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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichte
Lehrender: Prof. Dr. Georg Jostkleigrewe
Seminar: Spätmittelalterliche Königsherrschaft im Reich
Wintersemester 2019/2020

Das Reichsvikariat Ruprechts II. von der Pfalz während


der Gefangenschaft König Wenzels im Jahr 1394

Felix Gerald Krieg


Bernhardystraße 9
06110 Halle
E-Mail: felix.krieg@student.uni-halle.de
Matrikelnummer: 218211018
Studiengang: LA Gym. Geschichte, ev. Religion
Fachsemester: 3
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ………………………………………………………… …….. 3


2. Der Kontext ……………………………………………………………… 4
3. Das Reichsvikariat in der „Goldenen Bulle“ von 1356 …………………. 5
4. Das Reichsvikariat in Ruprechts Brief vom 20. Juli 1394
4.1. Der rechtliche Anspruch des Pfalzgrafen …………………………... 7
4.2. Die Rolle der Kurfürsten und die der Städte ………………………. 8
4.3. Die Gefangenschaft König Wenzels ………………………………. 9
5. Rechtliche Einordnung des Vikariats von 1394 …………………………10
6. Konklusion ………………………………………………………………12
7. Quellen- und Literaturverzeichnis ………………………………………13
1. Einleitung

Sollte der Bundespräsident, als das deutsche Staatsoberhaupt, zeitweise oder


dauerhaft nicht in der Lage sein, sein Amt auszuüben, wird seine Vertretung durch
Artikel 57 des Grundgesetzes geregelt. „Die Befugnisse des Bundespräsidenten
werden im Falle seiner Verhinderung oder bei vorzeitiger Erledigung des Amtes
durch den Präsidenten des Bundesrates wahrgenommen.“, heißt es dort. Die
Notwendigkeit, trotz Abwesenheit, Tod oder Unfähigkeit des Staatsoberhauptes ein
Weiterführen der Regierungsgeschäfte zu gewährleisten, bestand auch schon im
Mittelalter. Thema meiner Hauarbeit ist die Stellvertreterherrschaft im Heiligen
Römischen Reich im Spätmittelalter, am Beispiel des Reichsvikariats Pfalzgraf
Ruprechts II. während der Gefangenschaft König Wenzels im Jahr 1394. Die
historische Forschung ist bislang in erster Linie der Frage nachgegangen, woher der
Anspruch des Pfalzgrafen auf das Reichsvikariat während Wenzels Inhaftierung
stammt. Die ältere Forschung sah diesen im Recht des Pfalzgrafen auf die
Reichsverweserschaft vacante imperio, die 1356 in der „Goldenen Bulle“
festgeschrieben wurde. Demgegenüber vertritt man in der neueren Forschung die
Position, dass eine Stellvertreterschaft Ruprechts von 1375 und seine Führungsrolle
im Egerer Landfrieden von 1390 ihn für das Vikariat prädestinierten, demzufolge
sein Anspruch aus einem Vikariat absente rege hergeleitet wurde1. Die Herleitung
des Anspruchs ist jedoch nur eine Facette des pfälzischen Vikariats in dieser
außerordentlichen Situation. Und die Gefangennahme und Verschleppung eines
Königs, noch dazu durch seine eigenen Untertanen, kann ohne Zweifel als
außerordentlich betrachtet werden. In dieser besonderen Situation bestand nun für
den Stellvertreter die Notwendigkeit, sein Amt zu legitimieren, um Anerkennung
und im besten Fall auch Gehorsam zu erfahren.
In dieser Arbeit soll nun der Frage nachgegangen werden, wie sich Ruprechts
Bemühungen äußern, sein Reichsvikariat zu legitimieren. Als Quellengrundlage
dienen die „Goldene Bulle“ von 1356, insbesondere Kapitel V De iure comitis
palatini et eciam Saxonie ducis, welches den zeitgenössischen, rechtlichen Rahmen

1
MARIE-LUISE HECKMANN: Stellvertreter, Mit- und Ersatzherrscher. Regenten,
Generalstatthalter, Kurfürsten und Reichsvikare in Regnum und Imperium vom 13. bis zum frühen
15. Jahrhundert (Studien zu den Luxemburgern und ihrer Zeit Bd. 9), Warendorf 2002, S. 625.

