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Neutrino-Strahlung in der Umgebung von Kernkraftwerken

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Neutrino - Strahlung in der Umgebung von Kernkraftwerken

22 Neutrino - Strahlung in der Umgebung von Kernkraftwerken Peter H. Rassmann Mai 2008 Es gibt

Peter H. Rassmann Mai 2008

Es gibt eine Art von Strahlung, die zwischen allen Stühlen saß. Das ändert sich jetzt. Hier ist der Neutrino - Leitfaden für Jedermann.

Alles, was Sie über Neutrinos und Kernkraftwerke wissen sollten. Ist es Zeit, sich Sorgen zu machen?

Executive Summary:

Kernkraftwerke, Neutrinostrahlung, KiKK-Studie, Leukämie, TO DO Liste

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Inhalt

1 Neutrino – Strahlung

3

2 Kernkraftwerke

5

2.1 Neutrinoproduktion bei Kernspaltung

5

2.2 Energiebilanz eines KKWs

6

2.3 Neutrinostrahlung und Umgebung

6

3 Neutrino - Messungen

8

4 Szenarien (Worst Case)

11

4.1 Gefährliche Spurenelemente

11

4.2 Bodenheizung

12

4.3 Der Planetengrill

13

5 Indizien

15

6 Was zu tun ist

17

7 Anhang: Technische Bemerkungen

18

7.1

Zahlen

18

7.1.1 Abgestrahlte Neutrino-Energie

18

7.1.2 Neutrino-Spektrum eines Reaktors

18

7.2

Neutrino-Reaktionen

19

7.2.1 Der Klassiker

19

7.2.2 Leptonenvernichtung

19

7.2.3 Zerfall von Resonanzen

20

7.2.4 Induzierter 2e Einfang

21

7.2.5 Elastische Streuung

21

7.2.6 Induzierte Kernspaltung

22

7.2.7 Mehr

22

Autor

Induzierte Kernspaltung 22 7.2.7 Mehr 22 Autor Peter H. Rassmann Paul Gossen Str. 34 91052 Erlangen

Peter H. Rassmann Paul Gossen Str. 34 91052 Erlangen Deutschland

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Alle Bilder und Diagramme mit GNU Public Licence. Quelle www.wikipedia.org oder Eigenanfertigungen.

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1 Neutrino – Strahlung

Neutrinos sind subatomare Teilchen. Sie wurden vor mehr als 50 Jahren experimentell nachgewiesen. Von „Neutrino-Strahlung“ spricht man, wenn viele von diesen Teilchen in eine Richtung fliegen.

Neutrinos entstehen bei Kernreaktionen. In der Sonne verschmelzen Wasserstoffatome zu größeren Heliumatomen. Bei dieser Kernfusion wird Energie frei, und viele Neutrinos entstehen. In Kernreaktoren werden große Atomkerne in kleine gespalten. Auch dabei wird Energie frei, und wieder entstehen viele Neutrinos. In der Sonne und in Kernreaktoren finden entgegengesetzte Prozesse statt:

Kernverschmelzung und Kernspaltung. Die Neutrinos, die dabei entstehen, verhalten sich gewissermaßen entgegengesetzt: Man sagt, aus der Kernverschmelzung in der Sonne kommen Neutrinos, und aus Kernspaltung in Reaktoren kommen Anti-Neutrinos.

und aus Kernspaltung in Reaktoren kommen Anti-Neutrinos. Weil „Anti-Neutrinos“ als Wort zu lang ist, werde ich

Weil „Anti-Neutrinos“ als Wort zu lang ist, werde ich immer nur „Neutrinos“ sagen. Da es hier um Kernkraftwerke geht, ist klar, was gemeint ist.

Neutrino-Strahlung verhält sich anders als die Strahlungsarten, die Sie aus dem täglichen Leben kennen. Bei Radiowellen wissen Sie aus der Erfahrung mit dem Handy, dass die Signalstärke stetig durch Materie abgeschirmt wird. Bei Neutrinos ist das anders: Sie fliegen einfach durch alle Materie durch, aber wenn sie reagieren, dann wird quasi ein Atomkern voll zerschossen, und an dieser Stelle wird plötzlich Strahlung frei. Zwischen Quelle und Ort der Reaktion ist das Neutrino unsichtbar.

In populärwissenschaftlichen Werken werden Neutrinos manchmal als „geisterhaft“ oder als „Spukteilchen“ bezeichnet. Das ist Quatsch – sie lassen sich aber nur schwer eindeutig nachweisen. Der Knackpunkt ist das „eindeutig“. Es gibt in der Natur so viel natürliche Radioaktivität, dass man nur schwer unterscheiden kann, was sowieso schon da war, und was durch ein Neutrino verursacht wurde.

Für denjenigen, der sich näher für Physik interessiert, gibt es unter http://de.wikipedia.org/wiki/Neutrinodetektor eine kurze Beschreibung einiger Neutrino- Experimente. Die Physiker forschen damit zur Zeit an Ihrem „Standard-Modell der Elementarteilchen“. Als Ernüchterung vorweg: Mit dem Standard-Modell, wenn es denn stimmt, kann man fast alles theoretisch erklären, aber fast nichts praktisch berechnen. Das gilt ganz besonders für Fragen aus der Kerntechnik.

Das Standardmodell der Elementarteilchen aus der Physik ist hier beschrieben:

http://de.wikipedia.org/wiki/Standardmodell

Obschon, für alles was in diesem Zusammenhang praktisch ist: Man kann nicht viel damit anfangen.

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Ich habe mir lange überlegt, ob es sinnvoll ist, an Hand eines bildhaften Schilderung die Situation bei Kernkraftwerken, Neutrinostrahlung und Messungen zu erklären. Ich wollte das zunächst nicht tun, weil die Gefahr besteht, dass dem Leser nur das einfache Bild im Gedächtnis bleibt, und sonst nichts. Ich bin dann hergegangen und habe die erste Version von diesem Papier verfasst, und habe sie bestimmten Personen zugesandt. Die Antwort darauf hat leider gezeigt, dass der Sinn und die Aussage dieses Papiers möglicherweise unverständlich bleibt, wenn ich kein anschauliches Bild an den Anfang stelle. Also, hier ist es.

Schätzung des Autoverkehrs Stellen sie sich vor, Sie stehen an einem nebeligen Tag an einem geräuschvollen Ort auf einer Brücke und wollen den Autoverkehr schätzen, der unter der Brücke durch rauscht. Sie können die Autos nicht sehen, weil es nebelig ist, und nicht klar hören, weil es auch sonst sehr geräuschvoll zugeht. Sie wissen, es sind Autos da, aber wie wollen sie die zählen?

