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Günther Malle

Ein intuitiver Zugang zum


Differenzen- und Differentialquotienten

Worum geht es in diesem Skriptum?

Ich stelle bei Prüfungen an der Hochschule gerne die folgende Aufgabe: „Sei f ( x ) = x 2 .
Berechnen Sie f'(3)." Das können alle: f '(3) = 6 . Dann stelle ich die Zusatzfrage: „Sie haben
hier eine Zahl erhalten, nämlich 6. Was bedeutet diese Zahl?" Da kommt dann sehr häufig
nichts mehr. Bestenfalls wird noch die Steigung genannt, andere Deutungen des
Differentialquotienten kommen so gut wie nie vor.

Diese Personen verbinden also mit dem Begriff des Differentialguotienten keine oder nur sehr
wenige intuitive Vorstellungen. Sie können etwas ausrechnen, wissen aber oft nicht, was sie
da ausgerechnet haben. Das ist nichts anderes als ein eingelerntes Zirkuskunststück und mit
diesem Wissen wird es diesen Personen nie möglich sein, den Begriff des Differential-
quotienten wirklich anzuwenden. Was nützt es einem, wenn man Funktionen differenzieren
kann, aber sich unter den Ergebnissen nichts vorstellen kann?

Der Unterricht unterstützt diese Defizite leider häufig, weil er oft stark auf Rechnen und
schematisches Abarbeiten konzentriert ist. Der Entwicklung von intuitiven Vorstellungen zum
Differenzen- und Differentialquotienten wird oft wenig Augenmerk gewidmet. Genau das ist
aber der Kern des vorliegenden Skriptums.

Das Skriptum beruht auf einer Idee, die in der heutigen Mathematikdidaktik weitgehend
akzeptiert wird, nämlich die Differentialrechnung in zwei Phasen zu behandeln:

1. Intuitive Einführungsphase: In dieser Phase geht es um die Entwicklung von intuitiven


Vorstellungen zu den grundlegenden Begriffen, Methoden und Schreibweisen der
Differentialrechnung (Schwerpunkte: Grenzwert, Differenzen- und Differentialquotient).
Auf strengere Definitionen der Begriffe wird verzichtet.

2. Exaktifizierungsphase: In dieser Phase werden verschiedene Begriffe genauer definiert


sowie Sätze genauer formuliert und bewiesen. Damit werden die in der ersten Phase
verwendeten intuitiven Methoden auf einer höheren Ebene gerechtfertigt.

In dem vorliegenden Skriptum wird nur über die erste Phase gesprochen. In den Abschnitten 1
bis 11 wird ein Lehrgang skizziert, in dem die nötigen intuitiven Vorstellungen entwickelt
werden. Der anschließend beigefugte Artikel aus der Zeitschrift „Mathematik lehren" enthält
eine Liste von Grundvorstellungen und Grundwissen, die man als grundlegend für
mathematische Allgemeinbildung ansehen kann. Man findet dort auch Kontrollaufgaben, mit
denen man auf einfache Weise nachprüfen kann, ob die Schülerinnen und Schüler diese
Grundvorstellungen bzw. dieses Grundwissen besitzen. In dem Artikel wird über eine
empirische Untersuchung berichtet, die zeigt, dass beides bei unseren heutigen Schülerinnen
und Schülern nur sehr mangelhaft vorhanden ist. Die Leserinnen und Leser werden gebeten,
diese Kontrollaufgaben in ihren eigenen Klassen zu stellen.
CO ^
1 Vorübung: Anderungsmaße von Funktionen

Der Differenzenquotient wird häufig erst im Rahmen der Differentialrechnung eingeführt und
wird eng an diese gebunden. Er ist jedoch auch außerhalb der Differentialrechnung von
Bedeutung und sollte daher im Unterricht schon vor dieser behandelt werden. Er erscheint
dabei als ein Änderungsmaß unter anderen Änderungsmaßen für Funktionen. Die folgende
Aufgabe soll dies illustrieren.

