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Max-Planck-Institut

für Sonnensystemforschung
Forschungsinfo 3/2009

Die Photosphäre der Sonne


Die Sonne ist ein gigantischer Gas- Anfang des 17. Jahrhunderts. Die
ball, der zum Großteil aus Wasser- so gewonnene Zeitreihe - die ältes-
stoff und Helium besteht. Anders te, kontinuierliche wissenschaftli-
als bei festen Himmelskörpern, wie che Zeitreihe überhaupt - zeigt
zum Beispiel der Erde, gibt es kei- markante Schwankungen: etwa alle
ne exakt definierte Oberfläche. elf Jahre ist die Zahl der Sonnenfle-
Dennoch erscheint der Sonnenrand cken am größten, die Sonne be-
selbst durch große Teleskope be- findet sich im Zustand hoher Ak-
trachtet extrem scharf: Das sichtba- tivität. Die Sonne
re Sonnenlicht stammt nämlich aus im Weiß-
Die Erforschung der Sonnenfle- licht: die
einer nur 400 km dicken Schicht cken und anderer Phänomene auffälligs-
der Sonnenatmosphäre. Diese auf der Sonnenoberfläche stel- ten Struktu-
Schicht wird als Sonnenoberfläche len einen wichtigen Forschungs- ren der Pho-
oder Photosphäre bezeichnet. schwerpunkt am MPS dar. Dabei tosphäre sind
Die auffälligsten Strukturen der et- werden Beobachtungen mit theore- Sonnenflecken.
wa 5500 Grad Celsius heißen Pho- tische Berechnungen verknüpft, um
tosphäre sind Sonnenflecken. Die ein möglichst komplettes Verständ-
systematische Aufzeichnung der nis der Prozesse auf unserem Le-
Anzahl der Sonnenflecken begann ben spendenden Stern zu erhalten.

Beobachtungen
Als einzige Informationsquelle zur nuierliche, witterungsunabhängige
Untersuchung der Photosphäre Beobachtungen der Sonne auch in
steht den Wissenschaftlern am Bereichen des Spektrums, die
MPS das von der Sonne abge- durch die Erdatmosphäre ausge-
strahlte, elektromagnetische Spekt- blendet werden (zum Beispiel im
rum zur Verfügung. Das Sonnen- UV-Licht). Boden-
Sonnenbeobach-
spektrum erstreckt sich vom hoch- gebundene Son-
tungen erfolgen
energetischen Bereich der Gam- nenteleskope sind mittels Weltraumte-
mastrahlung über den Bereich des mit besonders fle- leskopen (Hinode,
sichtbaren Lichtes bis hin zum xibler und moder- oben), bodenge-
langwelligen Radiobereich. Atome ner Instrumentie- bundenen Telesko-
in der Sonnenatmosphäre absor- rung ausgestattet pen (Gregor, Tene-
bieren selektiv Licht bestimmter und können auf- riffa, links) und bal-
Wellenlängen. Dies führt zur Ent- grund ihrer Größe longetragenen Te-
stehung der sogenannten Fraunho- die Weltraumin- leskopen (Sunrise,
unten).
fer-Linien. Diese Linien transportie- strumente in
ren Information über die physikali- punkto Auflösungsvermögen über-
schen Bedingungen, wie Tempera- treffen. Eine Kombination der Vor-
tur, Dichte, Magnetfeld oder Wind- teile von weltraumbasierten und
geschwindigkeiten, in verschlüssel- bodengebundenen Teleskopen
ter Form durch den Weltraum. Mit stellt das unter der Leitung des
so genannten Spektrographen ge- MPS durchgeführte Ballonprojekt
lingt es, diese Informationen aus Sunrise dar. Im Juni 2009 lieferte
den Fraunhofer-Linien zu extrahie- dieses von einem Ballon in 40 km
ren und ein komplettes Abbild der Höhe getragene Teleskop Bilder
Sonnenatmosphäre zu erstellen. von nur 70 km großen Strukturen
auf der Sonnenoberfläche. Die A- Die Fraunhofer Linien im Sonnen-
Die Lindauer Forscher bedienen spektrum (unten) enthaltenen Infor-
sich dabei einer Vielzahl von Beo- nalyse dieser Daten wird das Ver-
mation über die physikalischen Eigen-
bachtungsstationen. Weltraumtele- ständnis der auf der Sonne ablau-
schaften der Sonnenatmosphäre.
skope wie die der japanischen Hi- fenden Prozesse maßgeblich er- Spektrographen an Sonnentelesko-
node-Raumsonde erlauben konti- weitern. pen machen das Sonnenspektrum für
die Wissenschaftler sichtbar.

