Sie sind auf Seite 1von 15

Start / Ausgabe 13/2017

Herstellung von Impfsto en

Vom Hühnerei zur Gentechnologie


27.03.2017  14:16 Uhr

Datenschutz bei der PZ

Von Ilse Zündorf und Theo Dingermann / Schutzimpfungen gehören ohne Zweifel zu den
bedeutendsten medizinischen Errungenschaften im 20. Jahrhundert. Sie retten Millionen -
Menschen das Leben und können gefährliche Krankheiten zurückdrängen oder sogar ausrotten.
Welche Impfsto typen gibt es, und wie werden sie gewonnen?

Nach aktuellen Schätzungen werden jedes Jahr fast sechs Millionen Todesfälle durch Impfsto e
gegen Windpocken, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis, Kinderlähmung, Masern,
Tuberkulose oder Hirnhautentzündung durch Haemophilus in uenzae Typ b verhindert (2). Nur
der Zugang zu sauberem Wasser hatte global gesehen im vergangenen Jahrhundert einen noch
größeren Ein uss im Kampf gegen Infektionskrankheiten (1).

Erfolgsgeschichte: Die Eradikation der Pocken


gelang durch weltweite konsequente
Imp ampagnen, wie hier im Niger 1969.
Rechts: ein Laborant des Pocken-
Eradikationsprogramms in einem Vorort von
Lagos, Nigeria, in den 1960er-Jahren
Foto: CDC/J.D. Millar, MD
Impfsto e haben Krankheiten wie die Pocken ausgerottet. Bis in die 1960er-Jahre starben
weltweit jedes Jahr zwei Millionen Menschen an Pocken. Es gibt begründete Ho nungen, dass
die Kinderlähmung, an der 1988 weltweit noch 350 000 Patienten starben, bald dem Beispiel der
Pocken-Eradikation folgen wird.
 
Dennoch sterben jährlich immer noch schätzungsweise 1,5 Millionen Kinder weltweit an
Krankheiten, vor denen sie durch die aktuell empfohlenen Impfungen geschützt werden
könnten. UNICEF schätzt, dass sich 17 Prozent aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren
durch Impfungen vermeiden ließen. Impfen, so sieht es auch der Philanthrop Bill Gates, ist die
e zienteste Art zu helfen.
 
Einteilung der Impfsto e
Impfsto e enthalten abgeschwächte oder inaktivierte Erreger, Toxoide oder gereinigte
beziehungsweise einzeln rekombinant hergestellte Erregerbausteine. Diese werden dem
Immunsystem präsentiert, damit es sich auf den Ernstfall, eine gefährliche Infektion, vorbereiten
kann. Appliziert werden Impfsto e am Gesunden.  

Daher werden zu Recht sehr hohe regulatorische Anforderungen an deren Zulassung gestellt,
was dazu führte, dass sich in der Vergangenheit immer mehr Pharmaunternehmen aus diesem
Geschäft zurückzogen. Dies hat Folgen: Immer häu ger kommt es zur Nichtlieferbarkeit
wichtiger Impfsto e (6).
 
Andererseits erreichten auch ganz neue Impfsto e den Markt, darunter einige, die sich in der
Folge als Blockbuster etabliert haben. Beispiele sind der 23-valente Pneumokokken-Impfsto
oder der Impfsto gegen humane Papilloma-Viren.
 
Prinzipiell lassen sich Impfsto e in zwei große Klassen einteilen: lebend-attenuierte Impfsto e
und Totimpfsto e (Tabelle 1).
Tabelle 1: Übersicht über Impfsto lassen (5)

Imp lasse Impfantigen Infektionskrankheit, Infektionserreger

Lebendimpfsto e abgeschwächte Masern, Mumps, Röteln, Varizellen


Erreger (Windpocken/Gürtelrose), Rotaviren,
Gelb eber, Typhus, Pocken, Poliomyelitis (OPV)

Totimpfsto e inaktivierte Erreger Hepatitis A, Poliomyelitis (IPV), Tollwut,


Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME),
Japanische Enzephalitis, Cholera, (Pertussis,
wird heute nicht mehr eingesetzt)

gereinigte In uenza, Pertussis (azellulär)


