – aus ihnen ent- Meter verschoben wird, kann dies darüber
stabile Umlaufbahn verfolgen. stehen schließlich die Riesenplaneten. entscheiden, ob am Ende drei oder fünf terres-
Entdeckt wurde er nun von Solange die Planetesimale den Hauptanteil trische Planeten entstehen.
einem Team um Debra Fischer der Scheibenmasse ausmachen, übt ihre Die Existenz unserer Erde, so legen Ergeb-
von der San Francisco State Schwerkraft einen lokalen Dämpfungseffekt, nisse wie diese nahe, verdankt sich also dem
University: »Dieses System die »dynamische Reibung«, auf die Bewegung reinen Zufall. Mittlerweile können die For-
scheint mit Planeten vollge- der Embryos aus. Dadurch verhält sich das scher sogar überprüfen, ob ihre Simulationen
packt zu sein«, sagte sie und
ganze System weit gehend stabil. Die Em- der Realität entsprechen. Denn seit mehr als
bestätigte damit die in diesem
Beitrag vorgestellte Hypothese.
bryos wachsen unterdessen an, indem sie Ma- einem Jahrzehnt entdecken astronomische Be-
terie aus den so genannten Fütterungszonen obachter Planetensysteme um andere Sterne
Der neu entdeckte Planet
der Scheibe aufnehmen, und verteilen sich re- und kartografieren deren Konfigurationen.
befindet sich in der »bewohn-
baren Zone« des Systems. 
lativ gleichmäßig auf verschiedene Umlauf- Weit über 250 Exoplaneten haben die Plane-
Seine starke Gravitation dürfte bahnen. Haben die Embryos aber den größ- tenjäger bereits aufgespürt, mehr als sechzig
die Entstehung von Leben zwar ten Teil der Materie aus der Scheibe aufge- davon in Systemen, die über mehr als einen
verhindert haben, auf mög- nommen, wird der Dämpfungseffekt zu Planeten verfügen.
lichen Monden jedoch könnte schwach, als dass er das System weiter unter Zu ihrer Überraschung mussten die Astro-
die Umwelt freundlicher sein. Kontrolle halten könnte. Die gravitativen Stö- nomen in dieser Zeit lernen, dass die meisten
Teammitglied Geoff Marcy  rungen, denen die Embryos gegenseitig ausge- extrasolaren Planeten weitaus exzentrischere
von der Universität von Kalifor- setzt sind, können die Exzentrizitäten ihrer Umlaufbahnen als die Riesenplaneten unseres
nien in Berkeley ergänzte:  Umlaufbahnen jetzt praktisch unbegrenzt ver- Sonnensystems besitzen. Früher war man ganz
»Wir wis­sen nun auch, dass 
größern. Darum bricht im entstehenden Son- selbstverständlich davon ausgegangen, dass
ein Planetensystem wie das
nensystem zu diesem Zeitpunkt eine Epoche fremde Planetensysteme unserem eigenen mit
unsrige im Universum keines­
wegs ungewöhnlich ist.« der Anarchie an. In der Schlussphase der Pla- seinen nahezu kreisförmigen Bahnen ähneln
netenentstehung beginnen die Bahnen der würden. Vielleicht, so argumentierten einige
Embryos, sich zu überschneiden, und es Forscher daraufhin, ist das Sonnensystem also
kommt zu gewaltigen Zusammenstößen und eine Ausnahme und die meisten Planetensys-

32  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


teme sind auf andere Weise entstanden. Doch an der Grenze zur Instabilität liegen. Schon
das erscheint inzwischen als unwahrscheinlich. kleine Änderungen der Planetenbahnen hätten
Mario Jurić und Scott Tremaine von der katastrophale Folgen für sie. Auf den ersten
Universität Princeton haben unlängst Tausen- Blick erscheint dieser Befund überraschend,
de von Computersimulationen durchgeführt, doch die Häufigkeit solcher Systeme an der
um die dynamische Entwicklung von zehn Stabilitätsgrenze lässt sich Barnes und Quinn
oder mehr Riesenplaneten in einer Scheibe zu zufolge gut begründen. Sie ist nämlich genau
verfolgen, die Kollisionen, Verschmelzungen dann zu erwarten, wenn sich ursprünglich in-
und Hinauswürfen ausgesetzt sind. In Simu- stabile Systeme durch das Hinauswerfen mas-
lationen, die mit relativ eng beieinander ste- sereicher Körper allmählich selbst stabilisieren.
henden Planeten beginnen, ähnelt die Vertei- Auch Barnes, jetzt an der Universität von
lung der Bahnexzentrizitäten am Ende zu- Arizona tätig, und Sean N. Raymond von der
meist aufs Schönste der bei Exoplaneten Universität von Colorado stellten deshalb wie
beobachteten Verteilung. Beginnen die Simu- zuvor schon Laskar die Hypothese auf, dass
lationen jedoch mit Planeten, die weiter von- alle Planetensysteme bis fast an ihre Kapa­
einander entfernt sind, und kommt es daher zitätsgrenzen mit Planeten gefüllt sind. Als sie
zu weniger Wechselwirkungen, so sind die in einigen der beobachteten Systeme auf
Bahnexzentrizitäten der überlebenden Pla- scheinbar leere Stabilitätsregionen um den
neten kleiner, ähnlich wie es in unserem Son- Zentralstern herum stießen, sagten sie daher
nensystem der Fall ist. voraus, dass sich in diesen Regionen weitere
Die meisten Simulationen enden mit zwei Planeten befinden, die bislang nur auf Grund
oder drei Riesenplaneten, nachdem mindes- ihrer geringen Größe nicht aufgespürt wur-
tens die Hälfte der ursprünglichen Population den. Die ersten Erfolge stellten sich sogar be-
aus dem System hinausgeworfen wurde. In der reits ein (siehe Kasten auf S. 31 und 32).
Galaxis könnte es also viele Planeten geben, Diese Hypothese ist faszinierend: Das Son-
die frei umhertreiben. Auch andere Untersu- nensystem und andere ihrer stürmischen Ju-
chungen bestätigen, dass viele – wenn nicht gend entwachsene Systeme sind gewisserma- Steven Soter ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter in der Abteilung für
die meisten – der Welten, die ursprünglich um ßen bis nahe an den Rand ihrer Kapazität mit Astrophysik des Amerikanischen
einen Stern entstehen, in den interstellaren Planeten gefüllt. Die gegenwärtige Konfi- Museums für Naturgeschichte in  
Raum hinausgeworfen werden. gu­ration der Systeme umfasst also so viele New York City und Gastwissenschaft-
Himmelskörper wie nur möglich. Und ihre ler an der Universität New York. Das
Wir haben sie nur Bahnen liegen so eng beieinander, wie es die Spektrum seiner Lehrveranstaltungen
reicht von Astrobiologie über Geo-
noch nicht gefunden! Stabilität gerade eben erlaubt. Genau das er- logie bis hin zur antiken Geschichte
Die meisten der bekannten extrasolaren Pla- wartet man als Ergebnis eines chaotischen des Mittelmeerraums. Zu seinen For-
neten sind massereicher als die Planeten im Prozesses. Eine Familie aus Planetenembryos schungsinteressen zählen Planeten-
Sonnensystem und besitzen kürzere Umlauf- wächst, weil sie durch den großen Schwarm astronomie und Geoarchäologie.
zeiten und exzentrischere Bahnen. Das bedeu- kleinerer Objekte in der Staubscheibe »gefüt-
tet allerdings nicht unbedingt, dass unser Sys- tert« wird, so lange, bis es zu einer globalen
Weblinks zu diesem Thema finden  
tem ungewöhnlich ist. Denn gegenwärtige Instabilität in der Scheibe kommt. Die um- Sie unter www.spektrum.de/artikel/ 
Beobachtungsmethoden erlauben vor allem herschwirrenden Himmelskörper kollidieren 912784.
die Entdeckung von Riesenplaneten mit min- dann mit den größeren Welten und ver-
destens zehnfacher Erdmasse und Umlauf- schmelzen mit diesen, oder sie werden aus
zeiten von einigen Jahren oder weniger. Selbst dem System hinausgeworfen, bis das System What is a planet? Von Steven Soter in:
The Astronomical Journal, Bd. 132, S.
wenn es ganz in der Nähe ein Sternsystem einen reifen Zustand am Rand der Stabilität 2513, 2006. Online: http://arxiv.org/
gäbe, das identisch mit dem unsrigen ist, wür- erreicht hat. Letztlich erhöht das Sonnensys- pdf/astro-ph/0608359v3
den wir dessen Riesenplaneten mit ihren lan- tem durch diesen Prozess der Selbstorganisati-
Predicting planets in known extrasolar
gen Umlaufzeiten nur mit einiger Mühe ent- on seine innere Ordnung, indem es Unord- planetary systems. II. Testing for Sa-
decken. Zweifellos existieren in vielen der uns nung, »Entropie«, in Form von überzähligen turn mass planets. Von S. N. Raymond
mittlerweile bekannten Systeme auch kleinere, Planeten an die Galaxis abgibt. und R. Barnes in: The Astrophysical
terrestrische Planeten – wir haben sie nur Wie jede gute wissenschaftliche Hypothese Journal, Bd. 619, S. 549, 2005. Online:
noch nicht gefunden. macht auch diese überprüfbare Vorhersagen. http://arxiv.org/abs/astroph/0404211
Vor einigen Jahren untersuchten Rory Bar- In den Stabilitätsregionen der Systeme suchen The role of chaotic resonances in the
nes und Thomas Quinn von der Universität die Astronomen daher nun nach weiteren Pla- solar system. Von N. Murray und M.
Washington, wie stabil extrasolare Planeten- neten. Weil kleinere Planeten schwerer zu ent- Holman in: Nature, Bd. 410, S. 773,
2001
systeme mit zwei oder mehr Planeten sind. decken sind, kann dies allerdings einige Zeit
Mit Hilfe von Computersimulationen fanden dauern. Gleichzeitig jedoch werden die Beob- Terrestrial planet formation around
individual stars within binary star
sie heraus, dass nahezu alle Systeme mit Pla- achtungstechniken immer besser. Es ist also
systems. Von E. V. Quintana et al. in:
neten, die eng genug benachbart sind, um sich nur eine Frage der Zeit, bis wir wissen, ob die The Astrophysical Journal, Bd. 660, S.
gegenseitig durch ihre Schwerkraft zu beein- Idee der bis zum Rand gefüllten Planetensys- 807, 2007. Online: http://arxiv.org/
flussen – einschließlich unseres eigenen – nahe teme der kritischen Überprüfung standhält. pdf/astro-ph/0701266

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Galaxien Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Hell wie tausend


Sie sind kaum größer als unser Sonnensystem, doch strahlen
sie um ein Vielfaches heller als ganze Galaxien. Ihre giganti-
sche Leuchtkraft, die Forschern lange Zeit schier unüberwind-
liche Rätsel aufgab, gewinnen Quasare aus energiereichen
Prozessen rund um supermassereiche Schwarze Löcher.

Von Suzy Collin den Schlüssel zu dessen Geometrie und Dy­

D
namik liefern. »Standardkerzen« sind Him­
ezember 1962: Als Maarten melsobjekte, deren absolute Leuchtkraft sehr
Schmidt sein Teleskop auf einen gut bekannt ist, sodass man aus dem bei uns
schwach leuchtenden, bläulichen ankommenden »Restlicht« auf ihre Entfer­
Lichtpunkt richtet, ahnt er nicht, nung schließen kann. Zu ihnen gehören eine
dass er eine der wichtigsten astronomischen bestimmte Klasse von Supernovae ebenso wie
Entdeckungen des 20. Jahrhunderts machen pulsierende Cepheiden-Sterne, deren maxi­
würde. Anhand seiner Messdaten stellt der male Leuchtkraft direkt mit der Dauer des
niederländische Astronom bald fest, dass er Zyklus zusammenhängt, in dem sie heller und
ein ganz besonderes Gestirn im Visier hatte.
Zwei Milliarden Lichtjahre entfernt strahlt es
wieder dunkler werden. Quasare jedoch sind
zu vielfältig, um als Standard dienen zu kön­ In Kürze
so hell wie tausend Galaxien, ist aber nur ein nen, wie sich bald zeigte.
r  Als 1962 dererste Quasar
millionstel Mal so groß wie eine von ihnen. In anderer Hinsicht jedoch erwiesen sie
entdeckt wurde, konnten sich
Schmidts Fund, der ihm vom nahe bei San sich als hilfreich. Hunderte von Absorptions­
Forscher nicht erklären, wie
Diego gelegenen Observatorium auf dem linien in ihren Spektren nämlich geben den
seine gigantische Leuchtkraft
Mount Palomar aus gelungen war, erwies sich Astronomen Aufschluss über riesige Gaswol­
zu Stande kam. Solche
nicht als Einzelfall: Bald fand man Hunderte ken, die auf unserer Sichtlinie zu den Qua­
Objekte strahlen heller als
ähnlicher Himmelskörper. Mittlerweile kennt saren durch den intergalaktischen Raum zie­
tausend Galaxien.
man über hunderttausend Objekte dieser Fa­ hen. Anhand der Spektrallinien lassen sich die
milie, darunter sogar solche, die älter sind als Distanzen zu diesen Wolken vermessen und – r  Obwohl bereits früh vorge-
13 Milliarden Jahre und von der Zeit nach weil die meisten Quasare ihr Licht schon vor schlagen wurde, dass super-
dem Urknall zeugen, als sich gerade erste langer Zeit abstrahlten – ihre räumliche Ver­ massereiche Schwarze Löcher
Strukturen im Universum bildeten. teilung vor Milliarden von Jahren. Dies wie­ die Ursache für die Strahlung
Zu Schmidts Zeit wusste allerdings nie­ derum erlaubt wichtige Rückschlüsse auf die seien, beschritten die For-
mand, mit welchem Phänomen man es zu tun Entwicklungsgeschichte des Universums. scher viele wissenschaftliche
hatte. So wurden die außergewöhnlichen Irrwege, bis sie das Phäno-
Himmelserscheinungen zunächst einmal als Stillgelegte Kraftwerke men endlich aufklären
quasistellare Radioquellen bezeichnet, ein Be­ Zu den bedeutendsten Fortschritten in der konnten.
griff, der bald zu Quasare verkürzt wurde. Quasarforschung kam es jedoch in jüngerer r  Mittlerweile hat die Erfor-
Doch viele Fragen blieben offen, darunter die Zeit, als man entdeckte, dass diese Himmels­ schung der Quasare hohe
wichtigste: Wie kann eine so große Strah­ körper eine fundamentale Rolle bei der Ent­ Bedeutung erlangt, denn sie
lungsleistung in einem so geringen Raum­ wicklung von Galaxien spielen. Mittlerweile sind aufs Engste mit der
volumen erzeugt werden? Ganz offensichtlich wissen wir sogar, dass fast alle Galaxien am Entwicklungsgeschichte von
war hier eine neue und faszinierende Physik Anfang ihres Lebens Quasare waren und in Galaxien verbunden.
mit im Spiel. Doch welche? An dieser Frage ihrem Inneren auch heute noch die Kraft­
entzündeten sich heftige Debatten, die über werke beherbergen, die einst so immense Ak­
viele Jahre andauerten. tivität entfalteten.
Insbesondere jene Exemplare, die man an Der Weg zu diesen Einsichten ist allerdings
der Grenze des beobachtbaren Universums mühevoll gewesen. Quasare sind ein hervor­
fand, weckten zunächst auch die Hoffnung, ragendes Beispiel dafür, welche Hürden der
sie könnten als kosmologische Standardkerzen wissenschaftlichen Suche nach Erkenntnis im

34  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Astronomie & Physik

Galaxien

Das Herz eines Quasars schlägt im Rhythmus der Mahlzeiten des Schwarzen Lochs in
seinem Mittelpunkt. Dieses lebt vor allem von galaktischem Staub, aber wenn ihm ein
Stern zu nahe kommt, wird auch dieser von den Gezeitenkräften zerrissen. Starke
Magnetfelder können zudem Jets erzeugen: Teilchenströme, die senkrecht zur Akkre-
tionsscheibe in den Weltraum hinausjagen.
Aurore Simonnet,  Sonoma State University, EPO  und Nasa

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 35


Galaxien

Überlichtschnelle Jets aus Qua-


saren gibt es nicht, auch wenn es
zunächst so scheint. Astronomen
b
Richtung Erde bestimmen die Geschwindigkeit
des Jets, indem sie die Bewegung

Dt  ⋅ Dt
v
leuchtender Knoten darin vermes-

=
au cke
sen. Dabei ergeben sich schein-

=
ei stre
er
bare Werte, die von den tatsäch-
e Z eg
td
W

lichen abweichen. Berechnet man


hl che

scheinbare Wegstrecke
i

aus ihnen die Geschwindigkeit,


ts chl
ich

= v ⋅ Dt ⋅ sin θ

kann das Ergebnis die Lichtge-


äc
t
ta

scheinbare Zeitdauer
schwindigkeit weit übersteigen.
ta

= Dt ⋅ (1– v/c ⋅ cos θ)
Erst wenn die scheinbare Zeitdau-
Pour La Science, nach: Felix Mirabel

er zwischen der Ankunft des


θ
Lichts, das die Knoten bei a bezie-
a Richtung Erde hungsweise bei b aussandten,
relativistisch korrigiert wird, ge-
langt man zu physikalisch sinn-
vollen Ergebnissen.

Weg stehen können – insbesondere dann, waren das gigantische Abstände: Nur ein ein­
wenn Phänomene beobachtet werden, die zu­ ziger Galaxienhaufen, kaum sichtbar auf den
nächst völlig unbegreifbar erscheinen. Fehler, Fotos vom Palomar Observatory, schien sich
falsche Fährten und heftige Kontroversen in ähnlicher Distanz von der Erde zu befin­
sorgten dafür, dass die Astronomen erst zwan­ den. Über 3C 273, den man schon seit Jahr­
zig Jahre nach Schmidts Entdeckung zu ei- hunderten beobachtete, wusste man zudem,
nem Konsens über die physikalischen Eigen­ dass sich sein Leuchten im Zeitraum von ei­
schaften der Quasare gelangten. Und erst wei­ ner Woche verstärkte und wieder abschwäch­
tere zehn Jahre später begann man, ihrer en­ te. Daraus wiederum konnte man auf einen
gen Beziehung zu den Galaxien auf die Spur Durchmesser des Objekts von weniger als ei­
zu kommen. ner Lichtwoche schließen (siehe den Kasten
Schmidt hatte eigentlich nur das Spektrum rechts). Zum Vergleich: Unser Sonnensystem
eines »Sterns« aufnehmen wollen, der an der­ hat, wenn man die Bahn von Pluto als Be­
selben Position wie eine schon bekannte Ra­ grenzung annimmt, einen Durchmesser von
dioquelle zu sehen war. Letztere war im drit­ knapp einem halben Lichttag.
Einige Forscher ten Cambridge-Katalog der Radioquellen, Doch wie sollte man die gigantische
vermuteten die Ur- dem Katalog »3C«, unter der Nummer 273 Leuchtkraft erklären? Im Lauf der Jahre stell­
registriert. Der Niederländer bemerkte nun, ten die Forscher eine ganze Reihe von Hypo­
sache der Strahlung dass alle Emissionslinien im Spektrum von thesen auf. Eine davon vermutete die Ursache
in Supernovae, 3C 273 um 16 Prozent zu größeren Wellen­ der Strahlung in Supernovae, die nacheinan­
längen hin, also »rotverschoben« waren. (Die der in einer gigantischen Kettenreaktion ex­
die nacheinander Farbe Rot ist die langwelligste der sichtba- plodierten. Dieser Vorschlag setzte allerdings
in einer Kettenreak- ren Farben.) Ein paar Tage später entdeckte die Existenz einer Region mit einer sehr ho­
man im Spektrum eines anderen »Sterns« des hen Dichte an massereichen Sternen voraus.
tion explodierten Cambridge-Katalogs, 3C 48, denselben Ef­ In einer solchen Region jedoch, so das Gegen­
fekt. Diesmal betrug die Rotverschiebung so­ argument, würden sie sich schnell zu einem
gar 37 Prozent. einzigen gigantischen Stern vereinigen, statt
Ursache dieses Phänomens ist die fortdau­ als Supernovae zu verglühen.
ernde Expansion des Universums. Während Die populärste Hypothese ging sogar da­
eine Lichtwelle den Kosmos durchquert, von aus, dass ein Stern mit mehr als einer
dehnt sich der Raum und mit ihm auch die Milliarde Sonnenmassen existieren könnte. In
Welle aus. Entsprechend verschieben sich die diesem Fall müsste die beobachtete Strahlung
Emissions- und Absorptionslinien im gemes­ aus einem noch viel kleineren Volumen stam­
senen Frequenzspektrum. Aus dieser Rotver­ men. Außerdem müsste ein solches Objekt
schiebung lässt sich schließlich auf die Entfer­ sehr schnell rotieren: Dann würden ihm
nung des Objekts schließen, das die Wellen Fliehkräfte helfen, dem eigenen Gewicht
abgestrahlt hat. Die Rotverschiebungen der standzuhalten und nicht zu kollabieren. Keine
3C-Objekte besagen nun, dass 3C 273 zwei dieser Theorien bot allerdings eine Erklärung.
Milliarden und 3C 48 sogar 3,7 Milliarden Ein supermassereicher Stern beispielsweise
Lichtjahre entfernt ist. Zu Schmidts Zeiten hätte insbesondere im Röntgenbereich ande-

36  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Astronomie & Physik

Die Galaxie Messier 87 ist


eine elliptische Galaxie
und Zentrum des Virgo-
Galaxienhaufens. Das Bild
des Hubble-Weltraumteles-
kops zeigt, wie ein Mate-
riestrahl von 5000 Licht-
jahren Länge und mit einer
Geschwindigkeit nahe der
Lichtgeschwindigkeit aus-
gestoßen wird. Komplemen-
täre Beobachtungen im
Radiowellenlängenbereich
haben es ermöglicht, die
für den Jet verantwortliche
NASA / ESA, STScI / Aura

Aktivität eines der mit


drei Milliarden Sonnenmas-
sen schwer­sten Schwarzen
Löcher zu finden.

re Emissionen verursacht, als sie beobachtet erklären. Doch viele Forscher wehrten sich
wurden. dagegen, dass ein noch unbekanntes physika­
Unterdessen hatte Schmidts Entdeckung lisches Gesetz als Lösung herhalten sollte. So
den Eifer der Beobachter angestachelt: Bald kam es zu einer teilweise sehr heftig geführten
folgte ein Quasarfund dem anderen. Weil die Kontroverse, die rund eineinhalb Jahrzehnte
meisten von ihnen im Radiowellenbereich andauerte.
gar nicht oder nur schwach leuchteten, un- Nach und nach ließen sich die Fragen je­ ABGESCHÄTZT
terschied man die vielen radioleisen von den doch im Rahmen der etablierten Physik be­
Erscheint ein Himmelsobjekt
wenigen radiolauten Exemplaren. Als Sam­ antworten. Zum Beispiel konnte man für
wie ein Quasar mit variabler
melbegriff für beide bürgerte sich schließlich einige Quasare nachweisen, dass sie gleiche Leuchtstärke, lässt sich sein
auch der Begriff QSO für quasistellares Ob­ Rotverschiebungen wie bestimmte Galaxien­ Volumen durch folgende
jekt ein. haufen besaßen – sie mussten sich also in der­ Überlegung abschätzen. Man
Trotzdem: Je intensiver man das Phäno­ selben Entfernung befinden. Außerdem ge­ stelle sich vor, der Quasar
men untersuchte, umso mysteriöser schien es lang es, jene Absorptionslinien mit einer ge­ sei ein Blitzlicht wie das
zu werden. Man entdeckte sogar Quasare, die ringeren als der erwarteten Rotverschiebung eines Fotoapparats und
Gaswolken mit Überlichtgeschwindigkeit aus­ durch weniger weit entfernte Materie zu er­ dieser Blitz werde ausgelöst.
stoßen! Einsteins Spezielle Relativitätstheorie, klären, die auf unserer Sichtlinie zu den Qua­ Dann erreicht uns das Licht
der zufolge sich keine Information mit Über­ saren lag. Diese Erkenntnis kam allerdings von der uns zugewandten
Seite des Quasars früher als
lichtgeschwindigkeit fortpflanzen kann, wur­ spät, denn lange Zeit war unklar gewesen, wie
das Licht von dessen Mittel-
de dadurch allerdings nicht in Frage gestellt. viele Galaxien und intergalaktische Gaswol­ punkt, das wiederum früher
Denn der Effekt fand eine einleuchtende Er­ ken sich zwischen uns und den Quasaren be­ kommt als das Licht der
klärung (siehe Grafik links und Bild oben). finden. Zudem hatte man weitere Absorpti­ »Rückseite«. Von der Erde
Aber auch die Absorptionslinien in einigen onslinien gefunden, die im Vergleich zu den aus gesehen blitzt der
Spektren erstaunten die Forscher: Ihre Rotver­ Emissionslinien ebenfalls eine kleinere Rot­ Quasar also nicht kurz auf,
schiebung und damit die Entfernung des sie verschiebung aufwiesen, sich überraschender­ vielmehr zieht sich das
erzeugenden Objekts war kleiner als die der weise aber nicht durch Gaswolken erklären Phänomen in die Länge. Die
entsprechenden Emissionslinien! ließen. Schließlich zeigte sich, dass die ent­ Dauer des lang gezogenen
sprechende Strahlung doch dem Quasar ent­ Blitzes verrät nun, wie viel
Zeit Licht braucht, um die
Ermüdete Photonen? stammte. Sie wurde allerdings von Materie
zusätzliche Wegstrecke
Dies heizte die ohnehin schon leidenschaft­ verursacht, die sich mit hoher Geschwindig­
zwischen Rück- und Vorder-
liche Debatte noch zusätzlich an. Nicht weni­ keit in Richtung der irdischen Beobachter be­ seite zurückzulegen. Braucht
ge Astronomen, vor allem jene, die es nach ei­ wegte – dieses Phänomen kompensierte einen es eine Woche, beträgt der
ner neuen und »exotischen« Physik verlangte, Teil der Rotverschiebung. Durchmesser des Quasars
zweifelten sogar das Hubble-Gesetz an, das Die Antwort auf die Kernfrage indessen, also höchstens eine Licht­
die Rotverschiebung mit der Entfernung in nämlich die Ursache der außergewöhnlichen woche.
eine Beziehung setzt. Waren uns Quasare viel­ Strahlungsleistung der Quasare, ließ zwanzig
leicht näher, als es Hubbles Gesetz besagte? Jahre auf sich warten. Und das, obwohl sie
Selbst eine Ermüdung der Photonen auf ihrer von einigen kreativen Forschern bereits bei
langen Reise durchs All wurde in Betracht ge­ der Entdeckung der Quasare vorausgesagt
zogen, um das Rätsel der Rotverschiebung zu worden war – doch mit ihrer unorthodoxen

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 37


Hypothese waren sie ihrer Zeit wohl zu weit Seyfert untersucht und nach ihm benannt
voraus gewesen. Diese Wissenschaftler führ­ worden, stießen aber erst mit Maarten
ten die mysteriösen Eigenschaften der Qua­ Schmidts Entdeckung auf größeres Interesse.

ESO
sare nämlich auf nicht minder mysteriöse Ob­ Bis auf die geringere Leuchtleistung nämlich
jekte zurück: Schwarze Löcher. besitzen Seyfert-Galaxien dieselben Eigen­
Ein Paar aus einem normalen Stern und schaften wie Quasare. Heute werden analoge
einem Schwarzen Loch, so wissen Astrophysi­ Phänomene im Herzen von ungefähr einem
ker seit Ende der 1970er Jahre, sendet starke Prozent der nahen Galaxien beobachtet. Eine
Röntgenstrahlung aus. Entstehen kann eine vergleichsweise winzige zentrale Struktur
solche Konstellation, wenn der weiter­ent­wick­ leuchtet so hell, dass sie das gesamte Sternsys­
elte Partner eines Doppelsternsystems eines tem mit ihrer Strahlung dominiert.
Tages ausbrennt und explodiert, woraufhin Zu den AGNs gehören aber auch die Ra­
ein großer Teil seines Inneren kollabiert. Ne­ diogalaxien. Ihren Namen verdanken sie ih­
ben solchen relativ leichten stellaren Schwar­ rer intensiven Radiostrahlung. Eine weniger
zen Löchern, den Überresten eines einzelnen als ein Lichtjahr große Region in deren Kern
DreifachFund Sterns, existieren im Zentrum von Galaxien erzeugt einen Teilchenstrahl, der – von uns
auch Schwarze Löcher, die in sich einige hun­ aus gesehen in seitlicher Richtung – fast mit
r  Anfang des Jahres 2007
dert Millionen Sonnenmassen vereinen. Lichtgeschwindigkeit daraus hervorschießt.
verkündeten schweizerische
und US-amerikanische 
Aus der näheren Umgebung solcher super­ Die Teilchen durchjagen den Raum und bil­
Astronomen den Fund des massereicher Objekte stammt äußerst inten­ den gigantische Strukturen, die sich fern
ersten Dreifach-Quasars mit  sive Strahlung. Ihre Ursache liegt letztlich in vom Kern über Millionen von Lichtjahren
Hilfe des Very Large Telescope der starken Anziehungskraft, die das Schwarze erstrecken.
der Europäischen Südstern- Loch auf die Materie in seiner Umgebung Insgesamt wurden der Familie der AGNs
warte und des Keck-Obser­ ausübt. Materieteilchen werden dadurch bis damals bis zu zwei Dutzend unterschiedlicher
vatoriums auf Hawaii. Die auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleu­ Typen von Objekten zugeordnet. Während sie
Konstellation aus drei Gala- nigt, fallen aber nicht direkt in das Loch, son­ einander in ihren wichtigsten Eigenschaften
xien, die supermassereiche dern bewegen sich spiralförmig in einer Ak­ glichen, fanden sich bei einer Reihe sekundä­
Schwarze Löcher beher-
kretionsscheibe darauf zu. Bei diesem Vorgang rer Merkmale allerdings Unterschiede. Dies
bergen, liegt 10,5 Mil­liarden
Lichtjahre entfernt im Stern-
üben sie starke Reibung aufeinander aus und überraschte die Forscher, denn der Theorie
bild Jungfrau. Rund 100 000 erhitzen sich so auf Temperaturen von vielen zufolge dürften sich AGNs nur hinsichtlich
Quasare sind bekannt, doch Millionen Grad, wodurch ultraviolette Strah­ der Masse des Schwarzen Lochs und der Ak­
schon der Fund eines Doppel- lung entsteht. kretionsrate – also der vom Schwarzen Loch
quasars ist höchst selten: Ihre Beobachtungen dieser Strahlung hatte verschlungenen Masse pro Zeiteinheit – un­
Bislang wurden weniger als die Astronomen allerdings auf die falsche terscheiden.
100 enge Paare entdeckt. Fährte geführt. Zwanzig Jahre lang nämlich
r  Der zuerst 1989 entdeckte vermuteten sie, es handele sich dabei um Syn­ Bewegung im galaktischen Zentrum
Quasar LBQS 1429-008 chrotronstrahlung. Sie entsteht, wenn Elek­ Erst ein fundamentaler Fortschritt in der The­
war ursprünglich nicht einmal tronen mit Geschwindigkeiten nahe der orie, das so genannte vereinheitlichte Schema,
als Doppelquasar erkannt Lichtgeschwindigkeit durch ein Magnetfeld erklärte auch dieses Phänomen. Viele der Un­
worden. Die Forscher hatten fliegen und von diesem abgelenkt werden. Al­ terschiede resultieren nämlich aus der schlich­
die zweite Leuchtquelle als lerdings ist sie nur in den relativ seltenen ra­ ten Tatsache, dass die Rotationsachsen der
Folge des Gravitationslinsen-
diolauten Quasaren zu finden. Hier entstam­ AGNs jeweils unterschiedlich zu unserer
effekts gedeutet, bei dem die
men sie einem Jet geladener Teilchen, die als Sichtlinie geneigt sind. So ließ sich die außer­
Schwerkraft von Galaxien das
Licht eines Objekts so beein- gebündelter Strahl in Richtung der Drehachse ordentliche AGN-Vielfalt endlich besser ver­
flusst, dass es auf mehreren der Akkretionsscheibe ausgestoßen werden. stehen. Demnach gibt es unter anderem zwei
Wegen zur Erde gelangt und Erst mit Beginn der 1980er Jahre bildete sich Klassen von Seyfert-Galaxien. In einem Fall
dort »doppelt« gesehen wird. darum ein Konsens, dem zufolge die Strah­ sehen wir sie von der Seite, im anderen bli­
r  Die drei Quasare sind jeweils
lungsleistung von Quasaren Folge der Akkre­ cken wir eher entlang der Rotationsachse auf
rund 100 000 bis 150 000 tion von Materie durch ein Schwarzes Loch sie. Und wenn wir einen Quasar von der Seite
Lichtjahre voneinander  im Zentrum einer Galaxie ist. sehen und die Lichtquelle auf Grund des ihn
entfernt, das entspricht etwa Zu diesem Zeitpunkt traf diese Erklärung umgebenden Staubtorus nicht direkt beob­
dem Durchmesser der Milch- jedoch nicht mehr nur auf Quasare, sondern achten können, erscheint er uns als stark
straße. Das Licht, das wir  auf eine ganze Familie auffälliger Himmels­ leuchtende Radiogalaxie.
von ihnen sehen, entstammt phänomene zu. Zusammenfassend werden sie Blazare wiederum sind Radiogalaxien, die
einer Epoche der kosmischen als AGN für »active galactic nuclei« oder Ak­ wir aus der Richtung der Rotationsachse se­
Geschichte, in der Fusionen tive Galaktische Kerne beschrieben. Bereits hen, die gleichzeitig die Achse des Radiojets
von Galaxien, die zu besonders
bei der Entdeckung der ersten Quasare hatte ist. Sie zeigen merkwürdige Eigenschaften wie
schweren Schwarzen Löchern
führen, sehr häufig waren.
man deren Ähnlichkeit mit einigen näher ge­ starke Helligkeitsvariationen und entsenden
legenen Galaxien bemerkt. Sie waren 1943 stark polarisiertes Licht. Grund ist vor allem
von dem amerikanischen Astronomen Carl die in den Jets entstehende Synchrotronstrah­

38  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Astronomie & Physik

lung, die durch Stoßprozesse noch verstärkt gungen vollführen, die auf die Existenz einer
wird. Dabei werden Radiophotonen von Teil­ gewaltigen zentralen Masse schließen lassen.
chen im Jet, die sich nahezu mit Lichtge­ Mittlerweile wurde der Tanz der nur wenige
schwindigkeit bewegen, in energiereichere Lichtstunden vom Zentrum entfernten Sterne
Gammaphotonen umgewandelt. so genau vermessen, dass er unzweifelhaft die
Obwohl die Funktionsweise von Quasaren Existenz eines Schwarzen Lochs mit vier Mil­
und der anderen Mitglieder der AGN-Familie lionen Sonnenmassen belegt – in einem Volu­
mittlerweile gut verstanden ist, hat das Inte­ men etwa so groß wie unser Sonnensystem
resse an ihnen nicht nachgelassen. Dafür gibt (siehe »Das Zentrum der Milchstraße«, Spek­
es gute Gründe. Erst jüngst erwies sich zum trum der Wissenschaft 4/2003, S. 26). An
Beispiel (siehe S. 19), dass die AGNs die leis­ derselben Position, die dieses Massezentrum
tungsfähigsten Teilchenbeschleuniger des Kos­ einnimmt, liegt zudem die Radioquelle Sa­
mos sind. Aber schon in den 1990er Jahren gittarius A*. Wer sich da nicht an die Kerne
ermöglichte der Start von mehreren Röntgen- von Radiogalaxien erinnert fühlt ...
Weltraumteleskopen genauere Untersuchun- Dies führt auf eine weitere Frage. In der
gen der von ihnen entsandten Strahlung. Ins­ Vergangenheit nämlich, so hat sich gezeigt,
besondere zeigten sich dabei Effekte der All­ waren Quasare viel zahlreicher und heller als
gemeinen Relativitätstheorie, die zweifelsfreie heutzutage. Und in unserer nahen kosmischen
Hinweise auf nahe gelegene Schwarze Löcher Nachbarschaft gibt es überhaupt keine Qua­
gaben. Auch die schnelle Variation der von sare. Warum ist das so? Zwar besitzen fast alle
der Akkretionsscheibe ausgestrahlten Rönt­ Galaxien ein massereiches Schwarzes Loch in Die Galaxie NGC 6240 ging aus
genstrahlung sprach für die Anwesenheit sol­ ihrem Kern, meist allerdings ist es nicht be­ der Verschmelzung zweier Ga-
cher kompakter Objekte. sonders aktiv. Aus der Leuchtkraft der beob­ laxien hervor. Das im Röntgen-
Doch die supermassereichen Schwarzen achteten Quasare und ihrem Alter kann man bereich vom Satelliten Chandra
Löcher, die in Quasaren als Kraftwerk arbei­ nun auf die von ihren Schwarzen Löchern im aufgenommene Bild offenbart
ten, haben noch weit größere Bedeutung: Sie Lauf deren Lebens verschlungene Masse die Anwesenheit gleich zweier
lassen sich nämlich mit der Geschichte der schließen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, Schwarzer Löcher. Durch ihre
Galaxien in Beziehung setzen! Dies wurde dass viele Quasare offenbar alle erreichbare Verschmelzung wird in der Zu-
möglich, weil Astronomen mittlerweile die Materie verschluckten und daraufhin mangels kunft ein noch viel schwereres
Bewegungen von Sternen in der direkten Nahrung erloschen. Berechnungen zufolge Schwarzes Loch mit voraus-
Nachbarschaft eines Galaxienkerns messen gibt es im lokalen Universum derzeit ebenso sichtlich spektakulärer Aktivität
und daraus die Masse dieses Kerns bestimmen viele »stillgelegte« Quasare wie Galaxien, die entstehen.
können. Je größer seine Masse, desto schneller
kreisen die Sterne um ihn herum.

Nasa / CXC / MPE, Stefanie Komossa et al.


So entdeckte man Anfang der 1990er Jah­
re, dass einige nahe Galaxien einen in­aktiven
Kern von mehreren Millionen bis mehreren
hundert Millionen Sonnenmassen besitzen.
Bestünden diese Kerne aus Sternen, müssten
sie entsprechend hell strahlen. Tatsächlich
aber sind sie fast unsichtbar! Von hier aus
ist es natürlich nicht weit bis zu der Vermu­
tung, dass auch diese Galaxien ein Schwarzes
Loch verstecken. Und tatsächlich sagt die
Theorie vorher, dass solche Massenansamm­
lungen kollabieren und Schwarze Löcher bil­
den, vo­rausgesetzt, sie befinden sich in einer
Region mit höchstens einem Lichtjahr Durch­
messer. Im Fall der nächstgelegenen Galaxien
benö­tigt man für die Beobachtung einer solch
kleinen Region allerdings eine Auflösung von
einer hundertstel Bogensekunde. Diese wiede­
rum erreichen nur Teleskope von acht bis
3000 Lichtjahre

zehn Meter Durchmesser, die mit einem ad­


aptiven optischen System ausgestattet sind.
Doch es geht auch anders, wenn man näm­
lich die eigene Galaxis ins Visier nimmt. Von
1995 an zeigten Beobachtungen der Europä­
ischen Südsternwarte, dass die Sterne im Zen­
trum unserer Milchstraße auffällige Bewe­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 39


Im Herzen des Perseus-Gala­
xienhaufens befindet sich die
Radiogalaxie NGC 1275. Die Jets
aus relativistischen Teilchen, die
vom Schwarzen Loch im Zentrum
der Galaxie ausgestoßen wer-
den, heizen die intergalaktische
Materie (grün) in der Umgebung
auf. Indem sie Wasserstofflinien
im Spektrum untersuchen,
können Astronomen die Struktu-
ren kartieren, die durch den
aktiven Quasar geformt wurden.

Nasa / CXC / IoA / Andy Fabian et al.


der unseren ähneln. ßen Bulge – insbesondere die elliptischen Ga­
Dank einer Studie über rund vierzig mas­ laxien, die praktisch nur aus dem Bulge beste­
sereiche Schwarze Löcher in »ruhigen« Gala­ hen – haben sich nach einer Fusion von Spi­
xien fand man gegen Ende der 1990er Jahre ralgalaxien gebildet. Dabei vereinigten sich
auch heraus, dass ihre Masse ungefähr dem auch die riesigen Schwarzen Löcher im Zen­
Wert von zwei Tausendstel der Masse der ku­ trum der Spiralen zu noch schwereren Exem­
gelförmigen Zentralregion der Galaxie, des plaren. NGC 6240, ein aus einer Fusion von
Bulges, entspricht. zwei Galaxien entstandenes Sternsystem, ist
Dasselbe Ergebnis erbrachte eine zwanzig noch heute ein Beispiel dafür. In seinem Inne­
Jahre dauernde Beobachtungskampagne, die ren verbirgt es zwei Schwarze Löcher, wie der
die Masse der Schwarzen Löcher in leuchten­ Satellit Chandra durch Beobachtungen im
den AGNs untersucht. Offenbar stehen auch Röntgenbereich herausfand. Auch diese wer­
die Entstehungsgeschichten der Schwarzen den weiter wachsen und schließlich fusionie­
Suzy Collin ist Forscherin am
Löcher und der Bulges ihrer Heimatgalaxien ren, sodass sich die Galaxie am Ende in einen
Centre National de la Recherche Sci-
entifique. Dort gehört sie dem in enger Beziehung zueinander. starken Quasar verwandeln wird.
Laboratoire Univers et Théories an Doch große Verschmelzungen sind heutzu­
der Sternwarte Paris-Meudon an. Das Ende der fetten Jahre tage viel seltener als in der Vergangenheit.
Collin, die bereits in ihrer Promoti- Beobachtungen der großen irdischen und der Dies könnte erklären, warum die relativ nah­
on 1968 über Quasare arbeitete,
war Präsidentin der französischen
Weltraumteleskope haben die Geschichte der en AGNs, die aus einer Zeit geringerer Fusi­
astronomischen und astrophysika- Quasare mittlerweile endgültig aufgeklärt. Vor onstätigkeit stammen, schwächer leuchten als
lischen Gesellschaft SF2A. rund fünf Milliarden Jahren erlebten sie ihre die entfernten Quasare. Die Mahlzeiten ihrer
»fetten Jahre« und wurden immer zahlrei- Schwarzen Löcher sind kleiner geworden und
cher und immer aktiver. In derselben Epoche sie können allenfalls mit Zwerggalaxien und
Quasars and galactic nuclei, a half- entstanden auch besonders viele Sterne und Gaswolken rechnen, von denen ihre Heimat­
century agitated story. Von S. Collin
in: AIP conference proceedings,
Galaxien. Die Schwarzen Löcher sind also in galaxien Besitz ergreifen (siehe auch »Ewig
Albert Einstein Century Internatio- jener Zeit gewachsen, in der auch die Gala- junge Milchstraße«, Spektrum der Wissen­
nal Conference, Bd. 861, S. 587, xien – genauer: der archaischste Teil ihrer schaft 4/2004, S. 46).
2006. http://arxiv.org/abs/astro- Struktur, der Bulge – ihre wichtigste Entwick­ Doch ein ruhiges Schwarzes Loch kann
ph/0604560 lungsphase durchlebten. auch wieder aufwachen. Wann es dies tut,
Damals ernährten sich die Schwarzen Lö­ hängt vor allem von der Menge und Häufig­
Weblinks zu diesem Thema finden cher von der Materie ihrer Galaxien. Galaxien keit seiner Mahlzeiten ab. Wird es nur genü­
Sie unter www.spektrum.de/ interagieren und fusionieren aber auch. Die gend gefüttert, kann jedes dieser schlafenden
artikel/912783. Mehrheit jener Sternsysteme mit einem gro­ Monster früher oder später wieder zu strah­

40  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Kontroverse – Bewusstsein Hören Sie dazu auch unseren Podcast Spektrum Talk unter www.spektrum.de/talk

Wie geschieht
Bewusstsein?
Die Hirnforscher Christof Koch und Susan Greenfield debattieren ihre
Standpunkte zur Hirnaktivität bei Bewusstseinsprozessen.
Julia Baier, Berlin

Christof Koch Susan Greenfield

Christof Koch ist Professor für Susan Greenfield ist Professorin für
kognitive und Verhaltensbiologie Pharmakologie an der Universität
am kalifornischen Institut für Oxford, Direktorin der Royal Institu­
Technologie (Caltech) in Pasadena. tion Großbritanniens (Gesellschaft
Seit über zwanzig Jahren erforscht zur Förderung und Verbreitung na-
er die neuronalen Grundlagen von turwissenschaftlicher Kenntnisse)
visueller Aufmerksamkeit und und gehört dem britischen Oberhaus
Bewusstsein. an. Sie erforscht Hirnmechanismen,
so auch Hintergründe von neuro­
Seine Ansicht: degenerativen Erkrankungen.
Bei jedem Bewusstseinserlebnis
feuert jeweils eine bestimmte, hierfür Ihre Ansicht:
einzigartige Gruppierung von Bei jedem Bewusstseinserlebnis
Nervenzellen aus festliegenden feuern weit übers Gehirn verteilte
Hirnbereichen auf kennzeichnende Nervenzellen synchron in koordi­
Weise. nierten Verbänden, die sich anschlie­
ßend wieder auflösen.

