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Atlas

Sanierung
INSTANDHALTUNG
UMBAU
ERGÄNZUNG
Edition ∂

GIEBELER MUSSO
FISCH PETZINKA
KRAUSE RUDOLPHI
Atlas
Sanierung
INSTANDHALTUNG
UMBAU
ERGÄNZUNG

GIEBELER MUSSO
FISCH PETZINKA
KRAUSE RUDOLPHI

Birkhäuser
Basel · Boston · Berlin

Edition Detail
München
Autoren Koautoren:

Georg Giebeler Petra Kahlfeldt, Dipl.-Ing. Architektin


Prof. Dipl.-Ing. Architekt Kahlfeldt Architekten, Berlin
Fachgebiet Baukonstruktion, Hochschule Wismar
Florian Lang, Dipl.-Ing. Architekt
Rainer Fisch Lang+Volkwein Architekten und Ingenieure, Darmstadt
Dr.-Ing. Architekt
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Berlin Jochen Pfau, Prof. Dr.-Ing.
Fachgebiet Innenausbau, Hochschule Rosenheim
Harald Krause
Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Phys. Ulrich Schanda, Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Phys.
Fachgebiet Bauphysik und Gebäudetechnik, Hochschule Rosenheim Fachgebiet Bauphysik und Gebäudetechnik,
Hochschule Rosenheim
Florian Musso
Prof. Dipl.-Ing. Architekt Elmar Schröder, Dipl.-Phys.
Lehrstuhl für Baukonstruktion und Baustoffkunde, TU München Müller-BBM, Planegg

Karl-Heinz Petzinka Jürgen Volkwein, Dipl.-Ing. Architekt


Prof. Dipl.-Ing. Architekt Lang+Volkwein Architekten und Ingenieure, Darmstadt
Fachgebiet Entwerfen und Gebäudetechnologie, TU Darmstadt
Johann Weber, Dipl.-Ing.
Alexander Rudolphi Lehrstuhl für Baukonstruktion und Baustoffkunde,
Prof. Dipl.-Ing. TU München
Gesellschaft für Ökologische Bautechnik mbH, Berlin
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
Redaktion in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
Projektleitung:
Steffi Lenzen, Dipl.-Ing. Architektin Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch
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Eva Schönbrunner, Dipl.-Ing.; Nicole Tietze, M. A. Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetz-
lichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils
Zeichnungen: geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungs-
Marion Griese, Dipl.-Ing; Martin Hämmel, Dipl.-Ing.; pflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestim-
Daniel Hajduk, Dipl.-Ing.; Caroline Hörger, Dipl.-Ing.; mungen des Urheberrechts.
Claudia Hupfloher, Dipl.-Ing; Nicola Kollmann, Dipl.-Ing.;
Simon Kramer, Dipl.-Ing.; Elisabeth Krammer, Dipl.-Ing; © 2008, erste Auflage
Dejanira Ornelas, Dipl.-Ing. Institut für internationale Architektur-Dokumentation
GmbH & Co. KG, München
Herstellung / DTP:
Roswitha Siegler Birkhäuser Verlag AG
Basel · Boston · Berlin
Repro: Postfach 133, CH-4010 Basel, Schweiz
Martin Härtl OHG, Martinsried Ein Unternehmen der Fachverlagsgruppe Springer
Science+Business Media
Druck und Bindung:
Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell Gedruckt auf säurefreiem Papier, hergestellt aus chlorfrei
gebleichtem Zellstoff. TCF∞
Printed in Germany

ISBN: 978-3-7643-8874-4

www.birkhauser.ch

987654321

4
Inhalt

Impressum 4
Vorwort 6

Teil A Einführung 8

1 Begriffsdefinition 10
Georg Giebeler
2 Weiterbauen – Gedanken
zum Bauen mit Bestand 16
Georg Giebeler, Petra Kahlfeldt

Teil B Grundlagen 20

1 Sanierungen planen 22
Georg Giebeler
2 Bauphysik 32
Harald Krause, Jochen Pfau,
Ulrich Schanda, Elmar Schröder
3 Technische Gebäudeausstattung 52
Karl-Heinz Petzinka, Bernhard Lenz,
Jürgen Volkwein, Florian Lang
4 Denkmalpflege 72
Rainer Fisch
5 Baustoffe in Sanierungsprojekten 86
Florian Musso, Johann Weber
6 Gefahrstoffe im Bestand 102
Alexander Rudolphi

Teil C Zeitenatlas 116

Georg Giebeler
0 Einordnung der Bauaufgabe 118
1 Allgemeine Sanierungsaufgaben 122
2 Gründerzeitbauten 1870 –1920 132
3 Zwischenkriegsbauten 1920 –1940 154
4 Nachkriegsbauten 1950 –1965 172
5 Wohlstandsbauten 1965 –1980 190

Teil D Gebaute Beispiele im Detail 206

Projektbeispiele 1 bis 18 208 – 265

Teil E Anhang 266

Glossar 266
Verordnungen, Richtlinien, Normen 268
Literatur 272
Abbildungsnachweis 274
Sachregister 276
Autoren 279

5
Vorwort

»Eine Veränderung, die keine Verbesserung ist,


ist eine Verschlechterung.« Adolf Loos

In dieser Reihe sind schon viele Atlanten er- wurde abgebrochen. Erst die Moderne forciert
schienen und alle vertiefen ein Teilgebiet des den radikalen Bruch mit dem Bestand: die
Bauens: Beton, Holz, Fassade. Der Atlas neue Stadt, das neue Haus, die neue Gesell-
Sanierung hingegen behandelt alle Bereiche schaft. Etwas später, nachdem die Zerstö-
des Bauens: vom Fundament bis zum Innen- rungen des Zweiten Weltkriegs diese »neuen«
anstrich, von der Vorplanung bis zur Bauüber- Städte ermöglicht hat, bemerkt man, dass auf
wachung. Dies auf nur 280 Seiten zu vereinen diesem Weg einiges verloren zu gehen droht.
erscheint gewagt, denn zu jedem einzelnen Das Pendel schlägt zurück. Anfang der 1960er-
dieser Themen gibt es umfangreiche Literatur. Jahre gibt es eine bemerkenswerte Allianz zwi-
Und tatsächlich baut dieses Buch auf dem schen Erneuerern wie Alexander Mitscherlich
Wissen auf, das jeder Architekt mitbringen und Bewahrern wie Hans Sedlmayr, die über-
sollte. Es ersetzt keines der schon erschienen einstimmend den Erhalt der alten Städte for-
Standardwerke zu Konstruktionen oder Bau- dern. Ein Kind dieser Zeit ist die Denkmalpfle-
stoffen, es fügt nur etwas hinzu: Konstruktionen ge, auf deren Idee des Schützens und Erhal-
und Baustoffe, mit denen wir – die Planer – uns tens sich die in der Folge erscheinende Fach-
im Umbau und der Sanierung beschäftigen literatur, aber auch entsprechende neue Studi-
müssen. engänge orientieren. Ökonomisch durchsetz-
Denn: Der wesentliche Unterschied zwischen bar nur bei besonderen Exponaten vergange-
Umbau und Neubau ist jener, dass das Haus ner Baukunst, scheinen die Sanierungen und
im ersten Fall schon steht. Auch wenn es sich Umbauten der banal erscheinenden Bauten
aus dieser banal klingenden Aussage nicht keine Aufgaben für ambitionierte Architekten zu
direkt erschließt, enthält sie Fragen wie: Gibt es sein. Dies hat sich erst im letzten Jahrzehnt
die Notwendigkeit, zwischen architektonischen gewandelt – wohl auch dem Umstand geschul-
Planungen für Um- und Neubauten zu unter- det, dass das Auftragsvolumen im Neubaube-
scheiden? Wenn ja, liegen die Unterschiede in reich deutlich zurückgegangen ist. Heute sind
allen Planungs- und Bauphasen? Benötigt man es auch solche Bauaufgaben, die den Weg in
zusätzliches Wissen, um Umbauten sicher zu die Fachzeitschriften und Architekturvorträge
beherrschen? finden.
Die Antwort lautet: Ja, es gibt grundlegende Die Lücke zwischen Büchern aus dem Bereich
Unterschiede in Planungsmethodik, Bewer- der Denkmalpflege und jenen der Neubaukon-
tungsmodellen und Fachwissen, welche man struktion zu schließen, ist das Anliegen dieses
sich als Planer aneignen muss, um Umbauten Atlas. Dabei basieren viele Aussagen auf per-
für sich und den Bauherrn zu einem erfolg- sönlichen Erfahrungen. Dass es daher auch
reichen Abschluss zu führen. viele andere Lösungsansätze als die vorge-
Die folgenden Kapitel widmen sich daher schlagenen gibt, ist selbstverständlich.
hauptsächlich den methodischen Unterschie-
den zwischen Neu- und Umbauten. Dies setzt Ein Atlas, der nach Epochen geordnet ist und der
voraus, dass man Erfahrung in der Planung von historische Zeichnungen enthält
Neubauten mitbringt – was üblicherweise auch Der Teil C des Atlas ist in vier Zeitabschnitte
erwartet werden kann, da die Neubauplanung unterteilt: Gründerzeit, Zwischen- und Nach-
Teil jeder Architektenausbildung ist. Die heute kriegszeit sowie Wohlstandsbauten. Eine ande-
üblichen Studiengänge behandeln jedoch sel- re Unterteilung – beispielsweise nach Bauteilen
ten die Planung von Umbauten und Sanie- wie Wand und Decke – entspräche eher dem
rungen, was umso mehr verwundert, als der üblichen Aufbau eines Konstruktionsatlas. Um
Umgang mit vorhandenen Gebäuden in allen das zu sanierende Gebäude jedoch in seiner
bisherigen Epochen üblich war und zudem Gesamtheit zu verstehen, werden die jeweili-
sehr pragmatisch gehandhabt wurde: Was gen Bauteile einer Epoche in direktem Zusam-
nutzbar war, wurde genutzt; was umzubauen menhang behandelt. Die Aufteilung in Bauteile
war, wurde dem eigenen Geschmack und dem dient dabei als Untergliederung der vier Zeitab-
eigenen Nutzen angepasst; was »übrig« war, schnitte; es finden sich also zu jedem Bauteil

6
vier Kapitel, beispielsweise Decken der Grün- zeigt das Buch häufig auftretende technische
derzeit, Decken der Zwischenkriegszeit usw. Schwächen der historischen Konstruktionen.
Zeitspezifische Bauarten von Decken stehen in Die meisten davon waren den zeitgenös-
direktem Zusammenhang zu der zeittypisch sischen Architekten wohl bewusst, wurden
dazugehörende Wandbauart. Alle Bauteile wer- jedoch aufgrund des Stands der Technik oder
den dabei neben der textlichen Beschreibung des Diktats der Ökonomie bewusst in Kauf
mit historischen Zeichnungen dargestellt, die in genommen. Trotz der oben beschriebenen Pro-
der Regel den damaligen Standardwerken zur blematik enthält das Buch Verbesserungsvor-
Baukonstruktion entnommen sind. Daran inte- schläge für ebensolche »historischen« Schwä-
ressiert weniger die – zugegebenermaßen wun- chen – wiederum im Spannungsfeld zwischen
derbare – Grafik als vielmehr deren hoher Infor- heutiger Gesetzeslage, Innovationen und
mationsgehalt. Es empfiehlt sich, die Zeich- Kosten.
nungen genau zu betrachten, da sie oft über
die in der Bildunterschrift ausgewiesenen Ein Atlas, der weit mehr enthält als »alte« Bau-
Inhalte weit hinausgehen und so wertvolle Hilfe- konstruktionen
stellungen in der Planung darstellen. Der Allen Einschränkungen zum Trotz gibt es bei
Grund für die Beschreibung längst überholter Sanierungsvorhaben sehr ähnliche und wieder-
Bautechniken ist einfach: Diese Techniken kehrende Aufgaben und Randbedingungen.
gehören zu dem Haus, welches saniert werden Diese sind hauptsächlich im Teil B zusammen-
soll. Sie bilden damit die Grundlage unserer gefasst. Der Versuch einer Begriffsdefinition,
Planungsaufgabe: Historische Detailausbil- Hinweise zur Planung von Umbauten, bau-
dungen, materialspezifische Kennwerte und physikalische Sanierungen, Veränderungen an
die zum Entstehungszeitpunkt verwendeten der technischen Infrastruktur, Denkmalpflege,
Materialien sind wesentliche Parameter, auf die Materialien und die Schadstoffsanierung sind
die Planung aufbauen muss. Erst das Wissen zwar ebenfalls abhängig von der vorgefunde-
über alte Konstruktionen lässt eine sinnvolle nen Gebäudestruktur, jedoch in eigenen Kapi-
Entscheidung über deren Erhalt, Ersatz oder teln zusammengefasst, um die Übersichtlich-
Sanierung zu. keit zu erhöhen. Ergänzt wird dies um überge-
ordnete, immer wiederkehrende Sanierungen
Ein Atlas, der ohne Standarddetails auskommt wie Trockenlegungen oder Wärmedämmmaß-
Kein Umbau ist wie der nächste. Selbst der nahmen. Die historischen Bauweisen in Teil C
Versuch einer ganzheitlichen Betrachtung des bieten erst dann eine echte Planungshilfe,
Gebäudes in seinem Zeitabschnitt stellt natür- wenn man sie in Verbindung mit den Informa-
lich eine starke Vereinfachung dar. Einerseits tionen aus den Teilen A und B sieht.
sind die Zeitabschnitte nicht klar getrennt, son-
dern bilden ein Kontinuum, was auch auf die Mein Dank geht neben den unzähligen Institu-
verwendeten Baukonstruktionen zutrifft; ande- tionen und Personen, die maßgebliche Informa-
rerseits gibt es – insbesondere in Zeiten mit tionen beisteuern konnten, auch an die Autoren
mangelhafter Verkehrsinfrastruktur – regionale baukonstruktiver Standardwerke. Diese Bücher
Unterschiede in den Bauweisen, welche auf seien jedem Planer – neben diesem Atlas –
den lokal verfügbaren Materialien basieren. besonders ans Herz gelegt, denn ihre Lektüre
Wenn es also kein historisches Standarddetail, ist nicht nur informativ, sondern zumeist auch
beispielsweise einer Holzbalkendecke, geben sehr kurzweilig.
kann, so kann es auch kein Standarddetail zur
Sanierung dieser Decke geben – ganz abgese-
hen davon, dass auch die heutigen Ansprüche Georg Giebeler
nicht einheitlich sind, sondern auf unterschied- Köln, im August 2008
liche Nutzungszwecke und Baugesetzge-
bungen reagieren müssen. Statt solcher kon-
kreter und damit ausschließender Vorschläge

7
Teil A Einführung

1 Begriffsdefinition 10
Rekonstruktion 11
Restaurierung 11
Rückbau 12
Gebäudeabbruch 12
Renovierung / Instandhaltung 12
Reparatur / Instandsetzung 13
Sanierung 13
Umbau 14
Entkernung / Neubau mit Teilerhalt 14
Modernisierung 14
Schadstoffsanierung 15
Erweiterung /Anbau 15
Ausbau 15
Umnutzung 15

2 Weiterbauen – Gedanken zum 16


Bauen mit Bestand
Weiterbauen? Weiterbauen! 17
Bauen im Bestand? Bauen mit Bestand! 18

Abb. A Palais Langhans, Prag (CZ), Ladislav Lábus

9
Begriffsdefinition

Georg Giebeler

A 1.1
Es gibt keinen allgemeingültigen Begriff, der alle • Rekonstruktion
Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden • Restaurierung
allumfassend beschreibt und als solcher auch • Rückbau
generell verstanden wird. Vielmehr gibt es eine • Gebäudeabbruch
Vielzahl von Begriffen, die neben dem Begriff • Renovierung / Instandhaltung
Sanierung existieren und etwas Ähnliches oder • Reparatur / Instandsetzung
gar das Gleiche meinen: Umbau, Instandset- • Teilsanierung
zung, Modernisierung, Kernsanierung, Rückbau, • Sanierung
Bauen im Bestand, Restaurierung, Renovierung. • Kernsanierung / Generalsanierung
Diese Unschärfe hat mehrere Gründe. Zum • Umbau
einen ist der Grad des Umbaus gemessen am • Entkernung / Neubau mit Teilerhalt
Umfang der zu erhaltenden Bausubstanz sehr
unterschiedlich: Er reicht von kleinmaßstäb- Hinzu kommen weitere Begriffe, die im Zusam-
lichen Reparaturen bis zu grundlegenden Kern- menhang mit Sanierung fallen können, aber
sanierungen. Zum anderen resultieren die Ein- nicht in dieses Schema passen:
griffe in die Bausubstanz aus unterschiedlichen
Beweggründen: ästhetischen, technischen oder • Modernisierung
nutzungsspezifischen. Hinzu kommt eine »tradi- • Schadstoffsanierung
tionell« ungenaue Wortwahl, die eine eindeutige, • Erweiterung / Anbau
scharf abgegrenzte Zuordnung von Begriff zu • Ausbau
Maßnahme unmöglich macht. • Umnutzung
Dieses Kapitel versucht dennoch die verschie-
denen Begriffe zu fassen und voneinander In vielen Fällen treffen mehrere Begriffe auf
abzugrenzen. Dies geschieht nicht im Sinne eine Bauaufgabe zu, weil sich die Begriffe teil-
einer endgültigen Definition. Ziel ist es viel- weise überschneiden oder mehrere Maßnah-
mehr, dem Architekten durch die Einordnung men gleichzeitig durchgeführt werden. Die Ein-
eine Planungshilfe an die Hand zu geben. ordnung der Objektgröße ist hingegen relativ
Verschiedenartige Eingriffe in den Gebäude- eindeutig. Sie lässt sich in fünf Kategorien un-
bestand bedingen sowohl unterschiedliche terteilen:
Planungsmethoden als auch unterschiedliche
Baumaßnahmen. Ist der Architekt in der Lage, • XXL: Stadt / Quartier
seine Aufgabe einem Begriff zuordnen, kann • XL: Block / Gebäudekomplex
das zur Klärung des Planungs- und Baupro- • M: Gebäude
zesses beitragen. Daher sollen die Begriffe im • S: Gebäudeteil / Geschoss
Folgenden nicht nur erklärt und eingegrenzt • XS: Wohnung / Einzelraum
werden, sondern es werden auch praktische
Hinweise für die Umsetzung der Planungsauf- Zur Kategorisierung könnte man die Begriffe
gabe gegeben. »Weiterbauen« oder »Bauen im Bestand« ver-
Die Einordnung geschieht nach zwei Gesichts- wenden. Beide Begriffe beschreiben keine Maß-
punkten: erstens nach dem Umfang des Ein- nahmen im technischen Sinne, sondern verdeut-
griffs in den Bestand und zweitens nach dem lichen eher eine Haltung. Weiterbauen spiegelt
Maßstab der Bauaufgabe. Aus der Kombina- den dauerhaften Prozess des Bauens wider:
tion von beiden lassen sich Planungsmethoden Nach dem Umbau ist vor dem Umbau. Außer-
und Baumaßnahmen ableiten. Das Maß des dem stellt der Begriff klar, dass jede Maßnahme
Eingriffs beginnt mit dem Nachbau eines nicht auf die vorhandenen Strukturen reagieren muss.
A 1.1 Erzbischöfliches Diözesanmuseum »Kolumba«, mehr oder nur noch in Teilen bestehenden Streng genommen ist es also kein »Bauen im
Köln (D) 2007, Peter Zumthor Bauwerks und reicht über den Komplettab- Bestand«, sondern »Bauen mit Bestand«.
A 1.2 Frauenkirche, Dresden (D) 1743 / 2005,
George Bähr
bruch mit anschließenem Neubau bis zur Erhal-
A 1.3 Planungsaufwand der verschiedenen Sanierungs- tung in unterschiedlichen Graden (Renovierung
maßnahmen bis Entkernung):

10
Begriffsdefinition

A 1.2
Rekonstruktion Neubaus. Auch die Arbeitsweisen in der Pla- Restaurierung
Unter Rekonstruktion versteht man den Nach- nungsphase sind ähnlich, denn selten sind his- Restaurierung bedeutet die Fertigstellung eines
bau eines nicht mehr vorhandenen Bauwerks, torische Bauten so ausreichend dokumentiert, unvollendeten Bauwerks. Der Begriff entstand
d. h. es handelt sich streng genommen um einen dass der Architekt nichts Neues entwerfen in der Zeit der Romantik, als das Interesse an
Neubau. Bei einer ernsthaften Rekonstruktion bzw. konstruieren muss. Zudem sind im Zwei- Kulturdenkmälern der Vergangenheit in den
wird jedoch auch auf alte Baukonstruktionen zu- ten Weltkrieg ein Großteil der europäischen Blickpunkt rückte. Er wurde wesentlich durch
rückgegriffen. Rekonstruktionen werden immer und insbesondere der deutschen Bauarchive den französichen Architekten und Kunsthisto-
wieder kontrovers diskutiert, wobei die Kritik in zerstört worden, sodass man bei dieser Bau- riker Eugène Viollet-le-Duc geprägt, der zu
der Regel umso heftiger ausfällt, je weniger tat- aufgabe oftmals auf Illustrationen oder Foto- Beginn des 19. Jahrhunderts mittelalterliche
sächlich rekonstruiert, also originalgetreu wie- grafien zurückgreifen muss statt auf maßstabs- Schlösser restaurieren ließ. Ebenso wurde der
derhergestellt wird. Sehr kritisch wird z. B. die getreue Architektenpläne. Rekonstruktion als Kölner Dom nach fast 300 Jahren Baustillstand
Planung des Berliner Schlosses verfolgt; dage- Entwurf bedeutet neben der Aufarbeitung der vollendet (Abb. A 1.4). Restaurierung ist der
gen hat die Rekonstruktion der Dresdener Frau- vorhandenen Quellen zum Originalgebäude Rekonstruktion sehr ähnlich, nur dass bei erste-
enkirche viel Zustimmung erhalten (Abb. A 1.2). also auch eine künstlerische Nachahmung des rer noch Originalbauteile vorhanden sind, wel-
Obwohl sie auf einem alten Entwurf basieren, Baustils einer gewissen Epoche durch den che zeittypisch ergänzt werden. Ihre Nähe zur
sind Rekonstruktionen immer Neubauten ohne heutigen Architekten, d. h. es ist keine aus- Rekonstruktion macht sie ähnlich umstritten:
Originalbestand. Es gelten daher im Allgemei- schließlich wissenschaftliche Aufgabe. In den »Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die
nen die bekannten Regeln für Neubauten. Nor- einzelnen Planungsschritten hilft zeitgenös- Ausnahmecharakter behalten sollte. Ihr Ziel ist
men und Gesetze, Herstellerrichtlinien, Bauab- sische Fachliteratur, wenn es darum geht, his- es, die ästhetischen und historischen Werte
lauf, Bauzeiten, Art der Ausschreibung und torische Konstruktionen möglichst detailgenau des Denkmals zu bewahren und zu erschlie-
Bauleitung entsprechen weitgehend jenen des mit heutigen Mittel neu zu erstellen. ßen. Sie gründet sich auf der Respektierung

Planungsumfang eines Gebäudes Planungsaufwand im Ver-


(M) im Verhältnis zum Neubau1 hältnis zu M (Gebäude) 2
Vergabe, Bauleitung,

XL: Block / Gebäude-

S: Gebäudeteil /
Ausschreibung

Einzelraum
XS: Wohnung /
Genehmigung

Geschoss
Werkplanung

Abrechnung

komplex
Vorentwurf,
Entwurf

Rekonstruktion / Restaurierung ++ ° + + + / / / aufwendig in der Planung, da man Bauforschung betreiben muss


Abbruch / Rückbau entf. entf. entf. - - - + entf. oft durchgeführt von spezialisierten Unternehmen
Renovierung / Instandhaltung entf. entf. entf. - + ° ° ° aufwendig in Organisation (wann kann gearbeitet werden)
und Abrechnung (viele Regieleistungen)
Reparatur / Instandsetzung entf. entf. -- - + ° ° ° aufwendig in Organisation und Abrechnung, häufig keine Planungsleistungen
Teilsanierung -- entf. + ++ ++ entf. entf. entf. aufwendig in Organisation und Abrechnung,
häufig Streitigkeiten mit Nachbarn
Sanierung -- ent. ° + ++ ° + + hoher Aufwand in der Bauleitung aufgrund vieler Unabwägbarkeiten
Kernsanierung / Generalsanierung -- entf. + + + ° + entf. insgesamt leicht erhöhter Aufwand an den Schnittstellen Bestand / Neubau
Umbau + ° ++ ++ ++ ° ++ ++ hoher Entwurfsaufwand durch Anpassung an den Bestand,
hoher konstruktiver Aufwand
Entkernung / Neubau mit Teilerhalt ° + ° + + / / / nur Mehraufwand für Sicherheitsmaßnahmen
Erweiterung + ° + ° ° / / / Maßnahmen im Bestand haben nur einen kleinen Anteil am Gesamtbudget
Ausbau + + ++ ++ ++ entf. entf. entf. viele Bauteile des Bestands werden übernommen; bei Teilausbau: aufwendig
in Organisation und Abrechnung, häufig Streitigkeiten mit Nachbarn
Umnutzung entf. + entf. entf. entf. ° ° ° nur Genehmigung notwendig, kann aber sehr umfangreich sein
1
++ deutlich mehr -- deutlich geringer / nicht vergleichbar, kann gibt eine Hilfestellung, um wieviel höher der Umbau-
+ mehr entf. kommt kaum oder nicht bewertet werden zuschlag ausfallen muss oder wo er entfallen kann
2
° ungefähr gleich nicht zur Anwendung (z. B. aufgrund großer notwendige Erhöhung des Umbauzuschlags je nach
- geringer Schwankungen) Größe des Objekts
A 1.3

11
Begriffsdefinition

A 1.4
des überlieferten Bestandes und auf authen- Begriff »konzeptioneller Rückbau«. Auslöser wird oftmals schon im Projektentwicklungssta-
tische Dokumente. Sie findet dort ihre Grenze, war der massenhafte Wohnungsleerstand in dium von spezialisierten Firmen durchgeführt,
wo die Hypothese beginnt«. [1] ostdeutschen Städten als Folge der Wiederver- da nur sie das entsprechende Fachwissen mit-
Dieser wohlgemeinte Ratschlag wird jedoch oft einigung. Aber auch in anderen Regionen tre- bringen. Zu beachten sind neben Bauvor-
missachtet, auch weil man häufig nicht auf ten vergleichbare Probleme auf; sie resultieren schriften (Abbruchgenehmigung) auch Statik
Originaldokumente zurückgreifen kann. Zudem meist aus tiefgreifenden, strukturellen Prozes- (spezielle Abbruchstatik) und Sicherheitsricht-
erschließt sich nicht immer, was denn nun als sen, die einen wirtschaftlichen Niedergang und linien für Beschäftigte und Anwohner sowie
Original gilt: der erste Bau, die erste Erweite- damit einen dramatischen Wegzug der Bewoh- Umweltschutzmaßnahmen für Schad- und Ge-
rung, die erste Sanierung oder der erste Um- ner auslösen – so z. B. in Detroit nach dem Zu- fahrstoffe. Seit 2000 sind Abbrucharbeiten in
bau? Dieser Konflikt zieht sich durch die Fach- sammenbruch der Automobilproduktion. der DIN 18 007 geregelt.
diskussionen der letzten Jahrzehnte, und die Der Rückbau soll städtebauliche Probleme des
Antworten spiegeln eher den jeweiligen Zeit- Leerstands durch gezielten Abbruch einzelner Renovierung / Instandhaltung
geist wider als dass sie allgemein anerkannt Gebäude, Blocks oder Stadtteile heilen, also Renovierung fügt dem Bestand nichts Neues
wären. Möglicherweise liegt dies auch darin den Schrumpfungsprozess steuern. Oft schei- hinzu oder tauscht Altes gegen Neues aus,
begründet, dass der Begriff »Original« in der tern diese Konzepte aber an der fehlenden Fi- sondern erhält durch fachgerechte »Pflege«
Diskussion fälschlicherweise aus der bildenden nanzierung, da ein Abbruch ohne Neubebau- den Wert und die Funktion des Bestandsge-
Kunst auf die Architektur übertragen wurde, die ung niemals Rendite abwerfen kann. bäudes. Eine typische Renovierung erfolgt bei
diesen Begriff nie kannte. Mietobjekten. Die Zweite Berechnungsverord-
Gebäudeabbruch nung legt hierzu fest: »Schönheitsreparaturen
Rückbau Neben großflächigem Rückbau werden oft ein- umfassen nur das Tapezieren, Anstreichen
Um die Jahrtausendwende entdeckten die zelne Gebäude abgebrochen, um an dersel- oder Kalken der Wände und Decken, das Strei-
Stadtplaner das Thema Abbruch als »nega- ben Stelle einen Neubau zu errichten. Dies ist chen der Fußböden, Heizkörper einschließlich
tives Bauen« neu und überhöhten es mit dem keine originäre Architektenleistung, denn sie Heizrohre, der Innentüren sowie der Fenster

Gewerk Bauteil Überprüfung Intervall


Erdarbeiten Dränage auf Versandung prüfen und spülen, Wurzelschäden 5 Jahre
Grundleitungen Brüche durch Setzungen und Wurzeln, Verschlammung 5 Jahre
Rohbau alle Bauteile Setzungsrisse erstmals 5 Jahre nach Fertigstellung
Zimmerer Bindergelenke Bolzen auf Festigkeit prüfen 5 Jahre
alle Bauteile auf Fäulnis (Schwimmhallen u. Ä.) und nach Wasserschäden 5 Jahre
Dachdecker Flachdach Gullys, Hochzüge, Durchführungen, Bewuchs entfernen, Sprödrisse jährlich zum Winteranfang
Steildach Rinnen, Fallrohre, Sichtkontrolle Dachsteine jährlich zum Winteranfang
Heizung Heizkessel Abgaswerte jährlich zum Winteranfang
Leitungen Verschlammung, Dichtigkeit insbesondere bei automatischer Nachfüllung 5 Jahre
Heizkörper und Heizflächenverteiler Ventile auf Gängigkeit und Dichtigkeit 5 Jahre
Sanitär Warmwasserbereitung Verkalkung 5 Jahre
Elektro FI-Absicherung Funktion jährlich
Brandschutz Rauchmelder Funktion jährlich
Feuerlöscher Kontrolle, Neubefüllung 2 Jahre
Fluchtwege Abstellen von Gegenständen, Unterkeilen von Türen ständig
Fenster Holzfenster Außenbeschichtung 2 Jahre
alle Fenster Dichtungen auf Sprödheit und Risse 2 Jahre
Dämmung Konstruktionen mit Dampfbremse Feuchtigkeit einmalig 5 Jahre nach Fertigstellung
Parkett geölte Oberflächen Pflegehinweise: Reinigen und Ölen jährlich
Renovierungsfristen Mietwohnungen1 Küchen, Bäder, Duschen 3 Jahre
Wohnräume, Schlafräume, Flure, Toiletten 5 Jahre
andere Nebenräume 7 Jahre
1
nach Mustermietvertrag des deutschen Bundesjustizministeriums von 1976, jedoch nicht als starre Fristen
A 1.5

12
Begriffsdefinition

A 1.4 Dom, Köln (D) 1248 / 1880, Gerhard von Rile /


Ernst Friedrich Zwirner, Karl Eduard Voigtel
A 1.5 Instandhaltungsfristen (Vorschlag)
A 1.6 rückgebauter Plattenbau, Leinefelde (D)
1961 / 2004, Stefan Forster Architekten
A 1.7 Umbau eines Kaufhauses, Eschweiler (D) 2006,
BeL Architekten
A 1.6
und Außentüren von innen.« [2] Unter Instand- Bei Instandsetzungsarbeiten entstehen zwangs- Gerade bei Teilsanierungen sollten die Zeit-
haltung versteht der Gesetzgeber ebendort: läufig Folgekosten, die die eigentlichen Repara- und Kostenpuffer höher als üblich angesetzt
»Instandhaltungskosten sind die Kosten, die turkosten deutlich übersteigen können – etwa und ein Budget für Kollateralschäden an
während der Nutzungsdauer zur Erhaltung des wenn bei der Suche nach einem Rohrbruch in- eigentlich nicht zu sanierenden Teilen einge-
bestimmungsmäßigen Gebrauchs aufgewendet takte Fliesen abgeschlagen werden müssen. In plant werden. Solche Schäden sind unver-
werden müssen, um die durch Abnutzung, diesem Fall stellt sich die Frage, ob man nicht meidlich und deren Beseitigung sollte unbüro-
Alterung und Witterungseinwirkung entstehen- gleich den Schritt zur Sanierung unternimmt, kratisch und schnell erfolgen können. Zu-
den baulichen oder sonstigen Mängel ord- d. h. die gesamten Bäder erneuert. Dann lassen dem sollte man den Bauherrn bei vermieteten
nungsgemäß zu beseitigen.« Eingeschlossen sich nämlich die Kosten, zumindest bei Miet- Objekten unbedingt auf die Gefahr von Miet-
werden Arbeiten, welche eigentlich schon wohnungen, teilweise auf die Mieter umlegen. verlusten hinweisen. Denn wenn die »Taug-
unter Instandsetzung fallen: »Die kleinen In- lichkeit der Mietsache zum vertragsgemäßen
standhaltungen umfassen nur das Beheben Sanierung Gebrauch« aufgehoben oder gemindert wird,
kleiner Schäden an den Installationsgegen- Sanierungsmaßnahmen umfassen im Gegen- erlaubt die deutsche Rechtsprechung Miet-
ständen für Elektrizität, Wasser und Gas, den satz zu Instandsetzungen auch intakte, aber minderungen von im Mittel 20 %. Dies ist be-
Heiz- und Kocheinrichtungen, den Fenster- beispielsweise unmoderne Bauteile bzw. reits der Fall, wenn die Wohnung aufgrund von
und Türverschlüssen sowie den Verschluss- Oberflächen. Anders als bei Umbauten schlie- Staubentwicklung nicht gelüftet werden kann
vorrichtungen von Fensterläden.« ßen sie jedoch keine wesentlichen Änderungen oder man im Büro aufgrund von Lärm nicht
Versäumte Instandhaltungen können gerade an Tragstruktur und Raumbildung ein. Sie sind telefonieren kann.
bei nicht einsehbaren Flächen wie z. B. Flach- also genau zwischen Instandsetzung und
dächern zu großen Schäden führen. Daher Umbau angesiedelt. Der Umfang von Sanie- »Normale« Sanierung
sollte der Planer dem Bauherrn eine Zusam- rungsmaßnahmen kann sehr unterschiedlich Übliche Sanierungen umfassen das gesamte
menstellung geeigneter Instandhaltungsar- sein. Gebäude oder zumindest einen schon im Be-
beiten einschließlich üblicher Intervalle und Ar- stand klar abgegrenzten, autonomen Gebäu-
beitsanweisungen an die Hand geben – eine Teilsanierung
nach HOAI zusätzlich zu vergütende Leistung. Teilsanierungen umfassen nur ein Bau- bzw.
Auch die verwendeten Baustoffe sollten aufge- Gebäudeteil, beispielsweise die Fassade, das
führt werden, denn mineralische Innenanstriche Erdgeschoss oder den Osttrakt. Sie zählen zu
machen beispielsweise nur dann Sinn, wenn den organisatorisch schwierigsten Aufgaben,
sie bei jeder Renovierung auch wieder minera- weil sie im laufenden Betrieb durchgeführt wer-
lisch ausgeführt werden. Eine typische Check- den. Konflikte mit den Nutzern sind vorpro-
liste mit regelmäßigen Fristen zur Überwa- grammiert, da sich Teilsanierungsaufgaben
chung und Sanierung zeigt Abb. A 1.5. nicht isoliert ausführen lassen; die technische
Infrastruktur erstreckt sich z. B. über das ge-
Reparatur / Instandsetzung samte Gebäude. Eine wirksame Strategie ist
Instandsetzung ist beschränkt auf den Aus- die frühzeitige und ausführliche Information
tausch bzw. die Reparatur von defekten Bau- über die geplanten Maßnahmen. Stemmarbei-
teilen. Instandsetzungsarbeiten fallen zwischen ten in bewohnten Gebäuden beispielsweise
den Grundsanierungsintervallen regelmäßig sind sehr lästig, insbesondere wenn sie mor-
an und obliegen meist der Hausverwaltung gens um sieben Uhr begonnen werden. Rück-
ohne Planungsunterstützung. Aus wirtschaft- sichtnahme durch vertraglich festgelegte Ar-
lichen Gründen sollte untersucht werden, ob beitszeiten sowie die Kommunikation über den
sich die Instandsetzung gleicher Bauteile häuft. Zeitraum der Baumaßnahmen schaffen hier
Ein einziger Wasserrohrbruch kann z. B. Zufall Abhilfe: Die Arbeiten bleiben lästig, aber die
sein, jährliche sind es sicher nicht. Im letzteren zeitliche Begrenzung steigert die Akzeptanz.
Fall ist ein Austausch aller Wasserleitungen Ähnliches gilt für das Aufstellen eines Gerüsts,
ab dem Keller anzuraten. Der Rohrbruch kann die Stilllegung von Infrastruktur (insbesondere
aber auch durch frühere Instandsetzungen des Fernsehens), Arbeiten an inneren und äu-
ausgelöst worden sein, wenn z. B. ein Eisen- ßeren Erschließungen sowie alle Arbeiten, die
rohrsystem partiell durch Kupferrohre ergänzt eine überdurchschnittliche Staub-, Lärm- oder
worden ist. Vibrationsentwicklung erwarten lassen.
A 1.7

13
Begriffsdefinition

A 1.8 Dachgeschossausbau, München (D) 2006,


Andreas Meck, Susanne Frank
A 1.9 Museum, Veenhuizen (NL) 2007,
Atelier Kempe Thill
A 1.10 Umbau des Alten Hofs, München (D) 2006,
Auer + Weber, Peter Kulka
A 1.11 Umbau einer ehemaligen Brikettfabrik zum
Wohnungsbau, Frechen (D) 2007, ASTOC
A 1.8
deteil. Die notwendigen Abbrucharbeiten er- Umbau sichtigung. Teilumbauten sind analog zu Teil-
strecken sich meist nur auf Oberflächen oder Umbauten greifen immer in die Struktur des sanierungen zu betrachten.
Vorarbeiten für die Ertüchtigung des Brand-, Gebäudes ein. Sie erweitern den Begriff der
Schall- oder Wärmeschutzes. Ergänzungen Sanierung um Eingriffe in die Statik und / oder Entkernung / Neubau mit Teilerhalt
und Änderungen der vorhandenen Infrastruktur das Raumgefüge. Daher ist es bei Umbauten Die Entkernung kommt einem Neubau sehr
sind üblich, deren vollständiger Austausch sel- unerlässlich, sich mit der vorhandenen Trag- nahe. Häufig handelt es sich um Maßnahmen –
tener. Sanierungszyklen für einzelne Bauteile struktur auseinanderzusetzen. Grundlegende aus einem umstrittenen Denkmalschutzver-
sind empirisch relativ gut ermittelt (siehe Sanie- Sanierungsmaßnahmen sind fast immer auch ständnis resultierend –, bei denen die Fassade
rungen planen, S. 23, Abb. B 1.2). Echte Sa- Umbauten, sodass sich viele Baumaßnahmen eines Altbaus erhalten, das Innere jedoch kom-
nierungen ohne Nutzungsänderung bedürfen am besten durch mehrere Begriffe beschreiben plett abgebrochen und neu errichtet wird.
keiner baurechtlichen Genehmigung und sind lassen, z. B. »Grundsanierung mit Umbauten«.
durch den Bestandsschutz abgesichert, wäh- Strukturelle Eingriffe bedürfen eines statischen Modernisierung
rend dieser bei Grundsanierungen oder Um- Nachweises, der auch die vorhandene Bau- Der Begriff der Modernisierung wird in erster
bauten meist erlischt. substanz einbeziehen muss. Dies macht früh- Linie im Mietrecht verwendet. Gemäß BGB
zeitige, oft zerstörende Untersuchungen über kann die Jahresmiete um 11 % der für die Mo-
Kernsanierung / Generalsanierung verwendete Baustoffe und Bauausführungen dernisierung aufgewendeten Kosten erhöht
Abbruchmaßnahmen bei Generalsanierungen unerlässlich, beispielsweise das Aufstemmen werden, wenn die Maßnahme entsprechend
sind sehr umfangreich. Sie führen das Gebäu- einer Betondecke zur Klärung von Lage und der gesetzlichen Vorgaben durchgeführt wurde
de quasi in einen Rohbauzustand zurück. Die Art der Bewehrung. Im Zuge von Umbauten (u. a. fristgerechte Vorankündigung, detaillierte
Primärkonstruktion bleibt größtenteils unverän- sind außerdem echte Entwurfsleistungen erfor- Beschreibung der geplanten Maßnahmen). Mo-
dert. Typische Maßnahmen sind der vollstän- derlich, da mit ihnen auch Änderungen der dernisierungen können Teilsanierungen sein,
dige Austausch der Infrastruktur sowie die Er- Raumkonstellation oder der Erschließungssys- z. B. die nachträgliche Wärmedämmung oder
tüchtigung aller Bauteile gemäß heutiger Ge- teme einhergehen. Dieser zusätzliche plane- der Austausch von Fenstern, aber auch Um-
setze und Standards. Aufgrund ihres Umfangs rische Aufwand findet in der deutschen Hono- bauten wie der nachträgliche Anbau von Bal-
sind Generalsanierungen sehr kostenintensiv, rarordnung als Umbauzuschlag seine Berück- konen. Sie dienen in jedem Fall der Verbesse-
insbesondere wenn zusätzlich notwendige
Schadstoffbeseitigungen anfallen. Im Gegen-
zug erhält man aber ein Gebäude, das in Aus-
stattung und Sicherheit einem Neubau sehr
nahekommt. Dies drückt sich auch dadurch
aus, dass mit der Fertigstellung de facto alle
Bauteile der Gewährleistung unterliegen, auch
im Hinblick auf heutige Normen und Gesetze.
Bei einfachen Sanierungen wird diese oftmals
nicht oder nicht im vollen Umfang gewährt, da
viele Bauteile im ursprünglichen Zustand ver-
bleiben. Bezüglich der Planung unterscheidet
sich eine Grundsanierung nicht wesentlich von
einem Neubau, auch weil viele Unwägbarkeiten
sozusagen abgebrochen werden. Eventuell
verbleiben unter wirtschaftlichen Aspekten
nicht zu beseitigende Schwächen des Roh-
baus, z. B. fehlende Horizontalsperren, über-
mäßige Deckenverformungen oder schalltech-
nische Schwächen durch geringe Flächenge-
wichte. Bei der Planung sollten auch die meist
deutlich außerhalb heutiger Normen liegenden
Ebenheitstoleranzen berücksichtigt werden,
welche erst seit 1969 durch die DIN 18 202,
Blatt 1 geregelt werden.
A 1.9

14
Begriffsdefinition

A 1.10
rung der Mietfläche durch gesteigerten Komfort Erweiterung / Anbau seur – bedürfen in bestimmten Fällen einer
oder Senkung der Betriebskosten. Folgende Unter Erweiterung versteht man einen Neubau, behördlichen Genehmigung, und zwar dann,
Maßnahmen gelten als Modernisierungen im welcher im direkten Nutzungszusammenhang wenn Unterschiede in Bezug auf Arbeitsschutz,
Sinne des deutschen Mietrechts: mit einem Altbau steht. Planerisch ist zu be- Emissionsschutz, Stellplatzverordnung o. Ä. be-
rücksichtigen, dass ein Umbau im Anschluss- stehen. Aus diesem Grund können auch Nut-
• Ertüchtigung des Wärme- und Schall- punkt an den Bestand meist unvermeidlich ist zungsintensivierungen genehmigungspflichtige
schutzes, auch im Innenbereich (z. B. und demnach statische Belange zu überprüfen Nutzungsänderungen darstellen, z. B. wenn die
zwischen Treppenhaus und Wohnung) sind. Häufige Mängel entstehen auch durch die bisherige Konzernzentrale als Büroetage an ein
• neue Sanitärausstattung unterschiedlichen Setzungen zwischen Alt- und Callcenter vermietet wird. Problematisch ist der
• Einbau einer Zentralheizung (statt Einzelöfen) Neubau insbesondere bei: damit einhergehende Verlust des Bestands-
oder einer zentralen Warmwassererzeugung schutzes. Dadurch kann eine Umnutzung weit-
(statt Einzelboilern) • unterschiedlicher Höhenlage der Fundament- reichende Konsequenzen nach sich ziehen,
• Ergänzung von Elektroinstallationen, auch sohlen denn in einem solchen Fall sind womöglich die
Kabelfernsehanschluss oder der Einbau • Fundamentierung des Neubaus im Bereich gegenwärtigen baurechtlichen Vorschriften
einer Gegensprechanlage der ehemaligen Baugrube einzuhalten, die der Bestand nicht erfüllt. Diese
• Errichtung von Balkonen oder Wintergärten • Fundamentierung in unterschiedlichen Gesetzeslage wird vielfach kritisiert, da sie der
• Einbau eines Aufzugs Bodenklassen langfristigen Nutzung von Gebäuden entge-
• Aufstockungen von Teilbereichen des Alt- gensteht und damit ökonomisch und ökolo-
Schadstoffsanierung baus (nachträgliche Setzungen) gisch fragwürdig ist.
Unter Schadstoffsanierung versteht man die • Wasserhaltungsmaßnahmen für den Neubau
fachgerechte Entfernung und Entsorgung von wie Grundwasserabsenkung Anmerkungen:
Schadstoffen aus Gebäuden. Die Luftbelas-
[1] Charta von Venedig, 1964
tung in Innenräumen durch Schadstoffe ist Ausbau
[2] Zweite Berechnungsverordnung, § 28
seit Ende der 1970er-Jahre durch PCP-basierte Als Ausbau bezeichnet man sämtliche Arbeiten
Holzschutzmittel und Asbestfasern ein Sanie- nach der Errichtung des Rohbaus einschließ-
rungsthema. Inzwischen ist die Gefährlichkeit lich Dachstuhl und Dachdeckung. Eine typi-
vieler weiterer Stoffe bekannt geworden; deren sche Maßnahme ist der Dachgeschossausbau,
Sanierungsmöglichkeiten werden im Kapitel d. h. der Ausbau eines ursprünglich nicht ge-
Schadstoffe behandelt (siehe Seite 102ff.). nutzten Dachraums. Dabei auftretende bau-
Je nach Gebäudenutzung existieren verschie- konstruktive Probleme sind in den Kapiteln All-
dene Verordnungen einschließlich unter- gemeine Sanierungsaufgaben und Gründer-
schiedlicher Grenzwerte: Die »maximale Ar- zeitbauten beschrieben (siehe S. 127f. und
beitsplatzkonzentration« (MAK) etwa wird bei S. 153). Hinzu kommt der Verlust des Bestands-
Gewerbenutzungen angewendet, die Richt- schutzes, was die baurechtliche Genehmigung
werte I und II des »Sachverständigenrats für insbesondere in den Bereichen Brandschutz,
Umweltfragen« (SRU) gelten dagegen bei Fluchtwege, Abstandsflächen und Stellplatz-
Wohnungen und öffentlichen Gebäuden. Soll- verordnung erschwert. Weitere Probleme erge-
ten die bei Raumluftmessungen festgestellten ben sich aus der Durchführung im laufenden
Werte die vorgeschriebenen Grenzwerte über- Betrieb (siehe Teilsanierung, S. 13). Ausbauten
schreiten, muss eine Schadstoffsanierung sind daher planerisch sehr anspruchsvoll und
durchgeführt werden, welche im Zuge der sollten entsprechend honoriert werden.
Bauarbeiten oder davor stattfinden kann. Für
den Bauherrn bedeuten solche Sanierungen Umnutzung
oft erhebliche Bauzeitverlängerungen und Änderungen der Nutzung unterliegen dem
Kostenerhöhungen. Eine frühzeitige Messung Baurecht. Dies betrifft in erster Linie eindeutige
ist also bei vermuteten Belastungen dringend Änderungen – wie die Umnutzung eines Wohn-
anzuraten. Bei Gebäuden, die zwischen 1960 gebäudes in ein Bürogebäude –, auch wenn
und 1990 errichtet oder saniert wurden, ist die es sich nur um eine Teileinheit handelt. Aber
Wahrscheinlichkeit einer Schadstoffbelastung auch »leichte« Änderungen innerhalb einer
relativ hoch. Nutzungsgruppe – z. B. vom Bäcker zum Fri-
A 1.11

15
Weiterbauen – Gedanken
zum Bauen mit Bestand

Georg Giebeler, Petra Kahlfeldt

A 2.1
Gebäudesanierungen bedeuten immer auch Fassade mit außenbündigen Fenstern. Zudem
Anpassungen an aktuelle Standards, ob in werden durch die Dämmung der Laibungen
Hinblick auf geänderte Nutzeransprüche oder die Fensteröffnungen kleiner, d. h. die Propor-
an neue technische Vorschriften. Die hierfür tionen zwischen Fenster und Wand verändern
notwendigen Baumaßnahmen erfordern Kennt- sich. Auch verkleinert die auf die Außenwand
nisse sowohl über aktuelle Bautechniken als aufgetragene Wärmedämmung vorhandene
auch über historische Bauweisen. Aufbauend Dachvorsprünge oder lässt sie sogar vollstän-
auf dem Verstehen und Bewerten historischer dig verschwinden. Ebenso werden die für
Konstruktionen ist diese Aufgabe technisch lös- die Gliederung der Fassade entscheidenden,
bar. Der Schwerpunkt scheint dabei in erster geringfügig vorspringenden Bauteile wie Tür-
Linie auf den technischen und nicht auf den gewände aus Werkstein oder Putzfaschen
gestalterischen Komponente zu liegen, woraus nivelliert. Aus Kostengründen werden hand-
man schließen könnte, dass Sanierungen und werklich aufwendige Verfahren wie steinmetz-
Umbauten eine reine Ingenieursleistung seien. mäßig behandelte Sockel mit neuen Putzstruk-
Diese weitverbreitete Meinung resultiert mög- turen überdeckt und die bei Putzfassaden der
licherweise daraus, dass vordergründig ein we- Nachkriegszeit üblichen schmalen Fenster-
sentlicher Teil der Gestaltung schon vollbracht faschen beim Aufbringen des neuen Putzes
ist: Das Volumen ist weitgehend festgelegt, die einfach vergessen. Selbst die Oberfläche vor-
Struktur des Gebäudes wird durch die Trag- handener Putzfassaden verschwindet mit der
glieder vorgegeben und selbst das Erschei- Sanierung, denn statt alter Putztechniken wie
nungsbild scheint – insbesondere bei Massiv- Spritzputz oder Kratzputz werden aus Mangel
bauten – bereits fixiert zu sein. Die Aufgabe an erfahrenen Handwerkern nur mehr Reibe-
des Planers lässt sich somit scheinbar auf die putze angeboten.
Lösung der rein technischen Probleme des Alt- Ebenso führt der fast immer kommentarlos
baus wie mangelhaften Wärme- oder Schall- hingenommene und technisch notwendige
schutz reduzieren, wobei die Gestaltung keine Austausch von Fenstern fast zwangsläufig
Rolle spielt. Verstärkt wird diese Sichtweise zu breiteren Fensterprofilen, und das grünlich
durch die langjährige Praxis der Denkmalpfle- spiegelnde Floatglas als Ersatz des dünnen
ge: Das auszuführende Detail, die anzuwen- und welligen Gussglases wirkt besonders
dende Technik und die zu wählende Oberflä- dann erschreckend unpassend, wenn man
che werden dabei nicht selten von einem Kunst- die alte mit der neuen Ansicht vergleicht.
historiker vorgegeben. Dieser ist zwar ein auf Auch die Neueindeckung eines Steildachs
diesem Gebiet wissenschaftlich ausgebildeter mit breiten Betonformsteinen kann einen
Fachmann, vermeidet jedoch schon aus sei- Giebel verunstalten, verliert er doch seinen
nem Selbstverständnis heraus jede eigene Ge- zarten oberen Abschluss durch eingemör-
staltung. telte Dachziegel zugunsten plumper Ort-
Dabei beinhalten bereits einfache Sanierungen gangsteine.
auch eine mindestens gleichwertige gestalte- Als weiteres Beispiel sei der Umgang mit Sicht-
rische Aufgabe. Schon sehr kleine Maßnahmen mauerwerk in Nordeuropa genannt: Hier lässt
und Eingriffe können eine wesentliche Verän- das preiswerte Wärmedämmverbundsystem
derung des Bestands – meist einhergehend die prägenden Ziegelfassaden aus dem Stadt-
mit einer Beeinträchtigung des Erscheinungs- bild mehr und mehr verschwinden. Aber selbst
bilds – bewirken, wie die folgenden Beispiele wenn man stattdessen die teure mehrschalige
zeigen. Lösung mit neuem Klinkermauerwerk wählt,
Das heute übliche Aufbringen einer nachträg- wird man die Farbvielfalt, die Ungenauigkeiten
A 2.1 Rathaus (Erweiterung), Göteborg (S) 1937, lichen Außendämmung führt meist zu deutlich und damit die Lebendigkeit der alten Fassade
Gunnar Asplund tieferen äußeren Fensterlaibungen mit dem ein- nie erreichen können.
A 2.2 Fondazione Querini Stampalia, Venedig (I) 1963,
Carlo Scarpa
hergehenden unbefriedigenden Ergebnis von Im Innenraum verändern die aus Schall- oder
A 2.3 Römisches Theater (Umbau), Sagunto (E) 1994, »Fensterlöchern«. Noch verfälschender ist Brandschutzgründen notwendigen Unterde-
Giorgio Grassi diese Maßnahme bei einer ehemals glatten cken nicht nur die Raumproportionen, sondern

16
Weiterbauen – Gedanken zum Bauen mit Bestand

A 2.2
verdecken alte Hohlkehlen zwischen Wand und Vertikalschächte für Elektro- oder Brandschutz- nungsaufgaben scheint im Umbruch zu sein
Decke oder sogar den Deckenstuck – ganz ab- installationen unwiederbringlich zerstört. oder sich schon gewandelt zu haben. Rekon-
gesehen davon, dass der Unterschied zwi- Diese Beispiele ließen sich noch weiter fortfüh- struierendes Anpassen oder kontrastierendes
schen dem handwerklichen Altputz der Wände ren, und immer erscheinen die Sanierungsmaß- Neues – diese zwei Haltungen standen sich bis
und der toleranzfreien Glätte der Gipskarton- nahmen als unvermeidlich. Tatsächlich sind vor Kurzem noch unversöhnlich gegenüber.
decke selbst dem Laien unangenehm auffällt. viele der beschriebenen Baumaßnahmen un- Inzwischen hat sich aus den Erfahrungen mit
Auch die Verbesserung des Trittschallschutzes umgänglich, um den Schall-, Wärme- oder einer Vielzahl an mit vorhandener Bausubstanz
bedingt formale Veränderungen wie das Ver- Brandschutz an die Gesetzeslage anzupassen. arbeitenden Planungsaufgaben – gerade auch
decken der genagelten Dielenböden ein- Aber das Ergebnis ist ein anderes, wenn die außerhalb der Denkmalpflege – ein neuer An-
schließlich der üblichen hohen, lackierten und Planung nach architektonischen Grundsätzen – satz entwickelt, der die Einheit des Gebäudes
profilierten Sockelleisten, welche aus Kosten- also mit konzeptionell, formal, technisch ganz- in den Vordergrund stellt – nicht mehr Alt oder
gründen gern durch einfache Holzleisten er- heitlicher Sichtweise – durchgeführt wird, statt Neu als Gegensatz, sondern Alt und Neu als
setzt werden. Vorhandene Rahmenfüllungs- die Planung ausschließlich nach der techni- harmonisches Ganzes (Abb. A 2.1). Dieser
türen wirken nach der Sanierung aufgrund von schen und ökonomischen Machbarkeit aus- Gedanke zum »Bauen im Bestand« soll in den
Kürzungen für den neuen Bodenaufbau häufig zurichten. beiden folgenden Statements vertieft werden.
unproportioniert. Auch rein technische Anpas- Handelt es sich bei obigen Maßnahmen eher
sungen hinterlassen in alten Gebäuden ein oft- um übliche Aufgaben der Sanierung, so gilt Weiterbauen? Weiterbauen!
mals seltsam verfremdetes Gesamtbild. So wir- das Gesagte umso mehr für weitergehende Bauen, gleich ob Neubau oder Umbau, bedeu-
ken einfache Blechheizkörper im Gegensatz zu Eingriffe in den Bestand wie Kernsanierungen, tet immer Weiterbauen – Weiterbauen an einem
den wuchtigen Radiatoren des Bestands in Umbauten und Erweiterungen – also schwie- bestimmten Ort, einem Haus, einer Straße,
alter Umgebung banal, und Treppenhaus- rige architektonische Aufgaben, die eine Syn- einem Quartier, einer Stadt, einer Landschaft.
wandsockel aus Fliesen oder besonderen Be- these von Gestaltung und Technik erfordern. Stets geht es um die Auseinandersetzung mit
schichtungen werden beim Schlitzen neuer Die Entwurfshaltung bezüglich derartiger Pla- Vorgefundenem. Kein Ort ist unbesetzt oder
unbeschrieben. Unser Lebensraum ist ein Kul-
turraum voller sichtbarer und unsichtbarer, in
jedem Fall aber aufzuspürender Bezüge, d. h.
geschichtlicher, geistig-kultureller, räumlicher,
sozialer und emotionaler, funktionaler und phy-
sischer Spuren. Diese liegen entweder offen
zutage oder können lesbar gemacht werden.
Bauen heißt leben. Deshalb gründet Architektur
auf Dauerhaftigkeit und Kontinuität. Die Aus-
einandersetzung mit der eigenen Sozial- und
Architekturgeschichte ist somit wesentliche
Voraussetzung für alles Neue. Jedes architek-
tonische Projekt baut ideell und materiell auf
dem Vorgefundenen und seiner komplexen
Vorgeschichte auf (Abb. A 2.2 und 3). Somit
kommt jeder Veränderung eine Bedeutung
und Verantwortung zu, die weit über den indi-
viduellen Entwurf des Architekten hinausgeht.
Das architektonische Thema des Weiterbauens
ist so alt wie die Architektur selbst. Am Anfang
steht die existentielle Frage »Wie bauen?« –
eine einfache Laubhütte, ein Haus zwischen
Bäumen oder ein Vogelnest? Darauf folgt ir-
gendwann die Frage »Wie weiterbauen?« Was
tun, wenn Hütte, Haus oder Nest sich verän-
derten Nutzungsansprüchen oder ganz ande-
ren Anforderungen stellen sollen?
A 2.3

17
Weiterbauen – Gedanken zum Bauen mit Bestand

a b A 2.4
Weiterbauen erfordert stets ein sensibles Ab- tät, Authentizität und Ablesbarkeit des Baus schen schamlos banalen Äußerungen und
wägen zwischen Bewahren und Erneuern. Von erhalten; für viele Architekten ist es ein dankbar überambitionierten gestalterischen Mätzchen.
Architekten wird hierbei Interesse, Wissen, Ein- angenommenes Argument, um dem eigenen Notwendiges planen, Überflüssiges lassen und
fühlungsvermögen und auferlegte Einschrän- künstlerisch-individuellen Gestaltungswillen, sich als Architekt den Häusern und ihren Be-
kung erwartet. Schließlich geht es zunächst der sich zwingend vom anonymen historischen wohnern zuwenden«. [1]
darum, sich auf die konstruktive Sprache und Architektenkollegen abzugrenzen hat, Raum zu Nur so kann die bildliche Metapher der Verei-
räumliche Lektüre des Bestands einzulassen. geben. nigung als eine Transformation aus Bewahren
Ferner ist eine Entwurfshaltung gefordert, die Dieses Trennen, Fragmentieren, in Schichten und Erneuern entstehen, ohne dass sein Ur-
die gestellte Aufgabe zwischen Bewahren und zerlegen, dem Älteren klar ablesbar Neues hin- sprung verändert wird oder gänzlich verschwin-
Erneuern angemessen löst. zuzufügen ist weitverbreitete Praxis. Ein auf det. In einem Entwurfskonzept des »Neuen
Doch was ist angemessen? Es kann nicht nur dieser Grundlage basierender Umbau erfordert Ganzen« wird das Alte nicht inszeniert, um als
darum gehen, im Entwurf die funktional tech- verständlicherweise große Eingriffe in den Be- Bühne für das Neue zu dienen. Es ist die Su-
nische Fragestellung nach der Verbindung von stand, um die bildlich, materiell und auch kon- che nach einer gestalterischen Kohärenz, die
Altem und Neuem zu beantworten. Die archi- struktiv kontrastierende Zutat etablieren zu kön- den Bestand und den Neueingriff gleichrangig
tektonisch-räumliche Aufgabe verlangt die Um- nen. Das Ergebnis wirkt allerdings inhomogen zu einer architektonischen Gesamtform bringt,
wandlung von bestehenden Gebäuden, d. h. und unharmonisch. jenseits der schier unüberwindbaren Katego-
komponierend-entwerfendes Handeln. Darun- Grundlage für die Debatten, die nicht nur in rien Neu und Alt, ohne dass dabei die Viel-
ter ist eine Arbeit »mit den innerlich lebenden der Fachwelt der Architekten um das gelun- schichtigkeit und Vieldeutigkeit in der Bewälti-
Formen zu verstehen, um eine Interpretation, gene oder weniger gelungene Weiterbauen gung der Bauaufgabe verloren geht. Das als
einen feinsinnigen, gleichzeitig technischen geführt werden, können nur architektonische transformiertes Ganzes zu sehende Neue trägt
und literarischen Akt der schöpferischen Kom- Kriterien selbst sein. Das Bild einer erkenn- von beidem etwas in sich, ohne dass es als
position, zu erreichen« – so jedenfalls sieht es baren und Identität stiftenden Stadt, einer separate Schicht ablesbar ist: ein kontinuier-
der italienische Architekt Francesco Collotti. Straße oder eines Quartiers als einer kulturellen liches, homogenes Ganzes. [2]
Das Spannungsfeld, in dem sich Architekten Gemeinschaft von Häusern und Räumen ent-
bewegen, ist schnell umrissen: auf der einen steht als ein im Ganzen Gedachtes, das das Bauen im Bestand? Bauen mit Bestand!
Seite das Bestandsgebäude mit seiner durch Vorhandene selbstverständlich einbezieht und Doch könnte man Weiterbauen auch in anderer
Konstruktion und Material geschaffenen Raum- akzeptiert. Weise missverstehen: als kritikloses Weiterbau-
idee und auf der anderen Seite die als notwen- Mittlerweile haben sich ungeachtet aller Sepa- en einer längst vergangenen Epoche, als Re-
dig erscheinende Zutat, die sich aus geän- rierungsbestrebungen ein Verständnis und eine trowelle, die nach den Designabteilungen der
derten Ansprüchen oder aus einer veränderten Praxis beim Weiterbauen herausgebildet, die Auto- und Möbelhersteller auch das Bauge-
Nutzung des Gebäudes ergibt. nicht das Zelebrieren von Zeitschichten in den schehen überrollt. Die Kopie des Gestrigen –
In konsequenter Weiterentwicklung des Vordergrund stellen, sondern die architekto- scheinbar legitimiert durch den Wiederaufbau
Schlagworts aus der Grundsatzdebatte um nische Einheit des Gebäudes hervorheben. Ist der Dresdener Frauenkirche – ist neben die-
1900 »Konservieren statt Restaurieren« hat nicht die zeitüberschreitende Verbindung, die sem verständlichen Akt der Rekonstruktion lei-
sich in der zeitgenössischen Denkmalpflege das Heute und das baulich aus einer Vergan- der auch der Startpunkt für architektonische
die Haltung durchgesetzt, dass die unter- genheit Verbliebene zusammenzubringt, eine Monstrositäten wie die Braunschweiger
schiedlichen Zeitschichten der baulichen Maß- gute Veranschaulichung von Tradition? Im Be- Schlossarkaden und für all die vielen kleinen,
nahmen an einem Gebäude klar erkennbar und wusstsein eines kontinuierlichen kulturellen scheinbar banalen Beispiele in der Tradition
ohne Zweifel ablesbar sein müssen, dass das Erbes und Bezug nehmend auf architektoni- des Bauhauses oder anderer positiv vermarkt-
Neue vom Alten konsequent getrennt aufzutre- sche Traditionen geht es bei der Entwurfsauf- barer Epochen.
ten hat. Diese Vorstellung von einem »dualen« gabe »Bauen im Bestand« doch explizit um die Dabei ist »historische Architektur« eben histo-
System – hier das Alte, dort das Neue – ist für Einladung zu einem Neben- und Miteinander, risch und kann nicht »heutig« sein. Ein grün-
das Bauen im Bestand, ob Denkmal oder nicht, einer auch ästhetisch und bildlich einfühlsamen derzeitliches Haus »originalgetreu« wiederher-
zur allgemeinen Leitlinie geworden. Korrespondenz, um die Suche nach einer ko- zustellen muss genauso scheitern wie der
Propagiert von Denkmalpflegern und Archi- härenten, inhaltlich zusammenhängenden Ent- Umbau in einen Glaspalast. Dem stehen meh-
tekten macht dieses kategorische Separieren wurfshaltung. Miroslav Sik, ein für die qualität- rere unüberwindbare Hindernisse im Weg:
von Alt und Neu bis heute Schule – wenn auch volle Weiterentwicklung der historisch gewach-
aus ganz unterschiedlichen Intentionen. Für senen europäischen Stadt ausgezeichneter • andere politische und soziale Bedingungen
die Denkmalpflege, die sich auf wissenschaft- Schweizer Architekt, sieht die Suche nach einer • anderes Umfeld – architektonisch und
liche Erkenntnisse beruft, bleibt so die Integri- kohärenten Entwurfshaltung als »die Mitte zwi- städtebaulich

18
Weiterbauen – Gedanken zum Bauen mit Bestand

A 2.4 Archivräume im Dachgeschoss, Geistliches Haus,


Mariazell (A) 2001, Feyferlik / Fritzer
A 2.5 Sanierung Liturgiebereich und Einbau Orgel,
Basilika, Mariazell (A) 2000, Feyferlik / Fritzer
A 2.5
• andere Gesetze und Vorschriften schen dem womöglich längst verschiedenen reichend ist und sie – vorsichtig geworden
• andere Handwerkstechniken Architekten des Bestands und jenem des durch ständige Mängelanzeigen – nicht mehr
• anderer Stand der Technik Neuen. Diese Partnerschaft besteht faktisch je- handwerklich arbeiten.
• der Planer ist nicht »historisch«, folglich doch nur in einer – quasi schizophrenen – Per- Weiterbauen oder Bauen mit dem Bestand
kann er nicht im Sinne der Historie bauen son, der des beauftragten Architekten. Damit heißt: den Bestand anzuerkennen und sich
die Partnerschaft trotz unterschiedlicher Vo- in ihn hineinzudenken, seine Struktur und seine
Aus diesen Gründen muss die dogmatische raussetzungen gelingt, kann sich der heutige Haltung zu erkennen und zu bewerten – und
Spielart des kopierenden Historismus schei- Planer auf eine gemeinsame Erfahrung beru- erst dann eine eigene Haltung zu entwickeln,
tern. Aber wo liegt die oben beschriebene fen, die für historische Architekten genauso welche auf den Bestand reagiert. Die eigene
Mitte, das »versöhnliche Neben- und Miteinan- Gültigkeit hatte wie für die heutigen: Alles muss Haltung ist dabei immer auf die Gegenwart
der«? Es beginnt dort, wo man Weiterbauen möglichst preiswert, pünktlich und mängelfrei bezogen: heutige politische und soziale Um-
nicht mehr als Bauen »im« Bestand begreift, hergestellt werden. Historische Konstruktionen stände, heutige Kosten, heutige Konstruk-
also als etwas Neues »in« einem Vorhandenen, und die daraus resultierende Gestalt sind meis- tionen. Also ist es nicht verwerflich, sondern
sondern als Bauen »mit« Bestand, also das Zu- tens Ausdruck dieser Problemstellung und schlüssig, sie auch nach heutigen Maßstäben
sammenführen des Vorhandenen mit dem nicht etwa – wie von Denkmalpflegern oft be- zu gestalten – nicht um zwanghaft einen Kon-
Neuen zu einem ganzheitlichen Neuen, wie es hauptet und von Retrodesignern dankend auf- trast herzustellen, auch nicht um das Neue
beispielsweise den Architekten Feyferlik / Fritzer gegriffen – autonomer künstlerischer Ausdruck. ablesbar zu machen, wie es genauso oft wie
mit den Neu- und Umbauten für den Wallfahrts- Die Zartheit eines Sprossenkastenfensters ist falsch gefordert wird. Warum sollte etwas
ort Mariazell gelungen ist (Abb. A 2.4 und 5). nicht Gestaltung, sondern eine gut funktionie- separiert werden, was doch ein Ganzes, eben
Das Verwenden des Vorhandenen setzt aber rende, preiswerte Konstruktion, die aber den »ein« Gebäude sein will und nicht eine didak-
auch das Verstehen des Vorhandenen in seiner heutigen Anforderungen leider nicht mehr ge- tische 1:1- Ausstellung verschiedener Architek-
Gesamtheit voraus. Nur so kann es gelingen, nügt. Wenn Weiterbauen bedeutet, eine zeitge- turen. Gefordert wird nur zu Recht, dass es
statt einzelner Vor- und Nachteile das gesamte mäße Lösung zu finden, welche in ein Gesamt- sich um »gute« Architektur, also ein konzep-
Gebäude zu begreifen. Weiterbauen be- konzept passt, kann dies weder die sprossen- tionell schlüssiges, funktionierendes Ganzes
schränkt sich dabei nicht auf das Verstehen lose Aluminiumfestverglasung noch die »Sieht- handelt.
der technischen Besonderheiten, sondern viel- von-Weitem-fast-so-aus-wie-Konstruktion« sein. Im Weiterbauen taugt die Ausschließlichkeit
mehr darauf, die ursprüngliche Konzeption zu Es ist das Fenster, welches der Architekt des von Kontrast oder Anpassung also nicht als
entdecken und sie im Planungsprozess vom Bestands gebaut hätte, wenn er denn die heu- Entwurfsansatz. Beides geht auf in der »ver-
Zwang des Faktischen und Geschmäckle- tigen technischen Möglichkeiten und densel- ständnisvollen, gleichberechtigten Arbeitsge-
rischem zu befreien, also historisch Konzept- ben Betrachtungsabstand zu seiner eigenen meinschaft«; das bedeutet Respekt des heu-
ionelles zu trennen von damals Notwendigem, Epoche gehabt hätte. Empathie in den Erschaf- tigen Planers gegenüber der Arbeit des histo-
Vorgeschriebenem, technisch Beschränktem fer des Vorhandenen ist nicht außerhalb des rischen Architekten, aber auch dessen post-
oder zeittypisch Modischem. Anders als ein eigenen Erlebens möglich, was eine kritiklose humes Einverständnis zum Weiterbauen nach
Neubau, der sich einer Haltung – auch »Stil« Übernahme jedweden historischen Konzepts heutigen Grundsätzen.
genannt – anpassen lässt, wird dies ein beste- von vorneherein ausschließt.
hendes Gebäude nicht zulassen. Der Bestand Empathie im Weiterbauen bedeutet: Wie hätte
lässt sich nicht nachträglich in eine Haltung der historische Architekt das Detail gelöst?
pressen. Man kann Umbauten nicht erzwingen. Mit welchen Konstruktionen würde er die EnEV
Sieht man als Planer nur die Nachteile des umsetzen, wie die Rosenheimer Fensterbau-
bestehenden Gebäudes, wird man kaum zu richtlinien einhalten oder umgehen? Die Pla-
befriedigenden Ergebnissen gelangen. Weiter- nung des Weiterbauens mit den dafür not-
bauen bedeutet, sich mit den Rosinen aus wendigen Neu- und Umbauten setzt heutige
dem Kuchen einen eigenen Kuchen zu ba- Konstruktionen und heutige Handwerkstech-
cken, im Bestand das Positive zu entdecken niken voraus, die von sich aus schon ganz
und das Negative auszublenden, den Bestand andere Gestaltungen implizieren. Die Struktur
zu lieben. und Welligkeit einer Putzfassade aus dem Anmerkungen:
Das Vorhandene verstehen, lieben zu lernen 19. Jahrhunderts ist – als preiswerte, mängel-
[1] in seiner Rede anlässlich der Verleihung der Hein-
und mit dem Neuen zu einem Gesamten zu for- freie Konstruktion – nicht mehr zu imitieren, da rich-Tessenow-Medaille im Jahr 2005
men, könnte man mit einer »Arbeitsgemein- heutige Mauersteine viel zu genau sind, die Er- [2] Dieser Abschnitt stammt von Petra Kahlfeldt, Archi-
schaft« vergleichen: die Partnerschaft zwi- fahrung der Handwerker mit Kalkputzen unzu- tektin in Berlin.