Bestandteile -
inaktivierter Erreger

gereinigte Toxoide Tetanus, Diphtherie

gereinigte Meningokokken, Haemophilus in uenzae Typ b,


Kapselpolysaccharide Pneumokokken, Typhus

rekombinant Hepatitis B, humane Papilloma-Viren


hergestellte Antigene

Lebendimpfsto e mit abgeschwächten Erregern


 
Der Pockenimpfsto als Prototyp aller Impfsto e war ein Lebendimpfsto . Er enthielt
replikationsfähige Rinderpocken-Viren. Zwar sind Rinderpocken-Viren (Orthopoxvirus vaccinia)
eng mit den humanpathogenen Viren (Orthopoxvirus variola) verwandt, können jedoch beim
Menschen nicht die Pocken auslösen – eine geradezu ideale Situation für die Herstellung eines
Impfsto s.

Der orale Polio-Impfsto wird häu g noch in


Entwicklungsländern, hier zum Beispiel in Nord-
nigeria, eingesetzt.
Foto: CDC/ Binta Bako Sule, Nigeria
Das Konzept der Verwendung replikationsfähiger Antigen-Präparationen zur Induktion einer
schützenden Immunität wurde in abgewandelter Form später für Impfsto e gegen mehrere
bakterielle und virale Pathogene übernommen, darunter Vibrio cholerae, Mycobacterium
tuberculosis, Salmonella typhi, Gelb eber-, Masern-, Mumps-, Polio-, Rubella-, Varicella-Zoster-,
Adeno- und Rotaviren. Während das Rinderpocken-Virus per se nicht humanpathogen, jedoch
hinsichtlich seiner Antigenität ausreichend ähnlich zum humanpathogenen Variola-Virus ist,
müssen die modernen Lebendimpfsto e aus den ursprünglichen pathogenen Vertretern
hergestellt werden. Diese werden durch geeignete Maßnahmen so modi ziert (attenuiert), dass
sie ihre Pathogenität verlieren. Eine solche Impfsto entwicklung ist immer dann möglich, wenn
es gelingt, die Induktion einer schützenden Immunität von der Virulenz des Erregers zu
entkoppeln. Dieser Ansatz der Impfsto erstellung ist attraktiv und kostengünstig, da die als
Antigene eingesetzten Bakterien oder Viren in der Regel sehr gut zu erhalten sind und wenige
Aufarbeitungsschritte erfordern. Zudem sind attenuierte Organismen als Impfsto e besonders
wirksam, weil sie die drei wichtigsten Elemente enthalten, die für eine starke Immuninduktion
nötig sind:
 
länger persistierende Antigenstrukturen, die nachhaltig ein immunologisches Gedächtnis
induzieren,
pathogenassoziierte Molekülmuster, die auch Komponenten des angeborenen
Immunsystems aktivieren, das bei der Immunisierung eine wichtige adjuvante Funktion
entfaltet, und
eine angenehme und e ziente Applikationsform, zum Beispiel nasal oder oral, die sich aus
der natürlichen Invasivität der Pathogene ableitet.
 

Die Trennung von Vermehrungsfähigkeit einerseits und Pathogenität andererseits basiert immer
auf Mutationen, die entweder mithilfe von Mutagenen eingeführt werden oder die während
vieler Runden seriellen Passagierens in Kulturzellen oder in Tiermodellen zufällig erworben
werden. Je komplexer das resultierende Mutationsmuster ist, umso höher ist die Sicherheit
dieser Impfsto e. Denn prinzipiell besteht die Möglichkeit, dass sich einzelne Mutationen
zurückbilden (revertieren) mit der Folge, dass die Virulenz des Impfstamms zurückkehrt.
 
Dass dies tatsächlich passiert, hat man an der oral zu applizierenden Polio-Vakzine (OPV)
beobachtet. So erfolgreich die »süße« Schluckimpfung in den 1970er- und 1980er-Jahren war, so
ernüchternd und tragisch waren die sehr vereinzelt aufgetretenen Vakzine-assoziierten
paralytischen Poliomyelitis-Erkrankungen (VAPP). Als Konsequenz wird in Deutschland seit 1998
nur noch die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV) genutzt. In Entwicklungsländern wird jedoch nach
wie vor die preiswertere und leicht zu handhabende OPV eingesetzt.
 
