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KUNSTMAGAZIN
Feine Farbströme aus Harz und Acryl: ,.Wembley" (1999, 150 x 150 cm)

Im Labor der Malerei


Ein Bild ist für ihn um so gelungener, je weniger er selbst
dazu beigetragen hat: Der französische Maler Bernard Frize
vermeidet persönlichen Ausdruck. Seine zarten Lein­
wand-Etüden lassen die Farbe selbst sprechen

Achterbahn für das Auge:


Das Bild „Aran" (1992, 180 x 180)
ist voller optischer Effekte

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Erst wenn sich
die Farben mischen,
entsteht das end­
gültige Bild: ,.Assorti­
ment" (1998, 73 x 60
Stets zeigt das Bild das Verfahren, der Künstler cm, oben), ,.lntermit-
tente" (2000, 250 x
tritt hinter der Technik zurück 185 cm, rechts)

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Ein an manchen Stellen durchsichtiges Geflecht: ,.Aldair" (1998, 160 x 176 cm)

Die Bilder Nummer eins


(oben) und vier (links) aus
der Serie „Suite auto­
matique" von 1996: Bei
näherem Hinsehen
schillert jedes der Felder
in vielen Tönen

Frize will ergründen, wie die Dinge ineinander


greifen - ob beim Auto oder in der Malerei
art 10/01 35
Zwei Bilder der „Suite
Segond" aus den achtziger
Jahren: Frize legte die Farb·
haut, die sich in offen stehen·
den Dosen gebildet hatte,
Farbe ist für Frize ein Ready-made - er
einfach auf die Leinwand nutzt sie wie ein Konzeptkünstler
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VON GERHARD MACK

G
ute Bilder sind wie
schnelle Autos", sagt Ber­
nard Frize und gibt Gas.
Der Wagen schießt über
zwei Fahrspuren. ,,Ich liebe Autos",
wiederholt der Maler, Jahrgang 1955,
und fädelt sich in den Pariser Freitag­
nachmittag-Verkehr ein. ,,Ich habe
eine Zeit lang sehr schöne Modelle
gefahren, aber so richtig zufrieden
war ich erst, wenn ich den Motor zer­
legt hatte."
Dass die Hände am Steuerrad ein­
mal bis zu den Ellbogen mit Motoröl
verschmiert waren, ist schwer vor­
stellbar. Das hagere Gesicht und die
schwarzen K lamotten lassen eher an
einen Pariser Intellektuellen denken.
Auf einem Foto ist der Maler in sei­
nem Atelier mit Ärmelschonern zu
sehen, als wäre er ein Laborant, der
seine Kleider gegen Farbflecken
schützen will. Doch Frize beharrt
darauf: Er sei als Maler vor allem
Handwerker und erst dann zufrie­
den, wenn er Bilder verstehe. Dass
seine Bilder so schön sind, dass selbst
Wohnungseinrichter auf ihre Kosten
kommen, lässt er als Gegenargument
nicht gelten. ,,Das kann nur der erste Frize in seinem nüchternen Atelier mit Betonboden (Fotos: Florian Kleinefenn)
Zugang sein", sagt er. ,,Wir haben
doch erst dann Freude an einer Sa­
che, wenn wir verstehen, wie sie
Frize lästert über alles: den Kunstmarkt, Paris
funktioniert."
Und dann lästert Frize erst einmal Es ist Rushhour, Paris steckt im die fast die ganze Fläche bedeckt. Ihr
ab: Paris sei noch immer Provinz, das Stau. Die Autos mäandern mehrspu­ Ende schließt an den Anfang an. Eine
Centre Beaubourg mit seinen tau­ rig Richtung Horizont, verlieren sich turbulente Rennbahn mit allen Schi­
send Mitarbeitern eine riesige Ma­ in der Dämmerung und scheinen auf kanen, die den Blick des Betrachters
schine, die im Leerlauf drehe. Kura­ der Gegenfahrbahn zurückzukehren. ins Schleudern bringt. ,,Es ist, als wä­
toren sieht er heute vor allem mit Bernard Frize hat den Gast in der Ci­ re man auf einem Auge blind", be­
sich selbst beschäftigt. Die soziolo­ ty abgeholt und müht sich nun durch schreibt Bernard Frize zufrieden die
gisch orientierte Kunst der neunziger den Verkehr. Das Atelier liegt in ei­ Wirkung des Bildes.
Jahre komme über gut gemeinte State­ nem südlichen Vorort von Paris, da, ,,Ich bin ein systematischer Ma­
ments nicht hinaus. Die letzte Docu­ wo die Häuser klein und schlecht ge­ ler", sagt Frize und erzählt von seinen
menta - eine große Migräne. Und die pflegt sind. ,,Hier wohnen vor allem Anfängen. Seine ersten ernst zu neh­
so genannte Öffnung des westlichen Rentner und Arbeitslose. Es ist fast menden Bilder hat er an Wochenen­
Kunstmarkts verheize bloß die unmöglich, in Paris ein geeignetes den gemalt. Mit einem Pinsel, wie er
Künstler aus der Dritten Welt. über­ Atelier zu finden", sagt er und für die Darstellung der Takelage in
haupt der Kunstmarkt: ,,In Frank­ schließt die Tür zu einem Hof auf. der Marinemalerei verwendet wird,
reich hießen Sammler eine Zeit lang Das Atelier ist ein nüchterner großer trug er auf sieben größere und sieben
,Klienten'. Jetzt sprechen Kunsthänd­ Raum mit Betonboden. Von einer kleinere Leinwände Tausende von
ler nur noch von ihren ,Konten'. Der Wand leuchtet ein Bild, das in die Au­ Farben in dünnen Strichen auf. ,,Es
kapitalistische Markt nimmt auch in gen springt wie die Lichter der Autos. war der kleinste Pinsel, den ich fin­
der Kunst überhand." Frize sagt das Frize hat verschiedene Farben auf ei­ den konnte, man kann damit nur Li­
ohne Verbitterung. Vielleicht ist der nen Pinsel aufgetragen und damit ei­ nien machen", sagt er. Von weitem
Verkehr an seiner Attacke schuld. ne Spur über die Leinwand gezogen, wurden die Gemälde zur monochro-