19
Teil B Grundlagen

1 Sanierungen planen 22 4 Denkmalpflege 72


Analyse 22 Geschichtliche Entwicklung seit Beginn
Bewertung 24 der Neuzeit 72
Planungsprozess 24 Heutiges Begriffsverständnis 77
Abbruch 29 Denkmalschutz 77
Nach dem Umbau ist vor dem Umbau 31 Organisationen und Verbände 79
Internationale Abkommen 80
2 Bauphysik 32 Baupraktische Denkmalpflege 81
Energieeffizienz, Wärme- und
Feuchteschutz 32 5 Baustoffe in Sanierungsprojekten 86
Wärmeschutz und Behaglichkeit 33 Tragkonstruktion 86
Bestandsaufnahme 34 Holz 86
Sanierungsmaßnahmen 36 Eisen und Stahl 88
Schallschutz 42 Stahlbeton 88
Wesentliche Kenngrößen des Schall- Mauerwerk 89
schutzes und Anforderungswerte 43 Gebäudehülle 90
Vorgehen im Sanierungsfall 44 Flachdach 90
Schalltechnische Schwachstellen Dachsteine und -ziegel 91
bei Bestandsbauten und deren Metalldeckungen 91
Beseitigung 45 Holz und Holzwerkstoffe 92
Brandschutz 48 Fenster und Türen 93
Brandschutzertüchtigung von Naturwerkstein 94
Bestandswänden 49 Außenputz 95
Brandschutzertüchtigung von Anstriche und Beschichtungen 96
Bestandsdecken 49 Dämmstoffe 99
Ertüchtigung von Stützen und Trägern 51 Ausbau 100
Innenputz und Gipsbaustoffe 100
3 Technische Gebäudeausstattung 52 Holzböden 100
Bestandsaufnahme 52 Estrich und Terrazzo 101
Bewertungskatalog 52
Haustechnik und Denkmalschutz 54 6 Gefahrstoffe im Bestand 102
Wasserversorgung 54 Definition, Deklaration und Umgang
Wasserentsorgung 57 mit Gefahrstoffen 103
Warmwasserheizungssysteme 59 Bedeutung der Gefahrstoffkontamination
Wärmeerzeuger 61 im Bestand 105
Warmwasserbereitung 62 Bewertungsziele bei Gefahrstoff-
Gebäudekühlung 65 kontaminationen im Bestand 106
Lüftung 67 Notwendige Arbeiten und Ablauf der
Elektroinstallation 68 Sanierungsplanung 108
Blitzschutz 70 Beschreibung der häufigsten
Vorfertigung von Ver- und Entsorgungs- Gefahrstoffe im Gebäudebestand 110
systemen 71

Abb. B SUVA-Gebäude, sanierte Gebäudehülle,


Basel (CH) 1993, Herzog & de Meuron

21
Sanierungen planen

Georg Giebeler

B 1.1
Die Planung von Umbauten unterscheidet Archive
sich grundsätzlich von der Neubauplanung. Der erste Schritt sollte immer das Recherchie-
So ist beispielsweise der gesamte Planungs- ren von alten Unterlagen darstellen. Pläne
prozess von Neubauten bis zum Baubeginn und Berechnungen geben einen Überblick
abstrakt: Besprechungen mit Bauherren und über den damaligen Planungs- und Baupro-
Fachplanern lassen sich durch Teilziele struk- zess und dienen so als Grundlage für weiter-
turieren, äußere Bindungen bestehen nur auf- führende oder kontrollierende Untersuchungen.
grund gesetzlicher Bestimmungen. Der Bau- Mögliche Quellen sind der Bauherr, der Vor-
herr kann klare Zielsetzungen in Bezug auf besitzer, die damals beauftragten Architekten
Baukosten, Fertigstellungstermin und seine und Tragwerksplaner sowie das Archiv des
funktionalen Bedürfnisse vorgeben, manchmal Bauamts.
sogar hinsichtlich seiner ästhetischen Vor-
lieben. Bauforschung
Der Ausgangspunkt eines Umbaus ist da- Bauforschung bedeutet die ausführliche histo-
gegen ein bestehendes Gebäude, was die rische Analyse des Bestands mit dem Ziel, die
Situation entscheidend verändert. Die Planung Geschichte und die damalige Planung des Ge-
verlässt die abstrakte Ebene schon zu Beginn bäudes nachvollziehen zu können. Die Grund-
und taucht ein in die Probleme des Vorhan- lage bilden aus verschiedenen Quellen zusam-
denen. Die Anforderungen des Bauherrn hin- mengetragenes Archivmaterial und stichpro-
gegen bleiben gleich: Kosten- und Termin- benartige Bauteiluntersuchungen. Auf diese
sicherheit, funktionale Notwendigkeiten und Weise können verschienene Bauabschnitte,
formale Wünsche. Die Vorgehensweise bei spätere An- und Umbauten, alte und erst kürz-
der Umbauplanung muss diesen Zwiespalt lich vorgenommene Sanierungen oder Ober-
berücksichtigen, um ein befriedigendes Er- flächenerneuerungen erkannt und dokumentiert
gebnis zu erzielen. werden. Hilfreich für die Planung ist die Kennt-
nis der angewendeten Bautechniken für mög-
Analyse liche Rückschlüsse auf deren typische Stärken
Am Beginn des Planungsprozesses steht die und Schwächen, aber auch der Hinweis auf
Analyse des Bestands, die vielfach planungs- konstruktive Schwachstellen wie z. B. nicht
und baubegleitend fortgeführt wird. Je umfang- sichtbare Fugen zwischen Erstbauwerk und
reicher die Untersuchungen sind, umso größer Anbau.
wird die Planungs- und damit auch die Kosten- Der große Aufwand solcher Forschungen lässt
und Terminsicherheit. Schon aus Honorargrün- sich jedoch nur bei historisch wertvollen Ge-
den wird der Architekt jedoch nie eine vollstän- bäuden realisieren. Die Arbeitsweise ist jedoch
dige Analyse durchführen können. Wichtig ist ohne Weiteres auch auf einfache Planungsauf-
also die Auswahl der kritischen Stellen. So wird gaben übertragbar.
man bei Holzbalkendecken zur Überprüfung
der Gebrauchsfähigkeit immer die Auflager un- Aufmaß und Bestandsplan
tersuchen, nicht jedoch ganze Untersichten Das Aufmessen von Bauten oder Bauteilen be-
entfernen. gleitet die Umbaumaßnahmen in allen Leis-
Neben der Kenntnis von zeittypischen Män- tungsphasen. Auch hier müssen die Unter-
geln und eigener Erfahrung hilft auch gesunder schiede zu Neubauten berücksichtigt werden.
Menschenverstand: Ein Großteil der Schäden Die Ungenauigkeiten des Altbaus führen immer
entsteht durch alle Formen von Wasser. Es gilt wieder zu Widersprüchen mit der darauf auf-
also vor allem jene Bauteile zu untersuchen, bauenden Planung. Es gilt also, das Aufmaß zu
die eventuell durch Niederschlag, Spritz- interpretieren, d. h. bewusst andere Maße zu
B 1.1 Umbau einer Industriehalle zum Bürogebäude, wasser, Wasser im Erdreich, Wasserdampf zeichnen als die vor Ort gemessenen, um ein
Köln (D) 2001, 4000architekten
B 1.2 Lebensdauer verschiedener Bauteile
(organischer Befall, Fäule) oder Wasserlei- stimmiges Gesamtbild zu erzielen. Abwei-
B 1.3 Bestandsstruktur von Wohngebäuden in Deutsch- tungen in Mitleidenschaft gezogen worden chungen vom rechten Winkel von wenigen
land sein könnten. Grad spielen z. B. in der Umbauplanung meist

22
Sanierungen planen

Bauteil Lebensdauer Bauzeit Einfamilien- Mehrfamilien- Wohnfläche Anteil an der


[Jahre] häuser häuser gesamt Gesamtwohn-
min. max. Fläche [m2] Fläche [m2] [m2] fläche
Außenputz, Fassaden 30 60 bis 1918 305 000 227 000 532 000 18 %
Steildach 40 60 1919 –1948 244 000 145 000 389 000 13 %
Flachdach 20 40 1949 –1957 209 000 185 000 394 000 13 %
Fenster 25 40 1958 –1968 252 000 223 000 475 000 16 %
Isolierverglasung 20 35 1969 –1978 303 000 258 000 561 000 19 %
Gebäudehülle insgesamt 20 60 1979 –1983 383 000 246 000 629 000 21 %
Heizung 12 35 gesamt 1 696 000 1 248 000 2 980 000 100 %
B 1.2 B 1.3
keine Rolle und sollten vernachlässigt werden. einzupassen (Abb. B 1.4). Interpretieren heißt auflager von unten. Die Lage der Balken wie-
Notwendig ist es auch, Längenunterschiede dann, sich eigentlich wiederholende Maße wie derum kann man auf der Oberseite ablesen,
von mehreren Zentimetern in einem Raum z. B. Fensteröffnungen identisch zu zeichnen denn dort sind die Bodenbretter genagelt.
zu interpolieren. Ziel des Aufmaßes ist nicht und auch zu überprüfen, ob nicht die Pfeiler-
ein exaktes Abbild, sondern eine stimmige maße zwischen den Fenstern identisch sein Messungen und Laboruntersuchungen
Planungsgrundlage. Aus diesem Grund sind sollten, obwohl man differierende Maße aufge- Das Messen von Bauteilwerten sowie labor-
automatisierte Systeme, welche aus 3-D-Mes- nommen hat. Es gilt, die Idee des damaligen technische Untersuchungen können weitere
sungen CAD-Daten erstellen können, nur für Architekten zu finden und nicht die Tagesform Klarheit über vermutete Probleme geben, ist
sehr spezielle Anwendungen empfehlenswert, des damaligen Handwerkers. aber – weil aufwendig – nur partiell durchführ-
z. B. im Denkmalpflegebereich. Zu Beginn der Planungsphase reicht eine Ge- bar. Daher muss man in der Regel aus Einzel-
Trotzdem gilt es, Messungenauigkeiten zu nauigkeit im Maßstab 1:50. Für spätere Pla- fällen auf die Gesamtkonstruktion schließen,
vermeiden, um eine saubere, interpretierbare nungsschritte, insbesondere bei Fügungen von was eine potenzielle Fehlerquelle darstellt.
Unterlage zu erhalten. Hierzu ist ein Laser- Neu zu Alt, müssen weitere Messungen erfol- Einfache Geräte zur Ermittlung der Bauteil-
messgerät unverzichtbar, da es genaue Mess- gen. In der Regel empfiehlt es sich, ein ge- feuchte messen den elektrischen Widerstand
daten liefert und im Gegensatz zum Maßband naues Aufmaß erst nach dem ersten Abbruch im Baustoff mittels zweier Elektroden (Abb.
einen Helfer spart (Abb. B 1.6). Zusätzliche durchzuführen, um doppelte Arbeit zu vermei- B 1.7). Kennt man das Material, lassen sich
Werkzeuge sind Meterstab, Bleilot und Kom- den (siehe »Aufräumen« S. 29f.). aus Tabellen Rückschlüsse bezüglich des
pass. Folgende Empfehlungen helfen beim Durchfeuchtungsgrads in Volumenprozent er-
Aufmaß: Modulordnungen mitteln. Da die Methode relativ ungenau und
Der Versuch, Bauteile maßlich zu normieren, fehleranfällig ist, sollte sie als Reihenmessung
• wenn möglich, Kettenmaße nehmen, statt zieht sich durch alle Epochen. Wie bei vielen durchgeführt werden. Die Messung erfolgt an
immer wieder neu anzusetzen anderen Produkten auch existierten jedoch der Bauteiloberfläche; Aussagen über die
• durch geöffnete Türen etc. hindurchmessen, je nach Region verschiedene Standards. Feuchte im Mauerkern können also nicht ge-
um die Gesamtinnenmaße des Gebäudes zu Überregionale Angleichungen verliefen analog troffen werden. Dasselbe gilt für Messungen,
erhalten zur derzeitigen Einführung von EU-Normen die auf der dielektrischen Methode, d. h. auf
• Höhenmessungen im Treppenhaus vorneh- eher schleppend. Hilfreich für die Interpre- der Messung elektromagnetischer Wellen ba-
men und Geschosshöhen aufmessen tation des Bestands kann das Wissen um sieren. Dennoch reichen in der Praxis beide
• Gesamtaußenmaße nehmen damals gebräuchliche Modulordnungen sein, Arten der Messung meistens aus, da es in der
• Türanschläge etc. brauchen nur einseitig um eine Rohbaukonstruktion wie z. B. Mauer- Regel nur darum geht abzuschätzen, ob ein
genommen zu werden. werkstärken und deren Verkleidungen ohne Bauteil nass oder trocken ist.
• bei schiefwinkligen Räumen Diagonalmaße Öffnen der Konstruktion abzuschätzen (Abb. Sind genaue Werte oder Messungen im Bau-
nehmen; dabei ist die Minimal- bzw. Maxi- B 1.5). teilkern erforderlich, kommt man um eine Pro-
malmessung von Lasermessgeräten hilfreich, benentnahme nicht herum. In diesem Fall lässt
bei der man mit dem Zielpunkt an einer Sichtanalysen sich die enthaltene Wassermenge mithilfe der
Kante »entlangstreifen« kann Viele Schadensbilder und Konstruktionen las- Darrmethode durch drei Gewichtsmessungen
• zur Decke schauen: Oft vergisst man im Auf- sen sich allein durch Sichtanalysen und eine genau feststellen. Man wiegt zuerst die ent-
maß die Höhenmaße, Unterzüge etc. »haptische« Kontrolle der Oberfläche eruieren. nommene Probe, dann die vollständig getrock-
• alle Wandstärken messen Da es sich um eine kostengünstige Methode nete und anschließend die gewässerte, d. h.
• Fensteröffnungen wurden meist mit Anschlag handelt, ist die vollständige Durchführung und vollständig gesättigte Probe. Auf diese Weise
gemauert, also muss man zwei lichte Maße Dokumentation ratsam. Dabei ist es hilfreich, lässt sich die Bauteilfeuchte in Volumenprozent
nehmen. die Fotostandorte in einem Bestandsplan zu ermitteln.
• horizontale Maße möglichst in gleicher Höhe vermerken, weil später nur so eine eindeutige Um die Ursachen von Oberflächenfeuchte –
nehmen, denn keine Wand ist lotrecht Zuordnung der Bilder möglich ist. z. B. feuchte, warme Sommerluft auf kühlen
• wenn möglich, Wand- und Deckenverklei- Auch das partielle Öffnen von Bauteilen ist sehr Oberflächen (Kellermauerwerk) – einordnen zu
dungen öffnen, um »Rohbau«-Maße zu zu empfehlen. Für die Beurteilung einer Holz- können, sollten Messungen der Bauteilfeuchte
erhalten balkendecke z. B. ist die Art und Ausführung durch die Werte Raumluftfeuchte, Raumtem-
der Unterdecke und Füllungen wichtig, insbe- peratur und Oberflächentemperatur ergänzt
Den Bestandsplan beginnt man mit den si- sondere in Hinblick auf die Planung von Trag- werden.
chersten Maßen, d. h. mit den Gesamtmaßen, fähigkeit, Schall- und Brandschutz. In diesem Die Bestimmung des Eigengewichts von Bau-
und versucht die Innenräume möglichst logisch Fall reicht meist das Öffnen an einem Balken- teilen und Konstruktionen kann bei der Planung

23
Sanierungen planen

von Umbauten von Nutzen sein. Ersetzt man sage treffen zu können, sollte man sich auf die de in einen Umbau zu »zwingen« wird immer
beispielsweise die Lehmfüllung einer Holzbal- folgenden drei Aspekte konzentrieren. zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen –
kendecke gegen Schalldämmmatten, kann sowohl in finanzieller als auch in formaler Hin-
man das eingesparte Gewicht für Bodenauf- Nutzung – Umnutzung sicht.
bauten wie schwimmenden Estrich oder abge- Nicht jedes Bestandsgebäude eignet sich für
hängte Decken verrechnen. Dies ist für den jede neue Nutzung. Problematisch wird es Schadensbilder, Kernprobleme
statischen Nachweis hilfreich. immer dort, wo sehr spezifische unabänder- Aus der Analyse ergibt sich meist eine Vielzahl
Viele Bauteilanalysen lassen sich über einfache liche Nutzerinteressen vorliegen. Die Kreissäge von Schadensbildern, die sich in dieser frühen
Untersuchungen vor Ort nicht klären. In diesem einer Tischlerei etwa braucht einen Bewe- Planungsphase nicht vollständig bewerten las-
Fall müssen Proben entnommen und in bau- gungsraum, für den es kein Alternativkonzept sen. Es gilt, die Kernprobleme herauszuarbei-
technischen Labors untersucht werden. Dies gibt. Sind wesentliche, d. h. in der Regel tra- ten und diese bezüglich Kosten und Terminen
betrifft nicht nur Schadensfälle, sondern auch gende Bauteile im Weg, steigt der Aufwand für abzuschätzen. Abb. B 1.8 zeigt die ökonomi-
Materialkennwerte für Neuberechnungen, z. B. die Umnutzung beträchtlich. Teilumbauten, sche Bewertung einiger typischer Sanierungs-
die Betongüte und die Streckgrenze von Stahl- z. B. eines einzelnen Geschosses, können noch und Umbaumaßnahmen.
betondecken. Bei Schadstoffsanierungen sind weiterführende Probleme aufwerfen. So sind
beispielsweise Luftschadstoffmessungen auf dadurch erforderliche Abfangungen im darun- Planungsprozess
die Parameter VOC, PCB, Asbest, Formalde- terliegenden Geschoss – wenn es bewohnt ist Umbauten haben einige Besonderheiten, so-
hyd und Schimmelpilze üblich (siehe auch Ge- – genauso wenig möglich wie das Neuverlegen wohl im Ablauf als auch in äußeren Randbe-
fahrstoffe im Bestand, S. 102ff.). von Abwasserfallrohren. dingungen. Wenn man bisher hauptsächlich
Aus der Diskrepanz zwischen Nutzerwünschen Neubauten bearbeitet hat, muss man also als
Bewertung und Bestandsaufnahme ergeben sich also Planer umdenken. Dabei steht fest, dass die
Die Bewertung des Bestands ist ein wesent- Zwangspunkte. Diese herauszufinden und ab- Planung und Bauüberwachung von Umbauten
licher Teil der Architektenleistung. Schon sehr zugleichen ist Teil der Bewertung. aufwendiger ist als jene von Neubauten, was
früh muss entschieden werden, ob die Ziele in der deutschen Honorarordnung mit dem
des Auftraggebers in angemessenem Kosten- Umbaupotenzial Umbauzuschlag berücksichtigt wird.
rahmen erreicht werden können. Aufbauend Unter Berücksichtigung der Zwangspunkte
auf der Analyse des Bestands wird untersucht, sollte der Architekt das grundsätzliche Umbau- Phase 1: Grundlagenermittlung
inwieweit bestehende Bauteile für das spätere potenzial des Gebäudes einschätzen, d. h. in- Die Grundlagenermittlung umfasst erste Vor-
Gebäude zu gebrauchen sind und wie groß der wieweit kann problemlos in die bestehende arbeiten und Gespräche zwischen Bauherr und
Sanierungsaufwand dafür ist. Erst daraus lässt Struktur eingegriffen werden, um sie den neuen Architekt, in denen die Art der zukünftigen Zu-
sich ableiten, ob sich die Immobilie für einen Nutzerwünschen anzupassen. Das Umbau- sammenarbeit, die Baukosten, der Fertigstel-
Umbau eignet oder nicht. potenzial ist abhängig von der Bauart und lungstermin und allgemeine Nutzerwünsche
Um frühzeitig eine einigermaßen sichere Aus- damit auch von der Erstellungszeit. Ein Gebäu- besprochen werden. Diese Phase unterschei-

35 398 27 422 35
Neue Tür s. Detail....
Haustür ausbauen
-0,80

-0,48

-0,37

-0,35
35

35
x
x

x
x

Umfang

x
xHK vorh.
Fläche
s. Detail.....x
Holzverkl. x

Sonst

Raum
L.H. 194

Höhe
x

s. Detail....
Rückseite verputzt
Einbauschrank xNEU
Abbruch
x
FB

x
x x
x

teilw. H=1,94
Fliesen, vorh.

11,9
5,9
Treppenraum
x
197

x
x
x

Zarge
x

+0,00

11x19,5/19,5
Umfang
Fläche
Sonst

Raum
Höhe

+0,00

11x18,5/20
FB

xx
21.6 m2
Terrasse

Schiebetür
x

Bündig!
13

x
x

x
x

s. Detail....
x

Schiebetür
x
s. Statik
Durchbruch
x

s. Detail....
x
x

x
x

Wand abbrechen
x
x
x

x neu

x
Kamindurchführung!

21
x

x
71

663
x

Umfang
Fläche
s. Statikx
Höhe Sturz Bestand

Sonst

Raum
Höhe
x
x
x

FB
x
362

Dielenboden, vorh. abschleifen, versiegeln


2,67
21,7
28,0
Wohnen
Umfang

x
Fläche
x

Sonst

Raum
x

Höhe
xHK vorh.x
453

FB
xx

Dielenbelag vorh.
2,65
17,0
18,0
Küche
x

x s. Detail....
x

xEinbauschrank NEU
Rückseite verputzt

Abbruch Zarge
x
x
x

Bündig!
x
x
x

305

B 1.4

24
Sanierungen planen

det sich erheblich von der Neubauplanung. hierfür ist, dass sich Umbaumaßnahmen wegen Ziegelformat Länge Breite Höhe
Schon in den ersten Gesprächen erwartet der ihrer geringen Vergleichbarkeit schwer katalo- [cm] [cm] [cm]
Bauherr Aussagen über Qualität und Umbau- gisieren lassen. Deshalb ist die Vorwegnahme Oldenburger Format 22 10,5 5,5
potenziale des Gebäudes; die Fragen sind also der Kostenberechnung aus der Leistungspha- Noddeutsches Dünnformat 22 10,5 5,2
Hamburger Format 22 10,5 6,5
wesentlich konkreter. Wünsche bezüglich der se 3 oder zumindest eine detaillierte Untersu-
Flensburger Format 22 10,5 4,8
Nutzung sowie Vorgaben zu Baukosten und chung einzelner Bauteile sinnvoll.
Kieler Format 23 11 5,5
Terminen haben dagegen das gleiche Gewicht
Hamburger Format 23 11 5,6
wie beim Neubau. Phase 3: Entwurfsplanung Holsteiner Format 23 11 5
Gerade bei letztgenannten Fragen sollte man Wenn Teile der Kostenberechnung schon in
Reichsformat 25 12 6,5
unbedingt klarstellen, dass sich diese bei Phase 2 erbracht wurden, verbleibt als wesent- Format »Ilse« 25 12 4,6
einem Umbau in einem so frühen Stadium noch liche Aufgabe der Entwurfsplanung das Durch- altes Bayerisches Format 29 14 6,5
nicht beantworten lassen. Welche Maßnahmen arbeiten des Planungskonzepts einschließlich altes Württemberger Format 29 14 6,5
künftig zu treffen sind, um ein auch nur unge- dessen zeichnerischen Darstellung. Ein nahe Wiener Format 29 14 6,5
fähr beschriebenes Ziel zu erreichen, klärt sich liegender Ansatz ist die Benutzung des erstell- Badener Format 27 13 6
erst nach genauen Analysen des Bestands, ten Bestandsplans als Entwurfsgrundlage. Die- Kloster-Format 28,5 13,5 8,5
also im ungünstigsten Fall erst nach dem Er- ser Plan enthält jedoch zu viele Informationen, Kloster-Format II 29 14 9
Württemberger Format 29,8 14,3 7,2
werb des Gebäudes. Der Bauherr geht in die- aus denen sich vermeintliche Zwangspunkte
Bayerisches Format 30 14 7
sem Fall ein erhebliches Risiko ein, da er eine ergeben. Auch haben solche Vorlagen »gra-
B 1.5
Immobilie erwirbt, ohne genau zu wissen, wann fische« Grenzen, die dann als Bestand verblei-
diese mit welchem finanziellen Aufwand saniert ben und so weitere Zwangspunkte ergeben.
sein wird. Und er nimmt in Kauf, dass er wo- Das Ergebnis ist somit oft näher an einer Sanie-
möglich Abstriche an seinem Nutzungskonzept rung als an einem Neuanfang.
hinnehmen muss. Daher sollte man – ähnlich wie bei städtebau-
Umso wichtiger ist die klare und sichere Beant- lichen Untersuchungen – kleinteilige Informa-
wortung der folgenden Frage: Lohnt es sich, tionen aus dem Plan ausblenden. Die radi-
dieses Gebäude zu sanieren? Welche Schwie- kalste Methode in der Umbauplanung ist die
rigkeiten sind zu befürchten? gedankliche vollständige Entkernung: Was ver-
Sehr häufig finden die ersten Gespräche im bleibt, wenn man alle Bauteile abbricht, die B 1.4 Erstellen eines Bestandsplans: von der Hand-
Rahmen von Ortsterminen statt. Diese dienen keine tragende Funktion haben? Auf Grundlage skizze vor Ort zum CAD-Plan
dem Besichtigen, nicht dem Bewerten. Erst das dieses »Rohbauplans« lässt sich nun freier B 1.5 gebräuchliche Ziegelformate vor 1940
B 1.6 Lasermessgerät
Zurückführen auf eine abstraktere Ebene und denken. Nach dieser Konzeptphase kann man B 1.7 Feuchtemessgerät
eventuell nachträgliche Teilanalysen erlauben dann in einem zweiten Schritt untersuchen, B 1.8 Wirtschaftlichkeit von typischen Sanierungs-
eine relativ gesicherte Aussage darüber, ob welche nichttragenden Bauteile sich in das und Umbaumaßnahmen
sich ein Umbau lohnt oder nicht. Dem Architekt Konzept integrieren lassen. Ein Vorteil dieser
muss immer bewusst sein, dass die positive Methode ist, dass man Eingriffe in die Grund-
Beantwortung dieser Frage augenblicklich über struktur des Gebäudes vermeiden kann.
einen großen Teil der Gesamtbaukosten ent- Auf der Grundstruktur des Gebäudes neu zu
scheidet. Daher ist es zu empfehlen, Leis- beginnen bedeutet auch, sich in den ursprüng-
tungen aus der Vor- und ggf. auch aus der Ent- lichen Entwurf zu vertiefen und spätere, wo-
wurfsplanung bereits in die Grundlagenermitt- möglich störende Eingriffe auszublenden.
lung mit einzubeziehen. Solche Beratungsleis-
tungen sollten auch in der Honorarhöhe be- Phase 4: Genehmigungsplanung
rücksichtigt werden. Die Bestandsaufnahme In dieser Leistungsphase sind sämtliche Ar-
etwa kann als »Besondere Leistung« gemäß beiten zusammengefasst, die zu einer Bauge-
HOAI abgerechnet werden. nehmigung führen. Abweichend von einer Neu-
bauplanung gilt es in den baubehördlichen
Phase 2: Vorplanung Verhandlungen von Umbauvorhaben eine Viel-
Neben weiterführenden Arbeiten aus der Leis- zahl von Ausnahmegenehmigungen zu erzie-
tungsphase 1 sind die wesentlichen neuen len. Dies betrifft sowohl städtebauliche Rege-
Themenfelder das Erarbeiten eines Planungs- lungen wie Abstandsflächen als auch bau-
konzepts, erste Gespräche mit Fachplanern technische wie Brand-, Wärme- und Schall- B 1.6
und Behörden sowie eine Kostenschätzung. schutz. Bereits im Vorfeld sollten solche not-
Die statische Tragfähigkeit ist in der Bestands- wendigen Ausnahmen zielgerichtet untersucht
bewertung ein wichtiger Punkt, da eine dies- werden, um Probleme bei der Genehmigung
bezügliche Sanierung sehr hohe Kosten verur- zu vermeiden.
sacht. Diese ohne die Einbindung eines Trag-
werksplaners zu bewerten, wäre fahrlässig. Ab- Phase 5: Ausführungsplanung
schätzungen von möglichen Spannweiten aus Zur Ausführungsplanung gehören alle Pla-
Erfahrungswerten der Neubauplanung führen nungsschritte vor der Ausschreibung der Bau-
im Umbau zu keinem sicheren Ergebnis, da leistungen, also die gesamte Werk- und Detail-
man historische Konstruktionen oft auf die Ge- planung. Hier verlieren sich die grundsätz-
brauchsfähigkeit entsprechend neuer Normen lichen Unterschiede zwischen Neu- und Um-
untersuchen muss. bauplanungen. Es gibt jedoch wesentliche
Auch Kostenschätzungen nach umbautem Ausnahmen: die Genauigkeit, die Darstellung
Raum müssen bei Umbauvorhaben scheitern, und die technischen Grundlagen. Eine große
da es kein ausreichendes statistisches Material Umstellung im Planungsprozess erfordert die
gibt, auf dem man aufbauen könnte. Der Grund Berücksichtigung von Ungenauigkeiten. Planer
B 1.7

25
Sanierungen planen

mit ausschließlicher Neubauerfahrung versu- kennzeichnen, um Fachplaner und Handwerker sich nicht vollständig vermeiden, da man nicht
chen oft, ihre übliche Werk- und Detailpla- nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. jedes Bauteil »durchleuchten« kann. Es ist
nungstechnik auch im Umbau umzusetzen. Die Auch das Thema Vermaßung ist schwierig. Wie daher erforderlich, in den Vorbemerkungen
teilweise eklatanten Ungenauigkeiten des Be- bereits beschrieben stimmen die Messungen übliche Vertragsgrundlagen wie z. B. die VOB
stands, also z. B. Außerwinkeligkeit, nicht lot- vor Ort mit dem Bestandsplan oft nicht überein. auf besondere Probleme hinsichtlich eines Um-
rechte, nicht übereinanderstehende Wände, Zieht man nun ganze Maßketten durch die baus zu untersuchen. Normen und Bauregeln
enorme Putzstärken, große Abweichungen vom Gebäude, werden diese – künstlich erzeugten – sind im Hinblick auf Neubauten entwickelt und
Stichmaß in Wänden und Decken usw. verlan- Differenzen offensichtlich und führen zu Ver- müssen womöglich durch besondere Vertrags-
gen nach Reaktion in der Werk- und Detailpla- wirrung bei den ausführenden Firmen. Hier kann klauseln eingeschränkt oder sogar außer Kraft
nung. Bauteilfügungen – gerade von bestehen- die Unterscheidung in »bindende« und »unsi- gesetzt werden. Ein klassisches Beispiel hierfür
den zu neuen Bauteilen – unterscheiden sich chere« Maße Abhilfe schaffen. Letztere dienen sind Gewährleistungsfragen beim Einbeziehen
teilweise beträchtlich von entsprechenden der ungefähren Orientierung, Massenermittlung von Altsubstanz oder Anpassungsarbeiten bei
Neubaudetails. etc.; »bindende« Maße hingegen legen Abmes- Ungenauigkeiten oberhalb der normgemäßen
Als sehr hilfreich erweisen sich zwei Maßnah- sungen von Neubauteilen oder Angaben zu Ein- Toleranzen. Eine größere Kostensicherheit kann
men: das Vorziehen von Abbrucharbeiten und griffen in den Bestand genau fest (Abb. B 1.4). man auch durch das Einbeziehen von neubau-
das gemeinsame Besichtigen mit Fachfirmen typischen Nebenarbeiten, also gesondert zu
und Fachberatern der Industrie, deren Erfah- Phase 6 und 7: Vorbereiten und Mitwirken bei vergütenden Arbeiten, in die Standardposition
rungen in Umbaumaßnahmen man für Planung der Vergabe erreichen.
und Ausschreibung gut nutzen kann. Hier lohnt Auch beim Aufstellen von Leistungsbeschrei- Ein weitverbreitetes, aber riskantes Vorgehen
sich naturgemäß eine Zusammenarbeit mit alt- bungen sowie bei der Vergabe der Leistungen ist der gehäufte Einsatz von Stundenlohn-
eingesessenen, lokalen Firmen, deren Mitarbei- müssen umbauspezifische Besonderheiten be- arbeiten. Diese lassen sich in Umbauvorha-
ter die alten Bautechniken teilweise noch aus rücksichtigt werden. Die größte Schwierigkeit ben zwar noch weniger vermeiden als bei
eigener Anwendung kennen. steckt in den Unwägbarkeiten, welche den Pla- Neubauten, aber auch genauso wenig kon-
Beim Zeichnen von Umbauplänen ist die Dar- nungsprozess prägen. Nicht sämtliche zu erhal- trollieren. Üblicherweise wird man bei Um-
stellung in den Farben Grau (Bestand), Rot tenden Bauteile können vollständig erfasst und bauten deutlich mehr Zeit für die Bauüber-
(Neubau) und Gelb (Abbruch) weitverbreitet. bewertet werden. Dies bedingt eine Flexibilität wachung aufwenden müssen, um eine erträg-
Für den Bestand findet man manchmal auch sowohl in Positionen als auch in der Massen- liche Qualitäts-, Kosten- und Terminsicherheit
Schwarz, welches allerdings bei vollflächigen ermittlung, die man in Neubauausschreibungen zu erzielen, die trotzdem immer unter der üb-
Schraffuren Schriften etc. verdeckt. Schraffuren gerade vermeidet. Auch für lediglich vermutete lichen Vorhersagegenauigkeit von Neubauten
für geschnittene Bestandbauteile sollten nur Leistungen sollten unbedingt Eventualpositio- liegen wird.
dann die Materialität zeigen, wenn man sie tat- nen vorgesehen werden, um unerfreuliche
sächlich kennt. Ansonsten sollte man solche Nachverhandlungen zu umgehen. Ungenauig- Phase 8: Bauüberwachung
Bauteile vollflächig ohne Materialzuweisung keiten in der Leistungsbeschreibung lassen Die zur Bauausführung gehörige Planungspha-

Bauteil Schadensbild / Sanierungsmaßnahme ökonomische Einzelfallschätzung zerstörungsfreie Analyse durch


Abschätzung notwendig1
Geruch, Porenstaub (bei Verdacht:
Allgemeines Hausschwamm oder großflächiger Befall von Holzbauteilen --
Laboruntersuchung)
Allgemeines Beseitigen von Gefahrstoffen -- nicht möglich (Laboruntersuchung notwendig)
Aufarbeiten abgenutzter, aber intakter Oberflächen
Allgemeines + Sichten
(z. B. Bodenbeläge)
Ergänzung oder Austausch von Wasser- Sichten Hausverteilungen Heizung + Elektro,
Allgemeines 
und Elektroinstallationen Sichten Eckventile Waschbecken (Bleileitungen)
Allgemeines Austausch von Abwasser- und Grundleitungen - Kanalkamera
Fundamentierung Unterfangungen bei Setzungen - nicht möglich
Fundamentierung Unterfangungen für tiefere Anbauten -- nicht zutreffend
Feuchtemessung Bodenplatte
Kellerboden nachträgliche Abdichtung, nichtdrückend  (24-Stunden-Messung mit Gerät unter Folie)
-- Sichten oder Feuchtemessung Bodenplatte
Kellerboden nachträgliche Abdichtung, drückend
(24-Stunden-Messung mit Gerät unter Folie)
Kellerboden nachträgliche Tieferlegung unter der Fundamentsohle -- nicht zutreffend
Kelleraußenwand nachträgliche Horizontalsperre - Feuchtemessungen als senkrechte Reihenmessung
Kelleraußenwand nachträgliche Vertikalabdichtung, Dränage  Feuchtemessungen als senkrechte Reihenmessung
Kelleraußenwand Fugenabdichtung vorhandener WU-Wanne + Sichten
Kellerdecke Rostanfall Stahlträger Kappendecke + Sichten
Kellerdecke starke Setzungen Gewölbe -- Sichten
Kellerdecke frei liegende Bewehrung  Sichten, auf Haarrisse und Hohlstellen prüfen
Außenwand OG nachträgliche Horizontalsperre - Feuchtemessungen als senkrechte Reihenmessung
Sichten (evtl. zusätzliche Laboruntersuchung um
Außenwand OG Ausblühungen, Versalzung +
Hausschwamm auszuschließen)
Außenwand OG nachträgliche Wärmedämmung + Sichten
Sichten (abgeschlossene Setzungsrisse erkennbar
Außenwand OG Setzungsrisse, abgeschlossen +
durch Schmutzablagerungen)
Außenwand OG Putzsanierung, Denkmalschutz  nicht möglich (Bauforschung notwendig)
Außenwand OG frei liegende Bewehrung Sichtbetonbauteile, Balkone  Sichten, auf Haarrisse und Hohlstellen prüfen
1
üblicher Aufwand für Sanierungsmaßnahmen, welche allerdings starken Schwankungen unterliegen und deshalb einer Einzelfallabschätzung bedürfen
a B 1.8

26
Sanierungen planen

se wird oft als Bauleitung bezeichnet. Sie be- Eine oft vernachlässigte Tätigkeit ist die des ge- Bezug auf Kosten und Bauzeit kann die Folgen
inhaltet aber auch die Kosten- und Termin- meinsamen Aufmaßes, das immer zeitnah mit von aufgetretenen Problemen ausgleichen,
kontrolle bis zur mängelfreien Übergabe. den Arbeiten durchgeführt werden sollte. Die denen man nicht ausweichen kann. Solche
Der wesentliche Unterschied zwischen Neu- für Umbaumaßnahmen typischen Nachforde- Strategien können sein:
und Umbauplanungen liegt in der Menge der rungen der Unternehmen wie z. B. das Ausglei-
zu erhaltenden und zu sanierenden Bausub- chen von Ungenauigkeiten oder Mehrmassen • das Arbeiten mit Regie- oder Stundenlohn-
stanz. Solange an oder mit bestehenden Bau- bei Abbruchmaßnahmen lassen sich ohne vor- arbeiten: Diese Methode führt häufig zu Strei-
teilen gearbeitet wird, ist der Überwachungs- heriges Aufmaß nicht kontrollieren. tigkeiten, auch zwischen Bauherr und Planer.
aufwand ein viel höherer, um auftretende Ganz ausschließen wird man solche Leis-
»Überraschungen« kontrollieren zu können, Baukosten tungen nie, doch sollten sie 10 % der Auf-
welche auch aus der zwangsläufig weniger Längere Bauzeiten bedeuten immer auch hö- tragssumme nicht überschreiten.
präzisen Planung herrühren. Dadurch ver- here Baukosten. In den gefährdeten Gewerken • der bereits erwähnte Einbau von Puffern: Hier
schiebt sich Arbeitszeit aus der Planungs- in sind daher unbedingt Puffer einzubauen, um liegt die Schwierigkeit in der Vermittlung ge-
die Bauphase, und es werden größere Puffer in die geplanten Gesamtkosten einhalten zu kön- genüber dem Bauherrn einerseits und den
der Bauzeitenplanung notwendig. Umbauten nen. Neben gewerketypischen können aber ausführenden Firmen andererseits. »Sicht-
sind daher keinesfalls schneller zu realisieren, auch umbauspezifische Mehrkosten entstehen bare« Puffer werden von Handwerkern gerne
was man vermuten könnte, da zumindest ein wie z. B. beim Beseitigen von Kollateralschä- als »schon einkalkuliert« wahrgenommen,
Rohbau übernommen wird. Gewerke, welche den infolge von Abbruch- oder Schlitzarbeiten. womit sie ihre Wirksamkeit verlieren. Die Zeit-
viele Schnittstellen zum Bestand haben, sollte Kaum kalkulierbare Unsicherheiten gibt es bei- und Geldpuffer sollten im Laufe der Baupha-
man mit üppigen Zeitpolstern einplanen; ein ty- spielsweise auch bei statischen Abfangungs- se aufgelöst werden, um dem Bauherrn Pla-
pisches Beispiel sind Verputzarbeiten. arbeiten oder bei Trockenlegungen (Abb. nungs- und Finanzierungssicherheit zu
Zeitnahe und möglichst umfangreich dokumen- B 1.8). geben.
tierte Entscheidungen verringern die Gefahr Die übliche und in Deutschland durch die
von späteren Streitigkeiten bei der Abrechnung Rechtsprechung geforderte Genauigkeit von Manche Gewerke gleichen jenen im Neubau.
von Bauleistungen. Es gilt aber auch hier die Kostenschätzungen und Kostenberechnung Dabei handelt es sich insbesondere um die Ar-
Binsenweisheit, dass man keine vorschnellen kann bei Umbauten nicht eingehalten werden. beiten des späten Innenausbaus wie z. B.
Entscheidungen auf der Baustelle treffen sollte. Hier helfen nur hohe Aufschläge auf die Ge- Boden- und Wandbelags-, Maler- und Tischler-
Komplexe Zusammenhänge erkennt man oft samtkosten, die man erst im Laufe der Bau- arbeiten, da zu diesem Zeitpunkt kaum noch
erst bei der Anpassung der Planung. Mit zu- ausführung reduzieren kann. auf bestehende Bausubstanz reagiert werden
nehmendem Baufortschritt wird die Objekt- muss. Dies sind die Arbeiten mit den gerings-
überwachung eines Umbaus jener eines Neu- Strategien zur Erhöhung der Flexibilität ten notwendigen Puffern. Hier kann man Zeit-
baus immer ähnlicher, da sich die umbau- Auf geringere Planungssicherheit kann man mit und Kostenpuffer minimieren und auf Erfah-
typischen Probleme verringern. höherer Flexibilität antworten. Beweglichkeit in rungswerte des Neubaus zurückgreifen.

Bauteil Schadensbild / Sanierungsmaßnahme ökonomische notwendige zerstörungsfreie Analyse durch


Abschätzung Einzelfallschätzung
Sichten unteres Flügelprofil und Dichtungen, bei
Fenster Austausch Fenster Lochfassade +
Isolierglas auch Herstellungsjahr

- Sichten unteres Flügelprofil und Dichtungen, bei


Fenster Austausch / Sanierung Denkmalschutz
Isolierglas auch Herstellungsjahr
Fenster Austausch Vorhangfassade  nicht zutreffend
Teilertüchtigung vorh. Vorhangfassade, Sichten, Baujahr feststellen, Archivunterlagen
Fenster -
Wärme-, Schall- und Brandschutz einsehen
Sichten, Abklopfen auf Hohlstellen insbesondere im
Innenwand Putzsanierung, Risssanierung +
Sockelbereich
Sichten, insbesondere Dachboden und
Innenwand Schornsteinsanierung, Versottungen +
Reinigungsöffnung Keller
Skelett frei liegende Bewehrung  Sichten, auf Haarrisse und Hohlstellen prüfen
Baujahr feststellen, Archivunterlagen einsehen
Skelett Ertüchtigung Brandschutz -
(Betonüberdeckung)
Skelett Rostanfall Walzprofile  Sichten
Skelett Rostanfall Gussstützen + Sichten
bei großen Spannweiten am Rand und in
Decke Ertüchtigung Tragfähigkeit / Durchbiegung --
Feldmitte messen
 Baujahr feststellen, Archivunterlagen einsehen
Decke Ertüchtigung Brandschutz
(Betonüberdeckung)
Decke Ertüchtigung Schallschutz  nicht möglich, evtl. Befragung Nutzer
Decke Wärmebrücken auskragende Balkone -- Sichten
Decke Fäulnisbefall Auflager Holzbalkendecke (kein Schwamm)  nicht möglich (Auflager muß geöffnet werden)
Decke frei liegende Bewehrung + Sichten, auf Haarrisse und Hohlstellen prüfen
Dach /-geschoss teilweise Fäulnisbefall an der Traufe + Sichten
Dach /-geschoss Ertüchigung Tragfähigkeit / Durchbiegung Dachstuhl  Sichten und Durchbiegung messen
Dach Austausch Dachdeckung + Sichten, insbesondere Nasen auf der Innenseite
Dach /-geschoss Innenausbau nicht genutzter Dachspeicher - nicht zutreffend
+ unkritisch - kritisch
 wenig kritisch - - sehr kritisch

b B 1.8

27
Sanierungen planen

1,10

1,40

1,80
80
1,65

B 1.9 B 1.10
Normen und Gesetze / Bestandsschutz • Abstandsflächen, Bebauungsgrade: Viele nicht entsprochen werden kann. Da ein Aus-
Grundsätzlich gelten bei der Umnutzung oder Bestandsbauten, vor allem in dicht bebauten tausch der Decke wirtschaftlich unrentabel
dem Umbau von bestehenden Gebäuden Innenstadtbereichen, entsprechen nicht den ist, müsste eine Ausnahmeregelung ausge-
die aktuellen Baunormen und Gesetzen. Na- heute gesetzlich oder per Verordnung gere- handelt werden, in diesem Fall mit der Feuer-
turgemäß wird man aber an vielen Punkten gelten Dichten bzw. halten Mindestabstände wehr. Diese kann ein Brandschutzgutachten
Probleme haben, diese Anforderungen zu zu Grundstücksgrenzen nicht ein. Meist wird und / oder kompensierende Maßnahmen for-
erfüllen. in diesen Fällen der Bestandsschutz sehr dern. Die Kosten für solche Maßnahmen kön-
Ob man sich in solchen Fällen auf einen Be- wohlwollend ausgelegt. Als problematisch nen beträchtlich sein, daher ist diese Frage
standsschutz berufen kann, ist im Einzelfall zu erweisen sich jedoch in der Regel Erweite- so früh wie möglich zu klären.
klären. In Deutschland unterscheidet man zwi- rungen, z. B. der Anbau von Balkonen oder • Standsicherheit, Gebrauchsfähigkeit: Auch
schen aktivem und passivem Bestandsschutz. der Ausbau des Dachgeschosses mit Verän- für die Tragwerksberechnung gilt: Ist der Be-
Während der passive einen ursprünglich recht- derung der Kubatur. Dann sind, zumindest standsschutz erloschen, sind die neuesten
mäßig geschaffenen Bestand vor Änderungen für die Anbauten, die Abstandsflächen nach- Normen für eine Neuberechnung anzuwen-
gesetzlicher Grundlagen schützt, sichert der zuweisen. In diesem Fall wird entweder in den. Eine Ausnahme bilden jedoch die Mate-
aktive Bestandsschutz die Genehmigung der dem Baulastenverzeichnis die Verletzung der rialnormen. Hier wird in der Regel auf die
Maßnahmen, um den passiven Bestandsschutz Abstandsfläche eingetragen – mit Zustim- zum Errichtungszeitpunkt gültige Norm mit
zu erhalten. Für einen Bestandsschutz bedarf mung des betroffenen Nachbarn – oder die den damals zulässigen Materialkennwerten
es folgender Voraussetzungen: Übernahme der Abstandsfläche muss sogar zurückgegriffen. Die Lastannahmen für die
in dessen Grundbuch eingetragen werden. fällige Neuberechnung werden jedoch nach
• funktionsgerecht nutzbarer Bestand • Wärmeschutz: Maßnahmen zur Verbesserung den heutigen Vorschriften behandelt. Dabei
• frühere materielle Legalität des Wärmeschutzes wie etwa das Aufbrin- verliert ein Bauteil schon dann seinen Be-
• Fortdauer der Nutzung gen einer Außendämmung fallen unter den standsschutz, wenn sich die Lastverhältnisse
passiven Bestandsschutz. Im Sinne der an- durch bauliche Änderungen oder Umnut-
Den Bestandsschutz zu erhalten ist an sehr gestrebten CO2-Reduktion gibt es für eventu- zungen erhöhen, z. B. zur Ertüchtigung des
strikte Vorgaben gebunden; er soll erhaltende ell entstehende Verstöße bezüglich der Ab- Schallschutzes durch neue Estriche oder ab-
Maßnahmen absichern und erlischt bei: standsflächen Ausnahmeregelungen, die gehängte Decken.
zum Teil schon Eingang in die Baugesetze
• jeder Änderung der Nutzung, wenn für diese gefunden haben. Bei der Betrachtung alter Bauten nach neuen
andere Bauvorschriften gelten (d. h. ggf. • Schallschutz: Heutige Anforderungen an den Gesetzen und Normen ist es wichtig, ob es
auch bei leichter Nutzungsänderung) Luft- und Körperschallschutz werden von his- sich um öffentliches oder Privatrecht handelt.
• qualitativ und quantitativ wesentlichen Ände- torischen Konstruktionen teilweise stark un- Verordnungen und Gesetze sind in jedem Falle
rungen, z. B. Eingriffen in die Statik terschritten. Ein gutes Beispiel hierfür sind öffentliches Recht und somit einzuhalten, wenn
• seit mehr als einem Jahr nicht mehr ge- Holzbalkendecken in Gründerzeitbauten. man den Bestandsschutz verloren hat. Privat-
nutzten oder strukturell »verbrauchten« Ge- Maßnahmen zur Verbesserung sind zwar rechtliche Normen hingegen können – wenn sie
bäuden, z. B. einsturzgefährdeten Bauten grundsätzlich möglich, aber durch die ge- nicht im Genehmigungsverfahren per Verord-
ringe Tragfähigkeit der vorhandenen Kon- nung eingebunden sind – in bestimmten Fällen
Privatrechtliche Forderungen oder persönliche struktion nur eingeschränkt durchführbar. nicht bindend sein. Es ist allerdings zu empfeh-
Merkmale tangieren den Bestandsschutz Findet gleichzeitig eine Umnutzung statt (z. B. len, sich vom Auftraggeber Abweichungen
nicht. So kann man sich bei einem Handwerks- von Wohn- in Büroraum), müssen Unter- jeder Art schriftlich genehmigen zu lassen, um
betrieb in Innenstadtlage nicht auf den Be- schreitungen der Schallschutzwerte sowohl spätere Schadenersatzforderungen, z. B. aus
standsschutz berufen, wenn man das Gebäu- mit den Behörden als auch mit dem Auftrag- Mietminderungen, zurückweisen zu können.
de erweitern will. Andererseits muss der Nach- geber verhandelt und als Ausnahme geneh-
bar aus eben diesem Bestandsschutz heraus migt werden, denn in diesem Fall verliert man Nachrüstung Technik
den Betrieb dulden, auch wenn die Emissions- durch die Nutzungsänderung den Bestands- Eher eine Frage des Standards als eine des
belastung nach heute geltendem Recht nicht schutz. Rechts ist die meist unumgängliche Verbesse-
zulässig wäre. • Brandschutz: Beim Beispiel der Holzbalken- rung bzw. der Austausch der technischen Infra-
Insbesondere folgende Gesetze stehen oft im decke wäre auch der Brandschutz nach heu- struktur. Dies betrifft vor allem Abgas- und Lüf-
Widerspruch zu geplanten Umbaumaßnahmen tiger Gesetzeslage nicht nachzuweisen, weil tungsleitungen, Heizungsverteilung, Sanitärver-
und bedürfen gesonderten Ausnahmerege- der häufig gestellten Forderung nach Kon- und -entsorgung, aber auch Schwachstromver-
lungen: struktionen aus nicht brennbaren Baustoffen teilungen in Bürogebäuden. Problematisch ist

28
Sanierungen planen

0,06

relative Häufigkeitsverteilung [%]


0,05 1. Zyklus
2. Zyklus
0,04
Mittelwerte gestrichelt
0,03

B 1.9 historischer Türstock: Die Breite der inneren Ver- 0,02


kleidung der Laibung entspricht der Wandstärke
einschließlich Verputz. 0,01
B 1.10 Mindestmaße eines behindertengerechten Auf-
zugs 0,00
B 1.11 Häufigkeitsverteilung bei zwei normalverteilten
Renovierungszyklen am Beispiel von Außenputz 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
(vgl. Abb. B 1.2) Zeit [a]
B 1.11
oft die nachträgliche Installation in Konstrukti- tive und formale Schwierigkeiten, z. B. Kon- • Lohnt es sich den Bestand zu erhalten?
onen, die hierfür nicht vorgerichtet sind. Häufig trast von technischem Bauwerk zu historischer Manchmal kann es preiswerter sein, eine
betrifft dies die – in Neubauten eher unproble- Bausubstanz, Platzierung des Volumens (Un- Wand abzubrechen und an gleicher Stelle
matische – horizontale Verteilung, die zu forma- ter- und Überfahrt) im Gebäude, Durchbruch neu zu mauern – etwa wenn die Mauer teil-
len und konstruktiven Problemen führt. Daher ist durch Decken, Körperschallschutz zu angren- weise nachzuarbeiten wäre, viele unbrauch-
eine frühzeitige Konzeption unter Einbeziehung zenden Räumen (Abb. B 1.10). bare Oberflächen übereinanderliegen oder
von Fachplanern dringend anzuraten. • geringfügige Höhenunterschiede mit Stufen: der Putz untauglich ist.
Rollstuhlgerechte Rampen mit bis zu 6 % • Steht der Bestand der neuen Nutzung ent-
Bauphysik Steigung haben eine Länge von ca. 3 m pro gegen?
Die Sanierung von Altbauten geht immer mit Stufe und lassen sich, abgesehen vom räum- Dies betrifft sämtliche Maßnahmen zur Ertüch-
der Veränderung von bauphysikalischen Eigen- lich-formalen Eingriff, schon bei wenigen Stu- tigung der Standsicherheit, der Bauphysik und
schaften einher. Fast immer ist die Ertüchti- fen nicht verwirklichen. Lässt sich der Aufzug der technischen Gebäudeausrüstung. Bei-
gung von Wärme- und Schallschutz notwendig. nicht so platzieren, dass er mehrere Halte- spielsweise wird man die intakte Holzbalken-
Aber schon der vermeintlich harmlose Einbau stellen pro Geschoss anfährt (Durchlader), decke eines Mehrfamilienhauses infrage stel-
von normgerechten, wesentlich dichter schlie- schaffen nur stufenbegleitende Schrägauf- len, wenn der Umbau zu einem Niedrigener-
ßenden Fenstern kann zu Folgeschäden an züge Abhilfe. giehaus nur durch den Einsatz einer Fußbo-
Bauteilen führen, die in den letzten hundert • Türschwellen: Barrierefreiheit bedeutet für denheizung sinnvoll ist und der Schallschutz
Jahren schadensfrei waren. Insofern sind bau- Rollstuhlfahrer, dass Schwellen nicht höher heutigen Ansprüchen genügen muss. Die
physikalische Überlegungen – am besten als 2 cm sein dürfen; historische Holztür- Kosten der statisch und schalltechnisch er-
durch Fachplaner – frühzeitig in die Planung schwellen sind allerdings oft höher. Das Ab- tüchtigten Bestandsdecke liegen dann even-
einzubeziehen, auch wenn es sich um ver- wägen zwischen historischer Wirkung einer tuell nur wenig unter jenen einer neuen Stahl-
meintliche Standardmaßnahmen handelt. Von Tür und Barrierefreiheit sollte zugunsten letz- betondecke, wobei die neue Konstruktion grö-
Herstellern als unbedenklich empfohlene Bau- terer entschieden werden. ßere Sicherheiten in der Mängelfreiheit bietet.
teile sollten ebenfalls hinterfragt werden, gelten • zu geringe Durchgangsbreiten: Das Verbrei-
sie zwar uneingeschränkt für Neubauten, aber tern von Türdurchgängen bedeutet immer Sämtliche Bauteile des Bestands sollten
nicht für jede Anwendung im Umbau. auch den Austausch des Sturzes, also einen diesen Fragen unterzogen werden, um eine
Kritisch sind vor allem die Maßnahmen, die den Eingriff in die Standsicherheit. Da aber schon sinnvolle Abbruchplanung erstellen zu kön-
Dampfdruckausgleich zwischen innen und lichte Rohbaumaße von ca. 1 m ausreichend nen. Rein pragmatische Betrachtungen zei-
außen verändern, also jede Art von Dämmung sind, hält sich der Aufwand für diese Maß- gen, dass man sich im Zweifel eher für den
(auch Schalldämmung), Verkleidung und Be- nahme in Grenzen. Abbruch entscheiden sollte. Bestand zu
schichtung. erhalten, birgt immer Unsicherheiten für Pla-
Abbruch ner und Bauherr – in der Bauphase wie auch
Barrierefreies Bauen Die Basis des Umbaus ist die zu erhaltende während der Gewährleistung. Neu einge-
Einige europäische Länder haben strenge Re- Bausubstanz, die nicht zu verwechseln ist mit fügte Bauteile hingegen sind hinsichtlich
geln zur Barrierefreiheit von Gebäuden, insbe- dem Bestand. Im Planungsprozess ist zu klä- Kosten, Technik und Gewährleistung kontrol-
sondere jene mit öffentlicher Nutzung. Auch ren, wie viel vom Bestand abgebrochen wer- lierbar. Dem entgegenzusetzen ist allerdings
wenn es in Deutschland keine generelle Ver- den soll. Drei wichtige Fragen bilden die Ent- immer die erste Frage nach dem Wert des
pflichtung zur Nachrüstung gibt, so bleibt strit- scheidungsgrundlage: Bestands.
tig, ob nicht mit dem Verlust des Bestands- Jeder Abbruch stellt einen Eingriff in die sta-
schutzes auch die Verpflichtung zur Barriere- • Wie wertvoll ist der Bestand? tischen Gegebenheiten des Gebäudes dar.
freiheit bindend wird. Dies ist nicht nur nach objektiven, denkmal- Dazu gehören die Veränderung von Lasten
Sinnvollerweise sollten alle Entwurfselemente pflegerischen Gesichtspunkten zu beantwor- durch Abbruch, das zeitweise Lagern von Ab-
daraufhin untersucht werden, ob sie barrierefrei ten, sondern als Teil des Entwurfskonzepts. bruchmaterial im Gebäude und Erschütte-
ausgestaltet werden können, da dies nicht nur Bestehende Bauteile können baugeschicht- rungen während des Abbruchs. All dies kann
Rechtssicherheit schafft, sondern auch zusätz- lich wertlos sein, für das »Image« des Ge- zu Schäden, insbesondere Rissen, im Bestand
lichen Komfort für alle Benutzer bietet. Die üb- bäudes jedoch entscheidend. Insbesondere führen, auch wenn nur nichttragende Bauteile
lichen Probleme sind: wenn die Entstehungszeit oder die frühere von Abbruchmaßnahmen betroffen sind.
Nutzung erlebbar bleiben soll, müssen auch
• fehlender Aufzug: Der Einbau eines behinder- Bauteile erhalten werden, die nach anderen »Aufräumen«
tengerechten Aufzugs bietet große konstruk- Gesichtspunkten abzubrechen wären. Der erste Abbruch betrifft sämtliche Maßnah-

29
Sanierungen planen

men an nichttragenden Bauteilen. Abgebro- len kommen Hydraulikbagger mit Anbauwerk-


chen werden alle Oberflächen und Materialien, zeugen wie Abbruchzange, Pulverisierer und
die definitiv unbrauchbar sind. Dies können bei Stahlschere zum Einsatz. Diese können bei Ge-
einer Vollsanierung z. B. Trennwände, Boden- bäudehöhen von bis zu 40 m eingesetzt wer-
beläge, Wandbeläge, Unterdecken, ungenü- den. Das wesentlich spektakulärere Sprengen
gende Dämmschichten, Sanitäreinrichtungen, wird hingegen nur bei 4 % aller Gebäudeab-
Elektroinstallationen oder Wasserleitungen brüche angewendet und hier auch hauptsäch-
sein. Der »aufgeräumte« Bestand erlaubt nun lich bei schweren Industriegebäuden oder Son-
wesentlich bessere Bewertungs- und Aufmaß- derbauwerken wie Brücken, Kühltürmen oder
möglichkeiten; er kommt dem zuvor beschrie- Fußballstadien. Auch der Abbruch von Platten-
benem »Rohbauplan« nahe. Da diese Maßnah- bauten geschieht vornehmlich mit hydrauli-
men sowieso erfolgen und baugenehmigungs- schen Werkzeugen. Abb. B 1.15 listet die ver-
frei sind, sollten sie so früh wie möglich durch- schiedenen Techniken und deren Einsatzge-
geführt werden, am besten schon zu Beginn biete auf.
der Entwurfsplanung.
Bei diesen Abbruchmaßnahmen ist unbedingt Ökonomie
B 1.12 für einen Schutz der erhaltenswerten Oberflä- Die bereits gestellte Frage, ob sich ein Umbau
B 1.12 Abbruch eines Bürogebäudes
B 1.13 Elektrowandsäge
chen zu sorgen, auch weil die Arbeiten meist lohnt, lässt sich als Gesamtmaßnahme unge-
B 1.14 Kernbohrer von ungelernten Arbeitern durchgeführt werden fähr berechnen. Dazu sind einige Teilkosten zu
B 1.15 Abbruchmethoden und die Firmen während des eigentlichens Um- ermitteln:
baus nicht mehr präsent sind.
• Einkaufswert des Bestands bzw. dessen po-
Entkernen tenzieller Verkaufswert (ohne Grundstücks-
Beim Entkernen bleibt nur die Außenhülle des anteil)
Gebäudes erhalten; auch tragende und aus- • Kosten für Abbruchmaßnahmen bis zum
steifende Bauteile im Kern werden vollständig Rohbauzustand
entfernt. Das Gebäudeinnere ist meist ein • Kosten für außergewöhnliche Sanierungs-
selbstständig tragfähiger, eigener Baukörper; maßnahmen wie z. B. Trockenlegung, Einbau
die Lasten aus den erhaltenen Fassaden horizontaler Sperren, Ertüchtigung der Stand-
werden nach Fertigstellung vom Neubau sicherheit
getragen, auch wenn sie ursprünglich selbst • Kosten eines vergleichbaren Rohbaus aus
eine tragende Funktion hatten. Die vollstän- Kubaturansätzen eines Neubaus
dige Entkernung verlangt nach umfangreichen,
teuren Sicherungsmaßnahmen, außerdem Liegt der ermittelte Neubauwert deutlich unter
wird bereits bezahlte, eigentlich nutzbare der Summe der ersten drei Positionen, sollte
Bausubstanz entfernt, was die Gesamtkosten aus ökonomischer Sicht von einem Umbau
deutlich erhöht. Hierin liegt auch das Haupt- Abstand genommen oder ein Komplettabbruch
problem der Entkernung, die sich für Privat- in Erwägung gezogen werden. Dies kann
bauherren nur lohnen, wenn die Nutzung insbesondere dann vorkommen, wenn die
deutlich intensiviert werden kann. Dies kann Substanz sehr stark geschädigt oder die ge-
z. B. über geringere Geschosshöhen oder plante Nutzung nicht mit dem Bestand kom-
die Zusammenlegung von mehreren Gebäuden patibel ist.
zu einem neu erschlossenen Gesamtbauwerk Sollten viele Bauteile des Ausbaus ohne Sa-
erfolgen. Die dann auftretende Diskrepanz nierungsmaßnahmen weiterhin nutzbar sein,
zwischen Außenhaut und innerer Struktur ist kann man davon ausgehen, dass sich ein
kaum zu verdecken und wird in der Fachwelt Umbau lohnt. Zu sanierende Oberflächen und
regelmäßig heftig kritisiert. Daher wird diese Bauteile sollte man hingegen nicht auf der
Methode nur in begründeten Einzelfällen an- Habenseite verbuchen, da sich die Kosten für
gewendet, z. B. bei denkmalgeschützten die Sanierung oft dem Neuanschaffungspreis
Fassaden. annähern.
B 1.13
Komplettabbruch Ökologie
Beim vollständigen Abbruch von Gebäuden Abgebrochene Materialien stellen – zählt
sind neben der DIN 18 007 auch Bauvorschrif- man den Bodenaushub (160 Mio. Tonnen pro
ten (Abbruchgenehmigung), Statik (spezielle Jahr) hinzu – mengenmäßig die größte Gruppe
Abbruchstatik), Sicherheitsrichtlinien für Be- (245 Mio. t) des gesamten Abfallaufkommens
schäftigte und Anrainer sowie Umweltschutz- in Deutschland dar. Bauschutt (53,4 Mio. t)
maßnahmen für Schad- und Gefahrstoffe zu wird zu 76 % recycelt, nur 8 % (4,2 Mio. t)
beachten. Die beim Komplettabbruch einge- landen auf der Deponie. Der relativ hohe
setzten Verfahren sind vielfältig. Welche von Recyclinganteil resultiert aus dem großen An-
ihnen zum Tragen kommen, hängt im Wesent- teil an mineralischem Schutt, der beim Ab-
lichen von zwei Gegebenheiten ab: der Ausfüh- bruch anfällt. 98 % des Gewichts eines voll-
rung der vertikalen Tragelemente (Mauerwerk, ständig abgebrochenen Mehrfamilienhauses
Stahlbeton, Stahl) und der Lage des Gebäudes entfallen auf diese Stoffgruppe. Metalle wer-
(offene oder geschlossene Bebauung). Die den sogar zu 100 % verwertet, kommen jedoch
Ausführungsart der Decken spielt hingegen nur bei Industriebauten in großem Umfang
eine untergeordnete Rolle. In den meisten Fäl- vor. Die nicht oder nur mit hohem Aufwand
B 1.14

30
Sanierungen planen

recycelbaren Stoffgruppen wie Holz oder Glas Man sollte aus ökologischen Gründen auch un- • Man vermeide zu große Eingriffe in die ur-
werden auf Deponien entsorgt. In Zukunft wird tersuchen, ob einige Bauteile nicht im Bestand sprüngliche, insbesondere statische Sub-
deren Menge jedoch steigen, denn viele Bau- verbleiben können anstatt entsorgt zu werden stanz. Eingriffe über das Entwurfskonzept
stoffe der letzten 40 Jahre sind im Gegensatz und muss dieses dem ökonomischen Argu- des ursprünglichen Planers hinaus sind nicht
zu den vor 1965 verwendeten schlechter wie- ment entgegenhalten. Zu überlegen ist auch reversibel und sollten gut begründet sein.
derverwertbar. Dies betrifft z. B. Wärmedämm- ein Direktrecycling von Bauteilen, d. h. die Wie- • Neue Bauteile können so geplant werden,
stoffe, Porenbetonsteine, Kunststoffbeläge, derverwendung alter Bauteile als Ganzes. So dass man sie später wieder problemlos
Gipskartonplatten, Gips- und Kunststoffputze. ist die Wiederverwendung von intakten Dach- entfernen kann (z. B. Stahl-Stahlbeton-Ver-
Häufig ist es auch die »untrennbare« Verbin- ziegeln auch auf neuen Dachstühlen nicht bunddecke statt Stahlbetondecke). Dies gilt
dung der Materialien – wie bei Wärmedämm- teurer, dafür aber ökologisch sinnvoller als eine umso mehr, wenn sie nur für eine spezielle
verbundsystemen –, die eine Wiederverwen- Neueindeckung mit Betondachsteinen. Gute Nutzung zu gebrauchen sind.
dung erschwert. Erfahrungen gibt es auch bei der Wiederver- • Die jetzige Nutzung störende, jedoch poten-
Nicht oder nur schwer recycelbare Baustoffe wendung von Plattenbauelementen, wobei ein ziell zeittypische oder wertvolle Oberflächen
bzw. Bauteile verursachen höhere Kosten im Einsparpotenzial von bis zu 20 % der Rohbau- können verdeckt statt endgültig abgebro-
Abbruch, da entweder Deponiekosten anfallen kosten möglich sein soll. chen werden.
(PVC-Beläge) oder die Trennung in Fraktionen • Neu- und Umbauten sollten als Arbeitsgrund-
auf der Baustelle (Gipskartonwände) relativ Nach dem Umbau ist vor dem Umbau lage für spätere Planer umfassend dokumen-
aufwendig ist. Das Trennen der Fraktionen Nachhaltigkeit ist ein Schlagwort der letzten tiert werden – sowohl in Daten- als auch in
lohnt sich auch bei Kleinabbrüchen, wenn man Jahre, das immer wieder im Zusammenhang Papierform.
hierdurch den mineralischen Schutt gesondert mit Umbaumaßnahmen fällt. Die Weiternut- • Neu eingesetzte Materialien sollten so ge-
abfahren kann. Dabei ist jedoch darauf zu zung bestehender Substanz kann aus ökolo- wählt werden, dass sie dem Bestand nicht
achten, dass zwar Fliesen und Putz auf einer gischen und ökonomischen wie auch aus schaden und später problemlos entsorgt
abzubrechenden Wand verbleiben können, sozialen oder formalen Gründen angeraten bzw. recycelt werden können.
nicht jedoch mehrere Lagen Tapeten oder gar sein. Dabei darf nicht vergessen werden,
Holz- oder PVC-Verkleidungen. dass auch der beste Umbau nur für eine be- Renovierungszyklen bedeuten auch, dass
Die Gruppe der zu entsorgenden gesundheits- schränkte Dauer nutzbar ist. Technischer Fort- einige Bauteile womöglich schon ausgetauscht
schädlichen Baustoffe ist zwar mengenmäßig schritt, veränderte Gesetze und Normen, ge- worden sind, obwohl andere noch aus der
klein, kann aber beträchtliche Kosten verur- wandelte Komfortansprüche und obsolet ge- Bauzeit stammen. Gebäude der Gründerzeit
sachen. Dabei gilt es zu bedenken, dass die wordene Nutzungen sind nicht nur der Grund haben – auch ohne Kriegsschäden – mit
Arbeiter während des Abbruchs mit dem Stoff für den heutigen Umbau, sondern auch für Sicherheit schon mehrere Sanierungsphasen
in Berührung kommen, dessen Gefährlichkeit jenen in der Zukunft. Diesem Umstand kann hinter sich und können dementsprechend
sie – weil oft ungelernt und nur vorübergehend man durch einige Grundsätze in der Planung Bautechniken mehrerer Epochen in sich ver-
beschäftigt – nicht kennen. Rechnung tragen: einen.

Bauwerksart Fall Hand- Seilzug Strahl- Abbruch- Abbruch- Sprenger Demontage / Abbruch- Abbruch- Hydraulik-
abbruch masse hammer und Sortier- Hebezeug stiel zange bagger für
greifer Abbruch

Hochbauten 1 – –  – – +  + + –
Skelettbau 2 – – –  – +  + + –
3 –   – –  + + + –
4  –  – – – + – – –

Hochbauten 1 –   – – +  + + +
Wandbau 2 –   – – +  + + +
3 – +  – –   + + +
4  –  – – – +   
Hochbauten 1 –   – – +  + + +
Mischbauweise 2 –   – – +  + + +
3 –  – – – +  + + 
4  – – – – – + + + 
Flachbauten 1 –   – + +   + +
2 –   – + +   + +
3 –   – + +   + +
4  + – –  –   + +

turmartige 1 – – – – – + – + – –
Bauwerke 2 – – – – – +   – –
3 – –  – –  + + – –
4 – –  – – – + – – –

Fall 1: Abbruchbaustelle frei, Abbruchobjekt frei stehend + = bevorzugt


Fall 2: Abbruchbaustelle frei, Abbruchobjekt begrenzt  = vertretbar
Fall 3: Abbruchbaustelle begrenzt, Abbruchobjekt frei stehend – = nicht vertretbar / nicht anwendbar
Fall 4: Abbruchbaustelle begrenzt, Abbruchobjekt begrenzt
Anmerkung: Beim Abbruch von Bauwerken aus Stahl werden bevorzugt Demontage, Stahlschere oder Seilzugverfahren angewendet.