3
bildet, und der Brief des Pfalzgrafen Ruprechts II. an die Reichsstadt Frankfurt, in
der Ruprecht die Stadt von seiner Amtsübernahme als Reichsverweser in Kenntnis
setzt. Der Schwerpunkt der Quellenanalyse und Interpretation wird auf den
legitimatorischen Argumenten in Ruprechts Brief liegen, Zunächst sollen jedoch
der politische Kontext und der Ereignisrahmen des Jahres 1394 abgesteckt werden.

2. Der Kontext

Die Monarchie im spätmittelalterlichen Reich war eine Wahlmonarchie, in der der


König von den sieben Kurfürsten gewählt wurde. Die Gegensätzlichkeit von
Königtum und Kurkolleg wurde in der „Goldenen Bulle“ Karls IV. von 1356
festgeschrieben2. Karls Sohn regierte seit 1378 als Wenzel I. das Heilige Römische
Reich. Gleichzeitig hatte er als Wenzel IV., bis zu seinem Tod 1419, die böhmische
Königskrone inne3. Im Reich waren im 14. Jahrhundert mit dem Hause Luxemburg,
der Familie der Habsburger und den bayrischen Wittelsbachern drei große
Dynastien aktiv, die schon Könige gestellt hatten und die umfangreiche
Bündnispolitik betrieben. In Hinblick auf Ruprechts Reichsvikariat ist vor allem
das habsburgische Vorgehen relevant. Im Znaimer Vertrag vom 18. Dezember 1393
verbündeten sich der habsburgische Herzog von Österreich, Albrecht III., mit dem
Wettiner Wilhelm von Meißen und den beiden Luxemburgern König Sigismund
von Ungarn und dem Markgrafen Jobst von Mähren zu einem Schutz- und
Trutzbündnis gegen jedermann, ausgenommen des Reiches, nicht jedoch des
Königs4. Diese explizite Unterscheidung zwischen Reich und König war unüblich
und offenbart die Bemühungen der Vertragspartner, sich Möglichkeiten
offenzuhalten, gegen den König vorzugehen5. Die Beteiligung Sigismunds und
Jobsts am Znaimer Vertrag lassen auf innerluxemburgische Konflikte schließen. In

2
PETER MORAW: Von offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung. Das Reich im späten
Mittelalter 1250 bis 1490 (Propyläen-Studienausgabe, Frankfurt a.M.-Berlin 1989, S. 247-251.
3
MARCO INNOCENTI: Wenzel IV. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band
XXIV, Nordhausen 2005, Spalten 1521-1531.
4
ALOIS GERLICH: Habsburg – Luxemburg – Wittelsbach im Kampf um die deutsche
Königskrone. Studien zur Vorgeschichte des Königtums Ruprechts von der Pfalz, Wiesbaden
1960, S. 5.
Ein ähnliches Abkommen, mit gleich lautender Herausnahme des Reichs, aber nicht des Königs,
wurde am 20. Mai 1394 mit Wittelsbachern der Münchner Linie geschlossen (Gerlich S. 11).
5
Vgl. GERLICH, Habsburger, S. 7.

