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Anika Adler, Matrikelnummer: 218216349

Das Alter der Dunkelheit

Seit Anfang der 1980er Jahre etabliert sich eine schwarze Szene mehr und mehr, wächst zu einer Kultur
heran, die sich innerhalb des Kreises stetig wandelt und verschiedene Untergruppen aufsplittert. Ob Nieten,
Ketten oder Leder, schwarze Lackkleidung, oder Spitze, die Haare die Augen verdeckend oder aufwendig
hochtoupiert: Die Erscheinungsbilder sind verschieden und doch teilen alle Mitglieder eine Gemeinsamkeit:
Den Hang zu düsterer Kleidung, eigenwilligen Frisuren und Symboliken, die auf Tod, Religion und Magie
zurückzuführen sind (vgl. Richard 1995: 122).
Durch ihr markantes, schwarzes Erscheinungsbild und die Beschäftigung mit skurrilen und okkulten
Symboliken wurde in vielen Kreisen Angst und Schrecken gegenüber der Szenemitglieder ausgelöst:
Anhänger wurden übereilt als Grabschänder, Satanisten, Todessehnsüchtige oder Spaßfeindliche abgetan
(vgl. Schmidt & Neumann-Braun 2008). Auch wenn heutzutage die schwarze Szene besser als
Gemeinschaftsform integriert ist, löst sie durch ihr eigenwilliges Aussehen und Verhalten dennoch Skepsis
bei Außenstehenden hervor.
Bisher steht zum Thema der schwarzen Szene nur wenig Literatur zur Verfügung, wodurch es umso
wichtiger erscheint, die Subkultur in soziologischem Sinne näher zu beleuchten, sie in ihren
Vorkommnissen, Lebensformen, Meinungen und Intentionen zu verstehen und die Gesellschaft für die
schwarze Kultur zu sensibilisieren. Erst Mitte der 1980er Jahre – zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Szene
bereits weitestgehend ausdifferenziert hatte, begannen verschiedene Forscher und Schriftsteller über die
Szene Bericht zu erstatten. Grund dafür war in hohem Maße die verzerrte Wahrnehmung der Gesellschaft
auf die Gothics. So haben sich zum Beispiel Werner Helsper sowie Axel Schmidt und Klaus Neumann-
Braun mit der dunklen Szene ausgiebig befasst, wodurch unter anderem die Vorurteile zu satanistischen
Verbindungen mit der Szene aus dem Weg geräumt, sowie Lebensformen und Werte näher beleuchtet
wurden. Helsper legte in seiner Arbeit des weiteren ein besonderes Augenmerk auf die Ursachen für den
Eintritt in die schwarze Szene. Auch Birgit Richard, welche ihren Forschungsschwerpunkt in Jugendkulturen
legte, beleuchtete das Thema der Gothic-Szene besonders für das Verständnis der Verwendung von Todes-
Symboliken (Richard: 1995) und trug somit zu einer höheren gesellschaftlichen Sensibilisierung für die
Motive der Szene bei. Des weiteren beschäftigte sich der Schriftsteller Klaus Farin intensiv mit der Gothic-
Szene als Jugendphänomen, wobei es auch bei ihm darum ging, Einstellungen der Szenemitglieder zu
erklären und Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Dabei nutzte er oft Interviews mit einzelnen Mitgliedern
und lies zu großen Teilen deren Aussagen für sich sprechen. Der Einzelne Gothic sollte für Außenstehende
verstehbar gemacht werden.
Dabei fällt jedoch auf, dass die Literatur sich bisher nur unzureichend mit der Einteilung des Begriffs der
schwarzen Szene in kulturelle Kontexte befasst. So stellt sich schnell die Frage, ob das Phänomen der
schwarzen Szene sich lediglich in bestimmten Altersgruppen – insbesondere der Jugendszene – ausbreitet
oder ob alle Altersgruppen gleichermaßen davon betroffen sind. Auch in der Literatur scheint darüber noch
Uneinigkeit zu herrschen: Mal ist von Gothic als Subkultur die Rede, welche sich auf alle Altersklassen
bezieht (z.B. Schmidt & Neumann-Braun: 2008), in anderen Werken wird die schwarze Szene spezifisch als
Jugendkultur betitelt (z.B. Farin: 2001). Es gilt also herauszufinden, ob diese Szene als Subkultur oder doch
vielmehr als Jugendkultur eingestuft und definiert werden sollte. Dafür muss zuerst ergründet werden, in
welchen Merkmalen sich eine Subkultur von einer Jugendkultur unterscheidet, was zunächst eine
Begriffsdefinition von Subkultur, Jugend und Jugendkultur bedarf. Im weiteren Verlauf werden die Begriffe
auf die schwarze Szene bezogen und anschließend erörtert, welcher Art diese letztendlich zuzuordnen ist und
ob sie sich überhaupt deutlich einem der Begriffe zuteilen lässt.