Für einige VAPP-Fälle wurde der Virus-Subtyp VP2 »Lansing« als Ursache nachgewiesen. Dieser
Subtyp gilt in der Wildform bereits als ausgerottet. Daher wurden im April 2016 in einer
konzertierten Aktion alle weltweit vorrätigen trivalenten Impfsto e gegen VP1, VP2 und VP3
durch bivalente gegen VP1 und VP3 ausgetauscht. Dies lässt ho en, dass in Zukunft Vakzine-
assoziierte paralytische Poliomyelitis-Erkrankungen noch seltener werden.
 
Demgegenüber basiert die durch Mutagene im Labor erzeugte Apathogenität des Salmonella-
typhimurium-Impfstamms Ty21a auf verschiedenen Mutationen in verschiedenen Genen. In der
Folge lässt sich das Bakterium zwar unter bestimmten Wachstumsbedingungen in vitro
kultivieren, überlebt in vivo jedoch nicht mehr nachhaltig. Dass ein so komplex mutierter Stamm
phänotypisch revertiert, ist sehr unwahrscheinlich.
 
Totimpfsto e

Unangenehm, aber potenziell lebensrettend


Foto: Shutterstock/Anna Litvin
Die zweite große Gruppe an Impfsto en basiert entweder auf inaktivierten (toten) Erregern, auf
aufgereinigten Antigenen von Bakterien oder Viren oder auf inaktivierten Toxinen, die von
Bakterien ausgeschieden werden (Tabelle 1).
 
Inaktivierte Erreger als Impfantigene präsentieren dem Immunsystem alle denkbaren
bakteriellen oder viralen Epitope. Jedoch ist der Erreger durch die Inaktivierung weder in der
Lage, sich zu teilen, noch die Krankheit auszulösen. Wegen der Teilungsunfähigkeit besteht auch
kein Restrisiko für ein Revertieren zum Pathogen. Voraussetzung für die Konzeption eines
derartigen Impfsto s ist allerdings, dass keine toxischen Komponenten vorhanden sind und dass
tatsächlich die gesamte zur Impfsto produktion eingesetzte Population des Erregers ohne
Verlust der Antigenität wichtiger Strukturen inaktiviert, also abgetötet wurde.
 
Inaktivierte Erreger bilden die Antigene für die Impfsto e gegen FSME, gegen Hepatitis-A- und
Tollwut-Virus. Auch der Cholera-Impfsto und der bis vor einigen Jahren eingesetzte zelluläre
Bordetella-pertussis-Impfsto gehören zu dieser Gruppe.
 
Impfsto e auf Basis inaktivierter Erreger enthalten immer noch viele Konformationsepitope, die
für einen e ektiven Impfschutz sehr nützlich sind. Ein weiterer Vorteil der Totimpfsto e ist, dass
es sich um stabile Antigene handelt, die gut kombinierbar sind. Gegenüber Lebendimpfsto en
haben sie jedoch zwei Nachteile:
 
Sie können nicht die Bildung zytotoxischer T-Zellen (CTL) induzieren.
Sie sind deutlich weniger immunogen. Daher sind sie oft mit einem Adjuvans kombiniert und
der Impfschutz muss regelmäßig aufgefrischt werden.
 
Der Herstellungsprozess inaktivierter Erreger gleicht zumindest in den ersten Schritten dem der
Herstellung von lebend-attenuierten Impfsto en. Allerdings wird zusätzlich der extrem wichtige
Inaktivierungsschritt angehängt. Hierzu werden vor allem die im Erreger enthaltenen Proteine
mit- und untereinander vernetzt, wobei meist Formaldehyd oder ß-Propiolacton als
Vernetzungsagenzien dienen.
 
Spalt- und Subunit-Impfsto e

Etablierte Herstellung des Grippe-Impfsto s auf Hühnereiern


Foto: Shutterstock/Sean Locke
Die zweite Gruppe der Totimpfsto e bilden die Spalt- und Subunit-Impfsto e. Sie bestehen aus
Erregern, die mittels Detergenzien zerstört und aufgeschlossen wurden, wodurch relevante
Antigene besser zur Wirkung kommen. Meist enthalten diese Impfsto e aufgereinigte
Einzelkomponenten (Subunits) eines Bakteriums oder eines Virus.
 
