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Therese Fuhrer

Alter und Sexualität: Die Stimme der alternden Frau in


der horazischen Lyrik

In his lyric poetry Horace makes ‘sex in old age’ the subject of sympotic
parainesis or invective against old women, but he does not reflect con-
structively on the theme. Through the use of stereotypical topoi of old
age, Horace’s speech becomes strongly schematized, thereby making the
subject matter appear unproblematic. Nevertheless, the poet does allow
his old characters to experience moments of serious self-reflexion or so-
ber analysis of their situation. In c. 1,25 and epod. 12 he even gives females
the opportunity to elaborate on their perspective: it is the perspective of
distraught women who by reason of their age are societally marginalized
and are forced to endure abasement due to their unending libido and li-
bidinous behaviour in their relationships with younger men. Thus it is a
paradox that, on the one hand, Horace has chosen the satire as his literary
locus to reproduce the behavioural norms of aging women as implied by
the topoi of old age, whereas on the other hand he does more than merely
portray the breach of norms these women commit: by giving the old
women a voice he puts the problems associated with their behaviour up
for discussion.

1. Alterstopoi in der horazischen Lyrik: Reflexionen von


Grenzerfahrungen
Alter und Tod sind prominente Themen in der horazischen Lyrik 1 und
dementsprechend breit ist die Palette der Topoi, auf die Horaz dabei zu-
rückgreift. Merkmale wie weißes Haar, ausfallende Haare, hässliche Zäh-
ne, Trockenheit und Runzeln dienen dazu, die Vergänglichkeit des Men-

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1 Den Begriff ›Lyrik‹ werde ich im Folgenden im Sinn des römischen Gattungsbegriffs
sowohl für die Carmina (Oden, Abkürzung c.) wie für die Epoden (epod.) verwenden. Vgl. da-
zu Therese Fuhrer, »Lyrik II. Lateinisch«, in: Der Neue Pauly, 7 (1999), Sp. 592-594.
2 Therese Fuhrer

schen zu verdeutlichen. 2 Der Grund für die negative Konnotation des


Alters in Horaz’ Lyrik mag darin liegen, dass der soziale Ort lyrischer
Dichtung ursprünglich das Symposion ist, wo Lebensgenuss zelebriert
wird und wo Jugend, körperliche Unversehrtheit und Schönheit Bedin-
gung für die Genussfähigkeit und Objekt der Aufmerksamkeit sind. In
diese Tradition stellt sich Horaz, auch wenn die Funktion seiner Gedichte
nicht mehr notwendigerweise auf den Gesang beim Gelage beschränkt ist.
Dem Thema ›Alter‹ kommt dabei eine ähnliche Funktion zu wie dem
Thema ›Tod‹: Beide sollen die Motivation steigern, die gegenwärtige Le-
bensphase, also die Jugend, und den Moment auszukosten, »solange dem
grünenden Jüngling das mürrische Weißhaar noch fehlt« (c. 1,9,17: donec
virenti canities abest). 3 Die Fähigkeit zum – zumindest unbeschwerten –
Genuss wird dem alternden Menschen abgesprochen, sei es dass ihm die
Kräfte fehlen, sei es dass er an Attraktivität eingebüßt hat und von den
entsprechenden Anlässen und Möglichkeiten ausgeschlossen ist. 4 Im
Zentrum der Betrachtungen liegt somit die körperliche Verfasstheit des
alternden Menschen. Es wird darauf verzichtet, kompensatorische Quali-
täten wie Erfahrung und Weisheit auszuweisen. Das Alter wird durchweg
als Lebensphase gezeichnet, in der die ›besten Jahre‹ vorbei sind und die
von physischem Verfall gezeichnet ist. Dennoch behält zumindest der
alternde Mann seinen Platz in seiner sozialen Gruppe, wenn auch inner-
halb der ihm von Alter und Körper gesetzten Grenzen der Schicklichkeit. 5

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2 Weißes Haar: c. 1,9,17f.; 3,14,25; 4,13,12 (vgl. auch Anthologia Palatina = A.P. 5,103; 5,204,4;
5,112; Prop. 3,25,13 und öfter); ausfallende Haare: c. 4,10,3 (vgl. A.P. 11,374,3f.; Mart.
2,33,1); Zähne: c. 4,13,10-12; epod. 5,47; 8,3 (vgl. Prop. 4,5,68; Mart. 2,41,7; 5,43; Iuv.
6,145); Trockenheit: c. 3,27,54f.; epod. 8,5-10 (vgl. Iuv. 6,144); Runzeln: c. 2,14,2f.; 4,13,11f.;
epod. 8,3f. (vgl. A.P. 5,76,5; 11,66,1f.; 11,408,2; Prop. 3,25,12 und 14; 4,5,67; Mart. 3,93,4).
3 Zum Thema ›Alter‹ und ›Tod‹ in dieser Funktion vgl. c. 1,4,13-26; 1,11,6-8; 4,7,13-20 und
öfter. Vgl. auch A.P. 11,25; 11,51 und 53.
4 Vgl. c. 1,9,13-18; 1,25; 2,11,5-8; 3,14,25-28; 3,15; 3,19,24; 3,26; 4,1; 4,13. Vgl. Hor. epist.
2,2,55-57 und 214-216; 1,1,3-19. Prägnant formuliert dies später Ov. am. 1,9,4: turpe senex
miles, turpe senilis amor.
5 Auf diese Grenzen wird öfter direkt oder indirekt Bezug genommen; vgl. c. 2,4,22-24; 2,5;
3,14,25-28; 3,26 (vgl. dazu auch unten S. *); epist. 1,1,1-12; 1,7,25-28; 1,14,32-36. Vgl. auch
A.P. 5,20; 5,112; Ovid, ars 3,565-574; Maximian 1,101-106. – Dazu Karen Cokayne, Experi-
encing Old Age in Ancient Rome, London, New York 2003, S. 119 und 130.
Alter und Sexualität 3

2. Alte Frauen und Sex: Die Vetula-Skoptik


Eine andere Funktion wird dem Thema ›Alter‹ und den damit verbunde-
nen Topoi in der Invektive zugewiesen, die sich bei Horaz nicht allein in
der traditionell dem Spott vorbehaltenen Gattung des Iambus, sondern
auch in den melischen Formen findet, d.h. nicht nur in den Epoden, son-
dern auch in den Carmina. Die negative Konnotierung des Alters bleibt
gleich wie in der sympotischen Lyrik, doch dienen die Motive der Hinfäl-
ligkeit und des körperlichen Verfalls nun allein der Häme. Im Gegensatz
zur Situation beim Symposion, wo allein über die schwindende Kraft des
alternden Mannes reflektiert wird, stehen hier öfter auch Frauen, in der
Regel Hetären, im Fokus. Ihnen wird vorgeworfen, die dem Alter gebote-
ne Zurückhaltung zu missachten und die der Frau von der Natur gesetz-
ten Grenzen zu überschreiten. 6 Diese Art von Spott, die zum ersten Mal
bei Archilochos belegt ist und deren Tradition sich vor allem im Epig-
ramm – bis in die Spätantike – fortsetzt, die so genannte Vetula-Skoptik, 7
rekurriert zum einen auf die bekannten Alterstopoi, zum anderen auf die
Regeln der Aischrologie, gemäß der bestimmte Eigenschaften des Objekts
des Spotts konsequent negativ beschrieben werden. 8
Horaz widmet dem Thema zwei Epoden und drei Carmina. 9 Er lässt das
Sprecher-Ich die Erscheinungen und Konsequenzen des Alterungsprozes-
ses der angesprochenen Frauen durchweg aus der männlichen Perspektive
beschreiben. Bei den Frauen handelt es sich um Hetären, in der Regel
Freigelassene, und – zumindest in epod. 12 – um eine römische Bürgerin,
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6 Der Frau wurde sexuelle Aktivität nur solange zugestanden, als sie reproduktionsfähig war.
Dazu Cokayne, Experiencing Old Age, S. 123; 134f.; 144; Lindsay Watson, »Horace Odes 1.23
and 1.25: A thematic pairing?«, in: Journal of the Australasian Universities Language and Literature
Association, 82 (1994), S. 67-84, hier 70f. mit Verweis auf Ian Bremmer, »The old woman of
ancient Greece«, in: Josin Blok / Peter Mason (Hrsg.), Sexual Asymmetry. Studies in Ancient
Society, Amsterdam 1987, S. 191-215.
7 Zum Begriff vgl. Lindsay Watson, A Commentary on Horace’s Epodes, Oxford 2003, S. 288-
292; Amy Richlin, The Garden of Priapus. Sexuality and Aggression in Roman Humour, New
York, Oxford 21992, S. 109-116; dies., »Invective against women in Roman satire«, in: Are-
thusa, 17 (1984), S. 67-80; Cokayne, Experiencing Old Age, S. 135-152. In der griechischen
Dichtung ist die Vetula-Skoptik am prominentesten bei Archilochos vertreten (die Stellen
bei David Mankin, Horace. Epodes, Cambridge 1995, S. 152f.). Vgl. A.P. 5,21; 5,204; 5,271;
5,273; 5,298; 11,66-74; 11,374; 11,408; 11,417. In der lateinischen Dichtung findet sich die
Thematik am häufigsten bei Martial; vgl. 2,33; 3,32; 3,93; 4,20; 7,75; 8,79; 9,29; 9,37; 10,39;
10,67; 10,90; 11,21; 11,29; vgl. auch Hor. sat. 1,8; Prop. 3,25,11-18; Priap. 12; 32; 46; 57;
Iuv. 6,191-199; Petron. 134-138.
8 Dazu Wolfgang Rösler, »Über Aischrologie im archaischen und klassischen Griechenland«,
in: Siegmar Döpp (Hrsg.): Karnevaleske Phänomene in antiken und nachantiken Kulturen und Lite-
raturen, Trier 1993, S. 75-97. Isolde Stark, Die hämische Muse. Spott als soziale und mentale Kont-
rolle in der griechischen Komödie, München 2004, S. 13.
9 Epod. 8 und 12; c. 1,25; 3,15; 4,13; vgl. auch 4,10.
4 Therese Fuhrer