Kurz kann man den Begriff der Subkultur als „ein gruppentypisches Syndrom von Werten und Normen, das
sich von dominierenden Kulturen deutlich, oft konflikthaft unterscheidet“ (Hradil 1992: 10) beschreiben.
Näher handelt es sich dabei um die Existenz eines Systems parallel zur dominierenden Hauptkultur, dessen
Werte und Normen von einer bestimmten Gesellschaftsgruppe anerkannt werden (ebd. 25f.). So werden die
Eigenheiten einer Subkultur durch „abweichendes Verhalten erst eingeübt, in ‚Karrieren’ überführt und
gruppendynamisch stabilisiert“ (Lipp 2002: 583). Durch eine Art „Ehrenkodex“ werden die Werte und
Normen in Bereichen wie Rituale, Kommunikation, Mode, Musik, Essgewohnheiten oder Sexualität
eingehalten. So verfügen Subkulturen auch über jeweils eigene interne Strukturen der Machtausübung,
Verwaltung und Selbstorganisation (ebd.). Subkulturen prägen auch die Gesellschaft insgesamt, jedoch
weniger auf revolutionärem Wege, der die Gesellschaft neubilden oder grundlegend verändern soll, sondern
viel mehr durch eine Erweiterung des Werte- und Normen-Systems (ebd.: 584).
Anika Adler, Matrikelnummer: 218216349

Der Begriff Jugend wird als die Zeit beschrieben, die nach der Kindheit auf dem Weg zum Erwachsensein
vergeht. Gekennzeichnet ist diese durch eine „Verunsicherung und Infragestellung der eigenen Leiblichkeit
und Identität“ (Schäfers 2003: 161)
Dabei besteht die Problematik, dass sich in heutigen Verhältnissen das Ende des Jugendalters nicht mehr
deutlich abgrenzen lässt, da über den Erwerb verschiedener Mündigkeiten hinaus eine sogenannte
künstlicher Verlängerung der Jugendzeit, besonders hinsichtlich Lebensplanungen, bis in das dritte
Lebensjahrzehnt hinein üblich geworden ist. Auch hier kommt es im Rahmen von jugendinternen
Gruppenbildungen zur Ausdifferenzierung verschiedener jugendlicher Subkulturen, welche sich in
gemeinsamer Mode, Moral, Literatur, Musik und Sprache kennzeichnen (ebd.: 161f.).
Des Weiteren müssen die Akteure innerhalb ihrer Jugendzeit dazu in der Lage sein, körperliche, psychische
und soziale Entwicklungsaufgaben zu bewältigen um der angestrebten Rolle in der Gesellschaft gerecht
werden zu können. So ist es für dieses Themengebiet wichtig zu erwähnen, dass diese Entwicklungsaufgaben
zum einen der persönlichen Individuation und zum anderen der sozialen Integration dienen. Dazu spielen
unter anderem das Entwickeln sozialer Kompetenzen, eigener Werte und Normen sowie sozialer Kontakte
und Bindungsfähigkeit eine Rolle um die eigene Persönlichkeit und somit Identität auszudifferenzieren, die
eine Position in der Gesellschaft einnimmt (Hurrelmann 2016: 24-28)

Bei der Jugendkultur wird ein Augenmerk auf die kulturellen Eigenheiten von Generationen im Jugendalter
gelegt, welche zum einen durch einen gesellschaftlichen Aspekt bestehen und zum anderen auch eine
Abgrenzung zu anderen Generationen darstellen (Pfaff 2006: 15). Wird die Definition von Subkulturen mit
dem Begriff der Jugend verbunden, so handelt es sich bei einer Jugendkultur also um eine Subkultur, die im
Rahmen jugendlicher Gruppenbildung entsteht und deren Mitglieder anhand dieser Kultur die
Entwicklungsaufgaben der Jugend bewältigen. Jugendkulturen dienen der Identitäts- und Lebensstilfindung
und erfüllen gleichzeitig die Funktion eines sozialen Netzwerkes (Farin 2011: 23). Etwa 20 Prozent aller
Jugendlichen fühlen sich Jugendkulturen zugehörig, wobei 70 Prozent der übrigen mit bestimmten
Jugendkulturen sympathisieren, ohne sich dabei genau auf eine festlegen zu wollen (ebd.: 11).