1 Die Verkaufsabteilung einer Firma, die ein


hochwertiges High-Tech- Gerät herstellt, Jahr Anzahl
wurde von der Mitte des Jahres 1997 bis verkaufter Geräte
zur Mitte des Jahres 2001 vom Verkaufs- 1997 4800
leiter Ä und von der Mitte des Jahres 2001 1998 5100
bis zur Mitte des Jahres 2003 vom 1999 5500
Verkaufsleiter B geleitet. Die Anzählen der 2000 5800
in den einzelnen Jahren verkauften Geräte 2001 6200
sind in nebenstehender Tabelle angegeben. B 2002 6500
. Der Verkaufsleiter A argumentiert nun: 2003 7100
T 1 f 1*1 i »,' , j -
meiner Leitung haben die Verkaufszahlen um 6200 — 4800 = 1400 riSV* V
rssiizugenommen,
Stück
während der Leitung von B jedoch nur um 7100 - 6200 - 900 Stück." Ist diese
Argumentation stichhaltig? Wenn nein, begründe die Antwort und beurteile die Arbeit
der beiden Verkaufsleiter auf andere Arten.
Lösung: Die Argumentation ist nicht stichhaltig, denn sie berücksichtigt nicht, dass die
beiden Verkaufsleiter die Verkaufsabteilung verschieden lang geleitet haben und von
verschiedenen Ausgangslagen ausgegangen sind.
, . . •>
* eiHfin Vftrtfliifslp.itftr atiharin rlf»r vnrlifWPnHfn T a h f l l f hänort

-2-
Bemerkung: In der letzten Aufgabe haben wir die Frage gestellt, welcher Verkaufschef besser gearbeitet hat.
Wir haben gesehen, dass diese Frage, nicht eindeutig beantwortet werden kann. Das ist auch nicht
verwunderlich, denn die einzelnen Maße stellen unterschiedliche mathematische Modelle für die vorliegende
Situation dar und unterschiedliche mathematische Modelle können durchaus zu verschiedenen Ergebnissen
führen. Jedes Maß berücksichtigt einige Aspekte, vernachlässigt aber andere Aspekte. Darüber hinaus muss
festgehalten werden, dass die Qualität der Verkaufsleiter anhand einer Tabelle der Verkaufszahlen allein nicht
ausreichend beurteilt werden kann. Denn die Verkaufszahlen können auch durch äußere Ursachen bedingt sein,
die die Verkaufsleiter gar nicht beeinflussen können, wie beispielsweise die allgemeine Wirtschaftslage, die
Lohnkosten oder das Produktangebot von Konkurrenzfirmen.

Die in der letzten Aufgabe vorgekommenen Maße haben in der Mathematik eigene Namen:

Definition: Sei f eine auf einem Intervall [a, b] definierte reelle Funktion. Die reelle Zahl
• f(b) - f(a) heißt absolute Änderung (kurz Änderung) von f in [a, b],
" —f ( a-------
)
heißt relative Änderung von f in [a, b],
f(b)-fQ)
b-a
heißt mittlere Änderuhgsrate (Differenzenquotient) von f in [a,b],
£00 heißt Änderungsfaktor von f in [a, b].
f(a)

In Worten:
• Die absolute Änderung ist gleich der Differenz der Funktionswerte.
• Die relative Änderung ist gleich dem Verhältnis der Änderung der Funktionswerte zum
Anfangswert.
• Die mittlere Änderungsrate (der DifTerenzenquotient) ist gleich dem Verhältnis der
Änderung der Funktion swerte zur Änderung der Argumente.
• Der Änderungsfaktor gibt an, mit welchem Faktor der Anfangswert multipliziert wird,
um den Endwert zu erhalten [ denn f (a) • = f (b) ].

2 Der Differeezenqiiotient
1. Schritt: Mittlere Geschwindigkeit

2 Nebenstehend findet man einen


Bahnhof Ankunft Abfahrt Entfernung
mm
Auszug aus einem Fahrplan. von Bonn
a> Berechne die mittlere Bonn Hbf 18:25 0 I »
Hannover Hbf 21:28 21:31 330
Geschwindigk Berlin Hbf 23:08 584
zwischen Bonn Hbf i sfSSfö
i wk
Dver Hbf sowie zwischen Hannover Hbf und Berlin Hbf. In welchem dieser i r'sfeiijiv.
Streckenabschnitte fährt der Zug schneller?
b) Die Bewegung des Zuges werde durch die Zeit-Ort-Funktion s: s(t) beschrieben.
Gib eine Formel für die mittlere Geschwindigkeit v(t„t 2 ) des Zuges im Zeitintervall
:
: [ti, t2J an. ^ • - k ' '

Ein Körper bewege sich gemäß der Zeit-Ort-Funktion s; tf-> s(t). Manneniit
_ s(t 2 )-s_(tj)
v(t,,t 2 ) l
l rat*
TS 1
2. Schritt: Verallgemeinerte mittlere Änderungsgeschwindigkeit