42  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


medizinMedizin
& biologie
& Biologie

D ie Frage, wie aus Vorgängen im Gehirn Bewusstsein


entsteht, gehört zu den schwersten in der Wissen­
schaft überhaupt. Forscher legen unser Gehirn bis in bio­
nalen Ereignissen Bewusstsein herausbildet. Also kommt
es zunächst darauf an, überhaupt die neuronalen Korre­
late zu bestimmen, die dem Bewusstsein am genauesten
chemische Feinheiten offen. Was direkt nach dem Urknall entsprechen: Es geht um die Hirnaktivität, die mit be­
geschah­, vermögen sie noch einigermaßen herzuleiten. stimmten Bewusstseinserlebnissen einhergeht. Jemand
Doch wie bewusstes Erleben zu Stande kommt, konnte sieht einen Hund. Oder jemand fühlt sich plötzlich traurig.
noch niemand zufrieden stellend erklären. Was ist in der Sekunde im Gehirn geschehen? Zwischen
Wir möchten helfen, dieses Rätsel zu entschlüsseln. In welchen Neuronen hat sich da welcher Vorgang abge­
vielen Punkten sind wir einer Meinung. Das gilt für die Ein­ spielt? Wir beide wollen für solche subjektiven Erfah­
sicht, dass die Frage nach dem Bewusstsein ganz unter­ rungen das jeweilige physiologische Gegenstück finden,
schiedliche Phänomene und Aspekte berührt – die auch also das am besten dazu passende neuronale Korrelat. Je­
für sich untersucht werden müssen. Selbstbewusstsein ist doch kommen wir dabei zu unterschiedlichen Ansichten.
einer davon, ein anderer der momentane Gehalt von Be­
wusstseinserlebnissen. Weitere betreffen den Bezug zwi­ Bei allen Gegensätzen ist uns allerdings eine Grund­lage
schen Bewusstsein und Hirnprozessen. gemeinsam: Beide beziehen wir unsere Ansichten haupt­
Wo könnte Forschung hier ansetzen? Noch wissen wir sächlich aus der Neurowissenschaft, weniger aus der Phi­
nicht, wie sich aus elektrischen und chemischen neuro­ losophie.

Matt Collins

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 43


Kontroverse – Bewusstsein

Was ist das neuronale Korrelat? Standpunkt


von Christof Koch
Was passiert im Gehirn, wenn man etwas bewusst erlebt? Zum Beispiel
einen Hund sieht, eine Stimme hört oder sich plötzlich traurig fühlt? Spezifische Neuronengruppen
begleiten Bewusstseinserlebnisse
KOCH: So genannte Pyramidenzellen aus verschiedenen Bereichen des Cortex feu­
ern im Verein – in Koalition –, je nach Ereignis auf einzigartige Weise. Dieser Neuro­
nentyp verbindet weit entfernte Gebiete durch lange Ausläufer. Unterschiedliche
Zusammenschlüsse von Neuronen repräsentieren verschiedenartige Sinnesreize
S usan Greenfield wie auch ich suchen nach
den neuronalen Korrelaten für Bewusst­
sein. Sollten wir die richtigen Entsprechun­
(linkes Bild). Pyramidenzellen aus der Schicht V in der Großhirnrinde einer Maus gen wirklich finden, ließe sich dann im
leuchten grün/gelb, die umgebenden nichtneuronalen Zellen blau (rechtes Bild). Sinn von Ursache und Wirkung nach Me­
chanismen forschen, die das Phänomen Be­
wusstsein direkt hervorbringen.
Ich selbst beschäftige mich seit 1988 mit

Foto: Stuart C. Sealfon und PokMan Chan, MSSM


dem Thema, als der britische Biochemiker
Gehirn-Illustrationen: Alfred T. Kamajian

Francis Crick (1916 – 2004), einer der Entde­


cker der DNA-Struktur, und ich uns gemein­
Großhirnrinde sam dieser Forschung zuwandten (siehe un­
(Cortex) seren Artikel in: Spektrum der Wissenschaft,
11/1992, S. 144). Meines Erachtens gehört zu
jedem bewussten Wahrnehmen oder Erleben
eine dafür spezifische Gruppierung – ich nen­
ne es eine Koalition – von Nervenzellen, die
GREENFIELD: Nervenzellen aller möglichen Hirnregionen feuern synchron (grün), sich dabei stets in bestimmter Weise verhält.
bis ein zweiter Reiz zur Bildung eines anderen synchron aktiven Nervenzellver­ Auf diese Art existiert ein einzigartiges neuro­
bands führt (rot). Immer wieder finden sich neue Zellensembles und lösen sich wie­ nales Korrelat dafür, etwa einen roten Fleck be­
der auf. In diesem Gehirn einer Ratte (unten) entsteht ein Zellverband in der Groß­ wusst zu sehen. Eine andere Gruppierung tritt
hirnrinde (a, b), erreicht den Höhepunkt neuronaler Aktivität (c) und zerfällt wieder in Aktion, wenn man seine Großmutter be­
(d) – alles innerhalb von 0,35 Sekunden nach elektrischer Reizung des Thalamus. wusst wahrnimmt, wieder eine andere arbeitet,
wenn man wütend wird. Löst sich das Korrelat
auf oder verändert es sich, verschwindet oder
wandelt sich auch das Bewusstseinserlebnis.
Als physiologisches Substrat für ein Be­
wusstseinskorrelat ist ein Verbund so genann­
ter Pyramidenzellen anzunehmen, die in der
Großhirnrinde liegen und mit langen Ausläu­
fern über weite Strecken hinweg kommunizie­
ren. Von ihnen mag es in unserem Gehirn 50
oder auch 100 Milliarden geben. Vielleicht
genügen für einen Bewusstseinsverbund schon
a b eine Million davon. Nehmen wir an, ich be­
finde mich in einem Raum voller Menschen
und Susan kommt herein. Ich sehe ihr Ge­
Großhirnrinde sicht und im selben Augenblick stimmt eine
(Cortex) Koalition von Zellen in meiner Hirnrinde ei­
nen Chor an – vielleicht agieren sie nur für ei­
nen Sekundenbruchteil synchron. Die Teil­
Thalamus nahme reicht von Zellen der hinteren Hirn­
rinde, wo visuelle Reize zuerst verarbeitet
Videosequenz: Michael Hill, University of Oxford

c d werden, bis zur vorderen Rinde, die das Gese­


hene zuordnet und Handlungen plant.
Falls ich das Gesehene beachte, kräftigt das
den Zellverband und der Gleichklang der
Zellen wird stärker. So bleibt diese Zellgrup­
pierung für eine gewisse Zeit bestehen
und unterdrückt konkurrierende Zellverbän­
de. Wäh­renddessen schicken die zugehörigen
Neuronen ihre Signale zwischen vorderen und

44  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Medizin & Biologie

hinteren Rindengebieten hin und her. Da ruft


mich plötzlich jemand – sofort formiert sich
Wie macht der Wecker wach?
in der Hörrinde eine andere Koalition. Diese
neue Gruppe beginnt ihrerseits mit Zellen in Warum können uns starke Sinnesreize aufwecken? Werden dadurch spe­
der vorderen Rinde zu kommunizieren. Mei­ zifische Hirngebiete aktiviert – oder das Gehirn als Ganzes?
ne Aufmerksamkeit wendet sich der gehörten
Stimme zu – die vorherige Gruppierung wird
nun unterdrückt. Vor meinem Bewusstsein
verblasst Susans Gesicht.
Nervenzellen treten in einer Unzahl von
Formen und Funktionen auf, verknüpft über
vielfältige Verschaltungsmuster. Diese Vielfalt
spiegelt sich auch bei den Bewusstseinskorre­
laten. Damit sind wir beim Kernpunkt unserer
Meinungsverschiedenheit. Ich glaube nicht,
dass Bewusstsein eine irgendwie holistische
Eigen­schaft des Gesamtgehirns ist, also etwas,
das einfach entsteht, wenn eine Riesenmenge
von Neuronen in einer Lösung voller neuro­
naler Botenstoffe badet. Nach meiner Über­
zeugung vermitteln – oder erzeugen vielleicht
sogar – spezielle Zellgruppen jeweils eigene
Bewusstseinserlebnisse.
Schon bald werden Hirnforscher nicht nur
feststellen, dass ein Bewusstseinszustand mit
einer bestimmten allgemeinen Hirnaktivität

Brian Cronin
korreliert. Sie untersuchen zunehmend das
Verhalten ganzer Neuronenpopulationen und
ihre Kausalbeziehungen. Damit würde klar,
welche Zellpopulation für einen bestimmten KOCH: Bei plötzlichem Lärm reagieren Neuronen eines Kerns im Hirnstamm. Da­
Bewusstseinszustand verantwortlich ist. raufhin schicken sie Signale bis in den Thalamus und die Großhirnrinde. Andere
Nervenzellen verbreiten im Gehirn den neuronalen Botenstoff Acetylcholin. Das al­
Kaschierende Lichtblitzgewitter les erregt die Großhirnrinde und anhängende Strukturen. Nun errichtet eine Aus­
Nur, wie soll man erkennen, welche bestimm­ wahl von Neuronen für Sekundenbruchteile einen engen, durch periodische Rück­
te Zellgruppe eine bewusste Wahrnehmung kopplung stabilen Verband. Daran nehmen Zellen der Hörrinde teil sowie deren
bedingt? Und auf welche Aktivitätsmuster Zielzellen in der vorderen Hirnrinde und Zellen der mittleren Schläfenlappen, die
kommt es an? Sind stets sämtliche Pyramiden­ bei Planung und Gedächtnisbildung eine Rolle spielen.
zellen der Großhirnrinde einbezogen? Oder
besteht das Bewusstseinskorrelat nur aus einem
Teil jener Zellen, die mit ihren langen Ausläu­ GREENFIELD: Jeder starke Sinnesreiz, auch helles Licht, kann aufwecken. Somit ist
fern zwischen Stirn und hinterem Gehirn ver­ dafür kein bestimmtes Hirngebiet verantwortlich. Ein Wecker verhilft dazu nicht
mitteln? Und partizipieren Neuronen von wegen seiner spezifischen Reizqualität, sondern wegen seiner Lautstärke, einer
praktisch beliebigen Hirnregionen? Quantität. Abhängig vom Bewusstseinsgrad formieren sich kurzlebige Zusammen­
Viele Forscher konzentrieren sich auf die vi­ schlüsse von gleichzeitig aktiven Neuronen. Der Umfang eines Verbands ändert
suelle Wahrnehmung. Psychologen entwarfen sich immerfort. Er hängt davon ab, wie bereitwillig Zellen in einem bestimmten Au­
raffinierte Experimente, um visuelle Reize vor genblick mitmachen. Diese Bereitschaft hängt auch von der Reizstärke ab. Ein gro­
dem Bewusstein zu verstecken. Zum Beispiel ßer Stein, den man ins Wasser wirft, erzeugt stärkere Wellen als ein kleiner. Ein lau­
entdeckten Naotsugu Tsuchiya und ich 2005, tes Weckgeräusch – oder ein blendend helles Licht – ruft eher eine große Menge
wie man Bilder mittels eines Lichtblitzgewit­ Neuronen zusammen. Je mehr Zellen teilnehmen, desto leichter wird man wach.
ters verbergen kann: Auf das eine Auge fällt ein
kleines stehendes Bild, vielleicht ein blasses,
graues und wütendes Gesicht. Vor dem ande­ deutlich. Warum drang das Bild vorher nicht
ren erscheint in immerzu wechselnden Farben ins Bewusstsein? Susan Greenfield kann dies
ein Lichtblitzgewitter. In dieser Situation merkt mit ihrem Modell schwerlich erklären, denn
die Versuchsperson nicht, dass sie zugleich ihrer Ansicht nach handelt es sich stets um
noch ein Bild sieht – obwohl Zellen in der ein Bewusstseinskorrelat, wenn nur genügend
Sehrinde im Hinterkopf massenhaft darauf an­ viele Hirnzellen im Gleichtakt feuern.
sprechen. Der Versuch lässt sich über Minuten Zur Arbeitsweise von Bewusstsein haben
ausdehnen. Sobald die Testperson aber das an­ Francis Crick und ich verschiedene Ideen ein­
dere Auge zukneift, erkennt sie das Gesicht gebracht, die sich alle auf experimentelle Daten

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 45


Kontroverse – Bewusstsein

stützen. Wir denken uns, dass Pyramidenzellen regungssignale aufkommen und die Hirnrinde
der so genannten Schicht V der Hirnrinde Si­ von daher aktiviert wird. Hirnforscher spre­
gnale zu Pyramidenzellen eines anderen Ge­ chen von Aktivierungssystemen. Wenn diese
biets senden, von denen sie ihrerseits direkt Erregungssysteme schweigen – wie im Tief­
starke Impulse erhalten. Hierdurch könnte sich schlaf, unter Narkose oder im tiefen Koma –,
eine Rückkopplungsschleife ergeben, die so kommen auch keine gleichgeschalteten Koali­
lange bestehen bliebe, bis eine andere Schleife tionen zu Stande. Der Mensch hat dann kein
auftritt, die sie wieder zum Schweigen bringt. Bewusstsein.
Zu dieser Vorstellung würde passen, dass Be­ Unser Modell lässt sich mit physiolo­
wusstseinserlebnisse länger anhalten als die gischen Experimenten überprüfen, doch es
paar Millisekunden, die ein Neuron feuert. hat einen Schwachpunkt: Es sagt nichts über
Diese Idee bestärkten kürzlich Arbeiten an Kriterien für Bewusstsein, also welche Syste­
genetisch veränderten Mäusen. Mehrere New me ein bewusstes Erleben haben. Uns fehlt
Yorker Forscher­teams unter Leitung von Stuart noch eine Theorie, mit der wir gestützt auf
C. Sealfon von der Mount Sinai School of Me­ physiologische Daten vorhersagen können,
Streitfragen dicine und Jay A. Gingrich von der Columbia- wo solches Erleben womöglich auch auftritt:
Beide Kontrahenten nehmen Universität zeigten, dass Halluzinogene – etwa bei Fliegen, Hunden, Ungeborenen, nicht an­
an, dass bei einem Bewusst­ LSD, Psilocybin und Meskalin – auf einen sprechbaren Alzheimerpatienten oder gar dem
seinserlebnis synchron  Rezep­tor für den Signalstoff Serotonin wirken, World Wide Web?
aktive Neuronenensembles  mit dem Pyra­mi­denzellen der Schicht V be­
– Nervenzellkoalitionen – stückt sind. Möglicherweise also verändern die Masse reicht nicht
auf­treten. Rauschmittel das Bewusstsein deswegen, weil Zu den Forschern, die an solchen Theorien ar­
Jedoch: sie einen bestimmten Rezeptortyp einer spe­ beiten, zählt Gulio Tononi von der Universität
zifischen Zellgruppe aktivieren – und nicht, von Wisconsin in Madison. Allerdings ist un­
r  Müssen das spezifische
weil sie unspezifisch Schaltkreise im gesamten ser Wissen über das Gehirn noch so dürftig,
Zellgruppen sein?
Gehirn durcheinanderbringen. Ob das stimmt, dass wir über ein spekulatives Stadium bisher
r  Müssen spezifische Hirn­ ließe sich an den Pyramidenzellen austesten. nicht hinaus sind. Uns helfen aber schon Hy­
gebiete mitwirken? Weiterhin halten Crick und ich das Claus­ pothesen, die sich mit heutiger Technik testen
r  Oder kommt es rein auf die trum für bedeutsam, eine blattförmige Struk­ lassen. Francis Crick betonte gern, dass James
Menge erregter Zellen an? tur tief in der Großhirnrinde. Dessen Zellen Watson und er 1953 die Doppelhelixstruktur
r  Ist Bewusstsein Ausdruck empfangen von fast allen anderen Rindenregi­ der DNA nicht durch reines Nachdenken fan­
holistischer Funktionen? onen Signale. Das Claustrum säße jedenfalls an den, sondern durch Auswertung von experi­
einer idealen Stelle, wo sich Informationen aus mentellen Daten.
den sensorischen Rindengebieten bündeln und Im Kern besagt meine Auffassung: Bewusst­
zu einem einheitlichen Erlebnis zusammenfü­ sein verdankt sich nicht der Quantität neuro­
gen ließen. Um diese Ideen zu prüfen, müssten naler Aktivitäten, sondern deren Qualität.
Forscher das Verhalten großer Mengen von Nicht die Menge der mitwirkenden Neuronen
Neuronen an vielen Orten im Gehirn gleich­ zählt, wie Susan Greenfield glaubt. Vielmehr
zeitig erfassen. Bisherige Versuche hierzu mit kommt es auf die von den Zellen repräsen­
vielen ultrafeinen Elektroden deuten darauf tierte Komplexität von Informationen an. Jede
hin, dass für ganz alltägliche Erlebnisse jeweils bestimmte Bewusstseinserfahrung erfordert ihr
spezifische Zellgruppen bereitstehen. spezifisches Neuronennetz. Es genügt eben
Dagegen fehlt bisher jeder Hinweis darauf, nicht, wenn eine große Menge beliebiger Zel­
dass Nervenzellen in einer Laborkultur so et­ len heftig feuert. Ein volles Bewusstsein um­
was wie ein Bewusstsein haben können, ob es fasst außerdem zugleich Zellen der hinteren
nun ein paar hundert sind oder eine Million. und der vorderen Großhirnrinde – nämlich
Denn Hirnneuronen sind stets Teil riesiger or­ sowohl aus Gebieten für Sinneseingänge als
ganisierter Nervennetze. Nur in solch einem auch aus Regionen für Gedächtnis, Planung
Kontext gelingt es ihnen, Bewusstsein hervor­ und Sprache.
zubringen. Ein analoges Beispiel wäre, dass Das Gehirn funktioniert in der ihm eige­
DNA-Moleküle zwar die Kodes für unsere Pro­ nen Weise nicht kraft Masse, sondern wegen
teine tragen, diese aber ohne viele weitere Mo­ der so unglaublich spezifischen besonderen
leküle nicht hergestellt werden könnten. Verschaltungsmuster seiner Neuronen. Darin
Durch die Ausdehnung und Art der Ner­ steckt zugleich all die Information, die je­
venzellverbände dürften auch Unterschiede im mand in seinem Leben gelernt hat, wie die
Bewusstsein von Kindern und Erwachsenen Information seiner Gene, die sich in seiner
sowie von Tieren zu erklären sein. Dass solche langen Abstammungsgeschichte ansammelte.
Zellkoalitionen überhaupt auftreten können, Entscheidend ist nicht, wie viele Nervenzellen
hängt aber in jedem Fall davon ab, dass im gleichzeitig aktiv sind. Die richtigen Neu­
Hirnstamm und im Thalamus immerfort Er­ ronen müssen feuern.

46  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Medizin & Biologie

Standpunkt von Wie funktioniert eine Narkose?


Susan Greenfield
Wirken Narkotika, weil sie generell die Hirnaktivität dämpfen – oder ver­
Bewusstsein ist ein ganzheit- hindern sie, dass sich in bestimmten Hirnregionen Zellensembles bilden?
liches, quantitatives Geschehen

G äbe es zum Bewusstsein nichts weiter an


neuronalen Korrelaten, als dass sich je­
weils bestimmte Neuronen entladen – wie
Christof Koch vorschlägt –, dann befände
sich dieses in den Hirnneuronen selbst. Über
besondere Qualitäten der betreffenden Zellen
oder Hirnregionen im Vergleich zu anderen
lässt sich mein Kollege nicht aus. Wenn über­
dies angeblich selbst eine Million Zellen kein
Bewusstsein hervorbringt, sofern diese Neu­
ronen nicht zu riesigen Netzen gehören, dann
verlagert sich die Fragestellung: Statt nach
dem Korrelat von Bewusstsein zu suchen, er­
forscht man die Eigenart jener Netzwerke.
Koch befleißigt sich einer modernen Phre­

Brian Cronin
nologie, wenn er sagt, für Bewusstseinsformen
existierten jeweils spezifische Neuronenverbän­
de. Früher einmal glaubten Forscher tatsäch­
lich, dass die einzelnen Hirnfunktionen in be­ KOCH: Früher dachten Wissenschaftler, Narkosemittel würden mit Fetten in den
stimmten Gebieten sitzen. Bei all seiner Be­ Zellmembranen von Neuronen wechselwirken. Doch die Stoffe binden sich, je nach
geisterung für die Großhirnrinde müsste es Narkotikum, an bestimmte Membranproteine und beeinträchtigen so verschie­
Koch eigentlich zu denken geben, dass eben dene neuronale Vorgänge. Dabei schaltet nicht ein einzelner, spezieller Mechanis­
diese Struktur vielen Tieren, so Vögeln, fehlt, mus das Bewusstsein aus. Zu den wichtigsten Folgen gehört aber, dass in weiten
die dennoch offensichtlich über Bewusstsein Hirngebieten über die Synapsen (Kontaktstellen zwischen Neuronen) Hemmung
verfügen. Aber selbst wenn eine räumliche Zu­ verstärkt und somit Erregung vermindert wird. Die Zellaktivität hört nicht völlig
ordnung gelänge, könnte das nicht erklären, auf. Jedoch können die Neuronen kaum mehr stabile, synchron aktive Verbände
wie Bewusstsein zu Stande kommt. bilden. Wenn Zellen aus vorderen und hinteren Hirnpartien nicht im Chor kommu­
Nach meiner Ansicht gibt es nicht ge­ nizieren können, ist Bewusstsein nicht möglich.
trennte, nebeneinander ablaufende Bewusst­
seinserlebnisse. Denn visuelle Reize können
den Höreindruck verändern und umgekehrt. GREENFIELD: Narkosemittel unterdrücken die Nervenzellaktivität in Bereichen
Dass Wahrnehmungen mehrerer Sinneseingän­ des gesamten Gehirns. Sie beeinträchtigen die Eigenschaft des holistisch funktio­
ge verschmelzen, spricht gegen ein eigenes vi­ nierenden Gehirns, synchron aktive Nervenzellensembles hervorzubringen. Nar­
suelles Bewusstsein. Vor allem gilt: Entweder kotika bewirken, dass die Ensembles schrumpfen. Der Bewusstseinsgrad nimmt
ist man bei Bewusstsein oder man ist es nicht. immer mehr ab, bis Bewusstlosigkeit eintritt. So wären auch Übergangszustände
Kochs Versuchspersonen waren stets bei Be­ wie Übererregbarkeit und Delirium zu erklären. Meiner Meinung nach erinnert das
wusstsein. Folglich wurde nicht dieses selbst an Menschen mit zu schwach ausgeprägten Nervenzellkontakten, die deswegen
manipuliert, sondern nur sein Inhalt. Solche recht kleine Verbände herstellen: Sie geben sich oft übermäßig emotional und we­
Experimente untersuchen darum höchstens nig verstandesgeleitet.
die Aufmerksamkeit, nicht das Bewusstsein.
Meines Erachtens kommen wir besser an ein
Bewusstseinskorrelat heran, wenn wir nach wusstsein, auch den Kontrast zwischen mensch­
Unterschieden zwischen bewussten und nicht lichem und tierischem Bewusstsein sowie
bewussten Zuständen fragen. möglicherweise das Bewusstsein eines unge­
Meine Ausgangsthese: Es gibt nicht be­ borenen Kinds. Statt auf die Qualität abzuhe­
stimmte Hirnregionen oder Neuronengrup­ ben, sollte man an Quantität denken, an ei­
pen mit magischen Eigenschaften für Bewusst­ nen holistischen Prozess. Das Phänomen tritt
sein. Vielmehr müssen wir einen speziellen auf, indem das Gehirn ganzheitlich in seinen
Prozess suchen. Das Korrelat muss diverse Funktionen zunimmt. Bewusstsein wächst,
Phänomene erklären helfen – so den Effekt wenn das Gehirn an Größe gewinnt.
eines Weckers, einer Narkose, den Unterschied Was ist nun der Schlüsselmechanismus?
zwischen Wachen und Träumen, Selbstbe­ Dass es sich um einen Vorgang handelt, zeigen

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 47


Kontroverse – Bewusstsein

unter anderem die Arbeiten von Wolf Singer Bewusstseinsgrad – und dieser ändert sich alle
vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Augenblicke. Der momentane Grad korreliert
Frankfurt. Er und seine Mitarbeiter entdeck­ damit, wie viele Zellen gerade in ein Ensemble
ten, dass eine große Anzahl Neuronen, vom eingespannt sind.
Thalamus bis in die Großhirnrinde, plötzlich Damit wären alle oben aufgezählten Phä­
für ein paar kurze Augenblicke gleichzeitig mit nomene abgedeckt. Lautes Weckerrasseln stellt
einer Frequenz von 40 Hertz synchron feuert. einen heftigen sensorischen Reiz dar und ruft
Gleiches kann sich allerdings auch ereignen, ein großes, synchron aktives Neuronenen­
wenn sich dieses Gewebe in einer Kulturschale semble hervor. Beim Träumen treten auf
befindet. Was muss für Bewusstsein noch hin­ Grund der vergleichsweise schwachen Stimuli
zukommen? Welche weitere Bedingung muss aus dem Körperinnern nur ziemlich kleine
erfüllt sein? Zellverbände auf, im Wachzustand entstehen
Der kolumbianische Neurowissenschaftler wegen der stärkeren Sinneseindrücke größere.
Literaturhinweise: Rodolfo Llinas von der New-York-Universität Narkosemittel wiederum schränken die En­
Rätsel Ich. Gehirn, Gefühl, Bewusst­ meint, die kurze synchrone Aktivität baue semblegröße dermaßen ein, dass das Bewusst­
sein. Andreas Sentker und Frank zwischen Thalamus und Rinde zwei einander sein schwindet. Selbstbewusstsein vermag erst
Wigger (Hg.). Springer/Spektrum ergänzende Schleifen auf, die zusammen ein in einem Gehirn von ausreichender Größe
Akademischer Verlag, Heidelberg
2007
Bewusstsein unterhalten: ein »spezifisches« und mit genügend Verschaltungen für ausge­
System für den Inhalt, ein »unspezifisches« für dehnte Netze aufzukommen. Und der Be­
Bewusstsein. Ein Neurobiologisches Wachsein und Aufmerksamkeit. So ließe sich wusstseinsgrad, den Tiere erreichen, ergibt sich
Rätsel. Von Christof Koch. Elsevier/
Spektrum Akademischer Verlag, in der Tat begründen, wieso ein lauter Wecker jeweils aus der Größe der neuronalen Ensemb­
München 2005 volles Bewusstsein wachruft. Im Übrigen un­ les. Das gilt ebenso für menschliche Feten.
terscheidet Llinas zwischen Traum- und
A neuroscientific approach to
consciousness. Von Susan A. Green- Wachbewusstsein. Beim Träumen soll nur die Hirngröße ist wichtig
field and T. F. T. Collins: Progress in erste Schleife funktionieren. Die zweite erhält Wohlgemerkt wollen weder Christof Koch
Brain Research, Bd. 150, S. 11, 2005 von außen keinen Input, weil von dort keine noch ich mit unseren Modellen erklären, wie
The private life of the brain. Von Sinnessignale ankommen. letztlich Bewusstsein entsteht. Was der aus­
Susan Greenfield. John Wiley & Sons Leider nehmen Modelle wie diese für das tralische Philosoph David Chalmers als die
2000 Gehirnkorrelat nur zwei Zustände an, gemäß eigentliche – harte – Frage bezeichnete, klam­
einem Alles-oder-nichts-Prinzip. Dass das Be­ mern wir erst einmal aus: nämlich wie sich
wusstsein in Wahrheit variiert, ständig zu- und physiologi­sche Ereignisse in ein persönliches
abnimmt, beschreiben sie nicht. Deswegen be­ Bewusstseins­erleben umsetzen. Beide suchen
vorzuge ich ein anderes Modell, das von einem wir nur nach einem Korrelat. Wir möchten
mehr wandelbaren Zustand ausgeht. Seit über Hirnphänome­ne und subjektives Erleben auf­
zehn Jahren wissen wir nun, dass viele Millio­ einander beziehen. Den entscheidenden Zwi­
nen Zellen einige hundert Millisekunden lang schenschritt lassen wir beiseite – die Frage, wie
gleichzeitig – als »Ensemble« – aktiv sind und ein körperliches Phänomen Erleben bewirkt.
ihr synchrones Verhalten dann sogleich wieder Die Nervenzellensembles schaffen nicht Be­
erlischt. Die räumlichen und zeitlichen Mus­ wusstsein. Sie zeigen vielmehr Bewusstseins­
ter, mit denen sich die Ensembles immerfort grade an. Jedoch beruhen der Umfang der
ändern, entsprechen genau dem, was für Be­ Zellverbände und entsprechend der Grad von
wusstseinserlebnisse erforderlich wäre. Dau­ Bewusstsein auf vielen physiologischen Fak­
ernd bilden sich weit reichende Koalitionen, toren, die im Experiment manipuliert werden
lösen sich augenblicklich wieder voneinander können. Dazu gehören etwa Ausmaß und Art
und neue finden sich. Jede Koalition ist ein­ von neuronalen Verschaltungen, die Stärke ein­
malig. In meinem Modell gibt es darum einen gehender Reize oder auch die Existenz anderer,
konkurrierender Ensembles.
Koch kritisiert an meinem Ensemble-Mo­
dell, dass es mir allein auf Größe, auf Menge
ankommt. Tatsächlich aber heißt Forschen
meistens messen – nämlich etwas objektiv
quantifizieren. Für Wissenschaft ist Größe da­
rum alles. Andere Kollegen bemängeln, die
Ensembles als solche seien zu vage gezeichnet.
Hiergegen kann ich einwenden: Mehrere For­
scher haben neuronale Mechanismen für kurz­
zeitige Ensemblebildung bereits recht detail­
liert beschrieben – so Amiram Grinvald vom
Weizmann-Institut für Wissenschaft in Reho­
vot (Israel), Ole Paulsen von der Universität

48  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Medizin & Biologie

Oxford und John G. Jefferys von der Universi­ Test, einem Roboter, einer Formel. Oder viel­
tät Birmingham. leicht würde es uns reichen, wenn wir erst den
Bis wir dieses Modell am Menschen über­ Bewusstseinszustand eines Menschen künst­
prüfen können, müssen wir noch auf schär­ lich gezielt verändern könnten. Sagen wir,
fere nichtinvasive Bildgebungsverfahren war­ Christof Kochs Gehirn würde so manipuliert,
ten. Die zeitliche Auflösung muss in dem Mil­ dass er die Welt genauso erlebt wie ich – und
lisekundenbereich liegen, in dem neuronale mit mir einer Meinung ist. 
Ensembles zusammenkommen und wieder
zerfallen. Dann müssten wir vorübergehende
Zellverbände sehen können, die beispielsweise
Wachsein und Träumen
mit Schmerz, Schwermut oder Schizophrenie
korrelieren. An Tieren liegen schon erste Be­ Warum erleben wir Träume anders als Wacherlebnisse?
obachtungen vor. Im Jahr 2006 zeigten Toby
Collins und andere meiner Mitarbeiter, wie
Narkosemittel die Entstehung, Aktivität und
Dauer von neuronalen Ensembles bei Ratten
verändern. Auch scheint die Anzahl von Zel­
len, die in der sensorischen Hirnrinde in En­
sembles aktiv ist, bei einer narkotisierten Rat­
te den Betäubungsgrad widerzuspiegeln. Wie
mein Mitarbeiter Subhojit Chakraborty er­
kannte, ließe sich bei Nagern an Zellensemb­
les des Seh- und Hörsystems vermutlich gut
erforschen, wie Sehen und Hören gegeneinan­
der ausgespielt werden.
Andere Kritik gilt dem postulierten Verhal­
ten der Zellverbände in Raum und Zeit. An­
geblich widerspricht meinem Modell, dass bei
Epilepsie eine anhaltende synchrone Aktivität
gerade mit Bewusstseinsverlust einhergeht.
Doch im Vergleich dazu sind die Bewusstseins­
korrelate sehr schnelllebig. Epileptische Anfäl­
le blockieren ja den normalen stetigen Wech­
sel des Geschehens im Gehirn. Ein einzelnes
Ensemble bleibt dann viel zu lange bestehen.
Wie Collins, Michael Hill, Eleanor Dommett

Brian Cronin
und ich kürzlich schrieben, könnten auch
Narkotika eine Blockade erzeugen.
Manche Kollegen vermissen bei meinem
Modell die räumliche Zuordnung zu be­ KOCH: Zwar ist das Gehirn in Schlafphasen mit schnellen Augenbewegungen hoch­
stimmten Hirnregionen. Meines Erachtens aktiv, wenn wir anscheinend lebhaft träumen. Die Aktivität verteilt sich aber an­
nehmen wir es oft zu wichtig, Hirnprozesse zu ders als beim Wachsein. Intensiv arbeitet beim Träumen das limbische System (das
lokalisieren. Auf Zentren für Hirnfunktionen vereinfacht gesagt für Gefühle und Gedächtnis zuständig ist). Bereiche der Stirn­
kommt es wirklich nicht an, schon gar nicht lappen für rationales, vernunftbetontes Denken sind dagegen unterdrückt. Auch
beim Bewusstsein. Plausibler ist ein Szenari­ beim Träumen bilden Neuronen synchron aktive Verbände. Diese rekrutieren sich
um, in dem viele verschiedene Hirnregionen aber teils aus anderen Hirngebieten. Im Wachzustand nehmen viel mehr Zellen der
ganz kurz bestehende Ensembles bilden. Zu­ präfrontalen Rinde teil, wo Nachdenken und Vernunft auf Wahrnehmungen treffen.
sammen ergibt das eine Mannigfaltigkeit in Das könnte erklären, warum Träume oft wirr und gefühlsbeladen sind.
Raum und Zeit. Das können wir gegenwärtig
experimentell noch nicht fassen, vielleicht
aber irgendwann mathematisch modellieren. GREENFIELD: Beim Träumen formieren sich höchstwahrscheinlich viel kleinere
Werden Forschungen über neuronale Kor­ Zellensembles als im wachen Zustand – was daran liegen dürfte, dass jetzt starke
relate eines Tages dazu verhelfen, die eigent­ Außenreize fehlen, die viele Neuronen beschäftigen. Im Traum treibt allein spon­
liche, harte Frage anzugehen – wie denn nun tane Hirnaktivität den Zusammenschluss von recht flüchtigen Zellverbänden an.
durch physiologische Vorgänge bewusstes Er­ Weil das Gehirn nun kein äußeres Geschehen aufnimmt, bilden sich auch nicht in
leben zu Stande kommt? Auf jeden Fall wird gleicher Weise aufeinander bezogene, miteinander verkettete vorübergehende
es so lange nicht gelingen, hier eine Lösung zu Neuronengruppierungen. Beziehungen zwischen Nervenzellverbänden sind allen­
finden, wie wir uns nicht darüber klar sind, falls zufällig und oft seltsam. Deswegen können wir das Traumgeschehen so
mit welchen Anhaltspunkten wir zufrieden schlecht kontrollieren.
wären: mit Hirnbildern, mit einer Ratte im

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 49


WISSENSCHAFT IM ALLTAG
muskelkatER

Katerstimmung im Sportlerbein
Winzige Verletzungen verursachen nach ungewohnter körperlicher Anstrengung den gefürchteten Schmerz.

Von Stefanie Reinberger

S port ist gesund, heißt es. Doch warum fühlt er sich oft nicht so
an? Ob ein schlechtes Gewissen uns antreibt, die Laufschuhe zu
schnüren, ob der erste Schneefall uns auf die Piste lockt: Am nächs-
nächsthöhere Organisationseinheit ein »Sarkomer« (von griechisch
sarkós für Fleisch und -mer für Teil). Hunderte davon hintereinan-
der geschaltet ergeben eine »Fibrille«, diese wiederum bauen, pa­
ten Morgen fällt das Aufstehen schwer. Die Muskeln schmerzen, wir rallel arbeitend, eine Muskelfaser auf.
haben einen »Muskelkater« – und der kann bis zu eine Woche an- Begrenzt wird ein Sarkomer durch die Z-Scheiben, in denen die
halten. Aktinfilamente verankert sind. Mit dem Elektronenmikroskop lässt
Als Verursacher galt lange Zeit die Milchsäure. Sie entsteht bei sich zeigen, dass diese Strukturelemente nach ungewohnter oder
so genannter anaerober Belastung, wenn also zu wenig Sauerstoff übermäßiger Belastung bei zwanzig bis dreißig Prozent der Muskel-
für die Energiegewinnung zur Verfügung steht. Dann setzen Muskel- fasern beschädigt sind.
zellen den Einfachzucker Glukose über mehrere Stufen in das Zwi- Doch den Muskelkater rufen solche Mikroschäden nicht direkt
schenprodukt Milchsäure um und gewinnen so den Energieträger hervor, denn obwohl sie unmittelbar nach der Kontraktion auftre-
ATP (Adenosintriphosphat). ten, meldet sich der Schmerz erst später. Vermutlich wird er durch
Schon seit den 1980er Jahren gilt diese Hypothese jedoch als einen höheren Druck im Gewebe ausgelöst, Folge von verstärktem
überholt. Denn Milchsäure entsteht bei Untrainierten wie bei Ge- Eiweißabbau und Schwellungen. Beeinträchtigen Letztere zudem
übten. Letztere bleiben aber meist vom Kater verschont. Ein wei- die Durchblutung, kann das den Kater verstärken.
teres Argument gegen den vermeintlichen Übeltäter: Besonders viel
Säure bildet sich bei schnellen Bewegungen, die über einen kurzen Auch die beschädigten Z-Scheiben sind nur ein Teil der Wahr-
Zeitraum viel Energie erfordern – etwa beim 400- Meter-Lauf. Doch heit. Muskelbiopsien nach Marathonläufen zeigen nämlich: größ-
Sprinter leiden kaum unter Muskelkater. tenteils intakte Z-Scheiben, hingegen zerstörte Filamente, Zell-
Der Berliner Sportmediziner Dieter Böning hat zwei Muskelka- membranen und funktionelle Zellbestandteile wie die Energie
tertypen definiert: Der häufigere Typ 1 entsteht durch mechanische liefernden Mitochondrien oder das sarkoplasmatische Retikulum,
Überlastung, den Typ 2 verursacht eine Überforderung des Muskel- ein Kalziumspeicher in den Muskelzellen. Eine erhöhte Zahl von
stoffwechsels. Leukozyten und Erythrozyten, also weißen und roten Blutkörper-
Einen Abstieg wird ein Bergwanderer noch eine Weile in den chen, ließ auf Entzündungsprozesse schließen. Die Ursachen dieser
Gliedern spüren, während der anstrengendere Aufstieg oftmals fol- Phänomene sind bislang nicht geklärt.
genlos bleibt. Ein klassisches Experiment zu diesem Typ-1-Muskel- Die gute Nachricht zum Schluss: Egal woher Mikroschäden und
kater stammt aus Skandinavien. Im Jahr 1956 ließ der dänische damit der Schmerz rühren, der Muskel regeneriert sich am Ende
Sportphysiologe Erling Asmussen Probanden einen Stuhl bis zur Er- wieder. Und auch wenn bislang kein Kraut gegen den Kater gewach-
schöpfung hinauf- und hinabsteigen – mit dem einen Bein hoch, mit sen ist: Lindern können Sie ihn etwa durch warme Bäder oder
dem anderen wieder hinunter. Das Ergebnis: Zwar ermüdete das Saunabesuche, Einreiben mit durchblutungsfördernden Mitteln wie
»Bergbein« schneller, unter Muskelkater litt aber das andere. Franzbranntwein oder sanfte Bewegung.

Muss das Gewicht nach oben gehievt werden, aktiviert unser Die Biologin Stefanie Reinberger ist freie Wissenschaftsjournalistin
Nervensystem nämlich viele Muskelfasern, die sich die Arbeit tei- und lebt in Heidelberg.
len, beim Absteigen hingegen kommen sehr viel weniger zum Ein-
satz, um den quasi nach unten fallenden Körper aufzufangen. Zu-
dem erfährt der Muskel bei der Abwärtsbewegung eine Dehnung,
der er durch Kontraktion entgegenwirken muss, um zu bremsen. Mi-
kroskopisch feine Verletzungen sind die Folge der Überlastung.
Trainierte Bergsteiger leiden darunter allerdings deutlich weniger,
denn ihr Körper hat gelernt, auch in der kritischen zweiten Bewe- r Ausdauersportarten wie Joggen, Nordic Walking
gungsphase mehr Muskelfasern zu aktivieren. oder Bergwandern erfreuen sich großer Beliebtheit.
Je detaillierter wir diese betrachten, desto deutlicher wird ein Sie setzen einen gesunden Kontrapunkt gegen Alltags-
komplexer hierarchischer Aufbau. Die unterste Ebene bilden dabei stress und Bewegungsmangel – sofern mit Verstand
Eiweißfäden aus den Proteinen Aktin und Myosin, die für die Kon- betrieben. Der Kater danach ist keineswegs ein Beweis
traktion benötigt werden, sowie Titin, das die Muskeleinheiten wie für effektiven Sport, sondern ein Indiz für mikrosko-
ein Gummiband zusammenhält. Diese Fäden, fachlich als Filamente pische Verletzungen der muskulären Feinstruktur.
bezeichnet, sind die Arbeitstiere eines Muskels. Sie bilden als Falscher Ehrgeiz schadet nur.

50  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · januar 2008


Medizin & Biologie

Wussten Sie schon?


r  Der Begriff »Muskelkater« entstand vermutlich – ähnlich r  Sauerkirschsaft soll gegen Muskelkater helfen – das ergab
wie auch der »Kater« nach übermäßigem Alkoholkonsum – durch zumindest eine kleine amerikanische Studie aus dem Jahr 2006.
eine Verballhornung des Wortes »Katarrh« (von griechisch Die Wissenschaftler verabreichten einem Teil ihrer Probanden
katarrhein, herunterfließen), das eigentlich eine Entzündung drei Tage vor und vier Tage nach dem Training zweimal täglich je
der Schleimhäute mit Flüssigkeitsabsonderung bezeichnet. 0,34 Liter mit Apfelsaft verdünnten Kirschsaft. Siehe da, die
Probanden klagten über weniger Schmerzen als ihre Mitstreiter,
r  Wer vor dem Sport die Durchblutung und damit die Funkti- die lediglich ein mit Farbstoffen versetztes Placebogetränk ge-
onsfähigkeit des Muskels nicht durch ein kurzes Aufwärmtrai- nossen hatten. Außerdem sank die Leistungsfähigkeit der Mus-
ning steigert oder wer es mit dem sportlichen Eifer schlicht keln bei den Kirschsaftkonsumenten nach dem Sport nur um
übertreibt, muss mit Verletzungen rechnen. Insbesondere Ball- rund vier Prozent, während die Teilnehmer der Kontrollgruppe
sportarten mit ihren abrupten Beschleunigungs- und Abbrems- rund 22 Prozent Einbußen verzeichnen mussten. Den Effekt führ-
phasen sind risikoreich – die Muskeln müssen durch extrem ten die Wissenschaftler auf Antioxidantien und entzündungs-
schnelle Kontraktion Belastungsspitzen auffangen. Wird das hemmende Stoffe im Kirschsaft zurück.
Gewebe überdehnt, kann eine Zerrung erfolgen. Zwar ist die
Struktur des Muskels noch intakt, doch er steht unter zu hoher r  Dehnen fördert die Beweglichkeit, schützt aber nicht vor
Spannung. Für einen längeren Zeitraum heißt es nun Pausieren, Muskelkater, wie australische Wissenschaftler 2002 ermittelt-
Kühlen, Bandagieren und Hochlagern. Bei noch stärkerer Be- ten. Schlimmer noch: Entstanden beim Training Mikroverlet-
lastung oder Belastung eines bereits vorgeschädigten Muskels zungen, können sich diese durch Dehnübungen noch verstärken.
können einzelne Fasern, Bündel oder gar der ganze Muskel Und als wären das nicht schon genug schlechte Nachrichten:
reißen. Blutung und Blutergüsse im Gewebe gehen damit einher. Sind die Muskeln vor dem Sport noch kalt, also noch wenig
Ein ausgeprägter Muskelfaserriss lässt sich von außen als »Del- durchblutet, kann Stretching selbst Verletzungen hervorrufen.
le« erkennen. Wie so oft lautet die Devise: Auf die Dosis kommt es an.

gespanntes Sarkomer
Aktinfilament

Myosinfilament

Z-Scheiben

Muskel

entspanntes Sarkomer

Fibrille

Muskelfaserbündel
Spektrum der Wissenschaft / Siganim

Muskelfaser

Sarkomer

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · januar 2008 51


Molekularbiologie

Die Macht
der Riboschalter
Bislang übersehene Kontrollelemente der Boten-Ribonukleinsäure
verleihen dem Molekül die Macht, sein eigenes Gen ein- oder
auszuschalten. Ihr Vorkommen bei bakteriellen Krankheitserre-
gern macht sie auch für Medikamentenentwickler interessant.