Diese Situation ist vergleichbar mit der eines Physikers, der den Strom von Neutrinos messen soll, die von einer Quelle wie der Sonne oder einem Kernkraftwerk abgestrahlt werden. Er weiß, sie sind da, aber wegen der überall vorhanden Radioaktivität in der Umwelt kann er sie nicht klar zählen.

Zurück auf die Brücke. Nach einer Weile merken Sie, dass manche Autos klar erkennbar sind, weil sie mit Vollgas und Blaulicht und Sirene unter der Brücke durchfahren. Das Motorengeräusch und die Sirene sind zu identifizieren, und das Blaulicht, das den Nebel schwach durchleuchtet, kann dem Geräusch zugeordnet werden. Sie haben jetzt eine Methode entwickelt, um eine bestimmte Art von Autos eindeutig zu zählen.

Auch bei den Physikern zeigte sich eine Möglichkeit, bestimmte Neutrinos mit hoher Energie zu zählen: Wenn sie eine ganz bestimmte Reaktion mit Materie eingehen, wird durch diese Reaktion ein eindeutiges Signal im Detektor ausgelöst wird. Man hatte eine Möglichkeit entdeckt, eine bestimmte Art von Neutrinos zu zählen.

Und wieder auf der Brücke: Sie können jetzt die Autos mit Vollgas und Sirene und Blaulicht zählen. Trauen sie sich zu, das totale Verkehrsvolumen zu schätzen? Oder die Durchschnittsgeschwindigkeit aller Autos? Oder eine Unfallstatistik aufzustellen?

Bei den Physikern ist die Methode, die sie früher für Neutrinos benutzt haben, leider bis heute (fast) die einzige geblieben, um (Reaktor-) Neutrinos zu messen. Seitdem ist viel über Neutrinos geredet worden, in der Physik, es gab auch neue Messungen, aber immer mit der bewährten Methode. Und da, sage ich mal, nur Messungen über Neutrinos mit Blaulicht, Sirene und Vollgas bekannt waren, wurde nur über diese Neutrinos und ihr Verhalten immer wieder gesprochen, und nach einer Weile wurde eine konstruierte Neutrino-Wirklichkeit zusammengeredet, die bei genauerer Betrachtung nicht durch Messungen gesichert ist.

Sie können nicht den Verkehr schätzen, indem sie nur die Autos mit Blaulicht zählen, die Vollgas fahren. Es fahren mehr Autos auf der Straße, als sie mit der Methode zählen können.

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2

Kernkraftwerke

In Kernkraftwerken wird Energie durch die Spaltung schwerer Atomkerne wie Uran 235

(U 235) durch Neutronen erzeugt. Bei der Spaltung eines solchen Urankerns entstehen zwei kleinere Atomkerne mit zusammen etwas weniger als der Masse des ursprünglichen Kerns, und einige Neutronen, die dann wieder Urankerne spalten können und die Kettenreaktion fortsetzen. Die Teilchen am Anfang der Reaktion – Urankern und Neutron – haben in Summe etwas mehr Masse als die Endprodukte der Spaltung, und diese Massendifferenz wird nach der berühmten Formel E = m*c 2 als Energie freigesetzt.

2.1 Neutrinoproduktion bei Kernspaltung

Die bei der Kernspaltung entstehenden Spaltprodukte sind ihrerseits keine stabilen Endprodukte. Sie zerfallen in Sekundenbruchteilen in weitere Folgeprodukte, wobei wieder Energie freigesetzt wird. Fast die gesamte Energie, die zunächst in Form von sehr hoher Bewegungsenergie der Teilchen und als Gamma- oder Beta-Strahlung vorliegt, wird vom Kühlmittel des Reaktors durch unzählige Stoßprozesse aufgenommen und dabei in Wärme umgewandelt. Die meisten der Spaltkerne sind sogenannte Beta – Minus Strahler: Sie zerfallen unter Aussendung eines Elektrons

(Formelzeichen e - ) und eines Anti-Elektron-Neutrinos ( ν

Einfachheit halber werden im folgenden die „Anti-Elektron-Neutrinos“ ( ν

„Neutrinos“ bezeichnet, da sie die wichtigsten sind, die im Zusammenhang mit der Kernspaltung in Reaktoren auftreten.

e )in weitere Folgeprodukte. Der

e ) einfach als

Das Bild rechts zeigt schematisch den Ablauf einer Kernspaltung: Ein von links einfallendes Neutron trifft auf einen Uran- 235 Kern und spaltet ihn in zwei kleinere Kerne. Dabei werden direkt einige Neutronen frei, die später helfen, die Kettenreaktion aufrecht zu erhalten. Die neu entstandenen Kerne sind nicht stabil, sondern zerfallen weiter unter Aussendung von Beta-Minus-Strahlung. Die dabei freiwerdenden Elektronen werden im Kühlmittel des Reaktors gebremst und setzen ihre Energie in Wärme um.

Die Neutrinos ( ν

etwa 6 % der gesamten Energie mit.

um. Die Neutrinos ( ν etwa 6 % der gesamten Energie mit. e , gelb eingekreist)

e , gelb eingekreist) entweichen aus dem Reaktor und nehmen dabei

Die Neutrinos, die quasi allesamt den Reaktor verlassen, tragen nicht alle die gleiche Energie mit sich: Manche von ihnen tragen eine recht hohe Energie, und andere eine geringe Energie. Eine Grafik, die in Form einer „Kurve“ anzeigt, wie viele Neutrinos welche Energie tragen, bezeichnet man als „Spektrum“ der Neutrinos aus dem Reaktor.

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Das Bildchen rechts zeigt ein solches Neutrino-Spektrum. Es wird später noch genau erklärt werden, deswegen reicht hier diese Miniatur. Wichtig ist: Das Spektrum gibt an, wie viele Neutrinos mit welcher Energie den oben beschriebenen Kernspaltungsprozess im Reaktor verlassen.

2.2 Energiebilanz eines KKWs

im Reaktor verlassen. 2.2 Energiebilanz eines KKWs Für die Energiebilanz eines KKWs wird ein Reaktor mit

Für die Energiebilanz eines KKWs wird ein Reaktor mit einer thermischen Leistung von 4.000 MW betrachtet. „Thermische Leistung“ des KKws bedeutet, dass so viel Wärme im Reaktor erzeugt wird.