4
der Tat konkurrierte Sigismund mit Johann von Görlitz, dem Stiefbruder Wenzels,
um den Anspruch auf das Erbe der böhmischen Krone6. Auch der Ensisheimer
Vertrag vom 5. Mai 1394 fügt sich in die habsburgische Bündnispolitik kontra
Wenzel ein. 14 schwäbische Reichsstädte verpflichteten sich darin, einen
habsburgischen Anspruch auf die Krone unterstützen zu wollen, wenn das Reich in
den nächsten 9 Jahren verwaisen sollte7.
Innerböhmische Konflikte, sowohl Streitigkeiten zwischen Prokop und Jobst von
Mähren und Johann von Görlitz, als auch das Streben des böhmischen Landadels
nach „Erweiterung und Festigung seiner Stellung als Landstand“8 ließen die
Situation im Frühjahr 1394 eskalieren. Die böhmischen Landherren verbündeten
sich mit Jobst und unterbreiteten Wenzel ihre Forderungen. Dieser verweigerte sie
ihnen, worauf der König am 8. Mai 1394 gefangengenommen und auf die Prager
Burg verschleppt wurde9. Damit war das Reich seines Oberhauptes beraubt. Wie
die Vorkehrungen für einen solchen Fall aussahen, soll nun anhand der „Goldenen
Bulle“ untersucht werden.

3. Das Reichsvikariat in der „Goldenen Bulle“ von 1356

Das Heilige Römische Reich, als eine Wahlmonarchie, benötigte für den Fall eines
Interregnums nach dem Tod eines Königs, bis zur Wahl seines Nachfolgers eine
stellvertretende Institution. Im V. Kapitel der „Goldenen Bulle“ werden Aussagen
zu dieser Stellvertreterschaft getroffen. Zunächst sind der Pfalzgraf bei Rhein für
rheinische Lande, Schwaben und das Gebiet fränkischen Rechts, und der Herzog
von Sachsen für die Länder sächsischen Rechts als Reichsverweser vorgesehen.
Dem Pfalzgrafen, in diesem Fall Ruprecht II., steht die Verweserschaft ratione
principatus seu comitatus Palatini zu10. Der Reichsvikar hat die Befugnis iudicia
exercendi, ad beneficia ecclesiastica presentandi, recolligendi redditus et

6
Vgl. GERLICH, Habsburger, S. 18.
7
Ebd., S. 4.
8
Ebd., S. 12.
9
THOMAS KRAUS: Eine unbekannte Quelle zur ersten Gefangenschaft König Wenzels im Jahre
1394, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 43, 1987, S. 139.
10
Die Goldene Bulle, in: Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-Deutschen Reiches im
Spätmittelalter (1250-1500): Lateinisch/Mittelhochdeutsch und Deutsch / Ausgewählt und
übersetzt von Lorenz Weinrich, Darmstadt 2017, Nr. 94a, S. 314-395.

5
proventus et investiendi de feudis, iuramenta fidelitatis vice et nomine sacri imperii
recipiendi11. Vom Recht der Lehenseinsetzung bleiben Fahnenlehen
ausgenommen, auch die Veräußerung und Verpfändung von Reichsgut bleibt allein
dem König vorbehalten12. Dem Pfalzgrafen, als dem Repräsentanten fränkischen
Rechts, obliegt die Gerichtsbarkeit über den König auf Hoftagen13, was mit dem
Ursprung des Königtums im fränkischen Reich zu erklären ist. Der Umstand, dass
nur einige wenige, nämlich die essentiellen Rechte erwähnt wurden, und die
Verfasser der „Goldenen Bulle“ dabei sehr allgemein blieben, legt den Schluss
nahe, dass Kapitel V nur ein Herrschaftsminimum abdeckte, zur ordnungsgemäßen
Regierung des Reiches jedoch darüber hinausgehende Befugnisse notwendig
waren. Im Verständnis der Reichsvikare handelte es sich bei den dort genannten
Befugnissen „nur um eine beispielhafte Aufzählung“14.
Die Regelungen der „Goldenen Bulle“ gelten für den Fall einer Thronvakanz,
beschreiben also ein Vikariat vacante imperio. Diese Reichsverweserschaft
unterscheidet die Forschung vom Vikariat zu Lebzeiten des Königs, welches mit
seiner Vollmacht ausgestellt wird. Als Unterform dieser Vertreterschaft vivente
imperatore kann das Abwesenheitsvikariat absente rege betrachtet werden. Diese
Differenzierung ergibt sich daraus, dass Vikariate nicht nur für die Abwesenheit
des Königs erteilt wurden15.
Die Bestimmungen der „Goldenen Bulle“ bildeten also den gesetzlichen Rahmen
für Ruprechts Vikariat. Verengt wurde dieser Rahmen noch durch einen
machtpolitischen Aspekt, der sich aus der habsburgischen Bündnispolitik, speziell
dem Ensisheimer Vertrag16 ergab. Ruprecht musste, da das Reich praktisch vakant
war, mit Konkurrenz um seine Führungsposition im Reich, vielleicht sogar einer
habsburgischen Forderung nach der Krone rechnen. Schon aus diesem Umstand
erschloss sich die Notwendigkeit, sein Vikariat zu legitimieren. Ruprecht musste
sich außerdem der Akzeptanz der Reichsstände für sein Amt versichern, um gegen
die böhmischen Adligen handlungsfähig werden zu können. Zu diesem Zweck
musste er gewichtige Argumente anführen, die sich im Brief des Pfalzgrafen an die

