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02 Klinische Psych

Modellperspektiven psychischer Störungen

Neurobiologische Perspektive

- Francis Galton: Gründer Genforschung: prägte „nature and nurture“ – Anlage und
Umwelt ; erste Studien zu Vererbbarkeit psychischer Störungen
- 1930er-50er: oft radikale Interventionen ohne empirische Evidenz (z.B. präfrontale
Lobotomie, Behandlungen mit hohen Insulindosen um Koma herbeizuführen)
- ab 50er: verstärkt psychopharmakologische Entwicklungen
- aktuell: verschiedene neurobiologische Ebenen/Ansätze: Genetik, Neurotransmitter,
systemische Ebene

- Genetik:
- Genetik vergleichenen: Menschen mit psychischen Störungen <-> gesunde
Menschen
- bestimmte Gene sind unterschiedlich ausgeprägt (z.B. CACNA1C, MHC)
- jede Störung hat da so ein paar Gene, die da eine Rolle spielen

- Neurotransmitter: Überträgerstoffe zwischen den Zellen, verantwortlich zur


Reizübertragung
- werden von Präsynapse durch synaptischen Spalt zu Postsynapse (mit
Rezeptoren) gesendet
- einige Neurotransmitter auch verantwortlich für psychische Erkrankungen
- meistens ist es nicht nur ein „zu viel“/“zu wenig“ eines bestimmten Neurotransmitter,
sondern eher Disbalance zwischen verschiedenen Transmittern
- Acetylcholine (Ach): Lernen, Erinnerung, Alzheimer, Muskelbewegungen des PNS
- Dopamin (DA): Belohnungssystem, motorische Schaltkreise (Parkinson),
Schizophrenie
- Noradrenalin (NE): Arousal (Erregung), Depression
- Serotonin (SHT): Depression, Aggression, Schizophrenie
- Glutamat (GLU): Lernen, hauptsächlicher exzitatorischer (erregender)
Neurotransmitter im Gehirn
- GABA (GABA): Angststörungen, Epilepsie, hautsächlicher inhibitorischer
(hemmender) Neurotransmitter im Gehirn
- Endogene Opioide (Endorphine, Enkephaline): Schmerz, Analgesie
(Schmerzlosigkeit), Belohnung
- darauf werden Medikamente entwickelt, die ähnlich oder entgegengesetzt wirken

- Systemisch: durch moderne Bildgebungen (können ins Gehirn schauen ohne Kopf
aufzuschneiden), können sogar Gehirn beim Arbeiten zusehen
- z.B. Phineas Gage: Unfall mit Eisenstange durch seinen Kopf, hat aber überlebt,
danach aber massive Veränderung der Persönlichkeit, ist impulsiver und infantiler
geworden, süchtig, etc.: dadurch kam heraus präfrontaler Cortex stark zuständig für
Impulskontrolle, Persönlichkeit, Bewertung
- Parietallappen: Sensorik jedes Körperteils (z.B. Hände und Lippen besonders
große Areale): deshalb Phantomschmerzen nach Amputationen
- Temporallappen: Stimmen hören bei Schizophrenie: Areal genauso aktiv, wie bei
gesunden Menschen, die gerade real etwas hören
- Behandlung:
- a) somatische Ursache: mangelnde Expression von 5-HT1a Neurotransmittern in
bestimmten Hirnregionen à Niedergeschlagenheit, Appetitmangel, Verlangsamung,
Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Suizidgedanken etc. à Major
Depression
- Therapie: Verabreichung serotonerg wirksame Medikamente (TZA, SSRI,...) à
Besserung bei Erreichen notwendiger Serumspiegel à Heilung
- b) psychische Ursache: Belastungen + dysfunktionale Entwicklung bewirken
kognitive Fehler und dysfunktionale Schemata à gleiche Symptome wie bei a) à
gleiche Diagnose wie bei a)
- Therapie: Kognitive Umstrukturierung mittels KBT à Besserung bei erfolgreicher
kognitiver Therapie à Heilung
- „Somatische“ Behandlungsformen: Psychopharmakotherapie, Hirnstimulation
(Elektrokrampftherapie, EKT, TMS), Vagusnervstimulation (, Schlafentzug,
Lichttherapie)