Es wird im Reaktor aber nicht nur Wärme erzeugt, sondern es werden auch Neutrinos erzeugt, die etwa 6 % der gesamten Leistung des Reaktors mit sich tragen. Der Reaktor erzeugt 4250 MW. Die thermische Leistung wird über das Kühlmittel des Reaktors auf Turbine und Generator übertragen. Von den 4000 MW thermischer Leistung werden etwa 1300 MW an elektrischer Leistung erzeugt. 2700 MW werden als Abwärme über die Kühltürme oder ein Gewässer abgeführt.

über die Kühltürme oder ein Gewässer abgeführt. Etwa 200 - 250 MW Energie wird in Form

Etwa 200 - 250 MW Energie wird in Form von Neutrinos ( ν abgestrahlt.

e ) in die Umgebung

2.3 Neutrinostrahlung und Umgebung

Bisher wird allgemein vermutet, dass die 200 oder 250 MW, die von einem Kernkraftwerk abgestrahlt werden, einfach alle Materie in der Umgebung durchdringen und einfach verschwinden. Um sich vorzustellen, wie viel Energie das ist, können diese Zahlen die Vorstellung anregen: 200 MW ist genug, um in Form von Heizkraft damit 200 Tonnen Stahl pro Stunde einzuschmelzen. In Form von Strom könnten damit 2 Millionen 100 Watt Lampen betrieben werden. Stellen Sie sich das als Lichtquelle vor!

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Die Frage ist, ob die Neutrinostrahlung wirklich alle Materie ungehindert durchdringen kann, oder - was passiert, wenn sie das nicht tut? Wenn die Neutrinos mit dem Material der Landschaft reagieren könnten, dann würde wenigstens ein Teil der abgestrahlten Energie von 200 MW in der Umgebung des Reaktors wieder auftauchen, und zwar vermutlich als Radioaktivität.

wieder auftauchen, und zwar vermutlich als Radioaktivität. Die Neutrinostrahlung von Reaktoren ist kein Geheimnis, im

Die Neutrinostrahlung von Reaktoren ist kein Geheimnis, im Gegenteil, sie ist - wenigstens in der Kern- und Elementarteilchenphysik – allgemein bekannt. Deshalb stellt sich die Frage: Wenn es da ein Problem gibt, warum ist davon nichts bekannt? Vielleicht gibt es gar kein Problem. Das weiß man eben nicht.

Tatsache ist, dass die Physiker bisher – wie soll man sagen? – elegant um die Fragestellung „herumgemessen“ haben. Soll heißen: Sie haben zwar die „Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung“ bestätigt und mit der „starken Wechselwirkung“ zum „Standardmodell“ vereinigt, aber sie können eine Umweltbelastung durch Neutrinostrahlung von kommerziellen Reaktoren nicht mit ihren Theorien beurteilen.

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3 Neutrino - Messungen

Neutrinos wurden 1956 zum ersten Mal in einem Experiment an einem Kernreaktor nachgewiesen. Frederick Reines und Clyde Cowan erhielten dafür 1995 den Nobelpreis in Physik. Seitdem wurde auch entdeckt, dass es zwei weitere Arten von Neutrinos gibt – die Myon-Neutrinos und die Tau-Neutrinos. Außerdem gibt es zu jedem Neutrino ein sogenanntes „Anti-Teilchen“.

Uns interessieren hier nur die Anti-Elektron-Neutrinos, weil diese Neutrinos in Kernreaktoren erzeugt werden. Bitte merken sie sich dies: In der populärwissenschaftlichen Literatur finden sich gelegentlich Berichte über große Experimente mit Hunderten von Physikern, die sich mit Neutrinos von der Sonne beschäftigen. Das sind genau die Anti-Teilchen von denen, die uns hier interessieren. Natürlich werden wir nach gängiger Theorie jede Sekunde mit Myriaden solcher Neutrinos von der Sonne durchströmt, und auch vom Urknall sollen noch alle da sein. Aber gerade, weil es so viele sind - oder sein sollen – können sie nicht mit stabiler irdischer Materie reagieren. Wenn sie das tun würden, dann wäre diese Materie erstens schon längst zerstrahlt und zweitens – deswegen – von vornherein nicht als stabil bewertet worden. Wie gesagt: Von der Sonne kommen Elektron-Neutrinos aus der Kernverschmelzung. Wir interessieren und hier für Anti- Elektron-Neutrinos aus der Kernspaltung. Die Physiker interessieren sich für Grand Unified Theories, und wir hier für Umweltbelastungen: Das sind andere Teilchen und andere Fragen.

Nach dieser Klarstellung sollen hier die Anti-Elektron-Neutrinos wieder kurz „Neutrinos“ genannt werden.

Wie wurden diese Neutrinos bisher gemessen, also experimentell nachgewiesen? Schon der erste Nachweis gelang mit der folgenden Reaktion, die bis heute so oder ähnlich für alle Experimente mit Reaktor-Neutrinos genutzt wird.

Als Zielmaterial dient Wasser. Wasser besteht aus Molekülen mit einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoffatomen. Der Atomkern eines Wasserstoffatoms ist ein einzelnes Proton (p + ), das im Bild

rechts von einem Neutrino ( ν

Reaktor getroffen wird. Bei der Reaktion entstehen ein Neutron (n) und ein Positron (e + ). Das Positron zerstrahlt sich mit einem Elektron zu zwei Gamma- Lichtblitzen (γ), die gemessen werden, und das Neutron wird von einem Neutronenzähler aufgefangen.

e ) aus dem

wird von einem Neutronenzähler aufgefangen. e ) aus dem Der Clue bei dieser Art von Reaktion

Der Clue bei dieser Art von Reaktion besteht darin, dass zwei Gamma–Lichtblitze und ein Neutron fast gleichzeitig gemessen werden. Dadurch lassen sich diese

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„Neutrino-Ereignisse“ von der anderen Radioaktivität unterscheiden. Es lässt sich genau sagen, dass nur ein Neutrino dieses Ereignis verursacht haben kann. Aber solche Experimente sagen nichts darüber, ob eventuell noch andere Reaktionsarten zwischen Neutrinos und Zielmaterial auftreten.

Ein Neutrino aus einem Reaktor könnte theoretisch mit jedem der Teilchen in einem Wassertank reagieren, auch mit einem Proton oder Neutron aus dem Sauerstoffkern, oder mit irgendeinem Elektron aus einer Elektronenhülle, oder sogar mit einem ganzen Atom. Aber diese Reaktionen lassen sich messtechnisch nicht eindeutig auf ein Neutrino zurückführen. Bei ihren Forschungen zur elektroschwachen Wechselwirkung gehen die Physiker auf Nummer sicher: Sie verwenden für Reaktorexperimente nur die klare Neutrino-Signatur, die durch die Reaktion eines Neutrinos mit einem Proton erzeugt wird: Zwei kurz hintereinander gemessene Gamma-Lichtblitze. Andere Neutrino-Reaktionen werden nicht beachtet.