11
Goldene Bulle S. 342.
12
Ebd., S. 342.
13
Ebd., S. 344.
14
HERMKES, Reichsvikariat, S. 23.
15
Ebd., S. 3.
16
Siehe diese Arbeit, S. 2.

6
Reichsstädte, in dem er über seine Amtsübernahme als Reichsvikar informiert, und
zu Gehorsam und Unterstützungsbereitschaft aufruft, wiederfinden. Dieser Brief
soll Gegenstand der folgenden Betrachtungen werden.

4. Das Reichsvikariat in Ruprechts Brief vom 20. Juli 1394

4.1. Der rechtliche Anspruch des Pfalzgrafen

Vier Aspekte in Ruprechts Brief sind für die Fragestellung relevant und werden in
den folgenden vier Unterkapiteln abgehandelt. Als erstes Argument, mit dem
Ruprecht II. sein Amt zu legitimieren sucht, führt er das pfalzgräfliche Recht auf
die Reichsverweserschaft an. Ende Mai 1394 wird nun König Wenzel in Böhmen
gefangengesetzt, womit das Reich verwaist. In dieser Situation ist es nun nötig, daz
unser iglicher von des richs wegen deste flißlicher darzu sehen und gewarten solle,
sins rechten zu gebruchen und zu uben, als ym zugehoret von sins rechten wegen
am rich17. Es erscheint einleuchtend, dass sich Ruprecht mit dieser Formulierung
auf die „Goldene Bulle“ beruft, in der sein Recht als Pfalzgraf auf das Vikariat
unmissverständlich festgehalten wurde. Kurfürstenwürde und Pfalzgrafenschaft
dienen, wie in der „Goldenen Bulle“, als Begründung für dieses Recht18. Etwaiger
Kritik vorbeugend, er könne seine neue Position missbrauchen oder selbst nach der
Krone greifen, verdeutlicht Ruprecht, dass er sich über die zeitliche Begrenztheit
seines Amts bewusst ist. Er stellt klar, dass er die Geschäfte des Reiches nur solange
führen wird, biz daz unser herre der konig mit gots hilff ledig und sin selbst wol
mechtig wirt19. Ergänzend zum festgeschriebenen Reichsrecht führt der Pfalzgraf
auch noch das Gewohnheitsrecht an, das schon die altfordern pfalczgraven bij Rin,
kurfursten des richs, gebruchet [… ] hant20. Dabei kann Ruprecht auf eine lange
Rechtstradition zurückblicken. Spuren einer pfälzischen Usurpation ursprünglich
königlicher Rechte finden sich schon in den 1250er Jahren, um 1275 wurde der

17
Brief Ruprechts II. von der Pfalz an Frankfurt, in: Deutsche Reichstagsakten unter König
Wenzel, Band 2, München 1874, Nr. 222, S. 390, Zeile 19 ff.
18
Als ein pfalczgrave bij Rin, von unsers kurfurstentums und wirdekeit wegen heißt es im Brief
S. 390, Zeile 21 f, und ratione principatus seu comitatus Palatini in der „Goldenen Bulle“ S. 342.
19
Brief Ruprechts S. 390, Zeile 29 f.
20
Brief Ruprechts, S. 390, Zeile 24 f.

