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HANNS HART

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Waffen fürs Deutsche Atoll

Abenteuer-Roman

HEINZ BORGSMÜLLER

MERCEDA-VEBLAG

Albachten/Münster i. W.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung

und Verfilmung, vorbehalten

Nachdruck verboten

Copyright by Heinz Borgsmüller

Merceda-Verlag

Albachten/Münster i. W.

HANNS HART

Waffen fürs Deutelte Atoll

Die sensationellen Enthüllungen


um das D e u t s c h e A t o l l in
der Original-H a n n s - H a r t -Reihe
beginnen!

Die von Millionen Lesern begeistert


aufgenommenen
Hanns-Hart-Berichte
erfreuen sich einer ständig
wachsenden Leserschar.
Lesen auch Sie die
Original-
HANNS-HART-
Romane,
die alles bisher Dagewesene
übertreffen!

HANNS HART, Schorsch


B e r g e r und das Mädchen Peter
sind wieder im verzweifelten Kampf
um das Deutsche Atoll!
Wir sagen nicht
sensationell,
Wir sagen nicht
einmalig,
Wir sagen nicht
phantastisch.
Wir sagen nur
ORIGINAL H A N N S H A R T
Es war brütend heiß in diesem verdammten Loch.
Wenn ich den Kopf hob, konnte ich den wolkenlosen Himmel
sehen.
Aber von dort hatte ich nichts mehr zu erwarten.
Ich hatte einen wahnsinnigen Durst und nur noch zwei Schuß
im Magazin.
Das Mädchen Peter lag neben mir. Sie schlief. Ihre Brust hob
und senkte sich unruhig. Sie hatte den Badeanzug an, den ich
ihr vor tausend Ewigkeiten mal in New York gekauft hatte. Ihre
Finger bewegten sich. Sie tasteten zu mir. Dann lächelte sie im
Schlaf, ich schaute sie an.
Bis ich sie wecken mußte.
Mit der Linken stieß ich sie an die Schulter. „Wach auf,
Baby!" Und mit der Rechten hob ich meine Automatik.
Es ist seltsam, um wieviel schwerer eine Pistole wiegt, wenn
nur noch zwei Schuß Munition in ihr sind.
Ich richtete sie genau auf die schweißnasse Magengegend
des hinter dem Steuerhaus hervorstürmenden Kaff ers und
drückte ab. Er schrie und wälzte sich über das Deck. Er schrie
so gellend, daß das Krachen des zweiten Schusses kaum zu
hören war, mit dem ich seinen von der anderen Seite
kommenden Kumpan von der Platte putzte.
In das Schreien der Schwarzen mischte sich das verzweifelte
Rufen von Brigitte Douglas, der Frau des Ersten Offiziers. Sie:
rief gellend um Hilfe.
Peter umklammerte meine, Schußhand.
„Bleib, Jack", flüsterte sie, „um Gottes willen, bleib!"
Doch dann ließ sie von selbst los und senkte den Kopf.
Ich robbte um die achtere Winsch herum und lief geduckt bis
zur nächsten Windhutze. Von dort überquerte ich in langen
Sprüngen das freie Deck bis zur Treppe, die zum
Promenadendeck führte. Ich zog mich Stufe um Stufe empor,
bis ich sah, wie dieses verdammte Schwein von einem Halbblut
der Frau die Kleider vom Leibe fetzte.
„Stop it, you damned bastard!" isagte ich leise. „Stop it!"
Sie blickten mich beide an.
Die Frau mit unnatürlich großen Augen, in denen nacktes
Entsetzen und wildes Grauen standen, und der Halfcast mit
tückisch funkelnden Blicken und in irrer Wut gefletschtem
Gebiß.
„Leg dich flach hin, schnell, Biggy", rief ich der Frau zu und
hechtete hoch.
Ich bekam den Burschen noch iir, Ansprang an den Knien
und riß sein Standbein weg. Ich schlug langsam und präzise mit
all der Erbitterung, die sich in den letzten zweiundsiebzig
Stunden angesammelt hatte. Ich hieb ihm die Faust in die
Herzgrube, immer wieder und immer wieder und jedesmal mit
dem gewissen Dreh.
Dann gab ich ihm die Doppelmanschette.
Er fiel in die Knie und würgte und gurgelte nach Luft.
Ich stand hinter ihm und hieb ihm zwei Handkanten von
rechts und links in den Hals. Da kippte er langsam nach vorn
und stürzte über die Deckskante nach unten. Es klatschte
kaum, als er im Gestänge der Davids hängenblieb.
Es war totenstill, nur Biggy schluchzte. Ich beugte mich zu ihr
und hob ihren Kopf.
„Wo ist Schorsch? Wo ist Mister Mountainier?"
Sie, umklammerte meinen Arm.
„Im Vorschiff, sie haben ihn furchtbar zugerichtet, ich
glaube... er ist..."
Ich richtete mich auf. In meinem Hirn war nicht mehr viel
Raum für andere Gedanken. Ich wischte mir mit dem
Handrücken über den Mund, dann blickte ich mich um. Ich
taumelte an der' Glastür des Rauchsalons vorbei. Eine
zerlumpte, abgerissene Gestalt mit verquollenem Gesicht
schien meinen Weg zu kreuzen, doch es war nur mein
Spiegelbild.
Ich stieß die Tür. auf und griff nach dem ersten Stuhl, ich
schlug ihn gegen die Wand. Es war beinähe lächerlich, mit
welcher Sorgfalt ich das längste Scheit aus den Trümmern
suchte.
Dann lachte ich, heiser und reckte meine Schultern.
Ich hatte keine Chance mehr, aber den Schädel von
Schorschs Mörder wollte ich noch unter diesem
Vierkantbrocken haben.
Ich ging zurück ah Deck; Vier von diesen Bestien schleiften
Biggy gerade weg. Sie hing, an Händen und Beinen gepackt,
völlig nackt zwischen den schreienden Teufeln, die im
Laufschritt zum Vorschiff eilten. Der eine schlug ihr mit der
Faust ins Gesicht. Da erstarb ihr Schreien, nur ihr Leib bäumte
sich noch einmal auf in wilder Verzweiflung.
Und eine Stimme links von mir krächzte:
„Werfen Sie den Knüppel weg, Hurt! Einen Schritt weiter, und
ich leg Sie um!"
Ich blieb regungslos stehen.
Meine Zunge lag gedunsen in dem ausgedörrten Mund. Die
Sonne stach in mein Gehirn und verbrannte alles Leben.

Es ist möglich, daß Sie 'n besonderes Talent haben, sich in


die Haut eines Mannes meiner Situation zu versetzen.
Immerhin werden Sie nicht einen Bruchteil dessen erfassen,
was mich bewegte. Alles, was es zwischen Himmel und Hölle
an Gefühlen gab, schüttelte mich, und meine Stimme bellte
heiser, als ich diesen schlitzäugigen Bastard anbrüllte, er sei
das mieseste Stück auf diesem verdammten Kasten. Seine
Kumpane wären brutal und dreckig. Er sei aber obendrein noch
stockdoof, und das müßte ihm doch zu denken geben.
„Die Dummheit, Mister Hurt", sagte er ölig, „liegt bei Ihnen
und Ihren Gefährten. Die anderen Passagiere haben nicht
derartige Scherereien gemacht. Die haben ihren Schmuck
rausgerückt und haben die Kassetten geleert. Nicht einer hat zu
den Waffen gegriffen. Nicht im Traum wäre jemandem der
Gedanke an Widerstand gekommen. Aber ihr verfluchten..."
„Wir haben kein Geld und keinen Schmuck, du
Schweinehund!" sagte ich rauh. „Und das Leben läßt sich nicht
so leicht rausrücken, wie ein Armband."
Vielleicht stimmte meine Vermutung, daß dieser Bastard
verhandeln wollte. Dann sollte er es deutlicher machen. Mich
schmerzte der in meinem Munde liegende Klumpen. Ich spürte
das Brennen in meinen Lippen und das Stechen in den Lidern.
Ich kannte diese Anzeichen. Ich wußte, daß diese Burschen
nicht mal mehr eins von diesen verdammten abgefeilten
Neunmillimeter-Geschossen zu investieren brauchten, um mit
uns das Geschäft ihres Lebens zu machen. Sie brauchten nur
noch ein paar Tage zu warten und dann unsere ausgedörrten
Leichen über Bord zu hieven.
Es war ein lausig übler Gedanke, sich vorzustellen, wie
Schorsch und Peter und ich verreckten, nur weil so ein paar
verkommene Chinks das Schiff in ihre Gewalt gebracht hatten.
Das Schlitzauge hinter mir lachte, während er mich mit einer
Hand vorsichtig abtastete. Er stieß in kurzen Intervallen mit dem
Waffenlauf in meinen Rücken. Er wußte genau, wie man
jemanden filzt, ohne sich eine Blöße zu geben. By Jove, kein
Illinois-State-Street-Rambler hätte das besser gemacht. Er roch
nach jenem süßlichen Duft, den alle um sich haben, die oft
Bacardi trinken. Und dann war da noch so eine Mischung von
Knoblauch und Betel. Es war fies, so fies wie alles um mich
herum, und ich hatte massig zu tun, nicht durchzudrehen,
sondern ruhig und gelassen um Ruhe und Gelassenheit zu
ringen.
„Ich sagte Euch doch schon, als Ihr den Unterhändler nach
achtern schicktet, daß ich mich nicht auf diese Masche
einlasse. Was liegt euch an uns? Sind wir nicht Passagiere wie
alle anderen."
Es war grotesk, daß ich so mit ihm sprach. Vor 'ner guten
Minute noch abgebrannt und leer und bereit, alles zu killen, um
selbst am Leben zu bleiben und nun schwatzend wie ein altes
Weib vor'm Kaffeehaus.
Aber er antwortete mir nicht. Ich begann zu überlegen, ob
das die Ruhe vor dem Sturm wäre, jene verfluchten zweieinhalb
Zehntelsekunden; in denen manche Leute Einkehr halten,
bevor sie den Finger krumm machen, und ob ich mich nicht
beeilen müßte, das Loch in meinem Kreuz zuzumachen, bevor
es überhaupt da war. Doch es blieb keine Zeit mehr. Er hatte
was anderes vor; Er sprach mit jemandem, der außerhalb
meines Blickfeldes und seiner Schußrichtung stand. Er sprach
in dem Sumatra-Dialekt. Möglicherweise dachte er, ich würde
es nicht verstehen. Aber es war belanglos. Er sagte, sie sollen
mit den Saufereien in dem Vorschiff aufhören oder zumindest
etwas langsamer pusten. Das Barometer sähe so mies aus,"
wie überhaupt ein Barometer in dieser Gegend mies aussehen
könnte. Und er würde die Verantwortung ablehnen, mit einer
Mannschaft, wie dieser, weiterzukreuzen, zumal, wenn diese
total besoffen ist.
Nun, stockvoll waren die Kaffern schon seit der ersten Nacht.
Und es war zum Irrewerden, daß weder Schorsch noch ich es
geschafft hatten, mit einem solchen Haufen Dreck fertig zu
werden, daß wir hatten zusehen müssen, wie einer nach dem
anderen aus seinem Versteck herausgeholt und fertiggemacht
wurde! Und wie fertiggemacht wurde!
Hanns Hart, Schorsch Berger und das Mädchen Peter.
Hanns Hart, alias Jack Hurt, Schorsch Berger, alias George
Mountainier, und das Mädchen Peter in den Händen einiger
verwahrloster Piraten an Bord des Ribbon-Dampfers
„Chatanooga-Lizy". Es war zum Wimmern. Ein halbes Jahr lang
hatten wir in der Versenkung gelebt, krampfhaft bemüht, allen
Dingen aus dem Wege zu gehen, die uns in irgendeiner Form
mit der Unterwelt kollidieren ließen, berechnend, jedes Manöver
überlegend, und unter strengster Nachrichtensperre waren wir
von Bayong aus mit dem Frachter in See gegangen, um dann
von Australien aus mit einer unserer Maschinen zum Atoll zu
fliegen.
Vielleicht haben Sie keine Ahnung von unserer Existenz.
Vielleicht haben Sie auch noch nie etwas von dem Deutschen
Atoll gehört?! Das macht nichts, es wird Ihnen schon rechtzeitig
klar werden, was hier so anliegt.
Mir schoß jedenfalls alles durch den Kopf, was sich so an
Wichtigkeiten in den Jährchen zwischen meiner • Geburt und
dieser Sekunde abgespielt hatte..
Es war allerhand, doch, gemessen an der Notwendigkeit,
umgehend etwas Entscheidendes zu unternehmen, schien mir
die Vergangenheit so nichtig wie ein Aprilscherz.
„Wenn das Barometer fällt", sagte ich laut und bemüht,
gegen die Sonne zu blinzeln, „ist es aussichtslos, mit solch
einer Crew über die offene See zu gehen. Diese Gewässer hier
sind gemein. Warum wollen Sie über die See? Warum gehen
Sie nicht auf Gegenkurs und laufen den ersten besten Hafen
an? Warum versenken Sie diese Schrottbüchse hier nicht
irgendwo in Hafennähe, verduften mit den Booten und
versilbern die Klamotten, bevor noch einer auf den Gedanken
kommt, die ,Chatanooga-Lizy' sei überfällig?"
„Sie sind einer von den Intelligenten, was?" lachte der fiese
Hund. „Einer, dem man zweimal hinters Ohr schießen muß,
bevor er einsieht, daß er tot ist, daß er nichts mehr zu melden
hat, daß man ihn ausradiert hat." Seine Stimme schwoll zu
einem wüsten Geheul. „Elf von meinen Leuten habt ihr
Schweine umgelegt, elf Stück, zweiundzwanzig Hände..."
„... die den alten Kahn auch nicht gehalten hätten, wenn er
absäuft! — Aber ich bin Seemann, ich kann navigieren. Wir
könnten uns einigen und..."
Sein schrilles Gelächter hatte etwas Unnatürliches. Er war
erregt und stieß wieder wild die Pistole in meinen Rücken.
„Dachtest du", keuchte er, „dachtest du Schwein, haha, das
wäre ein Job für dich?"
Ich wußte nicht mehr aus noch ein. Ich wußte nur; daß ich
mich mit diesen Kanaillen arrangieren mußte, so oder so.
Von einem bestimmten Punkte ist alles, was man tut oder
plant, nur noch eine Instinktreaktion. Und als ich die
Lautlosigkeit um mich spürte, die nur gebrochen wurde durch
sein Atmen, das wie das Zischen einer Schlange klang, die
zustechen will, da gab es in mir einen Knacks, da erstarb alles
Denken und übrigblieb nur der konzentrierte
Selbsterhaltungstrieb und die bis zur Explosion gespeicherte
Wut über dieses Gesindel, das mordete und raubte und nur ein
Ziel kannte: Vernichtung.
Er war entsetzt, als ich mich seitlich in die Hocke fallen ließ.
Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, daß ich mich
angesichts unserer hoffnungslosen Lage und seiner
durchgeladenen Waffe derart exponieren würde. Er schoß, und
die frisierte Neunmillimeter schepperte über die gezahnten
Decksplatten. Sie verursachten häßliche Geräusche, aber diese
wurden übertönt durch das Gebrüll des Chinks, der meine im
Rundschlag heranwirbelnde Faust sah und nichts unternehmen
konnte, als aufzuschreien. Ich bekam ihn einmal am Hals und
einmal in der Herzgrube.. Erst beim dritten Schlag ließ er den
Knaller fallen und griff sich stöhnend ans Herz. Dann griff er
sich an den Magen und tief er an den Bauch, um vorzuknicken
und mir ergeben seinen Nacken hinzuhalten, in den ich alles
schlug, was ich noch drin hatte. Er fiel nach vorn, er machte
richtig einen Satz und schlug schwer gegen die untere
Schottfassung. Was seinem Gesicht nicht sehr bekam.
Dreihundert, Meter tief war das Gewässer in dieser Gegend.
Ich hatte das Gefühl, tiefer zu fallen, immer tiefer in rasender
Geschwindigkeit durch glühende Lavaschichten bis vor die
Glutmauer der Hölle, als die Schüsse hinter mir aufpeitschten
und ich Peter rufen hörte.
Sie rief meinen Namen und war ganz weit, weg, und
dazwischen knallte es unaufhörlich. Es waren kurze harte
Schläge, das typische Geräusch einer auf Einzelfeuer
geschalteten Maschinenpistole.
Und zwei von diesen Kaffern brüllten hinter mir.
„Stop.... down... down... you sonofabitch... sonofabitch...
down!"
Sie schrien und torkelten in den Gang. Sie trugen
Maschinenpistolen, und das Weiße in ihren Augen glotzte mich
tückisch an. Sie kamen mit seltsam schleichenden
Bewegungen. Es war grotesk, wie sie ihre Beine hoben und auf
mich zustelzten. Sie stanken nach Schnaps. Ihr fuseliger Atem
erfüllte den Raum und schlug in einer Lohe nach mir. Sie
standen sich im Weg, als sie sich stritten, wer von ihnen mir
den Inhalt seines Doppelmagazins zwischen die Rippen
spritzen sollte. Der Hintere riß den Vorderen am Arm halb
herum. Es war eine so winzig kleine Chance, aber es war
bestimmt die letzte.
Ich fiel auf die Knie und faßte nach der Kanone des
stöhnenden Chinks. Ich schoß mit auswärts gedrehtem
Handgelenk aus der Aufklaubbewegung heraus und erwischte
beide im Leib. Ich schoß und schoß, denn, wenn nur einer noch
dazugekommen wäre, den Abzug seiner MP zu drücken, hätte
es in der engen Bude keinen Quadratzentimeter gegeben, der
nicht gesiebt worden wäre. Ich schoß das ganze Magazin leer,
und erst, als der Schlagbolzen ins Leere klickte, wurde ich
wieder halbwegs wach.
Der eine war an die holzgetäfelte Wand gefallen, stand
angelehnt noch ein oder zwei Sekunden kerzengerade und
rutschte dann lautlos abwärts! Seine Lippen zuckten, und seine
brechenden Augen stierten mich voller Verwunderung an.
Vielleicht war es mit seiner Religion nicht vereinbar, daß ein
zum Tode Verurteilter, wie ich, sich wehrte und den Henker
killte.
„Fahr ab", sagte ich gehässig, „fahr ab, du Schwein!"
Ich wußte nicht, was ich sonst hätte sagen sollen. In solchen
Situationen sprechen die Lippen von alleine. Es sind doch
einige Unterschiede zwischen einem Kaffeekränzchen und
einem Mann, der über Leichen geht, weil sie ihm andauernd vor
die Füße fallen.
Meine Hände waren feucht und glitschig von dem Blut, als
ich die Maschinenpistolen an mich nahm. Ich achtete nicht
darauf. Ich machte alle Handgriffe automatisch. Ich prüfte die
Waffen auf ihre Funktionssicherheit und fühlte, wie mein
Gesicht sich zu einem Grinsen verzog.
Zwei Maschinenpistolen mit zusammen einhundert Schuß
Munition. Hoho, es war wie bei den alten Germanen. Da
bekamen die Sterbenden auch ihre Waffen mit. Nur, daß man
sich mit 'ner Smith&Wesson-MP besser an die Oberwelt
zurückkämpfen kann als mit 'nem Steinbeil und 'ner Schleuder.
Zwei Maschinenpistolen, mehr als ausreichend, um einen
entschlossenen Mann in die Lage zu versetzen, die Welt aus
den Angeln zu heben! Meine Welt hieß in diesem Falle
„Chatanooga-Lizy" und war hundert Meter lang, reichlich
zwanzig Meter breit und alles in allem der mieseste Dampfer
zwischen allen Längen- und Breitengraden.
Ich nahm die eine MP und schlug sie dem stöhnenden Chink
über den Schädel. Er rollte, der Schlagseite des in der Dünung
rollenden Frachters folgend und kullerte zu seinen toten.
Kumpanen. Er hielt die Hände weit ab vom Körper gespreizt. Er
sah aus wie ein Frosch auf einem Haufen Schmeißfliegen. Es
war ein unschöner Anblick.
Im Schott blieb ich stehen. Peter rief nicht mehr. Ich
konstatierte das mit einem stumpfen Gefühl, das drückend auf
dem Hirn lastete und mich nicht denken ließ, nur eine
entsetzliche Angst fühlen, ich könnte zu spät kommen, um das
Liebste vor Bösem zu bewahren.
Meine Stimme klang blechern und unsicher, als ich Peterle
rief... „Peterle... was ist... was ist, Peterle?"
Irgendwo im Vorschiff johlten sie. Dann kam Peters Antwort.
Sie lachte, als sie rief, es wäre alles klar, ich sollte mich nur
vorsehen, hinter dem Überhang der Mittschiffsluke lägen einige
von diesen kaffeebraunen Bestien mit einer Artillerie, die
mehrfach reichen würde, ganze Völkerstämme auszurotten.
Ich fand das ganz amüsant, soweit ein Mann noch etwas
amüsant finden kann, dessen bester Freund sich in den
Händen skrupelloser Verbrecher, entmenschter Kanaillen
befindet und dessem Mädchen die Perfektion allen Grauens
blühte, wenn es in die Klauen derselben Verbrecher geriet.
Immerhin, ich hatte zwei Maschinenpistolen, und der
Wunsch, die eine gegen einen Beutel Handgranaten
einzutauschen, war zwar schön, aber illusorisch.
Ich lehnte an der Innenseite des Schotts. Ich überlegte, wie
ich es anstellen könnte, etwas Trinkbares für Peter
aufzutreiben. Sie mußte entsetzlich an Durst leiden.
Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Deck. Vier Tage
ohne einen Tropfen Flüssigkeit und einen einzigen Happen
Nahrung und weniger Stunden Schlaf, als ein Armamputierter
Finger hat, das reichte aus, um auch dem trainiertesten
Mädchen das Leben zu verbiestern.
Aber so blödsinnig die Piraten auch bei ihrer ganzen Aktion
verfahren wären, so gerissen waren sie in allen Maßnahmen
gewesen, uns im Achterschiff auszuhungern. Die
Wasserleitungen waren zerschossen, die Kühlrohre gesprengt,
und in der Bilge lagen die Leichen der Maschinisten. Im ganzen
sieben Mann. Sie wurden niedergemetzelt, als sie sich
weigerten, die Maschinenkommandos der Banditen
auszuführen. Schorsch, der das im letzten Augenblick
verhindern, wollte, war dabei in die Hände de& Packs gefallen
und wurde seither im Vorschiff festgehalten.
Meine Finger schlössen sich fest um den kühlen Stahl der
beiden Maschinenwaffen. Ich grinste, soweit man das
Verziehen meiner Gesichtspartie noch Grinsen nennen konnte,
den Decksstahl an und gab mir einen Ruck. Ich trat aufrecht
aus der Tür auf das freie Deck. Es war ein verdammter
Wahnsinn, so etwas zu tun. Es war aber die einzige
Möglichkeit, zu handeln. Ich wollte sie vor den Lauf haben, die
Mörder, die Schänder.
Und sie mußten kommen, denn der Überhang der Luke bot
ihnen keine Möglichkeit der Deckung vor einem aus dem
aufrechten Stand schießenden Gegner. Sie sprangen, einer
nach dem anderen, hervor, sie stießen unartikulierte Laute aus.
Sie gaben nicht einen Schuß ab, weil ich schneller war. Und sie
purzelten übereinander und sperrten meinen Weg, bis ich über
sie hinwegstieg. Noch immer hing die grinsende Grimasse in
meinem Gesicht. Noch immer war mein Denken erloschen, und
nur die Flamme des Hasses brannte unter meinem Instinkt, der
meine Beine vorwärtsbewegte und meine Augen schärfte, die
mich bereit sein ließ, jede Gefahr zu erkennen und auf jeden
Schatten zu halten und zu schießen und ihn zu zerfetzen.
Es war ein Amoklauf ohne Hast. Es war ein Marsch durch
das Fegefeuer einer irdischen Hölle, ein Durchbruch durch die
Mauer des Ausweglosen.
Dann schössen die von der Brücke auf mich. Es waren
überhastete Schüsse, obwohl sie keinen Grund zur Panik
hatten. Bevor ich ihnen auf den Pelz rücken konnte, mußten
ihre Kumpane im Vorschiff doch wach geworden sein und mich
zu stoppen versuchten.
Ich blieb stehen und machte einen Streifen leer. Das Glas
von den Brückenscheiben flog mit anhaltendem Klirren durch
die Gegend. Ein paar Gesichter, in denen die Mäuler geiferten,
verschwanden blitzschnell hinter der Brüstung.
Es war so einfach. So lächerlich einfach! Man brauchte nur
eine ratternde Maschinenpistole. So ein Stück gemeine
Technik. Es war nicht zu fassen. Vor 'ner Sekunde noch war ich
da angelangt gewesen, wo das absolute Ende erreicht schien,
und jetzt, mit dem ratternden Spucker in der Hand, sah ich nur
die qualmenden Absätze des Gevatters.
Ich spürte, wie sich die Starre um meine Mundwinkel löste;
der Schweiß zwischen dem Waffenstahl und meiner Handfläche
fühlte sich kühlend und belebend an. Ich hatte zwar einen
Fehler gemacht, aber ich schickte mich an, ihn einzuholen. Ich
drehte mich nicht um, ich ging Schritt für Schritt zurück, bis ich
bei den Kaffernleichen war. Dann nahm ich aus den
umherliegenden MPs die Magazine und stopfte sie in meine
Taschen. Es waren nicht wenige, und meine Klamotten hingen
wie Bleisäcke an mir.
Von Peter war nichts zu hören. Es war ein dumpfes Gefühl,
das mich diese Unabänderlichkeit hinnehmen und mit dem
Gedanken an den Tod der Gefährten wie einen Automaten
handeln ließ. Später, wenn Ihnen klargeworden ist, um was es
eigentlich geht, werden Sie das verstehen können.
Es war zu erwarten, daß die Hunde da auf der Brücke einen
mächtigen Wirbel veranstalten würden, um mich umzupusten,
es war eins zu hunderttausend zu wetten, daß sie bereits das
Vorschiff alarmiert hatten. Von da konnten die Kaffern unter
Deck bis zu den Stauräumen im Achterschiff gelangen und
einen munteren Zweifrontenkrieg anfangen.
Aber auch Kaffernbeine brauchen ihre Zeit, bis sie ein Schiff
der Länge nach durchquert haben. Ich klemmte den Rohrschaft
der MP unter den rechten Oberarm und lief an. Ich lief und
feuerte auf kurze Distanzen. Die Querschläger veranstalteten
ein scheußliches Gejaule, und ein paar Stimmen überschrien
die Vernichtung in grellen Tönen. Es hörte sich an' wie die
Geräuschkulisse zu einem englischen Gruselstück, aber es war
dabei so hell, so nüchtern, so prosaisch...
Dann schoß ich, an die Wandung des Brückenaufbaus
gelehnt, das verrostete Eisenschott zusammen. Ich wartete drei
Sekunden, ob die da drinnen durchdrehen und einen
Ausbruchsversuch unternehmen würden.
Aber es rührte sich nichts.
Es blieb totenstill, man empfand es doppelt nach dem
vorangegangenen Lärm.
Ich stemmte mich mit den Schultern von der Wand ab. Ich
stand breitbeinig vor der Tür. Ich zog noch einmal lange durch
und ließ den Stahlhagel in das Dunkel hinter dem Schott
prasseln.
Ich wollte weitergehen; denn es schien mir klar, daß aus
diesem Loch keiner mehr rauskommen würde, aber das wäre
beinahe schiefgegangen. Denn plötzlich knallte es los, und eine
zweite Schußserie kam über den toten Winkel von der
Backbord-Brückennock.
Ich blieb stehen und ließ die MP rotieren. Ich warf sie weg,
als sie ausgeschossen war, und nahm die andere. Ich blieb auf
der Stelle stehen und bildete den Mittelpunkt eines rasenden
Geschoßkarussells, bis das Gezwitscher um mich herum
nachließ und ich ein neues Magazin einsetzen mußte.
Es war wieder still. Man hätte meinen mögen, da wäre kein
Leben mehr auf diesem Schiff als das eigene.« Die Maschinen
standen. Ich lauschte, ob ich irgendwo das Tappen von nackten
Füßen hören würde. Aber es blieb so leblos.
Ich nahm die Maschinenpistole an die Hüfte. In der Linken,
die den vorderen Schußbügel umklammerte, hielt ich noch ein
Reservemagazin.
Dann rief ich malaysisch, sie sollten einen rausschicken, der
verhandelt.
Aber sie reagierten nicht. Sie zeigten nicht die kleinste
Reaktion. Daher hielt ich ;mich nicht mehr auf. Ich lief geduckt,
und aus der Hüfte feuernd, durch den Brückengang, wechselte
auf die Steuerbordseite und knallte beide Magazine in Deckung
der vorderen Ladeluke rauf zur Brücke. Es dauerte kaum fünf
Sekunden, bis der ganze Spuk vorüber war und mich das
Vorschiff aufnahm mit seiner in dumpfe Dämmerung getauchten
Blutatmosphäre.
Mir bot sich ein Anblick, der den Atem stocken ließ, der
taumelnd machte und die Augen vor Entsetzen irrlichtern ließ,
als wäre dieses da ein zuckendes Schemen, ein zum Bild
gewordener Fluch, ein irrsinniger Alptraum...
Aber es war Wirklichkeit. Dicht vor mir lagen die schlaffen
Körper zweier Matrosen des Dampfers. Grauenvoll
zerschlagen. Im Hintergrund sah ich drei weitere Körper in der
gleichen viehischen Art zugerichtet. Zusammengesunken auf
einer Koje, hockte eine Gestalt, die unablässig etwas murmelte
und wie im Schluckauf aufstieß. Es war die Frau des belgischen
Pflanzers Barosse, die als eine der ersten in die Hände der
Meuterer gefallen war und deren Mann, wie ich jetzt sah,
inmitten der Einrichtungstrümmer lag. Sie sah nicht auf, als ich
auf sie1 zuging. Sie reagierte auch nicht, als ich sie ansprach.
Sie starrte weiter vor sich hin, und ihre Lippen zuckten. Ihre
Hände bluteten. Ihr Gesicht wies Spuren schwerer Schläge auf.
Ich ging an ihr vorüber. Und dann sah ich Schorsch.
Er war an Händen und Füßen gefesselt. Sie hatten ihn
geknebelt und seinen Hals an einen Decksbolzen gezurrt. Er
konnte sich nicht bewegen. Nur seine Augen sahen mich an.
Ich fühlte nichts, als ich mich niederbeugte.
Da war nur noch, ein Wunsch: der, zur Rechenschaft ziehen
alle die, die daran schuld waren...
Ich senkte die Maschinenpistole mit dem Lauf dicht neben
seinen Kopf. Ich feuerte die Knoten des Strickes auseinander
und hob ihn hoch.
Er sagte nichts, aber seine Augen sprachen Bände.
'Dann, als ich ihm das Tuch vom Mund gebunden und die
übrigen Fesseln abgestreift hatte, wollte er sprechen, aber er
bekam kein Wort heraus. Er preßte den linken Arm an die Seite
und riß mit der Rechten ein Stück von seinem Hemd ab.
„Was ist?" fragte ich heiser.
Er antwortete nicht. Er hob die Linke und biß mit den Zähnen
in den Ärmel, um ihn hochzustreifen. Aber ich hatte schon
zugefaßt. Mir blieb das Wort im Hals stecken.
Schorschs Arm war schwarz. Aufgequollen wölbte sich das
Fleisch um eine über zehn Zoll lange Messerwunde. Es war
eine gefährliche Infektion. Er mußte entsetzliche Schmerzen
haben.
Er machte eine Kopfbewegung zu dem verschlossenen
Schott im Hintergrund des Raumes.
„Sie sind drin", sagte er ruhig. „Gib mir eine MP..."
Ich reichte ihm eine Waffe. Er nahm sie mit der rechten um
den Schafthals und stemmte den Kolben in die Schulterbeuge.
Er trat über den Körper des einen Matrosen und ging auf das
Schott" zu.
Wir sprachen beide nicht. Wir waren uns auch nicht mehr
unserer Umgebung bewußt. Da war nur noch der Gedanke, daß
hinter jener Stahlwand dort die Mörder saßen, diese Bestien,
die drei Tage lang gewütet und gehaust hatten, schlimmer als
alles, was vorstellbar ist.
Schorsch schoß zuerst. Er schoß nicht überhastet,' sondern
setzte mit ruhigen, fast grotesk anmutenden Bewegungen, den
halben Inhalt des Magazins um die Schloßscharniere. Dann trat
er einen Schritt zur Seite und hob den Lauf.
Er deckte mich, und ich trat mit dem Fuß gegen die
Wandung.
Das Schott brach auf und hing schräg in den Raum hinein.
Ich schoß die letzte Halterung weg und sprang über das
polternd stürzende Ungetüm in das Deck.
Es stank nach Fusel und Rauch. Eine Frau schrie gellend
und ununterbrochen. Sie schrie und schrie, selbst das Brüllen
unserer Maschinenpistolen ging unter in diesem infernalischen
Geschrei.
Irgendwo vor mir blitzte es auf. Ich hielt sofort darauf, und
dann war es mit einem Schlag so still wie in einer
Sonntagsschule, wenn der Lehrer schläft.
Unsere Augen mußten sich an das Dunkel gewöhnen. Es
war lichter Tag draußen, aber die Banditen hatten fast alle
Bulleyes und Skylights geschlossen. Eine Flasche klirrte zu
Boden, und wie auf Kommando fingen einige an zu stöhnen
und zu wimmern. Im ersten Schreck und in der
Schnapsnarkose hatten sie ihre Verwundungen kaum gespürt.
Schorsch stand breitbeinig über einem verkrümmt
daliegenden Neger. Er hielt die MP unter den Arm geklemmt
und wechselte mit einer Hand das Magazin.
Ich öffnete zwei Luken. Das Licht, das grell hereinfiel,
schmerzte und ließ die Szenerie doppelt unwirklich erscheinen.
Wir gingen durch den Raum. Überall lagen Flaschen umher.
Aber auch Waffen türmten sich auf dem Boden und in den
zerwühlten Kojen. Insgesamt befanden sich vierzehn Meuterer
in dem Raum. Zwei davon waren Weiße, der eine tot, der
andere schwer verwundet. Neben ihnen hockten zwei Frauen.
Ihre Augen schauten uns an, aber sie waren stumpf und
zeigten weder Freude noch eine andere Empfindung. Auch ihre
Gesichter waren zerschlagen und besudelt.
Über einer Pritsche lag Biggy...
Brigitte Bromwild, die junge Frau des Ersten Offiziers, die
ihren Mann auf der ersten Reise nach ihrer Hochzeit begleitete
und nach vier Tagen mitansehen mußte, wie er gemordet
worden war.
Sie war nicht mehr bei Besinnung. Ihre Hände zuckten
unruhig, und manchmal griff sie in die Luft, um nach irgend
etwas zu suchen. Sie stöhnte und warf sich von einer Seite zur
anderen. Dann wurde ihr lebender Körper wieder schlaff, und
sie wimmerte leise vor sich hin.
Wir nahmen sie als erste. Wir trugen sie in die Nähe der
geöffneten Bulleyes. Aber noch während wir sie vorsichtig auf
eine Koje betteten, wachte ich aus der Benommenheit auf, die
seit Stunden schmerzhaft meinen Schädel zusammenpreßte,
und erkannte, welch fürchterlichen Fehler ich zu begehen im
Begriffe war.
Ich verlor Zeit, während unsere Gegner das
verteidigungslose Achterschiff nehmen würden und Peter...
Peterle...
Es war ein so alarmierender Gedanke, daß ich knurrend
aufsprang, nach der MP griff, sie im Laufen neu tankte und
sofort zu feuern begann, als ich durch das Schott ins Freie
stürmte.
Ich lief schießend über das Deck. Ich achtete nicht auf das
heulende Pfeifen der Querschläger. Ich lief zum Achterschiff
und setzte zum Sprung über die Trümmerbarrikade, die wir
gebaut hatten,... als mein Fuß stockte und ich glaubte, den
Verstand verlieren zu müssen, angesichts dieser Lumperei, die
sich meinen Blicken bot.
Ein Haufen Schwarzer, angeführt von den beiden Weißen,
die als angebliche Mineningenieure aus Norwegen mit uns in
Bayong an Bord gekommen waren, starrten mich hohnlachend
an.
Sie hielten Peter vor sich und preßten ihr von beiden Seiten
kurzläufige Trommelrevolver an die Brust. Sie lachten und
sahen mich unverwandt an. Sie weideten sich an meiner Starre
und kosteten ihre Überlegenheit triumphierend aus. Die Stimme
des einen klang heiser vor Spannung, und ich war
sekundenlang unfähig, ihm zu antworten. Die Zunge in meinem
Mund schien alles auszufüllen und keinen Kaum den Worten
geben zu wollen, die nach draußen drängten. Aber dann hörte
ich Peter; ich vermied es, sie anzusehen, aber gegen das, was
sie rief, konnte ich mich nicht wehren...
Sie schrie, ich sollte mich verdammt nicht um sie scheren, es
wäre für Schorsch und mich die letzte Chance, und sie riß und
zerrte an den Griffen der beiden Verbrecher, und ich sah hin
auf die Pistolenläufe, die sich unter die Träger des dünnen
Badeanzuges geschoben hatten.
„Wirf die MP weg!" heulte der Größere von den beiden.
„Worauf wartest du? Weg mit dem Ding! Weg damit, sage ich...
weg!"
Ich ließ die Maschinenpistole sinken. Ich hatte keine andere
Wahl, aber in meinem Blickfeld waren die Körper der beiden
Banditen. Ich sah das Muster ihrer Hosen, das Messing der
Gurtschnalle und die Schweißflecken im Hemd über dem
Hosenbund; Aus dem funkelnden Widerschein der Schnalle
aber kamen die erloschenen Augen der Frau im Vorschiff auf
mich zu. Sie sahen mich an und wurden größer und größer, und
als sie dicht vor mir waren, waren es keine Augen mehr,
sondern Löcher, unendlich tiefe Löcher...
Da zog ich ab...
Das Blitzen der Schnalle verschwand, weil das Blut aus dem
Hemd spritzte und über den Gürtel lief. Er hatte nicht damit
gerechnet, daß ich schießen würde. Er hatte nur gesehen, daß
ich den Lauf sinken ließ. Und dann hatte er wie sein Kumpan
den Revolver zurückgezogen, um mich umzulegen, so wie die
MP nicht mehr losrattern konnte.
Aber er hatte sich verkalkuliert. Und als ich nach dem ersten
Feuerstoß in Sekundenbruchteilen Peters Leib in der
Schußrichtung übersprang und dem zweiten dieselbe Ladung
gab, da mußte auch der noch 'n Augenblick vor dem Abkratzen
auf die eigene Dusseligkeit geflucht haben.
Dann spürte ich einen wuchtigen Schlag im Oberschenkel
und flog in die Deckung hinter der Winsch. Es spritzte um mich
herum, es jaulte und zwitscherte, wenn die Geschosse aus den
Waffen der Farbigen in die Eisenteile der Ladewinsch schlugen.
Aber sie schössen zu schnell und zu flüchtig. Die Angst hatte
sie gelähmt, als sie sahen, daß ihre Bosse im Augenblick der
scheinbar so sicheren Überlegenheit umgefallen waren wie die
Fliegen.
Einen Augenblick oder tausend Ewigkeiten danach stolperten
Peter, Schorsch und ich durch das Schiff. Peter hielt noch
immer den rauchenden Trommelrevolver in der Hand, mit dem
sie um sich geschossen hatte, als ich hinter der Winsch lag.
Ich schlug mit dem Maschinenpistolenschaft die Schränke im
Salon ein, die von den Anführern der Meuterei zu spät
verschlossen waren, nachdem ihre Banditen sich sämtlich
sinnlos betrunken hatten.
Da standen Flaschen, Siphons und Fruchtkonserven. Der
Eisschrank surrte; in ihm fanden wir Eis, kaltes richtiges Eis.
Wir lachten uns an, und jeder wollte den anderen zuerst
trinken sehen. Wir gurgelten mit Sodawasser, spuckten es in
die Hände und wischten es uns ins Gesicht. Peter drehte sich
zu mir um und reckte sich, um mich zu küssen. Es war so
komisch, daß wir alle drei lachen mußten. Aber sie wurde nicht
mal rot dabei. Schließlich war es ja auch der allererste Kuß
gewesen von den dreieinhalb Küssen, die ich im Laufe unseres
eineinhalb jährigen Zusammenseins von ihr hatte über mich
ergehen lassen müssen.
Wir wußten nicht, ob wir endgültig Herr der Lage waren. Es
ging uns wie dem Millionär, der nach der dritten Million aufhörte,
sein Geld zu zählen. Wir behielten die MPs in Griffnähe, aber
wir taten nichts, als uns anzusehen, als lachend zu trinken und
Eis auf Schorschs Arm zu packen.
Dann hielt ich inne und sagte:
„Es gibt zweierlei, Herrschaften: entweder haben die
Meuterer Verbündete auf irgendeiner der Inseln in der Nähe,
dann werden sie nach der Beute suchen, oder die Reederei
meldet den Kahn als überfällig, und die Coast guard fängt an,
die Gegend durchzuackern!".
„... oder wir geraten vorher in das nächste Sturmtief und
versaufen, bevor alle Theorie vorwärts oder rückwärts hilft...",
knurrte Schorsch. „Wenn wir ein paar hands mehr hätten,
könnten wir sie an die Maschine stellen und wenigstens Fahrt
machen. Die Funkanlage ist seit den Kämpfen im Eimer. Was
also hindert uns, gleich den letzten Versuch zu machen?!"
„Welchen letzten Versuch?"
„Die Motorbarkasse zu Wasser bringen und die nächste Insel
anlaufen! Immerhin noch sinnvoller, als dieses Wrack hier
länger mit unserer Anwesenheit zu beehren!"
Der Vorschlag war gar nicht so übel. Aber ich sah, wie das
Wundfieber in ihm brannte und wußte auch von Peters völliger
Erschöpfung. Und wenn es im Grunde genommen auch
gleichgültig war, für welche Möglichkeit wir uns entschieden, so
hielt mich doch ein Ungewisses Ahnen davon zurück, den
Dampfer schneller als unbedingt notwendig, zu verlassen.
„Wir werden uns um die Überlebenden kümmern", entschied
ich nach einigen Sekunden Nachdenken. „Schorsch, du kannst
dann dein Glück im Funkchap versuchen, und Peter stellt eine
Proviant- und Wasserreserve zusammen."
Ich hatte getrunken und fühlte nicht mehr das höllische
Brennen der aufgequollenen Zunge. Ich wußte meine
Gefährten am Leben und interessierte mich im Augenblick,
offen gestanden, nur für eins...
Woher stammten die supermodernen Waffen der Meuterer?
Es war undenkbar, daß sie derartige Mengen von modernsten
Maschinenpistolen in ihrem dürftigen Gepäck, das obendrein
noch der Bordkontrolle unterlegen hatte, auf das Schiff
geschmuggelt hatten.
Und warum starteten eingeborene Verbrecher unter weißer
Führung einen so blutigen hold up auf ein altes Schiff, das nur
wenige Passagiere beförderte? Alles Bargeld der Passagiere
und der Besatzung zusammengenommen, ergab
wahrscheinlich nicht viel mehr als die Waffen gekostet hatten.
Und die Ladung — Kautschukballen — war nach Australien
deklariert, wo man sowieso schon die höchsten Preise zahlte,
seit bestimmte Industriezweige sich dort niedergelassen hatten,
für die die europäischen und amerikanischen synthetischen
Erzeugnisse schon wegen der erheblichen Frachtsätze zu teuer
geworden wären.
Ich schwenkte das Glas in der Hand und ließ die
Eisstückchen tanzen. Ich machte das so lange, bis das Eis
ganz klein geworden war und seine Kühle durch meine Finger
in den Körper strömte.
Dann kippte ich den Saft weg und fand, daß eine
Maschinenpistole oft nützlicher sein kann als beispielsweise 'n
Liederbuch oder 'ne Trillerpfeife oder eine getupfte Krawatte.
Hony soit qui mal y pense...!