Das ist leider nicht alles. Für den nächsten Schritt müssen wir uns daran erinnern, dass für diese Nachweis-Reaktion das einfallende Neutrino das getroffene Proton in ein Neutron und ein Positron umwandeln muss (vergl. Bild oben). Da die Masse der erzeugten Teilchen, eines Neutrons plus eines Positrons, schwerer ist als ein Proton plus ein Neutrino, muss die zusätzliche Masse gemäß E = m * c 2 aus der Bewegungsenergie des einfallenden Neutrinos erzeugt werden. Die minimale Energie des Neutrinos, für die das erst möglich wird (Schwellenenergie), beträgt mindestens 1,8 MeV. („MeV“, Mega-Elektronen-Volt ist eine in der Kernphysik übliche Einheit für Energie, „Schwellenenergie“, engl. „Threshold Energy“ ist die minimale Energie, die für eine Reaktion zugeführt werden muss).

Wie bereits angedeutet, tragen nicht alle Neutrinos aus einem Reaktor die gleiche Energie. Ein „Neutrino- Spektrum“ ist eine Kurve die angibt, wie viele Neutrinos mit der jeweiligen Energie von einem Reaktor erzeugt werden. Nach rechts ist dabei die Energie aufgetragen, nach oben die Anzahl der Neutrinos, die diese Energie tragen. Die gesamte Anzahl an Neutrinos, die vom Reaktor erzeugt werden, entspricht der Fläche unter der Kurve. Die Schwellenenergie für die obige Nachweisreaktion ist als grüne Linie („Threshold“) markiert.

ist als grüne Linie („Threshold“) markiert. Nur die kleine Fläche rechts von der grünen

Nur die kleine Fläche rechts von der grünen „Threshold“-Linie symbolisiert die Anzahl der Neutrinos, die genug Energie haben, um die obige Nachweis-Reaktion überhaupt auslösen zu können. Das sind etwa 3 % aller Neutrinos. Der ganze Berg links der grünen Threshold-Markierung steht für die Anzahl der Neutrinos, die in solchen Experimenten prinzipiell unbeobachtet bleiben, weil sie nicht genug Energie für die Nachweis-Reaktion tragen. Das sind 97 %. Damit ist nicht bewiesen oder widerlegt, was die anderen Neutrinos mit geringer Energie machen. Sie haben für diese spezifische Reaktion nicht genug Energie, aber für andere Reaktionen – doch.

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In schwereren Atomen wird die Energiebilanz für Neutrinoreaktion stark durch die inneren Energieverhältnisse des Atoms oder des Kerns beeinflusst. Dadurch werden Reaktionen zwischen Atomen und Neutrinos vergleichsweise geringer Energie möglich. Fast alle Neutrinos von einem Reaktor könnten theoretisch eine solche Reaktion auslösen.

Experimente, die eindeutig Neutrinos nachweisen sollen, verwenden exklusiv den oben skizzierten Reaktionskanal mit nur einem Zielmaterial (Wasserstoff) und haben eine Schwellenenergie, die für Neutrinos aus einem KKW zu hoch liegt.

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4 Szenarien (Worst Case)

Bis hierher wurde erklärt, wie Neutrinos entstehen, wie sie nachgewiesen werden, und warum die Experimentalphysiker bisher elegant um unsere Fragestellung „herumgemessen“ haben.

Ich möchte jetzt zwei Horror-Szenarien vorstellen, welche Phänomene durch Neutrinos in der Umgebung von Kernkraftwerken verursacht werden könnten. Ich möchte aber betonen, dass es sich dabei um rein theoretische Spekulationen handelt. Allein durch die Beobachtungen und Messungen, die man auf der ganzen Welt mit Hunderten von Kernkraftwerken gesammelt hat, lassen sich diese Szenarien schon teilweise widerlegen oder stark einschränken.

Das ist der Ansatz: Die Horror-Szenarien als Behauptung aufstellen, und anschließend überlegen, durch welche Beobachtungen diese Behauptungen widerlegt oder eingeschränkt werden können. (Ich kenne nicht alle Beobachtungen und Untersuchungen dazu, so dass der Leser gefordert ist, den Abschnitt durch seine Erfahrungen zu ergänzen.)

4.1 Gefährliche Spurenelemente

In diesem Szenario gehe ich davon aus, dass es ein oder mehrere Elemente gibt, die vergleichsweise sehr stark mit Neutrinos reagieren. Dabei soll es sich um „seltene“ chemische Elemente handeln. Sie kommen also an der Erdoberfläche, in Sand, Felsen, und Steinen nur in minimalen Mengen und an wenigen Stellen vor.

Im Bild rechts reagiert ein Neutrino direkt mit einem Atom des „seltenen“ Elements in einem menschlichen Körper. Als Resultat wird direkt im Körper ein radioaktives Ereignis ausgelöst (Primärereignis), was noch einen instabilen Kern hinterlässt, der später zerfällt. (Sekundärereignis). Ein weiteres Neutrino reagiert mit einem „seltenen“ Element im Boden (Primärereignis). Das entstandene radioaktive Isotop wandert über Akkumulationsmechanismen (Trinkwasser, Nahrungskette) zur Oberfläche, wo es von Menschen aufgenommen wird.

zur Oberfläche, wo es von Menschen aufgenommen wird. Eine Abschirmung gegen diese Art induzierter Radioaktivität

Eine Abschirmung gegen diese Art induzierter Radioaktivität ist nicht möglich. Zur Vorbeugung würde man, falls das „seltene Element“ bekannt ist, ein entsprechendes Ersatz-Element in größerer Menge mit der Nahrung zuführen. Damit könnte es

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verhindert werden, dass ein gefährliches „seltenes Element“ oder ein daraus entstandenes radioaktives Isotop in den Körper gelangt. Dieses Vorgehen ähnelt der bekannten Verabreichung von Jod bei radioaktiven Vorkommnissen,

4.2 Bodenheizung

In diesem Szenario wird unterstellt, das viele Elemente, vor allem solche, die häufig in der Erdkruste vorkommen, stärker als bisher angenommen mit Neutrinos reagieren.