Derartige Impfsto e, die noch sicherer sind als inaktivierte Pathogene, lassen sich immer dann
herstellen, wenn das Hauptantigen zur Induktion eines sicheren und nachhaltigen Impfschutzes
bekannt ist. Ein wichtiges Beispiel ist der In uenza-Impfsto , der die beiden Antigene
Neuraminidase und Hämagglutinin enthält. Im Idealfall müssen diese Einzelantigene nicht aus
den Pathogenen aufgereinigt, sondern können rekombinant in harmlosen Wirtszellen
hergestellt werden, wie das zum Beispiel bei der Hepatitis-B- oder der Papilloma-Vakzine der Fall
ist.
 
Ganz ähnlich einzuordnen sind Impfsto e, die Polysaccharide bakterieller Kapside enthalten,
zum Beispiel Neisseria meningitidis oder Streptococcus pneumoniae. Zwar sind diese Impfsto e
als sehr sicher einzustufen, haben aber den Nachteil, dass sie bei Kindern unter zwei Jahren nicht
wirksam sind. Bei diesen Impfsto en wird zudem nur eine B-Zell- und keine T-Zell-Antwort
induziert, sodass ein Memory-E ekt fehlt. Dieses Problem kann man dadurch überwinden, dass
derartige Antigene an Proteine fusioniert werden (Beispiel: Fusionsimpfsto e gegen
Haemophilus-in uenzae Typ b).
 
Toxoid-Impfsto e
 
Ebenfalls zu den Totimpfsto en gehören die Toxoid-Impfsto e. Toxoide sind inaktivierte Toxine,
die von Bakterien produziert werden und die Symptome der Krankheit auslösen. Die Toxine
werden aus dem Wachstumsmedium einer Bakterienkultur isoliert und dann chemisch
inaktiviert. Beispiele sind der Tetanus-, der Diphtherie- und der azelluläre Pertussis-Impfsto , der
neben anderen Antigenen auch das Pertussis-Toxin enthalten kann.
 
Fortschritte bei der Herstellung
 
Zur Zeit von Edward Jenner war es ziemlich mühsam, einen Pocken-Impfsto herzustellen und
zu transportieren. Seitdem haben sich die Produktionsprozesse erheblich weiterentwickelt. Für
bakterielle Impfsto e werden die Pathogene direkt gezüchtet und dann weiter aufgearbeitet.
Allerdings versucht man auch hier, die Antigengewinnung zu optimieren, um noch höhere
Sicherheitsstandards zu erreichen. Beispielsweise wird daran gearbeitet, die Kapselantigene von
Pneumokokken synthetisch herzustellen, um nicht mit pathogenen Bakterien in großem
Maßstab hantieren zu müssen.
 
Komplexer ist dagegen die Herstellung viraler Impfsto e, da sich Viren nur in eukaryontischen
Zellsystemen vermehren können. Als Wirtssysteme dienen Hühnerembryonen, tierisches
Gewebe oder Zellkultursysteme.
 
So werden heute immer noch In uenza-Viren bevorzugt in befruchteten und angebrüteten Eier
von steril gehaltenen Hühnern vermehrt. Dies ist extrem aufwendig, denn pro Impfdosis ist etwa
ein Ei erforderlich und jeder Virus-Subtyp einer tri- oder tetravalenten Vakzine muss in einem
eigenen Produktionsschritt vermehrt werden. Zudem lässt es sich nicht vermeiden, dass das
Antigen Spuren von Hühnereiweiß enthält, sodass derartige Impfsto e für Menschen mit einer
Hühnereiweiß-Allergie kontraindiziert sind.
 
Andere Wirtszellsysteme leiten sich von Nierenzellen von A en (Vero-Zellen) oder vom Hund
(Madin Darby Canine Kidney, MDCK) ab. Diese Zellen wachsen schnell im üssigen Nährmedium
und können gut mit dem Grippevirus in ziert werden. Die beiden Impfsto e aus MDCK-Zellen
sowie Vero-Zellen (Opta u® von Novartis Vaccines und Pre ucel® der Baxter AG) werden jedoch
nach Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts derzeit nicht hergestellt und standen in der
aktuellen Grippesaison 2016/2017 nicht zur Verfügung (www.pei.de).
 
Extrem sicher sind Impfsto e, die rekombinant hergestellte Antigene enthalten. In diesen Fällen
besteht nicht einmal ein Restrisiko für Kontaminationen mit der Nukleinsäure des Erregers.
Beispiele sind die Hepatitis-B- und die HPV-Impfsto e.
 