Von Jeffrey E. Barrick und Ronald R. bloße Existenz dieser Schalter faszinierend.
Breaker Noch interessanter ist ihre Funktionsweise,

I
nicht zuletzt für Bioingenieure, wenn auch
m Herbst des Jahres 2000 weckte ein manches daran noch zu klären bleibt. Schon
rätselhafter Umstand bei Bakterien un- jetzt ist aber klar, dass Riboschalter auch mög-
ser Interesse, der mit ihrer Vitaminher- liche Angriffspunkte zur Entwicklung neuer
stellung zu tun hatte. Eigentlich be- Medikamente bieten. Zahlreiche bakterielle
schäftigten wir uns gerade mit der Entwick- Krankheitserreger beispielsweise regulieren
lung künstlicher Bioschalter und zwar auf der über Riboschalter bestimmte grundlegende
Basis einer Molekülart, die in der Frühzeit Aspekte ihres Stoffwechsels. Wirkstoffe, die
des Lebens wohl das Sagen hatte. Doch dies den Hebel in die falsche Richtung kippen las-
gab unserer Suche nach des Rätsels Lösung sen, könnten neue Antibiotika abgeben – das
die richtige Stoßrichtung. Was unsere Ar- ist besonders wichtig, weil die alten als Waffen
beitsgruppe an der Yale-Universität in New zunehmend stumpf werden.
Haven (Connecticut) entdeckte, war weit be- Diese altertümliche Variante der Selbstre-
deutsamer als erwartet. Wir stießen auf einen gulation würde in heutigen Lebensformen
neuartigen Weg der zellulären Selbstregulati- kaum fortbestehen, wäre sie dort nicht von
on, der auf einem der evolutionär ältesten bi- Bedeutung. Bakterienzellen sind erstaunlich
ologischen Moleküle beruhte, nämlich der anpassungsfähige und weit gehend autonome
Ribonukleinsäure, der RNA. In ihrer be- biochemische Fertigungsanlagen, die sich auf
kanntesten Funktion, als so genannte Boten- eine einzige Aufgabe spezialisiert haben: so Wie die technischen Maschinen
RNA, galt sie lange als bloße Ordonanz der viele Kopien ihrer selbst wie möglich herzu- einer Fabrik müssen auch die
Erbsubstanz DNA. Sie kann aber auch, wie stellen. Aber: Nur wenn Stämme fähig sind, biologischen Maschinen einer
wir nun wissen, selbst erhebliche Autorität die extrem schnelle Generationenfolge im Zelle bedarfsgerecht ein- und
über ihre DNA erlangen – dank der von uns mörderischen Wettbewerb um knappe Res- ausgeschaltet und geregelt
entdeckten Sorte RNA-Elemente, die wir Ri- sourcen unter wechselnden Bedingungen auf- werden. Ein verblüffender Weg,
boschalter (englisch riboswitches) tauften. rechtzuerhalten, haben sie lange Bestand. offenbar uralt, medizinisch
Als mögliches molekulares Relikt aus einer Unter optimalen Bedingungen schafft es aber höchst interessant, wird
ganz frühen Phase des Lebens ist schon die manches Bakterium, sich in nur zwanzig Mi- derzeit erforscht.

52  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


medizin & biologie

s
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Sl
Molekularbiologie

nuten erstmals zu vermehren und dafür ganze zellulären Maschinerie des Bakteriums aufzu-
Hundertschaften komplizierter Moleküle her- nehmen.
zustellen. Die Fähigkeit beruht zunächst auf Die Hauptlast der Stoffwechselarbeit tra-
der genetischen Information, die es in seiner gen zwei Klassen von Proteinen: Transporter,
Erbsubstanz DNA archiviert hat und die es die Rohmaterialien befördern, und Enzyme,
Von Dna zu rna wie jedes Lebewesen von Generation zu Ge- die deren Umsetzung in den Stoffkreisläufen
r DNA: Die Desoxyribonuklein- neration in möglichst originalgetreuer Kopie der Zelle katalysieren. Bakterien sind ganz
säure (englisch abgekürzt weitergibt. darauf getrimmt, keine Ressourcen durch Pro-
DNA) ist in allen heutigen Geschrieben ist diese zelluläre Bau- und duktion momentan überflüssiger Betriebsmit-
Zellen der Speicher für die
Betriebsanleitung mit dem bekannten vier- tel – sprich Arbeitsproteinen – zu verschwen-
Erbinformation und damit
Träger der Gene.
buchstabigen DNA-Alphabet aus den orga- den. Sie verfügen über Kontrollmechanismen,
nischen Basen Adenin, Thymin, Cytosin und mit denen Aufträge zur Herstellung einzelner
r Boten-RNA:Sie ist eine
Guanin (A, T, C und G), die an einem dop- Arbeitsproteine gestoppt werden können,
Ribonukleinsäure (englisch
abgekürzt RNA) und gibt die pelsträngigen Grundgerüst aus alternierenden wenn sich das Angebot oder der Bedarf an
in Genen enthaltenen Bauan- Zucker- und Phosphateinheiten aufgereiht Nährstoffen verändern. Typischerweise nutzen
weisungen für Proteine an sind. Immerhin 90 Prozent der DNA eines Bakterien eine Reihe von Supervisor-Protei-
die Proteinfabriken der Zelle typischen Bakteriums trägt verschlüsselte An- nen, um laufend die verfügbaren Mengen an
weiter. weisungen zum Bau seiner Proteinmaschi­ diversen Rohmaterialien zu überwachen und
nerie: Eiweißmoleküle katalysieren und re­ den Nachschub der nötigen Transporter und
gulieren die Stoffwechselreaktionen, die zum Enzyme entsprechend zu regeln.
Aufbau einer neuen Zelle aus einfachen
Grundsubstanzen benötigt werden. Unterdrücker und Terminatoren
Für den ersten Schritt zur Fertigung eines Ein Beispiel für eine solche Instanz ist der so
Proteins muss das Enzym RNA-Polymerase genannte Lac-Repressor des Darmbakteriums
an die DNA andocken und die nötigen Teile Escherichia coli, das Lactose (Milchzucker) ge-
des Textes abschreiben: in Form der chemisch zielt aufnehmen und zur Energiegewinnung
ähnlichen Boten-RNA (auch Messenger-RNA nutzen kann. In der aktiven Form – als Kom-
genannt). Bakterienzellen haben es dabei plex aus mehreren identischen Einheiten –
enorm eilig, denn kaum hat die erste Polyme- blockiert dieser »Unterdrücker« den Zugang
rase ihre Arbeit aufgenommen, sitzt ihr schon zu den Genen für den Transporter wie auch
eine Kollegin im Nacken und beginnt mit der für ein Lactose spaltendes Enzym. Das ge-
nächsten Abschrift. Die meisten Boten-RNAs schieht so lange, bis für die beiden Akteure

In Kürze tragen die Bauanweisung für ein einziges Pro-


tein, manche jedoch, an so genannten DNA-
Bedarf besteht. Steigt nämlich die Lactose-
Konzentration über ein bestimmtes Niveau,
Operons transkribiert, gleich für mehrere Sor- fällt der Repressor von der DNA ab und er-
r Die Regulation der Gen­
ten, die funktionell zusammengehören. möglicht so ein Abschreiben der beiden Gene
expression obliegt gewöhnlich
Da Boten-RNAs chemisch weniger stabil (siehe Kasten rechts, Mitte).
speziellen Proteinen. Haupt-
sind als DNA, handhabt die Zelle sie wie Fo- Ein ähnlicher Regulationsmechanismus be-
sächlich Bakterien nutzen da-
tokopien: Nicht mehr benötigte Exemplare ruht auf Proteinen, die während der Entste-
zu aber auch besonders aus-
kommen sofort in den Aktenschredder und hung von Boten-RNAs an der DNA darüber
gestattete Boten-RNAs, welche
werden wie Papier recycelt, sodass nur die ak- entscheiden, wie weiter zu verfahren ist. Ein
die Expression ihres eige-
tuellen Arbeitsanweisungen für die Riboso- Beispiel dafür bietet ein ringförmiger Kom-
nen Gens auf diversen Ebenen
men – die Fertigungseinheiten für Proteine – plex aus einem Protein mit dem Namenskür-
selbst überwachen.
bereitstehen. zel TRAP bei dem Bodenbakterium Bacillus
r Bei dieser Zusatzausstattung Wie die RNA-Polymerase haben es auch subtilis. Er kontrolliert zwei DNA-Operons,
handelt es sich um neu die bakteriellen Ribosomen eilig. Noch bevor die für Enzyme zur Herstellung von Trypto-
entdeckte RNA-Elemente mit das Enzym seine Abschrift ganz fertig gestellt phan beziehungsweise für einen Transporter
zuvor unbekannten Macht- hat, beginnen sie, die Anweisungen zu lesen dieser Aminosäure kodieren.
befugnissen. Sie dürfen ent- und auszuführen. Im typischen Fall reihen sie Ist genügend Tryptophan vorhanden, be-
scheiden, ob die Bauan­ sich dazu an der RNA-Schiene auf, fahren an nötigt die Zelle keines dieser Synthese- und
weisung auf ihrer Boten-RNA ihr entlang und »übersetzen« dabei jeweils auf- Transportmoleküle. TRAP wickelt dann den
ausgeführt werden soll oder einanderfolgende Dreiergruppen von RNA- Vorspann, den als Erstes erscheinenden Teil,
hinfällig ist. Sie wurden Ribo- Basen gemäß dem genetischen Code in die der entstehenden Boten-RNAs fest um sich.
schalter getauft. entsprechende Aminosäure. Dieser Vorgang Im Fall des Transporters hindert dies die Ri-
r Zusammen mit RNAs, die sich wird Translation genannt. Stück für Stück bosomen daran, eine Stelle auf seiner Boten-
wie Enzyme verhalten, spre­­- knüpfen sie so die Aminosäurekette ihres Pro- RNA zu erkennen, wo sie mit der Überset-
chen die neuen Elemente für teins weiter. Sobald diese dem Ribosom ent- zung zu beginnen haben. Im Fall der Enzyme
die Hypothese einer Urwelt schlüpft, faltet sie sich zu einem komplexen bildet deren Boten-RNA eine haarnadelför-
frühen Lebens, das auf RNA räumlichen Gebilde zusammen. Damit ist ein mige Struktur aus, die von der RNA-Polyme-
basierte. weiteres Protein bereit, seine Arbeit in der rase als Terminationssignal gewertet wird –

54  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


medizin & biologie

Proteine als Kontrolleure


Bakterien koordinieren und optimieren effizient die Fertigung von Teilen, die sie zum Bau und Betrieb ihrer Zellfabrik
brauchen. Als Supervisoren fungieren gewöhnlich Proteine. Diese können die Herstellung beispielsweise von Katalysatoren
(als Enzyme tätige Proteine) unterbinden, wenn kein Bedarf besteht. Ein Enzym etwa, das Milchzucker spaltet, wird nur
gebraucht, wenn verwertbarer Milchzucker vorliegt.

l Das zelluläre Fließband


In Bakterien werden Proteine wie am Fließband nach den
Bauanleitungen der DNA produziert. Polymerase-Enzyme
Ribosom bewegen sich an einem der beiden DNA-Stränge entlang und
transkribieren ein Gen in seine Boten-RNA. Noch während
Kette aus diese Abschrift entsteht, docken bereits Ribosomen an und
Amino- übersetzen das Gelesene in eine Kette aus Aminosäuren, die
Boten-RNA säuren sich zu einem fertigen Protein faltet.
RNA-Polymerase

Enzym-Gen »aus« Enzym-Gen »an«


Lac-Repressor-
DNA Untereinheit
Lac-Repressor-
Komplex
Polymerase Boten-RNA
blockierte
Initiationsstelle
Überwachung der Betriebsmittel r der Transkription Lactose-
Regulatorproteine steuern die Produk- Isomer
tion und nutzen dabei eine Reihe unter-
schiedlicher Mechanismen, hier am DNA
Beispiel des Lac-Repressor-Komplexes Transkription läuft
(großer Kasten) und des TRAP-Kom-
plexes (darunter) veranschaulicht. Syntheseenzym-Gen »aus« Transporter-Gen »aus«
Der Lac-Repressor schaltet als Kom- TRAP- Boten-RNA- Tryptophan
Komplex Leader
plex ein Gen aus, das für ein Lactose spal-

Illustrationen: Tami  Tolpa


tendes Enzym kodiert: In Abwesenheit Terminator-
von Lactose (Milchzucker) versperrt er Haarnadel Ribosom
der Polymerase den Zugang zur DNA. Bei
hoher Konzentration hingegen bindet sich
ein Isomer der Lactose an bestimmte Ver- blockierte
tiefungen in den Untereinheiten des Re- Initiations-
stelle der
pressors. Dieser zerfällt in seine Teile und Translation
das Gen wird eingeschaltet.
Der TRAP-Komplex reguliert die Pro-
duktion von Proteinen, die an der Synthe- der Boten-RNA, die für die Synthese-En- Transkription ab (unten links). Im Fall der
se und dem Transport der Aminosäure zyme kodiert, um sich. Dadurch bildet ein Boten-RNA für den Transporter verdeckt
Tryptophan beteiligt sind. Dies tut er auf anderer Abschnitt der RNA eine Haar­ TRAP dem Ribosom die Stelle, an der es
zwei verschiedene Arten. In Gegenwart nadelstruktur aus, die als »Terminator« mit dem Übersetzen, der Translation, be-
von Tryptophan schlingt TRAP den Anfang wirkt. Die Polymerase bricht die weitere ginnen sollte (unten rechts).

und diese bricht daher das weitere Abschrei- menarbeiten. Es handelt sich um komplexe
ben ab (siehe untere Sequenz im Kasten Spezialkomponenten, die wichtige bioche-
oben). mische Funktionen erfüllen. Ihre Herstellung
Bakterien verfügen aber auch über eine erfordert komplizierte und energieaufwändige
reichhaltige Werkzeugkiste zur Biosynthese Synthesewege in der Zelle. Von Natur aus auf
ungewöhnlicher Verbindungen. Anders als Effizienz getrimmt, regulieren Bakterien diese
Menschen können sie beispielsweise Vitamine daher strikt und schalten sie sofort ab, wenn
aus einfachen Grundsubstanzen selbst herstel- kein Bedarf besteht.
len. Etliche Vitamine sind Vorstufen so ge- In den späten 1990er Jahren beobachteten
nannter Coenzyme: niedermolekularer Ver- Wissenschaftler bei gewissen Coenzym-Syn-
bindungen, die – wie der Name besagt – mit thesewegen ein Regulationsmuster, das sie an
einem enzymatisch tätigen Protein zusam- die Funktionsweise von TRAP und Lac-Re-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 55


Selbstbestimmte Schalter
Eine neu entdeckte Form der zellinternen Regulation beruht auf
Boten-RNAs, die sich dank Spezialausstattung selbst kontrollieren
können. Sie enthalten in ihrem Vorspann – vor der eigentlichen a Blockade der Translation
Genabschrift für das Protein – so genannte Riboschalter. Ein sol-

Illustrationen: Tami  Tolpa


cher Schalter kann den aktuellen Bedarf der Zelle an dem kodierten Gen »an« Gen »aus«
Protein indirekt erfassen und dann durch Änderung seiner eigenen
Gestalt entscheiden, ob es hergestellt wird oder nicht. Entspre- TPP
blockierte
chend verfügt er über ein Sensor- sowie ein Reaktionsteil: Aptamer Initiations-
stelle der
beziehungsweise Expressionsplattform genannt. Beide können sich Initiationsstelle Translation
auch etwas überschneiden. Der erste Abschnitt erkennt – bindet – der Translation
eine relevante Stoffwechselsubstanz (Kästchen unten), an deren
Synthese beispielsweise das Protein beteiligt ist. Der zweite Teil
b Termination der Transkription c Selbstspaltung
bestimmt über das weitere Schicksal der Boten-RNA durch unter-
schiedliche Arten der Faltung (Kästchen rechts). Gen »aus« Gen »aus«

Riboschalter
FMN
GlcN6P
Expressionsplattform
Aptamer-Domäne Terminator- Schnitt-
Haarnadel stelle
TPP Vorspann
(Leader) der
Boten-RNA Effekte der Riboschalter o
Ihre Kontrollfunktion über die Proteinproduktion und damit die Gen-
expression üben Riboschalter auf unterschiedlichen Ebenen aus.
Beispiel TTP: Fehlt es, faltet sich die Expressionsplattform so, dass
DNA die Ribosomen-Bindungsstelle auf der RNA zugänglich bleibt und die
Polymerase folgende Bauanweisung ausgeführt werden kann (a, links). Hat das
Aptamer dagegen TPP gebunden, so bildet die Expressionsplattform
eine Haarnadelstruktur aus, welche die Ribosomen-Bindungsstelle
Die Sensorfunktion o verdeckt (a, rechts). Die Übersetzung der RNA, die Translation, kann
Ein Aptamer – hier eines für das Coenzym Thiaminpyrophosphat dann nicht starten. Ein anderer Schalter – er spricht auf Flavinmono-
(TPP, Coenzym B1) – faltet sich in spezieller Weise, kaum dass die nucleotid (FMN, Coenzym B2) an – bildet eine Terminator-Haarnadel,
Polymerase diesen RNA-Abschnitt hergestellt hat. Stabilisierend die das Transkribieren der weiteren Boten-RNA am Gen vorzeitig be-
wirken dabei die Wasserstoffbrücken in den haarnadelartig gefalte- endet (b). Ein ungewöhnlicher Schalter, der auf Glucosamin-6-phos-
ten Bereichen (links). Ist TPP vorhanden, wird das Aptamer es bin- phat (GlcN6P) reagiert, erwies sich als so genanntes Ribozym: Seine
den und dabei seine eigene Gestalt verändern (rechts). Expressionsplattform spaltet sich selbst (c).

pressor erinnerte. Es gelang ihnen hier jedoch halten als Kernbestandteil Ribonukleinsäuren,
nicht, entsprechende Kontrollproteine zu also Moleküle aus dem gleichen Grundma­-
identifizieren, welche die Transkription oder te-rial wie die Boten-RNAs, die sie ablesen.
Translation von Genen in Abhängigkeit von Obwohl eine ribosomale RNA (kurz rRNA)
den jeweiligen Coenzym-Konzentrationen re- ebenfalls als Abschrift eines DNA-Abschnitts
geln. Eine mysteriöse Sache: Wenn nicht über entsteht, trägt sie keine Instruktionen zur
solche zu erwartenden Proteine – wie sonst Herstellung eines Proteins. Stattdessen nimmt
könnte dann die Zelle die verfügbare Menge ihr Strang sofort eine verkrumpelt wirkende,
dieser Stoffe messen? Die Antwort ergab sich aber definierte Gestalt an mit Bereichen, die
letzten Endes unerwartet aus Forschungsar- wie bei der erwähnten Terminator-Haarnadel
beiten über Funktionen und Anwendungen durch die Paarung komplementärer Basen zu-
von RNA-Molekülen, die beide scheinbar sammengehalten werden.
nichts mit der Fragestellung zu tun hatten. An der großräumigen Faltstruktur riboso-
Doch um dies zu verstehen, müssen wir noch maler RNAs beteiligen sich mehrere Unter-
einmal zum Ribosom zurückkehren. einheiten und sie wird an verschiedenen Stel-
So wichtig Proteine auch zum Bau und Be- len durch subtile chemische Modifikationen
trieb einer Zelle sein mögen, stellen sie doch verfestigt. Klammern und Bolzen aus Protein
nicht alle wesentlichen Komponenten der verstärken Spalten in dem Gebilde und über-
Zellmaschinerie. Gerade die Ribosomen ent- ziehen seine Oberfläche. Doch das Herzstück

56  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


medizin & biologie

der Ribosomen, das die Verknüpfung von Wie ließ sich nun die neu entdeckte Fähig-
Aminosäuren katalysiert, besteht ausschließ- keit der RNA zur Bildung biochemisch ak-
lich aus RNA, wie erst Analysen der Raum- tiver Raumstrukturen wissenschaftlich kreativ
struktur in atomarer Auflösung vor wenigen nutzen? In den frühen 1990er Jahren waren
Jahren offenbarten. die Verfahren zur Manipulation von Biomole-
Dieser Nachweis für eine RNA-Struktur külen außerhalb lebender Zellen hinreichend
mit der katalytischen Potenz eines Enzyms war ausgereift; mit entsprechenden Experimenten
damals nicht der erste, aber aufregend für alle, konnte daher einerseits die Vielseitigkeit der
die mit der Vorstellung einer einstigen »RNA- RNA und so die Plausibilität der RNA-Welt- Welt ohne DNA
Welt« vertraut waren. Es handelte sich um Hypothese geprüft und andererseits nach neu- Nach der RNA-Welt-Hypothese
eine Hypothese zur Natur des frühen Lebens, artigen biotechnologischen Anwendungen für gab es in der frühen biolo-
die Harold White III von der Universität von Ribozyme geforscht werden. Die Beschäfti- gischen Evolution zunächst
Delaware in Dover in den 1970er Jahren pro- gung mit eben diesen Fragen veranlasste unse- Leben ohne das Erbmolekül
pagiert hat. Ihm war aufgefallen, dass die che- re Arbeitsgruppe schließlich, die mysteriösen DNA. Damals soll die RNA
Speicher der Erbinformation
mische Struktur vieler wichtiger Coenzyme Regulatoren der bakteriellen Coenzym-Pro-
und Katalysator von Lebenspro-
mehr oder weniger RNA-artige Elemente be- duktion nicht mehr nur unter den Proteinen zessen gewesen sein.
inhaltet: ein vollständiges Nukleotid beispiels- zu suchen.
weise im Adenosylcobalamin (einer Coenzym- Zunächst entwickelten Larry Gold in
Form des Vitamins B12, das auch Cobalamin Boulder, Gerald Joyce vom Scripps- For-
heißt) sowie ein Stückchen des Zucker- schungsinstitut in La Jolla (Kalifonien) und
Phosphat-Rückgrats im Thiaminpyrophosphat Jack W. Szostak vom Massachusetts General
(TPP, der Coenzym-Form des Vitamins B1, Hospital in Boston mit ihren Teams eine Me-
das auch Thiamin heißt). thode, im Reagenzglas Evolution im Zeitraf-
fer ablaufen zu lassen. Sie konnten dadurch
Zeugen einer vergangenen Welt Billionen synthetischer RNA-Sequenzen einer
In diesen Elementen, die jedoch nur als Halte- Art Darwin’scher Selektion unterwerfen, bei
griff für Proteine zu dienen scheinen, vermute- der nur die »fittesten«, für den jeweiligen
te White rudimentäre Überbleibsel aus der Zweck geeignetsten Moleküle überleben.
Frühzeit des Lebens, als »Protozellen« – so die Szostaks Gruppe fand auf diese Weise rasch
Idee – weder über DNA als Informationsspei- eine ganze Reihe von kurzen RNA-Sequen-
cher noch über eine Proteinsynthese verfügten. zen, die Substanzen wie Adenosintriphosphat
Da­mals habe die RNA eine Doppelfunktion (ATP, die universelle Energiewährung der Zel-
erfüllt: als informationsspeicherndes Molekül le), organische Farbstoffe, Aminosäuren oder
und als katalytisches Biopolymer, das sich zu Antibiotika fest an sich binden konnten.
»Stoffwechselmaschinchen« falten und kom- Für diese im Labor geschaffenen RNA-
plexe Funktionen ausüben konnte, die heute Moleküle prägte Szostak den Begriff Ap-
gewöhnlich die Domäne der Proteine sind. tamere, abgeleitet von dem lateinischen aptus
In den frühen 1980er Jahren waren dann für »fähig, passend«. Trotz ihres unnatürlichen
zwei »lebende« Beispiele für solche urzeit- Ursprungs verfügten viele davon über eine Ei-
lichen RNA-Elemente belegt. Eines von ih- genschaft, die in biologischen Systemen fast
nen, die RNase P, ist ein bakterielles RNA- noch wichtiger ist als die bloß feste Bindung
Unser Sensor aus
Molekül, das Primärabschriften anderer RNAs des Zielmoleküls: Sie verhielten sich wähle- RNA sollte Zielmo-
zurechtschneidet, wie Sidney Altman von der risch, lehnten strukturell eng verwandte ande-
Yale-Universität nachwies. Ein weitere bahn- re Moleküle als Partner ab. leküle binden und
brechende Entdeckung waren RNA-Sequen- auch den Vorgang
zen, die sich aus einem längeren Boten-RNA- Es werde Licht
Transkript selbst herausschneiden können; sie Diese hohe Selektivität wollten wir nutzen, anzeigen
bewerkstelligen das durch seriellen Austausch um einen Sensor aus RNA zu entwickeln. Un-
chemischer Bindungen, wie Thomas R. Cech ser Aptamer sollte ein Zielmolekül erkennen
von der Universität von Colorado in Boulder (sprich: binden) und diesen Vorgang auch an-
herausfand. Die beiden Forscher erhielten zeigen. Dazu koppelten wir es an ein zweites
1989 gemeinsam den Nobelpreis für Chemie. RNA-Segment, das ein optisches Signal erzeu-
Ihre Ergebnisse zeigten, dass RNA-Moleküle, gen konnte. Dafür wählten wir ein so genann-
die zuvor als bloße passive Träger von Bot- tes Hammerkopf-Ribozym: eines der ein-
schaften galten, ähnlich wie Proteine kom- fachsten und effektivsten selbstspaltenden Ri-
plexe dreidimensionale Strukturen annehmen bozyme, die aus der Natur bekannt sind. An
und chemische Reaktionen katalysieren kön- einem Ende dieses nach seiner Gestalt be-
nen. Solche Enzyme auf RNA-Basis, ein- nannten Moleküls brachten wir eine fluores-
schließlich der in Ribosomen, bezeichnet man zierende Markierung an und an einer anderen
insgesamt als Ribozyme. Stelle eine so genannte Quencher-Gruppe, die

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 57


Attraktive Angriffspunkte ganismen noch immer essenzielle Funktionen.
Verbargen sich in den Genomen moderner
Viele Bakterien, darunter auch die aufgeführten Krankheitserreger beim Organismen etwa noch weitere Sequenzen,
Menschen, kontrollieren über Riboschalter die Expression einiger ihrer Gene. die für andere wichtige »RNA-Maschinen«
Wirkstoffe, die für eine Fehlschaltung sorgen, könnten daher als neuartige An- kodieren?
tibiotika dienen – insbesondere wenn sie dadurch die Funktion solcher Gene Wir durchforsteten zunächst die wissen-
stören, ohne die der Erreger nicht überleben oder seine Wirkung entfalten schaftliche Literatur nach Fingerzeigen für
kann. Die Tabelle gibt jeweils die Anzahl unterschiedlicher Klassen von Ri- mögliche natürliche Aptamere, fanden aber
boschaltern an sowie die Zahl bekannter von ihnen regulierter Gene. Ein Stern- nur interessante Verweise auf nichtkodierende
chen (*) bedeutet, dass darunter mindestens eines lebenswichtig ist. RNAs, von denen man wusste, dass sie ir-
gendwie für die zelluläre Regulation bedeut-
bakterielle Krankheitserreger Anzahl der Klassen von Anzahl der sam waren. Bei der weiteren Recherche stie-
des Menschen Riboschaltern regulierten Gene ßen wir dann auf die rätselhafte bakterielle
Acinetobacter baumannii 4 6 Regulation in Sachen Vitamine beziehungs-
Bacillus anthracis 9 82 weise Coenzyme – und dort auf ein Protein
Brucella melitensis 5 21* namens BtuB, das beim Darmbakterium
Enterococcus faecalis 7 17 E. coli eine wichtige Rolle beim Import von
Escherichia coli 4 15* Coenzym B12 in die Zelle spielt. Seine Boten-
Francisella tularensis 4 8 RNA beginnt mit einem ungewöhnlich lan-
Hemophilius influenzae 5 15* gen nichtkodierenden Vorspann aus insgesamt
Helicobacter pylori 1 2 240 Nukleotiden. Die schiere Länge dieser so
genannten Leader-Sequenz schien uns ein ers-
Listeria monocytogenes 9 49
ter verdächtiger Hinweis auf eine ungewöhn-
Mycobacterium tuberculosis 3 13
liche Funktion zu sein.
Pseudomonas aeruginosa 3 27
Eine andere Forschergruppe hatte bereits
Salmonella enterica 3 34* herausgefunden, dass die Produktion des
Staphylococcus aureus 8 30* BtuB-Proteins gehemmt wurde, wenn der B12-
Streptococcus pneumoniae 5 19 Gehalt in der Zelle hoch war. Aber kein Re-
Vibrio cholerae 5 13 gulatorprotein konnte entdeckt werden, das
Yersinia pestis 3 11 ihn misst. Wir wussten nur aus wiederum an-
Quelle:  Kenneth  F.  Blount  und  Ronald  R.  Breaker
deren Arbeiten, dass B12 auf noch ungeklär-
durch die räumliche Faltung der RNA in un- te Weise das Andocken von Ribosomen an
mittelbare Nähe der Markierung zu liegen die BtuB-Boten-RNA verhindert. Ein Experi-
kommt und deren Fluoreszenz löscht (eng- ment deutete zudem darauf hin, dass sich die
lisch to quench, löschen). Bindet nun das Ap- Gestalt der Leader-Sequenz in Gegenwart von
tamer-Ende der Konstruktion das zu erfas- B12 irgendwie verändert. Enthielt der lange
sende Zielmolekül, so trennt der Hammer- Vorspann vor der eigentlichen BtuB-Bauan-
kopf durch Selbstspaltung die Auslöschgruppe weisung etwa ein natürliches B12-bindendes
von der Fluoreszenzmarkierung – und das Aptamer, das deren Expression regulierte?
Ganze leuchtet auf, als hätte man eine Blende Um jene Bereiche der BtuB-Boten-RNA
weggezogen. zu kartieren, die in Gegenwart von B12 eine
Unser RNA-Konstrukt erwies sich als so markantere oder eine flexiblere Form annah-
fähiger Sensor, dass wir später weitere Ap- men, verwendeten wir die so genannte In-
tamer-Ribozym-Gespanne zur Erfassung ganz Line-Sondierung. Tatsächlich bildete sich
unterschiedlicher Substanzen entwickelten. dicht vor dem kodierenden Abschnitt der
Auf einem Mikrochip angeordnet, könnte RNA eine neue Struktur, die eine verhinderte
unsere Sensorkollektion viele chemische Ver- Ribosomenbindung erklären würde. Anschei-
bindungen gleichzeitig erkennen, selbst wenn nend war es also die RNA selbst, die B12 de-
diese in komplexer Mischung vorliegen. tektiert und dessen Import dann reguliert –
und zwar auf analoge Weise wie es der Prote-
Die Natur war schneller inkomplex TRAP bei dem Bodenbakterium
Es war eigentlich erstaunlich einfach gewesen, B. subtilis mit der Boten-RNA für den Tryp-
RNAs herzustellen, die kleine Moleküle de- tophan-Transporter tut, nämlich indem er die
tektieren und auf deren Bindung mit einer Ribosomen an der Übersetzung der kodieren-
zweckmäßigen Umgestaltung ihrer eigenen den Sequenz hindert. Unser RNA-Molekül,
Struktur reagieren. Dies brachte uns auf das die Genexpression ein- oder ausschalten
den Gedanken, ob nicht auch die natürli- kann, bezeichneten wir als Riboschalter.
che Evolution einst ähnliche RNA-Konstruk- Während dieser Untersuchung fiel uns ein
te hervorgebracht hatte. Zumindest erfüllten weiterer ungelöster Fall eines Regulationsme-
»RNA-weltliche« Ribozyme bei heutigen Or- chanismus auf. Wie vorausgegangene Arbei-

58  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


medizin & biologie

ten ergeben hatten, enthalten die Boten- Riboschalter stellten somit offenbar ein weit
RNAs, welche die Bauanweisungen der Syn- verbreitetes Prinzip genetischer Kontrolle dar.
these-Enzyme und Transporter für Coenzym Inzwischen sind ein Dutzend verschiedener
B1 tragen, bei ganz verschiedenen Bakterien- Klassen solcher Schalter bekannt, unterteilt
gruppen alle einen gemeinsamen Sequenzab- nach ihrer Aptamerstruktur. Gewisse Merk-
schnitt. Und interessanterweise beeinträchti- male und Mechanismen variieren zwar, doch
gen Mutationen darin das übliche Gegensteu- haben sich einige allgemeine Prinzipien he­
ern bei ausreichendem B1-Gehalt (genauer: rauskristallisiert. Natürliche Riboschalter sind
TTP-Gehalt). Bei E. coli liegt diese Sequenz demnach Bestandteile von Boten-RNAs, die
nahe der Stelle, wo das Ribosom mit der über die Expression des zugehörigen Gens be-
Übersetzung für das erste von zwei Synthese- stimmen, etwa indem sie die Übersetzung der
Enzymen beginnt, deren Gene zu einem Ope- auf der eigenen RNA enthaltenen Botschaft
ron zusammengefasst sind. Wir konnten zei- in Protein zulassen oder aber diese ungelesen
gen, dass B1 dieser Boten-RNA eine struktu- der Vernichtung zuführen. Ein Riboschalter Diese »Fotokopien«
relle Veränderung aufzwingt, welche die erkennt den Bedarf an »seinem« Arbeitsprote-
Ribosomen-Bindungsstelle verbirgt. Gebun- in, indem er ein Zielmolekül (eine im Stoff- bestimmten ihr
den wurde es von einer kürzeren, 91 Nukleo- wechsel umgesetzte Substanz, einen Metabo- eigenes Schicksal,
tide umfassenden Domäne innerhalb des Lea- liten) erfasst und mit einer Gestaltänderung
ders. Ähnlich unserem künstlichen Sensor war darauf reagiert. Ein solcher Schalter enthält indem sie sich wie
dieser natürliche Riboschalter ein Gespann daher zwei wichtige Abschnitte: die den Me- komplizierte Origa-
aus einem Aptamer-Element und einer funk- taboliten erfassende Aptamer-Domäne und
tionellen »Reaktions«-Sequenz, die es ihm er- die regulatorische Sequenz, die »Expressions- mi falteten
möglicht, die Produktion von B1 zuzulassen plattform«.
oder nicht (siehe Kasten S. 56, a). Das Aptamer dient als komplexer Rezeptor
für einen bestimmten niedermolekularen Me-
Selbst ist der Mann taboliten. Bei allen Mitgliedern einer Ri-
Somit hatten wir zumindest zwei Boten- boschalter-Klasse ist die Grundstruktur dieses
RNAs mit der bemerkenswerten Fähigkeit Elements gleich, selbst bei evolutionär weit
entdeckt, ohne Beteiligung eines Sensorprote- entfernten Organismen. Die Expressionsplatt-
ins das zelluläre Milieu zu überwachen und form kann Teile der Aptamer-Domäne mit
eigenständig zu entscheiden, ob die auf ihnen enthalten und umfasst die Sequenzen, deren
kodierten Proteine wirklich momentan ge- Gestaltsänderung die Genexpression beein-
braucht werden. Diese Fotokopien der DNA flusst. Die Plattformen der zuerst entdeckten
waren ganz sicher keine passiven Träger von B12- und B1-Riboschalter beispielsweise ver-
Botschaften. Vielmehr bestimmten sie ihr ei- hindern das Übersetzen (die Translation), in-
genes Schicksal, indem sie sich wie kompli- dem sie durch Umfalten eine für die Ribo-
zierte Origami falteten. Die beiden RNAs wa- somen wichtige Signalsequenz verbergen. An-
ren keineswegs bloße biologische Kuriosi- dere Schalter nutzen das gleiche Aptamer,
täten, wie sich alsbald herausstellte. Natür- besitzen aber Expressionsplattformen, die eine
liche Riboschalter, die auf eine Reihe weiterer Terminator-Haarnadel ausbilden und so die
essenzieller Substanzen des Zellstoffwechsels
reagierten, waren in der Fachliteratur schon
öfter beschrieben, aber nie als solche erkannt
worden. Mitarbeiter unseres und anderer
Teams gelang es daher rasch, noch mehr Bei-
spiele zusammenzutragen.
So erwies sich eine gemeinsame RNA-Se-
quenz in der B.-subtilis-Verwandschaft als Ri-
boschalter, der auf das kurz SAM genannte
Coenzym S-Adenosylmethionin reagiert (es
leitet sich von einer Aminosäure ab). Ferner
fand sich ein RNA-Element, das die Synthese
und den Transport des Coenzyms Flavinmo-
nonucleotid reguliert (dieses entsteht aus ATP
und Riboflavin, bekannt auch als Vitamin
B2). Und ein Abschnitt einer Boten-RNA, die
vermeintlich für ein Sensorprotein für Lysin
kodierte, entpuppte sich als Teil eines kom-
plexen Aptamers, das die Synthese dieser Ami-
nosäure bei zahlreichen Bakterienarten regelt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 59


Molekularbiologie

Transkription, das Abschreiben des Gens cycling zugeführt oder nicht in den Bereich
in Boten-RNA, abbrechen lassen. Auch der der Zelle verfrachtet, in dem die Translation
B2-Schalter verhält sich so (siehe Kasten auf stattfindet.
S. 56, b). Interessanterweise heftet sich auch ein be-
Mit wachsendem Verständnis der Ri- stimmtes Mittel gegen Pilzinfektionen an den
boschalter wuchs auch unsere Bewunderung, B1-Riboschalter. Es gaukelt wohl damit eine
wie fein die Teile des Räderwerks im Laufeder ausreichende Menge an B1 vor und unter-
Evolution aufeinander abgestimmt worden drückt die weitere Herstellung. Das Wachs-
waren. So muss sich beispielsweise die Meta- tum des Pilzes verlangsamt sich, und er kann
bolit-Erkennung in den wenigen Sekunden schließlich, wenn der Mangel an diesem wich-
zwischen der Synthese des Boten-RNA- tigen Mikronährstoff zu groß wird, zu Grun-
Leaders und dem Andocken der Ribosomen de gehen. Wie dieses Beispiel vor Augen führt,
vollziehen. Daher ist nicht unbedingt die Stär- sind Riboschalter von essenzieller Bedeutung
ke, sondern die Geschwindigkeit der Bindung für die Nährstofflogistik verschiedener Kate-
an den Zielmetaboliten entscheidend, damit gorien von Organismen, darunter auch von
das Aptamer ihn zu erkennen vermag. In eini- Krankheitserregern. Das macht sie zu einem
gen Fällen sind »Bremssequenzen« eingebaut, interessanten Angriffspunkt, an dem neuar-
an denen die RNA-Polymerase kurz stockt tige Wirkstoffe zur Bekämpfung ansetzen
und so dem Aptamer genügend Zeit gibt, ein könnten.
Metabolit-Molekül einzufangen und die zu­
gehörige Expressionsplattform korrekt umzu- Visionäres für die Medizin
Jeffrey E. Barrick
(oben) erforschte
lagern. Mehr als ein Dutzend bakterieller Erreger, die
die Vielfalt und Be- Als wir dann bakterielle Genome nach den Menschen befallen, nutzt nachweislich
deutung von RNA- neuen Beispielen von Riboschaltern durch- Riboschalter zur Regulation wichtiger Meta-
Schaltern gemein- suchten, stießen wir auf weitere Überra- bolite (siehe Kasten S. 58). Intensiv wird da-
sam mit Ronald R. schungen. Allein bei Bacillus subtilis fanden her nach Wirkstoffen gesucht, die von bakte-
Breaker an dessen
Labor an der Yale- wir acht neue Sequenzen mit Merkmalen von riellen Aptameren als vermeintliches Ziel­
Universität in New Riboschaltern. Einer davon besaß ein dop- molekül gewertet werden, was eine für den
Haven (Connecti- peltes Aptamer und schaltete die Genexpressi- Erreger schädliche Fehlregulation der Gen
cut). Inzwischen on nicht aus, sondern ein! Ein anderer erwies expression auslösen sollte.
beschäftigt er sich
sich sogar als metabolitgesteuertes Ribozym. Einige Forschergruppen verfolgen zudem
als Postdoc an
der Michigan State University mit Statt die Gestalt zu ändern, zerschnitt sich sei- die Idee, eingeschleuste Gene über künstliche
der Evolution von Bakterien sowie ne Expressionsplattform – eine Selbstzerstö- Riboschalter zu steuern – zum Beispiel im
mit selbstreplizierenden Computer- rung, bevor die Botschaft übersetzt werden Rahmen einer Gentherapie. Das Ziel: ein
programmen. Breakers Gruppe könnte (siehe Kasten S. 56, c). An-/Aus-Schalter, der sich einem therapeu-
untersucht weiter die Eigenschaften
und Anwendungsmöglichkeiten von
Eine der bislang entdeckten Schalterklas- tischen Gen einbauen lässt und auf einen un-
Nukleinsäuren. Unter anderem kon- sen wurde auch bei mehrzelligen Organismen schädlichen Wirkstoff anspricht. Ein solches
zipiert sie künstliche RNA-Elemente nachgewiesen. Die Regulation der Genexpres- Konstrukt könnte dann in Körperzellen des
zur Genkontrolle und entwickelt sion ist bei höheren Organismen kompli- Patienten eingebracht und durch Einnahme
Antibiotika, die an natürlichen zierter als bei Bakterien, ebenso der Weg von des Wirkstoffs gesteuert werden. Die Erfor-
Riboschaltern von Krankheitserre-
gern angreifen.
der DNA-Sequenz zum Protein. Statt einer schung von Riboschaltern für diesen Zweck
sofort einsetzbaren Boten-RNA entsteht zu- wie auch zur Bekämpfung von Infektionen
nächst eine Rohabschrift, die oft große Ein- steht jedoch noch am Anfang.
Riboswitches as antibacterial drug schübe nichtkodierender Sequenzen, so ge- Wie die Entdeckung der Ribozyme und
targets. Von Kenneth F. Blount und Ro- nannte Introns, enthält. Diese müssen heraus- ihrer potenziellen Anwendungen hat schon
nald R. Breaker in: Nature Biotechno-
geschnitten und die zu übersetzenden Teile jetzt das Wissen um die Existenz der gene-
logy, Bd. 24, Heft 12, S. 1558, 2006
erst zu einem durchgängigen Text zusammen- tischen Schalter auf RNA-Basis eine wissen-
Metabolite-Binding RNA domains are gefügt werden. Dieser Prozess wird als Splei- schaftliche Aufbruchstimmung ausgelöst.
present in the genes of eukaryotes.
ßen bezeichnet. In den verworfenen Stücken Zwar existieren anscheinend nur noch wenige
Von Narasimhan Sudarsan, Jeffrey E.
Barrick und Ronald R. Breaker in: stießen wir auf einen Riboschalter mit dem Elemente der RNA-Urwelt, doch das Wenige
RNA, Bd. 9, Heft 6, S. 644, 2003 Coenzym-B1-Aptamer. hat sich mit komplexen Wirkmechanismen
Thiamine derivatives bind messenger
Tatsächlich kommt dieses Element in den und regulatorischen Funktionen bis in die
RNAs directly to regulate bacterial Intronsequenzen von Thiamin-Synthese-Ope- heutigen Organismen hartnäckig gehalten.
gene expression. Von Wade Winkler, rons vieler Pilze und Pflanzen vor, unter ande- Eine Frage bleibt natürlich: Wurden mit
Ali Nahvi und Ronald R. Breaker in: rem auch bei Reis. Binden diese Riboschalter den Riboschaltern die letzten aller überleben-
Nature, Bd. 419, S. 952, 2002 B1, scheint die RNA sich im Bereich der In- den Zeugen der RNA-Welt entdeckt – oder
trongrenzen umzugestalten und so das weitere gibt es noch weitere molekulare Fossilien, die
Weblinks zu diesem Thema finden
Spleißen zu blockieren. Noch sind die Einzel- bislang unerkannt in den Zellen heutiger Or-
Sie unter www.spektrum.de/ heiten hier unklar. Aber möglicherweise wird ganismen genutzt werden, vielleicht sogar un-
artikel/912785. die gesamte RNA dann automatisch dem Re- seren eigenen?

