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Wirtschaft Digitec Bill Gates: Wie die Corona-Pandemie gestoppt werden kann

HERAUSGEGEBEN VON GERALD BRAUNBERGER, JÜRGEN KAUBE, CARSTEN KNOP, BERTHOLD KOHLER

BILL GATES ZUR CORONA-KRISE

Drei Bedingungen, um die Pandemie zu


stoppen
VON BILL GATES - AKTUALISIERT AM 30.09.2020 - 11:07

Arme Länder werden sich nicht gegen das Virus immunisieren können. Und das ist
auch eine Katastrophe für reiche Länder, schreibt Microsoft-Gründer Bill Gates in
einem Gastbeitrag.

D ie Welt steht kurz vor einer wissenschaftlichen Meisterleistung: Anfang nächsten Jahres
soll ein sicherer und wirksamer Impfsto! gegen COVID-19 bereitstehen, vermutlich sogar
mehrere. Damit haben wir endlich die Chance, der Bedrohung durch die Pandemie ein Ende zu
setzen – und zur Normalität zurückzukehren.

Gibt es eine Impfung gegen das Virus, können die Regierungen die Maßnahmen zur räumlichen
Distanzierung aufheben. Wir werden keine Masken mehr zu tragen brauchen. Die
Weltwirtschaft wird wieder volle Fahrt aufnehmen.

Zwingend findet diese Entwicklung aber nicht statt. Um dorthin zu gelangen, braucht die Welt
zuerst drei Dinge: die Kapazitäten, Milliarden Impfsto!dosen zu produzieren, die finanziellen
Mittel, um sie zu bezahlen, und Systeme, die diese verbreiten können.

Kapazitäten, um Impfstoffe zu produzieren

Aktuell ist vorgesehen, dass der Großteil der COVID-19-Impfungen an die reichen Länder geht.
Diese haben mit Pharmaunternehmen Abkommen unterzeichnet und sich das Vorkaufsrecht
auf Milliarden Dosen gesichert.

Was aber ist mit Ländern niedrigen oder niedrigen mittleren Einkommens, wie dem Südsudan,
Nicaragua oder Myanmar? Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in solchen Staaten, die

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nicht über die Kaufkraft verfügen, um riesige Deals mit Pharmaunternehmen abzuschließen. So
wie die Dinge gerade stehen, können diese Länder im besten Fall 14 Prozent ihrer Bevölkerung
immunisieren.

Das wäre ein Desaster für ärmere Länder. Aber das ist o!ensichtlich. Weniger o!ensichtlich,
aber genauso wahr ist dies: Es wäre auch ein Desaster für reiche Länder.

Forscher der Northeastern University haben mit einem neuen Modell basierend auf zwei
Szenarien illustriert, wie sich eine ungleiche Verteilung der COVID-19-Impfung auswirkt. Im
ersten Szenario werden die Impfsto!e auf alle Länder je nach Bevölkerungsgröße verteilt. Das
andere Szenario ähnelt dem, was gerade geschieht: 50 reiche Länder erhalten die ersten 2
Milliarden Dosen Impfsto!e. In diesem Szenario breitet sich das Virus in drei Vierteln der Welt
unkontrolliert für weitere vier Monate aus. Und fast zwei Mal so viele Menschen sterben.

Das wäre ein enormes moralisches Versagen. Mit einer Impfung wird COVID-19 zu einer
vermeidbaren Krankheit, an der niemand sterben sollte, wenn das Land, in dem er lebt, nicht
die Finanzkraft hat, um sich vorab Impfsto!e zu sichern. Davon abgesehen braucht es nicht
einmal ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbedürfnis, um das Problem an Szenario zwei zu
begreifen.

In diesem Szenario würde es uns allen so wie Australien oder Neuseeland ergehen. Auf dem
Staatsgebiet dieser Länder sind die Fallzahlen seit Langem sehr gering. Jedoch zieht der
Lockdown ihrer Handelspartner die Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft. Und immer wieder
gelangen Träger der Krankheit in den Südpazifik, sorgen für neue Cluster, die sich vergrößern
und verbreiten. Immer wieder müssen Schulen und Büros geschlossen werden.

Sogar bei einem Überangebot an Impfsto!en wäre in reichen Ländern noch das Risiko von
Neuinfektionen gegeben. Denn nicht alle Menschen werden sich impfen lassen. Die einzige
Möglichkeit, die Bedrohung endgültig aus dem Weg zu räumen, ist, sie überall auszurotten.

Wollen wir dafür sorgen, dass es bei der Verbreitung des Impfsto!es keine Lücken gibt, reicht
es nicht, die reichen Länder anzuprangern. Was sie tun, ist völlig nachvollziehbar: Sie
versuchen, Ihre Bewohner zu schützen. Vielmehr müssen wir die weltweiten Kapazitäten zur
Impfsto!produktion massiv steigern. Damit wir alle Menschen zu erreichen, egal wo sie leben.