Am weitesten bei der Entwicklung neuer Impfmethoden geht man mit der Applikation von
Plasmid-DNA. Dabei werden Genomabschnitte eines Virus, die für bekannte Antigene kodieren,
hochrein isoliert und dann intramuskulär appliziert. O ensichtlich werden ausreichende
Mengen dieser DNA von Muskelzellen oder von antigenpräsentierenden Zellen aufgenommen, in
denen dann die DNA zunächst in RNA und dann in Proteine umgeschrieben wird. Als Vorteil
dieser Methode kann man herausstellen, dass diese von den Zellen des Geimpften
synthetisierten Antigene sowohl über MHC-I als auch über MHC-II präsentiert werden und
ähnlich wie lebend-attenuierte Impfsto e die Bildung von T-Helferzellen und von zytotoxischen
T-Zellen induzieren (4).
Tabelle 2: Änderungen bei der Impfsto erstellung (8)

Alte Herstellung Neue Herstellung Jahr der Grund der Änderung


Änderung

monovalente Kombinationsimpfsto e 1940er- Reduktion der


Impfsto e Jahre Impfapplikationen

plasmagewonnenes rekombinantes HBs- 1986 höhere Sicherheit


HBs-Antigen Antigen

Polysaccharid- Konjugat-Impfsto gegen 1989 erhöhte Wirksamkeit bei


Impfsto H. in uenzae b Kleinkindern

Ganzkeim- azellulärer Pertussis-- 1991 Verminderung der


Pertussis-Impfsto Impfsto Nebenwirkungen

oraler Polio-Lebend- inaktivierter Polio- 1990 höhere Sicherheit


impfsto Impfsto

inaktivierter attenuierter In uenza-- 2003 Schleimhautapplikation,


In uenza-Impfsto Lebendimpfsto Verzicht auf Nadel

attenuierter reassortierter Rotaviren- 2006 höhere Sicherheit


Rotaviren-Impfsto Impfsto

Komplexe Prüfung
 
Da Impfsto e beim Gesunden eingesetzt werden, ist die Prüfung dieser Arzneimittel
außergewöhnlich komplex. So unterliegen alle Impfsto e in Deutschland der staatlichen
Chargenprüfung durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Das bedeutet, dass der Hersteller vor der
Vermarktung jeder einzelnen Impfsto charge nachweisen muss, dass deren Herstellung und
Qualitätsprüfung den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Die Herstellungs- und
Kontrollverfahren für einen Impfsto sind in der jeweiligen Zulassung festgelegt. Sie stützen sich
zum einen auf Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs. Zu beachten sind darüber hinaus
weitere relevante Leitlinien der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), der
Weltgesundheitsorganisation (WHO), der International Conference on Harmonization (ICH)
sowie des Europäischen Direktorats für die Qualität von Arzneimitteln (EDQM) in Form der
Leitlinien zur Chargenprüfung von Impfsto en in Europa (»Batch Release Guidelines«) (5).
 
Bei der unabhängigen Prüfung überwacht das PEI die zulassungskonforme Qualität jeder
Impfsto charge. Neben der Dokumentenprüfung erfolgt auch eine experimentelle Prüfung, bei
der die Identität, Wirksamkeit und Sicherheit einer Impfsto charge sicherstellt werden.
Entsprechen die Ergebnisse aller Prüfungen den Vorgaben für die Zulassung, wird dies durch ein
EU-Zerti kat oder einen nationalen Freigabebescheid bestätigt. Erst dann darf die Charge in den
Verkehr gelangen.
 
Neuentwicklungen und Prozessänderungen
 
Da die Entwicklung von Impfsto en so komplex ist, werden diese eher selten weiterentwickelt.
Beispiele von Weiterentwicklungen in der Herstellung zeigt die Tabelle 2.
 
Kann man bei der Entwicklung klassischer Medikamente eine Nutzen-Risiko-Abwägung
vornehmen, die sowohl den körperlichen Schaden durch die bestehende Krankheit als auch die
möglichen Nebenwirkungen des Arzneimittels einbezieht, sollte das Gesundheitsrisiko eines
Impfsto s bei hohem Nutzen immer gegen Null gehen. Dieser hohe Anspruch ist angesichts der
Tatsache, dass die typischerweise verimpften Moleküle biogenen Ursprungs sind und aus einer
sehr komplexen Matrix stammen, mit großen Herausforderungen verbunden.
 
