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Fragen zu Georg Simmel (1992). „Das Geld in der modernen Kultur (1869)“, in: H.J.

Dahme &
O. Rammstedt (Hrsg.), Georg Simmel. Schriften Zur Soziologie. Frankfurt: Suhrkamp.

1. Warum und in welcher Weise wirkt das Geld trennend und


verbindend auf die Menschen und welche Implikation hat dies
für die modernen Vorstellung von Freiheit? (rekonstruktive
Frage)
2. Wäre es sinnvoll analytisch zwischen Geld und Luxus zu
unterscheiden bzw. was spricht auf der anderen Seite dafür von
einer Kopplung oder Gleichsetzung von Geld und Luxus
auszugehen? (analytische Frage)
3. Versteht man materiellen Reichtum und die Akkumulation von Geld als etwas, das sich
jenseits des Prinzips der Notwendigkeit, der praktischen Rationalität und Nützlichkeit
bewegt, dann stellt sich die Frage, in welcher Form sich mit der Geldvermehrung ein
Freiheitsversprechen artikuliert? Inwiefern könnte so etwas wie materieller Reichtum
als das Luxusgut der Moderne erachtet werden? (diagnostich weiterführende Frage)
4. In welchem Verhältnis steht die Figur des Unbezahlbaren, wie sie bei Simmel
aufscheint, zum modernen Luxus? Die Idee des Unbezahlbaren fungiert bei Simmel als
eine Figur der Kritik an dem entfremdenden Freiheitsversrechen der Geldwirtschaft.
Warum scheint das Geld aus dieser Perspektive kulturell zu entfremden? Was sagt uns
das über die modernen Kultur des Luxus? Nehmen Sie gerne auch selbst kritisch Stellung
an der Figur des Unbezahlbaren wie diese von Simmel definiert wird. (kritische Frage)
1. Früher war Besitz und Person aneinander gekoppelt und auch die Personen zueinander hatten einen direkteren Bezug. Nun hat sich allerdings das Geld zwischen Person und Besitz und
zwischen Person und Person geschoben. Zum einen ist es zwar ein verbindendes Mittel, denn es vermittelt zwischen Person und Besitz und zwischen Person und Person. Menschen sind
durch ihr gemeinsames Geldinteresse miteinander verbunden. Einige Verbindungen sind sogar erst durch das Geld möglich: Der Gustav-Adolph Verein zur Unterstütztung bedrängter
evangelischer Gemeinden konnte beispielsweise nur funktionieren, weil die Geldbeträge einen objektiven Charakter haben und die unterschiedlichen Interessen zwischen verschiedenen
evangelischen Gruppen (Lutheranen, Reformierte, Unierte,…) verwischt haben. Das Geld schafft also eine „starke Bindung zwischen Mitgliedern desselben Wirtschaftskreises“ (81). Geld ist
ein globales Verständigungsmittel und verbindet deshalb.
Andererseits wirkt das Geld jedoch auch trennend, bezogen auf das Person-Besitz- sowie das Person-Person-Verhältnis. Geld ist unpersönlich und charakterlos, es drängt sich zwischen das
ursprünglich unmittelbare Verhältnis der Personen. Wo der Arbeitsplatz einst mal als persönliche Lebensgemeinschaft empfunden wurde, ist er in der modernen Gesellschaft nur noch durch
einen technischen Charakter geprägt, der einzig durch Geldinteresse und Sachlichkeit geprägt wird.
Das hat aber gleichzeitig auch den Vorteil, dass das „Subjekt sich von einengenden Bindungen befreit, weil es jetzt nicht mehr als ganze Person, sondern in der Hauptsache durch Hingeben
und Empfangen von Geld mit dem Ganzen verbunden ist“ (80). Geld unterstützt also auch die Selbstständigkeit und den Individualismus der Person, genauso wie sie die Entfremdung
unterstützt.