Im Bereich der Behandlungsmöglichkeiten wurden bereits bedeutende Fortschritte erzielt.


Pharmaunternehmen haben ihre Herstellungsmöglichkeiten gesteigert und einander ihre
Fabriken zur Verfügung gestellt. Remdesivir ist ein Medikament von Gilead, doch werden jetzt
zusätzliche Mengen in Fabriken von Pfizer hergestellt. Bisher hat noch kein Unternehmen einem
Mitbewerber die Nutzung seiner Fabriken auf diese Weise erlaubt. Nun entstehen ähnliche
Kooperationen für die Produktion von Impfsto!en.

Heute Morgen haben 16 Pharmaunternehmen mit unserer Stiftung ein wichtiges Abkommen
unterzeichnet. Unter anderem haben sich die Unternehmen auf eine Kooperation bei der
Impfsto!herstellung geeinigt. Sie wollen die Produktionskapazitäten so schnell wie noch nie
erhöhen und dafür sorgen, dass Impfsto!e ehestmöglich überall eingesetzt werden können.

Mittel, um die Impfungen zu bezahlen

Neben den Produktionskapazitäten für die Herstellung brauchen wir aber auch die finanziellen
Mittel, um Milliarden Impfsto!dosen für ärmere Länder zu bezahlen. Genau da kann der ACT
Accelerator helfen. Es handelt sich um eine Initiative, die von Organisationen wie Gavi oder
dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria unterstützt wird.

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Diese Organisationen sind wenig bekannt, doch haben sie die letzten beiden Jahrzehnte damit
verbracht, zu Experten der Finanzierung von Impfsto!en, Medikamenten und
Diagnoseverfahren zu werden.

Pharmaunternehmen haben das Finanzierungsdilemma erleichtert, indem sie bei einer COVID-
19-Impfung auf Gewinne verzichten, um diese so bezahlbar wie möglich zu machen. Aber auch
auf ö!entlicher Seite bedarf es einer finanziellen Anstrengung.

Das Vereinigte Königreich macht anderen wohlhabenden Staaten vor, was zu tun ist. Seine
Spenden an den Accelerator reichen vermutlich aus, um hunderte Millionen Impfsto!dosen für
ärmere Länder zu bescha!en. Auch Deutschland hat unter Kanzlerin Merkel und
Entwicklungsminister Gerd Müller besondere Führungsstärke bewiesen. Es braucht jetzt noch
ein mehr an Tatkraft und Großzügigkeit, um den Mechanismus der vorgezogenen
Markteinführung (Advance Market Commitment) zu unterstützen, mit dem Gavi die
Grundvoraussetzungen zur Beendigung der Pandemie scha!t.

Systeme, die Impfstoffe verbreiten

Wenn wir weltweit schlussendlich über die Produktionskapazitäten und finanziellen Mittel
verfügen, werden wir unsere Gesundheitssysteme stärken müssen. Damit meine ich die
Menschen und Infrastrukturen, die dafür sorgen, dass ein jeder überall geimpft wird.

Viel lernen können wir dabei von den aktuellen Bemühungen zur Ausrottung von Polio. Sinnbild
dafür ist ein Foto, das um alle Welt ging: Gesundheitskräfte waten hüfthoch durch ein
Überschwemmungsgebiet und tragen Impfsto!e in Kühlbehältern auf ihrem Kopf, um ein
abgelegenes Dorf zu erreichen. Um COVID-19-Fälle in den ärmsten Gegenden der Welt zu
identifizieren, braucht es ein ähnliches Netzwerk aus Fachkräften der Primärversorgung, das
sogar Orte erreicht, an die keine Straßen führen. Mit dementsprechenden
Diagnosemöglichkeiten können diese Fachkräfte auch früh genug warnen, wenn künftig andere
Krankheiten von Fledermäusen auf Vögel – oder den Menschen – überspringen.

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Mit anderen Worten können wir im Zuge der Ausrottung von COVID-19 auch ein System
aufbauen, mit dem jetzt schon die Schäden der nächsten Pandemie begrenzt werden.

Wenn ich im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte von Pandemien eines gelernt
habe, ist das, dass sie eine erstaunliche Dynamik im Bereich Eigeninteresse und Altruismus
anstoßen: Pandemien sind einige der wenigen Situationen, in denen der Instinkt eines Landes,
sich selbst zu helfen, eng mit dem Instinkt, anderen zu helfen, verbunden ist. Eigeninteresse
und Altruismus (der dafür sorgt, dass ärmere Länder Zugang zu Impfungen haben) sind dann
ein und dieselbe Sache.

Quelle: FAZ.NET
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