60  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


glaziologie Hören Sie dazu auch unseren Podcast Spektrum Talk unter www.spektrum.de/talk

Gletscherschwund
am Kilimandscharo
Ernest Hemingway machte ihn einst berühmt: den Schnee auf
dem Kilimandscharo. Inzwischen wird die schrumpfende Eis-
kappe des Tropenvulkans gern als Kronzeuge für den Klimawan-
del bemüht. Zu Unrecht, wie eine sorgfältige Analyse offenbart.

Von Georg Kaser und Philip W. Mote letzten zwanzig Jahren. Demnach hat der Ki-

S 
limandscharo, dessen Vulkankegel Kibo weit
chrumpfende Gletscher gelten als in die kalte mittlere Troposphäre hineinragt,
sichtbare Zeichen der globalen Erwär- durch Prozesse, die nur indirekt, sofern über-
mung. Durch den Klimawandel än- haupt, mit jüngsten Veränderungen des welt-

In Kürze dert sich zwar auch die Vegetation,


doch macht sich das im Landschaftsbild nur
weiten Klimas zu tun haben, Eis verloren.
Auch wenn das Schrumpfen seiner Glet-
schleichend bemerkbar. Dagegen erscheint ei- scherhaube nicht direkt mit der Erderwär-
r  Wie die meisten Gletscher
ne große Eiszunge, die auf einen Bruchteil ih- mung zusammenhängt, bedeutet das freilich
weltweit schrumpfen auch
rer früheren Ausdehnung geschrumpft ist, als nicht, dass es diese nicht gibt. Die überwälti-
die Eisfelder auf dem Kili-
sinnfälliger und unbezweifelbarer Beweis für genden Belege dafür hat der UN-Klimarat
mandscharo in Tansania.  
steigende Temperaturen. Der Film »Eine un­be­ (IPCC) in seinem jüngsten Bericht dargelegt.
Der prominente Berg wird
queme Wahrheit« präsentiert denn auch auf-
deshalb gern als Beweis für
rüttelnde Vorher-Nachher-Fotos von schwin- Eis in den Tropen
den Klimawandel herange-
denden Gletschern rund um den Erdball. Dass in den Tropen überhaupt Gletscher exis-
zogen – so auch in dem Film
Zweifellos stimmt, dass eine Verbindung tieren, ist erklärungsbedürftig. Es liegt daran,
»Eine unbequeme Wahrheit«.
zwischen Gletscherschwund und Klimawan- dass die Lufttemperatur pro tausend Höhen-
r  Am Gipfel des Tropenvulkans del besteht. Doch sind die physikalischen meter um etwa 6,5 Grad Celsius abnimmt.
herrschen jedoch ganz an- Hintergründe komplizierter als allgemein an- Am Gipfel eines 5000 Meter hohen Berges ist
dere Bedingungen als in den genommen. Nicht immer trägt die Erderwär- es also durchschnittlich 32,5 Grad kälter als
Gletscherzonen der mittleren mung die Hauptschuld an der Schmelze. auf Meereshöhe. So herrschen sogar in Äqua-
und hohen Breiten. So gibt   Ein eklatantes Beispiel bietet das Kilimand­ tornähe in diesen Regionen im allgemeinen
es keine thermischen Jahres- scharo-Massiv in Afrika, das nur drei Breiten- Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, die im
zeiten, und die Temperaturen grade südlich des Äquators liegt. Das Schrump- Jahresverlauf kaum schwanken. Während der
liegen fast stets deutlich fen seiner Eiskappe hat so gut wie nichts mit Niederschlagszeiten sammelt sich auf den
unter dem Gefrierpunkt. steigenden Temperaturen zu tun. In geringe- höchsten Bergen deshalb Schnee an und ver-
r  Eine Erwärmung der unteren rem Maße gilt das auch für andere Tropen­ wandelt sich in Firn und Gletschereis. Das ge-
Luftschichten durch den gletscher. schieht in Ostafrika am Kiliman­dscharo, am
menschengemachten Treib- Die schwindende weiße Haube des Mount Kenia und im Rwenzori-Gebirge, in
hauseffekt, die andere Glet- »leuchtenden Berges«, der in dem Film von Al Indonesien auf dem Irian Jaya und insbesonde-
scher schmelzen lässt, kann Gore eine so prominente Rolle spielt, eignet re in den Anden Süd­amerikas, wo sich 99,7
das Schrumpfen der Eiskappe sich also keineswegs als Aushängeschild für Prozent des tropischen Gletscher­eises befinden.
des Kilimandscharo deshalb die Folgen der globalen Erwärmung. Der Für das Wachsen oder Schwinden eines
nicht erklären. Es beruht   wahre Grund ist weniger plakativ, aber nicht Gletschers ist seine Massenbilanz entschei-
auf einem komplexen Zusam- minder interessant. Das ergaben ausgiebige dend. Diese entsteht durch eine Art Tauzie-
menspiel anderer Faktoren. Feldstudien an tropischen Gletschern in den hen zwischen Akkumulation und Ablation,

62  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


erde & umwelt

beide schwarz-weiss-Fotos: USGS Glacier and Snow Program


1928 2000

1912 2006
Eduard Öhler Georg Kaser

Weltweit sind Gletscher in den letzten Jahrzehnten geschrumpft. So hat erheblich kleiner geworden. Hier trägt der vom Menschen verursachte
der South Cascade Glacier (oben) im US-Bundesstaat Washington zwi- Treibhauseffekt aber keine Schuld. Hauptverantwortlich für das Schrump-
schen 1928 und 2000, als die beiden Fotos entstanden, die Hälfte seiner fen ist die Sonnenstrahlung, nicht warme Luft. Da in der trockenen Kälte
Masse verloren. Bei ihm und anderen Gletschern in den gemäßigten am Gipfel das Eis hauptsächlich sublimiert, aber kaum schmilzt, fließt
Breiten spricht vieles dafür, dass der Rückgang von der globalen Erwär- auch, im Gegensatz zum South-Cascade-Gletscher, kaum Schmelzwasser
mung verursacht wird. Auch die Eiskappe des Kilimandscharo im tro- ab. Das Foto von 2006 zeigt den Berg nach einem Neuschneefall, lässt
pischen Ostafrika (unten) ist seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts die Gletscherreste aber dennoch gut erkennen.

also Eintrag und Verlust von Wasser in fes- zehn Kilometer seit 2001 (siehe S. 14). Nach
tem, flüssigem oder gasförmigem Zustand. einer klimatischen Störung kann es Jahrzehnte
Wegen der Variabilität dieser Vorgänge und dauern, bis sich die Massenbilanz eines Glet-
auf Grund seiner eigenen dynamischen Träg- schers wieder einem Gleichgewicht nähert.
heit kommt ein Gletscher niemals völlig ins Nachschub an Masse liefern Niederschläge
Gleichgewicht; vielmehr schlägt das Pendel in Form von Schnee sowie manchmal, unter
stets in die eine oder andere Richtung aus. sehr feuchten und windigen Bedingungen,
Auffälligstes und am besten dokumen- auch Raureif. Zum Verlust von Masse führt
tiertes Zeichen einer geänderten Massenbilanz vor allem der Abfluss von Schmelzwasser. Un-
ist gewöhnlich eine Zu- oder Abnahme der ter trockenen Bedingungen kommt die Subli-
Zungenlänge, die mit einiger Verzögerung mation hinzu, also die direkte Umwandlung
auftritt. So hat sich der Muir-Gletscher in von Eis in Wasserdampf, die noch bei Tempe-
Alaska innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte raturen weit unter dem Gefrierpunkt stattfin-
um gut zwei Kilometer verkürzt, der Ja- den kann, aber etwa achtmal so viel Energie
kobshavn Isbrae auf Grönland sogar um über wie das Tauen erfordert.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 63


glaziologie

American Scientist / Tom Dunne


Schneefall Schneefall Sonnenein­strah­lung Schneefall
Infrarot-­­ (netto)
strahlung Sonneneinstrah­-
Sonnenein­- lung (netto)
Gleichgewichtslinie strah­lung (netto)
nach Erwärmung Sublimation
Sonneneinstrah­-
lung (netto)
Tauen
Infrarot­strahlung Infrarot­­-
strahlung
Strom fühl- Sublimation
barer Wärme Gleich-
gewichtslinie Sublimation
Schneefall

turbulenter
Wärmefluss
Schmelz-
wasser- Tauen Strahlungs- Schmelz- Massenfluss
abfluss energiefluss wasser-
abfluss Massen- und
Massenfluss Energiefluss

Die Hauptposten in der Massenbilanz eines typischen Gletschers Am Kilimandscharo gibt es Eistafeln mit vorwiegend vertikalen
der mittleren Breiten (hier im Sommer) sind Schneezufuhr und Rändern auf dem 5700 Meter hohen, flachen Gipfel sowie mehrere
Schmelzwasserabfluss. Substanzgewinn und -verlust halten sich Hanggletscher. In dieser trockenkalten tropischen Klimazone, in der
an der so genannten Gleichgewichtslinie die Waage; darüber die Temperatur stärker zwischen Tag und Nacht als mit den Jahres-
dominiert die Akkumulation, darunter die Ablation. Unterhalb zeiten schwankt, bestimmen andere Faktoren die Massenbilanz von
dieser Linie führt der Energiefluss aus der warmen Luft zu einem Gletschern als in mittleren Breiten. In der großen Höhe herrscht
Wärmeüberschuss. Dieser nimmt bei steigender Lufttemperatur selbst am Äquator praktisch immer Frost und die Hauptenergiequel-
zu. Dadurch verschiebt sich die Gleichgewichtslinie nach oben, le ist das Sonnenlicht. Die Abgabe von Infrarotstrahlung übersteigt
was zu verstärktem Abtauen und damit zum Schrumpfen des deren Aufnahme deutlich. Den größten Masseverlust verursacht die
Gletschers führt. Sublimation. Der Schmelzwasserabfluss ist dagegen minimal.

Schmelzen, Sublimation und Erwärmung Für tropische Gletscher gelten etwas andere
des Eises erfordern Energie. Diese stammt aus Bedingungen. Dort sind die Temperaturunter-
einer Reihe von Quellen, die auf komplexe schiede zwischen Tag und Nacht größer als
Weise interagieren. Die wichtigste ist die Son- zwischen dem kältesten und dem wärmsten
ne, deren direkter Einfluss jedoch auf den Tag Monat. Die bedeutsamste jahreszeitliche Ver-
beschränkt bleibt und durch Schattenwurf so- änderung in den Tropen besteht im Auftreten
wie die Lichtreflexion durch den Schnee be- von ein oder zwei Regenzeiten. Dann erhalten
grenzt ist. Außerdem tauscht der Gletscher so die hohen Bereiche der Gletscher Nahrung.
genannte fühlbare Wärme sowie Infrarotstrah- Auf tropischen Eisflächen variieren die Be-
lung mit der Atmosphäre und der umge- dingungen, die zum Abtauen führen, somit
benden Landoberfläche aus. Dabei kann er nicht saisonal, sondern treten fast täglich auf.
Schwankungen in auch Energie verlieren − etwa in Form der »la- Das hat zur Folge, dass die Gleichgewichtsli-
tenten« Wärme, die zum Tauen oder Subli- nie kaum im Jahresverlauf schwankt und ein
der Ausdehnung mieren des Eises benötigt wird. viel kleinerer Teil des Eises unterhalb dieser
von Tropenglet- Linie liegt als in mittleren Breiten. Zugleich
Prekäres Gleichgewicht reagieren die Eiszungen tendenziell rascher
schern hängen Normale Gebirgsgletscher akkumulieren auf Veränderungen im Massen­haushalt.
Schnee in großen Höhen, fließen bergab und Wichtig für das Verhalten tropischer Glet-
primär mit der schmelzen während der warmen Jahreszeit in scher ist, ob sie einem vorwiegend feuchten
Luftfeuchtigkeit tieferen Lagen. Im oberen Bereich übertrifft oder trockenen Klima ausgesetzt sind. In hu-
die Akkumulation die Ablation, weiter unter miden Klimazonen und während der Feucht-
zusammen gilt das Umgekehrte. Die Grenze zwischen zeiten beeinflusst eine Temperaturänderung
dem Nähr- und dem Zehrgebiet legt die die Massenbilanz merklich. Unter vorwiegend
Höhe der Gleichgewichtslinie eines Gletschers trockenen Bedingungen halten sich Gletscher
fest, an der die Massenbilanz ausgeglichen ist. dagegen nur in sehr großer Höhe, wo es ent-
Bei steigenden Lufttemperaturen nimmt sprechend kalt ist. Wenn ihre Ausdehnung
der Wärmeübergang von der Luft auf das Eis schwankt, dann hauptsächlich wegen einer Än-
zu – desgleichen die Infrarotstrahlung aus der derung der Luftfeuchtigkeit. Auf diese wirkt
Atmosphäre. Infolgedessen beschleunigt sich sich der steigende Gehalt der Atmosphäre an
das Schmelzen, und die Gleichgewichtslinie Treib­hausgasen allerdings nur indirekt aus.
verschiebt sich nach oben. Dadurch vergrö- Längerfristige Änderungen bei der saisona-
ßert sich der Bereich, in dem das Eis taut. len Verteilung der Luftfeuchtigkeit hängen in

64  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


erde & umwelt

Das Eis des Kilimandscharo ist auf seinen höchsten


37°20’E 37°22’E Vulkankegel, den Kibo, beschränkt. Bei einer Vermes-
3°03’S sung im Jahr 1912 bedeckte es eine Fläche von ins­
Abb. S. 69 54 gesamt 12,1 Quadratkilometern; 2003 waren davon nur
00 520
rechts 56 0
00 noch 2,5 Quadratkilometer übrig. Der rasanteste
Me
ter Schwund fand wohl zwischen 1912 und 1953 statt, als
die Eisfläche noch 6,7 Quadratkilometer maß. Pfeile
Reusch-Krater
bezeichnen die Blickwinkel der verschiedenen Fotos in
diesem Artikel.
Abb. S. 69
links

Karte: American Scientist / Tom Dunne, nach: Nicolas Cullen et al., Geophysical Research Letters 2006, Bd. 33
Ascheschlot

Abb. rechts unten


58

00
00
57
00
56
beide Fotos: Georg Kaser
Abb. S. 68
3°05’S

52 5400
00
50
00
46
00 48
44 00
00
Abb. rechts oben
4200
0 1 ungefähre Gletscherausdehnung 1912

Kilometer Gletscherausdehnung 2003

erster Linie von der Oberflächentemperatur nanderzulaufen. Daher und wegen des fast
der tropischen Ozeane ab – und vom globalen ebenen Untergrunds ist seine Oberfläche an-
Klima nur insoweit, als es diese Temperatur nähernd horizontal. Die Ränder bilden fast
beeinflusst. Bei vielen tropischen Gletschern senkrechte Wände.
ist daher weniger die globale Erwärmung Auch die Hanggletscher bewegen sich trotz
selbst als deren indirekter und ferngesteuerter der durchschnittlich 35 Grad steilen Flanken
Einfluss auf die Luftfeuchtigkeit für den be- des Vulkankegels wenig im Vergleich zu ihren
obachteten Sub­stanzverlust verantwortlich. Gegenstücken in gemäßigten Breiten. Das
Allerdings lässt sich ohne genaue Beobach- deutet auf kalte Eistemperaturen hin.
tungen und Messungen nur schwer zwischen Was verursacht nun den Schwund des Kili-
den zwei Ursachen unterscheiden. mandscharo-Eises? Bei anderen Gletschern
weltweit lässt sich der Rückgang hauptsäch-
Unbewegliches Plateaueis lich auf steigende Lufttemperaturen und das
Wie verhält es sich nun mit dem Kiliman­d­ dadurch verstärkte Tauen zurückführen. Das
scharo? Seine Eisbedeckung nimmt auch un- zeigen Korrelationen zwischen der Längenän-
ter den Tropengletschern noch einmal eine derung von Eiszungen und Temperaturkurven
Sonderstellung ein. Sie besteht aus den bis zu sowie vereinzelte detaillierte Untersuchungen
vierzig Meter dicken Resten einer Eistafel auf der Massenbilanz. In einem Fachartikel aus
dem relativ flachen Gipfelplateau des Vulkan- dem Jahr 2000 brachten Lonnie G. Thomp-
kegels Kibo in 5700 bis 5800 Meter Höhe so- son von der Ohio State University in Colum-
wie aus einer Reihe von Hanggletschern. Die- bus und Kollegen auch das Schwinden der
se erstrecken sich vom Plateaurand bis etwa Eiskappe des Kilimandscharo mit dem globa-
5200 Meter Höhe hinab, einer in einer schat- len Temperaturanstieg in Verbindung. Aller-
tigen Rinne sogar bis 4800 Meter. dings konnte das nicht bestätigt werden.
Das Plateaueis liegt unbeweglich an Ort Als alternative Ursachen des Gletscherrück-
und Stelle; denn es ist zu dünn, um wie ein zugs kommen eine geringere Akkumulation
Kuchenteig unter dem Eigengewicht ausei­ von Schnee, starke Sublimation und intensive

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 65


glaziologie

Sonnenstrahlung in Frage – alle drei verur­ war die Flächenabnahme der Plateaugletscher
sacht durch niedrige Luftfeuchtigkeit. Das ver- konstant – bis heute.
muteten Forscher vielfach schon im 19. und Dieser Verlauf des Rückzugs stimmt nicht
frühen 20. Jahrhundert. Gestützt wird diese mit dem Gang der globalen Mitteltemperatur
Annahme nun durch Geländeuntersuchungen überein, die nach einer Phase der Stagnation
und Modellsimulationen, die einer von uns seit den 1970er Jahren steil anstieg. Weltweit
(Kaser) mit seiner Arbeitsgruppe an der Uni- verhielten sich die meisten Gletscher dazu
versität Innsbruck, Douglas R. Hardy vom konform. Viele hatten nach einer Schrump-
Climate System Research Center der Universi- fung Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts in
tät von Massachusetts in Amherst sowie Thar- den 1970er Jahren ein Gleichgewicht erreicht
Illustration: Dave Schneider und Stephanie Freese sis Hyera und Juliana Adosi vom Tansanischen oder waren sogar vorgerückt, bevor ein ra-
Rwenzori- Kenia
Gebirge Wetterdienst durchgeführt haben. santer Rückgang einsetzte.
UGANDA Mount Kenia Der Temperaturverlauf am Gipfel des Kili-
Äquator Rückgang der Eisfläche mandscharo ist zwar wegen der geringen Zahl
Kilimandscharo um fast neunzig Prozent verwertbarer Messungen schwierig zu beurtei-
Hardy lud Kaser 2001 dazu ein, an einem len, doch ergibt sich aus den Daten, die der
Dokumentarfilm zweier Fernsehjournalisten jüngste Bericht des UN-Klimarats enthält,
Tansania über den Eisrückgang am Kilimandscharo nur eine geringe lokale Erwärmung. Zwar ist
Indischer mitzuwirken. Seit 18 Monaten sammelten sei- demnach im ostafrikanischen Hochland, das
Ozean ne Instrumente auf dem Gipfelplateau des wesentlich tiefer als der Kibo liegt, die mittle-
Kibo damals schon Wetterdaten. Kaser hatte re Lufttemperatur zwischen 1901 und 2005
fast eineinhalb Jahrzehnte lang tropische Glet- um 0,5 bis 0,8 Grad Celsius gestiegen. Die
scher erforscht. Die Gruppe kampierte direkt nicht direkt von der Erdoberfläche beeinfluss-
American Scientist / Tom Dunne, nach: Georg Kaser et al., Internat. Journal of Climatology 2004, Bd. 24, S. 329

20
unter einem der eindrucksvollen Eiskliffs am te »freie Troposphäre«, in die der Berg hinein-
18 Kilimandscharo Südrand des Nördlichen Eisfelds. Fünf volle ragt, hat sich im Bereich zwischen dem 20.
Tage und Nächte lang beobachteten die For- Breitengrad Nord und Süd von 1979 bis 2004
Gletscheroberfläche in Quadratkilometern

Rwenzori
16 Mount Kenia scher das Plateaueis und diskutierten, ange- aber um nicht einmal 0,1 Grad pro Jahrzehnt
regt von den hartnäckigen Fragen der beiden erwärmt. Das ist statistisch nicht von null un-
14
Journalisten, die Gründe für seinen Rück- terscheidbar.
12 gang. Mit dem Skistock zeichneten sie Dia- Eine schon etwas ältere Auswertung von
gramme in die Vulkanasche, während das Bild Temperaturmessungen durch Wetterballons
10 vom Gletscherregime auf dem Kibo immer im Luftdruckbereich von 500 Millibar – also
klarere Formen annahm. Darin spielen die lo- in rund 5500 Meter Höhe – ergab für die
8 kale Lufttemperatur und ihre Änderung nur Tropen von 1950 bis 1979 eine Erwärmungs-
eine untergeordnete Rolle. phase, gefolgt von einer Abkühlung zwischen
6
Beobachtungen am Kilimandscharo zwi- 1979 und 1997. Aus den letzten zehn Jahren
4 schen etwa 1880 und 2003 liefern Daten zum fehlen leider Informationen.
Flächenverlust des Eises am Kibo. Der Afrika- Die verfügbaren Durchschnittstemperatur-
2 forscher Hans Meyer und der Bergsteiger werte für die Tropen beruhen teilweise auf ei-
Ludwig Purtscheller erreichten 1889 als Erste ner so genannten Reanalyse. Dabei werden
0
1880 1920 1960 2000
den Gipfel. Auf der Basis ihrer Beobachtun­ alle vorliegenden Messdaten in ein weltum-
Jahr gen und Skizzen, hauptsächlich aber anhand spannendes dynamisches Computermodell
von Moränen, die in Luftbildern erkennbar eingegeben. Dieses berechnet daraus Tempe-
Alle größeren Gletscher im sind, rekonstruierte Henry Osmaston 1989 raturen, Windverhältnisse und andere atmo-
tropischen Ostafrika schrumpfen für die Zeit um 1880 eine Eisfläche von 20 sphärische Größen auch für Gebiete, wo kei-
– allerdings nicht parallel zur Quadratkilometern. Drei Jahrzehnte später ne direkten Messungen vorliegen. Am Reana-
globalen Erwärmung wie viele war sie schon deutlich auf 12,1 Quadratkilo- lyse-Punkt, der dem Gipfel des Kilimandscha-
andere Gletscher, die jetzt rasch meter zurückgegangen. Das zeigt eine genaue ro am nächsten liegt, scheint es seit Ende der
zurückgehen, während sie sich Karte im Maßstab 1: 50000, die sich auf eine 1950er Jahre keinerlei Veränderungen gege-
um die 1970er Jahre im Gleich- von Eduard Öhler und Fritz Klute 1912 ben zu haben.
gewicht oder sogar auf dem durchgeführte fotogrammetrische Gelände- Zwar ist jede dieser Abschätzungen mit
Vorstoß befanden. Der Eis- aufnahme stützt. 2003 waren schließlich nur Unsicherheiten behaftet und möglicherweise
schwund am Kilimandscharo noch 2,5 Quadratkilometer übrig – ein zu grob, um den Trend am Kilimandscharo
dürfte in der ersten Hälfte des Schwund von fast 90 Prozent in 123 Jahren. richtig zu erfassen. Zusammengenommen
20. Jahrhunderts am größten Ein großer Teil dieser Schrumpfung fand deuten die verschiedenartigen Rekonstruktio-
gewesen sein. jedoch schon vor 1953 statt, als sich die nen aber schon darauf hin, dass die Erwär-
Hanggletscher stark verkleinert hatten und mung am Gipfel des Kilimandscharo, sofern
die Gesamtgletscherfläche nur noch 6,7 Qua- sie überhaupt stattfand, nicht ausreichte, um
dratkilometer betrug; das sind 66 Prozent we- den Schwund eines Großteils seiner Eiskappe
niger als 1880. Während der gesamten Zeit zu erklären – weder über das gesamte 20.

66  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


erde & umwelt

–4,0
Für die Gipfelregion des Kilimandscharo liegen

American Scientist / Tom Dunne,  nach: Douglas Hardy, 


University of Massachusetts, nach Daten von NCEP und NCAR
kaum Temperaturdaten vor. Inzwischen gibt es
–4,5
jedoch eine Serie von Wetterballonmessungen in
Gipfelhöhe. Sie wurden durch eine so genannte

Temperatur in Grad Celsius


–5,0
»Reanalyse« erweitert, wobei ein globales
dynamisches Atmosphärenmodell auch für
–5,5
Gebiete ohne Beobachtungsdaten stimmige
Werte liefert. Demnach schwankten die mittleren –6,0
Monatstemperaturen auf dem Gipfel des Kili-
mandscharo seit 1958 zwischen –4 und –7 Grad –6,5
Celsius; eine Gerade durch die Punkte lässt
keinen statistisch bedeutsamen Erwärmungs­ –7,0 Monatsmittel
trend erkennen. Jahresmittel
–7,5
1960 1970 1980 1990 2000
Jahr
Jahrhundert hinweg noch innerhalb der letz- Dann aber steht die Sonne ein gutes Stück
ten 25 Jahre, dem am besten durch Messwerte nördlich oder südlich des Äquators und damit
dokumentierten Zeitraum. des Kilimandscharo, sodass sie die nach Süden
Von Bedeutung ist außerdem die Beobach- und Norden schauenden Eiswände bescheint.
tung, dass die am Gipfelplateau des Kilimand­ Dieser Zusammenhang dürfte auch bei der
scharo seit mehr als sieben Jahren gemessenen Entstehung der Eiswände Regie geführt haben.
Lufttemperaturen selten –3 Grad übersteigen Die Rolle des Sonnenlichts bei ihrem
und somit fast immer deutlich im Frostbe- Rückzug zeigt sich in einer weiteren Eigen-
reich liegen. Deshalb kann die Luft das Eis heit. Wenn eine Eistafel horizontal zurück-
nicht bis zum Schmelzpunkt erwärmen, we- weicht, hinterlässt sie manchmal wie ein Säge- Mit Instrumenten wurden die
der durch Wärmeabgabe noch durch Infrarot- blatt aufragende Kämme, die schließlich so Energieflüsse zu und von der
strahlung. Wenn es gelegentlich taut, ist Son- schmal werden, dass sie umkippen und zerfal- Oberfläche des Kibo-Gipfelglet-
nenschein bei sehr schwachem Wind dafür len. Immer wieder treten auch so genannte schers aufgezeichnet. Den größ-
verantwortlich. Dann bildet sich, auch in kal- Penitentes (»Büßer«) auf. Diese spitzen Säulen ten Beitrag leisten Strahlungsflüs-
ter Umgebung, direkt über dem Eis eine entstehen, wenn sich auf der zunächst ebenen se. Die Infrarotstrahlung hat eine
warme Luftschicht. Schneefläche in kleinen Vertiefungen dunkler deutlich negative Bilanz, weil sie
Staub ansammelt. Weil dieser die Sonnen- durch die Temperatur bestimmt
Imposante senkrechte Eiswände strahlung besonders stark absorbiert, be- wird und die Atmosphäre viel
Eine weitere wichtige Besonderheit des Kili- schleunigt sich an den betreffenden Stellen kälter ist als die Gletscheroberflä-
mandscharo betrifft die Form und Entwick- der Tauvorgang. In den Vertiefungen zwi- che. Den drittgrößten Fluss bildet
lung der Eisdecke. Beeindruckende senkrech- schen den Penitentes kann sich die Wärme die latente Wärme, die bei der
te Wände türmen sich am Kibo-Gipfel teils zudem besser halten, weil sie vor dem Wind Sublimation abgeführt wird. Die
mehr als vierzig Meter hoch auf. Weil sich an geschützt sind, der die oberen Enden der sich Schmelzwärme ist weniger als
diesen Abbrüchen keine Schneedecke ansam- entwickelnden Spitzen kühlt. halb so groß. Außerdem sickert
meln kann, haben die Eistafeln auch bei star- Wo Infrarotstrahlung und fühlbare Wärme das Schmelzwasser in tiefere
kem Niederschlag keine Möglichkeit, sich ho- aus wärmerer Umgebungsluft dominieren, Eisschichten und gefriert dort
rizontal auszudehnen. Stattdessen weichen die glätten sie die Oberfläche des Eises, weil sie wieder. Andere Energieflüsse
Wände durch Sublimation ständig zurück – gleichmäßig von allen Seiten einwirken. Wä- haben kaum Bedeutung.
phasenweise, bei Sonnenschein und Windstil-
le, auch durch Tauen. Haben sich die fast ver-
American Scientist / Tom Dunne, nach: Thomas Mölg und
Douglas Hardy, Journal of Geophysical Research 2004, Bd. 109

tikalen Kanten einmal gebildet, können sie Sonneneinstrahlung (netto)


sich also nur noch zurückziehen, bis das Eis
verschwunden ist. Infrarotstrahlung (netto)
Bei genauer Beobachtung fällt auf, dass die-
fühlbarer Wärmestrom
se Wände überwiegend in Ost-West-Richtung
orientiert sind. Das spricht für einen Zusam- latente Wärme für Sublimation
menhang mit der Sonneneinstrahlung, deren
Einfallsrichtung und Intensität sich im Jahres- Wärme aus dem Untergrund
verlauf ändert. Um die Zeit der Tag-und-
Nacht-Gleichen, wenn die Sonne senkrecht latente Wärme zum Tauen
über dem Äquator steht, ist der Himmel meist
100% 0 100%
den ganzen Tag bedeckt. In unserem Sommer
mittlere relative Energieflüsse an der 
und Winter herrscht in Ostafrika dagegen in horizontalen Oberfläche des Nördlichen Eisfelds,
der Regel Trockenzeit mit wenig Bewölkung. Verluste Gewinne März 2000 bis Februar 2002

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 67


glaziologie

Fingerförmige »Penitentes«
(»Büßer«) sind ein auffälliges
Merkmal der Schnee- und Eis­
decke des Kibo. Sie sprechen
dagegen, dass die globale Erwär-
mung den Gletscherschwund am
Kilimandscharo verursacht.
Sonnenstrahlung und Sublimation
neigen dazu, solche Formen zu
schaffen; Infrarotstrahlung und

Fotos dieser Reihe: Georg Kaser


fühlbare Wärme aus der Atmo-
sphäre würden sie hingegen
glätten. Der Wissenschaftler auf
dem Eis ist Nicolas Cullen von der
Universität Otago (Neuseeland).

ren sie am Kibo die bestimmenden Faktoren, Ein Vergleich mit historischen Fotografien
blieben die Eiswände und Penitentes nicht zeigt, dass das Plateaueis des Kibo im Verlauf
lange erhalten oder entstünden erst gar nicht. des 20. Jahrhunderts höchstens zehn Meter
Wie steht es mit der Massenbilanz an den dünner geworden ist. Dieser Massenverlust
horizontalen Oberflächen und damit der lässt sich mit einer zu geringen Schneezufuhr
Dicke der Plateaugletscher auf dem Kilimand- erklären. Das beobachtete Schrumpfen der
scharo? Offenbar wird sie primär vom Schnee- Flächenausdehnung des Plateaueises hat dage-
fall bestimmt. Das ergaben genaue Untersu- gen praktisch ausschließlich an den vertikalen
chungen der Massen- und Energieströme. Rändern stattgefunden und beruht, wie oben
Hardy hat die jährliche Ablagerung und den erklärt, nicht auf geänderten Niederschlags-
Abtrag von Schnee auf der Oberfläche des oder Temperaturbedingungen.
nördlichen Eisfelds seit 2000 mit ins Eis ein- Aber auch bei den Hanggletschern unter-
gebohrten Stangen gemessen. Demnach war scheidet sich die Massenbilanz von derjenigen
die Massenbilanz dort in zwei Jahren praktisch anderer Gebirgsgletscher. Letztere verlieren in
ausgeglichen und 2006 sogar positiv. Anoma- der Regel die meiste Substanz auf den Zungen
lien der Oberflächentemperatur des Indischen und wenig oder gar keine darüber. Die Hang-
Ozeans hatten gegen Ende 2006 und Anfang gletscher des Kibo schrumpfen dagegen so-
Literatur 2007 für außergewöhnlich viele und ergiebige wohl von oben als auch von unten. Ihre Ge-
Kilimanjaro Glaciers: Recent areal Regenfälle über Ostafrika gesorgt. Monatelang schichte lässt vermuten, dass sie schon um
extent from satellite data and new   lag dann ein großer Teil der Gipfelregion des 1900 viel zu trocken und weit von einem
interpretation of observed 20th Berges unter einem weißen Laken. Gleichgewicht entfernt waren. Derzeit scheint
century retreat rates. Von N. J. Cullen sich ihr Rückgang allerdings zu verlangsamen.
et al. in: Geophysical Research
Letters, Bd. 33, L16502, 2006
Bedeutung von Neuschnee Dies und die gewölbte Form der Gletscher
Nur Schneefall auf die horizontale Oberfläche deuten an, dass sie in einem kleineren Eisvo-
Extracting a climate signal from 169 kann dem Plateaueis Masse zuführen. Er greift lumen endlich ein Gleichgewicht mit der tro-
glacier records. Von J. Oerlemans in:
Science, Bd. 308, S. 675, 29. 4. 2005 aber auch in die Energiebilanz ein – und zwar ckenen Umgebung finden könnten.
vor allem durch seine Häufigkeit. Neuschnee Verantwortlich für den seit 123 Jahren zu
Modern glacier retreat on Kilimanja-
wirft wegen seines hohen Reflexionsvermögens beobachtenden Gletscherschwund auf dem
ro as evidence of climate change:
observations and facts. Von G. Kaser nämlich einen großen Teil der Solarstrahlung, Kilimandscharo ist also nicht eine stetige
et al. in: International Journal of die am Kilimandscharo ja die Hauptenergie- Erwärmung der Atmosphäre, sondern eine
Climatology, Bd. 24, S. 329, 2004 quelle ist, ungenutzt in das Weltall zurück. Die anhaltende Trockenheit. Die Hanggletscher
Ablation and associated energy ba- Oberfläche von gealtertem oder verschmutztem scheinen in dieser Situation jetzt nach vielen
lance of a horizontal glacier surface Schnee ist dunkler und absorbiert deutlich Jahrzehnten ein Gleichgewicht zu finden, die
on Kilimanjaro. Von T. Mölg und D. R. mehr Sonnenlicht. Das fördert die Sublima­ Plateaugletscher mit den vertikalen Wänden
Hardy in: Journal of Geophysical tion, erhöht aber auch die Möglichkeit zum können das allerdings nicht.
Research, Bd. 109, D16104, 2004
Schmelzen bei Windstille. Allerdings gefriert Die Prozesse, die den Eisverlust auf dem
Solar-radiation-maintained glacier eventuelles Schmelzwasser großenteils wieder, Kilimandscharo verursachen, sind weit gehend
recession on Kilimanjaro drawn from wenn es in tiefere Eisschichten sickert. Insge- unabhängig von der Temperatur und somit
combined ice-radiation geometry
modeling. Von T. Mölg et al. in:
samt geht dadurch nicht unbedingt Masse ver- von der globalen Erwärmung. Sollten die
Journal of Geophysical Research, Bd. loren. Diese Prozesse dominieren auch den Lufttemperaturen allerdings irgendwann über
108(D23), S. 4731, 2003 Massenhaushalt der Hanggletscher und in der den Gefrierpunkt steigen, gewännen der Zu-
Weblinks zu diesem Thema finden Tat tritt aus deren Zunge sowie am Fuß der strom fühlbarer Wärme und die langwellige
Sie unter www.spektrum.de/  Eiswände selten mehr als ein dünnes Rinnsal Ausstrahlung aus der Atmosphäre gegenüber
artikel/912780 von Schmelzwasser aus. dem Sonnenlicht und der Sublimation die

68  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


erde & umwelt

Oberhand. Dann würden alle scharfkantigen das veränderte Zirkulationsmuster erst in den Bis zu 40 Meter hohe Eiswände
Formen wie die vertikalen Ränder des Plateau- letzten Jahrzehnten beeinflusst und somit erheben sich am Gipfel des
eises bald abgerundet. Die Eiswände existier- höchstens teilweise zum jüngsten Eisrückgang Kilimandscharo. Im Vergleich
ten laut Bericht der Erstbesteiger aber schon am Kibo und nur minimal zum gesamten dazu erscheint der Wissenschaft-
1889. Damals war die bis heute an­dauernde Schwund beigetragen haben. ler, der vor dem Südrand des
und nicht mehr aufzuhaltende Schrumpfung Ist die weiße Haube des Kilimandscharo Nördlichen Eisfelds gerade
des Plateaueises also bereits vorprogrammiert. dem Untergang geweiht? Sehr wahrscheinlich Instrumente abliest, als Zwerg
ja. Auch eine mäßige Zunahme des Nieder- (links). Die zurückweichenden
Rettung durch die Erderwärmung? schlags brächte keine Abhilfe. Auf dem Eis Eiswände hinterlassen oft schma-
Seespiegelstände des nahe gelegenen Victoria- kann sich Neuschnee zwar über Monate oder le, isolierte Kämme (rechts),
sees und andere Indikatoren weisen darauf Jahre hinweg ansammeln, auf dem umlie- die schließlich so dünn werden,
hin, dass die Niederschläge in Ostafrika nach genden felsigen Plateau aber sublimiert oder dass sie umkippen.
einigen ziemlich regenreichen Jahrzehnten ge- schmilzt er in der Regel innerhalb weniger
gen Ende des 19. Jahrhunderts stark zurück- Tage (mit der erwähnten Ausnahme Ende
gingen. Demnach war der große Eiskörper am 2006 /Anfang 2007). Das Sonnenlicht durch-
Kilimandscharo, den die Forscher damals be- dringt die dünne Schneedecke, erwärmt den
schrieben, sehr wahrscheinlich mehr das Pro- Boden darunter und schmilzt den Schnee.
dukt einer ungewöhnlich feuchten und damit Kommt dann an exponierten Stellen der dunk­
schneereichen Periode als eines kühleren Kli- le Fels zum Vorschein zehrt ein sich selbst ver-
mas. Mit dem Einsetzen von trockeneren Be- stärkender Prozess schnell die gesamte Schnee-
dingungen, die bis heute anhalten, begann die decke auf.
Entwicklung der steilen Eiswände − und da- Rettung könnte paradoxerweise vielleicht
mit der kontinuierliche Rückzug der Plateau- sogar die globale Erwärmung bringen. Sollten
gletscher. Wenn überhaupt, hat eine lokale die Lufttemperaturen am Kilimandscharo zeit-
Erwärmung der Atmosphäre erst sehr spät weise über den Gefrierpunkt steigen, würden
und in einem in den Schrumpfraten nicht er- fühlbare Wärme und Infrarotstrahlung aus der
kennbaren Maß dazu beigetragen. Atmosphäre die Eiskanten glätten und aus den
Das schließt einen indirekten Zusammen- Steilwänden schräge Hänge machen. Nähme Georg Kaser (rechts) ist Außerordent-
hang zwischen dem Massenverlust der Glet- zugleich die Niederschlagsmenge zu, könnte licher Professor am Institut für Geo-
graphie der Universität Innsbruck. Er
scher am Kibo und der globalen Erwärmung Schnee, der sich dort anhäuft, dem Plateau-
hat Gletscher rund um den Erdball
allerdings nicht prinzipiell aus. Es gibt für die gletscher zum seitlichen Wachstum verhelfen. untersucht – speziell solche in den
letzten 200 Jahre deutliche Hinweise auf eine Auch denkbar und realistischer ist ein an- Tropen. Derzeit ist er Präsident der
Korrelation zwischen der Oberflächentempe- deres Szenarium: Die dunkle Ascheoberfläche International Association of Cryosphe-
ratur des Indischen Ozeans und den atmo- des Kilimandscharo wird durch außergewöhn- ric Sciences in der Internationalen
Union für Geodäsie und Geophysik. Von
sphärischen Zirkulations- und Niederschlags- lich starken Schneefall, wie er Ende 2006/An- ihm und Henry Osmaston ist 2002 das
mustern über Ostafrika, die das Eis auf dem fang 2007 auftrat, so dick zugedeckt, dass bis Buch »Tropical Glaciers« erschienen.
Kilimandscharo entweder aufbauen oder aus- zur nächsten feuchten Jahreszeit eine geschlos-  
hungern. sene Schneedecke bestehen bleibt. Darauf Philip W. Mote (links) ist Professor  
für Atmosphärenforschung an der
Diese Muster haben sich freilich das letzte könnte sich jeder weitere Schneefall gut hal- Universität von Washington in Seattle.
Mal schon Ende des 19. Jahrhunderts umge- ten. Dann bestünde plötzlich die Chance für Er hat 2000 ein Buch über Klimasimula­
stellt – von üppig auf karg. Der massive Aus- den Aufbau einer neuen, großflächigen Eis- tionen publiziert. Zusammen mit  
stoß von Treibhausgasen durch den Menschen schicht. Ein solches »Wunder« geschähe, wie Kaser war er Hauptautor für den vierten
begann erst später und kommt als Ursache der uns die Glaziologie lehrt, weder zum ersten Bericht des UN-Klimarats IPCC.
Umstellung deshalb nicht in Frage. Er kann noch zum letzten Mal.  © American Scientist

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 69


Wissenschaft im Rückblick
Eine Uhr Schmeißfliegen
›lebt‹ von Luft mit Geschwindigkeitsmesser
»›Atmos‹, eine neue Standuhr, »Für Schmeißfliegen der Art Calliphora erythrocephala konnte
läuft von selbst, solange die mit Hilfe elektrophysiologischer Untersuchungsmethoden
Welt von einer Lufthülle um- nachgewiesen werden, daß die Antennen auch als Organe zur
geben ist. Die Energiequelle Anzeige der Fluggeschwindigkeit funktionieren … Infolge ei-
… ist ein Balg, der mit Äthyl- ner hohen, in der Nähe der Flügelfrequenz liegenden Resonanz-
Chlorür gefüllt ist ... Wenn frequenz ist die Antenne in der Lage, Fluggeschwindigkeitsän-
nun die Temperatur steigt, derungen von nur 1 m/sec zu registrieren. Damit reicht die
dehnt sich das Äthyl-Chlorür Empfindlichkeit des Fluggeschwindigkeitsorgans von Callipho-
aus und drückt dadurch den ra an die des menschlichen Ohres heran.« Naturwissenschaftliche
Balg auseinander. Sinkt die Rundschau, Jg. 11, Heft 1 1958, S. 27
Temperatur, so drückt diese
Feder den Balg wieder zusam-
men. Diese horizontalen Be-
Radiostrahlung von der Venus
wegungen des Balges werden »Etwa ein Jahr nach der Entdeckung der Radiostrahlung des Ju-
durch eine Kette auf eine piter wurde … als zweiter Plantet Venus als Radioquelle ent-
Trommel übertragen, auf der deckt … In Columbus arbeitete man mit 11 m Wellenlänge
sich die Kette auf- oder ab- und entdeckte kurze Radioimpulse, die eine Ähnlichkeit mit
rollt. Eine kleine Feder sorgt denjenigen irdischer Gewitter haben. Teils handelt es sich um
für ständige Spannung. Diese sehr kurze Stöße oder »bursts“ von Bruchteilen einer Sekunde,
mechanischen Bewegungen teils um längere Ausbrüche von einigen Sekunden Dauer mit
genügen, um die Zugfeder der einem langsamen Anstieg und einem sehr abrupten Ende. Die
Uhr aufzudrehen … Ein Wär- Ausbrüche traten oft in Gruppen auf, deren Gesamtdauer aber
meunterschied von einem selten mehr als 5 bis 10 Minuten beträgt. In den Radioemis-
Grad ... genügt, um die Uhr sionen macht sich eine gewisse Periodizität bemerkbar, die ver-
Sekundengenaue Zeitangabe für 48 Stunden aufzuziehen« mutlich durch die Rotation der Venus zustande kommt« Die Um-
ohne Aufziehen Hobby, Nr. 1 / 1958, S. 71 schau, Jg. 1958, Nr. 1, S. 11, Januar 1958

nen bläulichen Saphir der Wir- Fünf Stunden in


kung von stark aktivem Radi- giftiger Atmosphäre
umchlorid aus, so ändert sich
die Farbe in Grün, dann in »Während die besten bisher
Hellgelb und schließlich in konstruierten Atmungsappa-
Dunkelgelb … Diese sehr rate den Aufenthalt … in der
langsam vor sich gehende Far- giftigen Atmosphäre nur
Radioaktivität färbt benumwandlung der Korunde kürzere Zeit gestatteten, ist
Edelsteine um unter dem Einfluß von Radi- man mit dem Tissot’schen Ap-
umstrahlen kann durch direkte parat imstande, 5 Stunden
»Herr Bordas hat … die Beob- Berührung des Edelsteins mit ohne … Atmungsbeschwer-
achtung gemacht, daß die Far- dem Radiumsalz sehr beschleu- den auszuhalten … Tissot be-
ben dieser Edelsteine willkür- nigt werden, und sie erfolgt am nutzt lediglich die Atmung
lich verändert und ineinander Tageslicht ebenso gut wie im durch die Nase und setzt zu
übergeführt werden können Dunkeln.« Allgemeine Zeitung, Jg. diesem Zwecke zwei herme-
… Setzt man zum Beispiel ei- 1908, Nr. 16, S. 127, 30. Januar 1908 tisch schliessende Schläuche
in die Nasenöffnungen ein.
Der Strom der eingeatmeten
Homer bestätigt Luft ist von der ausgeatmeten
»Das von Homer öfter erwähnte Verschlußsystem, nach dem vollständig getrennt; letztere
die Oeffnung der Doppeltür durch einen großen, hakenför- geht nach dem Regenerator
migen Schlüssel, ihre Schließung durch einen Lederriemen er- und von dort nach einer in
folgte, hat sich im Tempeldienst lange erhalten … Nun … wur- dem Tornister befindlichen
de bei einem der berühmtesten Tempel Griechenlands, dem Gummitasche. Eine Röhre
Heiligtum der Artemis Hemera in Lusoi in Arkadien, ein Bron- enthält 300 l komprimierten
zeschlüssel von etwa 40,5 Zentimeter Länge aufgefunden, des- Sauerstoff, den der mit dem
sen Zugehörigkeit zu diesem Tempel durch eine schöne In- Apparat Versehene … einat-
schrift …, etwa aus dem 5. Jahrhundert stammend, festgestellt met.« Die Umschau, 12. Jg., Nr. 4, S.
ist.« Allgemeine Zeitung, Jg. 1908, Nr. 15, S. 119, 29. Januar 76, 25. Januar 1908 Zuverlässiger Atmungsapparat

70 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Fraktale

Fraktale
Perlen
Drei Mathematiker haben ein über hundert Jahre altes Problem wieder
aufgegriffen – mit Hilfe der Computergrafik. Das Ergebnis sind
nicht nur hübsche Bilder, sondern auch Fortschritte in der komplexen
Analysis – und ein neues Betätigungsfeld für Amateure.