3 In nebenstehender Tabelle sind die zu Uhrzeit t Temperatur T(t)


verschiedenen Uhrzeiten t eines Tages in °C
gemessenen Temperaturen T(t) an einem 8 9
bestimmten Ort angegeben. 12 13
14 17
1) Berechne die Temperaturzunahme im
Zeitintervall [8; 12] bzw. [12; 14],
2) Gib die Temperaturzunahme im Zeitintervall [ti, h] an.
3) Berechne die „mittlere Temperaturzunahmegeschwindigkeit" im Zeitintervall [8 ; 12]
bzw. [12 ; 14], In welchem dieser Zeitintervalle nimmt die Temperatur im Mittel
schneller zu?

4) Gib die „mittlere Temperaturzunahmegeschwindigkeit" im Zeitintervall [ti, t2] an.

: Lösung;
1) Temperaturzunahme im Zeitintervall [8 ; 12] = 1 3 - 9 =4 (°C)
2) Temperaturzunahme
T(t 2 )-T(ti) im Zeitintervall [12 ;14] = 1 7 - 1 3 = 4 (°C)
3) Die mittlere Temperaturzunahmegeschwindigkeit erhält man, indem man die
Temperaturzunahme durch die Zeitdauer dividiert.
Mittlere Temperaturzunahmegeschwindigkeit im Zeitintervall [8; 12] = | = 1 (°C/h)
Mittlere Temperaturzunahmegeschwindigkeit im Zeitintervall [12;14] = 7 = 2 (°C/h)
Obwohl in beiden Zeitintervallen die Temperatur um 4 °C zunimmt, nimmt die
Temperatur im Zeitintervall [12 ;14] im Mittel schneller zu als im Zeitintervall [8 ;12],
. T(t2)-T(t,)
' t2-tr

3. Schritt: Allgemeine mittlere Änderungsrate

In den ersten beiden Schritten ging es um Änderungsraten von Größen, die von der Zeit
abhängen. In den Anwendungen, vor allem in der Physik, kommen jedoch auch häufig
Änderungsraten von nichtzeitabhängigen Größen vor.
2) V(r 2 )-V(rj)
3) Die mittlere Volumszunahmerate bezüglich des Radius erhält man, indem man die
Volumszunahme durch die Radiuszunahme dividiert.
, V(30.n 5052 (cmVc:r.)

Im Mittel wächst das Volumen mit dem Radius im Radiusintervall [20 ; 20,1] stärker
als im Radiusintervall [5 ; 6],
4) V(r 2 )-V(ij)
r _I
2 i

, . s(t 2 )-s(t.) T ( t22 ) - T ( t ) , V(r 2 )-V(r,) , u . . XT


Ausdrücke wie — , —^ oder — — — erhalten einen eigenen Namen:
t 2 — t, t 2 — tj r2 — r,

Definition: Es sei f: A - > R eine reelle Funktion und [a, b ] c A . Dann heißt die reelle Zahl
f(b)-f(a)
b-a
der Differenzenquotient oder die mittlere Änderungsrate von f in [a,b] .

Ist [a,b] ein Intervall, dann gilt b - a > 0 und somit gilt:
f(b)-f(a)
>0 f(b) - f(a) > 0 =J> f(a) < f(b)
b--a
f(b>--f(a) <0 => f(b) - f(a) < 0 => f(a) > f(b)
b--a
f(b>--f(a) = 0 => f(b) - f(a) = 0 f(a) = f(b)

Ist der Differenzenquotient von f in [a,b]


- positiv, so ist f(a) < f(b) . Man sagt: f steigt insgesamt i
(Die Funktion f muss aber nicht monoton steigend in [a,l
- negativ, so ist f(ä) > f (b). Man sagt: f fallt insgesamt (
(Die Funktion f muss aber nicht monoton fallend in [a,b]
- gleich Ö, so ist f (a) = f ( b ) . (Die Funktion f muss aber ni

f(b)-f(a) f(b)-f(a) f(b)-f(a)


b-a b-a b-a

-5-
3 Deutungen des Differenzenquotienten

Deutungen des Differenzenquotienten (der mittlere Änderungsrate):

r(b (a)
Verhältnisdeutung: b l[ ist gleich dem Verhältnis der Änderung der Funktionswerte zur
Änderung der Argumente in [a,b].
f(b ) (a)
Einheitsdeutung: b I^ ist gleich der mittleren Änderung der Funktionswerte pro
Argumenteinheit in [a,b].
f(fa ) (a)
Faktordeutung: b^ ist gleich dem Faktor, mit dem die Änderung der
Argumente in [a,b] multipliziert werden muss, um die Änderung der
Funktionswerte in [a, b] zu erhalten [denn (b - a) • f(bb)^c*) = f (b) - f (a) ]