die sich junge Liebhaber kauft. 10 Der Normverstoß wird nun nicht allein
in der fehlenden Rücksicht auf die dem Alter gesetzten natürlichen Gren-
zen gesehen; hinzu kommt der Gedanke, dass die alternde Frau ihren
Platz, den sie als junge und attraktive Frau in einer Gruppe eingenommen
hat, nun räumen muss oder, wenn sie dies nicht tut, eine ihrem Ge-
schlecht völlig unangemessene Rolle übernimmt: Sie ist nun nicht mehr
die begehrte Schönheit, sondern muss sich infolge ihres unattraktiv ge-
wordenen Körpers selbst um Liebhaber bemühen, um ihre sexuelle Lust
zu befriedigen. Sie bricht also die gesellschaftlichen Normen mehrfach. 11
Die Dezenz wird verletzt, was im Text inszeniert wird, indem das unge-
bührliche Verhalten und die körperlichen Defizite detailreich beschrieben
werden. 12 Auch für die Darstellung von körperlichem Verfall und Häss-
lichkeit werden Topoi und damit Stereotype herangezogen; sie werden
nun aber mit der Funktion eingesetzt, die Frau, die damit ausgestattet
wird, zu verletzen. Nicht mehr nur die weißen Haare und die nicht mehr
straffe Haut werden hervorgehoben, die in anderem Kontext der Paränese
zum Lebensgenuss dienen können; beschrieben werden die schwarzen,
gelben oder fehlenden Zähne, die runzlige Haut nicht nur auf der Stirn,
sondern auch am After und an den Brüsten, der vertrocknete Körper, die
dürren Gliedmaßen, der üble Geruch. 13
Der Spott und die damit verbundene Aggression werden dadurch ver-
stärkt, dass der männliche Sprecher seine überlegene Position gegenüber
der alternden Frau herausstellt. In der Regel gibt er sich als ehemaliger
Freier aus, der einst von der jungen und begehrten Frau abgewiesen wur-
de, nun aber die Frau selbst in der Situation sieht, dass sie nicht nur keine
Freier mehr hat, sondern selbst auf Partnersuche gehen muss. 14 Der Po-
tenzierung des Spotts dient auch die Aussage, dass sich der Sprecher zwar
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10 Die Beziehung zwischen einer alten Frau und einem jüngeren Mann ist ein beliebtes The-
ma der Epigrammdichtung; vgl. z.B. A.P. 11,70; 11,425; Mart. 9,80.
11 C. 1,25,9-12; 4,11,29-34; 4,13,2-8. Explizit verweist c. 3,15,7f. und 13-16 auf das decorum (non
… decet bzw. decent). Vgl. Mart. 10,90; dazu Cokayne, Experiencing Old Age, S. 136-139.
12 C. 1,25,9-15; 4,13,4-12, 17f. und 24-28; epod. 8,3-10; 12,1-12. Vgl. Mart. 3,93; 11,21; Priap.
32; 46,10. Die Beschreibung der Hässlichkeit der alten Frauen kehrt die Topoi der Be-
schreibung junger Frauen ins Negative; dazu Watson, Commentary, S. 291f. Richlin, »Invec-
tive«, S. 70-73, weist darauf hin, dass diese Gedichte zu den wenigen Texten gehören, in
denen weibliche Genitalien beschrieben werden.
13 Vgl. c. 4,10; 4,13,10-12; epod. 8,3-10; 12,4-12 (dazu siehe unten Abschnitt 6). Wie Richlin,
Garden, S. 106 und John Henderson, »Horace talks rough and dirty: No comment (Epodes 8
& 12)«, in: Scholia, 8 (1999), S. 3-16 hervorheben, ist auch die sexuelle Stimulierung bei der
Lektüre ein Grund für die Themenwahl und Darstellungsweise.
14 So c. 1,25; epod. 12; vgl. Prop. 3,25,15f.; Ov. ars 3,69ff.; Mart. 3,93,18ff.; A.P. 5,280,5-8. In
Hor. c. 1,25 ist die Frau nicht alt, sondern die Situation im Alter wird ihr prophezeit (so
auch dem Jüngling in c. 4,10); siehe unten Anm. 35.
Alter und Sexualität 5

mit der Frau sexuell eingelassen hat, jedoch angesichts der abstoßenden
Eigenschaften ihres alten Körpers die entsprechende Leistung nicht mehr
erbringen kann. 15 Die situativ bedingte Schwäche wird damit auf die feh-
lende Attraktivität der Frau, insbesondere ihrer Geschlechtsteile, zurück-
geführt und somit entschuldigt. 16 Selbst die Tatsache, dass der Mann of-
fenbar zum Geschlechtsverkehr mit der Alten bereit war, wird als
Möglichkeit für beißenden Spott genutzt: Da die Frau nicht mehr begehrt
wird, ist sie sexuell ausgehungert und muss sich ihre Liebhaber mit Geld
beschaffen. 17

3. Die argumentative Funktion der Alterstopoi in der Invektive


Die Funktion der Alterstopoi kann also entsprechend der Sprechsituation,
die in den horazischen Gedichten inszeniert wird, variieren: Paränese und
Reflexion über die menschliche Begrenztheit stehen neben obszönem
Spott und Denunziation; markiert wird sowohl die Differenz zwischen
dem aktiven Lebensgenuss des Jünglings und der dezenten Zurückgezo-
genheit des Älteren wie auch die Diskrepanz von jugendlicher Schönheit
und Hässlichkeit des verwelkten Körpers. Immer steht dabei die in der
antiken Sozialethik verankerte Vorstellung im Hintergrund, dass der alte
Mensch in der Gesellschaft einen bestimmten Platz hat und diesen nicht
verlassen darf; 18 nicht zuletzt muss er bzw. sie sein Sexualleben einschrän-
ken, sei es dass er/sie dafür nicht mehr genügend Kraft hat, sei es dass
dies als unschicklich betrachtet wird. Für die Frau gilt dies deshalb in hö-
herem Maße, weil ihr die Grenzen als Matrona durch die Gebärfähigkeit,