Von Christoph Pöppe, Almut Pöppe und zweiten Blick entdeckt man auch einen gro­
den Teilnehmern des Kurses »Indra’s
Pearls« der Deutschen SchülerAkademie,
ßen Kreis, der den untersten blauen Kreis und
seine gleichfarbigen unmittelbaren Nachbarn In Kürze
Hilden 2007 umschließt und lauter Paare aus Quellen und
r Man kann ein Fraktal durch

U
Senken durchzieht, dort allerdings leicht de­
ein Bildungsgesetz definie-
nendlich viele Kreise füllen einen formiert ist. Viele weitere Strukturen lassen
ren: Wende verschiedene
großen Kreis (Bild rechts), und sich in den hier gezeigten – und weiteren im
Abbildungen immer wieder
zwar im Wortsinn lückenlos. Internet zu findenden – Bildern entdecken.
(iteriert) auf einen Punkt an.
Überall in diesem Bild finden sich Das Phänomen, dass sich immer wieder
Das Fraktal ist dann die
»Ringe« von vier Kreisen, deren jeder seine dieselben Strukturen in verschiedenen Grö­
Menge der Grenzwerte aller
beiden Nachbarn berührt. In dem Zwickel, ßen finden, ist unter dem Namen »Selbstähn­
möglichen Folgen solcher
der sich zwischen den vier Kreisen auftut, lie­ lichkeit« ein charakteristisches Merkmal jener
Abbildungen.
gen wieder Kreise, von denen jeweils zwei zu­ Gebilde, die so überaus populär geworden
r In den Fraktalen dieses
sammen mit zwei der ursprünglichen Ring­ sind, seit ihnen Benoît Mandelbrot in den
kreise einen neuen Ring bilden – und so wei­ 1970er Jahren den Namen »Fraktale« gab und Artikels sind die iterierten
ter bis ins Unendliche. ihre Gemeinsamkeiten aufzeigte. Die Fraktale Abbildungen Möbius-Transfor-
Darüber hinaus sieht man, prominent in sind jedoch deutlich älter als ihr Name. Ende mationen (gebrochen-lineare
der Bildmitte, »Quellen« und »Senken«: des 19. Jahrhunderts hatten sich die Mathe­ Abbildungen) der komplexen
Punkte, aus denen eine Kette wachsender matiker auf breiter Front mit Mengen herum­ Ebene.
Kreise hervorsprudelt oder in die eine Kette zuschlagen, die sie als »Monster« bezeichne­ r Die gut ausgebaute Theorie
immer kleiner werdender Kreise hineinstru­ ten, weil ihre Eigenschaften jeder vernünf­ der Möbius-Transformationen
delt. Wer genauer hinsieht, findet solche Paare tigen Erwartung widersprachen; heute würde erlaubt es, Fraktale mit
von Quellen und Senken in immer kleinerem man sie eben Fraktale nennen (Spektrum der vorgegebenen Eigenschaften
Maßstab über das ganze Bild verteilt. Auf den Wissenschaft 3/1992, S. 72). zu erzeugen.

72  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


MENSCH & GEIST
mensch & geist

t
ig h
Wr
id
Dav

Diese unendliche Vielfalt


einander berührender Kreise
entsteht durch die wiederholte
Anwendung von nur zwei
geschickt gewählten Abbil-
dungen der komplexen Ebene.
Fraktale

springende Eigenschaften dann mit klassisch-


Stereografische Projektion mathematischen Methoden zu beweisen ver­
man stelle sich eine (Hohl-)Kugel, die so genannte Riemann’sche Sphäre, vor, suchten.
die auf der komplexen Ebene liegt. Der höchste Punkt der Kugel (der Nordpol) Damit haben Mumford, Series und Wright
liegt genau über dem Ursprung. Vom Nordpol aus stechen wir in Gedanken Gera- auch ein ziemlich anspruchsvolles Feld der
den durch die Kugel auf die Ebene. Der Punkt der Kugel, durch den die Gerade die Mathematik für Amateure geöffnet. Wie bei
Kugel verlässt, entspricht dem Punkt, in dem N den Julia- und Mandelbrot-Mengen vor gut
die Gerade die Ebene trifft. So wird die ge- zwanzig Jahren gelangt der Anwender über
samte komplexe Ebene einschließlich die Bilder zu einem Verständnis dieser merk­

Katharina Stock und Annika Kohlhaas


des unendlich fernen Punkts auf die würdigen Gebilde, das er sich auf den klas­
Kugel abgebildet und umgekehrt. Im z sischen theoretischen Weg, da viel zu müh­
sam, nie angeeignet hätte.
S Re z Bezeichnenderweise enthält der Klassiker
»Die fraktale Geometrie der Natur« von Be­
noît Mandelbrot ein merkwürdig spitzendeck­
chenartiges Muster, das wenig Resonanz fand,
Auch Felix Klein (1849 – 1925), der – ne­ weil Mandelbrot sich zum Bildungsgesetz nur
ben vielen anderen Leistungen – für die sehr knapp geäußert hat. Das haben Mum­
Neuausrichtung der Geometrie im »Erlanger ford, Series und Wright in ihrem Buch nach­
Programm« und für den Ausbau Göttingens geholt.
zum Weltzentrum der Mathematik berühmt In einem zweiwöchigen Kurs der Deut­
geworden ist, geriet in seinen Forschungen an schen SchülerAkademie haben im vergan­
solche Monster – und musste feststellen, dass genen Sommer zwei Kursleiter und 16 Teil­
sein Vorstellungsvermögen nicht ausreichte, nehmer wesentliche Teile von »Indra’s Pearls«
sie zu erfassen. In einer Vorlesung über die durchgearbeitet, und zwar auch den wissen­
Indras Perlen räumliche Anschauung, die er 1893 an der schaftlichen Hintergrund. Da mussten wir
Northwestern University in Evanston (Illi­ uns zunächst mit Dingen befassen, die nicht
nois) hielt, sagte er: von sich aus reizvoll waren, sondern vielmehr
»Sei eine beliebige Anzahl von einander heftig an den Schulunterricht erinnerten. Erst
nicht schneidenden Kreisen gegeben. Man re­ einmal muss man es lernen, bevor man auch
flektiere jeden Kreis (durch Inversion, d. h. re­ nur eine Ahnung davon bekommt, wozu man
ziproke Radiusvektoren) an jedem anderen sich die Mühe macht: Symmetrietransforma­
Kreis und wiederhole diese Operation ad infi­ tionen, komplexe Zahlen mitsamt der
nitum. Riemann’schen Zahlenkugel, ein bisschen
Welche Konfiguration wird durch die Ge­ Gruppentheorie, Möbius-Transformationen
samtheit aller dieser Kreise gebildet, und wo … Die attraktiven Bilder halfen uns über die
liegen insbesondere die Grenzpunkte? Es ist Durststrecke hinweg, bis wir schließlich das
nicht schwer, diese Fragen durch rein lo­ Ergebnis unserer selbst geschriebenen Pro­
gisches Schlussfolgern zu beantworten; aber gramme genießen konnten.
unsere Vorstellungskraft scheitert hoffnungs­ Auf den folgenden Seiten möchten wir Sie
Nach einer alten Legende gibt los, wenn wir uns ein geistiges Bild dieses Er­ einladen, diesem Weg zu folgen – einschließ­
es in dem Himmel des altin- gebnisses zu machen versuchen.« lich der Durststrecke. Wenn Sie der Charme,
dischen Gottes Indra ein unend- Damit verfiel die Theorie dessen, was man sagen wir, der Matrixdarstellung für Möbius-
lich ausgedehntes Netz, feiner wenig später »Klein’sche Gruppen« nannte, in Transformationen nicht auf der Stelle bezau­
als ein Spinnennetz und an einen Dornröschenschlaf. Es dauerte in der bert: Na ja, das ist uns nicht besser gegangen.
jedem Kreuzungspunkt seiner Tat ungefähr hundert Jahre, bis David Mum­ Ein Schraubenzieher ist nicht so schön wie
durchsichtigen Fäden mit einer
ford von der Brown University in Providence das damit zusammengesetzte Möbelstück.
spiegelnden Perle versehen. In
(Rhode Island), Caroline Series von der Uni­ Man lernt ihn erst zu schätzen, wenn man da­
jeder Perle erscheinen so die
Spiegelbilder aller anderen versity of Warwick in Coventry (Großbritan­ mit arbeitet.
Perlen, die Spiegelbilder dieser nien) und David Wright von der Oklahoma Überraschend bekamen wir Hilfe von pro­
Spiegelbilder, und so fort bis ins State University in Stillwater (Oklahoma) fessioneller Seite. Jürgen Richter-Gebert, Ma­
Unendliche. Neues zum Thema fanden – und zwar mit thematikprofessor an der Technischen Univer­
Hilfe der modernen Computergrafik. Ihr sität München, hat unseren Kurs zum Anlass
Buch »Indra’s Pearls« wurde von den Fachkol­ genommen, ausgewählte Inhalte aus »Indra’s
legen begeistert aufgenommen. Das lag nicht Pearls« mit Hilfe seiner Geometrie-Software
nur an den vielen schönen Bildern. Die Auto­ Cinderella in Java-Applets umzusetzen. So
ren haben auch etliche neue mathematische konnten wir mit der Maus an verschiedenen
Ergebnisse gefunden, und zwar auf experi­ Parametern unserer Objekte herumspielen
mentellem Weg: indem sie mit dem Compu­ und den Effekt auf der Stelle am Bildschirm
ter Bilder produzierten und deren ins Auge beobachten.

74  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch & geist
Wissen für Insider

Von komplexen Zahlen CA

bis zu wilden Kreisen Ca


Die eindrucksvollen Bilder erfordern einerseits
etwas Theorie, andererseits Erfahrung, die in Form
gewisser Formeln (»Rezepte«) tradiert wird.

D er Zugang zu Indras Perlen verläuft über


die komplexe Ebene. Wir fassen einen
Punkt der Ebene nicht, wie gewohnt, als Paar
le Rolle. Die Formel für eine solche Transfor­
mation T sieht noch ganz harmlos aus:
az+b
T(z)= ––––– ,
(x, y) zweier reeller Zahlen auf, sondern als cz+d
eine einzige »komplexe« Zahl namens x + iy. mit der Zusatzbedingung ad – bc≠0. Dass
Man kann mit komplexen Zahlen fast so die gewöhnlichen Ähnlichkeitsabbildungen zu
rechnen, wie man es mit den reellen gewohnt den Möbius-Transformationen zählen, sieht Eine Möbius-Transformation a,
ist, wenn man nur beachtet, dass i 2 = –1 ist. Es man, indem man c=0 und d=1 setzt. die das Äußere des Kreises CA
gibt Wurzeln aus negativen Zahlen (i ist eine Wenn aber nicht gerade c=0 ist, kann al­ auf das Innere des Kreises Ca
Wurzel aus –1), und jede quadratische Glei­ lerlei Neues passieren: Gerades bleibt im All­ abbildet, erzeugt unter Iteration
chung hat zwei Lösungen (die in eine zusam­ gemeinen nicht gerade. Allerdings bleiben eine unendliche Folge von
menfallen können). Die x-Achse enthält die nach wie vor Winkel zwischen zwei Kurven, Kreisen innerhalb von Ca, die
reellen Zahlen, die y-Achse die imaginären das heißt, zwischen deren Tangenten im sich auf einen Punkt zusammen-
Zahlen (reelle Vielfache von i ). Schnittpunkt, erhalten, und der Drehsinn schnürt (oben). Ein Gleiches tut
Rechenoperationen mit komplexen Zahlen kehrt sich nicht um. die zu a inverse Abbildung A im
haben geometrische Entsprechungen in der Der Nenner cz+d kann null werden, so­ Kreis CA. Mit zwei Paaren (a, A)
Zahlenebene: Eine komplexe Zahl x + iy zu dass die Transformation in diesem Punkt und (b, B) solcher Transformati-
einem Punkt der Ebene zu addieren ist dassel­ nicht definiert wäre. Aber die­se Ausnahme er­ onen und den zugehörigen
be wie eine Parallelverschiebung um den Vek­ ledigt man auf elegante Weise: Man legt die Schottky-Kreisen ergibt sich
tor (x, y). Multiplikation mit einer komplexen komplexe Ebene – die dafür weit draußen ge­ eine größere Vielfalt solcher
Zahl z ist eine Streckung um den Betrag |z| waltig schrumpfen muss – um eine Kugel, die Folgen (unten). In diesen und
dieser Zahl, das heißt ihren Abstand vom so genannte Riemann’sche Zahlenkugel, he­ den folgenden Bildern sind die
Nullpunkt, gefolgt von einer Drehung um rum und bindet sie oben zu (»stereografische Kreise nach der Anzahl der
den Winkel, den z mit der reellen Achse bil­ Projektion«, siehe Kasten links). Der Nordpol Abbildungen eingefärbt.
det. Multipliziert man einen Punkt immer
wieder mit z, so ergibt sich im Allgemeinen
Bilder dieser Seite: Marcel Hoya

eine Spirale, die sich nach innen wickelt,


CA
wenn |z|<1 ist, und für |z|>1 bis ins Unend­
liche läuft. CB
Wenn wir auf alle Punkte einer geomet­
rischen Figur, sagen wir eines Dreiecks, eine
komplexe Addition oder Multiplikation an­
wenden, dann bleibt das Dreieck »im Wesent­
lichen«, das heißt bis auf Lage und Größe,
erhalten. Alle Winkel bleiben unverändert,
desgleichen der Drehsinn: Wenn im ur­
sprünglichen Dreieck die Eckpunkte A, B und
C im Gegenuhrzeigersinn aufeinander folgen,
wie es der üblichen Bezeichnungsweise ent­
spricht, dann gilt das auch für die Bildpunkte.
Es gilt nun, diesen (bekannten) Begriff der
Ähnlichkeitsabbildung auf eine ganz beson­
dere Weise zu verallgemeinern. Die Abbil­
dungen, die für unsere Fraktale eine zentrale
Rolle spielen, sind die gebrochen-linearen Ab­
bildungen der komplexen Ebene; nach August Ca
Ferdinand Möbius (1790 – 1868) nennt man
sie allgemein Möbius-Transformationen. Sie
spielen in der komplexen Analysis eine zentra­
Cb
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 75
Fraktale

der Kugel entspricht dem »unendlich fernen sentliches an ihm –, sieht aber unten in der
Punkt« der komplexen Ebene. Ebene völlig anders aus, vor allem wenn der
Das Schöne an der stereografischen Projek­ unendlich ferne Punkt ins Endliche gewan­
tion ist: Ein Kreis auf der Ebene wird auf ei­ dert und ein anderer ins Unendliche ver­
nen Kreis auf der Kugel abgebildet und um­ schwunden ist, wobei Geraden sich in Kreise
gekehrt. Die Mittelpunkte der Kreise werden verwandelt haben und umgekehrt. Dieser
allerdings im Allgemeinen nicht aufeinander Wechsel der Perspektive lässt sich durch die
abgebildet. Und Kreise, die durch den Nord­ Anwendung einer Möbius-Transformation S
pol gehen, werden zu Geraden in der Ebene. von links und ihrer Inversen S –1 von rechts,
Es ist ohnehin nützlich, Geraden als Son­ eine so genannte Konjugation, ausdrücken.
derfälle von Kreisen aufzufassen. Auch eine
Möbius-Transformationen bildet einen Kreis Zoo der Möbius-Transformationen
stets auf einen Kreis ab (nicht aber Mittel­ Für das Rechnen trifft es sich günstig, dass die
punkt auf Mittelpunkt), wobei beide Kreise Matrizen (die 2·2-Tabellen)
Die kleinen Kreise sind Bilder auch Geraden sein können. ab
der großen Schottky-Kreise Eine besonders interessante Möbius-Trans­ c d ,
unter verschiedenen Produkten formation ist T(z)=1/z. Sie ist eine Inversion die man aus den Parametern a, b, c, d einer
der Möbius-Transformationen a, am Einheitskreis (das Innerste wird zuäußerst Möbius-Transformation bilden kann, sich ge­
A, b und B. Abweichend von den gestülpt und umgekehrt, siehe Spektrum der nauso verhalten wie die Transformationen
anderen Bildern dieses Artikels Wissenschaft 5/2006, S. 105, und 9/2004, S. selbst: Die Multiplikation zweier solcher Ma­
trägt hier jeder Kreis die Farbe 106), gefolgt von einer Spiegelung an der re­ trizen entspricht der Komposition (Hinterei­
seines Ursprungskreises. ellen Achse. Wenn man die Riemann-Kugel nanderausführung) der zugehörigen Möbius-
auf den Kopf stellt, entspricht das T(z)=1/z. Transformationen. Allerdings ist von den vier
Wenn man zwei Möbius-Transformationen Parametern einer überzählig, weil man den
nacheinander anwendet, ergibt sich wieder Bruch (az + b)/(cz + d ) erweitern oder kürzen
eine Möbius-Transformation, und jede Möbi­ kann, ohne dass sich an der Transformation
us-Transformation ist invertierbar (widerruf­ etwas ändert. Zur Herstellung der Eindeutig­
lich): Die Möbius-Transformationen bilden keit schreibt man vor, dass die Determinante
eine Gruppe im Sinn der Gruppentheorie. der Matrix ad – bc=1 sein soll. Das lässt sich
Das ist nützlich, wenn man einen »Wech­ durch Erweitern oder Kürzen stets erreichen.
sel der Perspektive« vornehmen will: Man bil­ An dieser Stelle steht der Mathematiker
de ein Objekt in der komplexen Ebene auf die vor denselben Aufgaben wie der Zoologe, der
Riemann’sche Kugel ab, rotiere die Kugel ir­ eine völlig neue Tiergattung entdeckt hat: Er
gendwie und projiziere auf die komplexe Ebe­ muss die neu gefundenen Tierchen in Klassen
ne zurück. Dann ist »von einem höheren einteilen, um einigermaßen den Überblick zu
Standpunkt aus« das Objekt immer noch das­ behalten; dabei wäre es am schönsten, wenn
selbe – das bisschen Rotieren tut nichts We­ er die Klassenzugehörigkeit an einem leicht

Die aus lauter isolierten Punkten bestehende Grenzpunktmenge und eine Zusatzbedingung (Bild S. 77) erfüllt ist. Die im Allgemei-
(links, helle Punkte) schließt sich zu einer zusammenhängenden nen unendlich verkrumpelte Kurve wird ein Kreis, wenn die vier
Kurve (rechts), wenn die Schottky-Kreise sich berühren (»küssen«) Schottky-Kreise gleich groß und im Quadrat angeordnet sind.

Bilder dieser Seite: Marcel Hoya


Ca mensch & geist
Q
Cab
CaB Caa In einem Ring aus vier einander
CB
David Mumford, Caroline Series und David Wright / Spektrum der Wissenschaft

berührenden Kreisen können


P
Möbius-Transformationen, die
jeweils gegenüberliegende
Kreise paaren, eine zusam-
menhängende Grenzpunkt-
menge erzeugen (rechts)
oder auch nicht (links),
R
je nachdem, ob die
Transformationen die
Berührpunkte der
Cb Kreise aufeinan-
S der abbilden.
CA

erkennbaren Merkmal feststellen könnte. Und


er will wissen, wie man Tierchen mit be­
stimmten erwünschten Eigenschaften züchtet.
Das erste Problem lässt sich in befriedi­
gender Form lösen. Bis auf Konjugation – den
oben angesprochenen Wechsel der Perspektive
– ist jede Möbius-Transformation eine Ähn­
lichkeitsabbildung, und man erkennt die
Klassenzugehörigkeit an einem einzigen Zah­
lenwert, der so genannten Spur. Für Möbius-
Transformationen, die auf Determinante 1
normiert sind, ist die Spur gleich a+d.
Zugleich gibt die Klassenzugehörigkeit
Auskunft über das Verhalten eines Punktes z,
wenn man die Transformation T immer wie­
der auf ihn anwendet. Die Punktfolge z, T(z),
T(T(z)), T(T(T(z))), … strebt gegen einen
Punkt z0, für den T(z0)=z0 ist, einen so ge­
nannten Fixpunkt von T. Ein Gleiches gilt für
die Folge der Punkte, auf die man das Inverse
T –1 an Stelle von T anwendet. Der erste Fix­
punkt heißt anziehender Fixpunkt oder Sen­
ke, der zweite abstoßender Fixpunkt oder
Quelle, weil aus ihm die Punkte der Folge
herauszusprudeln scheinen. Einen Fixpunkt
zu berechnen läuft auf die Lösung einer qua­
dratischen Gleichung hinaus, und das ist in
den komplexen Zahlen ja stets möglich.
r Transformationen, deren Spur gleich 2 oder
– 2 ist, heißen parabolisch. Sie sind konjugiert
zu Translationen und haben nur einen ein­
zigen Fixpunkt, der zugleich Quelle und Sen­
ke ist.
r Wenn die Spur reell ist und zwischen – 2
und 2 liegt, heißt die Transformation ellip­
tisch, ist konjugiert zu einer reinen Drehung
und hat zwei Fixpunkte, die weder Quelle
noch Senke sind. Bei einer Drehung um den
Ursprung sind das die Punkte 0 und ∞; denn
es gibt keine Punktfolge, die aus ihnen he­
raus- oder in sie hineinströmt.
r Alle anderen Abbildungen sind konjugiert
zu Drehstreckungen und heißen loxodro­
misch. Unter ihrer Anwendung bewegen sich
Tamás Korodi

Punkte auf spiralförmigen Bahnen von Quelle


zu Senke. Eine Unterklasse sind die hyperbo­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 77


Fraktale

dass a die beiden Kreise CA und Ca »paart«. In


Apollonische Kreispackungen diesem (wichtigen) Fall muss jeder Kreis aus
der Folge im Inneren seines Vorgängers liegen,
Man nehme drei sich berührende Kreise. Dabei dürfen, wie üblich, einer oder und die Folge der Kreise schnürt sich auf den
zwei der Kreise auch Geraden sein. Diese umschließen ein Dreieck aus Kreisbögen, anziehenden Fixpunkt zusammen. Denselben
dessen Innenwinkel alle gleich null sind. Ein solches Dreieck nennt man ideal. Prozess kann man in Gegenrichtung durch­
Wenn man jetzt den Inkreis dieses idealen Dreiecks konstruiert, bleiben drei neue führen. Wir schreiben A für das Inverse von a
ideale Dreiecke übrig. (weil dauernd a –1 zu schreiben umständlich
Diesen Vorgang wiederhole ist); wenden wir A iteriert auf Ca an, so ergibt
man beliebig oft. Wenn zwei der sich eine Folge ineinander liegender Kreise in­
ursprünglichen Kreise im Inneren nerhalb von CA, die sich auf den abstoßenden
des dritten liegen, entsteht eine Fixpunkt von a zusammenschnürt.
so genannte apollonische Kreispa- Diese doppelt unendliche Folge von Krei­
ckung, die auf den antiken Geometer Apollonios von Perga (262 – 190 v. Chr.) zu- sen (Bild S. 75 oben) sieht noch nicht beson­
rückgeht (Spektrum der Wissenschaft 11/2002, S. 116, und 9/2004, S. 106). ders erregend aus und kann vor allem nicht
eine Fläche mit Kreisen füllen. Aber mit
Dieselbe Konstruktion mit geraden statt krummen Linien läuft darauf hinaus, einem zweiten Paar von Kreisen Cb und CB so­
aus einem – zum Beispiel – gleichseitigen Dreieck nicht den Inkreis herauszustan- wie den zugehörigen Möbius-Transformati­

oben: Karoline Büdel;  unten: Marcel Hoya


zen, sondern das Dreieck, das die Seitenmittelpunkte verbindet. Von dem gleich- onen b und B = b–1 kommt mehr Bewegung
seitigen Dreieck bleiben dann drei ebenfalls gleichseitige Dreiecke mit der halben ins Bild. Alle vier Kreise sollen sich nicht
Seitenlänge übrig, und das Ver- schneiden. Dann bildet die Transformation a
fahren führt auf eines der elemen- nicht nur CA selbst, sondern auch noch Cb
tarsten Fraktale überhaupt: das und CB ins Innere von Ca ab. Diese drei Kreise
Sierpiński-Dreieck. werden durch die drei Transformationen a, b
und B wiederum ins Innere ihrer jeweiligen
Zielkreise abgebildet; nur A bringt nichts
lischen Abbildungen, die zu reinen Streckun­ Neues, sondern widerruft den Effekt von a
gen konjugiert sind; ihre Spur ist reell, und (Bild S. 75 unten).
die Spiralen entarten zu Kreisen. Damit können wir jetzt nicht nur eine
Auch die zweite Aufgabe ist lösbar: Man Transformation unendlich oft anwenden, so­
findet Formeln für Transformationen, die ei­ dass nur noch ein Grenzpunkt übrig bleibt; es
nen beliebigen Kreis auf einen beliebigen an­ dürfen beliebige Folgen der Transformationen
deren Kreis abbilden. Beide Kreise können a, b, A und B sein. Das lässt sich mit den Mit­
Geraden sein. Man kann auch bestimmen, ob teln der Gruppentheorie beschreiben: Die bei­
das Innere des ersten Kreises auf das Innere den Möbius-Transformationen a und b erzeu­
oder auf das Äußere des zweiten Kreises abge­ gen eine Untergruppe der Möbius-Transfor­
bildet werden soll. Und dann gibt es immer mationen, die so genannte Schottky-Gruppe.
noch viele Transformationen, die diese Aufga­ Formal nennen wir eine Folge von Sym­
be erfüllen. Man kann nämlich zu beliebigen bolen aus einem begrenzten Vorrat (»Alpha­
drei Punkten (die einen Kreis definieren) an­ bet«), wie zum Beispiel dem Alphabet {a, b,
geben, auf welche drei Punkte (die ihrerseits A, B }, ein Wort. Das Produkt aus zwei Wör­
wieder einen Kreis definieren) sie abgebildet tern wird gebildet, indem man die beiden
werden sollen. Wörter einfach aneinanderhängt. Die Wörter
aA, Aa, bB und Bb sind sämtlich gleich dem
So entstehen Fraktale neutralen Element der Gruppe (dem »leeren
Damit steht nun das Werkzeug zur Verferti­ Wort«) und dürfen weggelassen werden. Da­
gung unserer Fraktale bereit; es will nur noch nach wird zum Beispiel das Wort abBAbaB
richtig angewendet werden. Ein und dieselbe über aAbaB zu baB vereinfacht. Für unend­
Abbildung immer wieder anzuwenden (zu liche Wörter, die irgendwann periodisch wer­
»iterieren«) ist ein Standardrezept zur Erzeu­ den, existiert die Kurzdarstellung mit dem
gung von Fraktalen. Wenn wir auf einen Ur­ Querstrich, die man von den periodischen
–,
kreis, nennen wir ihn CA , eine Mö­bius-Trans­ Dezimalzahlen kennt: abababababab… = ab

formation namens a anwenden, erhalten wir BabAAbabAbAbAbAbAbA… = BabAAbabA.
einen Kreis, den wir Ca nennen, und wenn Wenn nun a und b unsere beiden Möbius-
wir diesen Prozess iterieren, eine unendliche Transformationen sind und a1 a2 a3 a4 … ein
Folge von Kreisen Ca, a(Ca), a(a(Ca ))=a 2(Ca ), unendliches Wort ist, dann konvergiert die
a(a(a(Ca )))=a 3(Ca ), …, die sich auf eine Sen­ Folge a1 z, a1 a2 z, a1 a2 a3 z, … für alle komple­
ke von a hinbewegen werden – wenn es eine xen z (mit Ausnahme einiger exotischer Son­
Senke gibt. Wenn zusätzlich a das Äußere von derfälle) gegen einen Grenzpunkt. In unserer
CA in das Innere von Ca abbildet, sagen wir, lässigen Sprechweise identifizieren wir ein un­

78  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


endliches Wort mit seinem Grenzpunkt. In­ die erst ab einer gewissen Stelle periodisch Das «glühende Nudelsieb» ist
teressant ist die Menge aller Grenzpunkte. sind. Die Grenzpunkte anderer Wörter muss eine Grenzpunktmenge zu vier
Wenn man eine der Transformationen a, b, man durch nahegelegene Grenzpunkte perio­ Kreisen, von denen jeder die
A, B auf einen Grenzpunkt anwendet, erhält discher Wörter annähern. drei anderen berührt. Es handelt
man wieder einen Grenzpunkt. Tut man das sich um die vier Kreise, die an
für eine Teilmenge der Grenzpunktmenge, so Küssende Kreise die schwarzen Felder angrenzen:
kommt wieder eine Teilmenge der Grenz­ Bisher waren unsere vier Kreise nur gepaart. einen kleinen in der Mitte sowie
punktmenge heraus, und zwar im Allgemei­ Richtig schön wird es erst, wenn sie sich küs­- zwei angeschnittene rechts und
nen eine andere. Alle Teilmengen sind von sen (berühren), und zwar nicht den Paarungs­ links unten; der vierte (oben) ist
derselben Struktur wie die Menge selbst: Sie partner, sondern die beiden anderen! Dann zu einer Geraden entartet. In
ist selbstähnlich – eine charakteristische Ei­ nämlich berührt – zum Beispiel – das Bild diesem Bild ist nicht nur die
genschaft von Fraktalen. von CB unter der Transformation a den Kreis Grenzpunktmenge gezeichnet
Grenzpunkte kann man ausrechnen, ohne Ca von innen, weil CB den Kreis CA von außen worden, sondern alle Bildkreise.
dafür unendlich oft irgendwelche Transforma­ berührt, und so weiter. Das Muster der einan­ Deren Farbe ändert sich bei
tionen anwenden zu müssen. Für ein perio­ der küssenden Kreise bleibt unter weiteren jeder Iteration von Rot über
– ist der Grenzpunkt der anzie­
disches Wort T Transformationen erhalten. Wenn zusätzlich Gelb zu Blau mit dem Effekt,
hende Fixpunkt von T. Aus ihm kann man die Berührpunkte der vier Urkreise durch a, dass die Grenzpunkte farblich
auch Grenzpunkte von Wörtern ausrechnen, b, A und B aufeinander abgebildet werden, hervorgehoben sind.
Tamás Korodi

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 79


Fraktale

eine innerhalb von Ca und die andere inner­


halb von Cb. Der Punkt P ist also Grenzpunkt
zweier verschiedener unendlicher Folgen von
Transformationen. Zwei unendliche Wörter
unseres Baums bedeuten dasselbe; »ganz weit
draußen im Unendlichen wachsen die Äste
des Baums wieder zusammen«. Das gilt eben­
so für die Punkte Q, R und S sowie für deren
Bilder unter den unendlich vielen Möbius-
Transformationen. Die Situation ist analog
der ganz gewöhnlichen Dezimaldarstellung
reeller Zahlen. Jeder abbrechende Dezimal­
bruch hat zwei verschiedene Darstellungen;
zum Beispiel ist 2,70000… = 2,69999…
Wenn die Grenzpunktmenge eine geschlos­
sene Kurve ist, die sich selbst nirgendwo be­
rührt, nennt man sie einen Quasikreis. Sie
zerlegt dann die komplexe Ebene in zwei Ge­
biete. Alle Möbius-Transformationen der
Gruppe respektieren diese Grenze: Ein Punkt,
der in dem einen Gebiet liegt, wird von kei­
Oben Grenzpunktmengen für ner Transformation in das andere abgebildet.
ta = tb = x mit (von links nach Ein Quasikreis kann sogar ein ganz ge­
rechts) x = 3; x = 2,2; x = 2,0: Ein wöhnlicher Kreis sein, zum Beispiel wenn alle
Kreis deformiert sich allmählich vier Kreise gleich groß sind und ihre Mittel­
bis zum glühenden Nudelsieb. punkte auf den Ecken eines Quadrats liegen
Darunter Grenzpunktmengen für (Bild S. 76 oben, rechts).
tb = 3; ta = x + 0,05i mit x = 2,2 und
x = 1,91; rechts für x = 1,85. Ziel Glühendes Nudelsieb
des Programms scheint es in Die Grenzpunktmenge kann sich jedoch auch
diesem Fall zu sein, die Zeichen- selbst berühren; tut sie das an einer Stelle,
fläche komplett schwarz auszu- dann tut sie das wegen der fraktalen Struktur
Claas Strodthoff

malen, was ihm bei unendlicher an unendlich vielen Stellen. Aus dem gewöhn­
Laufzeit sicherlich auch gelänge. lichen Kreis des obigen Sonderfalls wird,
wenn man die beteiligten Transformtionen et­
was variiert, ein mehr oder weniger verkrum­
wird die Grenzpunktmenge zu einer zusam­ pelter Quasikreis, dann eine spitzendeckchen­
menhängenden Kurve (Bild S. 77)! Ge­nau artige Struktur mit Selbstberührungen oder
dann gilt nämlich mit den Bezeichnungen auch Zusammensetzungen aus unendlich vie­
dieses Bilds a(S) = P, b(R) = S, A(Q) = R und len Kreisen – und das sind nicht die Bild­
B(P) = Q. Aus dieser Gleichungskette folgt kreise der Möbius-Transformationen (Bild S.
abAB(P) = P, das heißt, P ist ein Fixpunkt von 79, Bild links und Titelbild des Hefts).
abAB. Diese Abbildung heißt ein Kommuta­ Im Buch heißt diese Struktur »glowing gas­
tor der von a und b erzeugten Gruppe. ket«, und ein gasket ist – unter anderem – ein
P muss der einzige Fixpunkt des Kommu­ Ablaufsieb mit verschieden großen Löchern
tators abAb sein, da sonst die Kreise der ver­ für die Badewanne. Da fanden wir »Nudel­
schiedenen Iterationsstufen nicht von beiden sieb« einen appetitlicheren Ausdruck. Man
Seiten in P zusammenlaufen, sondern sich an gewinnt es aus vier sich küssenden Schottky-
einem weiteren Fixpunkt anhäufen würden. Kreisen, deren jeder alle drei anderen berührt.
Da der Kommutator nur einen einzigen Fix­ Dies ist nur möglich, wenn einer der Kreise in
punkt hat, muss er eine parabolische Abbil­ dem Zwickel zwischen den drei anderen liegt.
dung sein, insbesondere eine mit der Spur – 2, Wohlgemerkt: Die Grenzmenge ist nach
wie man mit viel Mühe nachrechnen kann. wie vor eine zusammenhängende Kurve; aber
Statt nach P kann man die Gleichungsket­ sie läuft alle unendlichen Kreise ab, aus denen
te nach jedem anderen Berührpunkt auflösen sie besteht, und zwar in einer sehr merkwür­
und erhält andere Kommutatoren. Diese sind digen Reihenfolge. Man glaubt es nicht, bis
zyklische Permutationen von abAB oder von man die Kurve auf dem Bildschirm entstehen
dessen Inversem baBA. gesehen hat (siehe den Kurzfilm unter http://
Im Punkt P treffen sich zwei unendliche plus.maths.org/issue43/features/serieswright/
Scharen von ineinander liegenden Kreisen: gasketglow.mpg).

80  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Es gibt übrigens bis auf Konjugation nur
ein glühendes Nudelsieb. Denn es existiert
stets genau eine Möbius-Transformation, die
drei gegebene Punkte auf drei andere gege­
bene Punkte abbildet, und durch die drei Be­
rührpunkte der äußeren Kreise ist das ganze
Nudelsieb bereits eindeutig bestimmt.

Omas Rezept
Jede dieser Grenzpunktmengen – mitsamt der
zugehörigen unendlichen Menge an Bildkrei­
sen – ist durch die zwei erzeugenden Möbius-
Transformationen a und b eindeutig be­
stimmt. Jede von ihnen ist durch drei kom­
plexe Zahlen festgelegt. Das macht zusammen
@
wichtigeonlineadressen

sechs komplexe oder zwölf reelle Zahlen – zu


viel zum systematischen Durchprobieren. Brainlogs
Aber indem man sich auf ein Bild aus einer Blogs für die Welt im Kopf
großen Schar konjugierter Bilder festlegt und www.brainlogs.de
Die Kursteilnehmer (Bild unten):
die Bedingung erfüllt, dass die Spur des Kom­
Sitzend v. l. n. r.: Eike Müller, Berlin;
mutators gleich –2 sein soll, bleiben von den
sechs Zahlenwerten noch genau zwei übrig.
Kürsat Erincik, Dortmund; Tamás Kernmechanik –
Korodi, Rosenheim; Annika Kohl-
Es erweist sich als zweckmäßig, für diese bei­ haas, Kaarst; Emre Türköz, Instan-
von Kernspin bis Kosmologie,
den Zahlen die Spuren ta und tb der Transfor­ bul; Katharina Stock, Lindau; Anna von Dunkler Materie und Energie
Lu, Bochum; Karoline Büdel, www.kernmechanik.de
mationen a und b zu wählen.
München. Stehend: Kursleiter
Aus diesen Überlegungen haben die Auto­ Christoph Pöppe, Redakteur bei
ren von »Indra’s Pearls« eine Formelsammlung Spektrum der Wissenschaft; Claas KOSMOpod
gemacht, die sie »Omas Rezept« (Grandma’s Strodthoff, Oyten; Markus Obmann, Astronomie zum Hören
recipe) nennen; denn neben den bekannten Saarburg; Marcel Hoya, Dortmund;
www.kosmopod.de
Zutaten enthält es, wie bei Großmutterre­ Dana Graulich, Witten; Cornelie
Koop, Mainz; Astrid Lange, Bad
zepten üblich, noch einige nicht näher be­ Salzuflen; Florian Wagenschwanz,
schriebene Gewürze zur Erzeugung besonders Ottensoos; Joss Becker, Wuppertal; Portraits, Interieurs,
schmackhafter Bilder. Nach Omas Rezept Kursleiterin Almut Pöppe, Studentin Landschaften, Figurativa u. a.
sind die Bilder S. 80 berechnet. An dem »wil­ in Freiburg. Das Sierpiński-Tetra­ Dipl.-Des. Ewa Kwasniewska
eder in der Mitte haben Teilnehmer – Kunstmalerin –
den« untersten Bild sieht man, dass die Grenz­
der Akademie an einem der Abende
punktmenge auch die ganze komplexe Ebene www.kwasniewska.com
zusammengebaut.
ausfüllen kann. Für welche Parameter das ge­
schieht, dafür gibt es zwar einige Regeln, aber
keine vollständige Antwort. Literaturhinweis: Platinnetz
das Netzwerk für die Generation
Andere interessante Dinge geschehen, Die fraktale Geometrie der Natur. der Jungebliebenen
wenn man bestimmt, dass gewisse Produkte Von Benoît Mandelbrot. Birkhäuser,
www.platinnetz.de
wie a15b oder a10 parabolisch mit Spur – 2 Basel 1991
oder gleich der identischen Abbildung sein
sollen. Nach einem solchen Rezept ist das Bild Wissenslogs
Weblinks zu diesem Thema sowie
auf S. 72 gebaut. Auch die Autoren des Buchs die komplette Dokumentation des Science unplugged
haben die sich ergebenden Möglichkeiten Kurses finden Sie unter www. www.wissenslogs.de
noch längst nicht ausgeschöpft. spektrum.de/artikel/912781.
deutsche Schülerakademie

Hier können Sie den Leserinnen und Lesern von Spektrum


der Wissenschaft Ihre WWW-Adresse mitteilen. Für € 83,00
pro Monat (zzgl. MwSt.) erhalten Sie einen maximal fünf-
zeiligen Eintrag, der zusätzlich auf der Internetseite von
Spektrum der Wissenschaft erscheint. Mehr Informationen
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Susanne Förster
Telefon 0211 61 88-563
E-Mail: s.foerster@vhb.de
Griechische
Griechische Kolonisation
Kolonisation

»Wie Frösche
um einen Teich«
Der Handel florierte, die Gemeinwesen
wuchsen, kurz: Griechenland boomte
im 8. Jahrhundert v. Chr. Und dennoch brachen
Kolonisten zu neuen Gestaden auf –
waren sie die Verlierer
des Aufschwungs?