Beispiele zur Einheitsdeutung:

r 1 2 : Mittlere Wegzunahme pro Stunde


^ Eti-1, t s
P' ;
^

" Mittlere Temperaturzunahme pro Stunde


V(
'"r2)I^('"') : Mittlere Volumszunahme pro cm Radius

5 Gegeben sei die Funktion f mit f (x) - 3 • x


zur Änderung der
Argumente im Intervall [1;2] ?

Intervall [2;3]?

Argumente?
Losung:

W9m ;

: 3-2
Die mittlere
beträgt 15.
| H B »
-5>
10-5 1(
Im Intervall [5;10]

-6-
4 Bifferenzenquotient als mittlere Steigung

6 Berechne den Differenzenquotient einer linearen Funktion f mit f(x) = k • x + d in einem


Intervall [a,b].
T.. f ( b ) - f ( a ) _ k-b + d - ( k - a + d ) _ k - b - k - a _ k - ( b - a )
Losung. — r r r ^K
b-a b-a b-a b-a

Aus der letzten Aufgabe ergibt sich:

Satz: Der Differenzenquotient (die mittlere Änderungsrate) einer linearen Funktion f mit
f(x) = k - x + d ist in jedem Intervall [a,b] gleich der Steigung k. (Siehe Abb. 1.)

w xW C\ v u
ftb) = s(b]

fial-sla)

cte ty ft >

Ist die Funktion f in [a, b] nicht linear, so kann man die lineare Funktion s mit s(a) = f(a) und
s(b) = f(b) betrachten (siehe Abb. 2). Man nennt diese Funktion die Sekantenfunktion von f
in [a, bj. Der Graph von f verläuft oft in der Nähe des Graphen von s, dies muss aber nicht
immer der Fall sein.

Ist k die Steigung der linearen Sekantenfunktion s, dann gilt aufgrund des obigen Satzes:

f ( b ) - f ( a ) _ s(b)-s(a) _ k
b-a b-a
Es gilt also:

Satz: Der Differenzenquotient (die mittlere Änderungsrate) einer Funktion f i n [a,b] ist
gleich der Steigung der Sekantenfunktion von f i n [a,bj.

Die Steigung k der Sekantenfunktion bezeichnet man auch als mittlere Steigung von f in
[a,b]. Man sieht beispielsweise in Abb. 2: Im Intervall [a,b] ist die Steigung der Funktion f
an manchen Stellen kleiner als die Steigung der Sekantenfunktion s, an manchen Stellen
größer. Im Mittel hat f jedoch im Intervall [a,b] die Steigung k der Sekantenfunktion.

-7-
5 Der Differentialquotient
1. Schritt: Geschwindigkeit zu einem Zeitpunkt

7 Für den Weg s(t), den ein Körper beim freien Fall in der Zeit t zurücklegt, gilt
näherungsweise s(t) = 5t2 (t in Sekunden, s in Meter).
a) Berechne die mittleren Geschwindigkeiten eines frei fallenden Körpers in den
Zeitintervallen [3, z] für z =4; 3,5; 3,1; 3,01; 3,001.
b) Wie groß ist die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt 3?

Lösung:
s(z)-s(3) 5-z 2 - 5 - 3 2 _ 5-(z 2 - 3 2 ) _ 5 • (z-3) - (z+3)
a) v(3,z) - 5-(z+3)
z-3 z-3 z-3 z-3
Diese Formel gilt nur für z ^ 3, weil Zeitintervall MittlereGeschwindigkeit
sonst der Nenner der Brüche gleich 0 [3;z] v(3;z)
wäre. [3;4] 35
Setzt man für z die angegebenen [3;3,5] 32,5
Werte ein, erhält man die in der [3;3,i] 30,5
Tabelle angegebenen mittleren [3,3,01] 30,05
[3;3,001] 30,005
Geschwindigkeiten.
b) Wir bezeichnen die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt 3 mit v(3). Was soll man
darunter überhaupt verstehen? Es liegt nahe, die mittlere Geschwindigkeit in einem
immer kleineren Zeitintervall [3, z] zu ermitteln, d.h. z immer näher bei 3 zu wählen
wodurch man eine immer bessere Näherung für die gesuchte Geschwindigkeit zum
Zeitpunkt 3 erhält. Die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt 3 kann man als Grenzwert
dieser mittleren Geschwindigkeiten auffassen, wenn sich z unbegrenzt der Zahl 3
nähert (d.h. in beliebige Nähe von 3 kommt). Aufgrund der Tabelle vermuten wir,
dass dieser Grenzwert 30 ist, dass also v(3) = 30 m/s beträgt.