Wie alle Arzneimittel, die eine Zulassung erhalten wollen, müssen Impfsto e verschiedene
Prüfphasen durchlaufen, um Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit nachzuweisen (Gra k). In der
präklinischen Phase werden die möglichen Antigene in Tiermodellen getestet. Bereits hier
ergeben sich Fragen und Unsicherheiten: Wie gut passen die Tiermodelle? Reagiert das
Immunsystem einer Ratte oder eines A en genauso auf den Impfsto wie das des Menschen?
Wenn nicht nur ein bestimmter Rezeptor über einen Wirksto angesteuert werden soll, sondern
vielmehr das komplex ineinandergreifende Immunsystem auf ganz bestimmte Art und Weise
reagieren muss, erweisen sich Tiermodelle als nur bedingt tauglich. Erinnert sei in diesem
Zusammenhang an den verhängnisvollen Fall des agonistisch wirkenden Antikörpers TGN1412,
der 2006 bei Probanden der klinischen Phase-I-Studie zu ungeahnten dramatischen Symptomen
geführt hat. Zwar handelte es sich nicht um eine Impfsto entwicklung, Ziel war jedoch ebenfalls
das Immunsystem.
 
War die Vorprüfung im Tiermodell erfolgreich, folgt eine Prüfung beim Menschen. Zu diesem
Zeitpunkt ist nicht bekannt, welche Mindestdosis zu applizieren ist, um eine Immunantwort
erwarten zu können. Die Reaktion des Immunsystems lässt sich über die gebildeten spezi schen
Antikörper und T-Zellen ermitteln. Aber reicht diese Immunantwort auch wirklich aus für einen
belastbaren Schutz vor einer Infektion?
 
Nicht selten korreliert die Menge an gebildeten spezi schen Antikörpern nicht mit dem
tatsächlichen Schutz vor einer Infektion. Dies macht den Nachweis der Schutzwirkung so
kompliziert. Der einzige wirklich sichere Wirksamkeitsnachweis ist das dokumentierte
Ausbleiben der Erkrankung nach einer Exposition mit dem Pathogen.
 
In einer Bevölkerung, in der ein Erreger relativ häu g auftritt, lässt sich die
Erkrankungshäu gkeit der Geimpften im Vergleich zu einer nicht-geimpften Gruppe recht gut
ermitteln. Tritt der Erreger jedoch nur sporadisch auf, wird die Prüfung auf Wirksamkeit deutlich
schwieriger.
 
Ein aktuelles Beispiel ist die Entwicklung eines Ebola-Impfsto s, die heute unter anderem
deshalb so schwierig ist, weil die Epidemie glücklicherweise überwunden ist. Die Option, einen
Wirksamkeitsnachweis durch gezielte Exposition der Studienteilnehmer mit dem Pathogen zu
führen, verbietet sich bei dieser extrem gefährlichen Krankheit aus ethischen Gründen.
 
Bei den jüngsten Entwicklungen für Malaria-Impfsto e wurden die Probanden kontrolliert
in ziert und gleichzeitig mit einem Anti-Malaria-Arzneimittel wie Chloroquin behandelt. Ein
derartiger Ansatz ist natürlich nur dann möglich, wenn ein Wirksto gegen das Pathogen
vorhanden ist.

Gra k: Klinische Prüfphasen bei der Entwicklung von Impfsto en; modi ziert nach (7)
Gra k: Stephan Spitzer

Vieles in der Pipeline


 
Trotz dieser Schwierigkeiten kann man in naher Zukunft mit Neuentwicklungen von Impfsto en
rechnen. Im Biotech-Report zur Lage der medizinischen Biotechnologie in Deutschland, den die
Boston Consulting Gruppe für vfa bio erstellt hat, werden 72 Impfsto andidaten in der Pipeline
benannt. 
Noch in schlimmer Erinnerung: Die Helfer konnten den Ebola-
Kranken in Westafrika nur in Schutzkleidung begegnen.
Inzwischen ist die Epidemie glücklicherweise überwunden.
Foto: DAHW/Schwienhorst
Die meisten richten sich gegen Viren, darunter In uenza, HIV und Respiratory-syncytial-Virus
(RSV). Drei Neuentwicklungen be nden sich bereits im Zulassungsverfahren: Impfsto e gegen
Dengue-Fieber, Gürtelrose und durch B-Meningokokken ausgelöste Hirnhautentzündung.
 