Die flach über dem Wasser liegende Sonne ließ das dunkle
Mahagoni der Salonwände goldgetönt erscheinen. Dennoch
herrschte ein Ungewisses Dämmerlicht in dem Raum, in dem
sich nun die Überlebenden der „Chatanooga-Lizy" versammelt
hatten.
Es war die eigenartigste Gesellschaft, die ich je gesehen
hatte, dabei waren es derer nicht wenige gewesen.
Wir standen um das Sofa herum und sahen auf einen
Sterbenden. Er lag da, ein Bündel Mensch, bleichen Gesichts
mit übernatürlich großen, suchenden Augen. Seine Hände
fuhren über die Decke und fanden erst Ruhe, als Peter sie
ergriff und sanft hielt.
Es war der Zahlmeister und Chefsteward Harris, ein alter von
der Seefahrt gezeichneter Bursche, dem die Meuterer einige
Messerstiche beigebracht hatten, mit denen er sich in einen
Winkel verkrochen hatte, um dann tagelang, immer schwächer
werdend, mit dem Tod zu ringen.
Er hatte sich selbst verbunden und lag in tiefer
Bewußtlosigkeit, als wir ihn fanden.
Wir standen schweigend da. Was hätten wir auch sagen
sollen? Irgendeiner murmelte ein Gebet. Es war wohltuend, es
anzuhören. Aber der Sterbende hörte es nicht. Seine Augen
glitten über mein Gesicht, schauten zu den anderen und kamen
zu mir zurück...
„Es... war wie bei...der ,Hoatsu'... und der ‚Chile II' und
‚Salvador Regent'...", flüsterte er. „Es sind Teufel..., es kocht, es
kocht im Pazifik. Mein Bruder auf der ,Hoatsu'... es sind Teufel!"
Ich hatte mich zu ihm gebeugt, um besser lauschen zu
können und ihm das Sprechen zu erleichtern. Nun fuhr ich
zurück, denn sein Oberkörper zuckte hoch, und ein schrilles
Lachen fuhr mir ins Gesicht... „Teufel... Teufel... es sind Teufel!"
Dann fiel er schwer zurück; sein Blick wurde starr, und der
letzte Hauch wehte schwach von, den fahlen Lippen.
Der Betende hinter mir hob die Stimme. Er sang eine Litanei.
Ich drückte dem Toten die Augen zu.
Als sie ihn anhoben, um ihn nach draußen zu bringen,
rutschte die Decke von seinem mageren Körper. Die Verbände
hatten sich ebenfalls verschoben, und alle sahen die Stiche, die
man ihm beigebracht hatte. Und eine Frauenstimme schrie
gellend in das Gebet hinein:
„Diese Schweine... oh, diese Schweine!"
Dann weinten die Frauen, bis auf Peter. Sie stand neben
dem Sofa und sah mich an. In ihrem Blick lag eine ganze Welt
von Ruhe und Zuversicht, Vertrauen und Liebe, Es gibt
verdammt nicht viel Frauen, die in solchen Situationen so
blicken können wie Peter.
Ich lehnte mich an eine Schranktür. Ich blickte auf die
Sonnenkringel an der gegenüberliegenden Wand und musterte
dann der Reihe nach die Anwesenden.
Da stand Madame Barosse, regungslos, ihre großen
schwarzen Augen fest auf mich geheftet. Ihr Gesicht war
verschwollen. Lange Risse führten von den Wangen über den
Hals auf die Schultern. Sie hielt ein Tuch in der Hand. Sie
drückte es, als könnte sie damit etwas betäuben. Neben ihr saß
Miss Ferguson. Sie hing mit dem Oberkörper über der niedrigen
Sessellehne und schnarchte. Sie hatte blutige Schlagwunden
an den Schläfen, ihr blondes Haar war blutverkrustet. Aber sie
merkte nichts mehr. Sie war betrunken und schlief ihren Rausch
aus. Rechts und links von ihr hockten zwei
Besatzungsmitglieder des Dampfers. Der eine trug
ölverschmiertes Zeug. Er hatte einen Steckschuß in der
Schulter und einen Messerstich in der Hüfte. Er hatte ziemlich
viel Blut verloren und hielt sich nur mühsam aufrecht. Sein
Kamerad war mir unbekannt.
„Sind Sie vom seemännischen Personal?" fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf.
„Maschine?"
Er schüttelte wieder den Kopf.
„Antworten Sie doch", sagte ich etwas lauter als vorher. Er
zuckte zusammen und begann zu weinen wie ein Kind. Er
schüttelte sich dabei und klapperte mit den Zähnen. Dann
preßte er die Hände vor das Gesicht... oder das, was die
Meuterer davon übriggelassen hatten. Links fehlten die Finger
und rechts die ganze Hand bis zum Gelenk. Peter hatte die
Stümpfe umwickelt und ihm eine Spritze gegeben.
Ich biß mir auf die Lippen und blickte zu der Eingeborenen,
die neben dem Kartentisch saß und mich furchtsam ansah. Sie
schien unverletzt, wenngleich ihr auch das Grauen der
Erinnerung an die Vorgänge im vorderen Logis deutlich in dem
verquälten Gesicht stand.
Eine Zigarette rauchend, stand Mister Palmer, ein alter Herr
aus Hongkong, der auf der Überfahrt nach Australien gewesen
war, um sich dort auf der Farm seines Schwiegersohnes zur
Ruhe zu setzen.
Er trug einen Kopfverband und sah damit aus wie ein etwas
vertrockneter Haremswächter. Es war ein etwas frivoler
Vergleich, doch auch das grimmige Lächeln, das um seinen
faltigen Mund lag, paßte haargenau dazu. Qualm-Wolken
ausstoßend, hackte er mit einem Schraubenschlüssel
Eisstückchen klein, um Schorschs Verband damit zu füllen.
„Verfluchte Sache, das!" brummte er. „Ganz verfluchte
Sache! Will meinen lädierten Grips verwetten gegen eure
Seligkeit, daß dies die verfluchteste Sache meines Lebens ist!"
Niemand achtete darauf. Er hatte das auch nicht erwartet;
denn er brabbelte weiter vor sich hin, halb zu Schorsch
gewandt, halb in das Nichts, das fast vier Tage lang sein
Gefährte gewesen war, als er im Dunkeln,
zusammengeschlagen, im toten Winkel eines Niederganges
lag. Er hob nicht mal den Kopf, als ich zu sprechen anfing.
„Wir haben noch elf Verletzte an Bord", sagte ich, „die zur
Gegenseite gehören. Sieben davon sind noch zu verwenden.
Deshalb werden wir an Bord bleiben und versuchen, die alte
,Lizy' wieder zum Traben zu bringen."
Mister Palmer fiel der Glimmstengel aus dem Mund, und
allgemein trat eine lastende Stille ein. Selbst die
alkoholnarkotisierte Miss Ferguson hörte auf zu schnarchen.
„Bist du besenkt?" fragte Schorsch rauh. „Das ist doch eben
nicht dein Ernst?"
„Doch!" antwortete ich ruhig. „Es ist das Beste, was wir tun
können. Dieses Schiff ist intakt. Es kommt auf uns an, seine
Funktionen entsprechend zu beleben. Statt
zusammengepfercht in einem kaum seetüchtigen Motorboot ins
Ungewisse zu steuern, werden wir das Schiff auf den alten Kurs
bringen und..."
„... womöglich noch Sydney anlaufen!" rief schrill und empört
Madame Barosse. „Ich verlange, daß wir so schnell wie möglich
an Land gebracht werden. Mein Mann..."
„Wir werden Ihren Gatten auf See bestatten!" sagte ich laut
und heftig. „Im übrigen bitte ich von einer Kritik an meinen
Maßnahmen abzusehen, Madame. Das Herausbringen eines
Schiffes aus Seenot war bislang immer noch die Sache des
Kapitäns gewesen und nicht die eines Passagierrates."
Peter sah mich befremdet an. Sie wunderte sich über meine
Schärfe und die ganze Art meines Verhaltens, das hier doch so
gar nicht angebracht schien. Mit wenigen Schritten war sie bei
der Barosse, lächelte sie freundlich an und sagte ein paar
beruhigende Worte zu ihr.
Alle anderen hatten kaum ihre Stellung verändert. Sie
standen oder hockten da und schienen gewillt, alles über sich
ergehen zu lassen, was das Schicksal in Gestalt des
blutbesudelten, wilden Mannes vor ihnen für sie in petto hielt.
Palmer bückte sich nach der hinuntergefallenen Zigarre. Als
er wieder hochkam, war sein Gesicht leicht gerötet. Er grinste
und zwinkerte mit seinen listigen Augen.
„Mister Hurt", wandte er sich an mich, „bislang habe ich von
den jungen Männern dieser vertrackten Generation nicht viel
gehalten. Sie scheinen jedoch eine Ausnahme zu bilden. Ich
wette meinen letzten Stummel gegen 'ne Handvoll Seewasser,
daß Sie es schaffen werden. Und was an mir liegt, so kann ich
Ihnen sagen, daß Sydney eine wunderbare Stadt ist und ich
alles tun werde, um sie so schnell wie möglich zu erreichen."
„Okay", lächelte ich. „Dann hören Sie auf, im Eis
herumzuhacken und meinen Freund wie 'n warmen Whisky zu
behandeln, und kommen Sie her, damit wir gemeinsam die
Rollenverteilung vornehmen!"
Eine halbe Stunde später stand unser Vorhaben bis in alle
von hier aus zu erkennenden Einzelheiten fest. Es war ein Plan,
der von jedem noch lebenden Menschen an Bord das
Äußerste, ja das Unmögliche verlangte. Aber es war der Plan,
der uns aus der Hoffnungslosigkeit der augenblicklichen
Situation herausführen mußte.
Ich sagte Schorsch, er solle der Ferguson ein paar Eimer
Wasser über den hübschen Nischel schütten, denn es sei jetzt
keine Zeit mehr zu verlieren. Dann drehte ich mich um und ging
zur Tür, um zur Brücke zu steigen. Ich wollte ein Besteck
aufmachen, um an Hand des augenblicklichen Standortes die
notwendigen Kursberechnungen durchzuführen. So was hört
sich immer lausig einfach an. Mitten im Taifungebiet bei
fallendem Barometer sehen solche Scherze aber noch viel
lustiger aus!
Peter kam mir nach.
Ich blieb stehen und drehte mich um.
„Was gibt's, Baby?" fragte ich. „Irgend etwas unklar?"
„Im Gegenteil!" lächelte sie. „Nie war es mir so klar, daß ich
keinen Mann heiraten werde, der so brutal und stur bei seiner
Meinung bleibt wie du! Schorsch hatte recht, das Motorboot ist
die größere Chance, aber du mußt..."
„Was ich muß, weiß ich allein, du verdammtes
Frauenzimmer!" röhrte ich wütend. „Ich muß mich verdammt in
acht nehmen, daß ich nicht mal auf ein ähnliches Mondkalb
hereinfalle, wie du es bist! — Kümmere dich um die Verletzten
und bringe sie auf Schwung. In zwei Stunden gehen wir auf
Kurs!"
Sie preßte die Lippen zusammen und sah mich an. Ich
grinste nur ein wenig und schnalzte mit der Zunge. Dann drehte
ich mich um und ließ sie stehen. Im Weggehen hörte ich sie
fluchen.
„Ö verdammt", sagte sie, „verdammt noch mal! Verfluchter
Höllenhund!"
Falls Sie Peter noch nicht kennen, werden Sie wohl jetzt
überzeugt sein, daß sie der scharmanteste und wohlerzogenste
Teenager zwischen beiden Polen ist!
Ich ging zur Brücke. Auf dem Wege dorthin mußte ich an den
Leichen einiger Meuterer vorbei. ^Es war ein Anblick, der auch
einem nicht sonderlich weichen Bürschchen, wie ich eins bin,
die lieblichsten Gedanken verscheucht hätte.
Ich beeilte mich, den Niedergang hochzukommen, aber in
der Brücke empfing mich ein weiterer Haufen Toter. Doch ich
hatte mich bereits an den Anblick gewöhnt. Von dem einen lieh
ich mir den Bleistift, den anderen trug ich zur Seite, um an die
Schublade mit dem Sextanten zu kommen und dem dritten
nahm ich die Uhr ab, weil der Bordchronometer zerschossen
war.
Auf der Marinekriegsschule hatte ich 'ne halbe Stunde
gebraucht, um ein Besteck zu machen. An Bord unseres U-
Bootes hatte es dann immer nur knappe fünfzehn Minuten und
weniger gedauert. Hier aber fummelte ich über eine Stunde
lang herum und kam trotz aller Überprüfungen auf einen
Standort, der eineinhalb Etmale von der regulären
Dampferroute entfernt lag und diesmal auch in mir Zweifel an
dem Gelingen unseres Planes aufkommen ließ.
Dennoch gab ich eine Stunde später das
Maschinenkommando, das von Schorsch, Palmer und den
leichter verletzten Eingeborenen ausgeführt wurde.
Die Chatanooga-Lizy nahm Kurs auf Australien.
Ein schwimmendes Massengrab...
Der Matrose mit den Armstümpfen taumelte über Deck,
reckte seine Stümpfe in wahnsinnigem Schmerz und hielt eine
flammende Rede gegen den Tod, der seiner Meinung noch im
Topmast saß und wie 'n Klammeraffe mit dem Schwänze
wedelte. Ich ging zu dem armen Teufel hin und knallte ihm
genau eins an den Punkt. Ich fing den schlapp werdenden
Körper auf und trug ihn ins Kartenhaus.
Morphium war knapp an Bord.
Und wir hatten noch 'ne lange Tour vor uns, wenn wir dem
Sturmtief ausweichen wollten. v Ich hab mal einen gekannt, der
seine Dissertation über die Problematik der verschiedenen
Selbstmordarten geschrieben hat. Diese Arbeit muß in jedem
Falle unvollständig gewesen sein, denn er hatte unsere Fahrt
mit der Chatanooga-Lizy nicht gekannt!

Sieben Tage später, am dreiundzwanzigsten September


passierten wir nachts das Lagerfeuer von Iron-Rock. Ich ließ die
Fahrt verlangsamen und mußte mit dem Maschinentelegraphen
ganze Konzerte geben, um die im Stehen schlafenden
Burschen vor den Feuern zu wecken.
Wir hatten die Toten über Bord gegeben, aber wir waren so
fertig, daß es manches Mal ratsam erschien, selbst über die
Seite zu hüpfen.
Ich drehte den alten Zossen in den Strom und ließ die
Maschine stoppen. Dann schlich ich von der Brücke aufs.
Vorschiff. Ich nahm den Sliphammer und schlug den Stopper
von der Kette.
Der Anker rauschte aus, und das einzige, was zu tun
übrigblieb, war, zu hoffen, daß er hielt.
Ich gähnte und ging nach achtern, um zu sehen, ob die
Lichter gesetzt waren. Ich traf Peter am Salonschott. Sie lehnte
an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah mich an.
Ich blieb stehen.
„Hallo", sagte ich, „kleine Kinder gehören ins Bett. Bald
kommt der Weihnachtsmann!"
„Ich weiß...", nickte sie, ohne mit der Wimper zu zucken,
„seine Gaben haben wir geladen!"
Ich stutzte. „Was soll das heißen, Baby?"
„Die Chatanooga-Lizy hat nicht eine einzige Kiste an Bord,
deren Ladung mit den Angaben in den Deklarationspapieren
übereinstimmen. Du hattest ja keine Zeit, die Ladung zu
besichtigen, aber ich bin unten herumgeklettert, um nach den in
den Papieren angegebenen Kisten mit Medikamenten zu
suchen. Als ich sie fand, enthielten sie statt Ampullen und Pillen
Maschinenpistolen, Handgranaten und Munition!"
„Das wundert mich nicht sonderlich!" sagte ich feixend. „Aber
der Weihnachtsmann wird Augen machen!"
Ich beendete meinen Rundgang und legte mich
anschließend auf das Ledersofa im Kartenhaus. Noch länger im
Mondschein bei Peter stehenzubleiben, wäre nicht gut
gewesen. Ihre Shorts und der Pullover waren anscheinend vom
vielen Waschen zu stark eingelaufen.
Und das nächtliche Klima vor der australischen Küste ist
verdammt schwül.
Die Luft riecht immer nach Mai. Auch die Sterne erwecken
den Eindruck, als wäre 'n Ledersofa nicht gerade das
erstrebenswerteste Lager fir einen Burschen von meinem
Format.
Der gleichen Meinung war auch Miss Ferguson. Sie kam zu
mir herein und setzte sich neben mich. Sie rauchte eine von
den süßlichen japanischen Zigaretten, die immer so riechen als
enthielten sie Opium, und gähnte herzgewinnend.
„Sie sind ein wundervoller Junge!" sagte sie zur Einleitung.
„Sie sind genau das, wovon eine verwöhnte Frau in Nächten
wie diesen träumt! Sie sind unbeugsam! Jungs Ihrer Art
wachsen in Texas und in den Bergen."
„Auch Texaner müssen mal schlafen", sagte ich so
freundlich, wie es mir möglich war. „Haben die Leute in der
Maschine ihr Gujampelwasser bekommen?"
Sie nickte. „Gujampel mit Schuß! Doppelte Ration, Herr
Kapitän! — Und was bekommt eine durstige Frau...?" Sie
beugte sich über mich und sah mich an.
Ihre Augen schillerten, und ihr Haar fiel auf mein Gesicht.
Habe ich Ihnen eigentlich gesagt, daß Lil Ferguson eine
beachtliche Beauty von kaum fünfundzwanzig Lenzen war und
auf jedem Laufsteg jede internationale Konkurrenz zum
neidischen Wimmern gebracht hätte? Diese Dame war Klasse,
sage ich Ihnen. Ganz große Klasse, was die Figur anbetrifft.
Aber auch sonst hatte sie einiges, was nicht unflott war. Sie
hatte Peter im Wachtörn regelmäßig abgewechselt und
verdammt penibel ihren Aufgabenkreis ausgefüllt. Das war 'ne
Anerkennung schuldig, sage ich Ihnen.
Ich küßte den Mund dieser Dame.
Und die Schulter!
Und so!
Durch die leeren Brückenfenster zog der Landwind. Und der
Schein des Iron-Rock-Feuers zauberte aus Lils Haar einen
unwirklichen Glanz.
Nichts gegen Romantik, meine Herren!
Wenn sie so gewachsen ist, wie Miss Lil Ferguson aus San
Franzisko!

Am nächsten Morgen weckte mich das heulende


Motorengeräusch eines über unseren Mastspitzen Steilkurven
ziehenden Marineflugzeuges. Ich stolperte hoch und rannte
quer durch den Raum ans Fenster. Ich vergaß, daß es auch
einiges Glas gab, das heilgeblieben war, und knallte mit der
Stirn ein Loch in die Scheibe. Ich hatte danach das Gefühl, mit
einem schartigen Messer rasiert worden zu sein und
verzichtete, dem Piloten zuzuwinken.
Immerhin hätte er ja nicht solch einen blödsinnigen Krach zu
machen brauchen.
Ich suchte einen Lappen und stellte mich vor den Spiegel,
um das Blut zu stillen. Ich war allein in dem Kartenhaus, aber
etwas später lachte Lil von der Tür her und fragte mich, ob ich
Harakiri machen wollte. Ich sagte ihr, es wäre schon denkbar,
daß ich das möglicherweise eines Tages machen würde; denn
es sei nicht mehr schön auf dieser Welt; selbst die nettesten
Damen hätten kein Benehmen und würden nicht mal anklopfen,
wenn sie das Zimmer eines unverheirateten Mannes beträten.
Sie lachte und kam auf mich zu.
Sie sah verteufelt hübsch aus. Sie machte schmale Augen
und lächelte.
„So fremd sind wir uns doch aber gar nicht mehr", sagte sie
leise. „Komm her, Jack, küß mich!"
Ich blieb stehen, und sie kam weiter auf mich zu, bis sie dicht
vor mir stand und ihre schimmernden Lippen hob.
„Es ist verkehrt, es einzugestehen", hauchte sie. „Aber du
bist der verteufeltste Mann meines Lebens!"
„Ein Höllenhund!" nickte ich grinsend. „Das habe ich schon
mal gehört. Gestattest du jetzt, daß ich mich um das Einlaufen
kümmere? Ich habe Appetit auf ein saftiges frisches Steak, und
das gibt es nur an Land!"
Sie biß sich auf die Unterlippe und warf mit einer unwilligen
Gebärde den Kopf zurück. Aber gleich lächelte sie wieder.
„Steak? Ich halte mit! Ich war nie für Schonkost!"
Sie nahm mir das Tuch aus der Hand und tupfte mein
Gesicht ab. Sie reckte sich und fuhr mit der Hand durch das
Haar. Sie sagte etwas, was einen lüsternen Moralisten in helle
Begeisterung versetzt hätte und machte mir es schwer,
ernstzubleiben. Ich küßte sie noch einmal und schob sie etwas
von mir ab.
„Liebling", sagte ich, „was hältst du davon, beim
Ankermanöver zu helfen? Die Leute in der Maschine brauchen
'n kräftiges Frühstück, und auch sonst sind noch 'n paar
Kleinigkeiten zu^ erledigen, die keinen Aufschub vertragen!"
„Du bist ein Spielverderber", seufzte sie resignierend. „Aber
ich kann dir nicht böse sein. Wenn ich das Heiraten nicht so
schrecklich altmodisch fände, würde ich sägen, wir sollten es
tun. Die Leute würden sich nach uns umdrehen und sagen:
Seht, welch ein schönes Paar!"
„Lil", räusperte ich mich, „du bist voller Einfälle. Vielleicht
möchtest du auch 'n- paar Kinderchen von mir?"
„Natürlich! Sechs! Drei Jungen und drei Mädchen. Es würden
herrliche Kinder sein. Schönere und klügere Kinder gäbe es
nirgends. O Jack, je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer
wird es mir, daß es doch gar nicht so altmodisch ist, richtig zu
heiraten."
Ich nickte. Ich grinste und ging hinaus. Es ist manchmal
furchtbar schwer, die richtigen Worte zu finden, bei Damen wie
El Ferguson aus USA. Vielleicht verstehen Sie, was ich meine!
Sie rief mir etwas nach. Es war etwas sehr Lustiges. Ein alter
seebefahrener Kap-Horn-Matrose wäre bei Sonnenschein aus
der Takelage gefallen vor Lachen über dieses Wort aus dem
Munde einer solchen Lady!
Ich machte eine einfache Peilung und sah mir die Karte an.
Es konnte nicht schwierig sein, die Einfahrt zu finden. Sande
waren weit und breit nicht vorhanden, und vermutlich hatte uns
das Flugzeug längst anvisiert, so daß mit einem Empfang durch
den Lotsen zu rechnen war.
Ich pfiff in das Sprachrohr zum Maschinenraum und bekam
von Schorsch Antwort. Er meinte, er hätte genügend Druck auf
den Kesseln, so daß wir mit langsamer Fahrt gleich anlaufen
könnten.
Das war mir recht; denn schließlich hatten wir noch ein paar
andere Aufgaben zu erledigen, als herrenlose Dampfer in die
Bestimmungshäfen zu bugsieren.
Ich nahm mir noch einmal die Karten vor und ging dann in
die Nock, um Peter zu holen. Ich brauchte sie jetzt auf der
Brücke zum Feststellen der Peilwerte. Schließlich konnte ich
nicht zu gleicher Zeit peilen und steuern.
Sie kam ganz unbefangen herauf. Sie hatte noch immer
diese Shorts und den Pullover an. Sie sah aus wie ein Traum.
Ein achtzehnjähriger Traum von einem Mädchen. Sie trat neben
mich in die Brückennock und blickte durch den Peilrahmen.
„Was wollte denn Miss Ferguson?" fragte sie beiläufig.
„Die? Was soll sie denn gewollt haben? Nichts, gar nichts."
„So?"
Wissen Sie, die Art, wie Peter das „So?" aussprach, konnte
einem, glatt auf die turmhohe Palmen bringen.
„Und wenn sie was gewollt hätte, ginge dich das etwas an?"
Sie machte „Pah" und zuckte mit den Schultern. Ich
zerquetschte ein unfeines Wort zwischen den Zähnen und ging
zurück ans Rad. Ich gab nach unten, daß sie Dampf aufmachen
sollten und drehte langsam auf Kurs.
„Findest du sie hübsch?" rief Peter, ohne sich umzudrehen,
mir nach.
„Sehr", antwortete ich. „Es würde mich nicht wundern, wenn
sie die Maße der Miss Universum besäße!"
„Die besitzen andere auch! — Schließlich macht es ja nicht
allein der Körper!"
„Doch!" sagte ich, ein Lachen verbeißend. „Der macht es
immer! Es gibt in allen Parlamenten der Welt hundert und eine
Politikerin, die unablässig bemüht sind, ihren Geist brillieren zu
lassen. Aber nicht eine hat soviel Anbeter wie Marylin Monroe!"
„Fiese Welt!"
„Gar nicht fies! Politik rangiert hinter Erotik, das läßt sich
nicht wegphilosophieren. Und guck dir die Frauen der Mucker
an. Deren Männer delektieren sich heimlich an der Sünde und
propagieren laut die Moral. Würdest du vom Essen reden, wenn
du 'ne Fleischvergiftung hast?"
„Der langen Rede amüsanter Sinn: Gentlemen prefer
slaves!"
„Kurven ist nicht der richtige Ausdruck. Die Harmonie
derselben macht es! Miss Ferguson hat diese Perfektion, womit
nicht gesagt sein soll, daß sie die verkörperte Perfektion ist!"
Peter lachte spöttisch auf.
„Dann darf man wohl hoch hoffen?"
„Sei nicht albern", lachte ich. „Lil Ferguson ist gegen dich ein
lahmes Hühnchen!"
„Vergleiche hast du?"
„Können wir nicht von was anderem reden?"
„Hanns, du bist seit Tagen so verändert. Was ist denn los?"
Ich starrte auf die Stevenspitze. Ich lachte ^und ärgerte mich,
weil es gekünstelt klang. Dann gähnte ich und sagte leichthin:
„Das ist Einbildung. Ich bin nicht anders als sonst. Vielleicht
ist es auch etwas die Ahnung, daß diese Sache mit unserem
Von-Bord-Gehen in Sydney noch nicht beendet sein wird. Und
je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, daß wir
auf dem besten Wege sind, in Dinge einzusteigen, die sich
ähnlich auswachsen werden wie die Fälle, die wir vor einem
halben Jahr erlebten. Die letzten Monate waren zu ruhig
gewesen. Beobachtung des amerikanischen Marktes, Analysen
der Weltwirtschaft, Einkäufe und Tarnmanöver, das waren alles
Dinge, bei denen anderen Leuten Speckbäuche kriegen."
„Apropos Speckbauch... findest du nicht auch, daß die
Ferguson obenrum viel zu dick ist?"
„Nun höre endlich auf damit. Ich finde durchaus nicht, daß
sie obenrum zu dick ist. Schließlich bist du auch nicht gerade
mager."
„Aber proportioniert, mein Lieber!"
„Ich bin kein ,Lieber' und deiner schon lange nicht!" sagte ich
gereizt. „Zum Teufel, was hat mich nur bewogen, dich immer
noch nicht abzuschieben? Du solltest längst bei meiner Mutter
in Deutschland sein. Ich sehe immer mehr ein, daß es für deine
Entwicklung nicht gut ist, wenn du weiter mit uns durch die
Weltgeschichte kutschierst. Aber das sage ich dir, wenn mein
Freund Hello Amboss gelegentlich nach Deutschland
zurückkehrt, fährst du mit auf Biegen oder Brechen."
Sie drehte sich empört um, aber dann begann sie zu feixen.
„Hello Amboss ist doch CIA-Agent, er wird sobald nicht
ausreisen! Außerdem liebst du mich viel zu sehr, als daß du
mich weglassen würdest!"
War das nicht zum Schreien. Ausgerechnet das mußte ich.
mir sagen lassen?
„Du bist wohl vom Wahnsinn gepeitscht"

Dieser komische Knabe lächelte strahlend wie ein Filmstar in


der Autogrammstunde, als er auf mich zutrat und sich vorstellte.
„Robert Shaborne. Ich bin Beauftragter der Pazific-
Steamship-Company. Dieses Schiff ist seit vier Tagen
überfällig. Wir waren in großer Sorge. Seit gestern läuft die
Suche. Ein Militärflieger hat Sie entdeckt."
„Wie nett von ihm."
Er hielt irritiert inne und sah mich forschend an. Dann wurde
sein Lachen wieder breit, und er streckte seine Hand aus, um
meine, nur zögernd einschlagende Rechte kräftig zu schütteln.
„Wo ist Kapitän Brireau, wo sind seine Offiziere?"
„Der Kapitän, die Offiziere und die Besatzung der
,Chatanooga-Lizy' sind bis auf zwei Verwundete tot", sagte ich.
„Kann ich Ihre Legitimation als Reedereivertreter sehen, Mister
Shaborne?"
Er starrte mich völlig überrascht an.
„Tot...? Ja, um Gottes willen, das ist doch, soll das ein
Scherz sein?"
„Die Chatanooga-Lizy wurde auf See von einer Bande von
Verbrechern aufgebracht. Es gelang uns, das Schiff nach
einigen Tagen wieder in die Gewalt zu bekommen. Leider
können wir die Toten nicht lebendig machen."
Er fingerte nervös eine Zigarette aus der Brusttasche. Seine
Hände flatterten dabei. Er mußte vier Streichhölzer anreißen,
bevor der Stengel brannte. Dann machte er zwei tiefe Züge und
versuchte, schwach zu grinsen.
„Bevor Sie mich noch einmal fragen, ob das alles mein Ernst
ist", sagte ich gemütlich: „Sehen Sie sich das Schiff an.
Kommen Sie nachher auf die Brücke, wir können uns dann
über alles unterhalten. Ich bringe das Schiff jetzt in den Hafen!"
Er nahm erst noch ein paar Züge und schüttelte dann
langsam den Kopf.
„Ich fürchte, Ihnen widersprechen zu müssen, Mister Hurt.
Die ,Lizy' wird erst auf Reede in die Quarantänekontrolle
müssen. Auch wird die Polizei an Bord kommen wollen, und
überdies müssen die Pressevertreter ferngehalten werden...
damned, das ist eine verteufelte Sache. Ich wünschte, ich
brauchte hier nicht die alleinige Entscheidung zu fällen."
„Das brauchen Sie auch nicht, Mister!" dröhnte Schorschs
Stimme dazwischen, der eben Ölverschmiert die Treppe
hochgeentert kam.
Shaborne drehte sich erstaunt um.
„Wer sind Sie denn?"
„Ein Passagier!" griente Schorsch. „Erster Klasse! — Ich
werde Ihre Linie wärmstens weiterempfehlen."
Er wandte sich zu mir.
„Worauf warten wir noch, Jack? — Laß uns in den Hafen
rauschen und unsere Klamotten packen."
„Das kann ich nicht zulassen", protestierte Shaborne
schwach. „Soweit ich die Lage hier überblicke, schuldet Ihnen
meine Gesellschaft offensichtlich größten Dank, und ich möchte
keinesfalls versäumen, Ihnen großzügigste Entschädigung und
Belohnung schon jetzt zuzusichern, doch es hieße, die
Katastrophe um ein Vielfaches steigern, führen wir jetzt direkt
zum Liegeplatz. Die Presse..."
„Hören Sie mal", knurrte Schorsch da los: „Die Presse schert
uns in diesem Fall einen Dreck. Wenn Sie einen Skandal —
den berechtigten Skandal — befürchten, dann ist das verdammt
Ihre Sache. Es sind Verwundete an Bord, die dringend in
ärztliche Behandlung müssen.
„Aber, meine Herren, mißverstehen Sie mich doch nicht.
Ihnen wird von nun an die ganze Aufmerksamkeit meiner Firma
gewidmet sein. Sie werden die besten Ärzte und den
größtmöglichen Komfort auch während der Quarantäne...“
„Schluß mit dem Gefasel. Wir fahren...!" Schorsch sprang an
mir vorbei und ließ sich
den Niedergang hinuntergleiten. Unten drehte
er sich noch einmal um.
„Halbe Fahrt, Hanns?"
Ich zögerte. Sehen Sie, auch mir wäre es recht gewesen, so
schnell und reibungslos wie möglich einzulaufen und in Sydney
zu verschwinden, um uns unseren eigentlichen Aufgaben
widmen zu können. Doch irgend etwas warnte mich, Schorschs
Kopf-durch-die-Wand-Politik mitzumachen.
Zweifelsohne mußte die Ankunft des überfälligen Schiffes mit
den deutlich sichtbaren Kampfspuren im Zusammenhang mit
der Namensveröffentlichung der getöteten Passagiere und
Besatzungsmitglieder die Aufmerksamkeit auf die
Überlebenden lenken.
Damit wären wir in das grelle Licht der Schlagzeilen gebracht
worden, und das hätte unseren weiteren Vorhaben in Australien
größten Schaden zugefügt, wenn nicht gar diese unmöglich
gemacht. Außerdem interessierte mich die Ladung des
Schiffes. Wenn es sich hier um Waffenschmuggel handelte, der
örtlich auf Australien beschränkt blieb, war die Sache für uns
bedeutungslos. Stand aber etwas anderes dahinter, zum
Beispiel die Waffeneinschleusung in das Inselgebiet des
Pazifiks, dann war die Sache für uns alarmierend; denn...
Aber das werden Sie noch erfahren. — Ich gab Schorsch mit
den Augen einen Wink und sagte laut: „Laß es gut sein, alter
Junge, ich sehe keinen Grund, es den schwergeprüften
Aktionären des Ladens noch peinlicher zu machen, als diese
Katastrophe bereits ist. Wie allerdings der Tod von vier Dutzend
Menschen verschwiegen werden soll, ist mir schleierhaft."
Die letzten Worte hatte ich halb zu Shaborne hin
gesprochen. Er zuckte die Achseln und machte ein ratloses
Gesicht.
„Wie ist doch Ihr Name?" erkundigte er sich höflich.
„Hurt!" antwortete ich. „Jack Hurt, ich habe zusammen mit
Mister Mountainier und Miss Blom drei Einzelkabinen auf der
Lizy gebucht.
Es war Zufall, daß uns die Banditen nicht gleich bei ihrem
ersten Losstürmen erwischten und daß wir kurz vor Feierabend
noch ein paar MPs in die Hände bekamen, mit denen wir
aufräumen konnten."
Er schlug mir auf die Schulter, nannte mich einen good sport
und machte zu Peter ein paar platte Komplimente. Sie nahm
überhaupt nicht davon Notiz. Sie fragte mich, ob ich sie noch
benötigen würde und verließ auf mein Kopfschütteln hin die
Brücke.
„Ich schlage vor, Mister Hurt", sagte Shaborne, nachdem er
Peter bewundernd und mit einem Ausdruck in den Augen, der
mir ganz und gär nicht gefiel, nachgeblickt hatte, „wir laufen
langsam auf die Reede vor Sydney, etwa zwanzig Meilen
nordöstlich von hier, und warten dort auf das Reedereiboot, mit
dem wahrscheinlich auch schon der Arzt kommen wird. Die
Barkasse hat eine Sprechfunkanlage ausgerüstet, so daß wir in
kürzester Zeit alles herbeirufen können, was benötigt wird. Bis
dahin verfügen Sie bitte über mich."
Er sagte das ziemlich klar und offen. Es machte einen guten
Eindruck. Und ich sah keinen Grund, ihn mehr als notwendig zu
beargwöhnen.
„Gehen Sie runter in den Maschinenraum'', sagte ich
freundlich, „dort wird jede Hand gebraucht. Ziehen Sie sich aber
die Jacke aus, es ist heiß, verdammt heiß da unten. Und das
Schulterhalfter wird beim Bücken stören."
Er runzelte die Stirn, lachte aber gleich wieder.
„Sie wundern sich, warum ich eine Waffe trage", sagte er
freimütig. „Es ist Ihr gutes Recht, das seltsam zu finden. Aber
glauben Sie mir, in diesem Job, der täglichen Umgang mit
Seeleuten und Beachcombern bringt, mit Schanghaihyänen
und all den kleinen und großen Gaunern des Hafens ist ein
Schießeisen — auch wenn man es nicht täglich leerschießt —
oft von Nutzen."
Er zog die Jacke aus und slipte das Halfter. Mit einem
Lächeln legte er es auf den Mutterkompaß.
„Ich wünschte, ich wäre an Bord gewesen, als die
Schweinerei passierte", brummte er. „Es hätte mich wieder
Freude an meinem Beruf finden lassen!"
Er nickte mir zu und verschwand in Richtung Niedergang. Ich
sah ihm nach. Ich pfiff irgendeine belanglose Melodie. Als er
sich anschickte, in das Maschinenluk neben dem Saloneingang
einzusteigen, erschien Peter an Deck. Er hielt inne und sah sie
mit großen Augen an. Er sagte etwas, was ich nicht verstehen
konnte. Peter lächelte ihm zu. Sie trug immer noch diese
verdammten knappen Shorts und den engen Pullover.
Ich hörte auf zu pfeifen und wirbelte das Rad herum, um die
alte Mühle auf den richtigen Kurs zu bringen. Ich war wütend
und wußte nicht, worauf. Mit einer Handbewegung schob ich
das Schulterhalfter zur Seite. Er fiel zu B07 den, und die Waffe
polterte heraus. Es war eine funkelnagelneue Bernadelli-
Pistole. Ein bildschönes Stück.
Viel zu gut für solch einen lausigen Spinner, wie dieser
Shaborne einer war.

