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352 Buchbesprechungen

Zeit an ihrer gesamtdeutschen Einheit festhalten konnte. Durch die


Schwerpunktsetzung auf die Darstellung der verschiedenen Präsidiumszeiten der
Gesellschaft wird dies besonders deutlich. Hausmann schildert eben nicht große
Ereignisgeschichte und ihre Auswirkungen auf die Geschehnisse innerhalb der
DDG, er erzählt vielmehr die Mikrogeschichte ihrer Akteure, die er mosaikartig zu
einem Ganzen zusammensetzt. Hier nicht ins Anekdotenhafte abzugleiten ge-
lingt ihm gut. Vereinzelte Darstellungen von eher privaten Hintergrundgeschichten
lassen das Mosaik eher noch vielfältiger erscheinen, ganz so, als träte man noch
einen Schritt näher heran, an die Vielzahl der Steine in der Geschichte der DDG.
Dies gelingt ihm übrigens für die westdeutsche Seite des Mosaikes genauso gut
wie für die ostdeutsche, die durch die Darstellung der Vizepräsidentschaftszeit
Otto Riedels und der Darstellung der Ost-Berliner Dante Feier 1965 eindrucksvoll
nachgezeichnet ist.
Interessant, aber leider Fragment geblieben, steht am Ende der Hausmannschen
Bilanz die Vermutung, dass „die Betrachtungen von Werk und Leben Dantes im
deutschsprachigen Raum als wichtiger Indikator der deutschen Befindlichkeit
dienen kann“ (155). Leider kommt es hier zu keiner weitergehenden Betrachtung
dieser These, die sicherlich mentalitätsgeschichtlich noch großes, mehr als nur
spekulatives Potential birgt.
Und so bleibt am Ende des Buches nur ein in jeglicher Hinsicht beeindruckender
Anhang und die Gewissheit, dass die Rekonstruktion deutsch-deutscher Geschich-
te mit dieser Monographie ein weiteres Versatzstück hinzugefügt bekommen hat,
welches zu lesen nicht nur Dante Liebhaber und -Gelehrte ansprechen wird.
Bonn Silke Meyer

Wilhelm Vosskamp/Günter Blamberger/Martin Roussel (Hg.), u. Mitarb. v. Christine


Thewes: Möglichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in derGegenwart, München: Wilhelm
Fink 2013, 329 S.

Das Buch ist hervorgegangen aus einer im Juni 2012 durchgeführten Tagung des
Internationalen Kollegs Morphomata an der Universität Köln zum Thema
Möglichkeitsdenken. Die Beiträger sind ausschließlich Geisteswissenschaftlerinnen
und Geisteswissenschaftler – vornehmlich dem Bereich der Germanistik zugehö-
rig, von denen anzunehmen ist, dass sie zu den Bibliophilen zugehören, „die“ –
wie es im Vorwort heißt – „im Vergangenen den Funken der Hoffnung für eine
humane Zukunft werden anzufachen wissen.“ (S. 6) Die Geisteswissenschaften
als Therapeutikum, um Luft zu bekommen, indem die Zeitgenossen erkennen,
welchen – so das Referenzsubjekt Nietzsche – „Entartungen und Krankheiten“ sie
erliegen (S. 8). Leben wir in „Wartesälen, in denen nichts mehr wirklich erwartet
wird“? (S. 9) Ist das vom Herausgeber Vosskamp angeführte Luhmann-Zitat von
1994 vielleicht richtig, wonach die „‚Utopie-Diskussion [...] fest in den Händen von
Literaturwissenschaftlern und Philosophen‘“ läge, „‚die sich mit von Mäusen zer-
fressenen, alten oder auch nicht so alten Texten beschäftigen.‘“ (S. 18)? „Als Lite-
raturwissenschaftler“, so ein Beiträger, sei er „eigentlich eher zuständig für die
Gattungsgeschichte literarischer Utopien“, aber „dennoch“ stelle „sich ihm“ „auch
die Frage, was sich aus heutiger Sicht zur Zukunft des utopischen Denkens sagen