Weit fortgeschritten ist die Entwicklung von Impfsto en gegen Ebola-, Noro- und Cytomegalie-
Viren sowie gegen MRSA und Clostridium di cile (9). Zudem wird an einer Vakzine gegen
Tuberkulose gearbeitet. Und schließlich soll die Wirksamkeit bestehender Impfsto e auf weitere
Erregerstämme, zum Beispiel gegen Pneumokokken und In uenza, erweitert werden.
 
Gerade die Tuberkulose be ndet sich in den letzten Jahren wieder auf dem Vormarsch und
macht mit vielfach resistenten Erregern zunehmend therapeutische Probleme. Der einzige
bislang verfügbare Impfsto basiert auf Mycobacterium bovis Bacillus Calmette-Guérin (BCG)
und schützt nur sehr bedingt und eigentlich auch nur nach einer Anwendung im Kleinkindalter.
Seit 1998 emp ehlt die Ständige Imp ommission diese Impfung daher nicht mehr. Mittlerweile
kennt man BCG eher als unspezi sches Immunstimulans zur Behandlung eines nicht-invasiven
urothelialen Harnblasenkarzinoms.

Ein Impfsto gegen Tuberkulose könnte


weltweit viel Leid verhindern. Hier eine
Patientin in Afghanistan.
Foto: DAHW/Sabine Ludwig
Zugleich hat die Forschung an Tuberkulose-Impfsto en erhebliche Fortschritte gemacht. Die
bisher am besten untersuchte Vakzine wird derzeit gemeinsam von GSK und Aeras in einer
Phase-IIb-Studie getestet. Der Tuberkulose-Impfsto M72 enthält ein Fusionsprotein aus zwei
Antigenen von Mycobacterium tuberculosis, deren Sequenzen so ausgewählt wurden, dass sie in
vielen pathogenen Bakterienstämmen konserviert vorkommen und bevorzugt von MHC-II-
Molekülen auf Immunzellen präsentiert werden. Zudem wird M72 mit AS01E, also
Monophosphoryl-Lipid-A aus dem gramnegativen Bakterium Salmonella minnesota und dem
Saponin QS21 aus dem Seifenbaum Quillaja saponaria in einer liposomalen Suspension
adjuvantiert. Erste Ergebnisse einer randomisierten Phase-II-Studie lassen darauf schließen, dass
der Impfsto sowohl die Bildung neutralisierender Antikörper als auch eine nachhaltige
Aktivierung von spezi schen T-Helferzellen bewirkt (3). /
 
Literatur 
1. Andre, F. E., et al., Vaccination greatly reduces disease, disability, death and inequity
worldwide. Bulletin of the World Health Organization 86 (2008) 140-144.
2. Ehreth, J., The global value of vaccination. Vaccine 21 (2003) 596-600.
3. Gillard, P., et al., Safety and immunogenicity of the M72/AS01E candidate tuberculosis
vaccine in adults with tuberculosis: A phase II randomised study. Tuberculosis 100 (2016)
118-127.
4. Kutzler, M. A., Weiner, D. B., DNA vaccines: ready for prime time? Nat Rev Genet. 9 (2008)
776-788.
5. Merkle, A., et al., Prüfung von Impfsto en – die Herausforderung der Prüfung komplexer
Kombinationsimpfsto e. Bundesgesundheitsblatt 57 (2014) 1188-1192.
6. Paul-Ehrlich-Institut, Au istungen der Lieferengpässe von Human-
Impfsto en. www.pei.de/DE/arzneimittel/impfsto -impfsto e-fuer-den-
menschen/lieferengpaesse/listen-lieferengpaesse-humanimpfsto e/listen-node.html
7. P eiderer, M., Wichmann, O., Von der Zulassung von Impfsto en zur Empfehlung durch die
Ständige Imp ommission in Deutschland – Kriterien zur objektiven Bewertung von
Nutzen und Risiken. Bundesgesundheitsbl 2014. DOI 10.1007/s00103-014-2109-y
8. Ulmer, J. B., Valley, U., Rappuoli, R., Vaccine manufacturing: challenges and solutions.
Nature Biotechnol. 24 (2006) 1377-1383.
9. Vfa, Bald Impfschutz gegen 35 Krankheiten. Pressemitteilung 009/2016 zur Europäischen
Impfwoche vom 24. bis 30. April. www.vfa-bio.de/vb-de/aktuelle-
themen/branche/nutzen-von-impfsto en-fuer-menschen-und-gesellschaft.html
10. Wack, A., Seubert, A., Hilleringmann, M., Neuartige Impfsto e – Impfen in naher und ferner
Zukunft. Bundesgesundheitsbl. 52 (2009) 1083-1090.