Die untergehende Sonne tauchte das Meer in ein blutiges


Rot. Es war ein faszinierendes Farbenspiel. Doch die
Menschen in dem Bootsgewimmel um die Chatanooga-Lizy
hatten keine Augen dafür. Was war schon die Natur gegen den
Anblick des alten Dampfers mit den zerschossenen
Windschutzscheiben, Klarsichtscheiben und eingebeulten
Aufbauten.
Es hatte ein erbittertes Ringen mit den
Presseberichterstattern gegeben, die alles daran setzten, auf
das Schiff zu gelangen und einen von uns unter den Bleistift zu
bekommen. Aber der Kordon von Hafenpolizisten, die mit der
Untersuchungskommission an Bord gekommen waren, machte
jedes Aufentern unmöglich. Es waren 'ne ganze Menge
interessanter Worte gewechselt worden, und nun brüllten einige
von den hartgesottenen Burschen im Sprechchor:
„Wollt ihr Wahrheit oder Gerüchte? Wollt ihr Wahrheit oder
Gerüchte?" Ununterbrochen, immer wieder... Wahrheit oder
Gerüchte...
Es war gar nicht dumm gemacht. Es war die lauteste
Erpressung, die ich je erlebt hatte. Die Reederei mußte ja
nachgeben. Selbst die wildeste Wahrheit konnte nicht
schädlicher sein als ein frisierter Bericht mit schmähendem
Kommentar.
Wir saßen im Kartenhaus. Schorsch, Peter, ich, Shaborne,
ein Mister Vering mit einer puppigen Tipse als zuständiger
Direktor des Schiffahrtsunternehmens und vier Beamte der
Sydneyer Kriminalpolizei. Angeführt wurde das Team von
einem Leutnant O Duff, der bestimmt nicht mit Einstein
verwandt war. Er hatte aber eine lustige Art, Grimassen zu
schneiden und „Aha" zu sagen.
Nun preßte er mit theatralischer Geste beide Hände auf die
Ohren und stöhnte:
„Mister Vering, lassen Sie doch endlich eine Abordnung
dieser verdammten Schreiberlinge an Bord. Erzählen Sie
etwas. Die geben doch keine Ruhe. Morgen können Sie lesen,
daß die Besatzung des Schiffes wegen der schlechten
Arbeitsbedingungen bei Ihrer Gesellschaft meuterte, daß die
Verhältnisse auf den anderen Schiff en Ihres Ladens noch
schlechter sind und daß die von Wanzen geplagten Passagiere
das Opfer betrügerischer Machenschaften der Zahlmeisterei
geworden sind, die vergammelte Verpflegung hatte austeilen
lassen. Mann, ich an Ihrer Stelle, würde mir diese Meute nicht
zum Feinde machen."
Der Boß wurde blaß. Er fuhr sich hinter seinen halbsteifen
Kragen und sagte ein paar Sachen, die das Puppchen knallrot
werden ließen. Und sie sah wahrhaftig nicht so aus, als wäre
sie überempfindlich.
Schnaufend vor Empörung quetschte sich der Boß an mir
vorbei und ging auf die Brücke hinaus. Er nahm das Megaphon
vom Haken und wandte sich noch einmal um.
„Alice, protokollieren Sie bereits jetzt jedes meiner mit der
Presse gewechselten Worte. Ich werde dann die anwesenden
Herren bitten, dieses Protokoll zu unterzeichnen. Ich werde es
diesen Gaunern nicht leicht machen, meine Aussagen zu
verdrehen!"
Dann schrie er, daß er verhandeln wolle. Sofort verstummten
die Sprechchöre, und Vering machte widerwillig das Angebot,
daß drei Vertreter heraufkommen könnten, denen jede
Information gegeben werden würde. Sie sollten drei clevere
Jungs auswählen und mit dem Boot an das Backbord-Fallreep
schicken.
Ich stand gähnend auf und gab Schorsch und Peter einen
informierenden Blick.
„Okay, Herrschaften", sagte ich, „da wir im Kreuzfeuer der
Blitzlichter stehen werden, wird es sich empfehlen, das Gesicht
zu waschen. So long, also, bis gleich."
Die Polizisten steckten sich Reederei-Zigarren an und waren
mit der kleinen Unterbrechung ganz unzufrieden. Der dicke
Leutnant fuhr sich mit einem Schuppenkamm durch das
spärliche Haar.
In der Brückennock stellten wir uns neben Vering. Ich klopfte
ihm auf die Schulter.
„Tragen Sie es mit Fassung", sagte ich freundlich. „Sie haben
ja uns, man wird unsere eindeutigen Aussagen über die wahren
Vorgänge nicht widerlegen können."
Er nickte und faßte mich an beide Revers meiner Lederjacke.
„Mister Hurt", sagte er beschwörend, „ich bitte Sie um alles in
der Welt, machen Sie keine abfälligen Bemerkungen über
unsere Gesellschaft. Die amerikanische Konkurrenz ist derartig
stark und skrupellos, sie würde die kleinste Kleinigkeit einer
Unkorrektheit zum Anlaß nehmen, uns den Hahn zuzudrehen.
Denken Sie an das Schicksal der vielen hundert Angehörigen
der von uns beschäftigten Männer. Denken Sie an die armen
Kinder unserer..."
„Okay, okay", grinste ich. „Über jede Sache wächst Gras. Ein
paar Footballspiele, ein neuer Atombusen, und schon ist die
Affäre Chatanooga-Lizy vergessen."
„Spiel nicht den Witwentröster", sagte Schorsch rauh, „komm
endlich."
Vering hielt mich fest.
„Mister Hurt", flüsterte er eindringlich, und kleine
Schweißtropfen traten auf seine Stirnglatze, „flechten Sie
beiläufig ein, wie heldenhaft sich die Besatzung vor die
Passagiere stellte, wie der Kapitän bis zum letzten Blutstropfen
die Ehre der Frauen verteidigte, wie die Offiziere die Ihnen
bestimmten Kugeln abfingen und Ihr Leben mit dem ihrigen
schützten."
„Mister Vering", sagte ich, „ich verstehe Ihre Aufregung nicht.
Ein Mann mit Ihrer Phantasie kann nach Verlust Beines
Postens wegen Niedergangs der Firma doch ein Bombengeld
als Filmautor verdienen?"
Er riß die Augen auf und starrte uns nach. Bevor wir im Salon
verschwanden, hörte ich aber, wie er bereits wieder
Anordnungen gab, daß die drei Reporter ohne Aufenthalt vom
Fallreep zum Kartenhaus zu begleiten wären und niemand
autorisiert wäre, irgendwelche Auskünfte zu geben.
Kaum im Salon, drehte sich Schorsch um.
„Nichts wie weg", grinste er. „Jetzt wird es mulmig"
„Genau das!" nickte ich. „Nehmt die notwendigsten
Klamotten mit."
Wir sprachen während der nächsten zehn Minuten nicht viel.
Wir steckten einige Utensilien zu uns, gingen an der
Backbordseite zum Fallreep, nickten dem Posten freundlich zu
und warteten unten nur noch wenige Sekunden bis zur Ankunft
des Bootes. Es saßen außer dem gecharterten Bootsführer drei
smarte Jungs drin. Sie waren mit einem Dutzend Kameras
behängt. Sie hielten uns für Reedereileute und - überfielen uns
mit einem Schwall von Fragen.
Ich wehrte lächelnd ab und erklärte, daß wir nur subalterne
Handlanger wären, die auch nicht mehr wüßten als 'ne
Schiffsratte mit Gehirnstaupe. Sie lachten und flitzten hoch an
Deck.
Wir winkten dem Posten noch einmal freundlich zu und
stiegen in das Boot. Der Steuermann nahm den Pfeifenstummel
aus dem Mund.
„Wohin wollt ihr?"
„Hafenpolizei, Quarantänestation!" sagte ich harmlos. „Es
eilt..."
Er kam nicht auf die Idee, sich zu wundern. Er freute sich
nur, weil Schorsch ihm einen schönen Schein in den
Hemdausschnitt stopfte.
„Meine Fresse", sagte der Alte, „ich habe bislang nicht
gewußt, daß diese Gesellschaft so mit den Dollars um sich
schmeißt! Mir soll es recht sein!"
Wir setzten uns unter das Spritzdach.
„Halten Sie direkt auf die Hafeneinfahrt zu", sagte ich leise,
aber scharf. Wir ließen den Schwärm der anderen Boote links
liegen und passierten das am Heck der Lizy vertäute
Polizeiboot in nur wenigen Metern Abstand.
Schorsch kniff die Augen zu.
„Wenn die nicht schlafen, müssen sie doch merken, daß wir
stiften gehen", knurrte er. „Das Boot sieht schnell aus. Selbst,
wenn wir zwei Drittel der Strecke hinter uns haben, kann es uns
noch einholen."
„Man kann sich auch einen Ring durch die Nase ziehen",
antwortete ich, und Peter fügte hinzu: „Auch zwei, dann
klappern sie!"
Dann schwiegen wir. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis
wir das Molenfeuer passierten und der Bootssteuerer das mit
einem roten Kreuz versehene Gebäude der Quarantänestation
anlief. Ich stand auf und stellte mich hinter ihn.
„Moment mal, Kamerad", sagte ich, „fahr noch ein Stückchen
weiter!"
Er drehte schweigend das Rad und hielt wieder in die Mitte
des Hafenwassers. Es dauerte weitere zwanzig Minuten, bis ich
ihm eine Lücke zwischen zwei Getreidefrachtern zeigte und er
prompt und ohne Rückfrage dort anlegte. Schorsch schenkte
ihm daraufhin noch einen Schein. Der Alte faltete ihn, nahm
den anderen aus dem Hemd, faltete ihn ebenfalls und steckte
beide unter die speckige Mütze.
„Meine Tochter bekommt ein Baby", sagte er, zufrieden mit
dem Kopf nickend, „der Motor braucht 'ne neue Einspritzpumpe,
und das Ruderblatt muß ausgewechselt werden, da soll es mir
nicht drauf ankommen, drei netten jungen Leuten illegal zur
Einwanderung verholfen zu haben! Viel Glück!"
Wir antworteten nicht. Was soll man sich auch groß mit
Leuten unterhalten, die für Geld Gesetze brechen?
Das im Dämmerlicht des Hafens brodelnde Menschen- und
Fahrzeuggewühl schluckte uns. Ich stoppte ein sich durch den
Verkehrsstrom träge dahinschleichendes Taxi.
„Flugplatz", sagte ich. „Beeilung!"
Wir jumpten rein, und der Fahrer zeigte uns, was die
hundertundzwanzig Pferde seines Cadillac' leisten konnten. —
Es war so einfach zu handeln. Alles wurde ja von unserer
Aufgabe bestimmt, jener Aufgabe, die, in hundertfältiger Form
von Gerüchten umwittert, durch die Weltpresse gezerrt wurde,
die man hundertfach entstellte und die doch so klar in ihrer
Größe ist, daß es eigentlich müßig ist, sie immer wieder zu
verteidigen.
Der Sydneyer Flughafen ist einer der schönsten der Welt. Ein
riesiges Rollfeld bietet Platz für die Erfordernisse schnellster
und modernster Düsenmaschinen und hatte genügend
Ausweichmöglichkeiten für die Anzahl von Privatfliegern, die
täglich aus allen Teilen des Landesinneren kommen oder,
schwer beladen, nach dort zurückfliegen.
Die Haupthalle ist hell und licht gebaut und beherbergt zu
jeder Stunde des Tages ein Gewimmel von Menschen aller
Nationen und aller Hautschattierungen. Wir teilten uns und
suchten verschiedene Schalter auf. Wir buchten drei
verschiedene Maschinen nach Valparaiso für denselben Abend,
die Nacht und den nächsten Morgen.
Es war die vernünftigste Regelung, die wir treffen konnten,
als wir dann die Plätze verfallen ließen, andere Routen buchten
und 'ne ganze Menge Verwirrung für die später kontrollierenden
Beamten stifteten.
Während Schorsch und Peter das Restaurant aufsuchten,
ging ich an den Schalter einer kleinen inneraustralischen Linie
und knüpfte ein Gespräch mit der uniformierten Maid an.
Es war ein süßes Schnullerchen mit großen Babyaugen und
herzigem Mündchen. Sie hatte lange Wimpern und eine
angenehme Stimme.
„Hallo, Liebling", sagte ich frohgemut, „mir ist so nach Fliegen
zumute. Habt Ihr 'ne Kiste zu verchartern?"
„Davon leben wir, Liebster!" antwortete sie und bewies somit
schlagend, daß sie nicht mehr zu der Sorte Damen gehört, die
sich ausschließlich von Milch ernährt.
„Dann her mit einer Zweimotorigen!"
„Hui, zum Südpol?"
„Weiter!"
„Wieviel Tage?"
„Zehn!"
„Pro Tag vierhundert... macht..."
„Viertausend!"
Sie legte den Bleistift hin und sah mich an. Sie leckte sich mit
einer geradezu klassischen Zungenspitze die Lippen, lächelte
etwas und schrieb weiter.
„Name, Fluglizenz?"
Ich zeigte ihr meinen Paß und schob ihn dann unter den
Stapel anderer Papiere, wie internationaler Führerschein,
Flugbrevet und einem Packen Ausfuhrgenehmigungen mit
britischen Insignien. Ich fuhr ihr mit dem Zeigefinger über den
Handrücken, während sie die Formulare ausfüllte. Sie mochte
das anscheinend leiden, denn sie girrte dabei wie 'ne Taube im
Frühling. Mir war es recht, solange sie nicht auf die Idee kam, in
meinem Paß nach einem Stempel der Einwanderungsbehörden
zu suchen.
Plötzlich hielt sie inne.
„Der Form halber, Mister Hurt... die Bedingungen
,Airtransport' lauten auf Vorauskasse und Kaution..."
„Vorauskasse in Ordnung. Kaution wie hoch?"
„Noch mal viertausend?"
Ich lächelte. „Kleine Fische, Liebling!"
Ihr Gesicht rötete sich vor Freude. Und sie sagte:
„Ich hoffe, Sie bleiben noch etwas in Sydney, bevor Sie
fliegen?"
„Seit ich dich gesehen habe, honey, ist das auch mein
sehnlichster Wunsch. Leider aber braucht meine Herde im
Norden ein paar Zentner Seuchenprophylaxe... vielleicht das
nächste Mal?"
Wir sagten uns noch 'ne Menge netter Sachen, dann
vereinbarten wir die Startzeit für Mitternacht. Mir war der späte
Zeitpunkt nicht genehm. Bis dahin mußte bei einigem
Funktionieren des Polizeiapparates Alarm an alle Polizeiposten
gegeben worden sein. Es war ein schwacher Trost, daß man
wahrscheinlich nur die Verkehrsmaschinen kontrollieren würde.
Aber ' da die Platzleitung es den privaten Charterfirmen zur
Auflage gemacht hatte, jede Kiste vor Vergabe vom Platzwart
abnehmen zu lassen und dieser ein vielbeschäftigter Mann war,
mußte ich mit der etwa vierstündigen Wartezeit ganz zufrieden
sein.
Ich nannte die Maid noch ein Zuckerplätzchen und brachte
ihrem Körper ein paar hervorragende Ovationen. Ihr gefiel das
gut, denn sie lächelte ziemlich aggressiv und fragte mich
dreimal, ob die Hammel im Norden denn nicht eine Nacht lang
auf die Prophylaxe warten könnten. Es war sehr mühevoll, ihr
beizubringen, daß aufgeschoben ja nicht aufgehoben wäre und
ich noch nie hätte etwas abbrennen lassen, worauf ich Appetit
gehabt hätte.
Wir gaben uns nette Namen zum Abschied, und als ich dann
die Halle durchquerte, um im Restaurant ein Eisgekühltes zu
trinken, guckte ich an einer Säule in den Spiegel. Ich konnte
nicht umhin, festzustellen, daß ich sehr gerade gewachsen war
und ein ziemlich breites Kreuz besaß. Ich versuchte, zu
entdecken!, was die Maid wohl so anziehend gefunden hatte,
aber außer einem reichlich brutalen Gesicht und 'ner Menge
Narben war nichts Bemerkenswertes vorhanden. Immerhin sind
Frauen oft recht schrullig, wenn sie Männerhosen sehen.
Ich ging quer durch das -Restaurant, steuerte dicht an Peter
vorbei und hob die von ihr pünktlich fallen gelassene Serviette
auf.
„Vierundzwanzig Uhr, Hangar zwo!" raunte ich ihr zu und
ging weiter. Ich trank eine geeiste Orangeade und ein Glas
Mixmilch und dasselbe noch einmal.
Dann schlenderte ich in die Halle zurück, ging zur Kasse und
zahlte achttausend Dollar auf das Konto der „Airtransport" ein.
Es war'n ganzer Happen, wenn man bedenkt, daß man dafür
ein ganzes Haus haben kann, aber nicht zuviel, als Preis für,
unsere Sicherheit.
Ich sagte, sie sollen die Einzahlung des Betrages an die
Gesellschaft durchtelephonieren, Es wurde mir zugesichert. Ich
kaufte mir nebenan eine Tüte mit Karamellbonbons, packte drei
Stück aus und steckte sie in den Mund. Ich lutschte immer gern
drei auf einmal. Wenn man den Mund voll hat, kommt man nicht
in Versuchung, fremde Mädchen zu belatschern.
Die Halle war voll davon. Man hätte meinen mögen! Sydney
wäre Schauplatz irgendwelcher Miss-Wahlen. Sie trugen
Uniformen oder Zivil. Der Effekt war immer der gleiche.
Manche liefen dicht an mir vorbei. Ich mußte eifrig lutschen,
um stark zu bleiben. Schließlich stopfte ich die Hände in die
Jackettaschen und ging etwas an die frische Luft. Ich schlug
mich ein paar Meter seitwärts und setzte mich auf eine breite
Bank.
Ich sitze sonst nicht gern auf Bänken, aber von hier aus hatte
man die Auffahrt zum Gebäude gut im Auge, ohne selbst
gesehen werden zu können.
Ich betrachtete mir eine Zeitlang die an- und abfahrenden
Autos und sah allerhand vierrädrige und zweibeinige
Stromlinien. Bis dann gegen elf Uhr ein Taxi vorfuhr und eine
Dame ausstieg, bei deren Anblick ich die drei letzten Bonbons
verschluckte.
Sie trug ein marineblaues Kostüm, das ihr wie angegossen
saß und von ihrer bezaubernden Figur so ziemlich alles zeigte.
Ihr Haar saß schick und rahmte das hübsche Gesicht wie ein
kostbares Bild.
Kinder, Kinder, diese Dame aus San Franzisko in USA mit
dem Namen Lil Ferguson war schon eine Wucht!
Sie stieg aus dem Wagen und zeigte viel Knie und ein
beträchtliches Stück darüber hinaus. Sie zahlte mit einem
Schein und verzichtete auf das Wechselgeld. Dann blickte sie
wieder nach links und nach rechts und lief leichtfüßig die breiten
Treppen zum Portal hinauf.
Ich stand auf, um ihr nachzusehen. Es schössen mir einige
verrückte Gedanken durch den Kopf, ehe ich vorsichtig
nachstieg. Es waren schnelle und alle Möglichkeiten
erschöpfende Gedanken. Sie eröffneten wiederum 'ne Menge
von erfreulichen Aspekten.
Sie tauchte mehrfach in dem Gewühl unter. Aber immer
wieder sah ich kurz darauf ihr blaues Kostüm. Sie war so
unmittelbar, daß ich mir wenig Mühe gab, ihr dicht zu folgen. Ich
lehnte an einem Zeitungsstand, blätterte in einer englischen
Zeitung und blickte ab und zu nach, an welchem Schalter sie
sich jetzt erkundigte.
Immerhin konnte es einen reizen, zu erfahren, was das
Herzchen bewog, uns nachzuspionieren.
Überhaupt war das ein merkwürdiges Frauenzimmer, fährt
an Bord eines Frachters in der Garderobe einer Diva, übersteht
die Aufbringung des Schiffes und die anschließenden
Zärtlichkeiten einer Schar von Verbrechern, indem sie sich mit
Whisky vollaufen läßt, steht anschließend ihren Mann bei
schwerster Arbeit zur Rettung des Schiffes, kommt wenige
Stunden nach unserer Flucht, trotz Quarantäne und
Polizeiaufgebot, wie aus dem Ei gepellt von Bord und bemüht
sich, unsere Spur zu finden.
Die einfachste Erklärung wäre, daß die Cops sie
ausgeschickt hatten, uns zu suchen. Es hätte zumindest erklärt,
wieso sie so schnell von Bord gekommen war. Dem aber stand
entgegen, daß es wohl reichlich primitiv gewesen wäre, wenn
Polizeibeamte, denen ein ganzer Fahndungsapparat zur
Verfügung steht, sich einer Person bedient, von der sie ja nicht
wissen konnten, ob sie nicht eine Komplicin von uns ist. Und
wenn sie es vermutet hätten und ihr auf den Fersen den Weg
zu uns finden wollten, dann war das genauso töricht, denn nach
allem Vorgefallenen uns soviel Naivität zutrauen, wäre doch zu
blödsinnig gewesen, blödsinniger als das Team der vier Cops
jemals sein konnte.
Wissen Sie, ich wurde das Gefühl nicht los, daß diese Dame
dort schon in Bayong auf unseren Fersen gewesen war.
Vielleicht arbeitete sie für das Federal Bureau oder die
amerikanische Intelligence Agency.
Was aber auch immer hinter Lil Ferguson stecken mochte,
ich hatte verdammt wenig Lust, mit ihr Katz und Maus zu
spielen. Zumindest so lange nicht, bis klargestellt war, wer die
Katze und wer die Maus ist!
Ich faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in die
Tasche. Dann kaufte ich mir noch eine Tüte mit
Karamellbonbons und ging quer durch die Halle auf das
marineblaue Kostüm zu.
Dicht hinter ihr blieb ich stehen und sagte:
„Hallo, Süße!"
Sie fuhr nicht zusammen. Sie reagierte kaum. Sie wandte nur
langsam den Kopf und flüsterte lächelnd:
„Hallo, Jackie!"
Wir standen uns gegenüber und sahen uns an. Ich grinste
ein wenig, denn ich mußte an die letzte Nacht an Bord denken.
„Was in vierundzwanzig Stunden so alles passieren kann",
sagte ich lächelnd, „es ist wirklich allerhand."
Sie kam auf mich zu und legte ihre Hand ' auf meinen
Revers. Sie fuhr verspielt darauf hin und her und brachte ihr
Gesicht nahe an mich heran. Kinder, war das ein Mädchen! Für
die hätte jeder arabische Scheich sein Lieblingskamel
notschlachten lassen.
„Lil", sagte ich freundlich, „nimm deine Patschhändchen von
mir, dreh dich um und gehe einen halben Schritt vor mir her
zum Ausgang. Biege nach links ab und unternimm nichts, was
ich falsch deuten könnte. Hast du das?"
Sie lächelte spöttisch.
„Was du denkst, ist nicht, mein Lieber. Ich plane nichts,
zumindest nichts gegen euch!"
„Das wird sich herausstellen, wetten?" lächelte ich zurück.
Sie gehorchte aufs Wort. Sie ging wiegend, und eine Melodie
summend, vor mir her. Es war ein Lied, das mir bekannt
vorkam. Ich dachte nach, wo ich es schon einmal gehört hatte.
Es fiel mir ein, daß dies der Motivschlager aus dem Film „Lover"
war. Sie summte es sehr beziehungsreich, und ich mußte
wieder grinsen.
Draußen im Dunkeln blieb sie stehen. Sie stellte sich so hin,
daß ich ihr ganz nahe war. Wir küßten uns; denn ich sah nicht
ein, warum die Verhandlungen auf Hieb und Stich geführt
werden Rollten. Dennoch sagte ich:
„Du mein ein und alles, es ist dir hoffentlich klar, was ich- mit
dir machen werde, wenn du versuchst, mich anzuschmieren?
— Ich habe mal eine Dame in Louisiana gekannt, die versucht
hatte, mir eins überzubraten. Sie ist hinterher über zehntausend
Dollar losgeworden, nur, um die kosmetische Operation zu
bezahlen, und sieht heute noch aus wie eine Warntafel für
Autounfälle!"
„Pfui", kicherte sie, „sei nicht so brutal! Man könnte beinahe
Angst bekommen. Aber komisch, immer, wenn ich mich vor
einem Mann fürchte, fühle ich mich so geborgen bei ihm!"
„Wie bist du von Bord gekommen? Was suchst du hier? —
Wie lauten deine Aufträge?"
„Ein bißchen viel auf einmal, Jackie, aber ich will versuchen,
dir das alles zu erklären."
„Mach's kurz, ich bin nicht scharf auf deinen Lebenslauf!"
„Ich bin eigentlich Korrespondentin und hatte ein Angebot
einer Handelsgesellschaft angenommen, als Dolmetscherin im
französischen Inselgebiet des Pazifiks. Ich sollte vor zwei
Tagen auf die Direktionsjacht der Firma umsteigen. Durch den
Zwischenfall auf der ,Chatanooga Lizy' wurde ich aufgehalten.
Die Jacht lief ohne mich aus. Ich erklärte die Zusammenhänge
den Herren von der Polizei. Man war sehr liebenswürdig,
brachte mich zum Quarantänearzt und verständigte durch Funk
die Jacht, daß ich nach Neuseeland fliegen würde, um
übermorgen dort einzusteigen. Die Jacht heißt ‚Rover', der
Eigner ist die Tranöl-Verwertungs-Company mit Sitz in San
Franzisko und Niederlassungen in allen größeren Hafenstädten
der Welt. Die Telefonnummer der hiesigen Vertretung lautet..."
„Warum hast du eine Überfahrt auf der langsamen
komfortlosen ,Lizy' gebucht, statt von Bayong zu fliegen?"
„Es war der Wunsch der Firma, daß ich mich auf der
Inselfahrt umsehen und möglichst viel Eindrücke von den
hiesigen Gegebenheiten sammle. Das ist im Flugzeug schlecht
möglich, G-man!"
„Welche Maßnahmen traf man, als man unser Verschwinden
bemerkte?"
„Zunächst keine. Ich hatte den Eindruck, als seien alle
Beteiligten ziemlich ratlos. Dann erkannte der kleine Dicke..."
„Vering?"
„Ja, so heißt er wohl... er nutzte gleich die Chance und
belastete euch schwer. Je mehr sich das Interesse den
Flüchtigen zuwandte, desto tiefer sank seine Gesellschaft in die
Anonymität. Es war das gefundene Fressen für ihn! Ich konnte
nichts unternehmen. Mäh fragte" mich, ob ich wüßte, wer ihr
seid und wollte Einzelheiten von der. Katastrophe und eurem
Verhalten danach wissen. Ich gab an, nichts Näheres zu
wissen. Soviel ich weiß, könnte auch Mister Palmers Aussage
nichts Belastendes gegen euch erbringen. — Wie ist es, Jackie,
zufrieden?"
„Was tatest du an den verschiedenen Schaltern?"
Sie lachte und reckte sich, um mich zu küssen. „O Jackie",
sagte sie zärtlich, „hast du etwas dagegen, daß ich mich nach
den verschiedenen und vor allem schnellsten Verbindungen
nach Neuseeland erkundigte?"
In dem Buch von Tao und Teh, das der schärfste Konkurrent
vom alten Konfuzius, der Laotse geschrieben hat, steht 'ne
Menge drin von dem, wie man sich in ähnlichen Lagen verhält
wie der meinen. Aber der alte Knabe hatte nichts gewußt von
den raffinierten Methoden unserer Parfümchemiker und der
Wirkung von Nylonblusen unter marineblauen Kostümjacken.
Außerdem hatte Laotse die Dame Lil Ferguson aus USA nicht
gekannt!
Wir küßten uns, und nach 'ner Weile sagte sie hauchleise:
„Ich weiß nicht, Wer du in Wirklichkeit bist, Jackie, ich weiß
nur, daß alle Flugzeuge der Welt ohne mich nach Neuseeland
fliegen können und ich auf den angenehmsten Job pfeife, wenn
du... ich meine, wenn wir..."
„Hör mal", unterbrach ich sie, „wie kann man nur so
leichtsinnig sein! Ich bin ein gesuchter Bankräuber!"
Sie kuschelte sich an mich und biß vor Vergnügen in den
obersten Knopf meines Hemdes.
„Herrlich!" flüsterte sie. „So etwas hab ich mir schon immer
mal gewünscht!"
Wir lachten beide und küßten uns wieder. Später sah ich
nach der Uhr. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit.
„Mein liebes Mädchen", sagte ich heiter. „Mein liebes
Mädchen, es gibt genau zwei Möglichkeiten, die mir nun
bleiben!"
„Und die wären... ?"
„Ich gehe mit dir dorthin an die Ecke und sage dem Copper,
er solle dich festnehmen, denn du hättest mich, angesprochen
und mir'n eindeutiges Angebot gemacht. Dann gehst du hops,
denn Prostitution ist in diesem lieben Land verboten, und ich
habe meine Ruhe! Oder aber ich muß dich bitten, deine Pläne
betreffs Neuseeland aufzustecken und die Reise noch 'ne
Zeitlang mit uns fortzusetzen!"
Sie sah mich an und gab ihrem Gesicht dabei eine leicht
amüsierte Blasiertheit. Es war ein Ausdruck, der bei mir nicht
ankam. Ich lutschte einen weiteren Bonbon und grinste etwas
dreckig.
„Gib dir keine Mühe, Lil Ferguson", sagte ich dabei, „diese
Partie geht haushoch an mich!"
„Du biet verrückt!" zischte sie, langsam begreifend, daß ich
keinen Scherz machte. „Was soll denn das? — Ich könnte ja
dem Polizisten im Ernstfall erzählen, daß ein gewisser Hurt
keine Einreisepapiere besitzt und dringend gesucht wird. Ich
könnte ihn in meine Handtasche schauen lassen und ihn
fragen, ob die verbotenen Prostituierten in diesem Land mit
Zeugnissen und Reisepaß herumlaufen, obendrein wüßte ich
zum Teufel nicht, warum ich eine gutbezahlte Stellung
aufgeben soll, bloß, um mit einem so unhöflichen Burschen
durch die Landschaft zu gondeln."
Sie küßte mich, aber an meinen Lippen merkte sie, daß ich
nicht scherzte. Es muß ein harter Schock für sie gewesen sein;
denn sie preßte ihre Finger mit jähem Druck gegen meine
Oberarme und warf den Kopf zurück.
„Jack", flüsterte sie, „sei ein guter Junge und laß mich..."
Ich lachte. Es war ein Lachen, wissen Sie, bei dem ein
Schöngeist Gänsehaut bekommt. Es beeindruckte die Dame Lil
mächtig. Sie trat einen Schritt zurück und sah sich gehetzt um.
Sie spielte ihre Rolle gut, wenn sie überhaupt spielte. Man weiß
das bei Damen dieses Genres nie so recht.
Ich habe mal eine Dame gekannt, bei der war das ähnlich
gewesen. Die hatte immer ja gesagt, wenn sie nach
landläufigen Moralbegriffen hätte nein sagen müssen, und das
war bei ihr so ausgeprägt gewesen, daß sie schließlich eine
hochbezahlte Stellung bei 'ner privaten Informationsgruppe
angeboten bekam, in der sie nach kurzer Zeit avancierte und
öffentlich ausgezeichnet wurde. Es waren ein paar smarte
Jungs anderer Nationalität auf der Strecke geblieben, mit Blei
im Mägen und Stahl im Gehirn.
Es war kein Zufall, daß ich an jene Dame denken mußte,
wenn ich Lil ansah. Und ich lächelte und schob die Schulter vor.
Ich streckte meine Hand aus und faßte sie am Handgelenk. Ich
lächelte noch mehr und sagte ihr, sie dürfe von nun an alles
tun, nur nicht etwas, was ich als unfreundlichen Akt auslegen
könnte.
Ihr Gesicht wechselte dabei die Farbe. Sie zischte häßliche
Sachen und beschimpfte mich. Ich hörte mir das eine Weile an
und sagte ihr dann freundlich, daß sie wieder einen halben
Schritt vorausgehen und die Richtung zur Halle einschlagen
sollte.
Ich glaubte zu wissen, wie das Häschen lief.
Schließlich habe ich ein prämiiertes Köpfchen, Herrschaften.
Ich steckte mir noch einen Bonbon in den Mund und fand das
Leben ganz erträglich.