© Koninklijke Brill NV, Leiden ZRGG 66, 3/4 (2014)


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lässt“ (S. 79). Hat die Utopie eine Zukunft – auch und gerade nach dem trauma-
tischen Datum des 11.9.2001, das eine „Kultur des Misstrauens“ (S. 10) installierte?
Der Band thematisiert die Grenzen des alteuropäischen Utopiekonzepts, zum
Beispiel mittels evolutionstheoretischer Erwägungen, wonach Evolution zufalls-
behaftet ist, mittels einer an Foucault geschulten Kritik der Utopie als einer weite-
ren Form sozialer Disziplinierung und problematisiert unter anderem im Anschluss
an Odo Marquard das Verhältnis von Anthropologie und Utopie (Anthropologie
als Erkundung der Grenzen der Selbstursächlichkeit des Menschen und damit als
„‚Antiutoptikum‘“, S. 76); er erörtert das Möglichkeitsdenken aus philosophischer
Perspektive unter anderem bei Platon, Kant, Bloch und Walter Benjamin, stellt
die Selbstreflexionsprozesse utopischen Schreibens vor und beschreibt in einem
letzten Teil die Utopie in der aktuellen Gegenwart, zum Beispiel in der Universität
und als Europa-Konzept. Das Buch bietet sicherlich notwendige, begriffliche
Klärungen (Utopie als literarische Gattung versus als intentionales, antizipieren-
des und handlungsanleitendes Bewusstsein, einerseits, und Utopie im Sinne E.
Blochs versus Ideologie im Sinne K. Mannheims, andererseits; Anti-Utopie,
Dystopie, Heterotopie), illustriert durch Interpretationen von Romanen, literari-
schen Texten, (vor allem japanischen) (Animations-) Filmen und politischen Ent-
würfen zum Beispiel Europas.
Weil der Mensch vorwärts irrt (Robert Musil), werden Utopien von Dystopien
begleitet, und Verheißungen schlagen, wie die Dialektik der Aufklärung behaupte-
te, in Drohungen um: Hoffnungen erzeugen Enttäuschungen. Der Kreislauf wie-
derholt sich. Musil, dessen „utopischer Roman“ (S. 131, S. 165) Der Mann ohne Eigen-
schaften mehrfach in diesem Sammelband interpretiert wird, wusste vor Luhmann,
dass die antiutopischen Mächte vor allem die Kontingenz („Die Weltgeschichte“
ähnelt einem „gewissen Sich-Verlaufen“ und einem „durch die Gassenden Strei-
chenden [...], der schließlich an eine Stelle gerät, die er weder gekannt hat, noch
erreichen wollte.“1), der Zufall und die Tatsache sind, dass es ebenso gut auch
hätte anders kommen können, dass eine Entscheidung oft nur an einem Haar
hing. Diese Erfahrung des Unverfügbaren disponiert und qualifiziert zum häufig
zitierten, aber auch missverstandenen „Möglichkeitssinn“ als der Fähigkeit, alles,
was eben sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als
das, was nicht ist. So machen Entscheidungen den Möglichkeitsmenschen nicht
entschieden, sondern gebrochen. Gebrochenheit definiert einen Menschen, der es
trotz aller Versuche nicht fertigbringt, sich in ernsthafter Weise mit seiner Entschei-
dung zu identifizieren, weil er nicht umhin kann, auch das, wogegen er sich ent-
schieden hat, (wenigstens insgeheim) als seine eigene, zugehörige Wirklichkeit an-
zuerkennen. Der Gebrochene tut, was er tut, halb: von allem, was er ist, ist er auch
noch das Gegenteil, und stets ist er schon mit einem Bein übergelaufen.2 Marquard
zitiert als Motto in seiner Promotionsschrift aus just diesem Roman Musils. „Ich
[General Stumm von Bordwehr, M. A.] habe mich mit meinem Bibliotheksdiener
darüber unterhalten. Er hat mir vorgeschlagen, daß ich Kant lesen soll oder so
etwas dergleichen, über die Grenzen der Begriffe und des Erkenntnisvermögens.
Aber ich will eigentlich nichts mehr lesen.“3
1
Ingrid Berger, Musil mit Luhmann: Kontingenz, Roman, System, München 2004, S. 106.
2
Cf. Odo Marquard, Skeptische Methode im Blick auf Kant, Freiburg/München 1958, S. 53 f.
3
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, St. Ingbert 2000, S. 464, hier S. 180.
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Ist die von Ray Bradbury literarisierte Dystopie „bücherverbrennender Feuerwehr-
männer“ (S. 194, auch S. 7) überhaupt noch notwendig, wenn die zur Kontempla-
tion einladenden Bücher schon längst als Medium verdrängt wurden durch die
veloziferischen PC-Medien des navigierenden ‚click and flick‘?
Das Buch ist nicht immer passförmig geschrieben oder einfach konsumierbar:
Man muss sich manchmal mit Fremden und Widerständigen auseinandersetzen.
Das ist freilich auch eine Chance, um aus dem digitalaffinen „Berechnungstunnel“
(Miriam Meckel) auszubrechen. Die interessierte Lektüre des facettenreichen Ban-
des ist ein kleiner Einwand gegen die These von der Dystopie der Dyslexie und
des Endes des kulturell gelernten Deep Reading. Diese Erfahrung könnte Grund-
lage einer konkret politischen und medienreflexionskompetenten Utopie sein, in
der man eben auch beim und nach dem Lesen nicht alles preisgibt, was man im
Inneren hat. „Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht! Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist, Die hab ich im Kopfe stecken.“4
Zagreb Martin Arndt

Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Eine Biogra-
phie, Berlin: Suhrkamp Verlag 2013, 668 S.

Prinz Max von Baden, der hier in einer opulenten und sorgsam abwägenden
Biographie vorgestellt wird, war im Kosmos der Wilhelminischen Politik eigent-
lich nur eine Sternschnuppe, ein rasch verbleichender Stern, von dem Willy
Hellpach in der Trauerrede (S.519) bündig meinte, dass dieser Kanzler „unfähig
war den Wagen vom Abgrund zurück zu reißen“ und dass er „der erlösenden,
notwendigen, rettenden Tat“ – den Thronverzicht Wilhelms II. zu verkünden
und sich selbst zum Verweser auszurufen – „nicht gewachsen war“. Wäre es nur
der Blick auf diese fünfwöchige Kanzlerschaft am Ende des Kaiserreichs, so
würde sich vielleicht eine derartig umfangreiche und materialdichte Studie nicht
rechtfertigen können. Aber diese „faire Studie“ – so hat Tilman Krause das
Ergebnis ausgezeichnet1 – stellt einmal eine facettenreiche, sonderbar zwiespäl-
tige Person vor und erhellt gleichzeitig höfisches Leben, dynastische Eitelkeiten
und Rivalitäten, Freundschaften und Feindschaften unter den regierenden
Häusern, Salonkultur und politisches Tagesgeschäft. Prinz Max von Baden ist
nicht auf ein tragisches Ereignis zu fixieren und lässt sich nicht nur aus seinem
Zögern, seinem Scheitern und seiner Talentlosigkeit im politischen Handeln
definieren. Das „Sondergepräge“ rühmt ein Freund, der in Max von Badens
Biographie erst am Lebensende aufscheint (Alexander Schaible) mit den fast
liebenden Worten: „In ihm war die Vereinigung so vieler, oft gegensätzlicher
Gaben in einem Menschen – war die Vereinigung zu einem Ganzen, das nicht so
sehr den Eindruck von Größe und Kraft vermittelte, als den des Besonderen
und Außergewöhnlichen“ (S. 520). Freilich, der politische Nachgesang, selbst
der aus dem Munde von Verwandten und Weggefährten klang anders, vielfach
enttäuscht und offenbar auch verletzt. Sein Bild ist gewiss auch verzeichnet
4
Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, in: ders, Sämtliche Werke, Bd. 7: Schrif-
ten 1837-1844, hg. v. Klaus Briegleb, Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1981, S. 599, hier S. 272.
1
Literarische Welt, DIE WELT v. 30. 11. 2013, S. 5.

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