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1. Kulturelle Bedürfnisse (Geschmack) sind sozialbedingt.

Die Kulturelle Praxis wird also primär durch die Bildung und sekundär auch durch die soziale Herkunft bestimmt. Der Luxusgeschmack entspringt nach Bourdieu also
aus einer hohen Bildung und der Abstammung aus einer kultivierten Familie. Wer den Luxusgeschmack hat, verfügt auch über entsprechende Codes/Kompetenzen, um die Kunst mit diesem reinen Auge zu betrachten. Der
Luxusgeschmack gehört zur „Schicht der sekundären oder konventionellen Bedeutung“: Er verwendet Begriffe, die über die üblichen sinnlichen Formen hinausgehen und die eigentlichen stilistischen Merkmale des Kunstwerkes
beschreibt. Bei diesem Geschmack stehen Form, Manier und Stil im Vordergrund, nicht die Funktion. Die Leidenschaften, Empfindungen und Gefühle der gewöhnlichen Menschen werden dabei abgelehnt. Man tritt dem Bild mit
einer gewissen „Interessen-„ oder „Erwartungslosigkeit“ gegenüber. Der „reine Blick“ entsteht durch einen Bruch mit dem alltäglichen Leben und ist somit auch ein gesellschaftlicher Bruch und dient somit gezielt zur Abgrenzung
gegenüber der restlichen Gesellschaft.
Der Notwendigkeitsgeschmack ist der populäre Geschmack und verfügt über einen naiveren Blick, ohne gesellschaftlichen Bruch. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Kunst und Leben, die Form ist der Funktion
untergeordnet. Die populären Schichten greifen bei der Betrachtung von Kunst auf ihr Normensystem zurück und erwarten auch von jedem Kunstwerk, dass es etwas aussagt und eine Funktion erfüllt. Diese „Schicht der
primären oder natürlichen Bedeutung“ beziehen die Kunstwerke auf ihre praktische Erfahrung und nehmen daher eher leichte, oberflächliche, triviale und vulgäre Kunstformen an und lehnen formale künstlerische Experimente
eher ab.
Beide Geschmackformen lehnen sich gegenseitig ab.

Fragen zur Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede


Seminar: Soziologie des Luxus

1. Was kann man in Anlehnung an Bourdieu unter Luxusgeschmack in Abgrenzung zum


Notwendigkeitsgeschmack verstehen? Und inwiefern geht der Luxusgeschmack mit der
Vorstellung des Reinen, des kulturelle Vornehmen einher, währende der
Notwendigkeitsgeschmack als vulgär und gemein angesehen wird? Fallen Ihnen hierzu
Beispiele ein neben jenen, die Bourdieu selbst nutzt? (rekonstruktive Frage)

2. Auf den ersten Blick scheinen sich die Theorien von Thorstein Veblen und Pierre
Bourdieu stark zu ähneln. Und selbst Bourdieu nimmt begrifflichen einigen Stellen Bezug
auf Veblen, so nutzt er zum Beispiel den Terminus des demonstrativen Konsums, den
Veblen geprägt hat (hier im englischen auf S. 770 wie ihn Veblen auch nutzt „conspicious
consumption“) und dies zwar ohne Veblen zu zitieren, aber in klarer Abgrenzung zu dessen
Theorie. Legen Sie zunächst die Ähnlichkeiten beider Theorien dar und erarbeiten Sie
aufbauend Unterschiede. Worin gründet Ihrer Ansicht nach der Hauptunterschied
zwischen Veblen und Bourdieu? (theorievergleichende Frage)