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men Fläche, aus der Nähe sah man sionismus und Transavanguardia aus Zeichnung und Komposition noch
die vielen Farben. Der Betrachter der Taufe hob und nach den kühlen der Farben. Alles war bereits ent­
muss sich bewegen, wenn er die Qua­ Jahren von Minima!- und Konzept­ schieden", sagt Frize. Das Verfahren
litäten dieser Malerei erfahren will. kunst die Gefühle, Traumbilder und der Herstellung bestimmte das Aus­
„Ich will vermeiden, dass es einen Fantasien der Maler auf die Lein­ sehen des Bildes.
gültigen Standpunkt gibt", erklärt wand zurückbrachte, schlug Frize im Das war zunächst ein Schock.
Frize. Pariser Abseits die Gegenrichtung „Der Händler von Cesar warf mir
Damals arbeitete er in der Woche ein. Er machte sich daran, die Malerei vor, ich würde die Akkumulation der
als Siebdrucker für Künstler und hat­ mit Duchamp zu versöhnen, der sich Nouveaux Realistes kopieren; er hielt
te gerade einen Schnellkurs in linker stets über das Medium amüsiert und die Farbhäute für bunte Plastikschei­
Politik hinter sich. Er war im Pariser es als billigen Augenschmaus be­ ben, die ich auf eine Leinwand ge­
Mai 1968 noch als Jugendlicher auf trachtet hatte. klebt hatte", erzählt Frize. Doch er