Der Reaktor strahlt Neutrinos mit einer Leistung von etwa 100 MW in die Luft ab, und etwa 100 MW in den Boden. Die Neutrinos, die in den Boden eingestrahlt werden, reagieren dort entsprechend der durchschnittlichen Eindringtiefe – die unbekannt ist – mit der Erde oder der tragenden Felsformation. Die Primärereignisse verursachen dann eine allgemeine (leichte) Steigerung der Radioaktivität in der Umgebung des KKWs.

.

Steigerung der Radioaktivität in der Umgebung des KKWs. . Je nach Lebenszeit akkumulieren sich die erzeugten

Je nach Lebenszeit akkumulieren sich die erzeugten instabilen Isotope im Boden. Im Durchschnitt kommt es auf lange Sicht zu einer durchschnittlichen zusätzlichen Radioaktivität der Größenordnung 100 MW oder mehr im Boden, die sich mit der Distanz zum Reaktor zunehmend abschwächt. Die Radioaktivität der Sekundärzerfälle im Boden wird weitgehend in der Erde oder dem Fels aufgefangen. Es besteht aber die Gefahr, dass relativ langlebige Isotope ins Grundwasser oder die Nahrungskette gelangen können, wo sie sich dann verhalten wie die oben genannten „gefährlichen seltenen Elemente“. Radioaktivität, die sich nur tief im Boden befindet, stellt dagegen per se keine Gefahr dar, weil sie durch das Material darüber gut abgeschirmt wird.

Je nachdem, welche Reaktionen von den Neutrinos in der Erde ausgelöst werden, kann die Energiefreisetzung in der Erde unter Umständen wesentlich größer sein als die etwa 100 MW, die von einem Reaktor eingestrahlt werden. Der vermutlich schlimmstmöglichste Fall würde eintreten, wenn die Neutrinos eine Kernspaltung in schweren Elementen auslösen könnten, ähnlich wie das die Neutronen im Reaktor tun.

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4.3 Der Planetengrill

Jetzt geht es um Kernspaltungen, die von Neutrinos in der Erde ausgelöst werden können. Bevor ich diese Möglichkeit weiter vertiefe: Bisher ist es meiner Kenntnis nach noch nie in einem Experiment beobachtet worden, dass Neutrinos eine Kernspaltung auslösen. Andererseits ist mir auch kein Experiment bekannt, in dem gezielt danach gesucht worden ist. Theoretisch sind solche Reaktionen möglich. Aber: Es ist fast nichts darüber bekannt, wie häufig sie auftreten können. Es gibt ein paar theoretische Arbeiten dazu in der stellaren Physik.

Es handelt sich also, wieder einmal, um eine hypothetische Möglichkeit, die nach derzeitigem Wissen aber nicht ausgeschlossen werden kann. Ein theoretisch möglicher „Worst Case“ sieht vielleicht so aus: Neutrinos von einem Reaktor bewegen sich in der Erde über Distanzen von vielleicht 1.000 km, bevor sie auf eine Lagerstätte schwerer Elemente treffen, oder vielleicht einfach auf eine höhere Konzentration schwerer Element, wie sie in der Tiefe der Erde oder im Erdkern vermutet wird (Bild rechts).

Tiefe der Erde oder im Erdkern vermutet wird (Bild rechts). Ein Neutrino löst dann eine Kernspaltung

Ein Neutrino löst dann eine Kernspaltung aus, mit nachfolgenden Zerfällen und Freisetzung weiterer Neutrinos. Diese neuen Neutrinos würden in alle Richtungen fliegen.

Um die Sache zu vereinfachen, nehme ich einfach an, dass alle Neutrinos etwa in der ursprünglichen Richtung weiterfliegen. Eine genauere Berechnung ist erheblich komplizierter und würde sich auch nur lohnen, wenn eine ganze Reihe anderer Faktoren bekannt sind, Das Ergebnis ist: Das eingestrahlte Neutrino löst insgesamt eine Lawine von Neutrinos und Kernspaltungen quer durch die 13.000 km dicke Erde hindurch aus, wie es im Bild rechts dargestellt ist.

Erde hindurch aus, wie es im Bild rechts dargestellt ist. Bei einer Kernspaltung wird erheblich mehr

Bei einer Kernspaltung wird erheblich mehr Energie freigesetzt, als das auslösende Teilchen mitbrachte. Bei Neutrinos könnte das ein Faktor von 100 oder mehr sein. Jedes mal werden 2 oder mehr Neutrinos freigesetzt. Bei ihrem Weg durch die Erde reagieren die Neutrinos vielleicht einmal alle 1.000 km, und es werden etwa 13.000 km zurückgelegt. Der Verstärkungsfaktor durch den Lawineneffekt beträgt dann fast 10.000. Beide Faktoren kombiniert ergibt eine Gesamtverstärkung von 1.000.000 in der Energie.

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Ein Reaktor, der 100 MW an Neutrino-Energie in die Erde einstrahlt, würde dann um die 100.000.000 MW an Hitze in der Erde erzeugen, also 100 Tera-Watt. Mit 1.000 Reaktoren könnte man auf diese Weise die Gesamtmasse der Erde in 1.000 Jahren um 1 Grad erhitzen.

Gibt es noch einen Mr. Sorglos hier? Die Erwärmung der Atmosphäre ist zeitgleich mit der Entwicklung der Kernenergie in Gang gekommen. Zufall? Vielleicht waren die Erwärmungen in der Frühgeschichte die Ergebnisse von Neutrino-Schauern aus Supernova-Explosionen.

Das ist insgesamt eine Berechnung mit der Brechstange – „was wäre, wenn“ – aber vielleicht sollte man wirklich messen, ob Neutrinos tatsächlich eine Kernspaltung auslösen können. Ceterum Censeo: Theoretisch ist es möglich.

Die oben aufgeführte Rechnung ist so grob, dass sie schnell um einen Faktor 100 oder mehr falsch sein kann. Die Diskussion um die eventuell zur Zeit beobachtete Klimaveränderung, die dem CO 2 aus fossilen Brennstoffen zugeschrieben wird, zeigt die Tendenz, dass sich solche Trends nicht schnell abschalten lassen, weil jeder einzelne Staat noch auf Kosten der anderen ein bisschen weiter sündigen will.

Sollte also einmal festgestellt werden, dass Kernkraftwerke radioaktive Hitze erzeugen, wegen induzierter Kernspaltungen im Inneren der Erde, dann werden ganze Serien langer zwischenstaatlicher Verhandlungen die Folge sein: Wer schaltet wann einen Reaktor ab, und wie wird das überwacht, und warum dürfen Entwicklungsländer keine neuen Reaktoren bauen? Déjà vu? Technologia paramnesia?