In der letzten Aufgabe haben wir aufgrund der Tabelle vermutet, dass der Grenzwert der
mittleren Geschwindigkeiten gleich 30 ist. Können wir diesen Grenzwert auch berechnen?
Können wir nicht einfach in der Formel v(3,z) = 5-(z+3) für z die Zahl 3 einsetzen? Wir
würden dann tatsächlich 5-(3+3) = 30 erhalten. Leider können wir so nicht vorgehen, weil
die Formel v(3,z) = 5-(z+3) nur fur z ^ 3 gilt. Wir können aber folgendermaßen
argumentieren: Wenn sich z unbegrenzt der Zahl 3 nähert, dann nähert sich z + 3 unbegrenzt
der Zahl 3 + 3 = 6 und somit 5 • (z+3) unbegrenzt der Zahl 5-6 =30.

Dass die Geschwindigkeit v(3) der Grenzwert (lat.: limes) der mittleren Geschwindigkeit
v(3,z) ist, wenn sich z unbegrenzt der Zahl 3 nähert, schreibt man kurz so an:
v(3) = lim
z->3
v(3,z) (Lies: v(3) ist der Limes von v(3,z) für z gegen 3.)

Ein Körper bewege sich gemäß der Zeit-Ort-Funktion s: ti-> s(t). Man nennt
v(l)=.tav(M). Hm^i-^i
.:•; . !->t Z - t

die Geschwindigkeit des Körpers zum Zeitpunkt t.

-8-
2. Schritt: Verallgemeinerte Änderungsgeschwindigkeit zu einem Zeitpunkt

8 Aus einem zylindrischen Behälter, in dem sich anfänglich


10 Liter Wasser befinden, fließt Wasser aus. Es sei V(t) das
Volumen des im Behälter befindlichen Wassers zum
Zeitpunkt t (t in Sekunden, V(t) in Liter). Es gilt
näherungsweise: V(t) = (10 - 1 ) 2 .
1) Nach welcher Zeit ist der Behälter leer?
2) Gib eine Formel fur die mittlere Volumsänderungs-
geschwindigkeit im Zeitintervall [t, z] bzw. [2, z] an.
3) Berechne die mittleren Volumsänderungsgeschwindigkeiten in den Zeitintervallen
[2;z] fur z =3; 2,5; 2,1; 2,01; 2,001. Was bedeutet das negative Vorzeichen der
Ergebnisse?
4) Was könnte man unter der Volumsänderungsgeschwindigkeit V'(t) zum Zeitpunkt 2
verstehen? Berechne diese.
Lösung:
1) V(t) = ( 1 0 - t ) 2 = 0 O t = 10
Der Behälter ist nach 10 Sekunden leer.
Vv( z ) - V f t )
2) Mittlere Volumsärtderungsgeschwindigkeit im Zeitintervall [t;z] = _. =

= (10-z)2-(10-t)2 _ (z2-20z+100)-(t2-20t+100) _ z 2 - t 2 - 2 0 - ( z - t ) _
z-t ' ~~ z"'- t" z-t
(z—t)(z+1) - 20 • (z - 1 ) =:
Z.+1 - 20 . Diese Formel gilt nur f u r z e t .
z-t
Für t = 2 lautet diese Formel:
Mittlere Volumsänderungsgeschwindigkeit im Zeitintervall [2; z] =
V
( z ) - V ( 2 ) = z + 2 - 2 0 = z - 1 8 .Diese Formel gilt nur f u r z # 2 ;
-
z-2
3) Setzt man fur z die angegebenen Werte mm
Mittlere
ein, erhält man die in der Tabelle Zeitintervall
Volumsändenings-
angegebenen mittleren 12; z] geschwindigkeit
Volumsänderungsgeschwindigkeiten/V [2; 3] -15
Das negative Vorzeiche" ass \2- 2,51 -15,5
das Volumen im jeweili -15,9
[2; 2,1]
insgesamt abnimmt.
[2; 2,01] -15.99
4) Nahe liegender [2; 2,001] -15,999
DerVolumsänderu
zum Zeitpunkt 2 sn in
immer kleiner werdende 'allen [2;z] verstehen. Aufgrund der Tabelle
vermuten wir, dass die - 1 6 m/s beträgt: Wir könnten ihn auch
berechnen: -•' . , . • • ir.'' .
. - • • i !
;
. • •... •

