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Wolfgang Chesnais

Büchereien Wien. Am Gürtel


Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

Die Fremdsprachenbibliothek in der Hauptbücherei


Wien

Projektarbeit im Rahmen der hauptamtlichen Ausbildung für


Bibliothekar/innen
(Ausbildungslehrgang 2002-2004/B)

Eingereicht am 9. Jänner 2004


Wolfgang Chesnais

Büchereien Wien. Am Gürtel


Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

Abstract:
Die Fremdsprachenbibliothek in der Hauptbücherei Wien

Die letzten vier Jahre waren Zeiten des Umbruchs für die Hauptbücherei insgesamt,
insbesondere aber auch für deren Bestand an fremdsprachigen Medien. Zwei Leitbilder
haben den Entstehungsprozeß der Fremdsprachenbibliothek von Anfang an begleitet.
Einerseits das Leitbild der sozial-integrativen Bibliotheksarbeit: Sie soll einen Beitrag
zur Integration von MigrantInnen und ethnischen Minderheiten leisten, indem sie
Bücher, Zeitschriften und audiovisuelle Medien in deren Sprachen zur Verfügung stellt.
Andererseits verstehen sich Öffentliche Bibliotheken als Bildungszentren, als ein
unverzichtbarer Bestandteil im Bildungssystem. Auch unter diesem Gesichtspunkt
kommt einer Fremdsprachenbibliothek steigende Bedeutung zu. Die vorliegende Arbeit
untersucht, nach welchen Kriterien der Bestandsaufbau in einer
Fremdsprachenbibliothek erfolgen kann, welche Zielgruppen angesprochen werden
können und welche Besonderheiten bei Erwerbung, Bestanderschließung, Präsentation
und Promotion in der Praxis zu beachten sind.
Danksagung

Folgenden Personen habe ich für Informationen und aufgewendete Zeit zu danken:

Mag. Sándor Békési


Univ. Prof. Dr. Peter Cichon
Ulrike Dörfler
Tanja Fottner
Rainer Grill
Majda Janežič
Dr. Inge-Anna Koleff
Margareta Lindner
Emilie Locatin
Gülay Olt-Sahiner
Mag. Claus Oszuszki
Zofia Reinbacher
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Die Geschichte der fremdsprachigen Medien an der Hauptbücherei Wien 3

2.1. „Da könnte ja jeder kommen!“ 3


2.2. Chronologie eines Bestandsaufbaus 4
2.3. Die beteiligten BibliothekarInnen 5

3. Was rechtfertigt - angesichts der Kosten und knapp bemessenem Budget - den

Aufbau einer Fremdsprachenbibliothek? 7

3.1. Die Fremdsprachenbibliothek im Rahmen des Leitbilds der Öffentlichen


Bibliotheken Österreichs 7
3.2. Die sozial-integrative Funktion einer Fremdsprachenbibliothek 7
3.3. Sozialarbeit oder Bibliotheksarbeit? 9
3.4. Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern hat auch
identitätsstiftende Funktion 10
3.5. Soziale und kulturelle Akzeptanz von Migrantensprachen 12
3.6. Medienangebote in der Sprache der ZuwanderInnen: Hilfe oder Hindernis
auf dem Weg zur Integration? 13
3.7. Die Fremdsprachenbibliothek im Rahmen des Leitbilds „Bildungszentrum
Öffentliche Bibliothek“ 15

4. Welche Sprachen kommen für die Fremdsprachenbibliothek in Frage? 17

4.1. Weltsprachen 15
4.2. Sprachen der Nachbarländer, der MigrantInnen und der österreichischen
Minderheiten 19
4.3. (Konkurrenz)angebot und Nachfrage 22

5. Bestandsaufbau in der Fremdsprachenbibliothek 23

5.1. Grundregeln für den Bestandsaufbau 23


5.2. Die Zielgruppen einer Fremdsprachenbibliothek 24
5.3. Auswahlkriterien 25
5.4. „Easy Readers“ – ein Angebot für LeserInnen mit geringen und mittleren
Sprachkenntnissen 27
5.4.1. Französisch-Lektüren 27
5.4.2. Spanisch-Lektüren 28
5.4.3. Italienisch-Lektüren 30
5.4.4. Russisch-Lektüren 31
5.4.5. Lektüren in anderen Sprachen 32
5.4.6. Reclams Rote Reihe: Fremdsprachentexte 32
5.4.7. Zweisprachige Ausgaben und Mischtexte 32

6. Bestandserschließung und Präsentation bei fremdsprachigen Medien 34

6.1. Formalerschließung 34
6.2. Sacherschließung, Präsentation und Bestandsaufstellung 36

7. Ungarische Bücher in der Fremdsprachenbibliothek: ein college-übergreifendes

Projekt 40

7.1. Die sprachliche Situation des Ungarischen im österreichischen und Wiener


Kontext 40
7.2. „Projekt“ Ungarisch 41
7.3. Die Aufgabenstellung 41
7.4. Die Projektplanung und Projektvorbereitung 41
7.5. Die Projektdurchführung 42
7.6. Kreativer Umgang mit Abhängigkeiten und Prioritätskonflikten 42
7.7. Promotion und Werbung 42
7.8. Erfahrungen, Konsequenzen und Desiderate für die Zukunft 43

8. Fremdsprachige Medien in der Münchner Stadtbibliothek 44

8.1. Allgemeines über München 44


8.2. Die Münchner Bibliothekslandschaft 44
8.3. Arbeitsteilung im System der Münchner Stadtbibliothek 45
8.4. Fremdsprachige Medien in der Zentralbibliothek Am Gasteig 45
8.5. Türkische Medien in der Münchner Stadtbibliothek 47

9. Epilog: Die Geburtsstunde der Fremdsprachenbibliothek in der Hauptbücherei Wien

am Gürtel 49

Anhang: Wiener Wohnbevölkerung nach Umgangssprachen. Ergebnisse der


Volkszählung 2001 50
Interviews 51
Verzeichnis der verwendeten Literatur 51
Erklärung 57
1

1. Einleitung

„L’étranger est celui qui travaille.“1 Nach Ansicht von Julia Kristeva fühlen sich die
Fremden als überzählig und sind bestrebt, ihr Hiersein durch Arbeit zu rechtfertigen.
Auch die Existenz einer Fremdsprachenbibliothek ist nicht selbstverständlich. Das
Verhältnis des Wiener Büchereisystems zu fremdsprachigen Medien war anfangs voller
Ambiguitäten. Niemand, der sich nicht theoretisch dazu bekannt hätte, und doch schien
es ein Arbeitsbereich zu sein, der sich ständig rechtfertigen muß. Viele KollegInnen
reagierten auf diese Widersprüche, indem sie die für die fremden Bücher anfallenden
Arbeiten neben oder zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben zu bewältigen versuchten:

„Diese vier Jahre sind dann irgendwie so verlaufen, dass ich einfach 40 Stunden in der Hauptbücherei
Bibliothekarin war, irgendwie immer geschaut habe, wo Zeit ist, wenn die anderen rauchen oder einen
Kaffee trinken und wo ich halt dann schnell etwas mache und das ist mit der Zeit immer unhaltbarer
geworden.“2

Die Fremden sind bestrebt, wenig aufzufallen, nicht im Weg zu stehen, und auch hier
finden sich bei näherer Betrachtung einige Parallelen:

„Du kannst Dir eh vorstellen, Du bist neu und merkst, es ist kein Raum, keine Zeit, Du willst ja
niemandem im Weg stehen, Du suchst Dir schon, wo Du niemanden störst, und es stellt sich heraus, du
störst immer und überall, und Du versuchst das zu besprechen, das geht halt auch nicht, weil man sagt:
‚Na ja, es geht halt jetzt nicht.’ Es ist niemand da, (...) der versucht dafür Raum zu schaffen oder einfach
darüber zu reden: Wieviel Raum sind wir bereit, Dir dafür einzuräumen. (...) Es hat niemanden
interessiert. Das ist soweit gegangen, daß ich zu Hause Buchkarten geschrieben habe (...) und das ganze
Material, die Zugangslisten und lauter so Sachen und mit der Zeit hab ich mir gedacht: ‚Bin ich
verrückt?’“3

Fremdsprachige Medien – so der Tenor vieler Interviews – wurden als weniger wichtig
eingestuft. Es war ein Bereich, der nicht zuviel Zeit kosten durfte, die Zeit, die dann für
die richtige Arbeit fehlen würde. Ähnlich knapp wie die Zeit war auch der Raum. In der
Hauptbücherei landeten türkische Bücher bis ins Jahr 1999 fast umgehend im Magazin.

„Darum habe ich es so gemacht, im Jahr 1995, 96 und so, ich hab immer der HB wenige Bücher gegeben,
kaum, damit nicht meine Bücher umsonst im Magazin stehen (...). Daher habe ich mich auch so gefreut,
der Claus hat auf meine Arbeit Wert gelegt und mich ernst genommen und da war ich sehr überrascht,
was ist los da! Sogar ein ganzes Regal hat er mir gegeben und das war großartig für mich.“4

Die Büchereien Wien waren durchaus erfolgreich darin, ihre Leistungen für die
Integration der ausländischen MitbürgerInnen nach außen hin zu kommunizieren.5 Aber

1
Julia Kristeva: Étrangers à nous-mêmes. Paris: Gallimard, 2001. (Folio Essais ; 156). S. 30
2
Interview mit Majda Janežič vom 22. 02. 2003
3
Ebda.
4
Interview mit Gülay Olt-Sahiner vom 20. 05. 2003
5
vgl. Kind in Wien : ein Stadtführer für alle, die in Wien mit Kindern zu tun haben / Redaktion: Ulrike
Gottwald...- Wien : Falter-Verl., 2002. – S. 324: „In mehreren Büchereien gibt es fremdsprachige
Kinderliteratur auch in Türkisch und Serbokroatisch. Die Büchereien haben eine eigene türkische
Mitarbeiterin, die auch Animation in den Büchereien mit türkischem Buchbestand macht.“
2

die für türkische Medien verantwortliche Bibliothekarin, die maßgeblich am


Zustandekommen solcher Erfolgsberichte beteiligt war, erhielt erst nach zwölf Jahren
Tätigkeit das erste Mal einen eigenen Schreibtisch zugeteilt. Nicht zuletzt schlägt sich
die geringe Wertigkeit, die fremdsprachigen Medien zugesprochen wird, bis heute auch
in ökonomischen Überlegungen nieder. Wenn das Budget knapp wird, so ist es oft
dieser Bereich, bei dem zuerst der Sparstift angesetzt wird.
Angesichts dieser Umstände wird über Argumente nachzudenken sein, die für eine
Fremdsprachenbibliothek sprechen können. Am Anfang soll aber ein Rückblick stehen,
um zu sehen, wie es überhaupt zur Aufnahme fremdsprachiger Medien in die
Hauptbücherei gekommen ist.
3

2. Die Geschichte der fremdsprachigen Medien an der Hauptbücherei


Wien

2.1. „Da könnte ja jeder kommen!“

Schon die ersten Versuche, fremdes Kulturgut in die Städtischen Büchereien Wiens
einzuschleusen, standen unter keinem guten Stern. Die folgende Geschichte6 spielt im
Jahr 1981, der polnische Dichter Czesław Miłosz hatte ein Jahr zuvor den Nobelpreis
für Literatur erhalten, ein Autor, der in seinem Heimatland nicht einmal gelesen werden
durfte. In Wien aber lebte eine wachsende Zahl polnischer EmigrantInnen, von denen
einige in engem Kontakt mit den meist in Paris beheimateten Exilverlagen standen. Eine
dieser jungen Intellektuellen war Zofia Reinbacher. In ihrer Wohnung hatten die
polnischen Exilverlage ihre Wiener Dépendance eingerichtet, sie belieferte die
Buchhandlung Kolisch, die damals – in Kommission - auch polnische Bücher verkaufte,
sie studierte und arbeitete nebenbei als Dolmetscherin im Flüchtlingslager Traiskirchen.
Dort wurde sie mit dem Schicksal vieler mittelloser polnischer EmigrantInnen
konfrontiert. Sie hatte die Idee, sie mit Büchern zu versorgen, um ihre
Orientierungslosigkeit zu lindern und ihnen eine geistige Beschäftigung anzubieten. Als
Partner kam dafür die Hauptbücherei in der Skodagasse in Frage. Frau Reinbacher lebte
schon lang genug in Wien, um zu wissen, daß eine formlose Anfrage wenig
erfolgversprechend war. Sie hatte aber einen österreichischen Bekannten, der zufällig
Jurist war, und der für sie eine Eingabe an das Magistrat formulierte. Diese Eingabe
enthielt folgende Punkte:

1) Die Hauptbücherei würde gratis polnische Bücher von den Exilverlagen zur
Verfügung gestellt bekommen.
2) Zusammen mit einer Freundin würde sie die Werbung übernehmen, Flugzettel
drucken und diesen Buchbestand unter den polnischen EmigrantInnen bekannt
machen.
3) Sie würden die Benutzungsordnung ins Polnische übersetzen und drucken
lassen.
4) Sie und ihre Freundin, eine Werkstudentin, würden zu festgelegten Zeiten gratis
in der Hauptbücherei anwesend sein und die polnischen LeserInnen betreuen.

6
Erzählt wurde sie mir mehrmals von Zofia Reinbacher, der Besitzerin der Polnischen Buchhandlung
Wiens (Xiegarnia Polska), gegründet am 3. Mai 1984. Adresse: Burggasse 22, 1070 Wien.
Öffnungszeiten: Montag – Freitag 14 - 19.30, Samstag 9 – 12.30. Auf Band aufgenommen am 20. 05.
2003.
4

5) Zerlesene Exemplare würden laufend wieder von den polnischen Exilverlagen


ersetzt werden.
Heute würde man sagen: ein richtiges „Projekt“! Die Eingabe machte offenbar
Eindruck. Zofia Reinbacher wurde vorgeladen und – mit ausgesuchter Höflichkeit –
von einem hohen Magistratsbeamten empfangen. Leider mußte aber abschlägig
entschieden werden. Dafür führte der Beamte drei Gründe an:
1) Bei den Städtischen Büchereien Wiens beherrscht niemand die polnische
Sprache. Die Bücher müßten aber auf ihren Inhalt geprüft werden (es war dies
offenbar eine Zeit, als noch jedes Buch von den BibliothekarInnen gelesen
werden konnte, bevor es ins Regal gestellt wurde).
2) In der vorgeschlagenen Form handelt es sich um eine Art von Privatinitiative,
die mit den Strukturen der Gemeinde Wien unvereinbar ist.
3) Da könnte ja jeder kommen! Es gibt ja auch Türken in Wien oder Jugoslawen
und alle Immigrantengruppen würden dann Bücher in ihrer eigenen Sprache
haben wollen.
Zehn Jahre später war es soweit, daß dieses Worst-Case-Szenario tatsächlich Realität
werden sollte.

2.2. Chronologie eines Bestandsaufbaus

Etwas später als die bundesdeutschen Bibliotheken ging die Hauptbücherei in Wien
tatsächlich daran, fremdsprachige Bücher in ihr Programm aufzunehmen. 1987 sorgte
der damalige Lektor Dr. Pfoser für einen Grundbestand an englischsprachiger Literatur.
Ende der achtziger Jahre bildete sich innerhalb der Städtischen Büchereien Wiens ein
„Arbeitskreis für fremdsprachige Literatur“. Die damals geplante Weltausstellung
diente als Aufhänger für die Forderung nach einer „interkulturellen öffentlichen
Bücherei“.7 Sie sollte „Lesemöglichkeiten“ in den Sprachen der Minderheiten und
Zuwanderer bereitstellen. Im Februar 1991 wurde Gülay Olt-Sahiner eingestellt, die
neben ihrer Tätigkeit als Kinderanimateurin und neben dem normalen Ausleihdienst
zuerst für sieben, dann für 26 Zweigstellen (derzeit sind es nur mehr vierzehn) einen
Bestand an türkischsprachigen Medien zusammenstellte.8 1992 kam Majda Janežič als
Bibliothekarin in die Hauptbücherei. Neben ihrer regulären Tätigkeit bestellte sie
serbokroatische Bücher, sowohl für die Hauptbücherei selbst wie für ausgesuchte

7
vgl. die Aussendung des Arbeitskreises für fremdsprachige Literatur vom 06.10.1989 : „Betrifft:
Gründung einer interkulturellen öffentlichen Bücherei“, S.1
8
vgl das Interview mit Gülay Olt-Sahiner vom 20. 05. 2003
5

Zweigstellen.9 Ende 1999 fanden die LeserInnen schon Bücher in vier Fremdsprachen
in der Hauptbücherei vor: Englisch, Französisch, Türkisch und „Serbokroatisch“. Im
Hinblick auf die geplante Übersiedlung in das neue Haus am Gürtel standen in den
folgenden drei Jahren beträchtliche finanzielle Mittel zur Verfügung, die auch den
fremdsprachigen Medien zugute kamen. Bis November 2002 wuchs der Bestand auf
7000 Medien in 15 Sprachen an: Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Englisch, Französisch,
Italienisch, Ladinisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Slowakisch,
Slowenisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch, Ungarisch. Im Laufe des Jahres 2003,
dem ersten Jahr am neuen Standort Urban-Loritz-Platz, kamen noch weitere Sprachen
dazu, wenn auch oft nur in kleinen und kleinsten Bestandsgrößen: Arabisch, Chinesisch,
Hebräisch, Jiddisch, Alt- und Neugriechisch, Lateinisch, Niederländisch, ja sogar einige
Bücher in Esperanto.

2.3. Die beteiligten BibliothekarInnen

Am Aufbau der Fremdsprachenbibliothek waren und sind eine große Anzahl von
BibliothekarInnen beteiligt. Kontinuität besteht in der Betreuung der türkischen und der
serbisch-kroatisch-bosnischen Medien. Neben ihrer Lektoratstätigkeit bietet Gülay Olt-
Sahiner – auch für die Hauptbücherei - zahlreiche Veranstaltungen für türkische Kinder
und Jugendliche an. Majda Janežič betreut neben den serbisch-kroatisch-bosnischen
Medien auch den Buchbestand in slowenischer Sprache.
Bis September 2001 war Monika Koller innerhalb der Hauptbücherei für englische und
französische Bücher zuständig. Die Bestellung der College-LeiterInnen und die
Neuorganisation der Leitungsfunktionen10 brachten auch für den Bereich der
fremdsprachigen Medien erhebliche Veränderungen mit sich. Rudolf Kraus hatte ab
September 2001 die Budgethoheit inne und konnte entscheiden, welche Sprachen
künftig in der Fremdsprachenbibliothek angeboten werden. Darüber hinaus nahm
Rudolf Kraus auch den Einkauf der spanischen, portugiesischen und ladinischen Bücher
sowie sämtlicher fremdsprachiger AV-Medien vor. Besonders oft wechselten die
Kompetenzen in der Italienisch-Abteilung. Den Grundstein legte Mag. Claus Oszuszki,
später hatte Rainer Grill, zuletzt Mag. Thomas Geldner den Einkauf italienischer
Bücher über. Mag. Thomas Geldner beerbte Rainer Grill auch bei den englischen
Büchern und er betreute im Jahr 2003 auch die neue Niederländisch-Abteilung. Rainer
Grill selbst hatte vor seinem Ausscheiden noch Bücher in arabischer und hebräischer
9
vgl das Interview mit Majda Janežič vom 22. 02. 2003
10
vgl. Christian Jahl: Der Beginn der Arbeit mit den CollegeleiterInnen : zur Transformation der
Organisation Hauptbücherei – neue Hauptbücherei. In: Büchereien Wien: Jahresbericht 2001, S. 30
6

Sprache eingekauft. Die ausgebildete Slawistin Mag. Sykora-Bitter hat das Lektorat für
die slawischen Sprachen Russisch, Polnisch, Tschechisch und Slowakisch inne, die
ersten Bestände in russischer Sprache waren aber noch von Mag. Angelika Wimmer
ausgesucht worden. Die Beteiligung von Mag. Sándor Békési am Projekt
Fremdsprachenbibliothek wird im Abschnitt 7 dieser Arbeit exemplarisch vorgestellt
werden. In den Zeiten vor der College-Einteilung haben noch zahlreiche andere
KollegInnen Impulse für die Fremdsprachenabteilung gegeben, von denen
stellvertretend hier noch Zahava Hindler, Hans-Peter Interkörner, Karl Miszler und
Snjezana Steiner-Marusevec erwähnt werden sollen.
7

3. Was rechtfertigt - angesichts der Kosten und knapp bemessenem


Budget - den Aufbau einer Fremdsprachenbibliothek?

Die Mittel, die zum Medienankauf zur Verfügung stehen, sind begrenzt. Auch der
Raum, der selbst in großzügig bemessenen Bibliotheken wie der neuen Hauptbücherei
Wien zur Verfügung steht, muß ökonomisch genutzt werden. Was rechtfertigt in diesem
Zusammenhang den Aufbau einer Fremdsprachenbibliothek? Es bietet sich an, sich an
jenen Leitbildern zu orientieren, zu denen sich die Öffentlichen Bibliotheken ihrem
eigenen Selbstverständnis nach bekennen.

3.1. Die Fremdsprachenbibliothek im Rahmen des Leitbilds der Öffentlichen


Bibliotheken Österreichs

In der Generalversammlung des BVÖ am 21. Juni 2002 war das zukünftige Leitbild der
Öffentlichen Bibliotheken Österreichs beschlossen worden.11 Die wesentlichen
Aufgaben der Öffentlichen Bibliotheken liegen auf den Gebieten der Bildung, der
Kultur, der Information und der sozialen Integration. Zwei Leitbilder haben besondere
Relevanz, wenn von fremdsprachigen Medien die Rede ist. Einerseits das Leitbild der
sozial-integrativen Bibliotheksarbeit: Sie soll einen Beitrag zur Integration von
MigrantInnen und ethnischen Minderheiten leisten, indem sie Bücher, Zeitschriften und
audiovisuelle Medien in deren Sprachen zur Verfügung stellt. Andererseits verstehen
sich Öffentliche Bibliotheken als Bildungszentren, als ein unverzichtbarer Bestandteil
im Bildungssystem. Auch unter diesem Gesichtspunkt kommt einer
Fremdsprachenbibliothek steigende Bedeutung zu. In der Folge sollen diese beiden
Aufgabenfelder näher beleuchtet werden: Was kann eine Fremdsprachenbibliothek in
den Bereichen Integration und Bildung für das Gemeinwesen leisten?

3.2. Die sozial-integrative Funktion einer Fremdsprachenbibliothek

Spätestens seit den siebziger Jahren stellt sich in Österreich die Frage nach der
Integration der „Gastarbeiter“ und Zuwanderer. Wie in anderen westeuropäischen
Staaten wurde die „Ausländerfrage“ lange als rein soziale Problematik aufgefaßt, ohne
an die kulturellen und sprachpolitischen Implikationen des wachsenden
Immigrantenstromes zu denken.12 Eine vom Deutschen Bibliotheksinstitut
herausgegebene Broschüre mit dem Titel „Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken“ hält
aber schon im Jahre 1984 fest: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß es einen
11
vgl. Sozial-integratives Zentrum Öffentliche Bibliothek. In: Büchereiperspektiven Heft 4/2002, S. 2
12
vgl. Harald Haarmann: Die Sprachenwelt Europas. Geschichte und Zukunft der Sprachnationen
zwischen Atlantik und Ural. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus Verlag, 1993. S. 111
8

gesellschaftlichen Wert darstellt, wenn neben der deutschen Sprache auch die
Herkunftssprache – auch durch Medien aus der Bibliothek – erhalten und gepflegt
wird.“13 In dieser Broschüre werden auch Bestandsnormen festgelegt. Die Bibliotheken
werden angehalten, den Ausländeranteil in ihrem Einzugsgebiet als Grundlage für den
Bestandsaufbau heranzuziehen.14 Ende der achtziger Jahre hatte sich innerhalb der
Städtischen Büchereien Wiens ein „Arbeitskreis für fremdsprachige Literatur“ gebildet.
Die beiden Sprecherinnen des Arbeitskreises, Renate Obadalek und Maria Hirsch,
bezeichneten die bestehenden Fremdsprachenbestände als ungenügend, zumal sie nur
die beiden Weltsprachen Englisch und Französisch umfaßten:15

„Vor allem österreichischen Sprachminderheiten sowie den in Wien ansässigen Angehörigen türkischer,
jugoslawischer, ungarischer, tschechischer Nationalität werden keine Lesemöglichkeiten in öffentlich
zugänglichen Büchereien geboten. (...) Die Vermittlung gegenseitigen Verstehens und der Abbau von
Vorurteilen gegenüber benachbarten Kulturen soll die Aufgabe einer interkulturellen öffentlichen
Bücherei sein.“16

Die Autorinnen beriefen sich weiters auf eine Bestimmung der „österreichischen
UNESCO-Kommission“: „Es sei (...) daran erinnert, daß es ein Grundrecht des
Menschen ist, in seiner Muttersprache schreiben und lesen zu können und dies auch
ausüben zu können (...).17
Über zehn Jahre später sind diese Forderungen zum expliziten Programm geworden, mit
dem sich die Büchereien Wien nach außen präsentieren. Für die neue Hauptbücherei am
Urban-Loritz-Platz wurde auch ihre besondere Lage ins Treffen geführt: Beide
angrenzenden Bezirke weisen einen hohen Zuwandereranteil in der Bevölkerung aus.18
Der Leiter der Hauptbücherei, Christian Jahl, sieht hier einen klaren Auftrag für das
Medienangebot seiner Bibliothek:

„Integration heißt nicht die eigene Herkunft zu vergessen. Darum soll die Auseinandersetzung mit der
eigenen Kultur durch die Bereitstellung von Medien in den Muttersprachen erleichtert werden.“19

Fast gleichlautend nimmt die Repräsentantin des Zweigstellensystems zu diesem Thema


Stellung.20 Karin Claudi verweist jedoch noch auf einen anderen Aspekt: Es gibt derzeit

13
Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken. Arbeitshilfen, Adressen, Informationen. Berlin : Dt.
Bibliotheksinst., 1984. (Dbi-Materialien ; 34), S. 114
14
vgl. ebda.
15
vgl. die Aussendung des Arbeitskreises für fremdsprachige Literatur vom 06.10.1989 („Betrifft:
Gründung einer interkulturellen öffentlichen Bücherei“), S.1
16
Ebda.
17
Ebda.
18
vgl. Christian Jahl: Eine Brücke zu den Menschen. Sozial-integrative Bibliotheksarbeit in den
„Büchereien Wien. Am Gürtel“. In: BüchereiPerspektiven Heft 4/2002, S.3
19
Ebda.
20
vgl. Karin Claudi: Einen Beitrag zur Chancengleichheit leisten. Sozial-integrative Arbeit in den
Zweigstellen der Büchereien Wien. In: BüchereiPerspektiven Heft 4/2002, S. 7
9

in Wien keine Buchhandlung, die türkische Bücher anbietet. Bibliotheken haben dort
einzuspringen, wo andere Bezugsquellen für Literatur nicht vorhanden sind21: „Gerade
aber weil es so schwierig ist an Medien in diesen Sprachen zu kommen, ist es uns
wichtig sie in unseren Zweigstellen bereitzustellen und damit einem größeren
NutzerInnenkreis zugänglich zu machen.“22
In diesen – schriftlich-offiziellen - Stellungnahmen bleiben Fragen der Rentabilität oder
Finanzierbarkeit einer Fremdsprachenbibliothek völlig ausgeklammert. Wie kommt es,
daß oft genau diese Themen an erster Stelle stehen, sobald in informellen Gesprächen
von fremdsprachigen Medien die Rede ist?

3.3. Sozialarbeit oder Bibliotheksarbeit?

Im „Leitbild der Öffentlichen Bibliotheken Österreichs“ werden Bibliotheksangebote


für MigrantInnen im Kontext mit bibliothekarischen Sonderformen wie Spitals- oder
Gefängnisbibliotheken abgehandelt:

„Öffentliche Bibliotheken entwickeln (...) Sonderformen bibliothekarischer Versorgung - zum Beispiel


PatientInnenbibliotheken, SeniorInnenbibliotheken, Gefängnisbibliotheken. Sie bringen die Bücher zu
den Menschen und übernehmen dort die mediale Betreuung von körperlich gehandicapten Menschen oder
gesellschaftlichen Randgruppen. Im Zusammenwirken mit Kooperationspartnern widmen sie sich
Zielgruppen der sozial-integrativen Bibliotheksarbeit wie MigrantInnen, Arbeitslosen, Behinderten,
Informations-Armen und Sekundäranalphabeten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration von
Zuwanderern und von ethnischen Minderheiten, indem sie Bücher, Zeitschriften und audiovisuelle
Medien in deren Sprachen zur Verfügung stellen, und zwar in den Bibliotheken ihrer Wohngebiete.23

Gewiß: Der Text verwehrt sich an gleicher Stelle gegen „missionarische Ansätze und
Fürsorgegesinnung“ und macht „das Recht auf Erfüllung von Ansprüchen“ geltend.24
Dennoch wird die sozial-integrative Zielsetzung ausdrücklich betont. Andererseits
wurden die Wiener Lehrlings- und Patientenbüchereien im Sommer und Herbst 2003
geschlossen, und zwar genau mit dem Argument, daß diese Formen bibliothekarischer
Arbeit nicht zu den Kernaufgaben der Büchereien Wien gezählt werden können. Noch
aus einem zweiten Grund kann es sich als kontraproduktiv erweisen, wenn
Fremdsprachenbibliotheken primär als Sozialarbeit für benachteiligte
Bevölkerungsgruppen angesehen werden:

„The attempt to justify the necessity and the right to exist for this library work exclusively on the basis of
linguistically-caused disadvantages of those concerned and, on the basis of the conclusions derived from

21
vgl. dazu auch Gerald Leitner: Kinder- und Jugendliteratur in Österreichs Öffentlichen Bibliotheken.
In: Gerald Leitner und Silke Rabus (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Einführung, Strukturen,
Vermittlung in Bibliotheken. Wien : Büchereiverband Österreichs, 1999, (BVÖ-Materialien ; 6), S. 192ff
22
Karin Claudi, op. cit., S. 7f
23
Die Bibliothek der Zukunft – Die Zukunft der Bibliotheken : Leitbild der Öffentlichen Bibliotheken
Österreichs ; einstimmig beschlossen von der Generalversammlung des Büchereiverbandes Österreichs /
Büchereiverband Österreichs. Wien : [Folder], o. J., [S. 10]
24
vgl. ebda.
10

this, to regard it as a subsection of ‘social library work’ was fatal for two reasons. Firstly, a social but a
not really genuine area of duty can very easily be terminated or reduced in time when money is tight.
Secondly, this point of view intrinsically contains the assumption that in the course of time special
services for foreigners will become superfluous, more specifically at the latest when language
competencies will allow them to use the regular holdings.25

Es ist ein legitimes Anliegen, wenn man jenem Teil der MigrantInnen, die die deutsche
Sprache (noch) nicht oder nur ungenügend beherrschen, Medien in ihrer Muttersprache
zur Verfügung stellt. Diese BenutzerInnen können jedoch nicht als die alleinige
Zielgruppe einer Fremdsprachenbibliothek angesehen werden. Umgekehrt bedeutet die
Beherrschung der deutschen Sprache nicht unbedingt, daß kein Interesse oder Bedarf
mehr an Büchern in der Muttersprache besteht. Auch MigrantInnen, die perfekt deutsch
sprechen, auch solche der zweiten und dritten Generation, werden vielleicht den
Kontakt mit ihrer Herkunftssprache aufrechterhalten oder literarische Texte im Original
lesen wollen. Nicht zuletzt werden sie dann auf Informationsquellen in ihrer
Muttersprache angewiesen sein, wenn sie sich über aktuelle Entwicklungen in ihrem
Herkunftsland auf dem Laufenden halten wollen. Hier geht es weder um
Sprachbeherrschung, noch um Sozialarbeit, die gesuchten Inhalte sind einfach auf
Deutsch nicht erhältlich.26

3.4. Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern hat auch


identitätsstiftende Funktion

Dieses Argument hört man oft: Bedeutet Integration nicht eigentlich, die Sprache, die
Gebräuche und das Wertesystem des „Gastlandes“ zu übernehmen? Sollten unsere
LeserInnen, auch wenn sie türkischer Herkunft sind oder ihre Eltern aus dem
ehemaligen Jugoslawien stammen, in diesem Fall nicht ohnehin alle Bücher auf
Deutsch lesen können? Auch die ImmigrantInnen selber sind manchmal bereit, auf den
Gebrauch und die Weitergabe ihrer Muttersprache völlig zu verzichten. Wir wissen, daß
auch die Kompetenz in der Muttersprache nachläßt, wenn sie über einen längeren
Zeitraum nicht mehr im Gebrauch ist. Eine Ingenieurin aus Shanghai, seit zehn Jahren
in Österreich ansässig, hat keinerlei Kontakt mit Menschen aus ihrer Heimat. Ihr
Deutsch ist gut, aber nicht fehlerfrei. Ihre beiden Kinder haben von ihr nicht eine
einziges Wort auf Chinesisch gelernt, obwohl ihr Mann, ein Lehrer, durchaus für eine
zweisprachige Erziehung aufgeschlossen wäre. Eine kleine Umfrage unter in Wien

25
Tarik Seden: Changes in Multi-Cultural Library Activities for Ethnical Minorities as Exemplified by
Berlin. Berlin : [unveröffentl. Manuskript], 2003, S. 4 [Vortrag im Rahmen des Workshops: Multicultural
Libraries in German Speaking Countries : Status and Prospects, August 7th 2003]
26
vgl. zu diesem Aspekt ebenfalls Tarik Seden: Changes in Multi-Cultural Library Activities for Ethnical
Minorities as Exemplified by Berlin, op. cit., S. 6f
11

lebenden RumänInnen ergab, daß die Mehrheit bei der Volkszählung als gebräuchliche
Umgangssprache nur Deutsch angegeben hat, obwohl Mehrfachnennungen möglich und
die Umfrage anonym war. Man kann beobachten, daß Mütter ihren Kindern verbieten,
rumänisch zu reden. Die Verschleierung der eigenen Herkunft ist übrigens bereits ein
rekurrentes Motiv in der rumänischen (Kriminal-)Literatur.27 Wie es Menschen geht,
die den Kontakt mit ihrer Mutter- oder Herkunftssprache verloren haben oder vielleicht
überhaupt keine Sprache mehr wirklich beherrschen, ist noch wenig erforscht worden.
Linguisten sind sich aber weitgehend darin einig, daß der Sprache auch eine
identitätsstiftende Bedeutung zukommt:

„Sprache greift tief in die menschliche Existenz ein. Sprache wirkt nicht erst dann und dadurch, daß
Menschen miteinander kommunizieren, sondern Sprache ist ganz entscheidend am Prozeß der
Sozialisation und an der Identitätsfindung des Individuums beteiligt. Erst vor kurzem ist herausgearbeitet
worden, daß der Prozeß der Identitätsbildung beim Individuum der alles entscheidende Motor für dessen
Sozialverhalten und seine Fähigkeit ist, sich ein kulturelles Umfeld aufzubauen.“28

Ähnlich argumentiert der französische Sprachwissenschaftler Claude Hagège:

„Il convient de reconnaître qu’en réalité, la perte de langue est celle de l’instrument même par lequel une
culture s’exprime le plus directement. C’est une perte grave pour le maintien d’une identité et pour la
force symbolique que l’usage de la langue confère à cette dernière.“29

Auch die Betroffenen sprechen oft von der Angst, den Gebrauch der Muttersprache zu
verlernen, wenn sie sich über längere Zeit in einem fremden Sprachgebiet aufhalten:

„Als ich hierherzog, konnte ich ein ziemlich gutes „Schuldeutsch“, das sich im Laufe der Jahre erheblich
gebessert hat, so daß ich heute fast fehlerfrei und fast ohne Akzent spreche, Freude daran habe, auf
deutsch zu schreiben und manchmal von der panischen Angst ergriffen werde, ich könnte feststellen, daß
ich jetzt diese Fremdsprache besser als meine eigene beherrsche. Dann stürze ich mich kopfüber in
italienische Lektüre.“30
„(...) auch die Umgangssprache beziehungsweise der Umgang mit meinen Landsleuten bereitet mir
Schwierigkeiten, wie ich heute nach meiner Ankunft festgestellt habe. Wenn ich mit ihnen spreche,
spreche ich langsam, stockend, jede Satzkonstruktion mir genau überlegend.“31
„Manchmal verwende ich Redewendungen oder Sprichwörter, die es im Türkischen gar nicht gibt. Das
merke ich, wenn die Leute mich nicht verstehen und fragend anschauen.“32
„Das Türkische, meine Muttersprache, die für mich wie eine Fremdsprache klingt.“33

27
vgl. z. B. Julien Tǎnase: Agentul Edward între a fi sau a nu fi. Bukarest : Editura Allfa, 1999 (Pisica
neagrǎ; 1), S. 53
28
Harald Haarmann: Babylonische Welt : Geschichte und Zukunft der Sprachen. Frankfurt am Main :
Campus-Verl., 2001, S.27
29
Claude Hagège: Halte à la mort des langues. Paris: Odile Jacob, 2000, S. 219f
30
Dora Ott-Mangini: Turnhalle für Sprachübungen. In: In zwei Sprachen leben : Berichte, Erzählungen,
Gedichte von Ausländern / hrsg. von Irmgard Ackermann. München : Dt. Taschenbuch-Verl., 1992,
S. 189
31
Alev Tekinay: Langer Urlaub. In: In zwei Sprachen leben, op. cit., S. 197
32
Alev Tekinay: Langer Urlaub. In: In zwei Sprachen leben, op. cit., S. 203
33
Alev Tekinay: Langer Urlaub. In: In zwei Sprachen leben, op. cit., S. 197
12

Immer wieder wird die Angst artikuliert, mit der Sprache auch die eigene Identität zu
verlieren:

„Wir reden gemischt. Weder richtig Deutsch noch richtig Türkisch, Italienisch oder Griechisch. Wir sind
in keiner Sprache mehr zuhaus. Wir sind auf der vergeblichen Suche nach einer Antwort auf die Frage,
wer wir eigentlich sind.“34

3.5. Soziale und kulturelle Akzeptanz von Migrantensprachen

Wir sind hier auch mit dem Phänomen der Hierarchie und dem unterschiedlichen
Prestige der Sprachen konfrontiert. Englisch- und Französischkenntnisse werden von
Stellenwerbern stolz im Lebenslauf angeführt (selbst wenn die tatsächlichen
Sprachkompetenzen nicht einmal elementaren Anforderungen genügen), wenige wissen
freilich die Sprachkenntnisse der Billa-Angestellten zu würdigen, die zu einem Gutteil
perfekt zweisprachig sind. In Mitteleuropa genießt das Deutsche den Status einer
Sprache, die am ehesten die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum symbolisieren
kann. Die Sprache der ökonomisch stärkeren Gemeinschaft genießt vielfach auch ein
entsprechend höheres Prestige und sein Wert wird an der Sprachenbörse entsprechend
hoch gehandelt.35 Immigranten können zur Auffassung gelangen, daß sich die
Weitergabe ihrer Muttersprache nicht „rechnet“ oder daß die Kinder besser deutsch
lernen, wenn sie einsprachig aufwachsen. „La dévalorisation du bilinguisme va donc
jusqu’à faire oublier que l’on peut apprendre une langue sans pour autant renoncer à
celle que l’on parlait précédemment.“36 In jüngster Zeit sind Untersuchungen publiziert
worden, die den Zuwanderersprachen auch ein verstecktes oder subkulturelles Prestige
zuschreiben. Die Ergebnisse der Crossing-Forschung37 legen nahe, daß sich zumindest
innerhalb der städtischen Jugendkulturen die starren Grenzen auflösen und sich die
Prestigezuschreibungen für Migrantensprachen in den gemischtkulturellen Gruppen zu
verändern beginnen.38 Es darf aber nicht übersehen werden, daß es sich bei diesen
Veränderungen immer um Phänomene der mündlichen Sprache handelt. Bibliotheken
können daher auch einen Ankaufsstop bei türkischen Büchern nicht durch den Erwerb
türkischer Musik-CDs ausgleichen. Gülay Olt-Sahiner ist zuzustimmen, wenn sie diese

34
HSM: Zwischen zwei Stühlen. In: In zwei Sprachen leben, op. cit. S. 16
35
vgl. dazu Claude Hagège, op. cit., S. 156
36
Claude Hagège, op. cit., S. 144
37
vgl. Jannis Androutsopoulos: „Jetzt speak something about italiano“ : sprachliche Kreuzungen im
Alltagsleben. In: „Multisprech“ : Hybridität, Variation, Identität. Hrsg. von Jürgen Erfurt. Osnabrück :
Obst, 2003, (Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie ; 65), S. 79-109
38
vgl. auch Inci Dirim und Peter Auer: „Mit der Zeit versteht man alle“ : zum ungesteuerten Erwerb des
Türkischen durch Jugendliche nicht-türkischer Herkunft. In: „Multisprech“ : Hybridität, Variation,
Identität. Hrsg. von Jürgen Erfurt. Osnabrück : Obst, 2003, (Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie ;
65), S. 57-78
13

Maßnahme als kulturellen Ausverkauf empfindet.39 Eine solche Einkaufspolitik, wie sie
offensichtlich vom Gros der Zweigstellen- und CollegeleiterInnen getragen wird40,
reduziert die Zuwanderersprachen auf ihre mündliche, kommunikative Ausformung und
übersieht den hohen symbolischen Wert, den die Schriftlichkeit dem Deutschen oder
Bildungssprachen wie dem Englischen verleiht, - und das sogar in den Augen von
NichtleserInnen.41 Öffentliche Bibliotheken können dagegen gerade durch die
Bereitstellung von Büchern dazu beitragen, die symbolische Legitimität und das interne
Prestige42 der Migrantensprachen zu erhöhen.

3.6. Medienangebote in der Sprache der ZuwanderInnen: Hilfe oder Hindernis auf
dem Weg zur Integration?

Ein fremdsprachiges Medienangebot in Öffentlichen Bibliotheken wird manchmal als


Hindernis für die kulturelle und vor allem sprachliche Integration der ImmigrantInnen
aufgefaßt.43 Ein solches Angebot könnte potentielle LeserInnen davon abbringen,
vorrangig die Sprache des Gastlandes erlernen zu wollen. Sprachwissenschaftler
betonen dagegen die Bedeutung der Muttersprache für den Fremdsprachenerwerb:44
„(...)Defizite in der muttersprachlichen Sozialisation wirken sich negativ beim Erwerb
jeder weiteren Sprache aus“45. Bei Kindern kann dieser Umstand zum Phänomen der
sogenannten „doppelseitigen Halbsprachigkeit“46 führen, zu einer Art von
Zweisprachigkeit, bei der weder die eine noch die andere Sprache wirklich beherrscht
wird:

„(...) en l’absence d’un soutien apporté au travail à l’école par l’éducation familiale dans une langue des
parents qui s’affirme et soit assimilable, le risque est celui d’une double incompétence (…). Doublement
incompétents, [ces enfants] sont menacés d’être doublement marginaux: exilés de la langue du foyer

39
Interview mit Gülay Olt-Sahiner vom 20. 05. 2003
40
vgl. Erich Schirhuber: Aus der Welt des Buchflusses. In: Büchereien Wien aktuell, Nr. 22/Mai 2003,
S. 9
41
Diese Argumentation folgt den überzeugenden Ausführungen von Hélène Bouquin: „Ne pas acquérir,
dans une bibliothèque, des documents dans une certaine langue, c’est d’une certaine façon condamner
cette dernière à l’oralité. En effet, la bibliothèque légitime la langue française et les langues dites d’étude
en confirmant le poids symbolique que leur confère l’écriture; l’absence de cette légitimation, dans le cas
des langues d’immigration, peut être mal vécue, y compris par les non-lettrés.“ Zit. nach Hélène Bouquin:
Les langues dites «d’immigration» dans les bibliothèques municipales françaises. Paris : Enssib, 2001,
S. 17f
42
vgl. Georg Kremnitz: Zu Status, Prestige und kommunikativem Wert von Sprachen. In: Sprache im
Raum. Quo vadis Romania? : Zeitschrift für eine aktuelle Romanistik, Nr. 20/2002, S. 123
43
vgl. Hélène Bouquin: Les langues dites «d’immigration» dans les bibliothèques municipales françaises,
op. cit., S. 14, die in der Folge dieses Vorurteil mit pragmatischen Argumenten zu widerlegen sucht.
44
vgl. J. Rehbein: Diskurs und Verstehen. Zur Rolle der Muttersprache bei der Textverarbeitung in der
Zweitsprache. In : Gesteuerter Zweitsprachenerwerb / E. Apeltauer (Hg.). München 1987, S. 113-172
45
Rudolf de Cillia: Höhere Schulen – ausländerfrei? SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache an
höheren Schulen: In: Sprachenpolitik in Mittel- und Osteuropa / Rudolf de Cillia...(Hg.). Wien :
Passagen-Verl., 1995, S. 256
46
Ebda.
14

comme de celle de l’institution scolaire, ils sont exposés aux deux périls contraires de la ségrégation et du
déracinement.”47

Darüber hinaus gilt es, den Begriff der „Integration“ selbst zu hinterfragen. Integration
als „Prozeß der gesellschaftlichen Eingliederung und Partizipation der zugewanderten
Bevölkerung“48 kann heute nicht mehr ausschließlich oder vorrangig als Assimilation
definiert werden. Miquel Siguan beschreibt den Integrationsprozeß als Balanceakt
zwischen der Kultur des Herkunftslandes und jener der Mehrheitsgesellschaft.49
MigrantInnen sähen sich einem doppelten Druck ausgesetzt. Einerseits müßten sie
bestrebt sein, sich in die neue Gesellschaft einzugliedern, andererseits versuchten sie,
den Kontakt mit der eigenen Kultur und Sprache aufrechtzuerhalten: „Tot immigrant i
tot grup immigrant acaba per trabar un cert equilibri entre aquestes dues tendències,
perquè si no el troba acaba desapareixent.“50 Integration kann daher schwerlich
dekretiert werden. Gerade die Freiheit von Zwang und die gleichzeitige Rückbesinnung
auf die eigenen Wurzeln betrachten daher viele AutorInnen als Voraussetzungen für
eine echte Integration: „Only when they are no longer afraid that they will have to give
up their cultural identity will they be open for integration.“51 In der Perspektive auf ein
vereintes Europa erscheint es auch fraglich, ob die nationalstaatlichen Einheitsgedanken
aufrechterhalten werden können, und mehr noch, ob dies überhaupt wünschenswert
wäre. Das meint jedenfalls die französische (aus Bulgarien stammende) Philosophin und
Psychoanalytikerin Julia Kristeva:

„(...)chacun est destiné à rester le même et l’autre: sans oublier sa culture de départ, mais en la relativisant
au point de la faire non seulement voisiner, mais aussi alterner avec celle des autres. Une nouvelle
homogénéité est peu probable, peut-être peu souhaitable.”52

Auch für die Mehrheitsbevölkerung scheint es nützlicher zu sein, mit der Idee des
interkulturellen Dialoges leben zu lernen und sich auf die neue Mehrsprachigkeit
einzustellen, die auch die Zukunft in der erweiterten Europäischen Union bestimmen
wird.

47
Claude Hagège: L’enfant aux deux langues. Paris : Odile Jacob, 1996, S. 261
48
Österreichischer Migrations- und Integrationsbericht : demographische Entwicklungen,
sozioökonomische Strukturen, rechtliche Rahmenbedingungen / hrsg. von Heinz Faßmann...Mit
Beiträgen von Helga Amesberger...Klagenfurt/Celovec : Drava, 2003, S. 12f
49
vgl. Miquel Siguan: L’Europa de les llengües : [una proposta per a Europa basada en el multilingüisme,
sense renunciar a la pròpia identitat lingüística]. Barcelona : Edicions 62, 19962, (El cangur : 225),
S. 105 und 109
50
Miquel Siguan: L’Europa de les llengües, op. cit., S. 105
51
Tarik Seden: Changes in Multi-Cultural Library Activities for Ethnical Minorities as Exemplified by
Berlin, op. cit., S. 8
52
Julia Kristeva: Étrangers à nous-mêmes. Paris: Gallimard, 2001. (Folio Essais ; 156). S. 288
15

3.7. Die Fremdsprachenbibliothek im Rahmen des Leitbilds „Bildungszentrum


Öffentliche Bibliothek“

Die Europäische Union und der Europarat hatten das Jahr 2001 zum „Europäischen Jahr
der Sprachen“ erklärt. „Sprachen öffnen Türen“ lautete das Motto: Seit dem Vertrag
von Maastricht sind die Bildungssysteme der europäischen Länder dazu angehalten,
ihren Beitrag zur Entstehung einer gemeinsamen europäischen Kultur zu leisten. Schon
im Jahr 1990 hat die EU-Kommission das Lingua-Programm verabschiedet und darin
konkrete Zielvorgaben für den EU-weiten Sprachunterricht festgelegt. Künftig sollen
alle EU-Bürger neben ihrer Muttersprache noch zwei weitere europäische Sprachen –
zumindest auf Basisniveau - beherrschen.53 Daß dieses Programm von der Bevölkerung
durchaus angenommen wird, zeigt die steigende Nachfrage nach Sprachkursen und
fremdsprachigen Medien. Die EU-Osterweiterung wird hier neue Aufgaben und
Chancen mit sich bringen.54 Die Fremdsprachenbibliothek ist in diesem Zusammenhang
auch eine wichtige Ergänzung zum bestehenden Angebot an Sprachkursen mit
Cassetten und CDs sowie Sprachkursen auf CD-ROM. Dabei ist auch an die LeserInnen
mit geringen oder mittleren Sprachkenntnissen zu denken. „Easy Readers“ und
zweisprachige Ausgaben kommen dem Bedürfnis vieler Lernenden entgegen, schon in
einer frühen Phase des Spracherwerbs längere Texte in der Fremdsprache zu
bewältigen. Noch vor wenigen Jahren war an die Anschaffung von „Easy Reader“-
Ausgaben in der Hauptbücherei nicht zu denken. Angeblich wären diese Titel – wenn
überhaupt - nur in der Kinderbücherei gefragt. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit
bis erste Bestände in diesem Bereich angeschafft werden konnten. Inzwischen gibt es

53
vgl. Miquel Siguan: L’Europa de les llengües : [una proposta per a Europa basada en el multilingüisme,
sense renunciar a la pròpia identitat lingüística]. Barcelona : Edicions 62, 19962, (El cangur : 225),
S. 174: “Proposant com a objectiu l’adquisició de llengües estrangeres, el programa ha donat lloc a la
interpretació, moltes vegades enunciada fins i tot des de les més altes instàncies de la Unió Europea, que
el que proposa la comunitat és que en el futur tots els ciutadans europens siguin capaços de comunicar
encara que sigui en un nivell elemental en dues llengües, a més de la pròpia.“
Die Dreisprachenempfehlung wurde 1996 von der Europäischen Kommission auch im “Weißbuch zur
allgemeinen und beruflichen Bildung“ festgeschrieben. Jedem Europäer soll es möglich sein, “die
Fähigkeit zur Kommunikation in mindestens zwei Gemeinschaftssprachen neben seiner Muttersprache zu
erwerben und zu erhalten“: Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung / Europäische
Kommission, Luxemburg 1996, S. 72, zit. nach Peter Hans Nelde: Die Zukunft hat schon begonnen :
Minderheiten im werdenden Europa. In: Mehrsprachigkeit in der erweiterten Europäischen Union =
Multilingualism in the enlarged European Union = Multilinguisme dans l’Union Européenne élargie /
Hrsg. von Juliane Besters-Dilger...- Klagenfurt/Celovec : Drava, 2003, S. 33
54
Allerdings steigt das Interesse der WienerInnen an den Sprachen der Reformstaaten nur sehr langsam:
Telephonische Auskunft von Dr. Inge-Anna Koleff, Fremdsprachenkoordinatorin des Verbands Wiener
Volksbildung, vom 28. Februar 2003. Vgl. auch : „Tschechisch oder Polnisch [stehen] ganz unten auf der
Liste der best gebuchten Sprachkurse bei Berlitz. (...) Einen leichten Aufwärtstrend gebe es lediglich bei
Russisch und Rumänisch (...). Zit. nach: Neue Sprache in 300 Stunden. In: „Die Presse“ vom 6.
Dezember 2003, Beilage „Beruf und Karriere“, S. K4
16

sogar eigene Systematikgruppen, die eine getrennte Aufstellung von Lektüren und/oder
zweisprachigen Textausgaben erlauben.55 Dank hoher Ausleihzahlen haben sich die
Easy Readers rasch in der Hauptbücherei etablieren können. Notfalls kann aber das
Leitbild „Bildungszentrum Öffentliche Bibliothek“ als Argumentationsbasis
herangezogen werden, um den Aufbau eines Bestandes an vereinfachten Lesetexten zu
rechtfertigen.

55
Z. B.: FS.EE vereinfachte Lesetexte in Englisch; FS.EZ zweisprachige Lesetexte in Englisch (gedacht
ist an Reihen wie dtv-zweisprachig, deren Zielgruppe auch die Lerner einer Fremdsprache sind).
17

4. Welche Sprachen kommen für die Fremdsprachenbibliothek in Frage?

Der Sprachenalmanach Harald Haarmanns listet 6400 Sprachen auf, die derzeit (noch)
auf der Welt gesprochen werden, davon immerhin 143 allein auf dem europäischen
Kontinent.56 Unter diesen Sprachen muß nach den Kriterien des Leitbilds der
Öffentlichen Bibliotheken und der angepeilten Zielgruppen ausgewählt werden. Auf
den ersten Blick bieten sich drei Arten von Sprachen für den Aufbau einer
Fremdsprachenbibliothek an: Weltsprachen, Sprachen der österreichischen
Minderheiten und Nachbarländer, sowie Sprachen, die von einer größeren Anzahl an
Zuwanderern gesprochen werden.

4.1. Die Weltsprachen

Harald Haarmann hat einen Kriterienkatalog aufgestellt, mit dessen Hilfe sich der
Weltsprachenstatus definieren läßt:

„[Weltsprachen] werden von mehr als jeweils 100 Mio. Menschen gesprochen (...)
Ihre Sprachengemeinschaft ist multiethnisch (...)
Sie sind als Staats- oder Amtssprachen in zahlreichen Sprachen der Welt verbreitet (...)
Sie spielen eine zentrale Rolle in internationalen Handelskontakten und im globalen
Marketing (...)
Sie fungieren als Amtssprachen in internationalen Organisationen (z. B. in der UNO)
Sie besitzen einen privilegierten Status als Fremdsprachen in der Schulausbildung (...)
Sie fungieren als Wissenschaftssprachen (...)
Sie sind maßgeblich am Aufbau der Network Society beteiligt (...)
Mit ihnen assoziieren sich Prestigewerte, die die Wahl einer Weltsprache in konkreten
Situationen von Interkommunikation unterschwellig beeinflussen (...).“57

Zu den Weltsprachen zählen beispielsweise Englisch, Französisch, Spanisch,


Portugiesisch, Russisch, oder Arabisch. Italienisch ist nach der obigen Definition keine
Weltsprache, Haarmann bezeichnet sie als „typische Europasprache“58. Allerdings hat
sie mit den Weltsprachen - zumindest in Wien – den Status als Bildungssprache
gemeinsam.
Weltsprachen entwickeln eine große Anziehungskraft auf Sprecher anderer
Muttersprachen. Sie werden von relativ vielen Menschen als Zweitsprache beherrscht,

56
Harald Haarmann: Sprachenalamanach. Zahlen und Fakten zu allen Sprachen der Welt. Frankfurt am
Main [u.a.]: Campus Verlag, 2002
57
Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Sprachen. Von Albanisch bis Zulu. München: Beck, 2001.
(Beck’sche Reihe ; 1432). Zur Diskussion dieser Kriterien siehe Harald Haarmann: Babylonische Welt.
Geschichte und Zukunft der Sprachen. Frankfurt am Main, Campus Verlag, 2001, S. 91 - 132
58
vgl. Harald Haarmann: Babylonische Welt, op. cit., S. 112
18

sie dominieren im Fremdsprachenunterricht und empfehlen sich daher den Büchereien


im Sinne ihres Leitbilds vom „Bildungszentrum Öffentliche Bibliothek“. Die
Binnenmigration innerhalb der EU bringt es mit sich, daß auch eine beträchtliche
Anzahl von Primärsprachlern als Zielgruppe in Frage kommt.
Unter den Weltsprachen nimmt Englisch die alles dominierende Rolle ein. Für David
Crystal ist es sogar die einzige Sprache, auf die alle Kriterien zutreffen, die eine
Weltsprache ausmachen.59 Der Status des Englischen innerhalb des österreichischen
Bildungssystems läßt sich gut in Prozentzahlen ausdrücken. Obwohl laut Lehrplan auch
andere Fremdsprachen zugelassen wären, wird auf der Sekundarstufe I de facto
Englisch als erste lebende Fremdsprache gewählt: von 99,7% der SchülerInnen in der
Hauptschule, von 99,1% in der AHS-Unterstufe.60 Auch im schulstufenübergreifenden
Vergleich ist die Vorherrschaft des Englischen massiv. Französisch nimmt insgesamt
den zweiten Rang ein, vor allem dank eines an über 30% der AHS praktizierten
Schulversuches, der eine zweite lebende Fremdsprache ab der 7. Schulstufe
ermöglicht.61 An Hauptschulen wird Italienisch häufiger als Französisch gewählt.62 Im
österreichischen Fremdsprachenunterricht spielt sonst nur mehr Spanisch eine
nennenswerte Rolle, allerdings mit steigender Tendenz63, während Russisch „nur an
AHS über die 1%-Marke“64 hinauskommt.
Während Französisch im Schulunterricht seine Stellung als zweithäufigste
Fremdsprache hinter Englisch behaupten kann, hat in der Erwachsenenbildung bereits
Anfang der achtziger Jahre eine Trendumkehr eingesetzt.65 An den Wiener
Volkshochschulen liegt Französisch im Hinblick auf die TeilnehmerInnen-Zahlen erst
an fünfter Stelle, hinter Englisch, Italienisch, Deutsch als Fremdsprache und Spanisch:
„Die Nachfrage nach Französisch bleibt konstant gleich = niedrig.“66 Zu erheblichen

59
vgl. David Crystal: English as a Global Language. Cambridge : Cambridge University Press, 20032
60
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich.
In: Mehrsprachigkeit in der erweiterten Europäischen Union = Multilingualism in the enlarged European
Union = Multilinguisme dans l’Union Européenne élargie / Hrsg. von Juliane Besters-Dilger...-
Klagenfurt/Celovec : Drava, 2003, S. 172
61
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich,
op. cit., S. 169
62
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich,
op. cit., S. 174
63
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich,
op. cit., S. 173
64
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich,
op. cit., S. 174
65
Mündliche Mitteilung von Dr. Alfred Knapp, ehemaliger Fremdsprachenkoordinator des Verbands
Wiener Volksbildung
66
Antwort-Mail von Dr. Inge-Anna Koleff, Fremdsprachenkoordinatorin des Verbands Wiener
Volksbildung, vom 27. Februar 2003
19

Veränderungen kam es innerhalb der letzten fünf Jahre am Romanistischen Institut der
Universität Wien. Dort gab es zuvor über Jahre hinweg eine konstante Verteilung der
Zahl der Studierenden nach dem Schlüssel: 2000 Französisch, 1000 Italienisch, 1000
Spanisch.67 Im Sommersemester 2003 hatte sich die Gewichtung bereits deutlich
verschoben:

Französisch 1275

Spanisch 1263

Italienisch 762

Portugiesisch 99

Die Zahlen für das Wintersemester 2003/2004 lagen zum Zeitpunkt der Niederschrift
noch nicht vor. „Dessenungeachtet erleben wir derzeit in Französisch einen
dramatischen Rückgang, einen signifikanten auch im Bereich Italienisch und im
Gegenzug einen massiven Zuwachs für Spanisch (bisher jedoch kaum für Portugiesisch,
was eigentlich auch denkbar wäre).“68 Es gilt als sicher, daß Spanisch das Französische
im Wintersemester 2003/2004 überflügeln wird. Auch an deutschen Universitäten hat
das Interesse der Studierenden an Spanisch in den letzten Jahren stark zugenommen und
das, obwohl im Moment noch gar keine entsprechenden Anstellungsmöglichkeiten in
Aussicht sind.69 Das Beispiel zeigt jedoch, daß es für öffentliche Bibliotheken eine
Option sein könnte, derartige Trends zu beobachten und gegebenenfalls auf sie zu
reagieren.

4.2. Die Sprachen der Nachbarländer, der MigrantInnen und der österreichischen
Minderheiten

Für eine Fremdsprachenbibliothek in einer Öffentlichen Bibliothek in Wien scheinen


weniger die autochthonen Minderheiten- und Regionalsprachen von primärem Interesse
zu sein, als vielmehr die allochthonen Sprachen der MigrantInnen. Wenn von
Zuwanderersprachen die Rede ist, dann können darunter auch Weltsprachen wie
Russisch, Portugiesisch, oder Arabisch gezählt werden. Wahrscheinlich werden die
Buchbestände in diesen Sprachen – mit Ausnahme der Easy-Reader – hier in Wien

67
Interview mit Univ. Prof. Dr. Peter Cichon vom 01. November 2003
68
E-Mail von Univ. Prof. Dr. Peter Cichon vom 05. November 2003
69
Interview mit Univ. Prof. Dr. Peter Cichon vom 01. November 2003
20

mehrheitlich von muttersprachlichen LeserInnen genutzt und nicht von solchen, die
diese Sprachen als Fremdsprachen gelernt haben. Ein relativ gutes Instrument, um die
Bedeutung der einzelnen Zuwanderersprachen abschätzen zu können, sind die
Ergebnisse der Volkszählung von 2001. Hier waren unter anderem auch die
Umgangssprache(n) der österreichischen Wohnbevölkerung erhoben worden. Diese
Zahlen sind aussagekräftiger als die Ausländerstatistik. Bei weitem nicht alle
Menschen, die ihre sprachlichen Wurzeln außerhalb Österreichs haben, scheinen in
einer Ausländerstatistik auf. Dies läßt sich leicht an Hand der Volkszählungsergebnisse
von 2001 demonstrieren: Ein Drittel jener, die Türkisch als Umgangssprache
(mit)angeben, sind (bereits) österreichische Staatsbürger.70 In Wien besitzt sogar „knapp
die Hälfte“ der Personen, die Türkisch als Umgangssprache angeben (wobei
Mehrfachnennungen möglich waren) die österreichische Staatsbürgerschaft.71
Die neue Mehrsprachigkeit, die sich dank massenhafter Migration in den urbanen
Zentren ausbreitet, ist auch in Wien bereits zur gesellschaftlichen Realität geworden.
Die Ergebnisse der Volkszählung zeigen dies anschaulich: „Nur drei von vier Wienern
(75,3%) haben ausschließlich Deutsch als Umgangssprache angekreuzt.“72 Unter den
Migrantensprachen liegt Serbisch mit 97824 Personen an der Spitze, gefolgt von
Türkisch mit 70976 und Kroatisch mit 37654 Personen. Weitere größere
Sprechergruppen sind Polnisch (20949), Ungarisch (15435), Arabisch (11081) und
73
Bosnisch (8575). Wie groß diese Zahlen sind, wird erst deutlich, wenn man sie mit
den Einwohnerzahlen österreichischer Städte vergleicht.74 Die Zahl der WienerInnen,
die Türkisch als Umgangssprache verwenden, übertrifft bei weitem die Einwohnerzahl
einer Stadt wie Villach und ist beinahe so hoch wie die Einwohnerzahlen von St. Pölten
und Amstetten zusammengenommen. Zählt man Serbisch, Kroatisch und Bosnisch
zusammen – was auch sinnvoll ist -, dann übertrifft die Zahl der SprecherInnen die
Einwohnerzahl der Stadt Salzburg.75 Auch dieser Teil der Wiener Bevölkerung trägt
übrigens mit seiner Steuerleistung zur Erhaltung des Wiener Büchereisystems bei. Es
sollen hier keine Kennzahlen für den in deutschen Fachbüchern empfohlenen

70
Statistik Austria: Pressemitteilung vom 17.10.2002, S. 4: „ÖSTERREICH insgesamt: Umgangssprache
(auch in Kombination mit Deutsch) Türkisch:
Wohnbevölkerung: 183445 Österreichische Staatsbürger: 60028 Ausländer: 123417
71
vgl. Statistik Austria: Pressemitteilung vom 17.10.2002, S. 2
72
Ebda.
73
vgl. Wohnbevölkerung nach Umgangssprache : Volkszählung Wien 2001, S. 1. Pdf-Datei, auf Anfrage
von MA 66 – Statistik am 27. 11. 2002 zur Verfügung gestellt.
74
Vgl. Abbildungen 1 und 2.
75
Bezüglich der Größenverhältnisse einiger „weniger“ verbreiteter Umgangssprachen vgl. im Anhang:
Wiener Wohnbevölkerung nach Umgangssprache. Ergebnisse der Volkszählung 2001.
21

Medienbestand pro Einwohner zitiert werden.76 Aber für 70976 türkischsprechende


WienerInnen bietet die Hauptbücherei, die mitten im Wohngebiet dieser Bevölkerung
liegt, genau 300 Bücher77 an, wobei sogar diese Bestandszahl manchen noch eher zu
hoch erscheint.

Einw ohnerzahlen ausgew ählter österreichischer Städte

160000

140000
Salzburg
120000 Villach
100000 St. Pölten
Bregenz
80000
Amstetten
60000 Weiz

40000 Liezen
Jennersdorf
20000

0
1

Abbildung 1

Wiener Wohnbevölkerung nach Um gangssprachen

Bosnisch-Kroatisch-Serbisch
160000 (zusammen)
140000 Türkisch

120000 Polnisch

100000
Ungarisch
80000
Albanisch
60000

40000 Tschechisch

20000 Russisch
0
1 Rumänisch

Abbildung 2

76
vgl. dazu Konrad Umlauf: Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken. Frankfurt am Main :
Klostermann, 1997, (Das Bibliothekswesen in Einzeldarstellungen), S. 94–99. Ein alter Arbeitsbehelf des
Deutschen Bibliotheksinstituts empfiehlt: „Langfristig ist anzustreben, pro Einwohner der jeweiligen
Sprachgruppe die gleiche Medienzahl bereitzustellen, wie dies für die deutsche Bevölkerung der Fall ist.“
Zitiert nach: Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken. Arbeitshilfen, Adressen, Informationen. Berlin : Dt.
Bibliotheksinst., 1984. (Dbi-Materialien ; 34), S. 115
77
Rudolf Kraus: College 1 – Literatur und Sprache : Bibliotheksstruktur / erstellt von Rudolf Kraus
(Vers. 1/03/2003), S. 2
22

4.3. (Konkurrenz)angebot und Nachfrage

Welche Sprachen letztlich für die Fremdsprachenbibliothek ausgewählt werden, wird


noch von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängen. Im Falle des Tschechischen,
Ungarischen und vor allem Slowakischen muß die räumliche Nähe zu diesen
Nachbarländern in Erwägung gezogen werden. Wie kann sich eine slowakische
Abteilung in der Wiener Hauptbücherei gegen das Angebot behaupten, das nur 60
Kilometer weit entfernt in Bratislava bereitsteht? Auch bestehende Einrichtungen in
Wien selbst müßten berücksichtigt werden: Bibliotheken der jeweiligen Kulturinstitute,
aber auch private Initiativen wie die Bücherei Dostluk des Vereins für österreichisch-
türkische Freundschaft78. Wie sieht es sonst mit Bezugsquellen und Medienangebot in
Wien aus? Für Russisch und Polnisch gibt es Wiener Spezialbuchhandlungen und ein
breites Angebot an Zeitungen und Zeitschriften, anders sieht es beispielsweise mit dem
Angebot für rumänische LeserInnen aus: Der Bestand der Bibliothek im Rumänischen
Kulturinstitut ist veraltet und das einzige Druckwerk, das man in Wien in dieser
Sprache erwerben kann, ist die Broschüre „Turnul de Veghere“, die von den Zeugen
Jehovas verteilt wird. Nicht zuletzt wird es von den jeweiligen Kompetenzen und mehr
noch der Legitimation der MitarbeiterInnen abhängen, welche Sprachen sinnvollerweise
in der Fremdsprachenbibliothek berücksichtigt werden.

78
vgl. Niyazi Oguz: Bücherei Dostluk. In: BüchereiPerspektiven Heft 4/2002, S. 22
23

5. Bestandsaufbau in der Fremdsprachenbibliothek

5.1. Grundregeln für den Bestandsaufbau

Im Jänner 1995 hat Majda Janežič als Resumé ihrer Reise nach Frankfurt einige
Grundsätze formuliert, die nach wie vor Gültigkeit beanspruchen können. Einer davon
betrifft die Sollstärke, ab der ein Bestand an fremdsprachigen Medien überhaupt Sinn
macht: „Die Überlegung, daß konzentrierte größere Bestände attraktiver sind als
zerstreute kleinere Bestände in vielen Zweigstellen, sollte in Wien im Hinblick auf
türkische und serbokroatische Bücher durchaus angestellt werden.“79 Nicht nur in
Hinblick auf türkische und serbokroatische Bücher, könnte man angesichts der in über
20 Zweigstellen aufliegenden, weitgehend ungenutzten Kleinstbeständen an
französischsprachigen Büchern hinzufügen. Eine an objektiven Kriterien orientierte
Bestandspolitik wird sich an der Bevölkerungsstatistik orientieren und erheben, wie
viele potentielle LeserInnen im Einzugsgebiet einer Bibliothek zu Hause sind. Die
bereits 1984 erarbeiteten Dbi-Materialien „Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken“
gehen von folgenden Bestandsnormen aus:

„Nach bisher vorliegenden Erfahrungen ist ein Bestandsaufbau für Minoritätengruppen in der Regel erst
von einem Bevölkerungsanteil von 2000 an aufwärts sinnvoll. (...) Der Anfangsbestand sollte nicht
wesentlich unter 500 Büchern (...) liegen, da er sonst – wie die bisherige Erfahrung zeigt – wegen zu
geringer Auswahlmöglichkeiten wenig attraktiv ist.“80

Absolut abzuraten wäre davor, für kleinere Bestände auch noch Werbung und
Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben:

„Die anfängliche Begeisterung der neugeworbenen ausländischen Benutzer schlägt [bei zu kleinen
Bestandsgrößen, Anm. d. Verf.] schon nach kurzer Zeit in Desinteresse um. Solchermaßen enttäuschte
Leser lassen sich später nur sehr schwer erneut für die Bibliothek – oder gar als Multiplikatoren –
gewinnen, selbst wenn der Bestand inzwischen eine beachtliche Größe erreicht haben sollte.81

Unabdingbar scheint es auch, den einmal aufgebauten Bestand kontinuierlich zu


überarbeiten und zu aktualisieren:

„Auf jeden Fall muß sichergestellt werden, daß dieser Benutzergruppe ein ausreichender Bestand zur
Verfügung steht, der ständig aktualisiert und ergänzt werden muß. Es ist wenig sinnvoll, etwa aus
Sondermitteln einmalig einen fremdsprachigen Bestand zusammenzukaufen ohne ihn weiter zu
pflegen.“82

79
Janežič, Majda: Reisebericht Stadtbücherei Frankfurt/Main, 10.1. – 14.1.1995, Wien :
[Unveröffentlichtes Manuskript], 1995, S. 3
80
Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken : Arbeitshilfen, Adressen, Informationen / [erarb. im Auftrag
des Dt. Bibliotheksinst. Projektleiter: Hans Joachim Vogt]. – Berlin : Dt. Bibliotheksinst., 1984. - (Dbi-
Materialien ; 34), S. 114f
81
Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken, op. cit., S. 115
82
ebda.
24

Sollte die zuletzt genannte Grundregel als gültig angesehen werden, wäre es auch
problematisch, die Arbeit mit fremdsprachigen Medien als ein – per definitionem
zeitlich begrenztes –Projekt zu definieren.

5.2. Die Zielgruppen einer Fremdsprachenbibliothek

Die Bibliothek wird bisweilen „als Ort der Integration“ angesehen, als ein Ort, an dem
Globalisierungsgewinner und –verlierer friedlich koexistieren können, während draußen
schon „Kulturkämpfe“ bevorstehen:

„Bibliotheken sind ein idealer Ort, an dem die beiden Sphären wieder zusammenfinden. Die einen finden
langsam ins Erwerbsleben zurück, die anderen erholen sich spielerisch-kreativ vom Berufsdruck, ohne in
Passivität zu versinken.“83

Wie die Bibliothek als Ganzes, kann auch ihr Teilbereich „Fremdsprachenbibliothek“
die unterschiedlichsten Zielgruppen ansprechen:

- WienerInnen, die eine Fremdsprache lernen oder ihre Schulkenntnisse


auffrischen wollen: Sie werden oft zu Easy Readers oder zweisprachigen
Ausgaben greifen.
- WienerInnen, die eine Fremdsprache beherrschen und Literatur im Original
lesen wollen. Sofern sie diese Sprachen in der Schule oder auf der Universität
gelernt haben, wird es sich in aller Regel um Weltsprachen, und in den meisten
Fällen um Englisch handeln.
- StudentInnen aus dem Ausland, die in ihrer Muttersprache lesen wollen oder
vielleicht eine Weltsprache besser als Deutsch beherrschen.
- MigrantInnen, die Medien in ihrer Muttersprache suchen.

Allein die letztgenannte Zielgruppe stellt keineswegs eine homogene Einheit dar,
sondern fächert sich ihrerseits wieder in zahlreiche Untergruppen auf, die
unterschiedliche Erwartungen an den Medienbestand stellen. Tarik Seden hat diese
Zielgruppen für die türkischsprachigen Medien der Zentral- und Landesbibliothek
Berlin definiert84 und seine Einteilung läßt sich – geringfügig adaptiert – auch auf die
Wiener Verhältnisse übertragen:

83
Alfred Pfoser: Die Professionalisierung der Bibliothek als Bildungszentrum : eine große
Herausforderung für die Zukunft. In: Büchereiperspektiven Heft 1/2003, (Die Öffentliche Bibliothek als
Bildungszentrum), S. 4
84
vgl. Tarik Seden: Changes in Multi-Cultural Library Activities for Ethnical Minorities as Exemplified
by Berlin. Berlin : [unveröffentl. Manuskript], 2003, [Vortrag im Rahmen des Workshops: Multicultural
Libraries in German Speaking Countries : Status and Prospects, August 7th 2003], S. 5-8
25

- MigrantInnen mit geringen Deutschkenntnissen, die entweder der ersten


Einwanderergeneration angehören oder erst seit kurzer Zeit in Wien leben. Sie
suchen beispielsweise Bücher zu den Themen Lebenshilfe und Medizin, Welt-
und Unterhaltungsliteratur.
- MigrantInnen, die Ihre Kompetenzen in der Muttersprache nicht verlieren
wollen. Um sich die Option auf eine Rückkehr ins Heimatland offen zu halten,
greift diese Zielgruppe zu Büchern in der Muttersprache, obwohl sie genausogut
die deutschsprachigen Ausgaben lesen könnte. Sie suchen beispielsweise
klassische Autoren der Weltliteratur und Standardwerke der Sozial- und
Geisteswissenschaften.
- Kinder und Jugendliche der zweiten Generation, die die muttersprachlichen
Kenntnisse vertiefen wollen, um eine bessere Basis für den
Zweitsprachenerwerb (Deutsch) zu schaffen: „Linguists themselves agree that
learning a foreign language presupposes sound knowledge of the native
language. The oft-deplored ‘bilingual illiteracy’ results from neglect of the
native language.”85
- LeserInnen, die Informationen über ihr Heimatland suchen oder die aktuellen
Entwicklungen in der Literatur- und Kulturszene mitverfolgen wollen. Sie
suchen Bücher über Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur oder auch
zeitgenössische Literatur aus ihrem Herkunftsland, wobei die gesuchten Inhalte
oft auf Deutsch (noch) nicht angeboten werden.
- MigrantInnen, die sich für die sozialen Entwicklungen und den Wertewandel in
ihrem Herkunftsland interessieren.
- LeserInnen, die sich für kulturelle Entwicklungen in Österreich und für
österreichische Literatur interessieren, die die entsprechenden Bücher aber lieber
– soweit vorhanden – in ihrer Muttersprache lesen wollen.

5.3. Auswahlkriterien

Wie schwer es in der Praxis ist, die Wünsche der potentiellen Leserschaft im voraus
abzuschätzen, können die Erfahrungen der Buch- und Medienhandelskette „Amadeus“
demonstrieren. Zwischen 1999 und 2001 schuf „Amadeus“ rasch hintereinander in
mehreren Filialen (Kärntnerstraße, Landstraße, Mariahilferstraße, schließlich sogar in
Floridsdorf) Abteilungen mit fremdsprachigen Büchern. Im Pilotprojekt auf der
Kärntnerstraße wurden großflächig und stapelweise die Bestseller aus Spanien, Italien,
85
Tarik Seden, op. cit., S. 6
26

Frankreich und den USA präsentiert. In den Regalen konnte man Bücher in
Portugiesisch und Japanisch finden. Wie sich bald herausstellte, blieb der
Verkaufserfolg hinter den Erwartungen zurück. Auch die professionell gemachte
Dekoration konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß nach sechs Monaten noch immer
die selben Bestsellerstapel präsentiert wurden, und diese Bücher inzwischen die
Bestseller von gestern geworden waren. Am allerwenigsten gefragt waren Crossover-
Produkte wie zum Beispiel amerikanische Autoren, die auf italienisch, spanisch, etc.
angeboten wurden. Wer auch immer die französische Ausgabe eines Romans von Tom
Wolfe („Un homme, un vrai“) gleich partienweise eingekauft hat: Nach einem Jahr
lagen noch alle elf Stück im Regal, nicht einmal das Freiexemplar konnte verkauft
werden.
Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Kaufen und Ausborgen, und die
Erfahrungen eines Privatunternehmens können nicht ohne weiteres auf eine Öffentliche
Bibliothek übertragen werden. Hier und dort wird die Auswahl jedoch nach Kriterien
erfolgen müssen, die genaue Kenntnisse über Klassiker, Buchmarkt und aktuelle
Entwicklungen in der jeweiligen anderssprachigen Literatur voraussetzen. Ein Fehler,
der leicht unterlaufen kann, wäre es, die eigenen Lieblingsbücher in allen möglichen
Fremdsprachen einzukaufen. Daher sollte vor jeder Erwerbung die anvisierte
Zielgruppe mitgedacht werden: Wer möchte beispielsweise Nootebooms „In den
niederländischen Bergen“ ausgerechnet auf Französisch lesen? Es genügt auch nicht,
einschlägige Literaturgeschichten oder Handbücher auf der Suche nach einem
vermeintlich unverzichtbaren Kanon zu durchforsten. Die dergestalt aufgestöberten
Klassiker erweisen sich dann oft als erste Anwärter für die „Null-Liste“86. Warnen
möchte ich schließlich auch vor der – bei den Büchereien Wien fälschlich „Direktkauf“
genannten87 - Auswahl von Medien in Buchhandlungen vor Ort. Diese Erwerbsart führt
nicht nur leicht zu unüberlegten Impulskäufen, erfahrungsgemäß häufen sich auch die
Einkäufe von unbeabsichtigten Doubletten. Besucht man die Buchhandlungen gar zu
zweit oder zu mehreren, addieren sich diese Gefahren. Es ist übrigens geradezu das
Kennzeichen eines guten Buchhändlers, daß er bei solchen Gelegenheiten versuchen
wird, seine Ladenhüter möglichst vollzählig loszuwerden.

86
„Definition: Die Null-Liste umfaßt diejenigen entleihbaren Bestandseinheiten, die im abgelaufenen
Jahr nicht entliehen wurden.“ Zit. nach Konrad Umlauf: Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken,
Frankfurt am Main : Klostermann, 1997, (Das Bibliothekswesen in Einzeldarstellungen), S. 138
87
vgl. dazu Konrad Umlauf: Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken, op. cit., S. 190
27

Manchmal kann man auf die Angebotslisten des EKZ-Bestellservices zurückgreifen. In


unregelmäßigen Abständen werden hier Neuerscheinungen in englischer, französischer,
spanischer und italienischer Sprache vorgeschlagen, die teilweise auch in Standing
Order bezogen werden können.
Als Beispiel für die Bestandsarbeit in der Fremdsprachenbibliothek soll in der Folge auf
ein kleinen, aber ausleihestarken Teilbereich genauer eingegangen werden. Wie sieht
der Buchmarkt auf dem Gebiet der vereinfachten, fremdsprachigen Lesetexte aus?

5.4. „Easy Readers“ – Ein Angebot für LeserInnen mit geringen und mittleren
Sprachkenntnissen

Vereinfachte Fremdsprachentexte sind früher hauptsächlich in den Gymnasien


verwendet worden. Wer vor dreißig oder mehr Jahren die Mittelschule besuchte, hat
vielleicht noch die damals gebräuchlichen Ausgaben in Erinnerung: Klassiker der
englischen und französischen Literatur, die für die Schule bearbeitet wurden und
dementsprechend verstaubt und langweilig wirkten. Heute haben die Verlage ein
vielfältiges und attraktives Angebot an „Easy Reader“-Texten in ihrem Programm.
Auch wenn Schüler und Studenten nach wie vor eine wichtige Zielgruppe für dieses
Programm sind, wird es doch zunehmend auch von erwachsenen Lesern genutzt, die
diese Texte zu Ihrem eigenen Vergnügen lesen und gleichzeitig ihre
Fremdsprachenkenntnisse auffrischen oder erweitern wollen. Neben den Klassikern, die
entsprechend aufbereitet und illustriert, nach wie vor ihre LeserInnen finden, möchte ich
nur beispielhaft einige Buchreihen aus einem ständig wachsenden Angebot
hervorheben.

5.4.1. Französisch - Lektüren

CLE International88 hat in ihrer Reihe „Lectures CLE en français facile“ eine Abteilung
„Polar“ eingerichtet. Sie haben bekannte französische Krimiautoren wie Dominique
Renaud89, Gérard Delteil oder Jean-Bernard Pouy dafür gewonnen, eigens für diese
Reihe spannende Kriminalromane zu verfassen, die gleichwohl alle Kriterien des
„einfachen Französisch“ erfüllen (einfache grammatikalische Strukturen, Beschränkung
auf den Grundwortschatz).90 CLE International bietet die Texte in vier
Schwierigkeitsgraden an: Von „Niveau 1“ mit „400 bis 700 Wörtern“ bis „Niveau 4“,

88
CLE International wird im deutschen Sprachraum vom Ernst Klett Verlag vertrieben
89
Dominique Renaud zeichnet auch für die Gesamtkonzeption der Reihe verantwortlich
90
vgl. z.B.: Gérard Delteil: Coup de cœur, 1998; Béatrice Nicodème: Meurtre dans un jardin français,
Paris 1998; Jean-Bernard Pouy: Mission secrète, Paris 1999; Dominique Renaud: Assurance Touristes,
Paris 2001 (vgl. Abbildung 3); Dominique Renaud: L’heure du crime, Paris 2000
28

das einen Wortschatz von „über 1700 Wörtern“ umfaßt. Insgesamt handelt es sich hier
sicher um die Reihe, die am wenigsten den Geruch von Schule und didaktischer
Nutzanwendung ausstrahlt. CLE International bietet auch hervorragend adaptierte
Ausgaben von klassischen französischen Romanen an.

Abbildung 3
Der Verlag Langenscheidt verspricht „kurzweilige Krimis für Leserinnen und Leser mit
geringen Vorkenntnissen“: Die Reihe „Crime en série“91 kann zwar puncto Originalität
und Lesevergnügen nicht mit den Produkten von CLE International mithalten, bietet
dafür aber Rätsel, Aufgaben und die deutsche Übersetzung der schwierigen Vokabel.

5.4.2. Spanisch-Lektüren

Auch das Spanischlernen kann man sich mit spannenden Krimis und interessanten
Lektüren versüßen. Der Verlag Difusion in Barcelona92 hat die Reihe „Venga a leer“
im Programm, mit den Serien „Hotel Veramar“, „Plaza Mayor, 1“, „El Mediterráneo“,
„América Latina“, „Aires de fiesta“ und „Lola Lago, detective“. Diese Lektürereihe mit
Originaltexten wird in sechs verschiedenen Schwierigkeitsgraden angeboten und
eröffnet Einblicke in den Alltag der spanischsprachigen Welt. Besonders beliebt ist

91
Bisher sind fünf Titel erschienen, alle verfasst vom AutorInnen-Duo Marie-Claire Lohéac-Wieders und
Volker Borbein. Titel wie „Drame au Tour de France“ und „Mort à la Tour Eiffel“ geben schon
(über-)deutliche Hinweise auf die angepeilte Zielgruppe.
92
„Difusion“ wird im deutschen Sprachraum vom Ernst Klett Verlag vertrieben
29

„Lola Lago, detective“, in der die Serienheldin nicht nur die ihr anvertrauten Fälle löst,
sondern auch mit den Problemen einer Frau in einer Männerwelt konfrontiert wird.93
Der Madrider Verlag Edelsa94 hat unterschiedliche Textsorten in der Reihe „Para que
leas“ zusammengefasst: Erzählungen, Theaterstücke, Biographien – und ebenfalls
einige Krimis, die in verschiedenen Städten Spaniens spielen und die Abenteuer des
Privatdetektiven Pepe Rey zum Inhalt haben. Diese Lektüren werden in fünf
Schwierigkeitsgraden angeboten und haben Anmerkungen in französischer, englischer
und deutscher Sprache. Die Krimis vermitteln auch landeskundliche Informationen. So
erfahren wir in Loreto de Miguels und Alba Santos’ Detektivgeschichte „Lola“95 einiges
über Barcelona und Katalonien.

Abbildung 4
Die Autoren, die der Verlag „Edinumen“96 für die Reihe „Lecturas de Español“
gewinnen konnte, sind durchwegs Lehrer für Spanisch als Fremdsprache. Die kurzen
Geschichten in sechs Schwierigkeitsgraden sind genau auf die jeweilige
Sprachkompetenz der Lesenden zugeschnitten. Die Progression orientiert sich am
Lehrplan des Cervantes-Institutes, der den Autoren der Reihe ja bestens bekannt ist.

93
Bisher erschienen sind Vacaciones al sol; Poderoso caballero; Por amor al arte; Una nota falsa; La
llamada de La Habana (vgl. Abbildung 4); Lejos de casa; ¿Eres tú, Maria?., alle verfaßt vom Autorenduo
Lourdes Miquel und Neus Sans, Madrid 1997ff
94
Edelsa wird im deutschen Sprachraum vom Cornelsen Verlag vertrieben
95
Madrid, 1999. Inzwischen sind zehn Pepe Rey-Bände erschienen, alle verfasst von Loreto de Miguel
und Alba Santos, z. B. Muerte en Valencia; ¿Donde está la Marquesa?; Doce a las doce; Una morena y
una rubia, etc.
96
Vertrieb im deutschen Sprachraum durch den Hueber-Verlag
30

Fünfzehn Titel sind bis jetzt in dieser Reihe erschienen97 und zugegebenermaßen sind
sie durchaus spannend zu lesen.

Abbildung 5
Auch die „Sociedad General Española de Librería“ hat Lektüren für erwachsene
Spanischlernende im Programm. Aber der Reihentitel „Lee y disfruta“ kann nicht
darüber hinwegtäuschen, daß hier die didaktische Nutzanwendung eindeutig überwiegt.
Bei dem Titel „Fuera de juego“98 stehen 25 Seiten einer leidlich spannenden Geschichte
den darauffolgenden 65 Seiten „Explotación“ gegenüber.99

5.4.3. Italienisch-Lektüren

Erste unterhaltsame Leseerlebnisse mit Geschichten aus dem heutigen Italien verspricht
der Verlag „Bonacci“100 und seine Reihe „Mosaico italiano“. Bonacci hat auch eine
Krimi-Serie im Programm, bei der der Täter mit Hilfe der Übungsaktivitäten entlarvt
werden kann.101 Ebenfalls im Vertrieb des Klett-Verlages kann man die Lesetexte der

97
z. B. José Luis Ocasar Ariza: Amnesia; Julio Ruiz: Muerte entre muñecos; David Carríon: Los labios
de Bárbara; José Luis Ocasar Ariza: Una música tan triste (vgl. Abbildung 5); Ana Isabel Blanco Picado:
El ascensor; Isabel Marijuán Adrián: La biblioteca; Pablo Daniel González-Cremonia: Historia de una
distancia,...Alle Madrid 1996ff
98
von Àngel Luis Montilla Martos und Fina García Naranjo, Madrid 2000
99
weitere Titel der Reihe sind: El enigma de Monterrubio; La banda de París; La mar en medio, alle
Madrid 2001
100
Vertrieb im deutschen Sprachraum durch den Ernst Klett Verlag
101
Saro Marretta: Pronto, commissario...? Band 1 und 2; Ders.: Elementare, commissario!
31

Reihe „Imparare Leggendo“ des Verlages Cideb beziehen, die jeweils von einer
Kassette begleitet werden und zahlreiche Übungsmaterialien anbieten.102

5.4.4. Russisch-Lektüren

Auch für die Weltsprache Russisch kann man vereinfachte Lesetexte finden, freilich
noch keine Krimis und reine Unterhaltung. Die „Neue Russische Bibliothek“, die der
Verlag „Volk und Wissen“ in Berlin herausgibt, „bietet russischsprachige Texte zur
Kultur und Landeskunde sowie Werke der schöngeistigen russischen Literatur“. Vier
Schwierigkeitsstufen sind vertreten, es gibt auch einige Titel, die sich für Anfänger
eignen.103 Die meisten Bücher enthalten allerdings nicht vereinfachte Texte, sondern
ausgewählte literarische Werke im Original, wobei die schwierigen Vokabel am
Seitenrand ins Deutsche übersetzt werden.104

Abbildung 6
Ähnlich verfährt auch ein österreichisches Produkt: Der Verlag E. Weber in Eisenstadt
hat die „Reihe Lesetexte – die russische Klassik“ im Programm.105 Die ungekürzten

102
z. B. M. L. Banfi / S. Gavelli: Delitto in Piazza del Campo, 2001; Dies.: Mistero all’Abbazia; C.
Mediaglia / A. Seiffarth: Storia d’amore; R. Assini / S. Longo: Rose Rosse per il Commissario, etc.
103
z. B. Пoчeму „A“ пepвaя? /Zusammenstellung und sprachliche Kommentierung: Anneliese Hoenack.-
1. Aufl.- Berlin : Volk und Wissen-Verl., 1998
104
z. B. Всё течёт. Проэа середины XX века / Auswahl, Kommentierung, Übungsangebot: Irene
Dehmel...Berlin : Volk und Wissen-Verl., 1995 (vgl. Abbildung 6); Л. H. Toлстой / A. П. Чехов : Иэ
жиэни и творчества. – 7. Aufl. - Berlin : Volk und Wissen-Verl., 1991; Русская Сатира от Гоголя до
наших дней. Berlin : Volk und Wissen-Verl., 1996
105
z. B. H. B. Гoгoль: Peвизop : komeдия в пяти дeйcтвиях. – Eisenstadt : Weber, 1999 (Lesetexte –
die russische Klassik : Theater)
32

Texte werden mit deutschen Randvokabeln, zusätzlichem russisch-deutschen Glossar


und Anmerkungen von Harald Loos herausgegeben. Zuletzt soll noch auf die Reihe
„Kнига для чтения“ des Klett-Verlages hingewiesen werden. Auch hier handelt es sich
um Klassiker-Ausgaben (meist Auszüge aus Erzählungen und Romanen), mit
Übersetzung der schwierigen Vokabel am Seitenende.106

5.4.5. Lektüren in anderen Sprachen

Der Münchner Triadafillu-Verlag verlegt einfache Lesetexte in wenig nachgefragten


Sprachen wie Rumänisch oder Neugriechisch.107 Die Auswahl der deutschen
Randvokabel ist willkürlich, die Aufmachung ist wenig zeitgemäß, aber es gibt keine
Alternativen für diese Nischenprodukte.

5.4.6. Reclams Rote Reihe: Fremdsprachentexte

Reclam ediert grundsätzlich Originaltexte. Alle Vokabel, die über den Grundwortschatz
hinausgehen, werden aber in Fußnoten übersetzt – auf der selben Seite wie der Text. Ein
Nachwort informiert auf deutsch über Autor oder Autorin und liefert meist eine erste
Kurzinterpretation des Werkes. Übungen oder ähnliches didaktisches Beiwerk fehlt,
was aber die Brauchbarkeit für erwachsene Leser nur erhöht. Nachteilig ist nur der
kleine Druck und natürlich das kleine Format der Bücher. Es empfiehlt sich ein
größeres Angebot im Bestand zu haben und die Bücher zusammen im Regal
aufzustellen, da sie sonst schnell im übrigen Angebot untergehen. Die Reclam
Fremdsprachentexte gibt es ohnehin nur für englische/amerikanische und französische
Literatur. Zunehmend geht der Verlag dazu über, auch aktuelle und fast neue Bücher ins
Programm aufzunehmen, zuletzt Anna Gavaldas Erfolgstitel „Je voudrais que quelqu’un
m’attende quelque part“108.

5.4.7. Zweisprachige Ausgaben und Mischtexte

Es gibt zweisprachige Ausgaben, die sich dezidiert auch an Sprachenlernende wenden,


und damit eine eigene Zielgruppe ansprechen: Am beliebtesten sind die Reihen dtv-
zweisprachig und die zweisprachigen Reclam-Ausgaben in oranger Farbe.
Wer bei zweisprachigen Texten in Versuchung gerät, ohnehin immer die deutsche Seite
zu lesen, wäre vielleicht mit Mischtexten gut bedient. Nicht unbedingt für Erwachsene
konzipiert, aber unterhaltsam und methodisch einwandfrei sind die „in englisch-

106
z. B. Фёдop Mихaйлoвич Дocтoeвcкий: Kaк cтaть Poтшилдom : oтpывoк из pomaнa „Пoдpocтoк“.
– 1. Aufl.. – Stuttgart : Klett Schulbuchverl., 1996
107
z. B. Lustige Kurzgeschichten und Anekdoten auf Rumänisch. – München : Triadafillu, [2001]
108
Stuttgart 2003. – (Reclam Universalbibliothek ; 9105)
33

deutschem Sprachmischmasch“ (Klappentext) verfaßten Geschichten und Krimis des


Autorenduos Emer O’Sullivan und Dietmar Rösler.109 „Solche Mischtexte stellen eine
echte Bereicherung des Lektüreangebots dar(...)“110, urteilt der Verfasser eines
erfolgreichen Handbuchs zur „Psycholinguistik des Fremdsprachenunterrichts“:

„Anders als bei zweisprachigen Textausgaben mit der Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite ist
man also gezwungen, sich auch durch den fremdsprachigen Teil hindurchzukämpfen. Außerdem handelt
es sich stets um einen Originaltext – dafür bürgt das Autorenpaar.“111

109
Bis Frühjahr 2003 waren insgesamt sechs Titel erschienen: Emer O’Sullivan / Dietmar Rösler: Butler,
Graf & Friends : Nur ein Spiel? ein deutsch-englischer Krimi. –Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1999 –
(rotfuchs ; 20531); Dies.: Butler, Graf & Friends : Umwege ; ein deutsch-englischer Krimi. - Reinbek bei
Hamburg : Rowohlt, 2000 – (rotfuchs ; 20647); Dies.: Butler, Graf & Friends : ein deutsch-englischer
Krimi. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1998 (rotfuchs ; 20480); Dies.: I like you – und du? eine
deutsch-englische Geschichte. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1997 (rotfuchs ; 20323); Dies.: It could
be worse – oder? eine deutsch-englische Geschichte. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1998 (rotfuchs ;
20374); Dies.: Mensch, be careful! eine deutsch-englische Geschichte. - Reinbek bei Hamburg : Rowohlt,
1999 (rotfuchs ; 20417)
110
Wolfgang Butzkamm: Psycholinguistik des Fremdsprachenunterrichts. Von der Muttersprache zur
Fremdsprache. Tübingen [u.a.] : Francke, 20023, (UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher ; 1505), S.
202
111
Ebda.
34

6. Bestandserschließung und Präsentation bei fremdsprachigen Medien

Grundsätzlich scheint es von Vorteil, wenn die Formal- und Sacherschließung


fremdsprachiger Medien von jenen KollegInnen vorgenommen wird, die sie auch
ausgewählt und angekauft haben. Gülay Olt-Sahiner und Majda Janežič haben dies
jahrelang so praktiziert, und diese Vorgangsweise hat sich auch in der Skodagasse, vor
Etablierung der College-Strukturen, bewährt. Die Besonderheiten der Katalogisierung
und Systematik-Vergabe bei fremdsprachigen Medien werden bereits in der 1984 vom
Deutschen Bibliotheksverband herausgegebenen Broschüre „Ausländer in Öffentlichen
Bibliotheken“112 gut zusammengefaßt.

6.1. Formalerschließung

Eine erste Schwierigkeit bei der Katalogisierung fremdsprachiger Medien stellt schon
die Ansetzung der Verfassernamen dar. Während die Regeln bei mehrteiligen
spanischen Namen relativ einfach sind (z. B. „García Lorca, Federico“ und nicht
„Lorca, Federico García), kann diese Regel bei portugiesischen Namen nicht einfach
übernommen werden (gebräuchlich ist z. B. „Antunes, António Lobo und nicht „Lobo
Antunes, António“). Bei russischen, serbischen, aber z. B. auch rumänischen Büchern
ist zu überprüfen, „ob ein transliterierter Verfassernamen nicht schon in anderer
Ansetzungsform im Katalog vorliegt“113.
Für die Umformung nichtlateinischer Schriftzeichen ist jedenfalls „die Benutzung von
Transliterationstabellen notwendig“114. So ist Mag. Sykora-Bitter bei der Wiedergabe
der kyrillischen Schrift nach den Regeln der „wissenschaftlichen Transliteration“
vorgegangen, die auch in slawistischen Arbeiten oder in deutschen Datenbanken
Verwendung findet.115 Russisch läßt sich aber leichter in lateinische Buchstaben
umsetzen als Arabisch oder Hebräisch. Nicht nur daß diese beiden Schriften eine andere
Schreibrichtung aufweisen, also von rechts nach links geschrieben werden, „das Fehlen
der Vokalisierung in den meisten hebräischen und arabischen Texten macht es noch
schwieriger, eine einheitliche Schriftumsetzung für Daten zu entwickeln“116. Im Falle

112
vgl. Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken. Arbeitshilfen, Adressen, Informationen. Berlin : Dt.
Bibliotheksinst., 1984, (Dbi-Materialien ; 34), S. 119 - 121
113
Ausländer in öffentlichen Bibliotheken, op. cit, S. 120
114
Ebda.
115
E-Mail von Mag. Sykora-Bitter vom 15. 12. 2003
116
Elhanan Adler: Sacherschließung unter den Bedingungen von Mehrsprachigkeit und verschiedenen
Schriftsystemen : der Fall Israel. (66th IFLA Council and General Conference, Jerusalem 13-18 August
2000). Zit. nach www.ifla.org/IV/ifla66/papers/035-130g.htm [12.12.2003]. Vgl. auch Foued Laroussi:
Arabic and the new technologies. In: Languages in a globalising world / Editors Jacques
Maurais…Cambridge : Cambridge University Press, 2003, S. 250-259
35

der Hauptbücherei war Herr Jürgen Sieberer, der die Fremdsprachenabteilung der
Buchhandlung Morawa leitet, auch bei der Transkription der arabischsprachigen Bücher
behilflich.117
Bei der Sachtitelangabe ist es ratsam, den Artikel mit Nichtsortierzeichen zu versehen,
sofern man ihn als solchen identifizieren kann: z. B. ¬Os¬ Maias und nicht Os Maias.
Dies ist besonders wichtig, wenn die Haupteintragung unter dem Sachtitel erfolgt, damit
Artikel nicht „irrtümlicherweise als Ordnungswort verwendet werden“118. Im Falle von
diakritischen Zeichen ist eine Interessensabwägung von Nöten. Einerseits kann es als
wünschenswert angesehen werden, daß das Erscheinungsbild eines Katalogeintrags
möglichst originalgetreu gestaltet ist. Andererseits muß die Recherchierbarkeit – und
eventuell später eine Datenübertragung – möglich bleiben. So wird es im Französischen
angebracht sein, die Schriftzeichens „Œ“ und „œ“ durch „OE“ und „oe“ zu ersetzen.
Der völlige Verzicht auf diakritische Zeichen, wie er vielfach gehandhabt wird, scheint
aber nicht notwendig zu sein. So können Akzente, Tremas (ë und ï), oder die Cedille (ç)
ohne weiteres originalgetreu wiedergegeben werden, ohne dadurch die
Recherchierbarkeit zu beeinträchtigen: Es genügt z. B. für „ça“ auch die Eingabe von
„ca“, für „théâtre“ auch „theatre“, für „Noël“ auch „Noel“, für „haïr“ auch hair etc.
Auch der Buchstabe „ñ“ könnte bedenkenlos verwendet werden, da die
Recherchierbarkeit gewährleistet bleibt. Im Schriftbild wird dadurch nicht nur
linguistischen Gegebenheiten Rechnung getragen (schließlich bezeichnet „ñ“ einen
anderen Laut als „n“), sondern auch dem ästhetischen Empfinden und vielleicht sogar
dem Nationalstolz119 mancher LeserInnen. Mangels einer leicht verfügbaren
Tastenkombination ist es vergleichsweise schwierig, die rumänischen Schriftzeichen „ş“
oder „ţ“ zu übernehmen. Hier ist allerdings zu überlegen, statt einer phonetischen
Transliteration (was in diesem Fall „sch“ bzw. „ts“ ergeben würde) einfach die gleichen
Buchstaben ohne diakritische Zeichen wiederzugeben („s“ bzw. „t“), wie es auch
Rumänen selber beispielsweise in einem e-Mail handhaben würden. Die Internet-User
haben sich inzwischen daran gewöhnt, daß die Zeichen, die nicht zum Standard-Code
gehören, beim Navigieren zwischen den Netzen auf der Strecke bleiben, - auch wenn

117
Interview mit Rainer Grill vom 29.01.2003
118
Ebda.
119
vgl. Miquel Siguan: L’Europa de les llengües, op. cit., S. 132: „De manera semblant, a Espanya,
suggeriments sobre la possibilitat de substituir la „ñ“ per altres signes de l’alfabet comuns amb altres
llengües provoquen respostes que converteixen aquesta lletra en un símbol de la identitat nacional.“
36

technisch gesehen andere Lösungen durchaus denkbar wären.120 Zumindest das Problem
der Datenübertragung wird bald entschärft werden, da die gängigen Software-Produkte
schon jetzt alle potentiell verwendbaren Zeichen enthalten.
Wenn ein fremdsprachiges Buch bereits übersetzt wurde und der deutsche Titel bekannt
ist, sollte man ihn auch im Katalogisat angeben. Bei einer Aufnahme unter Bibliotheca
2000 kann dafür das Feld „EST“ (Einheitssachtitel) in Anspruch genommen werden.
Ilse Haas hat diese Vorgangsweise – „auch wenn sie nicht ganz korrekt ist“ -
ausdrücklich empfohlen.121 Wer den deutschen Titel recherchiert, wird dadurch auch die
fremdsprachige Ausgabe unter den Treffern finden. Seit die Annotation im WEB-OPAC
nicht mehr sichtbar ist, erübrigt sich im Grunde eine derartige Eintragung.122 Allerdings
hat Majda Janežič mit viel Liebe die von ihr eingekauften Buchtitel zweisprachig
annotiert. Interessierte KollegInnen können sich also jederzeit ein Bild über den
serbokroatischen Buchbestand der Büchereien Wien machen.

6.2. Sacherschließung, Präsentation und Bestandsaufstellung

Durch die Vergabe von Schlagwörtern und die Zuweisung einer Zweitsystematik
bleiben fremdsprachige Medien im Gesamtbestand der Bücherei integriert. In der Regel
bezeichnet die Erstsystematik die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprache: z. B.
FS.E bedeutet „Bücher in englischer Sprache“. Sollte es bei Sachbüchern erwünscht
sein, die Bücher nicht innerhalb der Fremdsprachenbücherei, sondern bei der
entsprechenden Sachgruppe selbst aufzustellen, so gilt die Regel, daß in diesem Fall die
Sprachenangabe zur Zweitsystematik wird. Ein englischsprachiger Reiseführer über
London würde als Erstsystematik EL.EGE und als Zweitsystematik FS.E erhalten, und
wäre dann neben den deutschsprachigen Londonführern zu finden. In vielen Fällen und
vor allem bei weniger verbreiteten Sprachen macht es Sinn, auch die Sachbücher
innerhalb der Fremdsprachenbibliothek aufzustellen.
Einen Fortschritt stellt zweifellos die getrennte Aufstellung von vereinfachten
Lesetexten (Systematikgruppen: FS.EE, FS.FE, FS.IE, FS.SE, etc.) und zweisprachigen
Reihen (Systematikgruppen: FSEZ, FS.FZ, FS,IZ, FS.SZ, etc.) dar. Allerdings scheint
120
vgl. Miquel Siguan: L’Europa de les llengües, op. cit., S. 135: „Encara que, com ja he recordat, la
tècnica permet tenir en compte tota mena de variants i que, per tant, una subxarxa determinada pot
aprofitar aquesta possibilitat per utilizar els sens signes propis, el fet és que els signes que no formen part
del codi estándard, que de fet és l’abecedari anglès, acaben perdent-se en la navegació entre les diferents
xarxes. “
121
Ilse Haas: Mündliche Aussage während der „Katalogisierungs-Übungen“ im Rahmen der
hauptamtlichen Ausbildung für Bibliothekar/innen (Ausbildungslehrgang 2002-2004/B), Strobl
29.01.2003
122
Stand: September 2003. Im WEB-OPAC nach wie vor sichtbar bleiben Eintragungen im Feld
„Fußnote“.
37

es nicht zielführend zu sein, auch Kleinstbestände dieser Art im Regal getrennt


aufzustellen:

„Man muß hier unterscheiden zwischen Katalogsystematik und Aufstellungssystematik – bei der
Katalogsystematik (sofern sie hierarchisch gegliedert ist) gilt im Prinzip: je detaillierter die
Untergliederung (je kleiner die Gruppen), desto besser. Für die Verwendung der Systematik als
Aufstellungsordnung läßt sich die Katalogsystematik je nach Bedürfnissen und Schwerpunkten der
verwendenden Bibliothek anpassen (kürzen); hier ist es nicht immer ein Vorteil, wenn die Gruppen sehr
klein sind, denn damit ist manchmal auch ein Verlust von Übersichtlichkeit verbunden.“123

Wenn es nur drei, vier Exemplare gibt (die noch dazu meistens entlehnt sind), wären sie
also besser alphabetisch in den übrigen Bestand zu integrieren. Desgleichen macht es
wenig Sinn, einen Bestand von insgesamt sieben Exemplaren in der
Aufstellungsordnung als eigene Gruppe antreten zu lassen, wie es seit der Übersiedlung
für die Gruppe FS.C – Chinesisch der Fall ist. In der Skodagasse waren solche
Kleinbestände in einer Abteilung: „Andere Sprachen“ zusammengefaßt.124
Die Hauptbücherei in der Skodagasse führte dem Publikum damals aber auch
anschaulich vor Augen, welche Wertschätzung jeder einzelnen Sprache im Vergleich zu
den anderen entgegengebracht wurde. Indikator war die Aufstellungsordnung, die eine
deutliche Hierarchie widerspiegelte:
- FS.E – Englisch verblüffte durch ausgefeilte Unterteilungen nach Sachgruppen,
innerhalb derer jeweils genau die alphabetische Reihung eingehalten wurde.
- FS.F – Französisch war durchgehend alphabetisch gereiht.
- FS.XSK –Serbokroatisch trennte nur mehr Kinder- von Erwachsenenbüchern;
letztere wurde nach dem Zufallsprinzip ins Regal gestellt, Romane wurden
neben Kochbüchern eingereiht, A neben Z.
- Bei FS.T – Türkisch konnte in der Praxis nicht einmal mehr die Trennung
zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch aufrechterhalten werden, und die
Bücher kamen auch schon mal kopfüber im Regal zu stehen.
Das gleiche Prinzip konnte beobachtet werden, wenn man den jeweiligen Magazinanteil
der einzelnen Sprachen unter die Lupe nahm. Vom englischsprachigen Bestand fand
sich kein einziges Buch im Magazin, bei den anderen Sprachen stieg der Anteil der
magazinierten Bücher kontinuierlich an, sodaß vom türkischsprachigen Bestand schon
ein Großteil im Magazin stand und damit dem Publikum im Grunde entzogen war.
Gerade fremdsprachige Bestände werden fast ausschließlich vor dem Regal ausgesucht
und nur in seltenen Fällen über den OPAC recherchiert. Die oben geschilderte Art der

123
Claus Oszuszky: AW : Anfrage zur Systematik. – E-Mail an den Verf. vom 30. 06. 2003.
124
In weiterer Folge stellt sich die Frage, ob solche Einzelstücke überhaupt angekauft werden sollen, eine
Entscheidung, die der Leitung vorbehalten werden muß.
38

Aufstellung, sowie der Anteil des Magazinbestandes hat natürlich auch Auswirkungen
auf die jeweiligen Entlehnstatistiken.
Freilich haben sich die Dinge inzwischen zum Besseren gewendet. Einen großen
Fortschritt brachte die Systematikreform, kurz vor der Übersiedlung ins neue Haus am
Gürtel. Auch im Bereich der fremdsprachigen Bestände unterschied die Systematik nun
eindeutig zwischen Kinder- und Erwachsenenmedien. Dadurch wurde erstmals auch
eine sinnvolle statistische Auswertung der Entlehnzahlen bei fremdsprachiger Literatur
ermöglicht.
In der Neuen Hauptbücherei sind alle fremdsprachigen Bestände alphabetisch geordnet,
größere Sachbuchbestände werden getrennt von der Belletristik aufgestellt. Hier könnte
es manchmal hilfreich sein, von der alphabetischen Ordnung wieder abzugehen.
Welchen Sinn macht eine Aufstellung, in der des Alphabetes wegen Kochbücher neben
politikwissenschaftlichen Erörterungen zu stehen kommen? Den LeserInnen, die in
großer Mehrheit direkt vor dem Regal ihre Auswahl treffen, wäre bei den
Sachbuchbeständen mit einer Aufstellung nach Systematikgruppen mehr geholfen.
Insgesamt kommt dem Leitsystem in der Neuen Hauptbücherei eine weit größere
Bedeutung zu, als dies in der Skodagasse je der Fall war. Während seinerzeit die
Regalbeschriftungen noch von den MitarbeiterInnen selbst entworfen und angebracht
wurden, ist die Zeit der Improvisationen jetzt Gott sei Dank vorbei. Allerdings werden
die einheitlich gestalteten Hinweisschilder nun auch von den LeserInnen kritischer
betrachtet. Im Frühling 2003 wunderten sich manche über die Aufschrift „Katalanisch“
und suchten – vergeblich - die zugehörigen Bücher. Inzwischen von den Regalen als
Beschriftung entfernt, ist die Systematikgruppe FS.S im Online-Katalog weiterhin als
„Spanisch, Katalanisch“ ausgewiesen. Sollen in Zukunft katalanischsprachige Bücher
angekauft werden? Stünden diese dann mit den spanischen in einem Alphabet?
Katalanisch ist allerdings keine regionale Abart des Spanischen und schon gar nicht ein
spanischer Dialekt, sondern eine eigenständige romanische Sprache, deren Wortschatz
mehr Gemeinsamkeiten mit dem Okzitanischen – und sogar mit dem Französischen –
aufweist als mit dem Spanischen.125 Viele Linguisten ordnen „das Katalanische eher
den gallo- als den ibero- bzw. hispanoromanischen Sprachen zu“126. Katalanisch ist
auch ein Beispiel für eine gelungene sprachpolitische Neuorientierung. Der Generalitat,

125
vgl. Rainer Schlösser: Die romanischen Sprachen. München : Beck, 2001, (C. H. Beck Wissen in der
Beck’schen Reihe ; 2167), 60f
126
Franz Lebsanft: Katalanisch. In: Sprachkulturen in Europa : ein internationales Handbuch / hrsg. von
Nina Janich...Tübingen : Narr, 2002, S. 121
39

der autonomen Regierung Kataloniens, ist es gelungen, den Status dieser Sprache –
nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch die zentralistische Staatsmacht – wieder
wesentlich zu stärken und aufzuwerten.127 Dadurch ist auch die Entschlossenheit dieser
Sprachgemeinschaft, sich gegenüber dem Kastilischen/Spanischen zu behaupten,
inzwischen weithin bekannt geworden.128 Für eine Wiener Öffentliche Bibliothek
scheint für katalanischsprachige Bestände die Zielgruppe ohnehin erheblich zu klein zu
sein. Im Leitsystem könnte „Katalanisch“ daher ebensogut aus der Gruppe FS.S entfernt
werden.129

127
Zum katalanischen Selbstverständnis siehe auch Georg Kremnitz: Mehrsprachigkeit in Europa am
Beispiel Katalonien. In: Wessen Sprache lernen : Beiträge zu Autonomie und Sprachpolitik / Thomas
Fritz (Hg.). Wien : Edition Volkshochschule, 2003, S. 310-317
128
Zuletzt auch durch den im Herbst 2003 in Wien angelaufenen Film „L’auberge espagnole“/“Barcelona
für ein Jahr“ von Cédric Klapisch.
129
Analog könnte auch „PL.FS: Spanisch, Katalanisch“ auf „PL.FS: Spanisch“ reduziert werden.
Katalanisch sollte dann sinnvollerweise in die Gruppe „PL.FW: Andere romanische Sprachen“
aufgenommen werden. Sinnstörend erscheint übrigens auch, daß die ostslawischen Sprachen Ukrainisch
und Weißrussisch der Gruppe „PL.FY: Westslawische Sprachen“ zugeschlagen werden (Hinweis von
Mag. Sykora-Bitter am 17.02.2003).
40

7. Ungarische Bücher in der Fremdsprachenbibliothek: ein college-


übergreifendes Projekt

7.1. Die sprachliche Situation des Ungarischen im österreichischen und Wiener


Kontext

Ungarisch ist in Österreich gleichzeitig Nachbar- und Minderheitensprache. Das


Hauptsiedlungsgebiet der ungarischen Volksgruppe liegt in der Gegend um
Oberpullendorf/Felsöpulya, Oberwart/Felsöör, Siget in der Wart/Örisziget und
Unterwart/Alsóör.130 Auf Grund der Sprachinsel-Situation und der Isolierung während
der Zeit des Kalten Krieges unterscheidet sich die Sprache der burgenländischen
Ungarn allerdings stark von der heutigen ungarischen Hochsprache.131 Wien selbst war
ein wichtiges Ziel der ungarischen Emigration nach 1945.132 Bei der Volkszählung 2001
haben 15435 WienerInnen angegeben, Ungarisch als Umgangssprache zu verwenden,
das sind ziemlich genau 1% der Bevölkerung. Ungefähr zwei Drittel davon, nämlich
10686, sind österreichische Staatsbürger.133 Zum Vergleich: Ungarisch wird immerhin
von ca. drei Mal mehr WienerInnen als Umgangssprache angegeben als Französisch
(5244).134 Ungarisch wird in Wien für Volksschüler sowohl als muttersprachlicher
Unterricht wie auch im Zweit- und Fremdsprachenunterricht angeboten. In diesem
Projekt Hungaricum haben sich im Schuljahr 2000/01 fünf Volksschulen
135
bezirksübergreifend zusammengeschlossen. Auf der Unterstufe der Europäischen
Mittelschule in der Neustiftgasse kann Ungarisch seit Jahren seine Position als zweite
lebende Fremdsprache (hinter Englisch) behaupten.136 Ungarisch ist in Wien auch an
den Institutionen der Erwachsenenbildung stark vertreten. 15 Volkshochschulen (von

130
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich.
In: Mehrsprachigkeit in der erweiterten Europäischen Union = Multilingualism in the enlarged European
Union = Multilinguisme dans l’Union Européenne élargie / Hrsg. von Juliane Besters-Dilger...-
Klagenfurt/Celovec : Drava, 2003, S. 178
131
vgl. Gero Fischer: Die Rolle der Minderheitensprache in Österreichs Bildungswesen und die
Perspektiven der EU-Erweiterung. In: Mehrsprachigkeit in der erweiterten Europäischen Union, op. cit.,
S. 155f
132
vgl. Gero Fischer: Die Rolle der Minderheitensprache in Österreichs Bildungswesen und die
Perspektiven der EU-Erweiterung. In: Mehrsprachigkeit in der erweiterten Europäischen Union, op. cit.,
S. 156
133
Alle Angaben nach Statistik Austria – Pressemitteilung vom 17. Oktober 2002 = www.statistik.at/cgi-
bin/pressetext.pl?INDEX=2002209
134
vgl. Wohnbevölkerung nach Umgangssprache : Volkszählung Wien 2001, S. 1. Pdf-Datei auf Anfrage
von MA 66 – Statistik zur Verfügung gestellt.
135
vgl. Michaela Haller: Nachbar- und Minderheitensprachen im Fremdsprachenunterricht in Österreich,
op. cit., S. 179
136
vgl. ebda.
41

insgesamt 18) bieten Kurse in dieser Sprache an.137 Das Collegium Hungaricum
(Ungarisches Kulturinstitut) selbst organisiert nicht nur Sprachkurse und zahlreiche
Veranstaltungen, sondern beherbergt auch eine öffentlich zugängliche Bibliothek. 8900
Bücher und über 1300 AV-Medien können dort entlehnt werden.138

7.2. „Projekt“ Ungarisch

Mehr als bei anderen Sprachen kam der Aufbau eines Erstbestandes in Ungarisch mit
Hilfe einer „speziellen Projektorganisation“139 zustande. Es war eine einmalige
Aufgabe, die die ausgetretenen Pfade der Routine verließ; sie war zeitlich befristet; es
gab eine „eindeutige Aufgabenstellung und Verantwortung“; und: der
„Ressourceneinsatz“ war begrenzt.140 Auffällig war weiters der „flexible“, college-
übergreifende Personaleinsatz. Sándor Békési ist Mitarbeiter von College 2, wurde aber
von März bis Oktober 2002 stundenweise von der Arbeit in seinem College freigestellt,
um dieses – externe – Projekt in die Wege zu leiten. Naturgemäß fußen auch alle
folgenden Ausführungen auf Mitteilungen von Sándor Békési.141

7.3. Die Aufgabenstellung

Die Aufgabenstellung formulierte der Leiter von College 1:


Aufbau eines ungarischsprachigen belletristischen Buchbestandes mit maximal 200
Titel und einer möglichst breiten Streuung in Bezug auf literarische Gattungen und
Epochen. Der Schwerpunkt sollte auf zeitgenössischer Literatur liegen, aber auch die
Unterhaltungsliteratur sollte nicht zu kurz kommen. Das Budget wurde mit 1600 €
veranschlagt.

7.4. Die Projektplanung und Projektvorbereitung

Sándor Békési wollte einerseits solche Werke auswählen, die in Ungarn im


Schulunterricht oder im Literaturbetrieb als relevant erachtet werden, andererseits aber
auch jene berücksichtigen, die eher in Westeuropa oder im deutschsprachigen Raum
bekannt sind. Sándor Békési hat in Ungarisch maturiert und immer die neuesten
Entwicklungen in der ungarischen Literatur mitverfolgt. Er hatte daher von Anfang an
einen Kanon von Werken im Kopf, die im Bestand einer Wiener Öffentlichen

137
vgl. Sprachen in den Wiener Volkshochschulen 2002/2003, Folder des Verbands Wiener
Volksbildung, S.3
138
vgl. Wege zu Minderheiten : ein Handbuch /hrsg. von Ursula Hemetek für die Initiative Minderheiten.
– Klagenfurt/Celovek : Drava, 1998, (Edition Minderheiten ; 2), S. 22
139
vgl. zum folgenden Alfred Pfoser: Was ist ein Projekt? – Strobl, 2002, S. 1
140
vgl. ebda.
141
Interview mit Sándor Bekesi vom 05.11.2003
42

Bibliothek nicht fehlen dürfen. Sein wichtigstes Recherche-Instrument war das Internet
mit den dort zu findenden Literaturlisten, Verlagsangeboten und Händlerverzeichnissen.
Im Bereich der Unterhaltungsliteratur – hier ist Aktualität immer besonders gefragt! –
orientierte sich Sándor Békési vor allem an Bestseller-Listen und den Absatzzahlen der
Internetbuchhändler.

7.5. Die Projektdurchführung

Da es in Wien keine Bezugsquelle für ungarische Bücher mehr gibt, mußten auch für
die Abwicklung der Bestellung selbst neue Wege eingeschlagen werden. Über die
Internetadresse www.koyvkereso.hu (das heißt auf Deutsch so viel wie „Büchersuche“)
konnte ein Buchhändler gefunden werden, der alle gewünschten Titel zuverlässig
lieferte. Sándor Békési erledigte für die von ihm bestellten Bücher auch die
Katalogisierung. Im Ungarischen gibt es diakritische Zeichen, die den Wechsel
zwischen kurzen und langen Silben kennzeichnen und zum Teil auch
bedeutungsunterscheidende Funktion haben. Bei der Katalogisierung mußten hier
Kompromisse eingegangen werden. Diakritika wurden realisiert, so weit es möglich
war, die Zeichen ő (vgl.: Petőfi) und ű, die langes ö bzw. ü bezeichnen, sind jedoch in
Biblioteca nicht recherchierbar und konnten daher auch nicht verwendet werden.

7.6. Kreativer Umgang mit Abhängigkeiten und Prioritätskonflikten

Das „Projekt Ungarisch“ fiel zeitlich genau in die – damals von der Leitung so genannte
– heiße Phase der Etikettenumarbeitung, einer vorbereitenden Arbeit für den Umzug in
die Neue Hauptbücherei. Daher war von vornherein absehbar, daß diese Tätigkeit
Sándor Békésis zu Zielkonflikten zwischen College 1 und 2 führen könnte. Zwischen
den beiden College-LeiterInnen wurde daher ein teilweiser Ausgleich für die dem
College 2 entgangene Arbeitsleistung vereinbart. Ein Mitarbeiter von College 1 half
stundenweise bei der Etikettenumarbeitung im Nachbarcollege mit.

7.7. Promotion und Werbung

Sándor Békési übernahm in der Anfangsphase auch die Öffentlichkeitsarbeit. Er legte


Bestandslisten auf, die die LeserInnen vor Ort auf das neue Angebot aufmerksam
machten. In Mailings schrieb er solche Institutionen an, bei denen auf
Multiplikatoreneffekte gezählt werden konnte. Zumindest das Institut für Finno-Ugristik
der Universität Wien antwortete mit einem umfangreichen Brief und bekundete darin
auch seine Kooperationsbereitschaft für zukünftige Vorhaben. Die Promotion für die
neue Ungarischabteilung wurde auch durch einen unvorhersehbaren Zufall unterstützt:
43

Genau an dem Tag, als die neuen Bücher erstmals im Regal standen, wurde der
diesjährige Literaturnobelpreis an Imre Kertész verliehen. Seine Romane waren daher
auch vom ersten Tag an entliehen.

7.8. Erfahrungen, Konsequenzen und Desiderate für die Zukunft

Seit Oktober 2002 weisen 183 Bücher der Hauptbücherei die Erstsystematik FS.U auf.
Ein Sechstel bis ein Fünftel dieses Bestandes war seither ständig in den Händen der
LeserInnen, wobei diese Entlehnungen zu ungefähr gleichen Teilen auf Klassiker, auf
zeitgenössische Literatur und auf Unterhaltungsliteratur entfallen. Das Angebot an
ungarischer Belletristik wird durch die Tageszeitungen Magyar Nemzet und
Népszabadság, sowie das Wirtschaftsmagazin HVG abgerundet, die in der
Zeitschriftenabteilung für die LeserInnen bereitliegen. Als einziges Negativum des
Projekts Ungarisch könnte angeführt werden, daß Bestandsarbeit im Bereich der
fremdsprachigen Medien kein zeitlich begrenztes Projekt sein sollte, sondern
kontinuierliche Betreuung und Aktualisierung erfordert.
44

8. Fremdsprachige Medien in der Münchner Stadtbibliothek

8.1. Allgemeines über München

Die Landeshauptstadt München hat 1 264 309 Einwohner, davon sind 289 263
ausländische Staatsbürger.142 Mit 22,9% hat München den drittgrößten Ausländeranteil
unter den deutschen Großstädten, hinter Stuttgart und Frankfurt am Main, aber noch
weit vor den Millionenstädten Berlin und Hamburg.143 Auch der Anteil der EU-
Ausländer ist relativ hoch und beträgt 7%. In München leben Zuwanderer aus mehr als
180 Nationen.144 Ähnlich wie in Wien stammen die größten Zuwanderergruppen aus der
Türkei und aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien. Interkulturelle
Zusammenarbeit ist ein Anliegen der rot-grünen Stadtregierung. Im Münchner Stadtrat
wurde folgende Leitlinie beschlossen:

„Allen auf Dauer oder für einen längeren Zeitraum in München lebenden Ausländerinnen und Ausländern
soll die Integration, d. h. gleichberechtigte Teilhabe an der Sozial-, Arbeitsmarkt-, Kultur- und
Bildungspolitik ermöglicht werden, bei Erhalt der kulturellen Identität.“145

8.2. Die Münchner Bibliothekslandschaft

München ist eine Universitätsstadt mit reichhaltigen Bildungsangeboten und einem


vielfältigen kulturellen Leben. In Zahlen: 109 650 Schüler und 84 361 Studenten
bevölkerten die Stadt im Jahr 2002.146 Die Zentralbibliothek ist ein Teil des
Kulturzentrums Gasteig, das auch die Münchner Philharmoniker, das Richard-Strauss-
Konservatorium, die Städtische Sing- und Musikschule, und die Münchner
Volkshochschule beherbergt. Das Zusammentreffen derartiger Kultureinrichtungen in
einem Gebäude läßt an Synergie-Effekte denken, die aber in der Praxis gar nicht so
einfach zu realisieren sind. Die Größe und die architektonische Gestaltung brachte dem
Haus am Gasteig sogar den Spitznamen „Kulturvollzugsanstalt“ ein.147 Andererseits ist
die Münchner Stadtbibliothek „mit ihrem dezentralen Konzept (...) das größte

142
vgl. München in Zahlen 2003 / hrsg. vom Statistischen Amt der Landeshauptstadt München. –
München : 2003, [S. 6]
143
vgl. Handout über die Aufgaben der Stelle für interkulturelle Zusammenarbeit von Margareta Lindner
zum Workshop August 7th 2003: Multicultural Libraries in German Speaking Countries: Status and
Prospects
144
Ebda
145
Ebda.
146
vgl. München in Zahlen 2003, op. cit., [S. 9]
147
vgl. Sabine Kinder: The Munich City Library in intercultural process : events management to facilitate
the meeting of cultures in the Central Library at the Gasteig = www. muenchner-
stadtbibliothek.de/page.php?pageid=15
45

kommunale Bibliothekssystem in Deutschland“148. Es umfaßt außer der


Zentralbibliothek Am Gasteig noch 26 Stadtteilbibliotheken149 und zahlreiche
Sonderformen. An fremdsprachigen Bibliotheken stehen den Münchnern – außer den
Universitätsbibliotheken - auch die Bibliothek des Institut Français und die Tolstoi-
Bibliothek zur Verfügung. Im Amerika Haus gibt es eine Präsenzbibliothek, während
die Bibliothek des British Council seine Pforten in München bereits geschlossen hat.

8.3. Arbeitsteilung im System der Münchner Stadtbibliothek

An zwei Urlaubstagen besuchte ich die Zentralbibliothek Am Gasteig und eine der
Stadtteilbibliotheken mit Türkisch-Schwerpunkt: Giesing. Am 10. Oktober 2003 hatte
ich Gelegenheit, mit drei Bibliothekarinnen der Münchner Stadtbibliothek zu sprechen.
Es waren Tanja Fottner, die am Standort Gasteig für Literatur und Sprache zuständige
Bibliothekarin; Ulrike Dörfler, die im Bereich der Zentralen Dienste die
Vorschlagslisten für deutsch- und fremdsprachige Belletristik erarbeitet; und Margareta
Lindner, die zusammen mit ihrer Kollegin Gülay Savasci die türkischsprachigen
Medien betreut. Wie wir sehen werden, nimmt der Bereich der türkischen Medien eine
Sonderstellung innerhalb der Münchner Stadtbibliothek ein. Der Bestandsaufbau erfolgt
hier aus zentralen Mitteln und nicht aus den Etats der Zweigstellen.150 Für alle anderen
Sprachen außer Türkisch wird die Lektoratsarbeit von Ulrike Dörfler besorgt. Sie
erstellt Auswahllisten, aus denen die Stadtteilbibliotheken je nach ihrem Bedarf und
Budget auswählen können. Dies gilt auch für die Zentralbibliothek Am Gasteig. Laut
Tanja Fottner werden für diese größte Bibliothek des Systems praktisch alle Titel der
Auswahllisten auch tatsächlich angekauft. Die Zentralbibliothek in ihrer heutigen Form
besteht übrigens erst seit 1984. Damals zog sie in das Kulturzentrum Am Gasteig ein
und wurde in eine Freihandbibliothek umgewandelt.

8.4. Fremdsprachige Medien in der Zentralbibliothek Am Gasteig

Seit über zwanzig Jahren besteht eine fremdsprachige Abteilung in der


Zentralbibliothek. Früher wurden sogar wesentlich mehr Sprachen angeboten als heute.
Größere Bestände gab es beispielweise auch in Neugriechisch und Polnisch.
Budgetknappheit und grundsätzliche Überlegungen führten Anfang der neunziger Jahre

148
Laut Homepage der Münchner Stadtbibliothek = http://www.muenchner-
stadtbibliothek.de/page.php?pageid=10
149
Incl. der Juristischen Bibliothek im Rathaus und dem Literaturarchiv Monacensia. Stand August 2003,
kurz nach der – umstrittenen – Schließung zweier Stadtteilbibliotheken.
150
vgl. Margareta Lindner: Der Bereich Türkische Medien der Münchner Stadtbibliothek. München :
unveröffentl. Manuskript 2003, S.3
46

zu einer Abkehr vom Gießkannenprinzip und zu einem gezielten, schwerpunktmäßigen


Bestandsausbau. Die Zahl der angebotenen Sprachen wurde stark reduziert. Die
ausgewählten Bestände wurden dafür ausgebaut und werden kontinuierlich und
nachfrageorientiert aktualisiert und ergänzt.
Heute bietet die Zentralbibliothek Am Gasteig über 10 000 fremdsprachige Medien an.
Natürlich stellt Englisch den größten Anteil am Bestand und englische Medien werden
gleichzeitig auch am intensivsten genutzt. An zweiter Stelle steht Französisch, dahinter
– ungefähr gleichauf – Italienisch und Spanisch. Weiters finden die LeserInnen noch
türkische, serbisch/kroatische, russische und portugiesische Medien vor. Sehr
nachgefragt sind nach wie vor die klassischen Sprachen: eine eigene Systematikgruppe
faßt in München altgriechische und lateinische Originaltexte zusammen.
Am Gasteig bilden also die Weltsprachen und die Fast-Nachbarsprache Italienisch
(schließlich gilt München ja als „die nördlichste Stadt Italiens“151) den Schwerpunkt des
fremdsprachigen Angebots. Hauptzielgruppe sind Münchner mit deutscher
Muttersprache, die Literatur im Original lesen können und wollen. Ulrike Dörfler
schwebt als Leitlinie ein Mischung von 60% Unterhaltung und 40% „Hohe“ Literatur
vor, wobei die Trennlinie natürlich nicht immer eindeutig zu ziehen ist. Für die
Auswahl orientiert sich Frau Dörfler auch an den ekz-Angeboten für Fremdsprachen
oder an den internationalen Bestseller-Listen, wie sie zum Beispiel die Fachzeitschrift
„Buchreport“ publiziert. Das Angebot an Easy-Reader-Ausgaben ist ebenfalls gut
ausgebaut. Sachbücher gibt es hingegen so gut wie keine; einzige gewichtige Ausnahme
sind Lonely-Planet-Reiseführer, die vor kurzem auch in Wien ins Programm
aufgenommen wurden und sich offenbar überall großer Beliebtheit erfreuen. Als
Bezugsquelle kann Frau Dörfler auf einige engagierte Münchner Fremdsprachen-
Buchhandlungen zurückgreifen. Nur russische Bücher müssen über einen
norddeutschen Vertrieb bezogen werden. Fremdsprachige Medien als – wie es im
Leitbild der Münchner Stadtbibliothek formuliert ist – „qualifizierte Kulturprodukte“152
sprechen natürlich auch Stadtbewohner an, die zum Beispiel aus EU-Ländern oder auch
aus anderen Kontinenten nach München gezogen sind. Weltsprachen sind
Bildungssprachen, für manche Zuwanderer aber gleichzeitig auch die Muttersprache.

151
vgl. Sabine Kinder: The Munich City Library in intercultural process : events management to facilitate
the meeting of cultures in the Central Library at the Gasteig = www. muenchner-
stadtbibliothek.de/page.php?pageid=15
152
vgl. www.muenchner-stadtbibliothek.de/page.php?pageid=57
47

Für eine Immigrantengruppe macht die Münchner Stadtbibliothek seit Jahren ein
besonders qualifiziertes Angebot, auf das daher näher eingegangen werden soll.

8.5. Türkische Medien in der Münchner Stadtbibliothek

Im Jahr 1974, also siebzehn Jahre früher als in Wien, wurden die ersten türkischen
Bücher für die Münchner Stadtbibliothek eingekauft.153 In dieser Zeit wurden in Bayern
für ausländische Kinder mit geringen Deutschkenntnissen zahlreiche zweisprachige
Klassen eingerichtet. „Das Angebot bestand deshalb anfangs vor allem aus Büchern,
Kassetten und Zeitschriften für Kinder und Jugendliche.“154 Das Benutzerprofil, und
damit verbunden die Auswahl an türkischen Medien, haben sich im Laufe der Jahre
mehrmals drastisch verändert. Heute werden verstärkt nachgefragt: Bilderbücher für
Kinder im Vorschulalter, Kochbücher, Erziehungsratgeber, Unterhaltungsromane, - aber
auch Medien, die über aktuelle Entwicklungen in der Türkei informieren und für die es
keine deutschsprachigen Entsprechungen gibt.155 Neben Frauen und Müttern wird
immer mehr ein inhaltsorientierter NutzerInnen-Typ zur Hauptzielgruppe. Diese
LeserInnen wählen türkischsprachige Medien nicht deshalb, weil sie die deutsche
Sprache nicht beherrschen, sondern weil sie „die aktuellen Entwicklungen in
Gesellschaft und Politik in der Türkei sowie in der türkischen Literatur verfolgen“
wollen.156
Seit 2002 „entscheidet das Team Türkische Medien zentral über den
157
Bestandsaufbau“ ; das bisherige System des Listenangebots für die
Stadtteilbibliotheken wurde aufgegeben. Dadurch konnte schon im ersten Jahr eine
Umsatzsteigerung um 39% erzielt werden.158 Der türkischsprachige Bestand umfaßt
derzeit über 8000 Bücher, ca. 1000 AV-Medientitel und mehrere Zeitschriften und
Tageszeitungen.159 Der Schwerpunkt des Angebots befindet sich nicht in der
Zentralbibliothek Am Gasteig, sondern in jenen Stadtteilbibliotheken, die in den
Wohngebieten der türkischsprechenden Bevölkerung liegen. Nur dort werden auch
Sachbücher angeboten, während die Zentralbibliothek ihren Bestand auf Belletristik
beschränkt hat. Insgesamt acht Stadtteilbibliotheken sind in das Projekt eingebunden,

153
vgl. Margareta Lindner: Der Bereich Türkische Medien der Münchner Stadtbibliothek. München :
unveröffentl. Manuskript, 2003, S.1
154
Ebda.
155
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S.5
156
vgl. ebda.
157
Münchner Stadtbibliothek : Bilanzen und Perspektiven ; Jahresbericht 2002/Hrsg.: Werner Schneider.
München : Münchner Stadtbibliothek, 2003, S. 9
158
ebda.
159
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S.4
48

wovon vier Schwerpunktbibliotheken (Giesing, Westend, Neuperlach und


Milbertshofen) 1000 oder mehr türkische Medien im Bestand haben. Die
Literaturrecherche und –auswahl wurde stark erleichtert durch das Internet, das „einen
laufenden Überblick über aktuelle Titel und Themen“160 ermöglicht. Hauptbezugsquelle
ist die Buchhandlung Pandora in Istanbul, die auch einen Internetvertrieb unterhält und
bestens auf die Bedürfnisse Öffentlicher Bibliotheken eingestellt ist.161
Ein Bericht über die Tätigkeit des Dienstes „Türkische Medien“ wäre unvollständig
ohne die Erwähnung der Öffentlichkeitsarbeit. Als Ansprechpartnerin für türkische
LeserInnen ist Gülay Savasci zu festgelegten Zeiten in den Schwerpunktbibliotheken
anwesend. Sie „bietet Vorlesenachmittage für Kinder in deutscher und türkischer
Sprache an und unterhält einen Gesprächskreis für Frauen“162. Das Team Türkische
Medien organisiert Lyrikabende und Theateraufführungen.163 Am Gasteig lief im April
2003 das 16. Türkische Filmfestival, organisiert von Margareta Lindner in
Zusammenarbeit mit der Vereinigung „SinemaTürk“.164 Für diese Art der
Öffentlichkeitsarbeit ist ein langer Atem nötig: Veranstaltungen sollen regelmäßig
stattfinden, „da auf diese Weise eine gewünschte Erwartungshaltung erzeugt wird und
ein Stammpublikum gewonnen werden kann, das wiederum für einen
Multiplikatoreneffekt sorgt“165. Intensive Öffentlichkeitsarbeit und kontinuierliche
Bestandspflege sind die Hauptkomponenten, die zum Erfolg dieser interkulturellen
Bibliotheksarbeit beitrugen, zu einem Erfolg, der sich auch statistisch in steigenden
Umsatzzahlen niederschlägt: Im Jahr 2002 konnten die türkischen Medien im
Durchschnitt fünf Entleihungen verzeichnen.166

160
Ebda.
161
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S. 6
162
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S. 5
163
vgl. ebda.
164
vgl. Sabine Kinder: The Munich City Library in intercultural process, op.cit. = www. muenchner-
stadtbibliothek.de/page.php?pageid=15
165
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S. 6
166
vgl. Margareta Lindner, op. cit., S. 3
49

9. Epilog: Die Geburtsstunde der Fremdsprachenbibliothek in der


Hauptbücherei Wien Am Gürtel

Rechtzeitig zur Eröffnung der Neuen Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz konnte der


zuständige College-Leiter Rudolf Kraus den folgenden Erfolgsbericht zur Information
der LeserInnen und KollegInnen aussenden:

„College 1a – Fremdsprachenbibliothek:
Die Fremdsprachenbibliothek bietet in Originalsprache ein für Mitteleuropa
einzigartiges Konzept an, das in erster Linie klassische und zeitgenössische
Belletristik beinhaltet.
Neben den Weltsprachen Englisch, Russisch, Spanisch, Französisch und
Italienisch werden vor allem die Sprachen österreichischer MigrantInnen und
Nachbarländer angeboten: ca. 7.000 Bücher
• Englisch – 2.700 Bücher
• Französisch – 1.000 Bücher
• Italienisch – 350 Bücher
• Spanisch – 500 Bücher
• Russisch – 300 Bücher
• Serbisch/Kroatisch/Bosnisch – 900 Bücher
• Türkisch – 300 Bücher
• Slowenisch – 100 Bücher
• Polnisch – 115 Bücher
• Tschechisch – 260 Bücher
• Slowakisch – 55 Bücher
• Ungarisch – 170 Bücher
• Rumänisch – 100 Bücher
• Portugiesisch – 50 Bücher
• Arabisch – 50 Bücher
• Ladinisch (Rätoromanisch) – 25 Bücher
• Lateinisch – 60 Bücher
• Kleinbestände in Griechisch, Chinesisch und Jiddisch
• Zweisprachige Bücher aus aller Welt
• Hörbücher – ca. 400 CDs und Toncassetten (englisch, französisch,
spanisch, italienisch)
• Videos – ca. 30 englischsprachige Videos (AutorInnen-Porträts)“167

167
Rudolf Kraus: College 1 – Literatur und Sprache : Bibliotheksstruktur / erstellt von Rudolf Kraus
(Vers. 1/03/2003), S. 2
50

Anhang: Wiener Wohnbevölkerung nach Umgangssprache. Ergebnisse


der Volkszählung 2001

Deutsch 1 166 766


Serbisch 97824
Türkisch 70976
Kroatisch 37654
Englisch 26622
Polnisch 20949
Ungarisch 15435
Arabisch 11081
Bosnisch 8575
Albanisch 7833
Tschechisch 7769
Persisch 6916
Chinesisch 5654
Russisch 5256
Französisch 5244
Slowakisch 4741
Spanisch 4493
Philippinisch 4460
Rumänisch 4379
Italienisch 3294
Mazedonisch 2964
Bulgarisch 2848
Indisch 2488
Burgenland-Kroatisch 2456
Slowenisch 2396
Romanes 1806
Griechisch 1467
Quelle:
Japanisch 1274
Wohnbevölkerung nach
Kurdisch 1102
Umgangssprache: Volkszählung Wien
Hebräisch 1095
2001. Pdf-Datei, auf Anfrage von MA 66
Portugiesisch 982
– Statistik zur Verfügung gestellt
Vietnamesisch 980
51

Interviews:
Interview mit Mag. Claus Oszuszki (Büchereien Wien) am 28. 01. 2003
Interview mit Rainer Grill (Büchereien Wien) am 29. 01. 2003
Interview mit Majda Janežič (Büchereien Wien) am 22. 02. 2003
Interview mit Gülay Olt-Sahiner (Büchereien Wien) am 20.05.2003
Interview mit Zofia Reinbacher (Xiegarnia Polska w Wiedniu) am 20. 05. 2003
Interview mit Emilie Locatin (Institut Français de Vienne, médiathèque) 03. 06. 2003
Interview mit Tanja Fottner (Münchner Stadtbibliothek) am 10. 10. 2003
Interview mit Margareta Lindner (Münchner Stadtbibliothek) am 10. 10. 2003
Interview mit Ulrike Dörfler (Münchner Stadtbibliothek) am 10. 10. 2003
Interview mit Univ. Prof. Dr. Peter Cichon (Institut für Romanistik der Universität
Wien) am 01. 11. 2003
Interview mit Mag. Sándor Békési (Büchereien Wien) am 05.11.2003

Verzeichnis der verwendeten Literatur:

Adler, Elhanan: Sacherschließung unter den Bedingungen von Mehrsprachigkeit und


verschiedenen Schriftsystemen : Der Fall Israel.- (66th IFLA Council and
General Conference, Jerusalem 13-18 August 2000). Zit. nach
www.ifla.org/IV/ifla66/papers/035-130g.htm
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Hrsg. von Jürgen Erfurt. Osnabrück : Obst, 2003, (Osnabrücker Beiträge zur
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[erarb. im Auftrag des Dt. Bibliotheksinst. Projektleiter: Hans Joachim Vogt]. –
Berlin : Dt. Bibliotheksinst., 1984. - (Dbi-Materialien ; 34)
Betrifft: Gründung einer interkulturellen öffentlichen Bücherei / Arbeitskreis für
fremdsprachige Literatur. – Wien : [maschinschriftl. Manuskript], 1989
¬Die¬ Bibliothek der Zukunft – Die Zukunft der Bibliotheken : Leitbild der
Öffentlichen Bibliotheken Österreichs ; einstimmig beschlossen von der
Generalversammlung des Büchereiverbandes Österreichs. Wien :
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Calvet, Louis-Jean: Le marché aux langues : essai de politologie linguistique sur la
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Calvet, Louis-Jean: Les voix de la ville : introduction à la sociolinguistique urbaine.
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Wege zu Minderheiten : ein Handbuch / hrsg. von Ursula Hemetek für die Initiative
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Wohnbevölkerung nach Umgangssprache : Volkszählung Wien 2001. Pdf-Datei,
auf Anfrage von MA 66 – Statistik zur Verfügung gestellt
57

Erklärung

Ich erkläre hiermit, daß ich diese Arbeit selbst, auf eigene Kosten und ausschließlich in
meiner Freizeit verfaßt und außer den bezeichneten Quellen und Hilfsmitteln nichts
benutzt habe.