B 1.15

31
Bauphysik

Harald Krause, Jochen Pfau,


Ulrich Schanda, Elmar Schröder

B 2.1
Die Sanierung eines Gebäudes beeinflusst diese Gebäude stehen aufgrund der Lebens-
immer auch dessen Wärme- und Feuchtehaus- zeit in den nächsten Jahren Sanierungsmaß-
halt und damit die Raumklimatik. Ziel einer nahmen an. Hier bietet sich die Chance, die
energetischen Sanierung ist die Reduzierung Gebäudesubstanz auch energetisch auf einen
der Wärmeströme von innen nach außen im Stand zu bringen, der den Herausforderungen
Winter und umgekehrt im Sommer. Neben der im sparsamen Umgang mit unseren Ressour-
Anbringung von Wärmedämmung spielt dabei cen der nächsten 30 Jahre Rechnung trägt.
auch die Verbesserung der Gebäudedichtheit Die unterschiedlichen Energiestandards zeigt
eine wesentliche Rolle. Beide Maßnahmen Abb. B 2.2. Dargestellt ist der Endenergiever-
sowie eine entsprechende Heizungs- und Lüf- brauch für Warmwasserbereitung und Heizung
tungstechnik sollten aufeinander abgestimmt sowie der Haushaltsstromverbrauch. Zwischen
für ein behagliches Raumklima sorgen und dem Heiwärmeverbrauch eines Altbaus und
Energieeinsparung sowie die Vermeidung von dem bereits etablierten Passivhausstandard
Bauschäden bewirken. Nur dann ist eine Sa- liegt ungefähr der Faktor 10. Zwar wird der
nierung dauerhaft erfolgreich. Passivhausstandard mit einem auf die Wohn-
Neben der energetischen Betrachtung sollten fläche bezogenen Jahresheizwärmebedarf von
im Rahmen einer Sanierung auch der Schall- 15 kWh / m2a in der Sanierung nicht immer
und Brandschutz überprüft und wenn nötig den möglich sein, dennoch zeigen zahlreiche doku-
aktuellen Anforderungen angepasst werden. mentierte Projekte, dass eine Reduktion des
Verbesserter Schallschutz bedeutet erhöhte Energieverbrauchs zwischen 75 und 80 % auch
Luft- und vor allem Trittschalldämmung sowie wirtschaftlich sinnvoll ist [1]. Durch den starken
die Vermeidung von Installationsgeräuschen. Anstieg der Energiekosten in den letzten Jah-
Für den Brandschutz muss ein Gesamtkonzept ren sind die gesetzlichen Vorgaben für wärme-
von den Fluchtwegen über die Bauteileigen- dämmende Maßnahmen nach der geltenden
schaften bis zur Brandbekämpfung erstellt Energieeinsparverordnung (EnEV) aus wirt-
werden. schaftlicher Sicht nicht mehr aktuell. Die ge-
Bei allen Maßnahmen ist zu bedenken, dass die forderten Dämmstärken und Bauteilkennwerte
Sanierung mindestens den Anforderungen der basieren auf den Energiekosten von vor zehn
nächsten 30 Jahre gerecht wird. Kürzere Sanie- Jahren. In der nächsten Fassung der EnEV,
rungsintervalle sind mit Sicherheit unwirtschaft- die für 2009 geplant ist, soll der laut Vorgaben
lich. Ob dabei die Einhaltung der Mindeststan- einzuhaltende Energiebedarf deshalb um ca.
dards die richtige Zielsetzung ist, muss vor Be- 30 %, in einem weiteren Schritt nochmals um
ginn der Planungen überprüft werden. 30 % reduziert werden.
Eine Verbesserung der Energieeffizienz im Be-
stand um bis zu 80 % setzt eine Komplettsanie-
Energieeffizienz, Wärme- und Feuchteschutz rung voraus, für die wie im Neubau integrale
Planungsansätze notwendig sind. Durch eine
Nicht nur bei Neubauten, auch bei der Sanie- solche Sanierung ergeben sich langfristig meh-
rung von Gebäuden steht die Energieeffizienz rere Vorteile für Eigentümer und Nutzer:
B 2.1 Thermografieaufnahme eines Wohngebäudes inzwischen im Mittelpunkt der Planungsleis-
B 2.2 Endenergiebedarf verschiedener Baustandards in tungen. In Deutschland werden ca. 30 % des • Umsetzung eines gesamtheitlichen Konzepts
Deutschland inklusive Haushaltsstrom Primärenergieverbrauchs für die Beheizung von für Wärmedämmung und Gebäudetechnik
B 2.3 Anteile am Primärenergieverbrauch in Deutsch-
Gebäuden aufgebracht (Abb. B 2.3). Eine ver- • Optimierung von Wärmebrücken in allen
land
B 2.4 Anteil der Unzufriedenen (PD) in Abhängigkeit besserte Energieeffizienz in diesem Bereich Anschlussdetails
von der Bodentemperatur nach DIN EN ISO 7730 würde einen merklichen Beitrag zur Ressour- • Inanspruchnahme von Fördermitteln
B 2.5 Behaglichkeit in Abhängigkeit von der Lufttempe- censchonung sowie zum Klimaschutz liefern. • Werterhaltung und -steigerung
ratur und der Temperatur der Umfassungsflächen Den Hauptanteil am Energieverbrauch verur-
B 2.6 Isothermenverlauf für einen Sockelanschluss:
Durch die Dämmmaßnahmen wird die innere
sacht der Gebäudebestand, insbesondere die Der wirtschaftlich richtige Zeitpunkt für eine
Oberflächentemperatur so weit angehoben, dass Gebäude, die vor der ersten Wärmeschutzver- en ergetische Sanierung ist dann gegeben,
keine Schimmelgefahr besteht. ordnung (WSVO) 1977 errichtet wurden. Für wenn die Modernisierung wichtiger Bauteile

32
Bauphysik

300

Anteil Unzufriedener (PD) [%]

PD
Endenergiebedarf [kWh/m2a]

250 80
60
200 33 % 5% 40
150
2% 20
100

50 20 % 10
0 8
6

Passiv-
EnEV 07

3l-Haus
Bestand

WSVO 84

WSVO 95

40 % 4

haus
2
mech. Energie
Licht
Raumwärme 1
Haushaltsstrom Warmwasser 5 10 15 20 25 30 35 40
Warmwasser
Lüfterstrom Heizwärme Prozesswärme Bodentemperatur [°C]
B 2.2 B 2.3 B 2.4
wie z. B. Dach oder Außenputz ansteht. Aktu- Ebenso beeinflussen Luftgeschwindigkeiten, luft, Temperaturasymmetrie, Oberflächentem-
elle Studien zeigen, dass sich eine Außen- die als Zugluft empfunden werden, die Behag- peraturen, Temperaturgefälle) kann aus Dia-
wanddämmung sogar bereits im Zusammen- lichkeit. Besonders kritisch sind dabei Luftge- grammen der Anteil der Unzufriedenen abge-
hang mit einem fälligen Neuanstrich lohnt [2]. schwindigkeiten im Fußbereich, weshalb diese lesen werden, wie das Beispiel der Bodentem-
Welche Sanierungsmaßnahmen beim jewei- auf 0,15 m / s begrenzt werden sollten. Luftzug peraturen in Abb. B 2.4 zeigt.
ligen Objekt optimal sind, lässt sich nur durch kann durch Undichtheiten, Lüftungsanlagen Für konkrete Anforderungen werden in der ISO
eine detaillierte Analyse der Energiebilanz des und Luftabfall an kalten Oberflächen entstehen. 7730 Kategorien des Umgebungsklimas defi-
Gebäudes und der Kosten für die möglichen Auch die Temperaturschichtung im Raum kann niert. Dabei gilt es sowohl die globalen als
Maßnahmen entscheiden. Inzwischen kann zu einem Unbehaglichkeitsgefühl beitragen. auch die lokalen Behaglichkeitskriterien ein-
auch auf gut dokumentierte Referenzprojekte Das vertikale Temperaturgefälle im Raum sollte zuhalten.
und entsprechende Software zurückgegriffen 2 °C je Meter nicht überschreiten. Dabei wird Die energetische Sanierung eines Gebäudes
werden [3]. meist für eine sitzende Person der Unterschied kann aus mehreren Gründen zur Optimierung
zwischen Knöchel und Nackenhöhe beurteilt. der thermischen Behaglichkeit beitragen. Bes-
Wärmeschutz und Behaglichkeit Bei Böden sollten sich die Oberflächentempe- sere Dämmwerte bewirken unmittelbar höhere
Bei der Betrachtung der Vorteile eines gut raturen in einem Bereich von 19 bis 29 °C be- innere Oberflächentemperaturen und reduzie-
gedämmten Gebäudes wird dem Aspekt der wegen. Diese Werte gehen als feste Größe ren damit das Risiko für Strahlungstemperatur-
verbesserten Behaglichkeit noch zu wenig sowohl in die Planung von Dämmmaßnahmen asymmetrie und Kaltluftabfall. Der Einfluss des
Bedeutung beigemessen. Durch die Untersu- als auch in die Auslegung von Bodenheizun- Heizungssystems auf die Behaglichkeit wird
chungen von Ole Fanger, Professor an Däne- gen ein. dadurch geringer. Eine verbesserte Dichtheit
marks Technischer Universität (DTU), konnte Neben diesen rein thermischen Einflussgrößen vermindert das Zugluftrisiko. Im Passivhaus
nachgewiesen werden, dass das Wohlbefinden ist die Raumluftfeuchte entscheidend. Bei sit- spielt die Anordnung und Art der Heizflächen
des Menschen von den Umgebungsbedin- zender Tätigkeit und Raumlufttemperaturen von fast keine Rolle mehr. Somit ergeben sich bei
gungen abhängt und die Einflussfaktoren aus 20 °C wird eine relative Feuchte zwischen 35 gesamtheitlicher Planung geringere Kosten für
messbaren Größen abgeleitet werden können und 65 % als behaglich empfunden. die Heizungstechnik und mehr Freiräume bei
[4]. Die Erkenntnisse wurden in der DIN EN ISO Die DIN EN ISO 7730 fasst die globale Behag- der Raumgestaltung, da auch bei großen Fens-
7730 zusammengefasst [5]. Für den Niedrig- lichkeit im PMV- bzw. PPD-Index zusammen. terflächen keine Heizflächen zur Kompensation
energiehausstandard hat die Deutsche Ener- Der PMV-Index (Predicted Mean Vote) bezeich- niedriger Oberflächentemperaturen am Fenster
gie-Agentur (dena) aktuelle Untersuchungen in net die vorhersagbare mittlere Beurteilung des platziert werden müssen.
einem Planungsleitfaden veröffentlicht [6]. Raumklimas. Aus diesem Index lässt sich der Im Sommer verhindert eine verbesserte Wär-
Eine wesentliche Rolle für die thermische Be- PPD-Wert (Predicted Percentage of Dissatis- medämmung eine Überhitzung, vor allem in
haglichkeit spielt die operative bzw. empfun- fied) ableiten, der den Anteil derjenigen angibt, Dachgeschossen. Als Maßstab dient die Über-
dene Raumtemperatur. Diese kann näherungs- die mit dem vorherrschenden Raumklima unzu- temperaturhäufigkeit. Diese gibt an, wie häufig
weise als Mittelwert aus der Raumluft- und frieden sind. Für die lokale Behaglichkeit (Zug- eine festgelegte Innentemperatur in Bezug auf
Oberflächentemperatur der Umfassungsflä-
30
mittlere Temperatur Umfassungsflächen t U[ °C]

chen ermittelt werden. Niedrige Oberflächen- unbehaglich warm


28 noch behaglich
temperaturen können somit durch höhere Luft-
temperaturen kompensiert werden, wobei als 26
Grenzwert für die maximale Differenz zwischen
24
mittlerer Oberflächen- und Lufttemperatur
1,5 – 3,0 °C gelten (Abb. B 2.5). 22
behaglich
Einen weiteren Einfluss auf die Behaglichkeit
20
hat die Strahlungstemperaturasymmetrie. Diese
entsteht durch unterschiedliche Oberflächen- 18
temperaturen innerhalb eines Raums. Ein Bei- 16
spiel dafür stellt eine kalte Fensterfront auf der
einen und eine Innenwand mit Raumlufttempe- 14
unbehaglich kalt
ratur auf der anderen Seite dar. Durch den 12
Strahlungsaustausch mit der Umgebung küh- 10
len die Körperbereiche, die der kalten Ober- 12 14 16 18 20 22 24 26 28
fläche zugewendet sind, stärker aus. Lufttemperatur t L [°C]
B 2.5 B 2.6

33
Bauphysik

die Aufenthaltsdauer in einem Raum über- früher üblichen Wärmeleitfähigkeitsgruppen Der Gesamtenergiedurchlassgrad g gibt den
schritten wird. Im Wohnungsbau soll nach DIN (WLG) abgelöst haben [9]. Anteil der auf eine Verglasung treffenden Son-
4108-2 die Temperatur höchstens an 10 % der Bei einer energetischen Sanierung mit einem nenenergie an, der ins Rauminnere gelangt und
Jahresstunden über 25 °C betragen. [7]. höheren Standard als dem gesetzlich vorge- damit als Energiegewinn in der kalten Jahres-
schriebenen sind die vorhanden U-Werte meist zeit zur Verfügung steht. Er wird nach DIN EN
Bestandsaufnahme zu vernachlässigen, da die Wärmedurchlass- 410 bestimmt [15].
Ziel der Bestandsaufnahme ist die Ermittlung widerstände der Dämmschichten in der Regel Insgesamt lassen sich Fenster im Bestand auf
der relevanten wärme- und feuchtetechnischen wesentlich größer sind als die der Bausubs- wenige Typen reduzieren. Für die Berechnung
Kenndaten inklusive der jeweiligen Bauteilauf- tanz. Die U-Werte werden nach der Sanierung der Energiebilanz werden zusätzlich die g-Wer-
bauten und Schichtdicken. Besondere Sorgfalt vor allem durch die Wärmedämmschichten be- te benötigt, die vom Scheibenaufbau abhän-
bedarf die Analyse von Wärmebrücken im Hin- stimmt. Eine direkte messtechnische Ermittlung gen. Für Vollholztüren lassen sich die U-Werte
blick auf Energieverluste, aber auch zur Vermei- des U-Werts ist im Allgemeinen sehr aufwendig aus der Holzdicke näherungsweise berechnen,
dung von Feuchteschäden nach der Sanierung. und zudem ungenau, sodass hiervon eher ab- für Metalltüren mit Verglasung können die
geraten wird. Eine entsprechende Norm wurde Werte aus Abb. B 2.8 a herangezogen werden.
U-Werte für Außenbauteile zurückgezogen.
Die thermische Qualität eines Bauteils wird In der Praxis orientieren sich Bauphysiker, Ar- Feuchtetechnische Kennwerte
durch den U-Wert beschrieben. Dieser gibt an, chitekten und Planer an typischen Aufbauten, Im gängigen Glaserverfahren nach DIN 4108-6
wie viel Wärmeleistung pro Quadratmeter bei die auch in der Literatur beschrieben sind [10] wird unter stationären Innen- und Außenklima-
einer Temperaturdifferenz von 1 Kelvin durch (Abb. B 2.9, 15 und 17). Inzwischen gibt es bedingungen der Tauwasserausfall innerhalb
das Bauteil fließt. Die Berechnung des U-Werts diesbezüglich ebenfalls Datenbanken im Inter- von Bauteilen untersucht und hinsichtlich von
für Außenbauteile, außer Fenster und Türen, net [11]. Bauschäden beurteilt. In diesem Verfahren wird
erfolgt nach DIN EN 6946 [8]. lediglich die Wasserdampfdiffusion als Trans-
Die genauen wärmetechnischen Daten von U- und g-Werte für Fenster und Türen portmechanismus berücksichtigt. Daneben
Altbauten sind meist nicht bekannt. Zunächst U-Werte für Fenster und Türen werden nach spielen Oberflächendiffusion und Kapillar-
sollten die regional zum Bauzeitpunkt üblichen DIN EN 10 077 ermittelt [12]. Dazu benötigt transport bei höheren Feuchten eine entschei-
Materialien und deren Wärmeleitfähigkeit re- man die U-Werte des Glases nach DIN EN 673, dende Rolle. Bei dynamischen Betrachtungen
cherchiert werden, soweit diese nicht erkenn- des Rahmens und die Eigenschaften des Ab- wird zusätzlich die Feuchtespeicherung, d. h.
bar sind. Die Wärmeleitfähigkeit eines Materials standhalters des Isolierglases sowie die Fen- das Sorptionsvermögen von Baustoffen, mit
beschreibt die Fähigkeit, Wärmeenergie zu sterabmessungen [13]. Alle Werte liefert der berücksichtigt. Gravierende Schäden werden
transportieren und dient als Eingangsgröße für jeweilige Hersteller. Vereinfachungen ergeben oft durch konvektiven Feuchtetransport über
die Berechnung von U-Werten. Für Nachweise sich im Verfahren nach DIN 4108 [14]. Glas- Fugen oder Undichtheiten hervorgerufen. We-
sind ausschließlich Bemessungswerte der Wär- teilende Sprossen gehen in die Berechnungen sentliche feuchtetechnische Kenndaten eines
meleitfähigkeiten zu verwenden, welche die des U-Werts mit ein. Materials sind:

hinter Außen- Laibung Vergla- Rand- Außenwand Außenwand Fenstertyp Baujahr Fenster GlasRahmen Gesamtenergie-
Schrank wand sung verbund Fußpunkt Kante durchlassgrad
Uw Ug Uf g-Wert
5,0 15,5 11,0 10,2 8,0 10,1 8,7
[W/m2K] [W/m2K] [W/m2K] [–]
Holzrahmen mit
bis 1960 5,0 5,8 1,6 – 2,2 0,9 – 0,85
Einfachglas
Kastenfenster mit
1870 –1945 2,6 – 2,8 2,8 1,6 – 2,3 0,8 – 0,76
zwei Einfachgläsern
Verbundfenster mit
1950 –1965 2,5 – 2,7 2,8 1,6 – 2,2 0,8 – 0,76
zwei Einfachgläsern
Holzrahmen mit
1960 –1985 2,6 – 2,7 3,0 – 2,8 1,6 – 2,0 0,8 – 0,76
Zweischeibenisolierglas
Kunststoffrahmen mit
1965 –1985 2,6 – 3,0 3,0 – 2,8 1,6 – 2,5 0,8 – 0,76
Zweischeibenisolierglas
Aluminiumrahmen mit
Randbedingungen: -5 °C; 20 °C Zweischeibenisolierglas
1965 –1985 3,2– 4,3 3,0 – 2,8 3,5 –7,0 0,8 – 0,76

a a

hinter Außen- Laibung Vergla- Rand- Außenwand Außenwand Fenstertyp Scheiben- Gas- Fenster GlasRahmen Gesamtenergie-
Schrank wand sung verbund Fußpunkt Kante aufbau füllung durchlassgrad
16,5 19,5 16,0 17,7 13,0 16,7 17,8 Uw Ug Uf g-Wert
[mm] [W/m2K] [W/m2K] [W/m2K] [–]
Holz IV68 4-16-4 Argon 1,4 –1,5 1,2 1,5 0,60 – 0,64
Kunststoff
4-16-4 Argon 1,5 –1,6 1,2 1,7 –1,8 0,60 – 0,64
3-Kammer
Kunststoff
4-16-4 Argon 1,4 1,2 1,2 0,60 – 0,64
5-Kammer
Holz IV68 4-16-4-16-4 Argon 1,1 –1,2 0,6 1,5 0,45 – 0,55
Kunststoff
4-16-4-16-4 Argon 1,1 0,6 1,2 0,45 – 0,55
5-Kammer
Passivhaus-
4-16-4-16-4 Argon 0,8 0,6 0,8 0,45 – 0,55
rahmen
Passivhaus-
Randbedingungen: -5 °C; 20 °C 4-12-4-12-4 Krypton 0,75 0,5 0,8 0,45 – 0,55
rahmen
b B 2.7 b B 2.8

34
Bauphysik

Bodenplatte / typischer Zeitraum U-Wert sanierter U-Wert saniert B 2.7 a typische innere Oberflächentemperaturen in
Kellerdecke Aufbau unsaniert Aufbau einem Altbau
Dämmstärken mit λ B = 0,040 W / mK b innere Oberflächentemperaturen nach Sanie-
12 cm 16 cm 20 cm 25 cm rung (Passivhausstandard)
[W/m2K] [W/m2K] B 2.8 a Kenndaten alter Fensterkonstruktionen
b U-Werte aktueller Fensterkonstruktionen für
Bodenplatte Bodenbelag Bodenbelag das Standardmaß 1,23 ≈ 1,48 m
Estrich 4 – 5 cm Estrich 4 cm Scheibenaufbau: Glasdicke - Scheiben-
Stahlbeton vor 1870 1,6 Dämmung /Abdichtung 0,30 0,23 0,19 – zwischenraum - Glasdicke
Betonplatte 18 cm Passivhausrahmen: Fensterrahmen, der einen
Dämmung Uf-Wert < 0,8 W / m2K besitzt, verfügbar in
Holz und Kunststoff über besondere Dämm-
Stahlträger Bodenbelag Bodenbelag
maßnahmen
mit Unterkonstruktion Estrich
B 2.9 typische U-Werte von alten Bodenplatten und
Ausfachung Schüttung 1920 –1945 0,80 Dämmung – 0,21 0,18 0,16
Kellerdecken sowie Verbesserungmöglichkeiten
Stahlträger und Dampfbremse / Luftdichtung
durch Wärmedämmung
Hohlsteine Stahlträger und Hohlsteine
B 2.10 Ermittlung des Temperaturfaktors fRsi nach
Dämmung
DIN 4108-2
Stahlbeton- Bodenbelag Bodenbelag B 2.11 innere Oberflächentemperaturen in einer Außen-
decke Estrich Estrich wandkante in Abhängigkeit von der Dicke der
Dämmung 2 cm 1960 –1972 1,15 Dämmung 2 cm 0,26 0,21 0,17 – Wärmedämmung für eine Ziegelwand
Stahlbeton 18 cm Stahlbeton 18 cm ¬ = 0,8 W / mK mit Außendämmung
Dämmung B 2.12 Die Raumluftfeuchte ergibt sich aus dem
Feuchteanfall und dem Außenluftvolumenstrom.
Stahlbeton- Bodenbelag Bodenbelag
decke Estrich Estrich
Dämmung 5 cm 1972 –1985 0,76 Dämmung 5 cm 0,23 0,19 0,16 –
Stahlbeton 18 cm Stahlbeton 18 cm
Dämmung
B 2.9

• Wasserdampfdiffusionswiderstandszahl oder während der Sanierungsmaßnahmen. Im ƒRsi =


ΘSi – Θe
(μ-Wert); für Bauteile wird die wasserdampf- Falle einer Fassadenaußendämmung werden Θi – Θe
diffusionsäquivalente Luftschichtdicke (sd- diese Wärmebrücken meist automatisch mit
Wert) für Feuchteschutzberechnungen nach beseitigt. Eine genauere Analyse erscheint ƒRsi: Temperaturfaktor
ΘSi: innere Oberflächentemperatur
dem Glaserverfahren verwendet. deshalb nur bei einer Teilsanierung, auskra-
Θi: Raumtemperatur
• Feuchtespeicherfunktion, feuchteabhängige genden Bauteilen oder einer Innendämmung Θe: Außentemperatur
Wärmeleitfähigkeit sowie Transportkoeffizien- sinnvoll. Kritische Wärmebrücken sind bei fol- B 2.10
ten für den Flüssigtransport für dynamische genden Details zu erwarten:
20 80 %
Oberflächentemperatur innen [°C]

maximale Raumluftfeuchte
Berechnungen
• Anschlüsse Decke /Außenwand 18
Grundlegende Baustoffkenndaten enthält die • durchlaufende Balkonplatten 70 %
16
Normenreihe 4108. Weitergehende Kenndaten • Rolladenkästen und Fensterstürze
für dynamische Berechnungen können z. B. • Fensterbänke und Fensterlaibung 14
über eine Datenbank (Materialdatensammlung • Anschlüsse Innenwand / Bodenplatte oder 60 %
für die energetische Altbausanierung) abgeru- Innenwand / Kellerdecke 12
fen werden oder sind in der Software zur Ener- 10
gieberatung enthalten [16]. Bei Teilsanierungen ist den niedrigen Oberflä- 50 %
chentemperaturen bei Wärmebrücken beson- 8
Wärmebrücken deres Gewicht beizumessen, da es ohne ein
6 40 %
Im Allgemeinen treten Wärmebrücken bei an- Gesamtkonzept für Wärmeschutz, Dichtheit
grenzenden Bauteilen mit eindimensional be- und Lüftung zu Feuchteschäden kommt. 4
stimmbaren U-Werten auf. Der Einfluss eines Das Auftreten von Schimmel an Bauteilober- 2 30 %
solchen Bauteilanschlusses auf den Wärmever- flächen hängt im Wesentlichen von der inneren 0 0,05 0,1 0,15 0,2 0,25 0,3
lust und die Oberflächentemperaturen kann nur Oberflächentemperatur und der Raumluftfeuch- Wärmedämmung 0,035 W/mK [m]
mit der zweidimensional arbeitenden Finite-Ele- te ab. Erstere kann durch verbesserte Wärme- B 2.11
240
Volumenstrom [m 3/h]

ment-Methode (FEM) oder Finite-Differenzen- dämmung erhöht werden (Abb. B 2.11). Die e
ht
Programmen ermittelt werden (Abb. B 2.6). Raumluftfeuchte wird durch die anfallenden e uc
Sind die Anschlüsse linienförmig, wird der Ein- Feuchtelasten und den Luftwechsel beein- 200 l.F
re
fluss über einen linearen Wärmedurchgangs- flusst (Abb. B 2.12). Oft wird beim Fenster- %
40
koeffizienten (Ψ-Wert) gekennzeichnet. Punkt- tausch die Luftdichtheit des Gebäudes verbes- 160 hte
e uc
förmige Wärmebrücken haben meist einen ge- sert und damit der Grundluftwechsel verringert.
re l. F
ringen Einfluss auf den Energiebedarf, können Dies führt zwangsläufig zu höheren Raumluft- % e
120 50 cht
Feu
aber zu Feuchteproblemen führen. Die meisten feuchten und damit zu Schimmelproblemen im rel.
%
Wärmebrücken im Altbau sind offensichtlich Bereich von Wärmebrücken. 60
bzw. lassen sich aus der damaligen Baupraxis Um die Gefahren der Schimmelbildung an in- 80
ableiten. Eine gute Hilfestellung bietet dabei neren Oberflächen im Bereich von Wärmebrü-
der kürzlich erschienene Wärmebrückenkata- cken beurteilen zu können, wird in DIN 4108-2 40
log für Altbauten [17]. Der Einsatz der Thermo- der Temperaturfaktor fRsi definiert. Dieser er-
grafie kann nützlich sein, um Wärmebrücken zu rechnet sich aus den inneren Oberflächentem- 0
erkennen und qualitativ zu beurteilen (Abb. peraturen sowie der Raum- und Außenlufttem- 0 200 400 600 800 1000
B 2.1). Sie dient als Qualitätskontrolle nach peratur (Abb. B 2.10). Der Temperaturfaktor Feuchteanfall [g/h]
B 2.12

35
Bauphysik

B 2.13 schematischer Aufbau einer Außendämmung mit


Wärmedämmverbundsystem (WDVS)
B 2.14 beispielhafter Aufbau einer Außendämmung mit
WDVS
B 2.15 typische U-Werte von alten Wandaufbauten und
Verbesserungsmöglichkeiten durch Wärmedäm-
mung
B 2.16 Temperaturverlauf: Anschluss Innen- / Außen- 1
wand (Ziegel)
a ohne Dämmung 3
b mit Innendämmung
c mit Innendämmung und Dämmkeil 2
B 2.17 Dämmstoffe und deren Kenndaten (Auswahl): 1 Thermodübel 3
Die letzten drei Spalten zeigen die nötigen 2 Klebemasse 4
Dämmstärken, um eine 30 cm dicke Vollziegel- 3 Dämmplatten 5 1 2 4 5 4 6
wand mit ¬ = 0,8 W / mK auf den jeweiligen 4 Armierungsmörtel
6
U-Wert zu verbessern (bei vollflächiger Däm- 5 Glasfasergewebe
6 Voranstrich 7 1 Verklebung 4 Armierungsmasse
mung).
(falls erforderlich) 2 Dämmung 5 Armierungsgewebe
7 Schlussbeschichtung 3 Befestigung 6 Schlussbeschichtung
B 2.13 B 2.14
sollte dabei ≥ 0,7 sein. Damit wird sicherge- Im Gebäudebestand findet man meist keine Hülle mit der wärmedämmenden Hülle im
stellt, dass unter üblichen Innen- und Außen- durchgehende wärmedämmende Hülle. Diese Wesentlichen übereinstimmen sollte. Eine luft-
klimabedingungen die innere Oberflächentem- muss vor einer energetischen Sanierung zuerst dichte Bauweise stellt die Voraussetzung für
peratur nicht unter 12,6 °C sinkt. Bei 50 % festgelegt werden. Treppenhäuser, Kellerab- ein planmäßiges Funktionieren der Lüftungsan-
Raumluftfeuchte und 20 °C Raumtemperatur gänge und teilbeheizte Bereiche stellen dabei lage dar und bringt zahlreiche Vorteile für den
führen Temperaturen unter 12,6 °C zu einer eine besondere Herausforderung dar. Durch- Nutzer:
relativen Feuchte über 80 %, die das Schimmel- dringungen der wärmedämmenden Hülle las-
wachstum begünstigt. sen sich an der Kellerdecke oder im Perimeter- • verringerter Heizenergieverbrauch durch re-
Im Altbau kommt es an vielen Stellen zu einer bereich nicht immer vermeiden und können duzierten Fugenluftwechsel
Unterschreitung der 12,6 °C, was zu einer erhöh- meist nur entschärft werden. • keine Behaglichkeitsstörungen durch
ten Schimmelbildung beiträgt (Abb. B 2.7 b). Die Zugluft
innere Oberflächentemperatur als Funktion der Luftdichtheit • keine Feuchteschäden durch Kondensat auf-
Dicke der Wärmedämmung für das Beispiel Dem Luftdichtheitskonzept kommt die gleiche grund von Bauteildurchströmung mit warmer
einer Außenwandkante zeigt Abb. B 2.11. Er- Bedeutung zu wie der Wärmedämmung. Dabei Raumluft
höhter Wärmeschutz führt grundsätzlich zu hö- muss beachtet werden, dass die luftdichte • verbesserter Schallschutz
heren inneren Oberflä-chentemperaturen und
damit zur Verringerung des Tauwasser- oder
Außenwand typischer Wandaufbau Baujahr U-Wert U-Wert saniert [W/m2K]
Schimmelpilzrisikos. Oberflächentemperaturen unsaniert mit WDVS ¬B = 0,035 W/mK ¬B = 0,040 W/mK
über 12,6 °C auch an kritischen Stellen lassen
sich erst bei Verwendung von Passivhaus ge- minimal mittel zukunfts- Innendämmung
eigneten Komponenten und Dämmstärken rea- orientiert
12 cm 14 –16 cm 20 cm 8 cm
lisieren (Abb. B 2.7 a).
Fachwerkwand Innenputz 2 cm
Sanierungsmaßnahmen verputzt Mauerwerk 14 cm vor 1870 1,6 0,25 0,19 – 0,21 0,16 0,38
Eine gesamtheitliche Sanierung muss aus Außenputz 2 cm
bauphysikalischer Sicht folgende Standards
Gründerzeit- Innenputz 1,5 cm
erfüllen: fassade Mauerwerk 25 cm 1870 –1920 1,5 0,24 0,19 – 0,21 0,16 0,38
Sandstein 15 cm
• durchlaufende wärmedämmende Hülle
• durchlaufende Luftdichtheitsebene Vollziegel- Innenputz 1,5 cm
mauerwerk Mauerwerk 37,5 cm 1920 –1945 1,5 0,24 0,19 – 0,21 0,16 –
• angepasstes Lüftungskonzept Reichsformat Außenputz 2 cm

Wird einer der drei Punkte nicht ausreichend Hochlochziegel Innenputz 1,5 cm
beachtet, können Probleme vor allem beim (Rohdichte Mauerwerk 30 cm 1952 –1977 1,4 0,24 0,19 – 0,21 0,16 –
Feuchteschutz auftreten. Die Lüftungstechnik 1400 kg/m3) Außenputz 2,0 cm
stellt eine Schnittstelle zur Gebäudetechnik dar, Hohlblockstein Innenputz 1,5 cm
die Anforderungen an eine Lüftung leiten sich (Leichtbeton Mauerwerk 30 cm ca. 1946 –1970 1,8 0,25 0,20 – 0,22 0,16 –
aus der Bauphysik ab. In der neuen Norm zur 1400 kg/m3) Außenputz 2,0 cm
Wohnraumlüftung wird deshalb eine nutzer-
Porenstein- Innenputz 1,5 cm
unabhängige Lüftung zum Feuchteschutz gefor- mauerwerk Porenmauerwerk 30 cm 1946 –1972 1,3 0,24 0,19 – 0,21 0,15 –
dert [18]. Nutzerunabhängig heißt dabei, dass Außenputz 2 cm
ein je nach Wärmedämmstandard und Woh-
nungsgröße zu ermittelnder Außenluftvolumen- Betonsandwich Innenputz 1,5 cm
Beton 15 – 20 cm
strom ohne den Eingriff der Bewohner, d. h. bei 1960 –1985 0,7 0,21 0,17– 0,18 0,14 –
Dämmung 4 – 6 cm
geschlossenen Fenstern, gewährleistet sein Betonvorsatzschale 6 cm
muss. Dieser Luftwechsel wird in der Regel
nicht durch Fugenlüftung, d. h. Infiltration, er- Mauerwerk Innenputz 1,5 cm
reicht, sondern durch eine lüftungstechnische mit WDVS Kalksandstein 24 cm
1972 –1985 0,7 0,21 0,17– 0,18 0,14 –
Dämmung 5 cm
Maßnahme wie z. B. ein Konzept zur freien Lüf- Außenputz 2 cm
tung oder eine ventilatorgestützte Lösung.
B 2.15

36
Bauphysik

a b c B 2.16
Luftdichtheit nachträglich zu erreichen, erfor- Holzbaukonstruktionen und Dächer Fenster- und Türanschlüsse
dert unterschiedliche Maßnahmen, die im Fol- Die Luftdichtheitsebene kann durch Folien, Da das Fenster kein lastabtragendes Bauteil ist
genden erläutert werden. Baupappen, Holzwerkstoff-, Gipskarton- oder und damit keine starre Verbindung zum Bau-
Gipsfaserplatten gebildet werden. Dabei ist körper bestehen darf, können auch an dieser
Mauerwerk besonders an den Stoßstellen auf eine geeig- Schnittstelle Bewegungen auftreten. Als Ab-
Grundsätzlich sorgt der Innenputz für die Luft- nete Abdichtung zu achten, es empfehlen dichtung wird meist eine Verklebung mit Folien
dichtheitsebene. Besonders im Bereich von sich u. a. mechanische Befestigungen und auf der Innenseite gewählt. Bilden Innentüren
Holzbalkendecken ist diese meist unterbro- Abkleben. einen Teil der Dichtheitsebene, ist der luftdich-
chen. Ein weiteres Problem stellen z. B. undich- te Einbau und das Schließen der Türen ent-
te Steckdosen oder Installationen dar. Bei der Anschluss Mauerwerk / Holzbau scheidend.
Außendämmung kann durch vollflächige Ver- Diese Schnittstelle muss zusätzlich noch mög-
klebung des Dämmstoffs eine weitere Luft- liche Bewegungen der Bauteile gegeneinander Installationen
dichtheitsebene geschaffen werden, falls es aufnehmen können. Bewährt haben sich auch Installationen, die die luftdichte Ebene durch-
auf der Innenseite nicht möglich ist. Betonwän- hier Abdichtungen, die mechanisch befestigt dringen, sollten bereits in der Planung vermie-
de gelten von sich aus als luftdicht. und geklebt sind. den werden. Bei Mauerwerk können vor allem
Steckdosen in der Außenwand oder auch un-
verputzte Außenwände hinter Sanitärvorwand-
Dämmstoff Rohdichte Wärmeleitfähigkeit Wasserdampf- Art Dämmstärke [cm]
diffusionswider- für U-Wert [W/m2K]
systemen Undichtigkeiten bewirken. Verteillei-
standszahl 0,3 0,2 0,15 tungen sollten deshalb grundsätzlich innerhalb
ρ λ μ der luftdichten Hülle liegen, um Durchdringun-
[kg/m3] [W/mK] [–] gen zu minimieren.
Flachs 20 – 50 0,040 – 0,050 1– 2 Matten, 11–14 18 – 22 24 – 31
Einblasen, Wärmedämmung
Schüttung
Wärmedämmung hat das Ziel, Wärmeverluste
Hanf 20 –150 0,040 – 0,080 1– 2 Matten, 11– 22 18 – 36 24 – 49 zu reduzieren sowie raumseitige Oberflächen-
Einblasen,
temperaturen und damit die thermische Behag-
Schüttung
lichkeit zu erhöhen.
Holzfaser 30 – 250 0,040 – 0,080 5 –10 Matten, 11– 22 18 – 36 24 – 49
Einblasen
Dämmstoffe
Holzwolleplatten 60 – 600 0,090 – 0,100 2–5 Platten 25 – 28 40 – 45 55 – 61
Heute steht eine Vielzahl von Dämmmaterialien
Calciumsilikat 200 – 290 0,040 – 0,070 2–6 Platten, 11– 20 18 – 31 24 – 43 zur Verfügung (Abb. B 2.17). Neben den
Schüttung
wärme- und feuchtetechnischen Eigenschaften
Kork 65 –160 0,040 – 0,055 2–8 Schrot, Platten 11–15 18 – 25 24 – 34 sind bei der Auswahl u. a. Anforderungen hin-
Mineralwolle 20 – 220 0,035 – 0,050 1– 2 Matten, sichtlich des Brand- und Schallschutzes sowie
Einblas-Stopfware 10 –14 16 – 22 21– 31 Druckfestigkeiten zu berücksichtigen. Jeder
Mineralschaum 20 –130 0,035 – 0,045 3–6 Platten 10 –13 16 – 20 21– 28 zugelassene Dämmstoff besitzt eine Kenn-
Perlite 60 –160 0,045 – 0,080 2–5 Schüttung, Platten 13 – 22 20 – 36 28 – 49 zeichnung nach DIN 4108, aus der seine Eig-
Polystyrol 15 – 30 0,035 – 0,040 20 –100 Platten 10 –11 16 –18 21– 24
nung für bestimmte Einsatzzwecke hervorgeht.
expandiert (EPS) Auch die Art der Verarbeitung sowie ökolo-
Polystyrol 20 – 50 0,030 – 0,040 80 – 250 Platten 8 –11 13 –18 18 – 24
gische Gesichtspunkte können als Auswahl-
extrudiert (XPS) kriterium gelten.
Polyurethan (PU) 30 – 80 0,025 – 0,040 30 –100 Platten, 7–11 11–18 15 – 24
Ortschaum Außendämmung von Wänden
Schaumglas 105 –165 0,040 – 0,055 ∞ Platten, Schüttung 11–15 18 – 25 24 –34
Für die Außendämmung von Wänden stehen
mehrere Systeme zur Verfügung (Abb. B 2.15):
Schilfrohr 190 – 220 0,045 – 0,065 2 Matten 13 –18 20 – 29 28 – 40
Üblich ist die Außendämmung in Form eines
Vakuum- 150 –180 0,006 – 0,010 ∞ Platten, noch Wärmedämmverbundsystems (WDVS). Dabei
dämmplatten keine Zulassung 2–3 3–4 4–6
wird der Dämmstoff auf die alte Fassade ge-
Zellulose 25 – 65 0,040 – 0,045 1– 2 Schüttung, Matten, 11–13 18 – 20 24 – 28 klebt, gedübelt oder über eine Tragkonstruktion
Einblasware
aus Metall oder Holz an der Fassade befestigt
B 2.17

37
Bauphysik

-10°C 20°C (Abb. B 2.13 und 14). Die zugelassenen WDVS das Glaserverfahren einen ersten Anhaltspunkt
unterscheiden sich hinsichtlich Schichtaufbau, dar. Weisen Dämmstoffe – wie Zellulose oder
5,0°C
Wärmeleitfähigkeit, Brandschutzeigenschaften Calciumsilikatplatten – ein hohes Sorptionsver-
2,0°C und Gebäudehöhe, wobei geschäumte und Fa- mögen und einen hohen Transportkoeffizienten
8,0°C
-1,0°C serdämmstoffe zum Einsatz kommen. Im Sanie- für Flüssigtransport auf, liefern nur dynamische
11,0°C rungsbereich ist auf einen ebenen und tragfä- Rechenverfahren verlässliche Werte. Die Vor-
-4,0°C
-7,0°C 14,0°C higen Untergrund zu achten. Größere Uneben- teile dieser Verfahren sind:
17,0°C heiten müssen mit geeigneten Putzmörteln aus-
geglichen werden. • mehrere Transportmechanismen (Diffusion,
Bauaufsichtlich zugelassene Systeme wurden Oberflächendiffusion, Kapillartransport)
bezüglich des Feuchteschutzes geprüft. Anfor- • Sorptionseigenschaften der Materialien
derungen an den Außenanstrich sind dennoch • feuchteabhängige Materialdaten
zu berücksichtigen. Bei der Außendämmung • Anfangsfeuchten
wird die Temperatur innerhalb der Bestands- • reale Wettersituationen inklusive Regen-
wand deutlich erhöht, was im Allgemeinen vor belastung
Feuchteschäden besser schützt, da die Tau- • reale Feuchtelasten im Innenraum
B 2.18 punkttemperatur erst in der Wärmedämmung • Kopplung von Wärme- und Feuchtetransport
unterschritten wird. Mit Außenluft hinterströmte • Phasenübergänge innerhalb der Konstruktion
Wärmedämmung und die damit verbundene
Auskühlung des Mauerwerks sollten auf jeden Das Ergebnis kann als zeitlicher Verlauf dar-
Fall vermieden werden. gestellt werden. Dafür stehen validierte Pro-
Nachträglich vorgehängte Fassadensysteme gramme von verschiedenen Herstellern in 1-D-
aus Holz, Keramik oder Naturstein schützen und 2-D-Versionen zur Verfügung [19].
den Dämmstoff vor direkter Bewitterung, so- Bei nicht kapillar aktiven Dämmstoffen ist eine
dass auch unterschiedlichste Faserdämmstoffe Dampfbremse notwendig. Bewährt haben sich
verwendet werden können. Durch die Hinterlüf- auch neue feuchteadaptive Dampfbremsen,
tung entstehen keine feuchtetechnischen Pro- die im Sommer ein leichteres Austrocknen
bleme hinsichtlich der Diffusion. auch nach innen ermöglichen.
Systeme für die Sanierung von Holzkonstruk-
tionen befinden sich ebenfalls in der Entwick- Entschärfung von Wärmebrücken
lungsphase. Vorgefertigte Wandbauteile mit Die meisten Wärmebrücken wie z. B. durch-
bereits integrierten Fenstern sollen dabei vor laufende Betondecken werden bei einer Au-
die alte Fassade gestellt oder gehängt werden. ßendämmung beseitigt. Kritisch sind dabei
B 2.19 Ebenso kommen Stegträger als tragende Kon- vor allem die Anschlüsse von Kellerdecke
struktion für unterschiedliche Dämmstoffe zum oder Bodenplatte zur Außen- sowie zur Innen-
Einsatz. wand. Durch eine Kombination von Dämmung
unter der Kellerdecke und Perimeterdämmung
Innendämmung von Wänden lässt sich dieses Problem deutlich entschärfen.
Die Innendämmung von Wänden stellt hohe Eine Isothermenberechnung ist auf jeden
Anforderungen an den Planer und das aus- Fall sinnvoll, um Werte für die inneren Ober-
führende Unternehmen. Soll eine bestehende flächentemperaturen zu erhalten (Abb. B 2.6).
Fassade und damit der Charakter eines Hauses Alternativ können die in DIN 4108, Beiblatt 2
erhalten bleiben, stellt die Innendämmung die enthaltenen Konstruktionen als Anhaltspunkt
einzige Möglichkeit einer energetischen Sanie- für wärmebrückenfreies Konstruieren oder
rung dar. ein Wärmebrückenkatalog herangezogen
Folgende Schwierigkeiten müssen in der Pla- werden [20].
B 2.20 nung berücksichtigt werden: Bei einer Innendämmung sind in der Regel alle
Anschlüsse kritisch, die die Dämmebene
• Die Dämmung der Innenwand führt zu nied- durchstoßen. Für Anschlüsse Innenwand an
rigeren Temperaturen in der Bestandswand Außenwand oder Decke an Außenwand ist der
und damit ggf. zu Tauwasserausfall. Einsatz von Dämmkeilen möglich, um die Ober-
• Eine Hinterströmung der Innendämmung mit flächentemperaturen anzuheben (Abb. B 2.16).
warmer Raumluft aufgrund undichter An- Bei Betondecken muss die Durchdringung der
schlüsse der Innenbekleidung oder der Dämmebene bereits durch den Bodenbelag
Dampfbremse verursacht erheblichen Tau- und den Estrich beseitigt werden, d. h. die In-
wasserausfall zwischen Dämmung und Wand. nendämmung darf nicht erst oberhalb des
• Feuchte infolge von Schlagregen oder kapil- alten Bodenbelags beginnen. Meist lässt sich
lar aufsteigendem Wasser kann aufgrund der das Problem nur durch Entfernen des Boden-
niedrigen Wandtemperatur schlechter aus- belags und des Estrichs und das Einbringen
B 2.18 wärmetechnisch optimierter Einbau eines Fens-
trocknen. einer Dämmebene unter dem Estrich lösen,
ters mithilfe einer Dämmzarge
B 2.19 beispielhafter Isothermenverlauf eines Fenster- • Innendämmung bedeutet Raumverlust, was oft auch aus Gründen des Trittschall-
anschlusses mit und ohne Laibungsdämmung wobei andererseits die behagliche Aufent- schutzes sinnvoll ist.
(Schema) haltszone durch die Wärmedämmung grö- Gebäudetrennwände laufen nach oben oft bis
B 2.20 Fensteranschluss bei Innendämmung mit durch- ßer wird. zur Dachhaut durch. Eine Verringerung der
laufender Dämmebene
B 2.21 typische U-Werte von alten Dachaufbauten bzw.
Wärmebrückenwirkung kann durch Abtragen
Dachgeschossdecken sowie Verbesserungs- Eine Beurteilung des Feuchteschutzes sollte des Mauerwerks und Dämmung dieses Be-
möglichkeiten durch Wärmedämmumg auf jeden Fall durchgeführt werden. Dabei stellt reichs oder durch partielles Ausdämmen der

38
Bauphysik

Hinterlüftungsebene im Trennwandbereich te infrage kommt (Abb. B 2.9). Die Durchdrin- Fensterkonstruktionen und deren Einbindung
erzielt werden. gung der Dämmebene durch die Innenwände Das Fenster dient als Tageslichtquelle zur pas-
stellt somit jeweils eine Wärmebrücke dar. siven Solarenergienutzung sowie als Lüftungs-
Wärmedämmung des Dachs Deshalb muss darauf geachtet werden, dass element und ist damit das komplexeste Bauteil
Für die Wärmedämmung von Sparrendächern die Dämmung der Innenwände lückenlos er- der Gebäudehülle. Bezüglich des Wärme-
bieten sich folgende Möglichkeiten an: folgt. Zudem empfiehlt sich eine Isothermen- schutzes bildet es jedoch auf den ersten Blick
berechnung. Aufgrund der höheren Tempera- eine Schwachstelle, da die erzielbaren U-Werte
• Zwischensparrendämmung turen des Erdreichs im Vergleich zur Außenluft wesentlich schlechter sind als bei Wand- oder
• Zwischensparrendämmung mit zusätzlicher liegen die Oberflächentemperaturen meist im Dachelementen. Der Auswahl der geeigneten
Untersparrendämmung unkritischen Bereich, also über 12,6 °C. Im Fensterkonstruktion kommt deshalb eine be-
• Aufdachdämmung Perimeterbereich muss die Außendämmung sondere Bedeutung zu. Standardfenster verfü-
• Kombinationen aus Zwischensparren-, Unter- der Wand mindestens bis in den frostfreien gen über eine Zweischeiben-Isolierverglasung
sparren- und Aufdachdämmung Bereich reichen. mit Wärmeschutzbeschichtung und Argonfül-
Existieren keine Bodenplatten, muss der Auf- lung. Der UW-Wert für das gesamte Fenster be-
Die Zwischensparrendämmung erfordert meist bau völlig neu erfolgen. Durch den zusätz- trägt ca. 1,4 W / m2K. Mit aktuellen Konstrukti-
eine Aufdopplung der Sparren, da bei Sparren- lichen Aushub kann eine Dämmebene unter- onen und einer Dreischeiben-Isolierverglasung
dicken von 14 bis 15 cm zu wenig Dämmung halb der neuen Bodenplatte eingefügt werden. lassen sich UW-Werte bis zu 0,8 W / m2K erzie-
untergebracht werden kann (Abb. B 2.21). Bei Kellerdecken empfiehlt sich eine Dämmung len. Durch ihren Einsatz und einen wärmetech-
Auch aus Gründen des sommerlichen Wärme- von unten, falls ausreichende Raumhöhen zur nisch verbesserten Rahmen wird das Fenster
schutzes sollte die Dämmstärke mindestens Verfügung stehen. Ist dies nicht der Fall, kann aufgrund der solaren Gewinne über die Heiz-
20 cm betragen. Feuchteschutztechnische ggf. auf Vakuumisolationspaneele zurückge- periode zum Energielieferant. Kenndaten ty-
Nachweise sowie eine sorgfältig geplante, luft- griffen werden, die wesentlich geringere pischer Fensterkonstruktionen sind in Abb.
dichte Ebene sind auf jeden Fall notwendig. Dämmstärken erfordert. Ansonsten ist eine B 2.8 b zusammengefasst.
Bei Bitumenabdichtungsbahnen oder Blech- Dämmung oberhalb der Decke nötig, wobei Neben der Konstruktion ist der Einbau des
eindeckung eignet sich eine feuchteadaptive auch hier die Raumhöhe vor allem bei Bauten Fensters entscheidend. Grundsätzlich sollte
Dampfbremse, damit das im Winter entstehen- ab den 1950er-Jahren den limitierenden Para- auch bei einem Fensteranschluss die Dämme-
de Tauwasser leichter nach innen austrocknen meter darstellt. bene nicht unterbrochen und bei der Außen-
kann.
Als Dämmmaterialien zwischen den Sparren Dach / Dach- typischer Aufbau Baujahr U-Wert sanierter Aufbau U-Wert saniert [W/m2K]
kommen vor allem Faserdämmstoffe und Ein- geschossdecke unsaniert Dämmstärken mit
blasdämmung zum Einsatz. ¬ = 0,040 W/mK
[W/m2K] 15 cm 20 cm 30 cm 40 cm
Für die Aufdachdämmung, die immer mit einer
Sparrendachstuhl Innenbekleidung vor 1870 1,4 Innenbekleidung – 0,24 0,17 0,12
Neueindeckung des Dachs und einer wach- Sparren 14 cm Sparren 14 cm
senden Gebäudehöhe verbunden ist, gibt Dachbahn Aufdopplung, Dämmung
es neben Faserdämmstoffen auch Dämm- Konterlattung, Lattung Dachbahn
platten auf PU-Basis, die über Wärmeleitfähig- Dacheindeckung Konterlattung, Lattung
keiten bis zu 0,025 W / m2K verfügen und Dacheindeckung
damit zu einer deutlichen Reduktion der nöti- Mansarddach Innenputz 1870 – 1,1 Innenputz – 0,20 0,13 0,10
Holzwolleleichtbau- 1920 Holzwolleleichtbauplatten
gen Dämmstärken führen (Abb. B 2.21). Aller-
platten Sparren 14 cm
dings muss der Dachanschluss an die Außen- Sparren 14 cm Aufdopplung, Dämmung
wand bezüglich der Wärmebrücken berück- Dachbahn Dachbahn
sichtigt werden. Konterlattung, Lattung Konterlattung, Lattung
Bei Geschossdecken gegen einen unbeheizten Dacheindeckung Dacheindeckung
Dachboden ist die Verwendung von begeh- Holzbalkendecke Putz 1920 – 0,75 Putz – 0,16 0,13 0,11
zum Dachboden Putzträger 1945 Putzträger
baren Dämmplatten die einfachste Möglich-
Holzbalken / Fehlboden Holzbalken / Fehlboden
keit der Dämmung. Wichtig ist eine dichte Holzdielen Holzdielen
Verlegung, damit keine Kaltluft durchströmen Dampfbremse / Luftdichtung
kann. Feuchtetechnische Probleme sind auf- Dämmung
grund der Dämmung auf der kalten Seite nicht Estrich / Platten
zu erwarten, solange die Luftdichtheit gewähr- Sparrendach Innenputz 1945 – 0,9 Innenputz – 0,20 0,13 0,10
ausgebaut Holzwolleleichtbau- 1960 Holzwolleleichtbaupl. 4 cm
leistet ist.
platten 4 cm Sparren / Dämmung 15 cm
Flachdächer können in der Regel auf der Sparren 15 cm Aufdopplung / Dämmung
bestehenden Abdichtbahn zusätzlich ge- Dachbahn Dachbahn
dämmt werden. Wird über der Dämmebene Konterlattung, Lattung Konterlattung, Lattung
nicht abgedichtet, spricht man von einem Dacheindeckung Dacheindeckung
Umkehrdach. Dabei sind nach DIN 6946 Zu- Stahlbetondecke Innenputz 1960 – 1,3 Innenputz 0,22 0,17 0,12 –
zum Dachboden Stahlbetondecke 16 cm 1972 Stahlbetondecke 16 cm
schläge auf die Wärmeleitfähigkeit des Dämm-
Dämmung Bestand 2 cm Dämmung Bestand 2 cm
stoffs zu berücksichtigen [21]. Im Bereich der Estrich 4 cm Estrich 4 cm
Attika lässt sich die Wärmebrücke entschärfen, Dämmung
indem die gesamte Konstruktion gedämmt Estrich / Platten
wird. Flachdach als Innenputz 1972 – 0,5 Innenputz 0,17 0,14 0,11 –
Warmdach Stahlbetondecke 18 cm 1985 Stahlbetondecke 18 cm
Ausgleichsschicht Ausgleichsschicht
Wärmedämmung Kellerdecke und Boden-
Dämmung Bestand 6 cm Dämmung Bestand 6 cm
platte Bitumenabdichtung Bitumenabdichtung
Bodenplatten können normalerweise nicht Kies Dämmung
nachträglich von unten gedämmt werden, eventuelle Abdichtung
sodass nur eine Dämmung oberhalb der Plat- Kies
B 2.21

39
Bauphysik

300 8 zusätzliche Dämmung eines alten Bauteils bis zum

jährlicher Gewinn [™ /m2]


Energiebedarf [kWh/m2a]

Primärenergie Warmwasser optimalen U-Wert: 0,17 W/m2K


Anlagenaufwand Heizwärme 7
250 10

Kosten der eingesparten Energie [Cent/kWh]


6 ca.12 cm ca.17 cm ca.24 cm
9
U= 0,23 Optimum bei U= 0,13 heutiger Energiebezugspreis (Öl/Gas)
5 W/m2K U= 0,17 W/m2K W/m2K 8
200
4 7

150 3 6
ökonomisch
optimaler Bereich 5
2
100 4
1
3
0 2
50
-1 1
0 -2 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0
Bestand EnEV EnEV EnEV EnEV Passiv-
Sanierung Neubau -30 % -50 % haus R-Wert [m2K/W] U-Wert des alten Bauteils [W/m2K]
B 2.22 B 2.23 B 2.24
dämmung der Blendrahmen überdämmt wer- Verfahren der EnEV möglich, wobei die einzu- grund des Energiebedarfs zulässig.
den. Eine ungedämmte Laibung bedingt haltenden Grenzwerte im Altbau gegenüber Steht eine energetische Sanierung eines Ge-
zwangsläufig sehr niedrige Oberflächentempe- dem Neubau um ca. 40 % höher liegen. bäudes an, sollten die möglichen Maßnahmen
raturen und Schimmelprobleme (Abb. B 2.19). Neu ist die Verpflichtung, die energetische auf jeden Fall mithilfe einer Energiebedarfsrech-
Ein idealer Einbau führt zu Ψ-Werten von nahe- Qualität eines Gebäudes in Form eines Ener- nung bewertet werden. Grundsätzlich kann zur
zu null und damit zu einer wärmebrückenfreien gieausweises zu dokumentieren. Dies gilt auch Erfassung des Gebäudes und zur Ermittlung
Situation (Abb. B 2.18). für den Gebäudebestand. Damit soll Käufern der energetischen Qualität der Bauteile das
Auch bei der Innendämmung ist eine durch- oder Mietern eines Gebäudes die Qualität des Verfahren der EnEV herangezogen werden.
gängige Dämmebene nötig (Abb. B 2.20). Be- Gebäudes leicht verständlich vermittelt wer- Dabei lassen sich Wärmebrücken zunächst
sonders der Fensteranschluss muss luftdicht den. Das Gebäude wird dabei anhand einer durch einen pauschalen Zuschlag von
gestaltet sein, damit die Dämmung nicht mit Skala bezüglich des Energieverbrauchs einge- 0,1 W / m2K auf die U-Werte der gesamten wär-
warmer Raumluft hinterströmt werden kann. stuft. Zur Erläuterung ist die Skala mit typischen meübertragenden Umfassungsfläche berück-
Verbrauchswerten bis hin zum Passivhaus ver- sichtigen. Bei weitreichender energetischer Sa-
Anforderungen aus der EnEV 2007 – Energie- sehen (Abb. B 2.28). nierung mit Passivhauskomponenten empfiehlt
ausweis Die Ausstellung kann aufgrund des gemes- sich der Einsatz des Passivhaus-Projektierungs-
In der EnEV 2007 wurde das Anforderungs- senen Energieverbrauchs oder des berechne- pakets (PHPP) [23]. PHPP stellt eine Excel-An-
niveau gegenüber der Fassung von 2004 nicht ten Energiebedarfs erfolgen. Für Wohngebäu- wendung dar, die sich zur energetischen Pro-
verändert [22]. Für die Sanierung gelten die de mit weniger als fünf Wohneinheiten gilt bis jektierung energieeffizienter Gebäude bewährt
bisher maßgeblichen Bauteilwerte. Alternativ ist 1. Oktober 2008 die Wahlfreiheit. Danach ist für hat. Des Weiteren steht Software auf Basis der
immer ein Primärenergienachweis nach dem diese Gebäude nur noch eine Ausstellung auf- DIN EN 832 zur Verfügung, die eine detaillierte

derzeit wirtschaftliche Lösung zukunftsweisend


Bauteil Maßnahme U-Wert Äquivalentpreis U-Wert Äquivalentpreis
der eingesparten der eingespar-
Energie ten Energie
[W/m2K] [Cent/kWh] [W/m2K] [Cent/kWh]
Unter- und Zwischensparrendämmung 0,161 2,0 0,161 2,0
Steildach Aufsparrendämmung 0,16 1,7 0,11 2,0
Auf- und Zwischensparrendämmung 0,15 1,9 0,10 2,1
zus. Dämmung im Warmdachaufbau 0,18 3,2 0,12 3,5
Flachdach B 2.22 Vergleich des Energiebedarfs verschiedener
Umkehrdach auf Dachabdichtung 0,22 2,9 0,16 3,3 Baustandards
oberste Wärmedämmung (nicht begehbar) 0,14 0,7 0,12 0,9 B 2.23 jährlicher Gewinn durch die Energieeinsparung
Geschossdecke Wärmedämmung (begehbar) bezogen auf den Wärmedurchgangswider-
0,14 1,6 0,12 1,7
stand R
WDVS bei Putzerneuerung 0,17 1,3 0,13 1,6 B 2.24 Kostenvergleich für die eingesparte Energie bei
WDVS bei Neuanstrich 0,17 2,3 0,13 2,5 nachträglicher Dämmung einer Außenwand als
Funktion des U-Werts des bestehenden Bauteils
Vorhangfassade mit zusätzlicher Däm- B 2.25 Wirtschaftlichkeit von Dämmmaßnahmen: Ver-
Außenwand 0,18 2,0 0,13 2,3
mung bei Erneuerung der Schalung gleich der eingesparten Energie (Äquivalent-
Innendämmung mit Luftdichtung preise der eingesparten Energie auf der Basis
0,281 1,0 0,281 2,0
bei neuer Tapete der Energiepreise 2007)
B 2.26 Mehrfamilienhaus von 1930, Nürnberg (D) 2002,
Innendämmung mit Luftdichtung
0,281 1,0 0,281 1,0 Burkhard Schulze Darup
bei Erneuerung von Innenputz
a vor der Sanierung
Innendämmung mit Luftdichtung b nach der Sanierung
Kellerwand 0,271 2,5 0,271 2,5
bei Erneuerung von Innenputz c berechnete und gemessene Energiever-
Kellerdecke Dämmung von unten 0,27 1
2,5 0,27 1
2,5 brauchswerte
B 2.27 Vergleich Energiebilanz des Mehrfamilienhauses
Wärmeverteil-
von 1930
und Warm- nachträgliche Dämmung 2 1≈ DN 0,9 2≈ DN 1,5
a vor der Sanierung
wasserleitungen
b nach der Sanierung mit Passivhauskompo-
1
Dämmstärken aus Gründen des Innenraumverlusts begrenzt nenten
2
Dämmstärke Leitungen ist bezogen auf den Nenndurchmesser DN B 2.28 Muster Energieausweis für Wohngebäude
B 2.25

40
Bauphysik

10

Energieverbrauch [kWh/m2]
Berechnung PHPP 27,4 kWh/m2a
9 Verbrauch im Mittel 26,9 kWh/m 2a
Wohnung 1-6
8

1
0
J A S O N D J F M A M J
a b c B 2.26
Analyse ohne die in der EnEV enthaltenen Pau- Sanierung der Hülle auch die Verbesserung ermittelt, bei deren Überschreitung sich eine
schalierungen ermöglicht. der Anlagentechnik, den Einsatz regenerativer Dämmmaßnahme lohnt (Abb. B 2.23 und 24).
Energien und eine Lüftungsanlage mit Wärme- Mögliche Dämmmaßnahmen unter dem Ge-
Anzustrebende Energieniveaus rückgewinnung voraus. sichtspunkt der Wirtschaftlichkeit fasst Abb.
Bei einer Komplettsanierung stellt sich zu- Die mit den verschiedenen Niveaus verbun- B 2.25 zusammen. Alle aufgeführten Maßnah-
nächst die Frage, welches Dämmniveau auch denen Energiebedarfskennwerte sind in Abb. men sind mittelfristig wirtschaftlich, da die Kos-
aus wirtschaftlicher Sicht anzustreben ist. Der- B 2.22 einander gegenübergestellt. EnEV-mi- ten für jeweils eingesparte Energie deutlich un-
zeit haben sich folgende Bezeichnungen ein- nus-50 % kommt dem nahe, was man durch ter den aktuellen Energiepreisen liegen. Zu be-
gebürgert: Passivhauskomponenten erreichen kann. Steht achten ist, dass unter wirtschaftlichen Gesichts-
nur die Möglichkeit einer Innendämmung zur punkten die Durchführung von Dämmungen
• EnEV-Neubauniveau Verfügung, ist ungefähr Neubauniveau zu er- immer mit anderen Maßnahmen, die ohnehin
• EnEV-minus-30 % zielen. Eine effiziente Anlagentechnik führt, wie fällig werden, wie z. B. die Erneuerung des Au-
• EnEV-minus-50 % Abb. B 2.22 verdeutlicht, zu einem sinkenden ßenanstrichs, verbunden werden sollte.
• Sanierung mit Passivhauskomponenten Anlagenaufwand.
Unabhängig von den Anforderungen der Energetische Sanierung – Was ist machbar?
Die EnEV-minus-30 % und -50 % Niveaus erge- EnEV kann man untersuchen, welche Dämm- Am Beispiel eines Mehrfamilienhauses in Nürn-
ben sich aus den aktuellen Förderkriterien der stärken bei den heutigen Preisen wirtschaftlich berg aus dem Jahr 1930 werden die Möglich-
Kreditanstalt für Wiederaufbau und beschrei- sinnvoll sind. Auf Basis einer Wirtschaftlich- keiten einer energetischen Sanierung deutlich
ben die Einsparung an Primärenergie bezogen keitsberechung nach der Barwertmethode [25]. Das Haus mit 895 m2 Wohnfläche wurde
auf das EnEV-Neubauniveau. Erreicht man hat das Passivhaus Institut in Darmstadt 2002 komplett saniert (Abb. B 2.26). Mit der
diese Standards, werden zusätzlich zu einem mehrere Dämmmaßnahmen untersucht [24]. Energiebilanz-Software des Passivhaus-Projek-
zinsgünstigen Darlehen Tilgungszuschüsse ge- Dabei wurden zum einen die wirtschaftlich tierungspakets (PHPP) [26] wurde der Energie-
währt. Eine Primärenergieeinsparung in dieser sinnvollen Dämmstärken und zum anderen verbrauch vor und nach der Sanierung berech-
Größenordnung setzt neben der energetischen die U-Werte von Außenbauteilen im Bestand net, wobei sich ernorme Einsparpotenziale er-

240 240
Energieverluste/-gewinne [kWh/m2a]

Energieverluste/-gewinne [kWh/m2a]

Solargewinn
220 Fenster 220
Fenster innere
200 Wärmequelle 200

180 180
Dach

160 160

140 140

120 120
Heizung
Außen-
100 wand 100

80 80

60 60
Solargewinn
Fenster Fenster
40 Grund 40 Dach innere
Außen- Wärmequelle
20 20 wand
Lüftung
Grund Heizung
0 Lüftung
Verluste Gewinne 0 Verluste Gewinne

a b B 2.27 B 2.28

41
Bauphysik

Df Ff

Fd
horizontal

Dd
B 2.29 Prinzip der Schallübertragungswege bei v d
Luftschallanregung e i
B 2.30 Prinzip der Schallübertragungswege bei r a
t g
Trittschallanregung i o
B 2.31 Werte für das bewertete Bauschalldämmmaß k n
(Auswahl) a a
B 2.32 typische Geräuschpegel l l
B 2.33 Werte für den bewerteten Normtrittschallpegel trennendes Bauteil
am Bau (Auswahl)
B 2.29 B 2.30
gaben (Abb. B 2.27). Im Einzelnen wurden fol- Schallschutz treffend, die Anforderungen der aktuellen
gende energetisch wirksamen Maßnahmen DIN 4109 einzuhalten.
durchgeführt: Schallschutz bedeutet gemäß der bauaufsicht- Unabhängig von der rechtlichen Situation
lich eingeführten Norm DIN 4109 »Schallschutz bestehen im Wohnungsbau von Seiten der
• wärmetechnische Verbesserung der Außen- im Hochbau« Schutz vor Luft- und Trittschall- Bewohner nach einer Umbau- bzw. Sanie-
wand mit 200 mm Wärmedämmverbund- übertragung aus fremden Bereichen, Schutz rungsmaßnahme oftmals unausgesprochene
system mit einem U-Wert von 0,15 W / m2K, vor Geräuschen aus haustechnischen Anlagen Erwartungen an einen angemessenen Schall-
Kellerdecke: 0,19 W / m2K, Dach: 0,12 W / m2K (z. B. Wasserinstallationen) und Gewerbebetrie- schutz, da die Wohnungen meist teuer er-
• wärmebrückenfreier Einbau von Passivhaus ben sowie Schutz vor Außenlärm. Im Hauptteil worben wurden oder die Miete steigt. Die
geeigneten Fenstern mit einem U-Wert von sind auch die Kenngrößen für die Anforde- Akzeptanz eines schlechten Schallschutzes
0,85 W / m2K rungen an den Schallschutz aufgeführt. Bei- ist bei höherer Miete oder hohen Anschaffungs-
• Einbau einer Wohnraumlüftungsanlage mit blatt 2 dieser Norm beinhaltet Vorschläge für kosten deutlich geringer. Gemäß DIN 4109
Wärmerückgewinnung einen erhöhten Schallschutz zwischen fremden liegt die Aufgabe des Schallschutzes darin,
• Einsatz einer Gas-Brennwertheizung und Wohn- und Arbeitsbereichen sowie Empfeh- »Menschen in Aufenthaltsräumen vor unzu-
einer thermischen Solaranlage lungen für einen normalen oder erhöhten mutbaren Belästigungen durch Schallüber-
Schallschutz im eigenen Wohn- oder Arbeits- tragung zu schützen«. Die in dieser Norm
Entscheidend ist, dass sich die berechneten bereich. Als weiteres Regelwerk zur Festlegung formulierten Anforderungen an den Schall-
Werte auch in der Praxis bestätigten. Die mess- von vertraglichen Anforderungen dient die schutz reichen vielen Bewohnern von Ge-
technischen Ergebnisse sind in Abb. B 2.26 c Richtlinie VDI 4100 »Schallschutz von Woh- schosswohnungsbauten oft nicht mehr aus.
dargestellt und zeigen, dass sich das sanierte nungen«. Die Aussage: »Es kann nicht erwartet werden,
Gebäude genauso verhält wie berechnet. Ab- Während bei Neubauten die Festlegung des dass Geräusche von außen oder aus be-
weichungen infolge des Nutzereinflusses sind Schallschutzziels meist nach den oben ge- nachbarten Räumen nicht mehr wahrgenom-
in derselben Größenordnung wie im normalen nannten Regelwerken erfolgt, bedürfen Um- men werden«, deckt sich nicht mit den – oft
Wohnungsbau zu erwarten. bau- oder Sanierungsmaßnahmen oft einer dif- auch baulich nicht realisierbaren – Erwartun-
Als Fazit aus zahlreichen, mit Passivhauskom- ferenzierteren Betrachtung. Wenn keine Umnut- gen an vollständige Ruhe und Vertraulichkeit.
ponenten sanierten Gebäuden lässt sich zung des Gebäudes vorliegt und die schall- Es ist daher für alle Baubeteiligten wichtig,
feststellen: Die durchgeführten Maßnahmen technisch relevanten Konstruktionen nicht ver- den Schallschutz mit Kenngrößen zu quanti-
bieten eine höhere Sicherheit gegenüber ändert werden, gilt zunächst ein Bestands- fizieren. Andernfalls kann es im Streitfall vor
feuchtebedingten Bauschäden, verbessern schutz. Die aktuell gültigen Anforderungen Gericht durch Interpretation der Baubeschrei-
die thermische Behaglichkeit durch höhere müssen daher nicht zwangsläufig erfüllt wer- bung zu einer richterlichen Festlegung des
Oberflächentemperaturen und verdoppeln den. Sobald jedoch eine Umnutzung stattfindet geschuldeten Schallschutzes kommen, wobei
das erschließbare Energiesparpotenzial ge- oder schalltechnisch relevante Konstruktionen die Urteile tendenziell zugunsten der Bewohner
genüber der Sanierung nach dem EnEV- erneuert werden, sind in der Regel, falls zu- ausfallen.
Standard.
Das Passivhaus Institut in Darmstadt als wis- DIN 4109 DIN 4109 Bbl.2 VDI 4100 DIN 4109 Bbl.2
Tab. 2 2 SSt III Tab. 3 3
senschaftlicher Partner resümiert: »Die Attrakti- R’w
vität einer hochwertigen Modernisierung steigt Gebäudetrennwand
beim Einsatz hocheffizienter Komponenten, da 70
67 dB 68 dB
sich die Lebensqualität für die Bewohner spür- 62 dB1 Wohnungstrennwand
bar erhöht. Andererseits sind Modernisierungs- 60
59 dB
maßnahmen im Gebäudebestand ein entschei- Wände zw. Krankenräumen
55 dB Übernachtungsräumen
53 dB 52 dB
dender Motor für die Konjunktur. Mit den dar- 50
gestellten Maßnahmen sind erhebliche CO2- 47 dB 47 dB, erhöht
Wände zwischen »lauten«
Einsparungen erschließbar: Die in den Muster-
40 40 dB, normal und »leisen« Räumen
sanierungen erzielte CO2-Reduktion beträgt 37 dB Türen von Treppenräumen 37 dB Wände zw. Büroräumen
über 75 %. Die Effizienzverbesserung erfolgt in in Wohnräume
einem Sektor, bei dem ein reduzierter Ver- 30
brauch zugleich einen vermehrten sinnvollen 27 dB Türen von Treppenräumen 1 lt. DIN 4109 erf. R’w = 57 dB
in Flure 2 Vorschläge für einen erhöhten Schallschutz
Einsatz von erneuerbaren Energieträgern er- 20 3 Empfehlungen für einen normalen und erhöhten
möglicht.« Schallschutz im eigenen Wohn- oder Arbeitsbereich
B 2.31

42
Bauphysik

Art der haustechnischen Anlage Schalldruckpegel der Grundgeräuschpegel


haustechnischen Anlage [dB(A)] im Raum [dB]
20 30

Ölheizung 25 kaum störend nicht störend

WC-Spülung 28 störend kaum störend

Wassereinlauf Badewanne 32 stark störend kaum störend

Schließung Garagentor 35 stark störend kaum störend

Badewannenbenutzung 35 stark störend kaum störend


1
Orientierungswerte

B 2.32
Wesentliche Kenngrößen des Schallschutzes und An- Schallübertragung über die flankierenden Bau- Für die Anforderungen an die Trittschalldäm-
forderungswerte teile. Ein Unterschied von 3 dB zwischen dem mung von Bauteilen (Decken, Treppen) ver-
Die Kenngröße für die Anforderung an die Luft- bewerteten Schalldämmmaß des Bauteils Rw wendet man den bewerteten Normtrittschall-
schalldämmung zwischen Räumen ist das be- und dem bewerteten Schalldämmmaß des pegel L’n, w; dabei hat der Begriff Bewertung die
wertete Schalldämmmaß R’w. Bewertung (Index Bauteils R’w im eingebauten Zustand, also in gleiche Bedeutung wie beim bewerteten Luft-
»w«) bedeutet, dass die Frequenzabhängigkeit der tatsächlichen Bausituation, bedeutet, dass schalldämmmaß (siehe oben). Der Apostroph
des Schalldämmmaßes R mit einer der mensch- die Hälfte der Schallenergie über die Flanken- steht wiederum für die Übertragung von Tritt-
lichen Gehörempfindlichkeit nachgebildeten wege übertragen wird (Abb. B 2.29). Die Anfor- schall über die Decke selbst und über flankie-
frequenzabhängigen Funktion gewichtet ist, wo- derungen gelten immer für den Einbauzustand, rende Bauteile, z. B. Wände. Dabei ist zu be-
bei ein wohnungsübliches Geräuschspektrum also an R’w. Es gilt R’w < Rw, was bei der Pla- achten, dass Trittschall nicht nur vertikal, son-
zugrundegelegt wird (siehe Glossar, S. 266). nung berücksichtigt werden muss. dern auch horizontal und diagonal in andere
Eine geringe Schalldämmung bei tiefen Fre- Für die Verbesserung (= Erhöhung) des Schall- Räume übertragen wird (Abb. B 2.30). Im Ge-
quenzen geht beispielsweise nicht so stark in dämmmaßes eines trennenden Bauteils durch gensatz zu den Schalldämmmaßen sollten die
die Beurteilung ein, weil auch die Empfindlich- eine Vorsatzschale, eine Unterdecke oder Normtrittschallpegel möglichst klein sein. Damit
keit des Gehörs bei tiefen Frequenzen kleiner einen Doppelboden dient das bewertete Luft- gilt immer L’n, w > Ln, w.
ist. Der Vorteil dieser Größe liegt darin, dass es schallverbesserungsmaß ΔRw als Kenngröße. Für die Optimierung (= Verringerung) des
sich um eine frequenzunabhängige, für die Bei Außenbauteilen setzt sich das erreichbare Normtrittschallpegels der statisch tragenden
Schallschutzplanung handhabbare Angabe Schalldämmmaß aus einer flächenanteiligen Deckenkonstruktion durch eine trittschallmin-
eines einzelnen Zahlenwerts handelt. Schall- Gewichtung der Energieübertragung durch die dernde Maßnahme, z. B. durch einen schwim-
dämmmaße sollten immer möglichst groß sein. einzelnen Komponenten – z. B. Außenwand, menden Estrich oder Bodenbelag, dient die
Die tatsächlich erreichte Schalldämmung zwi- Fenster und Dach – zusammen. Als schalltech- bewertete Trittschallminderung ΔLw .
schen zwei Räumen hängt nicht nur von den nische Kenngröße wird dafür das resultierende Die Anforderungswerte an die genannten Grö-
konstruktiven Eigenschaften des trennenden bewertete Schalldämmmaß R’w, res verwendet. ßen R’w und L’n, w werden in der Regel mit der
Bauteils ab, sondern auch von der Einbausitua- Die Anforderung an diese Größe hängt von der Abkürzung »erf.« für »erforderlich« bezeichnet.
tion (Abb. B 2.29). Luft- und Trittschallübertra- Außenlärmbelastung des Gebäudes ab. Letzte- In Abb. B 2.31 und 33 sind vergleichend einige
gungen in benachbarte Räume erfolgen nicht re kann durch den sogenannten maßgeblichen Werte für bestimmte Schallschutzanforde-
ausschießlich durch das die beiden Räume Außenlärmpegel spezifiziert werden, dem das rungen und -empfehlungen dargestellt.
trennende Bauteil selbst. Die Schallwellen brei- Gebäude ausgesetzt ist. Der Lärmpegelbe- Zur Orientierung über den tatsächlichen Schall-
ten sich in Form von Körperschall auch in flan- reich muss vor der Planung der Außenhülle des schutz in Bestandsbauten der vergangenen
kierenden Bauteilen aus und werden von die- Gebäudes bekannt sein und kann z. B. bei der Jahrzehnte seien hier ein paar Vergleichs-
sen als Luftschall abgestrahlt. Der Apostroph zuständigen Baubehörde erfragt oder durch zahlen genannt, welche sich aus damaligen
im bewerteten Schalldämmmaß R’w kennzeich- ein Planungsbüro rechnerisch oder messtech- Messungen ableiten [27]. Bei Wohnungstrenn-
net die Schalldämmung unter Beteiligung der nisch ermittelt werden. wänden lag 1950 das Maximum der Häufig-
keitsverteilung gemessener Bauschalldämm-
DIN 4109 DIN 4109 Bbl.2 VDI 4100 DIN 4109 Bbl.2 maße R’w bei 48 dB, Mitte der 1960er-Jahre
Tab. 2 2 SSt III Tab. 3 3
L’ n,w bereits bei R’w = 54 dB. Beim Luftschallschutz
von Wohnungstrenndecken wurde 1950 das
70
Wohnungstrenn- Maximum der Häufigkeitsverteilung bei
decke; weich-
federnde Boden- R’w = 46 dB, 1966 bei R’w = 55 dB und 1987
60 beläge sind nicht bei R’w = 58 dB erreicht. Für den Trittschall-
anrechenbar Decke in
56 dB, normal schutz von Wohnungstrenndecken werden in
53 dB Einfamilienhäusern
50 der Literatur Werte von L’n, w = 73 dB (1950er-
46 dB 46 dB, erhöht Jahre), L’n,w = 49 dB (Mitte 1960er-Jahre)
Decke unter und L’n,w = 49 dB (1987) angegeben, wobei
40 Gemeinschafts- 38 dB Trittschallübertragung bei Decken in sich diese alle auf die alten Bundesländer
raum fremde Aufenthaltsräume bei Doppel-
34 dB und Reihenhäuser; weichfedernde beziehen [28].
30 Bodenbeläge sind anrechenbar Für die Beurteilung von Geräuschen aus haus-
1 Vorschläge für einen erhöhten Schallschutz
technischen Anlagen verwendet man maxima-
20 2 Empfehlungen für einen normalen und erhöhten le, A-bewertete Schalldruckpegel (siehe Glos-
Schallschutz im eigenen Wohn- oder Arbeitsbereich sar, S. 266). A-Bewertung bedeutet dabei eine
B 2.33

43
Bauphysik

1 Bodenbelag 1 keramischer Bodenbelag im Mörtelbett


2 Estrich 2 Verbundabdichtung
3 Folie, ca. 8 cm überlappend 3 Estrich, ggf. bewehrt
4 Trittschalldämmplatten 4 Folie, ca. 8 cm überlappend
5 Rohdecke 5 Trittschalldämung
6 Randdämmstreifen 6 Rohdecke
7 dauerelastische Versiegelung 7 Randdämmstreifen
8 dauerelastische Versiegelung
9 keramische Sockelleiste im Mörtelbett
9
7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1

B 2.34 B 2.35
Berücksichtigung der Frequenzabhängigkeit wirkung des übertragenen Schalls und Ver- Eine Zusage der Erfüllung von erhöhten Anfor-
der menschlichen Hörempfindung. Durch die traulichkeit) bewertet und die tatsächliche Grö- derungen an den Schallschutz gegenüber dem
Bewertung wird der physikalische Schalldruck- ße des trennenden Bauteils sowie die Raum- Bauherrn ohne eine vorherige Bestandsaufnah-
pegel auf eine hörphysiologisch relevante volumina miteinbezogen. me kann daher sehr leichtfertig sein, da diese
Größe »korrigiert«. Die Kennzeichnung erfolgt nicht oder möglicherweise nur unter wirtschaft-
durch die Einheit dB(A). Ein Schallpegel von Vorgehen im Sanierungsfall lich nicht vertretbarem Aufwand der geplanten
20 dB(A) eignet sich für Schlafräume, 55 dB(A) Der erste Schritt einer schalltechnischen Pla- Sanierungsmaßnahme einzuhalten ist.
sollten für konzentriertes Arbeiten auf keinen nung ist die Erfassung und die schalltechni- Wichtig ist in jedem Fall, dass die schalltech-
Fall überschritten werden, 70 dB(A) liegen bei sche Bewertung des Bestands der von den Um- nischen Anforderungen schriftlich vereinbart
angeregter, lauter Unterhaltung vor. Die bau- bzw. Sanierungsmaßnahmen betroffenen werden. Wenn z. B. nach der Sanierung nur der
empfundene Störung hängt immer auch vom Bauteile. Erst dann kann ein Schallschutzkon- Mindestschallschutz nach DIN 4109 eingehal-
Grundgeräuschpegel ab (Abb. B 2.32). Ein zept für diese Maßnahmen erstellt werden. ten werden kann, in der Baubeschreibung aber
WC-Spülgeräusch mit einem baurechtlich ge- besonders hochwertiger Wohnraum (»Luxus-
rade noch zulässigen Schalldruckpegel von Bestandsaufnahme wohnung«) ausgewiesen wird, kann ein spä-
30 dB(A) kann in einer ruhigen Wohnlage Wenn die bestehenden Konstruktionen im De- teres Einklagen eines erhöhten Schallschutzes
durchaus sehr störend wirken, jedoch in Ge- tail bekannt sind, kann die Ermittlung der jewei- durch den Eigentümer Erfolg versprechen.
genwart eines Grundgeräuschpegels von ligen schalltechnischen Kennwerte R’w und Dem kann letztendlich nur durch einen Hinweis
40 dB(A) gar nicht wahrgenommen werden. L’n, w rechnerisch erfolgen. Das schalltech- in der Baubeschreibung über den tatsäch-
Schalldruckpegel aus Wasserinstallationen von nische Verhalten nicht genau bekannter Kon- lichen schalltechnischen Standard des Gebäu-
deutlich unter 25 dB(A) sind mit Standardsys- struktionen, z. B. spezieller Hohlkörperdecken, des vorgebeugt werden.
temen in einem Geschosswohnungsbau nicht und schalltechnische Mängel (Trockenputzver- Beinhaltet die Umbau- bzw. Sanierungsmaß-
durchgängig realisierbar. kleidungen oder schwimmende Estriche mit nahme Grundrissänderungen, sollte bei der
Zuletzt sei erwähnt, dass die geplante DIN Schallbrücken) können jedoch meist nur durch Grundrissplanung auf eine schalltechnisch
4109-1, die bereits als Normentwurf vorlag, eine messtechnische Überprüfung festgestellt günstige Anordnung der einzelnen, vonein-
eine Änderung der bisher verwendeten Kenn- werden. Auch Befragungen der Nutzer über ander zu schützenden Räume geachtet wer-
größen zur Beschreibung des Schallschutzes schalltechnische Auffälligkeiten können durch- den. Dies bedeutet, dass schutzbedürftige
vorsah. Die Anforderungen werden dann nicht aus hilfreich sein. Räume nicht an Räume mit einer erhöhten
mehr an die Kenngrößen R’w und L’n,w gestellt, Geräuschbelastung, z. B. Bad, WC, Haustech-
die die Schalldämmung der Bauteile unabhän- Schallschutzkonzept nikraum, Treppenhaus, angrenzen sollten. Die
gig von deren Fläche kennzeichnen, sondern Der zweite Schritt besteht in der Aufstellung der Anordnung von Räumen wie Flure und Küchen
an die bewertete Standardschallpegeldifferenz schalltechnischen Anforderungen gemäß DIN als schalltechnische »Pufferzone« ist empfeh-
DnT, w für die Luftschalldämmung und an den 4109 und ggf. darüber hinausgehender Bau- lenswert.
bewerteten Standardtrittschallpegel L’nT, w für herren- und Nutzerwünschen. Gerade bei Um- Auch die Belastung durch Außenlärm muss be-
die Trittschalldämmung. Fest steht, dass eine bau- oder Sanierungsmaßnahmen ist stets die rücksichtigt werden. Hat sich der maßgebliche
große Bauteilfläche mehr Schall übertragen konstruktive Umsetzbarkeit zu prüfen. Das viel- Außenlärmpegel am Gebäude geändert, muss
kann als eine kleine Fläche. Um dies zu be- fache Bedürfnis nach einem erhöhten Schall- dies – unter Beachtung der Außenlärmentwick-
rücksichtigen, sollte in der neuen DIN 4109-1 schutzstandard, der über den Mindestschall- lung der kommenden Jahre – ebenfalls in die
der Schallschutz durch Verwendung der Kenn- schutz der DIN 4109 hinausreicht, ist manch- Planung des Schallschutzes der Außenbauteile
größen DnT, w und L’nT, w beschrieben werden. mal nur mit einem unverhältnismäßig hohen einfließen. Insbesondere sollten schutzbedürf-
Der Vorteil dieser neuen Kenngrößen besteht Aufwand zu erzielen. Häufige Probleme sind: tige Räume wie Schlafzimmer vorzugsweise an
darin, dass der tatsächlich zu erwartende den lärmabgewandten Gebäudeseiten ange-
Schallschutz zwischen zwei aneinandergren- • Einbringen zusätzlicher Lasten für einen ordnet werden.
zenden Räumen festgelegt werden kann. schwimmenden Estrich Zuletzt muss der angestrebte Schallschutz
Nachteilig ist, dass eine differenziertere Pla- • eine damit verbundene Erhöhung des Fuß- durch Festlegung der Bauteilkonstruktionen
nung erforderlich wird, da die tatsächlichen bodenaufbaus umgesetzt werden. Bei Unklarheiten, die meist
Flächen der trennenden Bauteile beachtet wer- • nachträglich nur schwer zu unterbindender gerade bei älteren Bauten (fehlende Unterla-
den müssen. Mit der geplanten Einführung der starrer Verbund von Treppen mit den Trep- gen bezüglich Planung und Konstruktion) aus
DIN 4109-1 werden die unterschiedlichen Nut- penhauswänden nur unzureichend durchführbaren Bestands-
zungen (Festlegung, welches der laute und der • Einschränkungen durch denkmalgeschützte analysen resultieren, sollte für die Festlegung
leise Raum ist) und Empfindlichkeiten (Stör- Konstruktionen der Sanierungsmaßnahme ein entsprechender