Wir flogen in mittlerer Höhe über die See. Man hätte


Romantik lutschen mögen bei diesem Flug. Über uns
leuchteten die Sterne in dichter Pracht, und das ruhige Meer
unter uns spiegelte die ungezählten Lichtpunkte wieder.
Peter, die vorn neben Schorsch im Co-Pilotensessel saß,
klatschte vor Entzücken in die Hände. Sie zeigte nach vorn zum
Horizont, wo die Lichter zusammenstießen und, eine Mauer
bildeten, eine Wand als flögen wir in einer Glocke von Sternen.
Sie wollte mich darauf aufmerksam machen und drehte sich
um. In diesem Augenblick beugte sich die neben mir sitzende
Lil zu mir und küßte mich schnell auf den Mund.
Peters Miene wurde zu Eis.
„Gehen Sie nur nicht zu heftig ran, Miss Ferguson", sagte sie
nach dem ersten Schreck, schnell, gefaßt. „Mister Hurt liebt
druckfeuchte Offerten billiger Massenartikel gar nicht."
Schorsch lachte wiehernd und gähnte gleichzeitig und fragte,
ob ich nicht endlich mal gedächte, ihn abzulösen. Die Kurverei
im Radarbereich der australischen Küstenverteidigung sei nicht
unbedingt erfreulich und erholsam gewesen.
Ich blickte zu Lil. Sie saß ganz still in dem Sessel, hatte den
Kopf auf die Rückenlehne gelegt und die Augen geschlossen.
Als ich mich erhob, faßte sie, ohne die Augen zu öffnen, nach
meiner Hand und sagte leise:
„Bleib, ich möchte euch etwas sagen."
„Sie will um deine Hand anhalten", krähte Peter unpassend
und taktlos dazwischen. „Meinen Segen habt ihr!"
Ich ranzte sie an, sie möge den Mund halten, wenn
Erwachsene sich unterhielten. Schließlich gehörte sie längst ins
Bett!
Aber da begann die Dame Ferguson, mich zu stoppen und
eine Rede zu halten, die uns alle stumm wie die Karpfen
dasitzen und uns im stillen fragen ließ, ob das ein blöder Traum
war oder unsere Gehirne an Mangelerscheinungen litten.
Sie sprach so leise, daß man es bei dem durch die
Kanzelabdeckung dringenden Motorenlärm kaum hören konnte.
Dennoch traf uns jedes Wort, als wäre es laut gebrüllt worden.
„Sie sind bis auf Miss Bloom keine echten Amerikaner. Ich
nehme an, Sie sind Deutsche. Es ist nicht schwer zu folgern,
daß Sie in geheimer und außerordentlicher Mission reisen. Bei
Betrachtung der Lage liegt der Schluß nahe, daß Sie
Angehörige jener mysteriösen Forschungsgruppe sind, die seit
Jahren irgendwo in der Südsee herumexperimentiert. Ich
könnte mir vorstellen, daß Sie deutsche Marineoffiziere sind.
Das Bild von Ihnen paßt genau in die Version internationaler
Zeitungsmeldungen, wonach bei Kriegsende ein Boot des
sagenhaften Walther-Typs, besetzt mit einer jungen U-Boot-
Crew, inmitten einer unbewohnten und schwer zugänglichen
Inselgruppe Zuflucht gefunden hat vor den alliierten Häschern.
An Bord sollen sich die beiden hervorragendsten Nachwuchs­
Physiker Deutschlands befunden haben, denen es im Verein
mit der großartigen Besatzung gelang, inmitten der Wildnis ein
Forschungszentrum größten Stils aufzubauen. Vielleicht war an
den Berichten manches übertrieben, jedoch lag in allen
Versionen eine zwingende Logik. Verantwortungsbewußte
Forscher fliehen aus einer Welt voll Lüge und Verrat und Mord
und Haß in die paradiesische Abgeschiedenheit eines
einsamen Atolls, um dort zum Wohle der Menschheit zu
arbeiten und..."
Hier faßte ich mich. Ich blickte zu Schorsch, der wie
angenagelt in dem Pilotensitz lag, und zu Peter, die mich
entsetzt anschaute und auf ihrer Unterlippe kaute.
„Das ist eine feine Geschichte, Lil!" sagte ich. „Phantastisch
geeignet zur Verfilmung. Man könnte sogar eine ganze
Filmserie daraus machen. Ähnlich wie bei Tarzan! Das
Publikum würde darauf fliegen. — Aber uns verschone bitte mit
solchem Stuß!"
Sie lächelte etwas. Sie öffnete die. Augen und sah mich voll
an. Dann kramte sie aus ihrer Tasche eine Zigarette, steckte sie
an und machte ein paar Züge.
„So was ist kindisch, Jack", sagte sie dann unvermittelt, „wir
sollten die ganze Sache auf einen gemeinsamen Nenner
bringen. Es wäre ausgesprochen töricht, wolltet ihr jetzt noch
bluffen. Der Fall ist doch klar."
Ich blickte an Lils Kopf vorbei zu dem kleinen runden
Kabinenfenster. Ich sah in das Sternengewimmel, das
unendlich zu sein schien und in dessen Ferne irgendwo das
Deutsche Atoll lag, unsere Heimat, das bestimmende Wesen
unseres Lebens, mehr noch, vielleicht die Wiege einer neuen
Zeit, einer Zeit, in der aus den Verstrickungen einer im Chaos
sich windenden Gesellschaftsordnung, aus Haß und Gier, aus
Mord und Not, aus religiösem Wahn und politischer
Verblendung eine Menschheit lernt, sich einzufügen in die
Ordnung des Alls, das bestimmend uns umgibt.
„Okay", sagte ich laut mit einem Krächzen, das mich wütend
machte. „Und wie heißt die Firma, in deren Auftrag du hinter
uns herreist?"
Sie nahm wieder ein paar Züge und lehnte sich behaglich
zurück. Sie sah unverschämt gut aus dabei, aber sie verstand
es, unaufdringlich zu bleiben und zurückhaltend sympathisch zu
wirken.
„Es gibt keine Firma. Die Firma bin ich! Ich bin wahrhaftig nur
hinter meinem Job hergewesen. Ich habe einen Faible für die
Südsee. Ich glaube, es gibt nichts auf der Welt, was mich mehr
reizt als die pazifische Inselwelt. Ich habe schon auf dem
College alle Berichte verschlungen, die aus diesem Raum
kamen. Und als ich mich auf meine neue Stellung vorbereitete,
stieß ich erneut auf Berichte in französischen Zeitungen, in
denen das rätselhafte Walsterben von Hunderten dieser
kostbaren Tiere in Zusammenhang gebracht wird mit den
‚unkontrollierten' Experimenten jener deutschen Gruppe. Es ist
da doch nur zu verständlich, daß ich mir wünschte, es möchte
mir gelingen, auf meinen künftigen beruflichen Fahrten durch
den Pazifik das Eiland zu entdecken, auf dem eine neue* Welt
geschmiedet wird."
Da begann Schorsch zu lachen, und auch ich grinste etwas,
nur Peter biß weiter auf ihrer Unterlippe und sah zum Fressen
süß aus in ihrer Verwirrung.
„Ein frommer Wunsch!" lächelte ich. „Er bewegte Hunderte
von Such-Piloten, stolze Flottenadmirale und ein ganzes Heer
von Detektiven. Immerhin, es blieb Lil Ferguson vor-. behalten,
den ersten Schritt in richtiger1 Richtung zu machen. Darf ich
fragen, Goldkind, wie Sie sich nun Ihre Zukunft vorstellen?"
Sie blickte erstaunt hoch, denn meine Stimme hatte nicht
sehr innig geklungen.
„Meine Zukunft?" sagte sie gedehnt. „Nun, ich habe mir
darüber noch keine Gedanken gemacht. Obwohl, es ist
natürlich eine veränderte Situation... aber, kommt Zeit, kommt
Rat!"
„Na schön", grinste ich, „nehmen wir mal an, es war wirklich
nur ein Zufall, daß Sie uns in Verbindung mit dem Deutschen
Atoll brachten. Was, glauben Sie, ist nun zwangsläufig unser
nächster Zug in der von ihnen unglückseligerweise begonnenen
Partie?"
„Schwer zu sagen, Jackie! — Das Einfachste wäre, ihr öffnet
dort die Tür und schmeißt mich raus. Dann seid ihr mich und
damit zunächst mal alle Sorgen los! Ja, je länger ich darüber
nachdenke, will mir scheinen, daß euch gar keine andere Wahl
bleibt, als mich zu beseitigen. Ihr müßt mich töten, wenn euer
Geheimnis gewahrt bleiben soll. Mich auf das Atoll zu
verfrachten und dort zu internieren, dürfte unklug sein, denn
das dortige spartanische Leben der Männersiedlung würde
durch die Anwesenheit einer Frau..."
„Quatsch", sagte ich rauh, „bei uns wird der Charakter nicht
in Hubraum oder nach der Kontohöhe gemessen wie in der
zivilisierten übrigen Welt. Und sooo spartanisch lebt man auf
unserer Insel gar nicht, aber auch ich komme immer mehr zu
der Überzeugung, daß es das beste wäre, die Kabinentür zu
öffnen und zuzugucken, wie Miss Ferguson aus USA ohne
Fallschirm in ihren geliebten Pazifik springt!"
„Darf ich auch mal was sagen?" meldete sich der rauhe Baß
von Schorsch. „Man könnte das nackte Grausen kriegen, wenn
man sich anhört, was ihr da hinten für Stuß verzapft. Wir setzen
das Goldkind bei Morgengrauen bei der nächsten
Landemöglichkeit ab und starten wieder. Sie kann dann bei den
Zeitungsredaktionen hausieren gehen und ihre Geschichte zum
besten get)fen. Sicher kriegt sie dann einen feinen Posten in
der Irrenanstalt. Niemand glaubt doch an so eine wilde Story:
Gefangene der beiden Atoll-Agenten! Für solch eine
offensichtliche Ente gibt auch das mieseste Provinzblatt nicht
'ne lausige Millimeterspalte her!"
„Vielleicht doch", lächelte die Ferguson verträumt. „Vielleicht
doch..."
Sie kramte in der Handtasche und holte ein zerknautschtes
Stück Zeitung heraus. Sie glättete es mit einer flüchtigen
Bewegung.
„Der Artikel stammt aus einer deutschen Fachzeitung, dem
,Delphin', einer Zeitschrift für den Unterwassersport. Man wird
ihm bestimmt nicht unterstellen können, daß er unkontrollierte
Sensationsmeldungen bringt, bei den Auslandsbeziehungen,
die von deutschen Unterwassersportlern gepflegt werden..."
Peter reckte sich hoch und schaltete die Deckenleuchte ein.
Ich las halblaut vor...
„Delphin-Sprünge — Aktuelles aus aller Welt — Suva
(Fidschi-Inseln):
Die Kreuzfahrten eines geheimnisvollen Ü-Bootes im Gebiet
der Fidschi-Inseln beunruhigen seit Tagen die Bevölkerung
dieser tropischen Inselgruppe in der Südsee. Am Montag wurde
das Unterseeboot wieder beobachtet, nachdem bereits mehrere
Augenzeugen unabhängig voneinander über das Auftauchen
des geheimnisvollen Fahrzeuges berichtet hatten.
Versuche eines neuseeländischen Aufklärungsflugzeuges,
die Nationalität des U-Bootes festzustellen, verliefen erfolglos.
In der Hafenstadt Suva auf den Fidschi-Inseln werden die
Berichte über das Auftauchen des ,Geister-U-Bootes' in
Verbindung gebracht mit dem bisher unaufgeklärten Rätsel um
das Verschwinden des Ausflugbootes ‚Joyita' im November
vergangenen Jahres, das mit fünfundzwanzig Personen an
Bord aus dem Hafen Suva ausgelaufen und Wochen später,
völlig unbeschädigt im Südpazifik treibend, aufgefunden worden
war.
Von den Besatzungsmitgliedern und Passagieren fehlte jede
Spur. Es wurden damals die verschiedensten Theorien über
Unfall, Seebeben oder Piratenüberfall aufgestellt, ohne daß es
für eine dieser Theorien auch nur die geringsten Anzeichen von
Beweisen gegeben hätte..."
„Keine schlechte Story, wie?" lächelte die Ferguson. „Weder
das Auftauchen des U-Bootes noch das Verschwinden der
Menschen von der gänzlich unbeschädigten ,Joyita' kann
geleugnet werden. Es ist in amerikanischen Zeitungen viel
Aufhebens von der Sache gemacht worden. Man schlachtete
die Meldung dahingehend aus, daß russische Submarines
Versorgungsstützpunkte im Pazifik anlegen, so eine Art
Unterwasser-Depots, und daß ebenfalls die Russen per
Unterseeboot großangelegte Agenten-absetz- und
Auffangbewegungen durchführen. Man hatte damit eine
Erklärung für das Verschwinden der fünfundzwanzig ,Joyita'­
Passagiere. Aber als die Angehörigen der Opfer protestierten
und nachwiesen, daß die Verschwundenen alles andere als
russische Agenten waren, die man abgeholt hatte, und auch als
die Navy einen Wink gab, so einfach wäre alles nicht, da
dementierte man zweizeilig auf der letzten Seite im
Anzeigenfriedhof. Das Rätsel blieb ungelöst. Es blieb jedem
überlassen, sich seine eigene Theorie zurechtzulegen."
„Und das hat die Dolmetscherin Lil Ferguson natürlich nur
aus Berufsinteresse getan!" spottete ich. „Ich bin direkt
ergriffen!"
„Nicht nur deshalb!" erwiderte sie ungerührt und mit
unüberhörbarem Gegenspott. „Mein Interesse hatte durchaus
reale Hintergründe. Ich rechnete mir aus, was derjenige von
den internationalen Nachrichtenagenturen geboten bekommen
würde, wenn er das Geheimnis jenes ,German Island' durch
authentische Berichte und dokumentarisch beweiskräftige Fotos
entschleiern könnte."
„Ist ja lustig", knurrte Peter, „und was kam bei der Rechnung
heraus?"
„Genug, um einen Lebensstandard zu sichern, von dem ich
als kleines Mädchen schon träumte. Eine Villa in Bei Air bei
Hollywood, ein Traum-Auto, eine Jacht, ein Flugzeug, die Hälfte
des Kapitals spekulativ investiert, die andere Hälfte auf Sicher
deponiert!"
Habe ich Innen nicht gesagt, daß diese Dame
außerordentlich veranlagt war? Sie konnte mehr, als man ihr
zugetraut hätte. Sie besaß außer sichtbaren Vorzügen auch
Talent, zu lügen, ohne daß man es ihr übelnehmen konnte.
Ich gähnte und fragte Peter, ob sie daran gedacht hätte,
etwas Proviant mitzunehmen. Sie war über den plötzlichen
Themawechsel überrascht, schaltete aber sofort und reichte mir
einen Cellophanbeutel mit einigen Sandwichs. Ich klopfte
Schorsch auf die Schulter, informierte mich kurz über den
Instrumentenstand und klemmte mich hinter den Knüppel. Ich
gähnte noch einmal, und während ich eine keine Kurskorrektur
vornahm, begann ich zu essen.
Zwanzig Minuten später — niemand hatte bis dahin etwas
gesagt, nur Lil hatte schweigend geraucht und irgendwelche
Schlager gesummt — schaltete ich das Sprechfunkgerät ein.
Wir näherten uns dem neuseeländischen Radarbereich. Es
stand zu erwarten, daß die Peilstellen uns anriefen. Durch den
australischen Sperrgürtel hatten wir uns mit Hilfe eines
einfachen Tricks manövrieren können. Wir waren zwei Minuten
vor dem Passieren eines TWA-Flugzeuges auf dessen Kurs
gegangen, Ratten uns als die offizielle Kursmaschine
ausgegeben. Der Schwindel mußte dann aber bald aufgeplatzt
sein' als die richtige Maschine sich meldete. Theoretisch
mußten die Einflug-Sperrorgane Neuseelands also bereits
gewarnt sein, aber ich vertraute auf die Laschheit der in der
Monotonie ihres Dienstes träge gewordenen Luftfahrtrekruten
und konnte mir das Lachen kaum verbeißen, als ich mich auf
die Anfrage als TWA-Passagierflug „108" ausgab und
Landeerlaubnis anforderte.
„Okay, Joe", grunzte der Onkel von der Bodenstelle, „ihr seid
früh dran heute? Hattet ihr Rückenwind?"
„Und was für welchen!" gab ich zurück. „Was machen die
Mädchen von Auckland?"
„Oooooh... plenty good, Joe! Es sind wahrhaftig flotte
Puppen!"
Er quatschte noch 'ne Weile, und ich überlegte mir, ob ich
schon jetzt nach Norden abdrehen sollte oder erst über dem
Landinneren. Die Kermadec-Inseln konnte ich mit unserer
Spritreserve sowieso nicht mehr erreichen. Ich sagte dem Heini
da unten, daß ich jetzt abschalten und auf die Platzfrequenz
gehen müßte, da wir Benzin verloren hätten und
zwischentanken müßten.
Er lachte. „Na, da kommt doch runter, wir schwimmen hier in
Flugbenzin. Bloß die Maschinen fehlen noch. Die kommen erst,
wenn die Rollbahn fertig ist. Brauchen ja einen Teppich unter
die Räder die Herren Amis!"
„Gib nicht so an, wir landen auf jedem Acker!"
„Na, dann kommt doch..."
„Bohre nicht mit dem Finger in der Nase!" sagte ich. „Ende!"
Es war so einfach. Ich drückte und ging auf zweihundert
Meter hinunter. Es war nicht viel von dem Flugplatzbau zu
erkennen, nur ein Stück Rollbahn, das direkt am Ufer begann,
und zu beiden Seiten hochaufgetürmte Erdmassen. Irgendwo
dahinter brannte Licht.
Es wäre einfacher gewesen, auf dem Platz in Auckland zu
landen, aber schwieriger, den dringend benötigten Brennstoff
zu beschaffen. Außerdem war es ratsam, erst mal eine Weile
verschwunden zu bleiben und nicht überall unangenehm
aufzuplatzen. Ich drehte mich um.
„Haltet euch ein wenig fest, es wird ganz schön rumpsen!"
Ich drückte noch einen Zahn an und flog in eine Schneise
ein, die ganz manierlich aussah, von deren
Bodenbeschaffenheit ich jedoch nichts wußte. Vielleicht werden
Sie denken, es sei ganz und gar blödsinnig in solchen
Situationen die Maschine zu riskieren und eine Bruchlandung,
die uns fürs erste mattgesetzt und wahrscheinlich auch
etwaigen Fahndungsbeamten in die Hände gespielt hätte.
Schließlich war unser Verschwinden von Bord der „Lizy" und
aus Australien mehr als verdächtig gewesen.
Aber auf dem offiziellen Flugplatz hätten wir uns der
Platzkontrolle nur unter Androhung von Waffengewalt entziehen
und mit gleichen Mitteln das Benzin beschaffen müssen. Das
hätte ungeheures Aufsehen erregt und eine Interpol-Fahndung
eingeleitet, während jetzt immer noch zu hoffen war, daß die
Fahndung auf Australien beschränkt blieb.
Ich. ging ganz sacht herunter und kitzelte den Boden mit den
Rädern. Ich drückte millimeterweise nach und faßte eine glatte
ebene Grasnarbe, von der nur zu hoffen war, daß sie nicht
durch Gräben oder Aufschüttungen unpassierbar war.
„Verrückt!" war der einzige Kommentar zu der Landung, als
wir ohne anzuecken, ausgerollt waren. Er kam von Miss
Ferguson. Es lag soviel Bewunderung darin, daß Peter
gnatschig sagte: „Fliegen kann er ja, Miss Ferguson, ob er aber
auch auf Sie fliegt...?"
Dann stiegen wir aus. Der Platz war gut zu erkennen. Wir
standen einige zweihundert Meter vor einem Barackenkomplex,
links von uns zog sich eine lange Buschgruppe hin, und rechts
standen Planierraupen und LKWs in langer Schlange
hintereinander.
„Laßt mich verhandeln", sagte ich kurz. „Sie werden gleich in
Scharen kommen und eine Notlandung vermuten!"
Peter und Lil hockten sich auf die Tragfläche. Ich nahm
Schorsch zur Seite und wollte ihm etwas flüstern, aber er
wehrte ab und knurrte, daß er schon auf diese Puppe
aufpassen würde und ich ganz beruhigt sein könnte.
Wir warteten fast eine Viertelstunde, aber nichts regte sich in
der Gegend.
Ich steckte die Hände in die Taschen und stiefelte los. Es
nieselte, daher schlug ich den Kragen hoch. Ich pfiff den
Yankee-Doodle und fand, daß meine Stimmung besser als das
Wetter war.
Bei den Baracken angelangt, erkannte ich den Grund der
Nichtbeachtung, die man uns freundlicherweise
entgegenbrachte. Die Besatzung der Baustelle hockte in einem
verräuchert ten Raum, der wohl die Kantine darstellte,
zusammen und grölte zu dem Lärm, der aus ein«*' auf vollen
Touren laufenden Music-Box kam. Ich sprang vom Fenster in
den Schatten zurück als die Tür aufging und rülpsend und
lärmend zwei Burschen herauskamen, die sich an die
Barackenwand stellten und dann wie- der zurückgingen.
Ich wandte mich nach rechts, wo aus einem kleineren
Gebäude helles Licht kam. Antennenmasten standen daneben,
und es war nicht schwer zu erkennen, daß es sich um den Sitz
der Bodenkontrolle für diesen Abschnitt handelte. Ich öffnete
die Tür und sagte laut: „Schöne Grüße von den Puppen aus
Auckland!" ,
Der Jonny wirbelte auf seinem Drehschemel herum und
starrte mich entgeistert an. Er hatte in einem Buch gelesen und
den Radarschirm überhaupt nicht mehr beachtet.
„Steh auf, du Lümmel!" sagte ich heiter. „So ein
pflichtvergessenes Päckchen wie dich müßte man in Scheiben
schneiden und zur Bekämpfung der Rattenplage an
ungeziefergefährdeten Stellen auslegen!"
Er glubschte ganz perplex und bekam kein Wort heraus. Ich
ging zu ihm, hob das heruntergefallene Buch auf und mußte mir
ein Lachen verbeißen. Es war eine Reiterlein-Übersetzung!
„So was liest du?" sagte ich barsch. „So was liest du, statt
das Vaterland zu verteidigen?"
„Es... es ist doch... so spannend", stotterte er. „Die anderen
haben's zweimal gelesen... und ich..."
Ich machte eine Handbewegung zum Radarschirm. Deutlich
zeigte sich der Punkt einer anfliegenden Maschine. „Es ist die
TWA nach Auckland", sagte ich etwas freundlicher. „Sei nett zu
den Jungs und überlege dir jedes Wort!"
Ich steckte die Hände in die Tasche und sah ihn an. Er
verging beinahe und sah zweimal daneben, als er nach dem
Handmikrophon grabschte. Er sagte sein Sprüchlein und sah
ungesund aus, als er sich wieder zu mir drehte.
„Wer sind Sie, Sir?" hauchte er ergeben. „Es wird nie wieder
vorkommen, ich bereue es sehr und..."
Ich nickte und nahm ihm das Mikrophon aus der Hand. Ich
schraubte die Kapsel auf und ließ die Elemente auf den Boden
fallen. Ich trat drauf und zerdrückte sie mit dem Absatz. Dann
legte ich zwanzig Dollar auf den Tisch. „Für ein neues! Komm
mit!"
Er faßte sich an den Kopf und stöhnte, als wäre er unter die
Räuber gefallen. Er machte nicht den Eindruck, als könnte er
sonderlich gefährlich werden. Ich erklärte ihm freundlich und
ruhig seine Aufgabe. Er nickte mehrmals heftig mit dem Kopf
und versprach alles zu tun, was in seinen Kräften stände. Er
verbeugte sich dabei vor meiner Automatic und legte die
Rechte auf die Brust. Es war nicht viel los mit ihm, ein ganz
kleiner Fisch!
Er trippelte vor mir her zu der Kantine. Er öffnete die Tür und
wollte mich mit einer Verbeugung vorgehen lassen. Ich klopfte
ihm auf die Schulter, daß er in den Knien weich wurde, und
schob ihn vor mir her in den verqualmten Raum.
„Höö... Ted", brüllte einer, „bist du bescheuert? Du bist doch
Funker vom Dienst... na, nun guckt euch den Kleinen an... er
soll..."
Dann brach er ab, denn mein Macker hob die Hände und rief:
„Alle mal herhören! Ein Kurierflugzeug aus Australien ist eben
gelandet. Es muß betankt werden. Anweisung aus Auckland!
Schaltet die Scheinwerfer ein!"
Es wurde schlagartig still in dem Laden. Nur die Box
wimmerte die amerikanische Version von „Schön war die Zeit..."
Dann erhoben sich einige von den Burschen und kamen auf
uns zugestolpert. Ich grinste ihnen entgegen und bohrte dem
Macker den Zeigefinger ins Kreuz. Er schlackerte am ganzen
Körper. Er ging mir während der ganzen Zeit «nicht von der
Seite. Er lobte die fliegerische Glanzleistung, ohne Einweisung
auf einem fremden Platz, der eigentlich gar kein Platz war,
gelandet zu sein und trieb seine Kumpels zur Eile an. Ich
konnte wirklich zufrieden sein mit dem Kundendienst der
neuseeländischen, Streitkräfte.
Nur eins gefiel mir nicht. Der Kleine wurde zu ruhig. Er
bewegte sich ganz lässig und wagte ab und zu mal einen
Scherz. So verbeugte er sich vor den Mädchen und nannte sie
„seine hochgeschätzten, verehrungswürdigen, direkt vom
Himmel gefallenen Engel!"
„Gefallene Engel?" mokierte sich Peter. „Er soll bloß
aufpassen, daß ich ihm nicht gleich an den dreckigen Hals
springe..."
Es schien alles in bester Ordnung. Wir wurden bis an den
Rand voll getankt. Es konnte nach menschlichem Ermessen
nichts mehr passieren. Die Jungs waren sämtlich unbewaffnet,
der Kleine an meiner Stelle schied ganz aus, und sowie der
Tankwagen die Schlauchverbindung gelöst hatte, konnten wir
starten.
Das Feld wurde mit den Scheinwerfern voll ausgeleuchtet.
Die Tanks waren voll. Das Benzin lief literweise über die
Flächen. Dann wurden die Verschlüsse aufgesetzt, ich lächelte
dem Macker unmißverständlich zu und stieg über den
Flächentritt nach vorn zur Kanzel.
In diesem Augenblick geschah es..
Ein kleiner Funken flammte auf, flog durch die Luft und
landete mit leichtem Klirren auf der nassen Fläche. Zischend
loderte eine blaue Flamme auf, und in Sekundenbruchteilen
stand die ganze Fläche in lodernden Flammen.
„Es sind Spione", schrie der Funker, in den Schatten
rennend. „Spione... Spione..." Er kreischte, und seine Stimme
überschlug sich in wilder Wut und heulendem Haß. Er hatte das
Feuerzeug geworfen, und ich hätte eine ganze Menge dafür
geboten, ihn jetzt in meine Arme schließen zu dürfen, aber ich
hatte anderes zu tun. Ich warf mich der Länge nach auf die
Fläche und rollte in die Dunstflamme hinein und wälzte mich,
um mich schlagend, bis zum Flügelrand. Ich brüllte nach
Schorsch, aber der hatte längst geschaltet und den
Schaumlöscher aus der Halterung gerissen. Er spritzte aus dem
eingeschlagenen Kabinenfenster, und während ich darauf
wartete, daß wir in die Luft flogen, erstickten die Flammen unter
der weißen Schaumschicht ebenso schnell wie sie aufgelodert
waren. Ich triefte vor Schaum, als ich eiligst zurückkletterte,
während Schorsch schon durchstartete.
Irgendwo hämmerte eine Maschinenpistole los, in deren
Salventakt ein paar weitere einfielen, und Lil Ferguson hinter
mir sagte:
„Sie sind ein Zuckerjunge, Mister Hurt! Wenn das
Schlagsahne wäre, würde ich Appetit bekommen."
Peter warf mir einen Lappen an den Kopf. Sie sagte
schnippisch, ich sollte mich abwischen, die krankhafte
Phantasie gewisser Damen würde sonst zu sehr erregt werden.
Ich gähnte und antwortete nicht. Ich trocknete mich ab,
gähnte noch ein paarmal und kippte dann die Rückenlehne
meines Sessels in Schlaf Stellung. Ich legte mich zurück und
schloß die Augen.
Das letzte, was ich vor dem Einschlafen hörte, war eine
Bemerkung Peters zu Lil.
„Kein Wunder, daß Sie so einen verlebten Teint haben bei
Ihrer Qualmerei!
Dann brummten die Motoren, und ich schlief ein.

Schorsch übergab mir die Maschine und sah mich fragend


mit einer Kopfbewegung zur schlafenden Ferguson an.
„Es war verrückt, sie mitzunehmen, Hanns! Jetzt haben wir
sie auf dem Hals!"
„Na und? Sieht doch gar nicht so unflott aus!"
„Er brummte sich was in den Bart, was nicht sehr freundlich
war und warf sich in den nächsten Schlafsessel. Ich wußte, wie
ihm zumute war und ahnte, was in ihm vorging.
Sehen Sie, als wir damals als blutjunge Sprinter mit unserem
U-Boot unter Führung von Kapitänleutnant Reckmann die
Südsee aufsuchten, um ein Versteck für uns zu finden, da
hatten wir nicht geahnt, auf welche Schwierigkeiten unsere
Robinsonade in den kommenden Jahren stoßen würden. Der
Kommandant hatte es gewußt. Er hatte ein
Ausbildungsprogramm aufgestellt, das aus jeden von uns einen
topfitten Allroundman. machte. Und während er mit Dr. Dr.
Bertram und Dr. Ing. Steinberg die Forschungsstätte aufbaute,
hatte man Schorsch und mich auf den Einsatz ‚draußen'
vorbereitet, hatte uns jahrelang systematisch gedrillt und im
Unternehmen ,Tuamotu' unter wilden Umständen nach Chile
auf die Reise geschickt. Damals war durch einen Zufall das
Mädchen Peter zu uns gestoßen, von dem wir anfangs
geglaubt hatten, es sei ein Junge. Sie war bei uns geblieben die
ganzen Monate hindurch, in denen wir von einer Schlacht in die
andere getaumelt waren. Die Zusammenstöße mit der
Unterwelt, vornehmlich in den Nordstaaten von Amerika, hatten
uns Zeit gekostet, wiederum aber eine Menge harter Dollars
eingebracht.
Auf Anweisung von Reckmann, unserem ‚Inselfürsten', wie
wir ihn scherzhaft nannten, hatten wir dann beigedreht und
alles vermieden, was uns in neue Schwierigkeiten stürzen
konnte.
Der letzte uns erteilte Auftrag hatte folgendermaßen gelautet:
„Feststellen Ursache politischer Gärung im pazifischen
Raum. Mutmaßlicher Ursprung: Australien und Philippinen.
Beobachtung der Weiterentwicklung! Eingreifen nur bei Gefahr
fürs Atoll!"
Unser Abhördienst auf dem Deutschen Atoll hatte seit
längerer Zeit die offiziellen und privaten Funk- und
Pressemeldungen über gewisse politische Vorgänge im Pazifik
verfolgt. Aufsässige Eingeborene hatten in hartnäckigen Streiks
erzwungen, gewisse Zusagen zur Erweiterung ihrer nationalen
Rechte zu bekommen. Stammesfürsten hatten den kolonialen
Verwaltungsbehörden in Dutzenden Fällen den
Fehdehandschuh hingeworfen. Morde an Pflanzern,
Waffendiebstähle, Brandstiftungen und andere Verbrechen
hatten genau die Atmosphäre geschaffen, in der Guerillakriege
gedeihen.
Logischerweise stellte dies eine gewisse — wenn auch nicht
besonders schwerwiegende — Bedrohung unseres Eilandes
dar. Wieso, das mag vorerst noch dahingestellt bleiben,
jedenfalls hatte sich der Chef etwas dabei gedacht, als er uns
befahl, diese Entwicklung aufmerksam zu beobachten.
Wir waren dann ja auch gleich aufgebrochen und zwischen
Bayong und Australien in den Schlamassel auf Chatanooga-
Lizy geraten. Der Kahn hatte eine illegale Waffenladung an
Bord gehabt und sich darin allerdings in nichts von diversen
anderen Schiffen unterschieden, die auf allen Meeren ähnlichen
Ladungen in ‚unterentwickelte' Länder schaffen. Wie recht wir
dann gehandelt hatten, als die Sache drohte, große Ausmaße
anzunehmen und uns überpopulär zu machen, bewies die
Kombination der kleinen Lil, die haargenau ins Schwarze
getroffen hatte und bei der lediglich noch festzustellen war, wer
ihre Sintermänner waren. Daß sie als Amateurdetektivin dem
Phantom ‚Deutsches Atoll' nachgejagt war, schien zumindest
zweifelhaft.
Dennoch bildete Lil Ferguson den kleinsten Anteil an den
Problemen, die ich zu verdauen hatte. Da waren noch 'ne
Menge anderer Gedanken.
Wir flogen in nördlicher Richtung und schwenkten nach einer
bestimmten Zeit nach Osten, um dann wieder auf Nord-Ost-
Kurs zu gehen. Ich vermied die offiziellen Flugstraßen über das
Stützpunkt-System in diesem Gebiet und flog in dreitausend
Meter Höhe bestimmte Umgehungskurse, bis wir am
Spätnachmittag in grader Sicht voraus die Silhouette einer
winzigen Insel ausmachten.
Es war gegen achtzehn Uhr, als wir landeten. Zehn Minuten
später sandte Schorsch die ersten Zeichen auf der mit dem
Atoll verabredeten Frequenz in den Äther, und eine Minute
darauf hatten wir die Empfangsbestätigung.
Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt reichlich 2000 Meilen
von dem Atoll entfernt und sendeten mit ganz geringen
Energien, die normalerweise nicht einmal 200 Meilen
überbrückt hätten. Die neuartige Funktionsweise des auf dem
Atoll arbeitenden Empfängers ermöglichte jedoch spielend den
Verkehr. Dabei konnten sowohl meine Trägerwelle wie die des
Atolls beliebig verzerrt und durch einen zweiten Sender im
eingepeilten Schnittpunkt wieder entfernt werden. Es wäre also
durchaus gefahrlos gewesen, Klartext zu senden, doch es
bestand bei uns das grundsätzliche Gebot, jede Telegrafie-
oder Sprechsendung zu chiffrieren. Ich las Schorsch halblaut
den Chiffretext vor, er hämmerte ihn hinaus; dann bekamen wir
die lapidare Antwort, daß wir nach eigenem Ermessen handeln
sollten, auf keinen Fall jedoch nach Australien zurückgehen,
bevor Gras über die Chatanooga-Story gewachsen wäre. Als
neuen Ausgangspunkt für künftige Operationen wurde uns
Suva auf den Fidschis empfohlen und wöchentliche
Berichterstattung angefordert.
Wir sahen uns an. Knurrend nahm Schorsch die Kopfhörer
ab.
„Mein lieber Mann", sagte er, „die Herrschaften im Paradies
wünschen, nicht gestört zu werden. Wetten, daß die gerade bei
der Erprobung der neuen Projektile sind? Möchte nur wissen,
was es mit Suva auf sich hat..."
Ich drehte mich zu den Mädchen um. Sie säßen ganz
friedlich beieinander. In Peters Augen schimmerte es wach und
forschend.
„Etwas Wichtiges?"
Ich nickte. „Ja! Wir machen drei Tage Ferien! Die Palmen auf
dieser Insel müssen mal geerntet werden, außerdem ist mir
nach Schlafen zumute."
„Mir auch", lächelte Lil. „Sehr sogar!"
Ich konnte es nicht verhindern, daß ich rot anlief, obwohl ich
wahrhaftig kein heuriger Hase mehr bin. Peter sah das und
grinste spöttisch.
Ich räusperte mich und schluckte alles, was heraus wollte
herunter. Ich wandte mich an Schorsch.
„Die Mädchen schlafen unter der linken, wir unter der rechten
Tragfläche. Die Kiste wird nach Luftsicht getarnt. In dreimal
vierundzwanzig Stunden werden sich die Gemüter in Australien
und Neuseeland etwas abgekühlt haben, so daß wir den Start
nach Suva wagen können. Ich habe das lausige Gefühl, daß es
dann in allen Kartons rumpeln wird, deshalb rate ich, die
kommenden Tage mit Schlafen zu verbringen!"
Die drei schauten mich an. Ich drehte mich um, stieg in den
Kahn und ließ ihn mit Standgas an eine Gebüschgruppe rollen.
Mit dem Bordwerkzeug schlugen wir dann Tarnmaterial ab und
verbrachten den Abend mit dem Bau der beiden Unterkünfte. Lil
wollte ein Feuer anmachen; ich blies sie daraufhin an und
fragte sie, ob sie mit Macht Ärger machen wolle. Sie wollte sich
ausschütten vor Lachen.
Schorsch holte Nüsse. Wir tranken die Milch und aßen
schweigend. Es herrschte eine gereizte Stimmung. Vielleicht
war es die Vorahnung auf die kommenden Ereignisse.
Die Sterne zogen auf, und Peter drehte an dem Bordgerät.
Tanzmusik aus Tokio. Ein amerikanischer Soldatensender
brachte New-Orleans-Musik. Topsy Donaldson sang alte Blues.
Ken Colyer mit seiner Skiffle-group löste sie ab.
Wir lagen mit unter dem Kopf verschränkten Armen neben
der Maschine in dem trockenen weichen Gras und starrten in
den glitzernden Nachthimmel. Über uns schimmerte das Kreuz
des Südens.
Es war ein herrlicher Anblick. Wir schwiegen, lauschten der
Musik und summten manchmal eine Melodie mit. Wir ahnten,
daß dieser Friede vorübergehend war, daß wir Ereignissen
entgegengingen, die den Bestand des Atolls gefährdeten und
bei denen es nicht mehr nur darum ging, eine Handvoll
Verbrecher auszuschalten, sondern das Leben der Kameraden
zu schützen und das Werk zu bewahren vor dem Zugriff
skrupelloser Bestien.
Peter spürte, woran ich dachte. Sie schob ihre Hand langsam
über das Gras zu mir und berührte mit den Fingerspitzen
meinen Arm. Dann griff sie meine Hand und streichelte sie
scheu. Ich erwiderte ihre Berührung und hätte sie ganz an mich
ziehen mögen, ihr über das Haar streicheln und ihre jungen,
vollen Lippen küssen.
Meine Stimme war rauh, als ich sagte, es wäre Zeit zum
Schlafengehen.
Wir gingen schweigend auseinander.
Es dauerte Stunden, bis ich einschlief. Und dann träumte ich
wirres Zeug. Ich sah Lil an einem Fallschirm über dem Meer
schweben und ruderte in einem Boot, um sie zu retten. Aber sie
fiel in das Wasser, bevor ich heran war. Sie rief laut meinen
Namen, immerzu...
Ich schlug die Augen auf und spürte sie neben mir.
Sie flüsterte: „Hanns" und wieder „Hanns".
„Was ist, Lil?"
„Kommst du mit zum Strand?"
Ich nickte und stand auf. Schorsch schnarchte.
„Was ist mit Peter?" fragte ich leise.
„Schläft fest und zufrieden wie ein Kind."
Wir gingen in Richtung des phosphoreszierenden
Brandungsstreifens. Wir küßten uns unterwegs und blieben
dazu mehrmals stehen. Lil flüsterte irgendwelche dumme
Sachen. Ich hörte nicht zu; die Brandung übertönte auch
manches. Dann riß sie sich los und lief hinunter zum Wasser.
Im Laufen streifte sie Bluse und Rock ab und ließ beides zu
Boden flattern. Später sah ich noch zwei hauchdünne Etwas
wie große Nachtfalter in den Sand schweben und hörte Lils
Jauchzen, als sie sich dem Wasser entgegenwarf.
Dann aber wurde sie plötzlich still und blieb stehen. Sie
wandte sich um und kam mir mit langsamen Schritten
entgegen. Ihr Körper war naß von der Gischt, ihre Lippen
schmeckten herb nach der See und der Nacht. Die Sterne
schimmerten Rockend in der Nässe ihrer Brust, sie lockten
hinauf zu dem dunklen Mund, der sich mir immer wieder bot, bis
ich ihn verschloß. Ich hob Lil auf und trug sie weiter. Ich lief mit
ihr am Wasser lang bis ich einen Platz fand, der weich ud
lauschig war und um den herum die Nachtblumen dufteten und
die Luft erfüllten mit süßer Lockung.
Lil sprach nicht. Aber ihre Bewegungen und die Glut in ihren
Augen kosten mich in zärtlicher Hingabe.
Der laue Wind trocknete ihren Körper und machte ihn weich
wie Samt. Sie schlang ihre Arme um mich und hauchte meinen
Namen. Ihre Lippen zuckten unter den meinen bis sie sich
aufbäumte und in erlösender Hingabe an mich schmiegte.
Schwer und süßlich schlug der Duft der Blüten über uns
zusammen, hüllte uns ein in den Zauber des Paradieses. In uns
war nichts als Liebe, und um uns raunte der Wind, zirpten die
Käfer, rauschte das Meer und raschelte das Gezweig unter dem
Flügelschlag eines nachtmüden Vogels.
Vergessen war die Welt voller Haß und Gefahr, ausgelöscht
das Bild der Vernichtung und des Kampfes.
Es war ein Traum. Und wie Träume sind, so war er kurz und
das Erwachen aus ihm fiel schwer.
Das Schlagen ihres Herzens war an meinem Ohr. Ich blickte
hinaus zu den Sternen, vor die sich ein milchiger Schleier
schob. Ich richtete mich auf und deckte meine Jacke über Lil.
Sie bewegte sich im Schlaf, ihr Gesicht war ruhig und entspannt
und lächelte. Sie zog ihre Beine an und tastete schlaftrunken
mit einer Hand nach mir. Ich strich über ihren Arm und flüsterte
beruhigend ihren Namen. Dann stand ich auf und ging zum
Wasser. Der Wind war kühler geworden und die Brandung
stärker. Ich zog mein Hemd aus und legte die Hose daneben.
Ich lachte laut und befreiend und stürmte in die Wellen. Ich
schlug im Kraulschlag das Wasser mit wuchtigen kurzen
Hieben und freute mich meiner Kraft und dem Einssein mit dem
Wind und den Wellen. Ich schwamm weit hinaus, drehte mich
dann auf den Rücken und ließ mich treiben. Die Insel schwebte
in meiner Sicht zwischen dem Wasser und dem Himmel. Auf
der Insel waren meine Freunde und eine Frau, eine fremde
Frau, die ich besaß und die doch nicht mein war. Ein Wesen
aus einer Welt, die ich nicht mochte und das ich daher nicht
lieben konnte. Das ich aber begehrte, mit jeder Erfüllung mehr.
Ich warf mich herum und zog durch die Wellen zurück. Das
Wasser umspülte meinen Körper und hüllte ihn ein wie in ein
weiches Tuch. Bis die Brandung es mir herunterriß und ich
nackt und bloß über den Strand lief, meine Sachen faßte und
zurückging zum Lager unter der rechten Fläche des
Flugzeuges.
Ich schlief unruhig und wachte mit den ersten
Sonnenstrahlen auf. Peter badete unten am Strand. Ich ging in
den nahen Buschwald und holte ein paar wilde Ananasfrüchte.
Bei der Rückkehr ins Lager kam mir Peter entgegen. Sie trug
ein winziges Nylonhöschen in der Hand. Ihr Gesichtsausdruck
gefiel mir gar nicht.
„Hallo, Jack", sagte sie, „die Insel scheint bewohnt zu sein.
Irgendwelche Figuren schmeißen nachts mit Reizwäsche um
sich!"
„Reizwäsche?" knurrte ich. „Ausdrücke hast du manchmal."
„Weißt du vielleicht von wem dieses geschmacklose
Dingsbums hier stammt?"
„Vermutlich von Miss Ferguson!"
„Aha! Von Miss Ferguson! Und warum hat sie es
ausgezogen?"
„Frag sie doch selbst!"
Sie lief flammend rot an und drehte sich auf der Stelle um.
„Das werde ich auch, worauf du dich verlassen kannst!"
Sie drehte sich um und lief gebückt unter dem Rumpf der
Maschine auf die andere Seite.
„Hallo, Miss Ferguson, ist das Ihr Fummel hier?"
Ich begann laut zu pfeifen. Wissen Sie, ich habe was gegen
Streit. Auch wenn die Streitenden hübscher als hübsch sind. Ich
ging Peter nach und sah sie vor der sich schlaftrunken
rekelnden Dame aus USA stehen. Sie schwenkte das
Nylondings und machte ein Gesicht als wäre sie Vorsitzende
eines Inquisitionsgerichts.
„Was ist denn?" gähnte Lil „Wer sehreit denn so?"
„Ob das Ding hier Ihnen gehört, möchte ich wissen?" fragte
Peter mit penetranter Beharrlichkeit.
Die Dame Ferguson zwinkerte und lächelte. Dann gähnte sie
und hielt sich zwei Finger vor den Mund. Sie legte den Kopf
etwas schief. Es war aufreizende wie sie lachte.
„Oh, Jack", sagte sie, „es ist gar nicht nett, wie unachtsam du
mit meinen Sachen umgehst. Ich habe dir doch gesagt, du
sollst sie nicht am Strand liegen lassen. Haben Sie vielleicht
auch mein Hemdchen gefunden?"
Diese Frage brachte Peter fast aus dem Häuschen. Ich sah
nur, wie sie in stummer Wut den Kopf schüttelte, mit dem Fuß
aufstampfte und fortlief.
„O Jackie", lachte Lil absichtlich laut, „wie konntest du meine
besten Stücke nur so durch die Gegend schmeißen?"
Sie kniff ein Auge zu, schnalzte mit der Zunge, lächelte und
drehte sich auf die Seite, um befriedigt weiterzuschlafen.
„Du Kanaille", sagte ich freundlich, „darüber, sprechen wir
noch mal!"
Dann stiefelte ich Peter nach. Ich sah ihre Spuren im Sand.
Sie muß ziemlich schnell gelaufen sein, denn ich holte sie erst
ein ganzes Stück in Richtung zur nördlichen Inselhuk ein.
Als sie mich hinter sich hörte, drehte sie sich um und streckte
abwehrend beide Arme aus. Sie sah entzückend aus in ihrem
Zorn, aber was sie schrie, war weniger angenehm. Sie schrie:
„Bleiben Sie mir vom Leibe, Mister Hurt! Zehn Schritt
Abstand. Ich will Sie nicht mehr sehen! So starren Sie mich
nicht so grinsend an, Sie Scheusal, ich will..."
Ich ging auf sie zu und nahm sie in meine Arme. Ich küßte
sie auf den Mund und legte dann meine Lippen auf jede Träne,
die über ihre Wangen rollte. Ich sagte eine ganze Weile nichts?
Was sollte ich auch erklären? Moralisten wären schneller mit
Worten bei der Hand gewesen.
Schließlich sagte ich, daß sie sich verdammt nicht mehr um
mich kümmern dürfte; denn unsere Lage sei nun mal ziemlich
mies. Das Atoll stände vor entscheidenden Veränderungen, ich
sei ein großer Haderlump, immerhin aber hätte die Yankee-
Dame mächtig übertrieben, als sie behauptete, ich hätte ihre"
Wäsche nächtlicherweise ekstasisch durch die Gegend
geschmissen. Ich sehe ein, Kerlchen, daß es so nicht
weitergeht. Wir verlassen übermorgen die Insel. Wir gehen zu
den Fidschis und versuchen von Suva aus, die Vorgänge im
Pazifik zu kontrollieren. In etwa vier Wochen fliegen wir zum
Atoll, holen neue Aufträge und machen dann erst mal..."
Ich hörte die Schritte und das Knacken der Sicherungen zu
spät. Ich hielt in meiner Ansprache inne und konnte es nicht
fassen, daß ich mich wie ein popeliger Anfänger hatte
überraschen lassen. Ein halbes Dutzend dreckige Stimmen
lachten, und einer grölte:
„Aus den Ferien wird nichts, Bubi! Trete von der Miezekatze da
zurück und streck deine verdammten Griffel in die Luft, sonst
puste ich dir was unters Chemisett! Vorwärts, Bubi, worauf
wartest du?"
Ich nahm die Hände halb hoch und drehte
mich um. Ich hatte ganz schön geladen, Herrschaften. Ich
sah mir die Versammlung von Strolchen an, spuckte aus und
grinste so dreckig, wie ich konnte. Ich spuckte noch mal aus
und bot im stillen dem Schicksal ein halbes Dutzend Rittergüter
für einen Einfall.
Vier von den Burschen kamen auf mich zu. Sie kamen von
den Seiten, um ihren Kumpels nicht in die Schußbahn zu
stolpern. Sie begrapschten mich und zogen mit Gebrüll meine
Automatik aus der Hosentasche. Es waren junge Kerle, salopp,
etwas verkommen, typische Großstadtcomber,
Gangsternachwuchs neuen Stils. Zwei waren älter und nahmen
offensichtlich Führerstellungen ein. Sie trugen Radom-Pistolen.
Und es war 'ne lustige Preisfrage: Wie kommen australische
Halbstarke in den Besitz polnischer Waffen, und was suchen
sie mit dieser Ausrüstung auf einer Insel, die weit vom Schuß
liegt und auf der es nichts zu holen gibt als ein paar saftige
Früchte und die Illusion vom absoluten Frieden.
Ich hätte gern das Spielchen mitgespielt, aber al sich sah,
daß sie Peter mit denselben Griffen wie bei mir, 'nach Waffen
durchsuchten, da gab es den längst fälligen Knacks.
Ich schnappte zu und faßte einen am Gürtel, er riß den Mund
auf, um zu schreien, aber er flog in die Schußlinie und wurde
von den Radoms zur Sau gemacht. Und wie!
Wissen Sie, ich könnte Ihnen eine Menge über diese Sorte
Pistolen erzählen. Aber es genügt, wenn Sie wissen, daß der
Neunmillimeter-Lauf lose im Mantel liegt und beim jeweiligen,
sehr schnellen Rückstoß schräg nach unten und nach hinten
stößt. Dadurch repetiert sie schneller, und der Schütze kann
den sonst seitlich oder nach, oben ausbrechenden Stoß mit
dem Handballen auffangen. Die Burschen, die vor ein paar
Jahrzehnten diesen Knaller konstruierten, verstanden jedenfalls
ihr Geschäft.
Ich ziehe aber in jedem Fall unsere gute deutsche alte
Parabellum vor. Nicht aus Chauvinismus, sondern weil es das
einzige Modell ist, das man mit wenigen Griffen in eine echte
Automatik verwandeln kann. Pistolen sind ja nur
halbautomatisch, das heißt, nur der Ladevorgang wird durch
Automation bewirkt. Das Auslösen des Schlagbolzens, als das
Schießen jeder Patrone, muß von der Hand durch jeweiliges,
wiederholtes Durchziehen des Schußfingers gesondert
veranstaltet werden. Bei unserer alten Parabellum kann man
dagegen die Schlagbolzensperre wegfeilen und den Prügel in
eine vollautomatische Maschinenwaffe verwandeln. Das und
einiges andere hatten wir getan! Als ich jedoch sah, wie so ein
Lümmel mit dem kostbaren Stück umging, faßte mich das
nackte Grausen. Ich hechtete über den vor meine Füße
stürzenden Toten und riß den Kerl, der an der Parabellum
herumfuhrwerkte, herum und rollte ihn den beiden anderen vor
die Füße.
Peter erkannte die Chance. Die schrägen Vögel
beschäftigten sich mit mir und ließen ihr ein ganzes Stück
Vorsprung. Dann lief einer hinter her. Ich sah nur noch, daß sie,
wie von Furien gehetzt, zum Lager zurücklief, dann bekam ich
die ersten Hiebe in die Augen. Es wärmte mächtig an und
zeigte den Asphaltlatschern, was ein durchtrainierter Mann alles
kann, wenn man ihn ärgert. Sie brüllten, um sich Mut zu
machen. Es wurde auch immer noch geschossen, nur war nicht
festzustellen, von wem auf wen.
Dann war ein Gesicht dicht vor meinen Augen, ein breiter
Mund brüllte etwas Unflätiges, und er war entschlossen, mich
zu zerreißen. Ich zeigte ihm, was ich davon hielt, und er fiel um
und ging in sich. Irgendwann droschen sie mir die
Radomschäfte über den Hinterkopf. Vielleicht habe ich
vergessen, Ihnen zu sagen, daß die Radom-Pistole auch in der
Ausführung mit Zickzackmagazin zu haben ist, was einen
bedeutend dickeren Schaft erfordert.
Dieses waren Zickzacklader! Ich fiel nach vorn, mit dem
Gesicht direkt auf die Schuhe des Toten, die eigentlich keine
Schuhe waren, sondern Sandalen. Es waren breite, hellgelbe
Ledersandaletten, wie sie von einer gewissen Sorte Malern,
Filmassistenten und männlichen Fräuleins bevorzugt wird. Mir
wurde ganz schlecht. Ich übergab mich, wobei nicht
festzustellen war, ob dies wegen der Sandalen oder der
Gehirnerschütterung geschah.
Ich ärgerte mich maßlos, daß dieses Debüt nach so langer
Pause mit einem glatten Sieg ein paar hergelaufener Flegel
endete und beschloß,, im Einschlafen ihnen gelegentlich zu
buchstabieren, wie mein Name geschrieben wird. Ich freute
mich richtiggehend darauf und träumte etwas Seltsames.
Ich stand bis zu den Knien im Wasser. Auf meinen Kopf
zielte ein schielender Gangster mit einer übergroßen Kanone.
Neben ihm stand Peter und lachte. Sie hielt einen ganzen
Packen Nylonwäsche in der Hand und sagte: „Mit so vielen hast
du mich schon betrogen!"
Es war ein ganz ansehnlicher Stapel. Der Hund schoß, ich
sah deutlich, wie er abdrückte. Es knallte auch, aber statt einer
Kugel kam Miss Ferguson geflogen. Sie war naß und nackt und
flog mir an den Hals und sang: Mit dir, mit dir, da möchte ich
einmal angeln gehen! — Ich sang die zweite Stimme dazu! Es
hörte sich sehr schön an, aber Peter schluchzte, sie würde es
uns schon eintränken. Sie schmiß die Nylonhöschen und ­
hemdchen in den Sand und lief weg. Ich wollte spaßeshalber
mal die Fummelchen zählen, aber als ich hinschaute, lag ein
Berg von Maschinenpistolen da. Sie waren verchromt und
sahen sehr appetitlich aus. Sie richteten sich von alleine auf
und hatten plötzlich Füße und Hände. Sie faßten sich unter und
tanzten miteinander. Es war unsagbar blöd! Ich schüttelte nur
den Kopf, und die süße Lil aus USA sagte: „Jetzt einen Diwan,
ein Grammophon mit Tangomusik und dann auf hoher See bei
Windstärke zwölf und kein Schiff in der Nähe!"
„Fein!" nickte ich, „da würden wir aber lachen! Hahaha!"
Dann trat mir jemand in den Leib. Es war so eine weibische
Sandale mit einem dick behaarten Bein daran. Es war das
unsympatischste Bein meines Lebens. Es trat noch, einmal zu,
und ich wachte auf.