2. Geld und Luxus müssen nicht identisch sein, weil Luxus viele Gesichter annehmen kann, die nicht alle durch Geld erreichbar sind. Geldvermögen ist allerdings das allgemeine Verständnis
von Luxus. Mit Geld lassen sich die exklusivsten und speziellsten Dinge kaufen. Viele Wertgegenstände stehen durch einen festgelegten Preis frei zum Verkauf und sind somit auch durch
Geld erwerbbar. Außerdem ermöglicht Geld auch den Luxus auch Freiheit und Individualisierung: Selbst soziale Verpflichtungen können unter Umständen durch Geld abgekauft werden.
Geld kann also als Ersatz von Leistung funktionieren, wodurch der Besitz von Geld häufig mit einem ausgeprägten positiven Freiheitsgefühl verbunden ist. Aus dieser Perspektive stellt Geld
durchaus ein Luxusgut dar.
Allerdings gibt es auch bestimmte Dinge, die keinen fixen Geldwert haben. „Objekte des wirtschaftlichen Verkehrs haben also auch Seiten, die nicht in Geld ausdrückbar sind“ (85), wie
beispielsweise das Land eines Bauers, welches in seinem ständigen Gebrauch viel mehr Wert ist als der alleinige Geldwert des Bodens. Nicht jedes Objekt hat also ein genaues, restloses
Äquivalent. Das zeigt auch die Grenzen des Geldes als Luxusgut. Außerdem verbreitet sich der Gedanke, dass Geld das „gemeine Gut“ ist, da sich jeder Geld besitzt und damit handelt.
Luxus entsteht jedoch erst durch das Distinguierte, das Individuelle, was sich vom „Gemeinen“ abhebt. Aus dieser Perspektive kann Geld gar nicht erst ein Luxusgut sein.

3. Geld ermöglicht nicht nur den Erwerb notwendiger und nützlicher Güter, sondern geht auch mit einem Freiheitsversprechen einher. Wer Geld hat, muss weniger leisten und ist somit freier.
Außerdem gibt das Geld die Möglichkeit und somit auch die Freiheit, sich die eigenen Wünsche zu erfüllen und völlig zu befriedigen. Allerdings kritisiert Simmel diese Funktion auch: „Mit der
Annäherung an das Glück wächst die Sehnsucht danach“. Genau durch dieses Glücksstreben ist allerdings die moderne Gesellschaft geprägt. Durch das Geld können wir unsere Bedürfnisse
schneller und leichter befriedigen und daher streben wir nach immer mehr und immer größerem Glück. Glück ist also das ultimative Ziel und der Luxus der modernen Gesellschaft. Da wir
einen Großteil unserer Bedürfnisse durch Geld befriedigen können, glauben wir daher auch an das Geld, das uns zu diesem luxuriösen Ziel des Glücks verhilft. Das Geld ist der Gott der
modernen Zeit. Wer viel davon besitzt, schwelgt im Glück und im Luxus

4. Da das Geld eben immer mehr Dinge in ihrem Wert gegeneinander aufwiegt, gibt es mittlerweile einige Dinge, die sich nicht mehr durch Geld begleichen lassen, wie zum Beispiel die
Geldbuße für begangene Straftaten. Früher war der Ausgleich durch Geld üblich, heute ist dies jedoch nur noch bei leichtem Vergehen zulässig. Das zeigt, dass die Bedeutung des Geldes
stark gestiegen ist: Da es den Wert von beinahe jeder Sache aufwiegen kann, ist es so farblos und charakterlos geworden, dass es in besonderen, persönlichen, sittlich-religiösen
Situationen nicht mehr zulässig ist. Das zeigt auch, dass nicht nur das Geld an Bedeutung gewonnen hat, sondern auch das Individuum: Wo früher die Schuld noch mit einer einheitlichen
Geldsumme beglichen werden konnte, ist dies nun unmöglich, da auch das Verbrechen des Einzelnen als individuell, unvergleichbar und unersetzlich empfunden wird.
Diese Idee des Unbezahlbaren ist ein Ausdruck der Kritik am Geld. Es zeigt, dass der Mensch durch das Geld so stark individualisiert und ihn somit entfremdet hat, dass er von jeglicher
Einheitlichkeit losgelöst ist, Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Beziehungen zwar durchaus noch wichtig sind, aber eben „ohne Rücksicht darauf, wer es gerade ist. Ihre Anonymität, die
Gleichgültigkeit gegen ihre Individualität - das ist es, was die Menschen gegeneinander entfremdet und jeden auf sich selbst zurückweist“. Geld und Kultur passen nicht zusammen, denn an
der Stelle wo Kultur die Menschen auf organissche Weise verbindet und die Persönlichkeit zueinander in den Vordergrund stellt, hat Geld nur eine rationale Funktion, ist farblos, kalt und
berechnend, ist das graue Gut jedermanns. Somit ist der moderne Luxus, solange er Geldvermögen meint, ebenso gekennzeichnet durch dieses graue und triste Symbol der
Beziehungslosigkeit und Einsamkeit.