7
lehnsrechtliche Aspekt des Reichsvikariats im Schwabenspiegel niedergeschrieben,
und von da an, bis zur Verfassung der „Goldenen Bulle“ um weitere Befugnisse
erweitert21.

4.2. Die Rolle der Kurfürsten und die der Städte

Schon im Vorfeld der Gefangennahme Wenzels hatte es Konflikte in Böhmen,


zwischen den luxemburgischen Akteuren gegeben. Jobst von Mähren ging dabei
zwar gegen den König vor, hatte aber bislang nichts getan, was den Reichsfrieden
hätte gefährden können. Im Reich verhielt man sich daher abwartend, wie sich diese
innerböhmische Auseinandersetzung regeln würde. Auch als die Nachricht von der
Gefangennahme des Königs am 8. Mai 1394 längst die deutschen Lande erreicht
haben musste, verhielt man sich noch zurückhaltend. Erst eine Nachricht des
königstreuen Johann von Görlitz, in Form des „Kuttenberger Manifestes“ vom 7.
Juni, in dem dieser die Gefangenschaft des Königs bestätigt und gleichzeitig die
böhmische Nation zur Heeresfolge und die Reichsfürsten zum Handeln aufruft, ließ
die Kurfürsten aktiv werden. Zuerst in Nürnberg, dann in Frankfurt kamen die
rheinischen Kurfürsten und zahlreiche Vertreter der Reichsstände und Städte
zusammen22. Dort berief man schließlich Ruprecht zum vorübergehenden
Oberhaupt des Reiches. Die Einvernehmlichkeit dieser Entscheidung und die breite
Rückendeckung die der Pfalzgraf dabei genoss, ziehen sich konsequent durch das
Dokument. Die namentliche Nennung der drei anwesenden Erzbischöfe und die
Aufzählung der fursten, graven, herren und stette, die zum riche gehorent23 und
sich in Frankfurt beraten hatten, sollten verdeutlichen, welch umfangreichen
Rückhalt Ruprecht II. von der Pfalz genoss. Wichtige Beschlüsse, die im Brief der

Stadt Frankfurt mitgeteilt werden, werden ausdrücklich vom Rest des Kurkollegs
mitgetragen. So sind die obgenante kurfursten ubirkomen,[… ], daz unser iglicher
von des richs wegen deste flißlicher darzu sehen und gewarten solle, sins rechten