Im ganzen waren es sechzehn Mann, die mich umstanden.


Mit Schorsch, Lil und Peter waren wir genau zwanzig. So weit
zu zählen, reichte es gerade noch bei mir. Die sechzehn sahen
mich gespannt an und grienten gehässig, als ich die Augen
ganz aufmachte und fragte, ob das hier 'ne Beerdigung wäre.
„Noch nicht", antwortete der eine von den beiden Führern,
„aber vielleicht wird eine daraus!"
„Man kann nie wissen!" nickte ich mit der schmerzenden
Birne. „Vielleicht machen wir auch ein Kinderfest mit
Lampionbeleuchtung!"
„Auch nicht schlecht! — Wer seid ihr?" „Touristen!" sagte ich.
„Cooks Reisebüro hat uns dieses Eiland als nervenstärkend
und erholsam bezeichnet. Außerdem sollte die Insel
ungezieferfrei sein. Das hier über ein Dutzend Kakerlaken
herumlaufen, stand nicht im Prospekt!"
„Hau ihm eins in die große Schnauze!" krähte ein kleiner
Knödel. „Was machste langes Geseire mit ihm!"
, Ich lachte. „Nun ist mir alles klar! Diese Insel ist keine Insel,
sondern ein Ghetto, und wir alle befinden uns im gelobten
Land!"
Ein paar von den Burschen lachten. Der schlaglustige Jude
aber kam auf mich zugelaufen und schaufelte mir mit dem
Innenspann eine Ladung Sand ins Gesicht.
„Schwain schwarzes...", keuchte er. „... Schwain, Schwain,
Schwain!"
„Hör auf mit der Schweinerei, Kleiner!" sagte ich spuckend.
„Bind mir mal die Hände los, dann mache ich dir alles locker,
was dich augenblicklich spannt!"
Er wollte sich auf mich stürzen, aber sein großer Onkel hielt
ihn zurück.
„Hiergeblieben, Sammy!" herrschte er ihn an, „Reiß dich mal
zusammen, ja!"
Der Knödel maulte und schnitt mir Grimassen. Es war zum
Kräuseln! Sein Boß aber lächelte verbindlich.
„Sie machen sich durch Ihr Verhalten verdächtig, mein
Lieber. Wollen Sie uns denn wirklich nicht sagen, wer Sie
sind?"
Ich blickte zu Schorsch. Er lag mit verquollenem Gesicht,
verschnürt wie ein Paket, auf dem Rücken und hatte die Augen
geschlossen. Peter saß gefesselt an einer Palme und Lil
Ferguson lehnte an demselben Stamm. Auch ihr hatte man die
Hände zusammengebunden.
„Wie bei Karl May", grinste ich. Und der Räuberhauptmann
erkundigte sich, was ich gesagt hätte.
„Nichts", gab ich genauso schleimig zurück. „Gar nichts!
Lösen Sie die Stricke, Mister, und wir können uns schnell einig
werden. Anders ist mit uns nicht zu reden."
Der Knödel protestierte und wollte wieder anfangen zu
stänkern. Ich nickte ihm zu. Ich machte dabei ein Gesicht, daß
ihn das Grausen packte. Er blickte verlegen zu Boden und
scharrte mit den Füßen im Sand.
Die sechzehn machten einen unentschlossenen Eindruck.
Sie standen herum und hielten Maulaffen feil. Einige berieten
sich. Dann kamen sie auf uns zu und lösten die Fesseln.
„Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, daß Sie so
behandelt worden sind", knurrte der Boß des Haufens. „Hätten
Sie sich ruhig verhalten..."
„Spar dir die Blumen, Kamerad", sagte ich, meinen Kopf und
Nacken massierend. „Es ist ja neuerdings üblich, daß man mit
einer ganzen Armee harmlose Liebespärchen überfällt."
Peter machte: „Ph... phh...", aber ich überhörte das und
stand auf.
„Ich heiße Hurt und landete, um etwas an unserer
Funkanlage zu reparieren. Es gefiel uns gut hier, und da uns
die Zeit durch die Anwesenheit der beiden Damen nicht lang
wurde, beschlossen wir, ein wenig ,Tarzan im Wald' zu spielen!"
Wir schüttelten uns die Hände.
„Ich bin Leutnant O'Neil, ich hörte Funksignale von
außerordentlicher Lautstärke und ließ den Sender anpeilen. Wir
befanden uns mit unserem Boot in der Nähe und liefen im
Morgengrauen die Ostseite der Insel an."
„Vermuteten Sie ausgebrochene Sträflinge hier?"
„Das nicht, aber... wissen Sie, kommen Sie doch an Bord
meines Bootes. Ein harter Schluck wird die weichen Glieder
steifen... höhöhöö!"
Er lachte und klatschte sich auf die Schenkel. Er roch aus
dem Mund. Es war eine fiese Fahne. Ich mochte ihn nicht sehr
leiden.
„Ihr habt doch einen eurer Jungs erschossen", sagte ich
beiläufig aber unüberhörbar. „Was ist mit dem?"
Er setzte sofort eine Toilettenwärtermiene auf und zuckte
bedauernd die Schultern.'
„Durch Ihre Aggressivität, Mister."
Seine Miene konnte einen toten Hund zum Jaulen bringen.
Ich lächelte ihm zu, und er lächelte zurück. Wenn die wulstige
Oberlippe nicht gewesen wäre, hätte man seine gefletschten
Zähne sehen können.
Seine Kumpane beobachteten uns gespannt. Der Knödel
begann zu sticheln und murmelte was von „Umlegen" und „in
den Hintern treten."
„Mach nicht soviel Wind, du plundriger Lümmel!" blies ich ihn
an. „Wenn du mich noch lange ärgerst, mache ich mit einem
Daumendruck das Grabmal deines polnischen Großvaters aus
dir! Hast du das?"
Er japste nach Luft.
„Gebt ihm eine Pille, Jungs", stöhnte er, „reißt ihm alles...
alles raus!"
Da schaltete sich der Boß ein und schlichtete mit einer
kurzen Handbewegung. Ich wartete darauf, daß er uns alle
etwas singen lassen würde, aber er spielte dann wieder den
Gastgeber und stiefelte voraus zur Ostküste. Ich sagte Lil, sie
solle bei Schorsch bleiben und gab Peter einen Wink,
mitzukommen. Sie ging an mir vorbei, als wäre ich Luft oder der
letzte Dreck.
„Hö", sagte ich gereizt, „jetzt langt es aber bald! Spiel nicht
die gekränkte Jungfer!"
„Jungfer? schrie einer aus der Meute entzückt. „Wooo?"
Ich sagte ihm, er solle sich die Augen seiner vorhin in Streit
mit mir verwickelten Brüder ansehen, bevor er keß würde. Und
er sah ein, daß es keinen Zweck hätte, sich der Gefahr
ähnlicher Verunstaltungen auszusetzen, nur, um die Wahrheit
eines Wunders zu erforschen.
Dann marschierten wir eine Viertelstunde lang in wildem
Haufen zur Ostseite des Eilands. Der größte Teil des
komischen Klubs war damit beschäftigt, auf die Beine der
munter dahintänzelnden Dame Petere zu starren und über
diesen Anblick alles andere zu vergessen.
Auch der Leithammel dieser Herde ließ Peter überholen und
schob sich zu mir, um besser gucken zu können.
„Wir sollten mit offenen Karten spielen", sagte er schleimig.
„Daß ich es ehrlich meine, ersehen Sie doch daraus, daß ich
mit Ihnen verhandle. Obwohl Sie zugeben müssen, daß ich in
der durchaus stärkeren Position bin..."
„Den Stachel lassen Sie sich mal ziehen, Leutnant!" sagte
ich. „Wer das Rennen machen wird, steht durchaus nicht fest!"
„Na, na... und wenn ich Sie nach Ihrem Tobsuchtsanfall
einfach hätte abknallen lassen?"
„Tja, warum haben Sie es nicht getan?"
„Ick bin kein Mörder!"
„Da bin ich aber beruhigt!"
„Es ist schwer, mit Ihnen einig zu werden, wenn Sie alles ins
Lächerliche ziehen!"
„Wer Fehlfarbe ausspielt, wenn Trumpf verlangt wird,
Leutnant, der stolpert!"
„Was wollen Sie damit sagen?"
„Was ¦ sind Sie eigentlich für ein Leutnant, Leutnant?"'
Er blickte mich von der Seite an. Er nagte mit den Zähnen an
seiner Lippe und flauzte zweimal kräftig aus. Er benahm sich
nicht sehr fein, aber das hatte ich auch nicht erwartet.
„Leutnant der australischen Marine, Mister Hurt. Sie mögen
vielleicht erstaunt sein, daß wir hier so herumlaufen, aber die
Jungs sind ausgesuchtes Menschenmaterial."
„Den Eindruck habe ich allerdings!" „Wir sind seit Wochen
unterwegs, um einen Sonderauftrag auszuführen!" „Im Auftrag
Ihrer Majestät?" Er nickte und warf sich in die Brust. „Im
Auftrage Ihrer Majestät!" „Und womit hat die Queen Sie
beauftragt?"
„Sie dürfen das natürlich nicht so wörtlich nehmen.
Unmittelbarer Auftraggeber ist natürlich das Marinekommando.
Es mehrten sich die Anzeichen in letzter Zeit, daß in dem
Seengebiet östlich der Fidschis unbekannte Flotteneinheiten
operieren. Wir bekamen den Auftrag..."
„Einleuchtend, Leutnant!" sagte ich zurückhaltend. „Ein
interessantes Kommando haben Sie!"
„Aber ziemlich eintönig."
„Da tut so eine kleine Abwechslung wie heute mal gut, was?"
Er nickte vergnügt und schlug mir auf die Schulter. Er hatte
kurze, dicke und kräftige Finger. Unter den Nägeln hätte man
ganze Kartoffelkulturen anlegen können.
„Es ist bedauerlich, daß einer ins Gras beißen mußte,
Leutnant!"
„Leider! Der arme Kerl hat abgefrühstückt! Naja, war nicht
gerade 'ne üppige Leuchte!"
„Es gibt ja genug von der Sorte", grinste ich und wäre ihm am
liebsten an die Kehle gegangen. Er lachte, als hätte ich die
beste Zote des Monats gerissen. Dann zeigte er mit dem
ausgestreckten Arm nach vorn und kreischte:
„Ist das ein Schiff, oder ist das keins, he? Der schnellste
Rumbier weit und breit. Mit dem laufe ich jedem Kontrollboot
davon. Die mache ich so zur Minna, daß sie nur noch mit den
Ohren schlackern. Was meinen Sie wohl, Mister Hurt, was das
schlanke Reh dort so auf dem Kasten hat?"
„Achtundzwanzig Knoten, mehr nicht!"
„Achtundzwanzig?" schrie er und fuchtelte mit den Armen in
der Luft. „Habt ihr das gehört, Jungs. Der Mann hier sagt,
unsere Schneekuh läuft nicht mehr als achtundzwanzig
Knötchen... hahaha... Passen Sie mal auf, Sie großer Schätzer,
dieses Schiff dort läuft seine gestoppten fünfundvierzig Meilen!
Wissen Sie, was das heißt?"
„Ja!" nickte ich, bemüht ernsthaft auszusehen. „Daß ihr damit
jedes Polizeiboot stehenlassen könnt!"
„Genau das!" jubelte er und hielt dann erschrocken, blau
anlaufend inne. „Polizeiboot?" knurrte er lauernd. „Warum
sollten wir wohl Freude dran haben, einem Polizeiboot
davonzulaufen?"
„Sportsgeist!" sagte ich. „Wer freut sich nicht, wenn er
schneller ist als sein Nachbar!"
Er starrte mich an, und es fiel ihm schwer, seine Fassung
wiederzubekommen.
„O Mann", sagte er schließlich. „Sie sind eine komische
Type! Lassen Sie uns einen zur Brust nehmen..."
Wir gingen an Bord. Zwei Galgenvögelgesichter setzten uns
über. Es war ein umgebautes Marineschnellboot. Es sah trotz
des zivilen Anstrichs ganz kriegerisch aus, und die
Druckanzeiger an den vier Ausstoßrohren zeigten Fülldruck an,
so daß ein paar flotte Aale in ihnen zu vermuten waren.
Ich rätselte nicht mehr viel herum. Sehen Sie, der Fall war an
und für sich klar. Es handelte sich um eine Bande von
Waffenschmugglern, die ganz groß organisiert von irgendeiner
Großgang dirigiert wurde. Die Sache mit dem Einpeilen unseres
Funkverkehrs war plausibel, wenngleich es auch Zufall
gewesen sein konnte, daß wir und diese Burschen gleichzeitig
zur selben Zeit dieselbe von einigen zehntausend Inseln
ausgesucht hatten, um in Ruhe unseren Geschäften
nachzugehen.
Sie hatten irgendeinen Riecher, daß es besser wäre, uns
nicht so einfach verschwinden zu lassen und sich somit absolut
gegen neugierige Beobachter in ihrem Operationsgebiet zu
sichern. Vielleicht vermuteten sie, daß wir in irgendeinem
Auftrag hier gelandet waren, möglicherweise hielten sie uns
sogar für eine von der Regierung geschickte Suchgruppe. Und
da dies für Verbrechergehirne wohl die einzige Logik war,
hielten sie die beiden Mädchen für unsere verbotenerweise
mitgenommenen Molls, mit denen wir uns den eintönigen
Patrouillendienst verschönen sollten.
Der Oberbonze hatte meinen Blick zu den
Preßluftmanometern gesehen.
„Scharfe Torpedos...", sagte er und fletschte wieder sein
Pferdegebiß. „Harte Sachen!"
„Wozu braucht ihr die?"
„Wozu braucht ihr 'ne Funkanlage?"
„Um zu funken!"
„Und wir..., um zu schießen! — Hahaha! — Natürlich können
wir nicht wissen, ob die fremden Einheiten in diesen Gewässern
bewaffnet sind und im Falle einer Aufbringung die
Feindseligkeiten eröffnen!"
„Komische Sache das...", sagte ich, ihm in den Salon
folgend. „Die ganze Welt faselt von einem geheimnisvollen U-
Boot in der Südsee. Ich halte das für Quatsch. Die Russen
werden mal 'ne Erprobungsfahrt gemacht haben, das ist alles!"
„Aber nicht doch! Es sind verbürgte Augenzeugenberichte..."
Er murmelte das und fluchte dann, weil der Korken abbrach.
Ein Glas vollschenkend, wandte er sich an mich.
„Sie trinken doch Gin?"
„Es kommt darauf an, mit wem!"
Er hielt überrascht inne, richtete sich auf und starrte mich an.
„Was? Wie meinen Sie das?"
„Ich sagte, daß ich keine Lust verspüre, mit Ihnen Gin zu
trinken..."
Er schnappte nach Luft wie ein Karpfen. Dann verdrehte er
die Augen und hechelte wuttriefend: „Dafür müßte ich- Ihnen
mal kräftig eine in ihre Schnauze hauen, Mister! Spielen Sie
bloß nicht den feinen Pinkel, Sie Heini, Sie.
Ein Wort von mir, daß ihr hier mit euren Dirnen Blindekuh
spielt, statt Dienst zu machen, und ihr..."
Er hielt inne, weil Peter hinter ihm sagte: : „Ach, wiederholen
Sie das doch mal! Mit wem spielen die Herren Blindekuh?"
Er fuhr herum und holte mit der Hand aus. Ich griff über den
Tisch und hielt seine Finger fest.
„Na, na", sagte ich heiter, „wer wird denn gleich mit Steinen
schmeißen... ?"
Er riß sich los und stieß Peter vor die Brust.
Ich habe so etwas gar nicht gern.
Ich stand deshalb auf und ging um den Tisch herum. Ich
beeilte mich nicht sehr. Mein Hinterkopf vertrug heftige
Bewegungen nicht. Deshalb schlug ich auch einen kurzen
Haken, sondern langte über die Distanz eine Gerade aus der
Schulter heraus direkt unter seine Knollennase. Er gab einen
Ton von sich, der nicht fein war, und flog, von der anderen
Geraden auf den Punkt gesemmelt, über die niedrige Bank in
die Schaumgummipolster der Eckbank.
Peter schloß die Tür.
„Mußtest du ausgerechnet warten, bis wir in der Falle sitzen",
quasselte sie schnodderig, „ich glaube, die Ferguson hat dir
den Kopf..."
Wissen Sie, ich streite höchst ungern. Ich halte Streit für
ausgesprochen häßlich. Aber was zuviel ist, ist zuviel.
Ich sah Peter an.
„Raus, du kleine Mistbiene!" sagte ich gelassen, „schnell
raus, ehe ich dir vor versammelter Mannschaft den Hintern
versohle!"
Sie machte ein schuldbewußtes Gesicht und verdrückte sich.
Sie murmelte etwas von „nicht so gemeint gewesen" und so,
und schlug dann die Tür hinter sich zu. Ich hörte, wie einer von
der Crew durch die Zähne pfiff, als sie aus dem Schott trat. Er
sagte auch etwas. Kurz danach klatschte es, Peter gab einiges
aus ihrem Repertoire an Flüchen aus drei Erdteilen zum besten.
Es war sehr unterhaltend und 'ne feine Geräuschkulisse für
meine Arbeit.
Ich suchte die Kabine durch. Ich öffnete alle Behälter, fand
aber nichts als Zigaretten, Schnapsflaschen aller Güte- und
Geschmacksrichtungen und einen Stapel billiger Pin-up-
Magazine. Aus einigen waren verschiedene Seiten
herausgerissen. Eine Leuchtpistole ohne Munition und zwei
Selbstlader sowie einen Browning bildeten die ganze Ausbeute.
Ich beugte mich zu dem Schlafenden, riß ihn hoch und klopfte
ihm die Backen. Er grunzte und rülpste und riß dann die Augen
auf, als ich ihm den Browning in den Bauch preßte.
„Mann", keuchte er. „Mann, du mußt besoffen sein! Weißt du
nicht, was die Jungs mit dir machen, wenn ich rufe?"
„Ich möchte es gern wissen", lächelte ich, „rufe sie doch!"
„Nehmen Sie doch Vernunft an... ich kann..."
„Wenn Schwachsinn weh täte und du so lang wärst wie
beschränkt, dann kannst du in den Schornstein spucken!"
grinste ich. „Mehr aber auch nicht! — Du verläßt mit mir das
Boot, nachdem ich einen klitzekleinen Blick in die Laderäume
werfen durfte. Du gehst mit mir zum Flugzeug zurück und
wartest ohne Waffen, bis wir wieder gestartet sind. Du kommst
bei alledem hoffentlich nicht auf die ulkige Idee, ich würde dir
die Pistole nur zum Spaß an deinen faulen Balg halten! Also
vorwärts, Leutnant!"
Er war mittlerweile wach geworden und stierte auf meinen
Mund, als könnte er nicht glauben, was da herauskam. Er
ächzte und flüsterte, mit Schweiß auf der Stirn:
„Leg doch die Pistole weg, Mann... leg die Pistole weg!"
Sehen Sie, so etwas mag ich nicht. Spielchen machen, wenn
der Vati zur Arbeit gerufen hat! Ich täuschte unten und kickte
ihm oben eine Handkante über die Nase, in die Delle unter der
Stirn. Er fing an zu bluten und war so bestürzt darüber, daß er
sich kaum zu lassen wußte.
„Laß die Hände oben", warnte ich. „Geh voran!"
In diesem Augenblick ertönte ein kurzes Summen, ein
Schaltknacken, und eine Lautsprecherstimme sagte aus der
Ecke des Raumes:
„Legen Sie die Pistole in die Schublade zurück, Fremder!
Entschuldigen Sie sich bei dem Steuermann und stellen Sie
sich mit dem Gesicht dicht an die Innenwand! Zögern Sie nicht,
denn die süße Maus hier hat nur eine sehr dünne Bluse an.
Und die Fäuste meiner Jungs wissen schon seit langem nicht
mehr, wie sich so was anfühlt."
Ich sagte etwas, was sogar dem Stinktier vor mir ein
anerkennendes Grinsen entlockte. Dann warf ich die Pistole auf
den Tisch und ging zur Wand.
, Meine Stimmung war in diesen Augenblicken nicht sehr gut.
Sie besserte sich auch nicht, als dieser Flegel von Steuermann,
den ich für den Boß des Bootes gehalten hatte, mir auf die
Hacken trat mich an den Haaren riß und Dinge zu mir sagte, die
sonst nur an feinen Stammtischen gebräuchlich sind.
Aber Peters Bluse war wirklich nicht sehr haltbar. Und das
Mädchen, das man liebt, in den Händen dieser Schmierlappen
zu wissen, läßt einen manches fertigbringen.
Somit war die zweite Runde an die Gegenpartei gegangen,
und ich wußte immer noch nicht, wer der Gegner war.
Zehn Sekunden an einer Wand können sein wie
zehntausend Ewigkeiten. Zehn Minuten aber sind eine Hölle,
und ich war haargenau in der richtigen Stimmung,
Konversationen zu machen als sich die Tür öffnete und der Kerl
hereinkam, dem die Lautsprecherstimme gehörte.
Ein unangenehmes Organ hatte dieser Bursche. Er räusperte
sich, daß ich genau merken konnte, wie er dabei grinste. Dann
tippte er mir auf die Schulter und sagte:
„Drehen Sie sich um, Boy. Machen Sie keine Scherereien.
Sie haben gemerkt, daß wir bereits auf See sind. Und sicher
sind Sie clever genüg um ihre Chancen im rechten Licht zu
sehen."
Ich drehte mich um. Ich bemühte mich, meinen Haß zu
verbergen, als ich ihn ansah. Ein mieser Vogel! Eine schlecht
tapezierte Latte mit Blechkrawatte und aufgelötetem Revolver.
Er war so ausgemergelt, daß er einen Hering zwischen die
Augen küssen konnte. Sein Mund war zernarbt, er roch nach
Whisky. Am kleinen Finger der rechten Hand trug er einen
Brillantring. Am linken Handgelenk prangte ein silberner
Stopper mit goldenem Armband. Das Jacket schlackerte um
sein Gerippe. Es war nicht festzustellen, was darunter Knochen
und was Schulterhalfter waren.
„Die Schwindsucht ist eine schwere Krankheit!" sagte ich,
ohne die Lippen sehr anzustrengen. „Wie lange leidest du
eigentlich schon daran?"
Das hatte er nicht erwartet. Alles andere, aber das nicht!
Seine unrasierten Lederbacken bekamen hektisch röte Flecke,
und in seine stumpfen Augen trat ein böses Funkeln. Er hütete
sich jedoch, zuzuschlagen.
„Aber, Boy, mißbrauchen Sie so meine Gastfreundschaft?
Sie sind verärgert über unsere Repressalien? Vergessen Sie
nicht, daß wir einen Mann durch Ihr renitentes Verhalten bereits
zu beklagen haben."
„Mir bricht das Herz", antwortete ich spöttisch. „Ihre Majestät
wird ihm hoffentlich ein Staatsbegräbnis bereiten?"
Seine Mundwinkel zogen sich herab. Er lachte verächtlich.
„Mein Steuermann scherzte, als er sich selbst zum Leutnant
der Marine beförderte. Tragen Sie es ihm nicht nach! Nehmen
Sie Platz, ich werde Ihnen Aufklärung geben."
Er machte eine Handbewegung zu der Eckbank und warf
gleichzeitig eine Packung Zigaretten auf den Tisch.
„Moment noch", stoppte ich ihn. „Wo ist meine Begleiterin?"
„In guter Hut!"
Sehen Sie, das hätte er nicht, und schon gar nicht in diesem
Tonfall sagen dürfen. Ich wirbelte herum und griff nach seinem
Halstuch, ich drehte es zu und riß ihn zu mir heran. „Ich zähle
bis drei", schnaubte ich in seine verzerrte Visage, „dann ist das
Mädel hier... eins..."
„Hören Sie auf, ich lasse sie kommen."
Ich stieß ihn zur Tür, er stolperte und schlug schwer gegen
das Eisenschott. Ich blieb stehen und wartete auf seinen
Gegenstoß. Ich wollte ihn zusammenschlagen und mit seiner
Waffe notfalls die halbe Crew zusammenschießen. Aber er
richtete sich langsam auf, blickte benommen um sich und
heftete dann seine stechenden Augen auf mich.
„Machen Sie das nicht noch einmal", sagte er schleppend.
„Ein zweites Mal nehme ich es nicht so hin. Haben Sie denn
nicht begriffen, daß ich verhandeln will, daß ich eine
Partnerschaft anstrebe?"
„Schaffen Sie das Mädchen her!" Er gab mir einen Blick, der
alles enthielt, dann öffnete er die Tür zu einem Spalt und rief
etwas nach draußen. Er blieb so stehen, bis Peter
hereingebracht wurde, dann trat er zur Seite und machte eine
spöttische Verbeugung. „Ich hoffe, gnädigem Fräulein ist die
Zeit nicht lang geworden?"
Ohne auf den Kerl zu achten, lief Peter zu mir. Sie sagte
nichts, aber ihre Augen zeigten mir, daß alles in Ordnung war.
„Es tut mir leid", sagte sie dann bedrückt. „Es waren zu viele,
sie kamen von allen Seiten, und ich hatte keine Waffe."
„Sie werden aber bestätigen, daß Ihnen kein Haar gekrümmt
worden wäre, wenn Sie sich nicht wie wild verteidigt hätten.
Immerhin bitte ich auch dafür um Entschuldigung. Bitte, setzen
Sie sich. Wir werden uns so oder so einigen! Ja, ich bin sicher,
daß wir die Fahrt als Freunde fortsetzen werden!"
Ich blieb stehen und gab Peter ein Stillhaltezeichen mit den
Augen.
„Um was für ein Angebot handelt es sich?" Er lächelte von
unten herauf und spielte an dem oberen Knopf seines Jacketts.
„Um das beste Angebot, das man Ihnen jemals gemacht hat
und je machen wird! Aber lassen Sie mich weiter ausholen!"
„Nicht zu weit", spottete ich. „Sie müssen nachher sonst zu
weit zurückfahren!"
„Lassen wir das, Herrschaften. Der alte Rockefeller sagte
einmal: Hast du Millionen, dann hast du keine Wünsche mehr!
Hast du Milliarden, dann hast du Macht. Ähnlich dachten meine
Auftraggeber, als sie den Plan faßten, kleine Teile ihres
Kapitals in Waffen zu investieren, Waffen aller Arten und in
jeden Mengen. Sie dachten, es wäre lohnend, das so
investierte Kapital zu stützen und sahen sich nach Gebieten
um, in denen sich große Menschenscharen nach Mitteln
sehnten, mit denen sie ihre Ansprüche geltend machen können.
Sie fanden dieses Gebiet im Pazifik. Tausende von Inseln unter
Kolonialverwaltung. Zehn- und Hunderttausende von Menschen
mit dem dringenden Bedürfnis, die Ausbeuter aus den
Plantagen zu verjagen. — Einige Dampfer als Zubringer und
zwei Schnellboote als Verteiler waren notwendig, um den
Kundendienst zu organisieren und überall an schwer
zugänglichen und möglichst unbewohnten Inseln wetterfeste
Depots anzulegen, auf deren Inhalt die einzelnen
Stammesbosse bei Bedarf zurückgreifen konnten..."
Er machte eine Pause, trat nach rückwärts mit dem Fuß
gegen das Schott und rief nach einer Flasche. Sie wurde ihm
augenblicklich gereicht. Er trank und putzte drei Finger breit in
einem Zuge weg. Er hatte anscheinend erwartet, daß ich eine
Zwischenfrage stellen würde und fuhr etwas schneller fort:
„Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint es nun rätselhaft,
wo da für meine Auftraggeber das Geschäft liegt; Nun man muß
die Wirtschaftskapazität dieses Gebietes kennen, um zu
wissen, welche Möglichkeiten sich ergäben, wenn eine Gruppe
von zentral gelenkten Unternehmen den gesamten Handel und
Wandel im Pazifik in ihrer Hand vereinigen würde. Es wäre,
besonderes wegen der reichen Bodenschätze, das größte
Rohstofflager der Welt! Unangreifbar im Falle eines Krieges, da
weder Atom- noch andere Bomben ernsthaften Schaden
anrichten können. Ja, bei einiger Phantasie wird man zu
erkennen vermögen, daß die Südsee in ihrer gigantischen
Größe der ‚Erdteil' der Zukunft sein wird. Europa und Amerika,
weite Teile Asiens und auch der Orient werden eines Tages
zerfleischend übereinander herfallen. Sie werden verseucht und
verlassen sein Und die Wiege der neuen Menschheit wird
hier..."Er machte eine weitausholende Handbewegung, „auf den
Inseln und Atollen stehen! Die Herrscher dieser Welt aber
werden dann die sein, die heute bereits mit ihrem Kapital den
Boden bereiten für die Annexion."
Es war wie ein Spuk. Hier enthüllte ein wie ein
Schwachsinniger aussehender, offensichtlich aber durchaus
intelligenter Verbrecher, einen wahnwitzigen Plan, der in seiner
offensichtlichen Logik zwingend imponierte. Und hier fand sich
auf einmal die Brücke zwischen den Vorgängen auf der
„Chatanooga-Lizy" zu den jüngsten Ereignissen und auch zu
dem Auftrag unseres Chefs vom Deutschen Atoll. Von jetzt an,
war ich ganz bei der Sache. Hier witterte ich die Gefahr für uns
und unser Werk. Und ich griff zu der auf dem Tisch stehenden
Flasche, um mit allen Anzeichen der Erregung einen Schluck zu
nehmen. Peter durchschaute mich und grinste unmerklich.
„Sie erzählen mir Dinge", sagte ich bedächtig und wie nach
Worten suchend, „die so ungeheuerlich sind, daß ich nur
annehmen muß, Sie rechnen nicht mehr mit unserer Rückkehr
ans Festland. Wer oder was gäbe Ihnen denn die Gefahr, daß
wir dort nicht sofort den ganzen Plan aufdeckten?"
Seine Augen wurden ganz schmal vor Vergnügen. Er nickte
beifällig und hob dann raubvogelähnlich den Kopf.
„Wir rechnen nicht nur mit Ihrer Rückkehr nach dem
Festland, wir rechnen sogar mit Ihrem langen und erfolgreichen
Leben im Dienste unserer Organisation!"
„Soll das ein Witz sein? Sie finden auf einer Insel zwei
fremde Männer mit zwei Mädchen und machen die zum
Mitwisser Ihres Planes in der Hoffnung neue Mitarbeiter
gefunden zu haben. Ist das nicht ein wenig verrückt?"
„Gar nicht! Durchaus nicht! Wenn man bedenkt, daß den
Menschen das Hemd immer näher als der Rock sitzt!"
„Was soll das heißen?"
„Daß Sie es vorziehen werden, auf meine folgenden
Vorschläge einzugehen, statt mit einigen Lecks im Bauch ins
Wasser zu fallen!"
„Mir gruselt's! Aber, angenommen, wir gingen mit Ihnen einig,
was versprechen Sie sich von uns?"
„Viel! Ja, ich möchte sagen, wir.. das heißt, meine Chefs
versprechen uns alles von Ihnen. So viel, daß man sagen
könnte, Sie wären der entscheidende Faktor in unserer
Gleichung!"
Ich ahnte, was kommen würde. Ich lehnte mich zurück und
brachte es fertig, gleichgültig, ja sogar gelangweilt zu gähnen.
„Schießen Sie los, Sie Gehirnakrobat!" forderte ich ihn
höhnisch auf. „Ich höre zu gern utopische Geschichten!"
Wieder drei Finger breit aus der Hasche nuckelnd, wischte er
sich anschließend über den Mund und rieb sich lachend die
Hände.
„Utopisch? Ich glaube, ich kann Ihnen damit dienen! In
meiner Geschichte ist alles enthalten. Vom eigenmagnetischen
Erdsatteliten bis zur progressiven Kernspaltung. Wir schätzen
den Stand der Versuche auf dem... von deutschen
Wissenschaftlern besetzten Atoll mindestens ein Jahrzehnt den
amerikanischen und russischen Erfolgen voraus."
„Moment mal", unterbrach ich ihn, „was reden Sie da?"
Er reagierte aber nicht. Er rieb sich wieder die Hände und
fuhr mit erhobener Stimme fort:
„Machen Sie nicht den Versuch zu leugnen! Bluffen Sie nicht,
es hat keinen Zweck! Wir wissen es definitiv, daß Sie und Ihr
Freund, Angehörige jener deutschen Gruppe sind!"
Ich gähnte noch einmal.
„Du kleiner blöder Hammel", sagte ich aufreizend, „deine
Chefs sollten dir verbieten, am hellichten Tage soviel Schnaps
zu trinken! Bis jetzt glaubte ich» die Sache wäre spannend.
Jetzt wird es..."
„Halt, mein Lieber! Ich werde Ihnen beweisen, daß Sie der
sind, für den wir Sie halten!"
Hier waren die Ereignisse an dem entscheidenden Punkt
angelangt! War alles bisher ein Vortasten, ein auf Ahnungen
und Vermutungen begründetes Umhertappen gewesen so gab
es von hier an nur noch eins: die oder wir! Mit einer einzigen
Ausnahme hatten wir bislang immer im Verborgenen und der
Anonymitäten arbeiten und wirken können. Nun aber ging es
um die nackte Existenz des Atolls. Noch wußte ich nicht, wie es
möglich war, daß man Schorsch und mich erkannt hatte, Noch
stand ich unter dem Schock der Erkenntnis, daß unser Leben
jetzt in eine vollkommen neue Bahn gedrängt wurde. Ich blieb
eiskalt, als ich meine Hände auf den Tisch legte und
schweigend darauf wartete, daß diese Karikatur von einem
Mann weitersprach...
„... Vor, ich weiß nicht genau, wohl fünf Jahren geisterte das
erste Mal die Nachricht um die Welt, daß es eine versteckte,
kaum auffindbare Inselgruppe in der Südsee gäbe, die von
einem deutschen U-Boot gefunden und angelaufen worden
war. Niemand maß dem besondere Bedeutung bei, bis sich
dann die Meldungen häuften von fremden U-Booten im Pazifik,
rätselhaften Flugprojektilen und anderen Erscheinungen, deren
Herkunft aus den Anliegerstaaten bestritten wurde...
„Es wird langweilig!" bog ich ab. „Soweit ich informiert bin,
haben ganze Armeen nach diesem U-Boot und seiner
Zufluchtsstätte gesucht. Sowohl das FBI, wie alle
Geheimdienste der Erde versuchten sich an dem Objekt und
steckten es nach kurzer Zeit wieder auf, weil sie erkannten, daß
sie einer Mystifikation aufgesessen waren. Und ausgerechnet
Sie oder Ihre spleenigen Hintermänner wollen in uns
Angehörige jener Bluff-Insel erkannt haben. Kitzeln Sie mich
mal..."
Lautlos lachend stand er auf und begann in dem kleinen
Raum herumzugehen.
„Lieber Freund, es mag, für Sie unangenehm sein, überspielt
zu werden, aber Sie ändern es nicht, indem Sie die Augen
schließen und denken, die anderen können Sie nun nicht mehr
sehen! Gerade, weil die Staatsorgane versagt haben, sagten
sich unsere Fahnder, daß sie in ganz anderer Richtung suchen
müßten. Sie folgerten, daß dieses Atoll — wenn überhaupt —
so nur mit Hilfe von Kontaktleuten am Festland bestehen kann.
Sie folgerten, daß diese Kontaktleute sich so unauffällig wie
möglich tarnen und oft ihren Standort wechseln würden. Sie
überprüften in endloser Arbeit Tausende von Passagierlisten
und kreisten die Gruppe derer ein, die regelmäßig an
bestimmten internationalen Plätzen auftauchten. Es waren
einige tausend Menschen, die nach dieser Sisyphusarbeit
übrigblieben, und das Weitere war dann leicht.
Sie sehen, es wurde nur mit Wasser gekocht. Aber die
Suppe wurde gut! Als Sie Ihre Plätze auf der ,Chatanooga-Lizy'
buchten, ahnten unsere Leute zwar noch nicht, wer Sie waren.
Als Sie das Schiff aber in einem —- nachträglich mein
aufrichtiges Kompliment — tollen Alleingang in seinen
Bestimmungshafen brachten und kurzerhand verschwanden,
da lief unsere Maschinerie an..."
„Haben Sie sich eigentlich schon mal am Kopf untersuchen
lassen?"
„Unsinn, Mister Hurt! Sie wissen, daß Ihr Spiel zunächst
einmal verloren ist. Sehen Sie, ich bin nur ein kleiner Fisch. Ich
war früher mal ein hübsches Kerlchen bei der Marine gewesen.
Und ich war verknallt in eine fast so niedliche Puppe wie die
Ihre dort, Sie war Chinesin, und ich lernte Opium kennen. Ich
trank Schnaps und rauchte weiter. Ich verlor die Kleine, bekam
dafür diesen Job! Ich habe ausgesorgt und bekam zufällig
geistern die Mitteilung über die Chatanooga-Affäre per
Sprechfunk. Ein paar Stunden später meldete mein Funker eine
in der Nähe sendende Funkstation. Ein Flugzeug war nicht in
der Luft. Schiffe befanden sich nicht in der Nähe. Die Zeichen
waren chiffriert und verzerrt... es war so einfach!"
Peters Busen wogte wie ein Blasebalg. Sie stand breitbeinig
vor dem Tisch, und beugte sich zu dem Gerippe vor. Ihre
Blauaugen hatten sich im Zorn verdunkelt, und ihre Stimme
bebte vor unterdrückter Wut.
„Jetzt passen Sie mal auf, Sie unflätiger Spinner, ich werde
Ihnen eine Pille verabfolgen, damit Sie sich diese Krüppelidee
aus Ihrer schimmeligen Gehirnschwarte schlagen! Sie bilden
sich ein, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben. Sie
erzählen hier einen Stuß, der geht ins Aschgraue! Sie sind
geistig so verwahrlost, daß man mit Ihnen vielleicht kleine
Kinder ins Bett jagen aber erwachsene Menschen nicht zum
pensionierten Affen machen kann! Und Sie wollen hier den
starken Esel spielen, da kann ich nur hysterisch lachen! Sie
sind, wohl flau im Bauch, Mann, was?"
„Halten Sie den Mund, Kleine! Ihre Rolle wird noch
geschrieben! Reden Sie lieber dem Herrn dort zu, den
Widerstand aufzugeben. Sie wissen ja, was fällig ist, wenn..."