44
Bauphysik

1 2 3 4 5

1 Estrich
Deckenaufbau 2 Trittschalldämmung
3 Rohdeckenbeschwerung
aus kleinformatigen
Betonplatten oder
gebundener Schüttung
4 Rieselschutzfolie
Rohdecke
5 Verlegespanplatte
B 2.34 Anschluss schwimmender Estrich / Wand 6 Hohlraumdämmung
B 2.35 Anschluss schwimmender Estrich / Wand in
7 Lattung oder Federschiene
Feuchträumen
B 2.36 Konstruktion einer Holzbalkendecke mit Schall- 8 Unterdeckenbeplankung
übertragungswegen 6 7 8
B 2.37 Estrichnenndicken und Zusammendrückbarkeit
der Dämmschicht für unbeheizte, schwimmende Schallübertragung Schallübertragung
Estriche (Auswahl) nach DIN 18 560-2 über Balken durch das Gefach
B 2.36
Fachplaner hinzugezogen und / oder die Emp- genannt: In Bestandsbauten weisen Holzbal- bei der Trittschalldämmung auf, sind aber
fehlungen von Baustoffherstellern, System- kendecken ohne Unterdecke einen bewerteten deutlich schwerer und haben wegen der not-
anbietern (z. B. Trockenbauherstellern) oder Normtrittschallpegel von L’n, w = 65 dB und wendigen Austrocknung längere Bauzeiten.
Verbänden eingeholt werden [29]. mehr auf, abhängig vom Bodenbelag und einer Um die Aufbauhöhen der schwimmenden Est-
Beschwerung z. B. im Fehlboden. Mit einem riche zu reduzieren, können auch hersteller-
Schalltechnische Schwachstellen bei Bestandsbauten schwimmenden Trockenestrich ist eine Ver- spezifische Systembauteile verwendet werden.
und deren Beseitigung besserung um ca. 10 dB möglich, mit minera- Eine Rohdeckenbeschwerung ist immer anzu-
Von den zahlreichen schalltechnischen Pro- lischen Estrichen noch mehr. Um also auf die streben. Diese kann zur Vermeidung zusätz-
blemfällen sollen im Folgenden einige der am Mindestanforderung im Wohnungsbau von erf. licher Aufbauhöhe auch in einen Fehlboden
häufigsten auftretenden angesprochen werden. L’n, w ≤ 53 dB zu kommen, sind daher in der eingebracht werden, wobei die schalltech-
Dabei hängt das Problem meist zusammen mit Regel weitere Maßnahmen notwendig. Eine nische Wirksamkeit deutlich geringer ist, da die
der zum Zeitpunkt der Erstellung üblichen, mit- vernünftige Prognose des zu erzielenden Tritt- Köperschallübertragung über die Balken dann
unter regional unterschiedlichen Baupraxis, schallschutzes ist nur mit einschlägigen Pla- nicht verringert wird (Abb. B 2.36). Oftmals
den zur Bauzeit zur Verfügung stehenden Mög- nungshilfen oder durch Vergleich mit gemes- sind aber die Holzbalken so bemessen, dass
lichkeiten und Materialien sowie auch den da- senen Aufbauten möglich [30]. eine Beschwerung ohne eine statische Ertüchti-
mals verglichen mit heute möglicherweise un- Im Rahmen eines DGfH-Forschungsvorhabens gung der Balken oder eine zusätzliche statisch
terschiedlichen Anforderungen an den Schall- fand eine Untersuchung vieler Varianten alter tragende Konstruktion nicht infrage kommt.
schutz. Konkrete, detaillierte Konstruktionen Deckenaufbauten mit Vorschlägen zur Sanie- Zur Erzielung eines guten Schallschutzes ist
sind in Teil C aufgeführt (siehe S. 116ff.). rung statt [31]. Bei der Verwendung von Pla- neben dem Estrich auch eine abgehängte Un-
nungswerten sollte unbedingt darauf geachtet terdecke unerlässlich. Dabei sollte die Unter-
Decken werden, ob für geprüfte Aufbauten der Ln, w decke mit federnden Abhängern montiert wer-
Schalltechnische Schwierigkeiten in alten Bau- oder der L’n, w angegeben ist. den und die Beplankung möglichst schwer
ten weisen vor allem Holzbalkendecken, leichte Abb. B 2.36 zeigt einen weitverbreiteten, kos- sein. Bei der Auswahl der Abhänger muss sehr
Stahlbetondecken und Hohlkörperdecken auf. tengünstigen und aktuellen Aufbau einer Holz- sorgfältig vorgegangen werden, da die ge-
In den meisten Fällen ist im Wohnungsbau zur balkendecke. Welche Komponenten davon bei wünschte Verbesserung der Schalldämmung
Verbesserung des Trittschallschutzes bei allen einer Sanierung umgesetzt werden, hängt von nur dann eintritt, wenn die Belastung der Ab-
drei Deckentypen ein schwimmender Estrich der jeweiligen Bausituation ab, insbesondere hänger durch die abgehängte Unterdecke na-
die einzige praktikable Lösung. Obwohl von dem meist notwendigen Rückbau, der he der maximal zulässigen Belastung liegt. Al-
schwimmende Estriche schon seit einigen Tragfähigkeit der Balken und der letztendlich ternativ kann in kleineren Räumen auch eine
Jahrzehnten eine Regelkonstruktion im Woh- zur Verfügung stehenden Aufbauhöhe für den vollständig entkoppelte Unterdecke über an
nungsbau darstellen, entstehen durch den Deckenaufbau. den Wänden befestigte Weitspannträger ange-
mangelhaften Einbau oft Körperschallbrücken. Ein schwimmender Estrich ist hier unerlässlich. bracht werden. Zwischen einer fest an einer
Die häufigste Ursache für Schallbrücken im Mineralische Estriche weisen Verbesserungen Lattung montierten Unterdecke oder einer im
Wandbereich stellen fehlende oder nur teilwei-
se eingebaute Randdämmstreifen zur Abkopp-
lung des Estrichs vom sonstigen Baukörper, lotrechte Nutzlasten Einzellasten ≤ 2 kPa ≤ 2 kPa ≤ 3 kPa ≤ 4 kPa
aber auch Fliesenkleber und Ausgleichs-
schichten dar, die in die Fuge zwischen Estrich Flächenlasten – ≤ 3 kPa ≤ 4 kPa ≤ 5 kPa
und Wand eindringen (Abb. B 2.34 und 35). Zusammendrückbarkeit ≤ 5 mm ≤ 5 mm ≤ 3 mm ≤ 3 mm
Eine einzige Schallbrücke zwischen Estrich
und Rohdecke kann den bewerteten Normtritt- minimale Estrichnenndicke Calciumsulfatfließestrich (CAF) 30 mm2 40 mm 45 mm 50 mm
schallpegel um einige dB erhöhen und damit Calciumsulfatestrich (CA) 35 mm1, 2 50 mm1 55 mm1 60 mm1
über Einhaltung bzw. Nichteinhaltung der An-
forderungen entscheiden (Abb. B 2.39). Ein Zementestrich (CT) 40 mm1, 2 55 mm1 60 mm1 65 mm1
schallbrückenfreier Einbau des Estrichs ist Zusammendrückbarkeit ≤ 3 mm ≤ 3 mm ≤ 3 mm ≤ 3 mm
daher auch heute noch eine Herausforderung
für die Bauausführenden. minimale Estrichnenndicke Gussasphaltestrich (AS) 25 mm2 30 mm 30 mm 35 mm
1
Bei Dämmschichten ≤ 40 mm kann bei Calciumsulfatestrichen und Zementestrichen die Estrichnenndicke um 5 mm
Holzbalkendecken reduziert werden.
Zum Verständnis seien vorab ein paar Zahlen 2
Bei höherer Zusammendrückbarkeit (≤ 10 mm) muss die Estrichnenndicke um 5 mm erhöht werden.
B 2.37

45
Bauphysik

Altbau oftmals vorzufindenden Putzschicht auf der Holzwolleleichtbauplatten oder nur das Ent- lässigen Trittschallübertragung führen. Zivil-
Schilfrohrmatten und einer von der Holzbalken- fernen der Putzschicht in Verbindung mit einer rechtlich wird in diesem Fall gefordert, dass
decke abgekoppelten Unterdecke (z. B. durch abgehängten biegeweichen Unterdecke. Wie sich durch den neuen Bodenbelag der Tritt-
Weitspannträger) sind Verbesserungen des be- bei Holzbalkendecken bringt auch hier eine schallschutz nicht verschlechtern darf. Das
werteten Normtrittschallpegels Ln, w von bis zu möglichst schwache Kopplung der Unterdecke ist mit einem verklebten Laminat- oder Parkett-
15 dB möglich. mit der Rohdecke die höchste Schalldämmung. belag nicht realisierbar und mit einem lose auf
Um die Holzbalkendecken auch in der Tritt- Trittschalldämmung verlegten Laminatbelag
schalldämmung bei tiefen Frequenzen zu opti- Hohlkörperdecken auch nur mit einer im Vergleich zum Teppich-
mieren, sollte die Unterdecke einen großen Ab- Hohlkörperdecken (Kassettendecken, Rippen- belag deutlichen geringeren Trittschallminde-
stand, in der Regel mindestens 100 mm, zur decken etc.) weisen gegenüber homogenen rung (Abb. B 2.40).
unteren Beplankungsebene aufweisen. Massivdecken in der Regel deutlich geringere
flächenbezogene Massen auf. Hinzu kommt, Treppenhäuser
Leichte Stahlbetondecken dass aufgrund der Hohlräume innerhalb der Bei den Treppen muss zunächst zwischen Trep-
Für den Trittschallschutz von Stahlbetondecken Decken schalltechnisch ungünstige, dünne penläufen und -podesten unterschieden werden.
in Massivbauweise, d. h. mit massiven flankie- Schalen entstehen, die zu einer zusätzlichen Mindestanforderungen an den Trittschallschutz
renden Wänden, ist ein schwimmender Estrich Verschlechterung, insbesondere der Trittschall- von Treppenläufen in Geschosshäusern nach
im Wohnungsbau unumgänglich. Bei leichten dämmung, gegenüber Massivdecken gleicher DIN 4109 bestehen nur dann, wenn kein Auf-
Stahlbetondecken mit flächenbezogenen Mas- flächenbezogener Masse führen. Wie bei allen zug vorhanden ist und sich mehr als zwei Woh-
sen von unter 300 kg / m2 (Deckenstärken unter Massivdecken ist für einen ausreichenden Tritt- nungen im Gebäude befinden. Ein nachträg-
14 cm) kann oft der baurechtlich mindestens schallschutz ein schwimmender Estrich erfor- licher Einbau eines Aufzugs entbindet somit
zu erbringende Luft- und Trittschallschutz durch derlich, der bei günstiger Auslegung das nach- von einer schalltechnischen Sanierung der
den zusätzlichen schwimmenden Estrich allein teilige Verhalten der Hohlkörperdecken im mit- Treppenläufe. Die Verbesserung der Trittschall-
nicht erreicht werden. Ob und welche Zusatz- tel- und hochfrequenten Bereich kompensiert. dämmung von Stahlbetontreppenläufen, die
maßnahmen erforderlich sind, hängt von den Das eigentliche Problem bei Hohlkörperdecken starr mit den Treppenhauswänden verbunden
flankierenden Wänden ab. Ungünstig sind in ist aber die Luftschalldämmung. Aufgrund der sind, ist meist äußerst problematisch. Oft wird
solchen Fällen leichte flankierende Wände mit meist geringen flächenbezogenen Masse der daher bei gleichbleibender Nutzung vom Be-
flächenbezogenen Massen unter 250 kg / m2. Decke erfolgt eine starke Kopplung zu den standsschutz Gebrauch gemacht. Eine wirk-
Mögliche Zusatzmaßnahmen sind abgehängte flankierenden massiven Wänden. Es ist daher same Verbesserung kann mit einem Teppich-
biegeweiche Unterdecken, durch die eine ma- empfehlenswert, auf massive Wände so weit belag erreicht werden. Alternativ können auf
ximale Verbesserung von 3 dB erreicht werden wie möglich zu verzichten und Wände in Stän- einer elastischen Zwischenlage geklebte Flie-
kann, Vorsatzschalen vor den Wänden oder derbauweise mit Holzwerkstoff- oder Gipskar- sen o. Ä. auf die Trittstufen aufgebracht wer-
das Ersetzen der massiven Wände durch Gips- tonbeplankungen zu verwenden. Alternativ den. Hier ist wie bei den schwimmenden Estri-
kartonständerwerkswände. können Vorsatzschalen an den Massivwänden chen auf eine vollständige Körperschalltren-
Bei der Auswahl der Trittschalldämmung spielt ausgeführt werden. nung der Fliesen von den Wänden, Tritt- und
die dynamische Steifigkeit eine wesentliche In jedem Fall ist eine messtechnische Überprü- Setzstufen zu achten.
Rolle, die Wahl des Materials ist dabei zweit- fung notwendig, da viele verschiedene Typen An die Treppenpodeste in Geschosshäusern
rangig. Trittschalldämmungen mit geringer dy- von Hohlkörperdecken im Bestand existieren bestehen – abgesehen vom Bestandsschutz –
namischer Steifigkeit bringen eine höhere Tritt- und deren Verhalten sich in Abhängigkeit von Mindestanforderungen an den Schallschutz
schallminderung. Allerdings ist diese auch mit der Bauart teilweise signifikant unterscheidet. nach DIN 4109. Die Trittschalldämmung von
einer höheren Zusammendrückbarkeit der Tritt- Treppenpodesten kann mit einem schwim-
schalldämmung verbunden. Daraus resultiert in Bodenbeläge menden Estrich wie bei den Decken oder
der Regel eine geringere zulässige Nutzlast Häufig werden Teppichbeläge gegen Laminat- einem Teppichbelag ausreichend verbessert
und / oder eine etwas höhere Estrichnenndicke oder Parkettbeläge ausgetauscht. Wenn der werden.
(Abb. B 2.37). Trittschallschutz durch einen funktionsfähigen
Ungünstig auf die Schalldämmung können sich schwimmenden Estrich gewährleistet ist, stellt Leichte Massivwände
angeklebte Holzwolleleichtbauplatten mit Putz- dies meist kein Problem dar, wenngleich die Leichte Massivwände können im Bestand hin-
schicht an der Deckenunterseite auswirken, da Trittschallübertragung höher wird. Wenn der sichtlich zweier Aspekte zu Problemen führen.
diese zusammen mit der Stahlbetondecke ein Teppichbelag jedoch Bestandteil des schall- Der erste Aspekt betrifft die Schalldämmung
Resonanzsystem bilden. Abhilfe schafft ein technischen Konzepts ist, wie dies früher er- von Decken und Wohnungstrennwänden, bei
vollständiges Entfernen der Putzschicht und laubt war, kann ein Austausch zu einer unzu- denen die leichten Massivwände mit einer

2 24 2
50 100 3150
1 2 80 Anzahl 50
Norm-Trittschallpegel L’ n [dB]

Trittschallminderung Δ L [dB]

2 Schallbrücken L’ n,w 7 mm Teppichbelag


70 0 49 dB 40 Δ L w = 26 dB
1–6
1 55 dB
2 60 dB 8 mm Laminatbelag
60 3 62 dB 30 mit ca. 5,5 mm
>10
4 64 dB
Trittschalldämmung
ΔL w = 19 dB
~5 50 20
10 mm Laminatbelag
2,5
40 10 mit ca. 1,5 mm
3 Trittschalldämmung
4 ΔL w = 17 dB
1 durchgehende Fuge 30 0
2 Mineralfaserstopfung
3 abgehängte Decke 20 -10
4 Wohnungstrennwand 125 250 500 1k 2k 63 125 250 500 1k 2k
24 cm MZ, verputzt Frequenz [Hz] Frequenz [Hz]
B 2.38 B 2.39 B 2.40

46
Bauphysik

Δ R’w (Differenz der Werte aus DIN 4109 Bbl.1 Tab.1 und Tab.8)
Δ R w nach DIN EN ISO 12354-1
B 2.38 Prinzipskizze zur Minimierung der Schalllängs- (einlagig GKP 12,5 mm, 5 cm Abstand)
leitung bei der Einbindung einer Trennwand bis ΔR w aus Messungen bei zweilagiger Beplankung Abluft
an die Dachhaut und zur Unterbrechung durch-

Δ R w [dB]
laufender Ebenen
B 2.39 Normtrittschallpegel eines schwimmenden Anhy-
20
dritestrichs auf Polystyrol-Trittschalldämmplatten
mit unterschiedlicher Anzahl an punktuellen
Schallbrücken 15
B 2.40 Trittschallminderung von Teppich- und Laminat-
belägen auf Massivdecken außen innen
B 2.41 bewertetes Luftschallverbesserungsmaß ΔRw als 10
Kenngröße zur Verbesserung der Luftschalldäm-
mung einer Massivwand durch eine Vorsatz-
schale mit Hohlraumdämmung auf getrennter 5
Ständerung Zuluft
B 2.42 Aufbau eines Kastenfensters nach einer Sanie- 0
rung; Ersatz einer Verglasungsebene durch ein 100 200 300 400 500
Mehrscheiben-Isolierglasfenster flächenbezogene Masse m’ der bestehenden Massivwand [kg/m 2 ]
B 2.41 B 2.42
flächenbezogenen Masse von weniger als nung sollte eine durchlaufende Bekleidung der Außenlärm
200 kg / m2 als flankierende Bauteile zu einer Dachschräge oberhalb der Trennwand unter- Bei der Festlegung der erforderlichen Schall-
unerwünschten Minderung der Schalldämmung brochen und mit Faserdämmstoff belegt wer- dämmung der Außenbauteile muss berücksich-
führen können (siehe S. 46). den (Absorberschott). Insbesondere bei einer tigt werden, dass nicht nur die Fenster, son-
Der zweite Aspekt betrifft die Verbesserung der nachträglichen Aufsparrendämmung aus dern auch die Außenwand und ggf. das Dach
Luftschalldämmung einer einschaligen Massiv- druckfesten und nicht porösen Dämmmateri- zur Schallübertragung beitragen. Bei starker
wand mit einer flächenbezogenen Masse alien sind Maßnahmen wie z. B. deren Ersatz Belastung durch Außenlärm (Straßen-, Schie-
< 450 kg / m2 als Wohnungstrennwand (Abb. durch poröse Dämmmaterialien zur Minderung nen-, Wasser- und Luftverkehr) wird eine Be-
B 2.41). Das Hinzufügen einer zweiten Massiv- der Schalllängsleitung erforderlich. Letztere rechnung und Einhaltung der resultierenden
wand auch mit Abstand zur Bestandswand Maßnahme sollte von einem Fachplaner geprüft Schalldämmung in der Planung gefordert.
stellt keine geeignete Maßnahme dar. Hierzu werden.
müsste die hinzugefügte Massivwand auf der Fenster
Decke elastisch gelagert und vom Baukörper Wasserinstallation Verbundfenster und insbesondere Kastenfenster
mit Fuge vollständig körperschallentkoppelt Häufige Beschwerden bezüglich der Geräusch- weisen verglichen mit Einfachfenstern mit Mehr-
werden. Diese Bauweise ist z. B. im Studiobau übertragung bei wasserführenden Installati- scheibenisolierglas bei dichten Fugen eine sehr
üblich, jedoch nicht im Wohnungsbau. Hier ist onen treten bei WC-Druckspülern und an der gute Schalldämmung auf. Bei Ersatz dieser Fen-
der Einbau einer Vorsatzschale aus biegewei- Wand befestigten WC-Körpern auf. Druckspü- ster durch Einfachfenster kann es zu einer emp-
chen Platten (z. B. Gipskarton- und oder Gips- ler sollten durch einen Spülkasten ersetzt wer- findlichen Einbuße der Schalldämmung kom-
faserplatten) möglich und verbessert die Luft- den. Bei einem bodenstehenden WC-Körper ist men. Dies macht sich vor allem bei tieffrequen-
schalldämmung. Die mit einer Vorsatzschale eine Befestigung ausschließlich auf schwim- ten Geräuschquellen wie langsam fahrende
erreichbare Optimierung ist von der Schall- mendem Estrich erforderlich. Ein wandhän- LKW bemerkbar. Bei Kastenfenstern kann eine
dämmung der Bestandswand abhängig (Abb. gender WC-Körper, der inzwischen den Regel- Verglasungsebene durch eine wärmetechnisch
B 2.41). Vorsatzschalen erreichen ihre beste fall darstellt, benötigt ein geeignetes Vorwan- erforderliche Isolierverglasung ersetzt werden.
schalldämmende Wirkung, wenn der Abstand dinstallationssystem. Es ist jedoch für eine ausreichende Belüftung
der biegeweichen Platten zur Bestandswand Seitens der Hersteller liegen meist Angaben zu des Luftraums innerhalb des Kastenfensters zu
möglichst groß (mindestens 50 mm) und die den Produkten vor, welche Schallschutzanfor- sorgen, da es ansonsten zu feuchtetechnischen
Beplankung möglichst schwer (mindestens derungen mit den jeweiligen Systemen erreicht Problemen kommen kann. Dabei sollten Lüf-
zwei Lagen Plattenmaterial) ist, die Ständer- werden können. Dabei ist zu berücksichtigen, tungsöffnungen die schalldämmende Wirkung
konstruktion frei stehend vor der Wand nur dass die Prüfungen normgerecht in einem ein- der zweiten Verglasungsebene durch eine ge-
an Decke und Boden befestigt und der Hohl- deutig definierten Prüfstand durchgeführt wer- eignete Ausführung z. B. als Schalldämpferkanal
raum mit einem Dämmstoff (z. B. Mineralfaser) den müssen. Für davon abweichende bauliche nicht zu stark mindern (Abb. B 2.42).
bedämpft wird. Eine weitere Vorsatzschale Situationen ist eine Umrechnung notwendig,
auf der anderen Seite führt bei in die Trenn- die von einigen Herstellern für typische Stan- Wärmedämmverbundsysteme
wand einbindenden flankierenden Massiv- dardfälle auch zur Verfügung gestellt wird. Die Durch das nachträgliche Anbringen eines
wänden zu einer zusätzlichen Verbesserung Einbauvorschriften sollten genau beachtet wer- Wärmedämmverbundsystems kann in Abhän-
um maximal 3 dB. den, da es sich bei diesen Systemen in der gigkeit vom verwendeten Produkt der Schall-
Regel um durchdachte Konstruktionen handelt, schutz gegen Außenlärm verschlechtert oder
Trennwände im Dachausbau bei denen die Auswirkungen von Abweichun- verbessert werden. Die Ursache liegt in der
Nachträgliche Ausbauten von Dachgeschos- gen nicht absehbar sind. Darüber hinaus ent- Ausbildung eines Resonanzsystems. Bei
sen mit Trennwänden zwischen Wohneinheiten fällt in einem solchen Fall die Gewährleistung Produkten, deren Resonanzfrequenz unterhalb
sind mit besonderer Vorsicht hinsichtlich der des Herstellers. des bauakustisch relevanten Bereichs liegt,
Schalllängsleitung zu beurteilen (Abb.B 2.29). Die Verwendung von geprüften Systemen ist ergibt sich eine Verbesserung, ansonsten eine
Um eine Trennwand als Wohnungstrennwand unbedingt auch bei allen anderen Bestand- Verschlechterung (bis zu 6 dB bei der Reso-
zu ertüchtigen, ist es erforderlich, die tren- teilen der Wasserinstallation wie Trink- und Hei- nanzfrequenz) oder keine Änderung der Schall-
nende Wand möglichst weit bis zur Dachhaut- zungsleitungen, Abwasser- und innen liegen- dämmung. Welchen Einfluss die Systeme auf
ebene zu führen und die unterseitige Beklei- den Regenwasserleitungen, Bade- und Dusch- die Schalldämmung einer massiven Außen-
dung der Dachschrägen im Bereich der Trenn- wannen, Waschtischen, Bidets, Armaturen usw. wand haben, ist in den allgemeinen bauauf-
wand zu unterbrechen (Abb. B 2.38). Dies ist zu empfehlen. Armaturen, die nach Prüfzeichen sichtlichen Zulassungen der Dämmstoffher-
auch aus Brandschutzgründen notwendig. nicht der Armaturengruppe I zugeordnet wer- steller beschrieben. Auf die Schalllängsdäm-
Selbst bei Trennwänden innerhalb einer Woh- den können, sollten ersetzt werden. mung entlang der Außenwand haben die

47
Bauphysik

Wärmedämmverbundsysteme keinen negativen Brandschutz • Vergrößerung und Zusammenschluss von


Einfluss. Raumeinheiten
Eine Vielzahl von Bestandsgebäuden weist • nachträglicher Einbau von Fenstern, Ver-
Dächer brandschutztechnische Mängel auf. Diese re- glasungen, Türen usw.
Bei einem nachträglichen Ausbau des Dachge- sultieren meist aus der Kombination unzurei- • Umnutzung von Räumen
schosses als Wohnraumerweiterung sollte be- chend gesicherter Flucht- und Rettungswege in
achtet werden, dass Dachaufbauten mit einem Verbindung mit brennbaren Baustoffen im Ge- Brandschutzkonzept und Maßnahmen
Sichtdachstuhl (Aufsparrendämmung) wegen bäude und nachträglichen Veränderungen des Im Zuge der Sanierung und Umnutzung beste-
der geringen Masse des Dachaufbaus auch Gebäudebestands. Typische brandschutztech- hender Gebäude müssen oft brandschutztech-
eine geringe Luftschalldämmung aufweisen. nische Mängel sind: nische Verbesserungsmaßnahmen durchge-
Dachstühle mit Zwischensparrendämmung führt werden. Die erforderlichen baulichen,
sowie einer oder mehreren abschließenden • Flucht- und Rettungswege entsprechen nicht konzeptionellen oder anlagentechnischen
Lagen von Trockenbauplatten ergeben deutlich den Anforderungen (z. B. Holztreppenhäu- Schritte lassen sich dabei nur im Zusammen-
höhere Schalldämmmaße. ser). hang und bei einer Gesamtbetrachtung des je-
Hersteller von Hartschaumdämmplatten sind • Brandabschnitte sind bezogen auf die heu- weiligen Gebäudes festlegen. Sie richten sich
dazu übergegangen, eine zusätzliche Lage aus tige Nutzung häufig unzureichend unterteilt nach den vorhandenen Risiken, Denkmal-
Faserdämmstoff an den Hartschaumdämmplat- (keine oder zu große Brandabschnitte). schutzauflagen sowie wirtschaftlich vertret-
ten anzubringen. Damit wird eine schalltechnisch • Brennbare Baustoffe befinden sich in Trag- baren Möglichkeiten der brandschutztech-
weiche (elastische) Ebene zwischen Dachde- konstruktion und Oberflächen. nischen Optimierung.
ckung und Beplankungs eingebracht, die das • Bauteile wie Trennbauteile besitzen eine zu Lösungen sollten im Rahmen eines Brand-
Schalldämmmaß um einige dB verbessert. Die geringe Feuerwiderstandsdauer. schutzkonzepts bereits in der Planungsphase
konstruktiven Dachaufbauten bei Dachsanie- • Eine gezielte Brandbekämpfung (Zugänglich- erarbeitet und darin die ggf. vorhandenen Ri-
rungen unterscheiden sich meist geringfügig von keit, Anlagentechnik) ist nicht möglich. siken und die Maßnahmen zu deren Reduzie-
den Konstruktionen eines Neubaus. Somit kann rung angegeben werden (Abb. B 2.43). Im
auf die einschlägigen Planungswerke und Infor- Vor allem nachträgliche Änderungen bergen Zuge der Erstellung des Brandschutzkonzepts
mationen der Baustoffhersteller zurückgegriffen die Gefahr, gegen die Vorgaben des Brand- lässt sich feststellen, ob der heute geforderte
werden [32]. In Bezug auf den Schallschutz- schutzes zu verstoßen. Dies betrifft im Wesent- Zustand durch ergänzende Brandschutzmaß-
nachweis können Dachfenster die Schalldäm- lichen: nahmen (z. B. nachträgliche Verbesserung des
mung verschlechtern. Zur Minderung der durch Feuerwiderstands von tragenden Bauteilen
Regen auf den Dachfenstern verursachten Ge- • nachträgliche Installation und Anordnung von oder Auskleidung von Rettungswegen mit nicht
räusche existieren bisher noch keine Lösungen. Durchbrüchen brennbaren Baustoffen) hergestellt werden
kann oder ob die ermittelten Abweichungen
von baurechtlichen Vorschriften auf andere Art
Bauteil / Anforderungen Abweichung Risiko Maßnahmen
Ist-Zustand
kompensiert werden müssen. Bezogen auf die
Brand- LBO Denkmal- anlagen- baulich brandschutztechnischen Schutzziele sollte bei
abschnitt schutz technisch den baulichen Maßnahmen vor allem die Nach-
Fachwerk- vertikale F 90-AB Erhalt der vorhanden Brandweiterleitung keine beidseitige rüstung von Rettungs- und Fluchtwegen erfol-
wand Trennung Fachwerk- Rauchausbreitung Brandschutz- gen. Weiterhin muss sichergestellt sein, dass
F 30-B wand Standsicherheit bekleidung die Brandabschnittsgrenzen sowohl im Hinblick
∫ F 90-BA
auf die Brandweiterleitung als auch bezogen
Holzbalken- horizontale F 90-AB Erhalt des vorhanden Standsicherheit Sprink- selbstständige auf die Rauchausbreitung ihre Funktion erfül-
decke Trennung historischen lerung Unterdecke
len. Die vorgesehenen Maßnahmen sind in
< F 30-B Parkett- ∫ F 60-B
belags jedem Einzelfall mit der Bauaufsichtsbehörde
abzustimmen, ggf. unter Einbeziehung der zu-
Gussstahl- keine F 90-AB keine vorhanden Standsicherheit keine Brandschutz-
stütze Trennung bekleidung ständigen Feuerwehren und eines Brand-
< F 30-A ∫ F 90-A schutzsachverständigen. In Abb. B 2.44 ist die
B 2.43 prinzipielle Vorgehensweise mit den wesent-
lichen Einflussgrößen, erforderlichen Maßnah-
Musterbauordnung / Landesbauordnung
Schutzziele und Anforderungen des vorbeugenden Brandschutzes men und Beteiligten dargestellt.
Die Anforderungen an Neubauvorhaben und
an das Bauen im Bestand sind hinsichtlich des
Fachplaner
Risikoanalyse baulichen Brandschutzes weitgehend iden-
Architekt
Nutzung Voraussetzungen für Brandbekleidungen tisch, wobei deren Umsetzung jedoch sehr un-
Kriterienkatalog Bauherr
Brandlasten Risikodefinition
Bauweise Ertüchtigungsbedarf
Bauaufsicht terschiedlich sein kann. Während im Neubau
Feuerwehr die Gebäude, deren Bauteile, Anschlüsse und
Durchdringungen von vornherein auch unter
Fachplaner brandschutztechnischen Aspekten geplant
Brandschutzplanung Architekt werden, ist im Bestand häufig eine nachträg-
Brandabschnitte Brandmeldeanlagen Denkmalschützer liche additive Ertüchtigung der vorhandenen
Maßnahmenkatalog Rettungswege Löschanlage Bauherr
F-Klasse RWA Bauaufsicht / Prüfer Bauteile oder die Umsetzung von Kompensa-
Baustoffklasse städtebauliche Gestaltung Feuerwehr tionsmaßnahmen erforderlich. Brandschutz-
Versicherer technische Nachweise (vor allem allgemeine
bauaufsichtliche Zulassungen oder allgemeine
Fachplaner bauaufsichtliche Prüfzeugnisse) lassen sich
Brandschutzausführung Architekt häufig nicht in allen Einzelheiten auf bestehen-
Leistungsbuch
Fachfirmen Qualitätssicherung Denkmalschützer de Gebäude und Bestandskonstruktionen
Bauherr übertragen.
B 2.44

48
Bauphysik

B 2.43 Beispiele für die Ermittlung der vorhandenen


brandschutztechnischen Eigenschaften und des
vorhandenen Risikos von Bauteilen sowie mög-
licher Kompensationsmaßnahmen
B 2.44 systematische Darstellung zur Erstellung von
Brandschutzkonzepten für bestehende Gebäude
B 2.45 Beispiel für die brandschutztechnische Beklei-
dung einer Fachwerkwand F 90-BA mit gleichzei-
tiger schallschutztechnischer Verbesserung
durch die Vorsatzschale
B 2.46 schematischer Aufbau zur brandschutztechnisch
additiven Verbesserung einer Holzbalkendecke
ohne Eingriff in die Bestandsdecke

Vorsatzschale:
Beplankung 2≈ 12,5 mm GKF

B 2.45 B 2.46
Der Planer bzw. Architekt kann im Einzelfall eine nisch selbstständig wirkende Vorsatzschalen Die Anforderung F 90-B (F 90-BA) setzt stets
Reduzierung der Anforderungen erreichen, bei (Schachtwände) erfolgen. Dabei wird das Prin- additive Bekleidungen und Vorsatzschalen vo-
Konstruktionsänderungen bedarf dies ggf. der zip »Ist-Feuerwiderstand (Wand) + Feuerwider- raus (Abb. B 2.45). Der Nachweis muss über
Zustimmung durch die Oberste Bauaufsicht; bei stand (Vorsatzschale) = Gesamtfeuerwider- Prüfzeugnisse oder Gutachten erfolgen. Die
Baudenkmälern ist die Untere Bauaufsichtsbe- stand« verwendet, wobei hier nach Absprache Brandschutzbekleidung kann generell auf einer
hörde zuständig. Unter bestimmten Randbedin- die Zustimmung der Bauaufsicht notwendig ist. Holz- oder Metallunterkonstruktion angebracht
gungen – in der Regel nicht bei Umnutzungen – Nicht definierte bzw. nicht klassifizierte son- werden, die direkt an der Fachwerkwand be-
gilt bei Sanierungsmaßnahmen der »Bestands- stige Wände müssen wie Bauteile ohne Feuer- festigt oder frei stehend vor der Fachwerkwand
schutz«. Hier werden im Neubau nicht geneh- widerstand (F = 0) behandelt werden. Dazu errichtet wird. Bei brandschutztechnischen Be-
migungsfähige bauliche Situationen toleriert, al- sind brandschutztechnisch wirksame Vorsatz- kleidungen ist generell zu beachten, dass der
lerdings meist in Kombination mit brandschutz- schalen (Schachtwände) in der Qualität F 30 Hohlraum, der zwischen Bekleidung und Wand
technisch wirksamen Zusatzmaßnahmen. So bis F 90 erforderlich, die den Feuerwiderstand entsteht, nicht belüftet werden darf (Kaminwir-
können z. B. bei der Sanierung von Wohnge- unabhängig von der Bestandswand »selbst- kung). Zusätzliche Folien, z. B. Dampfbremsen,
bäuden bei unveränderter Nutzung, Nutzungs- ständig« erfüllen. beeinflussen die klassifizierten Feuerwiderstän-
dichte und Erschließung Holztreppenstühle er- Neben der Möglichkeit zur Bekleidung kann de nicht negativ. Bei gleichzeitigen Anforde-
halten bleiben, wenn Zusatzmaßnahmen wie der Brandschutz von massiven Bauteilen auch rungen an den Wärme- und Schallschutz muss
Feuerlöscher und / oder Rauchabzugsklappen durch einen geeigneten Putzauftrag verbessert geprüft werden, ob weitere Dämmstoffeinlagen
angebracht werden. werden. zulässig sind und welche Dämmstoffe (Bau-
stoffklasse, Schmelzpunkt) eingesetzt werden
Brandschutzertüchtigung von Bestandswänden Fachwerkwände dürfen. Bei Schallschutzanforderungen ist ein
Bei diesen Wänden ist zu unterscheiden zwi- Die Ausführung von Fachwerkaußenwänden Faserdämmstoff, z. B. Mineralwolle, zur Hohl-
schen nichttragenden Raum abschließenden mit ausgefüllten Gefachen sind nach DIN 4102, raumbedämpfung sinnvoll.
Wänden, tragenden Raum abschließenden Teil 4, Abschnitt 4.11, bis zur Feuerwider-
Wänden und tragenden nicht Raum abschlie- standsklasse F 30-B geregelt. Gemäß diesen Brandschutzertüchtigung von Bestandsdecken
ßenden Wänden. Angaben müssen die Fachwerkhölzer Mindest- Der Feuerwiderstand von Decken ist, abhängig
querschnittsabmessungen von 100 ≈ 100 mm von der Deckenbauart und den Konstruktions-
Massivwände bei einseitiger Brandbeanspruchung bzw. von merkmalen, in DIN 4102-4 beschrieben. Man
Der Feuerwiderstand der vorhandenen Wand- 120 ≈ 120 mm bei zweiseitiger Brandbeanspru- unterscheidet zwischen massiven Rohdecken
konstruktion lässt sich durch eine Analogiebe- chung besitzen. Die Fachwerkfelder müssen der Deckenbauarten I bis III und Deckenbau-
trachtung zu den Konstruktionen nach DIN vollständig mit Lehmschlag, Holzwolleleicht- arten aus Holz (Holzbalkendecken bzw. De-
4102-4 abschätzen. Angaben zu Massivwän- bauplatten nach DIN 1101 oder Mauerwerk cken aus Holztafeln). Dächer, die im Aufbau
den enthalten folgende Tabellen: nach DIN 1053-1 ausgefüllt sein, wobei min- mit Deckensystemen identisch sind, werden
destens eine Wandseite bekleidet werden bezüglich ihrer Brandschutzeigenschaften
• Tab. 35: Beton- und Stahlbetonwände muss. Als Bekleidungsmaterialien können u. a. gleichgestellt (Abb. B 2.49). Massivdecken
• Tab. 38: Wände aus Mauerwerk und Wand- eingesetzt werden: sind in DIN 4102-4 Abschnitte 3.4 – 3.11 be-
platten (nichttragend) handelt, Holzbalkendecken in den Abschnitten
• Tab. 39: Wände aus Mauerwerk (tragend) • Gipskartonfeuerschutzplatten (GKF) nach 5.2 und 5.3.
DIN 18 180, d ≥ 12,5 mm Reicht der vorhandene Brandschutz der vorge-
Bei intakten Mauerwerkswänden reicht in der • Gipskartonbauplatten (GKB) nach DIN fundenen Bestandsdecke nicht aus, muss eine
Regel der Feuerwiderstand der Bestandswand 18 180, d ≥ 18 mm Aufrüstung in eine höhere Feuerwiderstands-
aus. Im Falle von Undichtigkeiten muss eine • Gipsfaserplatten, d ≥ 10 mm, aufgrund vor- klasse erfolgen (Abb. B 2.47 und 50). Diese
zumindest einseitige Verfugung oder Verput- liegender Prüferfahrungen Verbesserung lässt sich bei Stahlbetondecken
zung erfolgen. Bei Stahlbetonwänden ist neben • Putz nach DIN 18 550 Teil 2, d ≥ 15 mm unter bestimmten Umständen durch zusätz-
der Wanddicke auch die vorhandene Beton- liche Putzschichten realisieren. Meist wird die
überdeckung der Bewehrung ausschlagge- Darüber hinaus eignet sich eine Vielzahl spe- Feuerwiderstandsklasse bei Decken jedoch
bend und sollte überprüft werden. zieller, bauaufsichtlich geprüfter Brandschutz- durch die Anordnung zusätzlicher Unterdecken
Wenn der bauordnungsrechtlich geforderte platten. Mit diesen Plattenwerkstoffen lassen und Deckenbekleidungen, bei Brandbeanspru-
Feuerwiderstand durch die Bestandswand sich in der Regel besonders schlanke oder chung von oben durch Bodenaufbauten (z. B.
nicht erreicht wird, kann eine »additive Ver- brandschutztechnisch leistungsfähige Kon- Estrich) erhöht.
besserung« z. B. durch brandschutztech- struktionen realisieren. Deckenkonstruktionen müssen zur Beurteilung

49
Bauphysik

B 2.47 Umnutzung eines denkmalgeschützten Kaser-


nengebäudes zu Büroräumen, Düsseldorf (D)
2008, Petzinka Pink Architekten; Brandschutz-
ertüchtigung der Bestandsdecken durch frei-
tragende F 90-Unterdecken,
B 2.48 St. Elisabethen-Krankenhaus, Stuttgart (D) 1985;
Umbau der Küche in ein Bistro, Brandschutzbe-
kleidung der Stahlträger- und Stützen
B 2.49 Dachausbau mit Brandschutzbekleidung der
Dachschräge
B 2.50 Umbau eines alten Lagerhauses zur Musik-
schule, Volkach (D) 2001, Reinhold Jäcklein;
System Decke unter Decke, Akustikdecke mit
Streulochung unterhalb einer Brandschutzdecke,
Trennung der Funktionen Raumakustik und Ge-
staltung (untere Decke) von den Funktionen Bau-
akustik und Brandschutz (obere Decke)
B 2.47 B 2.48
ihrer Feuerwiderstandsklassen nach DIN benen Systeme haben gegenüber den DIN- »additiv« brandschutztechnisch optimiert wer-
4102-4 als Gesamtkonstruktion betrachtet wer- Konstruktionen den Vorteil, wirtschaftlich und den kann oder in die Decke eingegriffen werden
den. Dies gilt für Rohdecken mit unterseitiger bauakustisch optimiert zu sein. In der Regel muss. Über ein sogenanntes Entkernen von
direkter Bekleidung ebenso wie für abgehängte können für alle Massivdecken der Deckenbau- Holzdecken, also das Herausnehmen des De-
Decken. Eine Ausnahme stellen Unterdecken- arten I bis III die Anforderungen F 30, F 60 und ckeneinschubs, ist im Einzelfall zu befinden.
konstruktionen dar. Dabei muss nur die Unter- F 90 nach der Formel »Massivdecke + Unter- Bei additiver Ertüchtigung kann auf die brand-
decke ohne die Rodecke bei einer Brandbe- decke = klassifizierte Deckenkonstruktion« er- schutztechnische Leistungsfähigkeit der Be-
anspruchung von unten und / oder oben einer füllt werden. Dabei hängt die Beplankungsdicke standsdecke – sofern vorhanden – zurückge-
Feuerwiderstandsklasse angehören. Der er- der Unterdecke von der brandschutztechni- griffen werden (Abb. B 2.46). Die erforderlichen
forderliche Brandschutz wird von diesen Unter- schen Qualität der vorhandenen Rohdecke ab. zusätzlichen Maßnahmen sind dadurch weni-
deckensystemen allein erbracht (selbststän- ger aufwendig, ein Eingriff in die Decke, z. B.
dige Unterdecken), wobei der Nachweis über Brandschutz von Holzbalkendecken durch Entkernung, ist nicht erforderlich. Dies
Prüfzeugnis erfolgt. Die verschiedenen in Altbauten eingesetzten führt in der Regel zu wirtschaftlichen Lösungen
Als Brandschutzelement haben Unterdecken Holzdecken lassen sich unter brandschutz- (kein Rückbau, kein Schutt, schlankere bzw.
und Deckenbekleidungen in Abhängigkeit von technischen Gesichtspunkten in drei Bauarten leichtere Unterdecken- und Bodensysteme).
der geforderten Schutzwirkung und von der Ri- unterteilen: Unter Berücksichtigung der brandschutztech-
sikosituation unterschiedliche Anforderungen nischen Leistungsfähigkeit einer alten Holzbal-
zu erfüllen: • Decken mit verdeckten Holzbalken kendecke muss im Rahmen der Sanierung auf
• Decken mit teilweise freiliegenden folgende Randbedingungen geachtet werden,
• als brandschutztechnisch notwendige Beklei- (sichtbaren) Holzbalken um die Klassifikation F 90 zu erreichen:
dung in Verbindung mit der Rohdecke: Ver- • Decken mit vollständig freiliegenden Holz-
besserung des Brandverhaltens einer Ge- balken • Die Dielung der Holzbalkendecke aus ge-
samtdeckenkonstruktion spundeten Brettern sollte mindestens 21 mm
• als brandschutztechnisch eigenständiges Sollen im Sanierungsfall bei den zwei letztge- und bei Holzwerkstoffplatten mindestens
Bauteil bzw. Element: Schutz des Decken- nannten Bauarten die Holzbalken sichtbar blei- 19 mm betragen.
hohlraums mit ggf. wichtigen Installations- ben, ist die erreichbare brandschutztechnische • Holzbalkendecken müssen für die Zusatzbela-
elementen sowie der darüberliegenden Roh- Klassifikation vom Querschnitt der Holzbalken stung aus den Brandschutzmaßnahmen sta-
decke gegen Brand aus dem darunterliegen- und der statischen Belastung abhängig. Beur- tisch nachgewiesen sein; eine Zustandsanaly-
den Raum teilungsgrundlage für Deckenbalken bildet DIN se der vorhandenen Substanz sollte stets als
• als brandschutztechnisch eigenständiges Ele- 4102-4, Abschnitt 5.5.; komplette Deckenauf- Ausgangspunkt für die Sanierung dienen.
ment: Schutz des darunterliegenden Raums bauten bis zu F 60-B sind in Abschnitt 5.4 von • Bei vorhandenen Putzschichten an Holzbal-
gegen einen Brand im Deckenhohlraum (z. B. DIN 4102-4 dargestellt. kendecken müssen eventuelle Putzschäden
Brandlasten aus Kabelisolierungen) Alte Holzbalkendecken mit Deckeneinschub beseitigt werden; bei einer Abhängehöhe der
• Isolierung von Brandlasten (z. B. bei Ret- (z. B. Sandschüttung auf einem Zwischenboden Unterdecke von mehr als 250 mm ist unmit-
tungswegen) im Deckenhohlraum) und Holzbalken mit einer telbar unter dem Altputz ein Drahtgewebe zu
Breite von mindestens 100 mm und entspre- spannen und an den tragenden Holzbalken
Nach DIN 4102-4 lässt sich mit Massivdecken chender Deckenschalung erreichen bei intak- zu befestigen.
der Deckenbauart I und II in Verbindung mit tem Aufbau eine Feuerwiderstandsdauer von • Eine Verankerung der Unterdecken muss ge-
Unterdecken maximal die Feuerwiderstands- mehr als 30 Minuten, sodass sie ohne Nach- nerell an den tragenden Holzbalken mit zu-
klasse F 30 erreichen. Mit Stahlbetondecken rüstmaßnahmen in die Feuerwiderstandsklasse gelassenen Holzschrauben erfolgen; die
der Deckenbauart III können Feuerwiderstands- F 30-B eingestuft werden können. Dagegen wer- Schrauben sollten bei Zugbeanspruchung so
dauern bis F 90 erzielt werden, wobei die An- den sehr leichte Holzbalkendecken ohne De- bemessen werden, dass die Eindringtiefe in
ordnung von Dämmstoffen im Deckenhohlraum ckeneinschub brandschutztechnisch schlechter das Holz mindestens 50 mm beträgt.
allerdings nicht zulässig ist. beurteilt. Diese Konstruktionen können bereits • Die Anschlüsse der Unterdecken an die Um-
Über die eingeschränkten Maßnahmen der DIN nach 15 oder 20 Minuten ihre Raumabschluss- fassungsbauteile sind dicht auszuführen.
4102-4 hinaus ermöglicht der Nachweis über wirkung verlieren und weisen daher meist kei-
Prüfzeugnisse und gutachterliche Stellungnah- nen klassifizierbaren Feuerwiderstand auf. Bei Eingriffen in die Decke wird diese im Extrem-
men einen verbesserten Brandschutz mit Un- Im Zuge der Sanierungsplanung ist unter Be- fall bis auf die Balkenlage zurückgebaut. Neben
terdecken und Deckenbekleidungen. Die in rücksichtigung der vorgefundenen Gegeben- der Gewichtsreduzierung ist die dadurch mög-
den Prüfzeugnissen und Gutachten beschrie- heiten zu entscheiden, ob die Holzbalkendecke liche Bewertung der Decke in Anlehnung an die

50
Bauphysik

B 2.49 B 2.50
»neuen« Holzbalkendecken (vgl. Brandschutz • Spezialgipsplatten [15] DIN EN 410: Glas im Bauwesen: Bestimmung der
DIN 4102 und Schallschutz DIN 4109) vorteil- • zementgebundene Feuerschutzplatten lichttechnischen und strahlungsphysikalischen
Kenngrößen von Verglasungen. 1998-12
haft. Der Aufwand für die handwerkliche Ausfüh- • Calciumsilikatplatten [16] ebd. [11]
rung und Entsorgung ist allerdings höher, • Mineralfaserplatten [17] Stiegel, Horst; Hauser, Gerd: Wärmebrückenkata-
Schallschutz und Schwingungsanfälligkeit wer- log für Modernisierungs- und Sanierungsmaß-
den ggf. durch das Entfernen des Deckenein- Aufgrund ihrer Struktur und Festigkeit können nahmen zur Vermeidung von Schimmelpilzen.
Stuttgart 2006
schubs verschlechtert und müssen durch ge- einige dieser Platten durch mechanische Be-
[18] E-DIN 1946-6: Raumlufttechnik – Teil 6: Lüftung von
eignete Maßnahmen kompensiert werden. festigungsmittel (Schrauben oder Klammern) in Wohnungen – Allgemeine Anforderungen, Anforde-
Der Feuerwiderstand bei einer Brandbeanspru- den Stirnkanten verbunden werden und benö- rungen zur Bemessung, Ausführung und Kenn-
chung von oben hängt maßgeblich von Art, tigen daher keine Unterkonstruktion. zeichnung, Übergabe / Übernahme (Abnahme) und
Dicke und Aufbau des Estrichs und der Dämm- Neben den bereits erwähnten Ertüchtigungs- Instandhaltung. 2006-12
[19] Fraunhofer Institut für Bauphysik (Hrsg.): WUFI und
schicht ab. Nach DIN 4102-4 können bis zur maßnahmen an Wänden, Decken, Stützen und WUFI 2D. Holzkirchen 2007; Institut für Bauklimatik
Feuerwiderstandsklasse F 60 Gipsestriche und Trägern durch »flächige« Bekleidung muss der TU Dresden (Hrsg.): Delphin
Trockenunterböden aus Gipsplatten eingesetzt bei Brandschutzmaßnahmen im Bestand ins- [20] ebd. [14]; DIN 4108 Bbl. 2: Wärmeschutz und
werden. Bei Decken mit F 90-Anforderungen besondere auf die Installationsführung (Durch- EnergieEinsparung in Gebäuden. Wärmebrücken –
Planungs und Ausführungsbeispiele. 2006-03
lässt sich die Eignung von Trockenunterböden dringungen, Kapselung, Schächte) geachtet
[21] ebd. [8]
über Prüfzeugnisse oder gutachterliche Stel- werden. [22] EnEV 2007: Verordnung über energiesparenden
lungnahmen nachweisen. Wärmeschutz und energiesparende Anlagentech-
nik bei Gebäuden. 2007-07
Ertüchtigung von Stützen und Trägern Anmerkungen: [23] Feist, Wolfgang u. a.: PHPP 2007 – Passivhaus-
Projektierungspaket. Passivhaus Institut (Hrsg.).
Stützen und Träger aus Stahl und Holz müssen [1] Deutsche Energie Agentur (Hrsg.): Besser als Darmstadt 2007
im Regelfall zum Erreichen eines klassifizierten ein Neubau: EnEV minus 30 %. Planungshilfe. [24] ebd. [2]
Feuerwiderstands mit geeigneten Bekleidun- Berlin 2007 [25] Passivhaus Institut (Hrsg.): Arbeitskreis kosten-
gen versehen werden (Abb. B 2.48). Zur Be- [2] Kah, Oliver; Feist, Wolfgang: Wirtschaftlichkeit von günstige Passivhäuser-Protokollband 24. Einsatz
Wärmedämmmaßnahmen im Gebäudebestand. von Passivhaustechnologien bei der Altbau-Moder-
messung der erforderlichen Brandschutzbe-
Darmstadt 2005 nisierung. Darmstadt 2003; Passivhaus Institut
kleidung sind folgende Anforderungskriterien [3] ebd. [1] (Hrsg.): Arbeitskreis kostengünstige Passivhäuser-
zu ermitteln: [4] Fanger, Ole: Thermal Comfort – Analysis and Protokollband 32. Faktor 4 auch bei sensiblen Alt-
Applications in Environmental Engineering. bauten – Passivhauskomponenten + Innendäm-
• Art des zu bekleidenden Bauteils (Stütze, Kopenhagen 1970 mung. Darmstadt 2005
[5] DIN EN ISO 7730: Ergonomie der thermischen Um- [26] ebd. [23]
Träger) gebung – Analytische Bestimmung und Interpreta- [27] Veres, Eva u. a.: Bauphysik 11. Berlin 1989,
• erforderliche Feuerwiderstandsdauer tion der thermischen Behaglichkeit durch Berech- S. 37– 43; Gösele, Karl: Schallschutz-Entwick-
• Brandbeanspruchung des Bauteils nung des PMV- und des PPD-Index und Kriterien lungen in den letzten 30 Jahren. In: Deutsche Bau-
(ein-, zwei-, drei- oder vierseitig) der lokalen thermischen Behaglichkeit. 2007-06 zeitung 122 (1988). H. 1, S. 75 – 82
[6] Deutsche Energie Agentur (Hrsg.): Thermische [28] ebd. [24]; Scholze, Jürgen: Bauphysik 17. Berlin
• Stahlprofile: Ermittlung des Verhältnisses
Behaglichkeit im Niedrigenergiehaus – Teil1: Win- 1995, S. 138 –143; Kötz, W.-D.: Erhebung zum
vom Umfang zur Querschnittsfläche (U /A- terliche Verhältnisse. Berlin 2007 Stand der Technik beim baulichen Schallschutz.
Verhältnis) [7] DIN 4108-2: Wärmeschutz und Energieeinsparung Fortschritte der Akustik. DAGA 1988, S. 75 – 82
• Holz: Holzart, Querschnitt, Querschnittsver- in Gebäuden – Teil 2: Mindestanforderungen an [29] Informationsdienst Holz (Hrsg.): Holzbau Hand-
hältnis den Wärmeschutz. 2007-07 buch. Reihe 1, Teil 14, Folge 1 – Modernisierung
[8] DIN EN 6946: Wärmedurchlasswiderstand und von Altbauten. München 2001; Informationsdienst
• Plattentyp der Bekleidung, Bekleidungsdicke Wärmedurchgangskoeffizient. 2007 Holz (Hrsg.): Holzbau Handbuch. Reihe 7, Teil 3,
• Brandschutznachweis (DIN 4102-4 oder Prüf- [9] ebd. [1]; DIN V 4108-4: Wärmeschutz und Energie- Folge 1 – Erneuerung von Fachwerkbauten.
zeugnis) einsparung in Gebäuden – Teil 4: Wärme und München 2004; Informationsdienst Holz (Hrsg.):
feuchteschutztechnische Bemessungswerte. Holzbau Handbuch. Reihe 3, Teil 3, Folge 3 –
2007-06 Schalldämmende Holzbalken- und Brettstapel-
DIN 4102-4 enthält Übersichten für bekleidete
[10] Institut für Bauforschung e. V. (Hrsg.): U-Werte alter decken. München 1999
Stützen und Träger mit Gipskartonfeuerschutz- Bauteile. Hannover 2005 [30] ebd. [29]; Informationsdienst Holz (Hrsg.): Holzbau
platten (GKF). Daneben gibt es eine Vielzahl [11] Internetdatenbank: www.masea-ensan.de Handbuch. Reihe 3. Teil 3. Folge 4 – Schallschutz
geprüfter Brandschutzbekleidungen, die ge- [12] DIN EN 10 077: Wärmetechnisches Verhalten von Wände und Dächer. München 2004
genüber den Normkonstruktionen wirtschaft- Fenstern, Türen und Abschlüssen. Berechnung des [31] Rabold Andreas u. a.: Forschungsvorhaben – Holz-
Wärmedurchgangskoeffizienten. 2006-12 balkendecken in der Altbausanierung. Abschluss-
licher oder brandschutztechnisch leistungs- [13] DIN EN 673: Glas im Bauwesen: Bestimmung des bericht zu beziehen über die Deutsche Gesell-
fähiger sind. Folgende Plattentypen dienen als Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert). 2003-06 schaft für Holzforschung
Brandschutzbekleidungen: [14] ebd. [9] [32] DIN 4109: Schallschutz im Hochbau. 1989-11

51
Technische Gebäude-
ausstattung

Karl-Heinz Petzinka, Bernhard Lenz,


Jürgen Volkwein, Florian Lang

B 3.1
Da die Entwicklung neuer Technologien und vollständiger Austausch der Baugruppe (z. B.
deren Kombinationen rasant voranschreitet, al- Wasserversorgung) mit allen Komponenten be-
tert die technische Gebäudeausrüstung heute reits vorgenommen (Abb. B 3.3).
schneller als das Gebäude. Deshalb kommt
der technischen Gebäudeausstattung eine Bestandsaufnahme
immer größere Bedeutung zu. Die Instandhal- Bei der Dokumentation des Bestands werden
tung der haustechnischen Installationen hat die Bauarten, alle verwendeten Materialien und
einen wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaft- die Fügungen vermerkt. Daraus lässt sich der
lichkeit und Werterhaltung eines Gebäudes, da Installationsstandard ableiten und mit den nor-
von fehlerhafter Gebäudetechnik Effizienzver- mativen Grundlagen zum Zeitpunkt der Erstel-
luste und auch Schadensgefährdungen aus- lung vergleichen. Ebenfalls sollten an dieser
gehen. Mit der Sanierung der Anlagentechnik Stelle Ergänzungen oder Modernisierungen
werden deshalb folgende Ziele verfolgt: festgehalten werden. Des Weiteren sind die
Verteilungssysteme der einzelnen Baugruppen
• Erhaltung der Funktionsfähigkeit und zu erfassen: horizontal, vertikal, auf Putz, unter
Zuverlässigkeit Putz, zentrale Verteilungsstränge, Schächte,
• Verlängerung der Restnutzungsdauer Platzauslastung, Möglichkeiten zur Nachrüs-
vorhandener Installationen tung etc. (Abb. B 3.6). Diese Angaben müssen
• Steigerung der Effizienz mit einer möglichst differenzierten Bewertung
• Verbesserung des Nutzungskomforts der Abnutzung bzw. Schädigung der Bau-
(Anpassung an aktuelle Bedürfnisse) teile (z. B. Verkrustungen, sichtbare Undich-
tigkeiten, mechanische Belastungen usw.)
Um diese Ziele in einem wirtschaftlich vertret- ergänzt werden.
baren Rahmen erreichen zu können, ist bei der
Sanierung haustechnischer Anlagen ein syste- Effizienz des Bestands
matisches Vorgehen erforderlich. Nur so kann Eine Erneuerung von Anlagenkomponenten
ein Entscheidungsraster entwickelt und zwi- kann auch auf Grundlage einer unzureichenden
schen der Notwendigkeit der Reparatur, der Er- Auslegung oder veralteten Technik sinnvoll
gänzung oder des Austauschs unterschieden sein. Zur Bewertung werden die Eigenschaften
werden. Eine genaue Bestandsaufnahme ist der Bauteile und -gruppen festgehalten. Dabei
unbedingt erforderlich und sollte alle wesent- steht allen voran der direkte Energieverbrauch
lichen Teile der technischen Gebäudeausstat- (z. B. Beleuchtung oder Wärmeerzeugung)
tung beinhalten (Abb. B 3.2). Die Betrachtung sowie der Verbrauch von Hilfsenergie (z. B. Lüf-
der technischen Gebäudeausstattung be- tungsanlage). Auch sollte die Leistungsfähigkeit
schränkt sich im Rahmen dieses Kapitels auf der Systemkomponenten wie der Abwasserab-
die wesentlichen bzw. die gebräuchlichsten lauf (Rückstau) oder der Luftwechsel einer me-
Elemente und berücksichtigt keine technischen chanischen Lüftungsanlage geprüft werden.
Sonderinstallationen.
Regelbarkeit von Anlagen
Alter der einzelnen Komponenten des Bestands Neben der einfachen Funktionsfähigkeit von
Oft ist es nur möglich, über das Baujahr des technischen Installationen hat die Regelbarkeit
Gebäudes auf das Alter der technischen Aus- jedes Systems erheblichen Einfluss auf die Nut-
stattung zu schließen und daraus einen An- zerakzeptanz. Dazu zählen Wasserhähne ge-
haltspunkt für die Abschätzung der Restnut- nauso wie Heizungsthermostate oder Luftaus-
zungsdauer zu erhalten. Dabei muss beachtet lässe.
werden, dass die ältesten Komponenten einer
B 3.1 korrodierte Rohrleitungen und Armaturen Baugruppe (z. B. Wasserzuleitungen) die wahr- Bewertungskatalog
B 3.2 Überblick über die wesentlichen Teile der
Gebäudeausstattung
scheinlich schwächste Stelle im System dar- Auf Basis der Bestandsaufnahme wird der Sa-
B 3.3 Nutzungsdauern verschiedener Komponenten der stellen und somit maßgebend für die Restnut- nierungsbedarf im Gesamtgefüge und für die
technischen Gebäudeausstattung zungsdauer sind; es sei denn, es wurde ein Einzelkomponenten nach dem folgenden Be-

52
Technische Gebäudeausstattung

wesentliche Teile der technischen


Gebäudeausstattung

technische
Wasserversorgung Wasserentsorgung Gebäudeheizung Gebäudekühlung Lüftung Elektroversorgung
Sondereinrichtungen

• Hausanschluss • Punkte des Ab- • Brennstoffe / Lager • Speichermasse • freie Lüftung • Hausanschluss • Brandschutzsysteme
• Wasseraufbereitung wasseranfalls • Wärmeerzeuger • Raumkühlung • mechanische • Verteilung / • Fahr- und Transport-
• Wasserverteilnetz / • Hausanschluss • Abgasführung • dezentrale / Lüftung Absicherung systeme
Leitungsverlegung • Abwasserableitung / • Warmwasserberei- zentrale Anlagen • Luftverteilung • Installations- • Medienversorgung
• Materialien / Dämmung Leitungsverlegung tung / Speicherung • solare Kühlung • Anlagen mit bereiche • Abfallentsorgungs-
• Regenwassernutzung • Materialien / Dämmung • Wärme-/ Warmwasser- Wärmerück- • Materialien / systeme
• Grauwassernutzung • Revisionsmöglichkeiten verteilung gewinnung Installationen
• Anschluss an die • Pumpen / Sonderbau- • Erdung /
Abwasserentsorgung elemente Potenzialausgleich
• Regenwasserentsorgung • Wärmeabgabe • Blitzschutz
• Abwasserbehandlung • Regelung und
Steuerung
B 3.2
wertungskatalog vorgenommen. Die Kriterien Pflege sowie nicht zuletzt vom Produkt abhän- reicht hier von einem einfachen zusätzlichen
gelten als Prioritätenliste und sind nacheinan- gen (Abb. B 3.3). In der Praxis können sich mit- Lichtschalter bis hin zur elektronischen Klima-
der abzufragen. Werden alle Punkte für die je- unter Abweichungen der Angaben ergeben. tisierungssteuerung.
weiligen Komponenten, Baugruppen oder Sys- Sofern mehrere Einzelkomponenten einer Bau- Neben den notwendigen Maßnahmen sind pa-
teme positiv bewertet, sind die Bauteile in gruppe ihre voraussichtliche Lebensdauer er- rallel weitere Randbedingungen zur Sanierung
einem guten Zustand und können unsaniert reicht haben, muss alternativ über den vollstän- zu betrachten, um ein endgültiges Konzept er-
bleiben. Die jeweilige Schwere sowie die Ge- digen Austausch der Baugruppe nachgedacht stellen zu können. So müssen z. B. Eingriffe un-
wichtung der festgestellten Mängel oder Schä- werden. Bis zu welcher Anzahl von Komponen- bedingt mit den Bewohnern abgestimmt wer-
den bilden die Grundlage zur Entscheidung ten der Einzelaustausch sinnvoll ist, lässt sich den, da die haustechnische Ausstattung einen
von Art und Umfang der Maßnahme. nur individuell für jede Baugruppe beurteilen. erheblichen Einfluss auf die Nutzbarkeit hat.
Ein unbewohntes Gebäude bedingt ein voll-
1. Gesetzliche Vorgaben 3. Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung der kommen anderes Sanierungskonzept als ein
Im Regelfall genießt ein Gebäude bzw. eine Anlagentechnik bewohntes. Erschwerend kommt hinzu, dass
technische Anlage einen Bestandsschutz, so- Durch den Vergleich vorhandener Leistungs- eine Vielzahl von Installationen unter Bauteil-
fern die Anlage entsprechend den zum Zeit- merkmale von Baugruppen oder -teilen mit den oberflächen verborgen sind, sodass eine Er-
punkt der Erstellung gültigen technischen Re- aktuellen Anforderungen und technischen neuerung oder Ergänzung von haustechni-
geln realisiert wurde. D. h. die Anlage darf ohne Möglichkeiten ergeben sich Differenzspannen, schen Installationen meist eine Beschädigung
Anpassung an die sich ändernden technischen die eine Sanierung sinnvoll erscheinen lassen. von Raumoberflächen bedeutet. Die dadurch
Regeln weiterbetrieben werden. Zum einen kann der konkrete Wunsch zur Leis- verursachten Kosten sind in der Planung zu
Werden am Bestand Veränderungen oder Er- tungssteigerung einer Baugruppe den Grund berücksichtigen.
gänzungen vorgenommen, müssen diese An- für eine Sanierung darstellen, zum anderen Entscheidend ist in diesem Zusammenhang
lagenteile nach den aktuellen Regeln der Tech- kann auch eine Wirtschaftlichkeitsberechnung der Umfang der Baumaßnahme. Werden auf-
nik ausgeführt werden. Abhängig vom tech- genügen, die zukünftigen Betriebskostenein- grund einer größeren Sanierung zahlreiche
nischen Ausstattungsbereich müssen im Zuge sparungen in Relation zur nötigen Investition Oberflächen in unterschiedlichen Räumen und
dessen auch weitere, nicht von der Änderung zu setzen. Geschossen erneuert, so ist es ratsam, bei
betroffene Bestandskomponenten an die der- dieser Gelegenheit auch die Installationen auf
zeitig gültigen, technischen Anforderungen an- 4. Nutzerakzeptanz / Regelbarkeit und Bedie- den aktuellen Stand zu bringen. Umgekehrt
gepasst werden. Dies kann z. B. beim elek- nungskomfort müssen intelligente, minimal-invasive Moder-
trischen Leitungsnetz der Fall sein. Auch die Nutzerakzeptanz der Anlagentechnik nisierungskonzepte entwickelt werden, um er-
Darüber hinaus existieren gesetzliche Rege- kann den Ausschlag für eine möglicherweise haltenswerte Oberflächen nicht zu beschädi-
lungen, die in den Bestandsschutz eingreifen notwendige Sanierung geben. In den meisten gen, wobei es sich ggf. empfiehlt, für ein Ge-
und eine Bestandsanpassung auch ohne ge- Fällen ist eine Nachrüstung von Regel- und bäude unterschiedliche Sanierungsstrategien
planten Eingriff fordern. Die Verantwortung zur Steuerungselementen möglich. Die Spanne zu erarbeiten.
Einhaltung dieser technischen Regeln obliegt
dem Eigentümer oder Betreiber bzw. dem von Heizungsanlage Nutzungsdauer 1 mechanische Lüftungsanlagen / Nutzungsdauer 1
ihm beauftragten Planer. Zu diesen gesetz- Kühl- und Klimaanlagen
lichen Vorgaben zählen z. B. die Trinkwasser- Niedertemperaturkessel 2 20 – 25 Jahre Rohrleitungsnetz 2 30 – 40 Jahre
verordnung (TrinkwV) oder die Energieeinspar- Brennwertkessel 2, 3
10 –15 Jahre Luftauslässe 2 20 – 30 Jahre
verordnung (EnEV). Brenner 2 10 –15 Jahre Ventilatoren 2, 6 5 –15 Jahre
Pumpen 10 –15 Jahre Wärmetauscher (Luft-Luft) 6 15 – 25 Jahre
2. Lebensdauer
Rohrleitungen (Heizung) 4, 5 20 – 40 Jahre Elektroinstallationen 30 – 40 Jahre
Aus den Informationen zu Alter und Zustand
Heizkörper 6 25 – 35 Jahre Wasserver- und Wasserentsorgung
der einzelnen Bauteile werden im Vergleich mit
den durchschnittlichen Lebensdauern die Fußbodenheizungen 3, 4 25 – 35 Jahre Wasserversorgung 5 30 – 40 Jahre
voraussichtlichen Restnutzungsdauern ermit- Solarkollektoren 3
20 – 25 Jahre Wasserentsorgung 30 – 40 Jahre
telt. Es muss an dieser Stelle klargestellt wer- 1
gemittelte Werte nach Auskünften von Fachverbänden, Innungen und Herstellern
2
den, dass die Nutzungsdauern nur grobe An- bei regelmäßiger Inspektion / Wartung / Reinigung
3
haltspunkte darstellen, die stark von Baujahr, Es liegen mit den heute am Markt gängigen Systemen keine längeren Erfahrungen vor.
4
Nutzungsdauer nach Zulassungsprüfungen für Rohrleitungen sind 50 Jahre.
Materialbeschaffenheit, Auslegung und Auslas- 5
stark von Temperatur, Wassergüte und Material abhängig (siehe auch Abb. B 3.5)
tung, Fügung, Nutzungsintensität, Wartung und 6
bauartabhängig
B 3.3

53
Technische Gebäudeausstattung

Metall Spannung in Bezug auf


Wasserstoff [ V ]
B 3.4 elektrolytische Spannunng unterschiedlicher Aluminium - 1,67
Materialien Zink - 0,76
B 3.5 Lebensdauer von Trinkwasserleitungen in
Eisen - 0,44
Abhängigkeit vom Material
B 3.6 allgemeine Verteilungssysteme in Gebäuden Zinn - 0,14
a horizontale Verteilung Blei - 0,13 a
b vertikale Verteilung
Wasserstoff ± 0,00
B 3.7 Richtwerte für Dämmungen an Kaltwasserlei-
tungen nach DIN 1988-2 und Mindestdicke der Kupfer + 0,34
Dämmung von Warmwasserleitungen nach EnEV B 3.4
B 3.8 stark durch Kalkablagerungen geschädigte
Trinkwasserleitung
B 3.9 korrosionsgeschädigte, undichte Wasserleitung Art der Leitung Lebensdauer Lebensdauer
B 3.10 Lochkorrosion an einer verzinkten Stahlleitung Kupfer verzinkter Stahl
B 3.11 in einem Mehrspartenanschluss gebündelter Warmwasser 40 Jahre 20 Jahre
Hausanschluss mit unterschiedlichen Versor-
gungsleitungen Kaltwasser 80 Jahre 40 Jahre b
B 3.5 B 3.6
Sind zentrale, leicht zugängliche Schächte tungen der Ver- und Entsorgung betreffen. schritten (z. B. durch Verunreinigungen aus
oder Verteilstränge (z. B. in Fluren) vorhanden, Zudem kann die Erneuerung oder Ergänzung alten Bleileitungen), muss die Ursache gefun-
können diese zur Auswechslung oder Nachbe- von haustechnischen Komponenten erheblich den und behoben werden.
stückung genutzt, der Eingriff in bestehende in die Oberflächen- und Innenraumgestaltung Eine zum jetzigen Zeitpunkt geplante Trinkwas-
Oberflächen minimiert und die Maßnahme er- eingreifen, z. B. durch die Verlegung von Ka- serversorgungsanlage muss im Allgemeinen
heblich einfacher durchgeführt werden. Stillge- beln oder Installationen. Hier gilt es, speziell gemäß den Normen DIN 1988, DIN EN 1717,
legte Kamine, Schächte und Hohlräume eignen abgestimmte Konzepte für die Ausstattung und DIN EN 806 und DIN 50 930 ausgeführt wer-
sich zur Verlegung von Leitungen, sofern die Verlegung zu entwickeln. Es gibt folgende In- den. Die Arbeitsblätter des DVGW und die VDI-
Verlegeregeln der Leitungsmaterialien und die stallationsmöglichkeiten: Richtlinien sind als anerkannte Regeln der
Brandschutzbestimmungen zur Trennung von Technik ebenso zu beachten. Abhängig vom
Geschossen und Einheiten berücksichtigt wer- • Verlauf nicht sichtbar hinter den Oberflächen verwendeten Material ist nach 40 – 50 Jahren
den. Auch der Eingriff in das konstruktive Gefü- • Integration in die Gestaltung des Objekts, von der Notwendigkeit einer Totalsanierung
ge eines Gebäudes durch Wandschlitze, De- z. B. durch nachgebildete Verblendungen des Trinkwassersystems auszugehen. Bei über
ckendurchbrüche oder Unterzüge muss inner- • bewusste, gestalterische Absetzung, um ein 30 – 40 Jahre alten Systemen kann eine Teilsa-
halb des Sanierungskonzepts fachlich geprüft sich vom Bestand eindeutig abhebendes, nierung notwendig werden (Abb. B 3.5). Eine
und geplant werden. neues Element zu definieren Zustandsprüfung erfolgt, indem aus dem Lei-
Um Eingriffe in Oberflächen und konstruktive tungsnetz stichpunktartig Teile ausgeschnitten
Bauteile so gering wie möglich zu halten, sollte Bei einem denkmalgeschützten Gebäude und auf Inkrustation und Korrosion überprüft
bei einer Sanierung – wo immer möglich – mit sollten diese Punkte unbedingt auch mit der werden. Bei der Sanierung von bewohnten
vorgesetzten Installationsebenen oder raster- zuständigen Behörde abgestimmt werden. Mehrfamilienhäusern sollte vor Beginn einzel-
unabhängigen Schächten geplant werden. ner Maßnahmen ein Gesamtkonzept erarbeitet
Wasserversorgung werden, das sich sukzessive mit dem Auszug
Haustechnik und Denkmalschutz Prinzipiell gilt für Trinkwasseranlagen in be- einzelner Parteien umsetzen lässt.
Bei der Sanierung von denkmalgeschützten stehenden Gebäuden ein Bestandsschutz,
Gebäuden ist zu berücksichtigen, dass die sofern keine Beeinträchtigung der Gesundheit Hausanschluss
Haustechnik ggf. auch zum kulturell schüt- zu befürchten ist. Da es sich bei Trinkwasser Sofern nicht schon vorhanden, sollte in Wohn-
zenswerten Bestand des Gebäudes gehören um ein Lebensmittel handelt, ist die TrinkwV und Geschäftsgebäuden im Zuge einer Sanie-
könnte. Dies gilt nicht nur für offensichtliche grundsätzlich einzuhalten. Werden die vorge- rung ein Hausanschlussraum nach DIN 18 012
Objekte wie Öfen oder Badezimmereinrich- schriebenen Grenzwerte der Wasserinhalts- realisiert werden, um alle Anschlüsse auf der
tungen, sondern kann auch verborgene Lei- stoffe an den Zapfstellen des Gebäudes über- Straßenseite des Gebäudes aufzunehmen. All-
gemein ist bei Wohngebäuden bis zu vier
Einbausituation der Kaltwasserleitung Dämmschichtdicke 1 [mm] Wohneinheiten kein separater Hausanschluss-
frei verlegt, in nicht beheiztem Raum raum erforderlich. Die Größe des Raums hängt
im Kanal, ohne warmgehende Leitungen 4 dabei von der Anzahl der zu versorgenden Ver-
im Mauerschlitz, Steigleitung; auf Betondecke braucher ab. Im Fall einer Totalsanierung kann
frei verlegt, in beheiztem Raum 9 anstelle von Einzelanschlüssen ein gebündelter
im Kanal oder in Wandaussparung, Mehrspartenanschluss gesetzt werden (Abb.
13
neben warmgehenden Leitungen B 3.11).
1
bezogen auf ¬ = 0,040 W / mK In bestehenden Gebäuden ist am Hausan-
schluss zu prüfen, ob der Wasserzähler mit
einer Zählerplatte befestigt ist und sich durch
Innendurchmesser (DN) Warmwasserleitung [mm] Dämmschichtdicke 1 [mm]
zwei in Fließrichtung korrekt eingebaute Ab-
≤ 22 20 sperrventile austauschen lässt. Auch muss ein
> 22 und ≤ 35 30
> 35 und ≤ 100 DN
Rückflussverhinderer bzw. Rohrtrenner und die
> 100 100 Möglichkeit der Leitungsentleerung gegeben
Leitungen und Armaturen
sein. Sofern kein Rückflussverhinderer vorhan-
• in Wand- und Deckendurchbrüchen 50 % der Anforderungen den ist, muss dieser laut DIN 1988 nachgerüs-
• im Kreuzungsbereich, an Verbindungsstellen von oben tet werden. Sind auch die übrigen Installatio-
• bei zentralen Leitungsnetzverteilern nen nicht vorhanden, sollten diese ebenfalls
1
bezogen auf ¬ = 0,035 W / mK nachgerüstet werden.
B 3.7

