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CHORSINGEN UND CORONA: STUDIE MACHT AEROSOLE SICHTBAR

ENTWARNUNG KLINGT ANDERS


03.07.2020 von Tobias Stosiek

Seit Beginn der Pandemie steht das Chorsingen unter Verdacht: Die Infektionsgefahr soll hier besonders hoch sein. Bei
einigen Chören, die zu Beginn der Coronakrise noch probten, kam es zu regelrechten Masseninfektionen. Seit Monaten
wird dazu geforscht. Und das auch im BR-Funkhaus. Zusammen mit Mitgliedern des BR-Chores untersuchten dort
Wissenschaftler in den letzten Wochen die Ausbreitung von Aerosolen beim Singen. Erste Zwischenergebnisse liegen
nun vor.

Bildquelle: BR/Gut zu wissen

AUS DER SENDUNG "GUT ZU WISSEN" (BR FERNSEHEN, 4. JULI 2020)


Singen trotz Corona

Seit dem 22. Juni sind Chorproben in Bayern wieder erlaubt. Natürlich nur unter strengen Hygieneauflagen. Dazu
zählen etwa regelmäßiges Lüften und ein Abstand von mindestens zwei Metern zwischen Sängerinnen und Sängern. In
seinen Empfehlungen konnte sich das Bayerische Kunst-Ministerium bereits auf wissenschaftliche Erkenntnisse
stützen. So hatte eine Studie der Bundeswehr-Universität in München schon im Mai gezeigt, dass beim Singen nur im
Bereich von etwa einem halben Meter Luftturbulenzen entstehen. Die These des Studienleiters damals: Die
Infektionsgefahr beim Singen sei nicht wesentlich größer als beim Sprechen.

SÄNGERMEDIZIN UND STRÖMUNGSMECHANIK

Nun haben die LMU München und die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen nachgelegt. In einer Reihe von
Experimenten
Aaron haben/ der
Copland (1900-1990) Stimmarzt Matthias
Württembergisches Echternach
KO Heilbronn; Scaglione und der Strömungsmechaniker Stefan Kniesburges versucht,
die Ausbreitung
Appalachian von Aerosolen beim Singen direkt sichtbar zu machen.
Spring. Suite
WAS IST ÜBERHAUPT EIN AEROSOL?

Kurz: Atemnebel mit Tröpfchen. Die Langfassung: Aerosole sind winzigste Speicheltröpfchen, die kleiner als fünf
Mikrometer sind. Sie gelangen beim Ausatmen in die Luft und können dort für eine gewisse Zeit schweben.

Unterstützt wurden sie dabei von Sängerinnen und Sängern des BR-Chores. Von den Studienergebnissen versprechen
diese sich ein positives Signal in Richtung baldiger Konzerte. Oder besser gesagt: erhoffen – wie die Altistin Kerstin
Rosenfeldt: "Natürlich würde ich mir wünschen, dass was Gutes dabei rauskommt, dass wir bald wieder singen dürfen.
Aber mir ist auch klar, dass beim Singen, beim Sprechen Aerosolwolken entstehen. Und ich finde es wichtig, dass es
jetzt mal wissenschaftlich untersucht wird."

TRÖPFCHEN IM LASERLICHT

Neben den berüchtigten Aerosolwolken haben Echternach und Kniesburges auch die Ausbreitung eines weiteren
potentiellen Überträgers untersucht: größere Spucketröpfchen wie sie etwa beim Sprechen entstehen. Im Laserlicht
wurde die Streuung dieser Tröpfchen sichtbar gemacht. Und via Highspeed-Kamera aufgezeichnet. Kniesburges‘ Fazit:
"Bei den Vokalen haben wir kaum Tröpfchen sehen können, die da wirklich gebildet werden und herausgeschleudert
werden, vereinzelt schon, aber in einer deutlich, deutlich geringeren Anzahl im Gegensatz zu den Konsonanten."

RAUCHEN FÜR DIE WISSENSCHAFT

Um die sehr viel kleineren Partikel sichtbar zu machen, aus denen die Aerosolwolken bestehen, mussten die
Wissenschaftler auf einen anderen Trick zurückgreifen: Rauchen. Zur Abwechslung mal im Dienste der Wissenschaft.
Erst inhalieren, dann singen, lautete in diesem Fall die Anweisung an die Sängerinnen und Sänger. Die dabei
entstehenden Nebelwolken wurden dann unter Weißlicht sichtbar gemacht und vermessen.

AEROSOLE VERBREITEN SICH WEITER ALS ANGENOMMEN


Bis zu 1,5 Meter verteilen sich die Aerosolnebel im Raum. Um sie zu entfernen, hilft nur: Lüften! | Bildquelle: BR

Das Ergebnis überraschte sogar die Forscher: Bis zu eineinhalb Meter breiten sich die eingeatmeten Gase im Raum
aus. Wesentlich weiter also, als der Studie der Bundeswehr-Universität zufolge, die nur die Strömungsgeschwindigkeit
der Gase gemessen hatte. Was außerdem sichtbar wird: Nicht nur nach vorne, auch nach den Seiten verteilt sich der
Rauch – wenn auch nicht so weit. Matthias Echternach zieht daraus das Fazit: "Das bedeutet, dass nach vorne, und bei
guter Durchlüftung, ein Abstand von zwei Metern nötig ist. Eher sogar 2,5 Meter. Und zur Seite wahrscheinlich 1,5
Meter. Wenn dagegen keine gute Durchlüftung gegeben ist, muss zum einen der Raum sehr groß sein. Und auch die
Abstände müssen größer werden."

ERNÜCHTERNDES FAZIT...

Entwarnung klingt anders. Abstand halten und Lüften – das sind auch dieser Studie zufolge die zwei wichtigsten
Instrumente im Kampf gegen Corona. Masken helfen dagegen nur bedingt. Zwar halten sie die Ausbreitung der
größeren Tröpfchen auf, nicht aber den Aerosolnebel. Der quillt an den Rändern der Maske ins Freie. Auch das konnten
die Forscher beobachten.

...ABER IMMERHIN: MEHR KLARHEIT

Trotz dieser alles in allem eher ernüchternden Erkenntnisse – Susanne Vongries, Managerin des BR-Chores, kann der
Untersuchung auch etwas Positives abgewinnen: "Die Studie gibt uns mehr Klarheit, um Abstandsregeln und
Klimaverhältnisse in Räumen besser einschätzen zu können. Und wir möchten unsere Erkenntnisse allen zur
Verfügung stellen. Die Ergebnisse werden und sollen nicht nur dem BR-Chor hilfreich sein. Bei Profichören im Konzert-
und Opernbereich sowie im Laienchorsingen besteht weltweit ein großer Wissens- und Erkenntnishunger auf diesem
Gebiet. Die Gesundheit und Sicherheit nicht nur der Mitglieder des Chores des Bayerischen Rundfunks, sondern aller
Chöre und Vokalensembles sollten an erster Stelle stehen."

Sendung: Leporello am 3. Juli 2020 um 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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