_____________
15 Dazu epod. 8 und 12. Nach Watson, »Horace’s Epodes« und Commentary sollte hier nicht von
Impotenz gesprochen werden, da die Potenz des Sprecher-Ichs bei jüngeren Frauen als
noch intakt dargestellt wird.
16 Zur apologetischen Funktion der Vetula-Skoptik vgl. Ellen S. Oliensis, »Canidia, Canicula,
and the Decorum of Horace’s Epodes«, in: Arethusa, 24 (1991), S. 107-138, hier 124; dies.,
Horace and the Rhetoric of Authority, Cambridge 1996, S. 75; Wilfried Stroh, »De amore senili
quid veteres poetae senserint«, in: Gymnasium, 98 (1991), S. 264-276; Richlin, »Invective«, S.
76f.; dies., Garden, S. 113.
17 Siehe c. 1,25,9-15; epod. 12,7-9 und 25f.
18 Das Thema war in den letzten Jahren Gegenstand einer ganzen Reihe von Monographien
bzw. Sammelbänden. Vgl. neben Cokayne, Experiencing Old Age, auch Thomas M. Falkner /
Judith de Luce (Hrsg.), Old Age in Greek and Latin Literature, New York 1989; Hartwin
Brandt, Wird auch silbern mein Haar. Eine Geschichte des Alters in der Antike, München 2002;
Andreas Gutsfeld / Winfried Schmitz (Hrsg.), Am schlimmen Rand des Lebens? Altersbilder in
der Antike, Köln, Weimar, Wien 2003; Tim G. Parkin, Old Age in the Roman World. A Cul-
tural and Social History, Baltimore, London 2003.
6 Therese Fuhrer

als Hetäre durch die körperliche Attraktivität gesetzt sind. 19 Hier spielen
also Vorstellungen von Vergänglichkeit, Verlust der Fruchtbarkeit, limina-
lem Status beim Übertritt in eine andere Altersgruppe und männlichem
Machtdiskurs eine Rolle. 20
Die Gültigkeit der durch die Topoi aktivierten habituellen Denkmus-
ter und die Stereotypie der Aussagen über den alternden Menschen wer-
den aber nicht in Zweifel gezogen. Im Hinblick auf die Frage nach der
Problematik ihres Inhalts bringt ihre Verwendung also keinen Erkenntnis-
gewinn. Eine solche Funktion ist der Definition des literarischen Topos
auch gar nicht eingeschrieben, vielmehr dient dieser definitionsgemäß als
»Suchformel und Rezept zur Gewinnung neuer Argumente«, als »Inventar
an Schlussregeln«, »das wesentlicher Bestandteil der argumentativen
Kompetenz der Teilhaber eines Kommunikationsgefüges ist«. 21 Topoi
basieren auf herrschenden Meinungen und auf allgemein verständlichen
Vorstellungen. Sie bieten so ein Argumentationsreservoir, das durch den
Rekurs auf vertraute Denkmuster in unterschiedlichen Situationen einen
Konsens ermöglicht, das aber gleichzeitig die Überzeugungskraft eines
einzelnen, idiosynkratischen Anliegens stärkt. 22 Zwar sind die in den To-
poi vermittelten Meinungsnormen durchaus auch Gegenstand der Inter-
pretation und damit veränderbar. Allerdings wird dabei nicht die Meinung
selbst bzw. ihre normative Gültigkeit zur Diskussion gestellt, vielmehr
steht die Interpretationsfähigkeit eines Topos im Dienst der Wirksamkeit
der Argumentation seines Interpreten. Die Möglichkeit der Innovation
bietet sich bei der Verwendung von Topoi also nur insofern, als die damit
transportierten Meinungsnormen im Hinblick auf das gerade verhandelte
Problem verändert und dadurch wiederum argumentativ nutzbar gemacht
werden können. 23 Als Hauptcharakteristikum des Topos kann also gelten,
dass er selbst nicht zugleich argumentativ eingesetzt und selbst Gegens-
tand der Argumentation sein kann. Denn sonst würde die argumentative
Kraft des Topos in der Verwendung selbst unterlaufen. So kann die In-
vektive durch den Rekurs auf Topoi nicht gleichzeitig sowohl eine habi-
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19 Zur Diskussion des weiblichen decorum im Alter vgl. Cokayne, Experiencing Old Age, S. 115-
133, bes. 123.
20 Vgl. Mankin, Commentary, S. 152f.
21 Michael Pielenz, Argumentation und Metapher, Tübingen 1993, S. 121 und 123; Manfred
Kienpointner, »Topische Sequenzen in argumentativen Dialogen«, in: Zeitschrift für Germa-
nistische Linguistik, 14.3. (1986), S. 321-355, hier 327. Zugrunde liegt der Topos-Begriff von
Lothar Bornscheuer, Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft, Frankfurt am
Main 1967.
22 Bornscheuer, Topoi, S. 91ff. unterscheidet die vier Strukturmerkmale Habitualität, Potentia-
lität, Intentionalität und Symbolizität. Vgl. dazu Pielenz, Argumentation, S. 123-135.
23 Vgl. dazu Bornscheuer, Topoi, S. 102ff.; Pielenz, Argumentation, S. 131.
Alter und Sexualität 7

tuelle Vorstellung aktivieren als auch die Situation der verspotteten Person
problematisieren. Die Vetula-Skoptik kann nicht das sexuelle Begehren
alter Frauen verspotten und gleichzeitig um Verständnis werben.

4. Alte Männer und Sex: Die Altersklage und die Figur des
senex amator
Sind also die Alterstopoi in der antiken, zumal der horazischen Lyrik nicht
mehr als ein Argumentationsreservoir, das der Reflexion auf die nur au-
genblickshafte Möglichkeit zum Lebensgenuss, Spott und der Aggression
gegen das weibliche Geschlecht dient? Werden hier nur Stereotype ver-
wendet und Klischees transportiert, ohne die Problematik des Lebens im
Alter – der Vergänglichkeit, des körperlichen Verfalls, der Einschränkung
der sexuellen Aktivität – zu diskutieren?
Nun darf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema
›Liebe im Alter‹ von der antiken Literatur nicht ebenso erwartet werden
wie von der modernen Fachliteratur. 24 Zwar gibt es antike Abhandlungen
peri gērōs oder de senectute, in denen in Form des philosophischen Dialogs,
des Essays oder des (medizinischen) Fachtraktats Themen wie (körperli-
che und geistige) Gesundheit und sozialer Ort des alternden Menschen
behandelt werden, so auch die Diskrepanz zwischen dem weiter beste-
henden sexuellen Verlangen und den schwindenden Möglichkeiten, dieses
zu befriedigen. 25 So beschreiben Ciceros Cato oder Seneca als Sprecher-
Ich die Erfahrungen des alternden Mannes, um daraus Lebensregeln abzu-
leiten. 26 In den antiken medizinischen Schriften interessiert der Alterungs-
prozess im Hinblick auf die Erklärung und Behandlung von Krankheiten
und die Empfehlungen diätetischer Maßnahmen.27 Ansätze einer Proble-
_____________
24 Vgl. noch Susan Sontag, »The double standard of aging«, in: Saturday Review of Literature, 39
(1972), S. 29–38, hier 37: »The double standard about aging converts the life of women
into an exorable march toward a condition in which they are not just unattractive, but dis-
gusting […]. Aging in women is a process of becoming obscene sexually, for the flabby
bosom, wrinkled neck, spotted hands, thinning white hair, waistless torso, and veined legs
of an old woman are felt to be obscene«.
25 Dazu vgl. Hans Herter, »Demokrit peri gērōs«, in: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissen-
schaft, N.F. 1 (1975), S. 83-92; Christian Gnilka, »Altersklage und Jenseitssehnsucht«, in:
Jahrbuch für Antike und Christentum, 14 (1971), S. 5-23; ders., »Greisenalter«, in: Reallexikon für
Antike und Christentum, 12 (1983), Sp. 995-1094.
26 Cic. Cato 7; 15; 39; 47-49; Sen. epist. 12. Vgl. bereits Plat. rep. 1,3,329b-c.
27 Bemerkenswert ist, dass das Corpus Hippocraticum keine spezifisch geriatrischen Schriften
enthält. Dazu Georg Wöhrle, »Der alte Mensch im Spiegel der Medizin«, in: Elisabeth
Hermann-Otto (Hrsg.), Die Kultur des Alterns von der Antike bis zur Gegenwart, St. Ingbert
2004, S. 19-31.
8 Therese Fuhrer