Es gab eine {Reihe von Möglichkeiten für mich. Ich mußte
mich für eine entscheiden, so oder so.
„Was haben Ihre Fahnder denn noch herausbekommen?"
fragte ich grinsend, „außer, daß wir Kontaktleute des Deutschen
Atolls sind?"
Ein befriedigtes Grinsen lief über seine Gnomenvisage.
„Sehen Sie", sagte er, satt lachend, „nun können wir uns wie
vernünftige Menschen unterhalten! — Es wäre doch unsinnig
gewesen, weiter zu leugnen; denn, sehen Sie, in den
vergangenen Jahren mußte es ja irgendwann mal geschehen,
daß sich eine Gruppe von Interessenten der Auffindung des
deutschen Geheimnisses verschreibt und dieses mit nicht
nachlassender Zähigkeit betreibt, bis das Ziel erreicht ist!"
„Bravo!" nickte ich. „Es wird zu untersuchen sein, wie die
Ereignisse, die zu unserer. Entdeckung führten,
zusammenhängen! — Ich gehe doch wohl nicht fehl in der
Annahme, daß Sie von mir gewisse Lotsendienste erwarten. Ich
soll Sie hinbringen, was...?"
Er rieb sich langsam und nachdenklich die Hände.
„Mister Hurt", fing er an, „es mag sein, wie es will. Ich bin
jedoch nicht befugt, Ihnen irgendwelche Angebote zu machen.
Ich werde ein einsames Seegebiet..."
„Noch einsamer... ?"
„... Ja, noch einsamer... aufsuchen und weitere Anweisungen
abwarten. Ich kann Ihnen aber sagen, wie sich das abspielen
Wird. Man wird mir befehlen, mich mit unserem zweiten
Schnellboot zu treffen und unter Ihrer Führung einen Vorstoß
zum German Isle zu unternehmen. Sie werden den Parlamentär
machen. Sie werden den Kontakt zwischen meinen
Auftraggebern und Ihren Chefs herstellen. Das wird um so
leichter sein, als wir sicher nicht beabsichtigen, irgendwelche
Forderungen oder gar Mitspracherechte an Ihren Plänen zu
verlangen, sondern einzig und allein als Gebende kommen und
den gesamten Apparat unseres Unternehmens einschließlich
seiner immensen Kapitalreserven Ihnen zur Verfügung stellen.
Wir werden bereit sein, das Deutsche Atoll mit allem zu
versorgen, was es nur braucht. Wir werden einen illegalen
Handelsverkehr aufziehen und somit die Kapazität Ihres
Werkes vervielfachen. Wir werden das Atoll abschirmen und mit
eigenen Streitkräften einen undurchdringlichen Wall..."
Peter konnte sich, wie ich, nur schlecht das Grinsen
verbeißen. Aber es war. gar nicht zum Lachen. Die Primitivität
im Vorgehen dieses Mannes hatte Methode. Er war sich seiner
Sache restlos sicher. Er hielt das Atoll für eine versteckte Insel,
auf der man ohne weiteres mit ausgeschwenkten und scharf
gemachten Torpedorohren landen könnte.
„Ich werde ganz schläfrig", murmelte Peter mit vibrierender
Stimme, „immer, wenn man Märchen erzählt, werde ich es! —
Wovon spricht der Onkel eigentlich, Jackie?"
Ein giftiger Blick des mageren Spinners traf sie.
„Halten Sie den Mund, Puppe! Das hier ist eine viel zu
wichtige Sache, als daß ich mich provozieren ließe..."
„O Jackie", seufzt Peter zu mir gewandt und sah hinreißend
aus dabei. „Der böse Onkel ist aber gar nicht lieb. Ob wohl ein
großer Wolf kommt und ihn frißt?"
„Vielleicht!" antwortete ich. „Wenn er sich vorher wäscht!"
Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Herrschaften, laßt das doch! Ihr seid an Bord meines
Bootes. Umgeben von eineinemhalben Dutzend scharfer
Jungs, die auf Abwechselung drängen und bestimmt keinen
Spaß verstehen. Ihr Freund, Mister, und die kesse Süße mit
dem Atombusen werden auf der Insel von sechs
schwerbewaffneten Leuten bewacht, die ich persönlich
ausgesucht habe. Als wir sie am Flugzeug aufstöberten, wehrte
sich Ihr Kamerad leider derartig erbittert, daß wir scharf
durchgreifen mußten. Sein Schädelbruch wird ihm 'ne Weile zu
schaffen machen! Der Funkraum dieses Bootes aber wird von
vier Doppelwachen abgeschirmt, so daß Sie acht Tode sterben
würden, bevor Sie einen etwaigen Funkspruch absetzen
könnten. Hoffnung auf eine Hilfsexpedition Ihres Super-U-
Bootes besteht also nicht! Und sollten wir trotzdem angegriffen
werden, so hat jeder einzelne Mann meiner Besatzung den
Auftrag, Sie und das kleine Mädchen rücksichtslos zu
erschießen!"
Er lehnte sich zurück und sah uns an. Ex wollte feststellen,
welche Wirkung sein Salm hinterlassen hatte. Dann schlug er
mit der flachen Hand auf den Tisch..
„Ich lasse euch jetzt allein, Kinder. Ich werde versuchen,
mich mit einem unserer Stützpunkte in Verbindung zu setzen
und Betreuung der auf der Insel zurückgebliebenen
Gefangenen und Wachmannschaft anfordern. Übrigens, falls
Sie Hoffnung auf das Flugzeug setzen, es ist flugunfähig
gemacht worden und bedürfte einer mehrwöchigen Überholung,
wollte man einen Start riskieren! Gegen Abend werden Sie
etwas zu essen und trinken erhalten. Anschließend werde ich
mir Ihren Entscheid holen. Vielleicht darf ich in diesem
Zusammenhang noch darauf hinweisen, daß es seit
Menschengedenken Mittel gibt, die sehr einfach in der
Anwendung und verblüffend in der Wirkung sind, aus
Schweigern Volksredner zu machen. Und es ist wohl kein
Geheimnis, daß derartige Mittel besonders bei jungen und
hübschen Mädchen recht delikat wirken..."
Er blickte mir in das lächelnde Gesicht und grinste höhnisch.
Er nickte uns zu und verneigte sich. Er ging rückwärts raus...
Ich sah ihm nach und starrte dann auf die zufallende Tür. Ich
stand breitbeinig im Raum und schloß die Augen. Die Stunde
war gekommen, auf die jeder von uns unbewußt seit Monaten
gewartet hatte, die Stunde, in der es nicht mehr darum ging, die
eigene Haut zu verteidigen und mit einem Haufen Speckjäger
fertig zu werden, sondern in der sich alles entschied. Alles...
Da wurde die Tür wieder aufgerissen, und diese halbe
Portion von einem Mann kam, flankiert von dem Steuermann
und vier bulligen Heizern, wieder zurück. Er griente breit. Seine
Stimme triefte vor Hohn, als er kalt erklärte:
„Ich habe mir überlegt, daß Worte allein nicht zu genügen
scheinen, Ihnen die Ausweglosigkeit Ihrer Lage zu
demonstrieren. Mir sind auch gewisse Zweifel an Ihrer
Bereitwilligkeit, mit mir zu verhandeln, gekommen. Gestatten
Sie daher, daß ich..."
Seine Stimme klang erregt. Er brach unvermittelt ab und
nickte dem Steuermann zu. Sie umringten mich zu dritt und
hielten mir die Pistole an den Leib.
„Wenn du denkst, Jungchen, wir dürfen nicht, weil du sonst
für ewig stumm bleibst, so bedenke auch, daß es Stellen gibt, in
die man Löcher machen kann, ohne daß einer gleich
abmustert."
Ich wußte, daß es diesmal ernst war. Ich nickte und sagte:
„Laßt es gut sein. Ich verhandle..."
Der Magere schüttelte den Kopf. „Einen Augenblick,
Jungchen, schau dir das erst mal an. Es wird dir deine
Verhandlungsposition klarmachen."
Zwei von den Heizern fielen über Peter her.
Ich brüllte vor wahnsinniger Wut und wildem Haß, aber sie
bohrten mir grinsend ihre Läufe in den Leib. Der Steuermann
lachte und spuckte mir ins Gesicht. Er schlug mir die Faust an
den Kopf. Peter wehrte sich katzengewandt, stumm und
verbissen. Ich sah das Weiße in den Augen des Steuermanns
und hörte Peters Keuchen. Ich spürte die Öffnungen der
Pistolen in meinem Unterkörper gepreßt und sah diese Hunde
lachen. Und dann war es aus! Dann war mit einem Schlag alles
in mir ausgelöscht, erstorben, gefühllos und einfach nicht mehr
vorhanden. Da waren nur noch die anderen und ich. Ich ließ
meine Faust hochrasen und stieß sie dem auf brüllenden
Steuermann in den Magen. Ich griff mit der hochzuckenden
Rechten dem einen an die Brust und schleuderte ihn zu Boden.
Ich lachte laut, als der dritte zu schreien anfing, und sein
Schreien in ein Röcheln überging, weil ich ihn mit einem harten
Schlag voll traf. Ich spürte nicht die Schläge, die in mich
hereinprasselten. Ich spürte nicht das Würgen des einen
Heizers, der sieh mit seinem ganzen Gewicht an mich hängte
und mich zu Fall bringen wollte. Ich sah nur den wiehernden
Boß dieser Viecher und warf mich mit einem tobenden Satz auf
dieses zurückzuckende Stück Gemeinheit. Ich schlug beide
Hände in sein weiß werdendes Gesicht. Ich riß ihn mit einem
Griff hoch und kam der Bewegung mit meinem vorschnellenden
Schädel entgegen. Ich zerschlug ihm mit meiner Stirn das
Nasenbein. Ich hörte nicht, wie sie hinter mir in die Kabine
stürmten und spürte nicht, wie se sich an mich hingen, um mich
zurückzureißen.
Ich schlug wie ein Berserker, bis sie mit den MP-Kolben und
Handspaken auf meinen Schädel droschen und meine Arme
lähmten, bis ein Stich wie von einem glühenden Bolzen durch
meinen Körper zuckte und eine grelle Lohe in dem Lärm eines
tausendfachen Trompetenstoßes über mir zusammenschlug.
Ich wollte vor Wut schreien, weil ich noch spürte, daß sich
meine Finger aus dem blutenden Gesicht lösten und steif
wurden. Ein rasender Schmerz drang durch Mark und Bein und
stürzte schwellend über mich wie eine donnernde
Brandungswoge. Ich hatte die visionäre Zwangsvorstellung von
einem aufgeplatzten Schädel, aus dem das Hirn quoll und in
den hinein ich mich vor Übelkeit übergab. Feuerspeiende
Teufel sägten meinen Körper durch und brachen ihn mit dicken
Brecheisen auseinander. Die linke Gesichtshälfte schien
abgeschnitten und die Zunge aus dem Mund gerissen. Ich
verbrannte von unten heraus und wurde selbst zur Lohe. Sie
stießen Scheite in mich hinein. Ich löste mich auf und versank
in das Nichts.
Das Zurücktasten in das taumelnde Bewußtsein war
schmerzvoll und peinigend. Ich wußte, daß ich lag, ich wußte
aber nicht, ob ich gefesselt war. Ich hatte keinerlei Gefühl in
den Armen und Beinen. Ich bewegte mich von einer Seite auf
die andere. Ich hörte Peter sprechen, aber ihre Stimme war weit
entfernt. Ich wollte ihr zurufen, lauter zu sprechen, doch, so
sehr ich auch schrie, ich hörte nichts. Ich hatte einen Knebel im
Mund, dick und schwer. Es schien, als hätten sie mit
glühendem Blei meinen Mund vollgegossen und dieses wäre in
ihm zu einem bewegungslosen Klumpen erstarrt.
Ich versuchte nicht, mich in die Erinnerung zurückzutasten,
ich verspürte einen unbändigen Drang, voranzukommen. Ich
wollte näher zu Peter und sie fragen, was mit ihr geschehen sei.
Ich wollte sie trösten. Der Wunsch, ihr über das Gesicht zu
streicheln, ließ mich meine Hände wieder spüren. Es war ein
Kribbeln in allen Gliedern, das mich erschauern ließ. Aber es
ließ mich am Leben bleiben und die Herrschaft über meinen
Körper zurückgewinnen. Nur sprechen konnte ich nicht.
Peter war jetzt dicht bei mir. Ich spürte, wie mein Kopf an
ihrer Brust lag, und spürte auch, daß sie mir über die Stirn fuhr,
wenngleich auch zwischen meinem Kopf und ihrer Hand ein
starres Brett zu liegen schien. Ich hörte, wie sie zu mir sprach,
mit einer Stimme, die ganz ruhig war und die doch so
erschreckend klang.
„Jack", sagte die Stimme, „mein Jack." Sie sagte immerzu:
„Jack..., mein Jack!"
Ich lauschte dieser Stimme nach, und immer, wenn ich den
Klang zu verlieren drohte, wiederholte sie es leise.
Ich spürte auch, wie sie mich küßte. Etwas Dunkels beugte
sich über mein Gesicht, beschattete meine Augen, und
behutsam schob sich das warme Fleisch ihrer Lippen auf
meinen verquollenen Mund. Sie küßte mich nicht mit dem
mitleidigen Hauch einer Samariterin, sie küßte mich, als sei ich
ihr Geliebter, schlafend in einer Nacht voller Erfüllung. Vielleicht
weinte sie dabei, denn warme Tropfen fielen auf mich und
mischten sich mit dem Blut auf meiner Stirn. Es mußte schlimm
für sie sein, deshalb versuchte ich mit aller Gewalt, den Kloß in
meinem Mund loszuwerden. Warum befreite sie mich denn
nicht von diesem Knebel? Sie mußte ihn doch spüren.
Ich werde wieder mit einem Male so schwer und müde. Und
ihre Stimme entfernte sich erneut. Ich schlief ein...
Als ich aufwachte, wußte ich gleich, daß Peter noch bei mir
war. Ihre Hand fuhr kühlend über meine Stirn, sie flüsterte,
wieder meinen Namen und sagte leise, daß ihr Leben ohne
mich zu Ende sei, daß ich ihr Mann wäre und sie meine Frau.
Sie wollte nie etwas anderes sein als meine Frau! Sie wollte ein
Kind von mir haben, das auch Hanns heißen müßte; denn ihre
Liebe sei so groß, daß sie zuviel wäre für mich allein. Sie wollte
mir viele Kinder schenken und ihr Leben dazu; sie wollte still
knien und beten, daß wir uns lieben dürften in dieser Welt, in
der so viele lieben, ohne es zu verdienen.
Sie küßte mich. Ich versuchte, mich aufzurichten, um ihr
begreiflich zu machen, daß ich sprechen möchte, ich strengte
mich furchtbar an.
Ein Lallen kaum aus meinem Mund. Ein undeutliches
Stammeln, aber es ließ Peter aufjubeln vor Glück und
Erleichterung. Sie hob meinen Kopf an. Sie flüsterte tausend
Dinge in mein Ohr und küßte mich wieder. Ich setzte erneut
zum Sprechen an und sagte ihr leidlich verständlich, daß alles
okay wäre und ob die verdammten Schweinehunde etwas mit
ihr angestellt hätten.
Sie lachte und weinte in einem zugleich, dann hörte ich, daß
man sie in Frieden gelassen habe, weil die halbe Kajüte voller
Blut gewesen war und daß man ihr nur gedroht hätte, uns
endgültig zu frikassieren, wenn wir nicht innerhalb von
vierundzwanzig Stunden im Kommandostand des Bootes
erschienen, um den Kurs auf das Deutsche Atoll zu bestimmen.
„Du hast mindestens zwölf Stunden geschlafen, Hanns. Denk
jetzt über nichts nach. Schlaf weiter, ich liebe dich, Hanns..., ich
liebe dich... ich..."
Ich schlief und wachte nach Stunden zum dritten Male in
Peteries Armen auf. Mein Kopf lag an ihrer Brust wie der eines
schlafenden Kindes. Ich spürte die Wärme ihres Leibes und
küßte sie. Ich küßte sie dann in die Beuge ihres schlanken
Halses und ließ meinen Kopf dort ruhen. Irgendwann später
lehrte sie mich, aufzustehen und die ersten Schritte zu tun. Sie
massierte meinen Nacken und meine Schultern. Sie strich und
klopfte meine Beinmuskeln und eiferte keuchend, mich fit zu
machen. Sie ließ nicht locker, ich fühlte, wie das Blut in mir zu
kreisen begann, spürte gleichzeitig das Brennen in den
Wunden und nahm, mich reckend, wahr, wie mein Kopf freier
wurde und mein Blick die Umgebung zu unterscheiden begann.
Später stand ich noch schwankend an der Wand. Peter stand
vor mir und schmiegte sich in meine Arme. Sie kuschelte ihren
Kopf an meine Brust, und wir schämten uns beide etwas über
die Innigkeit unseres Gefühls.
„Ob Lil Ferguson...?" fragte Peter leise, als hätte sie meine
Gedanken erraten. Ich schüttelte den Kopf. Ich setzte mich und
starrte auf die mit Scherben und Splittern übersäte Tischplatte.
„Sie hat damit nichts zu tun...", sagte ich schwerfällig. „Es ist
leider so, daß man uns von vielen Seiten mehr oder weniger
dicht auf den Fersen ist. Auch das halbe Jahr, in dem wir uns
zurückhielten, in dem Hello Amboss aus Deutschland für uns in
den CIA (Central-Intelligence-Agency — Amerikanischer
Spionage Abwehrdienst) ging und in dem auch der eifrigste
Verfolger hätte müde werden müssen, haben die ganz Zähen
nicht locker gelassen. Lil ist harmlos, davon ich überzeugt.
Auch sie wurde Opfer dieses Teams hier. Nein, die Dinge
liegen tiefer. Es war zu einfach, wie wir es uns gemacht haben.
Wir hätten wissen müssen, daß niemand in der Welt, der
begriffen hat, was das Vorhandensein des Deutschen Atolls für
die Zukunft bedeutet, es jemals aufgeben wird, hinter unser
Geheimnis zu kommen. So wie in aller Welt Tausende nach
Gold oder Uran jagen und nicht müde werden bei tausend
Fehlschlägen, so gieren Tausende danach, den großen Run
nach dem Deutschen Atoll zu gewinnen. Lil ist eine von vielen.
Sie hat Glück gehabt und war ein wenig früher dran als die
anderen. Noch mehr Glück hatten die Heinis mit dem
Schnellboot. Morgen über übermorgen hätten andere auf uns
stoßen können. Damit war doch zu rechnen."
„Mein Gott, du sagst das so ruhig. Demnach hältst du es nur
für eine Frage der Zeit, wann das Atoll entdeckt und sturmreif
gemacht wird?"
Ich rieb meinen schmerzenden Schädel und versuchte,
Spucke im Mund zu sammeln, um das Gefühl des
Ausgetrocknetseins zu verlieren. Dann sagte ich:
„Unsinn... mit traditionellen Waffen ist das Atoll nicht zu
öffnen. Der Gegner müßte nukleare Mittel anwenden, und auch
dann ist der Erfolg zweifelhaft. Oder aber er müßte physikalisch
weiter sein als wir, und dann wäre es für ihn verhältnismäßig
witzlos, uns zu befehden. Es ist gehupft wie gesprungen."
„Den Lumpen bleibt tatsächlich nur der Weg über uns",
murmelte Peter und reckte sich. „Nun, es wird sich
herausstellen, wie weit sie kommen!"
Sie nahm mich ah der Hand und zog mich hinunter. Auf dem
Boden hatte sie ein Lager improvisiert, aus den Polstern der
Eckbank. Sie kuschelte sich an mich und gähnte etwas. Dann
küßte sie mich ans Ohrläppchen und grunzte wohlig.
„O Jack", sagte sie leise und vergnügt, „mögen die
Dreckathleten sein was sie wollen, ich müßte ihnen dankbar
sein, daß ich dich mal ein paar Stunden für mich alleine habe..."
Ich sagte nichts dazu. Ich überlegte erst 'ne Weile und
knurrte dann:
„Wir können denen später ja eine Anzeige schicken, Baby..."
„Was für eine Anzeige, Jack?"
Hm, vielleicht 'ne Verlobungsanzeige..."
„Heirat wäre besser", murmelte sie, während wir uns erneut
küßten.
Wissen Sie, so etwas ist eigenartig. Keine Pille kann so
munter machen wie 'n duftes junges Mädchen. Der alte Tschu­
tsche, oder wie der Mongole hieß, soll mal gesagt haben: gebt
mir zehn schöne Weiber, und ich erobere mit ihnen die Welt.
Und ich kann nur sagen, dieser alte Knabe hatte gar nicht so
unrecht.
Peter war süß in ihrer unschuldigen und doch so raffinierten
Verliebtheit. Ihre Küsse waren wie Balsam und Paprika
zugleich. Sie drängte sich an mich und koste mit einer so
rückhaltlosen Innigkeit, die nur ganz wenigen Frauen zu eigen
ist. Wir sprachen nicht viel dabei. Wir spürten nur, daß alles um
uns versank und wir eins waren, ohne daß wir etwas anderes
taten, als still nebeneinander zu liegen und den Pulsschlag des
anderen zu lauschen. Das Kind Peter war eine junge Frau
geworden, ohne sich offenbart zu haben. Sie hatte, an unserer
Seite unsagbar Schweres durchgemacht und es unbekümmert
überstanden. Sie lebte unser Leben, ein Leben für das
Deutsche Atoll, kompromißlos mit. Sie war dennoch für uns ein
Wesen aus einer anderen Welt, rein und unberührt und bei aller
Burschikosität das liebenswerteste Geschöpf.
Ihre schlanken Finger fuhren tastend über mein Gesicht.
„Woran denkst du, Jackie?"
Ich atmete tief und stellte mich schlafend. Ich tat es, um mich
und sie davor zu schützen, etwas vorzunehmen, was der Nacht
nach unserer Hochzeit vorbehalten bleiben sollte, einer Nacht,
der die Ruhe und Sicherheit folgen sollte, die Geborgenheit
eines Heimes, das ich für sie errichten wollte.
Und ich schwieg auch, weil mir es selbst fremd war, wie stark
noch mein Gefühl sein konnte, das ich monatelang unterdrückt
hatte, um hart zu sein für den fight in den Unterwelten dieser
Erde. Ich dürfte diese Härte nicht verlieren und aufgeben, der
Stimmung folgend, die über uns gekommen war.
Ich drehte mich um und stellte mich schlafend. Ich biß die
Zähne zusammen, als ich ihren Körper spürte, der sich an den
meinen schmiegte und ihre Tränen, die sie in meinen Nacken
weinte. ,
Die Leuchtziffern meiner Uhr waren zum Teil abgesplittert.
Sie tickte nicht mehr. Ich wußte nicht, wie spät es war. Ich
zwang mich, sachlich die Chancen zu wägen, die mir zum
Handeln verblieben.
Es war dunkel, und ich hätte versuchen können, eine
Vabanque-Aktion zu starten.
Peter hatte rufen können, daß ich abzukratzen scheine, und
ich hätte den ersten Hereinstürzenden niederschlagen und ihn
entwaffnen müssen. Mit einer Pistole, im günstigen Falle sogar
Maschinenpistole,, sah dann die Welt schon anders auch, und
ich hätte — solange der Munitionsvorrat reichte — kräftig
mitmischen können.
Eine Gasse nach draußen ans Oberdeck freizuschießen,
schien aber aussichtslos. Auf der alten Chatanooga-Lizy mit
einem Haufen taktisch unerfahrener Wilder hatte das ganz
anders ausgesehen. Hier auf dem kleinen Boot war ein
derartiges Unterfangen glatter Selbstmord, ohne die geringste
Chance, davonzukommen. Harakiri zu machen, angesichts
dieses Haufens krätziger Ganoven aber wäre absurd
gewesen...
Blieben also nur diplomatische Tricks übrig. Wissen Sie, ich
habe da mal 'ne Dame gekannt, in New Jersey oder San
Franzisko muß es gewesen sein, die hatte dem zuständigen
Bezirkskommissar den Mechanismus ihres Strumpfhalters
erklärt bei Süßwein und Nachttischlampenbeleuchtung und war
daraufhin zum Ehrenvorsitzenden der Frauenbewegung zur
Wiederherstellung von Moral" und Anstand scherzhafterweise
erklärt worden. Diese Dame hatte damit ein Glanzstück
diplomatischer Kunst vollbracht, das ich mir vor Augen hielt, als
ich die Gestalten unserer derzeitigen Gegner Revue passieren
ließ.
Mit Lil Ferguson hätte die Sache geklappt, so oder so! Peter
einzusetzen, war undiskutabel.
Immerhin gab es gewisse Möglichkeiten, zwar schwach nur,
aber ganz interessant. Ich dachte darüber nach, bis mich der
hämmernde Schmerz in meinem Schädel daran erinnerte, daß
auf einen groben Klotz 'ne scharfe Axt gehört. Ich begann, die
Sache mit der Maschinenpistole noch mal genau zu
überdenken und schlief darüber ein.
Mir erschien die Dame aus New Jersey oder San Franzisko.
Sie lachte und kniff ein Auge zu. Sie lupfte ihren Rock und
zeigte mir ihren Strumpfhalter. Ich guckte genau hin. Es war gar
kein Halter. Es war 'n Stück Heftpflaster, mit dem sie die nicht
unbeträchtlich langen Strümpfe festgeklebt hatte. Sie lachte
schrill und fragte, wie mir das gefiele. Ich blickte hoch und sah,
daß es gar nicht diese Dame war, sondern Miss Lil Ferguson
aus USA. Sie kniff ein Auge zu und sagte: „Siehste, mein lieber
Freund, hättest du auf mich gehört, dann hätten wir jetzt ein
nettes kleines Zimmer in einem netten kleinen Hotel, und du
könntest mir das Märchen von dem Wolf und den sieben
Geißlein erzählen. Oder die schöne Geschichte von Adam und
Eva!".
Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe, ich
weiß nur, daß ich etwas sagte, was sie aufkreischen ließ und
blitzschnell verschwinden.
Ich wachte davon auf, daß Peter mich sanft rüttelte. Ich
schlug die Augen auf und reckte mich. Ich fühlte mich ganz
wohl und grinste vor mich hin, weil ich an den Traum denken
mußte.
„Sie kommen!" flüsterte Peter. „Laufe nicht wieder Amok,
Jack! Ein zweites Mal geht das nicht gut!"
„Danke für die Belehrung", knurrte ich. „Aber das überlasse
mir!"
Sie preßte die Lippen zusammen und spannte mich einen
dickschädeligen Menschen, dem nicht zu helfen sei. Dann
stand sie auf. Es war heller geworden. Ich sah, daß sie blaue
Flecke hatte und nur mit Mühe ihre Bluse so herrichtete, daß
sie notdürftig ihre Brüste verdeckte. Sie sah mich aufmerksam
an und machte eine Kopfbewegung zu dem eingeschlagenen
Bulleye. Der durchgelöcherte Lauf einer tschechischen
Maschinenpistole ragte in die zerstörte Kabine hinein, und
dahinter wurde der wirre Haarschopf eines der
Dreigroschengangster sichtbar.
Die Tür flog auf, und herein kam der Magere und sein
Gefolge. Es war ein Aufzug wie bei der Altweiberfastnacht. Der
Boß trug als Prunkstück grün aufgequollene Backen und
rotbraune Ohren. Er trat sehr schneidig auf, um den
ungünstigen Eindruck seines Äußeren zu kompensieren.
„Ohne im Augenblick über den gestrigen Vorfall reden zu
wollen", fing er großspurig an, „wollen wir gleich..."
„... in medias gehen!" vollendete ich. „Mein Angebot: zurück
nach Sydney, meinetwegen auch in die Staaten und dort
Verhandlungen zwischen mir und deinen Häuptlingen. Die Art
der Verhandlung bleibt von beiden Seiten aus vorbehalten und
klärt im Vorwege alle..."
„Quatsch nicht, du tückische Sau", fiel er mir ins Wort und
zitterte förmlich vor Haß und Sadismus. „Die Gelegenheit,
Vorschläge zu machen, ist verpaßt, jetzt marschiert die Chose
nach unserem Kompaß! Nach unserem, hast du das...?"
Er stieß mir mit der flachen Hand vor die. Stirn. Damit stiegen
seine Aktien bei mir ins ungemessene. Dann hieb er mir eine
Handkante vor den Kehlkopf und brüllte mit überschnappender
Stimme, daß er es mir nun zeigen wolle.
Es waren acht Mann in der Kammer. Sie trugen nur kurze
Eisenstücke oder Schraubenschlüssel als Waffen. Ihre Kumpels
mit den scharfen Sachen standen draußen und warteten, daß
ich herausgestürmt kam.
Das Ganze war belemmert, sage ich Ihnen! Nichts, worüber
man erfreut sein konnte. Je zwei griffen nach meinen Arm und
rissen sie hoch. Sie hatten vorbereitete Tampen mit, mit denen
sie meine Handgelenke oben an die Lüfterschächte banden.
Sie machten Schlippsteege und zurrten mich gespreizt
eisenfest.
Dann kam der Steuermann, dessen rechtes Auge mit
Pflaster verklebt war und der auf dem blutunterlaufenen linken
nur durch einen schmalen Spalt blinzelte.
Er stellte sich vor mich.
„Fang an...!" säuselte der Grünbackige.
Dann hängten sie Peter neben mich. Sie lachten dabei und
rissen die dreckigsten Zoten, bei denen selbst die
hartgesottenen Männerinsassen staatlicher Pensionate rot
geworden wären.
„Hört auf, ich verhandle!" sagte ich. „Laßt die Kleine in Ruhe!"
Sie hörten nicht darauf, bis der Boß einem ins Kreuz trat und
ihn anbrüllte, er solle das Miststück losbinden. Dann stellte er
sich breitbeinig vor mich und geiferte: „Verhandelt wird nicht
mehr, paß auf, du, die Sache ist völlig klar! Dein Kumpel wird im
Augenblick von unserem zweiten Boot an Bord genommen. Sie
haben ihn genau wie dich in die Mangel genommen. Er wird
Kursanweisungen geben! Wir werden dasselbe nochmals mit
dir machen und du wirst uns auch Kursanweisungen geben! Wir
stehen mit dem anderen Boot in direkter Sprechverbindung. Wir
koppeln deren Kurse mit und werden sehen, ob ihr uns
anscheißen wollt oder endlich eingesehen habt, daß die Partie
verloren ist! Laufen die Kurse auch nur um eine Meile
auseinander, machen wir euch und die Puppen so zur
Schnecke, wie noch niemand kirre gemacht worden ist! Gib ihm
noch was, Harry, und bindet ihn dann los!"
Der Steuermann kam dicht an mich heran. Sein Atem stank
faul, er fletschte die Zähne und faltete beide Hände. Dann riß er
sie hoch und schlug sie beide unter mein Kinn. Mein Kopf flog
zurück, und als ich ihn wieder aufrichtete, schlug er noch einmal
zu.
Sie banden mich los. Der Schmerz in mir war stumpf und
kompakt. Er ließ mich in die Knie sacken und nach vorn kippen.
Ich hatte die geisterhafte Vorstellung, daß Kapitänleutnant
Reckmann, mein Chef, neben mir im Ring stand und zählte...
„Eins... zwei... drei... vier... fünf... sechs...!"
Seine Stimme klang unnatürlich, so, als käme sie durch
einen Lautsprecher. Mit jeder Zahl klang sie näher an meinem
Ohr. Bei acht schrie er mich an und nannte mich einen
schlappen Hund. Ich holte tief Luft und riß meinen Kopf hoch,
ich sah die zerknitterten Hosenbeine des Verbrechers vor mir.
Ich sah seine dreckige Schuhspitze gegen meine Schultern
stoßen und torkelte aufwärts. Ich sah die Gestalten nur
verschwommen und lächelte in die Richtung, in der ich Peter
vermutete. Dann sagte ich, meine Stimme war schwer wie von
einer Gallone Reisschnaps:
„Es gibt ein Dutzend Ansteuerungsmöglichkeiten. Jeweils
eine ist radaroffen. Das wechselt in beliebiger Reihenfolge.
Wenn unser Boot draußen ist, wird ihm erst in Sperrkreis fünf
die Schleuse mitgeteilt, durch die es einlaufen kann. Ein
falsches Ruderkommando, und die See verwandelt sich in eine
Hölle. So wie ihr euch das gedacht habt, können wir euch nur
an die Peripherie von Sperrkreis eins bringen. Dieser umfaßt
dreihundertundsechzig Grad. Es bestehen also praktisch
dreihundertundsechzig Ansteuerungsmöglichkeiten und
Kursfestsetzungen. Könnt, ihr Idioten, mir sagen, wie wir uns da
verständigen sollen?"
Ich hatte langsam gesprochen, um Zeit zu gewinnen und
meiner kochenden Wut Herr zu werden. Ich reckte mich nun
und knackte mit den Fingern, was den Steuermann veranlaß te,
mir gegen das Schienbein zu treten und mich einen Soundso
zu nennen, dessen Vorfahren in Abortgruben gelebt hätten.
Sie fesselten mir die Beine zusammen und die Arme. Dann
ließen sie mich über Deck zum Kommandostand hüpfen. Der
Boß fieberte vor Erregung und hantierte aufgeregt mit einer
Karte herum.
„Spar dir das", sagte ich, „gib mir die Position und das Mikro!"
Er sagte kein Wort, fummelte an den Abstimmknöpfen des
Funksprechgerätes und wiederholte laut die Zahl, die ihm aus
dem kleinen Kartenchap zugerufen wurde.
Er hielt mir das Mikrophon vor den Mund und zischte, daß
alles, was sie bislang mit mir und der Süßen gemacht hätten,
Schelmenspiele gewesen wären gegen das, was sie treiben
würden, wenn ich ein Wort zuviel oder zuwenig sagte. Er zog
noch einmal das Mikro weg und sprach selbst hinein.
„Drei... sieben... null... achtung... drei... sieben... null...
kommen für S — C — zero... S — C zero... hier spricht zero
eins... zero... eins... wir übergeben an Lotsen zwecks
Kursabsprache."
Er zog die Oberlippe hoch und zeigte seine Zähne, als er mir
die Muschel an die Lippen drückte.
„Hallo", sagte ich, „hallo, Schorsch..."
„Hallo, Hanns", kam es leise zurück. „Bist du okay?"
„Bestens", sagte ich so heiter wie möglich. „Spiel nicht den
starken Mann und Papis Trotzköpfchen! Laß dich losbinden und
verlange, was zu trinken. Diese Schweinepriester..."
Der Grünlackige schlug mit der Faust auf das Mikrophon,
daß mir die Lippen platzten.
„Noch einmal so eine Bemerkung", keuchte er, „und ich
mache dich kaputt!"
„Hast du gehört, Schorsch?" sagte ich, das Blut an der
Sprechkapsel vorbei gegen die Klarsichtscheibe spuckend. „Die
Kerlchen verstehen keinen Spaß mehr. Tot nützen wir dem Atoll
auch nicht viel mehr! Wir nehmen die Nordostroute bei voller
Fahrt und gehen bis an den Sperrkreis eins heran. Dort müssen
wir sehen, in Funkverbindung mit der Zentrale zu kommen und
uns eine Radar-Schleuse anweisen zu lassen. Was macht die
Dame aus den USA?"
„Sie haben ihr den Arm gebrochen und die Haare
abgeschnitten. Sie liegt bewußtlos neben mir. Welche
Garantien haben wir, daß man uns nicht killt, wenn wir am Ziel
sind?"
Er machte das ganz gut. Diese Frage wirkte überzeugend.
Ich spielte mit und blickte das Oberpäckchen fragend an.
Der hob, ausspuckend, die Schultern.
„Keine, mein Kleiner. Arbeitet ihr gut, dann läßt sich mit uns
über alles reden. Macht ihr Zicken, dann wird es pervers!"
„Schön", sagte ich. „Bleibt dicht auf und sieh zu, daß es keine
Scherereien gibt. Grüße Lil und sage ihr, es ist nicht immer
Nacht, wenn es dunkelt!"
Dann wandte ich mich an die mich umlauernden Gestalten
und sagte fröhlich:
„Auf, ihr forschen Reitersmänner, die Luft ist kühl und klar!"
Sie glubschten gehässig und gingen dann auseinander. Ein
paar blieben mit dem Boß und dem Steuermann im
Kommandostand und beugten sich über die Seekarte. Sie
suchten das Seegebiet nordöstlich von unserem Standort ab
und machten dusselige Bemerkungen darüber, daß dort weit
und breit keine Inseln, sondern* nur riffgefährdete Gebiete
eingezeichnet wären. Einer knurrte:
„Auf die Riffs will das Aas uns jagen, absaufen will er uns
lassen."
„Was bist du doch für ein Armleuchter", sagte ich freundlich.
„Ein ganzes Regiment von deiner Sorte ersoffen, ist- mir nicht
'ne nasse Socke wert! Wenn du es aber besser weißt, wo die
Goldfabrik liegt, dann komm her und..."
„Schnauze...!" schrie der Boß aufgeregt. „Schnauze!"
„Schön", sagte ich, „laß was zu essen und zu trinken
herbringen. Einen Pullover für meine Kleine und alles, was hier
nichts zu suchen hat, raus!"
Er stierte mich nachdenklich an. Er röhrte sich was hinter die
Geschwulst, die bei anderen Leuten der Kopf ist, und gab dann
ein paar Anweisungen.
Peter schob sich neben mich. Sie faßte verstohlen nach
meiner Hand und drückte sie.
Ich blickte zur Seite und sah sie an. In ihren blauen Augen
schimmerten Tränen, aber sie lächelte. Sie schaute nach vorn
und atmete ganz ruhig.
Herrschaften, wenn der alte Tschu-tsche, dieses Mädchen
gekannt hätte, hätte er auf die neun anderen verzichtet!
Jede Wette!