Ich bin der Überzeugung, dass die Gefahr Neutrino-induzierter Kernspaltungen in der Erde erforscht werden sollte, bevor neue Reaktoren gebaut werden.

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Indizien

Die einzige Methode, um beurteilen zu können, wie sich Neutrinos verhalten, wenn sie auf Materie stoßen, besteht darin, für alle verschiedenen chemischen Elemente und deren Isotope entsprechende Messungen auszuführen. Solche Messungen gibt es bisher nicht für die interessanten Energiebereiche und Materialien.

Bei allen anderen Strahlungsarten ist bekannt, dass sich ihr Absorptionskoeffizient als Maß ihrer Wechselwirkung mit Materie im Energiebereich Null bis 1,8 MeV dramatisch verändert. Die Änderung beträgt oft viele Größenordungen und unterscheidet sich je nach Material (durch Glas – Lichtwellenleiter – können Sie ein paar Kilometer weit durchschauen, aber durch Aluminiumfolie nur wenige Mikrometer). Das gilt an sich für jede Strahlung: Elektronen-, Neutronen-, Alpha- oder Gammastrahlung. Alle diese Strahlungsarten zeigen jede für sich starke Schwankungen in ihrer Wechselwirkung mit Materie im Energiebereich von Null bis 1,8 MeV. Für Neutrinos fehlen hier die Messungen.

Es gibt einige Experimente mit Neutrinos an Kernreaktoren, bei denen aber wiederum die Reaktion mit einem Messbereich über 1,8 MeV ausgenutzt wurde. Dabei wurde untersucht, ob sich die Neutrinostrahlung aus einem Reaktor stärker abschwächt, als es auf Grund der zunehmenden Entfernung zu erwarten ist. Mit anderen Worten: Es wurde gemessen, ob diese Neutrinos irgendwie „verschwinden“.

Bei einem Experiment am KKW Gösgen in den 80er Jahren wurde kein Verschwinden festgestellt – über Entfernungen von etwa 50 Meter durch die Luft. Bei einem anderen, wesentlich aufwendigeren Experiment in Japan („KamLand“ - Experiment) wurde ein riesiger Detektor für Neutrinos in 1000 Meter Tiefe in einer Höhle aufgebaut.

Neutrinos in 1000 Meter Tiefe in einer Höhle aufgebaut. Es wurde festgestellt, dass von allen 53

Es wurde festgestellt, dass von allen 53 KKWs der weiteren Umgebung, die sich im Durchschnitt 180 Kilometer entfernt befinden, nur etwa 60 – 70 % der Neutrinos am Detektor ankommen. Alle anderen „verschwinden“.

Das Verschwinden der Neutrinos wird auf sogenannte „Neutrino-Oszillationen“ zurückgeführt. Das ist eine Theorie, nach der Neutrinos ihren Typ ändern können und so nicht mehr messbar sind. Ein mehr konservativer Ansatz würde dagegen zunächst von einer Absorption der Neutrinos im Gestein ausgehen.

Von solaren Neutrinos (Antiteilchen der Reaktor-Neutrinos!) ist seit etwa 40 Jahren bekannt, dass sie sich nicht so verhalten, wie jeweils vorher vermutet. Es werden regelmäßig zu wenig davon gemessen – in riesigen Experimenten. Auch bei den

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solaren Neutrinos gab es lange das Problem, dass der Energiebereich ihrer Messungen gar nicht der Energie der erwarteten Neutrinos entsprach, und dass die Experimente nur einen winzigen Bruchteil der Neutrinos aus „unwichtigen“ Kernreaktionen in der Sonne überhaupt messen konnten. Das ist jetzt zwar behoben, aber es gibt ein SNP – ein „solares Neutrino Problem“. Zur Zeit werden auch die fehlenden Sonnen-Neutrinos mit „Neutrino-Oszillationen“ erklärt.

Eines ist bei den solaren Neutrinos sicher: Wenn es auf der Erde je ein Material gegeben hat, das leicht mit Sonnen-Neutrinos reagiert, dann ist es seither längst zerstrahlt. Das lässt sich über Material in der Umgebung von Kernreaktoren, die von Antineutrinos getroffen werden, nicht behaupten, weil es Kernreaktoren noch nicht so lange gibt wie die Sonne.

Insgesamt lässt sich aus den bisherigen physikalischen Experimenten nichts richtig Schlüssiges folgern.

Es gibt einige Beispiele, die sich nicht systematisch einordnen lassen. Anfang der 90er Jahre gingen Berichte durch die Medien, dass in der Umgebung eines Kernkraftwerks radioaktives Cer (Ce-141), ein β - -Strahler, aufgetreten sei. Das schien deshalb bemerkenswert, weil es auch nach intensiven Nachforschungen zunächst nicht gelang, die Herkunft zu erklären. Die Frage war an sich nicht nach der Gefährlichkeit – dafür war es zu wenig – sondern nach dem „wie“. Woher kam das Ce-141? Eine Möglichkeit bestand theoretisch darin, dass es durch eine Reaktion zwischen Reaktorneutrinos und dem stabilen Praseodym (Pr-141) entstanden war. Praseodym kommt in Spuren im dortigen Gestein vor. Der Fall wurde allerdings anders aufgeklärt, indem offiziell berichtet wurde, dass es eine andere theoretische Möglichkeit für das Auftreten von Ce-141 geben kann.

Ein weiteres Indiz dafür, dass Reaktor-Neutrinos mit dem Material der Umgebung reagieren könnten, ergibt sich vielleicht aus der „KIKK“- Studie des deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz. Diese Studie war ursprünglich vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegeben worden. Danach ist in der Nähe eines Kernkraftwerkes die Krebsrate um 60 % und die Leukämie-Rate um 120 % erhöht. Von den Autoren der Studie wird darauf hingewiesen, dass nach derzeitigem strahlenbiologischen Wissen kein Zusammenhang zwischen den KKWs und der Krebsrate hergestellt werden kann. Ein externes Expertengremium, das die Studie von Anfang an begleitet hatte, sieht im Gegensatz dazu sehr wohl deutliche strahlenbiologische Zusammenhänge, bzw. fordert die Wissenschaft auf, den unterlagerten Mechanismus zu klären.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) urteilte so: “Zur Ursache der Erkrankungen können heute keine Aussagen gemacht werden. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist die zusätzliche Strahlenexposition der Bevölkerung durch den Betrieb der Kernkraftwerke zu gering, um den Effekt plausibel erklären zu können. Sie müsste etwa 1'000-10'000 mal höher sein.“

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6 Was zu tun ist

Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist es nicht möglich, die Belastung der Umwelt oder ein Gefährdungspotential für Menschen durch die Neutrinostrahlung von Kernkraftwerken zu beurteilen.