matisierung finden sich in poetischen Texten – in der archaischen Lyrik,


der Elegie, der Komödie – im Motiv der Altersklage, in der der Sprecher
die Situation, die in der Invektive dem Objekt des Spotts zugeschrieben
wird, beklagt, wobei er die entsprechenden Topoi auf sich selbst anwen-
det: Die mit dem weißen Haar, den Zahnlücken usw. verbundene schwin-
dende Attraktivität, die sich daraus ergebende Einsamkeit, daneben aber
das noch immer vorhandene sexuelle Begehren, das nun unerfüllt bleibt,
werden hier als eigenes Problem beschrieben. 28 Auch hier wird mit den
bekannten Alterstopoi operiert und immer liegt dabei die Vorstellung
zugrunde, dass die Alten mit ihrem Verhalten die Grenzen der Schicklich-
keit und der körperlichen Möglichkeiten überschritten hätten. Vorherr-
schend bleibt aber der Spott. 29
Es fehlt also eine Diskussion der Tabuisierung von sexueller Aktivität
im Alter oder eine weitergehende Reflexion auf die Problematik der Aus-
grenzung eines Phänomens, dessen Realität gerade durch die poetische
Darstellung ja nicht geleugnet wird.
So darf es nicht verwundern, dass das Thema ›Eros und Alter‹ auch in
der horazischen Lyrik nicht Gegenstand konstruktiver Kritik ist. Die Ver-
wendung der Alterstopoi in der sympotischen Paränese und der Invektive
schließt die Möglichkeit der Altersklage vielmehr sogar aus und auch der
senex amator hat keinen Platz: Das Sprecher-Ich, das beim Fest mit dem
Verweis auf das Alter zum Lebensgenuss auffordert, klagt nicht gleichzei-
tig über die sexuelle Unfähigkeit der Alten, und der Spötter gegen alte
Frauen rechnet sich nicht selbst zu den Alten. Nur selten gesteht Horaz
den alternden Figuren Momente der ernsten Selbstreflexion oder der
nüchternen Analyse der eigenen Situation zu. In c. 3,26 zeigt das alternde
Sprecher-Ich genau dann, wenn es sich von den Aktivitäten als Gigolo
zurückziehen will, nochmals Anzeichen der Liebesleidenschaft. Der am
Anfang des Gedichts anklingende Ton der Lebensbilanz (vixi) und der
nun auf sich genommenen Zurückhaltung wird am Schluss dadurch kon-
terkariert, dass der Sprecher wünscht, die Peitschenhiebe der Venus mö-
gen die ehemalige Geliebte nochmals mit ganzer Wucht treffen. Auch
wenn im Gedicht nicht explizit gesagt wird, ob die damit entfachte Lei-
denschaft ihm selbst gelten soll, erweist sich der Sprecher doch nicht ge-
feit gegen den Gedanken an eine erotisierte Frau und damit weit entfernt
_____________
28 Vgl. z.B. Mimn. Frgg. 1, 2 und 5 W.; Alkm. Frg. 26 PMGF; Anakr. Frg. 322 PMG; Ibyc.
287 PMGF; Sapph. Frg. 121 Voigt; Aristoph. Eccl. 877ff.; A.P. 11,30; 11,54; Plaut. Merc.
546-549 (vgl. auch 262-265; 290ff.; 303-306 sowie die Figuren der alten Männer in den Stü-
cken Asinaria, Stichus, Cistellaria und Bacchides); Verg. ecl. 9,51-54; Maximian. eleg. 1, 2 und 5.
29 Thema rhetorischer Schulübungen war auch die »Altersschelte«; dazu Gnilka, »Altersklage«,
S. 7.
Alter und Sexualität 9

von der unproblematischen Altersruhe, die er eben noch mit der Vorstel-
lung der an den buchstäblichen Nagel gehängten Requisiten des aktiven
Liebhabers beschworen hat. Buch 4 der Carmina beginnt mit einer Bitte an
Venus, den fünf Lustren alten, also ca. 50-jährigen Dichter nun zu ver-
schonen; die Bitte wird sich jedoch am Ende des Gedichts als nutzlos
erweisen, da ihn die Liebe zu Ligurinus weiterhin umtreibt. Die Alterskla-
ge bleibt jedenfalls dezent und das alternde Sprecher-Ich bleibt innerhalb
der Grenzen des Schicklichen, selbst wenn, wie in c. 3,26, der offene
Schluss das Weiterbestehen des Liebesverlangens zumindest ahnen lässt. 30

5. Die Perspektive der alternden Hetäre: Horaz c. 1,25


Nun gibt Horaz jedoch an zwei Stellen innerhalb des Corpus’ der Oden
und Epoden auch Frauen Gelegenheit, ihre Perspektive darzulegen: die
Perspektive der einsamen alten vetula, die sich durchaus noch ein Sexualle-
ben wünscht. Dargestellt werden dabei verzweifelte Menschen, die durch
ihr Alter an den Rand der Gesellschaft gedrängt und infolge ihrer fort-
dauernden Libido und dem entsprechenden Verhalten gegenüber jungen
Männern zur Erniedrigung gezwungen werden. Somit sind paradoxerwei-
se gerade Spottgedichte auf alternde Frauen der literarische Ort, wo Horaz
die durch die Alterstopoi implizierten Verhaltensnormen zwar reprodu-
ziert, dabei aber nicht nur den Normverstoß, sondern auch die damit ver-
bundene Problematik zur Diskussion stellt. Gemäß der Gattungskonven-
tion setzt er die Topoi der Vetula-Skoptik gezielt ein, baut sie dabei aber
jeweils zu kurzen narrativen Sequenzen aus.

_____________
30 Für eine Zusammenstellung der Stellen zum Thema ›Alter‹ in der horazischen Lyrik vgl.
Paul Hohnen, »Zeugnisse der Altersreflexion bei Horaz«, in: Gymnasium, 95 (1988), S. 154-
172.
10 Therese Fuhrer

Parcius iunctas quatiunt fenestras


iactibus crebris iuvenes protervi, Seltener treffen deine geschlossenen Fensterläden
nec tibi somnos adimunt, amatque mit häufigen Würfen die Jünglinge in ihrem Ungestüm,
ianua limen, nicht rauben sie dir deine Ruhe, fest befreundet haftet
die Tür an der Schwelle,
quae prius multum facilis movebat
cardines. audis minus et minus iam die früher so oft leicht bewegte
›me tuo longas pereunte noctes, die Angeln. Du hörst es weniger und weniger schon:
Lydia, dormis?‹ »Ich, der ich Dein, vergeh in langen Nächten –
Lydia, schläfst du?«
in vicem moechos anus arrogantis
flebis in solo levis angiportu, Anders bald: Als Alte wirst du der Freier Übermut
Thracio bacchante magis sub inter- beweinen, verlassen verachtet im Winkel,
lunia vento, da aus Thrakien tobt stärker beim Neu-
mond der Sturmwind,
cum tibi flagrans amor et libido,
quae solet matres furiare equorum, während dir brennend Liebe und Gier,
saeviet circa iecur ulcerosum, wie sie pflegen rasen zu lassen die Mütter der Rosse,
non sine questu wüten werden um deine schwärende Leber,
voll von Jammer,
laeta quod pubes hedera virenti
gaudeat pulla magis atque myrto, dass frohe Jugend am Efeu, dem grünenden,
aridas frondes hiemis sodali freuet sich mehr und an der dunklen Myrte,
dedicet Euro. trockene Blätter aber dem Wintersgefährten
preisgibt, dem Eurus.

C. 1,25 beginnt mit einer nächtlichen Szene, die die angeredete Frau als
alternde und damit zunehmend erfolglose Hetäre zeichnet (Vv. 1-8): 31 Das
männliche Sprecher-Ich evoziert die für eine Hetäre unvorteilhafte Situa-
tion, in der die Freier nun seltener an ihre Fenster klopfen und ihr damit
nicht mehr den Schlaf rauben. Die vorher oft benutzte Tür »liebt« nun die
Schwelle (V. 3: amat), d.h. sie bleibt öfter geschlossen. Die Freier singen
immer seltener ihre Ständchen vor der Tür (die früher deshalb verschlos-
sen blieb, weil die Frau die Freier abwies), was mit einem kurzen Zitat aus
einem solchen traditionellen Freier-Lied, einem Paraklausithyron, unter-
malt wird (Vv. 8f.): »Während ich, der deinige, mich in langen Nächten
verzehre, Lydia, schläfst du?« Das Sprecher-Ich lässt also einen anderen
Mann oder sich selbst in der Rolle des exclusus amator die Frau als Lydia
anreden. Damit evoziert er eine vertraute Situation, die sich offenbar wie-
derholt, nun allerdings bereits in der Gegenwart immer seltener wird und
somit eher als ein Ereignis der Vergangenheit dargestellt wird. Durch
diese Kombination von zwei Zeitebenen wird ein Kontrast zwischen der
_____________
31 Die im Folgenden zitierten Texte stammen aus: Horatius, Opera, hrsg. von D.R. Shackleton
Bailey, München 52008. Die Übersetzung wurde weitgehend übernommen aus: Horaz,
Oden und Epoden, lateinisch-deutsch hrsg. von Bernhard Kytzler, Stuttgart 32000.
Alter und Sexualität 11