54
Technische Gebäudeausstattung

Wasseraufbereitung muss mit ausreichendem Abstand zu Warm-


Filter dienen dem Schutz der Hausinstallation wasser- (TWW) bzw. Warmwasserzirkulations-
vor Verunreinigungen. Der nachträgliche Ein- leitungen (TWZ), Heizungsanlagen und Schorn-
bau sollte immer mit einer vorhergehenden steinen verlegt sein, sodass eine Erwärmung
Leitungsspülung verbunden werden. des Trinkwassers vermieden wird (Legionellen-
Ab einer Wasserhärte von 16 °dH wird der bildung). Die TWK-Leitung sollte immer unter-
nachträgliche Einbau einer Enthärtungsanlage halb aller anderen Leitungen angeordnet sein,
empfohlen, ab 20 °dH ist eine solche Anlage damit bei eventuell anfallendem Kondensat
unabdingbar, um schädigende Kalkablage- eine Korrosion der anderen Leitungen verhin-
rungen in sanierten Leitungsteilen zu vermei- dert wird. Leitungen an Außenwänden stehen
den (Abb. B 3.8). unter Frost- und Kondensationsgefahr. Da Kon-
Zum Schutz vor Korrosion, Kalksteinbildung denswasser Schäden an Holz, Metall und an-
oder erhöhter Schwermetallabgabe können deren Baustoffen hervorruft, sollten alle erreich-
Dosieranlagen eingesetzt werden. Da diese baren Wasserleitungen nachträglich gedämmt
über die Abgabe von Chemikalien arbeiten, werden (Abb. B 3.7).
sollten sie nur nachgerüstet werden, wenn Bei Durchdringungen von brandschutztech-
das Trinkwasser belastet ist. nisch wirksamen Bauteilen müssen die Brand- B 3.8
schutzbestimmungen eingehalten werden.
Verteilsysteme Installationsschächte dürfen zusammen mit
Bestehende Leitungssysteme sollten auf Dicht- Raumlüftung und elektrischen Leitungen belegt
heit, Material, Dimension und Konformität mit werden, sofern die Muster-Leitungsanlagen-
den geltenden Richtlinien geprüft werden. Zu Richtlinie (MLAR) beachtet wird. Ein Einbeto-
groß dimensionierte Rohrdurchmesser führen nieren oder Eingipsen ist nicht zulässig. Zur
zu langen Verweildauern des Wassers in der Gewährleistung der thermischen Dehnung und
Rohrleitung und so zu überhöhten Metallkon- Minderung der Körperschallübertragung wird
zentrationen im Trinkwasser. Da alle Leitungs- die Leitung mit Dämmung umwickelt.
teile durchströmt werden müssen, sind nicht
mehr durchspülte, aber noch mit dem Lei- Materialien
tungsnetz verbundene Stränge keinesfalls Im älteren Gebäudebestand trifft man überwie-
zulässig und müssen entfernt werden. Zu ge- gend auf Leitungen aus verzinktem Stahlrohr,
ringe Durchmesser können aufgrund über- Kupfer und vereinzelt aus Blei. Bei Material-
höhter Strömungsgeschwindigkeiten zu Ero- wechseln ist die elektrolytische Spannungsrei-
sionen der Innenwände führen. he zu berücksichtigen (Abb. B 3.4). So darf in
Eine Dichtheitsprüfung kann von Fachfirmen in Fließrichtung nur das »höherwertige« Material B 3.9
Form einer Druckprobe durchgeführt werden. eingebaut werden, da es ansonsten, zu elektro-
Um einer möglichen Legionellenbildung vorzu- chemischer Korrosion kommen kann. Die Mate-
beugen, sind speziell bei großen Anlagen die rialwahl muss grundsätzlich der örtlichen Was-
DVGW Arbeitsblätter W 551 und W 553 zu be- serbeschaffenheit und den gewünschten Be-
achten. Als Großanlage gelten Trinkwasser- triebstemperaturen entsprechen. Bei einer Um-
installationen mit einem Warmwasserspeicher- nutzung von bestehenden Leitungsteilen sollte
inhalt > 400 l oder einem Rohrleitungsvolumen deshalb darauf geachtet werden, ob die künf-
> 3 l Wasser zwischen Entnahmestelle und tige Fließgeschwindigkeit, Wassertemperatur
Abgang des Trinkwassererwärmers (siehe und Stagnationsdauer mit der bisherigen Nut-
auch S. 59ff.). Demnach können auch Ein- zung übereinstimmen.
familienhäuser über Großanlagen verfügen. Rohrleitungen aus verzinktem Stahlrohr, die
Verbiegungen aufweisen, müssen ausge-
Verlegung tauscht werden, da es zu einer Ablösung des
Generell darf es unter keinen Umständen zu innen liegenden Zinküberzugs und dadurch
einem Rückfluss von Flüssigkeiten in das Trink- zu Korrosion kommen kann. Bei älteren ver-
wassernetz kommen. Eine unmittelbare Verbin- zinkten Stahlrohren können aufgrund von Ver-
dung zwischen Trinkwasser und anderen Wäs- unreinigungen der Verzinkung gesundheits- B 3.10
sern ist unzulässig und muss sofort getrennt schädliche Blei- und Cadmiummengen in das
werden. Trinkwasser gelangen. Das Wasser sollte des-
Die Unterkante von Auslaufventilen muss in halb im Verdachtsfall auf einen erhöhten Gehalt
den Obergeschossen mindestens 2 DN des dieser Substanzen untersucht und die Rohre
Rohrs bzw. ≥ 2 cm oberhalb des Waschtisch- eventuell ersetzt werden.
rands und im Keller mindestens 30 cm ober- Weist Wasser aus verzinkten Leitungen nach
halb der Kellersohle liegen. Verbindungen zwi- einigen Tagen der Stagnation eine Trübung
schen warmem und kaltem Trinkwasser dürfen oder eine rostrote Verfärbung auf, deutet dies
nicht vorhanden sein. Die bestehende Installa- auf eine Schädigung der inneren Verzinkung
tion ist auf diese Punkte hin zu überprüfen. und Korrosion des Stahlrohrs hin. In diesem
Eine nachträgliche Installation in nicht mehr ge- Fall sollten die betroffenen Stränge zeitnah er-
nutzten Müllabwurfschächten, Abflusskanälen, neuert werden. Sofern im Bestand Warmwas-
Sickergruben o. Ä. ist nicht zulässig. Unge- serleitungen (> 60 °C) aus verzinktem Stahlrohr
nutzte Kamine kommen hingegen für eine Neu- existieren, ist ein Austausch ebenso notwendig,
installation infrage. da die hohe Temperatur zu verstärkter Loch-
Die Trinkwasserversorgungsleitung (TWK) und Muldenkorrosion führen kann (Abb. B 3.10).
B 3.11

55
Technische Gebäudeausstattung

B 3.12 B 3.13 B 3.14


Bei Trinkwasserqualität mit relativ geringem deutschland kamen PVC-Rohre schon in den untersuchung empfohlen. Ab einer Stagnation
pH-Wert sollten verzinkte Stahlrohre ebenfalls frühen 1960er-Jahren zum Einsatz. Sie beste- von zwölf Monaten müssen die Trinkwasseran-
gegen geeignete Materialien ausgewechselt hen meist aus weichmacherfreiem PVC-U, lagen vom Versorgungsnetz getrennt und ent-
werden, da hier mit einer erhöhten Innenkorro- PE-HD oder PE-LD und eignen sich nur für leert werden. Die Wiederinbetriebnahme muss
sion zu rechnen ist. Direkte Verbindungen zwi- Kaltwasser. Verbindungen werden typischer- das örtliche Wasserversorgungsunternehmen
schen rostfreiem und verzinktem Stahl müssen weise geklebt, geschweißt oder geklemmt. Bei oder ein Fachbetrieb vornehmen. Sofern leichte
durch Verbindungen mit geeigneten Fittings er- der Sanierung von Heißwasserleitungen kön- innenseitige Leitungsschädigungen vorliegen,
setzt werden, um eine Kontaktkorrosion zu ver- nen Werkstoffe wie z. B. PE-X eingesetzt wer- kann im Zuge einer Sanierungsmaßnahme eine
meiden (Abb. B 3.13). den. Aufgrund der thermischen Dilatation von Rohrinnenbeschichtung nach VDI-Richtlinie
Schraubverbindungen wurden früher mit Hanf Kunststoffrohren sind bei Heißwasserleitungen 6001 erfolgen (Abb. B 3.12). Dieses Sanie-
oder Flachs umwickelt und zusätzlich mit Dicht- besondere Ausdehnungsvorrichtungen einzu- rungsverfahren kann bei Dimensionen von 5
paste eingerieben, die meist auf Talk oder Ölen planen. bis 150 mm angewendet werden. Bevor eine
basierte. In manchen Fällen wurde Hanf auch Edelstahlleitungen werden erst seit ca. 15 Jah- innenseitige Beschichtung aufgebracht werden
mit Bleimennige präpariert, bevor er zwischen ren verwendet und sind daher nur in neueren kann, müssen alle Armaturen demontiert und
den Rohren eingebracht wurde. Welches Dicht- Gebäuden zu finden. Sie zeichnen sich durch die Rohrleitungen von Ablagerungen befreit
mittel zum Einsatz kam, lässt sich nur durch eine besonders geringe Korrosion sowie eine werden, indem ein Granulat mit Druck in die
das Entfernen eines Leitungsstoßpunkts klären. äußerst niedrige Abgabe von Chrom und Ni- Leitungen eingeblasen wird. Anschließend wird
Bei orangefarbener Bleimennige im Bestand ckel in das Trinkwasser aus. Sofern hohe Chlor- ein Epoxidharzgemisch unter Druck einge-
müssen die betroffenen Bereiche unbedingt gehalte im Trinkwasser vorliegen, sollte von bracht und damit die inneren Oberflächen ver-
ausgetauscht werden, da diese zu einer Blei- einer Sanierung mit Edelstahlrohren abgesehen siegelt. Eine solche Maßnahme sollte in jedem
belastung im Trinkwasser führen. werden, da ansonsten ein erhöhtes Risiko an Fall geprüft werden, da dadurch Abbrucharbei-
Kupferleitungen zeichnen sich durch eine hohe Spalt- bzw. Lochkorrosion besteht. Bei einer ten entfallen.
Biegsamkeit aus und eignen sich für Sanie- Mischinstallation mit verzinkten Stahlrohren
rungsaufgaben. Aufgrund ihrer glatten Ober- kann eine direkte Berührung Kontaktkorrosion Regenwassernutzungsanlagen
fläche lassen sie sich gut für Warmwasserlei- verursachen. Die Fließrichtung des Wassers Diese Anlagen sind im Bestand selten anzutref-
tungen verwenden. Sofern allerdings der pH- muss beim Einbau nicht berücksichtigt werden, fen, ein Einbau kann bei umfangreichen Sanie-
Wert des Trinkwassers unter 7,4 liegt, sollte sodass sich auch Teilbereiche in rostfreiem rungsaufgaben geprüft werden. Regenwasser
von Kupferleitungen abgesehen werden, da Stahl sanieren lassen. kann für die Toilettenspülung, Gartenbewässe-
ansonsten mit einer erhöhten Flächenkorrosion rung und mit Einschränkungen auch für die
zu rechnen ist. Alternativ stehen innenseitig Dämmungen Waschmaschine genutzt werden, um Trinkwas-
verzinnte Kupferleitungen zur Verfügung, bei Dämmungen an Trinkwasserleitungen sind sel- ser zu substituieren. Die Errichtung einer Re-
denen es zu keiner Einschränkung hinsichtlich ten zu finden und wurden bei frei verlegten Lei- genwassernutzungsanlage ist genehmigungs-
ihres Anwendungsbereichs kommt. Das ört- tungen u. a. aus Filz, Hanf, Torf, Asbest oder frei, aber nach TrinkwV anzeigepflichtig. Eine
liche Wasserversorgungsunternehmen (WVU) Kieselgur gefertigt. Dämmungen aus Asbest Anlage nach DIN 1989 besteht neben der Auf-
gibt Auskunft über den pH-Wert. sollten durch einen Fachbetrieb entfernt wer- fangfläche aus Filter, Speicher mit Überlauf,
Bleileitungen wurden teilweise noch bis Mitte den (siehe Gefahrstoffe im Bestand, S. 112). Hauswasserwerk und Zuleitungen mit Zapfstel-
der 1970er-Jahre verbaut, in Einzelfällen sogar Nach EnEV müssen sämtliche zugängliche len. Soll das Wasser ebenfalls für den Betrieb
bis 1990 (Abb. B 3.14). Generell findet man Warmwasser- und Wärmeverteilungsleitungen der Waschmaschine verwendet werden, kön-
Bleileitungen aber insbesondere in Gebäuden sowie Armaturen in nicht beheizten Räumen nen bitumenhaltige Dachbahnen und unbehan-
vor 1935. Vorhandene Leitungen müssen gedämmt werden (Abb. B 3.7). delte Kupferdachflächen zum Auffangen des
ausgetauscht werden, da die in der TrinkwV Regenwassers nicht genutzt werden. Auch
festgelegten Höchstwerte für Bleikonzentra- Instandsetzung Stellplatzflächen o. Ä. dürfen aufgrund mög-
tionen nicht eingehalten werden können. Blei- Kommt es aufgrund von Umbauten zu längeren licher Öl- und Benzinrückstände keinesfalls
rohre lassen sich leicht identifizieren, da sie Stagnationszeiten in den Trinkwasserleitungen, als Auffangflächen dienen. Dächer mit Einde-
relativ weich und nicht magnetisch sind sowie müssen besondere Vorkehrungen getroffen ckungen aus asbesthaltigem Faserzement sind
dumpf klingen. Beim Einritzen sind diese sofort werden: So sollte laut DIN 1988 ab einer Stag- gesundheitlich bedenklich, Gründächer auf-
an ihrer matten silbergrauen Farbigkeit zu er- nationsdauer von mehr als vier Wochen eine grund von Auswaschungen ungeeignet. Die
kennen. Leitungsspülung erfolgen. Laut VDI-Richtlinie Nachrüstung im Zuge einer Sanierungsmaß-
Kunststoffleitungen werden in Westdeutschland 6023 wird ab einem Stagnationszeitraum von nahme ist problemlos. Es muss jedoch bei der
erst seit den 1980er-Jahren verwendet. In Ost- sechs Monaten eine mikrobiologische Kontroll- Planung eine zusätzliche Leitungsführung be-

56
Technische Gebäudeausstattung

Leitungsbereich Mindestgefälle Norm


unbelüftete Einzel- DIN EN 12 056-2,
1,0 %
anschlussleitung DIN 1986-100,
belüftete Einzel- DIN EN 12 056-2,
0,5 %
anschlussleitung DIN 1986-100
unbelüftete Sammel- DIN 1986-100
1,0 %
anschlussleitung
Grundleitungen
für Schmutz und
Mischwasser B 3.12 Leitung im unsanierten Zustand mit Ablage-
• innerhalb des rungen (links) und im sanierten Zustand mit
0,5 % DIN 1986-100 Innenbeschichtung (rechts)
• Gebäudes
B 3.13 Kontaktkorrosion aufgrund unterschiedlicher
• außerhalb des
1: DN DIN 1986-100 Rohrmaterialien
• Gebäudes
B 3.14 alte, aber bereits instand gesetzte Bleileitung
Grund- und Sammel- B 3.15 Mindestgefälle von Abwasserleitungen
leitungen für Regen- 0,5 % DIN 1986-100 B 3.16 kompakte Grauwassernutzungsanlage zur Nach-
wasser im Gebäude rüstung im Gebäudebestand
B 3.15 B 3.16
rücksichtigt werden, da eine Verbindung von Trennsystem ausgebildet. Sofern ein Trennsys- hängigkeit vom Durchmesser mit einem gleich-
Trink- und Regenwassernetz unzulässig ist. tem vorliegt, müssen Schmutz- und Regenwas- bleibenden Mindestgefälle und somit selbstent-
Bei bestehenden Anlagen ist zu kontrollieren, ser getrennt abgeführt werden. Soll eine Total- wässernd geführt werden (Abb. B 3.15).
ob eine eindeutige Kennzeichnung aller Lei- sanierung des Abwassersystems erfolgen, Als Mindestdurchmesser wird für eine Grund-
tungen und Zapfstellen mit dem Hinweis »kein muss in Erfahrung gebracht werden, ob zwi- leitung eine Nennweite von 125 mm empfohlen.
Trinkwasser« vorliegt. Auch sollte überprüft schenzeitlich ein Trennsystem verlegt wurde Der Leitungsquerschnitt darf sich in Fließrich-
werden, ob die Trinkwassernachspeisung der und künftig eine getrennte Ableitung von tung nicht verjüngen. Fehlerhaft dimensionierte
Regenwasserzisterne in ausreichendem Ab- Schmutz- und Regenwasser notwendig wird. Leitungsquerschnitte und falsch ausgeführte
stand zum maximalen Füllstand des Speichers Gefälle stellen vielfach die Ursache für Ver-
angeordnet ist, sodass unter keinen Umstän- Hausanschluss stopfungen innerhalb des Gebäudebestands
den Regenwasser in das Trinkwassernetz Bei Gebäuden, die vor 1940 erstellt wurden, dar. Bei Grund- und Sammelleitungen dürfen
gelangen kann. Je nach Kommune können kann davon ausgegangen werden, dass der keine Richtungsänderungen über 45° vorlie-
die Abwassermengen unterschiedlich berech- Anschlusskanal für heutige Anwendungen gen. Unkorrekte Richtungsänderungen können
net werden. unterdimensioniert ist und sich Abwasserlei- ebenfalls Verstopfungen verursachen und
tungen im Laufe der Jahre weitgehend zuge- sollten im Zuge einer Sanierung gegen korrekte
Grauwassernutzung setzt haben bzw. Leckagen aufweisen. Ent- Umlenkungen getauscht werden. Bestehen
Abwasser in Form von Grauwasser ist frei von sprechend der Bestimmungen der Landesbau- permanent Probleme mit der unter der Boden-
Fäkalien und stark belasteten Küchenabwäs- ordnung (LBO) kann eine in regelmäßigen Zeit- platte verlegten Grundleitung, kann es anstelle
sern. Es kann wie Regenwasser in aufbereiteter abständen vorzunehmende Dichtigkeitsprüfung einer aufwendigen Sanierung sinnvoller und
Form für die Toilettenspülung genutzt werden, des Anschlusskanals von der Gemeinde ver- kostengünstiger sein, eine neue Sammellei-
um Trinkwasser zu substituieren. Grauwasser- langt werden. Zudem können gemeinderecht- tung durch das Gebäude zu verlegen und au-
nutzungsanlagen lassen sich mit Regenwas- liche Vorgaben existieren, die eine Leitungs- ßerhalb an die vorhandene Grundleitung anzu-
sernutzungsanlagen vergleichen, verfügen prüfung innerhalb eines definierten Zeitraums schließen.
aber zusätzlich über aufwendige Reinigungs- vorschreiben. Sofern besonders alte Installa- Beim Anschluss von zusätzlichen Spültoiletten
komponenten (Abb. B 3.16). Im Unterschied zu tionen bestehen, ist es demnach möglich, dass mit horizontalem Abgang ist darauf zu achten,
einer Regenwassernutzungsanlage wird für eine verbindliche Leitungsprüfung im Sinne der dass der vertikale Abstand zwischen der An-
den Betrieb einer Grauwassernutzungsanlage LBO bereits überfällig ist. Dichtigkeitskontrollen schlussleitungssohle zum Wasserspiegel des
nicht nur ein doppeltes Zuleitungs- sondern können in Form einer Über- oder Unterdruck- Toilettengeruchsverschlusses mindestens der
auch ein zweites Ableitungssystem benötigt. Im prüfung durch einen Sanitärbetrieb erfolgen. Nennweite der Anschlussleitung entspricht – in
Bestand gibt es solche Anlagen seit etwa zehn der Regel 100 mm. Bei Durchdringungen von
Jahren, aber nur vereinzelt. Eine Nachrüstung Verteilsysteme brandschutztechnisch wirksamen Bauteilen
ist aufgrund der doppelten Schmutzwasserab- Vom öffentlichen Abwasserkanal führt ein An- muss die Konformität zu den Brandschutzbe-
leitung sehr aufwendig. schlusskanal bis zur Grundstücksgrenze bzw. stimmungen gegeben sein. Installations-
zum Revisionsschacht. Für die über das schächte dürfen gemischt mit Raumlüftung und
Wasserentsorgung Grundstück verlaufende Grundleitung ist der elektrischen Leitungen belegt werden, sofern
Abwasser wird in fäkalienhaltiges Schwarz-, Grundstückseigentümer verantwortlich. Die die MLAR beachtet wird. Bei Leitungen an Au-
fäkalienfreies Grau- und Regenwasser unter- Grundleitung wird meist unter dem Fundament ßenwänden kann Kondensationsgefahr beste-
schieden. Die Veränderung, Erweiterung und verlegt und ist im Bestand nicht mehr zugäng- hen. Befinden sich Leitungen in Holzbalken-
Neuanlage einer Grundstücksentwässerung ist lich. An die Grundleitung werden über eine decken oder in Holzständerwänden, kann an-
prinzipiell genehmigungspflichtig. Neuanlagen Sammelleitung die Fallleitungen angeschlos- fallendes Kondensat zu einer Durchfeuchtung
müssen innerhalb eines Gebäudes nach DIN sen. Jede Fallleitung muss über eine Lüftung und Schäden an der Bausubstanz führen, wes-
EN 12 056 und außerhalb des Gebäudes nach verfügen, die in der Regel bis über das Dach halb Abwasserleitungen nachträglich gedämmt
DIN EN 752 geplant werden. Ergänzend gelten geführt wird. Entwässerungsobjekte werden werden sollten. Wenn bisher kein Kondensat
die Angaben der DIN 1986, wobei DIN 1986-3 über Anschlussleitungen mit der Fallleitung angefallen ist, kann ein baulicher Eingriff (z. B.
Empfehlungen zu Wartung und Inspektion gibt. verbunden. Verkleidung der Leitung) zu Änderungen und
Des Weiteren können Ortssatzungen existieren, somit zu Kondensatanfall führen. Auch der
die zu berücksichtigen sind und die ggf. eine Verlegung Schallschutz lässt sich dadurch verbessern.
Kontrolle bzw. Nachrüstung des Bestands Die Grundleitung wird unterhalb der Kellersohle Vor einer Verkleidung von Fallleitungen ist
fordern. des Gebäudes oder im Erdreich verlegt. Hori- ebenfalls auf eine ausreichende Leitungsdäm-
Das öffentliche Kanalnetz ist als Misch- oder zontal verlaufende Leitungen müssen in Ab- mung zu achten.

57
Technische Gebäudeausstattung

B 3.17 B 3.18
Sollen Abwasserleitungen im Zuge einer Sanie- Deutschland wurde ab den 1930er-Jahren Wandungsstärken eignen sie sich besonders
rung in historischen Deckenaufbauten unterge- das »leichte deutsche Abflussrohr« eingesetzt. gut für nachträgliche Einbauten. Obwohl Kunst-
bracht werden, ist bei der Planung zu berück- Ein Anschluss von neuen Rohren an die im stoffrohre als schwer entflammbar gelten, müs-
sichtigen, dass z. B. ein Zwischenboden mit Bestand verlegten, aber nicht mehr erhältlichen sen trotzdem eventuell Brandschutzvorkeh-
Einschub vorhanden sein könnte, der eine Typen nach DIN 19 500 – DIN 19 513 ist mög- rungen nach der MLAR getroffen werden.
deutlich reduzierte Installationshöhe bedingen lich.
würde. Bei in Holzbalkendecken liegenden Lei- Zur Rohrabdichtung diente bis in die 1960er- Instandsetzung
tungen muss damit gerechnet werden, dass Jahre oft ein mit Bitumen getränkter Hanfstrick, Bei der Sanierung eines bewohnten Mehrfami-
ein Öffnen des Dielenbelags notwendig wird, der in die Muffenverbindung eingeschlagen lienhauses ist vor Beginn der Maßnahmen ein
um die im Bereich des Abbruchs ausgerieselte wurde. Zusätzlich wurde noch ein Verguss aus Gesamtkonzept zu erstellen, das sich nach
Schüttung wieder aufzufüllen und den Schall- Zement aufgebracht. dem Auszug der einzelnen Parteien sukzessive
schutz zu gewährleisten. Sofern alte Rohre ausgetauscht werden sollen, umsetzen lässt. Bei der Planung sind beson-
Bei bestehenden Installationen, die unterhalb können diverse, nach DIN 1986-4 zugelassene ders die Lage der Muffen und Abzweige zu be-
der Rückstauebene liegen, ist zu kontrollieren, Materialien zum Einsatz kommen (Abb. B 3.19). rücksichtigen, sodass spätere Anschlüsse rea-
ob ein Rückstauverschluss vorhanden ist. Fehlt Edelstahlrohre sowie feuerverzinkte, innenseitig lisiert werden können. Werden nur Teile eines
ein Rückstauverschluss, kann es bei Verstop- kunstharzbeschichtete Stahlrohre sind für alle bestehenden Leitungsnetzes abgebrochen
fung des Anschlusskanals oder überdurch- Bereiche der Schmutzwasserableitung geneh- bzw. ersetzt, können sich vorhandene Inkrusta-
schnittlicher Belastung des öffentlichen Misch- migt. Werden sie als Grundleitung verwendet, tionen lösen und die Leitungsbögen oder Zu-
systems durch Starkregen zu einem Rückstau muss ein zusätzlicher Korrosionsschutz vorhan- läufe verstopfen. Generell muss ab einer Nut-
innerhalb des Anschlusskanals kommen, was den sein. Faserzementrohre eignen sich für alle zungsdauer von etwa 30 Jahren mit inneren
zu einem Wasserschaden führen kann. Der Bereiche der Gebäudeentwässerung, mit Aus- Ablagerungen gerechnet werden, sodass im
Rückstauverschluss sollte deshalb regelmäßig nahme der Grundleitung. Kunststoffrohre kön- Zuge einer Gebäudesanierung eine Untersu-
gewartet werden. nen ebenfalls als Abwasserrohre eingesetzt chung des Entwässerungsnetzes empfohlen
Soll aus einer Feuerungsanlage mit Brennwert- werden, da sie sich durch hohe Abflussbei- wird. Eine solche kann im einfachsten Falle in
technologie Kondensat abgeleitet werden, ist werte sowie geringfügige Inkrustationsnei- Form einer Kanalspiegelung erfolgen, bei der
darauf zu achten, dass die Abwasserrohre für gungen auszeichnen. Aufgrund der geringen am Revisionsschacht eine Leuchte und an an-
die Einleitung geeignet sind, ggf. muss eine
Neutralisationsanlage nachgerüstet werden Werkstoff Verwendung möglich als
(siehe S. 59ff.). AL FL SL GLU GLE RFL RR KL
Steinzeugrohr (STZ) + + + + + + – +
Materialien Betonrohr (BT) – – + + + – – –
Bestehende Leitungssysteme müssen auf Faserzementrohr (FZ) + + + – – + + –
Material, Dimension und Konformität mit den
Blechrohre (Zink, Kupfer,
geltenden Richtlinien geprüft werden. Für die Aluminium, verzinkter Stahl)
– – – – – – + –
Abwasserableitung kommen diverse Materi-
Gusseisernes Rohr
alien auf der Basis von Steinzeug, Beton, Fa- + + + + + + + –
ohne Muffe (SML)
serzement, Kunststoff und Metall infrage, wobei
Stahlrohr (ST) + + + + + + + –
jedoch nicht alle Rohre für alle Entwässerungs-
Edelstahlrohr (CrNi) + + + + + + + +
teile zugelassen sind (Abb. B 3.19). Ungeeig-
nete Abwasserrohre müssen ausgetauscht PVC-U-Rohr (KG) – – – + + + – +
werden. PVC-C-Rohr (HT) + + + + – + + +
Im Bestand existieren meist gusseiserne oder PE-Rohr (PE-HD)1 + + + + – + + +
Steinzeugrohre. Sofern die Steinzeugrohre PE-Rohr (PE-HD)2 – – – + + – – +
keine sichtbaren Schäden aufweisen, können PP-Rohr (PP-HT) + + + + – + – +
diese in der Regel weitergenutzt werden. Guss-
ABS (HT) + + + + – + – +
eiserne Rohre finden ab der Mitte des 19. Jahr-
hunderts Verwendung. Diese können, sofern AL Anschluss-, Verbindungsleitung RFL Regenwasserleitung im Gebäude
FL Fallleitung (für Schmutzwasser) RR Regenwasserleitung (Regenrohr) im Freien
keine Kondensateinleitung aus Brennwert- SL Sammelleitung KL Leitung für Kondensate aus Feuerungsanlagen
heizungen erfolgt, für alle Bereiche der Grund- GLU Grundleitung, unzugänglich in der Grundplatte 1
DIN 19 535-10, DIN EN 1519-1
stücksentwässerung genutzt werden. In GLE Grundleitung im Erdreich 2
DIN 19 537-1, DIN 19 537-2, DIN EN 12 666-1
B 3.19

58
Technische Gebäudeausstattung

B 3.17 Fräsroboter zur Entfernung von Inkrustationen


und Wurzeleinwuchs in der Entsorgungsleitung
B 3.18 ferngesteuerter Fahrwagen zur TV-Inspektion
von Abwasserleitungen
B 3.19 Verwendungsbereich von Abwasserrohren nach
DIN 1986-4 (Auszug)
B 3.20 Rohrinnensanierung mittels Liningverfahren
B 3.21 Blick in ein mittels Liningverfahren saniertes
Abwasserrohr

B 3.20 B 3.21
derer Stelle ein Spiegel eingeführt wird. Weit- wird die Auskleidung auf den geschädigten Be- Regenwasserentsorgung
aus präzisere Ergebnisse lassen sich mit der reich des Rohrinnenraums gepresst. Der Pa- Bei der Sanierung sollte in jedem Fall darüber
Endoskopie erzielen. Hierfür muss in die Lei- cker wird nach dem Abbinden des Kunstharzes nachgedacht werden, ob anfallendes Regen-
tung ein kleines Loch mit ca. 2 mm Durchmes- entbläht und wieder aus dem Rohr entfernt. wasser künftig für das Gebäude genutzt oder
ser gebohrt werden, durch das anschließend Dadurch lässt sich eine stabile und dauerhafte eine Versickerung auf dem Grundstück reali-
ein Mini-Boreskop hineingeschoben wird. Alter- Teilauskleidung der Innenwand erstellen. siert werden kann. Soll das Regenwasser ver-
nativ kann eine Untersuchung mit einem kame- Edelstahlmanschetten mit Kompressionsschloss wendet werden, muss es in einer Zisterne ge-
rabestückten, ferngesteuerten Fahrwagen ge- werden ebenfalls mittels eines Packers an die sammelt und über eine Pumpe nach Bedarf im
schehen (Abb. B 3.18). Eine solche ist in der zu sanierende Stelle transportiert und dort durch Haus verteilt werden (siehe Wasserversorgung,
Regel ab der Nennweite DN 100 üblich; es das Aufweiten des Packers dauerhaft verankert. S. 54ff.). Eine Versickerung kann überirdisch
existieren aber auch Spezialsysteme, die be- Innenmanschetten können ab der Nennweite z. B. über Sickergräben erfolgen. Diese Anla-
reits ab DN 50 eingesetzt werden können. In DN 150 zum Einsatz kommen. gen sind genehmigungsfrei. Unterirdische Ver-
Abhängigkeit des Untersuchungsergebnisses Sollen Sanierungen mit besonders geringen sickerungssysteme wie Sickerschächte benöti-
lässt sich eine Dringlichkeitszuordnung inner- Nennweiten erfolgen bzw. längere Rohrab- gen eine wasserrechtliche Genehmigung.
halb einer vierstufigen Skala vornehmen (Zu- schnitte saniert werden, so bieten sich ver-
standsklasse 0 = sofortiger Sanierungsbedarf schiedene Systeme auf der Basis von Inversi- Abwasserbehandlung
bis Zustandsklasse 4 = kein Handlungsbedarf). onsverfahren an. Dabei wird z. B. ein Schlauch- Eine örtliche Abwasserbehandlung kann nur
Sofortiger Handlungsbedarf besteht z. B. bei liner mit Kunstharz imprägniert, invers in einer als Not- oder Übergangslösung fungieren, so-
Grundleitungen immer dann, wenn die stati- Drucktrommel aufgewickelt und an die zu sa- fern keine öffentliche Wasserentsorgung vor-
sche Funktion des Rohrs nicht mehr gegeben nierende Leitung angeschlossen. Mittels Über- handen bzw. ein Anschluss wirtschaftlich nicht
oder aber eine Grundwasserbeeinträchtigung druck wird der laminierte Schlauchliner an- zumutbar ist. Abwasserbehandlungsanlagen
durch austretendes Abwasser vorliegt. schließend in die zu sanierende Leitung einge- sind nach dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG)
Bevor Innensanierungsarbeiten eines Entwäs- krempelt (Abb. B 3.21). Die Aushärtung des genehmigungspflichtig und nach DIN 4261
serungssystems beginnen, muss die Umleitung Schlauchliners, die zu einer dauerhaften homo- sowie DIN EN 12 566 zu erstellen. Auch der Be-
des Abwassers für die Zeit der Sanierungsmaß- genen Rohrauskleidung führt, erfolgt durch trieb einer Anlage unterliegt bau- und wasser-
nahme geplant werden. Dampf oder UV-Licht. Das System wird ab rechtlichen Vorschriften. Vorhandene Kleinklär-
Inkrustation oder Wurzeleinwuchs kann mithilfe einer Nennweite von DN 50 eingesetzt. anlagen sollten stets eine biologische Reini-
eines Fräsroboters beseitigt werden (Abb. Undichte Rohreinläufe können instand gesetzt gungsstufe aufweisen bzw. mit einer solchen
B 3.17). Diese lassen sich ab der Nennweite werden, indem Blasenschalungen mithilfe nachgerüstet werden. Absetzgruben sind in
DN 80 verwenden und dienen neben dem Frä- eines Packers eingefügt und anschließend mit Abhängigkeit der Kammerverschlammung re-
sen meist auch zum Bohren, Verpressen und Epoxidharz verklebt werden. gelmäßig teilzuentleeren, Tropfkörper der bio-
Verspachteln von Schadstellen. Leckagen der Lässt sich ein Abschlusskanal nicht mehr sa- logischen Reinigungsstufe in Abhängigkeit des
Gebäudeentwässerung können mit Injektions- nieren, wird u. a. das Berstlingverfahren ange- Verschlammungsgrades zu spülen und Sicker-
oder Liningverfahren, die beide ab einer Nenn- wendet. Dieses erlaubt eine grabenlose Rohr- gräben nach DIN 1986 regelmäßig auf ihre Be-
weite von DN 100 möglich sind, sowie über das leitungserneuerung bei gleichbleibender Tras- triebsfähigkeit zu prüfen. Bei einer Sanierung
Setzen von Dichtmanschetten behoben wer- senführung. Hierzu wird in das Altrohr ein muss die DIN EN 752-5 beachtet werden.
den. Bei Injektionsverfahren wird ein sogenann- Berstkörper eingezogen, der dieses beim
ter Packer in das Rohr eingeführt, an der Durchzug zerstört und in das umgebende Erd- Warmwasserheizungssysteme
Schadstelle positioniert und pneumatisch auf- reich verdrängt. Gleichzeitig wird ein neues Eine Erneuerung oder Nachrüstung der Wär-
geweitet. Der geschädigte Bereich kann so Rohr in gleicher oder größerer Dimension nach- meversorgungsanlage erfolgt einerseits, um
zum Kanalinnenraum temporär abgedichtet gezogen. Das Verfahren eignet sich bei An- den Energieverbrauch zu verringern, und an-
und die Schadstelle mit Kunstharz verpresst schlusskanälen ab einem Durchmesser von dererseits, um die Betriebskosten zu senken.
werden. Nach dem Abbinden des Harzes wird DN 100, wobei zu den umgebenden Leitungen Die Abstimmung der einzelnen Komponenten
der Packer entbläht und aus dem Kanal he- ein Mindestabstand eingehalten werden muss. der Heizungsanlage untereinander ist dabei
rausgezogen. Bei wesentlichen Änderungen oder Sanierun- genauso wichtig wie das Zusammenspiel mit
Bei Liningverfahren wird eine schlauchartige gen schreibt DIN 1986-30 für Grundleitungen, der Gebäudehülle, mit dem Ziel eine größtmög-
Teilauskleidung aus laminierter Glasfaser von für die keine nachweisbare Dichtigkeitsprüfung liche Effizienz zu erreichen.
einem Packer im geschädigten Rohrbereich stattgefunden hat, eine solche vor. Bei gerin- Die gesetzlichen Vorgaben für die Gebäude-
positioniert (Abb. B 3.20). Über eine anschlie- geren Eingriffen ist eine Kanalfernsehuntersu- heizung werden in Deutschland durch die
ßende pneumatische Expansion des Packers chung durchzuführen. EnEV ähnlich wie in den anderen Mitglieds-

59
Technische Gebäudeausstattung

staaten der Europäischen Union vorgegeben. tausch der Heizung geprüft werden sollte, ob schaftlichere System erweisen. Die zentrale
Grundlage ist die EU-Richtlinie 2002/91/EG. im Rahmen einer Sanierung Dämmmaßnahmen Warmwasserbereitung eröffnet zudem die
Ist der Heizkessel älter als 15 Jahre, sind hin- an der Gebäudehülle durchgeführt werden Möglichkeit, eine solarthermische Anlage zu
sichtlich des Betriebs der Heizungsanlage re- sollten. Für die Neukonzeption der Heizungs- integrieren.
gelmäßige Inspektionen durch eine Fachfirma anlage sind folgende Entscheidungskriterien Für den Heizungsbetrieb stehen sowohl fossile
und eine Kontrolle der Abgaswerte in der EU- maßgebend: als auch regenerative Energieträger zur Verfü-
Richtlinie festgelegt. Die EU-Richtlinie schreibt gung. Der Einsatz von regenerativen Energien
bei größeren Sanierungsmaßnahmen die Ver- • Wahl eines neuen Wärmeerzeugers für Hei- sollte stets oberste Priorität besitzen. Sind Heiz-
besserung der Gesamtenergieeffizienz des Ge- zung und Warmwasser systeme für fossile Energieträger mit sämt-
bäudes vor. Als größere Sanierungsmaßnah- • Entscheidung für zentrale oder dezentrale lichen Anschlüssen bzw. Lagermöglichkeiten
men gelten solche, bei denen die Ausgaben für Wärmeerzeugung vorhanden und zur Weiterverwendung vorge-
die durchzuführenden Maßnahmen an der An- • Wahl eines Energieträgers entsprechend sehen, sollte zum einen deren Bedarf so weit
lagentechnik und am Gebäude ein Viertel des dieser Vorgaben wie möglich reduziert (Dämmung der Gebäu-
Gebäudewerts übersteigen (ohne Grund- dehülle, Optimierung der Wohnungslüftung),
stückswert) oder bei denen mehr als ein Viertel Als neue Heizungssysteme kommen Anlagen zum anderen die Anlagentechnik so effizient
der Gebäudehülle saniert wird. auf Verbrennungsbasis oder Wärmepumpen wie möglich gestaltet werden. Ob für den Neu-
Die Effizienz einer Heizungsanlage kann durch zur Nutzung von Umweltenergie in Betracht. anschluss eines Gebäudes ein fossiler Brenn-
unterschiedliche Maßnahmen effektiv beein- Diese können durch solare Technologien unter- stoff herangezogen oder im Bestand von Öl auf
flusst werden. So können einzelne Komponen- stützt werden. Ergänzend oder sogar als Ersatz Gas umgestellt werden sollte, muss unter Be-
ten wie Solarkollektoren nachgerüstet oder ver- ist die Auslegung einer Lüftungsanlage mit Wär- rücksichtigung der oben und in Abb. B 3.23
altete Teile vorzeitig ausgetauscht werden. Die merückgewinnung und Nachheizung möglich. genannten Kriterien prüfend hinterfragt werden.
Restnutzungsdauer einzelner Anlagenkompo- Die Entscheidung für eine zentrale oder dezen- Beim Einsatz regenerativer Brennstoffe werden
nenten lässt sich über ihre Lebensdauer ermit- trale Wärmeerzeugung hängt bei der Sanie- geringere Mengen schädlicher Abgase oder
teln (Abb. B 3.3). Die Einschätzung des Abnut- rung im Wesentlichen von den bestehenden Reststoffe als bei fossilen Brennstoffen freige-
zungszustands kann in Form einer visuellen In- Anlagenteilen und vom Umfang des Eingriffs in setzt. Die entstehenden CO2-Emissionen sind
spektion wesentlicher Komponenten erfolgen. die Gebäudesubstanz ab. Als Heizungssystem in der Gesamtbilanzierung als CO2-neutral ein-
Müssen mehrere Anlagenkomponenten erneu- arbeitet die Zentralheizung sehr effizient, erfor- gestuft. Als regenerative Brennstoffe kommen
ert werden und beträgt die geschätzte Restnut- dert aber eine umfangreiche Verteilung. Für die unterschiedliche Rohstoffe in Betracht (Abb.
zungsdauer des Kessels weniger als fünf zentrale oder dezentrale Trinkwassererwär- B 3.23). Allerdings sollte bei der Auswahl der
Jahre, sollte alternativ über den vollständigen mung sind Bedarf und Leitungsstrecke zu den Systeme der Primärenergieverbrauch der Pro-
Austausch der Anlage nachgedacht werden. Zapfstellen maßgebend. In Bürogebäuden mit duktion berücksichtigt werden.
Die Gesamteffizienz einer Heizungsanlage sehr geringem Warmwasserbedarf verhalten
hängt immer von Auslegung und Abstimmung sich dezentrale Geräte in jedem Fall wirtschaft- Brennstoffbereitstellung
der technischen Komponenten aufeinander ab. licher als eine Speichervorhaltung und Rohr- Sofern in einem bestehenden Gebäude bereits
Generell gilt: Je geringer die Betriebstempera- verteilung. In einem Einfamilienhaus sind die ein Gasanschluss oder ein Heizöltank vorhan-
tur einer Anlage gewählt werden kann, desto Leitungswege bei guter Planung hingegen den ist, sollten diese auf Funktionsfähigkeit
effizienter arbeitet diese und umso wirkungs- kurz und der Warmwasserbedarf vergleichbar und Sicherheit überprüft werden. Der Haus-
voller kann die Nutzung von regenerativen En- hoch. Gleiches kann bei richtiger Ausführung anschluss der Stadtgasleitung kann vom Hei-
ergiequellen integriert werden. Die Wahl der (Komponenten- und Leitungsdämmung) eben- zungsinstallateur auf Leckagen und nicht regel-
richtigen Heizungsanlage richtet sich dabei im falls für ein Mehrfamilienhaus gelten und somit gerechte Anschlüsse kontrolliert werden. Offen
Wesentlichen nach dem Heizwärmebedarf des kann sich auch hier die zentrale Warmwasser- liegende Gasleitungen im Gebäude müssen
gesamten Gebäudes, weshalb vor dem Aus- bereitung als das gesamtenergetisch wirt- stabil an der Wand befestigt und gelb (RAL

Energieträger
Solarstrahlung

Umgebungs-
Fernwärme
Holzpellets
Flüssiggas

Holzhack-

Strommix
Heizöl EL

schnitzel

energie 2
Erdgas

Eigenschaften
regenerativ • •  • •
leitungsgebunden • • •
leitungsunabhängig • • • • • •
versorgerabhängig    •
Lagerraum notwendig • • • •
Brennwertnutzung • • •  
einfache Verbrauchserfassung • • •  
kumulierter Energieaufwand 1
1,14 1,11 1,11 1,16 1,07 2,99 0,77–1,85
[kWhPrim / kWhEnd]
Treibhausgase CO2-äquivalent 1
249 263 303 42 35 647 217– 408
[g / kWhEnd]
Primärenergiefaktor nach
DIN V 4701-10 : 2006-12 1,1 1,1 1,1 0,2 0,2 2,7 0,0 –1,3
1
nach Daten des Computerprgrammes GEMIS
2
Energie aus Erdreich, Grundwasser oder Außenluft, die mithilfe einer Wärmepumpe nutzbar gemacht werden kann
B 3.22 B 3.23

60
Technische Gebäudeausstattung

B 3.22 ineffiziente veraltete Ölheizung im Gebäude-


bestand
B 3.23 Vergleich zwischen den einzelnen Energieträ-
gern und deren Eigenschaften hinsichtlich Ge-
bäudeheizung und Trinkwassererwärmung
B 3.24 asbestbelasteter Nachtspeicherofen
B 3.25 Sicherheitsvorkehrungen bei der Demontage
asbestbelasteter Nachtspeicheröfen

B 3.24 B 3.25
1012) gestrichen sein, um Verwechselungen zu Heizraum die Einhaltung der Abgasverlustgrenzwerte be-
verhindern. In der Heizungsanlagenverordnung (HeizanlV) scheinigt. Ein Austausch ist aus Gründen der
Ein Flüssiggastank sollte gemäß der Betriebs- sind die Anforderungen an den Heizraum fest- Energieeffizienz jedoch ratsam.
sicherheitsverordnung alle zwei Jahre von gesetzt. Aus diesen Grund muss geprüft wer-
außen durch geschultes Personal und alle fünf den, ob der bestehende Heizkessel und die Nachtspeicheröfen
Jahre (gewerbliche Nutzung) bzw. zehn Jahre Beschaffenheit des Raums den Anforderungen Eine in den 1950er- bis 1970er-Jahren weitver-
(Privatanlagen) von innen inklusive der Lei- genügen. Dabei sind insbesondere folgende breitete Raumheizung stellten Nachtspeicher-
tungsanschlüsse vom TÜV gewartet werden. Punkte zu klären: öfen dar, die mit günstigem, nächtlichem Heiz-
Ebenso sollte der Aufstellort auf Standsicherheit strom zum Sondertarif betrieben wurden. Aus
sowie der regelgerechte Abstand zu angren- • Art der Beheizung (z. B. nur Heizung, Hei- primärenergetischer Sicht erweist sich diese
zenden Gebäuden untersucht werden (siehe zung mit WW-Bereitung, Heizung / Lüftung) Heizform als extrem ineffizient. Vor dem Hinter-
TRF 1996, TRB 610 und TRB 801, Anlage 25). • Kesselleistung grund steigender Strompreise und der sukzes-
Heizöltanks müssen sowohl für den Erdeinbau • Lage und Größe der Heizzentrale siven Abschaffung der Sonderstromtarife ist ihr
als auch für die Aufstellung im Gebäude dop- • Wahl des Brennstoffs Betrieb auf lange Sicht nicht mehr wirtschaft-
pelwandig ausgeführt und mit einem Leckan- • Lage und Größe des Brennstofflagers lich. Viele Gemeinden und Stromversorger zah-
zeigegerät ausgestattet sein. Sind sie einwan- • Zugänglichkeit des Heizraums len daher Zuschüsse für die Außerbetriebnah-
dig, ist ein flüssigkeitsdichter Auffangraum • Raumabschluss Wände, Decke und Türen me der Geräte. Nachtspeicheröfen, die vor
erforderlich. Bei einer regelmäßigen Wartung • Lüftungsquerschnitte für Zuluft 1980 hergestellt wurden – in seltenen Fällen
kann von einer Gebrauchsdauer von ca. 40 bis • Abgasabführung auch jüngere Baureihen –, können asbestbe-
45 Jahren ausgegangen werden. Im Erdreich • Feuerwarneinrichtungen lastet sein (Abb. B 3.24 und 25). Eine Raumluft-
verlaufende Rohrleitungen sind als Sauglei- • Heizungsnotschalter belastung mit Asbestpartikeln lässt sich daher
tungen oder in einem Schutzrohr zu verlegen. • betriebssichere Installation (auch Elektro- nicht ausschließen. Informationen darüber, ob
Heizöltanks müssen bis zu einem Volumen leitungen) von dem Gerät eine Belastung ausgeht, kön-
unter 10 m3 alle zehn Jahre, darüber alle fünf • Geräuschemissionen nen beim Hersteller unter Angabe der Typen-
Jahre vom TÜV überprüft werden. Vor Inbe- nummer eingeholt werden. Kontaminierte Ge-
triebnahme muss jede oberirdische Anlage Als Größenordnung für die Planung lassen sich räte sind zeitnah durch zertifizierte Fachfirmen
über 1 m3 Volumen, jeder unterirdische Heizöl- dem VDI-Blatt 2050, Blatt 1 Anhaltswerte für zu entsorgen.
tank und jede unterirdische Rohrleitung von Mindestnutzflächen von Heizzentralen entneh-
einem nach dem Wasserhaushaltsgesetz men, wobei ein besonders beschaffener Heiz- Standardheizkessel
(WHG) zugelassenen Sachverständigen ge- raum erst ab einer Kesselleistung von 300 kW Heizkessel mit Vor- und Rücklauftemperaturen
prüft werden. Im Abstand von jeweils fünf Jah- gefordert wird. Erfolgt im Zuge einer energe- von 90/70 °C oder 70/55 °C werden als Stan-
ren muss jede oberirdische Anlage ab 10 m3 tischen Sanierung auch ein Austausch des dardheiz- oder Konstanttemperaturkessel be-
Volumen und jeder unterirdischer Heizöltank Kessels, kann die Heizleistung häufig reduziert zeichnet. Sie weisen vor allem im Bereitschafts-
sowie jede unterirdische Rohrleitung gewartet und damit die Anforderungsgrenze unterschrit- betrieb erhebliche Energieverluste auf und
werden. Ist der Tank im Haus installiert, ist der ten werden. sollten ersetzt werden. Bei Kesseln, die vor
Tankraum ebenfalls Bestand der Überprüfung. 1978 eingebaut und nicht mit einem neuen
In Wasserschutzgebieten hingegen existieren Wärmeerzeuger Brenner ausgestattet wurden, schreibt die
strengere Auflagen. Jede Stilllegung einer Das Herzstück einer Heizungsanlage ist der EnEV vor, diese bis zum 31.12. 2008 auszu-
oberirdischen Anlage ab 10 m3 Volumen (in Wärmeerzeuger, der die Wärme für die Vertei- wechseln (Abb. B 3.22). Die Reparatur solcher
Schutzgebieten ab 1 m3) und jede unterir- lung im Gebäude bereitstellt. Er ist maßgeblich Geräte wird nicht empfohlen, da sie nach heu-
dische Anlage ist gemäß WHG durch einen für den Energiebedarf, die Effizienz und die tigen Maßstäben unwirtschaftlich sind.
Sachverständigen zu begutachten. Umweltbelastung der Heizungsanlage verant-
Gibt es einen Pelletlagerraum, sollte untersucht wortlich. Niedertemperaturkessel
werden, ob dieser langfristig trocken und Niedertemperaturkessel arbeiten mit einer ge-
staubdicht gehalten werden kann. Bei einer Einzelöfen ringeren Vor- und Rücklauftemperatur (55/45 °C)
Umstellung von Öl auf Pellets kann z. B. der Im Bestand sind Einzelöfen, die mit Öl, Gas und sind dadurch wesentlich effizienter. Jeder
bisherige Tankraum zumeist als Pelletlager- oder Holz befeuert werden und für die Behei- Standardheizkessel einer zentralen oder de-
raum dienen. Alternativ stehen dafür auch ein zung eines Raums ausgelegt sind, nur noch zentralen Wohnungsheizung (Therme) kann
Gewebesilo, Erdtank oder angepasster Stahl- selten zu finden. Diese Geräte dürfen weiterhin gegen einen Niedertemperaturkessel ausge-
tank zur Verfügung. betrieben werden, sofern der Schornsteinfeger tauscht werden. Ihr Wirkungsgrad beträgt bis

61
Technische Gebäudeausstattung

zu 97 %. Das Heizungssystem als Warmwas- von Verbrennungsmotoren erzeugen Wärme


serheizung mit Verteilung und Wärmeüberträ- und Strom. Die Abwärme dient zu Heizzwe-
ger (Heizkörper) kann in der Regel weiterge- cken, der Strom wird gegen Vergütung in das
nutzt werden. Niedertemperaturheizungen kön- öffentliche Stromnetz eingespeist. Blockheiz-
nen mit fossilen oder regenerativen Energieträ- kraftwerke können mit fossilen wie auch mit
gern betrieben werden, ggf. ist eine Schorn- regenerativen Brennstoffen betrieben werden
steinsanierung im Zusammenhang mit dem und eignen sich für die Sanierung, sofern ein
Kesselaustausch nötig, da die Abgastempera- langanhaltender, hoher Wärmebedarf besteht.
turen unter denen von Standardheizkesseln lie- Bei Laufzeiten von unter 4000 h / Jahr arbeiten
gen und ein Kondensatanfall im Schornstein diese Anlagen ineffizient. Sind lange Laufzeiten
verhindert werden muss, um Schäden vorzu- z. B. durch den Zusammenschluss mehrerer
beugen. Die Notwendigkeit dafür wird vom Wohneinheiten gewährleistet, stellen diese An-
a b
Schornsteinfeger geprüft. lagen eine gute Alternative zu konventionellen
Systemen dar. Der bestehende Schornstein
Brennwertkessel kann aufgrund der hohen Abgastemperaturen
Eine Brennwertheizung ist ein hoch effizientes meist problemlos weitergenutzt werden, wobei
B 3.26 Heizsystem, das durch die Nutzung der im der Aufstellungsort der Anlage entsprechend
Wasserdampf des Verbrennungsabgases ent- den Schallemissionen gewählt werden muss.
haltenen latenten Wärme einen Wirkungsgrad
von über 100 % aufweist. Die Heizkessel kön- Abgasführung
nen mit fossilen oder regenerativen Energieträ- Beim Austausch eines alten Heizkessels durch
gern betrieben und wie beim Niedertempera- einen neuen wird eine höhere Effizienz vor
turkessel jeden alten Heizkessel (zentral oder allem durch die Absenkung der Betriebstempe-
dezentral) ersetzen. Der bestehende Heizungs- ratur erreicht. Die daraus resultierenden, gerin-
kreislauf kann meist weitergenutzt werden. geren Abgastemperaturen bedingen jedoch
TWZ TWW
Durch die geringeren Vor- und Rücklauftempe- u. U. eine Sanierung des vorhandenen Schorn-
raturen (35/28 °C) reduzieren sich die Verteil- steins. Ohne Adaption an die niedrigeren Ab-
verluste im System. Die Heizflächen in den gastemperaturen kann die aus dem Konden-
Räumen müssen größer dimensioniert werden satanfall entstehende Glanzrußbildung und
HZG – ideal ist die Kombination mit einer Fußboden- Versottung (Durchfeuchtung von innen) des
TWK heizung. Bei der Verbrennung anfallendes vorhandenen Schornsteins nicht verhindert
Kondensat muss in das Abwassernetz abge- werden. Der Schornsteinfeger legt den Sanie-
leitet werden. Sofern kein feuchtigkeitsunemp- rungsbedarf in Abhängigkeit zur Anlage fest.
a findlicher und druckdichter Schornstein zur Bei der Schornsteinsanierung kommen zwei
mechanischen Überdruckabgasbeförderung Varianten in Betracht (Abb. B 3.26). In beiden
vorhanden ist, wird eine Sanierung oder ein Fällen muss der Schornstein von innen absolut
Neubau des Schornsteins notwendig. Zur Ab- feuchtigkeitsunempfindlich und korrosionsbe-
gasableitung können je nach Kesselleistung ständig ausgeführt werden (mögliche Materi-
sehr geringe Abgasrohrquerschnitte (≤ 100 mm alien: Edelstahl, Aluminium, Glas, Kunststoff
H Außendurchmesser als Kunststoffrohr) zum oder glasierter Ton). Eine Kondensatableitung
Einsatz kommen, was für die Sanierung von am Kaminfuß ist dabei notwendig.
Vorteil ist. Die Brennwertnutzung erfordert stets eine
Schornsteinsanierung, da Kondensat am Kes-
H H
Wärmepumpe sel sowie am Schornstein anfällt. Das Konden-
Die mit Strom oder Gas betriebenen Wärme- sat muss in das Abwassersystem abgeleitet
pumpensysteme beziehen ihre Energie aus der werden, wobei sich die Abwasserrohre zur
HZG
Luft, dem Erdreich oder dem Wasser und Kondensatableitung (pH < 6) eignen müssen.
TWK
heben diese auf ein höheres Temperaturniveau Bei Öl- und Holzkesseln ist in jedem Fall eine
an. Wärmepumpen mit Erdflächenkollektoren Kondensatneutralisation erforderlich, bei Gas-
eignen sich meist nicht für die Sanierung, da kesseln erst ab einer Leistung von 200 kW.
b eine entsprechend große Freifläche benötigt Da hier der Auftrieb des abgekühlten Abgases
wird. Tiefenbohrungen sind jedoch möglich. fehlt, muss es mit einem Ventilator aus dem
Luft-Wasser-Wärmepumpen können bei beeng- Schornstein geblasen werden (im Gerät inte-
ten Platzverhältnissen außerhalb des Gebäu- griert). Diese mechanische Überdruckabgas-
des aufgestellt werden. Zum Betrieb von Wär- förderung setzt eine druckdichte Ausführung
HZG mepumpen sind günstige Stromtarife erhältlich. des Schornsteins mit Dichtheitsprüfung voraus.
Ein Schornstein ist nicht notwendig. Im Um-
kehrbetrieb kann mit diesem System gekühlt Warmwasserbereitung
werden (siehe S. 65ff.). Der Betrieb einer Das Trinkwasser wird zentral in Verbindung mit
HZG Wärmepumpe setzt einen sehr guten Dämm- der Heizung oder dezentral an den Zapfstellen
standard voraus (mindestens EnEV-Anforde- erwärmt. Bei einer dezentralen Trinkwasserer-
rungen). Idealerweise werden Flächenheizsys- wärmung an den Zapfstellen mit einem Gas-
teme (Fußboden, Wand, Decke) verwendet. oder Elektrodurchlauferhitzer bzw. Kleinspei-
cher (Boiler) kann auf eine umfangreiche
TWK
Blockheizkraftwerk (BHKW) / Kraft-Wärme- Warmwasserverteilung verzichtet werden (Abb.
Kopplung (KWK) B 3.27 b). Dadurch fallen keine Verluste im Lei-
Kompakte Blockheizkraftwerke auf der Basis tungsnetz und kein Energieaufwand für die Ver-
c B 3.27

62
Technische Gebäudeausstattung

B 3.26 Varianten der Schornsteinsanierung


a als Innenauskleidung (Innenrohr) eines beste-
SpVL
henden Kamins TWW
b als neues, außen liegendes Abgasrohr HVL
B 3.27 verschiedene Systeme zur Warmwasserbereitung K TWK SpRL
a Zentralheizung mit zentraler Trinkwassererwär- So HRL
mung und Zirkulationsleitung
SoVL SSP
b Zentralheizung mit dezentraler Trinkwasser- HZG
erwärmung (z. B. Durchlauferhitzer)
c dezentrale, wohnungsbezogene Heizung mit SoRL
integrierter zentraler Trinkwassererwärmung
(Kombikessel)
B 3.28 Einbindung eines Schichtenspeichers als Trink- TWK
wasser-, Heizungs- und Solarspeicher in einer HRL
Heizungsanlage mit Solarkollektoren
B 3.29 schematische Darstellung eines Einrohrsystems: TWK Trinkwasser kalt SoRL Solarrücklauf
a System mit Kurzschlüssen TWW Trinkwasser warm HZG Heizungskessel SSP Schichtenspeicher
b Zwangsumlaufsystem HVL Heizungsvorlauf SoK Solarkollektor SpVL Speichervorlauf
B 3.30 schematische Darstellung eines Zweirohrsystems HRL Heizungsrücklauf SoVL Solarvorlauf SpRL Speicherrücklauf
B 3.28
teilung (Pumpen) an. Sie sollten aber nur an oder nicht sauerstoffdichtes Leitungsmaterial Wärmeverteilung von Warmwasserheizungs-
weit von der Heizzentrale entfernten Orten mit sein (z. B. alte Kunststoffleitungen, insbesonde- systemen
einem geringen Warmwasserverbrauch zum re in Fußbodenheizungen). Während der offene Um die am Wärmeerzeuger bereitgestellte
Einsatz kommen. Bestehende Kleinspeicher- Druckausgleich in ein geschlossenes System Wärme im Gebäude zu verteilen, wird ein Rohr-
geräte sollten gedämmt oder gegen selbst- geändert werden kann, muss bei nicht aus- leitungsnetz benötigt. Dieses muss regelge-
regelnde elektronische Durchlauferhitzer aus- tauschbaren Leitungen ein korrosionsresisten- recht dimensioniert, gedämmt und hydraulisch
getauscht werden. ter Edelstahlspeicher (inklusive aller Leitungen abgeglichen werden, um eine effiziente Vertei-
Zentrale Warmwasserbereitungssysteme las- und Armaturen) verwendet werden. lung zu gewährleisten.
sen sich in Verbindung mit der Gebäudehei- Beide Warmwasserspeicherarten weisen auf-
zung für eine oder mehrere Wohneinheiten grund mangelhafter Dämmungen oftmals einen Heizungskreislauf
betreiben und bieten insbesondere energie- hohen Energieverlust auf. Eine nachträgliche Das Kreislaufsystem kann zum Druckausgleich
effiziente Lösungen. Darüber hinaus kann Dämmung ist möglich, wobei vorgefertigte mit einem offenen oder geschlossenen Aus-
eine solare Trinkwassererwärmung integriert Dämmschalen allerdings nur selten zur Verfü- gleichsgefäß ausgeführt sein. Im Bestand be-
werden. gung stehen. Sofern sich der Speicher außer- finden sich z. T. noch offene Systeme, die auf-
Vorhandene Systeme werden durch die Rege- halb des beheizten Gebäudevolumens befin- grund von eingedrungenem Sauerstoff u. U.
lung der ggf. vorhandenen Zirkulationsleitung det, kann alternativ auch der Aufstellungsort größere innere Korrosionsschäden aufweisen.
und durch die Nachrüstung eines Warmwas- des Speichers gedämmt werden. Da Leitungen geschlossener Systeme meist
serspeichers optimiert (Abb. B 3.27 a). Die Zur Minderung der Verluste ist es möglich, die eine höhere Lebensdauer besitzen, sollten of-
größten Energieverluste entstehen am Speicher Temperatur des gespeicherten Wassers eben- fene Systeme zu geschlossenen umgebaut
und bei der Verteilung. Hier muss auf höchsten falls zu reduzieren. Wird dies bei einem Trink- werden. Korrosionsschäden treten in der Regel
Dämmstandard und beste Effizienzklassen ge- warmwasserspeicher angestrebt, ist das an Stoßstellen zwischen Leitungen oder zu
achtet werden. DVGW-Arbeitsblatt W 551 unbedingt zu berück- Heizkörpern im Bereich des höchsten System-
sichtigen, da es unter keinen Umständen zur drucks auf, d. h. in den unteren Geschossen.
Warmwasserspeicher Entstehung von Legionellen kommen darf. Bei Schäden an einem älteren Heizungskreis-
Warmwasserspeichersysteme werden bei der Bei der Neuinstallation ist auf eine entspre- lauf ist unter Berücksichtigung aller Randbedin-
Heizungsinstallation sowohl für den Heizkreis- chende Dämmung, eine bedarfsgerechte Di- gungen abzuwägen, ob repariert oder gleich
lauf als auch für die Trinkwarmwasserbereitung mensionierung und eine Abstimmung der Hei- vollständig ausgetauscht werden soll, da ver-
eingesetzt. zungsanlage hinsichtlich der Betriebszeiten einzelte Schadensbilder oft auf einen allgemei-
Im Regelfall finden sich im Bestand Trinkwarm- sowie der Vor- und Rücklauftemperaturen zu nen Verschleiß hinweisen.
wasserspeicher, die je nach Komfortbedarf achten. Für neu zu installierende Trinkwasser- Liegt ein Einrohrsystem vor, sollte eine neue
zwischen 25 und 40 l pro Person (bei 50 – 60 °C) speicher sollte stets eine solare Trinkwasser- Verrohrung für Vor- und Rücklauf erfolgen, um
bereitstellen und direkt vom Kessel beheizt erwärmung bzw. eine nachträgliche Integration das System hydraulisch abgleichen und die
werden (Abb. B 3.27 c). Anlagen, die eine zum in Betracht gezogen werden. Heizflächen einzeln steuern zu können.
Bedarf zeitlich versetzte Wärmeproduktion puf-
fern müssen oder schwierig zu modulieren sind
wie z. B. Holzheizungen, Wärmepumpen oder
Solaranlagen, sollten mit einem Heizungsspei-
cher betrieben werden (Abb. B 3.28). VL RL
Bei Trinkwarmwasserspeichern kann es durch
die Wassererhitzung am innen liegenden Wär-
a Ringle
metauscher zu Verkalkungen kommen, die zu itung
Leistungseinbußen führen. Ist der Speicher mit
einer Revisionsöffnung ausgestattet, können RL
Verkalkungen erkannt und entfernt werden. Die VL
RL VL
Innenbeschichtung des Speichers sollte eben-
falls auf Korrosion untersucht werden. Korrosi- b VL RL
onsschäden an Heizungspufferspeichern sind VL
oftmals auf in das Heizungswasser eindrin- VL
genden Sauerstoff zurückzuführen. Ursache VL Vorlauf
dafür kann ein offenes Druckausgleichsgefäß RL Rücklauf
B 3.29 B 3.30

63
Technische Gebäudeausstattung

Wasserdurch- Vorlauf- Bei besonders großen Kreislaufsystemen kann Anforderungen wie für Heizungsnetze. Das
flussmenge temperatur des alternativ über den Einbau von Kurzschlüssen System muss vollständig entlüftet, Rohrlei-
(l/h) Heizsystems (°C)
und Ventilsteuerungen nachgedacht werden, tungen gedämmt und die Pumpe kontrolliert
um eine gewisse Verbesserung zu erzielen werden. Eine solarthermische Anlage kann
(Abb. B 3.29 und 30). zur Trinkwassererwärmung oder auch zu-
Regelung Die Funktionsfähigkeit der Verteilung sowie sätzlich als Heizungsunterstützung dienen.
der eingebauten Armaturen und Heizkörper Dabei sind Jahresdeckungsraten der Warm-
können ebenfalls durch »Verschlammung« aus wasserbereitung von bis zu 60 % und eine
Art und Größe der Heizfläche Korrosionsprozessen stark beeinträchtigt sein. Heizungsunterstützung in Abhängigkeit des
Wärmeabgabe (W/qm)
Dies lässt sich durch ein Spülen der Anlage Gebäudeenergieverbrauchs von bis zu 30 %
beheben. möglich.