84  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch
mensch && geist
geist

Corbis
Von Theodor Kissel Epen »Ilias« und »Odyssee« über die Helden

D
des legendären Troianischen Kriegs und zum
ie zackigen Zähne der Anker fes- ersten Mal zeichneten Künstler ihre bemalte
seln die Schiffe; den Strand bede- Keramik namentlich. Das alles vollzog sich im
cken sie Heck an Heck. Und mu- institutionellen Rahmen der Polis, jenen
tig schwingt sich die Jugend, ent- Stadtstaaten, die sich zu Beginn des 8. Jahr-
flammt von heißer Begierde auf die hesperi- hunderts v. Chr. formierten und bald zur
sche Erde hinaus.« So schilderte der römische Wiege der Demokratie wurden.
Dichter Vergil (70 – 19 v. Chr.) in seiner Überall blühte der Handel und brachte
»Aeneis« die Ankunft der ersten Griechen in Wohlstand. Umso unverständlicher also, dass
Italien. Scharenweise hatten Auswanderer Griechen gerade jetzt ihre Heimat verließen.
zwischen 750 und 500 v. Chr., dem archai- Waren die Emigranten vielleicht – eine wei-
schen Zeitalter, Hellas verlassen, um in der tere Erklärung – Verlierer des Aufschwungs?
Fremde eine neue Heimat zu finden. Fast Die wenigen erhaltenen Schriftquellen be­
zweihundert Siedlungen entstanden rings um richten von heftigen Auseinandersetzungen
das Mittelmeer und das Schwarze Meer, was zwischen rivalisierenden Adelsgruppen, später
den Athener Philosophen Sokrates (469 – 399 zwischen Aristokraten und unteren Schichten.
v. Chr.) spotten ließ: »wie Frösche um einen Die griechischen Siedler, so vermutete der
Teich«. Ein bunter Flickenteppich autonomer Frankfurter Althistoriker Frank Bernstein
Gemeinwesen, unter denen die in Italien und 2004, suchten das Weite, um sozialen Kon­
auf Sizilien eine besondere Rolle spielen soll- flikten zu entgehen.
ten. Schon in der Antike nannte man diese
Region deshalb Magna Graecia – Großgrie- Innere Distanz zur Mutterstadt
chenland. Denn eine wachsende Bevölkerung verursach-
Viel rätselten Altertumsforscher über die te Probleme, für die jene früharchaische Ge-
Gründe jener im 8. Jahrhundert v. Chr. ein- sellschaft Griechenlands keine Lösungen parat
setzenden »Großen Griechischen Kolonisati- hatte. Es galt das Recht des Stärkeren und
on«. Handelsinteressen vermuteten die einen, Konflikte wurden mit dem Schwert ausgetra-
Landmangel durch Überbevölkerung die an- gen. Migration als Ventil für Bevölkerungs-
deren. Tatsächlich warnte der griechische druck und politischen Dissens? Eine These,
Dichter Hesiod (geboren vor 700 v. Chr.) vor die vieles für sich hat. Denn die Griechen
steigenden Bevölkerungszahlen und forderte nannten ihre Heimatstadt jeweils metropolis,
Eltern auf, sich auf ein Kind zu beschränken. Siedlungen außerhalb des Stammlands aber
Wieder andere Forscher führten Dürrepe­rioen apoikiai (von Griechisch: apo »weg« und oikia,
und Ressourcenknappheit ins Feld. Oder war »Siedlung«), eine Terminologie, die laut Bern-
es manchmal auch schlicht Abenteuerlust? stein eine innere Distanz zur Mutterstadt zum
Der Kölner Althistoriker Karl Joachim Ausdruck brachte. Tatsächlich bezeichnete
Hölkeskamp betont, neben einem Unbehagen Platon (um 427 – 347 v. Chr.) Jahrhunderte
am Hier und Jetzt sei immer auch die Hoff- später die Gründung von Apoikien als »altbe-
nung mitgeschwungen, »jenseits der Enge währtes Mittel bei Überbevölkerung, inneren
und Begrenztheit der Heimat sich neue Konflikten und bei Enge des Landes«.
Handlungsspielräume zu erschließen und Es waren Siedler der Attika benachbarten
Reichtum und Einfluss zu gewinnen«. Insel Euböa, namentlich Bewohner von Chal-
Dabei erlebte Hellas eigentlich einen wirt- kis und Eretria ( siehe Karte nächste Seite),
schaftlichen, politischen und kulturellen Auf- die sich als Erste gen Westen, nach Hesperia
schwung. Es trat, wie Christian Meier von der aufmachten – eine Reise ohne Rückfahr-
Universität München es formulierte, »aus dem schein, nicht ungefährlich, doch kein Him-
Schatten des Dunklen Zeitalters heraus und melfahrtskommando. Denn auch ohne Kom-
erfand die Welt neu«. Das Dunkle Zeitalter – pass und GPS gelangten die Griechen an ihr
jene vier Jahrhunderte also, die um 1200 v. Ziel. Sie verstanden es, nach den Sternen zu
Chr. mit dem Brand der minoischen Paläste navigieren, und sie profitierten von den Er-
begannen und in denen alle Schriftlichkeit fahrungen eines anderen großen Seefahrer-
verschwunden schien. Auch wenn Archäolo- volks, dessen Kapitäne bereits um 1000 v.
gen inzwischen manchen Befund zu Tage för- Chr. durch das Mittelmeer kreuzten, den
Mit sakralen Bauten wie derten, der diese Zäsur weniger dramatisch er- Phöniziern. Die zeichneten erste Seekarten,
dem Hera-Tempel von scheinen lässt, machte Griechenland in der die periploi, und trugen darin Entfernungsan-
Poseidonia (heute Paes- nun anbrechenden Epoche der Archaik doch gaben und Küstenbeschreibungen ein, zudem
tum) setzten griechische einen gewaltigen Schritt in Richtung Hoch- Informationen über Untiefen, Strömungen
Kolonisten in Italien und kultur. Man erfand die Schrift, entdeckte das und signifikante Landmarken, die vom Meer
Sizilien Maßstäbe. Individuum. Homer schrieb seine beiden aus gut zu sehen waren. Beschwerlich aber

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 85


Griechische Kolonisation

Griechische Kolonien in der Magna Graecia


Kyme (Cumae) Die koloniale Ausbreitung der Griechen
Vom 8. bis zum 6. Jahrhun- Dikaiarcheia (Pozzuoli) 0 100 km
Kyme im Mittelmeer im 8. bis 6. Jh. v. Chr.
dert v. Chr. gründeten grie- Pithekussai (Ischia) Poseidonia Taras (Tarent)
(Paestum) Mutterstadt in Griechenland
chische Siedler Kolonien im Neapolis (Neapel) Metapontion (Metapont)
Hyele-Elea (Velia) Siris Mutterstadt der Magna Graecia
Mittelmeerraum und an der Pyxus (Policastro Bussentino) Sybaris Mutterstadt, sonstige
Schwarzmeerküste. Die größ- Laos
Sybaris (Sibari)
Skydros Kolonie, primäre Gründung
te Dichte an Pflanzstädten Hipponion (Vibo Valentia)
Thurioi
wiesen Süditalien und Sizi- Medma (Rosarno) Skylletion Kroton Kolonie, sekundäre Gründung
Rhegion (Reggio di Calabria) Kroton (Crotone)
lien auf, diese Region hieß Zankle (Messina) Kolonie, tertiäre Gründung
Terina (Sant’Eufemia Vetere)
deshalb schon in der Antike Lipara (Lipari) Kaulonia (Caulonia)

EN
Zankle Lokroi Epizephyrioi
Magna Graecia, »Großgrie- Mylai (Milazzo)

chenland«. Himera (Imera)


Lokroi Epizephyrioi (Locri)
T HI Tanais

Leontinoi (Lentini)
Naxos (Guardini Naxos)
Katane (Catania) S KY Olbia
Selinus (Selinunt)
Megara Hyblaia Tyras
Herakleia (Eraclea)
TEN
Megara Hyblaia Phanagoreia
Akragas (Agrigent)
R Gela Syrakusai Pantikapaion

T EN L IGU Gela
Kamarina (Camarina)
Syrakusai (Siracusa) Istros Theodosia
L Akrai (Acre) Tomis
KE
Massalia
Agathe IL Kasmenai (Casmene) S c h w a r z e s M e e r
Massalia LY Odessos
RI Mesembria Sinope
Emporion
EN THRAKIEN Apollonia Sinope
Phasis
Alalia
Byzantion Amisos Kerasos
Epidamnos Herakleia Pontike
Olbia Apollonia Chalkedon Kotyora Trapezus
Kyzikos
Sagunt Korkyra
Phokis Phokaia MYSIEN
Chalkis
EN
Korinth Phokaia
Eretria
Lokris
I
IK
Achaia Böotien Kolophon
Zakynthos Megara Samos PA M P H Y- L
Sparta
Athen
Naxos
Milet LIEN KI

EN
Knidos Phaselis
Megara Nisaia Thera Rhodos

IENYRI
Nagidos

Spektrum der Wissenschaft / Emde-Grafik


Kreta

S
M i t
t e l m e e r

NIK
Kyrene

OI
LIBYEN

PH
Naukratis
ÄGYPTEN

war die Überfahrt allemal, denn die dama- wohnern der Stadt Chalkis und der Region
ligen Segelschiffe vermochten nicht gegen die Messenien auf dem Peloponnes. Solche Zu-
im Mittelmeer vorherrschenden Nordwest- sammenschlüsse hatten rein praktische Grün-
winde zu kreuzen und waren deshalb oftmals de: In Dörfern und Städten fanden sich oft-
Wochen unterwegs. mals nicht mehr als je zehn Ausreisewillige –
Die Exilanten aus Euböa gründeten um oder Personen, die zum Exil verurteilt wurden
770 v. Chr. die Siedlung Pithekussai auf der wie jene Messenier, denen die Vergewaltigung
Insel Ischia im Golf von Neapel. Gut zwanzig spartanischer Jungfrauen in einem Heiligtum
Jahre später – alle Datierungen beruhen auf zur Last gelegt worden war.
archäologischen Befunden – folgte in Südita- Die Führer eines Siedlerzugs wurden Oikis-
lien Kyme, nach weiteren zwei Jahrzehnten ten (vom Griechischen: oikia, »Siedlung« und
die Städte wie Naxos und Syrakus auf Sizilien, ktizein, »gründen«) genannt. Es waren vor-
zu den jüngsten Kolonien dieser ersten Phase nehmlich Adlige, die die Initiative ergriffen,
gehörten Kroton um 710 und Taras um 706 Schiffe und Material organisierten. Vor der
v. Chr. in Süditalien. In den fruchtbaren Expedition pilgerten sie zum Orakel von Del-
Schwemmlandebenen Süditaliens und Sizili- phi, dem wohl wichtigsten religiösen »Dienst-
ens fanden die Griechen, woran es in der Hei- leistungszentrum« der Antike, um dort den
mat mangelte: weitläufige Anbauflächen. Rat des Gotts Apollo zu erbitten. Wie Irad
Meist waren es nicht mehr als hundert bis Malkin, Professor für altgriechische Geschich-
dreihundert Menschen, mitunter sogar aus te an der Universität Tel Aviv, Anfang der
verschiedenen Herkunftsorten, die sich zu 1990er Jahre herausfand, hatte diese Audienz
einem Gemeinschaftsunternehmen zusam- aber noch einen ganz anderen Grund: Man
menschlossen (siehe Tabelle rechts). Rhegion wollte sich das Unternehmen von höchster
beispielsweise war ein Joint Venture von Ein- Stelle absegnen lassen. Denn ein derart heik-

86  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch & geist

Kolonie (heutiger Name) Mutterstadt oder -landschaft Gründungsjahr v. Chr. um


Pithekussai (Ischia) Chalkis 770
Kyme (Cumae) Chalkis 750
Naxos (Guardini Naxos) Chalkis 734
Syrakus (Siracusa) Korinth 733
Zankle (Messina) Chalkis und Kyme 730
Katane (Catania) Naxos 729
Leontinoi (Lentini) Naxos 729
Megara Hyblaia Megara Nisaia 728
Rhegion (Reggio di Calabria) Chalkis und Messenien 730 – 720
Sybaris (Sibari) Achaia 720 oder 710
Mylai (Milazzo) Zankle 716
Kroton (Crotone) Achaia 708
Taras (Tarent) Sparta 706
Kaulonia (Caulonia) Achaia Ende 8. Jh. v. Chr.
Laos (bei Scalea) Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Pyxus (Policastro Bussentino) Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Skydros Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Siris Kolophon 690 – 680
Gela
Lokroi Epizephyrioi (Locri)
Rhodos und Kreta
Lokrien
688
675 – 650 Die vier Phasen
Akrai (Acre)
Himera (Imera)
Syrakus
Zankle
663
649
Magna Graecias
1
Kasmenai (Casmene) Syrakus 643
Erste Stadtgründungen in
Metapontion (Metapont) Achaia 640 – 630
Selinis (Selinunt) Megara Hyblaia 628
Italien und auf Sizilien er-
Poseidonia (Paestum) Sybaris 600 folgen im 8. Jahrhundert v. Chr.
Hipponion (Vibo Valentia) Lokroi Epizephyrioi Anfang 6. Jh. v. Chr. ohne gezielte Planung vom grie-
Kamarina (Camarina) Syrakus 598 chischen Mutterland aus.

2
Akragas (Agrigent) Gela 580
Das Bevölkerungswachstum
Lipara (Lipari) Knidos 580 – 576
in Magna Graecia führt ab
Medma (Rosarno) Lokroi Epizephyrioi 575
Hyele-Elea (Velia) Phokaia 535 etwa 600 v. Chr. zur sekundären
Dikaiarcheia (Pozzuoli) Samos 531 v. Chr. Kolonisation im Binnenland.

3
Skylletion (Scolacium) Kroton 5. Jh. v. Chr. Große Städte unterwerfen
Neapolis (Neapel) Kyme Anfang 5. Jh. v. Chr. ab dem 5. Jahrhundert v.
Terina (Sant’ Eufemia Vetere) Kroton 480 – 470
Chr. kleinere, insbesondere Sy-
Thurioi Gemeingriechische Kolonie 444/443
Herakleia (Eraclea) Athen und Peloponnes 433
rakus strebt nach Vorherrschaft
auf Sizilien.
ler Akt wie die Inbesitznahme fremden Landes
bedurfte antiken Vorstellungen zufolge gött-
licher Zustimmung. Und die gewährte laut
Landes, laut Gründungsmythos verschuldet
durch einen Mord ( siehe Kasten S. 88). Der
Täter gründete Syrakus.
4 Ab dem 3. Jahrhundert v.
Chr. erweitert Rom seinen
Machtbereich Richtung Süden,
Malkin der pythische Apollo, auch archegetes, War ein geeigneter Siedlungsplatz gefun- griechische Kolonien werden als
»Wegbereiter« genannt. den, begann dessen Erschließung. Homer hat Bundesgenossen mehr und mehr
Er spielt auch in den ktiseis, den Grün- den Vorgang in seiner »Odyssee« knapp um- in das wachsende Reich inte-
dungslegenden, eine wichtige Rolle, die zur- rissen: Als König Nausithoos im Land Scheria griert.
zeit auf ihren historischen Kern erforscht wer- – manche Forscher lokalisieren es auf der In-
den. Beispielsweise überlieferte der Historiker sel Korkyra, andere auf Kreta – eine Kolonie
Herodot (um 484 – 424 v. Chr.), die Bewoh- gründete, »umgab er sie mit Mauern, baute
ner der Kykladeninsel Thera hätten auf Ge- Häuser, für die Götter Tempel und teilte die
heiß des Gotts Haus und Hof verlassen und ländlichen Fluren« in gleich große Flächen für
seien unter der Führung eines gewissen Battos den Ackerbau. Was der Dichter in seinem
nach Libyen aufgebrochen. Dazu wurde »in Epos beschrieb, bestätigte ein Grabungsbe-
allen Ortschaften aus jedem Haushalt ein fund in Megara Hyblaia an der Westküste Si-
Sohn ausgewählt«, was auf Bevölkerungsüber- ziliens. Dort haben französische Archäologen
schuss schließen lässt. Verschärft wurde die in den 1980er Jahren mittels geomagnetischer
Situation möglicherweise durch eine Dürre, Prospektion ein jahrtausendealtes Grabensys-
der Legende nach eine Strafe Apollos, dessen tem im Boden entdeckt, das einst die Äcker
Weisung missachtet worden war. Schließlich in Parzellen unterteilte.
gründeten die Auswanderer Kyrene, das zur Gleichzeitig mit der Erschließung des
größten griechischen Kolonie Afrikas heran- Raums außerhalb der Stadt erfolgte die Aus-
wachsen sollte. Trockenheit als göttliche Stra- gestaltung des durch eine Mauer abgegrenzten
fe trieb wohl auch Korinther Bürger außer innerstädtischen Bereichs. Jede griechische

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 87


Gründungslegende von Syrakus
In seinen »Liebeserzählungen« schilderte Plutarch im 1. Jahrhundert n. Chr. sinngemäß:

Pheidon, König von Argos, suchte Korinth durch List zu Agora von Korinth und forderte Rache. Die Bürger bezeugten
unterwerfen, wurde aber von Habron verraten. Aus Furcht vor zwar ihr Mitleid, unternahmen aber nichts, die Bluttat zu süh-
Verfolgung zog dieser in das Dorf Melissos nahe Korinth. Dort nen. Daraufhin wandte sich Melissos an den Gott Poseidon und
zeugte er einen Sohn, den er nach seiner neuen Heimat benann- unterstrich seine Klage durch den Freitod.
te. Dem Melissos wurde Jahre später seinerseits ein Sohn gebo- Schon bald darauf wurde Korinth von Dürre und Seuche
ren, der schöne und von allen geliebte Aktaion. Diesen begehrte heimgesucht, worauf sich die Stadt an das Orakel von Delphi, an
auch Archias, einer der reichsten und mächtigsten Männer Ko- den Gott Apollo wandte. Dieser warnte vor dem Zorn des Posei-
rinths. Da sein Werben erfolglos blieb, wollte er den Jüngling don, der nicht nachlassen würde, bis Aktaions Tod gerächt sei.
rauben. Es war Archias selbst gewesen, den die Korinther nach Delphi
Begleitet von Freunden und Sklaven zog er zum Haus des Me- geschickt hatten. Er kehrte erst gar nicht in seine Heimatstadt
lissos, der sich jedoch, seinerseits von seinen Freunden und zurück, sondern fuhr nach Sizilien, wo er Syrakus gründete, zwei
Nachbarn unterstützt, zur Wehr setzte. Bei diesen Kämpfen kam Töchter zeugte, – und später von seinem Gefährten und Gelieb-
Aktaion jedoch zu Tode. Melissos zog mit dem Leichnam auf die ten Telephos ermordet wurde.

Polis verfügte zum einen über eine Agora, je- prägt. Nach Ansicht des Mannheimer Althis-
nen freien Platz inmitten der Stadt, auf dem torikers Kai Brodersen entwickelte sich eine
die Bürger politische Angelegenheiten dis­ regelrechte Siedleridentität, die gut an Orts-
kutierten, zum anderen über Heiligtümer für namen abzulesen sei: Während etwa die euro-
die Kommunikation mit den Göttern. Hinzu päischen Auswanderer der Neuzeit den Rück-
kamen kommunale Bauten wie etwa das bezug zur Mutterstadt suchten – das heutige
bouleutērion, die Tagungsstätte des Rats der Manhattan beispielsweise hieß ursprünglich
Bürger; das ekklēsiastērion, Ort der Volksver- Neu-Amsterdam – übernahmen die Griechen
sammlung, oder das prytaneion, Wirkungs- zuweilen einheimische Bezeichnungen oder
stätte der Ratsherren und der Ort, an dem kreierten neue Namen (siehe Tabelle S. 87).
Gesandtschaften empfangen wurden. Dort Zankle, das spätere Messina, war das sikeli-
hütete man auch das heilige Feuer, das aus der sche Wort für »Sichel«, wie Thukydides zufol-
HU Berlin

Heimat mitgebracht und bei der Stadtgrün- ge den sichelförmigen Hafen beschrieb; Rhe-
dung im Herd der Göttin Hestia entzündet gion leitete sich von regnunai ab, Griechisch
Apollos Orakel wurde von wurde. Eine Stätte von besonderer Bedeutung für »abgebrochen«, denn dort schien Sizilien
Siedlern befragt. war das heroon, Grabstätte des Gründers. von Unteritalien abgespalten. Namen waren
Dank der von Apollo übertragenen Autori- Programm und das lautete »Unabhängigkeit
tät genoss er kultische Verehrung: »Dort, auf vom Mutterland«. Aus Korinthern wurden
dem Heck der Agora, liegt er abseits, tot. Syrakuser, aus Spartanern Tarentiner und im
Glücklich wohnte er unter den Menschen, so- Fall der von Bewohnern der Insel Samos 531
dann als Heros vom Volk geehrt«, sang der v. Chr. gegründeten Apoikie Dikaiarcheia,
griechische Dichter Pindar (um 520 – 445 v. dem späteren Puteoli, war der Name gar eine
Chr.) in seinen Oden. Und tatsächlich stießen direkte Erwiderung auf die politischen Ver-
italienische Archäologen Anfang der 1980er hältnisse daheim: Eine »gerechte Herrschaft«
Jahre auf der Agora von Poseidonia auf ein wollten die vor dem samischen Tyrannen Po-
solches »Heroon«, in dem sie mehrere, sogar lykrates Geflohenen errichten.
unversehrte »Hydrien« entdeckten, dreihenk- Neues schaffen, um das Alte zu überwin-
lige Vasen, die noch Reste von Trankopfern den, diese Maxime lässt sich in Ansätzen auch
enthielten. im Bereich der Architektur erkennen: »Diese
Die gemeinsame Kraftanstrengung beim war keine simple provinzielle Variante derje-
Aufbau einer neuen Existenz, das tägliche nigen des Mutterlands, sondern Ausdruck ei-
Aufeinander-angewiesen-Sein in fremder Um- genständigen innovativen Wirkens«, betont
gebung stärkten das Zusammengehörigkeits- Dieter Mertens, Bauhistoriker am Deutschen
gefühl der Siedler. Die Mauer, die jede Sied- Archäologischen Institut in Rom. Formale Ei-
lung nach außen abgrenzte, signalisierte auch genheiten aus Hellas vermischten sich so zu
Einheit nach innen. Im Tempel der Stadtgott- einer Art Kolonialstil, wie etwa in Megapont
heit erwies sich die Apoikie als Kult-, durch am Ionischen Meer, wo das Ekklesiasterion-
das Wappen auf den städtischen Münzen zu- Theater die Funktionen Versammlungs- und
dem als Wirtschaftsgemeinschaft. Das kom- Schauspielstätte miteinander kombinierte,
munale Bewusstsein war bei den Bewohnern eine Innovation, die den Gemeinschaftsgeist
der Magna Graecia besonders stark ausge- zum Ausdruck brachte.

88  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch & geist

Fernab der bedrückenden Enge im Mutter- Solches Selbstvertrauen basierte keineswegs

Museo Archeologico Nazionale, Neapel


land bot sich ungewohnter Freiraum. Keine nur auf dem Bewusstsein, den Boden urbar
Agora in Hellas hätte Platz für ein Versamm- gemacht und in der Fremde überlebt zu ha-
lungsgebäude geboten, das gut und gern acht- ben. Koloniegründung und -entwicklung ver-
tausend Personen fassen konnte, in Megapont liefen selten friedlich, denn die Griechen in
war dies möglich. Mitte des 6. Jahrhunderts v. Unteritalien und auf Sizilien betraten Mitte
Chr., Athen wurde noch von Tyrannen regiert des 8. Jahrhunderts v. Chr. ja keinen men-
und auf der Akropolis stand noch kein Par- schenleeren Raum. Auf Sizilien lebten Völker
thenon, errichtete die Stadt Poseidonia dem wie die Elymer, Sikaner und Opiker, in Unter­ Wein, Weib und Gesang ge-
Meeresgott einen Sakralbau, dem Hellas an italien die Oinotrier, Sikuler und Iapygier. Be- hörten zu einem echten »Sympo-
Monumentalität und Erhabenheit nichts ent- schäftigten sich Forscher bis vor etwa zehn sium«, einem Trinkgelage
gegenzusetzen hatte. Jahren noch vor allem mit der Chronologie griechischer Männer. Musike-
Griechische Apoikien waren souveräne Ge- der Großen Griechischen Kolonisation und rinnen, hier eine Aulos-Spiele-
meinwesen, die lediglich »Pietätsbeziehungen den Motiven der Siedler, konzentrieren sie rin, waren meist auch Prostitu-
zur Mutterstadt« unterhielten, wie Adam sich inzwischen vor allem auf den Zusam- ierte. Diese Szene ziert einen
Smith (1723 – 1790) befand, einer der Grün- menprall der Kulturen und den dadurch aus- Krater, also ein Gefäß zum
derväter der Vereinigten Staaten von Amerika. gelösten Wandel in Magna Graecia. Mischen von Wein und Wasser.
Von ganz entscheidender Bedeutung, so der Archäologische Grabungen beweisen, dass Der in Kyme gefunde Krater war
Münchner Althistoriker Jakob Seibert, sei die die Mehrzahl der Pflanzstädte auf den Trüm- als rotfigurige Vasenmalerei
räumliche Entfernung der Kolonie zur Mut- mern bestehender Orte errichtet wurde. Völ- ausgeführt, einer qualitätvollen
terstadt gewesen. Dementsprechend war die kerverständigung gab es wohl nur selten, etwa griechischen Keramiktechnik.
Eigenständigkeit Magna Graecias im Ver- in Megara Hyblaia, benannt nach dem einhei-
gleich zu den Pflanzstädten an der kleinasia- mischen Sikulerkönig Hyblon, der den Sied-
tischen Küste deutlich ausgeprägter. Allenfalls lern aus Megara gestattete, sich auf seinem
ein Gefühl kultureller Zugehörigkeit zum Gebiet niederzulassen. Meist aber erfolgte die
Heimatland manifestierte sich in Sprache, Landnahme mit Gewalt. Die aus Sparta stam-
Kunst, Literatur, Religion und Lebensweise. menden Gründer von Taras – Spartas einzige
Am deutlichsten brachten dies Schatzhäu- Apoikie – lieferten sich mit den Iapygiern
ser und Weihgeschenke in Heiligtümern wie über Jahre hinweg erbitterte Kämpfe. Zu
Delphi zum Ausdruck, mit denen die Kolo- einem Dialog der Kulturen kam es auch bei
nisten freilich der griechischen Welt demons- der Gründung von Syrakus nicht. Dort zer-
trierten: Wir haben es geschafft! Eine weitere störten die Korinther vielmehr gleich nach ih-
Gelegenheit, den gemeinsamen kulturellen rer Ankunft die sikulische Siedlung auf der
Hintergrund zu betonen und gleichzeitig in Insel Ortygia; wer blieb, musste den Status
Wettstreit mit dem Mutterland zu treten, bot des Hörigen akzeptieren, wie Herodot und
sich bei den olympischen Spielen. Milon, der Aristoteles berichteten.
wohl erfolgreichste Olympionike der Antike, Wo die Neuankömmlinge in der Minder-
trat dort explizit als Bürger seiner Heimatstadt zahl waren, bedienten sie sich List und Tücke.
Kroton auf. So geschehen im Fall der Gründung von Lok-

Kulturtransfer Griechenland – Etrurien


und zurück: Die Abdeckplatte eines als
»Taucher« bezeichneten Steinkisten-
grabs aus der Zeit um 480 v. Chr.
gehört zu den bedeutendsten Zeugnis-
sen großgriechischer Malerei. Sie
steht in der Tradition der etruskischen
Grabmalerei, die ihrerseits die grie-
BPK Berlin / Scala / Museo Archeologico Nazionale, Paestum

chische Technik der Freskenmalerei


übernommen hatte.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 89


roi Epizephyrioi, nahe dem heutigen Locri in zupflanzen.« Aus Italikern wurden Griechen.

Museo Archeologico Regionale, Palermo


Kalabrien. Dem Historiker Polybios zufolge Grabbeigaben an Kultplätzen der Urbevölke-
schworen die Siedler den Sikulern Freund- rung wie etwa Salbengefäße, Kratere und Dis-
schaft, »solange ihr Fuß die Erde beträte und ken lassen darauf schließen, dass der Lebens-
sie den Kopf auf den Schultern trügen«. Doch stil der Hellenen Anklang gefunden hatte.
vor dem Eid hätten sie Erde auf die Sohlen ih- Man lag entspannt beim Bankett oder maß
rer Schuhe gestreut und Knoblauchköpfe un- seine Kräfte im sportlichen Wettkampf. Die
ter ihren Gewändern auf die Schultern gelegt. Etrusker übernahmen die Sitte des gemein-
Die formalen Bedingungen des Schwurs wa- schaftlichen Badens, von ihnen lernten es
ren also rasch beseitigt und die Sikuler wur- dann die Römer. Vom Nutzen der Münzprä-
den alsbald vertrieben. gung ließen sich die einheimischen Fürsten
Der Heroe Perseus schlich sich Für böses Blut sorgte auch, dass die ersten schnell überzeugen und wer von Stand war,
mit Hilfe der Göttin Athene in Siedler, meist junge Männer, ohne Frauen ka- demonstrierte dies durch Feinsinn: Grie-
die Höhle der schlafenden men. Denn in Hellas herrschte vor allem chische Künstler verbreiteten den Bronzeguss
Medusa und schlug dieser den Mädchenmangel. Weil die patriarchalische von Skulpturen und die Fertigkeiten der Va-
Verderben bringenden Kopf ab. Gesellschaft männliche Nachkommen bevor- senmalerei. Deren Substrat, die dünnwandige
Im Augenblick ihres Todes gebar zugte, Mädchen zudem teuer wurden, weil Keramik, wurde dank der griechischen Töp-
Medusa das geflügelte Pferd schon zu Lebzeiten der Eltern ihr Erbteil als ferscheibe bald als Massenware hergestellt.
Pegasos, das Perseus zu seinem Mitgift fällig war, wurden weibliche Neuge­
nächsten Abenteuer trug. Das boren häufig in freier Natur ausgesetzt. Auch Die Großen fressen die Kleinen
um 540 v. Chr. entstandene die gleichberechtigte Erbteilung unter den Doch schon im 6. Jahrhundert v. Chr. holten
Relief zierte die Ostfront eines Söhnen motivierte zur Auswanderung, da die alten Probleme die Kolonisten wieder ein.
Tempels in Selinunt auf Sizilien . längst viele Landgüter zu klein geworden wa- Stetiger Zustrom von Nachzüglern, vom
ren, um Familien zu ernähren. »So ergab sich Dichter Archilochos (um 680 – 645 v. Chr.)
ein Überschuss an jungen Männern«, konsta- als »Abschaum der Menschheit« bezeichnet,
tiert Kai Brodersen, »die in der Fremde wohl führte zu Spannungen, denn die alteingeses-
zu Recht mehr Chancen für sich sahen als in senen Familien billigten ihnen politisch wie
der Heimat.« Diese Singles nahmen sich nun ökonomisch weniger Rechte zu. Sogleich
einheimische Frauen, und zwar meist mit Ge- brach denn auch die »alte Krankheit der Grie-
walt – in der Antike nicht unüblich: Römer chen« wieder auf, »ihre heillose Zerstritten-
raubten die Sabinerinnen, die Karthager ver- heit«, wie Platon sich ausdrückte. Die Apoi-
sorgten sich an Afrikas Küste und vom kleina- kien Unteritaliens gründeten nun ihrerseits
siatischen Milet überlieferte Herodot »Die Io- Kolonien, um den sozialen Druck abzulassen:
nier brachten keine Frauen mit in ihre Neu- Sybaris gründete um 600 v. Chr. Poseidonia,
siedlung, sondern nahmen karische Mädchen, Kyme um 500 v. Chr. Neapel. Zudem okku-
deren Eltern sie zuvor erschlagen hatten.« pierte man Ackerland von benachbarten Ge-
Dass die Kolonisation Italiens und Siziliens meinden. So wurde das reiche Siris bald von
dennoch gelang, muss jedoch nicht verwun- seinen Nachbarn Kroton, Sybaris und Mega-
BPK Berlin / Scala

dern. Es gab keine zentralisierten und mäch- pont zerstört. 510 v. Chr. schluckte Kroton
tigen Staatsgebilde, das Land war dünn besie- dann Sybaris.
delt. Dementsprechend blieb der Widerstand Zwei Jahrhunderte später schlossen sich die
lokal und begrenzt. einheimischen Völker Süditaliens, Osker,
Einige Generationen später waren die Samniten, Lukaner und Bruttier, zu Stammes-
Wunden verheilt und man hatte sich arran- verbänden zusammen. Der Druck auf die
giert, wie der römische Historiker Iustin Griechenstädte wuchs und sie gingen eine
schrieb: »Die Griechen haben die Einheimi- Notgemeinschaft ein, den »archaischen Städ-
schen daran gewöhnt, nach Gesetzen und tebund«. Als auch der nicht genügend Ge-
nicht bloß mit Waffengewalt zu leben, auch wicht auf die Waagschale der Macht brachte,
Reben zu beschneiden und Ölbäume an- riefen sie Fremde zu Hilfe, wie etwa den Mo-
losserkönig Alexander. Das jedoch missfiel
dem aufstrebenden Rom, das seit dem 4. Jahr-
Mitten in Syrakus stand der große Tempel der Göt- hundert v. Chr. seine Macht immer weiter
tin Athena, vermutlich im Auftrag des Tyran- nach Süden ausdehnte. Nachdem es in einem
nen Gelon errichtet, ein Dank für seinen Sieg verlustreichen Krieg (343 – 290 v. Chr.) die
über ein karthagisches Invasionsheer 488 v. Chr. Samniten bezwungen hatte, empfahl es sich
Von einem raffgierigen römischen Statthalter im den Griechenstädten als Schutzmacht gegen
1. Jahrhundert v. Chr. des wertvollsten Schmucks die Lukaner, Bruttier und Osker. In Wahrheit
beraubt, wurden Säulen und andere Bauteile des freilich ging es um Expansion. Immer mehr
Heiligtums im Mittelalter in den Dom von Syrakus gerieten die griechischen Poleis in den römi-
integriert. schen Machtbereich: Mitte der 80er Jahre des

90  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


K A L Emensch
N D E R & geist
HIMMEL UND ERDE 2008
3. Jahrhunderts v. Chr. trat das schwer be-
drängte Thurioi am Golf von Tarent einem
Bund mit der Tiberstadt bei; Locroi, Rhegion
und Kroton schlossen sich bald darauf an. Sie
erhielten römische Garnisonen und den Sta-
tus von Verbündeten. Lediglich Tarent, die
reichste und mächtigste Griechenstadt des ita-
lischen Festlands, stellte sich offen gegen
Rom, versenkte dessen Schiffe und vertrieb
die Legionäre aus Thurioi. Zur Unterstützung
versicherte man sich der Truppen des Söldner-

Museo Archeologico, Pithecusa (Ischia)


königs Pyrrhus von Epirus, doch der zog sich
nach schwer erkämpften »Pyrrhus-Siegen« Im Kalender Himmel und Erde 2008 präsentieren
275 v. Chr. aus Italien zurück. Drei Jahre spä- Hobbyastronomen ihre schönsten Großformat-
aufnahmen. 14 Seiten , 55 x 45,5 cm, € 29,95
ter musste sich auch Tarent als letzte freie
zzgl. Porto.
Griechenstadt Rom unterwerfen.
Der griechischen Kultur schadete das aller-
dings nicht. Roms Poet Horaz dichtete: »Das »Wer aber aus D E R
mit dem Schwert eroberte Griechenland ero-
berte den rohen Sieger mit seinem Geist, unserem Becher HIM M E L
denn es brachte die Künste und Wissen- trinkt, den wird 2008
schaften ins bäuerische Latium.« In der Tat:
Römische Dichtung, Philosophie und Wis- sogleich das
senschaft nahmen ihren Anfang mit der Über-
setzung oder Bearbeitung griechischer Werke.
Liebesverlangen
Der Begründer der römischen Literatur, nach der schön
Livius Andronicus (um 284 – 204 v. Chr.) war
ein Kriegsgefangener aus Tarent; neben Dra- bekränzten Aphro-
men und Tragödien übertrug er die »Odyssee« dite ergreifen«
ins Lateinische. Plautus (um 254 – 184 v.
Chr.) und Terenz (um 190 – 159 v. Chr.) Diese Zeilen eines unbekannten Der Himmel 2008 ist mit umfangreichem Karten-
folgten der zeitgenössischen griechischen Ko- Künstlers auf dem so genann- material ausgestattet und vor allem auf die
mödie. Cicero wandelte auf Platons Spuren, ten Nestorbecher aus Pithekus- praktischen Aspekte der Himmelsbeobachtung
seine Schriften »Über den Staat« und »Über sai (730 – 720 v. Chr.) gehören ausgerichtet; € 12,95 (zzgl. Versand).
die Gesetze« orientierten sich an dessen Wer- zu den ältesten überhaupt be-
ken. Die erste Darstellung der römischen Ge- kannten Beispielen griechischer A HN E R T
schichte unternahm ein gewisser Quintus Fa- Schrift.
bius Pictor um 200 v. Chr. – in griechischer
2008
Sprache, denn er wollte Rom der Welt vorstel-
len und die sprach noch nicht Latein. Den
mythischen Anschluss an die griechische Welt
stifteten wieder die Dichter. Sie gaben Romu-
lus, dem Stadtgründer, den Troianer Aeneas
zum Ahnherrn. Wie Odysseus irrte dieser
nach dem Fall Troias jahrelang über die
Meere, bis er in Italien eine neue Heimat
fand.
Selten hat ein historischer Prozess eine so
Ahnerts Astronomisches Jahrbuch 2008 ist der
nachhaltige Wirkung entfaltet wie die im 8.
ideale Begleiter für alle Sternfreunde, die Wert
Jahrhundert v. Chr. einsetzende Migration der auf ein reichhaltiges astronomisches Hintergrund-
Griechen. Man denke nur an die weiträumige wissen legen; € 9,80 (zzgl. Versand).
Verbreitung des Alphabets und der urbanen Theodor Kissel ist
Zivilisation, aber auch an die politischen Ins- Althistoriker in
Mainz.
titutionen der Stadtstaaten. Und so paradox Bestellen können Sie unter
es klingen mag: In der »politischen Hülle des www.spektrum.com/lesershop
Römischen Reiches«, so der deutsche Althis- Literaturtipp Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft
toriker Alfred Heuss (1909 – 1995), »gelangte mbH | Slevogtstraße 3–5 | 69126 Heidelberg | Tel
Die Griechen in Süditalien. Von Luca
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tung und wurde somit zum Wegbereiter der spektrum.com
Fausto Longo. Konrad Theiss Verlag,
abendländischen Kultur«. Stuttgart 2004

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 91


Wissen aus erster Hand
Die Kunst,
spektrum-essay: Glaube und wissen Diesen Artikel können Sie als Audiodatei
beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

den Zweifel auszuhalten


Erst seit Kurzem verstehen Forscher, warum Menschen so leichtgläubig sind.
Zu Zweifeln fällt ihnen schwer, umso mehr suchen sie nach Gewissheit. Unser
Autor sieht darin die Ursache dafür, dass der Glaube oft missbraucht wird.

Von Martin Urban mer wieder in Frage zu stellen. Auch der

D
Glaube muss, meine ich, immer wieder neu
er amerikanische Physiknobel- bedacht werden, damit er nicht zum Aber-
preisträger Richard P. Feynman, glauben wird. Die Erkenntnis, dass man mit
schrieb einmal: »In der Physik Hilfe ausgeklügelter Experimente und kluger
tritt die Wahrheit nur selten voll- Beobachtungen Aberglauben als solchen iden-
kommen klar zu Tage – vermutlich gilt das tifizieren kann, hat sich freilich noch nicht bis
generell für alles menschliche Denken.« Kon- nach Rom herumgesprochen. Schlimmer
sequenz: »Folglich kann, was nicht mit einer noch, nicht nur dort, sondern in allen christ-
gewissen Unsicherheit behaftet ist, unmög- lichen Glaubensgemeinschaften setzen sich
lich die Wahrheit sein.« Papst Benedikt XVI. zunehmend die Fundamentalisten durch, jene
sagte im September 2007 in Österreich, die Menschen also, die fraglos glauben.
»Resignation der Wahrheit gegenüber« sei der
Kern der Krise Europas. Die Bibel im Biologieunterricht
Was ist Wahrheit? Das soll einst schon Pon- Die fundamentale Erkenntnis einer Evolution
tius Pilatus gefragt haben, bevor er seine Hän- des Kosmos und des Lebens als Ergebnis von
de in Unschuld wusch. Die ganze Wahrheit Zufall und Notwendigkeit ist offenbar für Be-
kennen nur fromme Fundamentalisten, zum nedikt XVI. unerträglich. »Wir sind nicht das
Beispiel im Vatikan – freilich ist das auch nur zufällige und sinnlose Produkt der Evolution.
ihre Wahrheit. Vor dreihundert Jahren hat Ga- Jeder von uns ist die Frucht eines Gedankens
Menschen wünschen lileo Galilei gewagt, das damals schon zweitau- Gottes.« So sagte es der Papst bei seiner Amts-
sich einfache Erklä­ send Jahre alte Weltbild in Frage zu stellen. Im einführung. Christliche Fundamentalisten al-
Unterschied zu den Intellektuellen seiner Zeit ler Konfessionen nehmen die Schöpfungsge-
rungen und sind fragte er nicht, was wohl Plato und Aristoteles schichte der Bibel wörtlich. Und sie finden
deshalb für Ideolo­ sich gedacht haben mögen, und wie das zu mittlerweile auch in Deutschland Gehör, so-
gien offen, die ihnen verstehen sei. Vielmehr befragte er die Natur. gar bei Politikern. So schlug die hessische Kul-
Seine Beobachtungen, vor allem mit seinen tusministerin, eine gelernte evangelische Reli-
die Welt ganz selbst gebauten Fernrohren, waren umwerfend. gionslehrerin, im letzten Jahr vor, eine auf die
schlicht erklären. Gebirge auf dem Mond und Flecken auf der Bibel bezogene »Schöpfungslehre« in den Bio-
Sonne bewiesen ihm, dass der Himmel, anders logieunterricht einzubauen. Warum nicht
als Aristoteles behauptet hatte, nicht »vollkom- auch die Märchen der Gebrüder Grimm? Hier
men« ist. Und, aufregender noch, sie zeigten finden sich ebenfalls in einzigartigen Bildern
ihm, dass Nikolaus Kopernikus Recht hatte menschliche Erfahrungen bis zurück in die
mit seiner These, wonach nicht die Erde, son- Steinzeit beschrieben.
dern die Sonne im Mittelpunkt unserer Welt Erst in jüngster Zeit können Naturwissen-
steht. Das konnte die katholische Kirche nicht schaftler erklären, warum Menschen so leicht
aushalten. Am 22. Juni 1633 wurde Galilei als Unsinn glauben. Der Mensch ist zwar fähig,
Ketzer dazu verurteilt, seine Erkenntnisse zu sich die Welt zu deuten. Aber er hat keinen
widerrufen. Es ist erst gut 15 Jahre her, dass Sinn für den Zufall, und es fällt ihm schwer,
der Gelehrte offiziell rehabilitiert wurde. die Ungewissheit auszuhalten. Denn er sucht
Für Wissenschaftler ist es selbstverständ- nach Gewissheit. Das macht ihn anfällig für
lich, sich und die eigenen Behauptungen im- Überlistung seines Verstands und den Miss-

92  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch & geist

brauch seines Glaubens. In einer unsicheren er soll argumentativ und durch Vertiefung des
Welt suchen die Menschen Sicherheit, wün- Glaubens überwunden werden.«
schen sich einfache Erklärungen, und deshalb Was das wohl heißt? Glaubensstärke oder
sind sie für Ideologien offen, die ihnen die Glaubenstiefe ist ja kein Wert an sich. Es
Welt ganz schlicht erklären. Aberglaube liefert kommt darauf an, was der Mensch glaubt. In-
ihnen ein Mindestmaß an Gewissheit, auch sofern ist das Rezept der evangelischen Kirche
da, wo tatsächlich keine zu haben ist. unsinnig. Alle Glaubensgemeinschaften, das
Hinzu kommt, dass das biografische Ge- ist nicht überraschend, predigen den Glauben,
dächtnis des Menschen, also die Fähigkeit, nicht aber den Zweifel. Mittlerweile gibt es auf
sich zu erinnern, erst mit etwa zweieinhalb der Welt allein etwa 34 000 christliche Ge-
Jahren einsetzt. Wir werden leichtgläubig ge- meinschaften, die sich auf jeweils nur ihnen
boren. Ein kleines Kind glaubt, was ihm die zuteilgewordene spezielle göttliche Offenba-
Eltern sagen. So entsteht ein Weltbild, dessen rungen berufen. Motto: Ich sehe was, was du
Grundlagen als »schon immer da gewesen« nicht siehst. Hat sich Gott so ungenau ausge-
verstanden und natürlicherweise nicht in Fra- drückt oder wird Offenbarung nur gründlich
ge gestellt werden. Mit der Pubertät kommt missverstanden?
der Zweifel auf. Er muss in richtige Bahnen
gelenkt werden, damit das Kind klug wird. Erbe aus der Steinzeit
Denn ebenso wichtig, wie vertrauen zu kön- Ein Witz drückt den »systemimmanenten«
nen, ist es, den Zweifel auszuhalten. Wer nicht Glauben so aus: Ein frommer Jude trifft einen
vertrauen kann, ist krank, wer nicht zweifeln Skeptiker. Der Fromme: »Wie kannst du es
kann, ist unfrei. Vertrauen gilt den Menschen, wagen, über einen Rabbi zu lachen, dem sich Wer die Wahrheit
der Zweifel den Ideologien. Glücklicherweise Gott selbst jeden Freitagabend offenbart?« – weiß, mit dem ist
ist der Mensch auch angeborenerweise neugie- Der Skeptiker: »Woher weißt du das?« – Der
rig. Er stellt sich immer wieder die Frage: War- Fromme: »Er hat es mir selbst erzählt.« – Der keine Diskussion da­
um? Das ist die tiefere Ursache für die Bemü- Skeptiker: »Vielleicht hat er gelogen.« – Der rüber möglich
hungen um Weltdeutung sowohl der Wissen- Fromme: »Was fällt dir ein! Wird denn ein
schaftler als auch der Gläubigen. Während Mensch lügen, dem Gott sich offenbart?«
jedoch Wissenschaftler das »Ja, aber« als Me- Die Vorstellung einer Offenbarung ist ein
thode für Erkenntnisfortschritt nutzen, ken- Erbe aus der Altsteinzeit. Damals machten die
nen christliche Gemeinschaften nur das Schamanen die Erfahrung, mit Hilfe von
»Amen« in der Kirche, das keinen Wider- Drogen, durch Tanz und Musik »außer sich«
spruch duldet. sein zu können; eine Erfahrung, die heute die
Wer die Wahrheit weiß, seine Wahrheit, Kids bereits bei einem Popkonzert machen
mit dem ist darüber keine Diskussion mehr können, denn so funktioniert nun mal das
möglich. Es ist sinnlos, etwa mit einem Zeu- menschliche Gehirn. Die Schamanen aber
gen Jehovas zu diskutieren, und es wäre eben- meinten wie heute noch die fundamentalisti-
so unergiebig, mit dem Papst zu streiten. Fun- schen Gläubigen, in der Ekstase dem Mund
damentalisten sind nicht diskussionsfähig. Gottes besonders nahe zu sein und dabei ge-
Diese haben aber immer mehr das Sagen, nau zu erfahren, was der göttliche Wille ist.
auch in den etablierten Kirchen. Die katho- »Gott möchte, dass ich Präsident werde«, ver-
lische Kirche macht den Aufbruch des 2. Vati- kündete zum Beispiel George W. Bush vor
kanischen Konzils rückgängig. Die evangeli-
schen Kirchen vergessen das Erbe der Aufklä-
rung und öffnen sich mehr und mehr den
Evangelikalen. Zwar stellt zum Beispiel die
Evangelische Landeskirche in Württemberg in
einem Manifest vom Juli 2007 richtig fest:
»Der protestantische Fundamentalismus lie-
fert der aufgeklärten Religionskritik eher die
Argumente, als dass er diese entkräftet.« Und
weiß zwar: »Der Wille Gottes geschieht in der
Welt durch die natürlichen Zusammenhänge
von Ursache und Wirkung.« (Dabei dürfte es
der Landeskirche allerdings schwerfallen zu
erklären, was denn »der Wille Gottes« sei.)
Aber entscheidend ist die Schlussfolgerung,
sozusagen der fromme Pferdefuß: »Der Krea-
tionismus soll aus der Evangelischen Kirche
nicht durch Abgrenzung verdrängt, sondern