jungen und begehrten und der nun älter werdenden Frau erzeugt, der im
Folgenden durch eine weitere Zeitebene noch verdeutlicht wird: Der
Sprecher prophezeit der Frau, dass sie einmal diejenige sein werde, die
sich um die Freier bemüht, die ihrerseits abweisend reagieren würden. Die
Situation wird also genau umgekehrt sein (V. 9: in vicem), die Frau wird in
einsamen Gassen in stürmischer und mondloser Nacht genau diese Män-
ner suchen. Die normale Rollenzuteilung wird also pervertiert. Die Frau,
die zuvor den Trieb der Männer professionell befriedigt hat, wird selbst
getrieben von einer wilden Lust »in der Gegend der verwundeten Leber«
(circa iecur ulcerosum) – gemäß der antiken Biologie der Sitz der sexuellen
Begierde –, wie sie auch rossige Stuten umher treibt (Vv. 9-15). 32 Sie wird
in dieser hämischen Prolepse also zur Straßendirne, die sogar bei Sturm-
wetter auf Kundschaft wartet und dabei den Neumond (Vv. 11f.: interlu-
nia) nutzt, um ihr unvorteilhaft gewordenes Äußeres verbergen zu kön-
nen. Ihre Lüsternheit wird als biologisches und auch zoologisch
dokumentiertes Phänomen dargestellt und damit versachlicht, aber auch
entmenschlicht. Die Frau wird geradezu auf ihren Trieb reduziert.
Horaz rekurriert hier einerseits auf die Topoi der Liebeselegie, die das
Sprecher-Ich öfter als elegischen Liebhaber auf der Schwelle der Gelieb-
ten schmachten lässt. Andererseits greift er das bereits in der griechischen
Lyrik, in der Komödie und dem Epigramm prominente Motiv der altern-
den Hetäre auf, die ihren früheren Hochmut gegenüber ihren zahlreichen
Verehrern nun dadurch büßt, dass sie sich jetzt selbst und dabei erfolglos
bemühen muss, ihr sexuelles Verlangen zu stillen. Die Spannung zwischen
schwindender Attraktivität und ungestilltem und dadurch umso größerem
sexuellen Begehren gilt auch für den alternden Mann als Problem. 33 Doch
durch die Inversion der Normalität und die ungewohnte Situation, die sich
für die ehemals begehrte und hochmütige Frau ergibt, bietet das Motiv
hier die Möglichkeit, den Spott gegen die Frau zu potenzieren: Der vor-
mals abgewiesene Mann ist nun selbst in der Situation oder wird es – wie
in c. 1,25 – bald sein, sie abweisen zu können. Der erotische Machtdiskurs
wird mit verteilten Rollen nochmals durchgespielt. Horaz’ Sprecher-Ich
stellt der Frau in c. 1,25 eine sexuelle Gier und einen gleichsam tierischen
Trieb in Aussicht, mit denen sie sowohl den traditionell leidenden elegi-
schen Liebhaber wie auch den alternden Gigolo bei weitem übertrifft –
_____________
32 Zur Leber als Sitz der sexuellen Begierde vgl. Theokr. 11,16; 13,71; Anacreontea 31,27f.;
auch Hieron. epist. 64,1,3. Dazu Adolf Kiessling / Richard Heinze, Q. Horatius Flaccus, Oden
und Epoden, erklärt von A.K., besorgt von R.H., Berlin 131968, S. 69 (zu c. 1,13,4); Robin
G.M. Nisbet / Margaret Hubbard, A Commentary on Horace: Odes Book 1, Oxford 21998, S.
172f. Zum ›Liebesrasen‹ der Stuten vgl. Verg. georg. 3,266; Aristot. hist. an. 6,21 (hippoma-
nein).
33 Siehe oben Abschnitt 4.
12 Therese Fuhrer

zumindest legen dies der ungewohnte Realismus 34 und der Rekurs auf das
biologische Wissen von der Leber als Sitz der Sexualhormone nahe.
Das Verhältnis des Sprecher-Ichs zum angeredeten Du wird in dem
Gedicht nicht explizit definiert. Die Frau wird durch das Zitat des exclusus
amator als Lydia identifizierbar, sie erhält also nur durch die indirekte An-
rede einen Namen. Als Leser/in des ganzen Gedichtbuchs mag man die
Frau auch mit der in c. 1,8 und 1,13 angesprochenen, dort aber offenbar
noch jungen Lydia gleichsetzen, die einen Sybaris verführt und damit von
einem ernsten Leben abbringt (c. 1,8) und die den Sprecher mit ihrer
Schwärmerei für Telephus zur Eifersucht treibt (c. 1,13), so dass ihm »die
Leber schwillt« (V. 4). Wenn man das Lesen der Gedichte in der vom
Gedichtbuch bzw. der Sammlung der drei Gedichtbücher implizierten
Reihenfolge voraussetzt, kann man Lydia auch in c. 3,9 wieder erkennen,
wo sie und ein männlicher Sprecher sich im Dialog gegenseitig ihre dauer-
hafte Liebe beteuern. Der Bezug auf die Schilderung der aus Eifersucht
geschwollenen Leber erlaubt es, die Sprechsituation im vorliegenden c.
1,25 so zu deuten, dass das männliche Ich die Frau mit den Topoi der
Vetula-Skoptik auf die Situation hinweisen will, dass sie selbst einmal die
Verschmähte und Getriebene sein werde. Lydia wäre dann durchaus noch
als junge Frau zu denken, die immer noch – gerade auch vom Sprecher-
Ich – begehrt wird und die durch die Prophezeiung der Einsamkeit im
Alter überredet werden soll, den Sprecher als Liebhaber zuzulassen. 35
Doch weder der Name noch die Konstruktion der Geschichte einer Be-
ziehung vermag der Frau eine Individualität zu geben. 36 Angesprochen ist
jede Frau, die sich in jugendlichem Hochmut den Männern überlegen
fühlt. Thema ist nicht die individuelle Situation des Sprechers und der
Frau namens Lydia, sondern die Folgen, denen eine Frau, die werbende
Männer abweist, ausgesetzt ist, wenn sie an Attraktivität verliert. Verhan-
delt wird dabei auch die Frage von Über- und Unterlegenheit von Partner
und Partnerin in einer erotischen Beziehung. Wenn im ›Normalfall‹ der
_____________
34 Nach Kiessling / Heinze, Oden und Epoden, S. 111 und Antonio La Penna, »Tre poesie
espressionistiche di Orazio«, Belfagor, 18 (1963), S. 187-193 = »Espressionismo di Orazio«,
in: Herausgeber?? Saggi e studi su Orazio, Firenze 1993, S. 298-314.
35 Dass die angesprochene Frau (Lydia) durchaus noch in jugendlichem Alter ist, betont auch
William S. Anderson, »The Secret of Lydia’s Aging: Horace, Odes 1.25«, in W.S.A. (Hrsg.),
Why Horace?, Wauconda, Ill. 1999, S. 85-91; vgl. auch Watson, »Horace Odes 1.23 and 1.25«,
S. 73.
36 Gegen Viktor Pöschl, »Horaz c. 1,25«, in: Justus Cobet / Rüdiger Lembach / Ada B.
Neschke-Hentschke (Hrsg.), Dialogos: FS H. Patzer, Wiesbaden 1975, S. 187-192, hier 190f.
= Kleine Schriften I, hrsg. von Wolf-Lüder Liebermann, Heidelberg 1979, S. 192-199 = Ho-
razische Lyrik. Interpretationen, Heidelberg 21991, S. 284-191. Vgl. dagegen Brian Arkins, »A
Reading of Horace, Carm. 1.25«, in: Classica e Medievalia, 34 (1983), S. 161-175, hier 168-171,
der von einer »sensitive exploration of la condition humaine« spricht.
Alter und Sexualität 13