Diese Begriffe werden im Folgenden auf das Thema der schwarzen Szene bezogen.

Die Definition des Begriffs Subkultur lässt sich insgesamt problemlos auf die schwarze Szene übertragen.
Die Muster der Szene wurden durch das abweichende Verhalten verschiedener Wegbereiter, wie
beispielsweise das szenetypische Idol Robert Smith, eingeübt und anschließend durch eine breite
Fangemeinschaft und weitere Sympathisanten gefestigt. Die Werte und Normen der Szene konzentrieren
sich auf „die Betonung von Individualität, Anders-Sein und einer prinzipiellen Differenz gegenüber
‚normalen’ Gesellschaftsmitgliedern“ (Schmidt & Neumann-Braun 2008: 68). Dies wird beispielsweise mit
der Beschäftigung von okkulten Themen, dem Tragen von schwarzer Kleidung oder der Auseinandersetzung
mit Tod und Verfall erreicht.
Jedoch treffen die Eigenschaften von Subkulturen ebenso auf die Eigenschaften von Jugendkulturen zu, da
Jugendkulturen die Merkmale von Subkulturen innehaben und ausschließlich um andere Aspekte erweitern.
Um erfassen zu können, ob die schwarze Szene in eine Subkultur im allgemeinen Sinne oder in eine
Jugendkultur im spezifischeren Sinne einzuteilen ist, bedarf es deshalb einer Forschung, welche
Altersgruppen der schwarzen Szene am häufigsten angehören. Weiterführend wird auf das Phänomen der
altersspezifischen Interessen innerhalb der Szene eingegangen, sowie ein Augenmerk auf den Prozess des
Eintritts in die schwarze Szene gelegt. Auch die Befassung mit dem Begriff der Proto-Gemeinschaften spielt
im Bezug auf die schwarze Szene und deren kategorische Zuteilung in die Begriffe Subkultur oder
Jugendkultur eine Rolle. Zuletzt soll die schwarze Szene mit einer anderen Jugendkultur hinsichtlich
verschiedener Gesichtspunkte verglichen werden.

In ihrer Studie beschreiben Schmidt und Neumann-Braun (2008) verschiedene Einzelbeispiele von
Treffpunkten der schwarzen Szene. Hierbei wird deutlich, dass nicht nur jugendliche Altersklassen bei den
jeweiligen Szene-Treffs auffindbar sind, sondern eine größere Altersspanne bis etwa Mitte 30-Jährige. In
einem ihrer Fallbeispiele – hier über eine Levitation-Party in einem bekannten Club in Rüsselsheim – „sind
durchschnittlich 150 Leute anwesend. Die Altersspanne rangiert von 16 Jahren bis Mitte 30. (...) Die
anwesenden Leute scheinen alle langjährige Mitglieder der Szene zu sein: Sie besuchen die Veranstaltung
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regelmäßig, sind passend gekleidet und kennen sich untereinander offenbar gut“ (Schmidt & Neumann-
Braun 2008: 89). Das zeigt, dass die schwarze Szene keineswegs eine Szene ist, der ausschließlich
jugendliche Akteure angehören. Gothic-Mitglieder bleiben nach dieser Fallbeispiel-Beschreibung der Szene
über das Jugendalter hinaus treu und fühlen sich ihr auch im Erwachsenenalter weiterhin zugehörig.

Außerdem ist in der schwarzen Szene von einer Altersspezifität der szeneinternen Aktivitäten die Rede,
wobei „reifere“ Aktivitäten (z.B. höhere Konzentration auf kulturelle Bereiche) den älteren Szenemitgliedern
und „pubertäre“ Aktivitäten (z.B. das Festhalten an szenetypischen Merkmalen, wie Mode) eher den
jüngeren Szenemitglieder zugesprochen werden (ebd.: 204f.). Dies unterstützt die These, dass die schwarze
Szene sehr wohl in einem relevanten Maße auch ältere Mitglieder beherbergt, die nicht mehr Jugendgruppen
angehören. Durch die altersspezifischen Aktivitäten innerhalb der Szene lässt sich des weiteren mutmaßen,
dass nicht alle Altersklassen der Gothic-Mitglieder in den Fallbeispielen von Schmidt und Neumann-Braun
erfasst wurden, da diese zu großen Teilen Veranstaltungen präsentieren, die eher auf die „pubertären“
Aktivitäten zurück zu führen sind und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere ältere Mitglieder der
schwarzen Szene vorhanden sind, welche jedoch die jeweiligen Veranstaltungen aufgrund der gewandelten
Interessen nicht (mehr) besuchen.
Der Wandel der altersspezifischen Interessen innerhalb der Szene wird durch eine sogenannte
Szenesozialisation ausgelöst (ebd.), was jedoch ebenso bedeutet, dass damit auch Aufgaben der Jugend
durch die Szene erfüllt werden: So ändern sich die Interessengebiete der Mitglieder mit fortschreitendem
Alter, ohne dass sie dabei jedoch aus der Szene austreten. Die Persönlichkeit von jugendlichen Mitgliedern
entwickelt sich durch die Szene weiter. Diese Sozialisation spricht für eine Definition der schwarzen Szene
als Jugendkultur.