21
Vgl. HERMKES, Reichsvikariat, S. 7 f.
22
Siehe GERLICH, Habsburg, S. 22.
23
Brief Ruprechts, S. 390, Zeile 7.

8
zu gebruchen und zu uben24 und auch einvernehmlich davon gescheiden, [… ], daz
wir dann uns underwunden haben, ein vicarius und furseher also zu sin an unsers
herren des konigis stad25. Genauso nachdrücklich wird das Einverständnis der
Frankfurter Versammlung bei dem Beschluss betont, daz man keyne briefe, die also
gemacht und versigelt sint off die zijt und sijther, als unser herre der konig bekumert
und sin selbs ungeweldig gewest ist und als lange er nit genczelich ledig wirt, nit
halten noch achten sal26. Besonders bei dieser kritischen Regelung, die den Zweck
hatte, einen möglichen Einfluss der böhmischen Aufständischen auf den Rest des
Reiches, außerhalb Böhmens, einzudämmen, war es für Ruprecht wichtig, eine
umfangreiche Basis an Befürwortern vorzuweisen. Die Kurfürsten erfüllten also,
wie auch Ruprechts Pfalzgrafenrecht, eine legitimierende Funktion in seinem
Schreiben an die Reichsstädte.
Die Städte für sich zu gewinnen, war, neben der Absicherung gegen mögliche
Konkurrenten um die Übergangsherrschaft, ein weiteres Ziel der pfalzgräflichen
Argumentation. An sie wendet sich Ruprecht im Brief mit der Aufforderung, ihrem
herren dem konige [… ] folke zu schicken27. Das finanzielle und militärische
Potenzial der Städte war für eine wirksame Intervention in Böhmen unerlässlich.
Und bei den diesen hatte der Pfalzgraf gute Chancen, auf seine Anweisungen
Gehorsam zu finden, denn schließlich war er als Reichsvikar befugt, bei den Städten
Abgaben einzutreiben28 und seine Kandidaten an des konigis stad zu lantvogten und
amptluden [𝑧𝑢]setzen29. Mit den drei geistlichen Kurfürsten war sich Ruprecht über
seine Vorgehensweise einig, ein Versuch, Zugriff auf andere Fürsten oder Grafen
durchzusetzen oder zu erzwingen, wäre kaum von Erfolg gekrönt gewesen, also
richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die Städte, wie der Brief belegt.

4.3. Die Gefangenschaft König Wenzels

Auffällig bei der Betrachtung des Briefs ist die Darstellung Wenzels. Wiederholt
wird darauf hingewiesen, dass der König bekumert, gefangen und sin selbs nit

24
Ruprechts Brief S. 390, Zeile 18 ff.
25
Ebd., S. 390, Zeile 27 f.
26
Ebd., S. 391, Zeile 8 ff.
27
Ebd., S. 391, Zeile 1.
28
Goldene Bulle S. 342: recolligendi redditus et proventus.
29
Ebd.

9
mechtig ist30. Dieser Umstand war Ruprecht und seinem Umfeld schon seit
mehreren Wochen bekannt, doch erst mit dem „Kuttenberger Manifest“ hatte man
die Gewissheit, dass es, mit Johann von Görlitz, ein Akteur in Böhmen gab, der
bereit war, für den König aktiv zu werden. Um sich ungefragt in die böhmischen
Angelegenheiten einzumischen, hatte man im Reich keinen stichhaltigen Grund
gehabt, denn laut Jobsts Angaben war der König frei und Herr seiner selbst31. Mit
der Bestätigung der Gefangenschaft, und damit der Handlungsunfähigkeit des
Königs, im „Kuttenberger Manifest“, ließ sich jedoch nicht nur ein allgemeines
Einschreiten, sondern explizit die Übernahme des Reichsvikariats begründen.
Wenzels unglückliche Situation wird hierbei immer wieder mit dem abstrakten
Argument des ‚Reichswohls‘ verknüpft. Die Adressaten sind es schuldig, von des
richs wegen32 zu helfen und als Glieder desselben ihrem König folke zu schicken,
yme zu staten mit den andern [… ] fursten, herren und stetten zu ziehen33. Beide
Konfliktparteien beanspruchen für sich, im Sinne des Reichswohls zu handeln, die
Böhmen natürlich bezogen auf ihr böhmisches Königreich. Auch wenn das Wohl
des Reichs und seiner Untertanen in der Praxis kein ausschlaggebendes Argument
darstellt, das geeignet wäre, auch nur einen Fürsten oder einen Stadtrat zu
überzeugen, gehört es dennoch zu Ruprechts Argumentationskette und soll daher
nicht unerwähnt bleiben.

5. Rechtliche Einordnung des Vikariats von 1394

Nachdem die drei Eckpfeiler der pfalzgräflichen Legitimationsbemühungen


herausgearbeitet wurden, soll nun ein Vorschlag gemacht werden, wie das
Reichsvikariat Ruprechts II. von der Pfalz einzuordnen ist. Eingangs wurde
erwähnt, dass die neuere Forschung Ruprechts Anspruch auf das Vikariat aus zwei
vikariatsähnlichen Betätigungen von 1375 und 1390, also aus einem Vikariat
vivente imperatore herleitet34. Aber weshalb führt der Pfalzgraf dann nicht selbst

30
Brief Ruprechts, S. 390, Zeile 12.
31
HECKMANN, Stellvertreter, S. 626.
32
Brief Ruprechts S. 391, Zeile 3 f.
33
Ebd. S. 391, Zeile 2.
34
Siehe diese Arbeit S. 1.

