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Wie in Weissrussland

Text: Georg Eckelsberger, Thomas Trescher

Der österreichische Verfassungsschutz verfolgt vier Studenten hartnäckig als


mutmaßliche Terroristen. Die Unibrennt-Bewegung gerät dadurch ins Visier der
Ermittler.

Unruhig. So beschreibt Antonia Fa die Stimmung in der Unibrennt-Bewegung.


Knapp vierzehn Monate nach der Räumung des Wiener Audimax im Herbst
2009 macht sich Nervosität unter den Studenten breit. Der Grund sind DATUM
vorliegende Dokumente, die beweisen, was viele Uniaktivisten längst
befürchtet hatten: dass Teilnehmer der Protestbewegung vom
Verfassungsschutz überwacht wurden. Der DATUM vorliegende
Observationsbericht dokumentiert eine "Zielperson 1 (ZP1)“ - "Bekleidung:
schwarzes T-shirt, (sic!) knielange Hose, blaue Adidas-Sportschuhe mit gelben
Streifen“ -, die offenbar am 26. Juni 2010 an einer "Demonstration gegen
soziale Kontrolle und Repression“ teilnahm und sie um 17.33 Uhr ohne
besondere Vorkommnisse wieder verließ. Die "ZP1“ wird - gemeinsam mit zwei
weiteren Personen (im Bericht "P3“ und "P4“ genannt) - bis 21.45 Uhr
beobachtet. Ungesetzliche Handlungen konnten dabei offenbar nicht
festgestellt werden.

Die Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH), Sigrid Maurer,


reagierte prompt auf den am 8. Februar auf der DATUM-Homepage publizierten
Artikel: Noch am selben Tag rief sie die Unibrennt-Aktivisten dazu auf,
Auskunftsbegehren an das Innenministerium zu stellen und damit festzustellen,
ob sie selbst überwacht wurden. Die Anfragen stützen sich auf das
Datenschutzgesetz, nach dem jedermann das Recht habe zu erfahren, "wer
welche Daten über ihn verarbeitet“, sagt Antonia Fa, selbst bei Unibrennt und
in der ÖH-Fraktion Grüne & Alternative StudentInnen (GRAS) aktiv. Wie viele
andere Unibrennt-Aktivisten befürchtet auch sie, von der Polizei überwacht zu
werden.

Wenige Wochen nach den nun bekannt gewordenen Observierungen im


Frühsommer 2010 kam es tatsächlich zu Verhaftungen: Vier Studenten der
Wiener Akademie der bildenden Künste wanderten wegen des Verdachts der
"Bildung einer terroristischen Vereinigung“ nach Paragraf 278b sieben bzw. fünf
Wochen in Untersuchungshaft. Der ursprüngliche Vorwurf der Ermittler des
Wiener Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT):
Die Verdächtigen sollen zwei Mistkübel vor einer Zentrale des
Arbeitsmarktservice (AMS) im fünften Wiener Gemeindebezirk in Brand gesetzt
haben. Bis zum heutigen Tag wurde keine Anklage erhoben, der Paragraf 278b
im Laufe der Ermittlungen fallengelassen.

Doch interne Dokumente zeigen nun, dass das LVT erneut versuchte, die
Studenten als mutmaßliche Terroristen darzustellen. Auf dem Laptop einer der
vier verdächtigen Personen fanden die Ermittler 22 Videosequenzen - die
Dokumentation einer Abschiebung am Wiener Flughafen. Für das LVT ein
Grund, um bei der Staatsanwaltschaft um eine erneute Ausweitung der
Ermittlungen auf die Terrorparagrafen 278b und wenn nötig 278c (Begehung
einer terroristischen Straftat) anzusuchen. Die vier Studenten hatten von einem
Parkdeck aus die Abschiebung gefilmt. Ein universitäres Projekt, sagen die
Beschuldigten; die Akademie der bildenden Künste bestätigt das. Für die
Ermittler sind die Videos jedoch ein Hinweis darauf, dass die Verdächtigen
geplant hatten, den Flugverkehr zu sabotieren. Schließlich befinden sich auf
dem Parkdeck auch zwei Funkmasten. "Eine Manipulation an dieser Funkanlage
hätte möglicherweise für den Flughafenbetrieb aber (sic!) auch für den
Flugzeugverkehr an sich, unabsehbare Folgen“, schrieben die Ermittler. Die
Staatsanwaltschaft lehnte den Antrag ab, denn dem LVT war ein peinlicher
Fehler unterlaufen. "Im Laufe der Ermittlungen hat sich gezeigt, dass das
normale Sendemasten für den Mobilfunk sind“, sagt die Sprecherin der
Staatsanwaltschaft Wien, Michaela Schnell.