F
die Straße gegangen und hatte ein ließ sich nicht beirren. Er strich mit
paar Jahre später zwei Filme zum arbe ist für Frize ein Ready­ dem Pinsel eine Emulsion aus Tu­
Bergarbeiterstreik im südfranzösi­ made, ein Fertigprodukt aus sche, Acryl, Harz und Perlmutt auf
schen Salsigne gedreht. Das politi­ der Tube. Er setzt sie ein, um die Leinwand. Die Farben trennten
sche Engagement stand der Malerei damit Unterschiede zu benennen: sich wie bei einem Regenbogen und
im Weg: ,,Ich wusste nicht, wie ich „Das ist wie bei den W örtern einer ließen märchenhafte Landschaften
beides zusammenbringen sollte. Ob­ Sprache, die bezeichnen auch ver­ und Seestücke entstehen. Oder er be­
wohl ich gerne gemalt hätte, schien schiedene Dinge." Und weil die Spra­ strich beide Seiten eines Pinsels mit
mir Kunst unwichtig zu sein." Als er che für ihn stets neu ist, probiert er jeweils einer anderen Farbe und
ein paar Jahre später doch zu malen aus. ,,Das Erkennen kommt bei mir drehte ihn mitten in der Bewegung
anfing, überlegte er sich „ein klares erst mit dem Machen", sagt er und um; so sind irritierende Farbgitter
Programm, das bis heute trägt". Die zeigt auf eine Studie an der Wand. entstanden. Stets zeigte das Bild das
Bilder entstehen in Serien. Jeder per­ Seit einem Monat hat er an einer Verfahren, und der Maler trat hinter
sönliche Ausdruck wird vermieden. neuen Bildidee getüftelt. Vier bunte die Technik zurück. Ende der neunzi­
Die Arbeiten sollen die Aufmerksam­ Pinselstriche ergehen ein Rechteck. ger Jahre sogar so weit, dass er Assis­
keit auf ihre Bestandteile, ihren Stoff Jedes Mal wurden mehrere Farben auf tenten zum Malen hinzuzog. Als wä­
lenken, so wie die Marxisten die Ge­ den breiten Pinsel aufgetragen. Jeder re die Malerei eine Partitur für
sellschaft von ihrer materialen Basis Strich überlagert den vorangehen­ mehrere Stimmen, die gleichzeitig
her analysierten. Als die Kunstszene den, nur der vierte scheint unter dem erklingen sollten, ließ er Bilder von
Ende der siebziger Jahre Neoexpres- ersten zu liegen. Ein Bild wie ein Kar­ mehreren Händen malen, die ver­
tondeckel, dessen Klappen ineinan­ schiedene Pinsel gleichzeitig über die
und die letzte Documenta der geschoben sind, und ein Paradox Leinwand führten. Dabei sind Werke
für ein Medium, das nur eine Fläche entstanden, die Fischgräten oder
zur Verfügung hat. Butterzöpfen ähneln. Sie sind so roh,
Die Idee hatte Frize tatsächlich dass die Sache mit den Automotoren
vor einem Karton im Atelier. Er doch an Plausibilität gewinnt.
nimmt auch sonst gerne den Zufall So schwierig scheint menschliche
zur Hilfe. Für eine seiner ersten Seri­ Zusammenarbeit zu sein: Bereits auf
en Ende der siebziger Jahre arbeitete einer Bildfläche entsteht Chaos,
er mit einer Musterrolle, wie man sie wenn verschiedene Impulse zur sel­
früher benutzte, um auf gekalkte ben Zeit kommen. Könnte es ein ein­
Wände Ornamente aufzutragen. Er drücklicheres Bildnis für das geben,
rollte alle Muster, die er kriegen was Gegenwart ist? Da kommt die
konnte, über die Leinwand, ,,bis sie so Malerei ganz nahe an Alltagserfah­
voll war, dass aus den Linien des Or­ rungen heran. Sie braucht dabei kein
naments eine dichte Farbfläche ent­ Sinnbild oder Abbild zu geben. Es
stand". Dabei vergaß er, die Farb­ genügt, dass der Maler nicht vergisst,
dosen zu verschließen. Die Farbe wie er lebt, wenn er zum Pinsel greift.
trocknete, und „jedes Mal, wenn ich Der chaotische Verkehr fließt durch
zu arbeiten begann, musste ich erst seine Nervenbahnen weiter ins Ate­
die Farbhaut entfernen", erinnert er lier. Und die ganze „Soziologen­
sich. Die deponierte er dann auf ei­ kunst" lässt sich getrost vergessen.
ner leeren Leinwand. ,,Als die Lein­ Literatur: Bernard Frize. Size Malters. Katalog Kunst­
wand voll war, hatte ich ein Bild vor verein St. Gallen Kunstmuseum, 1999. Ausstellung:
Galerie Wilma Lock, St. Gallen, bis zum 11. Novem­
mir, wie ich es schon lange machen ber. Weitere Galerien: Galerie nächst St. Stephan,
Sieht sich als Handwerker: Bernard Frize wollte: Es gab weder eine Wahl der Wien; Galerie Emmanuel Perrolin, Paris

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