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 93


spektrum-essay: Glaube und wissen

seiner Wahl. Und selbstverständlich war es der Evangelischen Kirche in Deutschland


auch Gottes Wille, dass der US-Präsident in Wolfgang Huber, den Gottesdienst für ihr
den Irak einmarschieren ließ. So wie es Gottes »Kerngeschäft«. Kerngeschäft ist aber etwas für
beziehungsweise Allahs Wille war, dass Osama Nussknacker. Daraus wird dann wie in der
bin Laden die USA angreifen musste. Süßwarenindustrie Marzipan gemacht; eine
»Offenbarung« ist ein Totschlagargument, bittersüße Angelegenheit.
mit dem jeder Glaube, aber auch jeder Un- Wie kommt es zu diesem Auseinanderfal-
sinn begründet werden kann. Das dem zu len von Glauben und Wissen? Denken ist, an-
Grunde liegende uralte Selbstbildnis, wonach ders als Glauben, schon biologisch eine an-
der Mensch nicht nur ein Teil der Natur ist, strengende Angelegenheit. Pro Gewichtsein-
Jenseits der Sinnes­ sondern auch mit einer anderen, geistigen heit setzt die Hirnmasse 16-mal so viel Energie
Welt kommunizieren kann, steht im Wider- um wie das Muskelgewebe. Natürlicherweise
wahrnehmung gibt spruch zu fundamentalen Erkenntnissen der beschränkt sich unser abwägendes Denken,
es weder Offenba­ Naturwissenschaftler. Denn wie sollte eine anders als das Fühlen, daher auf das Allernot-
rung noch irgend­ nichtmaterielle, geistige Entität die materiel- wendigste. Denn das dafür zuständige so ge-
len Prozesse in unserem Gehirn beeinflussen? nannte Arbeitsgedächtnis ist in seiner Kapazi-
welche Sonderwahr­ »Jenseits dessen, was Menschen mit ihren Sin- tät beschränkt. Wo immer es geht, arbeitet der
nehmungen nen wahrnehmen können, gibt es weder Of- Kopf Energie sparend und automatisch. Das,
fenbarung noch irgendwelche Sonderwahr- was schon immer so war, anzuzweifeln, setzt
nehmungen.« Das sagt der protestantische starke Emotionen voraus, möglichst positive.
Theologe Klaus-Peter Jörns. Unseren Kinderglauben zweifelnd zu beden-
ken ist jedoch im Allgemeinen alles andere als
Hang zum Anti-Intellektualismus lustvoll – passiert also nicht automatisch. Der
Spätestens seit Immanuel Kants Kritik wissen Dichter Gotthold Ephraim Lessing vermerkte:
auch Theologen, dass es weder einen Gottes- »Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen,
beweis noch einen Gegenbeweis geben kann, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
weshalb auch der Atheismus nur eine Ideolo- doch seine Macht nicht über uns.«
gie ist. Das Bild eines Gottes, wie es Jesus den Offensichtlich ist es auch für Intellektuelle
Menschen vermittelt hat, ist dennoch so at- einfacher, in zwei Welten zu leben: in dieser
traktiv, dass seither Christen darauf im Leben des Wissens und jener des Glaubens, der ein
und Sterben bauen. Und dies, obwohl bereits Kinderglaube geblieben ist und deshalb nicht
die Verfasser der Schriften des Alten wie die reflektiert wird. Andererseits sind viele Men-
des Neuen Testaments jeweils ihre eigene The- schen auf der Suche nach etwas, was ihrem
ologie in Dichtung und Wahrheit ausschmü- Leben Sinn gibt. Denn es ist eine der groß­
cken. Es bleibt die Aufgabe der Theologen, artigen Möglichkeiten des Menschen, seinem
Georg Pfreimer, mit frdl. Gen. des Eichborn Verlags

sich – im Licht der Erkenntnisse auch jeweils Leben Sinn geben zu können. Homo sapiens
anderer Wissenschaften – damit kritisch aus- hat sich während seiner Evolution entwickelt,
einanderzusetzen. um zu überleben, was ihm trotz aller Katas-
Doch die christlichen Kirchen hören nicht trophen der Erdgeschichte offensichtlich ge-
auf ihre eigenen Wissenschaftler. Sie verschwei- lungen ist, anders als etwa den Sauriern.
gen die Erkenntnisse der historisch-kritischen Die Welt verstehen zu wollen und einen
Theologie. Die der Naturwissenschaften ken- Sinn darin zu suchen, kurz, nach dem Warum
nen sie ohnedies kaum. Sie halten die Bilder, zu fragen, ist gewissermaßen ein Nebeneffekt
die sie sich von der Wirklichkeit machen und dieser Entwicklung. Ergebnis der Notwendig-
die sie seit zweitausend Jahren immer feiner keit, sich orientieren zu müssen, obgleich die
Der Physiker und Wisseschafts­ ausspinnen, für die Wirklichkeit. Andernfalls eigenen Sinnesorgane eher schwach entwickelt
publizist Martin Urban leitete 34
Jahre lang die Wissenschaftsredak-
gäbe es im Vatikan keinen unfehlbaren Papst sind, im Gegensatz zu denen etwa der Raub-
tion der »Süddeutschen Zeitung«. und das System bräche zusammen. Doch auch tiere. Nur muss der Mensch damit leben, nicht
In seinen Büchern geht er den in den protestantischen Kirchen gibt es »einen auf alle seine Fragen Antworten zu finden. Die
Konsequenzen naturwissenschaft­ fatalen Hang zum Anti-Intellektualismus«, ur- Wahrheit wird er nie erfahren. Neben dem
licher Erkenntnisse für unser Welt- teilt der evangelische Theologe Friedrich-Wil- Zweifel allen Ideologien gegenüber, die die
bild nach. Zuletzt erschien von
ihm: »Wer leichter glaubt, wird
helm Graf. Er hilft aber nicht, den Rückzugs- Wahrheit zu wissen vorgeben, bleibt ihm die
schwerer klug. Wie man das prozess aufzuhalten: Die Intellektuellen gehen Hoffnung, die zu einer persönlichen Gewiss-
Zweifeln lernen und den Glauben ohnedies nicht mehr hin, und die Frommen heit werden kann. Auch das lässt sich in einem
bewahren kann« (Eichborn Verlag, werden Beute der Fundamentalisten innerhalb Witz ausdrücken:
September 2007). und außerhalb der Kirchen. Die Pfarrer in den Zu einem Sterbenden kommt der Pfarrer
(außer am Heiligabend) vielerorts gähnend lee- und sagt: »Ich bin gekommen, um Ihnen das
Weblinks zu diesem Thema finden ren Gotteshäusern predigen zwar guten Wil- Wort Gottes zu verkünden.« – Der Todkranke:
Sie unter www.spektrum.de/ lens, aber zumeist wider besseres Wissen. Und »Wozu brauche ich da Sie? Ich werde doch
artikel/912788. sie halten dennoch, wie der Ratsvorsitzende gleich mit Ihrem Chef persönlich sprechen.« 

94  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

Spektrum der Wissenschaft / Christoph Pöppe


Kinematik sechs Drehachsen der Scharniergelenke
ziemlich wild herum. Während der Um-
stülpung bleiben sie nicht unverändert,
Monumentale Kaleidozyklen sondern rotieren selbst im Raum. Konse-
quenterweise ist die gesamte Mechanik
nicht etwa an den Scharniergelenken
Ringe aus Tetraedern, die entlang von Kanten verbunden sind,  aufgehängt, sondern an den einzigen
Punkten, die wirklich ortsfest bleiben:
können faszinierende Umstülpbewegungen ausführen.
den Mittelpunkten der Tetraeder.
Welche komplizierten Berechnungen
sind erforderlich, um die richtigen Ab-
Von Christoph Pöppe gung wird das Sechseck wiederherge- messungen für die Ringglieder zu finden,
stellt, und die bisher äußeren Ecken ma- sodass der ganze Ring auf so wunder-

E s sieht fast so aus, als würde eine ins


Monströse vergrößerte Nachteule
mit majestätischer Langsamkeit ihre Flü-
chen sich auf die Einwärtswanderung.
Denken Sie bei dem Wort »Tetra­
eder« nicht allzu intensiv an den gleich-
same Weise beweglich bleibt, ohne ir-
gendwo zu klemmen? Die überraschende
Antwort ist: nicht viele. Es funktioniert
gel schlagen. Nur gelegentlich durch- namigen platonischen Körper. Die mit einer großen Vielfalt an Tetraeder-
bricht ein beängstigendes Knacken die Glieder dieser Kette sind keine regelmä- formen. Es gibt nur eine einzige echte
Stille und erinnert den Betrachter daran, ßigen Tetraeder. Ihre Kanten sind nicht Einschränkung. Der Abstand zwischen
dass hier beträchtliche Massen bewegt gleich lang; wenn sie es wären, könnten den Scharnierkanten darf nicht zu kurz
werden. Was seit wenigen Wochen von sechs von ihnen sich nicht zu einem sein; sonst schrumpft der Mercedesstern
der Decke des Mathematikums (des »ma- Ring schließen. nicht nur auf nichts zusammen, sondern
thematischen Mitmach-Museums«) in möchte sich »überschlagen«, und das
Gießen hängt, ist ein Gelenkmechanis- Beweglich dank Symmetrie geht natürlich nicht.
mus aus sechs starren Bestandteilen, die Für alle Tetraeder, regelmäßig oder nicht, Marcus Engel hat die zugehörige
miteinander durch Scharniergelenke zum gilt jedoch: Jeder Kante liegt genau eine Geometrie auf seiner Website www.
Ring verbunden sind. Es handelt sich um weitere Kante gegenüber, die mit ihr kei- kaleidocycles.de in aller wünschens-
Tetraeder, also Körper, die von vier Drei- ne Berührung hat. Beim regelmäßigen werten Ausführlichkeit bis hin zu expli-
ecken begrenzt sind und deren je drei an Tetraeder stehen gegenüberliegende Kan- ziten Formeln durchgerechnet. Da lässt
eine der vier Ecken grenzen. ten senkrecht aufeinander. Das klingt für sich die massenhafte Anwendung von
Irgendwie rotiert der Ring, aber Strecken, die keinen Punkt gemeinsam Winkelfunktionen nicht vermeiden.
nicht auf die nahe liegende Weise. Er haben, etwas merkwürdig, heißt aber Aber das Prinzip hinter seiner Herleitung
stülpt sich vielmehr permanent um: Was nichts weiter, als dass sie senkrecht auf- ist auch ohne sie erklärbar.
auf der Innenseite des Rings lag, gerät einander stehen, wenn man eine der bei- Wir vereinfachen uns zuerst die Situ-
nach oben, nach außen, nach unten und den Kanten durch Parallelverschiebung in ation, indem wir ihre Symmetrie nutzen.
wieder nach innen. Dem Blick von un- Kontakt zur anderen bringt – irgendwie. Es stellt sich heraus, dass die Drehachsen
ten bietet sich ein Sechseck, von dem In jedem Tetraeder des Gelenkme- der Scharniere zwar nicht ortsfest sind,
jede zweite Ecke nach innen wandert, bis chanismus liegen die beiden Kanten, die aber jeweils in einer Ebene bleiben.
von Inneren nur noch ein in der Mitte mit den Nachbartetraedern verbunden Wenn der Ring, wie bei der Installation
etwas dicklicher Mercedesstern übrig sind, einander gegenüber und stehen in Gießen, insgesamt horizontal orien-
bleibt. Im weiteren Verlauf der Bewe- senkrecht aufeinander. Damit stehen die tiert ist, stehen diese Ebenen sämtlich

96 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


mensch & geist

vertikal und sind darüber hinaus noch gen. Legen wir Kante a horizontal an Der Riesen-Kaleidozyklus im Gießener Ma-
Symmetrieebenen. Wenn man sie in Ge- den einen Spiegel und orientieren das thematikum wird getrieben durch Motoren
danken durch Spiegel ersetzt, kann man Skelett so, dass Stange b ebenfalls hori- im Inneren der Teiltetraeder. Im Verlauf ei-
– in Gedanken! – fünf der sechs Tetra­ zontal liegt. Dann ist Kante c vertikal, ner Umstülpung zeigt es dem Betrachter von
eder weglassen. Das letzte Tetraeder mit- und es ist kein Problem, das Skelett pa­ unten immer abwechselnd eine rote und
samt seinen Spiegelbildern bietet dann rallelzuverschieben, bis c dem zweiten eine graue Seite.
denselben Anblick wie zuvor. Spiegel anliegt. Nur b darf nicht zu kurz
Es genügt sogar, über die zwei Spie- sein, sonst stößt a beim Verschieben an
gel nachzudenken, die unser letztes ver- die Kante, an der sich die Spiegel treffen.
bliebenes Tetraeder einrahmen. Sie ste- Was ich soeben für den Spezialfall mals 1987). In der Tat sind die Tetra­
hen zueinander im Winkel von 60 Grad, »a horizontal« beschrieben habe, funkti- ederringe spiegelsymmetrisch wie ein
und das Tetraeder muss sich so bewegen, oniert allgemein! Wir legen a in irgend­ Kaleidoskop und zyklisch im Sinn von
dass jede seiner beiden Scharnierkanten einer Orientierung an den ersten Spiegel. umstülpbar.
stets in ihrer Spiegelebene liegt. Wenn wir jetzt das Skelett um a als Ach- Escher hatte Flächen lückenlos und
Kann unter dieser Bedingung eine se rotieren, dann beschreibt das andere regelmäßig mit stilisierten Tieren oder
Scharnierkante eine vollständige Dre- Ende von b einen Kreis und c alle Tan- auch mit Engeln und Teufeln gefüllt.
hung in ihrer Ebene ausführen (und die genten an diesen Kreis. Also nimmt c Der Idee nach sind Eschers Flächen un-
andere dann auch)? Die Antwort ist ja. alle Orientierungen innerhalb der Ebene endlich ausgedehnt. Schattschneider und
Wohlgemerkt: »Vollständige Drehung« des Kreises an, und da diese die Ebene Walker haben durch die Übertragung
heißt nicht um einen festen Punkt. Viel- des zweiten Spiegels schneidet, ist unter auf eine Fläche, die ein Topologe einen
mehr muss es genügen, wenn die Kante diesen Orientierungen auch eine, die Torus nennen würde, aus unendlich vie-
jede mögliche Orientierung in ihrer Ebe- parallel zur Ebene des zweiten Spiegels len Tieren eine endliche Anzahl gemacht;
ne einnehmen kann. liegt. Es sind sogar zwei; aber die zweite aber die Fläche hat nach wie vor keinen
Und das sieht man so: Wir lassen der ist nicht zugänglich, weil der erste Spie- Rand. Man muss sie sich halt über die
Übersichtlichkeit zuliebe das Tetraeder gel der freien Bewegung des Skeletts im Kanten der Tetraeder hinweg fortgesetzt
abmagern – bis auf das Skelett. Dieses Weg steht. Durch Parallelverschiebung, denken. So kann man unendlich weit
besteht aus den beiden einander gegen­ welche die Orientierung von a nicht än- auf der Fläche entlanglaufen und unend-
überliegenden Scharnierkanten, nennen dert, finden wir wieder eine Position des lich oft ein Musterelement antreffen
wir sie a und c, sowie einer Verbindungs- Skeletts, in der a und c ihren Spiegeln (darunter eben unendlich oft dasselbe),
stange namens b zwischen ihnen. Und anliegen, was zu beweisen war. ohne je an eine Grenze zu stoßen.
zwar steht diese Stange senkrecht auf Ihrem sehr deutschen Namen zum
beiden Scharnierkanten. Außerdem muss Engel und Teufel Trotz ist Doris Schattschneider Amerika-
nach wie vor die Bedingung erfüllt sein, Tetraederringe dieser Art wurden einem nerin. Es ist wohl dem Geschmack ihres
dass a und c aufeinander senkrecht ste- größeren Publikum bekannt, als 1977 heimischen Publikums zuzuschreiben,
hen. Aus einem Skelett ist das vollständi- die Mathematikprofessorin Doris Schatt- dass bei der Übertragung von Eschers
ge Tetraeder leicht wieder zu rekonstru- schneider und der Künstler Wallace Wal- Original auf die Kaleidozyklen den Teu-
ieren, indem man die Endpunkte von a ker die Flächen der Tetraeder mit Mo- feln die männlichen Geschlechtsmerk-
mit denen von c verbindet. tiven aus Werken von M. C. Escher be- male abhanden kamen.
Versuchen wir nun das Skelett so druckten und ihr Werk unter dem Viele Leute haben sich Kaleidozyk-
zwischen die beiden Spiegel zu setzen, Namen »Kaleidozyklen« veröffentlichten len aus den im Buch enthaltenen Vorla-
dass a und c jeweils einem Spiegel anlie- (die deutsche Übersetzung erschien erst- gen selbst zusammengebastelt. Darunter

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  97


UNTERHALTUNGEN

Thomas Güthner

Ludwig Danzer
MATHEMATISCHE

Nachbau des Ikosaedergestrüpps durch Tho- höriger Flächen mit einem übergreifen- dreiecken verwendet, um eine Vermu-
mas Güthner (links); zwei Ansichten des un- den Bild versehen. Während der Um- tung des bekannten Geometers J. Fejes
entwirrbaren Gestrüpps aus zwölf Balken stülpbewegung setzt sich dann jedes Bild Tóth zu widerlegen (Proceedings of the
von Ludwig Danzer (Mitte und rechts) zusammen und fällt wieder auseinander, Colloquium on Convexity Copenhagen
um dem Nachfolger Platz zu machen. 1965, S. 312). Wenn ein geometrischer
Statt ganzer Bilder trägt der Kaleidozyk- Körper über Auswüchse und Einbuch-
sind auch Ringe mit acht statt sechs lus im Mathematikum immerhin ver- tungen verfügt, kann er sich damit zwei-
Gliedern. In der Tat ist Marcus Engels schiedene Farben. fellos mit seinesgleichen zu einem unent-
Beweisführung auf jede gerade Glieder- Ist es nun Größenwahn, dass Alb- wirrbaren Gestrüpp verkeilen. Wenn er
zahl oberhalb von 6 übertragbar. Ab acht recht Beutelspacher, der Chef des Ma- aber konvex ist, das heißt keine Stelle
Gliedern dürfen die Tetraeder sogar wie- thematikums, einen Kaleidozyklus nicht hat, in die sich etwas einhaken könnte,
der regulär sein. Allerdings ist die Bewe- in der handlichen Papierform, sondern ist es schon schwieriger. (Genauer: Ein
gung für höhere Gliederzahlen nicht mit dem Durchmesser von monumen- Körper heißt konvex, wenn er zu je zwei
mehr zwangsläufig, das heißt, gewisse talen 4 Metern haben wollte? Ganz im seiner Punkte auch die komplette Ver-
Teile der Kette sind im Gegensatz zum Gegenteil! Das Original ist in jeder Di- bindungsstrecke dieser Punkte enthält.)
Sechserring unabhängig vom Rest be- mension doppelt so groß und soll dem- In einer Ansammlung konvexer,
weglich. Es gibt sogar einen ganz schrä- nächst das größte »Science Center« der punktsymmetrischer Körper gebe es im-
gen Kaleidozyklus, dem die Spiegelsym- Welt in Guangdong (China) zieren. In mer einen, den man entfernen kann,
metrie fehlt. Gießen hängt nur der Prototyp, den die ohne einen der anderen zu bewegen, ver-
Die Idee des Kaleidozyklus ist älter Firma Hüttinger in Schwaig bei Nürn- mutete Fejes Tóth. Dass Konvexität al-
als der Name. Auch der legendäre »Um- berg vorzeigen musste, bevor sie den lein nicht ausreicht, wusste er schon.
stülp-Würfelgürtel«, den der Schweizer Bauauftrag bekam. Danzer bewies jedoch, dass auch Konve-
Tüftler Paul Schatz in den 1930er Jahren xität mit Punktsymmetrie nicht hilft. Er
fand und aus dem er sein Oloid konstru- Noch mehr Gestrüpp fand ein Ensemble von achtkantigen,
ierte (Spektrum der Wissenschaft 2/1991, Die »geordneten Gestrüppe« im letzten punktsymmetrischen Zaunpfählen, die
S. 10), ist ein sechsgliedriger Kaleidozy­ Oktoberheft (S. 93) haben unerwartete an beiden Enden durch je zwei ebene
klus, und zwar ein ganz spezieller. In sei- Aktivität ausgelöst. Thomas Güthner aus Schnittflächen angespitzt sind. Sie lassen
nem Skelett sitzt die Verbindungsstange Trostberg im Chiemgau hat die abgebil- sich nach dem Muster des genannten
b nicht in der Mitte von a (wo sie sich dete Hohlkugel von Philippe Dubois Zwölfbalkengestrüpps so hoffnungslos
ansonsten wegen der Symmetrie ganz gut nachgebaut (Bild oben, links), wobei er ineinander verkeilen, dass selbst die
macht), sondern an einem Ende, desglei- die Maße der Stäbe durch Probieren er- gleichzeitige Bewegung zweier beliebiger
chen für c. Das hat zur Folge, dass der mittelte. Dabei stellte sich heraus, dass es Balken das Gestrüpp nicht auflösen kann
Würfelgürtel einige spezielle Konfigurati- nur 90 Stäbe sind statt 120, wie ich aus (Bild oben, Mitte und rechts). 
onen wie das gleichseitige Dreieck und der offiziellen Bezeichnung »ICOF2 120
das regelmäßige Sechseck exakt annimmt Burr« falsch erschlossen hatte. Thomas
Christoph Pöppe ist Redak-
und in einem Zwischenstadium genau in Güthner hat seine Stäbe durch Holzdü-
A u t o r / L ITE R AT U R

teur bei Spektrum der Wis-


einen Würfel passt. bel in der richtigen Position fixiert; aber senschaft.
Im Allgemeinen gibt es bei einem nach Fertigstellung wären diese entbehr-
Kaleidozyklus keine Phase, in der wie lich, denn das ganze Werk hält, da unter M. C. Escher Kaleidozyklen.
beim Würfelgürtel mehrere Flächen – Spannung, sehr stramm zusammen. Von Doris Schattschneider
eine aus jedem Tetraeder – in einer Ebe- Ludwig Danzer, heute emeritierter und Wallace Walker. Taschen, Köln 2007
ne liegen. Aber es sieht bei geeigneter Mathematikprofessor in Dortmund, hat Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei
Betrachtung zumindest fast so aus. Man schon vor vierzig Jahren ein Gestrüpp www.spektrum.de/artikel/912797
kann jede Gruppe derart zusammenge- ähnlich dem Zwölfteiler aus vier Balken-

98 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Datentechnik

Mit Licht Ins


Internet
Als Datenträger bietet Licht ungeahnte Möglichkeiten für Büro
und Wohnzimmer. Ein optischer Internetanschluss zaubert
Nachrichten, Filme und virtuelle Gesprächspartner drahtlos in
die eigenen vier Wände.

Von Mohsen Kavehrad Eine interessante Alternative ist Licht als

S
Datenträger. Statt mit Funkwellen arbeiten
eit Langem träumen Elektronikinge- lokale optische Netze mit weißem oder infra-
nieure von allgegenwärtiger Vernet- rotem Licht; Letzteres dient bereits in der
zung – drahtlose Datenübertragung Fernbedienung heutiger Fernseher als un-
In Kürze für jedermann, überall und jederzeit.
Diesem Ziel nähern wir uns mit großen
sichtbares Signal. Optische Systeme können
Digitalgeräte drahtlos mit einem Datenan-
r  L ichtstrahlen eignen sich
Schritten: Mehr als zwei Milliarden Men- schluss im Zimmer verbinden, der seinerseits
besser als Radiowellen, um
schen telefonieren per Handy, und hunderte von einem zentralen Hochgeschwindigkeits-
Text, Bild und Ton aus dem
Millionen Menschen senden und empfan- netzwerk gespeist wird.
Internet drahtlos zu mehre-
gen Daten mit ihrem Laptop oder anderen
ren Empfängern in geschlos-
Digitalgeräten über ein lokales Funknetz Problem der letzten Meile
senen Räumen zu bringen.
(WLAN, wireless local-area network). Das hat mehrere Vorteile. Die fokussierten,
Insbesondere genießen immer mehr interferenzfreien Datensender ermöglichen
r   ptische lokale Netze nutzen
O
WLAN-Nutzer die Annehmlichkeit, in Ge- fast unbegrenzte Bandbreite für zahlreiche
kodiertes Infrarot oder
bäuden ihre drahtlosen Mobilgeräte überall Nutzer. Außerdem garantieren sie fast per-
sichtbares Licht zur Daten-
einsetzen zu können. Gleichzeitig rüsten die fekte Abhörsicherheit, weil Licht im Gegen-
übertragung an mobile
Hersteller ihre stationären Elektronikpro- satz zu Funkwellen nicht durch Wände dringt.
Nutzer daheim und im Büro.
dukte mit drahtloser Fernbedienung aus. Au- Die optische Drahtlosübertragung eignet sich
r  DaPhotonen größere Band- ßerdem wollen die Kunden Breitbanddienste besonders für große Büroräume mit vielen
breite bieten als die bei im Internet nutzen, ohne an einem Kabel zu Breitbandnutzern in beengter Umgebung –
WLAN, WiMAX oder anderen hängen. etwa Fabrikhallen oder Großraumbüros mit
Funknetzen verwendeten Doch die Bandbreite in den verfügbaren vielen variablen Arbeitsnischen.
Radiowellen, können viele Radiofrequenzbereichen ist begrenzt, und Vielleicht haben Sie schon vom »Problem
Nutzer in einem Raum darum hemmen mangelnde Übertragungs­ der letzten Meile« gehört: Breitbanddienste
arbeiten. Weil Licht nicht geschwindigkeit und Kanalkapazität den vom landesweiten Hochgeschwindigkeits­
durch Wände dringt, ist drahtlosen Zugriff auf Multimediadienste wie datennetz zum lokalen Endverbraucher zu
Abhören fast ausgeschlossen. Videokonferenzen, Internetfernsehen und bringen ist besonders kostspielig. Hingegen
Filme auf Abruf. Auch neue, schnellere Funk- löst die optische Übertragung das »Problem
standards wie WiMAX sind für drahtlose der letzten Meter«: Sie verbindet den End-
Breitbandübertragung in Gebäuden nicht gut punkt des fest verdrahteten Datennetzwerks
geeignet, denn sie können auf begrenztem drahtlos mit den Geräten in einem geschlos-
Raum nur wenige Nutzer bedienen und bie- senen Raum.
ten vor allem keine abhörsichere Kommuni- Ingenieure des IBM-Forschungslabors in
kation. Zürich untersuchen das Prinzip der optischen

100  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Technik Technik
& computer
& computer

Lichtstrahlen übermitteln Multimediadaten mit hoher Geschwindigkeit an


mobile Digitalgeräte. Die Nutzer können sich dabei beliebig im Raum bewegen.

John Still

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 101


Datentechnik

Funk kontra Infrarot

Infrarotsysteme, die kodierte Lichtstrahlen durch Mehrfachreflexion diffus im Raum verteilen, sind bei der
drahtlosen Übertragung von Breitbanddaten in Innenräumen gegenüber lokalen Funknetzen im Vorteil.

Übertragungsgeschwindigkeit Signalschwund
Funk: Um die Gesundheit in Innenräumen nicht zu gefährden, Funk: Wenn kodierte Funkwel­
darf die Senderleistung gewisse Grenzwerte nicht überschrei­ len mehrfach von leitenden D-Link Corp
oration

ten. Das beschränkt die maximale Datenübertragungsrate auf ei­ Oberflächen reflektiert werden,
nige hundert Megabit pro Sekunde. können sie zu etwas unter­
Infrarot: Übertragungstempo bis zu ein Gigabit pro Sekunde. schiedlichen Zeiten beim Emp­
WLAN-Router
fänger ankommen. Mitunter
Grenzen der Bandbreite sind die Wellen sogar so stark
Funk: Weil Radiosignale derselben Frequenz einander gegeneinander verschoben, dass sie einander komplett auslö­
stören, geben die zuständigen Behörden feste Frequenz­ schen.
bänder vor; dies beschränkt die nutzbare Bandbreite. Infrarot: Aus üblichen Quellen emittierte Lichtwellen interferie­
Getty Images

Infrarot: Photonen stören einander nicht. Die Band­ ren nicht. Da die Fotodioden im Empfänger die Wellen separat
breite ist nur dadurch begrenzt, wie schnell die Foto­ absorbieren und die einfallende Intensität mitteln, wird das Si­
Infrarot-
dioden des Empfängers eintreffende Daten verarbeiten gnal nicht geschwächt.
Fernbedienung können.
Störungsquelle
Sicherheit Funk: Interferenz mit Signalen, die von anderen Nutzern auf
Funk: Radiowellen durchdringen Wände und öffnen Schnüfflern derselben Frequenz gesendet werden, setzen die Übertragungs­
Tür und Tor. geschwindigkeit herab.
Infrarot: Licht dringt nicht durch Wände und kann von außen Infrarot: Zufallssignale von anderen Lichtquellen – Sonne oder
nicht abgehört werden. Lampen – mindern die Übertragungsgeschwindigkeit.

Kommunikation in Innenräumen schon seit sen (siehe Kasten auf der Seite gegenüber).
Anfang der 1980er Jahre. Doch die Technik Tatsächlich funktionieren einige im Handel
stagnierte ein Jahrzehnt, weil das Internet erhältliche Infrarotsysteme nach diesem Prin-
noch in den Kinderschuhen steckte und es zip, aber die hin- und hergeworfenen Strahlen
keinen Bedarf an drahtlosen Breitbandsyste- erzeugen eine Art Echo, das den Datenemp-
men gab. Das hat sich in den letzten Jahren fang stört und verlangsamt.
mit dem erstaunlichen Wachstum des World
Bis 2010 werden Wide Web gründlich geändert. Tausendmal schneller als DSL
Drahtlose optische Netze arbeiten mit elek- Um dieses Problem in den Griff zu bekom-
vermutlich mehr tromagnetischen Wellen im sichtbaren und men, hat mein Team an der Pennsylvania
infraroten Bereich. Derzeit wird nur sehr State University ein System entwickelt, das
als zwanzig Milli- schwache Infrarotstrahlung genutzt; ihre Wel- viele Kopien der Daten als bleistiftdünne,
onen Nutzer über lenlänge ist größer als bei sichtbarem Licht, den gesamten Innenraum wie ein Gitter er-
aber deutlich kleiner als die von Radiowellen. füllende Infrarotstrahlen aussendet. Die
Funknetze draht- Erst bei hoher Intensität nehmen wir Infrarot- schwachen Strahlen, die alle dieselben Si-
losen Zugang zum licht als Wärme wahr. gnale transportieren, verbinden einen fest
Optische Verbindungen funktionieren am mit dem Hochgeschwindigkeitsnetz verdrah-
Internet haben besten, wenn der Sender direkt auf den Emp- teten Internetanschluss mit den empfangsbe-
fänger zielt, wie wir das mit unserer Fernbe- reiten Geräten im Raum. Die Mehrfachsig-
dienung praktizieren. Doch wie soll man op- nale ermöglichen den Nutzern, sich frei im
tisch ein ganzes Büro vernetzen oder Flughä- Raum zu bewegen, ohne die Verbindung zu
fen und Restaurants mit Internetzugang verlieren, denn das mobile Gerät findet im-
versorgen? Um einen Innenraum vollständig mer einen neuen Strahl, wenn der alte blo-
zu erfassen, streuen optische Netzwerke ihre ckiert ist.
Lichtstrahlen möglichst gleichmäßig. Die da- Da jedes Gerät gleichzeitig mehrere iden-
tentragenden Infrarotstrahlen werden von al- tische Datenströme empfängt, vermag es
len Oberflächen reflektiert – von Wänden, Ti- durch simplen Datenabgleich Fehler zu korri-
schen, Kaffeemaschinen und sogar von den gieren. Das Raumgitter aus feinen Lichtstrah-
Gesichtern der Anwesenden. Darum können len gewährleistet rasche Signalübertragung –
die Empfänger in jede beliebige Richtung wei- ein Gigabit pro Sekunde, hundert- bis tau-

102  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Technik & computer

sendmal schneller als ein DSL-Anschluss – mit Um die von den Digitalgeräten emittierten
wenigen Übertragungsfehlern. Antwortsignale aufzunehmen, wird im Raum
Wir erzeugen das Lichtnetz mit einem so ein Empfänger platziert, der mit einem so ge-
genannten Strahlformer – einem speziellen nannten Fliegenauge-Filter ausgestattet ist.
holografischen Filter –, der die Strahlen in die Dieser holografische Filter leitet die aus allen
gewünschten Richtungen aussendet. Um den möglichen Richtungen kommenden Signale Wichtige
holografischen Filter zu konstruieren, be-
leuchten wir zunächst eine lichtempfindliche
zu separaten Fotodetektoren und verbessert
den Empfang durch Kombination der Einzel- Begriffe
Kunststoffschicht aus zwei Richtungen mit strahlen.
r   LAN (wireless local area
W
dem Bild eines Gitters. Zu diesem Zweck
network) ist ein lokales
spalten wir den Strahl, der das Bild enthält, Leuchtende Siliziumchips
Funknetz für den drahtlosen
mit einem halbdurchlässigen Spiegel auf und Diese Infrarotsysteme werden höchstwahr-
Datentransport.
führen die beiden Teilstrahlen auf dem Kunst- scheinlich bald von lokalen Netzen verdrängt
stofffilm wieder zusammen. Dadurch wird die werden, die mit weißem Licht arbeiten. Als r  EinWLAN-Router leitet
lichtempfindliche Schicht aus unterschied- Quelle dienen Licht emittierende Dioden (»routet«) Internetdaten
lichen Winkeln mit demselben Gittermuster (LEDs); sie versprechen noch bessere Breit- mittels Funkwellen zu mehre-
beleuchtet; es entsteht ein holografisches – bandübertragung und sind überdies eine at- ren Endnutzern.
dreidimensionales – Bild. Wenn nun der In- traktive Alternative zu herkömmlichen Be- r   SL (digital subscriber line)
D
frarotsender einen kodierten Lichtstrahl durch leuchtungskörpern. ist ein digitaler Teilnehmer-
den holografischen Filter schickt, erzeugt die- Weiße LEDs sind nicht nur Energie spa- anschluss für hohe Übertra-
ser viele Kopien des Strahls, die ein drei­ rend und langlebig wie Leuchtstoffröhren, gungsraten, die einen so
dimensionales Gittermuster bilden (siehe Kas- sondern dem Auge angenehm wie Glühbir- genannten Breitbandzugang
ten Seite 104). nen. Schon in wenigen Jahren werden diese zum Internet ermöglichen.
Unser Strahlmuster lässt sich nach Wunsch leuchtenden Siliziumchips durch Massenferti-
gestalten – fächerförmig, als rechteckiges Git- gung nach dem Vorbild herkömmlicher inte-
ter oder in Form konzentrischer Kreise. Zum grierter Schaltkreise so billig sein, dass sie so-
Beispiel werden Fabrikhallen und Großraum- gar Energiesparlampen ersetzen können. Da-
büros üblicherweise gleichmäßig ausgeleuch- bei wurde bisher kaum erkannt, dass dieselbe
tet, während das Licht in Museen auf Bilder LED-Technik, die Innenräume höchst billig
und Skulpturen fokussiert wird. Ebenso lassen und effizient auszuleuchten vermag, gleichzei-
sich die Strahlen der optischen Netze dort tig auch alle entsprechend ausgestatteten Di-
konzentrieren, wo viele Breitbandnutzer ar- gitalgeräte in diesen Räumen mit drahtlosem
beiten. Breitbandzugang versorgen könnte. Wer künf-

Wie ein drahtloses optisches Netze funktioniert


Datenverbindung mit dem Internet
Optische Netze verbinden mit­ ❶
Infrarotsender
tels Infrarotstrahlen viele mobi­ und -empfänger
le Endgeräte in Innenräumen Infrarot- reflektierter
strahlen Strahl
drahtlos mit dem Internet. Preis­
werte Infrarotsender und -emp­
fänger (❶) strahlen Signale zu ❸
reflektierter direkter
mobilen Geräten (❷), die mit ei­ Strahl Weg
ner Steckkarte kodiertes Infrarot
empfangen und senden. Weil die
Lichtsignale im Gegensatz zu
Funkwellen nicht interferieren,
können viele Geräte das op­
tische Netzwerk gleichzeitig nut­
zen. Reflexionen an Oberflächen ❷
und Wänden (➌) sorgen für gu­
ten Netzzugang im ganzen Raum.
Ingenieure entwickeln ähnliche
Systeme mit weißen Leuchtdio­
SW Infographics

den, die im Signaltakt so schnell Infrarotsender


flackern, dass das Auge nichts und -empfänger
davon wahrnimmt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 103


Datentechnik

tig eine weiße LED-Lampe einschaltet, macht ganzen Raum verteilt und meist an der
nicht nur Licht, sondern kommt damit auch Zimmerdecke angebracht. Wie alle optischen
ins Internet. Systeme sind Leuchtdioden unempfindlich
Dass Leuchtdioden – anders als übliche gegen Störung durch Lichtsignale anderer
Lampen – zur drahtlosen Datenübermittlung Wellenlänge und bieten dem Datentransfer
Eine weiße LED- taugen, erkannte erstmals vor einigen Jahren eine enorme Bandbreite.
ein Forscherteam an der Keio-Universität in Selbst wenn die Nutzer das Licht tagsüber
Lampe könnte mit Tokio. Mit ihrer enorm schnellen Schaltge- oder nachts ausschalten, werden ihre Laptops
der normalen schwindigkeit im Megahertzbereich (Millio- nicht vom Netz getrennt: Entweder sorgt eine
nen Schaltvorgänge pro Sekunde) können schwache Stromquelle dafür, dass die LEDs
Raumbeleuchtung LEDs sichtbares Licht modulieren und mit jederzeit genügend Photonen für drahtlose
Daten kodieren. Nach vorläufigen Resultaten Kommunikation aussenden, oder zusätzliche
Breitbanddaten meiner Forschergruppe erreicht eine gewöhn- billige Lichtquellen emittieren unsichtbare
übertragen liche weiße Leuchtdiode auf diese Weise eine Wellenlängen.
Signalfrequenz bis zu hundert Megahertz. Das Einige Probleme sind noch ungelöst. Wie
hochfrequente Flackern bleibt für das mensch- soll das Rückantwortsystem aussehen, mit
liche Auge völlig unsichtbar. dem die drahtlosen Geräte Daten an die wei-
ßen LEDs und die dahinter liegende Infra-
Signale von der Zimmerdecke struktur übertragen? Die Hersteller könnten
Gegenüber WLAN und Infrarotnetzen haben die Geräte mit Sendern ausstatten – oder mit
weiße Leuchtdioden mehrere Vorteile. Wenn Einsteckkarten nachrüsten –, die unsichtbare
sie künftig ohnedies die Raumbeleuchtung Infrarotsignale zu kleinen Fotodioden-Emp-
übernehmen, wird die Installation des draht- fängern in den weißen LED-Leuchten schi-
losen Netzwerks einfacher. Zudem würde der cken. Oder das System arbeitet nur mit einer
Abschattungseffekt durch Gegenstände, die sichtbaren Wellenlänge, nutzt aber die Tatsa-
dem Strahl im Weg stehen, nicht ins Gewicht che, dass Leuchtdioden ohndies mit sehr ho-
fallen, denn LED-Lampen wären über den her Frequenz gepulst werden; das heißt, kurze

Holografische Filter beseitigen störende Echos

Drahtlose optische Systeme erzeugen Infrarotstrahlen, die von Das führt zu Informationsverlusten und senkt die Übertragungs­
den Oberflächen im Zimmer mehrfach reflektiert werden und da­ geschwindigkeit. Als Lösung erprobt der Autor spezielle holo­
durch den gesamten Innenraum erreichen. Da die gestreuten grafische Filter. Ein solcher Filter sitzt auf dem Sender; er ver­
Strahlen unterschiedliche Wege zurücklegen, erreichen sie den vielfacht jeden kodierten Strahl zu identischen Kopien, die den
Empfänger zu verschiedenen Zeiten und erzeugen eine Art Echo­ Raum als Strahlengitter komplett ausfüllen. Ein zweiter Filter –
effekt, der das Auslesen der optisch kodierten Daten erschwert. eine holografisches Fliegenauge – sitzt auf dem Empfänger (un­
ten rechts). Er sammelt Signale aus verschiedenen Richtungen
in separaten Sensoren auf der Fotodiode; dadurch vermag er die
Datenströme getrennt zu verarbeiten.

Holografische Filter beruhen auf dem Prinzip des Hologramms,


das der ungarische Physiker und Nobelpreisträger Dennis Gabor
1948 erfunden hat. Ein holografischer Film speichert das Inter­
ferenzmuster, das bei der Überlagerung zweier Lichtstrahlen
entsteht. Der eine – der Referenzstrahl – kommt direkt aus einer
Lichtquelle, der andere nimmt den Umweg über das abzubilden­
Infrarot- reflektierter de Objekt. Beleuchtet man den entwickelten Film hinterher mit
strahl Strahl
dem Referenzstrahl, entsteht das Interferenzmuster erneut, und
der Film erzeugt wieder genau das Bild, das man angesichts des
realen dreidimensionalen Objekts vor Augen hätte.
Ein holografischer Filter enthält das Interferenzmuster eines
separate Verbindung dreidimensionalen Lichtgitters, das wie ein unsichtbares Holo­
Richtung zum Internet gramm den Raum erfüllt, wenn der Filter mit einem Infrarot­
strahl beleuchtet wird. Da das Licht aller kodierten Gitterstrah­
Infrarotempfänger len aus einer Quelle stammt, ist überall im Raum dieselbe
holografischer
SW Infographics

mit holografischem Information vorhanden. Das Team des Autors kann die Form des
Filter Infrarotsender Fliegenauge-Filter
und -empfänger Gitters beliebig an die Raumverhältnisse anpassen; rechteckige,
fächerförmige oder konzentrische Lichtmuster sind möglich.

104  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Technik & computer

Die Steckdose als Breitbandanschluss

Lokale optische Netze sind be­


sonders praktisch, wenn die In­
ternetdaten zuvor die problema­
tische »letzte Meile« huckepack
auf dem normalen Haushalts­
Transformator
strom reiten. Dieses »Breitband
aus der Steckdose« leistet 500 Stromleitung
bis 50 000 Kilobit pro Sekunde,
vergleichbar mit der Übertra­ Büro
gungsgeschwindigkeit von DSL Netzknoten
oder Kabel. Ein Internetdienst
Internet- Koppler
speist die Daten in einen Netz­ dienstleister
knoten, der den Eingang ins ört­
Repeater
liche Stromnetz bildet. Über ei­
Internet-
nen Koppler wird das Datensignal datenleitung
dem Strom aufgeprägt. Repeater
Schule
verstärken (»wiederholen«) das
Signal unterwegs. Billige Mo­ Wohnhaus
dems an den Steckdosen von Datenleitung
Wohnungen, Schulen und Büros Mittelspannung
Niederspannung

SW Infographics
wandeln die elektrischen Sig-
nale in eine für Digitalgeräte ge­
eignete Form um.