Ca H Fe Na H O2
Magnetfelder auf der Sonnenoberfläche
Die Untersuchung der Sonnenober- aus, der Sonnenfleck erscheint
fläche mithilfe moderner Instrumen- dunkel.
tierung offenbart deren Vielfalt und Sonnenflecken sind immer ein Teil
Dynamik. Der größte Teil der Ober- von „Aktiven Regionen“. Häufig
fläche besteht aus Granulen. Diese stellen sie einen Pol (Nord– oder
etwa 1000 km großen Zellen ent- Südpol) eines imaginären, giganti-
stehen durch Aufsteigen von hei- schen Magneten im Sonneninneren
ßem Plasma, das an der Sonnen- dar. Der zweite Pol kann entweder
oberfläche abkühlt und in schmalen in Form eines weiteren Sonnenfle-
Kanälen wieder in tiefere Schichten ckes oder als so genannte Plage-
Magnetfelder, erzeugt durch einen
absinkt. Das um etwa 1000 Grad Regionen, das sind auf größere
Dynamoprozess im Sonneninneren, kühlere Material lässt diese Kanäle Flächen verteilte Magnetfelder, an
brechen durch die Sonnenoberfläche. im Vergleich zum etwa 5500 Grad die Oberfläche treten. Diese Regio-
Das koronale Plasma macht die Ver- Celsius heißen Zentrum der Granu- nen sind als helle Gebiete auf der
bindung zwischen den beiden Magnet- len dunkler erscheinen - das typi- Sonnenoberfläche besonders gut
polen sichtbar, ähnlich wie Eisenspäne sche Granulationsmuster entsteht. nahe des Sonnenrandes zu beo-
bei einem Hufeisenmagneten. Das ständige Aufsteigen von neu- bachten.
em, heißen Plasma bewirkt eine
kontinuierliche Veränderung dieses Die ständige Umformung der Son-
Musters innerhalb weniger Minu- nenoberfläche durch die Konvek-
ten. tionsbewegung des heißen Plas-
mas verändert auch die magneti-
Unterbrochen wird dieses Granula- schen Strukturen in der äußersten
tionsmuster von der auffälligsten Schicht der Sonnenatmosphäre,
Erscheinung auf der Sonnenober- der Korona. Magnetfeldlinien kön-
fläche: den Sonnenflecken. In Zei- nen sich neu verbinden und da-
ten hoher Sonnenaktivität sind die- durch große Mengen von Energie
se dunklen Regionen mit einer in und Materie freisetzen. Diese so
Ausdehnung von bis zu mehreren genannten koronalen Massenaus-
Zehntausend Kilometern häufig würfe beschleunigen bis zu eine
sogar mit bloßem Auge, geschützt Milliarde Tonnen Plasma auf Ge-
durch eine Sonnenfinsternisbrille, schwindigkeiten von über 2000 Ki-
zu erkennen. Auch hier ist die im lometern pro Sekunde. Treffen die-
Vergleich zur Umgebung niedrige se Auswürfe auf die Erde entste-
Temperatur in den Sonnenflecken hen geomagnetische Stürme, die
bis zu 3500 Grad Celsius für deren zu Polarlichtern, zu Störungen im
geringe Helligkeit verantwortlich. Funkverkehr oder sogar zur Zerstö-
Der Grund für die Entstehung der rung von Satelliten führen können.
Sonnenflecken liegt im Sonnenin-
neren: Ein Dynamoprozess, hervor-
Computermodelle erlauben die
gerufen durch Plasmaströmungen, Berechnung des Magnetfeldes in
erzeugt starke Magnetfelder. Mit der Korona der Sonne aus Beo-
der zehntausendfachen Stärke des bachtungen in der Photosphäre.
Magnetfeldes auf der
Erdoberfläche bre-
chen diese Felder in
Form von magneti-
schen Flussröhren
durch die Oberfläche.
