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Galoppierende Maskulinisierung belastet die Welt.

Noch immer gilt die Geburt von Mädchen in Asien als Unglück. Allein in China sind 70
Millionen Kinder abgetrieben worden, schreibt Mara Hvistendahl in ihrem Buch über das
Verschwinden der Frauen. Seitdem Geburtenzahlen aufgezeichnet werden, lässt sich
feststellen, dass auf einhundert neugeborene Mädchen durchschnittlich etwa 105
neugeborene Jungen kommen. Der leichte männliche Überschuss wird dabei durch eine
höhere Sterblichkeit, unter anderem durch riskantere Lebensweise, ausgeglichen. Der
protestantische Pfarrer und Statistiker Johann Peter Süßmilch machte Mitte des 18.
Jahrhundert noch einen weise vorausplanenden Schöpfer für die ausgeglichenen
Geschlechterverteilung verantwortlich.
Charles Darwin dagegen vermutete einhundert Jahre später, die Evolution sorge für ein
zahlenmäßiges Gleichgewicht von Männern und Frauen, um das Überleben der Spezies
zu sichern. In den letzten Jahrzehnten allerdings registrieren Demografen vor allem in
asiatischen Ländern eine zunehmende Asymmetrie.

Auf 100 Mädchen 170 Jungen.


Indien verzeichnet ein Geschlechterverhältnis von 112, China von 121 zu 100. In
manchen Provinzen kommen auf 100 Mädchen über 150 Jungen, in der nordchinesischen
Stadt Tianmen sind es sogar 176. Längst handelt es sich nicht mehr um ein lokales
Problem, stellen doch China und Indien zusammen immerhin rund ein Drittel der
Weltbevölkerung. Zudem hat das Phänomen sich in den vergangenen Jahren auf Osteuropa
ausgeweitet und inzwischen den Balkan erreicht.
Für geradezu fahrlässig hält Mara Hvistendahl den sorglosen Umgang der Vereinten
Nationen mit dem Problem der "galoppierenden demografischen Maskulinisierung". Über
der Verbesserung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frau in
Entwicklungs- und Schwellenländern, schreibt die amerikanische Journalistin, habe man
das demografische Problem aus den Augen verloren. Dabei zeichnen sich jetzt schon die
negativen Folgen des Männerüberschusses ab.

Indiens Sehnsucht nach Jungen


Nicht nur Taiwan und China sehen sich mit einem regem Heiratshandel, Zwangsehen und
sexueller Ausbeutung konfrontiert. Wo Frauen knapp sind und Männer zwangsläufig
unverheiratet bleiben, das zeigen die Statistiken, steigen Gewaltbereitschaft und
Kriminalität. In Indien, wo die Zahl der Sexualdelikte in den letzten Jahren rasant
gewachsen ist, haben junge Frauen Angst, das Haus abends ohne Begleitung zu verlassen.
Der jüngste Fall der Vergewaltigung und brutalen Ermordung einer Studentin, der weltweit
für Empörung sorgte, ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.
Was aber sind die Ursachen der in Asien weitverbreiteten Vorliebe für Jungen? In der
westlichen Welt hält sich zäh das Vorurteil, es handele sich um eine tief verwurzelte
kulturelle Tradition. Gerade in armen, wirtschaftlich rückständigen Regionen bevorzugten
die Menschen männlichen Nachwuchs, der den Unterhalt der Familie sichere. Das Bild
von armen Dörflern, die ihre Töchter aussetzen oder töten, entspricht indes keineswegs der
Realität, wie Mara Hvistendahl in ihrem Buch darlegt.

Brutale Abtreibungen
Tatsächlich sind es vor allem Angehörige der prosperierenden Mittelschicht und der
gebildeten städtischen Oberschicht, die Geschlechterselektion praktizieren. Die in den
Achtzigerjahren eingeführte moderne Ultraschalltechnik erlaubt eine
Geschlechtsbestimmung des Ungeborenen. So kann unerwünschter weiblicher Nachwuchs
(плод женского пола) vorzeitig erkannt und abgetrieben werden – unter stillschweigender
Billigung von Familienangehörigen und medizinischem Personal.
"Weiblicher Fetizid (массовое абортирование девочек, родители начинают массово
избавляться от дочерей до рожд.)", sagt ein Arzt aus Dehli im Gespräch mit der Autorin,
habe dank technischer Neuerungen( течнич. новинка) eine enorme Imageaufwertung
(огромное повышение имиджа, стало вопросом имиджа) erfahren(подвергся), da ihm
das Siegel wissenschaftlichen Fortschritts anhafte (ему свойственно клеймо технич.
прогресса, является символом технического прогресса).