10
seine Stellvertretererfahrungen der letzten 20 Jahre als Argument an? Hinweise auf
seine vorherigen Tätigkeiten lassen sich in dem Schreiben an die Stadt Frankfurt
nicht finden. Das Reichsrecht und das Gewohnheitsrecht seiner Vorfahren, auf das
er sich beruft, weisen sogar in eine entgegengesetzte Richtung, auf ein Vikariats
vacante imperio. Auch die Darstellung Wenzels als sin selbst nicht mechtig, also
nicht handlungsfähig, passt zum Bild des verwaisten Reiches, das eines Vormundes
und Verwesers bedarf, nicht aber zum Bild des Vikariats absente rege, in das nur
der König persönlich einsetzt, was in dieser Situation undenkbar ist. Dass Ruprecht
sich nicht auf seine Lebenslauf beruft, wird daran gelegen haben, dass diese
Tätigkeiten in der Sicht seiner Zeitgenossen weniger Aussagekraft als das Reichs-
und Gewohnheitsrecht hatten, und auch andere Fürsten mit ähnlichen
Qualifikationen hätten aufwarten können, was eine Argumentation in diese
Richtung unbrauchbar macht.
Auffällig ist die Verwendung der Bezeichnungen vicarius und furseher35
nebeneinander. Der furseher, der in der „Goldenen Bulle“ im provisor36 seine
Entsprechung findet, ist für den Fall einer Thronvakanz vacante imperio zuständig.
Der Begriff vicarius dagegen findet in der „Goldenen Bulle“ keine Erwähnung und
wird in zeitnah verfassten Urkunden ausschließlich für Stellvertreterschaften
absente rege verwendet37. Daraus, und aus der mehrmaligen Wiederholung im
Brief Ruprechts, lässt sich schließen, dass die Formulierung bewusst gewählt
wurde. Ruprechts Übergangsherrschaft sollte zusätzlich der Anstrich einer ‚vom
König gewollten‘ Stellvertreterschaft gegeben werden. Dafür spricht der Umstand,
dass es durchaus im Interesse des Pfalzgrafen lag, sich doppelt abzusichern, mit
einer einseitigen Fokussierung auf die Verweserschaft hätte er der habsburgischen
Konkurrenz38 mehr Angriffsfläche geboten. Die ansonsten differenzierte
Verwendung der beiden Begriffe zeigt, dass die Zeitgenossen durchaus Wert auf
eine Unterscheidung zwischen Stellvertreterschaft und Übergangsherrschaft legten.

35
Ruprechts Brief, dort findet sich diese Formulierung auf S. 390, Zeilen 23 f; 27; 34 f.
36
Goldene Bulle S. 342.
37
Siehe HECKMANN, Stellvertreter, beispielsweise Edition Nr. 1, S. 832; Nr. 2, S. 839.
38
Siehe Kapitel 2. Der Kontext: Die Bündnispolitik der Habsburger um den Herzog von
Österreich.