Um die Alters- beziehungsweise Lebensabschnitte der Gothic-Mitglieder zu erörtern, kann des Weiteren ein
Blick auf die individualpsychologischen Motive, Lebenssituationen und Entwicklungsphasen der Akteure
gewagt werden, die der Szene neu beitreten. So scheinen zum einen Akteure mit problematischen familiären
Beziehungen Zugang zur Szene zu finden oder auch solche, die in stark traditionalistischen und religiösen
Umgebungen aufwuchsen (vgl. Helsper 1992: 358f.). Auf der anderen Seite „rekrutieren sich die Grufties
eher aus diesen kulturell gebildeten und materiell gesicherten Familien“ (Farin 2001: 160). Der Zugang zur
Szene aus diesen spezifischen Familienverhältnissen kann in dem Zusammenhang als jugendliche Rebellion
gegen das bestehende Elternhaus gedeutet werden. So würden Jugendliche gegen das traditionale und
religiöse Erziehungsmilieu ankämpfen, während die aus höheren Bildungsklassen in der Szene „die
Möglichkeit sahen, dem gesicherten, aber stinklangweiligen Alltag ihres Lebens und der Gleichgültigkeit
ihrer Eltern zu entfliehen“ (ebd.). Rebellion in diesem Kontext spielt in der Lebensphase Jugend keine
irrelevante Rolle. So geben beispielsweise zwei Drittel der 16- bis 29-Jährigen in Österreich an, eine völlig
andere Lebensweise als deren Eltern zu verfolgen (vgl. Bebnowski 2012: 121). So kann man diese Art von
Rebellion als die jugendliche Entwicklungsaufgabe der Individuation verstehen.

Ein weiterer Hinweis, der für die Einteilung der schwarzen Szene in eine Jugendkultur spricht, sind die
Bildungen von Proto-Gemeinschaften innerhalb der Szene als Resultat jugendlicher Vergemeinschaftung
(Schmidt & Neumann-Braun 2008: 34). Unter Proto-Gemeinschaften versteht man „ ‚hergestellte
Botschaften’ und elementare Ästhetiken, die unter den Bedingungen der jüngsten Modernisierungsprozesse
funktionieren“ (Willis 1991: 174). So zeichnen sich Proto-Gemeinschaften, so wie auch die schwarze Szene
dadurch aus, dass die Mitglieder sich nicht nur organisch strukturierter Kommunikation, die an Ort und
Milieu gebunden ist, bedienen, sondern auch serielle Strukturen der Kommunikation nutzen (Schmidt &
Neumann-Braun 2008: 34). Diese seriellen Gemeinschaften kann man als „soziale Gruppen, die nicht durch
direkte Kommunikation, sondern durch gemeinsame Stile, Moden, Interessen, Gefühle, Positionen und
Leidenschaften verbunden sind“ verstehen (Willis 1991: 175). Da in der schwarzen Szene die Zugehörigkeit
zur Gruppe durch eben solche serielle Kommunikation, wie das Tragen schwarzer Kleidung oder das
Interesse an okkulten Gegenständen, gegenwärtig ist, ist ihr auch der Begriff der Proto-Gemeinschaft
zuzuordnen, welche sich vornehmlich in jugendlichen Gemeinschaften, also Jugendkulturen, zeigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die schwarze Szene zum einen über Merkmale von Jugendkulturen,
sowie auch über Merkmale von Subkulturen für alle Altersklassen verfügt. Zum einen werden für die
Jugendphase typische Entwicklungsaufgaben im Sinne der Sozialisierung und Individualisierung realisiert.
Auch der Eintritt in die Szene geschieht zumeist während der Jugendzeit, möglicherweise aus dem Ursprung
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schwieriger Familienverhältnisse heraus. Zum anderen verfügt die Kultur ebenso über ein breites Spektrum
an erwachsenen Menschen, die nach dem Eintritt in die Szene in ihrer Jugendzeit der Kultur weiterhin treu
geblieben sind. Durch die Interessenverschiebung mit steigendem Alter lassen sich erwachsende Mitglieder
nur noch seltener auf offiziellen feierlichen Veranstaltungen blicken, jedoch kann man auf den größten und
wichtigsten Ereignissen, wie dem jährlichen Wave-Gothic-Treffen in Leipzig, eine große Altersbandbreite
an Szenemitgliedern ausmachen.
Einzig durch den Umstand, dass Gothic-Mitglieder typischerweise über das Jugendalter hinaus der
schwarzen Szene angehörig bleiben, ist diese Szene als Subkultur zu verstehen.