Mann um die Frau wirbt, ist sie in der Position, dass sie ihn abweisen und
dadurch leiden lassen kann, was im Zitat des Paraklausithyrons zum Aus-
druck kommt (V. 7: me … pereunte). Doch dadurch, dass das – vielleicht
noch unterlegene – männliche Sprecher-Ich der – vielleicht noch überle-
genen – Frau die Inversion der Situation voraussagt bzw. sie ihr herbei
wünscht, stellt er sich auf die Position des Überlegenen und postuliert den
Machtverlust der Frau. Die Macht des Sexualtriebs, der vorher den Mann
gezwungen hat, sich ihr zu unterwerfen, macht nun sie zur Unterworfe-
nen. Die ›normale‹ Rollenverteilung zwischen dem Mann als dem physisch
und sozial Stärkeren und der Frau als der jeweils Schwächeren ergibt sich
aus der Anomalie des Zustands der lüsternen alten Frau gegenüber dem
abweisenden jungen Mann.
Das Gedicht nimmt zum Schluss jedoch eine neue Wendung: Horaz
legt der Frau in der ihr prophezeiten – oder herbei gewünschten – Szene,
in der sie nachts lüstern durch die Gassen zieht und weint, eine Klage in
den Mund (V. 16: non sine questu): Die Jugend erfreue sich mehr am grü-
nenden Efeu und an der dunkelfarbigen Myrte 37 und übergebe die trocke-
nen Blätter dem Ostwind, dem Gefährten des Winters. Mit der Pflanzen-
metaphorik werden zwei Erfahrungen illustriert: dass junge Menschen
junge Partner/innen vorziehen und dass sie ältere Menschen gering schät-
zen. Das Bild der dem Winterwind ausgesetzten trockenen Blätter rekur-
riert auf einen prominenten literarischen Vergleich: In Ilias 6,146-149 ver-
anschaulicht Glaukos den Wechsel der Generationen mit dem Bild der
sprießenden und verwelkenden Blätter. Mimnermos vergleicht die Men-
schen mit (Blüten-)Blättern, die im Frühling nur kurz sprießen, und fährt
mit einer Klage über die Vergänglichkeit der Menschen fort (Frg. 2 W.).
Das Motiv findet sich auch im Kontext der Altersklagen in den Epigram-
men der Anthologia Graeca: Das grüne Laub wird als Symbol der Jugend
dem dürren Blattwerk als dem Symbol des Alters gegenübergestellt. 38
Horaz lässt also ›Lydia‹ innerhalb ihrer Inszenierung als lüsterne Alte an-
hand des Naturvergleichs über die Vergänglichkeit des Menschen sinnie-
ren und Topoi der Altersklage vorbringen, die nicht auf die spezifische
Situation der alternden Frau beschränkt sind. Der Spott der Vetula-
Skoptik wird dadurch abgemildert und lässt, indem nun allgemein und
damit geschlechtsunabhängig die menschliche Natur zum Thema gemacht
wird, sogar Mitgefühl zu. 39

_____________
37 Zur Interpretation von magis atque im Sinne von magis et vgl. – gegen Nisbet /Hubbard,
Commentary, S. 298 – Gian Carlo Giardina, »Hor. carm. I 25, 16ss.«, in: Museum Criticum, 18
(1983), S. 237-240.
38 A.P. 5,118; 11,374,7f.; 12,234. Zum Motiv vgl Nisbet / Hubbard, Commentary , S. 299.
39 So auch Pöschl, »Horaz c. 1,25«, S. 190.
14 Therese Fuhrer

Die Frau, die zuvor noch auf ihren Trieb reduziert schien, wird nun
zum Sprachrohr des alternden Menschen überhaupt. Ihre Situation wird
am Schluss verallgemeinert. Doch bleibt die Klagende ja dieselbe: Sie ist –
in der Prolepse – immer noch die von ihrem unbefriedigten Sexualtrieb
gequälte Alte. Die Altersklage wird ihr in der Situation, in der sie einsam in
den dunklen Gassen umher streift, in den Mund gelegt. Damit erhält die
poetische und allgemein menschliche Klage auch für sie ihre Gültigkeit.
Auch der fast tierische Sexualtrieb der alternden Frau wird damit als all-
gemein menschliches Phänomen interpretierbar. Die Denkmuster und
Stereotype der Vetula-Skoptik werden aufgebrochen und geltende Mei-
nungsnormen unterlaufen. Wenn der Rekurs auf die Topoi zunächst dem
gewohnten Spott gegen die lüsterne Alte dient, so zwingt er am Schluss
zur Reflexion auf die Situation des Menschen schlechthin. Jeder Mensch
ist prinzipiell im Alter dem Problem des unbefriedigten Sexualtriebs aus-
gesetzt und kann in der Folge Gegenstand des Spotts sein. Das Schicksal
der verschmähten und verachteten Alten droht nicht allein der Frau, son-
dern dem Menschen generell. Der Machtdiskurs verläuft nicht allein in-
nerhalb der Grenzen von biologischem und sozialem Geschlecht, sondern
geschlechtsunabhängig zwischen Menschen unterschiedlichen Alters.
Dadurch, dass die Reflexion auf das allgemein-menschliche Schicksal der
alten Frau in den Mund gelegt wird, wird ihr sogar eine Position der Über-
legenheit zugewiesen, die durch die literarischen Anspielungen an die
Stimme des weisen Alten der sympotischen Paränese erinnert: Sie lässt mit
den Topoi der Altersklage deutlich werden, dass auch das männliche Spre-
cher-Ich und letztlich das Lesepublikum dem Alterungsprozess unterwor-
fen ist und so mit den Konsequenzen zu rechnen hat, unter denen sie
leidet. 40

6. Die Stimme der hässlichen Alten: Epode 12


Das horazische Epodenbuch enthält zwei Gedichte, die die Topoi der
Vetula-Skoptik variieren: In Epode 8 verspottet ein männliches Sprecher-
Ich eine offenbar reiche alte Frau gehobenen Standes, die ihm vorgewor-
fen habe, dass er sie sexuell nicht zu befriedigen vermag, dies aber durch
die Hässlichkeit ihres vom Verfall gezeichneten Körpers selbst verschul-

_____________
40 Vgl. hierzu c. 4,13, wo das Sprecher-Ich sich selbst in den Spott der Vetula-Skoptik einbe-
zieht (V. 20).
Alter und Sexualität 15

det habe. Epode 12 greift dieselbe Thematik nochmals auf. 41 Hier lässt
Horaz die vetula in der ganzen zweiten Gedichthälfte selbst zu Wort
kommen (Vv. 14-26). Auch hier stellt sich die Frage, ob mit dieser Pers-
pektivierung die mit den Alterstopoi der Vetula-Skoptik operierenden
Denkmuster in Frage gestellt werden.

Quid tibi vis, mulier nigris dignissima barris?


munera quid mihi quidve tabellas
mittis nec firmo iuveni neque naris obesae?
namque sagacius unus odoror
5 polypus an gravis hirsutis cubet hircus in alis
quam canis acer ubi lateat sus.
qui sudor vietis et quam malus undique membris
crescit odor, cum pene soluto
indomitam properat rabiem sedare! neque illi
10 iam manet umida creta colorque
stercore fucatus crocodili iamque subando
tenta cubilia tectaque rumpit.
vel mea cum saevis agitat fastidia verbis:
›Inachia langues minus ac me;
15 Inachiam ter nocte potes, mihi semper ad unum
mollis opus. pereat male quae te
Lesbia quaerenti taurum monstravit inertem.
cum mihi Cous adesset Amyntas,
cuius in indomito constantior inguine nervos
20 quam nova collibus arbor inhaeret.
muricibus Tyriis iteratae vellera lanae
cui properabantur? tibi nempe,
ne foret aequalis inter conviva magis quem
diligeret mulier sua quam te.
25 o ego non felix, quam tu fugis ut pavet acris
agna lupos capreaeque leones!‹

_____________
41 Die Gedichte wurden wegen ihrer obszönen Thematik im 19. und noch im 20. Jh. öfter aus
den (auch kritischen!) Editionen und Kommentaren ausgeschlossen. Dazu Henderson,
»Horace talks rough and dirty«, S. 9. Als Allegorie auf den altertümlichen literarischen Stil,
den der Dichter verabscheut, interpretiert die alte Frau Dee L. Clayman, »Horace’s Epodes
VIII and XII: More than Clever Obscenity?«, in: Classical World, 69 (1975), S. 55-61.
16 Therese Fuhrer