3. Auf Seite 17 der Einführung definiert Bourdieu sein Erkenntnisziel: Hier wird deutlich, es
geht ihm um eine Entschleierung der „Charismatischen Ideologie“, die die „legitime
Kultur“ begründet. Was ist damit gemeint? (rekonstruktive Frage). Wenn möglich, ziehen Sie
weitere soziologische Theorien zur Erklärung heran? (theorieerweiternde Frage)
3. Der Luxusgeschmack wird als naturgegeben verkauft, obwohl er eigentlich ein Produkt der Sozialisation ist. Die Mitglieder der oberen Klasse verschleiern dies
nur, indem sie beim Zeigen des Geschmacks nicht mehr offensichtlich auf ihre Bildung zurückgreifen müssen, da diese bereits inkorporiert ist.
4. In einer längeren und sehr komplizierten Passage auf Seite 767 schreibet Bourdieu: „Die
künstlich geschaffene Welt [...] ist Gegennatur [...] geschaffen durch einen künstlerischen
Akt der Sublimierung, der eine gesellschaftliche Legitimationsfunktion erfüllen vermag:
Die Negation des minderwertigen, grobschlächtigen, vulgären, käuflichen und servilen, in
einem Wort: der natürlichen Lust, schließt in sich ein die Affirmation des sublimen,
erhabenen Charakters derer, die an die sublimierten, verfeinerten, distinguierten,
interesslosen, zweckfreien und freiwilligen Vergnügen ihr Wohlgefallen zu finden wissen.
Mit der Gegenüberstellung von natürlichem und freiem Geschmack ist ein spezifisches
Verhältnis eingeführt, das zwischen Körper und Seele, ein Verhältnis zwischen jenen die
bloße Natur sind, und den anderen, die ihrem Vermögen, die eigene biologische Natur zu
beherrschen, ihren legitimen Anspruch auf Beherrschung der gesellschaftlichen Natur
bekräftigen. Verständlicher wird damit auch, warum die Einbildungskraft des Volkes [...]
die der ästhetischen Soziodizee zugrundeliegende Beziehung notwendig umkehren muss:
Auf die Entscheidung zur Sublimation mit der Parteinahme für Reduktion oder, wenn man
will, Erniedirgung konternd, wie im Argot, in der Parodie, Burleske und Karikatur, dabei
all die Werte über den Haufen werfend , in denen sich die herrschenden in ihrer ganzen
Erhabenheit wiedererkennen und bestätigen, mit dem Rückgriff aufs obszöne und
skatologische Ausdrücke, negiert sie systematisch den Unterscheid, verhöhnt
Auszeichnung und Distinktion und setzt, wie im Karneval, die vornehmen Vergnügungen
der Seele auf die Stufe gemeiner Befriedigungen von Bauch und Geschlecht herab.“
Diese Textstelle ist nicht unbedingt eingängig geschrieben und man könnte gerade die
vornehme Wahl der Sprache, die Komplexität des Stils und die Beispiele aus der
Hochkultur als einen wunderbaren Beweis für eine kulturell distinguierte Praxis ganz im
Sinne Bourdieus verstehen (Anmerkung: Bourdieu ist sich dessen bewusst, natürlich spielt
auch er das Spiel um Distinktion und thematisiert es auch in diesem Buch). Versuchen Sie
diese Stelle Schritt für Schritt t in ihren eigene Worten und mittels von Beispielen, die ihnen
vertraut sind, zu rekonstruieren, um den Aussagewert der Bourdieuschen Argumentation
zu verstehen. (Rekonstruktion und verstehende Interpretation)
2. Veblens und Bourdieus Theorien ähneln sich, insofern sie beide die Ablehnung das Adels gegenüber dem Gewöhnlichen zeigen. Durch distinguierten Geschmack grenzt sich die
Oberschicht ganz bewusst von der unteren ab. Allerdings kritisiert Veblen den Adel stärker, wo Bourdieu relativ neutral auf die verschiedenen Geschmäcker eingeht. Veblen beschreibt
außerdem das Leben des Adels als unendlichen Müßiggang, also ein Leben im Nichtstun und im Leichten, während Bourdieu den Adel als eine Schicht beschreibt, welcher das Leichte
ablehnt und zu seinem Geschmack nur durch eine besonders hohe Bildung und Herkunft erlangen kann. Außerdem beschreibt Veblen ganz klar 2 soziale Klassen, beziehungsweise 3
(Bürgertum, echte müßige Klasse, stellvertretende müßige Klasse), während Bourdieu viele Klassen und Schichten unterscheidet, die teilweise auch ineinander übergehen können.
4. Die künstlich geschaffene Welt entsteht durch eine unechte Erhabenheit, welche gesellschaftliche Zustände rechtfertigen kann. Das Verneinen der natürlichen Lust bekräftigt
gleichzeitig die erhabene Lust: Natürlicher und freier Geschmack stehen sich gegenüber so wie Körper und Seele. Darum muss die Vorstellung, bzw. der Glaube an eine
ästhetische Gesellschaftsgerechtigkeit hinterfragt werden. Die Individuen müssen sich gegen die Erhöhung, welche gleichzeitig mit einer Erniedrigung einhergeht stellen. Um sich
also gegen die soziale Unterscheidung und Abgrenzung zu stellen, verweigert man bewusst die Erhabenheit und Verfeinerung, indem man hochtrabende Sitten mit z.B. mit Humor
nimmt und nicht ganz ernst ausführt.