Diese starken Mag-
netfelder unterbinden
Aktive Region in der Photosphäre: ein die Konvektionsströ-
stark strukturierter Sonnenfleck zer-
fällt. Außerhalb des Sonnenfleckes ist
mungen, die für das
das typische Granulationsmuster zu Aufsteigen des hei-
erkennen, hervorgerufen durch aufstei- ßen Plasmas verant-
gendes, heißes Gas (Beobachtung wortlich sind. Da-
durch MPS Wissenschaftler am Swe- durch kühlt die Son-
dish Solar Telescope, La Palma). nenoberfläche dort
Ein Blick in die Tiefe:
Die Sonne im Computer Temperatur in einem Ausschnitt aus
der Computersimulation eines Son-
Fast alle Methoden, mit denen die umbra aus helleren und dunkleren nenflecks. Die Tiefe von 0 km ent-
Sonne beobachtet und ihre physi- Fasern umgeben ist, in der ständig spricht etwa der sichtbaren Sonnen-
kalischen Eigenschaften gemessen Plasma horizontal nach außen oberfläche mit dem typischen Granula-
werden, liefern zweidimensionale strömt. Im Zusammenspiel zwi- tionsmuster außerhalb des Sonnen-
flecks. Unter der dunklen Umbra steigt
Bilder und Karten, aber nur eine schen Beobachtungen und Simula-
das heiße Plasma in dünnen Strahlen
sehr beschränkte Tiefeninformati- tionen zeigte sich, dass beide Phä- („jets“) auf.
on. Dies macht es sehr schwierig, nomene die gleiche physikali-
die räumliche Struktur der physika- sche Ursache haben: das
lischen Prozesse, die den Erschei- Aufströmen heißen
nungen auf der Sonne zu Grunde Plasmas aus der
liegen, zu erfassen. Die rasante Tiefe der Sonne
Entwicklung der Computertechnik entlang mag-
hat es möglich gemacht, die fehlen- netischer
de Information durch Simulations- Feldlinien.
rechnungen auf Supercomputern Außerhalb
zu ersetzen. Solche Simulationen von Son-
gehen direkt von den physikali- nenflecken
schen Grundgleichungen aus und rufen diese
verfolgen die räumliche und zeitli- heißen Gasblasen
che Entwicklung der Strömungen das Hell-Dunkel-Muster der
des Sonnenplasmas und seines Granulation hervor. In
Magnetfeldes. Im Gegensatz zur der Fleckenumbra wer-
Grafik bei animierten Filmen oder den sie durch die starken
Computerspielen wird dabei nicht magnetischen Kräfte zu
die Oberflächenerscheinung der dünnen Plasmastrahlen
Phänomene nachgebildet, sondern komprimiert, während sie
es werden die physikalischen Pro- in der Penumbra entlang
zesse, die ihnen unterliegen, in horizontaler Feldlinien
ihrer gesamten Komplexität realis- abgelenkt werden und
tisch simuliert - als ob in den Figu- nach außen strömen, so
ren eines Computerspiels die gan- dass ein Muster heller
zen Vorgänge eines menschlichen und dunkler Fasern ent-
Körpers stattfinden würden. steht.
Aus den Simulationsergebnissen Solche Simulationsrech-
werden dann Bilder und Karten nungen erfordern leis-
berechnet, die man mit Beobach- tungsfähige Supercom-
tungsergebnissen vergleichen puter, in denen Tausen-
kann. Auf diese Weise kann die de von Rechenprozesso-
Qualität der Simulation geprüft wer- ren parallel arbeiten. So
den. Aus der Übereinstimmung mit wird es möglich, ganze
der Beobachtung kann man dann Sonnenflecken im Detail
in der Simulation die physikali- zu simulieren, aber auch
schen Prozesse ablesen, die zu das sie umgebende Gra-
den jeweils beobachteten Erschei- nulationsmuster in seiner
nungen führen. Wechselwirkung mit
Das Zusammenspiel von Beobach- Magnetfeldern nachzubil- Computersimulation eines Sonnenflecks.
tung/Messung und Simulation hat den. Am MPS werden darüber hin- Oben: sichtbare Struktur an der Sonnen-
aus auch Simulationen der Freiset- oberfläche. Die dunkle Umbra, die faseri-
sich auf vielen Gebieten der Son-
zung magnetischer Energie und ge Penumbra und das umgebende Gra-
nenphysik als außerordentlich nulationsmuster sind kaum von realen
fruchtbar erwiesen. Ein Beispiel ist der Dynamik des Plasmas in der
Beobachtungen zu unterscheiden. Unten:
die Erforschung von Sonnenfle- Sonnenkorona und im Sonnenwind
Farbdarstellung des Magnetfeldes in ei-
cken. Über Jahrzehnte war rätsel- durchgeführt. Simulationen sind zu nem vertikalen Schnitt durch die Simulati-
haft, warum ihr dunkler Kernbe- einem zentralen Arbeitsfeld in der on. Starke Magnetfelder sind durch helle
reich (die Umbra) von hellen Punk- Sonnenphysik geworden. Farben gekennzeichnet.. Die weiße Linie
ten durchsetzt und von einer Pen- stellt die sichtbare Oberfläche (Photo-
sphäre) dar.