n (z - 1 8 ) r. ' . . I

Berechnung ün^egre ifeS*


ahl 2 - 18 - • 16 . Wir erhalten
^ S l t i L
K S ..••;.
.'V i \ • s-f'J mm wmm

-9-
3. Schritt: Aligemeine Änderungsrate an einer Stelle

9 Ein kugelförmiger Ballon vom Radius r hat das Volumen V(r) = r3 (r in cm, V in cm3).
Der Ballon wird aufgeblasen.
1) Gib eine Formel fur die mittlere Änderungsrate des Volumens bezüglich des Radius
im Radiusintervall [r,z] an!
2) Es sei V'(r) die Volumsänderungsrate bezüglich des Radius beim Radius r. Gib eine
Formel fur V'(r) an.
3) Berechne mit dieser Formel die Volumsänderungsraten bezüglich des Radius beim
Radius 1 und beim Radius 3. Bei welchem dieser beiden Radien ändert sich das
Volumen stärker?
Lösung:
V(z)-V(r) _ f z 3 - f r 3
_ 47I,z
3
-r3 _ 4n _ (z-r)(z2+z-r+r2) _
z-r z-r 3 z-r 3 z-r
= 4 ^ - ( z 2 + z - r + r2)

2) V ( r ) ~ lim 4;--(z 2 + z - r + r 2 )
Zur Berechnung dieses Limes überlegen wir so: Nähert sich z unbegrenzt der Zahl r,
daxm nähert sich 4 p • (z 2 + z • r + r 2 ) unbegrenzt der Zahl 4p- • (r 2 + r • r + r 2 ) .
Wir erhalten also:
V'(r) = ^ • ( r 2 + r - r + r 2 ) = 4 f - 3 r 2 =4xr2

3) V ( i ) =4%-l2 = 4% « 1 2 , 6 (cm3/cm)
V'(3) =47t-3 = 367t« 113,1 (cm3/cm)
2
- }

Beim Radius 3 ändert sich das Volumen stärker. .J"'..: V


• JA'i

* J . 1 • 1- s(z)-s(t) r V(z)-V(t) , .. V(z)-V(r) . . . ,


Ausdrücke wie hm ——, lim —— — oder hm —— — treten in der
z—>t z —t z-»2 z —t z->r Z —r

Mathematik und ihren Anwendungen häufig auf. Sie erhalten daher einen eigenen Namen.

- 10-
6 Deutungen des Differentialquotienten
Es gilt:

f (x) = lim M O
z->x z-x
Ist z sehr nahe bei x, dann gilt:
f
f'(x)~(z)-f(x)
z-x
Man kann sich also unter dem Differentialquotienten an der Stelle x näherungsweise einen
DifFerenzenquotienten in einer sehr kleinen Umgebung von x vorstellen. Damit übertragen
sich alle Deutungen des Differenzenquotienten auf den Differentialquotienten, wenn man nur
dazusagt, dass man in der Nähe der Stelle x bleibt. Wir können also sagen:

Der Differentialquotient (die Änderungsrate) f(x) ist ungefähr gleich


- dem Verhältnis der Änderung der Funktionswerte zur Änderung der Argumente in der
Nähe von x,
- der mittleren Änderung von f pro Argumenteinheit in der Nähe von x,
- dem Faktor, mit dem die Änderung der Argumente in der Nähe von x multipliziert
werden muss, um die Änderung der Funktionswerte zu erhalten.

Die dritte Deutung kann auch so ausgesprochen werden:

Der Differentialquotient f(x) gibt näherungsweise an, wie viel mal stärker die
Funktionswerte in der Nähe von x wachsen bzw. fallen als die Argumente.