Dass das LVT klar über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus gehandelt hat,
scheint unumstritten. "Ich kann nicht einmal ansatzweise etwas erkennen, das
den Vorgaben des Terrorgesetzes gerecht wird“, sagt Albert Steinhauser,
Justizsprecher der Grünen. Es sei zudem kein Zufall, dass Unibrennt-Aktivisten
ins Visier der Ermittler geraten sind: "Das LVT ist auf dem rechten Auge blind
oder komplett unfähig, während es mit dem linken Auge besonders genau
hinschaut.“ Die Wiener Polizeidirektion möchte zu den Vorfällen keinen
Kommentar abgeben. Ihr Sprecher Mario Hejl weist allerdings die
Anschuldigung, die 278er-Paragrafen vor allem gegenüber linken Aktivisten
anzuwenden, entschieden zurück: "Wenn sich für die Wiener Polizei ein
Verdachtsmoment hinsichtlich der genannten Paragrafen ergibt, haben wir die
Pflicht, diesen nachzugehen. Und dies in alle Richtungen.“ Ob im Moment eine
besondere Bedrohung von ehemaligen Unibrennt-Aktivisten ausgehe, könne er
"aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen.

SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim will nun den Paragrafen 278b reformieren.


"Man sieht an diesem Fall, was passiert, wenn man den Ermittlern Mittel
anbietet, ohne entsprechende Rahmenbedingungen zu setzen. Ich sehe
dringenden Handlungsbedarf, die Paragrafen zu überarbeiten“, sagt Jarolim. Die
Verantwortung dafür liegt für ihn bei Justizministerin Claudia Bandion-Ortner.
"Sie erkärt, dass sie nicht eingreifen kann, obwohl es ihre Zuständigkeit ist.“

Antonia Fa und andere Unibrennt-Aktivisten sind jedenfalls beunruhigt. Nicht


nur, weil der Verfassungsschutz augenscheinlich versucht hat, den
Beschuldigten mit falschen Behauptungen zu unterstellen, eine terroristische
Vereinigung zu sein. Beide Aktionen, die den vier Studenten vorgeworfen
werden, passierten zu einer Zeit, als sie bereits von der Polizei observiert
wurden - wohl nur deshalb, weil sie sich in der Unibrennt-Bewegung engagiert
hatten. "Das ist der eigentliche Skandal“, sagt ÖH-Vorsitzende Sigrid Maurer.
"Die Polizei beobachtet politisch engagierte Menschen und versucht, ihnen
unter dem Vorwand der 278er-Paragrafen etwas anzuhängen.“ Die Unibrennt-
Bewegung sei "nach wie vor ein unglaubliches Netzwerk an Leuten, die
aktivierbar sind, sobald man sie braucht“, sagt Maurer. Das mache wohl einige
Entscheidungsträger nervös. "Da gibt es Polizeiinteressen und Interessen des
Verfassungsschutzes, die der Meinung sind, dass politisches Engagement
gefährlich ist.“ Sie sieht das Vorgehen gegen die vier Studenten nicht als
Einzelfall. Der Tierschützerprozess in Wiener Neustadt, das
Demonstrationsverbot während des Balls des Wiener Korporationsrings (WKR)
in der Wiener Hofburg: All das "passt ins Bild“, sagt Maurer. "Hier wird
politisches Engagement kriminalisiert, das ist eine extrem autoritäre
Vorgangsweise; man könnte glauben, wir sind in Weißrussland.“

Mit den Auskunftsbegehren werden sie Studenten wenig Erfolg haben: "Es
werden keine der Auskunftspflicht unterliegenden Daten verwendet“ - so lautet
die standardmäßige Antwort des Ministeriums auf derartige Anfragen. Für den
Antragsteller kann das zwei Dinge bedeuten: Entweder sind keine Daten zu
seiner Person vorhanden, oder er ist Gegenstand aktueller Ermittlungen - und
die Polizei muss deshalb keine Auskunft geben.

http://www.datum.at