Ein Sonnenfleck im Detail
Erst mithilfe moderner Teleskope tern pro Sekunde nach außen. Erst
wird die Feinstruktur von Sonnen- die am MPS durchgeführten Com-
flecken sichtbar: Im dunklen Zent- putersimulationen liefern eine mög-
rum der Umbra zeugen so genann- liche Erklärung für diesen bereits
ten „umbral dots“ von schwachen 1909 durch den englischen Astro-
Konvektionsströmungen. nomen Evershed entdeckten Ef-
Die Umbra wird umgeben von einer fekt.
Vielzahl von radial nach außen ge- Sonnenflecken haben eine typische
Ein Sonnenfleck, beobachtet mit dem
richteten Strukturen, der Penumb- Lebensdauer von bis zu 4 Wochen.
Swedish Solar Telescope (La Palma):
Das Zentrum des Flecks (Umbra) ist mit ra. Entlang dieser radialen Struktu- Sie gehören damit zu den langle-
etwa 3500 Grad Celsius die kühlste Re- ren strömt Plasma mit einer Ge- bigsten Strukturen auf der Sonnen-
gion der Photosphäre. Die radial nach schwindigkeit von bis zu 6 Kilome- oberfläche.
außen gerichteten Strukturen nennt man
Penumbra.
Die Zukunft der Sonnenbeobachtungen
Die Resultate der theoretischen Ein weiterer Schwerpunkt der zu-
Modellrechnungen zeigen, dass künftigen Sonnenbeobachtungen
sich viele für das Verständnis der stellen Weltraumteleskope dar. Die
Physik der Sonne relevanten Pro- vom MPS vorangetriebene Mission
zesse auf sehr kleinen Skalen ab- „Solar Orbiter“ (geplanter Start:
spielen. Um diese Prozesse beo- 2017) wird dabei in mehrfacher
bachten zu können sind leistungs- Hinsicht Neuland erforschen: Die
fähigere Teleskope notwendig. In spezielle Umlaufbahn um die Son-
einem europäischen Projekt arbei- ne erlaubt es der Raumsonde, über
ten die Lindauer Wissenschaftler einen Zeitraum von zwei Wochen
derzeit an der Planung für ein Son- mit der Sonne zu „korotieren“, das
nenteleskop der 4-Meter Klasse heißt, die Instrumente haben immer
(„European Solar Telescope“ - die selbe solare Region unter dem
Amerikanische und europäische Son- EST). Dieses Teleskop wird in der selben Blickwinkel im Visier, und
nenphysiker arbeiten an der Realisierung Lage sein, Strukturen von nur 25 das aus einer Entfernung von nur
von Sonnenteleskopen mit 3 bis 5 Meter
km Ausdehnung auf der Sonne zu einem Fünftel des Erde-Sonne Ab-
großen Hauptspiegeln. Das amerikani-
sche Projekt ATST (oben) soll am Mees untersuchen. Die amerikanischen standes. Die Kombination aus Te-
Solar Observatory auf Hawaii entstehen. Sonnenphysiker arbeiten an einem leskopen in allen Wellenlängenbe-
ähnlichen Projekt: Mit Hilfe des reichen mit Plasma- und Magnet-
„Advanced Technolo- feldmessungen auf der Raumson-
gy Solar Telescope“ de wird ein detailliertes Bild der
(ATST) sollen Photo- Sonnenatmosphäre von der Photo-
Die Raum sonde
sphäre und Korona sphäre bis zum interplanetaren
„Solar Orbiter“ wird
die Sonne aus
mit höchster räumli- Raum liefern. Die Umlaufbahn der
einer Entfernung cher Auflösung unter- Sonde wird im Laufe der Mission
von nur etwa 30 sucht werden. auch einen Blick auf die bisher
Millionen Kilome- kaum erforschten Pole der Sonne
tern beobachten. ermöglichen. Besonders wichtig
Die vorgesehene sind diese Messungen an den
Umlaufbahn um Polen für Erkenntnisse über
die Sonne inner- Strömungen im Sonneninneren,
halb der Merkur-
ein Schlüsselprozess zur Erklä-
bahn erlaubt erst-
mals die detaillier-
rung des Aktivitätszyklus der
te Sicht auf die Sonne.
Pole der Sonne:
Die Abbildung
rechts zeigt den A. Lagg, M. Schüssler
Kontrastunter- Max-Planck-Institut für
schied zwischen Sonnensystemforschung
Polbeobachtungen Max-Planck-Straße 2
von der Erde und 37191 Katlenburg-Lindau
von Solar Orbiter. http://www.mps.mpg.de