Leuchtphasen werden durch noch viel kürzere Möglichkeit, Internet aus der Steckdose zu
Pausen unterbrochen. In den Pausen könnte beziehen.
das Rücksignal empfangen werden. Dieses Der Nutzer könnte nun an seine Steckdose
Zeitduplexverfahren wird zum Beispiel im einen kleinen, billigen Adapter anschließen,
Mobilfunk angewendet. der die Internetdaten mit Infrarotstrahlen zu
Ungeklärt ist auch, wie störend Tageslicht allen Digitalgeräten im Raum sendet. In Ge-
und andere Lichtquellen wirken und wie eine bäuden mit weißer LED-Raumbeleuchtung
optimale Balance zwischen Raumbeleuchtung wären keine Adapter nötig. Mohsen Kavehrad ist Professor für
Elektrotechnik an der Pennsylvania
und Datenübertragung aussehen soll. Die Wie mein Team gezeigt hat, bietet ein Sys- State University und Gründungs­
Forscher suchen noch nach effektiven Verfah- tem, das weiße Leuchtdioden für Beleuchtung direktor des dortigen Zentrums für
ren zur Kodierung, Dekodierung, Modula­tion und drahtlose Kommunikation mit Power- Informationstechnikforschung. Er
und Kombination von Signalen im sichtbaren line-Technik verknüpft, eine Übertragungska- ist Mitglied des Institute of Electri­
Spektrum, die mit der Beleuchtung harmo- pazität bis zu einem Gigabit pro Sekunde; cal and Electronics Engineers
(IEEE).
nieren. hingegen leistet das übliche DSL nur höchs-
tens zwei bis vier Megabit (Millionen Bit) pro
Internet aus der Steckdose Sekunde und ein Kabel rund 50 Megabit pro Hybrid MV-LV power lines and white
Beide Varianten der drahtlosen Lichtdaten- Sekunde. Dieser Maximalwert wird je nach light emitting diodes for triple-play
technik würden sehr von der Möglichkeit Form und Größe des Raums nur durch die broadband access communications.
Von M. Kavehrad und P. Amirshahi
profitieren, die berüchtigte letzte Meile zum unterschiedlichen optischen Weglängen ein- in: Achieving the triple play:
stationären Nutzer mittels »Breitband aus geschränkt, die das Signal verzerren können. technologies and business models
der Steckdose« (broadband over power lines) Doch mit einem passend platzierten System for success. International Enginee­
zu überwinden. Dabei werden die Internet- können die Techniker diese Verzerrung im ring Consortium, Januar 2006
daten über das normale Stromnetz zur Steck- Zaum halten oder sogar die Mehrfachsignale Transmission channel model and
dose übertragen. In den USA bieten Energie- nutzen, um die Datenqualität zu verbessern. capacity of overhead multi-conduc­
versorgungsunternehmen in Ohio, Texas und Ob mit Infrarot oder mit sichtbarem Licht tor medium-voltage power lines for
anderswo diese Dienste zum Preis von DSL- – die drahtlose optische Datentechnik baut broadband communications. Von P.
Amirshahi und M. Kavehrad in: IEEE
Anschlüssen an. In Europa und Asien – bei- eine Brücke, auf der das Internet die letzten consumer communications and
spielsweise in den Niederlanden, in Spanien, Meter zum Nutzer elegant zu überwinden networking conference, Las Vegas,
Schweden, Norwegen, Südkorea und Japan – vermag. Wer in geschlossenen Räumen mit Januar 2005
eignet sich das Stromnetz besser für solche drahtlosen Digitalgeräten arbeitet, wird bald Weblinks zu diesem Thema finden
Zwecke; in Deutschland gibt es in Dresden, eine neue Möglichkeit haben, auf Breitband- Sie unter www.spektrum.de/
Mannheim und drei weiteren Städten die wellen in die Zukunft zu surfen. artikel/912786.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008 105


REZENSIONEN
Spielfilm
EIN
EIN FILM
FILM VON
VON LUC
LUC JACQUET
JACQUET
mer näherkommen. Diese Szene kann als
»Beginn einer wunderbaren Freundschaft«
Wenn Füchse  gelten. Am Ende darf Lila ihren Fuchs sogar
berühren – ein Zeichen der Vertrautheit, das
bei Vollmond tanzen ihr besonders wichtig ist. Als sie bei einem
der nun regelmäßig folgenden Streifzüge
Diese Verfilmung einer wunderbaren – und problema- mit ihrem neuen Freund den Weg nach
tischen – Freundschaft zwischen Mensch und Tier lässt uns erzählt von esther schweins
Hause nicht mehr rechtzeitig findet und ins
die heimischen Wälder mit ganz anderen Augen sehen.
Mit BERTILLE NOEL-BRUNEAU Nach einer Geschichte von ISABELLE CARRE Ein Film von LUC JACQUET Produziert von YVES DARONDEAU CHRISTOPHE LIOUD EMMANUEL PRIOU

Dunkel gerät, sogar im Wald von all den


Drehbuch und Adaption LUC JACQUET und ERIC ROGNARD Musik EVGUENI GALPERINE ALICE LEWIS DAVID REYES Kamera GÉRARD SIMON (A.F.C.)
Kamera ERIC DUMAGE (A.F.C.) FRANÇOIS ROYET Tieraufnahmen JÉRÔME BOUVIER JÉRÔME MAISON CYRIL BARBANÇON Tiertrainer PASCAL TRÉGUY Kostüme PASCALE ARROU Szenenbild MARC THIEBAULT Regieassistenz VINCENT STEIGER
Filmgeschäftsführung LAURENCE PICOLLEC Produktionsleitung PASCAL ROUSSEL Postproduktion JEAN-CHRISTOPHE BARRET Schnitt SABINE EMILIANI Ton GÉRARD LAMPS ARMELLE MAHÉ Mischung LAURENT QUAGLIO GERMAIN BOULAY
Eine Produktion von BONNE PIOCHE PRODUCTIONS - FRANCE 3 CINEMA In Zusammenarbeit mit WILD BUNCH Mit Beteiligung von CANAL + Mit Unterstützung von CONSEIL GÉNÉRAL DE L’AIN
www.DerFuchsUndDasMaedchen.kinowelt.de

Geräuschen und Tieren völlig verängstigt

D er französische Regisseur Luc Jacquet


ist mit dem Film »Die Reise der Pingu-
ine« auf einen Schlag berühmt geworden
Schnee ein Bein bricht und der Gips sie ans
Haus fesselt. Während Lila aus Büchern und
Bildern immer mehr über Füchse lernt und
ist, bleibt der Fuchs bei ihr und teilt ihren
Schlaf.
Bei all den rührenden und fröhlichen
(Spektrum der Wissenschaft 10/2005, S. sinnend aus dem Fenster schaut, fesselt der Szenen kommt an solchen Stellen immer
98). In einmalig schönen und anrührenden Regisseur den Zuschauer mit packenden Ac- wieder zum Vorschein, dass Lila eben doch
Bildern erzählt er vom Leben der Kaiserpin- tionszenen wie etwa einer mitreißend ge- ein Kind ist und nicht merkt, wenn sie sich
guine – und macht in meinen Augen und filmten Verfolgungsjagd: Luchs jagt Fuchs. in ihrer Begeisterung und Zuneigung ernst-
denen vieler anderer nur einen einzigen Auch das Familien- und Sozialleben un- haft in Gefahr bringt. Sie klettert in Ge-
Fehler: Er vermenschlicht seine tierischen seres Helden wird gezeigt, beim ausgelas- genden herum, die den Kindern des Dorfs
Helden, indem er ihnen Menschenstimmen senen Spiel ebenso wie bei dem märchen- streng verboten sind; sie verirrt sich im
in den Mund legt. haft anmutenden Fuchstanz bei Vollmond. Wald; sie begegnet außer den vielen ande-
Fast scheint es, als hätte Jacquet diesen Hier wird sich mancher Zuschauer fragen, ren Tieren des Waldes auch einem Bären,
Fauxpas in seinem neuen Film korrigieren wie der Regisseur diese Aufnahmen nur hin- und sie beschützt ihren Fuchs vor Wölfen,
wollen. Hier lautet seine Botschaft: Du sollst gekriegt hat. Die Gefahr, die dem Fuchs die auch sie hätten angreifen können. Deut-
das Tier nicht vermenschlichen und vor durch die Menschen droht, wird ebenfalls lich erkennt man ihr Bedürfnis, dem Fuchs
allem nicht für dich vereinnahmen. Und thematisiert: Der neue Gefährte des – weib- immer näherzukommen und ihn letztlich in
das, obwohl »Der Fuchs und das Mädchen« lichen – Fuchses stirbt an einem vergifteten Besitz zu nehmen wie ein Kuscheltier.
in erster Linie eine Mischung aus Märchen Köder. Lila wusste aus den Gesprächen der Dieser Wunsch führt am Ende auch zur
und Fabel ist und der Zuschauer daher einer Erwachsenen von den Fallen und hatte Katastrophe. Als Lila den Fuchs zu sich nach
Vermenschlichung wohl durchaus zugeneigt große Angst. »Aber die Stimme eines klei- Hause lockt und der sich in ihrem Zimmer
wäre. nen Mädchens zählt ja nicht.« plötzlich gefangen fühlt, springt er in Panik
Die Geschichte spielt diesmal nicht in Doch Lilas besonderer Freund überlebt, durch das geschlossene Fenster nach drau-
der fernen Antarktis, sondern im heimischen und im Frühjahr macht sie sich wieder auf ßen und verletzt schwer sich an den Scher-
(französischen) Wald. Die Zehnjährige Lila die Suche. Es kostet sie viel Zeit, Mühe und ben – eine grandios gefilmte, schockierende
begegnet auf ihrem Schulweg am Waldrand Geduld; doch der Fuchs und das Mädchen Szene.
einem Fuchs und ist so fasziniert, dass sie nähern sich einander immer weiter an. Es ist An dieser Stelle hätte der Film ein kon-
nichts unversucht lässt, um ihm weitere ein köstliches Fest, wenn Lila und ihr Fuchs sequentes, wenn auch sehr bitteres Ende
Male zu begegnen. Diese Begeisterung hält sich bei der Verfolgung etlicher von Pfütze gefunden. In der Realität würde der Held
auch an, als sie sich bei der Spurensuche im zu Pfütze hüpfender Frösche spielerisch im- des Films einen so massiven Blutverlust
schwerlich überleben. Aber das wollte
Jacquet seinen Zuschauern wohl doch nicht
antun. Als Lila das fast leblose Tier aus sei-
nem Blut hebt und zu seinem Bau und den
dort wartenden Jungen bringt, kippt das
Märchen ins Melodram: Der Fuchs ist plötz-
lich wieder erholt und wandert mit Lila im
Gegenlicht.
Der Eindruck des Märchens entsteht
nicht nur durch diese wundersame Wen-
dung. Es sind auch die unwirklich schönen
Bilder und die Stimme der Icherzählerin,
die den Zuschauer durch den ganzen Film
leitet. Die inzwischen erwachsene Lila er-
zählt von ihren Kindheitserinnerungen. Am
Ende sitzt sie am Bett ihres kleinen Sohns –
im selben Zimmer, das wir aus dem Film

Nicht nur im Winter, zur Paarungszeit, son-


dern auch im Sommer tanzt der Fuchs.

106 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Lila über die Füchsin: »Ich war Teil ihres Le-
bens geworden. Ich liebte es, mit ihr zusam-
men zu sein, mochte unser wildes Herumtol-
len, ihre schönen gelben Augen …«

schon kennen –, erzählt ihm die ganze Ge-


schichte und auch, wie es dann noch wei-
terging. Dabei wird auch noch einmal die
Moral der Geschichte ganz deutlich heraus-
gestellt.
Der Regisseur hat in diesem Film eigene
Kindheitserlebnisse verarbeitet. Es war eine
gute Idee, diese in die Form eines Märchen
zu kleiden. Manches wirkt allerdings etwas
dick aufgetragen. Dass Luc Jacquet ein so
hervorragender Tierfilmer ist, macht das
Anschauen trotzdem zu einem Genuss.
Nicht nur die Haupdarsteller Bertille Noël-
Bruneau und der Fuchs sind fantastisch. Die
Nebendarsteller wie Bär, Dachs, Wild- die ein Interesse für solche Themen auf-
Luc Jacquet (Drehbuch und Regie),
schwein, Hirsch und Wolf sind so eindrucks- bringt. Der Film ist freigegeben ohne Alters- Eric Rognard (Drehbuch), Gérard Simon,
voll kaum anderswo zu sehen und wecken beschränkung; aber wer ihn mit kleinen Kin- Eric Dumage, François Royet (Kamera)
ein ganz neues Gefühl für das Abenteuer dern betrachten will, sollte bedenken, dass Der Fuchs und das Mädchen
Wald – auch wenn es im echten Wald nicht mindestens eine Szene sogar Erwachsene (Le renard et l’enfant)
entfernt so von Wildtieren wimmelt wie in schockiert. Kinofilm, Start 27. Dezember 2007
diesem Film. Elke Reinecke Buch zum Film: Aus dem Französischen von
Ulrike Jamin-Mehl. Gerstenberg, Hildesheim
»Der Fuchs und das Mädchen« ist emp- Die Rezensentin ist Redakteurin bei Spektrum
2007. 48 Seiten, € 12,90
fehlenswert für die ganze Familie – wenn der Wissenschaft, in Elternzeit.

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  107
Physik Ob Einstein völlig Neues schuf oder Per-
REZENSIONEN

spektiven aufgriff, die andere vor ihm eröff-


Einstein für alle net hatten: Sein Genius manifestiert sich in
Damours Augen vor allem darin, dass er die
»Er wäre auch dann der größte Physiker aller Zeiten, wenn er Resultate (nur) theoretischer Überlegungen
nicht eine Zeile über die Relativität geschrieben hätte.« ernst nahm, weiterentwickelte und so ihre
revolutionären Konsequenzen aufdeckte.
So hatte Max Planck mit dem Wirkungs-

Z wischen den Zeilen seines Buchs steht


es unübersehbar geschrieben: Thibault
Damour, vielfach ausgezeichneter Professor
Im Gegenteil: Es ist spannend von An-
fang an. Plötzlich verliert das »Jetzt« seine
absolute Bedeutung, da in jedem Bezugs-
quantum eine neue Naturkonstante gefun-
den, erst Einstein aber gab ihr eine physika-
lische Bedeutung, indem er behauptete,
der Theoretischen Physik am Institut des system die Uhren anders ticken können. dass Energie in der Natur tatsächlich in Por-
Hautes Études Scientifiques (IHES) in der Den absoluten Raum ersetzt Einstein durch tionen, in »Quanten«, vorkomme. Und Hen-
Nähe von Paris, bedauert, dass die Errun- eine elastische und sich krümmende Raum- ri Poincaré hatte als Erster die mathema-
genschaften Albert Einsteins (1879 – 1955) zeit, die Damour am Beispiel von veal in as- tische Struktur der Raumzeit beschrieben,
noch immer nicht Teil der Allgemeinbildung pic, glibberiger Kalbssülze, erklärt. Isaac ihr aber lediglich den Status einer nütz-
sind. Nachdem sein Werk ein ganzes Jahr- Newton und fast alle seine Nachfolger hat- lichen Konvention zugebilligt. Einstein hin-
hundert lang die Physik prägte und seine ten geglaubt, auf die Definition von Zeit, gegen betrachtete sie als reales Phänomen
wissenschaftlichen Nachfahren erst jetzt Raum, Ort und Bewegung verzichten zu kön- und gelangte so zu grundlegenden Erkennt-
allmählich wagen, die Grenzen seiner Theo- nen, »as being well known to all«. Erst Ein- nissen über die physikalische Wirklichkeit.
rien auszuloten, sind die physikalischen stein fasst diese Begriffe neu und zeigt, wie
und philosophischen Konsequenzen seiner sie untrennbar miteinander verbunden sind. Ja, er war genial
revolutionären Entdeckungen noch lange Die Konsequenzen dieser Erkenntnis rei- Nur gelegentlich ist der Leser ein wenig irri-
nicht zu jedem durchgedrungen. chen weit über ein Physikerlabor hinaus, tiert, wenn Einsteins unbestreitbare wis-
Auch Damours Büchlein wird diesem schließlich gaben sie sogar dem zu seiner senschaftliche Größe wieder und immer
Missstand nicht auf breiter Front abhelfen. Zeit schon gängigen Begriff der Kosmologie wieder zum drängenden Thema gemacht
Eine gelungene und vergleichsweise leicht ein völlig neues Gesicht. wird. »Wir haben verstanden!«, möchte man
lesbare Einführung in das Werk (nicht das Damit nicht genug. Einstein erhielt sei- dem Autor dann zurufen. Und wenn dieser
Leben) Einsteins ist es gleichwohl. Frei von nen Nobelpreis für die Entdeckung des pho- schon beiläufig erwähnt, dass die Formel
mathematischen Formeln, in makellosem toelektrischen Effekts, postulierte die indu- E = mc2 für die Entwicklung der Atombombe
Stil und erzählerischer Sprache verfasst, zierte Emission von Licht, die ab 1967 praktisch keine Rolle spielte, sollten auch
schreitet es präzise die Denkpfade des gro­ Grundlage für den Laser wurde, und sah das andere Hinweise nicht fehlen. Etwa dass
ßen Physikers ab. Und liefert dem Leser Bose-Einstein-Kondensat voraus, das die Einstein 1939 dem US-Präsidenten Franklin
dank der didaktischen Bemühungen Da- Beobachtung eines quantenmechanischen Roosevelt in einem Brief (den andere ver-
mours kaum je einen Anlass, mit einem resi- Phänomens auf makroskopischer Ebene er- fasst hatten, den aber er unterzeichnete)
gnierten »Das werde ich nie verstehen« die laubt. Sogar seine »spukhafte Fernwir- die Entwicklung der Kernspaltungsbombe
Lektüre aufzugeben. kung«, nämlich die Verschränkung von eindringlich nahelegte; in Berlin fänden
Quanten, wurde mittlerweile beobachtet. nämlich entsprechende Forschungen statt.
»Einstein wäre auch dann einer der größten Darum sei an dieser Stelle auch auf Wal-
Einstein (links oben) spricht im März 1922 theoretischen Physiker aller Zeiten«, so for- ter Isaacsons »Einstein. His Life and Uni-
am Collège de France; Langevin hinter ihm mulierte Max Born mit guten Gründen, verse« (Simon & Schuster, New York 2007)
souffliert ihm französische Vokabeln. Aus »wenn er nicht eine Zeile über die Relativi- verwiesen, das der ausgewiesene Wissen-
der Zeitschrift »L’illustration« tät geschrieben hätte.« schaftshistoriker Jeroen van Dongen im
Fachjournal »Science« (10. August 2007)
empfahl. Es bezieht seinen Reiz unter ande-
rem daraus, dass es auch jene Dokumente
aus Einsteins Privatkorrespondenz aufar-
beitet, zu denen die Einstein-Archive der
Hebräischen Universität in Jerusalem erst
seit Ende Sommer 2006 Zugang gewähren.
Thilo Körkel
Der Rezensent ist Redakteur bei Spektrum der
Wissenschaft.

Thibault Damour
Once Upon Einstein
Aus dem Französischen von Eric Novak.
A K Peters, Wellesley (Massachusetts) 2006.
200 Seiten, $ 27,–

108 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Klima konfrontiert würde. Es müsse nur jetzt
schnell und mutig gehandelt werden. Da die
Kann denn Fliegen Sünde sein? Industrieländer als Hauptverursacher des
menschengemachten Treibhauseffekts die
Im Prinzip ja. Und der plakativen Ausdrucksweise
Hauptverantwortung tragen, sind sie es, die
zum Trotz bieten die Autoren originelle und innovative Ideen sowohl emissionsarme gesellschaftliche Al-
zum Klimaschutz. ternativen vorleben und den ärmeren Län-
dern freizügig zur Nachahmung anbieten

D er Klimawandel ist zurzeit in aller


Munde. Insbesondere der neue Bericht
des mittlerweile nobelpreisgekrönten Welt-
gesellschaftliche Leitmotiv »größer, schnel-
ler, weiter« mitsamt dem von Geschwindig-
keitsrausch und Konsumismus geprägten
als auch Kompensationszahlungen für dort
auftretende Klimaschäden leisten müssen.
Ausbuchstabiert wird die Kernbotschaft
klimarats (IPCC) und die klimapolitischen Lebensstil trage ebenfalls zum Klima- in Form von elf Vorschlagsbündeln, deren
Aktivitäten von Angela Merkel bescherten problem bei. Und das sei nicht unbedingt Realisierung nach Meinung der Autoren in
dem Thema in diesem Jahr eine enorme me- ein Charakterfehler des Einzelnen: Gewisse Deutschland zu einer Halbierung der heu-
diale Präsenz. In all dem Wirbel geht aller- politisch-ökonomische oder auch technolo- tigen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020
dings fast unter, dass den vielen großen gische Strukturen »legen bestimmte Le- führen würde. Die durchweg konkreten Vor-
Worten bislang – auch in Deutschland – nur bensweisen nahe«, und man brauche dann schläge beziehen sich vorwiegend auf die
sehr mangelhafte Taten gegenüberstehen. »fast einen Heiligenschein«, um anders zu vier besonders emissionsrelevanten Be-
Die Journalisten Toralf Staud und Nick handeln. Bislang erliege die Politik jedoch reiche Energieversorgung, Verkehr, Bauwe-
Reimer beginnen ihr Buch mit einer Ursa- zu oft mächtigen Wirtschaftslobbys und sen und Landwirtschaft und umfassen Ap-
chenanalyse dieses Missverhältnisses. Der dem kurzfristigen Wiederwahlinteresse. pelle an die Einzelnen sowie von Politik und
anthropogene Klimawandel lege zwei Trotz dieser vertrackten Lage, so die op- Wirtschaft umzusetzende Maßnahmen (sie-
»Grundprobleme des Kapitalismus bloß: timistische Kernbotschaft der Autoren, sei he auch »Eindämmung des Kohlendioxids«
Wachstum heißt sein erstes, die Externali- gefährlicher Klimawandel selbst mit bereits von Robert H. Socolow und Stephen W. Pa-
sierung von Kosten sein zweites«. Würde verfügbaren Technologien noch abzuwen- cala, Spektrum der Wissenschaft Spezial
die­se Wirtschaftsweise unreguliert sich den. Dies sei sogar weit gehend ohne Ver- 1/2007 »Energie und Klima«).
selbst überlassen, wäre eine ungebremste lust an Lebensqualität zu haben und zudem Viele der Ideen beruhen auf dem Grund-
Freisetzung von Treibhausgasen in das »Ge- viel billiger als Nichtstun, bei dem man spä- prinzip, dem Ausstoß von Kohlendioxid ei-
meingut« Atmosphäre unausweichlich. Das ter mit drastischen und teuren Klimafolgen nen Preis zu geben. Ein radikaler und inte­

» Größter Stellenmarkt für Lehre und


Forschung im deutschen Sprachraum
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immer über passende Stellen informiert
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umfassende Stipendiendatenbank
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Hochschulen, Habilitationen und Berufungen

Das Karriereportal der Wissenschaft von:


ressanter Ansatz ist die Individualisierung Technologie zur Verfügung steht. Für mehr tremwetterereignisse allzu einseitig mit
REZENSIONEN

des Emissionshandels durch die Einführung Energieeffizienz bieten sich ordnungspoli- dem Klimawandel in Verbindung bringen
eines Kohlendioxid-Kontos für jeden Men- tische Emissionsgrenzwerte an, sei es für oder die Atmung der globalen Viehherden
schen mit global gleichen jährlichen Pro- Kühlschränke, Autos oder den Heizwärme- als gewaltige Kohlendioxidquelle darstel-
Kopf-Emissionsrechten. Wer sein Guthaben bedarf von Häusern. Damit ließe sich auch len, was zwar stimmt, aber zunächst keinen
vor Jahresende aufgebraucht hat, müsste der nötige Druck auf die Industrie ausüben, Nettoeffekt hat. Die meisten der emissions-
noch verfügbare Emissionsrechte von ande- denn technisch sei oft viel mehr möglich, senkenden Vorschläge sind sinnvoll, viele in
ren erwerben. Dabei würden erhebliche als bisher umgesetzt wird. der Tat sofort umsetzbar, manches dagegen
Geldmengen von den reichen Ländern in är- Bei der Ernährung lautet die Devise »we- erscheint politisch etwas naiv und unter-
mere Regionen fließen. Durch Einführung niger Fleisch, mehr Bio«, unter anderem weil schätzt die derzeitigen Machtverhältnisse.
einer Kerosinsteuer und die Berechnung der tierische Produkte mit Methan-Emissionen Eines allerdings fällt auf: Kaum ein Vor-
Kfz-Steuer auf der Basis des CO2-Ausstoßes aus Wiederkäuermägen verbunden sind und schlag adressiert das als eine Ursache des
würden weitere – überfällige – Anreize zu in der konventionellen Landwirtschaft gro- Klimaproblems identifizierte Wirtschafts-
emissionsärmerem Verhalten geschaffen. ße Mengen Kunstdünger eingesetzt werden. wachstum. Offenbar gehen die Autoren da-
Im Bereich der erneuerbaren Energien Schließlich wird zum Pflanzen von Bäumen von aus, dass sich das erste der beiden an-
setzen die Autoren besonders auf solarther- und zur Ersetzung von energieintensiven fangs diagnostizierten Grundprobleme des
mische Kraftwerke, deren Strom relativ ver- Baustoffen wie Ziegel oder Zement durch Kapitalismus durch die Lösung des zweiten
lustfrei von Südeuropa und Nordafrika nach Holz aufgefordert, da der Atmosphäre da- kurieren lässt.
Deutschland transportiert werden könnte, durch Kohlendioxid entzogen wird. Wer sich aktiv am Klimaschutz beteili-
und auf Offshore-Windparks. Jeder könne Der außerordentlich gut les- und verdau- gen will und eine anregende Sammlung von
innerhalb von fünf Minuten den Umbau des bare Reportagestil sorgt für eine ange- originellen und innovativen Ideen sucht, ist
Energiesystems in diese Richtung beschleu- nehme Lektüre. An die stellenweise etwas mit dem vorliegenden Buch gut beraten.
nigen, indem er zu einem Ökostromanbieter moralisch-pathetische Sprache kann man Oliver Walkenhorst
wechselt. Unter den fossilen Energien soll- sich gewöhnen, und letztlich haben Slogans Der Rezensent hat Physik studiert und arbeitet
ten vor allem kleine Gaskraftwerke in Kraft- wie »Fliegen ist Sünde« oder »Fleisch ist am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Wärme-Kopplung zum Einsatz kommen. Der ein Stück Klimakollaps« auch einen gewis-
Neubau von Kohlekraftwerken sollte verbo- sen Unterhaltungswert. Obwohl die Autoren
Toralf Staud und Nick Reimer
ten werden, solange das so genannte CCS- meist gut informiert Argumente und Gegen-
Wir Klimaretter
Verfahren (carbon capture and storage) zur argumente ausbreiten, neigen sie im Eifer
So ist die Wende noch zu schaffen
Abscheidung des Kohlendioxids direkt am des Gefechts zuweilen zu einer etwas sug-
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007,
Kraftwerk und anschließenden Lagerung in gestiven Faktenwiedergabe, etwa wenn sie 316 Seiten, € 8,95
geologischen Formationen nicht als sichere die steigenden Schadenssummen durch Ex-

Medizin Rainer Tölle, ehemaliger Lehrstuhlinhaber


und Leiter der Klinik für Psychiatrie der Uni-
Eine Standortbestimmung  versität Münster, zusammengetan haben,
um aus ihren unterschiedlichen Perspekti-
der Psychiatrie ven »Geschichte und Aktualität der Psychia-
trie zusammenzubringen«. Sie erfüllen da-
Viele Methoden mit Alleinvertretungsanspruch einerseits, mit ein dringendes Bedürfnis, denn »die
integrierende klinische Praxis andererseits: Das war das gegenwärtigen Lehrbücher der Psychiatrie
beherrschende Thema der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts. gehen im Allgemeinen nicht mehr auf die
Geschichte des Faches ein, wie auch umge-
kehrt die psychiatriehistorischen Standard-

F ür kaum eine andere Fachdisziplin ist es


so wichtig wie für die Psychiatrie, immer
wieder aufs Neue ihre Grundannahmen kri-
Verhalten reflektiert das Gehirn über sich
selbst, und damit stellen sich alle Probleme
der Selbstreferenz. Psychiater haben des-
werke den aktuellen Stand der Psychiatrie
in der Regel ausblenden«.
Das Buch beginnt mit einem Kapitel über
tisch zur Disposition zu stellen und zu re- halb guten Grund, die Begrenztheit ihrer die historischen Voraussetzungen der kli-
flektieren. Denn die Wahrnehmung und Be- Denkschemata zur Kenntnis zu nehmen und nischen Psychiatrie, von der Dämonologie
urteilung psychischen Andersseins wird immer wieder andere Wahrnehmungs- und und deren Bedeutung in der gesamten Me-
durch die jeweils aktuellen wissenschaft- Beurteilungsmodelle auf ihre Tauglichkeit dizingeschichte über die Ideen der Aufklä-
lichen und gesellschaftlichen Sichtweisen zu befragen. Eine Auseinandersetzung mit rung und der Romantik, das Werk von Wil-
in hohem Maß beeinflusst und eingeengt, der Geschichte des eigenen Fachs bietet da- helm Griesinger (1817 – 1868), der in der
was die Gefahr einer unkritisch einseitigen für gute Ansatzpunkte. Mitte des 19. Jahrhunderts »eine Magna
Praxis einschließt. Für kaum eine andere Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass Charta entwarf, auf die sich die Psychiatrie
Fachdisziplin ist dieser selbstkritische Dis- sich Heinz Schott, Professor für Geschichte bis heute berufen kann«, und die Vorläufer
kurs aber auch so schwierig. Denn im Nach- der Medizin und Leiter des Medizinhisto- der Psychoanalyse bis schließlich zur Dege-
denken über nicht »normales« psychisches rischen Instituts der Universität Bonn, und nerationslehre und Eugenik.

110 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Das Netzwerk für
Das 2. Kapitel »Moderne Begründungen,
Entwicklungen und Irrwege« beschäftigt
Zum Abschluss wird die entscheidende
Frage gestellt, nämlich die nach dem Men- die Generation der
Junggebliebenen
sich mit der »klinischen Psychiatrie«, deren schenbild der Psychiatrie. Die Autoren neh-
Beginn die Autoren an die Wende vom 19. men zu der in unserer Zeit dominierenden
zum 20. Jahrhundert verlegen. Allgemein molekulargenetischen Biologisierung des
wird diese Methode Emil Kraepelin (1856– Menschen kritisch Stellung, bedauern die
1926) zugeschrieben. Gemeint ist »die wis- Anlehnung der heutigen Psychiatrie an die
senschaftliche Arbeit am Patienten, besser Theoriebildung der Neurowissenschaften
gesagt mit dem Patienten, und zwar nicht a und vermissen zu Recht die Auseinander-
priori theoriebezogen und auch nicht haupt- setzung mit den grundlegenden Fragen ei- Knüpfen Sie Kontakte
sächlich methodebezogen«. ner medizinischen Anthropologie. zu Menschen Ihrer
Die Beobachtung stand im Vordergrund; Tatsächlich ist es ein gravierender Un- Wellenlänge.
aber naturgemäß blieb die Bildung von The- terschied, wie ein Arzt die Krankheit seines
orien und Methoden nicht aus. Nur ent- Patienten versteht: im Sinn der Aufklärung Tauschen Sie Wissen,
wickelte sich an Stelle eines einheitlichen als Defektzustand, im Sinn der Romantik als Erfahrungen und
Systems eine Vielzahl von Ansätzen: Natur- »Kehrseite« oder »Nachtseite« der Normali-
Meinungen.
wissenschaftlich-biologische, psychodyna- tät oder im Sinn der Postmoderne – von den
mische, psychopathologische, phänomeno- Autoren gar nicht angesprochen – als eine Einfach und kostenlos
logische und sozialpsychiatrische Theorien durchaus kreative Lösung einer eigentlich im Online-Netzwerk für
und Methoden verstanden sich als unab- unlösbaren Situation. Jede dieser Positi-
Junggebliebene.
hängig von den jeweils anderen und bean- onen führt zu einer anderen Haltung dem
spruchten, die Psychiatrie zu repräsentie- Patienten gegenüber, zumal implizit jeweils
ren. Demgegenüber beharrten die Vertreter eine andere Antwort auf die unausweich-
des Kraepelin’schen Standpunkts darauf, liche Frage nach der Schuld an der Krank-
sich nicht vorab auf eine der zahlreichen heit gegeben wird. Die Autoren schließen
Methoden festzulegen, sondern sie alle zur dieses letzte Kapitel ihres Buchs mit einem
Auswahl bereitzuhalten und/oder zu inte- Rekurs auf Viktor von Weizsäcker und seine
grieren. In den Augen der Autoren ist das Einführung des Subjekts in die Medizin und
zentrale Thema der Psychiatrie des 20. Jahr- fordern implizit, dass die Psychiatrie den
hunderts die Auseinandersetzung zwischen Menschen in seiner Subjektivität zu ihrem
diesen beiden Richtungen und nicht der Gegenstand machen müsse und ihn nicht
weitaus bekanntere Gegensatz zwischen auf einen Objektstatus reduzieren dürfe.
biologisch und dynamisch/psychosozial ori- Den Autoren ist zweifellos eine bedeu-
entierten Ansätzen. tende Darstellung der Geschichte der Psych-
Es folgen ein Kapitel zur Krankenversor- iatrie gelungen, die für jeden Kliniker von
gung von den Vorläufern in Orient und Okzi- hohem Interesse ist oder zumindest sein
dent bis zur Psychiatriereform und ihren sollte. Am Ende stellt sich allerdings heraus,
Folgen sowie ein Kapitel zur Krankheitsleh- dass entscheidende Fragen auf den letzten
re und den wichtigsten psychiatrischen Er- 15 Seiten viel zu gedrängt behandelt wur-
krankungen. Eher knapp ist das nachfol- den. Ich hätte mir – vielleicht etwas unbe-
gende Kapitel über die therapeutischen scheiden – gewünscht, dass diese Fragen
Ansätze von Beginn des 19. Jahrhunderts
bis heute gefasst.
noch stärker die einzelnen Kapitel bestimmt
hätten und zum Abschluss wesentlich ein-
Jetzt mitmachen!
gehender behandelt worden wären. Dafür
Dem Patienten als Person begegnen hätte ich auf manche ermüdende Detailan- www.platinnetz.de
Im letzten Kapitel sprechen Schott und Töl- gabe gern verzichtet.
le schließlich die grundsätzlichen Fragen Wilhelm Rotthaus
an, »die sich aus dem Blickwinkel des psych- Der Rezensent war Leiter des Fachbereichs
iatrischen Patienten ergeben und sein Le- Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und
ben, seine Bedürfnisse und Interessen be- Jugendalters der Rheinischen Kliniken Viersen
treffen«. Hier geht es um die Stigmatisierung und ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in
durch Krankheitsdiagnosen mit ihrer »gera- Bergheim bei Köln.
dezu bedingungslosen Klassifikation« durch
die Systeme DSM und ICD und darum, wie
bedeutsam es ist, die Subjektivität des Pati- Heinz Schott, Rainer Tölle
enten anzuerkennen und ihm als Person zu Geschichte der Psychiatrie
begegnen. Weitere Themen sind das Pro- Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungs-
formen
blem der Zwangsbehandlung und die unter-
C.H.Beck, München 2006.
schiedlichen Aufträge der Patienten und 688 Seiten, € 39,90
der Gesellschaft an den Psychiater.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008  111


Philosophie Vielzahl der hiergegen vorgebrachten Argu-
REZENSIONEN

mente sticht vor allem der Verweis auf die


Wie weit reicht das Folterverbot? Gefahr heraus, dass Folter, einmal instituti-
onalisiert, sich über den ursprünglich ge-
Keiner der Autoren ist bereit, die gewaltsame Erzwingung planten Bereich hinaus ausbreitetet und
von Aussagen bedingungslos zu verdammen – wenn sie der dazu führt, dass mehr und mehr rechtstaat-
liche Barrieren eingerissen werden.
Lebensrettung dient.
Es ist der besondere Vorzug dieses
Bands, dass es ihm gelingt, eine komplexe

D ie Frage, ob Folter unter bestimmten Be-


dingungen erlaubt ist oder auch nur sein
könnte, kann leicht Argwohn hervorrufen.
päischer Menschenrechtskonvention, Straf-
gesetzbuch und Polizeirecht. So argumen-
tiert Volker Erb von der Universität Mainz
Materie durchschaubar zu machen, und
zwar nicht durch unzulässige Vereinfa-
chungen, sondern gerade, indem er dem Le-
Bereits das Wort weckt Assoziationen an unter Verweis auf den Notwehrparagrafen ser die argumentative Lage in ihrer Komple-
Misshandlungen wie jüngst in Abu Ghraib dafür, dass Maßnahmen zur Erzwingung ei- xität vor Augen führt. Zugleich verdeutli-
oder an mittelalterliche Hexenprozesse. ner Aussage, auch für Polizeibeamte in Aus- chen die Beiträge, warum es unangemessen
Dass es gleichwohl möglich ist, sich mit der übung ihrer Dienstpflicht, unter bestimm- wäre, sich mit einfachen und bequemen
genannten Frage auf umsichtige und ver- ten Umständen als straffrei im Sinn des Antworten zufrieden zu geben.
nünftige Weise auseinanderzusetzen, be- Strafgesetzbuchs gelten können. Jörn Ipsen Gleichwohl bleiben Wünsche offen. Vor
weist der vorliegende Sammelband. Er geht aus Osnabrück weist allerdings darauf hin, allem hat sich keiner der Autoren ausführ-
auf ein Symposium zurück, das im April dass derartige Maßnahmen, selbst wenn lich mit den Besonderheiten des Einsatzes
2005 an der Universität Osnabrück statt- man Erbs Argumentation folgt, immer noch von Gewalt zur Informationsgewinnung be-
fand. gegen geltendes Polizeirecht verstoßen. fasst. Die in verschiedenen Beiträgen ge­
Anlass der Diskussion ist ein Fall, der äußerte Idee, den bei Befragungen ausge-
viele Schlagzeilen gemacht hat: Um das Gewalt für den guten Zweck: übten Zwang »moderat« zu halten und
Leben des entführten elfjährigen Jakob von legitim ja, legal nein langfristige Schädigungen des Verhörten zu
Metzler zu retten, hatte der damalige Die Beiträge des zweiten Teils »Philoso- vermeiden, lässt sich mit den herange­
Frankfurter Polizei-Vizepräsident Wolfgang phische Aspekte« kreisen um die Frage zogenen Begründungsstrategien nur schwer
Daschner den Entführer Magnus Gäfgen nach dem moralischen Status von Gewalt- in Einklang bringen. Wenn der Befragte ein
durch Gewaltandrohungen dazu veranlasst, maßnahmen zur Erzwingung einer Aussa- fanatischer Terrorist oder durchgeknallter
das Versteck des Entführten preiszugeben. ge. Es ist Konsens unter den Autoren, dass Geiselnehmer ist, wird er auch dann nicht
Zusätzlich zu diesem Fall diskutieren die es zumindest denkbare Szenarien gibt, in kooperieren wollen, wenn er auf verlore­
Beiträge des Symposiums fiktive Szenarien denen entsprechende Handlungen ver­ nem Posten steht. Höchstwahrscheinlich
wie das eines Terroristen, der eine Bombe tretbar sind. Kein einziger Beitrag vertei­ wird er sich von moderaten Gewaltanwen-
mit Zeitzünder in einer bevölkerungsreichen digt die Absolutheit des moralischen Fol- dungen nicht beeinflussen lassen. Wer aber
Gegend versteckt hat und die Auskunft über terverbots. unschuldig in ein entsprechendes Verhör
deren Ort verweigert. Es geht der Idee nach Im Hintergrund der Argumentation ste- gerät, kann sich der Folter gerade nicht
ausschließlich um Situationen, in denen die hen dabei recht unterschiedliche ethische durch eine korrekte Aussage entziehen und
Androhung und Durchführung von körper- Schwerpunkte oder Prinzipien. Hier finden müsste daher die Verhörtechniken in ihrer
lichen und psychischen Zwangsmaßnahmen sich Argumente, die auf die Abwägung kurz- gesam­ten Härte erfahren. In den Beiträgen
als einzig verbleibende Möglichkeit er- und langfristiger Folgen für das Wohlerge- des Buchs wird das Problem einer mög-
scheint, eine Gefahr abzuwenden, die von hen betroffener Personen abzielen; dahin- lichen Folterung Unschuldiger jedoch allzu
der Person, der diese Maßnahmen ange- ter steckt die konsequentialistische Ethik, schnell mit dem Hinweis darauf abgetan,
droht werden, selbst verschuldet wurde. nach der eine Handlung ausschließlich nach dass die Gefahr eines Irrtums bei sämtli-
Viele Autoren legen daher Wert darauf, den ihren Folgen zu beurteilen ist. Manche Au- chen Straf- und Präventionsmaßnahmen ge-
Reizbegriff »Folter« möglichst zu vermei- toren schlagen vor, derartige Maßnahmen geben sei.
den, und sprechen um der begrifflichen Ab- als Teil von Notwehr- oder Nothilfehand- Zumindest in dieser Hinsicht liegen also
grenzung willen zum Beispiel von »selbst- lungen zu verstehen. Eine Alternative bietet die Dinge noch komplizierter, als es in den
verschuldeter Rettungsbefragung«. auch Uwe Steinhoff aus Oxford, der es in be- umsichtigen und differenzierenden Texten
Die fünf Aufsätze des ersten Teils »Juris- stimmten Situationen für moralisch vertret- des besprochenen Bands zum Ausdruck
tische Aspekte« lesen sich auch für juristi- bar hält, Schaden direkt oder indirekt auf kommt.
sche Laien mit Gewinn: Der Leser bekommt den schuldigen Verursacher umzuleiten. Jan Gertken
einen Eindruck von dem komplexen Neben- Wenn man die Einschätzung teilt, dass Der Rezensent ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für
und Übereinander von Grundgesetz, Euro- in gewissen Situationen der Einsatz von Ge- Praktische Philosophie und Ethik der Humboldt-
walt zur Herbeiführung von Aussagen mora- Universität Berlin.
Alle rezensierten Bücher können Sie in lisch legitim sein kann, stellt sich die Frage:
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per E-Mail: shop@wissenschaft-online.de nabrücker Philosoph Rainer Trapp für eine Juristische und philosophische Aspekte
telefonisch: 06221 9126-841 Legalisierung aus (wenn auch unter streng
per Fax: 06221 9126-869 Mentis, Paderborn 2006. 228 Seiten, € 34,–
reglementierten Bedingungen). Unter der

112 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · JANUAR 2008


Vorschau Heft Februar 2008
ab 29. Januar im Handel
Im Februar-Heft 2008

Kosmische Achterbahn
Ist die Inflationsphase des Universums das lang
gesuchte Schlüsselexperiment der Stringtheorie?
In nicht allzu ferner Zukunft könnten wir mit ihrer

Jean-François Podevin
Hilfe herausfinden, ob der Kosmos tatsächlich zehn
Dimensionen besitzt

Weitere Themen im Februar Riskante Narkosen


Im Detail ist über die Wirkung von
Allergisch gegen Nahrung Narkosemitteln noch wenig be-
Wenn das Immunsystem nicht lernt, kannt. Neue Forschungen sollen
im Darm zwar nützliche, aber helfen, das medizinisch herbeige-
körperfremde Stoffe zu attackieren, führte Koma genauer zu steuern
Corbis, Jack Hollingsworth

entwickeln sich Allergien

Wie der Schnee flockt


Raffinierte molekulare Prozesse
steuern das vielfältige Wachstum
der bizarren Kristallstrukturen
Auf dem Weg zur neuen Bombe?
Die US-Regierung plant, den ersten neuen Nuklearsprengkopf seit zwei Jahr-
zehnten zu bauen – denn allmählich veraltet ihr Arsenal
Randy Montoya

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