Die Autoren
Theodor Dingermann studierte Pharmazie in Erlangen. Nach der Approbation 1976 folgten
Promotion und 1987 Habilitation. Von 1991 bis 2013 war er Geschäftsführender Direktor des
Instituts für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Jetzt ist er
Seniorprofessor der Universität. Dingermann war von 2000 bis 2004 Präsident der Deutschen
Pharmazeutischen Gesellschaft und arbeitete in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien,
unter anderem bei BfArM. Die Apotheker kennen ihn als Referenten, Autor und Co-Autor von
wissenschaftlichen Fach- und Lehrbüchern. Seit April 2010 ist er externes Mitglied der
Chefredaktion der PZ.
 
Ilse Zündorf studierte Biologie von 1984 bis 1990 an der Universität Erlangen. Nach einem
Forschungsaufenthalt an der University of Kentucky, Lexington, USA, wurde sie 1995 am
Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt promoviert. Zunächst als
Akademische Rätin, seit 2001 als Akademische Oberrätin arbeitet sie am Institut für
Pharmazeutische Biologie der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Forschungsthemen betre en
Herstellung und Charakterisierung monoklonaler Antikörper, Herstellung und Modi kation
rekombinanter Antikörperfragmente sowie die Etablierung von zellulären Testsystemen zur
Wirksto suche.
 
E-Mail: Dingermann@em.uni-frankfurt.de

Zur Übersicht Titel…

Außerdem in dieser Ausgabe…

TEILEN

Datenschutz bei der PZ

THEMEN

Dengue-Fieber Ke u c h h u s t e n Impfen Desoxyribonukleinsäure HPV

Impfsto e Immunsystem Lieferengpass Kinder RNA FSME

Polio EMA PEI

STA R T S E I T E ÜBERSICHT "PHARMAZIE" S E I T E N A N FA N G

Das könnte Sie auch interessieren


Covid-19-Impfsto e

Die zweite Generation


08.01.2021

S A R S - C o V - 2 - I m p f s t o e – Te i l 2

Vektorviren als Plattform 


09.07.2020

S A R S - C o V - 2 - I m p f s t o e – Te i l 3

Impfen mit RNA oder DNA


24.06.2020

Top-Artikel
B.1.1.7 mit Zusatzmutation
1
Neue beunruhigende Variante aus England
Chronische Infektion
2
Wie SARS-CoV-2 mutiert – und weiter mutieren könnte
Fachgesellschaft emp ehlt
3
Lieber raus ins Freie statt Vitamin D schlucken
Doppelt soll besser halten
4
Sind zwei Masken übereinander sinnvoll?
Studie zu Impfsto -Kombinationen
5
Erst Astra-Zeneca, dann Biontech?

Mehr von Avoxa

Pharmazie
Wochenübersicht

Medizin
Wochenübersicht

Politik & Wirtschaft


Wochenübersicht

Arzneisto e
Wirksto
Präparat
Jahrgang
Indikation

AMK-Nachrichten

Veranstaltungen
Expopharm
Pharmacon@home
Pharmacon Meran
Pharmacon Schladming
PZ-Management-Kongress
DAV-Wirtschaftsforum
Themen

Neue Produkte

Service
Termine
Fachinfos
Links
Pollen ugvorhersage
Giftinfo
PZ-Markt
Artikelsuche

Meine PZ
PTA-Forum
Newsletter
Abonnement-Service
Abonnement-Shop
Ausgaben
RSS-Feed
Themen-E-Mail

Weitere Infos
Wir über uns
Impressum
Datenschutz
Kontakt
Mediadaten

© 2021 Avoxa - Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH