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DOI:10.1002/­biuz.

201910677 BOTANIK | IM FOKUS

Wozu eine unscheinbare Wasserpflanze gut sein kann

Die Wasserlinse – eine


unterschätzte Vielzweckpflanze
P aul Z iegler | K laus -J ürgen A ppenroth

Wuchernde Wasserpflanzen, die die Ästhe­


tik und Nutzung ihres Standorts beeinträch­
tigen, möchte man am liebsten beseitigen
und vernichten. Dies trifft besonders für die
winzigen Wasserlinsen zu, die ein Gewässer
in kurzer Zeit überwachsen können. Doch
weisen diese unauffälligen Blütenpflanzen
aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften
ein ungeahnt breitgefächertes Nutzungs­
potential auf.

W asserlinsen sind kleine, einfach gebaute Pflanzen,


die auf der Oberfläche von stillen und langsam flie­
ßenden Gewässern leben (Abbildung 1). Ihre winzigen
ABB. 1  a) Wasserlinsen bedecken große Teile der Wasseroberfläche eines
Teiches. b) Einzel-Sprossglieder (Durchmesser ca. 1 cm) und zusammenhän-
Pflanzenkörper werden als „Sprossglieder“ bezeichnet – gende Kolonien von Spirodela polyrhiza, der größten Wasserlinse, mit Wur-
zeln. Fotos mit freundlicher Genehmigung von FISHBIO (a) und John Hilty (b).
auch wenn diese so aussehen, handelt es sich dabei nicht
um Blätter! Diese weitverbreiteten Wasserpflanzen [1]
können weitreichend die Wasseroberfläche bedecken,
wobei sie Wassertieren Schutz und Nahrung („Enten­ Bemerkenswerte Eigenschaften
grütze“) bieten, das Wachstum von Algen und die Ent­ Die Wasserlinsengewächse oder Lemnaceae sind eine Fa­
wicklung von Stechmücken verhindern, die Oberflächen­ milie der Froschlöffelartigen (Alismatales, einer Ordnung
verdunstung herabsetzen sowie durch ihre Photosynthese der einkeimblättrigen Pflanzen), die 37 Arten in 5 Gattun­
atmosphärisches CO2 binden und Sauerstoff produzieren. gen umfasst. Die Gattungen Spirodela und Landoltia be­
Trotzdem sind sie oft unbeliebt – ihre englische Bezeich­ stehen aus nur zwei bzw. einer Art, während die Gattun­
nung „duckweed“ stigmatisiert sie sogar als „Unkraut“ – da gen Lemna, Wolffiella und Wolffia jeweils 10–13 Arten
ihre Ausdehnung auf Gewässeroberflächen optisch und in enthalten [2, 3]. Der Pflanzenkörper der Wasserlinsen, das
Bezug auf Wassersportaktivitäten und Fischvorkommen Sprossglied, hat eine einfach gestaltete, thallusartige Struk­
stört. Deshalb gibt es immer wieder Bestrebungen, Gewäs­ tur von wenigen Zellschichten Dicke und maximal ca.
ser von Wasserlinsen zu befreien. Andererseits sind Wasser­ 1,5 cm Durchmesser ([1]; Abbildung 1), die keine Gliede­
linsen längst als Indikatorpflanzen etabliert. Darüber hin­ rung in Stängel und Blatt erkennen lässt. In ihrer extremen
aus haben sie noch zahlreiche weitere Nutzanwendungen. morphologischen Reduktion ist die nähere Verwandtschaft
So können sie etwa zur Reinigung von Abwasser verwen­ mit den Aronstabgewächsen, die auf Grund molekular­
det werden (Abbildung 2). Dabei kann es sich sogar lohnen, genetischer Untersuchungen eine Parallelfamilie der Alis­
die entstehende Biomasse zu ernten (Abbildung 3, [2]) und matales darstellen [2], keineswegs augenfällig. Die Spross­
sie z. B. als Tierfutter und für die Erzeugung von Bioalkohol glieder vieler Arten bestehen hauptsächlich aus Schwamm­
zu verwenden. Aber das Nutzungspoten­tial von Wasserlin­ parenchym mit großen luftgefüllten Zwischenräumen,
sen geht weit über dies hinaus: Es beruht auf verschiede­ worauf die Schwimmfähigkeit beruht. Sie sind arm an
nen besonderen Eigenschaften dieser Wasserpflanzen. Strukturgewebe, und entweder wurzellos (Wolffiella,

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ABB. 2  Mit Wasserlinsen bedeckte oder Ökotypen („Isolate“, wenn sie erfasst werden), die –
lange Klärbecken der Lemna Corp., auf Grund ihrer vegetativen Vermehrung und der jeweili­
USA, in dem der Abfluss von drei
gen Einflüsse ihrer Standorte – unterschiedliche morpho­
Abwasserbecken durch die Pflanzen
gereinigt wird. Bis zu 38.000 m3 logische und physiologische Eigenschaften aufweisen
Abwasser können pro Tag durch die können. Ein gutes Beispiel hierfür sind die z. T. stark unter­
Anlage fließen; das gereinigte Wasser schiedlichen Wachstumsraten von Klonen einzelner Arten
fließt in ein Feuchtgebiet. Foto aus [5]: Diese innerartliche Diversität ist taxo­nomisch, aber
[12] mit freundlicher Genehmigung der
auch für die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der Was­
Lemna Environmental Technologies, Inc.
(Vadnais Heights, USA). serlinsen von Bedeutung.

Modelle für die Pflanzenforschung


Geringe Größe, schnelles Wachstum, leichte Kultivierbar­
keit und problemlose Verarbeitung auf Grund ihrer Armut
an Strukturelementen haben Wasserlinsen längst als Mo­
dellorganismen für die Erforschung von pflanzenphysiolo­
gischen Fragestellungen empfohlen. Einige diesbezügliche
Untersuchungen sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Die
kürzlich erfolgte Sequenzierung und Kartierung des Ge­
noms von Spirodela polyrhiza [6], gefolgt von mehreren
ABB. 3  Wasserlinsenernte. a) In kleinem Maßstab per Hand und Netz in
Bangladesh. b) In großem Umfang mit motorgetriebenem Gerät in den USA. wesentlichen Verbesserungen [7] hat nun auch das Inter­
Fotos aus [12] mit freundlicher Genehmigung von Sascha Iqbal (a) und der Lemna esse an dem molekularbiologischen Potential von Wasser­
Environmental Technologies, Inc. (b). linsen entfacht [3]. Auch ein Entwurf für das Genom von
Lemna minor ist bereits bekannt, und in mehreren Fach­
tagungen ist die baldige Veröffentlichung der Genome von
Wolffia) oder sie entwickeln eine (wie bei Lemna) bis weiteren Wasserlinsenarten wie Spirodela intermedia,
mehrere (wie bei Spirodela und Landoltia) einfache, Lemna gibba und Wolffia australiana angekündigt wor­
haarlose Wurzeln auf der Unterseite (Abbildung 1). Die den. Dies betrifft außerdem die Möglichkeit, verschiedene
Gattungen unterscheiden sich in der Größe und Komple­ Wasserlinsenarten effizient genetisch zu transformieren
xität der Sprossglieder [1, 3, 4], und ihre differenzierte und somit biotechnologisch nutzbar zu machen, wie z. B.
Morphologie spiegelt die fortschreitende Vereinfachung durch die in Tabelle 1 aufgeführte Ausstattung mit Bio­
der Sprossglieder von Spirodela über Lemna zu Wolffiella lumineszenzmarkern zur Sichtbarmachung der Genexpres­
und Wolffia im Verlauf der Evolution wieder. Die Spross­ sion und die Entwicklung eines Auxotrophs mit Isoleucin­
glieder vermehren sich vorwiegend vegetativ, wobei Toch­ bedürfnis als Selektionsmarker für die rekombinante
tersprosse aus Taschen des Muttersprosses hervorwachsen Prote­inexpression. Gezieltes Gen-silencing und Genom-
und oft eine Weile über Stielchen als Kolonien miteinan­ Duplikation können zur Aufklärung der Wasserlinsen­
der verbunden bleiben (Abbildung 1, [1]). Diese Vermeh­ physiologie eingesetzt werden [3]. Da die Größe des Was­
rung kann sehr rasch erfolgen, da Wasserlinsen schneller serlinsengenoms verschiedener Arten mit der Abnahme
als andere höhere Pflanzen wachsen können [5]. Diese der Größe und Komplexität der Sprossglieder zunimmt
Eigenschaft ist einer der Gründe für das große Anwen­ (das „Wasserlinsen-Paradoxon“, weil man eigentlich einen
dungspotenzial der Wasserlinsen. Da Wasserlinsen­arten umgekehrten Zusammenhang erwarten sollte), können
weltweit vorkommen und in der Regel selten blühen, bil­ Wasserlinsen als Modelle für die Aufklärung der gene­
den sie an den verschiedenen Standorten diskrete Klone tischen Grundlage der morphologischen Reduktion bei
Pflanzen dienen [6]. Wasserlinsen können steril („axe­
nisch“) im Labor kultiviert werden, sind aber in ihrem
natürlichen Umfeld zwangsläufig mit Mikroorganismen
I N KÜ RZE assoziiert. Der Einfluss dieser Organismen auf das Wachs­
tum und die Aufnahmefähigkeit für Nähr- und Schadstoffe
– Wasserlinsen sind sehr kleine und einfach gebaute Schwimmpflanzen, die in die Wasserlinsen, zusammen mit den molekularbiolo­
schnell wachsen und leicht zu kultivieren sind.
gischen Fortschritten, machen Wasserlinsen zu geeigne­
– Sie sind nützliche Modellorganismen für die Erforschung der Physiologie, Gene­
tik und Verwandtschaft von Pflanzen. ten Modellorganismen für die Erforschung von Pflanzen-­
– Sie sind als Toxizitätszeiger für Wasserverunreinigungen etabliert, und weisen Mikroben-Wechselwirkungen im aquatischen Milieu [8].
viele Biomarker für toxische Wirkungen auf. Praktisch bedeutet das, dass man durch die gezielte Kulti­
– Sie können Gewässer von Schadstoffen befreien und liefern dabei Biomasse mit vierung von Wasserlinsen mit Bakterien das Wachstum
vielfältigem Nutzungspotential.
der Wasserlinsen noch weiter steigern kann.
– Sie können für die menschliche Ernährung, die rekombinante Proteinexpression
und sogar für die Lebenserhaltung in der Raumfahrt wertvoll sein. Da Wasserlinsen selten blühen, und die Arten wegen
der zahlreichen Ökotypen in der Regel morphologisch

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nicht zu unterscheiden sind, ist die eindeutige Identifizie­ T A B 1.  A N W E N DU N G E N V O N W A S S E R L I N S E N A L S MO DELL­


rung von isolierten Wasserlinsen ein großes Problem. Die O R G A N I S ME N I N DE R P FL A N Z E N P H Y S I O L O G I E
Information aus den Wasserlinsengenomen ist deshalb
Untersuchung zu Wasserlinse Jahr
eine wertvolle Hilfe für die Taxonomie dieser Pflanzen­
Steuerung des Blühens durch Photoperiode Lemna perpusilla 1963
gruppe, welche wiederum als Modellsystem für die gene­
Biosynthese des verzweigten Zuckers Apiose Lemna gibba 1966
tische Diversitätsbestimmung dienen kann. Die ersten
Versuche, Abhilfe durch die Verwendung von DNA-bar- Pflanzliche Schwefelassimilation Lemna perpusilla 1978

codes, d. h. Referenzsequenzen für die Beurteilung von Biosynthese von Ribulose-1,5-bisphosphat Lemna gibba 1980
genetischen Verwandtschaftsverhältnissen, zu schaffen, Biosynthese von lichtsammelnden Chlorophyll­ Lemna gibba 1981
proteinen
bedienten sich plastidärer Sequenzen, die durch die Pflan­
Induktion von ruhenden Knospen Spirodela polyrhiza 1996
zenarbeitsgruppe des Consortium for the Barcode of Life
Auxin-Biosynthese Lemna gibba 1999
vorgeschlagen wurden. Weitere Ansätze nutzen AFLP-,
Steuerung von Entwicklung durch Phytochrom Spirodela polyrhiza 2001
SSR- und NB-LLR-Markertechniken [9] (siehe Kasten). Da­
1H-NMR fingerprinting von Metabolitänderungen Lemna minor 2009
mit wurden in neuerer Zeit große Fortschritt in der Unter­
scheidung von inner- und zwischenartlichen Verwandt­ Rekombinante Proteinexpression Lemna minor 2012

schaften erzielt. Immunantwort auf mikrobielle Infektionen Lemna minor 2012


Wasserlinsen können auch von großer praktischer Be­ Einzelzell-Biolumineszenz Lemna minor 2013
deutung sein. So sind sie gut geeignet, Gifte in Abwässern Infektionen durch pathogene Bakterien Lemna minor 2013
aufzuspüren und auch zu entfernen. Weiterhin kann die Elektrochemisches Monitoring von Schwermetall­ Lemna minor 2014
aufnahme
Wasserlinsen-Biomasse, die beim Wachstum auf Abwäs­
Nährstoffverteilungsbedingte Biomasse­- Lemna minor 2015
sern und deren Reinigung entsteht, in verschiedenster akkumulation
Hinsicht verwendet werden. Nicht zuletzt können Was­
Metalltransfer in aquatischen Ökosystemen Lemna minor 2015
serlinsen als schnell wachsende photosynthetische Orga­
Weitere Details und Referenzen zu diesen Untersuchungen sind in [3] angegeben.
nismen zur Bindung von atmosphärischem Kohlendioxid
beitragen.
Schädigung der Testorganismen können als übergeord­
Wasserlinsen und Wasserverunreinigung: nete Biomarker für (toxische) Effekte verwendet werden.
Toxizität und Biomarker Diesen liegen wiederum diverse physiologische, moleku­
In ihrem natürlichen Habitat sind Wasserlinsen nicht nur lare und genetische Veränderungen zugrunde, die dann
pflanzlichen Nährstoffen, sondern auch Schwermetall­ als spezifische Biomarker für eine toxische Substanz gel­
verbindungen und organischen Xenobiotika ausgesetzt. ten. In vielen Untersuchungen am Modellsystem Wasser­
Offensichtliche Wachstumsstörungen und Bleichen der linse wurden die physiologischen und biochemischen
Wasserlinsen, die verunreinigtem Wasser ausgesetzt waren, Wirkketten toxischer im Abwasser befindlicher Substan­
führten zu der Verwendung dieser Pflanzen als Indikato­ zen studiert [3, 4, 11]. Diese haben viel zum Verständnis
ren für aquatische Toxizität. Lemna minor wurde schon von Stress in aquatischen Systemen beigetragen.
1979 als „repräsentativer“ Organismus für die Beurteilung
der umweltrelevanten Sicherheit von Chemikalien vorge­
schlagen. Toxizitätstests mit Wasserlinsen – insbesondere METHODEN ZUR VERWANDTSCHAFTSANALYSE VON WASSERLINSEN
mit der kleinen Lemna minor und der buckeligen Lemna
gibba – sind von nationalen und internationalen Organi­ AFLP (Abk. für engl. amplified fragment- analoger Weise verschieden lange DNA-
sationen empfohlen worden [4], und verschiedene Firmen length polymorphism) ist eine moleku­ Fragmente aus, die durch die Verwen­
bieten gegenwärtig derartige Verfahren an [10]. Die geringe larbiologische Technik, mit der ein dung von im Voraus gewählten Primern
Größe, das rasche Wachstum, die vegetative klonale Ver­ Genetischer Fingerabdruck erstellt in der PCR entstehen. Die Auswahl geeig­
werden kann. Dazu wird DNA durch neter Primer stellt ein Hauptproblem
mehrung, die leichte Kultivierbarkeit unter standardisier­
zwei Restriktionsenzyme in Fragmente dieser Technik dar.
ten, axenischen Bedingungen in kleinem Maßstab und die zerschnitten, von denen einige mit Hilfe
verhältnismäßig große Aufnahmefläche für die im Wasser zweier ausgewählter Polymerase-Ketten­ Die NB-LRR-Technik (Abk. für engl.
gelösten Stoffe sind wichtige Faktoren für die Wahl von reaktionen (PCR) vervielfältigt werden. polymorphe nucleotide-binding leucine-
Wasserlinsen als amtlich anerkannte Toxizitätsindi­katoren. Durch Unterschiede in der Anzahl der rich repeat protein markers) nutzt den
Restriktionsstellen in der DNA zweier ausgeprägten Sequenz-Polymorphismus
Die etablierten Wasserlinsentests zur Beurteilung der Toxi­
Individuen entstehen verschieden lange einer Genfamilie von konservierten
zität von Substanzen beruhen auf der leichten Erfassbar­ Fragmente, deren Muster zur Unter­ Proteinen der pflanzlichen Immunab­
keit der Beeinträchtigungen, wie z. B. einer Wachstums­ scheidung von Individuen und auch zur wehr, um Arten und Klone zu differen­
hemmung und/oder einem Chlorophyllverlust. Beispiele Darstellung naher Verwandtschaften zieren. Da solche Bereiche mehrfach in
hierfür sind der OECD „Lemna sp. Growth Inhibition Test“ genutzt werden kann. einem Genom auftreten, ist der genaue
Kenntnis des gesamten Genoms einer
von 2006 und der ISO20079 von 2005 [4].
Die SSR-Technik (Abk. für engl. single eng verwandten Art eine entscheidende
Abbildung 4 zeigt die schädliche Wirkung des Selenit- sequence repeat markers) wertet in Voraussetzung.
Ions auf Lemna minor. Anzeichen einer unspezifischen

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A B B . 4    EF F EKT V ON S ELENI T ( S EO 3 2– ) A U F L EM N A M I N O R N A CH DE M I S O 2005 T O X I Z I T Ä T S T E ST

Zehn Sprossglieder von Lemna minor (als Kolonien von 3–4 Sprossgliedern) wurden in 300 ml Nährmedium auf 50 cm2
Oberfläche in Bechergläsern mit verschiedenen Konzentration des Selenit-Ions für eine Woche inkubiert. Danach
war die Anzahl von Sprossglieder bei > 30 mM SeO32– stark reduziert. Der Chlorophyllverlust bei Konzentrationen
> 100 mM SeO32– ist deutlich erkennbar. Aus [4] mit freundlicher Genehmigung.

Bestimmte physiologische Beeinträchtigungen können Nährstoffe, Metallverbindungen und organische Xenobio­


von vielen verschiedenen Wasserverunreinigungen verur­ tika aus dem Wasser zu entfernen, und entsprechende
sacht werden. Aus diesem Grund ist es schwierig zu be­ Versuche sind mit städtischen, landwirtschaftlichen und
stimmen, welche toxische Wasserverunreinigung einen industriellen Abwässern auch in größerem Maßstab durch­
bestimmten Effekt hervorruft. Es ist vorstellbar, dass um­ geführt worden [3, 4, 12]. Behandlung mit Wasserlinsen
fassende Untersuchungen Biomarker – oder eher Kombi­ ist somit ein vielversprechender Ansatz zur Abwasser­
nationen von Biomarkern – identifizieren können, die für reinigung in jedem Ausmaß.
jeden in Wasser vorkommenden Giftstoff spezifisch sind. Trotzdem beschäftigen sich nur wenige Unternehmen
Diese stoffspezifischen Biomarker könnten dann ihrerseits kommerziell mit der Abwasserreinigung durch Wasserlin­
die Identifizierung von toxischen Wasserverunreinigun­ sen. [10]. Dies mag ob der Einfachheit der Methode und
gen ermöglichen [11]. der Technologien überraschen (Abbildung 3), die sich vor
allem für strukturarme Gebiete und Länder mit einem mil­
Wasserlinsen und Abwasser: den Klima anbieten [3]. Solange die herkömmlichen Klär­
Reinigung und nützliche Biomasse anlagen ausreichen, große Mengen an städtischem, land­
Wasserlinsen können im Wasser gelöste Substanzen durch wirtschaftlichem oder industriellem Abwasser zu klären,
Fehlen einer Kutikula effizient aufnehmen und verschie­ haben es alternative Verfahren schwer, sich durchzuset­
dene schädliche Stoffe an ihre Zellwände adsorbieren. zen. Beispielweise scheiterten Bemühungen, eine Wasser­
Wenn Abwässer keine zu hohen Konzentrationen von linsen-gestützte Abwasserreinigungsanlage in Texas zu
Schadstoffen enthalten, können Wasserlinsen deshalb zur etablieren, am Widerstand gegen neuartige Technologien
Gewässerreinigung verwendet werden [4]. Sie wachsen [3]. Die Abwasserreinigung mit Wasserlinsen führt zur
sehr schnell und können einfach von der Wasserober­ Produktion größerer Mengen an pflanzlicher Biomasse.
fläche abgeschöpft werden; da dies meist nicht quantitativ Wenn sie nicht zu stark durch Gifte verunreinigt ist, kann
erfolgt, lässt sich die Prozedur ohne weiteres Zutun wie­ sie einfach durch Verbrennung oder Geländeaufschüttung
derholen. Ebenfalls können Verunreinigungen kontinu­ entsorgt werden, aber es gibt auch viele Möglichkeiten,
ierlich entfernt werden; dies kann durch langgestreckte sie gewinnbringend zu verwerten. Wo bisher Abwasser­
(Abbildung 2) oder in Serien geschaltete Abwasserbecken reinigung durch Wasserlinsen zum Einsatz gekommen ist,
optimiert werden. Zahlreiche Laboruntersuchungen haben erfolgte dies meist auch im Hinblick auf eine Nutzung der
die Fähigkeit von Wasserlinsen gezeigt, überschüssige Biomasse.

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Verwertung von Wasserlinsen-Biomasse A B B . 5   V E R W E N DU N G V O N A U F A B W A S S E R W A CH S E N DEN


Die Verwendungsmöglichkeiten für die Biomasse von auf ­W A S S E R L I N S E N
Abwässern gezogenen Wasserlinsen sind zahlreich. Sie
umfassen zum einen die Energiegewinnung aus Pflanzen­
masse. Andererseits können Wasserlinsen zu Düngezwe­
cken verwendet werden (solange sie keine toxischen
Verbindungen enthalten), und Pflanzenkohle (Biochar)
aus Wasserlinsen-Biomasse zusammen mit getrockneten,
pulverisierten Wasserlinsen können als Bioadsorbentien
zur Bodenverbesserung beitragen (Abbildung 5, [3]). Was­
serlinsen können auch direkt als Rohstoffquelle für che­
mische Synthesen dienen: Stärke von auf städtischem Ab­
wasser gewachsenen Wasserlinsen wurde in Argentinien
zur Herstellung von biologisch abbaubarem Kunststoff
verwendet [3]. Auf Abwasser kultivierte Wasserlinsen sind
außerdem schon lang als Viehfutter im Gespräch. Schon
1967 schlugen Hillman und Culley vor, das Abwasser aus
der Milchkuhhaltung mit Wasserlinsen zu klären, und die
dabei entstehende Wasserlinsen-Biomasse wieder als Vieh­
futter zu verwenden [3]. In Anlehnung an dieses Prinzip
Verändert nach [3]
wurde in den 1980er Jahren Abwasser von einem Kran­
kenhauskomplex in Mirzapur, Bangladesh, erfolgreich mit
Wasserlinsen gereinigt und die Wasserlinsen als Futter­ Wasserlinsen als Biofabriken
mittel in der Fischzucht gewinnbringend verwendet [12], Pflanzen haben sich in letzter Zeit als kommerziell rele­
Abbildung 6). Kommerzielle Ansätze in dieser Richtung vante Produktionsstätten für rekombinante Proteine her­
sind auch heute aktuell [10]. Die Tatsache, dass auf Ab­ ausgestellt [14], und jüngste Erfolge in der Transformation
wasser wachsende Wasserlinsen auch Schadstoffe aufneh­ von Wasserlinsen haben die Gewinnung mehrerer hetero­
men können und zudem mit vielen Mikroorganismen be­ log exprimierter Proteine für pharmazeutische Produkte
haftet sind, macht ihre Verwendung als Tierfutter bedenk­ ermöglicht [3]. Schnelles Wachstum, leichte Kultivierbar­
lich, nicht nur für die Tiere selbst, sondern auch für die keit unter kontrollierten Bedingungen und einfache Ver­
Menschen in der aufsteigenden Nahrungskette. Bei der arbeitung von Wasserlinsen lassen diese Organismen für
Verwendung von Wasserlinsen zu Ernährungszwecken ist die heterologe Produktion von Antikörpern, Enzymen und
also immer sorgfältig auf Toxizität und Pathogenität zu Wachstumsfaktoren für pharmazeutische, kosmetische
prüfen. und biokatalytische Zwecke als besonders geeignet er­
scheinen. Enzyme für die industrielle Bereitstellung etwa
Wasserlinsen für die menschliche
Ernährung?
Wasserlinsen der Gattung Wolffia werden traditionell als
Lebensmittel in Südostasien konsumiert (z. B. in Currys
und Omeletten), wo sie einfach von stehenden Gewäs­
sern abgeschöpft werden (Abbildung 3). Sie sind auch
sehr nahrhaft: Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigt,
dass Wolffia hohe Gehalte an Protein, Stärke und Ballast­
stoffen aufweist, sowie reichlich essentielle Aminosäu­
ren, eine günstige Fettsäure-Zusammensetzung und wert­
volle Mineralstoffe und Antioxidanten enthält [13]. Dies
ist vor allem für Länder mit unsicherer Lebensmittelver­
sorgung von Interesse. So beschäftigen sich 7 von 22 Un­
ternehmen, die gegenwärtig Wasserlinsen kommerziell
vermarkten, mit der Produktion von menschlichem Nähr­ ABB. 6  Wasserlinsen-gestützte Abwasserreinigung
mittel aus Wasserlinsen [10]. Derzeit werden Wasserlin­ und Fischzucht auf der PRISM-NGO Demonstrationsfarm
sen in der EU noch als „neuartiges Nahrungsmittel“ ein­ in Mirzapur, Bangladesh. Abwasser von 2000–3000 An-
gestuft und können daher aus rechtlichen Gründen hier­ wohnern eines Krankenhauskomplexes wird mit Wasser-
linsen gereinigt (Vordergrund); die geernteten Wasser-
zulande nicht für die menschliche Ernährung kommerziell
linsen werden als Futter im angrenzenden Fischkulturteich
vertrieben werden. (Hintergrund) verwertet. Foto aus [12] mit freundlicher
Genehmigung von Sascha Iqbal.

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von Biotreibstoff und Papier könnten ebenso in transfor­ Danksagung
mierten Wasserlinsen produziert werden. Dabei kommt Die Autoren möchten sich bei Herrn Prof. Dr. Erwin Beck, Univer­
es im Gegensatz zu Lebensmitteln nicht auf Verunreini­ sität Bayreuth, für die kritische Durchsicht des Manuskripts be­
danken.
gungen an.

Auf in die Zukunft? Literatur


Wasserlinsen könnten sogar einen wichtigen Beitrag bei   [1] E. Landolt, The Family of Lemnaceae – a Monographic Study:
Biosystematic Investigations in the Family of Duckweeds (Lemna-
der Erkundung des außerirdischen Raums leisten. Ihre
ceae) (vol. 2), Veröffentlichungen des Geobotanischen Instituts
bemerkenswerten Eigenschaften und die einfache Ver­
der ETH, Stiftung Rübel, 71. Heft, Zürich, 1986.
arbei­tung eignen sich sehr gut für die nachhaltige   [2] K.-J. Appenroth, E. Lam, Wasserlinsen als Nutzpflanzen, BiuZ,
Abwasser­reinigung, Trinkwasser- und Nahrungsmittel­ 42(3), 2012, 181–187.
aufbe­reitung, CO2-Bindung und O2-Produktion in Raum­ [3] P. Ziegler, K.S. Sree, K.-J. Appenroth, The uses of duckweed in
schiffen [15]. relation to water remediation, Desal Wat Treat, 63, 2017,
327–342.
  [4] P. Ziegler, K.S. Sree, K.-J. Appenroth, Duckweeds for water
Zusammenfassung remediation and toxicity testing, Toxicol Environ Chem, 98(10),
Das rasche Zuwachsen von Gewässeroberflächen macht die 2016, 1127–1154.
unscheinbaren, kleinen Wasserlinsengewächse (Lemna­   [5] P. Ziegler, K. Adelmann, S. Zimmer, C. Schmidt, K.-J. Appenroth,
ceae) oft unbeliebt. Doch ihr Wachstumspotential, zusam­ Relative in vitro growth rates of duckweeds (Lemnaceae) – the most
rapidly growing higher plants, Plant Biol, 17(Suppl 1), 2015, 33–41.
men mit ihren besonderen morphologischen, klonalen und
  [6] W. Wang, G. Haberer, H. Gundlach, C. Gläser, T. Nussbaumer,
genomischen Eigenschaften sowie ihrer leichten Kultivier­
M.C. Luo, A. Lomsadze, M. Borodovsky, R.A. Kerstetter, J. Shanklin,
barkeit machen Wasserlinsen zu wertvollen Modellpflanzen D.W. Bryant, T.C. Mockler, K.J. Appenroth, J. Grimwood, J. Jenkins,
für die Untersuchung von pflanzenwissenschaftlichen Fra­ J. Chow, C. Choi, C. Adam, X.-H. Cao, J. Fuchs, D. Rokhsar,
gestellungen. Zudem wurden sie als Indikatorpflanzen in J. Schmutz, T.P. Michael, K.F.X. Mayer, J. Messing, The Spirodela
der aquatischen Ökotoxikologie etabliert. Wasserlinsen polyrhiza genome reveals insights into its neotenous reduction
fast growth and aquatic lifestyle, Nature Commun, 5:3311, 2014,
können zu der biologischen Reinigung von Abwässern bei­
https://doi.org/10.1038/ncomms4311.
tragen, und die Biomasse, die ihr Wachstum dabei liefert,   [7] P.N.T. Hoang T.P. Michael, S. Gilbert, P. Chu, S.T. Motley,
kann vielen Zwecken dienen, wie Energie- und Treibstoff­ K.-J. Appenroth, I. Schubert, E. Lam, Generating a high-confidence
produktion sowie Verwendung als Dünger und Futtermittel. reference genome map of the Greater Duckweed by integration of
Wasserlinsen aus kontrollierter Anzucht können Nahrungs­ cytogenetic, optical mapping, and Oxford Nanopore technologies,
Plant J, 96, 2018, 670–684.
mittel für Menschen darstellen, und sie können auch als
  [8] K.-J. Appenroth, P. Ziegler, K.S. Sree, Duckweed as a model
biologische Fabriken für die heterologe Proteinexpression
organism for investigating plant-microbe interactions in an
dienen. Das vielfältige Nutzungspotential von Wasserlinsen aquatic environment and its applications, Endocyt Cell Res, 27(2),
ist noch sehr unvollständig umgesetzt worden: Dies zu tun, 2016, 94–106.
ist eine Aufgabe für die Zukunft.   [9] P. Chu, G.M. Wilson, T.P. Michael, J. Vaiciuas, J. Honig, E. Lam,
Sequence-guided approach to genotyping plant clones and
species using polymorphic NB-ARC-related genes, Plant Mol Biol,
Summary
98, 2018, 219–231.
Tiny, inconspicuous duckweeds (Lemnaceae) are often con­ [10] T. Shoham, Practical applications of duckweed: challenges and
sidered a nuisance, due to their propensity to rapidly cover opportunities, Duckweed Forum (Newsletter of the Community of
surfaces of water bodies. However, their pronounced Duckweed Research and Applications, edited by the ISCDRA), 6(4),
growth potential, together with their particular morpholog­ issue 23, 2018, 124–126: http://www.ruduckweed.org/uploads/
1/0/8/9/10896289/duckweed_forum_23.pdf, Accessdatum
ical, clonal and genomic properties and their easy cultiva­
19.01.2019.
tion make them valuable model plants for studies, and have [11] P. Ziegler, K.S. Sree, K.-J. Appenroth, Duckweed biomarkers for
established them as indicator plants in the field of ecotoxi­ identifying toxic water contaminants?, Environ Sci Pollut Res,
cology. Duckweeds can make a valuable contribution to 2018, https://doi.org/10.1007_s11356-018-3427-7.
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can contribute to human nutrition and serve as biofactories 15.01.2019.
for heterologous protein expression. The versatile usage [13] K.-J. Appenroth, K.S. Sree, M. Bog, J. Ecker, C. Seeliger, V. Böhm,
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M. Leiterer, C. Dawcynski, G. Liebisch, G. Jahreis, Nutritional value
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of the duckweed species of the genus Wolffia (Lemnaceae) as
human food, Front Chem, 6, 2018, Art. Nr. 483.
Schlagworte [14] M. Tschofen, D. Knopp, E. Hood, E. Stöger, Plant molecular
Wasserlinsen, Modellpflanzen, Gewässerreinigung, Toxi­ farming: much more than medicines, Annu Rev Anal Chem, 9,
zitätsmarker, Nutzpotential 2016, 271–294.

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BOTANIK | IM FOKUS

[15] C.M. Escobar, A.C. Escobar, Duckweed: a tiny aquatic plant with Klaus-Jürgen Appenroth, Jahrgang 1948, Promo­
enormous potential for bioregenerative life support systems, tion 1978 in Chemie und Habilitation 1992 in der
47th International Conference on Environmental Systems, 2017: Pflanzenphysiologie der Universität Jena. Alexan­
https://www.spacelabtech.com/uploads/3/4/9/7/34972090/ der von Humboldt-Stipendiat bei Hans Mohr an
ices-2017-281_-__escobar__-_duckweed_final.pdf. Accessdatum der Universität Freiburg (1992). Vorsitzender des
15.01.2019. „International Steering Committee on Duckweed
Research and Applications“ (2013–2017) und
Internetseiten seitdem Mitglied dieses Komitees. Zirka 120
http://www.ruduckweed.org/. Webseite der Rutgers Duckweed Stock wissenschaftliche Publikationen, zumeist bezogen
Cooperative, New Brunswick, New Jersey State University, Prof. Dr. Eric auf Wasserlinsen. Mehrfach Gastdozent in Indien,
Lam. Zugang zu den Newsletters des „International Steering Committee Hyderabad Central University, Telangana.
on Duckweed Research and Application (ISCDRA)“.

Die Autoren
Paul Ziegler, Jahrgang 1946, Studium der Biologie Korrespondenz:
an der McMaster University, Hamilton, Ontario, Paul Ziegler
Kanada (Bachelor), an der Technischen Hochschule Lehrstuhl Pflanzenphysiologie
München (Diplom), und an der Ludwig-Maximilians- Universität Bayreuth
Universität München (Promotion). Wissenschaft­ Universitätsstraße 30
licher Assistent, Akademischer Rat und Akademi­ 95440 Bayreuth
scher Oberrat an der Universität Bayreuth. Paul.Ziegler@uni-bayreuth.de

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