Was willst du denn, Weib, die du am besten zu schwarzen


Elefanten passt? Geschenke für mich? Briefe schickst
du mir? Ich bin weder ein starker Mann noch ist meine
Nase verstopft. Ich kann ja schärfer schnüffeln, ob ein Polyp
5 oder ein beizender Bock haust im Gestrüpp der Achseln,
als ein scharfer Hund, wo die Sau steckt.
Welch ein Schweiß! Wie allenthalben den verrunzelten Glie-
dern übler Geruch entströmt, wenn sie am schlaffen Schwanz
sich müht, die ungezähmte Gier zu stillen, und nicht mehr will
10 ihr die feucht gewordene Schminke haften, nicht die Farbe,
mit Krokodilsmist angemacht. In ihrer Geilheit
bricht sie entzwei Matratzen und Bettgestell.
Oder aber sie schilt meinen Ekel mit heftigen Worten:
»Bei der Inachia bist du doch weniger schlaff als bei mir!
15 Inachia kannst du dreimal pro Nacht, bei mir bist du für eine
einzige Nummer zu schlapp! Zur Hölle jene, die dich
Schlappschwanz mir gezeigt, als einen Stier ich suchte, diese
Lesbia! Hatte ich doch Amyntas aus Kos noch bei mir,
in dessen ungezähmtem Schoß das Glied viel fester
20 als ein Baum auf Hügeln haftet.
Die Tücher aus der im tyrischen Purpur mehrfach gefärbten
Wolle, wem wurden sie wohl so eifrig bereitet? Dir,
damit nicht unter deinen Kumpanen ein Gast sei, den mehr
seine Dame liebte als die deine dich.
25 O ich Unglückliche! Du fliehst mich, so wie fürchtet die
Wölfe ein Lamm, wie die Rehe den Löwen.

Mit der Frage »Was willst du für dich, Weib?« (quid tibi vis, mulier?) eröffnet
das Sprecher-Ich die Anrede und schreibt damit der Frau ein bestimmtes
Anliegen in eigener Sache zu. Im selben Atemzug (bzw. Vers) wird sie als
»schwarzen Elefanten würdig« angesprochen (nigris dignissima barris), was
gemäß antiker Vorstellung nicht nur an ein hässliches Äußeres, sondern
auch an gewaltiges sexuelles Begehren denken lässt. 42 Die Rolle des männ-
lichen Ichs wird im Folgenden als die des von dieser Frau umworbenen
Liebhabers gezeichnet, der von ihr Geschenke und Briefe erhält (V. 2),

_____________
42 Vgl. Viktor Graßmann, Die erotischen Epoden des Horaz. Literarischer Hintergrund und sprachliche
Tradition, München 1966, S. 71; Mankin, Horace. Epodes, S. 206.
Alter und Sexualität 17

aber von ihrem widerlichen Geruch abgestoßen wird. Ein kurzer Vermerk
zu Beginn, dass er selbst »kein starker Mann« sei (V. 3: nec firmo iuveni), und
die Beschreibung der Frau – nun in der dritten Person –, die sich gierig
am schlaffen Glied des Mannes abmüht, während ihr die Schminke am
Körper herunter läuft, suggerieren eine ähnliche Situation wie in Epode 8:
Die Hässlichkeit der Frau beeinträchtigt die Potenz des Mannes. Durch
die Merkmale der runzligen Haut (V. 7) und der übermäßig aufgetragenen
Schminke (Vv. 10f.) wird das abstoßende Äußere an ihrem Alter fest ge-
macht. Gegenüber stehen sich also der Sprecher, der sich als junger Mann
bezeichnet (V. 3), und eine alte Frau; ihre Beziehung zueinander ist die des
offenbar käuflichen Liebhabers, also eines Call-Boys, 43 und der vermö-
genden alten ›Dame‹, die ihn mit Geschenken und Briefen umwirbt. Die
traditionellen Rollenbilder sind von Anfang an vertauscht: Die Frau ist
dem Mann in Bezug auf die ökonomische und damit soziale Position
überlegen. Hinzu kommt, dass seine Manneskraft versagt, dass er also
seine Aufgabe, für die er bezahlt wird, nicht erfüllt. Die Vetula-Skoptik hat
somit die Funktion, die Verantwortung für die physische Schwäche des
Mannes der Frau zuzuschieben und seine Überlegenheit über die Frau
wieder herzustellen. 44
Nach der Ansprache an das weibliche Du (Vv. 1-6) und der Beschrei-
bung der Frau in der dritten Person (Vv. 7-13) geht der Text in der Rede
der Frau zur Ansprache an das männliche Du über (Vv. 14-26). Das Ob-
jekt des Spottes erhält somit innerhalb der Darstellung des männlichen
Spötters eine Stimme. 45 Sie wirft ihm sein sexuelles Versagen vor, das sie
durch den Verweis auf seine Potenz bei einer anderen Frau zwar relati-
viert; doch entkräftet sie den Gedanken, dass die Ursache für seine
Schlaffheit bei ihr selbst liegen könne, damit, dass sie seiner Schlaffheit
und Unfähigkeit (Vv. 16f.: mollis bzw. iners) die beeindruckende Gestalt des
Gliedes des jungen Amyntas entgegen hält (Vv. 18-20). Sie verflucht die
Zuhälterin, die ihr, obwohl sie Amyntas noch als Liebhaber hatte, dann
aber »einen Stier« suchte, den Angeredeten als neuen Liebhaber besorgte
(Vv. 16-18). Durch diese Aussage bleibt die Frage offen, wer in diesem
Machtdiskurs der sexuellen Potenz bzw. Attraktivität der oder die Überle-
gene ist. Das Verständnis für sein Versagen, für das der Sprecher mit der
Beschreibung der geilen und hässlichen Alten im ersten Teil des Gedichtes
_____________
43 Noch deutlicher wird dies in Vv. 16f.
44 Vgl. dazu oben Anm. 16.
45 Nach Gerrit Kloss, »Explizite und implizite Zeitstruktur in drei horazischen Epoden (5, 12,
17)«, in: Lexis, 18 (2000), S. 223-241, hier 223-227, soll man sich die Sprechsituation so
vorstellen, dass das männliche Ich einen Brief der vetula vorliest. Die Möglichkeit einer sol-
chen Präzisierung der Vorstellung ist jedoch im Text nicht gegeben; die Präzisierung
scheint mir allerdings auch nicht nötig.
18 Therese Fuhrer

wirbt, wird dadurch untergraben, dass er nun eindeutig in der Rolle des
männlichen Prostituierten gezeichnet wird: Er ist die Beziehung mit der
Alten ja offenbar von sich aus eingegangen, die so abstoßend nicht sein
kann, da andere ihrer Verpflichtung, die sie ebenfalls gegen Bezahlung
eingegangen sind, nachkommen können. In ökonomischer Hinsicht ist sie
jedenfalls den Männern überlegen.
Auch in der Fortsetzung der Rede, die der Spötter der Frau in den
Mund legt, wird der Spott konterkariert: Sie versichert ihm, dass die in
Purpur mehrfach eingefärbten – also teuren – Wollstoffe nur für ihn ge-
fertigt wurden, damit beim Symposion kein anderer Mann sei, den seine
»Frau« (mulier) mehr liebe als sie, die zitierte Sprecherin, ihn, der sie zitiert
(Vv. 21-24). Auch wenn das Zitat natürlich deutlich machen soll, dass die
Frau die für den weiblichen Part ungewohnte Rolle der Werbenden über-
nimmt und damit gegen die gesellschaftlichen Normen verstößt, dass sie
sich zudem mit ihrem Liebhaber in der Gesellschaft hervortun will, evo-
ziert die Darstellung ihrer Bemühungen um ihn nicht allein Spott. Ihr
verzweifeltes Werben und die Anrufungen an ihn im hymnischen Du-Stil
(cui …? tibi, …ne …magis …quam te) lassen sie hier eher als ›over-
protecting mother‹ denn als lüsterne Vettel erscheinen. Zudem spricht sie
hier nicht mehr von ihrem sexuellen Begehren, sondern von unerotischer
Liebe (V. 24: diligere).
Sie beschließt ihre Rede mit einem Ausruf der Klage (V. 25: o ego non
felix): Er, der erneut mit betontem »Du« angerufen wird, fliehe vor ihr (tu
fugis). Diese Gegenüberstellung von ego und tu wird mit einem Tierver-
gleich verdeutlicht: Er flieht vor ihr wie das (weibliche) Lamm (agna) vor
den Wölfen und die Rehe vor den Löwen (Vv. 25f.). Ihr Verhältnis zu
dem Mann ist das eines Raubtieres zu einem Beutetier, des Verfolgers zu
einer Verfolgten. Damit greift sie auf den Topos der »erotischen Jagd«
zurück, der die Situation illustrieren soll, in der ein Mann sich vergeblich
um eine Frau bemüht. 46 Der Vergleich macht zum einen deutlich, dass sie
in der Beziehung den aktiven und dominanten Part spielt, dass also die
Rollen vertauscht sind, die – wie der Tiervergleich zeigt – die Natur den
Geschlechtern zuweist. 47 Im Kontext ihrer Klage (o ego infelix) ist er zudem
als Versuch zu verstehen, die eigene Situation und die Reaktion des Man-
nes zu analysieren. Sie interpretiert jedoch den Eindruck, den sie auf ihn
macht, insofern falsch, als er sie im ersten Teil mit ganz anderen Tieren
verglichen hat als mit Wölfen und Löwen (V. 1: mit schwarzen Elefanten,
in Vv. 5f. vergleicht er sich, der den Geruch von Polypen oder Ziegen-
_____________
46 Dazu Mankin, Horace. Epodes, S. 213; Watson, Commentary, S. 415. Vgl. auch Hor. c. 1,23,1
und 9f.
47 Dazu Watson, »Horace’s Epodes«, S. 193.
Alter und Sexualität 19