• . .
10 Für eine Funktion f gelte f'(2) = 5. Deute diese Aussage auf drei verschiedene Arten.
Losung: Sf*'
- In der Nähe von 2 verhält sich die Änderung der
Argumente ungefähr wie 5 zu 1.
- In der Nähe von 2 beträgt die mittlere Änderung von snteinheit ungefähr 5.
- In der Nähe von 2 wachsen die Funktionswerte ungei„.r.
Argumente. -

Differentialquotient als Steigung an einer Stelle:

- 11 -
Aus der letzten Aufgabe folgt:

Satz: Der Differentialquotient einer linearen Funktion f mit f(x) = k • x + d ist an jeder
Stelle x gleich der Steigung k.

Wir betrachten jetzt eine Funktion f, die nicht unbedingt linear


sein muss. Wir werden zeigen, dass man in diesem Fall den
Differentialquotienten f'(x) als Steigung der Tangente t an
den Graphen der Funktion f im Punkt (x/f(x)) auffassen
kann. Dazu müssen wir aber zuerst erklären, was man unter
einer Tangente an einen Funktionsgraphen überhaupt versteht.
Wir kennen bisher nur den Begriff der Tangente an einen Kreis. Eine Tangente an einen Kreis
ist eine Gerade durch den betrachteten Punkt des Kreises, die normal auf den entsprechenden
Radius steht (siehe Abb. 3). Diese Definition können wir nicht auf Funktionsgraphen
übertragen, da wir dort nicht von Mittelpunkt und Radius sprechen können. Eine Tangente an
einen Kreis kann man auch auffassen als eine Gerade, die mit dem Kreis genau einen Punkt
gemeinsam hat. Auch diese Definition ist nicht auf Funktionsgraphen übertragbar. Die Gerade
g in Abb. 4 entspricht nicht unserer Vorstellung von einer Tangente, obwohl sie mit dem
Graphen genau einen Punkt gemeinsam hat. Die Gerade h in Abb. 5 hingegen wird man als
Tangente akzeptieren, obwohl sie mit dem Graphen mehr als einen Punkt gemeinsam hat.

Abb. 3 Abb. 4 Abb. 5

Im Folgenden erarbeiten wir eine Definition der Tangente an einen Funktionsgraphen, die auf
Gottfried Wilhelm LEIBNIZ (1646-1716) zurückgeht.
In nebenstehender Abbildung gilt:
f(z)-f(x)
Steigung der Sekante XZ =
z-x
Nähert sich z unbegrenzt der Stelle x, so nähert sich der Punkt Z
unbegrenzt dem Punkt X und die Sekante nähert sich
unbegrenzt einer Grenzgeraden t. Die Steigung dieser
Grenzgeraden ist der Grenzwert der Sekantensteigungen:
f(z)
Steigung der Grenzgeraden t lim ' f ( x ) = f(x)
z-x

Definition: Es sei f eine reelle Funktion und f ' ( x ) ihr Differential quotient an der Stelle x. uW
Die Gerade durch den Punkt X = ( x / f ( x ) ) mit der Steigung f'(x) bezeichnet
man als Tangente an den Graphen von f i m Punkt X. Die Steigung f ' ( x )
Tangente heißt auch Steigung der Funktion fail der Stelle x:

- 12-
Die Steigung einer Funktion f an der Stelle x ist somit nichts anderes als der Grenzwert der
mittleren Steigung von f in einem Intervall [x, z] bzw. [z, x], wobei z gegen x strebt.

Wichtige Bemerkung: Man beachte, dass die Tangente mit Hilfe der Ableitung definiert wird
und nicht umgekehrt. Falsch wäre es, die Ableitung f'(x)als Steigung der Tangente zu
definieren, weil man an dieser Stelle noch nicht weiß, was eine Tangente ist.

Vorzeichen des Differentialquotienten

Ist f ' ( x ) > 0, so ist die Tangente im Punkt X = (x/f(x)) eine steigende Gerade.
Ist f ' ( x ) < 0, so ist die Tangente im Punkt X - (x /f (x)) eine fallende Gerade.
Ist f ' ( x ) = 0, so ist die Tangente im Punkt X == (x/f(x)) parallel zur ersten Achse.

fW

f'(x)>0 f'(x)<0 f(x) = 0

Neigungswinkel der Tangente

Unter dem Neigungswinkel a einer Geraden g versteht man das Maß des Winkels, den die
Gerade mit der positiven 1. Achse einschließt. Es gilt stets 0° < a <180°.