Pekings Geburtenkontrolle (контроль рождаемости в Китае)


Die moralische Belastung (моральная ответственность, муки совести) wälzten
(сваливать)(Konjenktiv) die Eltern auf den fachkundigen Arzt (врач узкой специальности) ab,
der sich seinerseits auf die überwältigende Patientennachfrage berufe (ссылаться). Das seit
1994 bestehende Verbot fetaler Geschlechtsbestimmung umgingen (обходить запрет)sie,
indem sie nebenbei eine Bemerkung über rosa auszustattende Kinderzimmer oder kleine
Fußballer fallen ließen( обранить замечание).
Kulturelle und religiöse Gründe für das Phänomen, das erst (лишь) in den letzten dreißig Jahren
aufgekommen (появляться) ist und sich seither wie eine Epidemie ausbreitet, kann Hvistendahl
nicht erkennen. Stattdessen weist (ссылаться) die amerikanische Journalistin auf die Mitschuld
westlicher Bevölkerungskontrollaktivisten, die seit den Sechzigerjahren mit großem Einsatz (рс
большим рвением, энтузиазмом)und finanzieller Unterstützung in Asien für kleinere Familien
warben und eifrig Geburtenkontrolle propagierten.
Chinas brutale Bevölkerungspolitik
Der einflussreiche Bevölkerungswissenschaftler Paul Ehrlich empfahl in seinem 1968
erschienen Bestseller "The Population Bomb" vorgeburtliche (дородовой)
Geschlechtsbestimmung als Mittel, Eltern zu einem Sohn zu verhelfen (способтвовать, помочь
кому-либо получить что-либо). Könnte man es einrichten (устроить, организовать), dass
Eltern in Asien von Anfang an mindestens einen Sohn sicher (наверняка) hätten, würden sie
freiwillig weniger Kinder in die Welt setzen (рожать детей). Auch westliche Organisationen
vertraten) (огранизации проводили) in Asien jahrzehntelang eine rigorose
(суровыйBevölkerungspolitik und koppelten (увязывать, сочетать) Entwicklungshilfe (эк.
Помощь для развивающихся стран с пректным плаированием семьи)) an
Familienplanungsprojekte.
Ende der Siebzigerjahre unterstützte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA)
die Ein-Kind-Politik in China, wo Abtreibung – ob freiwillig oder unter Zwang – schon bald zur
Hauptmethode der Geburtenkontrolle wurde. Allein zwischen 1981 und 1986 wurden in China
rund 67 Millionen Abtreibungen vorgenommen. Propaganda und öffentliche Werbung
(государственная реклама) für kostengünstige, problemlose Abtreibung trugen dazu bei, die
Einstellung der Frauen zu verändern (поменять отношение).
Farbfernseher ja – Kinder nein
Schwangerschaftsabbruch(прерывание беременности), einstmals(однажды, когда-то) aus
religiösen Gründen verpönt (запрещать), galt nun als "etwas ganz Natürliches, so wie Essen und
Trinken" – so eine der befragten Frauen. Der sorglose Umgang asiatischer Regierungen und
westlichen Organisationen mit Abtreibung im Namen der Bevölkerungskontrolle schuf erst die
Voraussetzung dafür, dass die vorgeburtliche Geschlechtsselektion so populär geworden ist.
Befördert wird der demografische Trend durch den ökonomischen Wandel in vielen Regionen
Asiens. Im einstmals armen, ländlichen Kreis Suining im Norden der chinesischen Provinz
Jiangsu etwa, den Hvistendahl auf ihren Reisen durch Asien besucht, schießen Wohnsilos
(дома-муравейники) wie Pilze aus dem Boden (растут как грибы после дождя). Die
Menschen, denen sie begegnet, sind stolz auf ihre neu erworbenen Mikrowellen und
Farbfernseher. Wirtschaftlicher Aufschwung, Urbanisierung und bessere Bildungschancen gehen
mit sinkenden Geburtenraten einher.
Mädchen verschwinden
Da nun Geburten seltener werden, steigt in den Augen der Eltern ihre Wichtigkeit und damit die
Wahrscheinlichkeit, dass sie einen weiblichen Fötus abtreiben werden. Was nützt( какая польза
от) der materielle Wohlstand, wenn man keinen Sohn hat, dem man ihn vererben kann, zitiert die
Verfasserin eine verbreite Auffassung. In Suining kamen laut Bevölkerungsstatistik im Jahr 2007
bei den Geburten auf je 100 Mädchen 152 Jungen. In einer Phase enormen wirtschaftlichen
Aufschwungs sind Mädchen verschwunden.
Mara Hvistendahls Buch, das persönliche Erlebnisse und Eindrücke mit sorgfältiger Recherche
verknüpft, hütet sich vor einseitigen Schuldzuweisungen. Es beleuchtet die verschiedenen
Ursachen des Phänomens, die bis ins 19. Jahrhundert und die Zeit der britischen
Kolonialherrschaft zurückreichen. Es öffnet den Blick auf ein globales Problem, das etwa im
Vergleich zum Klimawandel wenig öffentliche Aufmerksamkeit genießt.
Gleichgewicht der Geschlechter
Inzwischen sehen sich die asiatischen Staatsregierungen zum Handeln gezwungen.
Strafaktionen gegen Ärzte und Werbekampagnen wie das "Ein Herz für Mädchen"-Programm in
China zeigen zwar Wirkung, doch ohne weltweiten Druck wird sich dauerhaft kaum etwas
ändern.
Selbst nach den optimistischen Prognosen der Bevölkerungsentwicklung durch die Institutionen
der Vereinten Nationen wird das Gleichgewicht der Geschlechter in der Welt erst im Jahre 2050
wiederhergestellt sein – vorausgesetzt, dass Paare bald wieder Jungen und Mädchen in
ausgeglichener Zahl bekommen. Dazu freilich muss sich vor allem die Mentalität in China und
Indien ändern.