bock in den Achseln riecht, mit einem Hund, der eine Sau erschnüffelt).
Sie versteht also sein Verhalten, mit dem er den Kontakt zu vermeiden
versucht, als Furcht, nicht als Ekel (vgl. V. 13: fastidia). Mit diesem Trug-
schluss endet das Gedicht. Da es sich um ein Zitat aus dem Mund des
Spötters handelt, ist auch der Abbruch der Rede als Teil seines Spotts zu
verstehen: 48 Er stellt sie zum einen mit ihrer Selbstbezichtigung als Raub-
tier, zum anderen mit ihrer naiven Täuschung bloß. Wiederum enthält der
Text aber auch Signale, die Mitleid hervorrufen: Der Topos der erotischen
Jagd macht ihre Klage zur Liebespoesie, in der sie die Rolle des unglück-
lich Liebenden spielt, der nicht Objekt des Spotts, sondern des verständ-
nisvollen Mitgefühls sein soll.
Der Gedichtschluss eröffnet also – wie in c. 1,25 – die Möglichkeit der
Reflexion auf die Situation der alternden Frau, die an den Folgen der feh-
lenden Attraktivität, der Vereinsamung, leidet. Dadurch, dass die Topoi
der Vetula-Skoptik am Ende durch den Topos der erotischen Jagd abge-
löst werden, dass also die literarische und stilistische Ebene gewechselt
wird, lädt der Text dazu ein, den Spott auch im Kontext der Liebesklage
zu lesen. Im Mund der alten Frau wird daraus eine Altersklage: Ihr Alter
zwingt sie dazu, die werbende, also männliche Rolle zu übernehmen, doch
auch in dieser scheitert sie. Da aber der Misserfolg mit dem Topos der
Liebesjagd traditionell werbenden Männern zugeschrieben wird, wird ihre
Erfahrung von der geschlechtsspezifischen Situation gelöst und verallge-
meinert. 49
Der Spötter räumt der alten Frau also die Möglichkeit ein, ihr Leid auf
einer allgemeinen Ebene zu reflektieren. Er schließt sich damit selbst in
seinen Spott mit ein. Er befindet sich ja selbst in der Lage, dass er eine
Beziehung zu der alten Frau eingehen musste, die ihn mit Geschenken
aushält (Vv. 2 und 21f.). Er hat sich selbst in die Situation begeben, dass er
von ihr nicht nur als »schlaff« (V. 16: mollis), sondern auch als »Lamm«
und als »Reh« wahrgenommen, also in die weibliche Rolle gedrängt wird.
Er wird damit selbst als Randfigur der Gesellschaft identifizierbar. 50 Beide
Figuren verstoßen gegen die geschlechtsspezifischen Normen: Der junge
_____________
48 So Richlin, Garden, S. 112; Graßmann, Die erotischen Epoden, S. 85 spricht sogar von »drasti-
scher Komik«.
49 Die zitierte Rede gibt also nicht allein die weibliche Perspektive wieder (so Cokayne, Expe-
riencing Old Age, 141), sondern die Perspektive des alternden Menschen mit sexuellen Bedürf-
nissen. Graßmann, Die erotischen Epoden, S. 57f. und 90 sieht in epod. 12 die »sittliche Entrüs-
tung« des historischen Autors über die »Unsitte, für Geld selbst eine vetula in Kauf zu
nehmen« und schreibt damit die antike Tendenz der Tabuisierung der Realität fort. Zu
einem ähnlichen Schluss kommt auch Carol C. Esler, »Horace’s Old Girls: Evolution of a
Topos«, in: Thomas M. Falkner / Judith de Luce (Hrsg.), Old Age in Greek and Latin Litera-
ture, New York 1989, S. 172-182.
50 Dies hebt allein Watson, »Horace’s Epodes«, hervor. Vgl. auch Mart. 9,80.
20 Therese Fuhrer

Mann und die alte Frau tauschen die ihrem Geschlecht je zugewiesenen
Rollen des Freiers und der Umworbenen; er tut dies offenbar aus finan-
zieller Not, sie infolge des altersbedingten Verlusts ihrer erotischen At-
traktivität. Ihr Normverstoß wird dadurch relativierbar: Nicht nur die alte
Frau, sondern auch der junge Mann ist gezwungen, die Normgrenzen zu
überschreiten.

7. Alter und Eros: Zum Reflexionspotential der Alterstopoi in


der horazischen Lyrik
Alter und Erotik sind zwei Gegenstandsbereiche, die die antike Literatur
durchaus miteinander verbindet, nicht ohne die Problematik ihrer Schnitt-
stellen und Überschneidungen herauszustellen. Das Thema ›Liebe im
Alter‹ bleibt jedoch der Paränese, der männlichen Altersklage und der
Invektive vorbehalten und wird durch den Rekurs auf Topoi, d.h. Denk-
muster und Stereotype, stark schematisiert, mithin auch entproblemati-
siert. Die Alterstopoi haben also den Effekt, dass die Brisanz der Kombi-
nation der beiden Themenbereiche abgemildert wird: Die Aktivierung
habitualisierter Denkmuster erlaubt es, die Problematik literarisch zu ver-
orten und damit Distanz zu schaffen.
Horaz’ Texte arbeiten mit den üblichen Topoi und dadurch mit der
Möglichkeit der Distanznahme. Sie enthalten jedoch – innerhalb stark
schematisierter Sprechsituationen und damit hinter den literarischen Kon-
ventionen gleichsam versteckt – Angebote, die Denkmuster aufzubrechen,
indem Topoi anders kombiniert und neu kontextualisiert werden. Der
Rekurs auf die Topoi aktiviert zwar durchaus habituelle Vorstellungen;
deren argumentative Kraft wird nun aber nicht allein im Dienst der Invek-
tive, sondern auch der Altersklage eingesetzt. Inszeniert wird diese argu-
mentative Volte dadurch, dass dem Objekt des Spotts, der Figur der lüs-
ternen Alten, eine Stimme gegeben wird. Die alte Frau erhält damit
Gelegenheit, ihr Verhalten, das dem Schema der Vetula-Skoptik ent-
spricht, aus der Perspektive des Opfers zu kommentieren. In beiden Ge-
dichten lässt Horaz die Frauen Topoi aus einem anderen Bereich anfüh-
ren: den Vergleich der Menschen mit Blättern, der seit der Ilias die
Vergänglichkeit des Menschenlebens versinnbildlicht, und den Topos der
Liebesjagd, der mit Tiervergleichen das Verhältnis zwischen hartnäckigem
Freier und unwilliger Geliebten illustriert. Die Frauen machen damit deut-
lich, dass die Scheidung von Alter und Eros nicht nur als eine weibliche
Problematik, sondern als Naturphänomen und anthropologische Kons-
tante wahrgenommen werden soll.