Bisherige Messungen – also „Neutrino-Experimente“ im Forschungsbereich Elementarteilchenphysik – sind nicht geeignet, um schlüssige Hinweise zu liefern. Sie arbeiten mit der „falschen“ Systematik, die dem dedizierten Nachweis bestimmter physikalischer Phänomene angepasst ist, und liefern kaum Resultate, aus denen sich eine Aussage zur Umweltbelastung durch KKWs ableiten lässt. Die Messung der Reaktionen zwischen einzelnen Nukleonen (Neutronen, Protonen) bzw. Elektronen und hochenergetischen Neutrinos reicht nicht aus, weil KKWs hauptsächlich Neutrinos mit geringerer Energie ausstrahlen.

Die Wahrscheinlichkeit der Reaktion zwischen Neutrinos und Materie kann sich von Element zu Element um Größenordungen unterscheiden. Es ist deshalb erforderlich, im Rahmen einer systematischen Messreihe alle chemischen Elemente des Periodensystems durch Neutrinos zu bestrahlen und dabei nach spontan induzierter Radioaktivität oder nach langlebigen radioaktiven Reaktionsprodukten zu suchen.

nach langlebigen radioaktiven Reaktionsprodukten zu suchen. Peter H.Rassmann, Paul-Gossen-Str.34, 91052 Erlangen,

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7 Anhang: Technische Bemerkungen

Dieser Anhang enthält einige Erläuterungen, die zum Verständnis des Textes beitragen, aber wegen ihrer mehr technischen Natur den Lesefluss in den vorherigen Abschnitten gestört hätten.

7.1 Zahlen

In diesem Papier werden zwei Zahlen genannt, die etwas genauer erläutert werden müssen, weil sie nicht ganz trivial sind:

7.1.1 Abgestrahlte Neutrino-Energie

„Insgesamt 6 % der Energie eines KKWs wird als Neutrinos abgestrahlt“. Die Angabe, wie viel Energie im Durchschnitt bei einer Kernspaltung von den Neutrinos weggetragen wird, findet sich an mehreren Stellen im Internet, mit etwas unterschiedlichen Zahlen und manchmal als „MeV pro durchschnittliche Kernspaltung“. Der Wert „6 %“ stammt aus dem Buch von Franz Rudolf Keßler, „Kernenergiegewinnung und Kernstrahlung“. Für einen exakten Wert gilt etwa das Gleiche, was auch über die 2. Zahl gesagt werden kann.

7.1.2 Neutrino-Spektrum eines Reaktors

„Nur 3 % der Neutrinos aus einem KKW tragen Energie von mehr als 1,8 MeV und können eine Nachweisreaktor mit Protonen auslösen. 97 % der Neutrinos tragen nicht genug Energie, um gemessen zu werden.“ Diese 3 % sind schwierig zu berechnen, weil dafür die Zusammensetzung des ursprünglichen Reaktorbrennstoff, der Abbrand, die Fahrweise usw – kurz gesagt das ganze Kernkraftwerk im Detail bekannt sein müsste. Und sogar dann ist es noch viel Arbeit, weil die ganzen mögliche Zerfallstypen (Beta-Minus) aller radioaktiven Elemente mit entsprechender Gewichtung einbezogen werden müssen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob für alle Reaktortypen überhaupt Computerprogramme existieren, mit denen all das berechnet werden kann. Tatsächlich finden sich in den experimentellen Beschreibungen von Reaktor-Experimenten dazu keine Rechnungen. Man beruft sich auf den Betreiber, und außerdem: Diese Experimente nennen den Neutrino- Fluss, der im Energiebereich ihres Detektors liegt, der also von ihnen gemessen werden kann. Bei dem erwähnten „Gösgen Reaktor-Experiment“ war zum Beispiel die theoretische Berechnung des absoluten Neutrinoflusses gar nicht erforderlich, weil nur der relative Unterschied des Flusses an zwei Detektorpositionen untersucht wurde. Mit anderen Worten: Bei diesen Experimenten werden nur die hochenergetischen Neutrinos genannt, zum Teil in relativen Angaben, und nicht etwa alle abgestrahlten Neutrinos. Die Zahl „3 %“ bezogen auf den gesamten Neutrino- Fluss stammt aus dem Buch von Donald H. Perkins, „Introduction to High Energy Physics“. Er benutzt die Zahl dort im Zusammenhang mit dem ersten Nachweis der Neutrinos durch Cowan & Reines.

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7.2 Neutrino-Reaktionen

Neutrinos reagieren mit Materie über die „schwache Wechselwirkung“. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, im Einzelnen zu erklären, welche Reaktionen dabei auftreten können. In populärwissenschaftlichen Werken findet sich gelegentlich folgende Aussage: „Neutrinos reagieren kaum mit Materie, weil sie der schwachen Wechselwirkung unterliegen.“ Das ist, als eigenständige Aussage, ungefähr so richtig oder falsch wie der Satz: „Niemand kann auf die Nase fallen, weil Gravitation die allerschwächste Wechselwirkung ist.“

Ich habe noch ein weiteres kleines Papier über die Wechselwirkung von weichen Neutrinos mit Materie verfasst (s. Hinweis am Schluss). Aber, schließlich, wurde klar:

Ich darf den Leser nicht hängen lassen – was können diese Neutrinos machen? Hier sind die theoretischen Möglichkeiten (eine Auswahl).

7.2.1 Der Klassiker

Ich habe den sogenannten „Reaktionskanal“, mit dem die Antineutrinos zuerst nachgewiesen worden sind, schon etwas ausgiebiger erklärt. Er führt hier die Liste der Neutrino-Reaktionen an. Dabei verwandelt ein Antineutrino den Atomkern eines Wasserstoffatoms – der ist ein einzelnes Proton – in ein Neutron und ein Positron. Dazu muss das Antineutrino ausreichend Energie einbringen, die Reaktion ist endotherm.

ausreichend Energie einbringen, die Reaktion ist endotherm. In einer ähnlichen Reaktion könnte ein Antineutrino auch

In einer ähnlichen Reaktion könnte ein Antineutrino auch ein Proton in einem größeren Atomkern in ein Neutron und ein Positron umwandeln. Die energetischen Verhältnisse ergeben sich dann aus den Bindungsenergien der Atomkerne. Die Reaktionswahrscheinlichkeit steigt mit der Anzahl der Protonen im Material (d.h. letztendlich sie steigt mit der Dichte).