Wärmebedarf des Raums (W) Warmwasserverteilung Wärmeübergabe in Warmwasserheizungs-


Für Trinkwarmwasserleitungen gelten diesel- systemen
interne Vorgaben Wärmeverluste ben Anforderungen wie für Kaltwasserleitun- Die Wärmeübergabe an zu beheizende Räume
externe Vorgaben gen. Die Zuleitung von zentral erwärmtem lässt sich bei Warmwasserheizungen über
B 3.31 Trinkwasser zu den Zapfstellen wird im Be- Heizkörper, Flächenheizungen oder Bauteil-
stand meist mit Zirkulationsleitungssystemen aktivierung realisieren.
+ Unter- gewährleistet, die von einer Zirkulationspum- Im sanierungsbedürftigen Bestand trifft man
versorgung
50 % / 30 l/h pe betrieben werden. Die Leitungen können meist auf Heizkörper in Form von Radiatoren
durch die hohe Wassertemperatur einen erheb- oder Konvektoren, vereinzelt auch auf Flä-
+ lichen Energieverlust aufweisen, der durch eine chenheizungen. Heizkörper können durch
210 l/h

entsprechende Rohrleitungsdämmung redu- einfache Sichtkontrolle auf Undichtigkeiten


50 % / 30 l/h
ziert werden kann (Abb. B 3.7). Alternativ oder überprüft werden. Bei Flächenheizungen
+ parallel lässt sich die Zirkulationspumpe auch führen Leckagen meist zu größeren Schäden,
Über-
200 % / 150 l/h versorgung mit einer Zeitschaltuhr ausgerüsten, die eine da sie länger unentdeckt bleiben. Die Suche
Zirkulation nur zu den Hauptnutzzeiten auf- nach einer Schadstelle kann mittels Thermo-
rechterhält. Dadurch können Leitungsverluste grafie erfolgen.
reduziert und zudem Pumpenstrom gespart Nach EnEV müssen neu einzubauende hei-
VL werden. zungstechnische Anlagen mit einer »selbsttätig
210 l/h

Heizungsleitungen und Armaturen, die im nicht wirkenden Einrichtungen zur raumweisen Re-
RL
beheizten Bereich liegen und zugänglich sind – gelung der Raumtemperatur ausgestattet (...)
gemessen am Aspekt der Wirtschaftlichkeit –, sein« [1]. Das heißt, es müssen z. B. Thermos-
a müssen nach EnEV, Anlage 5 gedämmt wer- tatventile vorhanden sein oder nachgerüstet
den. Davon sind auch Rohrknicke, -abzwei- werden. Diese sollten eine optimierte Propor-
+ ausreichende gungen und -durchführungen betroffen. Aus tionalabweichung besitzen. Als weitere Maß-
100 % / 70 l/h Versorgung
heizungstechnischer Sicht empfiehlt sich eine nahme zur Energieeinsparung kann die Vor-
Dämmung der Rohrleitungen auch im be- lauftemperatur der Heizung reduziert werden,
ca. 440 l/h

+ Über- heizten Bereich, insbesondere bei langen wobei die Heizflächengröße darauf entspre-
120 % / 90 l/h versorgung Verteilwegen. chend abgestimmt werden muss (Abb. B 3.33).
Die Rohrleitungsdämmung hängt von der Ver- Im Bestand finden sich meist große Heizkörper,
+ Über-
legeumgebung (Feuchtebelastung, mecha- die nach einer energetischen Sanierung der
400 % / 200 l/h versorgung nische Beanspruchung) und den brandschutz- Gebäudehülle als überdimensioniert gelten und
technischen Anforderungen (Baustoffklassen niedrigere Vorlauftemperaturen ermöglichen
nach LBO) ab. (Abb. B 3.31).
ca. 440 l/h

VL Pumpen im Wärmeverteilnetz Regelung und Steuerung von Heizungsanlagen


Die zur Verteilung des Warmwassers für Hei- Heizanlagensysteme können mit zahlreichen
RL
zung und Trinkwasser nötigen Pumpen werden Steuerelementen ausgestattet werden. Die
in der Regel erst bei Ausfall ausgetauscht. Die EnEV schreibt vor, dass auch neu einzubauen-
b aktuell gültige EnEV fordert allerdings eine de Anlagen mit »zentralen, selbsttätig wir-
Nachrüstung von selbsttätig regulierenden kenden Einrichtungen zur Verringerung und
+ gleich- Pumpen. Im Bestand sind vorhandene Pumpen Abschaltung der Wärmezufuhr sowie zur Ein-
mäßige in ihrer elektrischen Leistung oftmals überdi- und Ausschaltung elektrischer Antriebe in Ab-
100 % / 70 l/h Verteilung
des Heiz- mensioniert. Ein Austausch ist unter energe- hängigkeit von der Außentemperatur oder einer
+ wassers tischen Gesichtspunkten sinnvoll. Beim Neu- anderen geeigneten Führungsgröße und der
210 l/h

einbau von Pumpen ist darauf zu achten, dass Zeit ausgestattet werden (müssen)« [2].
100 % / 70 l/h
energiesparende, elektronisch geregelte Pum- Abhängig von Bauart und Alter können auch
pen mit EC-Antrieb eingebaut werden, die sich alte Heizkessel mit neuen Steuerungsanlagen
+
in Abhängigkeit von Vor- und Rücklauftempera- nachgerüstet werden. Durch Modulation bzw.
100 % / 70 l/h
tur steuern lassen. zeitgesteuerte Abschaltung des Systems (z. B.
Absenkung während der Nacht oder Abwesen-
Solarthermische Anlagen heit) lässt sich eine deutliche Energieeinspa-
VL Gibt es solarthermische Anlagen im Bestand, rung erzielen.
210 l/h

so sind in erster Linie die Kollektoren auf


RL Beschädigungen und Dichtheit zu überprüfen. Für einen effizienten energiesparenden Betrieb
Für Solarkreislaufsysteme gelten dieselben müssen folgende Grundeinstellungen für die
c B 3.32

64
Technische Gebäudeausstattung

5 1 Rohrleitungsdämmung der Heizungs-


7 rohre im unbeheizten Bereich B 3.31 Einflussgrößen auf Bauart und Dimensionierung
2 Rohrleitungsdämmung der TWW- und der Heizfläche
10
TWZ-Leitung B 3.32 Wärmeverteilung im Vergleich
2 3 Verbesserung der Heizungssteuerung a Heizungsanlage ohne hydraulischen Abgleich
4 Anpassung der Pumpenleistung ungleichmäßige Wärmeverteilung
5 Entlüftung des Systems b falsch reguliertes Heizungssystem durch
6
6 Einbau von Thermostatventilen (mit Erhöhung der Pumpleistung
8
geringen Regelgradienten) c Heizungsanlage mit richtig ausgeführtem,
1 7 hydraulischer Abgleich (Ventilvorein- hydraulischem Abgleich – gleichmäßige
VL RL TWZ TWZ
4 stellung Wärmeverteilung
8 Zeitsteuerung der Zirkulationspumpe B 3.33 Zentralheizung mit zentraler Trinkwassererwär-
TWK 9 Dämmung des Trinkwasserspeichers mung und Zirkulationsleitung; Markierung der
3 10 Reinigung von Komponenten zur Ver- Komponenten, die im bestehenden System
9
besserung des Durchflusses optimiert werden können
B 3.33
Regelung von einem Fachmann vorgenommen Lüftungskühlung / Nachtlüftung fixiert, können die Decken zusätzlich als Spei-
und regelmäßig überprüft werden: An Sommertagen kann eine zusätzliche Lüf- chermasse genutzt werden (Bauteilkühlung).
tung (frei oder mechanisch) in der Regel nicht Zudem zeichnen sich die Matten durch eine
• Soll-Temperaturen für alle Betriebszustände zu einer Temperatursenkung beitragen. Eine sehr geringe Bauhöhe aus und lassen sich
• Heizkurve (abgestimmt auf die Anlage) Erhöhung der Luftgeschwindigkeit führt jedoch auch bei Gebäuden mit niedrigen Raumhöhen
• Schwellenwerte für die Regelung (Tempera- zur Verringerung der empfundenen Raumluft- gut nachrüsten. Sofern ein nachträglicher
turniveau) temperatur. Die Nachtlüftung stellt hingegen Einbau in Bürogebäuden erfolgen soll, können
• Zeitperioden von Betriebszuständen eine wirksame Maßnahme zur Absenkung der die Matten in einem mit dem Achsmaß der
• Erfassung der Führungsgrößen über Innenraumtemperatur dar. Sie setzt allerdings Fenster korrespondierenden Raster verlegt
Sensoren (Ist-Werte) eine ausreichend thermisch aktivierbare Spei- werden, sodass ein späteres Einziehen von
chermasse im Gebäudeinnenraum voraus. Bei Trennwänden möglich bleibt. Kapillarrohrmat-
Hydraulischer Abgleich von Heizungssystemen optimaler Speichermasse und einem hohen ten müssen an das Kaltwassernetz der Kälte-
Durch den hydraulischen Abgleich einer Hei- Luftwechsel kann eine Abkühlung bis etwa 3 K zentrale angeschlossen werden. Eine Kühlleis-
zungsanlage wird die gleichmäßige und be- über der nächtlichen Tiefsttemperatur erzielt tung von etwa 80 W / m2 ist erzielbar, brand-
darfsgerechte Wärmeverteilung im Gesamt- werden. schutztechnische Probleme ergeben sich nicht.
system reguliert. Durch die Volumenstrombe- Besteht bereits eine abgehängte Metalldecke,
grenzung des Heizwassers auf den Wert des Speichermasse lassen sich Kapillarrohrmatten ebenfalls nach-
Wärmebedarfs der einzelnen Heizkörper kann Sofern im Gebäudebestand nur wenig Speicher- rüsten, indem sie oberhalb der Paneele befes-
eine Über- oder Unterversorgung einzelner masse vorhanden ist, kann der nachträgliche tigt werden. Die Kühlleistung schwankt in die-
Heizflächen ausgeschlossen werden. In einem Einbau von PCM (Phase Changing Material) in sem Fall in Abhängigkeit von eventuell vorhan-
schlecht abgestimmten System werden Räume Erwägung gezogen werden. Paraffine bei- denen Akustikvliesen.
nahe der Heizzentrale überversorgt, weit ent- spielsweise, die ihren Aggregatzustand bei Die Nachrüstung einer Metallkühldecke ist
fernte hingegen unterversorgt (Abb. B 3.32). 25 – 28 °C ändern, nehmen beim Phasenwech- ebenfalls möglich, bedingt jedoch einen ge-
Nur durch einen fachgerechten hydraulischen sel sehr viel Energie auf, ohne ihre Temperatur staltprägenden Eingriff, da die Kühlpaneele
Abgleich lassen sich Fehlversorgungen vermei- dabei zu erhöhen, und dämpfen dadurch die sichtbar unterhalb der Decke angeordnet wer-
den. Um diesen im Bestand durchführen zu jeweiligen Temperaturspitzen. Die im PCM ge- den. Eine Metallkühldecke kann auch zwischen
können, sind regelbare Heizungszuläufe nötig, speicherte latente Energie muss zu einem spä- der Decke und einer mindestens 35 % luft-
was wiederum den Einbau neuer Anschluss- teren Zeitpunkt wieder abgegeben werden, durchlässigen Zwischendecke eingebaut wer-
ventile voraussetzt. z. B. in Form einer nächtlichen Gebäudelüftung den, wobei eine Kühlleistung von bis zu
mit kühler Außenluft. PCM können als ver- 200 W / m2 erreichbar ist.
Gebäudekühlung schweißte Folienbeutel auf Abhangdecken ge- Kühlsegel eignen sich aufgrund des hohen
Die Innentemperatur von Gebäuden kann legt, als Zuschlag in Gipswerkstoffplatten bzw. Vorfertigungsgrads besonders für die Sanie-
durch Lüftung, Kühlung oder Klimatisierung mikroverkapselt in Nassputz in das Gebäude rung von genutzten Bürogebäuden. Sie wer-
reduziert werden. Im Allgemeinen existieren im eingebracht werden. den ebenfalls an die zentrale Kaltwasserversor-
Bestand zentrale Anlagen mit Luftverteilungs- gung angeschlossen, sind gestaltprägend und
netzen. Dezentrale Geräte sind nur selten ver- Raumkühlung weisen Kühlleistungen von bis zu 250 W / m2
baut und werden meist nur für einzelne Räume Falls bei einer Sanierung eine Kühlung ohne auf.
oder Einheiten genutzt. mechanische Lüftung in Kombination mit einer Gebläsekonvektoren können punktuell nachge-
Nutzungsdauer sowie Wartungsintervalle von zentralen Kälteerzeugung nachgerüstet werden rüstet werden und benötigen ebenfalls einen
zentralen Anlagen hängen von der Anlage, der soll, stehen verschiedene Systeme zur Aus- Anschluss an das Kaltwassernetz. Sie arbeiten
Betriebszeit und dem Einsatzort ab. Die War- wahl. Zum nachträglichen Einbau bieten sich mit Umluft und brauchen keinen Zuluftkanal.
tung muss nach DIN EN 378 und dem Leis- insbesondere solche an, bei denen kaltes Was- Die Kühlleistung hängt von der Gerätegröße ab
tungsprogramm des Verbands Deutscher Ma- ser durch Kühlelemente, Kapillaren oder Rohre und liegt in etwa zwischen 0,75 und 9 kW.
schinen- und Anlagenbau (VDMA-Einheitsblatt geführt wird. Neben kleinteiligen können auch Alle bereits erwähnten Systeme können in das
24 186) erfolgen. Filter müssen regelmäßig er- flächenartige Systeme wie verputzte Kapillar- Warmwasserheizungssystem eines Gebäudes
neuert, Lüftungskanäle und Luftauslässe bei rohrmatten nachgerüstet werden. Dabei wer- integriert werden und so auch als Heizsysteme
Bedarf gereinigt werden. Ob nur einzelne Män- den wasserdurchflossene Matten auf der Roh- dienen.
gel behoben oder eine komplette Anlage aus- decke oder der abgehängten Gipskartondecke Ist nach der Sanierung mit einem Mehrbedarf
getauscht werden sollte, kann nur der Fach- fixiert und anschließend überputzt. Werden an Kaltwasser zu rechnen, z. B. durch Anlagen
mann im Einzelfall entscheiden. diese Systeme direkt auf massiven Decken oder Umnutzung, sollte in Abhängigkeit von

65
Technische Gebäudeausstattung

der Objektgröße geprüft werden, ob Grund- geräte oder im Zwischenraum einer abge-
wasser zur Bereitstellung der erforderlichen hängten Decke montiert werden und weisen
Kühlleistung verwendet werden kann. Die Nut- einen geringen Wasserverbrauch auf.
zung von Grundwasser zur Gebäudekühlung
ist genehmigungspflichtig. Auch der Einsatz Zentrale Klimatisierung
einer Wärmepumpe im Umkehrbetrieb ist Grundsätzlich benötigen raumlufttechnische
möglich. Anlagen für den Lufttransport große Kanalquer-
schnitte, sodass eine Nachrüstung nur selten
Raumklimageräte möglich ist bzw. sinnvoll erscheint. Zweikanal-
Raumklimageräte benötigen keine zentrale Käl- klimaanlagen generieren unterschiedliche Luft-
tebereitstellung. In der Regel kommen fest temperaturen, die – parallel geführt – erst am
montierte Splittgeräte in Wohn- und Geschäfts- Luftauslass gemischt werden. Existiert eine sol-
häusern zum Einsatz, die aus einem im Innen- che im Bestand, sollte aus energetischen Ge-
raum anzubringenden Gebläsekonvektor und sichtspunkten geprüft werden, ob sich diese
einem außenseitig zu montierenden Kaltwas- durch eine Einkanalanlage austauschen lässt.
sersatz bestehen (Abb. B 3.35). Geräte dieser Sofern die lichte Raumhöhe eines Gebäudes
B 3.34 Bauart verfügen meist über die thermodyna- im Zuge einer Sanierung angehoben wird, kann
mischen Prozesse Heizen und Kühlen. Lei- ein Hochdrucksystem ein vorhandenes Nieder-
tungswege zwischen beiden Bauteilen sollten drucksystem ersetzen, das mit bis zu 75 %
möglichst kurz gewählt werden. Die erzielbaren kleineren Kanalquerschnitten auskommt.
Kühlleistungen liegen bei ca. 1,5 – 5,5 kW. Bestehende Anlagen mit indirekter Feuchte-
Raumklimageräte sind relativ klein und eignen regelung (Taupunktregelung) sollten durch
sich sehr gut zur Nachrüstung einzelner Ge- Anlagen mit direkter Feuchteregelung ausge-
bäudeeinheiten. Allerdings sind diese aufgrund wechselt werden, da diese wesentlich ener-
ihres hohen Energieverbrauchs ineffizient, und gieeffizienter arbeiten. Konventionelle Steue-
die außen liegende Komponente stellt zudem rungssysteme komplexer Anlagen sollten
eine außerordentliche Beeinträchtigung des zudem auf DDC-Steuerungen (Direct Digital
Fassadenbilds dar. Vor einer Installation sollte Control) umgestellt werden.
in jedem Fall geprüft werden, ob sich nicht en- Bei der Wartung bzw. Instandsetzung von zen-
ergieeffizientere Maßnahmen der thermischen tralen Kompressionskältemaschinen ist darauf
Raumkonditionierung realisieren lassen. zu achten, dass FCKW-haltige Kältemittel wie
R12 oder R22, mit denen ältere Anlagen ar-
Dezentrale Lüftung und Klimatisierung beiten, gegen FCKW-freie Produkte ersetzt
B 3.35 Dezentrale Lüftungsgeräte werden in die Fas- werden. Die Kältemittel R12 und R22 sind in
sade eingebaut und arbeiten mit einer direkten Neuanlagen seit 2000 unzulässig, dürfen aber
Außenluftansaugung am Gerät (Abb. B 3.36). für den Betrieb bestehender Anlagen bis 2014
Sie können um die Funktionen Heizen und Küh- weiterverwendet werden.
len erweitert werden. Hierzu werden sie an ein Gemäß EU-Verordnung 2037/ 2000 muss bei
Zwei- oder Vier-Leitersystem angeschlossen. stationären Kälte- und Klimaanlagen mit mehr
Letzteres besteht aus jeweils einem Vor- und als 3 kg Kältemittelinhalt jährlich und bei An-
Rücklauf für Heizung und Kühlung. lagen ab einer Kältemittelmenge von 30 kg
Der nachträgliche Einbau in ein bestehendes alle sechs Monate eine Dichtheitsprüfung
Gebäude erfolgt entweder in der Brüstung, dem erfolgen. Außerdem sind Klimaanlagen nach
Doppelboden oder der abgehängten Decke. den Bestimmungen der EnEV regelmäßig zu
Da keine großen Luftkanäle benötigt werden, warten und auf ihre Energieeffizienz hin zu
eignen sich diese Geräte gut für Sanierungsauf- untersuchen.
gaben. Als vorteilhaft stellt sich insbesondere Das zur Wärmeabfuhr aus den Kältemaschinen
die individuelle Regelbarkeit durch den Nutzer benötigte Rückkühlwerk wird oftmals in Form
dar. Obwohl diese Systeme mit Filtern ausge- eines Nasskühlturms ausgeführt (Abb. B 3.37).
stattet sind, eignen sie sich nicht in innerstädti- Rückkühlung innerhalb eines Nasskühlturms
B 3.36 schen Lagen mit hochbelasteter Außenluft. In geschieht bei einer witterungsoffenen Ver-
B 3.34 Heiz- / Kühldecke der Regel ist die erzielbare Kühlleistung nicht dunstung von Wasser, was Legionellen opti-
B 3.35 Fassadenbeeinträchtigung durch Klimasplitt- ausreichend, um die gesamte Kühllast des Ge- male Lebensbedingungen bietet. Aus hygie-
geräte bäudes zu decken. Eine Kombination mit einem nischen Gründen empfiehlt es sich, bei vor-
B 3.36 Beispiel eines dezentralen Fassadenlüftungs- Flächenkühlsystem ist meist sinnvoll. handenen Nasskühltürmen zu prüfen, ob
systems, meist im Bereich der Brüstung oder
des aufgeständerten Fußbodens untergebracht
Eine Alternative zur dezentralen Klimatisierung eventuell vorhandene Luftansaugstellen einen
B 3.37 Aluminiumwaben einer offenen Verdunstungs- mit Kaltwasserzentrale stellen Systeme auf der deutlichen Abstand zu den Nasskühltürmen
kühlung in einem Nasskühlturm Basis einer adiabatischen Kühlung dar. Sie ar- aufweisen.
B 3.38 empfohlene Lüftungszeiten für freie Fenster- beiten wesentlich energieeffizienter als Raum- Im Idealfall sollte bei einer Sanierung eine geo-
lüftung in Abhängigkeit von der Jahreszeit zur
klimageräte. Bei der Sanierung muss allerdings thermische Rückkühlung in das System inte-
Sicherstellung des hygienischen Luftwechsels
unter Berücksichtigung einer Reduzierung der berücksichtigt werden, dass ein bauseitiger griert werden. Eine solche erfordert aber ent-
Lüftungswärmeverluste (innerhalb der Heiz- Wasseranschluss TWK (kein Kaltwasseran- sprechende Außenflächen, die nachträglich ak-
periode) schluss mit definierter Vorlauftemperatur) sowie tiviert werden können, was sehr aufwendig ist.
B 3.39 Funktionsprinzip der »Kölner Lüftung« über ein Fort- und Außenluftanschluss zum Gerät Der mögliche Einsatz von Grundwasser und
einen separaten Zuluft- und Abluftschacht für
den zu lüftenden Raum
gelegt werden müssen. Systeme dieses Bau- Erdsonden zur Gebäuderückkühlung sollte je-
B 3.40 kompakte Ausführung einer Adsorptionskälte- typs sind aus energetischer Sicht gut für die doch immer geprüft werden. Die VDI-Richtlinie
maschine mit geringer Leistung Sanierung geeignet. Sie können als Aufdach- 4640 gibt hierzu Planungshinweise. Besteht die

66
Technische Gebäudeausstattung

Möglichkeit, auf dem Gelände nachträglich Freie Lüftung


einen Erdkanal zur Vorkonditionierung der Zu- Eine freie Lüftung bezeichnet den nicht tech-
luft unterzubringen, sollte auch diese Option nisch unterstützten Luftwechsel in Gebäuden.
eingehend betrachtet werden. Ältere Gebäude weisen oft erhebliche Undicht-
heiten in der Gebäudehülle auf. Darunter fallen
Solare Kühlung insbesondere undichte Türen und Fenster sowie
Anstelle von Kompressionskältemaschinen ste- mangelhaft ausgeführte Hohlraumkonstruktionen
hen nachhaltigere Alternativen zur Verfügung. (z. B. ausgebaute Dächer, Rolladenkästen etc.).
So können z. B. Ab- und Adsorptionskältema- Dadurch findet ein permanenter Luftwechsel
schinen zum Einsatz kommen, die über Fern- zwischen innen und außen statt (Fugenlüftung),
wärme, Solarenergie oder ein BHKW angetrie- der zwar einerseits eine hohe hygienische Luft-
ben werden können (Abb. B 3.40). Systeme qualität im Innenraum gewährleistet, anderer-
dieser Art sind ab ca. 5,5 kW Kühlleistung er- seits aber auch kalte Raumoberflächen und
hältlich. Speziell für die Raumklimatisierung Zugerscheinungen hervorruft sowie zu immen-
bietet sich der Einsatz von solarbasierten Sys- sen unkontrollierten Lüftungswärmeverlusten
temen aufgrund der Parallelität von Kühlleis- und darüber hinaus zu massiven Bauteilschädi-
tung und externer Kühllast an. Voraussetzung gungen durch konvektiven Wassertransport bei- B 3.37
einer solaren Kühlung ist, dass ausreichende tragen kann. Im Sanierungsfall ist die Luftdicht-
Monat Stoßlüftung1 [min]
und entsprechend orientierte Flächen für die heit der thermischen Hülle unbedingt herzu-
Bestückung mit Kollektoren existieren oder Ab- stellen, um Schäden an Bauteilen zu vermeiden Dezember bis Februar 4–6
wärme genutzt werden kann. und die Lüftungswärmeverluste zu minimieren. März und November 8 –10
Eine weitere Alternative besteht in der sorp- Häufig kommt es nach Sanierungsmaßnahmen April und Oktober 12 –15
tionsgestützten Klimatisierung – Desiccant bei Wohnräumen (z. B. Fensteraustausch) zu Mai und September 16 – 20
Cooling System (DCS). Damit lässt sich im Ge- Schimmelproblemen, die sich meist auf eine zu
Juni bis August 25 – 30
gensatz zu den Ab- und Adsorptionskältema- hohe Luftfeuchtigkeit nicht regelmäßig ausge- 1
Häufigkeit: mindestens 3 – 4 ≈ täglich
schinen kein kaltes Wasser, sondern kalte Luft tauschter Raumluft zurückführen lassen. Bei
B 3.38
produzieren. Dieses System weist einen gerin- »luftdichten« Gebäuden ergibt sich für die Nut-
gen Wasserverbrauch auf und zeichnet sich zer die Verpflichtung, den hygienischen Luft-
bei der Nutzung von Solarenergie besonders austausch sicherzustellen, um eine Beeinträch-
dadurch aus, dass eine hohe zeitliche De- tigung der Hygiene und die Gefahr von Bau-
ckung zwischen externen Wärmelasten und schäden infolge unzureichender Lüftung zu
Kühlleistungsbedarf sowie der durch die solare verhindern.
Einstrahlung beeinflussten Performance be- Eine freie Lüftung über Fenster weist die größte
steht. Bei solar autarken Anlagen ohne Spei- Nutzerakzeptanz auf, ist aber schwer dosier-
cher ist allerdings zu berücksichtigen, dass es bar, was einen kontrollierten Luftaustausch
einen gewissen Prozentsatz an Stunden gibt, nicht ermöglicht. Es bedarf deshalb einer be-
an denen die Behaglichkeitskriterien mit dem sonderen Aufmerksamkeit der Nutzer, um
System nicht eingehalten werden können. Al- große Wärmeverluste und Bauteilauskühlungen
ternativ dazu ist es möglich, bei zentral einge- durch zu lange Lüftungszeiten zu vermeiden Abluftöffnung
bundenen Anlagen dauerhaft verfügbare Ab- (Abb. B 3.38).
wärmequellen zu nutzen. Verfügen Räume nicht über öffenbare Fenster,
Bei einem DCS kommen nur Stoffe ohne »Ozon so muss deren Entlüftung auf anderem Wege Zuluftöffnung
Depletion Potential« (ODP) zum Einsatz. Als sichergestellt sein. In alten Gebäuden, insbe- Abluftöffnung
Kältemittel dient Wasser. Lediglich die Ventila- sondere Geschosswohnungsbauten, können
toren und Pumpen müssen mit elektrischer En- bei innen liegenden Räumen Schachtsysteme
ergie betrieben werden und tragen so je nach existieren, die eine Lüftung über den thermi- Zuluftöffnung

Produktionsart der elektrischen Energie nur ge- schen Auftrieb der warmen Luft realisieren. Die Zuluftkanal
ringfügig zur anthropogenen CO2-Produktion Zuluft für diese Räume wird entweder durch
bei. Bei entsprechender Bereitstellung von einen separaten Schacht (»Kölner Lüftung«)
elektrischer Energie kann demnach von einem oder über die benachbarten Räume, die Ver-
relativ geringen »Global Warming Potential« bindung zur Außenluft haben (»Berliner Lüf- B 3.39
(GWP) ausgegangen werden. tung«), zugeführt (Abb. B 3.39).
Die im Bestand anzutreffenden Systeme funk-
Lüftung tionieren ohne mechanische Unterstützung
Eine Raumlüftung muss aus hygienischen eines Ventilators oft nur unzureichend und
Gründen gewährleistet sein. Nur so können sollten während einer Sanierung nachgerüstet
Gerüche, Schadstoffemissionen und Feuchte werden. Bei Schächten sind die Hygiene, der
abgeführt, die Kohlendioxidkonzentration im Brand- und Schallschutz zu prüfen. Sie sollten
Raum verringert und Bauschäden wie Durch- entweder gereinigt oder mit einem innenseitig
feuchtung von Bauteilen oder Schimmelpilz- verlegten Lüftungsrohr ausgekleidet werden,
befall mit einhergehenden gesundheitlichen um weiterhin verwendet werden zu können.
Risiken vermieden werden. Eine Schall- oder Geruchsbelästigung durch
Der hygienische Luftbedarf pro Person hängt andere Einheiten lässt sich mit Schalldämpfern
von den Umgebungsbedingungen sowie der und Rückschlagklappen ausschließen. Des
Tätigkeit ab und liegt im Wohnbereich bei ca. Weiteren sind ggf. – je nach Brandschutzbe-
20 – 40 m3 / h, was mit einer Luftwechselrate von stimmung – notwendige Abschottungen für die
0,4 – 0,6 h-1 erreichbar ist. einzelnen Geschosse einzuplanen.
B 3.40

67
Technische Gebäudeausstattung

1 8
8 7 B 3.41 schematische Darstellung einer Abluftanlage im
Wohnungsbau

+
B 3.42 schematische Darstellung einer kontrollierten
6 6 3 Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung im
Wohnungsbau:
1 Frischluftzufuhr
2 Zuluftrohrleitungsnetz
5 5 2 3 Zuluftventilator
Bad Schlafen Bad Schlafen 4 Lüftungsverbund
4 1
4 5 Abluft
6 Abluftventilator
7 Wärmetauscher
Wohnen 8 Fortluft
Küche Wohnen Küche
B 3.43 System einer geteilten Wärmerückgewinnung mit
Wärmetauschern und einem flüssigen Medium
B 3.44 Farbkodierungen von Elektroleitungen

B 3.41 B 3.42
Neben diesen Lüftungstechniken gibt es diverse die fachgerechte Herstellung einer luftdichten Zu- und Abluftkanäle erforderlich, was u. U.
funktionsfähige solare Lüftungssysteme (z. B. Gebäudehülle. Diese wird auch von der EnEV einen erheblichen Aufwand mit sich bringt.
Solar Chimney), teilweise mit solarer Luftvorwär- über den Nachweis mit einem Luftdichtheitstest Es sind auch Systeme erhältlich, die als reku-
mung. Meist werden sie durch eine gezielte me- (Blower-Door-Test) gefordert. Sollen Lüftungs- perative Wärmetauscher die Wärme durch flüs-
chanische Luftführung unterstützt. Eine Integrati- anlagen im Bestand nachgerüstet werden, ist sige Medien über längere Strecken vom Abluft-
on im Gebäudebestand ist möglich, aber indivi- zu beachten, dass die Grundrisskonfiguration strang (z. B. auf dem Dach) zum Zuluftstrang
duell auf das Gebäude abzustimmen. des Gebäudes in allen Geschossen eine effizi- (z. B. im Keller) transportieren (Abb. B 3.43).
ente Leitungsführung ermöglicht. Dabei kann Darüber hinaus kann durch den Einbau einer
Mechanische Lüftungssysteme auf nicht mehr genutzte Kamine zurückgegrif- Wärmepumpe zusätzlich Energie zurückgewon-
Reduziert sich der Transmissionswärmeverlust fen werden. Für horizontal zu verziehende Lei- nen werden.
der Gebäudehülle aufgrund einer Sanierungs- tungen müssen entsprechende Raumhöhen Zur Nachrüstung sind auch dezentrale Lüf-
maßnahme deutlich, tragen insbesondere die vorhanden sein. Bei einem Einfamilienhaus tungsgeräte mit Wärmerückgewinnung erhält-
Lüftungswärmeverluste zu einem erheblichen kann von Rundrohrquerschnitten von ca. 8 bis lich, die idealerweise paarweise eingebaut wer-
Anteil am Gesamtenergieverbrauch eines Ge- 15 cm ausgegangen werden. den. Sie werden in die Außenwand der Räume
bäudes bei. Durch die Integration einer kontrol- eingefügt und stehen direkt mit der Außenluft in
lierten Lüftungsanlage kann dem entgegenge- Abluftanlage Verbindung. In regelmäßiger Frequenz wird
wirkt werden. Bei bestehenden Lüftungsanla- Abluftanlagen sind im Bestand in der Regel von einem Gerät für einen kurzen Zeitraum
gen muss geprüft werden, ob diese dem Be- nicht vorhanden. Im Falle der Nachrüstung (15 – 45 Sekunden) Außenluft in den Raum ein-
darf entsprechend ausgelegt sind und in wel- einer zentralen Abluftanlage muss die Absau- geblasen und anschließend die gleiche Menge
chem Zustand sich die Anlage, verteilende Lüf- gung in den feuchte- und geruchsbelasteten Raumluft nach außen transportiert. Das zweite
tungskanäle und Luftauslässe befinden. Räumen erfolgen (Abb. B 3.41). Die Zuluft- Gerät arbeitet in einem dazu zeitlich versetzen
Verschmutzte Kanäle bieten einen Nährboden öffnungen lassen sich in die Außenhülle der Modus. Bei der Luftbewegung wird im Gerät
für Mikroben. Vorhandene Kanalablagerungen Wohnräume integrieren. Überströmöffnungen ein regenerativer Wärmetauscher durchströmt,
können sich ablösen und die Raumluft belasten, (Lüftungsdurchlässe in den Innentüren) ge- der die Wärme der Fortluft aufnimmt und an die
fettige Ablagerungen können sich im Brandfall währleisten den Lufttransport zu den Abluft- Zuluft wieder abgibt, sodass kein Lüftungslei-
entzünden. Eine Inspektion erfolgt z. B. an den räumen. Die Anlage sollte in den Räumen, in tungsnetz benötigt wird.
Revisionsklappen. Die Reinigung (z. B. mit Tro- denen die Abluft abgesaugt wird, über volu- Der Einsatz einer Lüftungsanlage garantiert
ckendampf, Niederdruck oder mittels Rotations- menstrombegrenzende Ventile und im Abgabe- einen dauerhaften und kontrollierten, raumluft-
bürsten) übernimmt meist ein Fachbetrieb. bereich über volumenstromgesteuerte Dach- qualitätsgesteuerten Luftwechsel, der bedarfs-
Lüftungskanäle, die von außen größtenteils op- ventilatoren verfügen. Über Abluftanlagen lässt gerecht an einzelne Räume angepasst werden
tisch inspiziert werden, sollten zusätzlich auf sich eine optimale Raumluftqualität dauerhaft kann. Bei Wärmerückgewinnungsanlagen kann
ihre Dichtheit mit Nebel überprüft werden. und ohne Aufwand für den Nutzer sicherstellen. über 90 % der Abluftwärme auf die Zuluft über-
Lecks sind abzudichten, strömungstechnisch Dadurch kann der Luftaustausch einer freien tragen werden.
ungünstige Bauteile oder Leitungsführungen Fensterlüftung substituiert und deutliche Ener-
auszutauschen. gieeinsparungen erzielt werden. Elektroinstallation
Neben strömungstechnisch günstigen Leitungs- Vorhandene elektrische Anlagen, von denen
querschnitten und Kanalverlegungen sind die Lüftungsanlagen ohne und mit Wärmerück- keine unmittelbare Gefahr ausgeht, unterliegen
eingesetzten Ventilatoren wesentlich für den En- gewinnung dem Bestandsschutz und können weiterhin be-
ergieverbrauch einer Lüftungsanlage verant- Lüftungsanlagen sind erst in Gebäuden neue- trieben werden, sofern sie den zum Zeitpunkt
wortlich. Diese müssen entsprechend dem be- ren Baujahrs zu finden. Soll ein Gebäude um der Installation geltenden Verordnungen ent-
nötigten Luftvolumen ausgelegt sein, idealerwei- ein kontrolliertes Be- und Entlüftungssystem er- sprechen. Sie lassen sich demzufolge auch
se werden volumenstromgeregelte Ventilatoren weitert werden, ist neben dem Abluft- auch ein nach den veralteten Bestimmungen reparieren
nachgerüstet. Bei der Steuerung sollte die Ein- Zuluftnetz zu verlegen. Über diese Technik bzw. instand setzen. Werden Teile eines Sys-
stellung der Anlage mit allen Führungsgrößen lässt sich der Zu- und Abluftstrom für das ge- tems ersetzt oder ergänzt, muss der betroffene
den Leistungsanforderungen entsprechen und samte Gebäude, aber auch für einzelne Räume Anlagenstrang den aktuellen anerkannten Re-
jeder Sensor regelgerecht arbeiten; ggf. können präzise regeln. Zudem bietet ein solches Sys- geln der Technik angepasst werden.
zusätzliche Steuergrößen oder die Justierung tem die Möglichkeit, die Zuluft über eine Wär- Allgemein gilt, dass nach 30 bis 40 Jahren eine
der Einstellungen die Anlage effizienter machen. merückgewinnungsanlage mit der Abwärme Erneuerung des elektrischen Leitungsnetzes
Eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen der Fortluft vorzuwärmen (Abb. B 3.42). erfolgen sollte. Bei elektrischen Installationen,
Betrieb von kontrollierten Lüftungsanlagen ist Dabei ist nicht unbedingt eine Kreuzung der die vor 1950 ausgeführt wurden, sind die Lei-

68
Technische Gebäudeausstattung

Farbkodierung von dreiadrigen Elektroleitungen


aktuell vor 1967
Außenleiter L1 braun (schwarz 1) schwarz
Neutralleiter hellblau grau
10 Schutzleiter grün-gelb rot
6 1 Frischluftzufuhr (PE bzw. PEN)
5 2 Zuluftrohrleitungsnetz
3 Zuluftventilator
4 Farbkodierung von fünfadrigen Elektroleitungen
7 4 Abluft
5 Abluftventilator aktuell vor 2003
4 6 Wärmetauscher von Abluft Außenleiter L1 braun schwarz
auf flüssiges Medium
2 2 7 Wärmetauscher-Kreislauf Außenleiter L2 schwarz braun
1 4
8 Wärmetauscher-Pumpe Außenleiter L3 grau schwarz
8 9 Wärmetauscher vom flüssigem
3 9 2 3 Neutralleiter blau blau
Medium auf Zuluft
10 Fortluft Schutzleiter grün-gelb grün-gelb
1
bis 2003
B 3.43 B 3.44
tungsquerschnitte für heutige Leistungsaufnah- wird nach DIN 18 015 abhängig von der Wohn- zesten Weg« erfolgen. Speziell in Gebäuden, in
men meist zu gering dimensioniert. Installatio- einheit ein Mindestumfang an Stromkreisen vo- denen während der Kriegs- bzw. Nachkriegs-
nen vor 1940 beinhalten oft kurzfristig erneue- rausgesetzt. Die Stromkreisverteilung erfolgt in zeit Ergänzungen im elektrischen Netz vorge-
rungsbedürftige Verteilungen und Absicherun- Wohnungen über Installationskleinverteiler. Für nommen wurden, können auch diagonal ver-
gen, wobei Installationen vor 1930 unbrauch- Gemeinschafts- und Kellerräume sowie für Ge- legte Leitungen vorgefunden werden. Diese
bare Verteilungen und Absicherungen aufwei- räte mit einem Verbrauch von mehr als 2 kW lassen sich mithilfe eines Kabelsuchgeräts
sen können. Von einem ausreichend dimensio- (z. B. Herd) ist ein eigener Stromkreis vorge- lokalisieren und stillgelegen. Im Bad sind be-
nierten Elektrohausanschluss kann erst ab den schrieben. Alle Stromkreise müssen entspre- sondere Schutzzonen zu berücksichtigen, in
1950er-Jahren ausgegangen werden. Für ältere chend ihrer Leistung mit ausreichendem Lei- denen Installationen nur unter bestimmten Auf-
Installationen ist zu prüfen, ob ein neuer An- tungsquerschnitt und automatischer Sicherung lagen oder gar nicht vorhanden sein dürfen.
schluss sinnvoll ist. Typische baujahrspezifische ausgeführt sein, wobei der Mindestquerschnitt
Gebäudeausstattungsstandards können Abb. von fest verlegten Kupferleitungen 1,5 mm2 und Leitungen
B 3.45 entnommen werden. der von fest installierten Aluminiumleitungen Im Bestand finden sich neben Kabeln mit Kup-
2,5 mm2 (Ostdeutschland) beträgt. Eine Über- ferleitern, wie sie heute üblich sind, auch Lei-
Hausanschlüsse sicht über die Belastbarkeit und Absicherung tungen mit Aluminiumlitzen. Bei Letzterem be-
Der elektrische Hausanschluss eines Gebäudes der in Gebäuden verwendeten Mehraderlei- steht die Gefahr, dass sich im Laufe der Zeit
erfolgt allgemein in Form einer Kabelzuleitung, tungen kann DIN VDE 0100 entnommen wer- hohe Übergangswiderstände gebildet haben.
die direkt in den mit den Hausanschlusssiche- den. Allgemein bestehen Schutzanforderungen In einigen Fällen in Ostdeutschland sind auch
rungen bestückten Hausanschlusskasten führt. gegen direktes und indirektes Berühren. Ein kupferummantelte Aluminiumlitzen anzutreffen.
Dieser stellt den Übergang vom öffentlichen zum wirksamer Schutz bei direktem Berühren ist Bei Mischinstallationen von Aluminium und
privaten Leitungsnetz dar. Gas- und Wasserlei- durch die Nachrüstung eines Fehlerstrom- Kupfer kann Kontaktkorrosion auftreten. Des-
tungen sollen zum Elektroanschluss einen Min- schutzschalters (FI-Schutzschalter bzw. RCD) halb sollten Aluminiumleitungen im Rahmen
destabstand von 1 m aufweisen. Eine Unter- mit einem ΔI von 30 mA zu erreichen. Strom- einer Sanierung aus Sicherheitsgründen aus-
schreitung des Mindestabstands sollte korrigiert kreisläufe in Badezimmern und Außenanlagen getauscht werden. Die Farbgebung der im Be-
bzw. Leitungsschutzmaßnahmen ergriffen wer- sind immer mit einem FI-Schutzschalter auszu- stand vorgefundenen Leitungsadern kann sich
den. Ist ein Freileitungsanschluss (Überdachan- statten (siehe Potenzialsausgleich, S. 70). je nach Installationsjahr von der heutigen Farb-
schluss) vorhanden, wird die Verlegung eines Bei einer Neuinstallation des elektrischen vorgabe unterscheiden (Abb. B 3.44).
Leerrohrs mit einem Mindestinnendurchmesser Netzes nach DIN 18 015 muss in jedem Wohn- Eine Beurteilung, ob im Bestand vorhandene
von 36 mm zwischen Dachraum und Keller emp- gebäude eine Mindestanzahl an Steckdosen Kabel den Anforderungen gerecht werden, kann
fohlen, um einen künftigen unterirdischen An- und Anschlüssen für Einzelverbraucher bis DIN VDE 0100-520 bzw. für nasse und feuchte
schluss an das öffentliche Stromversorgungsnetz 2 kW realisiert werden. Darüber hinausgehend Bereiche DIN VDE 0100-737 entnommen wer-
vorzubereiten. Die Hauptleitung vom Haus- kann die Ausstattung auch nach RAL-RG 678 den. Sofern Bestandsinstallationen textilumman-
anschlusskasten zu den Stromzählern weist in definiert sein (Abb. B 3.46). Bei der nachträg- telte Leitungen oder brüchige Kunststoffisolie-
der Regel alle fünf Leiter (drei Phasen-, je einen lichen Leitungsverlegung in Holzfachwerkge- rungen aufweisen, sollten diese Leitungen aus
Neutral- und Schutzleiter) des Drehstromsystems bäuden sollten Fachwerkständer nicht ge- Sicherheitsgründen zeitnah gegen regelge-
auf, sollte entsprechend abgesichert und in zu- schlitzt werden. Eine Leitungsverlegung im rechte ersetzt werden. Auch eventuelle Kabel-
gänglichen Räumen, wenn möglich im Treppen- Putz kann bei ausreichender Putzstärke erfol- verbindungen in Form einer mit Klebeband um-
haus, verlegt sein. Im Zuge einer Sanierungs- gen. Alternativ sind Kernbohrungen im Stän- mantelten Verschraubung sollten durch normge-
maßnahme empfiehlt sich die Verlegung eines derwerk möglich, wobei darauf zu achten ist, rechte Klemmen ausgetauscht werden.
zusätzlichen Leerrohrs, damit bei steigenden An- dass die Bohrungen in etwa maximal ein Im Wohnungsbau können in trockenen Räumen
schlusswerten problemlos nachgerüstet werden Sechstel des Holzquerschnitts betragen. Die (einschließlich Bad) unter Putz verlegte Steglei-
kann. Der Stromkreisverteiler einer Wohnung Verlegung im Gefach sollte in einer Leerrohr- tungen des Typs NYIF/NYIFY, auf oder im Putz
sollte idealerweise im Flurbereich untergebracht hülse ausgeführt werden. verlegte NYM-Leitungen oder eine Rohrinstallati-
sein. In ostdeutschen Bestandsgebäuden vor on zum Einsatz kommen. Bei Installationsrohren
1990 finden sich Verteiler in Bad, Küche oder in Installationszonen oder -kanälen können einzelne Kunststoffader-
Installationsschächten, wobei im Bad befindliche Leitungen, die nicht sichtbar im Bereich der leitungen des Typs H07 V-U (früher NYA) lose
Verteiler umgelegt werden sollten. Wände verlaufen sollen, dürfen nur innerhalb eingezogen werden. Stegleitungen müssen voll-
der nach DIN 18 015 festgelegten Installations- flächig unter Putz verlegt sein, einbetonierte
Verteilung / Absicherung zonen verlegt werden. Im Bereich von Decken Stegleitungen sind regelwidrig. Für Bauteile, die
Bei einer Neuinstallation des elektrischen Netzes und Fußböden kann dies auch auf dem »kür- vorwiegend aus brennbarem Material bestehen,

69
Technische Gebäudeausstattung

dienen Mantelleitungen des Typs NYM, Steglei- Bei Anzeichen von Korrosion sollten die Über-

1890 –1920

1920 –1930

1930 –1940

1950 –1960

1960 –1970

1970 –1980
tungen sind unzulässig (Abb. B 3.47). Nach der gangswiderstände der Klemmverbindungen
technische Gebäude-
ausstattung in VDI-Richtlinie 3817 eignen sich Stegleitungen kontrolliert werden. Im Bad ist laut DIN VDE
Wohnhäusern des Typs NYIF und NYIFY nicht für denkmalge- 0100 seit 2002 kein örtlicher Potenzialausgleich
schützte Gebäude. In Feuchträumen sind Feucht- der Badewanne mehr erforderlich, wird aber
Gasdurchlauferhitzer  • • raumkabel, -dosen sowie -schalter zu verwen- dennoch empfohlen. Er sollte nachträglich nur
Elektrodurchlauferhitzer  • den, wobei Badezimmer und Küchen von Wohn- dann realisiert werden, wenn gleichzeitig auch
Elektroinstallation
gebäuden nicht zu den Feuchträumen zählen. ein FI-Schutzschalter (RCD) installiert wird, da
geringe Leitungs- bei einem elektrischen Defekt in Verbindung mit
querschnitte • • • •
Installationen einem funktionstüchtigen Potenzialausgleich hö-
Leitungen auf Putz • • Leitungsverbindungen sollen in Abzweigdosen here Körperströme fließen können als ohne Er-
Leitungen unter Putz  • • • • vorgenommen werden, die Integration von dungsanschluss.
Auf-Putz-Dosen / -Schalter • • Schaltern, Steckdosen und festen Anschlüssen
sollte über Geräteabzweigdosen erfolgen. Be- Blitzschutz
Unter-Putz-Dosen / -Schalter • • • • reits bestehende Schalter können in der Regel Eine funktionsfähige Blitzschutzanlage unterliegt
Drehsicherungen zentral • • • •  weitergenutzt werden. dem Bestandsschutz. Existieren keine behörd-
Sicherungsautomaten • • Werden zweiadrige Leitungen durch dreiadrige lichen Verordnungen, ist die Installation einer
Wohnungsunterverteilungen  • ersetzt, sind Steckdosen ohne Schutzkontakt Blitzschutzanlage der Entscheidung des Eigen-
• == auch
hauptsächlich anzutreffen
anzutreffen
gegen Schutzkontaktsteckdosen auszutauschen. tümers überlassen. Blitzschutzanlagen können
 Bei vorhandenen Schutzkontaktsteckdosen müs- allerdings durch die Landesbauordnung sowie
B 3.45 sen Schutzleiter und alle Leitungsadern korrekt vom Feuerversicherer gefordert werden. Sie
angeschlossen sein. Installationen in einem sollten insbesondere bei hohen und feuerge-
Raum, der seine isolierende Eigenschaft verloren fährdeten Gebäuden sowie bei Gebäuden mit
hat, z. B. durch den nachträglichen Einbau einer weichen Deckungen nachgerüstet bzw. auf Voll-
Zentralheizung (Erdung), müssen regelgerecht ständig- und Funktionstüchtigkeit überprüft wer-
nach aktuell geltender DIN VDE 0100 :1992-10 den. Im Falle einer Umnutzung oder eines Um-
ausgeführt sein und bei fehlendem Schutzkon- baus kann eine Blitzschutzanlage notwendig
takt entsprechend nachgerüstet werden. werden, und es ist zu entscheiden, in welcher
Schutzklasse sie ausgeführt werden soll.
Erdung Allgemein muss zwischen dem inneren und äu-
Speziell in der ehemaligen DDR war bis 1990 im ßeren Blitzschutz unterschieden werden. Letz-
Raum Bereich der Küche und des Bads keine »strom- terer besteht im Wesentlichen aus Fangeinrich-
lose Nullung« vorgeschrieben. Eine regelge- tungen, Ableitungen und Erdung. Abhängig
≤ 12 m2 6 2
Schlaf- / rechte Schutzerdung in Küchen und Bädern war vom Schadensrisiko kann eine Einstufung des
12 – 20 m2 8 2
Wohnraum in den alten Bundesländern ab ca. 1960 üblich Blitzschutzes nach Schutzklassen erfolgen, die
> 20 m2 11 3
Küche 10 3 und ab 1973 für Leitungen vorgeschrieben. Ver- eine unterschiedlich große Ausbildung von
Kochnische 7 2 teilungen wurden zuvor in der sogenannten klas- Blitzschutzbereichen bedingen.
Bad 4 3 sischen Nullung ausgeführt. Dabei ist der Nulllei-
ter über den Schutzkontakt mit dem Neutralleiter Blitzschutzbereiche
WC 2 1
verbunden und übernimmt so die Funktionen Zur Bestimmung der Schutzbereiche können
Hausarbeitsraum 8 2
Schutz- und Neutralleiter. Dies bedeutet, dass unterschiedliche Verfahren zur Anwendung
Länge ≤ 3 m 2 2 alle Leitungen nur zweiadrig verlegt sind, was kommen. Das gängigste Verfahren ist das Ma-
Flur / Diele
>3m 3 2
aber bei einem Versagen des Nullleiters erheb- schenverfahren nach EN V 61024, bei dem
Länge ≤ 3 m 1 1 liche Gefahren birgt. Leitungen in anderen Be- Fangleitungen maschenartig auf dem Dach
Freisitz
>3m 2 2
reichen konnten auch nach 1984 noch als Zwei- eines Gebäudes angebracht werden. Die Ma-
Abstellraum 2 1 aderleitungen mit klassischer Nullung verlegt schenweiten hängen von der angestrebten
Hobbyraum 6 2 werden. Im Bestand mit klassischer Nullung ver- Blitzschutzklasse ab (Abb. B 3.48). Bauteile die
zur Wohnung gehörender legte Leitungen müssen im Bereich des Küchen- mehr als 30 cm aus dem Maschennetz heraus-
2 1
Keller-, Bodenraum und Badezimmerfußbodens aus Sicherheitsgrün- ragen, so auch Schornsteine, müssen mit einer
B 3.46 den stillgelegt und z. B. durch im Sockelbereich eigenen Fangeinrichtung versehen sein. Fang-
geführte, dreiadrige Leitungen mit stromloser leitungen sollten möglichst dicht an den Ge-
Verlegeart Kabel- bzw. Leitungsart
NYA1 NYIF NYM NYY
Nullung ersetzt werden. bäudeaußenkanten liegen und im Endbereich
mindestens 30 cm senkrecht nach oben gebo-
unter Putz – • • • Potenzialausgleich gen sein, wobei zwischen Gebäudeöffnungen
im Putz – •– • • Für den Schutz vor Potenzialunterschieden, die und Ableitungen ein Abstand von mindestens
auf Putz – • •
in brennbaren Hohlräumen – •– •– • zwischen unterschiedlich leitenden Anlagen ent- 50 cm eingehalten werden sollte.
im Beton – 2
• stehen können, sorgt im Bereich des Hausan-
in Inst.-Rohren unter Putz • – • • schlusses ein Potenzialausgleich. Die Schutz- Blitzableitung
in Inst.-Rohren in Putz • – • • leiter der elektrischen Anlage, die Erdung von Als Ableiter dienen verzinkter Stahldraht, Kup-
in Inst.-Rohren auf Putz • – • • Antennen und Fernmeldeanlagen sowie alle me- fer oder Aluminium (Abb. B 3.49). Der maxima-
in Inst.-Rohren im Beton • – • • tallischen Installationen (z. B. Gas- und Wasser- le Abstand der Ableitungen untereinander
in Inst.-Kanälen auf Putz • 3
– • • rohre) müssen nach DIN EN 62 305 über einen hängt von der Blitzschutzklasse ab und liegt
in Inst.-Kanälen unter Flur – – • • Potenzialausgleichsleiter an die Potenzialaus- zwischen 10 und 25 m. Bauliche Anlagen wie
– = nein
1
•= ja
neue Bezeichnung H07V-U bzw. H07V-K
gleichsschiene mit entsprechender Erdung an- Stahlstützen oder Feuerleitern können im Zuge
2
wenn der Beton gerüttelt oder gestampft wird; geschlossen werden (siehe unten). Dabei ist zu einer Sanierungsmaßnahme als Ableiter ge-
in Aussparungen oder unter Putz erlaubt prüfen, ob alle Anschlüsse des Potenzialaus- nutzt werden, sofern sie dauerhaft elektrisch
3
nur bei Kanälen, die mit Werkzeug zu öffnen sind gleichs vorhanden und voll funktionsfähig sind. leitend ausgeführt sind.
B 3.47

70
Technische Gebäudeausstattung

Näherungen < 50 cm zwischen der Blitzschutz- Sanierung meist nur, wenn eine größere Stück- Blitzschutz- Wirksamkeit Maschen- Blitz-
anlage und metallischen Installationen wie zahl identischer Systeme benötigt wird. klasse des Blitz- weite kugel-
schutzes radius
Wasserleitungen sollten oberhalb des Poten-
zialausgleichs vermieden bzw. rückgebaut Vorwandinstallationen SK I 98 % 5≈5m 20 m
werden. Falls dies nicht möglich ist, ist eine Für die Sanierung eignen sich insbesondere SK II 95 % 10 ≈ 10 m 30 m
Verbindung zwischen den Anlagen und der Systeme mit Montagerahmen, an denen sich SK III 90 % 15 ≈ 15 m 45 m
Blitzschutzableitung herzustellen. alle Installationselemente befestigen lassen. SK IV 80 % 20 ≈ 20 m 60 m
Nach erfolgter Montage und Leitungsanschluss B 3.48
Erdung werden diese mit Gipswerkstoffplatten verklei-
Neubauten verfügen in der Regel über einen det oder komplett ausgemauert. Für eine Vor-
Fundamenterder. Sofern ein solcher Erder im wandinstallation wird eine Bautiefe von etwa
Bestand vorhanden ist, kann ein Anschluss an 15 cm benötigt.
die aus dem Fundament austretenden An- verzinkter Stahl Aluminium Kupfer
schlussfahnen erfolgen, vorausgesetzt diese Installationsregister
rund Ø 8 mm Ø 10 mm Ø 8 mm
weisen den entsprechenden Maximalwider- Installationsregister bestehen aus Rohrsyste-
flach 20 ≈ 2,5 mm 20 ≈ 4 mm 20 ≈ 2,5 mm
stand auf und sind nicht durch Korrosion in men, die selbsttragend und selbstaussteifend
Mitleidenschaft gezogen. konzipiert werden. Das Bauteil umfasst je nach B 3.49
Im Falle einer Sanierung müssen meist Ring- Anforderung Zu- und Abwasserinstallation, Hei-
oder Einzelerder nachgerüstet werden. Bei zungsleitungen, Lüftungsstränge und ggf. auch
einem frei stehenden Gebäude kann ein Ring- vorbereitete Elektroinstallationen. Es wird als
erder in Form einer bleiummantelten Stahllei- Komplettbauteil vor Ort in das Bauwerk einge-
tung verwendet werden, der als geschlossener baut und an das Installationssystem im Gebäu-
Ring im Abstand von 1 m zum Außenfunda- de angeschlossen. Über vorhandene An- B 3.45 technische Gebäudeausstattung nach Baujahr
ment verlegt wird. Ist die nachträgliche Verle- schlusslaschen kann eine bauseitige Verklei- (Wohnungsbau)
gung eines Ringerders nicht realisierbar, kann dung am Installationsregister erfolgen. B 3.46 »Ausstattungsniveau 2« für Steckdosen und
Leuchtenauslässe nach RAL-RG 678 (von 1– 3;
auch auf Einzelerder in Form von Tiefen- oder
DIN 18 015 entspricht dem niedrigsten Ausstat-
Oberflächenerdern zurückgegriffen werden. Installationsblöcke tungsniveau 1)
Sofern im Zuge einer Sanierungsmaßnahme die B 3.47 unterschiedliche Verlegearten von Leitungen
Innerer Blitzschutz gesamte Sanitärinstallation ausgetauscht wer- und Kabeln (Auswahl)
Der innere Blitzschutz besteht aus dem Potenzi- den soll, können raumhohe Installationsblöcke B 3.48 Blitzschutzklassen gemäß EN V 61 024-1
B 3.49 Materialien für die Fang- und Ableitung von
alausgleich sowie dem Überspannungsschutz. zum Einsatz kommen. Sie bestehen aus selbst- Blitzen
Der Potenzialausgleich geschieht über eine tragenden Rahmenkonstruktionen, die das ge- B 3.50 Montageteile eines elementierten Bads
kombinierte Potenzialausgleichsschiene, die der samte Installationssystem der Ver- und Entsor- B 3.51 Sanitärzelle in Mischbauweise
elektrischen Niederspannungsanlage und dem gung beinhalten und Vorrichtungen zum Anbrin-
Blitzschutz dient. Bei Anzeichen von Korrosion gen von Sanitärobjekten aufweisen. Sie werden
sollten Widerstandsmessungen durchgeführt vor einer bestehenden Wand oder als Raum-
werden. Der Potenzialausgleich muss in Form trennwand montiert und anschließend verkleidet.
eines Zusammenschlusses der Anschlussfahne
des Erders, dem Hauptschutzleiter der elektri- Elementierte Bäder
schen Anlage, der Erdung von Antennen und Die Einzelbauteile eines elementierten Bads
Fernmeldeanlagen und allen metallischen Instal- bestehen meist aus Leichtbeton, glasfaserver-
lationen wie z. B. Gas- und Wasserrohren, Bade- stärktem Kunststoff oder einer Sandwichkon-
wannen oder Stahltreppen an die Potenzialaus- struktion. Da die Bauteile vor Ort zusammen-
gleichsschiene erfolgen. Im Bestand sollte ge- gesetzt werden, sollte bei der Sanierung unbe-
prüft werden, ob ein durchlaufender Verbund dingt darauf geachtet werden, welche maxima-
aller Installationen vorhanden ist. Um diesen len Dimensionen der Transportweg im Gebäude
nachträglich zu erstellen, ist es möglich, durch- zulässt (Abb. B 3.50).
gehend elektrisch leitfähige Rohrleitungen
(außer Gasleitungen) als Verbindungsleitungen Sanitärzellen
zu nutzen. Der Potenzialausgleich sollte nicht Sollen ganze Bäder vorgefertigt werden, kom-
oberhalb der Geländeoberfläche liegen und wird men dafür Kompakt- und Anbausysteme in Be- B 3.50
in der Regel im Hausanschlussraum installiert. tracht. Bei Kompaktbädern wird die komplette
Mit einem zusätzlichen Überspannungsschutz Badzelle im Werk vorfabriziert und anschlie-
lassen sich empfindliche elektronische Geräte ßend im Gebäudeinnern eingebaut, wobei die-
gegen indirekten oder direkten Blitzeinschlag ser Typus im Falle einer Sanierungsmaßnahme
absichern. Ein solcher zusätzlicher Schutz nur selten Verwendung findet (Abb. B 3.51).
kann nachträglich zentral in die Gebäudeinstal- Werkseitig komplett vorgefertigte Anbau- bzw.
lation integriert oder dezentral zum Schutz von Turmsysteme, die von außen an die Fassade
Einzelverbrauchern realisiert werden. des Gebäudes angebracht werden, eignen
sich für die Sanierung, stellen jedoch einen er-
Vorfertigung von Ver- und Entsorgungssystemen heblichen Eingriff in das Fassadenbild dar.
Standardisierte, vorgefertigte Installationsteile
und -register sowie Bauelemente zeichnen sich Anmerkungen:
durch kürzere Einbauzeiten im Objekt aus, was
[1] Energieeinsparverordnung (EnEV): Verordnung über
insbesondere bei der Sanierung bewohnter energiesparenden Wärmeschutz und energiespa-
Gebäude vorteilhaft ist. Individuell vorgefertigte rende Anlagentechnik bei Gebäuden. 2007, § 14
Komplettsysteme rentieren sich im Falle der [2] ebd.
B 3.51

71
Denkmalpflege

Rainer Fisch

B 4.1
Unter Denkmalpflege versteht man alle Maß- sie als kurfürstliche Residenz aus (Abb. B 4.2).
nahmen zur Erforschung, zum Schutz und zur Erst die Renaissance entdeckt antike Gebäude
Pflege von Natur-, Boden-, Kunst-, Bau- und und deren Bauglieder als Überlieferungen
beweglichen Denkmälern. Der folgende Text einer vergangenen, verehrenswerten Epoche.
beschäftigt sich jedoch nur mit Baudenkmälern Doch es entstand kein breites allgemeines Inte-
und Denkmalensembles. Um die heutige Defi- resse. Vielmehr betrieben vor allem die Päpste
nition des Denkmalbegriffs sowie die Grund- und eine kleine Gruppe Intellektueller archäo-
sätze und Arbeitsmethoden der Denkmalpflege logische Forschungen, die sich jedoch aus-
besser verstehen zu können, ist es notwendig, schließlich auf die Antike beschränkten, und
ihre geschichtliche Entwicklung nachzuvollzie- setzten sich nachhaltig für die Pflege der anti-
hen. Die Denkmalpflege hat grundsätzlich die ken Denkmäler ein.
Aufgabe, die kulturelle Identität aufzuzeigen
und zu bewahren. Was darunter zu verstehen Erste Erlasse zum Schutz von Denkmälern
ist, hat einen über Jahrhunderte währenden (17. bis 18. Jh.)
Diskussionsprozess entfacht, der keineswegs Eine auf breite Bevölkerungsschichten über-
als abgeschlossen zu betrachten ist. greifende staunende Bewunderung für die
Zeugnisse vergangener Zeitalter entwickelte
Geschichtliche Entwicklung seit Beginn der Neuzeit sich erst mit der Aufklärung. Ausschlaggebend
Die Wurzeln der heutigen europäischen Vor- hierfür war sicherlich ein wachsendes Interesse
stellungen von Denkmalpflege reichen bis in an Geschichte und die gleichzeitige Erkennt-
die Renaissance zurück. Dies bedeutet nicht, nis, dass nicht nur schriftliche Überlieferungen,
dass man zuvor jegliche Baukultur früherer sondern auch Münzen, Grabdenkmäler, Ge-
Epochen rücksichtslos missachtet hat. Jedoch denksteine und Gebäude als historische Quel-
entstand die Motivation zum Erhalt überkomme- len dienen können. Gottfried Herder (1744 –
ner Gebäude vor dieser Zeit nicht aus einem 1803) stellte 1796 nicht mehr lediglich poli-
Geschichtsbewusstsein heraus: Die Kontinuität tische Ereignisse und kriegerische Auseinan-
eines Orts oder die Verehrung eines Stifters, dersetzungen ins Zentrum der Geschichtsfor-
wie etwa bei Sakralgebäuden, führte zu einer schung. Er plädiert für eine ganzheitliche Be-
Wertschätzung, die bestimmte Bauwerke vor trachtung mit dem Ziel, das Denken und Han-
dem Abbruch bewahrte. Ebenso spielten prag- deln früherer Epochen zu begreifen.
matische Gründe wie die gute Bausubstanz Etwa gleichzeitig zu Herders »Briefen zur Be-
oder die wertvolle künstlerische Ausgestaltung förderung der Humanität« wurden die ersten
eine entscheidende Rolle. Aus diesem Ver- Verordnungen zum Schutz von Denkmälern
ständnis heraus erklärt sich auch die beden- erlassen, so 1779 die »Verordnung, die im
kenlose Überformung und Anpassung alter Lande befindlichen Monumente und Altertümer
Bauwerke an neue Gegebenheiten und Nut- betreffend« von Friedrich II., Landgraf zu Hes-
zungsansprüche. Nicht die Bewahrung eines sen-Kassel, und 1780 das »Landesväterliche
Zeitdokuments stand zu dieser Zeit im Vorder- Ausschreiben« des Markgrafen Alexander von
grund, sondern die Erhaltung des Erinnerungs- Bayreuth. In beiden Texten geht es jedoch
werts bzw. die Wiederverwendung von mit lediglich um die Sicherung von Inschriften,
großem materiellem und menschlichem Ein- Wappen und Grenzsteinen, nicht um die Er-
satz errichteten Bauwerken. In Trier etwa wur- haltung von Gebäuden an sich.
den nach dem Sieg über die Römer Ende des Als Vorreiter eines modernen Denkmalbegriffs
B 4.1 Römischer Saal, Neues Museum, Berlin (D) 2009,
David Chipperfield Architects 5. Jahrhunderts viele Gebäude umgenutzt: Die kann Johann Wolfgang von Goethe (1749 –
B 4.2 Konstantinbasilika, Trier, nach einer Zeichnung Porta Nigra diente vom 11. Jahrhundert bis 1832) bezeichnet werden. Seine euphorische
von Alexander Wiltheim, um 1616 1795 als Stiftskirche, in den römischen Getrei- Schrift »Von deutscher Baukunst« erschien
B 4.3 Westbau der Marienburg, Zeichnung von Fried- despeicherhallen siedelte sich ein Kloster an, 1773. Darin huldigt er Erwin von Steinbach und
rich Frick nach Friedrich Gilly, 1799
B 4.4 Feier der Grundsteinlegung zum Weiterbau des
und die Palastaula, heute Konstantinbasilika verehrt sein Werk, das Straßburger Münster,
Kölner Doms am 4. September 1842, Lithografie genannt, fand als Fluchtburg Wiederverwen- als das herrlichste Denkmal. Goethe beschreibt
nach Georg Rudolf Daniel Osterwald dung, später bauten die Erzbischöfe von Trier das Gebäude als Zeugnis eines Geistes und

72
Denkmalpflege

eines authentischen Handelns und nicht wie Die Berliner Bevölkerung war begeistert und er- dum zur Denkmalpflege vor. Darin beklagte er
bisher lediglich als Geschichtsquelle für eine kannte in der in Vergessenheit geratenen Or- die ungeregelten Zuständigkeiten und forderte
Epoche. Damit rückt er die individuelle Arbeit densburg ein genuin deutsches Bauwerk. 1804 eigene Behörden, »denen das Wohl dieser
eines Künstlers in den Mittelpunkt. Für den Um- gab der preußische König Friedrich Wilhelm III. Gegenstände anvertraut wird« [2]. Die Mit-
gang mit historischen Bauwerken bleibt jedoch dem öffentlichen Druck nach und unterband den glieder dieser Schutzbehörden sollten laut
sein Aufsatz zunächst ohne Bedeutung. Viel- geplanten Abriss. Nach den napoleonischen Schinkel aus den Gemeinden stammen und
mehr handelt es sich um einen frühen kleinen Kriegen begann der systematische Wiederauf- unterschiedlichen Ständen angehören. Ihre
Schritt, der in Richtung unseres heutigen Denk- bau des ersten deutschen Nationaldenkmals erste Pflicht sei es, »Verzeichnisse alles des-
malbegriffs weist. mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung. sen anzufertigen, was sich in ihrem Bezirke
Zu dem wichtigsten nationalen Monument wird vorfindet, und diese Verzeichnisse mit einem
Das Nationaldenkmal jedoch bald der halbfertige, größte gotische Gutachten über den Zustand der Gegenstände
(Ende des 18. bis Mitte des 19. Jh.) Dom am »deutschen Rhein«. Seine Vollendung und über die Art, wie man sie erhalten könne,
In der Romantik rückte nach den Wirren der sollte Ausdruck der neu gewonnen Einheit und zu begleiten« [3]. Schinkel rief dazu auf, die
Französischen Revolution und dem damit ein- Freiheit nach den Kapitulationsverhandlungen Denkmäler, soweit dies möglich sei, an ihrem
hergehenden Werteverfall der Zeitgeist des Napoleons werden. Nachdem 1815 das Rhein- Ort zu belassen und nicht in Museen der
Mittelalters als Ausdruck einer natürlichen Ein- land Preußen zugeschlagen worden war, ent- Hauptstadt aufzubewahren, da sie durch die
heit von Kunst und Frömmigkeit in den Vorder- deckte das protestantische preußische Königs- örtliche Veränderung einen Großteil ihrer Be-
grund. Man war der Meinung, Tugend, Moral haus in dem Projekt seiner Fertigstellung die deutung verlieren würden.
und Glaube ließen sich wiedergewinnen, wenn Möglichkeit, im katholischen Rheinland an Po- Wenn auch die Vorschläge Schinkels zu sei-
man nur dem vorbildlichen Mittelalter und sei- pularität zu gewinnen. Der Kölner Dom wird nen Lebzeiten nicht mehr umgesetzt wurden,
nem Baustil, der Gotik, nacheifere. Da auch die zum deutschen Nationaldenkmal schlechthin. so blieben sie doch nicht wirkungslos. Noch
Werke des Mittelalters als reproduzierbar an- In seiner Rede zur Grundsteinlegung 1842 im gleichen Jahr befahl König Friedrich Wil-
gesehen wurden, erscheint die Vollendung be- stellt König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen helm III., dass bei Veränderungen an öffent-
rühmter mittelalterlicher Bauwerke als konse- fest: »Deutschland baut sie, – so mögen sie lichen Gebäuden oder Denkmälern die Ober-
quent. Man begann mit dem Weiterbau nicht für Deutschland, durch Gottes Gnade, Thore baudeputation einzuschalten sei. De facto be-
fertiggestellter Kirchen wie dem Kölner Dom einer neuen, großen guten Zeit werden!« [1] deutet dies, dass Schinkel über alle Baumaß-
oder dem Ulmer Münster, mit der Wiederher- (Abb. B 4.4). nahmen informiert wurde. Mit großem persön-
stellungen des teilweise zerstörten Speyerer lichen Einsatz widmete er sich dem Erhalt
Doms sowie dem Ausbau bekannter Festungs- Die Etablierung der Denkmalpflege (19. Jh.) und der Pflege der Denkmäler im preußischen
anlagen wie der Wartburg bei Eisenach. Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), ein Schü- Reichsgebiet und setzte sich auch für die Bau-
Diese rege Bautätigkeit an historischen Gebäu- ler Friedrich Gillys, studierte intensiv die mittel- ten des von ihm nicht geschätzten Barocks
den ist auch mit einem erwachenden National- alterliche Baukunst und lieferte Entwürfe für die sowie der Renaissance ein.
bewusstsein zu erklären. Überkommene Bau- Wiederherstellung der Marienburg. Er wird Zwei Jahre nach Schinkels Tod wird dessen
werke, besonders aus der Gotik, werden als 1810 Beamter der »Oberbaudeputation«, einer Schüler Ferdinand von Quast (1807–1877)
typisch deutsch angesehen und dienen der 1770 als »Oberbaudepartment« gegründeten 1843 durch »allerhöchste Kabinettsorder« ers-
Abgrenzung gegenüber anderen europäischen und 1804 in eine lediglich beratende Instanz ter »Konservator für Kunstdenkmäler« in Preu-
Staaten. Das Nationaldenkmal entsteht: Es ist umgewandelten Behörde. In seiner Funktion als ßen. Im Königreich Bayern gibt es schon seit
Dokument und sprechendes Zeugnis einer ei- Zuständiger für ästhetische Angelegenheiten 1835 einen »Generalinspektor der plastischen
genen, nationalen Identität und als solches er- an öffentlichen Gebäuden bereiste er das Kö- Denkmäler des Mittelalters«. Damit folgte Kö-
haltungswürdig. Die Gotik wird zum deutschen nigreich Preußen. In den napoleonischen Krie- nig Ludwig I. von Bayern einem Vorbild Frank-
Nationalstil. Paradoxerweise galt den Franzo- gen wurden unzählige Kirchengebäude ge- reichs, wo bereits 1830 eine »Inspection Géné-
sen die Gotik als selbstverständlich franzö- sprengt, abgebrochen oder verwüstet. Gravie- rale des Monuments historiques« eingerichtet
sisch, den Engländern als besonders englisch. render jedoch waren die Folgen des Reichsde- wurde. Der erste Generalinspektor Bayerns
1794 begutachtete Oberbaurat David Gilly putationshauptschlusses von 1803. Die Aufhe- Sulpiz Boisserée (1782 –1854) musste aller-
(1748 –1808) die Marienburg in Westpreußen, bung fast aller geistlichen Fürstentümer, Stifte dings sein Amt aus gesundheitlichen Gründen
ehemals Konventssitz des Deutschen Ordens. und Klöster und die Einziehung des Kirchen- nach nur einem Jahr aufgeben und sein Nach-
Bei dieser Gelegenheit fertigte sein Sohn Fried- guts führten zu einer beispiellosen Zerstörungs- folger Friedrich von Gärtner (1792 –1847) ver-
rich (1772 –1800), der ihn begleitete, idealisier- welle. Schinkel zeigte sich entsetzt über den stand sich eher als entwerfender Architekt
te Zeichnungen an, die er 1795 in der Berliner Zustand der historischen Bauwerke. 1815 legte denn als Konservator. Ab 1847 blieb die Stelle
Akademie der Künste ausstellte (Abb. B 4.3). er König Friedrich Wilhelm III. ein Memoran- gänzlich unbesetzt.

