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tun & lassen Nr. 292, 23. 2. - 8. 3.

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Ex-Strafverteidigerin beobachtete für den Augustin die Gerichtsfarce von Wr. Neustadt

Wer sabotiert hier die Justiz?

Sonja Arleth, die Richte- die Zeugin darauf einstellen kann»,


rin im Wiener Neustädter oder: «Sie müssen schon vorsichtig
Tierschützerprozess, lässt . sein bei der Befragung, damit Sie
sich durch die Bestimmun- sich nicht auf ein Gebiet begeben, zu
gen der Strafprozessord- dem die Zeugin nichts sagen kann»,
nung und der Menschen- oder auch indem sie den Wortlaut
rechtskonvention in ihrer der Frage umformulierte und selbst
Prozessführung nicht einen- fragte.
gen. Wie für Petra Velten vom Petra Velten, Vorständin des In-
Institut für Strafrechtswissen- stituts für Strafrechtswissenschaf-
schaften an der Uni Linz ist auch ten an der Uni UnI, hält ihre Ein-
for die ehemalige Rechtsanwäl- drücke in einem Aufsatz im Journal
tin und Strajverteidigerin Ka- für Strafrecht 2010/6 fest. Nachfol-
tharina Rueprecht das Verfah- gend gebe ich einige Passagen da-
ren zur Farce geraten. Für den von wieder.
Augustin beobachtete Rueprecht Am 13. 12.2010 nahm ich an ei-
das «permanente Unterlaufen ner Einzelrichtersitzung am Landes-
der Verteidiger-Rechte» durch gericht Wiener Neustadt teil - und
Frau Arleth. traute meine Augen und Ohren nicht.
Obwohl ich als ehemalige Strafvertei-
digerin so einiges gewöhnt bin, hätte
ich das, was sich am Landesgericht

«I eh würd' Sie bitten, nicht


immer Paragrafen zu zitie-
ren, weil das sinnlos ist!~ So ~
Wiener Neustadt ereignete, nicht für
möglich gehalten ... Zur Vernehmung
eines Zeugen schreiben die §§ 248
weist die Richterin die Verteidige- ~ Abs. 1, 161 Abs. 2 der Strafprozess-
rInnen im Tierschützerprozess zu- ! ordnung vor; dass der Zeuge nach der
recht. Diese haben es ohnehin schon ~ Vernehmung zur Person um eine zu-
sammenhängende Darstellung seiner
bemerkt: Das Zitieren von gesetzli-
chen Bestimmungen zur Durchset-
~ Wahrnehmungen zu ersuchen ist. Ob
zung ihrer Rechte in diesem Verfah- Wenn ein Mann wie Ex-Minister Grasser frei herumläuft und Tierrechtsaktivis- die Richterin diese Vorschrift kann-
tinnen kriminalisiert werden, wachsen in Wien solche Sprüche •••
ren ist tatsächlich sinnlos. Sie tun te, bezweifle ich. Sie leilete die Ver-
es für das Protokoll, vermute ich. nehmung durch einen Katalog von
Damit alles festgehalten ist, für den «Prozessverschleppung» quittiert um die Zeugin oder den Zeugen zu Fragen. die der Zeuge meist nur mit
Fall, dass der Europäische Gerichts- wurde. einem ganz bestimmten Punkt hin - einem Satz, oft sogar bloß mit ja be-
hoffUr Menschenrechte einmal dar- Dies machte die Richterin etwa zuführen, und erst dann wird eine antworten konnte. Dieses enge Fra-
über zu befinden hat, ob das Gebot bei jeder zweiten Frage. Es war läh- Frage gestellt, deren Beantwortung genkorsett wurde nie verlassen ...
des fairen Verfahrens nach der Men- mend. Ich konnte jedenfalls über- möglicherweise einen Widerspruch Die Richterin unternahm nicht ein-
schenrechtskonvention eingehalten haupt nicht erkennen, was die- zu den auf die vorangehenden Fra- mal den Versuch (man war geneigt
wurde oder nicht. se endlos langen Vorlesungen aus gen gegebenen Antworten beinhal- zu mutmaßen: Sie ging nicht erst
Das Recht der Verteidigung, Fra- dem Gerichtsakt für einen Sinn ha- tet. Diese Aneinanderreihung von das Risiko ein), zu erfahren, was der
gen an die Zeugen zu stellen, ist in ben sollten. aufeinander abgestimmten Fragen Zeuge aus eigenem Wissen erzählen
der Strafprozessordnung und in Oder sie unterbrach die Fragen mit gehört zum Handwerkszeug jeder würde ... Sodann durfte der Staats-
Artikel 6 der Menschenrechtskon- den Worten f(Sagen Sie konkret, wo- Verteidigung und ist aus den Ge- anwalt fragen - ungehindert, unmit-
vention normiert und steht in Ös- rauf Sie Bezug nehmen» oder f(Das richtsfilmen wohlbekannt. Die Rich- telbar und kontinuierlich ... Darauf
terreich damit in Verfassungsrang. ist nicht relevant» oder «Das hat- terin in diesem Prozess ließ eine An- folgte das krasseste Beispiel für den
Gerade dieses Recht wird von der ten wir schon». Einmal erklärte sie, einanderreihung von Fragen jedoch vieldiskutierten Schulterschlusseffekt,
Richterin permanent unterlaufen, sie sei verpflichtet, Wiederholungen so gut wie gar nicht zu. das ich je in der forensischen Praxis
indem sie Antworten auf die Fra- nicht zuzulassen, was mir neu war. erlebt habe. Als die Verteidiger und
gen verhindert. So ließ sie die ver- Dazu ist zu sagen, dass sich oft erst Eine «Unschädlichmachung des Verteidigerinnen mit ihrer Befragung
deckte Ermittlerin auf die Fragen durch eine nachfolgende Frage er- Fragerechts» begannen, wurden sie zunächst da-
der Verteidigung meistens nicht gibt, worauf eine Frage abzielt, oder rüber belehrt, dass sie sachlich und
antworten, sondern las stattdessen erst durch eine Folge von Fragen. Manchmal hat sie auch noch auf ohne Emotionen zu fragen hätten.
selbst aus dem Akt vor. Und zwar Dabei wird etwa in den ersten ein andere Weise den Fragenfluss un-
lange. Seitenweise. Was einmal vom bis zwei oder drei Fragen mitunter terbrochen, etwa indem sie sag-
Publikum mit dem Zwischenruf bereits Aktenkundiges wiederholt, te: «Langsam, langsam. damit sich Fortsetzung auf Seite 8
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FQrtsetzung von Seite 9