Genau zwölf Stunden später hatte sich das Bild in dem


Kommandostand weitgehend gewandelt. Man hatte mir die
Fußfesseln abgenommen und mich setzen lassen. Peter war
völlig ruhig und wich nicht von meiner Seite. Sie fütterte mich
und gab mir die Flasche. Es war kein sehr angenehmes Gefühl,
aber es ließ sich ertragen. Alle drei Stunden ging ich auf
Sprechverkehr mit Schorsch. Er gab nur leise und schwerfällig
Antwort. Es schien nicht besonders um ihn zu stehen. Als ich Lil
zu sprechen verlangte, hörte ich, wie man sie schlug und wie
sie schrie. Dann wurde die Verbindung unterbrochen, und
Minuten später kam eine erregte Anweisung, künftig jegliche
Privatgespräche zu unterlassen, anderenfalls mit erneuten
Repressalien zu rechnen sei.
Der Boß verließ öfter den Kommandostand, um aus dem
dahintergelegenen Funkchap die Standorte der Boote an
seinen Stützpunkt funken zu lassen. Ich war sicher, daß sich
mittlerweile die ganze Streitmacht der Organisation in aller Eile
zusammengefunden hatte, um die Operation der beiden
Schnellboote zu verfolgen. Zweifelsohne bereitete man auch
den Einsatz von Flugzeugen vor und startete eine
demonstrative Heerschau, von der man sich offensichtlich
einige Wirkung auf die Männer des Deutschen Atolls versprach.
Immerhin hätte man die Schnellbootoperation gar nicht
ungeschickt aufgebaut. An Hand der zu vergleichenden Kurse
mußte man ja jederzeit kontrollieren können, ob wir spurten
oder nicht. Jede Abweichung war graphisch darzustellen und
mit einem Blick erkennbar.
Peter vermied es, mich anzusprechen. Sie merkte, wie
konzentriert ich einen Ausweg aus diesem Dilemma suchte. Sie
wußte genau, welche Schwierigkeiten dem ganzen
Unternehmen entgegenstanden und daß es nicht mehr nur
darum ging, unsere Haut zu retten, sondern eine Organisation
von Verbrechern matt zu setzen, deren Umfang wir überhaupt
noch nicht kannten.
Ich blickte auf den Chronometer an der Stirnseite des
Baumes und sagte zum Rudergänger: „Stopp it... pull on the
radar!"
Dann griff ich zum Mikrophon und rief Schorsch. Statt seiner
meldete sich eine unbekannte Stimme. Ich wiederholte das
Stopp-Kommando...
Die Tür wurde aufgerissen, und der Boß mit seiner Meute
stürzte herein.
„Was soll das...?" brüllte er. „Warum wird gestoppt?"
Ich sah ihn an.
„Weil wir da sind, du Hammel!"
Er zuckte zusammen.
„Ist das wahr?"
„Frag mal 'ne alte Zigeunerin!" grinste ich. „Die weiß es
genau!"
Er wäre mir am liebsten an den Hals gesprungen, aber er
war nicht sicher, ob das in Anbetracht der Situation
empfehlenswert wäre.
„All right", grunzte er nach einigem Nachdenken, „wenn das
stimmt, dann komm ins Funkchap und teile deinen Brüdern mit,
daß das, was wir in unseren Rohren, haben, keine
Pappzigarren sind!"
„Nee", lächelte ich, „das nehmen wir ebensowenig an, wie du
annehmen wirst, daß unsere Torpedoauffanggeräte aus
Zwirnsfäden geknüpft sind."
Er latschte zum Radargerät und beugte sich darüber. Er
prallte zurück und drehte sich schreckensbleich zu seinen
Spinnern um.
„Es stimmt", ächzte er, „wir sind am Ziel!" Sie drängelten sich
heran und bestaunten den hellen Meßkreis, der die
kreisförmigen Konturen des mutmaßlichen Atolls mit
gestochener Schärfe zeigte. Sie gerieten ganz aus dem
Häuschen und stritten sich um die Entfernung, bis der Boß sich
umdrehte und mir zunickte:
„Junge, wenn die Sache klargeht, werden wir Freunde!"
„Aber Liebling", sagte ich mit breitem Grinsen, „das sind wir
schon längst!"
Er schnaufte durch die Nase und schlug mit der flachen
Hand auf die Scheibe des Radarschirms, auf dem der
Kontrollzeiger unablässig kreiste.
„Welcher Art sind die vor uns liegenden Sperren?"
„Wozu willst du das wissen, Kinderschreck?" fragte ich
gelassen. „Du würdest in die Hosen machen, wollte ich dir das
im einzelnen erklären. Laß mich an das Funkgerät, damit ich
uns avisiere, anderenfalls wir einen beigepuhlt bekommen,
ohne daß dir Zeit bleibt, deinem Schutzengel die letzte
Monatsrate fürs Abonnement zu zahlen!"
„Mach's nicht so spannend", schrie der Steuermann los,
dessen zweites Auge mittlerweile auch dichtgeschwollen war.
„Auch deine Insulaner kochen bloß mit Wasser!"
„Sicher, du Pfeife", nickte ich, „paß nur auf, daß du dir nicht
dein Maul daran verbrennst! — Wie ist es, kann ich funken
oder...?"
Sie ließen mich nicht raus. Sie bugsierten mich durch den
angrenzenden Kartenraum und ließen mich durch das
Mannloch ins Funkchap kriechen. Sie hatten einen derartigen
Bammel vor mir und möglichen Gegenmaßnahmen, daß sie
sich selbst beschimpften und erst ruhiger wurden, als einer aus
dem Kommandostand schrie, daß sich das zweite Boot
gemeldet hätte und eine Seemeile querab läge. Sie fragten an,
ob sie herankommen und im Päckchen längsseits gehen
sollten.
Es wäre das schönste Geschenk gewesen, das sie mir
hätten machen können.
Ich drehte mich um und sagte:
„Einen dämlicheren Haufen als euch hat es noch nicht
gegeben. Selbst ein schon am Einschulungstag aus der
Hilfsschule Entlassener hätte euch gesagt, daß zwei
auseinanderliegende kleine Ziele immer schwerer zu treffen
sind als ein großes auf einem Haufen."
Der Boß biß sich auf die Lippen. Er war unsicher und
vermutete einen Trick. Es kam ihm spanisch vor, daß ich
ernsthaft gute Ratschläge. geben könnte. Er knurrte wie ein
gereiztes Hähnchen und gab Order, das andere Boot sollte
zunächst auf Sprachrohrweite heranscheren und auf Anruf
Backbordseite festmachen.
Ein Gorilla mit einer plattgeschlagenen Nase wie ein
Rummelboxer, muckte auf.
„Aber, Chef, dann können sie uns mit einem einzigen Treffer
fertigmachen."
„Schnauze! Schnauze!"
Er stieß mich hart an.
Ohne mich darum zu scheren, griff ich nach dem
Frequenzwähler, schaltete ein, stimmte kurz ab und gab den
Anruf heraus. Es war so unkompliziert und einfach, daß die
mich umstehenden und argwöhnisch lauernden Ganoven zu
murren begannen.
Ich schob die Taste dem Funker zu...
„Hier, mein Häschen, taste: Bitte Sprechfunkfrequenz
angeben, Klartext erwünscht! Keine Maßnahmen!
Verhandlungsbereit!"
Der Boß bekam den Mund nicht wieder zu. Das hatte er nicht
erwartet, daß ich den Funker tasten lassen würde.
„Sprechfunk", sagte er begeistert. „Wenn du das bringst,
Bübchen, brechen wir nachher gemeinsam einer Pulle den
Hals!"
Ich gähnte und überlegte. Es war trotz des großartigen
Funktionierens unseres Abwehrplanes eine ziemlich üble
Sache. Was auch immer geschah, einige Dutzend Verbrecher
glaubten nun den ungefähren Punkt zu kennen, an dem das
sagenumwobene Atoll lag, zumindest aber wußten sie nun mit
Bestimmtheit, daß es dieses Atoll gab.
Und sie würden nicht zögern, ihre Kenntnis so oder so an
den Mann zu bringen und notfalls für teures Geld an
sensationshungrige Zeitungen, Informationsdienste oder
andere Interessenten zu verkaufen und damit einen
Weltrummel zu starten, der eine wahre Invasion zu dem
hiesigen Seegebiet entfesseln mußte. Und selbst, wenn diese
ganz und gar ergebnislos bleiben würde, so bestand doch die
Gefahr, daß sich dieser oder jener Neugierige verirrte und in die
echte Umgebung des Atolls geriet und damit die Inselleitung zu
schwerwiegenden Entscheidungen nötigte.
Die Antwort dar Zentrale kam mit präziser Schnelligkeit: „Auf
drei—zehn—acht gehen... empfangsbereit...!"
Es war totenstill um mich herum. Die Verbrecher hielten den
Atem an, als ich mich mit leidenschaftsloser und gleichgültiger
Stimme meldete:
„Hier spricht Jack." Ich machte eine Pause und blickte auf die
bebende Hand des Bosses, der seine durchgeladene Radom
über den schmalen Funktisch schob und den Lauf auf mich
richtete.
„Beim Teufel, du Hund", flüsterte er, ich schieß dir in die
Fresse, wenn du deinen Kumpels ein Zeichen gibst!"
Ich lachte kurz auf und nahm das Mikrophon dicht an den
Mund.
„Ich liege mit zwei Schiffen an Sperre ,eins'." Bitte um
Einschleusung. Ich sende Dauerton, peilt uns ein und gebt die
Werte im Gegenmeßverfahren.
Erregt legte sich die Hand des Mageren auf meinen
Unterarm.
„Warte", zischte er, „ich beuge vor! Sag ihnen, daß nur ein
Boot hereinkommt. Du und dein Kumpel bleiben auf dem
anderen Boot hier draußen. Passiert uns das geringste, wenn
wir an Land gehen, werdet ihr ohne Rücksicht auf Verluste
fertiggemacht. Sag ihnen das und sage dazu, daß ich keine
Spaße mache in solchen Geschäften!"
Ich gab das durch. Ich leierte den Spruch herunter und sah
dann den Boß an.
. „Mach dir keinen Fleck ins kurze Hemd, du Besenbinder!"
sagte ich kaltschnäuzig. „Die Kugel rollt, und wer auf die richtige
Zahl gesetzt hat, gewinnt!"
„Was willst du damit sagen?" flüsterte er, wieder erbleichend.
Und aufspringend kreischte er los; „Was willst du damit sagen,
du Hund, du verdammter Hund?!"
Ich zuckte die Schultern und wandte mich an den
Steuermann, dessen Augengeschwülste in mehreren Farben
schillerten.
„Mit schlechten Nerven ist euer Job aber nicht zu betreiben,
Leutnant! Ihr wart scharf auf das ,german atoll' und wolltet ein
Geschäft machen. Wartet doch ab, was man von euch als Preis
verlangt? Billig wird es nicht, aber 'n paar lächerliche Milliarden
spielen ja für die vereinigte Unterwelt aller Länder keine Rolle."
„Quatsch nicht so dämlich , knurrte der Kerl gereizt. „Was
auch immer passiert: du und deine Bagage hüpft über die
Klinge, wenn etwas schiefgeht!"
Ich hob meine gefesselten Hände.
„Mach die Stricke los", sagte ich, wir sind doch Partner!"
Er lachte auf und schlug mir die Faust unter die Nase. Er
spuckte hinterher und machte eine dreckige Handbewegung.
Dann setzte sich die Prozession wieder in Bewegung zum
Kommandostand. Peter sah mir mit unbewegtem Gesicht
entgegen. Sie sah unsagbar süß aus und lächelte ein klein
wenig mit den Augen, als ich ihr zunickte. Sie hielt beide Arme
auf dem Rücken verschränkt. Als sie die rechte Hand
hervorbrachte, hielt sie eine Radom in der Hand und zielte dem
Mageren genau zwischen die Augen.
„Weiß Gott", sagte sie, „ein falscher Atemzug, und ich
schieße alles in den Klump!"
Die Verbrecher hielten den Atem an. Es war so still wie in
einer Kirche. Dem Mageren quollen die Augen aus den Höhlen.
Er beugte sich langsam vor und ächzte, als würde er mit 'ner
Fahrradspeiche punktiert.
Der Mann am Ruder stand wie 'ne Salzsäule. Seine Ohren
waren schneeweiß. Wir blickten alle auf ihn und sahen das
leere Halfter am Gürtel. Ich lachte und sagte:
„Gib dem Kleinen sein Spielzeug wieder, Baby! Die
Feindseligkeiten sind eingestellt. Wir bewerfen uns jetzt nur
noch mit vollen Flaschen!"
Entgeistert ließ Peter die Waffe sinken.
„Aber, Jack...?"
„Gib die Pistole zurück!"
Sie war blaß, als sie vortrat und dem Rudergänger die Waffe
vor die Füße warf. Sie gab mir einen Blick, in dem alles
enthalten war. Aber ich grinste nur.
„Wieviel Milliarden haben eigentlich deine Auftraggeber,
Kinderschreck?" wandte ich mich an den Mageren. „Wird es auf
ein Häuschen im Grünen für uns langen?"
Er schreckte aus seiner Erstarrung und holte tief Luft.
„Oh, verdammt", sagte er heiser, „oh, verdammt, man hätte
der Puppe die Arme brechen sollen wie der anderen drüben!
Holt sich die Biene einfach den Knaller eines Mannes und will
die Weltgeschichte verändern. Ins Bett gehört so ein Luder."
„Du mußt nicht so einen Stuß reden!" sagte ich, meine
Hände mit Macht ruhig haltend. Wir glauben dir auch so, daß du
das Pulver nicht erfunden hast! — Laß Lichter setzen, damit wir
nicht gerammt werden!"
Er war weit davon entfernt, mir zu mißtrauen. Daß ich Peter
zur Aufgabe beredet hatte, war 'n dufter Persilschein für meine
lauteren Absichten. Dennoch kniff er die Augen zusammen.
„Gerammt? Von wem gerammt? Ich denke, wir bekommen
'ne Fremdpeilung und werden dann eingeschleust? Wer soll
uns rammen?"
„Das andere Schnellboot, du Held!" sagte ich gelassen. „Es
muß doch wohl längsseits gehen, wenn wir übersteigen sollen.
Oder soll ich so schwimmen?"
Es war später, als ich dachte. Die Operation war gut
angelaufen, mußte aber im Laufe der Nacht beendet werden.
Der Boß- gab sich einen Ruck. Er riß eine Schublade im
Kartentisch auf und zog ein Messer mit Marlspieker heraus. Er
lachte meckernd, als er mir die Fesseln durchschnitt.
„Vor 'ner verdammt langen Zeit...", fing er an zu brabbeln, „da
habe ich auch mal einem die Fesseln abgemacht, weil ich
dachte, er wäre clever genug, um das richtig zu schätzen. Was
soll ich dir aber sagen, er war es nicht. Er dachte, er könnte mir
einen toten Neger unter den Pullover stecken und versuchte
einen Trick. Es ging an, es war kein schlechter Trick! Aber nicht
gut genug für einen wie mich! Er ist heute schon vermodert,
verfault und vergessen, aber du, mein Junge, hättest 'ne
bessere Stellung in Aussicht als 'ne liegende auf dem Friedhof!"
„Du auf saurer Milch abgestandener, grindiger Bastard",
brüllte ich ihn an, „du mußt dir erst einmal den Rotz von der
Backe wischen, bevor du weiter den Boß aller Bosse spielst!
Bildest du dir vielleicht ein, ich habe Lust, mich weiter von dir
schurigeln zu lassen? In ein paar Stunden stehst du vor dem
größten Werk, das Menschen je verrichtet haben und
verhandelst mit den Koryphäen der Wissenschaft über Dinge,
die dein Spatzengehirn überhaupt nicht verstehen werden. Laß
dir mal den Rost von der Schraube klauben, du mickriger
Stumpen!"
„Soll ich ihm den Hintern aufreißen, Boß?" fragte der
Steuermann. „So ein freches Aas, so ein freches Stück!"
„Hast du immer noch nicht genug, du Rübenschwein?"
herrschte ich den Leutnant an. „Soll ich dir noch andere Teile
dicht machen? Du hast doch bloß so ein großes Maul, weil du
'ne Radom in der Tasche stecken hast. Waffenlos auf 'ner
einsamen Promenade würdest du vor schlotternder Angst
vergehen. — Sieh lieber zu, daß das Boot herankommt. Meine
Leute warten nicht gern!"
„Tritt diesem Knülch doch mal in den Bauch!" sagte Peter
menschenfreundlich. „Vielleicht kapiert er dann schneller?"
„In dem Ton ja nun nicht!" meckert der Boß. „Bloß nicht auf
diese Tour, Herrschaften. So stark wie ihr euch fühlt, seid ihr in
Wirklichkeit gar nicht! Ich warne euch zum letzten..."
„Mir ist ganz blümerant", sagte ich, „wenn ich mir überlege,
was der Chef sagen wird, wenn er sieht, was für eins ich ihm da
geschickt habe! Es ist doch zum Wimmern! Hoffentlich sind die
anderen im Hintergrund etwas gesegneter!"
Laut fluchend, verließ der Leutnant den Kommandostand. Er
tobte ein paar. Leute von der Mannschaft an, dann wurde ein
Scheinwerfer eingeschaltet und tastete sich suchend über das
ruhige Wasser. Als er das Schnellboot erfaßte, blieb er stehen.
Ein paar Kommandoworte klangen auf. In einem seemännisch
exaktem Manöver machten beide Boote nebeneinander fest.
Peter kam unauffällig dicht an mich heran.
Ihre Stimme zitterte förmlich.
„Worauf wartest du, Jack, mein Gott, warum mußte ich die
vollgeladene Waffe zurückgeben?"
Ich drehte mich zu ihr und massierte gedankenverloren
meine Handgelenke.
„Liebling", sagte ich freundlich, „man soll immer dann, wenn
es am schönsten ist, aufhören! Es ist aber noch nicht schön
genug!"
Draußen brüllte der Magere einen zotigen Gruß zu seinem
Kumpan von dem Schwesterboot. Sie lachten und grölten
dabei.
„Siehst du, Peterlein", sagte ich mit schleppendem Tonfall,
„es wird noch viel fröhlicher werden!"
Sie zuckte die Achseln und schwieg. Ihr Blick ruhte
unablässig auf dem Halfter des Rudergängers, das er am Gurt
nach vorn gerückt hatte. Dann blickte sie auf, als der Boß mit
seinen Genossen wieder hereinkam.
„Huch", sagte sie heiser, und man konnte deutlich hören, wie
die Wut ihre Stimme krächzen ließ, „so 'ne Galerie wilder
Männer habe ich mir immer mal gewünscht! Jetzt fehlt nur noch
eine MP dazu, durchgeladen und entsichert!"
Reichlich keß für 'ne Achtzehnjährige aus einem immerhin
tipptoppen Stall. Ein vollgefressener Bursche mit
Menjoubärtchen und Luesaugen musterte sie grinsend. Dann
pfiff er leise durch die Zähne und zeigte auf mich.
„Ist er das...?"
„Das ist er!" Der Magere nickte und versuchte, über das
ganze Gesicht zu grinsen. Er hätte das lieber lassen sollen,
denn nach der Packung, die ich ihm gegeben hatte,
funktionierte der Muskelmechanismus noch nicht ganz. Er
machte ein Gesicht, als hätte er ein faules Ei geschluckt und
wandte sich eifrig an den Dicken.
„Er scheint vernünftig zu sein", sagte er und wiegte den Kopf,
„aber man kann bei diesen Hunden natürlich nicht wissen, was
echt ist! Die Zentrale schenkt uns jedenfalls was ein, wenn wir
die entscheidende Phase durch Unachtsamkeit platzen lassen!"
„Er ist ein bißchen wirr im Kopf", sagte ich heiter. „Sie dürfen
ihm das nicht übel nehmen. Nachdem ich ihn gestern
verdroschen habe, stimmt es nicht mehr so genau bei ihm... da
oben!"
Das Menjoubärtchen sträubte sich. Er sah aus wie 'n
beschnittener Igel.
„Du hast 'ne ziemlich große Fresse, Mann!"
„Ja", nickte ich. „Das kommt daher, weil ich es von zu Hause
gewohnt bin, drei solche Portiönchen wie dich allmorgendlich
quer zu schlucken!"
Er glubschte und schüttelte sich. Er war kein Schwächling. Er
wollte aber die Auseinandersetzung unter vier Augen
vornehmen.
„Schafft die beiden rüber!" Er gab seinen Leuten einen Wink,
dann schritt er durch eine Gasse aus Pistolen und grinsenden
Visagen über das Deck auf seinen Kahn. Er ging, ohne, sich
umzudrehen, in die kleine hinter der Brücke liegenden Messe,
setzte sich behaglich in einen Sessel und steckte sich einen
Zigarillo an. Seine kleinen Schweinsaugen musterten mich und
Peter. Er dachte gar nicht daran zu sprechen.
Ich lächelte zurück und sagte dann laut zu Peter.
„Guck dir dieses Würstchen genau an, Baby! Wenn dich
unsere Kinder später mal fragen, wie ein Idiot aussieht, dann
kannst du es ihnen genau beschreiben!"
Ich zog mir mit dem Fuß einen Hocker heran und setzte
mich. Peter lehnte sich mit dem Rücken gegen die Schottwand.
„Stopp", machte er sich da stark, „erst noch ein paar
Informationen."
„Will ich gerade geben", lächelte ich,. „das andere Boot weiß
Bescheid und bekommt über Sprechfunk die Kursangaben
sowie die Sperren beseitigt wurden!"
„Was sind das für Sperren?"
„Wo sind meine Gefährten? Mister Mountainier und Miss
Ferguson?"
„Denen geht es gut! Wo liegen die Sperren?"
„Denen geht es auch gut! Ich möchte die beiden sprechen..."
Er nahm den Zigarillo aus dem Mund und beugte sich
aufspringend über den Tisch. Er war rot angelaufen und schrie
ein wenig schönes Wort. Dann holte er aus und wollte mir eine
wischen.
Sehen Sie, so was hatte mir genau gefehlt! Ich duckte den
Schlag ab, griff im Nachschwung sein Handgelenk, drehte es
halb um und zog ihn quer über den Tisch. Dann fuhr ich ihm
klatschend mit der flachen Hand ins Gesicht, stemmte seinen
Kopf nach hinten, ließ ruckartig los und klopfte ihm ein liebes
Ding auf den Hinterkopf, daß er mit seinem Gesicht über die
Tischplatte radierte.
Blitzschnell setzte ich eine Ohrentrommel an, die ihn vor
Entsetzen und Schmerz aufbrüllen ließ. Dann riß ich ihn hoch.
„So, du wonnige Ratte", sagte ich gemütlich,
„damit du es weißt, mit wem du es zu tun hast."
Er unternahm nichts. Er zischte nur einen
Fluch und stand auf. An der Tür blieb er vor
Peter stehen.
„Wartet", sagte er, „ich mache euch demnächst noch mal 'ne
kleine Freude! Ihr werdet bestimmt an en lieben Onkel Mac
zurückdenken!"
„Okay, Mac!" rief ich, „besonders an dein herziges
Nasenbluten!"
Er ging nach draußen und knallte die Tür zu. Minuten später,
in denen ich mich weigerte, Peter meinen Plan zu erläutern,
kamen sieben Mann uns holen. Sie ließen uns auf das Dach
des gepanzerten Kommandostandes steigen und banden uns
an den vorderen kurzen Funkmast. Dann schwenkten Sie die
beiden seitlichen Signalscheinwerfer und strahlten uns an. Dem
Dicken war das aber noch nicht hell genug, deshalb ließ er
noch zwei tragbare Morse-Scheinwerfer heranbringen und
ebenfalls auf uns richten.
Es war nicht sehr angenehm. Aber es lag ja auf der Hand,
was sie bezweckten, deshalb fuhr ich ihm in die Parade, als er
zu spinnen anfangen wollte.
„Laß das, Dicker! Es Wird meine Kameraden nicht sehr
beeindrucken!"
„Das wollen wir ja mal sehen", knurrte er, „das wollen wir ja
mal sehen!"
Dann hörte ich plötzlich eine leise, wohlvertraute Stimme
neben mir.
„Hallo, Jack, Lieber..."
Es war Lil. Ich wandte den Kopf und blinzelte sie an. Sie sah
abgespannt aus, war blaß und schien zu Tode erschöpft. Aber
sie lächelte. Ihr rechter Arm hing schlaff herunter, während der
linke provisorisch geschient war.
„Gelegentlich mußt mir mal das Pimperchen zeigen, das dir
den Arm gebrochen hat, mein Herz!" sagte ich.
„Er lebt leider nicht mehr", sagte da Schorsch hinter mir. „Er
rannte sich das Stirnbein an meiner Faust ein! Er war ein so
verfettetes Stück wie dieser dort mit der Rotzbremse!"
„Alter Junge!" sagte ich herzlich. „Wie fühlst du dich?"
„Oh, danke, sie haben mir ein wenig den Schädel gespalten.
Zum Glück kein edler Teil verletzt. Was soll das Feuerwerk
hier?"
„Haltet die Schnauzen", schrie einer hinter den
Scheinwerfern. „Beeilt euch, Jungs, und zieht die Fesseln an!"
Die Mannschaften beendeten die Fesselarbeit und zogen
sich zurück. Dann richteten sich ein halbes Dutzend MP-Läufe
auf uns, und der fette Strolch sagte mit triefender Stimme.
„So, nun wolln wir doch mal sehen, ob jetzt noch was
schiefgehen kann!"
„Wie kann man nur solch ein Rindvieh mit der Erstürmung
des Deutschen Atolls beauftragen!" rief ich laut. „Es kotzt mich
an!"
„Wer jetzt noch einmal das Maul aufmacht, wird
fertiggemacht!"
„Langsam, Onkel Mac!" lachte ich. „Vielleicht überlegst du dir
mal, gütlich mit uns zu verhandeln. Wenn das andere Boot in
den Sperrkreis einläuft, können wir hier nicht un-verankert
liegen bleiben! Treibanker raus... andernfalls wir in Gegenden
abtreiben, in denen es ungemütlich werden kann. Bring mir ein
Sprechfunkgerät..."
„Wozu?"
„Damit wir alle noch ein wenig am Leben bleiben!"
Die Gegenseite schwieg. Es war ja klar. Den meisten Leuten
der. Besatzung war bei aller Skrupellosigkeit nicht ganz wohl
bei dem ganzen Unternehmen. Zuviel war in den Zeitungen und
Magazinen von dem Deutschen Atoll gefaselt worden. Meine
Andeutung eben mußte ihren Bedenken neue Nahrung geben
und sie damit in Widerspruch zu ihrem Boß bringen.
„Wir haften sechs Flugzeuge angefordert! Es sind
schwerbewaffnete Boeings, mit alten Besatzungen. Zwei
Transporter folgen auf kürzestem Kurs hierher. Macht euch
keine Gedanken um den Bluff! Das Atoll wird sich uns ergeben
müssen, wenn es nicht überrannt werden will."
„Amen!" riet ich. „Das war eine feine Predigt. Sie unterschied
sich von anderen nur durch ihre besonders ausgeprägte
Dummheit! Das Atoll wird..."
Meine weiteren Worte gingen unter in dem Geheul, das von
dem anderen Boot kam. Der Magere brüllte vom
Kommandostand. herüber:
„Die Verständigung klappt! Sie geben Einlaufanweisung nach
Richtstrahlen mit Dauerton! Wir laufen mit kleiner Fahrt ein,
bleibt auf der alten Frequenz! Reißt die Verbindung ab, dann ist
da irgendeine Teufelei im Gange, und ihr legt die Burschen
um."
„Die Burschen mit Maschinenpistolen", zotete der
Menjoudicke. „Die Weiber allerdings..."
Damit war der Bann gebrochen. Sie lachten alle, die
Besatzungen grölten, um sich Mut zu machen. Sie lösten die
Leinen, und das andere Boot legte ab.
Minutenlang hörte man sein Motorengeräusch. Es war bei
uns an Bord mucksmäuschenstill. Peter stand links von mir.
Unsere Oberarme berührten sich. Ihre Haut fühlte sich kühl und
frisch an.
„Es muß doch was geschehen", flüsterte Lil auf der anderen
Seite voller Ungeduld. „Mein Gott, Jack..."
„Halte den Mund", knurrte ich, „natürlich «wird etwas
geschehen."
„Kommt das U-Boot?" Sie hauchte es ganz leise.
„Quatsch! Wir müssen allein sehen, wie wir rauskommen!"
„Die Aufmerksamkeit der Lümmel wird zum Morgen
geschlagen", schaltete sich da Schorsch ein. „Lil und Peter
müssen eine Ohnmacht markieren."
„Ihr sollt die Schnauzen halten!" heulte da der Dicke. Er
sprang in den Scheinwerferkreis und hackte nach mir. Es tat
weh, aber es war ein schöner Schmerz bei dem Gedanken an
die Revanche.
Seine Stirn war mit einem dichten Netz von kleinen
Schweißperlen bedeckt. Er atmete heftig. Selbst in1 diesem
Augenblick schaute er nervös auf die Uhr.
Es war totenstill. Von fern kam das Surren des Generators
unter Deck. Dann klirrte ein Glas. Ein paar Schritte liefen
verhalten über das Deck. Jemand spielte nervös mit dem
Schloß seiner Waffe.
Eine leichte Nachtbrise kam auf. Sie strich belebend um die
Stirn und ließ Peter neben mir tief atmen.
„Kriegt man hier eigentlich nichts zu trinken?" fragte ich
gereizt. „Oder wollt ihr das Verhandlungsklima von
vornherein..."
„Frank, bring was zu trinken her."
„Was? Wasser?"
„Ja, Wasser!"
Es dauerte lange bis eine Schale mit abgestandenem
Wasser herangebracht wurde, aus der wir unter Aufsicht des
Menjouheinis trinken durften.
„Wir sitzen wahrhaftig alle in einem Boot", sagte ich leise zu
ihm, „sei vernünftig, Kleiner! Torpedorohre nutzen hier weniger
als 'n verstopftes Kinderblasrohr!"
Er sah mich an und schwieg. Der Schweiß auf seiner Stirn
war noch dichter geworden. Er nuschelte etwas undeutliches
und ging wieder aus dem Lichtkreis. Ich hörte, wie er mit den
Bewaffneten sprach. Was er ihnen sagte, war unschwer ans
den sich leicht hebenden MP-Läufen zu erkennen.
Hinter mir hörte ich Lil leise stöhnen. Als ich sie anrief,
schwieg sie. Dafür flüsterte Schorsch, daß er möglicherweise
mit seiner Fesselung fertig werden würde, wenn Lil die
ungefesselte, gebrochene Hand unauffällig aus der Schlinge
nehmen und ihm den Kreuztampen ein paar Zentimeter höher
schieben würde.
Diese wenigen Worte dauerten Minuten, denn es war
schwierig, derartige Pläne inmitten der lauernden Bestien
durchzuführen. Lil räusperte sich.
„Die Hand ist nicht gebrochen, Jungs, ich habe... markiert,
ich versuche es..."
Träge schlich die Zeit dahin. Der Wind war wieder
eingeschlafen. Das Boot dümpelte ganz leicht auf den Wellen.
Der Dicke ging nicht, von Deck. Zwar schien er nicht mehr
unmittelbar bei den Bewaffneten zu stehen, sondern hatte wohl
auf dem Vordeck Platz genommen. Er sprach leise mit einigen
seiner Kreaturen. Flaschen wurden entkorkt und Eisstückchen
in dem Shaker geschwenkt. Dann war es wieder so still, daß
man das Aufzischen der Streichhölzer hören konnte.
Hinter mir hörte ich die vorsichtigen, zentimetergerechten
Bewegungen Lils. Schorsch atmete ruhig und gleichmäßig.
Peter hielt die Augen geschlossen.
Die Minuten tropften schleichend langsam dahin, sammelten
sich zu Stunden und verdichteten sich zu zeitlosen Ewigkeiten.
Es war spät. Auf dem Vordeck wurde noch immer leise
gesprochen. Der Generator summte, das Licht blendete und
ließ nicht erkennen, ob die Nacht zu weichen begann und der
Morgen am Horizont aufzog.
Ich blickte zu Peter. Sie schlief im Stehen, dennoch merkte
sie, daß ich sie anschaute. Sie öffnete die Augen und lächelte.
Sie ahnte, daß ich vieles bedachte und schwerwiegende
Pläne wälzte. Deshalb stellte sie keine Fragen. Sie lächelte nur.
Habe ich Ihnen eigentlich jemals gesagt, wie wundervoll
Peter lächeln kann? Daß ihr Lächeln bezaubern und beglücken
kann? Sicher habe ich Ihnen das noch nie gesagt, denn es
kommt nicht allzu häufig vor, daß ich poetisch werde.
Dann war wieder Schweigen um uns. Der Wind kam in
gehauchten Böen und brachte keine Kühlung. Plötzlich brüllte
eine Stimme aus dem Kommandostand unter uns:
„Radar ausgefallen!“
Mit ein paar wilden Sätzen kam der Dicke in den Lichtkreis
gestürmt. Er zitterte vor Erregung.
„Was hat das zu bedeuten? Was ist mit dem Radargerät?
Was ist für eine Teufelei? Antworte, antworte!"
Er keifte wie ein altes Weib.
„Reiß dich zusammen, Admiral!" spottete ich ruhig. „Vielleicht
machst du uns auch noch verantwortlich, wenn der Abort
verstopft ist? — Bei den Übertouren, die der Generator laufen
muß, wird 'n Kabel durchgeschmort sein, du Hammel."
Er stand sekundenlang starr, drehte sich dann um und raste
weg. Er brüllte ein paar Befehle, das Exekutionskommando
rückte vor und schloß dichter auf. Es waren Augenblicke
höchster Spannung. Das Durchdrehen eines einzelnen konnte
katastrophale Folgen haben.
Ich hörte Schorsch hinter mir laut atmen. Ich ahnte, was er
vorhatte und zischte: „Nichts unternehmen, auf keinen Fall
losschlagen."
Er hatte seine Arme freibekommen und schien entschlossen,
sich vorwärtszustürzen, um in einem gewagten, wahnwitzigen
Handstreich die Lage zu verwirren und zuzusehen, ob die
Patience aufging.
„Du rührst dich nicht", warnte ich noch einmal, kaum hörbar,
aber einer von den Bewaffneten hatte es doch mitbekommen.
Er sprang vor und stieß mir den Waffenschaft ins Gesicht. Es
war kein schöner Schlag, er riß die alten, kaum verharschten
Wunden wieder auf. Aber es schmerzte nicht sonderlich. Er ließ
mich nicht einmal das Gesicht verziehen.
Es war ein vierschrötiger Kerl mit Sattelnase und
Vierkantkinn gewesen. Über seine Stirnglatze lief eine lange
klaffende Narbe. Er würde unschwer wiederzuerkennen sein.
Der Generator verstummte. Die Leuchtkraft der Lampen
wurde um eine winzige Idee schwächer, weil sie nun von dem
Batterieaggregat gespeist wurden. Von Unter-Deck kamen
vereinzelte Flüche, Rufe und die Geräusche von Werkzeugen.
Sie suchten fieberhaft nach dem Schaden, der das Radargerät
mattgesetzt hatte.
Was dann kam, war wie ein Spuk, der geisterhaft schnell
über die Bühne ging und doch nichts anderes war, als eine
genaue vorausberechnete, bis in alle Einzelheiten festgelegte
Operation.
Eine dumpfe. Stimme schrie: „Schiff steuerbord voraus!"
Schlagartig flogen die Köpfe des Bewachungskommandos
herum. Im selben Augenblick schwebten acht schwarze,
schemenhafte Gestalten auf die Plattform und schlugen
erbarmungslos zu. Es war wie eine Szene aus einem
gruseligen Stummfilm. Alles spielte sich völlig geräuschlos und
in überdrehter Schnelligkeit ab.
Kein Wort wurde gewechselt, kein Kommando geflüstert.
Zwei der Schatten sprangen auf uns zu und schnitten die
Fesseln durch. Wir griffen nach den uns gereichten
Maschinenpistolen und gingen in die Hocke, als einer der
Schatten eine Schußserie in die vier Scheinwerfer prasseln ließ.
Das Detonationsgeräusch der Schüsse ließ die ganze Sache
noch unheimlicher aussehen. Dabei hatte seinerzeit unser
Waffenmeister Ebert vom Deutschen Atoll nur ein paar Tage an
diesem Schalldämpfersystem gebastelt und es mehr aus
Spielerei fertiggestellt.
Nur das Bersten des Glases und das Scheppern der
Querschläger störten die gespenstische Stille. Daraufhin war es
sekundenlang wieder still, dann heulte die Stimme des Dicken
von unten her einen erschrockenen Fluch, ein paar Schatten
huschten hin und her, die Bootsmotoren sprangen an, und das
Schnellboot nahm Fahrt auf.
Mit schäumender Bugwelle jagte es quer über die See, Kurs
auf einen in der Seekarte winzig klein verzeichneten Punkt
nehmend.