Psychodynamische Perspektive

- Franz Mesmer: Ursache biologisch „magnetische Allflut“, Hysterie und Hypnose


- Jean Charcot: Psychische Störungen und ZNS, „mental“ behandelbar mit Hypnose
- Josef Breuer: Lösung psychischer Spannungen durch kathartische Methode
(Durchleben früherer Traumata, Entladen emotionaler Spannung), Behandlung mit
Hypnose/“Redekur“
- Sigmund Freid: Breuers Schüler und „Gründungsvater der Psychoanalyse“

- Freud: Die Struktur der Psyche


- Grundannahme: unbewusste innere Konflikte lösen psychische Störungen aus
- Es: Libido, von Geburt an vorhanden, streb nach Bedürfnisbefriedigung (Nahrung,
Anerkennung, Zuwendung, Sexualtrieb etc.) à Nichtbefriedigung führt zu Spannung
- Ich: entwickelt sich aus dem Es (ab 1. Lebensjahr), vermittelt zwischen Es-
Bedürfnissen und Anforderungen der Realität und Über-Ich à Abwehrmechanismen
zur Reduzierung von Spannung und Angst des Ich
- Über-Ich: entwickelt sich die gesamte Kindheit über aus dem Ich à vereinfacht das
„Gewissen“ des Menschen, Übernahme von Normen und Verhaltensregeln

- Psychosexuelle Entwicklung:
- Phasen sexuelle Entwicklung: Orale Phase (0-2 Lj.) // Anale Phase (2-3 Lj.) //
Phallische Phase (3-5 Lj.) // Latenzphase (5-11 Lj.) // Genitale Phase (ab 12. Lj.)
- bei Fixierungen (zu viel oder wenig Befriedigung/Belohnung): Spannungen bzw.
„Störungen“
- Bsp. Orale Phase: passiv, abhängig, fordernd, neidisch, egoistisch usw. à
übermäßiges Essen, Trinken, Rauchen, usw.
- Bsp. Anale Phase: Zurückhalten Stuhlgang, Schwierigkeiten in
Sauberkeitserziehung (weil Afterzone erogene Zone: durch starken Reiz beim
Stuhlgang Wollust und Schmerz)
- Bsp.: Phallische Phase: Ödipus komplex, Penisneid bei Mädchen, Kastrationsangst

- Abwehrmechanismen:
- Verdrängung: Unannehmbare Impulse/Wünsche werden aus Bewusstsein
ferngehalten (z.B. Hass gegen Vater, aber Eltern muss man lieben: Verdrängung
aggresiver Impulse)
- Verleugnung: schmerzhafte Realitäten werden aus Bewusstsein ferngehalten (z.B.
„Ich habe keinen Krebs“ oder „Ich habe Krebs, ist aber nicht schlimm“)
- Projektion: eigene inakzeptable Gefühle/Gedanken anderen Personen zuschreiben
(z.B. verheiratete Frau fühlt sich von anderem Mann belästigt, obwohl sie sich in ihn
verliebt hat und er überhaupt nichts macht)
- Verschiebung: Übertragung Emotionen von eigentlichem Ziel auf andere Person
(z.B. wütend auf Chef, aber Wut am Praktikanten auslassen)
- Reaktionsbildung: Umkehr inakzeptable Gefühle ins Gegenteil (z.B. Wut auf Chef,
aber scheißfreundlich zu ihm sein)
- Regression: Rückzug in frühere Entwicklungsstufe (z.B. bei Computerproblemen
weinen und schimpfen)
- Rationalisierung: Akzeptable Gründe für inakzeptable Gedanken anführen
(Mitarbeiterkündigung wegen Asympathie, aber mit offiziellem Grund der schlechten
Leistung)
- Sublimierung: Umwandlung inakzeptabler Impulse in sozial akzeptiertes Verhalten
(z.B. Kind will mit Essen/Kot spielen, ist aber sozial-kulturell sanktioniertes Verhalten,
daher Umwandlung in künstlerisches Verhalten)