Der Zeuge wurde darüber unterrichtet, dass zuerst die


Richterin über die Zulässigkeit der Fragen befinde, bevor
er sie beantworten müsse. Vielleicht trifft es diese Beleh-
rung besser. wenn man sie als Warnung an den Zeugen
charakterisiert, nicht voreilig zu antworten, bevor die
Frage nicht die Vorzensur durch das Gericht erfolgreich
passiert habe. Das nahm im Folgenden groteske Formen
an, die auch das Publikum - zu dem keineswegs nur Un-
terstützeT der Angeklagten zählten - nicht unberührt lie-
ßen. Bei vielen, vor allem bei jenen, die zum ersten Mal
diesen Prozess miterlebten, war Fassungslosigkeit zu be-
merken. Viele lachten, um nicht weinen zu müssen ...
Die Unterbrechungen liefen auf eine .Unschädlich-
machung» des Fragerechts hinaus. Hätte es etwas gege-
ben, was dem Zeugen hätte entlockt werden können, so
hat das Stör/euer an Unterbrechungen und Zurückwei·
sungen der Fragen dies gründlich unterbunden. Dass die
VerteidigerInnen gleichwohl weitgehend die Contenance
bewahrten, war bewundernswert ... Das Verfahren mag
eine Ausnahrneerscheinung sein (das wäre sehr zu hof-
fen). Mir scheint aber doch deutlich zum Ausdruck ge-
kommen zu sein, dass eine österreichische Richterin (irr-
tümlich) glaubt, sich nicht fürchten zu müssen, in aller
Öffentlichkeit mit den Angeklagten und ihren Verteidi-
gern so zu verfahren, als wären sie Saboteure. Was den
Zuschauern dabei die Sprache verschlug, war die Un-
verfrorenheit, mit der sich die Richterin als Instanz ver-
stand, die darüber befinden darf, welche Verteidigungs-
aktivitäten sie zulässt und welche nicht ...

Der feige Anschlag auf die Damentoilette


Seitdem Frau Prof. Velten an der Verhandlung teil~
nahm, sind mehr als zwei Monate vergangen. Inzwi~
sehen hat einer der Angeklagten einen aus hundert
Punkten bestehenden Antrag auf Ausschließung der
Richterin eingebracht, und zwar mit der Begründung,
dass ~erhebliche Zweifel an ihrer vollen Unvoreinge·
nommenheit und Unparteilichkeit bestehen)). Der Vor·
trag dieses Antrages dauerte gute drei Stunden. Unter
anderem wird darin die systematische Beschneidung
des Fragerechts und der Verteidigungsrechte gerügt.
Oder, dass die Richterin selbst Anzeige erstattet hatte,
weil sie sich als das Opfer einer Straftat fUhlt: Auf der
Damentoilette des Gerichts soll jemand geschrieben
haben, die Richterin habe sich kaufen lassen. (Die von
ihr erstattete Strafanzeige hat die Richterin damals in
der Verhandlung verlesen.)
Die Richterin entscheidet über den Antrag auf Aus·
schließung der Richterin selbst und weist ihn erwar·
tungsgemäß ab: «Es liegen keine Gründe vor, die Un·
voreingenommenheit in Frage zu stellen.» Sie sei dafür
verantwortlich, keine Fragen zu erlauben. die nicht
der Erörterung. sondern nur der Verfahrensverzöge·
rung dienen.
In diesem Verfahren stehen dreizehn Personen we·
gen angeblicher Mitgliedschaft in einer ktiminellen Or-
ganisation vor Gericht. Der Strafrahmen beträgt sechs
Monate bis fUnf Jahre. Wenn die Sache fUr die Ange-
klagten nicht so bitterernst wäre, würde ich sagen. das
Verfahren ist vollends zur Farce geraten. I