7.2.2 Leptonenvernichtung

In der nächsten Reaktion im Bild rechts kommt die Eigenschaft des Antineutrinos als Antilepton zum tragen, das die Leptonenzahl im Atom um 1 vermindern kann – ein Elektron wird vernichtet. Um die elektrische Ladung auszugleichen, wird ein Proton im Kern in ein Neutron umgewandelt. Die Reaktionswahrscheinlichkeit steigt mindestens proportional zum Quadrat der Kernladungszahl, weil die Elektronen sich dichter am Kern befinden.

weil die Elektronen sich dichter am Kern befinden. Nach dieser Art von Reaktionen ist bisher noch

Nach dieser Art von Reaktionen ist bisher noch nicht experimentell gesucht worden.

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7.2.3 Zerfall von Resonanzen

In einer weiteren ganzen Klasse von Reaktionen kann ein Antineutrino einen Atomkern „anregen“ und in Schwingungen versetzen. Der angeregte Kern fällt dann in einen Ruhezustand zurück, wobei Strahlung ausgesandt wird. Die Energie kann in Form von Gamma – oder Alphastrahlung abgegeben werden, es können auch Neutronen emittiert werden. Je nachdem, welche Anregungszustände für den Kern möglich sind, unterscheiden sich diese Reaktionen stark zwischen den verschiedenen Kernen. In der Regel gilt jedoch, dass ein schwerer Kern leichter anzuregen ist als leichte Kerne. Diese Reaktion ist deswegen vergleichsweise häufig, weil es viele Anregungszustände für Kerne gibt, und weil jeder einzelne „energetisch unscharf“ ist.

und weil jeder einzelne „energetisch unscharf“ ist. „Energetisch unscharf“ bedeutet, dass die Energie des

„Energetisch unscharf“ bedeutet, dass die Energie des einfallenden Neutrinos „nicht so genau passen“ muss, um die Reaktion auszulösen. Man nennt die angeregten Zustände eines Atomkerns auch „Resonanzen“ und solche Reaktionen heißen „resonante Reaktionen“, wenn die auf den Kern übertragene Energiemenge einem angeregten Energiezustand des Kerns entspricht.

Neuere Neutrino-Experimente suchen nach diesen Reaktionen für bestimmte Kerne (Kohlenstoff C-12 bei 15.11 MeV, mit Gamma). Auf die Situation bei Kernkraftwerken übertragen ist die Energie aber sehr hoch und der Kohlenstoff-Kern viel zu leicht. In der Umgebung von Reaktoren würde man diese Reaktion häufiger bei schweren Kernen erwarten. Schwere Kerne sind in gewisser Weise latent instabil gegen Alpha-Zerfall, der aber nach Theorie so selten auftritt, dass er praktisch nicht beobachtet wird. Der Zerfall kann durch ein Neutrino ausgelöst werden, wobei bei schweren Kernen der gesamte Vorgang exotherm ist: Es wird mehr Energie frei, als das Neutrino einbringt.

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7.2.4 Induzierter 2e Einfang

Eine weitere Art von eigentlich energetisch instabilen Atomkernen, die aber de facto stabil sind, sind die 2ε Kandidaten. „2ε“ bedeutet, dass der Kern in einen günstigeren Energiezustand übergehen kann, wenn er 2 Elektronen aus der Elektronenhülle einfängt. Das kann er aber nicht zeitlich getrennt nacheinander tun, da er beim ersten Einfang in einen energetisch ungünstigen Zustand wechseln müsste. Erst nach dem zweiten Einfang würde dann insgesamt Energie frei, aber der Kern kann die erste Hürde nicht überwinden und bleibt stabil.

kann die erste Hürde nicht überwinden und bleibt stabil. Ein einfallendes Neutrino könnte den Kern über

Ein einfallendes Neutrino könnte den Kern über diese erste Hürde „hinweg heben“. Nach dem doppelten Elektroneneinfang wird experimentell gesucht (bzw. er wurde in jüngerer Zeit nachgewiesen). Bisher wurde nicht experimentell untersucht, ob diese Reaktion durch Neutrinos ausgelöst werden kann.

7.2.5 Elastische Streuung

Neutrinos können Stoßprozesse mit den Elektronen der Elektronenhülle auslösen. Dabei wird das Elektron aus der Orbitalwolke herausgeschlagen und wirkt danach wie ein ionisierendes Teilchen, etwa wie bei Beta-Strahlung. Solche Reaktionen wurden schon gemessen.

bei Beta-Strahlung. Solche Reaktionen wurden schon gemessen. Peter H.Rassmann, Paul-Gossen-Str.34, 91052 Erlangen,

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7.2.6 Induzierte Kernspaltung

Neutronen können Atomkerne spalten. Das ist der Prozess, mit dem über eine Kettenreaktion in kommerziellen Reaktoren Energie erzeugt wird (mit Neutronen, nicht Neutrinos!). Mittlerweile wird in der theoretischen Literatur darüber diskutiert, dass auch Neutrinos eine Kernspaltung auslösen könnten.

Kandidaten für solche Neutrino- induzierten Kernspaltungen sind schwerste Atomkerne. Bei der Spaltung wird eine große Menge an Energie freigesetzt, zusammen mit Neutronen, die selbst wieder zerfallen oder von anderen Kernen eingefangen werden. Dadurch werden neue Neutrinos frei. Auch wenn dabei keine selbsttragende echte Kettenreaktion ausgelöst wird, so kann es doch zi Lawinen von Kernspaltungen kommen.

wird, so kann es doch zi Lawinen von Kernspaltungen kommen. Bezüglich der Energieausbeute ist diese Reaktion

Bezüglich der Energieausbeute ist diese Reaktion die ergiebigste.

7.2.7 Mehr

Ob Neutrinos mit Materie reagieren oder nicht hängt von vielen Dingen ab. Die Forschungen zum Thema sind nicht abgeschlossen. Es gibt zu wenige Experimente und Messungen.

Für denjenigen, der sich näher für das Thema interessiert und außerdem noch etwas naturwissenschaftliche Bildung mitbringt, habe ich das Papier „Reaktionen von weichen Antineutrinos mit Materie“ verfasst.

Reaktionen von weichen Antineutrinos mit Materie

verfasst. Reaktionen von weichen Antineutrinos mit Materie Peter H. Rassmann Mai 2008 Peter H.Rassmann,

Peter H. Rassmann Mai 2008