Am Ruder stand Hein Bastian, der Steuermannsmaat aus


Bremen. Er sah verwegen aus in seiner schwarzen
Froschmann-Kombination. Neben ihm stand Paul Talberg,
unser Nautiker.
Die Herrschaft im Motorenraum hatten Mäxchen Heim und
Günther Peller angetreten. Angeführt wurde das aus insgesamt
acht Mann bestehende Team von Waffenmeister Ebert, der sich
extra seine dichte schwarze Bartkrause hatte beschneiden
lassen müssen, um die Kopfhaube des Tauchanzuges dicht zu
bekommen.
Er saß mit uns im Kartenraum und strahlte über das ganze
gutmütige Seemannsgesicht.
„Jungs", sagte er, uns immer wieder auf die Schultern
schlagend, „das war vielleicht ein Wirbel gewesen, als wir euren
Spruch bekamen und erkannten, in welch blödsinniger Situation
ihr stecktet. Der Chef war mit der Forschungsgruppe ‚Drei' auf
einem Versuchsflug über dem Pol und gab sofort Auslaufbefehl
für..."
„Das U-Boot...?" fragte Lil neugierig. Ebert sah sie lächelnd
an.
„Nein, mein kleines Fräulein, nicht für das U-Boot..."
„Ja..., aber, wie konnten Sie dann nur so schnell hier sein?
Sind Sie geschwommen?"
Peter stand auf. Sie war sehr friedlich, als sie sagte:
„Kommen Sie, Miss Ferguson, ich zeige es Ihnen."
Die beiden Mädchen gingen- nach draußen. Der alte Ebert
lachte hinterher. Dann räusperte er sich verlegen und beugte
sich mit uns über die Seekarte.
Später ging auch ich an Deck. Ich kam gerade zurecht, um
den Atmosphären-Rotor, der sich flach auf das Wasser
niedergelassen hatte, aufsteigen zu sehen. Er startete mit einer
faszinierenden Anfangsgeschwindigkeit, verhielt einen
Augenblick, scheinbar stillstehend, und schoß in schräg
aufwärtsführender Flugbahn davon, bis er in dem Dunst des
Morgengrauens verschwand. Völlig lautlos war das geschehen,
noch nicht einmal ein Rauschen oder einen merkbaren Luftsog
hatte es gegeben.
Ich beobachtete Lil. Sie hielt unwillkürlich die Hände
ineinander verkrampft und sah mit großen, fassungslosen
Augen zum Himmel, in dem der Rotor verschwunden war.
„Mein Gott", flüsterte sie, „mein Gott..."
Ich ging auf sie zu. Ich legte meinen Arm um ihre Schulter
und sagte:
„Geh schlafen,, kleine Lil! In wenigen Stunden wird es wieder
rundgehen."
„Was habt ihr vor?"
„Nichts besonderes. Wir wollen uns nur wehren."
„Fahren wir zum Atoll?"
Ich zuckte die Achseln.
„Vielleicht. Zu einem Atoll fahren wir sogar bestimmt. Ob es
aber das Deutsche Atoll ist, wird sich herausstellen."
„Darf ich dort an Land?" Sie umarmte mich und küßte mich,
bis eine energische Stimme neben uns sagte:
„Nana, lassen Sie 'n Stückchen für mich übrig, liebste
Ferguson!"
Es war Peter. Ich löste mich aus Lils Armen, die
bezaubernder denn je aussahen, und rot werdend, zum Messe-
Schott lief, wo Ebert mit Schorsch die letzten Anweisungen
durchsprach.
Peter nahm mich an die Hand und zog mich nach vorn, auf
die kleine erhöhte Schanz des Bootes.
„Hanns, jetzt erkläre mir das alles, oder ich platze..."
„Es ist doch einfach, Baby", lächelte ich, schon bevor
Schorsch und ich das Atoll verließen, um es von außen zu
sichern, war es der Inselleitung klar, daß es durchaus mal
passieren könnte — wie heute — und wir in die Hände einer gut
ausgerüsteten Bande fielen, die uns zwang, den Kurs zu dem
ersehnten ,Wunder'-Atoll anzugeben. Für diesen Fall wurden
Radarblenden oder Meßstrahl-Fallen in verschiedenen nur uns
bekannten Seegebieten angebracht, die — da man in jedem
Falle mit einem Funkspruch von uns rechnete — beliebig vom
Atoll aus eingeschaltet werden konnten."
„Also war das, was gestern abend auf dem Radarschirm
erschien, gar nicht das Deutsche Atoll?"
„Ebensowenig wie ich... Lil Ferguson ernsthaft liebe!"
Sie wurde rot und blickte an mir vorbei auf das Wasser.
„Und was ist mit dem anderen Boot?" „Das wird in ein
Magnetfeld gezogen, in dem die Kompasse durchdrehen und
sie einfach die Orientierung verlieren. Der Atmosphären-Rotor
spielt dabei eine gewisse Rolle und ist deshalb schon so früh
wieder gestartet!"
„Wie weit sind wir nun von dem Atoll entfernt?"
„Weiter als von Sydney oder New York", sagte ich ernst
werdend. „Frage nicht weiter, Peter. Es wäre zwecklos!" „Wohin
laufen wir jetzt?" „Nordwestlich von hier liegt eine Atollgruppe,
die wegen der vielen vorgelagerten Riffs für unser Vorhaben
hervorragend geeignet ist. Wir werden dort die Waffenladung
der Schnellboote löschen und die nächsten Wochen damit
zubringen, daß wir aus allen Depots dieser Waffenschieber die
Klamotten abholen und auf dem kleinen Inselchen fertigmachen
zum Abtransport auf das Deutsche Atoll."
„Aber, wozu um alles in der Welt, diese Mühe, Hanns? Das
Deutsche Atoll mit seinen Möglichkeiten ist doch nicht auf ein
paar tausend Handfeuerwaffen angewiesen?"
„Das Atoll nicht, aber eines Tages vielleicht die Bewohner
dieses Raumes hier, die dann aber die Waffen zu anderen
Zwecken erhalten werden als zum Bruderkrieg und der
Aggression gegen die im Pazifik vertretenen
Interessenmächte."
„Das verstehe ich nicht!"
„Der Abschaum der Menschheit verliert in den Polizeistaaten
dieser Erde immer mehr an Boden. Schon jetzt zeigt es sich,
daß Großbanden nach neuen Betätigungsfeldern suchen. Der
von Weißen aller Nationen gelenkte Bandenkrieg in Insulinde
und anderen unterentwickelten' Gebieten nimmt immer
schärfere Formen an. Eines Tages werden sie nicht mit zwei,
sondern zwanzig Schnellbooten aufkreuzen und einen
Guerillakrieg entfesseln, der in diesem riesigen Gebiet hier
durch keine Flotte der Welt zu kontrollieren ist."
„Dann wird der Inselfürst, Kapitänleutnant Reckmann schon
eingreifen!"
„Irrtum! Eine Intervention des Atolls würde mit den ihm
gegebenen Mitteln eine so ungeheuerliche Auswirkung haben,
daß es wahrhaftig hundertmal lieber vorzuziehen wäre, den
Betroffenen die herkömmlichen Waffen in die Hand zu geben.
Eine Kontrolle, daß diese nicht mißbraucht werden, behalten wir
selbstverständlich in der Hand. Aber so weit ist es ja noch
nicht."
Peter lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Sie blickte, lange
Zeit neben mir stehend, auf das Wasser hinaus, ließ den
aufkommenden Wind in ihren Haaren zausen und sagte dann in
seltsamer Resignation:
„Dennoch wird es kein Ende geben. Die ganze Welt sucht
uns! Mädchen, einfache Sekretärinnen wie Lil Ferguson
erkennen uns, und Großbanden mit einer unendlich
verzweigten und kaum von außen her aufzurollenden
Organisation sind uns auf den Fersen..."
„Das Federal Bureau of Investigation und die Central
Intelligence Agency der Secret Service und die Interpol fahnden
nach uns, die Russen haben ihre besten Leute auf unsere
Fährte gehetzt und sogar die Deutschen lassen ihre
altbewährten Spionage-Asse nach uns Tag und Nacht suchen,
kurz, die Creme der Internationalen Spionageintelligenz
befindet sich im Wettlauf um die Auffindung des Deutschen
Atolls, und wenn die Zeitungen schreiben, das Vorhandensein
der Wasserstoffbombe im östlichen und westlichen Lager hält
die beiden großen Rivalen in Schach, so müßte es eigentlich
heißen: das Abwarten und die Hoffnung auf die Möglichkeit die
Forscher und ihr Werk auf dem Atoll vor den eigenen Wagen zu
spannen, hat bislang den Ausbruch eines entscheidenden
Weltkonfliktes verhindert."
„Viele Hunde sind des Hasen Tod", murmelt Peter bedrückt.
„Ich kann mir nicht helfen, Hanns von nun an wird es heiß
hergehen. Nicht nur einen Zwei- sondern Zwanzig-Frontenkrieg
wird man gegen uns in Schwung bringen. Die Besatzungen der
Schnellboote, die auf dem Weg hierher befindlichen Flugzeuge,
die vielen anderen Banditen auf den Waffenfrachten, sie alle
werden doch nicht dichthalten. Die Aussagen von einem
einzelnen oder einer kleinen Gruppe würde man nicht ernst
nehmen, wenn aber Hunderte behaupten, die Kontaktleute des
Atolls gesehen zu haben und eine genaue
Personalbeschreibung geben, dann ist es doch aus!"
„Gesichter kann man verändern, Baby. Vielleicht werden wir
uns auch eine Zeitlang trennen müssen, du wirst nach
Deutschland gehen, und Schorsch wird getrennt von mir
operieren. Auf jeden Fall aber werden wir weiter aktiv sein,
Scheinfährten auslegen und eben etwas mehr Aufwand, als
bisher mit der Tarnung führen!"
„Wir uns trennen?" flüsterte Peter mit zuckenden Lippen,
„alles, nur das nicht!"
„Na warten wir mal ab, Baby", versuchte ich leicht über das
Problem hinwegzugehen. „Es ist ja noch nicht zu Ende. Erst
wollen wir mal ein bißchen Rummel machen und für
Abwechslung sorgen!"
Sie lachte wieder froh und drückte meine Hand. Ich überlegte
gerade, ob ich sie küssen sollte oder ob diese spontane
Gefühlsaufwallung meine Autorität als Teamleiter untergraben
würde, als Schorsch mich anrief.
„Dein Typ wird verlangt, Hanns!" rief er.
„Unser Dickerchen möchte ein Geschäftel mit dir machen!"
Ich ließ Peter stehen und ging nach hinten. Das
Menjoubärtchen saß ziemlich erschlagen in der Messe und
blickte mich an wie ein Reh, das vor dem Jäger im Sterben
liegt.
„Mister", sagte er mit Gigolo-Timbre in der Stimme, „ich
möchte Ihnen vorschlagen, daß wir den Ärger vergessen."
„Was zahlst du dafür, Dicker?" fragte ich, und Schorsch
schob sich, ein Jagdmesser mit breiter Klinge an seinem
Handballen wetzend, näher.
Gehetzt blickte der Gangster von einem zum anderen.
„Aber das könnt ihr doch nicht mit mir machen, Jungs!
Immerhin habe ich dafür gesorgt, daß ihr zu trinken bekamt und
auch sonst..."
„Was zahlst du?" fragte ich noch einmal und lauter.
Er atmete schneller. Er blickte zur Tür und zu den Bulleyes,
dann beugte er sich vor..
„Ich kann euch die Lage unserer Stützpunkte beschreiben.
Ich kenne die Verbindungsleute in den Häfen. Ich weiß zum
Beispiel, wer im New Yorker Hafen für uns arbeitet. Ich kenne
die Treffs und weiß auch ungefähr, was für feine Herren das
Geld zuschießen."
„Das ist nicht das Vergnügen wert, dir den Kopf abzureißen
und damit Boucle zu spielen."
Ein triumphierendes Lachen schob sich in seine Fratze.
„Ich weiß, daß es euch mehr wert sein wird! Aber obendrein
habe ich noch etwas anderes anzubieten."
Schorsch hörte mit dem Wetzen auf und legte das Messer
auf den Tisch.
„Kannst du dir denken, was er meint, Hanns?" fragte er ruhig.
Ich nickte, nahm das Messer an mich, gab Schorsch einen
Wink und ging hinaus. Ich kam gerade zurecht, wie drei von der
alten Besatzung von unseren Jungs nach vorn ins Vorschiff
gebracht wurden. Der Mittelste von den Gefangenen hatte eine
Sattelnase, ein Vierkantkinn und eine lange Narbe quer über
der Stirnglatze.
Ich lächelte ihm zu, was ihn veranlaßte, vor mir
auszuspucken. Wissen Sie, ich bin ein Mann von Grundsätzen.
Ich lasse mich aber nie von irgendwelchen Ressentiments
leiten.
Nur Gemeinheiten kann ich nicht vertragen. Bei so etwas
brechen meine Vorsätze immer wieder zusammen. Ich nahm
mir den Jonny, hieß die anderen weiterzugehen und drückte
ihm das Messer in die Hand.
„Mach mich fertig, Bully!" sagte ich freundlich. „Wenn du es
schaffst, besorge ich dir 'ne Extrakarte erster Klasse in einem
Stratoclipper nach Hause!"
Er rollte mit den Augen und nannte mich einen
zehntausendmal verfluchten Bastard. Er erklärte mir auch die
Familienzusammenhänge und griff mit dem Schlitzertrick an. Er
kam mit dem Messer von unten, weil er wußte, daß die Abwehr
eines Stiches von oben leichter war. Ich unternahm nichts. Ich
tänzelte den Schlag nur aus und betrachtete mir liebevoll sein
Kinn. Es war ein außerordentliches Kinn!
Später verlor er das Messer, als ich ihm den rechten Arm
auskugelte. Ich ließ ihm aber Zeit, es wieder aufzunehmen. Er
schäumte vor Wut und vergaß, wo er sich befand, mit wem er
kämpfte, und daß ihm diesmal ein Gegner gegenüberstand,
dem nicht das Herz in die Hosen fiel, wenn er auf Furcht und
Schrecken machte.
Dann stolperte er in zwei schnelle Schwinger von mir. Er fiel
auf die Knie und schüttelte verwundert den Kopf. Er mußte
zweimal ansetzen, um wieder hochzukommen. Das war nicht
schön und nahm mir die Freude an einem zumindest von
meiner Seite aus unfairem Kampf. Ich sagte ihm, er solle das
Messer wieder herausgeben und sich ins Vorschiff trollen. Es
wäre nicht viel mit ihm los.
Das ging ihm gegen den Strich. Er änderte meinen
Stimmbaum noch einmal um und warf sich auf mich, um mich
gleichzeitig zu erstechen, zu erwürgen, zu erschlagen und zu
zerdrücken.
Er schaffte es nicht. Er renkte sich den Kiefer dabei aus und
schrie danach ganz unartikuliertes Zeug, dann verstauchte er
sich die Handgelenke, verlor das Messer zum zweiten Male,
kugelte sich auch den anderen Arm aus und zerschlug sich sein
Vierkantgesicht in erschreckendem Ausmaße. Er war nur noch
ein Schatten seiner selbst, als er zum schützenden Logis kroch.
Er sagte auch nichts mehr. Er krabbelte nur und war voller
Verwunderung über das, was andere Leute manchmal alles
können.
Ich wischte mir die Hände ab und ging in die Messe. Ich
blickte in den Spiegel und gefiel mir nicht sonderlich. Die
Bartstoppeln waren blutverkrustet, die Ohren und andere
Partien geschwollen und der Rest in sämtlichen Spektrum-
Nuancen schimmernd. Ich hätte nicht mit mir verheiratet sein
mögen.
Da sagte eine Stimme von der Tür her... „Ich liebe dich
trotzdem, Jack..." Es war Lil. Ich drehte mich um und sah sie
verärgert an.
„Muß das sein?" fragte ich. „Du solltest doch schlafen."
„Ich brauche immer jemanden, der mir beim Einschlafen
hilft!"
Wissen Sie, man konnte dieser Dame nicht böse sein. Ich
lachte ein wenig und sagte ihr, sie solle sich auf die Eckbank
legen. Ich würde ihr ein Mädchen erzählen.
„Aber ein modernes... ein schickes..."
„Modern ja, Lil, aber ob es auch schick ist?"
Sie umarmte mich von hinten und rieb ihre
Nase in meinem Nacken. Und ausgerechnet in
diesem Augenblick müßte Ebert reinkommen.
„O pardon", sagte er. „Ich wollte nicht stören."
„Sie stören nicht, Meister aller Waffen!" sagte ich knurrig.
„Was gibt es denn?"
„Wir werden in einer halben Stunde die ersten Riffs sichten.
Hein Bastian bittet Sie, dann in den Kommandostand zu
kommen, da er die Einfahrt nicht kennt!"
„Ist gut", nickte ich. „Wo sind Peter und Schorsch?"
„Leutnant Berger nimmt Seewasserduschen und behandelt
seine dreieinhalb Dutzend Schlagverletzungen mit grüner
Salbe. Er will unter allen Umständen wieder fit werden."
„Und Peter?"
„Sie ist im Laderaum und hilft den Jungs bei den
Vorbereitungen für das Löschen der Ladung."
Ich verbiß mein Lachen und sagte:
„Richten Sie ihr bitte aus, sie möchte sich achtern in eine
Koje packen und 'ne Mütze voller Schlaf nehmen. Ich käme in
zwanzig Minuten nachschauen, ob sie schläft."
„Ist unser Märchen so kurz?" fragte Lil spitz.
Ich sagte nichts mehr, und Ebert verließ die Messe. Lil küßte
mich von hinten ans Ohrläppchen. „Du solltest dir ein paar
Kompressen machen, Jack."
Aber dann legte sie sich lang, zog die Beine an, blinzelte mir
zu und rief: „Anfangen mit dem Märchen, Klein-Lil war auch
immer ganz artig!"
„Ja", sagte ich, „deshalb bekommt sie auch eine Geschichte
zu hören, die nur für sie bestimmt ist: Es war einmal ein
Mädchen, das war sehr ehrgeizig! Es wollte nicht nur einen
reichen Mann, ein großes Haus, ein schönes Auto und kostbare
Roben, es wollte Macht! Ihr Wunsch nach Macht war so stark,
daß sie hin und her überlegte, wie sie es wohl verwirklichen
konnte, einen Plan durchzuführen, der ihr mit einem Schlage
die Verwirklichung aller Wünsche brachte. Das war nicht
einfach, denn, um in den Job einzusteigen, benötigte sie erst
einmal einen Haufen Geld. Es war aber nicht allzu schwierig,
sich den zu beschaffen, denn sie war nicht nur außerordentlich
schön und verführerisch, sie besaß gleichzeitig die Gabe, bei
allen körperlichen Vorzügen ziemlich skrupellos zu sein."
„Ein langweiliges Märchen", maulte sie und nestelte dabei an
ihrer Bluse. „Ich wünschte, du würdest einsehen, daß ich
andere Geschichten bevorzuge!"
„Es wird noch spannender, Liebling", lächelte ich. „Paß nur
auf! — Das Mädchen beschaffte sich also Geld! Mit diesem
Geld kaufte es Waffen. Auch das war nicht leicht. Aber da das
Rotkäppchen genau wußte, was hübsche Beine und sonstige
Verzierungen für gewichtige Verhandlungsfakten auf allen
Parketts dieser Erde sind, beschaffte sie sich schweizer,
schwedische, polnische und sonstige Lieferanten, die ihr die
Bäuche ihrer Schiffe füllten und die sie doppelt und dreifach zu
begaunern gedachte. Sie hatte die Schiffe nur gechartert und
Bezahlung der Fracht war am Deklarationsziel vereinbart. Wenn
nun ein solches Schiff nicht ankam, brauchte sie erstens die
Charterkosten und zweitens die Ladungskosten nicht zu
bezahlen und konnte obendrein hoch eine hübsche
Versicherungssumme kassieren. Wenn sie darüber hinaus ein
paar ihr treu ergebene Verbrecher einsetzte, die vor dem
Verschwinden des Schiffes die gesamte Ladung in Sicherheit
brachten, dann hatte sie zusätzlich die Fracht vereinnahmt,
ohne auch nur einen lausigen Dollar zu berappen!"
„Ein tüchtiges Mädchen", sagte Lil anerkennend, „aber was
mich mehr interessieren würde: hatte sie auch einen
Liebhaber? Und was trieben die beiden so den ganzen Tag?"
„Sie hatte mehrere Liebhaber. Es waren die
Waffenlieferanten, mit denen sie ihre Nächte verbrachte, und es
waren die Berufsverbrecher, die sie für den Coup brauchte, als
es darum ging, die ,Chatanooga-Lizy' auf der Überfahrt nach
Australien verschwinden zu lassen!"
„Jetzt wird es interessant!"
„Nicht wahr, ein aktuelles Märchen? — Der nächste
Liebhaber war ich! Ich wurde es, so wie die alten Römer an die
Stelle der Erschlagenen rückten, als ich ihren Plan mit der alten
abwrackreifen ,Lizy' durchkreuzt hatte, als ich mit einer
Maschinenpistole in wenigen Minuten zusammenschoß, was
sie sich in langen Monaten aufgebaut hatte. Es gelang ihr, sich
zu tarnen imd mich zu bluffen. Sie wurde meine Geliebte und
rechnete sich aus, daß ein Bursche, der so hart ist, wie ich,
allerhand wert wäre und den Verlust spielend wieder
hereinbrächte. Auf engem Raum mit mir und meinen Gefährten
zusammenlebend, bekam sie eines Tages spitz, daß wir
möglicherweise andere wären als die, für die wir uns ausgaben.
Sie folgerte mit ihrem messerscharfen Verstand, bis unser
Verschwinden die Richtigkeit ihrer Theorie bestätigte..."
„Welcher Theorie?"
„Daß wir Kontaktleute des sagenhaften Deutschen Atolls
wären! Sie ließ sich von dieser wahrhaft umwerfenden
Erkenntnis nicht matt setzen, sondern handelte blitzschnell. Sie
alarmierte ihre beiden Verteilerboote und die sonstigen
Ganoven, die zu ihrer Waffenschmuggel-Organisation gehörten.
Sie spielte die Rolle ihres Lebens, als sie mich auf dem
Flugplatz traf und sich von mir zum Mitkommen zwingen ließ.
Es war so kinderleicht für sie, nachts, während wir schliefen, die
Sendeanlage des Flugzeuges zu betätigen und die
Schnellboote. zur Insel zu beordern. Nur für mich war es
schwer, die Zusammenhänge zu erkennen, da diese Dame...
mein Kompliment... sehr geschickt vorgegangen war."
„Küßt du mich jetzt endlich?"
„Wie gefiel dir die Geschichte?"
„Die Pointe fehlt", lächelte sie, „man muß sich fragen, was
hätte die Dame bewegen können, sich derart für das mysteriöse
Deutsche Atoll zu interessieren? Und was hätte diese Dame
dem Atoll schon groß schaden können? Wo blieb ihr Vorteil?"
„Das", grinste ich breit, „das frage ich mich allerdings auch!
Vielleicht glaubte sie, mit ihrer Figur die einsamen Männer des
Atolls so zu becircen, daß man ihr die alleinigen
Verwertungsrechte der dort gemachten Erfindungen zu den
hübschen Füßen legt, oder sie hoffte, allein aus der Kenntnis
der Lage des Deutschen Atolls den internationalen
Geheimdiensten ganz schön die Mäuse aus der Nase ziehen
zu können. Was auch immer, wie auch immer und warum auch
immer: sie schob eine ganz schöne Pleite bei dem
Unternehmen! Sogar der Boß dieses Schnellbootes war bereit,
sie zu verkaufen, wenn er sich ein paar persönliche Vorteile
dafür einhandeln konnte!"
„Dieses Schwein", lächelte sie, „er wäre sowieso bald über
die Klinge gesprungen. Machte dieser dreckige Patron mir doch
ein eindeutiges Angebot, als ich die Operation mit ihm
besprach. Wurde auch noch zudringlich, der Kerl, und nannte
mich ein ,Honey-baby-suckle-honey-sweet', das er ins Bett
haben müßte, koste es, was es wolle!"
„Na so was", sagte ich, „man sollte ihn ins kalte Wasser
schmeißen! Nicht genug, daß. er mordete und betrog, nun
wollte er auch noch mit seiner Chefin poussieren. Was zu weit
geht, geht zu weit!"
„Stimmt! Deine Geschichte war ganz nett, aber dein Spott
jetzt, der geht wirklich zu weit!"
„Du hast keine Chance mehr, Lil Ferguson!"
Ein Blick traf mich, den sie lange geübt haben mußte. Sie
räkelte sich auf der schmalen Bank und knöpfte die Bluse
wieder zu.
„Nicht, daß du denkst, ich wollte dich auf dem Umweg über
meinen Körper zu Dingen veranlassen, die im Gegensatz zu
deiner Pflichtauffassung stehen..."
„O Lil", lachte ich, „im Grunde genommen bist du doch 'ne
tolle Nummer!"
„Nicht wahr? Ein Mädchen mit Charakter! Ein Mädchen, das
begriffen hat, worauf es ankommt! Ein cleveres, fesches
Geschöpf, das dir, mein Junge, jetzt ein Angebot machen wird,
bei dem du dir alle Finger leckst!"
Sehen Sie, so war Lil Ferguson aus USA. Schön wie die
Sünde, nicht ums Verrecken zu schockieren und mit der
unglaublichen Fähigkeit, aus allem das Beste zu machen.
„Ihr steht vor dem Problem, was ihr mit den vielen Mitwissern
machen sollt, die nun mit Bestimmtheit wissen, daß es ein
Deutsches Atoll gibt. Ihr seid zu deutsch, um sie einfach zu
killen und allesamt in den Bach zu schmeißen. Ihr könnt sie
aber auch nirgendwo internieren, denn so etwas ginge auf die
Dauer nicht gut. — Auf der anderen Seite habt ihr
Nachschubsorgen. Ihr braucht Rohstoffe und vorgefertigtes
Material. Niemand ist da, dem ihr den Transport anvertrauen
könntet. Niemand war da! Jetzt werde ich den Laden
schmeißen! Mit den beiden Schnellbooten haben < wir
monatelang zwischen den Inseln operiert, ohne auch nur die
Rauchwolke eines anderen Schiffes zu sehen. Wir fahren jetzt
für euch! Wir treten in eure Dienste mit unserem gesamten
Apparat! Wir beschaffen alles, was ihr braucht! Und wenn ich
die Uran-Reserven der Vereinigten Staaten von Amerika für
unser Atoll klauen müßte, es gibt nichts, was wir für euch nicht
täten! Ist das ein Angebot, mein Junge?"
„Du beschämst mich, Honney-baby-suckle-honney-sweet!
Ich bin tief gerührt, und wenn ich nicht ans Steuer müßte, würde
ich dir jetzt zu Füßen fallen! Schlaf, mein Engel, unter Palmen
besprechen wir das Weitere!"
Als ich hinausging, sagte sie ein unanständiges Wort und
schmiß mir einen Schuh nach.

Die Insel, auf der Karte nur als Riff verzeichnet, war
vulkanischen Ursprungs. Kaum einen Quadratkilometer groß,
bot sie eine phantastische Möglichkeit als Waffendepot für
unsere Zwecke anzulegen. Ähnlich wie unser Deutsches Atoll
besaß sie eine Lagune, die von Felsen und dichtem Wald
umgeben war und eine halbunterirdische Verbindung zum Meer
besaß. Wenn wir einige störende Korallenriffe sprengten, mußte
es möglich sein, mit dem U-Boot in die Lagune zu gelangen,
ohne von Luft- der Seebeobachtern bemerkt zu werden.
Ich legte das Schnellboot an ein flaches Riff, ließ Tender
ausbringen und ging ans Land, während Ebert das Ausladen
der Waffenkollis organisierte.
Es ist gut, einmal allein zu sein. Ich lief halb um die Insel und
registrierte im Geiste die vorgefundenen Möglichkeiten. Es
boten sich ideale Landungsmöglichkeiten für Motorflugzeuge an
dem Westrand. Ein paar wenige Handgranaten mußten
wiederum im Notfall genügen, um den festen Sandstrand so zu
verpflügen, daß eine Landung gänzlich ausgeschlossen war.
Das Tuten des Nebelhorns rief mich zur Landungsstelle
zurück. Ich lief quer durch einen Palmenhain zur Ostseite. Auf
halbem Weg kam mir Schorsch entgegen.
„Funkspruch vom Rotor", sagte er achselzuckend, „das
andere Schnellboot läuft etwa fünfzig Meilen von hier im Kreise
herum. Wir sollen ausladen und es so schnell wie möglich
aufbringen. Wirbelsturmwarnung!"
„Schiet!" knurrte ich. „Was hältst du übrigens von der
Chose?"
„Nicht viel! Es wird Schwierigkeiten machen, der Bande den
Appetit auf das Atoll zu nehmen. Es sei denn..."
„Ich weiß, was du sagen willst. Aber wir sind schließlich keine
Massenmörder. — Laß dir was anderes einfallen!"
Er fluchte laut und kräftig, als ich ihn stehenließ und zum
Boot hinunterging. Das Löschen der Ladung florierte. Die
Stammbesatzung des Schnellbootes arbeitet im Laufschritt,
flankiert von unseren noch in den Schwimmkombinationen
steckenden Kameraden. Lil Ferguson saß abseits auf einem
Kistenstapel und rauchte eine Zigarette. Sie lächelte, als ich an
ihr vorbeiging. Sie sagte kein Wort.
Ich stieg auf das Boot und rief nach Peter. Sie meldete sich
aus der Pantry, wo sie den Inhalt von einem Dutzend Büchsen
in einer Pfanne schmirgelte. Sie hatte den kleinen Klapptisch
für zwei Personen gedeckt.
„Schorsch hat schon", murmelte sie, „iß!"
Später liefen die Motoren an, und Peter -aß unbekümmert
weiter. Ich stand grinsend auf.
„Raus, du Frauenzimmer!" sagte ich streng, „so gut der Fraß
schmeckt, er verführt mich nicht, dich zu der bevorstehenden
Aktion mitzunehmen!"
Sie ließ, resignierend, die Gabel sinken.
„Verdammt, und ich hatte mich so darauf gefreut! Na, dann
nicht, liebe Tante!"
Sie warf den Kopf in den Nacken und stolzierte hinaus. Sie
drückte sich an Ebert vorbei, der mit einem Funkspruch
hineingestürzt kam.
„Der Rotor gibt noch einmal Wirbelsturmwarnung. Wir haben
höchstens noch fünf bis , sechs Stunden Zeit."
„Reicht aus", nickte ich kauend, „prüfen Sie, ob alles von
Bord ist! Hein, die Dieselheizer und Sie bleiben an Bord. Alle
anderen warten mit den Gefangenen an Land. Leutnant Berger
übernimmt derweil das Inselkommando!"
Das Boot drehte auf dem Teller. Wir liefen mit geringster
Fahrtstufe durch die Riffbarrieren hinaus und drehten erst im
freien Wasser auf. Mit heulenden Motoren nahm das Boot Kurs
nach Süd.
Siebzig Minuten später sichteten wir das mit kleiner Fahrt
hilflos durchdrehende Schnellboot. Es stoppte, als wir Signal
gaben. An Deck drängte sich die Besatzung zusammen. Oben,
hinter dem niedrigen Wellenbrecher des Kommandodecks,
standen der Boß und der „Leutnant". Sie beobachteten uns mit
Gläsern und gaben gestikulierend irgendwelche Befehle an die
Mannschaft. Einige rannten unter Deck, andere nahmen
Deckung.
„Halbe Fahrt", gab ich durch das Sprachrohr in den
Motorenraum. „Bereit halten für schnelle
Maschinenkommandos!"
Das andere Boot lief rückwärts eine halbe Schleife. Die
Distanz betrug mindestens noch eine Meile. Sie zeigten uns
den Bug, und ihre Absicht war unschwer zu erkennen.
Kopfschüttelnd blickte Ebert durch das Glas.
„Es ist schon lange her, seit mich Torpedos interessierten.
Daß man aber mit diesen veralteten Instrumenten so dusselig
umgehen könnte, hätte ich nie geahnt!"
Aber sie kamen nicht mehr zum Schießen. Ah Bord brach
eine Panik aus, als sich der Rotor wie ein stürzender Meteor in
rasender Schnelligkeit senkrecht von oben auf das winzige
Boot senkte, fünfzig Meter über der Mastspitze stoppte und
seine Lautsprecher einschaltete.
Die drohende schwarze Scheibe über sich, die brüllende
Geisterstimme, die völlige Lautlosigkeit, mit der sich der Rotor
in der Luft hielt, und der Anblick des mit voller Kraft sich
nähernden Schnellbootes mit den schwarzen Froschmännern
darauf, ließ jeden Gedanken an ein Sich-teuer-verkaufen" von
vornherein zusammenbrechen!
„Waffen weg, alle Mann auf das Vordeck!" brüllte der
Lautsprecher vom Himmel. „Der Kommandant übergibt das
Boot!"
„Hallo, Leutnant!" lächelte ich beim Übersteigen dem käsigen
Steuermann zu. „Wie geht es? Noch Verlangen nach näherer
Bekanntschaft mit dem Deutschen Atoll?"
Er schüttelte stumm den Kopf. Kein Karikaturist hätte ihn
kläglicher konterfeien können, als er es war. Wir sammelten die
losen Waffen ein und warfen sie über Bord. Ebert verschloß
den Laderaum, ging nach vorn, jagte beide Aale aus dem Bug
und meldet nach fünf Minuten das Boot fahrbereit.
Ich ging in das Funkchap, meldete mich für den Rotor,
dankte für die Einsatzunterstützung und verabschiedete mich
mit der Weisung, alle verfügbaren Transportmittel des Atolls zu
mobilisieren, um die Waffenlieferungen abzuholen!
Weitere siebzig Minuten später kreuzten wir wieder vor dem
Versteck auf.
Die Gefangenen lagen, deutlich sichtbar, wie getrocknete
Flundern nebeneinander am Strand, bewacht von unseren
Jungs. Schorsch, Peter, Lil und die anderen fehlten.
Mir schwante Unheil, ich ließ beide Boote stoppen und
sprang über Bord. Ich schwamm die letzten Meter bis zur
Barriere und watete eilig durch das flache Wasser an Land.
Toni Gruber machte ein zerknirschtes Gesicht, als er
berichtete:
„Es waren vier Mann, Leutnant, sie müssen auf der anderen
Seite gelandet sein. Sie hielten uns in Schach, während das
Mädchen Fräulein Peter zwang, mit ihr zu gehen. Sie zwangen
auch die anderen, einige Waffenkollis zu tragen und hatten es
eilig."
„Wann war das?"
„Vor 'ner knappen Stunde!"
Ich hetzte los. Ich lief durch den Palmenwald, das
Mangrovendickicht, rundete die Lagune und brach keuchend
durch den Buschgürtel, der dem Westrand vorgelagert war.
Die Situation war mit einem Blick zu umfassen. Zweihundert
Meter vor mir stand eine Zweimotorige mit auf Standgas
laufenden Motoren. Dicht daneben standen mit erhobenen
Händen die Kameraden und Peter. Schorsch war schneeweiß
vor Wut. Am Waldrand bei den gestapelten Collies, die
Handgranaten, Wurfminen und haufenweise Munition
enthielten, wartete Lil. Sie räkelte sich lässig und blickte zu mir
herüber. Neben ihr stand ein Bursche mit einem
Repetiergewehr. Er nahm es langsam in Anschlag, aber sie
legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Noch nicht, Freddie!"
Das Lächeln auf ihrem Gesicht verstärkte sich, als sie
langsam, mit wiegendem Schritt auf mich zukam. Sie haßte
mich, aber sie lächelte.
Ich richtete mich auf und ging ihr entgegen.
„Wie lieb von dir, daß du dich noch verabschieden willst,
Jackie!" sagte sie glucksend. „Du bist ein guterzogener Bengel!"
„Rechnest du dir eine ernsthafte Chance aus, Lil?"
„Aber ja! Sieh mal, ich nehme mir die kleine Dirne dort mit an
Bord. Ich weiß, du wirst dann verbieten, daß man uns
abschießt. Ich nehme sie mit und lasse sie vielleicht irgendwo
laufen, vorausgesetzt, daß sie mir keinen Ärger macht!"
„Und dann?"
„Dann telefoniere ich mit dem amerikanischen Geheimdienst
und erzähle ihm eine feine Geschichte, nenne meinen Preis
und liefere die Beweise."
„Was für Beweise?"
„Meine Sache!"
„Meinst du?"
Meine Stimme war geladen, und sie spürte das. Sie wich
einen Schritt zurück.
„O Jack, wie siehst du aus? Wirst du es denn nie lernen,
Unabänderliches hinzunehmen?"
Sie schrie auf, als ich plötzlich meine P-38 in der Hand hatte
und zu feuern begann. Sie sank in die Knie, dabei hatte ich nur
an ihrer Hüfte vorbeigeschossen. Der Lui mit der
Schlägermütze aber zuckte dreimal zusammen, klammerte sich
ächzend an die Repetierbüchse, versuchte vergeblich, den
Finger krumm zu machen und starb, bevor er umfiel.
Im gleichen Augenblick brach die Hölle am Flugzeug los.
Meine Schüsse waren das Signal für Schorsch und die anderen
gewesen.
Dennoch lief Lil, sich aufraffend und gellend schreiend, zum
Flugzeug hin. Sie lief gebückt und stolperte in die letzte
Schußserie ihres Kumpans, der mit einem unserer Jungs um
die Maschinenpistole rang und dabei abgezogen hatte.
Lil lief mit durchschossenem Leib noch viele Meter. Später
kroch sie, sich mit den Händen in den Sand krallend, immer
noch weiter, bis sie liegenblieb und zu schreien aufhörte. Ich lief
zu ihr und beugte mich über sie. Sie hielt die Augen
geschlossen. Dann flog ein verkniffenes Lächeln über ihr
geisterhaft eingefallenes Gesicht, und sie flüsterte:
„Nun hast du doch noch... eine Pointe... du mug... du
verdammter mug... der reichste Mann der Welt könntest du
sein... du mug... dabei bist du... bloß... ein kleines... dummes
Luder."
Als sie starb, entblößte sie ihre Zähne. Sie sah gehässig und
gierig aus.
Ich ging zu den anderen. Ich redete nicht mehr viel. Ich sagte
den drei unverletzten Fliegern, daß sie zusehen sollten, wie sie
nach Hause kämen. Sie glotzten und konnten es nicht fassen,
daß ich sie frei ließ.
Ich schickte die Gefangenen auf das Schnellboot des
Mageren, ließ es entladen und dann Kurs auf See nehmen. Sie
sprachen kein Wort. Sie sahen stumm zu, wie wir die Toten auf
das andere Boot nahmen, auf See bestatteten und dann neben
ihnen herliefen, bis die Insel aus unserer Sicht entschwunden
war.. Sie hatten eine gräßliche Angst davor, daß wir sie
torpedieren und skrupellos in die Luft jagen würden. Einige
lagen auf den Knien, als wir stoppten und das andere Boot
entließen.
Wir blieben gestoppt liegen, bis es aus dem Radarkreis
entschwand, dann gingen wir auf Kurs X, bis der Rotor uns
holen kam. Das Schnellboot blieb unbemannt zurück, wurde
kleiner und kleiner und löste sich in dem Dunst der
Sturmausläufer, die das Gebiet überquerten...
Peter stand in der Kanzel des Rotors hinter den dicken Up-
Scheiben. Sie lächelte, als ich neben sie trat.
„Hallo, Jack!"
„Hallo, Baby!"
Sie faßte nach meiner Hand, drückte sie und blickte den
Wolkenfetzen nach, die vorbeiflogen, Figuren bildeten, sich
festklammerten und abrissen, übermütig, wild und ungebändigt.

Siebenundzwanzig Tage später ging eine Notiz durch


mehrere Weltzeitungen:
„Die vor drei Wochen im Räume der Fidschiinseln
aufgetauchten Gerüchte um eine bewaffnete Aktion des
sogenannten Deutschen Atolls, haben den sofort eingeleiteten
Nachprüfungen der britischen* amerikanischen und
französischen Suchkommandos nicht standgehalten. Dafür
stellte es sich heraus, daß rivalisierende
Waffenschmuggelbanden offensichtlich diese Mystifikation
verbreiteten, um ihre dunklen Geschäfte zu tarnen.
Die von dem schwedischen Dampfer ,Kalmar-Sund'
gefundenen Wrackstücke eines Schnellbootes und die an den
Strand von Walkai gespülten Trümmer eines zweimotorigen
Privatflugzeuges — wir berichteten vorige Woche ausführlich
darüber — scheinen die Version von dem Bandenkampf zu
bestätigen.
Die angeblich als Waffenversteck dienende Insel wurde
durchsucht. Es fanden sich keinerlei Spuren, geschweige denn
Anzeichen irgendwelcher geheimnisvoller Vorgänge. — Die
Behörden in Sydney bereiten einen Prozeß gegen die
Waffenschmuggler vor, dessen unbestechlicher Gerechtigkeit
sie sich durch derartige Lügenmanöver wohl kaum entziehen
können.
LESEPROBE

ORIGINAL HANNS HART

Schrei aus dem Jenseits

Der erste Schuß aus der loshämmernden Colt-Automatic


zerfetzte ihm das Gesicht. Bob Alleyshon war schon im
normalen Leben keine Schönheit gewesen, aber nun sah er
erbärmlich aus. Er fiel in den zweiten Schuß hinein, der ihn
mitten in der Brust erwischte, hochwarf und gegen die Wand
nagelte, an der er mit hängendem Kopf abwärtsrutschte und in
den Haufen aus Zigarettenkippen, Abfallpapier und
Flaschenverschlüssen fiel.
„Da liegt er", sagte der Zweizentnermann mit der Colt-
Automatic, der schwersten Pistole Amerikas, „ich hab's ihm
ganz schön gegeben, diesem Hund, diesem verdammten,
was?"
„Ja, da liegt er!" sagte Mister Fletcher, der Wirt dieses nicht
gerade sehr exklusiven Ladens. „Und du hast es ihm wirklich
fein gegeben, Henry! War das ein Gunner von Thomas
Handley? Oder hetzte er die Gewerkschaftsmitglieder gegen
euch auf?"
„Keins von beiden, du Armleuchter! Das war einer, der 'ne
Sache mit Marion hatte und das ausschlachtete, um dem Alten
die Flöhe aus dem Sack zu locken. Ist doch klar, daß der sich
das nicht gefallen lassen wollte. Er hat es ihm auch gesagt,
aber Bob in seiner Idiotie trumpfte auf und wollte Marion zu 'ner
Aussage bewegen, wie sich das damals verhalten hatte, als ihr
Vater mit William O'Connor, dem Kassierer von der Harbour-
Line, die Versicherungssache gefummelt hatte. Na, da sah der
Alte rot."
„... und Bob ist tot!"
Sie lachten über den Reim. Sie tranken beide, dann setzte
der Wirt das Glas hart auf den Tisch. Er wischte mit der Hand
über den Mund und deutete auf mich.
„Und was ist mit dem da?"
Ich saß in einer Nische des Raumes. Neben mir, halb auf
meinem Schoß, röchelte ein Mädchen namens Jennifer. Sie
war ziemlich jung, aber dafür schwer betrunken. Sie trüg eine
Bluse, an der die Knöpfe durch stramme Haltung ersetzt
wurden. Ich hatte den Kopf an die Holzverkleidung gelegt und
war bestimmt nicht von einer Schnapsleiche zu unterscheiden.
Dann hörte ich, wie der Zweizentnerbulle herangelatscht
kam, wie er mit einer gezischten Zote dem Mädchen in die
Haare griff und sie herauszerrte, um sie mit einem Tritt in die
Mitte des Raumes zu stoßen. Sie übergab sich dabei und blieb
liegen.
Dann griff er auch in meine Haare. Und sehen Sie, das kann
ich doch verdammt nicht leiden. Ich hätte die Möglichkeit
gehabt, mich weiterhin restlos dun zu stellen und damit dem
ganzen weiteren Theater aus dem Weg zu gehen, zumal der
Besuch in dieser Budike bis auf wenige Informationen
ergebnislos geblieben war, aber wenn mir einer in die Haare
greift, der mit derselben Hand 'ne Minute vorher einen
erschossen hat, dann verleugne ich meine Erziehung und bin
kein feiner Mann mehr.
Ich öffnete die Augen und feuerte ihm einen mörderischen
Haken in die Herzgrube, dem sich ein gestochener Schwinger
in sein rechtes und ziemlich erstauntes Auge anschloß. Er
stolperte zurück und dachte, ein Riese hätte ihn geschüttelt.
Erbleichend erkannte er dann, daß er nicht träumte, weil ihm
meine Schuhspitze hart in den Bauch knallte und ihm der
Schnaps aus dem Magen unter die schmerzenden Zahnwurzeln
schwabbte.
Er griff unter das Jackett. Er machte das halb im Traum und
längst nicht schnell genug, um meiner heranfliegenden Linken
auszuweichen. Es knallte, als wäre ein Bulldozer-Reifen ge-v
platzt, er flog zurück, krachte gegen die Theke und fiel auf sein
Opfer. Er blieb bewegungslos liegen und dachte, ich wäre ein
heuriger Hase, dem man ein altes Muster für 'ne fröhliche
Hochzeitsnacht verkaufen kann. Aber ich behielt ihn im Auge
und warf ihm eine Flasche in das Gesicht, weil er den dicken
Brummer aus dem Halfter direkt in meinen Bauch spucken
lassen wollte.
Die Flasche war voll gewesen, sie zersprang und lief aus. Da
es sich um roten Likör handelte, der auf den schönen Namen
„Blutige Witwe" hörte, gab das einen besonderen Effekt. Er
brüllte vor Schmerz, er schrie und weinte und vergaß nicht, ein
zweites Mal nach seiner Artillerie zu langen.
Ich sprang vor und trat ihm die Kanone aus der Hand.
Er ließ einen Jodler los, der die Flaschen im Regal zum
Klirren und den ganz und gar nicht nervenschwachen Mister
Fletcher zum Erbleichen brachte. Er schrie so laut und
anhaltend, daß ich ihm mehrere Male ermahnte, die Luke
dichtzumachen.
„Wenn die Bullen kommen, werde ich sagen, du hast
Alleysohn umgelegt", lachte Mister Fletcher hinter mir und zielte
mit einer kurzläufigen Schrotbüchse auf mich. „Nimm die Hände
hoch, du ganz verfluchtes Aas, du, nimm sie schnell ganz hoch,
sonst spicke ich dir deine College-Fresse mit lauter lustigen
Erbsen!"
Er hockte hinter dem Schießgewehr wie ein Affe auf dem
Schleifstein. Immerhin konnte die Streuung auf die kurze
Entfernung nicht größer sein, als ich lang bin.
Ich warf mich im Hechtsprung aus der Stellung und rollte
unter einen Tisch ab. Er schoß, es klirrte und schepperte, einige
Lampen erloschen, und Kalk rieselte von der Decke und den
Wänden. Aber dann war ich wieder auf den Beinen und mit
einem Satz hinter dem Tresen. Er warf die leere Knarre nach
mir und traf mich an der Schulter. Er stoppte mich nicht mit
solchen Mätzchen, er brachte es damit nur fertig, daß ich noch
'ne Idee fixer heranging als vorher. In die Enge getrieben, gab
er sich einen Schwung am Spültisch und schoß auf mich zu. Er
wollte mich unterlaufen, und er brannte darauf, mich kurz und
klein zu schlagen. Aber er landete nicht in meinem Bauch,
sondern blieb mit dem Kopf in meinen Fäusten stecken. Er
schrie nicht einmal, er röchelte nur und krallte sich in den Griff
der verrosteten Registrierkasse, deren Schublade mit heiterem
Gebimmel aufsprang und mir pfundweise ganz nette Summen
Kleingeld vor die Beine spie.
Dann bimmelte es noch einmal, diesmal aber von der
Türglocke her.
Ich sah auf.
Was da in die fröhliche Runde platzte, war ein uniformierter
Polizist des Citizen-Corps der Stadt New York: Er machte ein
verschlafenes Gesicht, das aber schlagartig erwachte, als er die
Leichen auf dem Boden liegen und mich vor der offenen
Ladenkasse stehen sah.
Er riß seine Pistole aus der Tasche, verhackte sich dabei,
fluchte und sprang von einem Bein auf das andere und brachte
sie Schließlich doch noch in Anschlag.
„Okay, Joe!" sagte ich. „Wenn Sie den Lautsprecher jetzt
bitte noch entsichern, nehme ich die Hände hoch...!"