- aus Freuds Psychoanalyse verschiedene Schulen hervorgegangen, z.B. Carl


Gustav Jung „Analytische Psychologie“, Alfred Adler „Individualpsychologie“
- Eugen Bleuler: Tiefenpsychologie: fasst alle psychologischen +
psychotherapeutischen Ansätze zusammen, die den unbewussten seelischen
Vorgängen „unter der bewussten Oberfläche“ einen hohen Stellenwert für die
Erklärung menschlichen Verhaltens/Erlebens beimessen
- Einflussreiche Erkenntnisse früher psychodynamischer Theorien:
Kindheitserfahrungen haben hohe Relevanz für Persönlichkeitsbildung // Verhalten
wird von unbewussten Prozessen beeinflusst // Ursachen + Zweck menschlichen
Verhaltens nicht immer offenkundig

Behavioristische Perspektive

- Pawlow: klassische Konditionierung mit seinen Hunden


- Watson: Experimente an „Little Albert“ à Fokus auf beobachtbares Verhalten (nicht
auf Gedanken, lehnt Bewusstsein ab

- Edward Lee Thorndike und seine Katzen


- erste Arbeiten operantes Konditionieren à „Trial and Error“ gefolgt von
zielgerichtetem Verhalten
- 3 Gesetzmäßigkeiten für das Lernen:
- 1. Gesetz der (Aus-)Wirkung (law of effect): wird in bestimmter Situation eine
bestimmte Reaktion belohnt, wird Assoziation zwischen Situation und Reaktion
verstärkt à wenn Situation erneut auftritt, steigt Wahrscheinlichkeit, die gleiche
Reaktion wieder zu zeigen
- 2. Gesetz der Bereitschaft (law of readiness): Bereitschaft zum Lernen muss
vorhanden sein (z.B. Unbehagen oder Hunger)
- 3. Gesetz der Übung (law of exercise): ja öfter Lernaufgabe wiederholt wird, desto
eher kann man sich Lernstoff einprägen

- Skinner und seine Ratten


- ergänz Gesetz der Wirkung: Verstärkungsprinzip
- 2 Arten von Verstärkung: positive Verstärkung (Verstärkung durch Zufügen
angenehmer Reiz) // negative Verstärkung (Verstärkung durch Eliminieren
unangenehmer Reiz)

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Perspektive

- Verhaltenstherapie seit 50ern: Therapie von Angststörungen


- Systematische Desensibilisierung: Muskelentspannung // ansteigende Exposition
mit angstbesetzten Stimulus
- Exposition mit Reaktionsverhinderung: Konfrontation mit dem angstbesetzten
Stimulus // Dauer der Konfrontation so lange bis Habituation einsetzt und deutliche
Abnahme der negativen Gefühle erfolgt

- Kognitive Perspektive
- 60er: ausschließlicher Fokus auf Verhalten nicht ausreichend, daher „2. Welle“,
kognitive Wende
- Kognition/Bewertungen und Interpretationen wichtig
- kognitive Therapie: psychische Störungen dadurch bestimmt, wie Personen sich
selbst und ihre Umwelt wahrnehmen/bewerten/interpretieren

- Emotionale Perspektive
- Emotionen & Achtsamkeit: Denken alleine reicht nicht aus à emotionale Wende „3.
Welle“
- Störungsübergreifende Therapien: Schematherapie, Emotionsfokussierte Therapie
- Achtsamkeitsbasierte Therapien: Mindfulness-Based Stress-Reduction