Abb. 6 Abb. 7

In Abb. 6 gilt: k = t a n a . In Abb. 7 gilt: k = —\ = -tan(180° - a ) = tana . In beiden


Fällen gilt also: k = t a n a . .

Ist k speziell die Steigung der Tangente an den Graphen einer Funktion f an der Stelle x, dann
folgt: f ' ( x ) = k = t a n a . Wir halten dies fest:

Satz: Ist a das Maß des Neigungswinkels der Tangente an den Graphen einer Funktion f a n
der Stelle x, so gilt:
f'(x) = tana

- 13-
7 Deutung von Steigungen
Das Ziel ist hier, Steigungen von Funktionsgraphen in Anwendungssituationen deuten zu
können.

12 Die Höhe s(t) eines lotrecht nach oben geworfenen Steines


zum Zeitpunkt t sei durch die nebenstehende Kurve gegeben
(s(t) in Meter, t in Sekunden).
1) Was bedeutet die Steigung der Funktion an einer
Stelle t physikalisch?
2) Entnimm der Figur, wann der Betrag der Geschwindigkeit
am größten, wann am kleinsten ist.
3) Wie groß ist ungefähr die Geschwindigkeit zu den
Zeitpunkten 1 und 2?
4) In welchem Bereich ist die Geschwindigkeit positiv, in
welchem negativ, wann gleich Null?

Lösung:
1) Die Geschwindigkeit des Steins zum Zeitpunkt t.
2) Betragsmäßig am größten zu den Zeitpunkten 0 und 3, betragsmäßig am kleinsten
zum Zeitpunkt 1,5.
3) Ca. 5 m/s bzw. -5 m/s.
4) Positiv im Zeitintervall [0; 1,5], negativ im Zeitintervall [1,5; 3], null zum Zeitpunkt
1,5.

13 Die nebenstehende Abbildung zeigt für einen


bestimmten Flugzeugtyp die Abhängigkeit des

mit einer bestimmten, konstanten


Geschwindigkeit fliegt.

Kurve an?

Anstellwinkel? :

Änderung jeweils? Welche Gefahr besteht im letzter

•: Lösung:
. V J J . . , , ..... , J A

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8 Definition von Begriffen mit Hilfe des Differentialquotienten
Das Ziel besteht hier nicht darin, Differentialquotienten auszurechnen, sondern verschiedene
Begriffe mit Hilfe des Differentialquotienten definieren zu können.

14 Dreht man das Lenkrad eines Autos um einen Winkel mit


dem Maß r/beginnend in der Geradeausstellimg), so
drehen sich tfLe Vorderräder um einen Winkel mit dem \C -vM
Maß v;{x). Die Vorderräder reagieren dabei unterschiedlich
auf eine Änderung des Lenkradeinschlages x. Dreht man
z.B. das Lenkrad immer um 1° weiter, so drehen sich die
Vorderräder im Allgemeinen immer weniger mit. Man sagt:
Die „Empfindlichkeit" des Vorderradeinschlages bezüglich
des Lenkradeinschlages wird immer kleiner.
1) Definiere den Begriff „Mittlere Empfindlichkeit des Vorderradeinschlages bezüglich
des Lenkradeinschlages im Lenkradeinschlagintervall [x,z]".
2) Definiere den Begriff „Empfindlichkeit des Vorderradeinschlages bezüglich
des Lenkradeinschlages beim Lenkradeinschlag x".

Lösung: Wir betrachten die Funktion w: XH W(X), die jedem Lenkradeinschlag x den
dazugehörigen Vorderradeinschlag w(x) zuordnet.
1) Die mittlere Empfindlichkeit e(x,z) des Vorderradeinschlages bezüglich des
Lenkradeinschlages im Intervall [x,z] kann als mittlere Änderungsrate der Funktion
w bezüglich x im Intervall [x,z] angesehen werden:

e(x,z) - w ( 2 )~~w( x )
• . z-x
2) Die Empfindlichkeit e(x) des Vorderradeinschlages bezüglich des Lenkradein-
schlages beim Lenkrädeinschlag x kann als Änderungsrate der Funktion w an der
Stelle x angesehen werden:
e(x) '-lim W ( Z ) ~ W ( ;X ) = w'(x)
§p z-x
(Eine Formel für e(x) können wir nicht aufstellen, weil wir für d
I ermdarstellung zur*' """ ' " 1 "'' ' " ' ' totype
~ konnte aber eine
solche ermittelt werden.)

15 Es: sei W(t) die Arbeit, ) ;

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