B 4.2 B 4.3 B 4.4

73
Denkmalpflege

B 4.5 Seit 1987 wird alljährlich in Berlin in Erinnerung


an den ersten Preußischen Konservator die
Ferdinand-von-Quast-Medaille verliehen.
B 4.6 aktuelle Ausgabe des Handbuchs der deutschen
Kunstdenkmäler
B 4.7 Heidelberger Schloss, Ottheinrichsbau, 1689
zerstört
B 4.8 Rekonstruktionsvorschlag für den Ottheinrichsbau
von Carl Schäfer, 1900
B 4.9 Schutzbau der Goldenen Pforte des Doms in
der Formensprache des Jugendstils, Freiberg in
Sachsen (D) 1903, Schilling & Graebner, Zeich-
nung von Bruno Schmitz, Wettbewerbsbeitrag
zum Ausbau des Doms zu Freiberg in Sachsen
B 4.5
Ferdinand von Quast kann also zu Recht als wort zum ersten Band formuliert Dehio als Ziele: XVIe siècle«. Er und viele Architekten seiner
erster hauptberuflicher Konservator auf deut- die gleichmäßige Berücksichtigung des gan- Zeit erreichten so in der Planung und Ausfüh-
schem Boden bezeichnet werden, der sein zen deutschen Kunstgebiets und eine kurze, rung eine Perfektion, die eine Unterscheidung
Amt wirklich ausübte (Abb. B 4.5). Er trägt den konkrete Beschreibung der Denkmäler. Zudem zwischen historischen und neuen Bauteilen
Titel eines Baurats und ist dem Kultusminister soll diese Zusammenstellung sowohl als Nach- nicht mehr ohne Weiteres möglich machte.
direkt unterstellt. Seine Aufgaben sind die In- schlagewerk für die Arbeit am Schreibtisch Dies führte Ende des 19. Jahrhunderts zu hef-
ventarisation, das Erstellen von Gutachten bei sowie als Reisehandbuch dienen und durch tigen Auseinandersetzungen über den rich-
Restaurierungen von Baudenkmälern sowie die einen niedrigen Preis jedermann zugänglich tigen Umgang mit einem Baudenkmal – eine
Kontaktpflege zu den Geschichts- und Alter- sein. Debatte, die 50 Jahre zuvor bereits in England
tumsvereinen. Baumaßnahmen an Kunstdenk- Tatsächlich traf es auf einen breiten interessier- geführt wurde. Der Streit entzündete sich am
mälern müssen, soweit sie nicht zum unantast- ten Leserkreis. Seit Beginn des 19. Jahrhun- Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses:
baren Privateigentum gehören, vom Kultusmi- derts bildeten sich im deutschsprachigen Raum 1689 und 1693 zerstört und nach notdürftiger
nisterium vor Beginn genehmigt werden. Wenn Gruppierungen, die sich mit großem ehrenamt- Reparatur 1764 ausgebrannt, galt das Heidel-
ein Denkmal durch eine Baumaßnahme be- lichen Engagement der Erforschung und Pflege berger Schloss als Symbol für die schmachvolle
droht wird, hat der »Konservator für Kunstdenk- des Heimat- und Kulturguts widmeten. Diesen Niederlage gegen Frankreich (Abb. B 4.7 und
mäler« das Recht einen Baustopp zu verhän- vom gehobenen Bürgertum getragenen Bewe- 8). Bald nach dem siegreichen Krieg 1870 / 71
gen. Dem Beispiel Preußens folgte, wenn auch gungen ist es sicherlich mit zu verdanken, dass entstanden Pläne zum Wiederaufbau. Der Ar-
nicht mit den gleichen Befugnissen und der es in der Folgezeit zu einer allgemeinen öffent- chitekt Carl Schäfer (1844 –1908) widmete sich
gleichen personellen Ausstattung, 1853 das lichen Wertschätzung von Denkmälern kam. zunächst dem Friedrichsbau, den er bis 1903
Großherzogtum Baden und 1858 das König- Geschichts- und Altertumsvereine entstanden, restaurierte, was bedeutet, dass er ca. ein Drit-
reich Württemberg. die sich 1852 mit den »Historischen Kommis- tel aller Fassadenteile austauschte und die feh-
Bereits unter Karl Friedrich Schinkel begann sionen« sowie den landesgeschichtlichen Insti- lenden Obergeschosse nach eigener Interpre-
man mit der Erfassung aller Bau- und Kunst- tuten und Arbeitskreisen zum »Gesamtverein tation neu aufbaute.
denkmäler, wobei die Listen unsystematisch der Deutschen Geschichts- und Altertumsver- 1901 wendete sich Georg Dehio, der eine
und uneinheitlich erstellt wurden. Auch Fer- eine« zusammenschlossen, um damit die Ein- Professur in Straßburg innehatte, mit seinem
dinand von Quast vernachlässigte ein solche heit der deutschen Geschichte in der Vielfalt Aufsatz »Was wird aus dem Heidelberger
Auflistung, wobei für die Erhaltung und Pflege zu betonen und die landes- und regionalge- Schloß werden?« gegen dieses Vorgehen. Er
des überkommenen Kulturguts ein Inventar je- schichtliche Forschung anzuregen. forderte konsequent die Erhaltung der beste-
doch unabdingbar ist. Aus diesem Grund er- henden Ruine und lehnte die Wiederaufbauplä-
hielt Ferdinand von Quast erneut den Auftrag, Änderungen des Denkmalverständnisses ne Schäfers einem französischen Ausdruck fol-
eine Fragebogenaktion durchzuführen; das (Ende des 19. bis Anfang des 20. Jh.) gend als »vandalisme restaurateur« ab. »Ver-
Vorhaben scheiterte jedoch letztlich am fehlen- Allmählich lernte man auch die nachmittelalter- lieren würden wir das Echte und gewinnen die
den Rücklauf. lichen Baustile zu schätzen. Nach wie vor war Imitation; verlieren das historisch Gewordene
Dennoch erschien 1870 der erste Band eines jedoch die Stilreinheit ein Restaurierungsziel. und gewinnen das zeitlos Willkürliche« [4].
Denkmalinventars: Im Vorfeld wurde bereits Spätere Zutaten wurden durch stilgerechte er- Nach seiner Auffassung hat die Denkmalpflege
1867 in Berlin ein Verzeichnis mit den Denkmä- setzt, nicht fertiggestellte Bauwerke komplet- das 19. Jahrhundert mit seinen Rekonstrukti-
lern des Regierungsbezirks Kassel vorgelegt. tiert. Unter Restaurieren verstand die Denkmal- onen überwunden und ist »nun zu dem Grund-
Das Kultusministerium erteilte daraufhin dem pflege – meist waren Architekten hier tätig – satz gelangt, den sie nie mehr verlassen kann:
»Verein für Hessische Geschichte und Landes- das Gebäude vor allem im Stil der jeweiligen erhalten und nur erhalten! ergänzen erst dann,
kunde« den Auftrag, für diese Region ein In- Epoche seiner Erstehung zu ergänzen. Der wenn die Erhaltung materiell unmöglich gewor-
ventar zu erstellen. französische Architekt und Kunsttheoretiker den ist; Untergegangenes wiederherstellen nur
Erst 1905 –1912 wird das erste und bis heute Eugéne Emmanuel Viollet-le-Duc (1814 –1879) unter ganz bestimmten, beschränkten Bedin-
einzige flächendeckende Denkmalverzeichnis übernahm eine Vorbildfunktion auf diesem Ge- gungen« [5].
unter dem Titel »Handbuch der Deutschen biet. Er betrieb eine ausführliche Bauforschung Dass sich der Kunsthistoriker Dehio als Anwalt
Kunstdenkmäler« publiziert. Nach seinem ers- und nutzte auch historische Quellen und Lite- einer substanzschonenden, der Authentizität
ten Verfasser, dem Kunsthistoriker Georg ratur, um mittelalterliche Konstruktionen, Tech- verpflichteten Arbeitsweise letztendlich durch-
Dehio (1850 –1932), landläufig nur »der Dehio« niken und Schmuckformen nachzuvollziehen. setzt, ist wohl auch dem Umstand zu verdan-
genannt, wird es bis heute fortgeschrieben Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er ken, dass die Akzeptanz des Historismus im-
(Abb. B 4.6). Es erfasst nicht alle Denkmäler, in seinem zehnbändigen Werk »Dictionnaire mer mehr abnahm. Ein reger Austausch über
sondern trifft eine wertende Auswahl. Im Vor- raisonné de l’architecture française du XIe au Ziele und Aufgaben der Denkmalpflege be-

74
Denkmalpflege

B 4.6
gann. 1899 erschien erstmals die Zeitschrift gängige Praxis, mittelalterliche Dome ihrer um- Meinung Adolf Hitlers waren ohnehin nur die
»Die Denkmalpflege«, die bis heute als Organ gebenden Bebauung zu berauben und sie da- Dome, Pfalzen und Rathäuser des Mittelalters
der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger mit freizustellen, nicht der ursprünglichen Kon- verehrenswert. Ohne Zögern wurden später in
besteht. Ein Jahr später fand der erste »Tag zeption entspricht. Berlin ganze gründerzeitliche Stadtteile für den
der Denkmalpflege« statt. Die Heimatschutzbewegung, die infolge der Ausbau »Germania« abgerissen. Die in den
Als Protagonist der neuen Definition des Denk- Industrialisierung mit ihren durchgreifenden 1920er-Jahren begonnenen Freilegungsaktio-
malbegriffs ist neben Dehio auch der Österrei- sozialen Veränderungen Ende des 19. Jahr- nen an Fachwerkhäusern wurden weiter for-
cher Alois Riegl (1858 –1905), ab 1897 Pro- hunderts entstand, dehnte den Denkmalbegriff ciert. Außerdem kam es zu einem Rückbau der
fessor für Kunstgeschichte an der Universität noch weiter aus. Die sehr populäre Strömung als »Verschandelungen« bezeichneten Zutaten
Wien, zu nennen. Zwar haben Dehio und Riegl berief sich auf traditionelle Werte, wendete sich des 19. Jahrhunderts an Baudenkmälern.
unterschiedliche Auffassungen darüber, was gegen die Verstädterung und Technisierung Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ver-
den Denkmalwert eines Gebäudes ausmacht, und begeisterte sich für die Natur sowie für die nichteten nicht nur unzählige Einzeldenkmäler,
in der baupraktischen Konsequenz jedoch folgt Volkskunst. Überkommene Sitten und Gebräu- auch ganze historische Altstädte wie z. B. Köln,
aus beiden Ansätzen ein neuer Umgang mit che, aber auch Landschaften, Tier- und Pflan- Lübeck, Dresden und Trier gingen für immer
der historischen Bausubstanz. Nicht mehr im zenwelt, geologische Eigentümlichkeiten so- verloren. Die Rückbesinnung auf die eigene
Sinne einer nachahmenden Epoche, sondern wie einfache Denkmäler der Heimatgeschichte, Geschichte war nach dem Missbrauch durch
bewusst vom ursprünglichen Bestand abge- Bauern- und Bürgerhäuser erscheinen ihr die Nationalsozialisten nicht mehr opportun.
setzt, entsteht so z. B. der Schutzbau der Gol- schützenswert. Man wollte nach vorne schauen. So wurde die
denen Pforte des Doms von Freiberg in Sach- Wiederaufbauphase genutzt, um die Städte
sen in der Formensprache des Jugendstils Die staatliche Denkmalpflege (20. Jh.) zukunftsgerecht zu modernisieren. Viele be-
(Abb. B 4.9). Die wachsende Bedeutung der Denkmalpflege schädigte Baudenkmäler wurden, besonders
Gleichzeitig führt die Einsicht, dass Bauwerk schlug sich in der Weimarer Reichsverfassung wenn sie nicht als außergewöhnlich wertvoll
und Umgebung einen Zusammenhang bilden, von 1919 nieder. In Artikel 150 wird die Denk- galten, beseitigt. Das wachsende Bedürfnis
zu einer Ausweitung des Denkmalbegriffs. malpflege als Staatsziel festgeschrieben. Die nach Wohnkomfort führte zu einer Abwande-
1889 veröffentlichte Camillo Sitte (1843 –1903), Trennung von Staat und Kirche führte allerdings rung aus den historischen Zentren an den
ein Wiener Kollege Riegls, ein Buch mit dem zu einer nicht eindeutigen Konstellation bezüg- Stadtrand. Der Forderung nach der »autoge-
Titel »Der Städtebau nach seinen künstleri- lich der kirchlichen Denkmäler. rechten Stadt« fielen ganze Straßenzüge zum
schen Grundsätzen«, das sowohl für den Städ- Die Machtergreifung durch die Nationalsozia- Opfer. Gleichzeitig distanzierte sich die Denk-
tebau des 20. Jahrhunderts als auch für die listen wirkte sich zunächst auf den Umgang mit malpflege nicht von ihrer Einstellung und den
Denkmalpflege wegweisend wird. Fortan er- Denkmälern eher gering aus, abgesehen von mitverantworteten Maßnahmen im Dritten Reich.
scheinen nicht mehr lediglich Einzeldenkmäler, Einzelfällen wie dem Umbau des Braunschwei- Der Historismus bieb weiterhin verhasst. Daher
sondern auch städtebauliche Situationen er- ger Doms und der Stiftskirche in Quedlinburg spricht man heute von einer zweiten Zerstö-
haltenswert. Man erkennt, dass die bis dahin als nationalsozialistische Weihestätten. Nach rungswelle, in der angeblich mehr historische

B 4.7 B 4.8 B 4.9

75
Denkmalpflege

B 4.10 Stadtansicht Dresden


a nach der Bombadierung am 13. / 14. Februar
1945, Blick vom Rathausturm
b heutige Situation aus ähnlicher Perspektive
B 4.11 Band aus der Reihe der Denkmaltopografien
B 4.12 Hufeisensiedlung, Berlin (D) 1933, Bruno Taut
und Martin Wagner; ein unter Denkmalschutz
stehendes Ensemble
B 4.13 Völklinger Hütte im Saarland, Beispiel für ein
schwierig zu erhaltendes und zu nutzendes
Baudenkmal
a b B 4.10
Bausubstanz verloren ging als durch die Bom- Universitätskirche in Leipzig 1968 gab in der Die Entstaatlichung der Denkmalpflege (21. Jh.)
benangriffe des Zweiten Weltkriegs (Abb. DDR Anlass zur Kritik. Schließlich erkannte man Trotz des breiten öffentlichen Bewusstseins für
B 4.10 a und b). auch hier, wie wichtig das historische gebaute die Notwendigkeit der Denkmalerhaltung gibt
1964 verabschiedeten internationale Fachleute Erbe für die Bevölkerung ist. Das »Gesetz zur es von politischer Seite Tendenzen, die staat-
ein Thesenpapier, das unter der Bezeichnung Erhaltung der Denkmale in der DDR – Denkmal- liche Denkmalpflege in ihren Zuständigkeiten
»Charta von Venedig« entscheidenden Einfluss schutzgesetz« trat 1975 in Kraft. zu beschneiden oder vollkommen abzuschaf-
auf die Definition des Denkmalbegriffs und den Ebenfalls 1975 wird vom Europarat das »Eu- fen. Dabei geht es auch um die alte Frage:
baupraktischen Umgang mit einem Denkmal ropäische Jahr des Architekturerbes«, in Was macht den Denkmalwert eines Gebäudes
nimmt. Dieser wegweisende Leitfaden wurde Deutschland »Europäisches Denkmalschutz- aus? Vorläufiger Höhepunkt der Diskussion um
jedoch von der Öffentlichkeit zunächst nicht jahr« genannt, ausgerufen. Die »Vereinigung die Entstaatlichung der Denkmalpflege ist eine
wahrgenommen. Erst um 1970 führte die allge- der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepu- im Jahr 2000 im Auftrag von Antje Vollmer,
meine Kritik an den negativen Auswirkungen blik Deutschland« beschließt, in einer Schnell- Bündnis 90 / Die Grünen, erstellte polemische
des modernen Städtebaus, seiner Folgen für erfassung innerhalb von zehn Jahren eine ein- Streitschrift des Publizisten Dieter Hoffmann-
die Natur und die bebaute Umwelt zu einer heitliche Inventarisierung aller Denkmäler zu er- Axthelm. In seinen Ausführungen kommt er
Protestbewegung, von der auch die Denkmal- stellen. Daraufhin erscheinen die sogenannten zu dem Schluss: »Was keine Herzen bewegt –
pflege profitierte. Ausgehend von der Studen- Denkmaltopografien. Das ursprüngliche Ziel wozu sollte es gerettet werden?« [7] Offen-
tenschaft bildeten sich Bürgerinitiativen, die einer kompletten Erfassung ist jedoch bis heute sichtlich wird hier das Denkmal nicht mehr als
sich gegen die Beseitigung von Baudenkmä- nicht erreicht. Auch unterscheiden sich die bis- Zeitzeugnis verstanden. Nach Antje Vollmer
lern erhoben. Die überfällige Anerkennung des her erschienenen Bände hinsichtlich des Lay- müssen »historische und kulturelle Identitäten
Historismus und die städtebauliche Denkmal- outs und des Inhalts. Kongruent sind sie nur in (....) dem Wesen nach veränderbar und korri-
pflege setzen sich allgemein durch. Zwischen der reichhaltigen Verwendung von Fotografien. gierbar sein« [8]. Dies ist eine vollkommen
1971 und 1980 erhielten alle westlichen Bun- Selbst der ursprünglich beschlossene gleich- neue Definition des Denkmalbegriffs, durch
desländer Denkmalschutzgesetze. artig schwarze Einband wurde nicht von allen die es zugegebenermaßen keiner staatlichen
Die Sprengung der völlig intakten spätgotischen Bundesländern umgesetzt (Abb. B 4.11). Einrichtung, aber in letzter Konsequenz auch
Die Wiedervereinigung stellt die Denkmalpfle- keiner wissenschaftlichen Erforschung mehr
ge in Deutschland vor große Herausforderun- bedarf. Industrieanlagen, Bauten des National-
gen. Der in den neuen Bundesländern über sozialismus, der DDR sowie der klassischen
Jahrzehnte fehlende Bauunterhalt hat einerseits Moderne erachtet Dieter Hoffmann-Axthelm
die Denkmäler vor negativen Modernisierungen pointiert betrachtet als nicht erhaltenswert,
bewahrt, andererseits sind viele in ihrer Exis- weil nicht schön. Er fordert die Abschaffung
tenz akut gefährdet. Besonders ländliche und der staatlichen und kommunalen Denkmalpfle-
kirchliche Bauwerke sind bedroht. Von 1991 ge zugunsten eines bürgerschaftlichen Enga-
bis 1995 erhielten die neuen Bundesländer gements. Seine Publikation war Anlass einer
Denkmalschutzgesetze. Mit Sofortmaßnahmen breit angelegten Denkmalschutzdebatte, die
und großem finanziellen Einsatz wird versucht, über Wochen die Feuilletons der deutschen
das historische Erbe zu retten. Die 1985 ge- Zeitungen füllte. Die Bundestagsfraktion von
gründete »Deutsche Stiftung Denkmalschutz« Bündnis 90 / Die Grünen veranstaltete im
richtete im folgenden Jahrzehnt ihr Engage- März 2000 eine Anhörung im Deutschen Bun-
ment besonders auf die Gebiete der ehema- destag. Durch politische Einflussnahme von
ligen DDR. Die aus privaten Spenden finanzier- Interessensverbänden und Persönlichkeiten
te Stiftung hat sich neben der Erhaltung von des öffentlichen Lebens gelang es jeoch, die
gefährdeter Denkmalsubstanz die Vermittlung Idee zur Entstaatlichung der Denkmalpflege
der Ziele der Denkmalpflege zur Aufgabe ge- abzuwenden. Allerdings wurde und wird wie
macht. So organisiert sie auch den jährlich in in allen öffentlichen Einrichtungen die perso-
Deutschland am zweiten Sonntag im Septem- nelle und finanzielle Ausstattung der Denkmal-
ber stattfindenden und auf eine Initiative des schutz- und Denkmalfachbehörden sukzessive
Europarates zurückgehenden »Tag des offe- reduziert.
nen Denkmals«, der mit ca. 4,5 Mio. Besuchern Gleichzeitig weitet sich in der internationalen
die breite Akzeptanz und das Interesse der Be- Diskussion der Denkmalbegriff immer stärker
völkerung widerspiegelt [6]. aus. Nicht mehr die historische Substanz allein,
B 4.11

76
Denkmalpflege

B 4.12
sondern auch immaterielle Kulturgüter sind des Denkmalbegriffs noch als international gül- insgesamt als bauliche Anlage, häufig im Zu-
nach Auffassung von überstaatlichen Interes- tig angesehen. Im Oktober 2003 verabschiede- sammenschluss mit ihrer natürlichen Umge-
sensverbänden schützenswert. Sicherlich te die UNESCO- Generalkonferenz die »Con- bung, bestimmte geschichtliche, städtebau-
denkt man hier zunächst an mündliche Tradi- vention for the Safeguarding of the Intangible liche oder technische Entwicklungen belegen.
tionen wie Mythen und Erzählungen, darstel- Cultural Heritage«, die sich mit der Bewahrung Es kann sich dabei um eine gewachsene oder
lende Künste wie Theater und Tanz sowie so- des immateriellen Kulturerbes beschäftigt. In aber um eine geplante und in einem Zuge
ziale Praktiken wie Bräuche und Feste. Aber der Bundesrepublik Deutschland ist die Defini- errichtete Einheit handeln. Entscheidend ist
eine so verstandene Denkmaldefinition hat tion eines Baudenkmals in den Denkmalschutz- dabei nicht, dass jedes Gebäude innerhalb
auch weitergedacht Konsequenzen für die gesetzen der einzelnen Bundesländer festge- des umgrenzten Bereichs Denkmaleigen-
Baudenkmalpflege. Sie führt nämlich neben schrieben. schaften besitzt. In einigen Denkmalschutz-
dem überkommenen Bestand weitere zu be- gesetzen werden Ensembles auch als Ge-
achtende Faktoren ein, z. B. den Erinnerungs- Merkmale eines Denkmals samtanlagen oder Denkmalbereiche bezeich-
wert der Bevölkerung. Diese Entwicklung ist »Ein Baudenkmal ist eine bauliche Anlage oder net (Abb. B 4.12).
nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen ein Teil einer baulichen Anlage, deren oder
Debatte über Rekonstruktionen interessant. dessen Erhaltung wegen der geschichtlichen, Denkmalschutz
Voraussetzung für eine solche Argumentations- künstlerischen, wissenschaftlichen oder städte- In der Fachliteratur werden die beiden Begriffe
kette wäre jedoch, dass tatsächlich ein Erinne- baulichen Bedeutung im Interesse der Allge- Denkmalpflege und Denkmalschutz häufig sy-
rungswert besteht. Dies ist sicherlich immer un- meinheit liegt. Zu einem Baudenkmal gehören nonym verwendet. Der Denkmalschutz ist je-
mittelbar nach der Zerstörung eines geschätz- sein Zubehör und seine Ausstattung, soweit sie doch nur ein Teilaspekt der Denkmalpflege.
ten Baudenkmals durch Naturkatastrophen mit dem Baudenkmal eine Einheit von Denk- Er sorgt für die korrekte Einhaltung der hoheit-
oder kriegerische Auseinandersetzungen der malwert bilden.« [10] lichen Maßnahmen des Staats zur Bewahrung
Fall. Dass ein Gebäude auch über einen lan- Wenn auch die einzelnen Denkmalschutzge- des kulturhistorischen Erbes. Dies wird durch
gen Zeitraum lediglich immateriell in den Vor- setze der Bundesländer unterschiedliche For- Gesetze, Verfahren und Behördenstrukturen
stellungen der Menschen weiter existieren kann, mulierungen verwenden, die Beurteilungskrite- gewährleistet.
beweist z. B. das starke gesellschaftliche Ver- rien für ein Baudenkmal sind im Grunde in allen
langen, welches zum Wiederaufbau der Frau- Gesetzen gleich. Neben den vier im »Gesetz
enkirche in Dresden führte. Auch wenn dies zum Schutz von Denkmalen in Berlin« genann-
immer wieder von den Schlossbefürwortern ten Merkmalen – geschichtliche, künstlerische,
angeführt wird, besteht bei den Bürgern ein wissenschaftliche und städtebauliche Gründe –
solches Gedenken an das ehemalige Berliner kommen in einigen Denkmalschutzgesetzen
Stadtschloss nicht. zusätzlich technische Gründe oder die volks-
kundliche Bedeutung hinzu.
Heutiges Begriffsverständnis Die Unterschutzstellung von Bauwerken hat
Der Denkmalbegriff ist nicht statisch. Er verän- ausschließlich nach diesen Auswahlkriterien
dert sich und wird immer wieder neu hinter- zu erfolgen. Denkmalwürdig sind laut Definition
fragt. Was unter einem Denkmal zu verstehen Gebäude, die Zeugnis über die Vergangenheit
ist, darüber haben die einzelnen Nationen dif- ablegen und von öffentlichem Interesse sind.
ferierende Auffassungen. Dies liegt zum einen Unser heutiges ästhetisches Empfinden ist
an den unterschiedlichen geschichtlichen und ebenso irrelevant wie die Frage nach den Er-
kulturellen Entwicklungen, zum anderen sicher- haltungs- und Nutzungsmöglichkeiten. Mit die-
lich auch an den verschiedenen politischen sen Problemen muss sich die Denkmalpflege
Systemen. In Japan z. B. werden neben Bau- auseinandersetzen. Der Denkmalschutz be-
denkmälern, die für das Land von hohem hi- urteilt lediglich, ob ein Gebäude die oben auf-
storischem oder künstlerischem Wert sind, zu- geführten Merkmale erfüllt oder nicht (Abb.
gleich immaterielle Kulturgüter wie handwerk- B 4.13).
liche Techniken von staatlicher Seite geschützt.
Dies bedeutet auch, dass Personen, die Trä- Ensembles
ger dieser besonderen Fähigkeiten sind, eine Unter Ensembles versteht man beispielsweise
finanzielle staatliche Förderung erhalten [9]. Stadtviertel, Straßenzüge, Ortsbilder, Gehöfte,
Allzu oft wird unser europäisches Verständnis aber auch industrielle Produktionsstätten, die
B 4.13

77
Denkmalpflege

Rechtsnormen und Verfahren Verwaltungsakte. Brandenburg, Berlin, Baden-


Das Baugesetzbuch (BauGB) regelt in Deutsch- Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-
land das Bauplanungsrecht. In Paragraf 1 »Auf- Vorpommern, Niedersachsen, das Saarland,
gabe, Begriff und Grundsätze der Bauleitpla- Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wen-
nung« wird als Ziel die »nachhaltige städtebau- den dieses Verfahren an.
liche Entwicklung (...) und eine dem Wohl der
Allgemeinheit dienende sozialgerechte Boden- Behörden
nutzung« gefordert. Um eine »menschenwür- Entsprechend der allgemeinen inneren Verwal-
dige Umwelt zu sichern und die natürlichen tung der Bundesländer ist in den meisten Flä-
Lebensgrundlagen zu schützen und zu ent- chenstaaten auch die Struktur der Denkmal-
wickeln«, sind insbesondere »die Belange der schutzbehörden dreistufig aufgebaut. Aufga-
Baukultur, des Denkmalschutzes und der Denk- ben der Unteren Denkmalschutzbehörden wer-
malpflege, die erhaltenswerten Ortsteile, Stra- den von den Kommunalverwaltungen wahrge-
ßen und Plätze von geschichtlicher, künstleri- nommen. Obere (Höhere) Denkmalbehörden
scher oder städtebaulicher Bedeutung und die sind die Regierungspräsidien bzw. Landräte,
Gestaltung des Orts- und Landschaftsbildes« in Rheinland-Pfalz die Aufsichts- und Dienstleis-
B 4.14 zu berücksichtigen [11]. Bei der Aufstellung tungsdirektionen, in Sachsen-Anhalt und Thü-
von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen ringen das Landesverwaltungsamt. Oberste
müssen daher die Denkmalfachbehörden be- Denkmalschutzbehörde ist jeweils das zustän-
teiligt werden. Sie können einen Genehmigungs- dige Ministerium. Schleswig-Holstein durch-
vorbehalt geltend machen. bricht dieses System, da die Landräte und Bür-
Aufgrund der Kulturhoheit der Länder gibt es germeister der kreisfreien Städte als Untere
in Deutschland in jedem Bundesland ein eige- Denkmalschutzbehörde, das Landesamt für
nes Denkmalschutzgesetz. Da anders als z. B. Denkmalpflege als Obere Denkmalschutzbe-
bei den Landesbauordnungen, die sich auf hörde fungiert. Berlin, Brandenburg, Hessen,
eine Musterbauordnung berufen, nie ein ein- Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen
heitliches Modell existiert hat, weichen nicht verzichten auf die mittlere Behördenebene. Die
B 4.15 nur die Gesetze, sondern vor allem die zuge- Stadtstaaten Bremen und Hamburg sowie das
hörigen Verordnungen über das Verfahren der Saarland haben aufgrund ihrer Größe eine an-
Unterschutzstellung sowie die Befugnisse der dere Behördenstruktur. In Hamburg ist das
beteiligten Behörden und Organisationen er- Denkmalschutzamt der Kulturbehörde, im Saar-
heblich voneinander ab. Grundsätzlich unter- land das Landesdenkmalamt im Ministerium für
scheidet man bei der Unterschutzstellung von Umwelt für die Belange des Denkmalschutzes
Gebäuden das sogenannte konstitutive und zuständig. Das »Gesetz zur Pflege und zum
das nachrichtliche System. Schutz der Kulturdenkmäler« der Freien Han-
Beim konstitutiven System muss ein Bauwerk, sestadt Bremen bestimmt als Denkmalschutz-
welches laut Definition des Gesetzes die Krite- behörde für den Bereich der Stadtgemeinde
rien für ein Denkmal erfüllt, durch einen Verwal- Bremen das Landesamt für Denkmalpflege und
tungsakt in die Denkmallisten (Denkmalbücher) für Bremerhaven den Magistrat. Der Senator für
aufgenommen werden. Nur wenn dies rechts- Kultur stellt die Obere Denkmalschutzbehörde
kräftig vollzogen und bekannt gegeben wurde, dar.
genießt das Denkmal die entsprechende Pro- Die Obersten Denkmalschutzbehörden tragen
tektion gemäß des jeweiligen Denkmalschutz- die Verantwortung für die Durchführung der
gesetzes. Zuvor ist der Eigentümer anzuhören. Denkmalschutzgesetze durch die ihnen nach-
Ausgenommen von dieser Regelung sind En- geordneten Behörden. Sie führen die Fachauf-
sembles. Die Denkmalschutzgesetze der Bun- sicht über die mittleren bzw., wenn diese nicht
desländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland- vorhanden sind, über die unteren Behörden-
Pfalz, Schleswig-Holstein sowie der Stadtstaa- ebenen. Sie fertigen Entwürfe für Gesetzesvor-
ten Bremen und Hamburg fordern dieses Ver- lagen sowie Verordnungen und sind für den Er-
fahren. Da es sehr zeitintensiv und aufwendig lass von Ausführungsbestimmungen zuständig.
ist und jeder formelle Fehler die Rechtsgültig- Die Oberen Denkmalschutzbehörden üben die
keit der Unterschutzstellung aufhebt, besteht Fachaufsicht über die Unteren Denkmalschutz-
die Gefahr einer Umgehung der Ziele des behörden aus und sind damit die zuständige
Denkmalschutzes durch die Denkmalbesitzer. Widerspruchsbehörde gegen deren Bescheide.
Bis auf Hamburg sehen daher alle oben aufge- Soweit die einzelnen Landesdenkmalschutzge-
führten Bundesländer eine vorläufige Unter- setze nichts anderes vorsehen, führen grund-
schutzstellung vor. sätzlich zunächst die Unteren Denkmalschutz-
Das Prinzip des nachrichtlichen Denkmalver- behörden alle hoheitlichen Maßnahmen durch.
zeichnisses geht davon aus, dass ein Gebäu- Sie sind der Ansprechpartner vor Ort und die
de, welches die entsprechenden Merkmale be- genehmigende Behörde für bauliche Verände-
sitzt, per se ohne einen weiteren hoheitlichen rungen an Denkmälern.
Akt unter die Bestimmungen des Denkmal- Neben den Denkmalschutzbehörden gibt es
schutzgesetzes fällt. Die Rechte und Pflichten die Landesämter für Denkmalpflege – in Berlin
B 4.14 Kennzeichnung eines Denkmals gemäß der für die Eigentümer bestehen auch dann, wenn Landesdenkmalamt, in Hamburg Denkmal-
Haager Konvention
B 4.15 Logo der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
sie von der Denkmaleigenschaft ihres Gebäu- schutzamt genannt – als staatliche Fachbehör-
B 4.16 Machu Picchu (PE), 1911 entdeckte Inkastadt, des nicht informiert wurden. Benachrichtigungs- den für alle Fragen des Denkmalschutzes und
heute Weltkulturerbe schreiben ergehen bei diesem System nicht als der Denkmalpflege [12]. Die Aufgaben der

78
Denkmalpflege

Denkmalfachbehörden sind in der Regel in den • die Vergabe von Denkmalpflegezuschüssen und gibt die halbjährlich erscheinende Zeit-
Denkmalschutzgesetzen der einzelnen Bun- • die Veröffentlichung und Verbreitung von schrift »Die Denkmalpflege« heraus. Außerdem
desländer aufgelistet. Das »Gesetz zum Schutz denkmalfachlichen Erkenntnissen ist sie Mitherausgeber des »Handbuchs der
von Denkmalen in Berlin« beinhaltet die umfas- • die Vertretung öffentlicher Belange des Deutschen Kunstdenkmäler«. Die »Vereinigung
sendste Aufzählung [13]. Danach ist die Denk- Denkmalschutzes und der Denkmalpflege der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepu-
malfachbehörde neben der Mitwirkung beim blik Deutschland« berät den zuständigen Aus-
Vollzug und der Wahrnehmung von Ordnungs- Zusätzlich führen einige Bundesländer die Be- schuss der Kultusministerkonferenz, fertigt Stel-
aufgaben nach dem Denkmalschutzgesetz zu- ratung der Denkmalschutzbehörden, die Durch- lungnahmen zu grundsätzlichen Fragen der
ständig für: führung von Restaurierungen evtl. in zu diesem Denkmalpflege an und sorgt für eine bundes-
Zweck errichteten Werkstätten sowie die Aus- weite fachliche Abstimmung. Seit 1990 gehö-
• die systematische Erfassung von Denkmälern stellung von denkmalschutzrechtlichen Steuer- ren alle Konservatoren in den neuen Bundes-
(Inventarisierung) und das Erstellen einer bescheinigungen als Obliegenheiten der Denk- ländern offiziell zur VLD.
Denkmaltopografie sowie deren Veröffent- malfachbehörden auf. Die Landesämter für
lichung Denkmalpflege teilen ihr Bundesland häufig International Council on Monuments and Sites
• die nachrichtliche Aufnahme von Denkmälern entsprechend der Landkreise und kreisfreien (ICOMOS)
in ein Verzeichnis (Denkmalliste) und dessen Städte in sogenannte Gebiete ein, die einem Die nachgeordnete Organisation der UNESCO
Führung Gebietskonservator unterstehen. Der oberste wurde1965 in Warschau gegründet. Sie ist eine
• wissenschaftliche Untersuchungen der Beamte einer solchen Behörde ist der Landes- internationale, nicht staatliche Interessensver-
Denkmäler und Unterhaltung denkmalfach- konservator. einigung, die sich weltweit für die Erforschung
licher Sammlungen als Beitrag zur Landes- und Bewahrung des historischen Kulturerbes
geschichte Ehrenamtliche Denkmalpfleger einsetzt und das Welterbekomitee berät. Durch
• die Beratung und Unterstützung der Eigen- Zur Unterstützung und Beratung der beschrie- Kolloquien und Tagungen fördert ICOMOS den
tümer und Besitzer von Denkmälern bei Pfle- benen Behörden ist in den 16 Denkmalschutz- überstaatlichen Erfahrungsaustausch. National-
ge, Unterhaltung und Wiederherstellung gesetzen die Mitwirkung ehrenamtlicher Denk- komitees bestehen in über 120 Ländern. Das
• das Hinwirken auf die Berücksichtigung von malpfleger vorgesehen. Mit Ausnahme von »Deutsche Nationalkomitee von ICOMOS« hat
Denkmälern bei der städtebaulichen Entwick- Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen sich 1965 als nicht eingetragener Verein kon-
lung berücksichtigen alle Gesetze die Einrichtung stituiert. Zu seinen Aufgaben zählen das Eruie-
• das Herausgeben von Rundschreiben zur eines Denkmalrats, dessen Mitglieder für einen ren, Überwachen und Informieren über Welt-
Pflege von Denkmälern bestimmten Zeitraum offiziell berufen werden. erbestätten in Deutschland.
• die fachliche Beratung und Erstattung von Darüber hinaus sehen die meisten Gesetze die
Gutachten in allen Angelegenheiten der Mitarbeit von ehrenamtlichen Beauftragten für Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz
Denkmalpflege die Bau- und Kunstdenkmalpflege vor. Rechts- (DNK)
fähige Organisationen und Personen, die sich 1973 als interdisziplinäres Forum gegründet,
mit den Aufgaben des Denkmalschutzes und verfolgt das »Deutsche Nationalkomitee für
der Denkmalpflege befassen, z. B. Heimat- und Denkmalschutz« das Ziel, den Denkmalschutz
Kulturpflegevereine, sollen gemäß einiger Denk- in allen Bereichen des Lebens durch Informa-
malschutzgesetze entsprechend Beachtung tionspolitik, Einflussnahme auf die Gesetzge-
finden. Ehrenamtliche Denkmalpfleger sind bung, Stärkung des bürgerschaftlichen Enga-
immer unabhängig und nicht an Weisungen gements und öffentlichen Dialog zu fördern.
gebunden. Bund und Länder, der Deutsche Bundestag,
die kommunalen Spitzenverbände, die Kirchen,
Organisationen und Verbände die Gewerkschaften, die Medien und unter-
Die Kulturhoheit der Bundesländer und die da- schiedliche Kulturorganisationen sind im Natio-
raus resultierenden 16 Denkmalschutzgesetze nalkomitee vertreten. Das DNK vergibt in der
bedingen nicht automatisch eine uneinheitliche Regel jährlich den 1977 gestifteten »Deutschen
Auffassung über den richtigen Umgang mit Preis für Denkmalschutz«: den »Karl-Friedrich-
einem Denkmal und ein differierendes Verwal- Schinkel-Ring« und die »Silberne Halbkugel«
tungshandeln. Wie auch bei der Bildungspolitik für Persönlichkeiten, die sich in besonderem
ist es die Aufgabe der »Ständigen Konferenz Maße um die Erhaltung des baulichen Erbes
der Kultusminister der Länder in der Bundes- verdient gemacht haben. Darüber hinaus wird
republik Deutschland«, genannt Kultusminister- ein Journalistenpreis verliehen.
konferenz (KMK), eine gemeinsame Meinungs-
und Willensbildung für den Denkmalschutz zu Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD)
formulieren. Darüber hinaus agieren zahlreiche Ursprünglich als Wirtschaftsstiftung gedacht,
nationale und internationale Organisationen und entwickelt sich die Deutsche Stiftung Denk-
Verbände und tragen durch den Austausch malschutz nach und nach zur Bürgerstiftung
von Informationen und Standpunkten zu einer mit inzwischen über 170 000 privaten Förder-
Vereinheitlichung bei. ern. 1985 gegründet, ist sie heute die be-
kannteste und einflussreichste private Organi-
Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der sation für die Denkmalpflege in Deutschland
Bundesrepublik Deutschland (VLD) (Abb. B 4.15). Sie gibt neben zahlreichen an-
Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger hat deren Fachpublikationen sechsmal jährlich die
sich 1951 unter dem Dach der Kultusminister- Zeitschrift »Monumente« heraus. Seit 2001 ist
konferenz als Verbund der Landesdenkmal- die Dehio-Geschäftsstelle bei der Deutschen
ämter in der Bundesrepublik Deutschland zu- Stiftung Denkmalschutz untergebracht, die die
sammengeschlossen. Mit ihren Jahrestagun- Fortschreibung des »Handbuchs der deut-
gen führt sie die Tradition der Denkmaltage fort schen Kunstdenkmäler« betreut [14].
B 4.16

79
Denkmalpflege

Arbeitsgruppe »Kommunale Denkmalpflege« deutung ist, wie z. B. Bau-, Kunst- oder ge- UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des
des Deutschen Städtetags schichtliche Denkmäler religiöser oder welt- Kultur- und Naturerbes der Welt
Der Deutsche Städtetag ist ein kommunaler licher Art, archäologische Stätten, Gebäude- Die Erkenntnis, dass Teile des Kultur- und Na-
Spitzenverband, der die gemeinschaftlichen gruppen, die als Ganzes von historischem turerbes von internationaler Bedeutung und
Interessen der beteiligten Körperschaften ge- oder künstlerischem Interesse sind, Kunst- damit als Bestandteil des Welterbes der gesam-
genüber der Bundesregierung, dem Bundes- werke, Manuskripte, Bücher und andere Ge- ten Menschheit zu erhalten sind, führte 1972
tag und Bundesrat sowie der Europäischen genstände von künstlerischem, historischem auf der Generalkonferenz der Organisation der
Union vertritt. Seine Aufgaben sieht er vor allem oder archäologischem Interesse sowie wis- Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft
in der beratenden Mitwirkung an wichtigen Ge- senschaftliche Sammlungen und bedeutende und Kultur zum »UNESCO-Übereinkommen
setzesvorhaben und im Erfahrungsaustausch Sammlungen von Büchern, Archivalien oder zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der
seiner Mitglieder. 1982 wurde unter dem Dach Reproduktionen des oben bezeichneten Kultur- Welt«. Als Kulturerbe gelten Denkmäler, En-
des Deutschen Städtetags die Arbeitsgruppe guts« [15]. Gleiches gilt für Objekte, die der sembles und Stätten von außergewöhnlichem
»Kommunale Denkmalpflege« gegründet. Sie Aufbewahrung des beschriebenen Kulturguts universellem Wert. Diese können in die »Liste
informiert und bezieht Stellung zu aktuellen dienen, wie etwa Museen, Bibliotheken, Archi- des Erbes der Welt« (Welterbeliste) aufgenom-
Problemen der städtebaulichen Denkmalpfle- ve, Bergungsorte sowie Stätten, die in beträcht- men werden. Die 21 Mitglieder des Welterbe-
ge. So ist z. B. der »Göttinger Appell« das Er- lichem Umfang Kulturgut aufweisen und als komitees entscheiden nach eigenen Maßstäben
gebnis einer im November 2007 gemeinsam »Denkmalorte« bezeichnet sind. Die Vertrags- über die Anträge der einzelnen Vertragsstaaten.
mit der »Vereinigung der Landesdenkmalpfle- parteien verpflichten sich zur Sicherung des Das Welterbekomitee entscheidet auch über
ger in der Bundesrepublik Deutschland« ver- Kulturguts auch in Friedenszeiten. Eine Kenn- die Verwendung der Mittel des Welterbefonds.
anstalteten Konferenz zum Thema »Denkmal- zeichnung an den entsprechenden Gebäuden Über 750 Stätten sind bisher in der UNESCO-
pflegerischer Umgang mit großflächigem Ein- dient zur Verdeutlichung (Abb. B 4.14). Liste des Welterbes verzeichnet. Dazu gehören
zelhandel«. Die Vereinigten Staaten von Amerika und das z. B. die Altstadt von Sanaa, die Kathedrale von
Vereinigte Königreich haben zwar das Abkom- Canterbury, das Kloster Sankt Gallen, der Na-
Internationale Abkommen men 1945 unterzeichnet, sind aber den Kon- tionalpark Grand Canyon sowie die Inkastadt
Die Zerstörungswut von kriegerischen Ausein- ventionen bisher nicht beigetreten. Die USA Machu Picchu (Abb. B 4.16). Objekte der Welt-
andersetzungen hat zu allen Zeiten zu einem gab in der Vergangenheit als Grund die Un- erbeliste, zu deren Erhaltung umfangreiche
hohen Verlust von wertvoller Denkmalsubstanz möglichkeit der Einhaltung der Konventionen Maßnahmen erforderlich sind und Unterstüt-
geführt. Die Zerstörungen des Zweiten Welt- bei einem möglichen Einsatz von Atomwaffen zung angefordert wurde, können in einer »Liste
kriegs, denen ganze historische Altstädte wie an. Jedoch empfahl 1999 der damalige Präsi- des gefährdeten Erbes der Welt« (Rote Liste)
z. B. in Deutschland Frankfurt oder Dresden, in dent Bill Clinton dem US-Senat die Ratifizie- geführt werden. Seit Juli 2006 steht in Deutsch-
England Coventry, in den Niederlanden Rotter- rung, da nach seiner Auffassung die amerika- land aufgrund der Planungen zum Bau der so-
dam und in Polen Warschau zum Opfer fielen, nischen Streitkräfte ohnehin in Übereinstim- genannten Waldschlösschenbrücke das Dresd-
haben dies besonders deutlich gemacht. Auch mung mit den Grundsätzen der Haager Kon- ner Elbtal auf der Roten Liste.
aktuell sind Kulturdenkmäler durch Kriegsein- ventionen handeln würden. Die Regierung des
wirkungen gefährdet, wie die 1991/ 92 im ser- Vereinigten Königreichs vertritt die Ansicht, der Europäisches Übereinkommen zum Schutz des
bisch-kroatischen Krieg stark zerstörte Altstadt ursprüngliche Text der Konvention von 1954 architektonischen Erbes
von Dubrovnik (UNESCO-Weltkulturerbe) oder hätte wesentliche Schwachstellen und Unklar- Unter architektonischem Erbe versteht die am
die 1993 nach Beschädigung im Bürgerkrieg heiten. Durch den Abschluss des zweiten Zu- 3. Oktober 1985 in Granada von den Mitglieds-
eingestürzte historische Steinbrücke über die satzprotokolls von 1999 seien diese jedoch staaten des Europarats verfasste Übereinkunft
Neretva in Mostar beweisen. Durch internatio- jetzt beseitigt. Im Jahr 2004 kündigt das Ver-
nale Abkommen soll die gesamtstaatliche Ver- einigte Königreich an, Vertragspartei des Ab-
antwortung und Bedeutung von Kulturgut her- kommens sowie der Zusatzprotokolle werden
vorgehoben sowie die Vernichtung verhindert zu wollen. Bisher haben jedoch weder die USA
werden. noch das Vereinigte Königreich die Konvention
ratifiziert.
Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei Über die Haager Konvention hinaus gibt es
bewaffneten Konflikten den sogenannten Roerich-Pakt, eine 1935 in
Bereits die 1899 geschlossene und 1907 leicht Kraft getretene Übereinkunft, die im Grunde die
modifizierte Haager Landkriegsordnung ent- gleichen Ziele verfolgt, jedoch in der Ausformu-
hält einen Passus mit der Aufforderung, histo- lierung der Verpflichtungen der unterzeichnen-
rische Denkmäler bei kriegerischen Auseinan- den Staaten wesentlich zurückhaltender ist. Bis
dersetzungen möglichst zu verschonen. Unter heute ist dieser Pakt gültig. Seine Bedeutung
den Eindrücken der beiden Weltkriege kam es beschränkt sich jedoch ausschließlich auf die
1954 zu einer internationalen Konferenz, an Länder Amerikas.
der 56 Staaten die »Haager Konvention zum
Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Kon- Europäisches Kulturabkommen
flikten« erarbeitet haben. Am 7. August 1956 Das am 19. Dezember 1954 in Paris durch
tritt das Abkommen in Kraft. Es handelt sich die Mitgliedsstaaten des Europarats zur Unter-
dabei um einen völkerrechtlichen Vertrag, dem zeichnung ausgelegte und am 5. Mai 1955 in
bis heute über 100 Staaten beigetreten sind. Kraft getretene Abkommen fordert von den
Die Bundesrepublik Deutschland hat die Kon- Vertragsparteien in Artikel 1 geeignete Maß-
vention 1967, Österreich 1964, die Schweiz nahmen zum Schutz und zur Mehrung des
1962 ratifiziert. Die DDR trat der Konvention gemeinsamen kulturellen Erbes Europas. Die
1974 bei. Ausführungen sind wenig konkret und haben
Schützenswert im Sinne der Konvention ist daher kaum praktische Bedeutung. Inzwischen
»bewegliches und unbewegliches Gut, das für haben über 40 europäische Staaten das Ab-
das kulturelle Erbe aller Völker von großer Be- kommen ratifiziert.
B 4.17

80
Denkmalpflege

Denkmäler, Ensembles und sogenannte Stät- gemeinheit, die den nach Möglichkeit unver- auch alte Baurechnungen oder Feuerversiche-
ten. Stätten werden als gemeinsame Werke von fälschten Erhalt eines Zeitdokuments einfordert. rungsunterlagen geben Aufschluss über das
Mensch und Natur definiert, die teilweise be- Dabei kommt es unwillkürlich zu einem Zielkon- Objekt. Bei den Vermessungsämtern, in man-
baute Gebiete umfassen. Die Vertragsparteien flikt, dessen Lösung häufig auf gegenseitigen chen Regionen auch Katasterämter genannt,
verpflichten sich, gesetzliche Maßnahmen zum Kompromissen beruht. können die Urkataster eingesehen werden.
Schutz des architektonischen Erbes zu treffen, Wichtig ist es alle Informationen in einer Unter-
die Verunstaltung sowie den Verfall zu verhin- Recherche lage zusammenzutragen. Dazu bietet sich das
dern und soweit möglich finanzielle Unterstüt- Eine intensive Recherche liefert wichtige Er- Raumbuch an. Raumbücher werden heute zu-
zung für die Unterhaltung und Wiederherstel- kenntnisse für die Instandsetzung und trägt nehmend digital geführt. Entscheidend für den
lung des architektonischen Erbes zu gewähren. damit entscheidend zum Erfolg eines bau- Erfolg ist ein systematischer und einheitlicher
Außerdem garantieren sie, Inventare und Doku- lichen Eingriffs bei. So können falsche Annah- Standard. Die Oberflächen aller Räume, Fens-
mentationen zu erstellen, die Versetzung eines men vermieden und infolgedessen Kosten re- ter, Türen, feste Einrichtungsgegenstände,
geschützten Denkmals nur unter sehr engen duziert werden. Vermeintliche Baufehler, Schä- Konstruktionsdetails und die technische Aus-
Prämissen zu erlauben, in der Umgebung von den oder unlogische Konstruktionen entpup- stattung müssen ausführlich beschrieben, foto-
Denkmälern allgemeine Verbesserungen der pen sich nicht selten als bewusste Planungen grafisch und oder zeichnerisch festgehalten
Umwelt durchzuführen und wissenschaftliche aus einem auf den ersten Blick nicht ersicht- sowie mit Angaben aus der vorangegangenen
Forschung sowie private Initiativen zu fördern lichen Grund. Recherche ergänzt werden. Ein Raumbuch ist
und zu unterstützen. Zur Gewährleistung dieser Am Anfang einer jeden baulichen Maßnahme nicht statisch, es wird im Laufe der weiteren
und anderer Forderungen sind Rechtsvorschrif- an einem Denkmal steht daher die Baufor- Untersuchungen und Planungen fortgeschrie-
ten sowie Überwachungs- und Genehmigungs- schung. Zunächst stellt sich die Frage, ob es ben und bietet so am Ende einer Baumaßnah-
verfahren verpflichtend. Bisher traten über 30 sich tatsächlich um ein Denkmal handelt oder me eine Dokumentation aller Veränderungen
europäische Staaten dem Übereinkommen bei. nicht. Erste Hinweise finden sich in den be- und ein aktuelles Abbild des Bauwerks.
schriebenen Denkmaltopografien sowie im Bei einer ausführlichen Fotodokumentation, die
Baupraktische Denkmalpflege »Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler« Bestandteil eines jeden Raumbuchs ist, wird
Worin weichen die Eingriffe an einem Denkmal (Dehio). Auch kann man direkt bei den Unteren der vorgefundene Zustand festgehalten. Dabei
von anderen Baumaßnahmen ab? Wenn man Denkmalschutzbehörden (Kommunalverwal- müssen die Aufnahmen nach einem einheitli-
sich die Definition des Denkmalbegriffs vor tung) anfragen. Doch hier ist Vorsicht geboten. chen System bezeichnet und die Kamerastand-
Augen führt, werden die Unterschiede sehr Wird ein Gebäude nicht als Denkmal tituliert, orte in Übersichtsplänen eingetragen werden.
schnell deutlich. Die Denkmalpflege verfolgt kann es sich in einigen Bundesländern, die das Mit einer Befund- und Farbkarte fotografiert man
das Ziel der Bewahrung eines Gebäudes als Prinzip der nachrichtlichen Denkmalverzeich- besondere Details (Abb. B 4.17).
Zeugnis einer vergangenen Epoche. Es geht in nisse verfolgen, trotzdem um ein Denkmal han- Eine ausführliche Bauaufnahme in Form eines
der Denkmalpflege nicht darum, einen ästhe- deln (siehe S. 78). Aufmaßes ist auch dann unerlässlich, wenn
tisch unbefriedigenden Zustand zu beiseitigen Die Bauakten, die sich in der Regel bei den Bestandspläne vorhanden sind. Denn erstens
oder die Energiebilanz eines Hauses zu ver- Bauaufsichtsbehörden oder bei älteren Gebäu- stimmen die vorhandenen Pläne mit der Situa-
bessern. Ein Investor z. B. betrachtet seine Im- den in den Stadtarchiven befinden, geben Aus- tion vor Ort oft nicht überein, zweitens zeigen
mobilie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. kunft über die ursprünglichen Planungen und sich häufig Maßdifferenzen und Verformungen,
Er möchte möglichst viel vermietbaren Wohn- spätere bauliche Veränderungen. Häufig sind die in bauphysikalischen oder statischen Scha-
raum schaffen. Der Denkmalpfleger hingegen in örtlichen Bibliotheken und Archiven weitere densbildern ihre Ursache haben. Auf die ein-
Vertritt wie ein Anwalt die Interessen der All- Quellen vorhanden. Nicht nur Pläne, sondern zelnen Genauigkeitsstufen und verschiedenen

B 4.17 unterschiedliche Wandfassungen der Staats-


bibliothek zu Berlin
B 4.18 Beispiel eines Bauphasenplans
B 4.18

81
Denkmalpflege

B 4.19 Glasgang in der Marienkirche, Berlin (D) 1992, Verfahren der Bauaufnahme soll an dieser Stel- plan offenbart die architektonischen Konse-
Klaus Block; da der Turmraum die Funktion le nicht näher eingegangen werden. quenzen aus allen gewonnen Erkenntnissen.
eines Windfangs aufgrund seiner historischen
Bemalung nicht gewährleisten konnte, wurde
Die Erfassung aller Bauwerksdaten in Form So korrespondiert er direkt mit den vorange-
zum Schutz vor Temperatur- und Feuchtigkeits- von Quellenrecherche, Fotodokumentation und gangenen Arbeitsschritten und wertet bzw.
schwankungen ein Glasgang eingestellt. Bauaufnahme ist nur der erste Schritt. Der Ar- gewichtet deren Ergebnisse.
B 4.20 ehemalige Klosterkirche St. Marien, Lobbach- chitekt wertet diese Informationen aus und leitet
Lobenfeld (D) 1997, Hans Stadtler; die neuen
entsprechende weitergehende Untersuchun- Denkmalpflegerische Genehmigung
Bauglieder setzen sich deutlich von der vorhan-
denen Bausubstanz ab. gen ein. Dies können z. B. archäologische, den- Mit der Einreichung eines Bauantrags bei der
B 4.21 Neues Museum, Berlin (D) 2009, David Chipper- drochronologische [16] oder restauratorische genehmigenden Bauaufsichtsbehörde wird bei
field Architects; Ausbesserungen sind sichtbar, Analysen sein. Auch die Beurteilung des Trag- einem Denkmal automatisch die zuständige
passen sich jedoch dem historischen Bestand systems und seiner eventuellen Verformungen Untere Denkmalschutzbehörde eingeschaltet.
farblich an.
B 4.22 Haus Liebermann am Pariser Platz, Berlin,
ist immanent. Verdeckte Bauteile können heute Es empfiehlt sich jedoch bereits vorher, den
Fotografie von 1901 mithilfe der aktiven Thermografie, mit Ultra- Kontakt zu suchen und als Architekt oder Bau-
B 4.23 leergeräumtes Baufeld am Pariser Platz, Berlin, schall oder Radar sichtbar gemacht werden. herr die Behörde über eine beabsichtigte bau-
Fotografie von 1959 Eventuell sind auch zusätzliche Untersuchun- liche Veränderung zu unterrichten. Ist der Bau-
B 4.24 kritische Rekonstruktion des Hauses Lieber-
gen nötig, die wie das Ziehen von Bohrkernen antrag erst einmal fertig, sind die Planungen
mann, Berlin (D) 1997, Josef Paul Kleihues
in die Substanz eines Bauwerks eingreifen. schon weit vorangeschritten und Änderungen
Diese nicht zerstörungsfreien Verfahren dürfen aufgrund von Auflagen des Denkmalschutzes
nur nach Absprache mit dem Denkmalschutz- kostspielig. Hat der Architekt seinen Entwurf
amt erfolgen. Welche Untersuchungsspezia- auf den erwähnten Recherchen und planeri-
listen zum Einsatz kommen, ist von dem Objekt schen Grundlagen aufgebaut, wird es ihm
abhängig. Alle Informationen trägt der Architekt leicht fallen, seine Vorgehensweise zu erläu-
fortlaufend im Raumbuch ein. tern und zu begründen. Daher gilt der Grund-
satz: Je besser die Recherche und Grund-
Planerische Grundlagen lagenermittlung, umso zielführender werden
Erstes Ziel der Recherchen ist die Erstellung die Gespräche mit den Vertretern der Denkmal-
von Bauphasenplänen, die in Grundrissen, behörde verlaufen. Durch die gewonnenen
Schnitten und Ansichten die einzelnen Bau- Erkenntnisse um das Objekt wird die Kreativität
perioden sowie die Umbauten eines Gebäudes eines Architekten keineswegs zurückgedrängt.
nachvollziehbar darstellen. In farbigen Plänen Im Gegenteil, die besondere Bauaufgabe ver-
sind ältere Teile dunkler, jüngere heller hinter- langt nach schöpferischen Lösungen. Welche
legt (Abb. B 4.18). architektonische Haltung dabei vertreten wird,
Die Schadenskartierung erfasst die bautech- darüber gibt es in Architekturkreisen, aber
B 4.19 nischen und -physikalischen Untersuchungen auch bei Denkmalpflegern unterschiedliche
und beschreibt die verwendeten Baumateria- Auffassungen. So können neue Bauteile in
lien, ihren Zustand und ihre Eigenschaften. starkem Kontrast zu dem Existierenden stehen
Verformungen wie Deckendurchbiegungen oder erst auf den zweiten Blick erkennbar sein.
und Fassadenausbeulungen, Mauerwerksrisse, Sicherlich sind diese unterschiedlichen Ent-
Ausblühungen oder durchgefaulte Holzbalken wurfsansätze vom Gebäude, aber auch von
sind nur die Folgen eines baukonstruktiven den einzelnen beteiligten Personen abhängig
oder -physikalischen Problems. Bauwerksschä- (Abb. B 4.20 und 21).
den haben häufig eine eigene Geschichte, die Ein guter Entwurf zeichnet sich dadurch aus,
nicht selten durch alte Handwerksrechnungen dass er das Vorhandene respektiert und in
und andere schriftliche Zeugnisse dokumen- einen Dialog mit ihm tritt. Dafür ist es notwen-
tiert ist. Auf der Suche nach der Schadens- dig, gewisse Grundsätze, die sich in der Denk-
ursache können diese Unterlagen helfen. Die malpflege manifestiert haben, zu beachten:
Schadenskartierung schließt die Überprüfung Egal ob es sich um eine Erweiterung oder le-
der Gründung sowie des statischen Systems diglich um eine Instandsetzung eines vorhan-
mit ein und gibt auch Auskunft über die Wär- denen Baudenkmals handelt, alles notwendig
me- und Schalldämmfähigkeit der Konstruk- Hinzugefügte sollte eine aktuelle Architektur-
B 4.20 tion. sprache sprechen. Bedenkt man, dass Denk-
Im sogenannten Ausstattungsplan sind die mäler Zeugnis für vergangene Epochen able-
erhaltenswerten Oberflächen markiert. Farbig gen, verbietet sich zwangsläufig jedes pseudo-
gefasste Wandflächen, historische Fußböden, historische Gestalten, denn es verfälscht oder
Stuckdecken oder mit dem Gebäude fest ver- verwischt den Dokumentcharakter. Daher ist es
bundene Einrichtungsgegenstände sind be- wichtig, dass heutige Ergänzungen authentisch
sonders sensible Bereiche, die bei einer Bau- sind für unsere Zeit und sich klar als hinzuge-
maßnahme zu schützen und bei einer zukünf- fügte Elemente zu erkennen geben. Sie sollten
tigen Planung zu berücksichtigen sind. sich von den historischen Baugliedern trennen
Ein weiterer Schritt in Richtung Planung und lassen, ohne diese zu zerstören. Für heutige
Entwurf stellt der Denkmalpflegeplan, auch Ansprüche zu schwach bemessene Bauteile
Bindungs- oder Schutzgutplan genannt, dar. sollten nicht durch neue ersetzt, sondern durch
Diese Unterlage bietet eine Übersicht darüber, zusätzliche Konstruktionen in ihrer Funktion
wo aus konstruktiven Gründen in die histori- gestärkt werden. So kann eine filigrane Unter-
sche Bausubstanz eingegriffen werden muss spannung einen Unterzug entlasten, zusätz-
und welche Bereiche nach Möglichkeit nicht liche Sparren das Dachtragwerk ertüchtigen.
verändert werden sollten. Der Denkmalpflege- Durch dieses »additive Prinzip« wird auch
B 4.21

82
Denkmalpflege

automatisch die Forderung nach der Reversi- Ergebnisse erzielen. Außerdem vermittelt die- nehmlichen Lösungsfindung bei neu auftre-
bilität der durchgeführten Maßnahmen erfüllt ser Zustand automatisch ein anderes Verhalten tenden Fragestellungen, andererseits zur Kon-
(Abb. B 4.19). als auf einer Rohbaustelle. Dennoch müssen trolle der Umsetzung der ursprünglichen Pla-
»Die Beiträge aller Epochen zu einem Denk- Bauteile und Befunde vor weiteren Beschädi- nungen. Es wird also während des Baupro-
mal müssen respektiert werden: Stilreinheit ist gungen geschützt und gekennzeichnet werden. zesses immer wieder Ortstermine mit dem Ver-
kein Restaurierungsziel«, heißt es im Artikel 11 Oft wird vernachlässigt, dass auch Erschütte- treter der Denkmalbehörde geben. Außerdem
der »Charta von Venedig« [17]. Vor Ort auf der rungen für den historischen Bestand eine Ge- können viele Entscheidungen erst nach einer
Baustelle stellt sich dieser eindeutige Appell je- fahr darstellen können. Bemusterung vor Ort gefällt werden. Bei die-
doch oft viel diffiziler dar. Sich überlagernde Auch wenn die Ausführungsplanung beson- sen Bemusterungsterminen mit den Fachfir-
Zustände von unterschiedlichem historischem, ders präzise und die Detailplanung auf die je- men und Restauratoren auf der Baustelle sollte
wissenschaftlichem und ästhetischem Wert weilige spezifische Situation abgestimmt ist, der Denkmalpfleger selbstverständlich anwe-
sind nicht außergewöhnlich. Nur unter ganz treten bei Baudenkmälern immer wieder unvor- send sein. Die Denkmalfachbehörden (Landes-
engen Prämissen dürfen spätere Zeitschichten hergesehene Konstellationen auf, die eine Kor- ämter für Denkmalpflege) haben über ihre Ge-
geopfert werden, um eine frühere Phase frei- rektur erfordern. Wichtig ist, dass bei diesen bietskonservatoren hinaus Sonderfachleute wie
zulegen. Umplanungen der zuständige staatliche Denk- z. B. Stein- oder Glasrestauratoren, die sie zu
In Deutschland gibt es, anders als z. B. in malpfleger beteiligt wird, einerseits zur einver- spezifischen Problemstellungen hinzuziehen
Frankreich, keine Klassifizierung von Denk-
mälern. Dennoch erhalten nicht alle Denkmal-
besitzer von den genehmigenden Denkmal-
schutzbehörden die gleichen Auflagen. Diese
unterschiedliche Handhabung, die in der Öf-
fentlichkeit häufig nicht verstanden und als Will-
kür erachtet wird, rührt aus der Begründung
der Denkmaleigenschaften eines Gebäudes.
Für den baupraktischen Umgang ist es ent-
scheidend, ob ein Gebäude aus geschichtli-
chen, künstlerischen, wissenschaftlichen, tech-
nischen Gründen oder aufgrund der städtebau-
lichen oder volkskundlichen Bedeutung unter
Schutz steht. Der eigentliche Genehmigungs-
prozess ist in der Regel ein Kompromiss zwi-
schen den unterschiedlichen Forderungen der
beteiligten Parteien und entsteht häufig in ei-
nem gemeinsamen Dialog. Wenn z. B. die lang- B 4.22
fristige Erhaltung eines Baudenkmals nur durch
eine neue Nutzung gewährleistet werden kann,
diese jedoch bauliche Eingriffe erfordert, führt
dies auch beim staatlichen Denkmalpfleger
selbst zu einem Abwägungsprozess. Wie viel
historische Bausubstanz muss geopfert wer-
den, um die neue Nutzung umzusetzen? Ist die
Nutzungskonzeption für das Gebäude nicht
geeignet oder nur die architektonische Umset-
zung mangelhaft? Gibt es andere Nutzungs-
möglichkeiten oder muss man um des Erhalts
des Baudenkmals willen diesen Verlust in Kauf
nehmen? Was macht den Denkmalwert des
Gebäudes aus und welche Prioritäten ergeben
sich daraus? Bei besonders schwierigen Ent-
scheidungen bitten die Vertreter der Unteren
Denkmalschutzbehörden die Denkmalfachbe- B 4.23
hörden, also die Landesämter für Denkmalpfle-
ge, um Unterstützung. Eine optimale Lösung
ist in der Denkmalpflege selten. Im Sinne des
Baudenkmals kann es sich immer nur um Ein-
zelfallentscheidungen handeln.

Bauliche Umsetzung
Eine Baumaßnahme in oder an einem Denk-
mal verlangt nach besonderen Vorkehrungen.
Handwerker müssen für die Bauaufgabe sen-
sibilisiert werden. Die Auswahl von Fachunter-
nehmen mit Erfahrung in der Denkmalpflege
kann hier von großem Vorteil sein. Bei größeren
Vorhaben schafft eine Kompletteinhausung
eine Werkstattsituation, in der die Bauleute
durch bessere Arbeitsbedingungen exaktere
B 4.24

83
Denkmalpflege

B 4.25 Der Kaisersaal des Hotels »Esplanade« am


Potsdamer Platz, Berlin, wurde 1996 um 2,5 m
angehoben und dann um 75 m verschoben.
B 4.26 Kaisersaal des Hotels »Esplanade« im heutigen
Sonycenter, Berlin
B 4.27 Umnutzung der ehemaligen katholischen Pfarr-
kirche »Heilige Drei Könige« zum Architektur-
büro, Köln (D) 1990, Link Architekten
B 4.28 Farbproben im Niobidensaal des Neuen
Museums, Berlin
B 4.29 Umnutzung eines 1950 erbauten Kranhauses mit
Stahlfachwerkkranarm von 1966, Berlin (D) 2002,
Sven Thomsen
B 4.25 B 4.26
können und auch bei Ortsterminen einbezie- nicht selten andere Materialien und Techniken (z. B. im LWL-Freilichtmuseum Detmold, Frei-
hen. Durch ihren wissenschaftlichen Hinter- anwendet. lichtmuseum Hessenpark, Schwarzwälder Frei-
grund und ihre baupraktischen Erfahrungen Rekonstruktionen sind sehr umstritten, da sie lichtmuseum Vogtsbauernhof). Bekanntestes
können diese Sonderfachleute häufig zu einer den eigentlichen Sinn und Zweck der Denkmal- Beispiel einer Translokation sind die Tempel
einvernehmlichen Lösungsfindung beitragen pflege untergraben. Sie sind gerade keine ge- von Abu Simbel, die zwischen 1964 und 1968
(Abb. B 4.28). schichtlichen Dokumente, denn sie leugnen auf Initiative der UNESCO verlegt wurden. Der
Ein Baudenkmal mit vielen historischen Befun- Tatsachen wie Krieg und Zerstörung. Außer- ursprüngliche Standort befindet sich im heu-
den, z. B. mit einer bildhauerisch aufwendig dem sind Gebäude in der Regel nicht so gut tigen Nassersee. Zum dokumentierten Ab- und
gestalteten Fassade oder einer farbigen Wand- dokumentiert, dass eine identische Kopie des anschließend möglichst originalgetreuen Wie-
fassung mit figürlichen Darstellungen, verlangt Originals möglich wäre. Dies ist auch, wie die deraufbau eines Gebäudes gibt es inzwischen
konsequenterweise nach einer stärkeren Prä- Neubebauungen des Prinzipalmarkts in Müns- die Möglichkeit des Verschiebens eines kom-
senz nicht nur des Architekten, sondern auch ter oder des Neumarkts in Dresden zeigen, pletten Baukörpers, so 1996 beim Kaisersaal
des zuständigen Denkmalpflegers auf der Bau- oftmals nicht das Ziel einer Rekonstruktion. des ehemaligen Hotels »Esplanade« in Berlin
stelle. Durch Sonderdetails entsteht ein erhöh- Heutige Nutzeranforderungen führen zu ge- vollzogen (Abb. B 4.25 und 26). Jüngstes Bei-
ter Abstimmungsbedarf nicht nur zwischen den änderten Grundrissen hinter historisch nach- spiel einer solchen Umsetzungsaktion ist die
beteiligten Planern und Fachfirmen. Auch die empfundenen Fassaden. aus dem 13. Jahrhundert stammende roma-
Anwesenheit des Denkmalpflegers bei Bau- Die sogenannte »kritische Rekonstruktion« ver- nische Emmauskirche von Heuersdorf, vermut-
stellenterminen ist regelmäßig erforderlich. Da sucht von vornherein kein Abbild eines verlo- lich eine der ältesten Kirchen Sachsens. Auf-
durch die personelle Ausstattung der Denkmal- ren gegangenen Baudenkmals zu schaffen. grund des geplanten Braunkohleabbaus muss-
fachbehörden eine solche Betreuung heutzu- Man orientiert sich lediglich an der architekto- te sie ihren ursprünglichen Standort verlassen
tage nicht mehr gewährleistet werden kann, ist nischen Großform, an der Kubatur und der Fas- und 2007 in die 12 km entfernte Stadt Borna
man bei großen vor allem öffentlichen Bauvor- sadenaufteilung eines bestimmten Vorgänger- umziehen. Mittels eines Spezialfahrzeuges ge-
haben dazu übergegangen, in Abstimmung mit baus oder eines Stils. In seinen konstruktiven lang es die 665 Tonnen schwere, 14,5 m lange,
der staatlichen Denkmalpflege private Fachleu- und gestalterischen Details sprechen diese 8,9 m breite und 19,6 m hohe Saalkirche mit
te einzuschalten, die diese Aufgabe überneh- Gebäude eine aktuelle moderne Architektur- eingezogenem Chor als Ganzes zu versetzten.
men. Der Denkmalbehörde kommt in einer sol- sprache (Abb. B 4.22 – 24).
chen Konstellation vor allem eine Kontrollfunk- Eine Sonderform der Rekonstruktion ist die Nutzung / Umnutzung
tion zu. Sie steht zur Abstimmung in engem Anastylose. Der aus der Archäologie übernom- In der Vergangenheit haben Umnutzungen
Kontakt mit dem vom Bauherrn beauftragten, mene griechische Begriff bezeichnet den Wie- Denkmäler vor dem sicheren Abbruch bewahrt.
freiberuflich tätigen Denkmalpfleger. deraufbau eines Gebäudes aus seinen aufge- Die Porta Nigra in Trier baute man im Mittelalter
Ein wichtiger Aspekt, der oft vernachlässigt fundenen originalen Überresten am ursprüng- zur Doppelkirche um. In Rottenburg nutzte man
wird, ist die Dokumentation sämtlicher bauli- lichen Standort. Die Ergänzung fehlender Teil- nach der Profanierung im Zuge der Säkularisa-
cher Eingriffe in die historische Substanz. Die- stücke sowie die Verwendung von Hilfskon- tion die Karmeliterkirche zunächst als Pferde-
ser Anspruch ist für die Denkmalpflege unab- struktionen sind dabei in der Regel unabding- stall, seit 1817 nach Einzug von Geschossde-
lässig. Viele Bauherren umgehen gleichwohl bar. Die Anastylose strebt jedoch nicht die cken als Wohnraum für die Domherren. Umnut-
diese Forderung, denn aus ihrer Sicht entste- Wiedergewinnung eines intakten Baukörpers zungen sind in der Denkmalpflege also kein
hen Kosten, ohne dass sie einen direkten Mehr- an. Sie möchte die überkommenen Original- neues Thema. Jede Anpassung an eine andere
wert erkennen könnten. Beim Bauunterhalt und fragmente in ihren ursprünglichen Zusammen- als die ursprüngliche Verwendung geht zu Las-
späteren Reparaturen wird ein Eigentümer je- hang zurückführen und präsentieren. ten der historischen Substanz. Daher muss die
doch eine solche Unterlage schätzen lernen. Das Versetzen eines Baudenkmals an einen Nachhaltigkeit von Nutzungskonzeptionen hin-
anderen Ort sollte in der Denkmalpflege den terfragt werden.
Rekonstruktion und Translokation absoluten Ausnahmefall darstellen. Das Denk- Ein aktuelles Problem ist die Umnutzung von
Unter einer Rekonstruktion versteht man in der mal büßt durch diese Transaktion einen Teil Kirchengebäuden und Industrieanlagen, für
Baudenkmalpflege die erneute Errichtung ei- seiner Substanz sowie seine Verbindung mit die kein Bedarf mehr besteht [18]. Aus Sicht
nes nicht mehr existierenden Gebäudes oder dem historischen Ort der Entstehung ein. Zu- der Denkmalpflege ist es wichtig, für diese
Bauteils auf Grundlage von alten Plänen, Fotos, sätzlich geht der lokale topografische Kontext Bauwerke eine neue Verwendung zu finden,
Stichen und schriftlichen Quellen. Es handelt verloren. Translokationen werden dort ange- die behutsam mit dem Bestand umgeht und
sich dabei um einen Nachbau, der häufig unter wendet, wo es zum Abriss eines Baudenkmals die ursprüngliche Konzeption und architekto-
Einbeziehung von Originalteilen versucht, einen keine Alternative gibt. Häufig finden sich trans- nische wie künstlerische Aussage erhält. Kir-
bestimmten Zustand nachzuempfinden, jedoch lozierte Gebäude in Freilichtmuseen wieder chengebäude zeichnen sich z. B. besonders

84
Denkmalpflege

B 4.27 B 4.28
durch ihren Großraum aus. Eine Umnutzung Einerseits gewährleistet eine Nutzung die laufen- Anmerkungen:
etwa für Geschosswohnungen bedingt den de Pflege und so den langfristigen Erhalt, an- [1] Friedrich Wilhelm IV. von Preußen: Rede bei der
Komplettausbau und damit den Verlust des dererseits entstehen dadurch konkrete Ansprü- Grundsteinlegung für die Vollendung des Kölner
ehemaligen Raumeindrucks. Eine solche Nut- che und Forderungen gegenüber einem Ge- Doms 1842. In: Huse, Norbert (Hrsg.): Denkmal-
zung kommt also aus Sicht der Denkmalpflege bäude. Daher gilt es, bei der Erarbeitung einer pflege, Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten.
München 1996, S. 56 – 57
in der Regel nicht infrage. Entscheidend ist Nutzungskonzeption einige Grundsätze zu be- [2] Schinkel, Karl Friedrich: Memorandum zur Denk-
jedoch auch hier, was den eigentlichen Denk- achten: Durch die überkommene Denkmalsubs- malpflege 1815. In: ebd. [1], S. 70
malwert des Gebäudes begründet (Abb. tanz ergeben sich Zwänge für die Nutzung, [3] ebd. [2], S. 71
B 4.27). nicht umgekehrt. Normalerweise ist die Belas- [4] Dehio, Georg: Was wird aus dem Heidelberger
Schloß werden? 1901. In: ebd. [1], S. 115
»Die Erhaltung der Denkmäler wird immer be- sung der ursprünglichen Zweckbestimmung im
[5] ebd. [4], S. 110
günstigt durch eine der Gesellschaft nützliche Sinne des Denkmals die schonendste. Eine [6] Besucherzahl von 2006
Funktion. Ein solcher Gebrauch ist daher wün- Ausnahme von dieser Regel kann allenfalls die [7] Hoffmann-Axthelm, Dieter: Kann die Denkmalpflege
schenswert, darf aber Struktur und Gestalt der museale Nutzung sein. Damit ist nicht die Ver- entstaatlicht werden? Gutachten für die Bundes-
Denkmäler nicht verändern.« Damit umreißt der wendung eines Baudenkmals als Museum ge- tagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen. In: Verei-
nigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundes-
Artikel 5 der »Charta von Venedig« das Pro- meint, sondern das Gebäude mit seiner Aus- republik Deutschland (Hrsg.): Entstaatlichung der
blem der Nutzung von Baudenkmälern [19]. stattung wird selbst zum Ausstellungsobjekt. Je- Denkmalpflege? Von der Provokation zur Diskus-
doch auch hier fordert die nötige Infrastruktur sion. Berlin 2000, S. 31
einen nicht unerheblichen Anpassungsbedarf. [8] Vollmer, Antje: Zwölf Thesen zum Thema Denkmal-
schutz, Reformbedarf, Veränderungsmöglichkeiten.
Damit das Denkmal in seiner Aussage nicht
In: ebd. [7], S. 34
minimiert und in seiner Substanz nicht gefähr- [9] Zum Verständnis des Denkmalbegriffs in Japan
det wird, ist das Maß der Nutzung sehr wichtig. siehe: Enders, Siegfried; Gutschow, Niels (Hrsg.):
Eine Übernutzung schadet jedem Haus. Bei Hozon – Architectural and Urban Conservation in
einem Denkmal potenzieren sich die Zwänge, Japan. Stuttgart / London 1998
[10] Gesetz zum Schutz von Denkmalen in Berlin (Denk-
die aus einer Überlastung eines Gebäudes her- malschutzgesetz Berlin – DSchG Bln) vom 24. April
rühren (Abb. B 4.29). 1995, § 2, Abs. 2
Baudenkmäler müssen dauerhaft gewartet und [11] Baugesetzbuch (BauGB) in der Fassung der
gepflegt werden. Pflegepläne mit Checklisten Bekanntmachung vom 23. September 2004, § 1,
Abs. 5 und 6
über die regelmäßige Kontrolle bestimmter Bau-
[12] Siehe hierzu: Gesetz zum Schutz und zur Pflege
teile haben sich in der Vergangenheit ebenso der Denkmäler (Denkmalschutzgesetz – DSchG) –
bewährt wie Wartungsverträge mit dafür spe- zuletzt geändert durch Gesetz vom 24. Juli 2003,
zialisierten Unternehmen. In den Niederlanden Bayern Art. 12, Abs. 1
und Belgien hat sich die »Monumentenwacht« [13] ebd. [10], § 5, Abs. 2
[14] Das »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler«
etabliert: Diese inspiziert in den Niederlanden wird heute von drei Institutionen gemeinsam
regelmäßig nahezu 20 000 Denkmäler, darunter herausgegeben: der »Dehio-Vereinigung. Wissen-
fast alle Kirchengebäude. Die Mitarbeiter kon- schaftliche Vereinigung zur Fortführung des kunst-
trollieren die Denkmäler und fertigen Protokolle topographischen Werkes von Georg Dehio e. V.«,
der »Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der
über die Schäden an. Sie führen kleine Repara-
Bundesrepublik Deutschland« und der »Deutschen
turen selbst aus, reinigen die Regenrinnen und Stiftung Denkmalschutz«.
schieben verrutschte Dachziegel wieder in ihre [15] Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei
richtige Position. Bei anstehenden größeren bewaffneten Konflikten. Fassung der Veröffentli-
Bauunterhaltsarbeiten beraten sie die Eigentü- chung vom 11. April 1967, Art. 1, Begriffsbestim-
mung des Kulturguts
mer. Auch in Deutschland gibt es solche Ver- [16] Unter Dendrochronologie versteht man ein Verfah-
bände wie z. B. den Verein »DenkmalWacht ren zur Datierung von Holz durch Vergleich der
Brandenburg und Berlin« oder den »Monumen- Jahresringmuster.
tendienst«, eine Initiative der gemeinnützigen [17] Charta von Venedig. Internationale Charta über die
Konservierung und Restaurierung von Denkmälern
»Stiftung Kulturschatz Bauernhof«, die Unter-
und Ensembles (Denkmalbereiche). Venedig,
stützung und finanzielle Förderung durch ein 25.– 31. Mai 1964, Fassung von 1989, Art. 11
Programm der EU, das Land Niedersachsen, [18] siehe hierzu: Fisch, Rainer: Umnutzung von
die Stiftung Niedersachsen und verschiedene Kirchengebäuden in Deutschland. Bonn 2008
Kommunen erhält. [19] ebd. [17], Artikel 5
B 4.29

85
Baustoffe in Sanierungs-
projekten

Florian Musso, Johann Weber

B 5.1
Sanierung und Neubau sind Bauaufgaben mit gegen Pilze und Insekten eingesetzt. Holz ist
unterschiedlichen Akzenten. An sanierungsbe- bei geringem Eigengewicht sehr fest, hat eine
dürftigen Bauten sind Alterungsprozesse sicht- hohe Elastizität und dämmt relativ gut (aber
bar geworden, von denen einige durchaus at- etwa viermal schlechter als spezifische Dämm-
traktiv sind und als Patina bezeichnet werden stoffe). Die verschiedenen Holzarten unter-
können. In einer besonderen Art des Recyc- scheiden sich in Bezug auf ihre Dauerhaftigkeit
lings sollen bei der Sanierung möglichst viele gegenüber Pilzen und Insekten.
Teile des Bestands in eine ökonomisch und Holz ist ein hygroskopischer Baustoff; es nimmt
kulturell sinnvolle Neuplanung überführt wer- Feuchtigkeit auf und gibt diese wieder ab. Mit
den. Wie beim Neubau stehen Material und dieser Feuchte ist eine ständige Volumenände-
Konstruktion in direktem Zusammenhang und rung verbunden: Bei Feuchtigkeitsaufnahme
lassen sich nur bedingt voneinander getrennt quillt Holz, beim Trocknen schwindet es. Dies
behandeln. gilt jedoch nur für den Bereich zwischen Darr-
Somit müssen Materialaspekte bei Sanierungs- zustand (Wassergehalt u = 0 %) und Fasersätti-
aufgaben bauteilbezogen betrachtet werden. gung (u ~ 30 %). Oberhalb der Fasersättigung
Eine Grobaufteilung in Tragwerk, Hülle und treten praktisch keine Verformungen mehr auf.
Ausbau führt zu den nach Anforderungen spe- Die Maßänderungen sind bei einheimischen
zifizierten Baustoffgruppen. Dieses Kapitel soll Holzarten tangential am größten, radial etwa
die Möglichkeit eröffnen, vom konkreten Bauteil halb so groß und längs vernachlässigbar. Das
und dessen spezifischen Problemen ausge- Schwinden und Quellen des Holzes kann durch
hend, Lösungen zu finden. Zur Sanierung, d. h. Beschichtungen, die für eine Beschränkung
Ursachenbeseitigung des Problems und Über- der Feuchtigkeitsaufnahme sorgen, verringert
führung in einen möglichst dauerhaft problem- werden.
freien Zustand, werden bestehende und neue Holz ist immer mit der zu erwartenden Ge-
Materialien in einen konstruktiven Zusammen- brauchsfeuchte einzubauen, andernfalls sind
hang gestellt. Risse oder Formveränderungen zu erwarten:

• allseitig geschlossene
Tragkonstruktion Bauwerke mit Heizung: ca. 9 % (± 3 %)
• allseitig geschlossene
Die Standsicherheit ist für jeden Bau von zen- Bauwerke ohne Heizung: ca. 12 % (± 3 %)
traler Bedeutung und muss auch bei Sanierun- • überdeckte, offene
gen gesichert sein. Schäden und Nutzungsän- Bauwerke: ca. 15 % (± 3 %)
derungen müssen im Rahmen der Sanierung • der Witterung ausge-
mit gültigen Normen in Einklang gebracht wer- setzte Konstruktionen: ca. 18 % (± 6 %)
den.
Schäden
Holz Eine Schädigung von Holz entsteht in erster
Holz ist ein Baustoff, der trocken und allseits von Linie bei übermäßiger Aufnahme von Feuchte
Luft umflossen eine lange Lebensdauer hat. aufgrund von konstruktiven und bauphysika-
B 5.1 Sanierung, Umbau und Erweiterung eines Fach- Norwegische Stabkirchen aus dem 13. Jahr- lischen Schwächen sowie mangelndem Unter-
werkhauses und einer Scheune zum Kultur- und hundert beweisen dies eindrücklich. Für tra- halt (Abb. B 5.2 und 4). Unzureichende Dimen-
Vereinshaus, Urbach (D) 2005, Heydorn Eaton
gende (und aussteifende) Holzbauteile wurden sionierung, sei es durch schlechte Holzauswahl
Architekten
B 5.2 Rostfahnen von Eisennägeln, sich auflösende und werden nur wenige Holzarten verwendet, oder infolge einer Nutzungsänderung, führt zu
Stroh-Lehm-Ausfachung auf Weidengeflecht, die eine ausreichende Tragfähigkeit aufweisen, Durchbiegungen sowie Verformungen. Unter-
Vermoosung des Holzes durch andauernde wirtschaftlich verfügbar und dauerhaft sind. In dimensionierung ist besonders häufig bei Ge-
Feuchte Mitteleuropa wurde neben Nadelhölzern wie bäuden aus den 1930er-Jahren und kurz nach
B 5.3 natürliche Dauerhaftigkeit von Vollholz gegen
Pilze nach DIN EN 350-2
Fichte, Tanne, Kiefer, Lärche und Douglasie als dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen, die in
B 5.4 im Spritzwasserbereich angefaulte Nadelholz- einziges Laubholz Eiche aufgrund seiner hohen Zeiten des Mangels an geeigneten Baumateri-
verkleidung Tragfähigkeit und natürlichen Dauerhaftigkeit alien errichtet wurden. Die Dauerhaftigkeit von

86
Baustoffe in Sanierungsprojekten

Resistenzklasse Holzart
Resistenzklasse 1 Teak, Afzelia, Greenheart, Mansonia, Bilingia, Jarrah, Makoré
Resistenzklasse 1 – 2 Robinie, Merbau, Iroko, Afrormosia
Resistenzklasse 2 Eiche, Western Red Cedar, Basralocus, Bongosse (Azobe), Bubinga, Wenge
Resistenzklasse 3 Nussbaum, Keruing
Resistenzklasse 3 – 4 Douglasie, Kiefer, Lärche, Ulme
Resistenzklasse 4 Fichte, Tanne, Hemlock, Southern Pine
Resistenzklasse 5 Buche, Ahorn, Erle, Birke, Esche, Linde
Die in der Tabelle angegebene Dauerhaftigkeit bezieht sich nur auf Kernholz; Splintholz aller Holzarten gehört zur
Resistenzsklasse 5. Die Widerstandsfähigkeit nimmt von 1 bis 5 ab.