Integrative Perspektive

- heutiger Stand
- 2 integrative Modelle zum Beispiel

- 1.: eher ein Arbeitsmodell


- was sind das für Faktoren, die unser Erleben/Verhalten beeinflussen?
- wir zeigen in jeder Sekunde ein Verhalten
- Kognitionen (sozusagen Gedanken) sind getrennt vom Verhalten
- Emotionen (sozusagen Gefühle) gibt es auch noch
- diese 3 Domänen sind voneinander zu trennen à das fällt Patienten oft schwer
(z.B. bei der Frage: „was haben sie gedacht?“ sagt man manchmal „ich hatte nur so
ein Gefühl“) à Gedanken und Gefühle getrennt voneinander reflektiv wahrnehmen
ist schwer
- Einflüsse der Faktoren aufeinander: alles wechselseitig (z.B. Kognition beeinflusst
Emotionen und auch andersherum)
- die Frage ist: welche dieser 3 Faktoren können wir aktiv ändern? Damit befassen
sich spezialisierte Gebiete der klinischen Psychologie (z.B. Verhaltenstherapie setzt
an der aktiven Veränderung des Verhaltens an) à Alle therapeutischen Richtungen
können zum Ziel führen und haben ihren Wert, weil alles alles beeinflusst
- unsere Psyche ist ein Stück weit biologisch bestimmt: alles im Gehirn (z.B.
kognitive Erinnerungen oder auch Emotionen,...)
- wenn man in einer Therapie Veränderungen/Erfolge schafft (in Emotionen,
Verhalten, Kognition), hat man bestimmte Strukturen im Gehirn verändert
- außerdem beeinflusst uns Umwelt (z.B. Traumata entstehen durch Umstände aus
der Umwelt, die unsere Gehirnstrukturen verändern) und Genetik (wir kommen nicht
ganz als weißes Blatt auf die Welt, sondern haben bestimmte Grundeigenschaften,
z.B. Temperament)
- Genetik kann aber auch beeinflusst werden: bleibt zwar an sich gleich, aber wie
häufig wir bestimmte Genstränge ablesen kann beeinflusst werden durch
Erfahrungen etc.)
- Umwelt kann auch durch uns beeinflusst werden: Bsp. wir bekommen ein Eis
(Umwelt) à Emotion Freude, Kognition „Die Person ist lieb“, Verhalten „Dankeschön“
und Umarmung à positive Stärkung der Beziehung // ODER: à Emotion Ärger,
Kognition „Ich wollte doch abnehmen und die Person weiß das auch“, Verhalten
Ablehnung, Schimpfen à negative Stärkung der Beziehung, Person wird nächstes
mal kein Eis mehr anbieten
- also: wir zeigen immer Verhalten, das ist neurobiologisch determiniert

- 2. Vulnerabilitäts-Stress-Modell: etwas komplexeres Modell


- unten Zeitachse
- irgendwann wird psychische Störung entwickelt
- beginnt mit Vulnerabilitäten (Verletzlichkeit, Anfälligkeit)
- jede psychische Störungen mit verschiedenen Risikofaktoren (z.B. soziale Schicht,
Bildung,...)
- zum Ausbruch der Krankheit braucht man jedoch auch ein Stressereignis (z.B.
Jobverlust, Umzug in neue Stadt, Scheidung,...)
- bei Menschen, die besonders vulnerabel für psychische Störungen sind, führt ein
bestimmtes stressiges Verhalten zur psychischen Störung
- Modifizierende Variablen/Faktoren (psychologisch vs. entwicklungsbezogen):
können gut oder schlecht wirken, z.B. Resilienz, soziale Unterstützung, Coping,
Impulskontrolle, Leistungskompetenz,...)
- wenn psychische Störung entsteht: aktue Folgen (z.B. Interaktionsprobleme,
soziale Einschränkungen, Trennung vom Lebenspartner) und Langzeitfolgen (z.B.
Arbeitslosigkeit, soziale Isolation)
- deshalb ist es schwierig, sich bereits in der Initiierungsphase Hilfe zu suchen