11
6. Konklusion

Am 2. August 1394 kam es, nach Verhandlungen zwischen den böhmischen


Baronen und Johann von Görlitz, schließlich zur Freilassung Wenzels39. Mit der
Rückkehr des Königs endete auch Ruprechts Reichsverweserschaft. Unabhängig
von der nur kurzen Dauer stellte diese einen bemerkenswerten Sonderfall unter den
Vikariaten im spätmittelalterlichen Reich dar. Das Wechselspiel der großen
Dynastien dieser Zeit und ihre verzweigte Bündnispolitik offenbarten, hier
exemplarisch im Ensisheimer Vertrag des Habsburgers Albrechts von Österreich,
einen gewichtigen Grund für Ruprecht II. von der Pfalz, seine Übergangsherrschaft
legitimieren zu müssen. Dies tat er, wie sich im Laufe der Untersuchung zeigte,
durch Berufung auf sein Reichs- und Gewohnheitsrecht, auf die Unterstützung der
verbliebenen Kurfürsten und durch die Hervorhebung der Notlage des Reichs, in
Form des handlungsunfähigen, gefangengesetzten Königs. Die Forschung ist sich
uneins darüber, woher der Anspruch auf das Vikariat des Jahres 1394 stammte. Auf
Grundlage meiner Untersuchungen schließe ich mich hierbei der These der älteren
Forschung an, dass Ruprechts Übergangsherrschaft aus der Verweserschaft vacante
imperio erwuchs. Die Darstellung des Reichs als verwaist, rechtfertigte nämlich
dieses Vikariat vacante imperio. Darauf zielte auch Ruprechts Argumentation ab,
jedoch vermied er es bewusst, zur Vermeidung möglicher Konkurrenz, die aus einer
eindeutigen Thronvakanz erwachsen wäre, sich begrifflich eindeutig festzulegen.
Die Tatsache, dass der Pfalzgraf es sich anmaßte, königliche Weisungen für nichtig
zu erklären, sich also ein, in der „Goldenen Bulle nicht genanntes Recht
herausnahm, spricht für Hermkes‘ Deutung der Regelungen zum Vikariat als
beispielhaft und nicht ausschließlich40.

39
KRAUS, Quelle, S. 154.
40
Siehe S. 4.

12
6. Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

Die Goldene Bulle, in: Quellen zur Verfassungsgeschichte des Römisch-


Deutschen Reiches im Spätmittelalter (1250-1500): Lateinisch/Mittelhochdeutsch
und Deutsch / Ausgewählt und übersetzt von Lorenz Weinrich, Darmstadt 2017,
Nr. 94 a, S. 314-395.

Brief Ruprechts II. von der Pfalz an Frankfurt, in: Deutsche Reichstagsakten unter
König Wenzel, Band 2, München 1874, Nr. 222, S. 389-391.

Literatur:

Alois Gerlich: Habsburg – Luxemburg – Wittelsbach im Kampf um die deutsche


Königskrone. Studien zur Vorgeschichte des Königtums Ruprechts von der Pfalz,
phil. Habil., Wiesbaden 1960.

Marie-Luise Heckmann: Stellvertreter, Mit- und Ersatzherrscher. Regenten,


Generalstatthalter, Kurfürsten und Reichsvikare in Regnum und Imperium vom
13. bis zum frühen 15. Jahrhundert (Studien zu den Luxemburgern und ihrer Zeit
Bd. 9), Warendorf 2002.

Wolfgang Hermkes: Das Reichsvikariat in Deutschland. Reichsvikare nach dem


Tode des Kaisers von der Goldenen Bulle bis zum Ende des Reiches (Studien und
Quellen zur Geschichte des deutschen Verfassungsrechts 2), Karlsruhe 1968.

Marco Innocenti: Wenzel IV. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon.


Band XXIV, Nordhausen 2005, Spalten 1521-1531.

Thomas Kraus: Eine unbekannte Quelle zur ersten Gefangenschaft König


Wenzels im Jahre1394, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 43,
1987, S. 135-159.

Peter Moraw: Von offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung. Das Reich im


späten Mittelalter 1250 bis 1490 (Propyläen-Studienausgabe, Frankfurt a.M.-
Berlin 1989.

13
Selbstständigkeitserklärung

Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Modulleistung/Modulteilleistung


selbstständig und nur unter Verwendung der angegebenen Quellen und Hilfsmittel
angefertigt habe. Die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen
Stellen sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder
ähnlicher Form keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und auch nicht
veröffentlicht.

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Ort, Datum Unterschrift

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