B 5.2 B 5.3
Holz und Holzwerkstoffen ist durch schädliche werden in die gesunden Holzschichten Armie- erreichen. Neben dem konstruktiven muss in
Pflanzen (Pilze) und tierische Schädlinge (In- rungslöcher gebohrt und zur Stabilisierung diesem Fall auch chemischer Holzschutz ange-
sekten) gefährdet. Ein solcher Befall kann Ge- Glasfaserstäbe eingeführt. Die Schalung wird wendet werden, um künftigen Befall zu verhin-
stalt, Funktionsfähigkeit und Tragfähigkeit von mit Quarzsand zu Polymerbeton vergossen. dern. Tritt echter Hausschwamm auf, sind nicht
Holzkonstruktionen bis zur völligen Zerstörung Balkendecken können durch das Aufbetonie- nur die befallenen Holzbauteile großräumig zu
verändern. ren einer mit Dübeln verankerten Druckplatte entfernen, sondern auch das angrenzende
Ohne chemische Holzschutzmaßnahmen kann aus Beton verstärkt werden (Holz-Beton-Ver- Mauerwerk. In einigen Bundesländern wie Ham-
bei einer dauerhaften Holzfeuchte von über bunddecke). Auch beschädigte Balkenköpfe burg, Hessen, Sachsen oder Thüringen ist die-
20 % und Temperaturen zwischen + 3 und lassen sich durch Laschen ersetzen. Der ur- ser gefährliche Pilz meldepflichtig.
+ 40 °C Pilzbefall auftreten. Holz zerstörende sprünglichen Gestalt am nächsten kommt ein Das Holz kann durch bekämpfenden (bei be-
Pilze bauen bei ihrer Entwicklung organisches verblatteter Ersatz des angegriffenen Holz- reits erfolgtem Befall) und vorbeugenden Holz-
Material aus dem Holz ab. Sie gedeihen be- querschnitts (Denkmalschutz). In kleinteiligen schutz (zur Verhinderung von Schädlingsbe-
sonders in von der Luft abgeschlossenen Be- Fachwerkkonstruktionen können beschädigte fall) geschützt werden. Vorbeugender Holz-
reichen. Der echte Hausschwamm ist der am Verbindungen und Stäbe durch Verblattungen, schutz wird durch eine geeignete Holzauswahl
meisten gefürchtete Pilz. Er entzieht dem Holz Futterhölzer und mit speziellen Zapfen ver- (gut getrocknetes und abgelagertes Holz einer
Zellulose und lässt das Lignin als braune Sub- sehene Stiele und Riegel ausgetauscht wer- Holzart von hoher Dauerhaftigkeit), durch kon-
stanz zurück. Neben Nadelholz kann ebenso den. struktiven und chemischen Holzschutz erreicht.
das Mauerwerk befallen werden. Auch Pilze Vom Hausbock befallene Holzbauteile müssen Dabei ist das Kernholz von Fichte und Tanne
wie der Kellerschwamm, weiße Porenschwamm, durch das Entfernen der befallenen Stellen bis nach DIN 1052 wenig dauerhaft (Klasse 4),
Eichenwirrling, Eichenporling oder Blättlinge zum gesunden Holz saniert werden, solange Kiefer und Lärche mäßig dauerhaft (Klasse
zersetzen die Holzsubstanz. Holzverfärbende der Restquerschnitt eine ausreichende sta- 3 – 4) und Eiche dauerhaft (Klasse 2) einzustu-
Pilze wie Bläue- oder Schimmelpilze beein- tische Tragfähigkeit besitzt. Ist das nicht der fen (Abb. B 5.3). Splintholz aller Holzarten eig-
trächtigen das Aussehen, führen aber nicht Fall, dient das Heißluftverfahren zur Insekten- net sich nicht für einen dauerhaften Einsatz.
zu einer Holzzersetzung. Sie können aber die bekämpfung. Dabei wird in einen abgeschlos- Konstruktiver Holzschutz muss auch bei der
Beschichtungen zerstören und damit Folge- senen Raum (z. B. Dachstuhl) eine Stunde lang Sanierung im Vordergrund stehen. Erdkontakt,
schäden durch eindringende Feuchtigkeit erhitzte Luft eingeblasen, um bei einer Tempe- Tauwasserbildung und dauernde Durchfeuch-
auslösen. ratur von über 55 °C den Befall überall abzu- tung des Holzes sind zu vermeiden; feuchte
Insekten – in erster Linie Käfer, z. B. der Haus- töten. Die Oberflächentemperatur des Holzes Hölzer sollten durch Be- und Hinterlüftung
bock (meldepflichtig), der gemeine Nagekäfer darf jedoch 120 °C nicht überschreiten (Brand- trocknen können. Nach DIN 68 800-3 sind
und der braune Splintholzkäfer – nutzen das schutz). Im Anschluss sollte ein vorbeugender Holzbauteilen Gefährdungsklassen von GK 0
Holz (vorwiegend Nadelholz im Splintbereich) chemischer Holzschutz erfolgen. Bei Holz zer- (bedarf keines chemischen Holzschutzes) bis
als Nahrung und Behausung für ihre Larven. störendem Pilzbefall lässt sich eine Sanierung GK 4 (extrem gefährdet) zugeordnet. Bei
Dieser Lochfraß kann das Holz vollkommen nur durch den Ersatz der betroffenen Bauteile GK 1– 4 ist ein chemischer Holzschutz nicht
zerstören. Die fertig entwickelten Käfer ver-
lassen das Holz über charakteristische Flug-
löcher. Dabei können nicht nur lebende Bäume
befallen werden, sondern auch trocken einge-
bautes Holz. Bereits eine Holzfeuchte von über
10 % bietet für den Befall eine optimale Voraus-
setzung.

Sanierung
Unterdimensionierte Holzbauteile können durch
das Anbringen von Laschen oder Profilen aus
Holz, Holzwerkstoffen (Furnierstreifen-, Furnier-
schicht- oder Brettschichtholz), Stahl und Ar-
mierungen verbessert werden. Auch kunstharz-
gebundene Polymerbetone auf Basis von Epo-
xid- und Polyesterharzen lassen sich zur Er-
gänzung und Verstärkung verwenden. Hierzu
B 5.4

87
Baustoffe in Sanierungsprojekten

zwingend notwendig, wenn »natürlich dauer- Je nach Anteil an Legierungselementen (L)


hafte« Hölzer verwendet werden. und Kohlenstoff (C) wird Stahl in unlegierten
Zur Vermeidung von Pilzbefall wird eine Holz- (C < 0,2 %), niedrig legierten (C > 0,2 %,
feuchte von weniger als 20 % vorausgesetzt, L < 5 %) sowie hoch legierten Stahl (L > 5 %)
Insektenbefall ist bei einer Holzfeuchte unter unterschieden. Nicht rostender Stahl ist hoch
10 % ausgeschlossen. Bleibt Holz offen und legiert und wird auch als Edelstahl bezeichnet
auf Befall kontrollierbar, kann ebenfalls auf che- (Chrom > 12 %). Höhere Chromgehalte und
mischen Holzschutz verzichtet werden (z. B. in weitere Legierungsbestandteile wie Nickel,
nicht ausgebauten Dachstühlen). Bei sorgfäl- Molybdän, Titan oder Niob verbessern die
tiger Planung können alle tragenden Bauteile Korrosionsbeständigkeit.
außer Schwellen (GK 2) der Gefährdungsklas-
se 0 zugeordnet werden. Wird splintfreies Holz Schäden
von Kiefer, Lärche oder Douglasie benutzt, ist Aufgrund der großen Affinität von Stahl zu Sau-
ebenfalls kein chemischer Holzschutz erfor- erstoff findet unter Einfluss von Sauerstoff- und
derlich. Feuchte (Luftfeuchte > 70 %) Korrosion statt
Chemische Holzschutzmittel sollen Pilz- und (Abb. B 5.5, 6 und 11). Dieses »Rosten« ist mit
B 5.5 Insektenbefall entgegenwirken. Tragende Bau- der Abtragung des Stahls verbunden, sodass
teile setzen einen vorbeugenden Holzschutz Stahl vor allem außen gut geschützt werden
voraus, wobei chemische Maßnahmen nur für muss. Die Korrosivitätsklassen C 1– 5 geben
bestimmte Gefährdungsklassen infrage kom- die Abtragungsraten ungeschützter Stahlbau-
men. Vorbeugender chemischer Holzschutz teile an (z. B. C 5: Industrieluft mit Schwefel-
verhindert Insekten- und Pilzbefall entweder dioxid, Chlor, Rauchgasen, Flugasche oder
durch wasserlösliche, in Trog- oder Druck- Meeresklima 650 –1500 g / m2a). Im Stahlbeton
imprägnierverfahren eingebrachte toxische Sal- ist der Stahl aufgrund des alkalischen Milieus
ze oder durch im Streichverfahren aufgetrage- des ihn umgebenden Betons vor Korrosion ge-
ne lösungsmittelhaltige oder ölige, organische schützt bis der Beton karbonisiert.
Lösungen. Bekämpfender chemischer Holz-
schutz wird nach einem Befall angewendet. Sanierung
Hier kommen neben Anstrichen auch Tränkun- Rostbildung wird durch diverse Beschichtun-
gen (u. U. unter Druck) bzw. Wirkstoffpatronen gen (z. B. Streichen, Walzen, Tauchen, Spritzen
in Bohrlöchern zum Einsatz. Für nichttragende, von Schutzanstrichen) und galvanische Verfah-
maßhaltige Bauteile kann von einer chemischen ren verhindert. Die Oberfläche muss vorher
Behandlung abgesehen werden. In diesem Fall durch Schleifen, Strahlen oder Säure von Rost,
B 5.6 empfiehlt sich eine schriftliche Vereinbarung Fett und alter Farbe befreit werden. Tauchen
zwischen Architekt und Bauherrn. Im Innen- und Galvanik sind nur bei ausgebauten Bautei-
ausbau sollten Holzschutzmittel grundsätzlich len möglich. Die Kombination Galvanik / Farbe
nicht großflächig angewendet werden. Bei (Duplexverfahren) bietet eine erhöhte Schutz-
Fenstern und Außentüren kann bei Verwen- wirkung. Fugen und kleine Risse lassen sich
dung von dauerhaftem Kernholz darauf ver- z. B. mit Kitt (früher Mennigekitt, bleihaltig) und
zichtet werden. Leinölfirnis schließen (Abb. B 5.32 und 34).
Farbanstriche bestehen aus einem mageren
Eisen und Stahl Grund- und einem fetten Deckanstrich. Erd-,
Als Stahl bezeichnet man Legierungen aus Grafit- oder Silikatfarben werden mit Wasser-
Eisen und Kohlenstoff mit einem Kohlenstoff- glas, Teer und Asphalt gemischt sowie mit
gehalt von < 2,1%. Unvermeidliche Begleitbe- Leinöl und Firnis gebunden.
standteile sind Phosphor, Schwefel und Stick-
stoff. Weitere Zusatzstoffe wie Mangan, Sili- Stahlbeton
cium, Chrom, Nickel und Molybdän können Beton besteht aus Zement, grobem und feinem
hinzulegiert werden. Baustahl (bis etwa 1900 Zuschlag, Wasser und funktionsabhängigen
Schmiedeeisen genannt) ist nicht härtbarer Zusatzstoffen oder -mitteln. Er erhält seine Ei-
B 5.7 Stahl mit einem Kohlenstoffgehalt < 0,5 %, nicht genschaften durch Erhärten des Zementleims.
gießbar und mäßig elastisch. Härtbarer Stahl Stahlbeton ist ein Verbundbaustoff, bei dem
(legiert z. B. mit Mangan, Chrom, Silicium, Wolf- Beton Druckkräfte und Stahl Zugkräfte auf-
ram) weist einen Kohlenstoffgehalt von 0,5 bis nimmt, und wird erst seit Anfang des 20. Jahr-
1,5 % auf und kann geschmiedet oder gegos- hunderts eingesetzt.
sen werden. Er ist elastisch, dehnbar und zug-
fest. Gusseisen besitzt einen Kohlenstoffgehalt Schäden
von 2,3 bis 5 %. Es kann nur kalt bearbeitet Karbonatisierung ist eine chemische Reaktion,
werden, ist spröde und nur bedingt schweiß- durch die das im Zementstein des Betons vor-
bar. Durch eine Funkenprobe bei leichtem handene Ca(OH)2 (Calciumhydroxid) zu CaCO3
Anschleifen lässt sich die Metallqualität be- (Kalkstein) umgewandelt wird (Abb. B 5.8).
stimmen: Dabei nimmt der pH-Wert im Porenwasser ab
(von über 13 auf unter 9). Bei pH-Werten über
• rote Strahlen mit Sternchen = Gusseisen 10 bildet sich auf der Bewehrung eine den
• gelbe Linien mit Tropfen = Baustahl Stahl schützende Passivierungsschicht. Sinkt
• hellgelbe Funken mit Sternchen = Werkzeug- der pH-Wert unter 9, kann die Bewehrung kor-
stahl rodieren. Die Karbonatisierung verringert sich
B 5.8

88
Baustoffe in Sanierungsprojekten

B 5.5 hochgeführte Bitumenabdichtung im Spritz-


wasserbereich des Stahlbetonsockels bei einer
mit Bleimennige gestrichenen Stahlstütze
B 5.6 unzureichend beschichteter Stahlhandlauf mit
verstärkter Korrosion durch an der Fassade ab-
laufendes Wasser
B 5.7 Unterfangung einer Hourdisdecke mit zur Mon-
tage segmentierten Stahlträgern
B 5.8 Absprengung von Beton durch Karbonatisie-
rung, unzureichende Überdeckung der Beweh-
rung
B 5.9 durch aufsteigendes Salzwasser geschädigte
Ziegelwand mit Ausbesserungen, Abplatzen des
Fensterladenanstrichs im Fensterbankbereich
B 5.10 Ablösung der Beschichtung durch Fassaden-
bewuchs
B 5.11 Korrosion durch Dauerfeuchte in der offenen
Fuge einer Stahlplatte, die in die Schalung einer
Betonstütze eingelegt ist

B 5.9 B 5.10
mit zunehmendem Betonalter und hängt von fähiges bzw. kraftschlüssiges Verbinden der (Ziegel, Klinker) und die ungebrannten Steine
der Wetterbelastung und Oberflächenstruktur Flanken saniert. Dazu kommt je nach Rissart, wie Hütten-, Beton- oder Kalksandstein und
ab. Sie lässt sich durch Besprühen mit ethanol- -verlauf, -breite, -bewegung und -zustand die Porenbeton (ab 1929).
haltiger Phenolphthaleinlösung an frischen Tränkung bzw. Injektion mit Epoxidharz, Poly- Ziegel werden aus Ton, Lehm oder tonartigen
Bruchstellen sichtbar machen. Bei pH-Werten urethanharz, Zementleim oder Zementemulsion Massen und eventuellen Zusatzstoffen (z. B.
zwischen 8,2 und 9,8 schlägt die Farbe von infrage. Scherben) geformt (Handformung, Strangpres-
farblos (neutral) zu violett (alkalisch) um. Auch Reicht die Überdeckung aus, werden Oberflä- se), getrocknet und bei etwa 900 –1200 °C ge-
Chloride (Tausalz) im Porenwasser können zu chenschäden mit Betonersatz ausgebessert, brannt. Voll- und Hochlochziegel dienen der
Rostbildung an der Bewehrung führen. Weiß- indem kunststoffmodifizierte, zementgebun- Ausführung von tragendem und nichttragen-
liche Flecken durch ausgewaschenes Calcium- dene Mörtel im Handauftrag oder rein zement- dem Mauerwerk. Als Hintermauerziegel werden
hydroxid können sich auf angrenzenden Bau- gebundene Spritzmörtel verwendet werden. sie für verputztes und verblendetes Mauerwerk
teilen ablagern. Bestehende Stahlbetonkonstruktionen können eingesetzt. Leichtziegel werden mit Porosie-
z. B. mit Stahlträgern unterfangen werden (Abb. rungsstoffen (Sägemehl, Polystyrolschaum) her-
Sanierung B 5.7). Nicht ausreichend tragfähige Bauteile gestellt. Sie haben gegenüber Mauerziegeln
Betoninstandsetzung setzt das Wissen um die lassen sich auch durch Zusatzbewehrung mit eine verminderte Wärmeleitfähigkeit und Druck-
Schädigungsursache und die Wahl der richti- Stahl- oder Kohlefaserlamellen platzsparend festigkeit. Vormauerziegel und Klinker – ober-
gen Instandsetzungstechnik voraus. Zur Scha- optimieren. Die Oberfläche kann durch Spritz- halb der Sintergrenze gebrannt (1150 –1300 °C,
densanalyse dienen verschiedene Methoden, mörtel, Hydrophobierungen, Imprägnierungen rohstoffabhängig) – eignen sich für frostbe-
von der visuellen Bestandsaufnahme über die und Beschichtungen umhüllt werden. Ist trotz ständiges Sichtmauerwerk. Um verschärften
zerstörungsfreie und zerstörungsarme Bewer- Oberflächenschutz die Bewehrung korrosiven Dämmstandards zu entsprechen, sind neben
tung bis zur Probenentnahme zur erweiterten Umgebungsbedingungen ausgesetzt, wird sie Leichtziegelmauerwerk heute Verblendziegel-
Untersuchung im Labor. beschichtet oder elektrochemisch geschützt. konstruktionen mit Zwischendämmung ge-
DIN 1504 sieht elf Strategien für die Instandset- Die Umgebungsbedingungen werden in Expo- bräuchlich. Nach vielen ortstypischen For-
zung von Schäden an Beton vor: sitionsklassen erfasst. maten und dem 1871 eingeführten Reichsfor-
mat (RF 25/12/6,5 cm) setzte sich nach dem
• IP: Schutz gegen das Eindringen von Stoffen Mauerwerk Zweiten Weltkrieg in Deutschland schließlich
• MC: Regulierung des Wasserhaushalts des Mauerwerk kann aus natürlichen oder künst- das auf einem Achsraster von 12,5 cm basie-
Betons lichen Steinen bestehen. Natursteine werden rende Oktametermodul (Normalformat: 24/11,
• CR: Betonersatz nach Ihrer Entstehung in Sedimentgesteine 5/7, 1 cm, Fuge 1,0 cm vertikal / 1,2 cm horizon-
• SS: Verstärkung (z. B. Kalkstein, Muschelkalk, Sandstein), mag- tal) im Mauerwerksbau durch.
• PR: physikalische Widerstandsfähigkeit matische Gesteine (z. B. Granit) und Umwand- Mörtel besteht ähnlich wie Beton, Estrich oder
• RC: Widerstandsfähigkeit gegen Chemika- lungsgesteine (z. B. Marmor) unterschieden. Zu Putz aus feiner Gesteinskörnung, Bindemittel
lien bei Bewehrungskorrosion den künstlichen Steinen zählen die gebrannten und Wasser. Bei den Mörtelgruppen unterschei-
• RP: Erhalt oder Wiederherstellung der Pas-
sivität
• IR: Erhöhung des elektrischen Widerstands
• CC: Kontrolle kathodischer Bereiche
• CP: kathodischer Schutz
• CA: Kontrolle anodischer Bereiche

Die Instandsetzung von Beton erfolgt in der


Regel durch das Aufbringen von Ersatz- oder
Schutzschichten. Durch Methoden wie Ab-
stemmen von lockerem Beton, Reinigung mit
der Drahtbürste, Reinigung mit Nadelpistole,
Abschleifen, Trocken-, Kugel-, Hochdruck-
wasser- oder Flammstrahlen wird der Unter-
grund vorbereitet. Risse gelten bis zu einer
Breite von 0,3 mm als ungefährlich. Sie wer-
den durch Schließen, Abdichten und dehn-
B 5.11

89
Baustoffe in Sanierungsprojekten

B 5.12 teilsanierte Kupferblechverwahrung einer begeh- det man nach Bindemitteln MG 1-Kalkmörtel Gebäudehülle
baren Flachdachabdichtung (Sand und gebrannter Kalk), MG 2-Kalkzement-
B 5.13 Kupferblechabdeckung über einem mit Flicken
mörtel, MG 3-Zementmörtel (Sand und Zement) Trag- und Hüllkonstruktionen lassen sich nur
reparierten, versprödeten und abgerutschten
Attikabereich einer älteren Dachhaut aus Syn- und MG 4-Gipsmörtel (Sand und Gips). Mit der selten völlig trennen. Die Hülle dient in erster
thesekautschuk Entwicklung von Zementprodukten im 19. Jahr- Linie der Kontrolle des von außen und innen
B 5.14 Verlegearbeiten im Schweißverfahren auf einem hundert tritt der Kalkmörtel in den Hintergrund, (als Dampf) einwirkenden Wassers. Steigende
Flachdach da er weniger druckfest als Zementmörtel ist. Energiepreise haben zu Aufbauten geführt, die
B 5.15 durch abrutschenden Schnee ausgebrochene
Falzziegel im Traufbereich, beginnende Moos-
Kalkmörtel wirkt allerdings desinfizierend sowie wesentlich von den Parametern Dämmung und
bildung feuchteregulierend, da er Feuchte etwa zehn- Luftdichtheit bestimmt werden. Die Anpassung
B 5.16 verformtes Aluminium-Profilblech mal schneller als Zementmörtel abgibt, und bestehender Bauten an aktuelle Rahmenbedin-
B 5.17 alte Dachziegel nach mehrjähriger Bewitterung eignet sich daher als Sanier- und Innenputz. gungen stellt energiewirtschaftliche ein immen-
(links) und neu eingedecktes Ziegeldach Mischprodukte gleichen die Vor- und Nachteile ses Sparpotenzial dar.
(rechts)
aus. So beinhaltet Kalkmörtel der MG 2 zwei
Teile gebrannten Kalk auf einen Teil Zement Flachdach
und sechs Teile Sand. Leichtmörtel und Dünn- Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen stellt
bettmörtel werden bei Leichthochloch-Ziegel- das Warmdach mit einer unter der Dichtung
mauerwerk eingesetzt. angeordneten Dämmung aus Polystyrolpartikel-
schaum (ab etwa 1960) oder Mineralwolle das
Schäden gebräuchlichste Flachdachsystem dar. Bei
Die Hauptursache von Mauerwerksschäden einem Umkehrdach mit einer über der Dich-
ist Feuchte. Sie wäscht Ablagerungen wie tung angebrachten, wasserbeständigen Däm-
endogene Ausblühungen (Salpeterausblühun- mung aus Polystyrolextruderschaum (ab etwa
gen, Kalkauslaugungen oder -aussinterungen) 1970) wird die Dachhaut besser geschützt. Ge-
aus, dient als Transportmittel für exogene Ver- fälledämmung ist hier jedoch nicht möglich, da
schmutzung sowie Verkrustungen und be- die Dämmung sehr teuer und durch den Kon-
schleunigt die Oberflächenverwitterung (Ver- takt mit kaltem Regenwasser weniger effizient
färbung, Bleichen, Flecken, Patinierung). Salz- ist. Im Kompaktdach werden Schaumglasplat-
kristallisation und Frost können zum Zerfall der ten allseitig in heißem Bitumen verlegt und zu-
Steine durch Schichtenbildung, Kohäsionsver- sätzlich mit Bahnen abgedichtet. Das Duo-
lust mit Blasenbildung, Zerbröckeln und Fehl- Dach kombiniert die Vor- und Nachteile von
stellen durch aufgelöstes Bindemittel im Fugen- Warm- und Umkehrdach und ist vor allem bei
bereich führen (Abb. B 5.9). Sanierungsprojekten von bestehenden Flach-
Auch biologischer Bewuchs durch Pflanzen, dächern sinnvoll.
B 5.12 Moose, Flechten, Algen und Schimmelpilze Das bei der Erdöldestillation anfallende Bitu-
wird durch hohe Mauerwerksfeuchte gefördert men ersetzt seit Anfang des 20. Jahrhunderts
(Abb. B 5.10). Im Keller- bzw. Sockelbereich die gesundheitsschädlichen Teerprodukte bei
kann Wasser kapillar im Mauerwerk aufsteigen. der Dachabdichtung. Bitumendichtungsbah-
Risse hingegen entstehen vor allem durch nen bestehen aus einem mit Bitumen getränk-
Schwinden, Temperaturänderungen und Bau- ten Trägermaterial, das beidseitig mit einer zu-
werksbewegungen. Verblendschalen unterlie- sätzlichen Bitumendeckschicht (meist Polymer-
gen hohen Temperaturschwankungen, sind bitumen) versehen ist und eine mineralische
rissgefährdet und müssen sich frei bewegen Bestreuung (z. B. Talk, Sand, Schiefer) enthält.
können. Bei unzureichenden Überbindmaßen Die Trägereinlagen aus Polyestervlies, Jute-
im Verband (mindestens 0,4 cm hoch und gewebe, Glasgewebe oder Glasvlies (ab ca.
4,5 cm breit) können Risse entstehen, die u. U. 1950) bestimmen das mechanische Verhalten
zu statischem Versagen der Wand führen. wie Festigkeit, Dehnfähigkeit und Reißfes-
tigkeit. Dauerhaft dichte Bitumenabdichtungen
Sanierung lassen sich nur durch homogenes Verbinden
Nach einer Trockenreinigung erfolgt die Nass- der Dichtungsbahnen herstellen. Hierfür wer-
reinigung (Hochdruck) des Mauerwerks. Kalk- den diese mehrlagig in parallelen Bahnen mit
B 5.13 ausblühungen, -auslaugungen und -sinterun- Lagenversatz und mindestens 8 cm Naht- und
gen werden durch Abbürsten und ggf. Säure Stoßüberdeckung vollflächig miteinander ver-
entfernt. Schadhafte Verfugungen und Steine klebt oder verschweißt. Dabei kommen ver-
werden entnommen, Hohlräume und Risse mit schiedene Verfahren zum Einsatz:
Injektionsmörtel verpresst sowie Steine und Fu-
genmörtel (mindestens 15 mm tief) ersetzt. Vor • Gießverfahren: Eine Bahn wird in Heißbitu-
der Neuverfugung wird die Oberfläche unter men verlegt, das mit einer Kanne aufge-
Hochdruck gereinigt und genässt, danach ggf. bracht wurde.
hydrophobiert (nicht abgedichtet). Dehnfugen • Schweißverfahren: Hier wird die Bahn mit
(geplante Risse) verhindern unplanmäßige einem Brenner angeschmolzen (Abb.
Risse, sind aber nachträglich schwer zu reali- B 5.14).
sieren. Die Feuchtebelastung kann durch kon- • Bürstenstreichverfahren: Heiße Bitumen-
struktive Maßnahmen wie vergrößerte Dach- klebemasse wird vor der nächsten Bahn in
überstände gemindert werden. Aufsteigende Bürstenstrichbreite aufgetragen.
Feuchtigkeit lässt sich durch nachträglich ein- • Kaltverklebung: Dabei werden die Bahnen
gebrachte Sperrschichten und Injektionen kon- mit Kaltklebemassen aus Bitumen oder Poly-
trollieren. urethan-Klebstoffen miteinander verklebt.
B 5.14

90
Baustoffe in Sanierungsprojekten

B 5.15 B 5.16 B 5.17


Dachdichtungen aus Gussasphalt lassen sich wie Ziegeln, Betondachsteinen, Faserzement- Metalldeckungen
nur auf festen Oberflächen einsetzen, die aber platten, Schiefer oder organischen Materialien Metalle (gr. Metallon = Bergwerk) unterscheiden
dann allerdings direkt befahr- und begehbar wie Reet, Holz- und Bitumenschindeln ge- sich in Eisenwerkstoffe und Nichteisenmetalle.
sind. deckt. Ziegeldeckungen bestehen ähnlich Als Eisenwerkstoffe werden Metalllegierungen
wie Mauerziegel aus Lehm, Tonerde und Sand. bezeichnet, bei denen der Eisenanteil höher ist
Kunststoffdichtungsbahnen – z. B. aus weich Sie werden stranggepresst (Biberschwanz) als der jedes anderen Legierungselements. Zu
gemachtem Polyvinylchlorid (PVC-P) oder Ela- oder in vielfältigen Formen, Farben und Ober- den bekanntesten Metalllegierungen zählen
stomeren – sind mit oder ohne Trägermaterial flächenstrukturen gepresst, getrocknet und Messing (Kupfer-Zink-Legierung) und Bronze
(Glasgittervliese) erhältlich. Diese wurden nach anschließend gebrannt. Ähnliche Formen (Kupfer-Zinn-Legierung). Nichteisenmetalle
frühen Schäden (1970er-Jahre) schon ver- und Farben bieten aus Portlandzement, Was- werden nach ihrer Dichte unterteilt in Schwer-
schiedentlich modifiziert und kommen haupt- ser und Quarzsand hergestellte Betondach- metalle (Rohdichte > 4,5 g / cm2 wie Blei, Kup-
sächlich im Industrie- und Gewerbebau ab steine. Schiefer ist ein Sedimentgestein und fer, Zink, Zinn, Chrom, Nickel) und Leichtme-
den 1970er-Jahren zum Einsatz. Sie werden in den Glimmerlagen im Gestein spaltbar. Fa- talle (Rohdichte < 4,5 g / cm2, wie Aluminium,
mit Heißkleber verklebt und mechanisch befe- serzementplatten und -wellplatten bestehen Magnesium, Titan).
stigt oder mit Auflast verlegt, wobei auf die heute aus einer mit Polyvinylalkoholfasern ar- Aluminium zählt zu den Leichtmetallen, ist aber
Bitumenverträglichkeit der Abdichtungen ggf. mierten Zementmischung, deren Oberfläche vergleichsweise fest. Es gilt aufgrund seines
geachtet werden muss. mit einer Farbbeschichtung wasserabwei- Potenzials von -1,67 Volt als unedel. Seine Kor-
send ausgeführt werden kann. Bei älteren rosionsbeständigkeit beruht auf einer harten,
Schäden Platten ist allerdings mit einer Lungenkrebs durchsichtigen Oxidschicht, die sich auf frisch
Im Vergleich zu Schrägdächern kommt es bei erzeugenden Asbestbewehrung zu rechnen. angeritztem Material bildet. Aluminium lässt
Flachdächern zu weniger, aber teureren Scha- sich kalt und warm verformen (Abb. B 5.16),
densfällen. Unzureichendes Gefälle führt zu Schäden schweißen (abhängig vom Gehalt an Legie-
stehendem Wasser, das die Dichtigkeit der Bei allen Deckungsmaterialien sollte auf eine rungsbestandteilen), löten, kleben sowie schmie-
Dachhaut unnötig beansprucht. Fehlender fachgerechte Verlegung mit den empfohlenen den. Zudem besitzt es eine hohe Leitfähigkeit
Oberflächenschutz der Dichtebene kann zu Dachneigungen geachtet werden. Dennoch für Strom und Wärme.
Schäden durch UV-Einwirkung oder durch können Schäden z. B. in Form von mecha- Kupfer gilt heute neben Aluminium als das
mechanische Einflüsse wie Sturmschäden oder nischer Zerstörung durch Äste, falsches Be- wichtigste Nichteisenmetall. Es ist relativ
zu Durchstanzungen führen. Je nach Dich- gehen oder Wind auftreten (Abb. B 5.18 und weich, verformbar und lässt sich walzen, zie-
tungssystem und -material kann es zu Material- 19). Ständig durchfeuchtete Dachziegel sind hen, schmieden, löten und schweißen, jedoch
ermüdung, Versprödung, Blasen- und Wellen- oft von Ausblühungen (Salze) betroffen. Kalk- schwer gießen. Die Farbe schlägt durch Be-
bildung, Bewuchs oder Rissen durch zu hohe einschlüsse verursachen Abplatzungen durch witterung von rötlich (Buntmetall) in braunrot
Bewegungsspannungen kommen. Volumenvergrößerung. Schwefelgase aus der bis schwarz um (Abb. B 5.12). Des Weiteren
Luft können zu Ausblühungen, grobporige ist Kupfer korrosionsbeständig und unempfind-
Sanierung Tonmischungen zu Pflanzenbewuchs führen. lich gegenüber Zement, Kalk und Gips. Durch
Das Aufbringen einer weiteren Abdichtungs- Faserzementplatten können von Farbverände- Einwirken des Luftsauerstoffs verändert sich
und Dämmschicht eignet sich zur thermischen rungen, Ausblühungen und ätzenden Auslage- dessen Oberfläche in braunes Kupferoxid und
Verbesserung. Hier kann auch ein Gefälle inte- rungen (schädigt Glas) betroffen sein. Unbe- entwickelt im Lauf der Zeit durch Einwirkung
griert werden. Bei starker Durchfeuchtung soll- schichtete Platten weisen oft eine Versprödung von Kohlendioxid und Feuchtigkeit an der
te das komplette Dachsystem (ab Tragschicht) durch Bewuchs auf. Oberfläche grüne Patina. Diese besteht aus
ausgetauscht werden. Bei begrenzten Schä- basischem Kupferkarbonat, schützt das Kup-
den reicht örtlich begrenztes Aufkleben bzw. Sanierung fer vor weiterer Oxidation und ist nicht mit dem
Aufschweißen einer zusätzlichen Abdichtungs- Die Reparatur beschädigter Dächer erfolgt giftigen Grünspan zu verwechseln, der sich
schicht oder von Ersatzflicken meist aus. Ver- durch Ersatz der beschädigten oder fehlenden nur in Kontakt mit Essigsäure bildet.
wahrungen, Einläufe und Fugenabdichtungen kleinformatigen Ziegel, Dachsteine, Schiefer, Zink wird für Dachdeckungen in geringen
sollten kontrolliert und gewartet werden (Abb. Schindeln oder Platten (Abb. B 5.17). Versprö- Mengen (< 0,5 %) mit Titan, Kupfer und Alu-
B 5.12 und 13). dete und falsch befestigte Bitumenschindeldä- minium legiert. Es ist weich und silbrig-weiß.
cher müssen oft ganz neu eingedeckt werden, An der Atmosphäre entsteht aus dem pri-
Dachsteine und -ziegel da aufgrund der Überlappung eine ausrei- mären Korrosionsprodukt Zinkhydroxid unter
Geneigte Dächer werden vorwiegend mit ge- chende Dichtung und Befestigung nachträg- Einwirkung von Kohlendioxid basisches Zink-
schuppt angeordneten Deckungsmaterialien lich nicht möglich ist. karbonat, das sehr beständige und schützen-

91
Baustoffe in Sanierungsprojekten

B 5.18 flach geneigte Gaube mit Stehfalzdeckung aus


verzinktem Stahlblech und unzureichendem Ort-
gangdetail
B 5.19 Folgeschäden (Detail aus Abb. B 5.18) im durch-
feuchteten Ortgangbereich
B 5.20 Fensterscheibe mit schadhaftem Randverbund
(Kondenswasser steht im Scheibenzwischen-
raum), abgekreideter Anstrich und Flechten-
bewuchs der Aluminiumprofile, ablösende Ver-
fugung
B 5.21 Feuchteschäden an Wetterschenkel und Blend-
rahmen, Putzschäden durch Ausdehnung der
Fensterbank
B 5.22 saniertes Holzfenster mit Wetterschenkel aus
Eiche und Sonnenschutzlamellen im Schei-
benzwischenraum
B 5.23 Abblättern und Verblassen der Beschichtung
eines Holztors durch UV-Strahlung

B 5.18 B 5.19
de Deckschichten bildet. Dadurch ändert talle wie Kupfer, andererseits durch die Entste- Holz und Holzwerkstoffe
sich die Farbe von silbrig-weiß nach matt- hung von Calciumaluminat aus basischem Im Fassadenbereich werden die einheimischen
graublau. Mauerkalk (Mörtel) angegriffen werden. Nach Hölzer Fichte, Tanne, Kiefer, Lärche, Douglasie
Bleiblech besteht aus Kupferhüttenblei der Zerstörung der Oxidschicht an der Ober- sowie Zedernarten und tropische Hölzer wie
(99,94 %), geringen Legierungszusätzen von fläche zerfällt das Metall. Kupfer steht in der z. B. Afzelia verwendet. Holzwerkstoffe sind
Kupfer (0,04 – 0,05 %) und Beimengungen. Es Spannungsreihe der Metalle bei den edlen Me- platten- oder auch stabförmige Produkte, die
ist wenig zugfest, unterliegt großen temperatur- tallen unter Silber und Gold. Gegenüber nicht durch das Zusammenfügen von zerkleinertem
bedingten Längenänderungen, weist aber eine oxidierenden Säuren wie Salzsäure ist es aber Holz (z. B. Bretter, Furniere, Stäbchen, Stäbe,
hohe Beständigkeit gegen fast alle Säuren auf. beständig. Unter Bildung entsprechender Kup- Späne, Fasern, Wolle) unter Zugabe von Binde-
Das weiche, in kaltem Zustand verformbare fersalze oxidiert es bei Schwefel- und Salpeter- mitteln bzw. Leim und Zusatzstoffen wie Härter,
(ziehen, walzen, gießen und löten), mattgrau säureeinwirkung. Zink wird von Säuren und Holzschutz-, Flammschutz- oder Hydrophobie-
abfärbende Metall ist an der Luft korrosionsbe- Laugen unter Freisetzung von Wasserstoffgas rungsmittel etc. hergestellt werden. Das Zer-
ständig: Zunächst entsteht auf der Oberfläche angegriffen und oxidiert (etwa durch Gerbsäu- kleinern durch Zersägen, Schälen, Spalten,
ein Überzug aus Oxid, das später durch die re, früher auch Teer). Es ist gegenüber Salz- Zerspanen, Zerhacken oder Zerfasern und an-
Reaktion mit (atmosphärischem) Kohlendioxid und Schwefelsäure sowie Natronlauge unbe- schließendes Zusammenfügen bewirkt eine
eine hellgraue Patina aus Bleikarbonat (PbCO4) ständig und löst sich auf. Beim sogenannten gleichmäßige Ausprägung der richtungsabhän-
bildet. Nach einer schnellen Karbonatbildung Weißrost bilden sich durch Mangel an Kohlen- gigen Holzeigenschaften, sodass Holzwerk-
am Anfang ist ab fünf Jahren mit einer linearen dioxid unter Feuchteeinfluss keine Schutz- stoffe im Unterschied zu Vollholz geringere
Abtragung zu rechnen. schichten aus Zinkkarbonat, sondern Korro- Eigenschaftsstreuungen und weitgehende Iso-
sionsprodukte, die im ungünstigsten Fall zu tropie in Plattenebene aufweisen. Für Fassaden
Schäden einer punktuellen Durchrostung der Bleche eignen sich Vollholz, Sperrholz und zement-
Elektrochemische Korrosion kann bei Kupfer führen. Die Korrosion exponierter verzinkter gebundene Faserplatten.
mit Aluminium, Titanzink oder verzinktem Stahl Oberflächen ist in den letzten beiden Jahr- Sperrholz ist aus mindestens drei versetzt auf-
auftreten. Deshalb sollten diese Metalle in zehnten als direkte Folge des abnehmenden einandergeleimten Furnierlagen aufgebaut. Der
Fließrichtung des Regenwassers nicht unter- Säuregehalts der Luft (vor allem von Schwefel- Absperreffekt kompensiert das unterschied-
halb von Kupferwerkstoffen verwendet werden. dioxid) zurückgegangen. Blei wird durch or- liche Schwindverhalten in Längs- und in Quer-
Abtragungsprodukte durch Wind, Wetter und ganische Säuren, u. a. auch aus Harthölzern, richtung. Nach Art der Mittellage wird zwischen
Regen sind selten reine Metalle, sondern durch durch Kondensat und die alkalischen Bestand- Furniersperrholz mit ausschließlich parallel zur
Umwelteinwirkung entstandene Metallverbin- teile von frischem Mörtel und Beton angegrif- Plattenebene angeordneten Furnieren, Stäb-
dungen. Durch Abtragung vermindert sich die fen, kann aber durch porenfreie Schutzan- chensperrholz mit einer Mittellage aus hoch-
Metalldicke; das Metall bedarf ggf. eines Korro- striche oder entsprechende Zwischenlagen kant gestellten, verleimten Schälfurnierstreifen
sionsschutzes, wobei der Abtrag von der Kor- geschützt werden. Viele alte Wasserleitungen sowie Stabsperrholz (Tischlerplatte) mit einer
rosivitätskategorie (C1 = unbedeutend bis C5 bestehen noch aus Blei (10 – 20 %). Weiches Mittellage aus gesägten zusammengeleimten
= sehr stark) für atmosphärische Umgebungs- Wasser mit 8 °dH kann aus Blei gesundheits- Vollholzleisten unterschieden. Furnierschicht-
bedingungen (nach DIN EN ISO 12 944-2) ab- schädliches Pb(OH)2 lösen. Bei hartem Wasser holz besteht aus faserparallel geschichteten
hängt: bildet sich jedoch eine Schutzschicht aus ba- und wasserfest verleimten Furnieren. Bei grö-
sischem Blei-Calcium-Karbonat, die verhindert, ßeren Breiten werden zur Stabilisierung quer
• Aluminium: bis 10 g / m2a dass Bleiablösungen in das Trinkwasser kom- verlaufende Furnierblätter eingelegt. Furnier-
• Kupfer: bis 50 g / m2a men. Auch Bleilote an Kupferrohren können für streifenholz setzt sich aus dünnen Furnierstrei-
• Zink: bis 60 g / m2a eine Bleibelastung im Trinkwasser verantwort- fen zusammen, die wasserfest zu Plattenbalken
• Blei: bis 7,4 g / m2a lich sein. verleimt und in Standardabmessungen zu Bal-
ken zurechtgeschnitten werden.
Durch die Abtragung gelangen Verbindungen Sanierung Leimholz besteht aus einzelnen, schmalen, in
in den Boden und ins Abwasser, die hinsicht- Nach einer gründlichen mechanischen Reini- der Länge keilgezinkten Lamellen, die zu Plat-
lich ihrer Umweltverträglichkeit kritisch zu prü- gung der Bleche kann ein Oberflächenschutz ten unterschiedlicher Länge, Breite und Dicke
fen sind. Gleichzeitig entsteht durch Oxidation aufgetragen werden, der die Berührung mit verleimt werden. Brettschichtholz ist ein aus
an der Atmosphäre eine Schutzschicht (Pa- Wasser und Sauerstoff unterbindet. Einzelne mindestens drei Brettlagen bestehendes Na-
tina). Durch diese verringert sich der Abtrag Fehlstellen können durch Löten oder Einlöten delholz, dessen gehobelte Breitseiten parallel
kontinuierlich. neuen Materials ausgebessert werden. Pati- übereinanderliegen und zu einem Gesamtquer-
Aluminium kann einerseits durch edlere Me- nieröle gleichen Farbunterschiede aus. schnitt verleimt sind.

92
Baustoffe in Sanierungsprojekten

Faserplatten unterscheidet man je nach Roh- Sanierung


dichte in poröse (nicht bituminiert / bituminiert), Holzbauteile lassen sich vor einer direkten
mittelharte (auch MDF-Platten, Medium Density Bewitterung durch entsprechende Beschich-
Fibreboard, genannt) und harte bzw. extraharte tungssysteme schützen, die auch gewartet
Holzfaserplatten. Sie werden vor allem für den werden müssen. Bei fortgeschrittener Oberflä-
Innenausbau im Nassverfahren, bei dem der chenverwitterung können die Flächen durch
Zusammenhalt der Fasern und Faserbündel Abschleifen wieder instand gesetzt werden.
weitgehend auf dem holzeigenen Bindemittel Ist dies nicht mehr möglich, bleibt nur ein Aus-
Lignin und einer natürlichen Faserbindung tausch unter Verbesserung des konstruktiven
durch Verfilzung beruht, oder im Trockenver- Holzschutzes übrig. Sollen bestimmte Farb-
fahren mit Kunstharzen hergestellt. Je nach Art effekte erreicht und das Holz gegen UV-Strah-
des Bindemittels werden organische (Kunst- lung geschützt werden, muss eine Beschich-
harz) und mineralische Platten (Portland-, Mag- tung mit Decklack oder Lasur erfolgen, die
nesiazement, Gips) unterschieden. Grobspan- dann regelmäßig aufgefrischt werden sollte.
platten bestehen aus größeren, schichtweise
gerichteten Spänen, auch OSB-Platten (Orien- Fenster und Türen
ted Strand Board) genannt. Holzwolleleicht- Für Holztüren und -fensterrahmen werden in B 5.20
bauplatten entstehen unter geringem Press- Deutschland neben Fichte, Tanne, Kiefer, Lär-
druck aus langfaseriger mineralisierter Fichten- che und Eiche auch Tropenhölzer wie das röt-
holzwolle und einem mineralischen Bindemittel liche Meranti (beständig und astfrei) verwen-
(Portlandzement, Magnesit). Sie dienen im Fas- det. Die Qualität des verwendeten Holzes ist für
sadenbereich vor allem als Putzträger. deren Dauerhaftigkeit und Funktionstüchtigkeit
entscheidend.
Schäden
Holz verwittert an der Atmosphäre nur in der Schäden
Oberflächenschicht, die je nach Holzart, Ver- Wetterschenkel und die unteren Rahmen- bzw.
witterungszeitraum und Exposition bis zu 4 mm Stockteile von Holzfenstern sind besonders
beträgt. Ursache dafür sind fotochemische, stark feuchtebeansprucht (Abb. B 5.21 und
biologische und physikalische Vorgänge, die 22). Große Schäden bis zur vollständigen Zer-
sich überlagern und voneinander abhängen. störung der Holzsubstanz können auch durch
Zu den biologischen Vorgängen gehören auch dampfdichte äußere Beschichtungen auftreten.
Angriffe pflanzlicher und tierischer Schädlinge. Eckspaltenbildung durch Quellen und Schwin-
Äußerlich tritt durch Verwitterung eine Vergrau- den führt zu Feuchtebelastung und Pilzbefall.
ung des Holzes ein. Je nach Ausrichtung kann Der Randverbund von Isoliergläsern hat heute B 5.21
es zum langsamen Abbau der Holzfaser kom- eine Lebensdauer von etwa 25 bis 30 Jahren.
men. Durch UV-Strahlung wird die oberflächen- Schäden drücken sich durch Funktionsverlust
nahe Holzsubstanz ebenso angegriffen. Es und Kondensat im Scheibenzwischenraum aus
entstehen (aus Lignin) bräunliche, wasser- (Abb. B 5.20). Ablagerungen aus anderen Bau-
lösliche und / oder auswaschbare Abbau- stoffen, etwa Rost, Flusssäure aus Holzschutz-
produkte. Werden diese durch Regen- und mitteln oder Silikatablagerungen aus kalkhal-
Windeinwirkung abgetragen, verbleibt weiß- tigen zementgebundenen Fassadenbaustoffen
liche, weniger strahlungsempfindliche Cellu- wie Faserzement, können die Glasoberfläche
lose (Bleicheffekt). anätzen und verschmutzen. Bei älteren Nass-
Bis zu einer Querschnittstiefe von 0,5 mm verglasungen ist oft der Leinölkitt verhärtet und
werden regen- und taubefeuchtete Holzober- gerissen. Neuere Fugendichtungsmassen auf
flächen von dunkelfarbigen Schimmelpilzen Silikon- (Lebensdauer 10 – 20 Jahre) oder Acryl-
besiedelt, deren Lebensgrundlage fotoche- basis (kann gestrichen werden) ersetzen Poly-
mische Abbauprodukte sind. Diese dunklen sulfidkunstharze wie das u. U. PCP-haltige Thi-
Pilze führen ebenso zur Holzvergrauung. Die okol (Verwendung etwa 1955 –1975). Sanie-
Pilzbesiedelung stellt eine »natürliche Pigmen- rungsbedarf entsteht durch Rissbildung bzw.
tierung« der Holzoberfläche dar, durch die Versprödung und Adhäsions- bzw. Kohäsions- B 5.22
der weitere Abbau durch Licht gebremst wird. bruch der Fuge. Bei Trockenverglasungen und
Unterschiedliche Dichte der Gewebeteile führt Dichtungsprofilen aus Synthesekautschuk (ab
bei fortschreitender Erosion zur Hervorhebung 1930) können Versprödung und aufgegangene
der Jahresringe. Bei direkter Bewitterung be- Eckverbindungen auftreten.
trägt die Querschnittsschwächung bis 0,1 mm
pro Jahr. Sanierung
Plattenwerkstoffe können sich aufwölben, rei- Der besonders beanspruchte Wetterschenkel
ßen, durchfeuchten sowie sich von den Rän- von Holzfenstern kann aus Eichenholz herge-
dern her durch eine falsch eingesetzte Verlei- stellt werden, um die Lebensdauer zu verlän-
mung zersetzen und durch Schwinden bzw. gern. Entscheidend für die Lebensdauer sind
Quellen verformen (Abb. B 5.4). Häufig verur- regelmäßige Kontrollen (alle 3 – 5 Jahre), um
sacht auch Korrosion der Befestigungsmittel frühzeitig Beschichtungs- und Feuchteschäden
die Bildung von Schmutzfahnen (Abb. B 5.2). zu erkennen und zu sanieren. Neben dem Auf-
Pflanzliche und tierische Schädlinge wurden polieren der Glasoberfläche kommt bei Bruch
bereits bei Tragkonstruktionen aus Massivholz oder Randverbundschäden nur der Austausch
besprochen (siehe S. 86ff.). der kompletten Glas- oder Fenstereinheit in-
B 5.23

93
Baustoffe in Sanierungsprojekten

frage. Dies ist auch aus thermischer Sicht bei gen durch das Hinterfrieren im Mörtelbett
stark verbesserten U-Werten der Gläser und verlegter Fassadenplatten geworden (Abb.
Rahmen wünschenswert (z. B. handelsübliches B 5.25).
Isolierglas 1975: U = 2,8 W / m2K, heute U-Wer- Manche Gesteine besitzen mit Wasser gesät-
te bis 0,5 W / m2K). Thermisch können Fenster tigt eine deutlich geringere Festigkeit (Sand-
auch durch Zusatzscheiben saniert werden. stein etwa 70 %). Zudem kann Wasser auch
Insekten- und Pflanzenbefall lässt sich kon- Bindemittel aus Gesteinen lösen. Die Auslau-
struktiv oder mit Holschutzmitteln lösen (siehe gungen bilden verdichtete Sinterkrusten, die
S. 86ff.). das Gefüge des Natursteins schädigen. Aus-
blühungen entstehen immer dann, wenn durch
Naturwerkstein kapillaren Feuchtetransport die im Wasser ge-
Die kaum zu überblickende Vielzahl von Ge- lösten Stoffe, meist Salze, an die Oberfläche
steinssorten wird nach ihrer Entstehung in drei gelangen und bei der Verdunstung kristallisie-
große Gesteinsfamilien eingeteilt: Erstarrungs- ren. Erzeugen die Salze auf der Oberfläche
gesteine (magmatische Gesteine, Magmatite) eine Kruste, entstehen auch unterhalb Salz-
sind aus dem abgekühlten und kristallisierten ablagerungen. Die Salzkonzentration führt zu
B 5.24 Magma des Erdinneren (z. B. Granit, Diorit, Absprengungen durch Kristallisationsdruck in
Syenit, Gabbro, Trachyt, Rhyolith und Basalt) der Größenordnung gefrierenden Wassers
entstanden. Ablagerungsgesteine (Sediment- (Abb. B 5.24). Mit Wasser geraten auch schäd-
gesteine, Sedimentite) haben sich aus Verwitte- liche Salze, Verunreinigungen und Gase in den
rungsprodukten von Gesteinen durch Verkit- Stein, die chemische Veränderungen bewirken.
tung und Verfestigung (Diagenese) gebildet Im Unterschied zu Ausblühungen entstehen
(z. B. Konglomerat, Sandstein, Tonstein, Kalk- durch Ablagerung von ausgeschwemmten
stein, Dolomit, Travertin oder Kalktuff). Um- Zementpartikeln sogenannte Zementschleier.
wandlungsgesteine (metamorphe Gesteine, Die nach der Verdunstung des Wassers un-
Metamorphite) haben sich durch Druck- und ansehnlich graue Schicht kann mit Zement-
Temperatureinwirkungen auf abgesunkene schleierentferner schadensfrei beseitigt wer-
Sedimentite oder aus umgewandelten und an- den.
geschmolzenen Magmatiten entwickelt (z. B. Schmutzablagerungen bestehen aus angeweh-
Gneis, Quarzit, Schiefer, Serpentinit, Marmor). ten Stäuben aus Quarz, Kalkspat / Calzit, Gips,
Eine falsche Auswahl von Gestein und Oberflä- Tonen und Rußteilchen. Diese Verschmutzung
chenbearbeitung ist für viele Schäden verant- tritt bei Weichgesteinen wie Kalk- und Sand-
wortlich. Dabei sind die im jeweiligen Gestein stein stärker in Erscheinung. Die anfangs nur
B 5.25 enthaltenen Minerale mit entscheidend. Insta- optische Beeinträchtigung kann durch die Ein-
bile Eisenverbindungen können z. B. zu Verfär- wirkung von Feuchtigkeit und einer chemischen
bungen in Form von braunen Streifen (Rost) Reaktion zu einer festen Haftung der Teilchen
führen. Minerale und Elemente können sich sowie einer Veränderung der Oberfläche füh-
verfärben und andere Bestandteile oder Bau- ren. Andauernde Feuchtigkeit kann zum Ab-
B 5.24 Salzschäden im Spritzwasserbereich eines So-
teile einfärben sowie sich zersetzen, ganz zer- platzen der Schichten führen. Bekannt sind
ckels aus Brannenburger Nagelfluh (Sediment- fallen, Löcher bilden, die Verschmutzung ver- auch Schäden durch Kotablagerungen von
gestein), Sanierung durch Austausch der seit- stärken und das Wachstum von unerwünschter Vögeln wie auch Schäden durch Urin, z. B. an
lichen Verkleidung Kleinflora begünstigen. Auch die Frostbestän- Sockeln durch Hunde oder in WC-Anlagen mit
B 5.25 Ablösung nicht hinterlüfteter Travertinfassaden-
digkeit des Gesteins ist in mitteleuropäischen Urinalen.
platten durch Frost im Sockelbereich
B 5.26 Putzschaden zwischen dem Sockel aus Unters- Breiten entscheidend. Viele Brüche sind unein- Pflanzen können das Steingefüge anlösen und
berger Kalkstein und der geputzten Ziegelwand, heitlich und enthalten sowohl verwitterungsre- durch Wurzelbildung aufsprengen. Bakterien,
die mit einer Bitumenbahn gegen aufsteigende sistente als auch anfällige Partien. Ein Pau- Algen und Flechten rufen durch ihre Stoffwech-
Feuchtigkeit geschützt ist, Glyptothek, München schalurteil auf Basis weniger Proben ist wegen selprodukte und Säuren chemische Umwand-
(D) 1815, Leo von Klenze
B 5.27 Wiederaufbau einer Sandstein-Ziegel-Fassade
der Streuung der Eigenschaften oft unzurei- lungsvorgänge hervor. Zusätzlich ergibt sich
in vereinfachter Form mit Trümmerziegeln, Alte chend. Kann man sich bei heimischen Gestei- eine farbliche Veränderung der Oberfläche
Pinakothek, München (D) 1957, Hans Döllgast nen immerhin auf lange Erfahrungen im Um- durch die Einwirkung von Sonne, Regen und
gang mit ihnen beziehen, so liegen für viele Wind. Diese Patinierung bringt den Charakter
der heute angebotenen fremden Gesteine und des Steins und seine plastische Wirkung zur
deren Varietäten keine Erkenntnisse über ihr Geltung.
Langzeitverhalten vor. Durch Verwitterung werden je nach Klima, Ori-
entierung, Gebäudehöhe, Gesteinsart, Tempe-
Schäden ratur, Strahlung, Luft, Feuchtigkeit, Inhaltsstof-
Dampfförmiges, flüssiges und gefrorenes Was- fen und Organismen in Luft und Wasser Teile
ser verursacht auch bei Steinen die meisten des Materials ausgewaschen. Dadurch erge-
Schäden. Wasser füllt Hohlräume wie Risse, ben sich unterschiedliche Verwitterungen in-
Kapillaren sowie Poren und kann beim Gefrie- nerhalb einer Fassade. Verwitterung und Gips-
ren Absprengungen bewirken. Ursache dieser krustenbildung der Oberfläche karbonatischer
Frostschäden ist die Volumenvergrößerung von Gesteine führen zur progressiven Aufrauung
Eis gegenüber Wasser um etwa 9 %. Beson- der geschliffenen oder polierten Oberfläche
ders schädlich sind häufige Frost-Tau-Wech- und täuschen durch diffuse Rückstrahlung
sel. Seltener sind heute durch Hinterlüftung Farbverlust vor. Hartgesteine wie Granit sind
und mechanische Befestigungen die vor allem gegenüber Verwitterung und Verfall wider-
in den 1970er-Jahren aufgetretenen Ablösun- standsfähig. Dichte Materialien verwittern von
B 5.26

94
Baustoffe in Sanierungsprojekten

der Oberfläche aus mit einem Substanzverlust higer Stein und ein dampfdurchlässiges Im- Ausgangsstoffe) im Werk oder erst auf der
des Steins. Zu den typischen Vertretern dieser prägniermittel, das Farbe und Oberfläche nicht Baustelle zwischen Werkfrisch- und Werk-
Gruppe zählen Marmor und dichte Kalksteine, verändert. Die chemische Industrie bietet Mittel trockenmörtel. Letzterer wird seit Ende des
die an der Oberfläche abmehlen oder von an, die den Stein verfestigen, schützen und er- 19. Jahrhunderts hergestellt. Vorteile sind die
einem dichten, sich auflösenden Überzug aus halten. Allerdings sind durch UV-Strahlung die exakte Dosierung der Rezeptur und die Über-
Gips bedeckt werden. Bei saugfähigen Mate- meisten Imprägnierungen nur begrenzt haltbar. wachungsmöglichkeit während der Produktion.
rialien (z. B. Sandsteine) dringen Schadstoffe Bis in die 1960er-Jahre diente Werkmörtel zu-
tiefer in das Gefüge ein. Es entstehen Krusten Außenputz nächst als Oberputz. Später kommen für Unter-
und Zonen unterschiedlicher Festigkeit, die Unter Putz versteht man einen an Wänden und putze immer mehr Maschinenputze zum Ein-
durch Bindemittelumwandlung und -verlust Decken ein- oder mehrlagig in bestimmter Di- satz. Vor allem die Entwicklung leichter, hoch
gekennzeichnet sind. cke aufgetragenen Belag aus Putzmörteln oder wärmedämmender Wandbaustoffe hat zur Ent-
Natursteine mit porösem Gefüge und kalk- Beschichtungsstoffen, der seine endgültigen wicklung leichter und weicher Putze geführt.
oder dolomithaltigen Bindemitteln sind durch Eigenschaften durch Verfestigung am Baukör- Diese Leicht- oder Dämmputze sind auf Leicht-
Luftverschmutzung gefährdet. Schwefeldioxid per erreicht. Putzmörtel besteht aus Bindemit- mauerwerk abgestimmt und mindern das Riss-
(SO2) reagiert in der Gesteinsoberfläche oder teln, Zuschlagstoffen (Sand) und Wasser, ggf. risiko.
auch erst im Stein mit Feuchtigkeit zu schwefe- aus weiteren Zusätzen. Bei Baugipsen und An- Außenputze dienen neben der Fassadengestal-
liger Säure. Durch die Säure erfolgt eine Auf- hydritbindern für den Innenbereich kann der tung auch zum Schutz der Wand vor Wasser.
lösung. Die Calciumsulfatlösung verdunstet an Zuschlag entfallen. Generell unterscheidet man Diese Eigenschaft wird durch die Kombination
der Steinoberfläche und es bilden sich Aus- Putze mit mineralischen und organischen Bin- von Festigkeit, wasserabweisender Wirkung
blühungen. Kristallisiert das Calciumsulfat im demitteln (Kunstharzputze / Dispersionen). Wie und Putzdicke gewährleistet. Die Dauerhaftig-
Stein, entsteht Gips, wobei die Volumenzunah- Mörtel ist mineralischer Putz in Gruppen nach keit eines Putzes hängt von verschiedenen
me zu Absprengungen führt. Geringere Schä- Bindemitteln eingeteilt. Luftkalk, Wasserkalk Faktoren ab, z. B. Zusammensetzung, Festig-
den entstehen durch Luftverschmutzung mit und hydraulischer Kalk der Putzgruppe I sind keit, Wassersaugvermögen, Verformungsmo-
CO2, das den Kalk in porösen Kalk- und Sand- wenig druckfest, können aber viel Wasser auf- dul, Putzuntergrund und Vorbereitung, Auftrag,
steinen löst. nehmen und abgeben. Putze aus hochhydrau- Kantenanschluss, Nachbehandlung, Beschich-
Bei der Kombination unterschiedlicher Natur- lischem Kalk und Zement entsprechen der tung, Wartung und Pflege. Je nach Putzsystem
werksteine oder von Stein mit anderen Materi- Gruppe II und stellen heute den Standard im werden ein Spritzbewurf, ein Grundputz und
alien ist auf deren Verträglichkeit untereinander Fassadenbereich dar. Putz der Gruppe III (Ze- ein eventuell eingefärbter (Edelputz) Deckputz
zu achten. Rostende Stahlteile können zu Ver- ment / Kalkhydrat und reiner Zement) ist sehr aufgebracht. Glatte Oberflächen wie Beton er-
färbungen und Abplatzungen durch Volumen- fest, nimmt wenig Feuchtigkeit auf und eignet fordern einen Haftanstrich. Das Abbinden sollte
vergrößerung führen. Befestigungen müssen sich deshalb als Sperrputz und für mechanisch bei Temperaturen zwischen 0 und 30 °C erfol-
daher aus nicht rostendem Stahl ausgeführt belastete Bereiche wie Sockel und Treppen. gen, um eine schnelle Austrocknung und Frost
werden. Im Außenbereich können Hölzer wie Gips und Anhydrit der Putzgruppen IV/ V kön- zu vermeiden.
Eiche durch ihre Inhaltsstoffe schwer zu besei- nen mit Kalk gemischt werden und finden im Als Dämmputz wird Putz mit einer Wärmeleit-
tigende Verfärbungen auf Naturstein bewirken. Innenbereich Anwendung. Organischer Putz zahl < 0,2 W / mK bezeichnet. Dies ist bei einer
wird in die Putzgruppen POrg 1 (außen und in- Trockenrohdichte des erhärteten Mörtels von
Sanierung nen) und POrg 2 (nur innen) eingeteilt. < 0,6 kg / dm3 der Fall (Zuschlag aus expan-
Die Wetterseite wird in der Regel ausreichend Nach dem Ort der Mischung unterscheidet man diertem Polystyrol oder mineralischen Leicht-
natürlich gereinigt, während an wetterabge- zwischen Baustellen- und Werkmörtel, je nach zuschlägen wie Blähperlit, -glimmer, -glas, -ton,
wandten Flächen Verschmutzungen deutlich der Zugabe von Wasser (zum Gemisch der Vermiculite und Bims). Es können auch orga-
hervortreten. Ziel einer Reinigung ist es, die
substanzgefährdenden und unästhetischen
Ablagerungen schonend zu entfernen, wobei
Wasser (mit oder ohne Zusätze), Druckwasser,
Dampfstrahlen etc. infrage kommen. Mittel und
Methoden müssen dabei den langfristigen
Schutz der Originalsubstanz berücksichtigen.
Konstruktive Maßnahmen wie die Ausbildung
von Überständen und Profilen sowie eine sorg-
fältige Wasserableitung mindern Schäden
durch Wasser und Verwitterung, wobei grob
bearbeitete Flächen anfälliger als polierte sind.
Eine Entfernung der schwarzen Gipskrusten
und anderer verwitterter Partien kann durch
Sandstrahlen oder Nachbeschlagen (Stocken)
der Oberfläche geschehen. Säuren oder che-
mische Reinigungsmittel sind bedenklich und
sollten nur fachmännisch nach Voruntersu-
chungen angewendet werden. Beim Ersetzen
von Steinen und Platten müssen Farb- und
Strukturunterschiede angeglichen werden.
Durch Behandlung mit Mitteln, die die Wasser-
aufnahme durch die Oberfläche (Poren, Kapil-
laren, Feuchtetransport durch Kapillarität) redu-
zieren, wird der Wasserablauf beschleunigt
sowie die Benetzung und Verschmutzung ge-
mindert. Voraussetzung ist ein aufnahmefä-
B 5.27

95
Baustoffe in Sanierungsprojekten

B 5.28 B 5.29 B 5.30


nische und mineralische Zuschläge kombiniert Armierungsgewebe eingebettet wird. Den Ab- mechanisch befestigte Dämmplatten mit dem
werden. Dämmputze eignen sich nicht für stark schluss des Systems stellt ein Oberputz dar, Verputz ablösen. Dämmstoffe sollten dicht
belastete Sockelbereiche. der gestrichen werden kann, wobei alle Kom- gestoßen oder ausgeschäumt sein, um Tem-
Sanierputze sollen nicht abdichten, sondern ponenten aufeinander abgestimmt sein müs- peraturunterschiede auf der Putzfläche zu ver-
eine hohe Porosität und Dampfdurchlässigkeit sen. In Berlin wurde erstmals 1957 ein Wärme- meiden. Versprünge zwischen Dämmplatten
bei verminderter kapillarer Wasseraufnahme dämmverbundsystem eingesetzt. Dabei diente können zu Rissen führen und sollten ausge-
aufweisen. Da sie stark zementhaltig sind, als Dämmstoff Polystyrolhartschaum, der auch glichen werden.
müssen Luftporenbildner für ein poriges Gefü- heute noch etwa zu 90 % für Wärmeverbund-
ge hinzugefügt werden. Durch die Kombinati- systeme verwendet wird. Ab 1965 wurden Sanierung
on von stark reduzierter kapillarer Leitfähigkeit Wärmedämmverbundsysteme in größerem Für die dauerhafte Sanierung von feuchtem
und hoher Wasserdampfdurchlässigkeit soll die Umfang deutschlandweit verbaut, gegen Ende Putz ist eine Unterbindung des Feuchteeintritts
Kristallisation der im Mauerwerk vorhandenen der 1970er-Jahre auch mit Mineralfaserplatten. in die Wand durch Horizontalsperren bzw. ent-
Salze in tiefere Schichten verlagert werden und Heute werden auch Polyurethanschaum (PUR), sprechende Abdichtungen erforderlich. Beim
eine trockene, salzfreie Oberfläche entstehen. Kork, Holzfasern, Hanf und Schilf benutzt. Beim Trocknen feuchtebelasteter Wände werden
Sanierputze sollen Restfeuchte ausdiffundieren Putz greift man aus Kostengründen eher auf schädliche Salze an die Oberfläche transpor-
lassen. Anstriche oder Oberputze auf Sanier- mineralische als auf thermisch belastbarere tiert. Das Wasser verdunstet, wobei die Salze
putzen müssen mindestens eine ebenso gute Kunstharzprodukte zurück. als Kristalle an der Oberfläche verbleiben.
Wasserdampfdurchlässigkeit besitzen wie die Bei diesem Kristallisationsvorgang entstehen
eigentliche Sanierputzschicht. Auch kalkge- Schäden Druckbelastungen von 50 bis 200 N / mm2.
tünchte Luftkalkputze eignen sich durch ihre Putzschäden und Risse können ihre Ursache Daher ist bei feuchten Wänden ein offenpo-
Wasseraufnahme- und Wasserabgabefähigkeit, im Putz selbst und im Putzgrund haben oder riges Verputzsystem notwendig. Lose Putz-
Wände trockenzulegen. durch Bauwerksbewegungen entstehen. schichten müssen großflächig abgestemmt,
Für die Herstellung von Kunstharzputzen wer- Flecken und Verfärbungen sind oft auf kon- ggf. ausgebessert oder neu verputzt werden,
den Beschichtungsstoffe aus organischen Bin- struktive Schwachstellen wie Wärmebrücken wobei der Putz keine höhere Festigkeit als der
demitteln in der Regel in Form von wässrigen und Belastung durch Spritzwasser zurückzu- Putzgrund aufweisen darf.
Dispersionen und Zuschläge bzw. Füllstoffe mit führen. Eine dauernde Feuchtebelastung in Sich nicht mehr bewegende Risse werden zu-
überwiegendem Kornanteil > 0,25 mm verwen- schlecht trocknenden Bereichen löst Algen- erst ausgeweitet, mit einer Haftbrücke bzw.
det. Kunstharzputze erfordern allerdings einen und Pilzbefall aus und kann Kreiden, Sanden, Armierung versehen und mit Mörtel verfüllt. Ab-
Grundanstrich und werden auch auf minerali- Abwittern und Abplatzungen hervorrufen (Abb. lösungen und größere Risse lassen sich mit
schen Putzen als Deckputz aufgebracht. Sie B 5.26 und 29). Dämm- oder Leichtputzen (Kälteelastizität be-
sind gut zu verarbeiten und dienen meist als Putzablösungen entstehen durch ständige achten) auf dem konsolidierten und hydropho-
Maschinenputz (Schichtstärke: 2 – 3 mm). Durchfeuchtung / Trocknung, Erwärmung /Ab- bierten Bestand beheben (Abb. B 5.30).
Kunstharzputze auf der Basis von wässrigen kühlung und mangelnde Haftung durch sau- Kleinere Risse können mit einem Beschich-
Dispersionen erhärten durch die Abgabe des genden Untergrund oder fehlende Grundie- tungssystem überbrückt und gefüllt oder mit
im Putz enthaltenen Wassers an die Umgebung, rung. Unterschiedlicher, nicht tragfähiger, krie- Gewebespachtel und Oberputz geschlossen
die Abstände der dispergierten Polymere ver- chender bzw. schwindender und nicht vorhan- werden. Bei aktiven Rissen sollte für eine Dehn-
schwinden und es erfolgt eine Vernetzung. Der dener Untergrund kann zu Ablösungen und fuge gesorgt und diese mit einer Abdeckung
so entstandene Film ist dann nicht mehr was- Rissen führen. Da mineralische Putze spröder versehen werden.
serlöslich. Organische Putze kommen als Au- sind als organische, besteht die Möglichkeit, Veralgte Wärmedämmverbundsysteme können
ßenputze bei Wärmedämmverbundsystemen dass diese zerbröseln und reißen. Organische mit fungiziden bzw. bioziden Beschichtungen
(WDVS), z. T. als Strukturputze oder für Be- Putze hingegen bilden Blasen und lösen sich behandelt und gereinigt werden. Ältere Sys-
schichtungen zum Einsatz. als Schicht ab. teme mit Dämmungs-, Verankerungs-, Verlege-
Bei einem Wärmedämmverbundsystem wird An Wärmedämmverbundsystemen können oder Armierungsfehlern sind oft nur durch den
die Dämmung (Platten oder Lamellen) mithilfe Schäden durch Risse (fehlerhafte Ausführung), kompletten Austausch zu sanieren.
von Klebern und / oder Dübeln (Tellerdübel) Stoßbelastung, Kleberbruch, Verfärbungen,
auf dem bestehenden Untergrund (z. B. Ziegel, Algen- und Pilzbefall auftreten. Bei den heute Anstriche und Beschichtungen
Kalksandstein, Beton) befestigt und mit einer angebotenen Komplettsystemen sind vor allem Beschichtungen bestehen aus Bindemitteln,
Armierungsschicht versehen (Abb. B 5.28). Oberflächenverschmutzungen und Algenbe- Füllstoffen, Farbmitteln, Löse- bzw. Verdün-
Diese Schicht besteht aus einem Armierungs- fall problematisch. Bei Altbauten mit nicht nungsmitteln und sonstigen Zusätzen. Je nach
mörtel (Unterputz), in dessen oberem Drittel ein tragfähigem Untergrund können sich nicht Deckungsgrad werden Imprägnierungen, Ver-

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Baustoffe in Sanierungsprojekten

siegelungen, Lasuren und deckende Anstriche serglas als Bindemittel, Wasser und Farbpulver ringe Mengen Lösemittel zur Filmbildung. Als
unterschieden. Der Untergrund kann nach DIN aus wasserglasbeständigen Pigmenten und Bindemittel werden tierische und pflanzliche
18 363 mit Stoffen zur Vorbehandlung (Absperr- Füllstoffen. Wasserglas ist eine dem Glas ähn- Öle, Harze und Wachse in Kombinationen be-
mittel, Abbeizer, Reinigungsmittel, Imprägnier- liche Verbindung von Silicium und Sauerstoff, nutzt. Naturharzfarben werden bei wenig bean-
mittel, Holzschutzmittel, Hydrophobierungen, die, als Salz mit Natrium oder Kalium in Was- spruchten mineralischen Wänden und Decken
Biozide), Grundbeschichtungen und Spach- ser gelöst, eine klare gallertartige Masse bildet. verwendet. Gipsplatten und stark saugende
telmassen in einen streichbaren Zustand ge- 2K-Silikatfarben enthalten weder organische oder sandende Untergründe müssen mit einer
bracht werden. Bei den Beschichtungssyste- Lösemittel noch Kunststoffdispersionen zur mit Wasser verdünnten Farbe (maximale Ver-
men gibt es mit Wasser verdünnbare oder lö- Verbesserung der Verarbeitbarkeit. Sie sind dünnung 1:1) oder einer Naturharzgrundierung
sungsmittelhaltige Beschichtungen (mit öligen nicht filmbildend und werden nur auf minera- (eventuell mit 10 – 20 % Farbe gemischt) vorbe-
und Lackbindemitteln gebundene farblose lischen, verkieselungsfähigen Untergründen handelt werden.
Lacke, Lackfarben, Lasuren). als Fassadenfarben bei der Restaurierung von Leim, das Bindemittel der Leimfarben (z. B. auf
Grundbeschichtungen, Lacke und Lasuren denkmalgeschützten Gebäuden eingesetzt, da Gipskarton), verliert seine Wasserlöslichkeit
sind auf den jeweiligen Untergrund (minera- die Verarbeitung anspruchsvoll und teuer ist. auch nach dem Trocknen nicht. Leimfarben
lisch, Holz, Metall) abgestimmt. Bei den mit 1K-Silikatfarben stellen eine Weiterentwicklung bleiben daher empfindlich gegenüber Feuch-
Wasser verdünnbaren Systemen (Bindemittel, der 2K-Silikatfarben mit Kunststoffdispersionen tigkeit. Als Bindemittel werden Leime auf tie-
Kalk, Leime, Emulsionen und Dispersionen) (Acrylate, Styrol-Acrylate) und organischen rischer (meist Milchsäure-Casein) oder pflanz-
kommen für mineralische Untergründe Kalk-, Lösemittel zur Verbesserung der Verarbeitbar- licher Basis (meist Cellulose) verwendet. Case-
Kalkzement-, Silikat-, Dispersionssilikat-, Kunst- keit und der Eigenschaften dar. Sie werden infarben sind wasserbeständiger als Cellulose-
stoffdispersions-, Leim-, Silikonharzemulsions- hauptsächlich auf mineralischen Untergründen farben (mit Kalkmilch vermischt nicht wasser-
und Dispersionslackfarben in Betracht. Für bei ausreichendem Witterungsschutz und in löslich). Cellulosefarben gehören zu den preis-
Holz stehen mit Wasser verdünnbare Kunst- Innenräumen verwendet. Bei der Verarbeitung günstigsten Anstrichsystemen. Leimfarben kön-
stoffdispersionen, Dispersionslacke, Kunst- von Kalk- und Silikatfarben müssen Glas, Na- nen auf mineralischen Untergründen im Innen-
stoffdispersions- und Acryllasurfarben sowie turstein, Klinker, Aluminiumteile etc. abgedeckt bereich bei geringer Beanspruchung angewen-
für Metalle Kunststoffdispersionsfarben zur Ver- und Spritzer sofort abgewaschen werden. Even- det werden (Decken, wenig beanspruchte
fügung. Beschichtungen für mineralische und tuelle poröse Kalkschichten (Kalksinterhäute) Wände). Sie eignen sich auch für Tapeten und
hölzerne Untergründe können mit Fungiziden sind durch chemische Behandlung und nach- Gipskarton. Casein-Tempera-Farben werden
oder Bioziden ausgerüstet werden. Brand- trägliches Abwaschen zu entfernen. auch für wenig beanspruchte Holzbauteile ein-
schutzanstriche auf Metall bilden im Brandfall In Dispersionsfarben (auch Kunststoffdisper- gesetzt.
einen dämmenden Schaum. sions- oder Kunststofflatexfarben genannt) liegt Silikonharzfarben (z. B. auf Außenputz, auch Si-
Kalkfarben sind mit Kalkhydrat (mit Wasser das Bindemittel fein verteilt (dispergiert) in Was- likonharzemulsionsfarben genannt) verbinden
gelöschtem gebrannten Kalk als Bindemittel ser vor. Durch Verdunsten des Wassers rü- die Vorteile von Silikatbindemitteln (Quarz, che-
und Pigment) gebunden. Sie können als Innen- cken die dispergierten Kunststoffpartikel zu- mische Verkieselung mit dem mineralischen
raum- und als Fassadenfarbe an geschützten sammen und bilden den Bindemittelfilm. Bei Untergrund)