Um die Abgrenzung der Gothic-Szene zu Jugendkulturen besser begreifen zu können, ist es sinnvoll sie im
Folgenden mit einer eindeutigen Jugendkultur – hier der Punk-Szene zu seiner Blütezeit in den 1980er
Jahren – zu vergleichen. Ein interessanter Gesichtspunkt ist hierbei, dass die Gothic-Szene, welche sich
letztendlich eher als Subkultur aller Altersklassen einteilen lässt, aus der jugendlichen Punk-Szene heraus
entsprungen ist. In England um die 1970er Jahre entsprungen differenzierte sich besonders die Musikszene
des Punks zum Gothic aus (vgl. Schmidt & Neumann-Braun 2008: 258f.) Dabei lassen sich zwischen den
vollständig entwickelten Szenen Unterschiede feststellen, welche die Spezifizierung zu einer Jugendkultur,
beziehungsweise Subkultur begründen.

Durch die Schwierigkeit, dass sich Szenemitglieder aufgrund ihren verschiedenen Differenzierungen und
verschwommenen Grenzen in der Zugehörigkeit schwierig zählen lassen, sind auch keine repräsentativen
Aussagen über konkrete Häufigkeiten bestimmter Altersgruppen in den Szenen möglich. So lassen sich
ausschließlich Vermutungen und Deutungen aus vorhandenen Informationen erschließen.
Zu den Altersgruppen des Punks wurden 1981 aus Hannoveraner Kriminalakten aus dem Vorjahr Daten
veröffentlicht, aus denen hervorging, dass es sich bei dieser Szene „um ein abgrenzbares Jugendproblem
handelt. Fast alle untersuchten Punks [insgesamt 119] waren zwischen 15 und 19 Jahre alt, keiner war jünger
als 14 und nur sechs waren älter als 21 Jahre.“ (Lau 1992, 14)
Diese Daten der Altersgruppen stehen bereits im Kontrast zu den bereits aufgeführten Beobachtungen der
Gothic-Altersgruppen von Schmidt und Neumann-Braun an verschiedenen szenetypischen Orten, bei denen
auch Altersgruppen bis Mitte 30 gesichtet wurden, zumal sich durch die Interessenverschiebung mit
steigendem Alter noch weitere, ältere Mitglieder vermuten lassen.

Besonders das Thema der jugendlichen Rebellion stellt sich bei Punks als ausschlaggebender heraus als bei
Gothic-Mitgliedern.
„Punk war bewusst destruktiv. Es ging um die Zerstörung scheinheiliger Tabus und Ideologien, nicht um
sachliche Kritik, Verbesserungsvorschläge oder gar das Angebot einer neuen Moral.“ (Farin 2010) Der
Gitarrist der Punk-Band „The Coroners“ berichtete folgendermaßen von seiner Lebenszeit als Punk: „Meine
Mutter ist bei den Hardcore-Katholiken von Opus Dei. Aus diesem bleiernen Zustand musste ich mich erst
mal befreien. Zuerst über Kiffen und Drogengeschichten. Und dann bin ich zu Beginn der achten Klasse zum
ersten Mal von der Schule geflogen. Da hatte ich nur Scheiße gemacht. Toiletten angezündet. Nur
rumrandaliert. Um so was ging es dann auch in der Musik. Ich habe etwas richtig Wildes gesucht. Ich bin
dann in den Sommerferien 1977 nach London gefahren. Das war kulturschockmäßig. Ich habe die Hälfte
meiner Klamotten weggeschmissen – und den Koffer voll gestopft mit Punkplatten, -klamotten und blauer
Haarfarbe. Zu Hause war das dann völlig irre. In der U-Bahn war das mit den blauen Haaren echt
Spießrutenlaufen. Die sind völlig schockiert gewesen. Aber das wollte ich ja. Ich zog mir mitten im
Unterricht eine Sicherheitsnadel durch Wange und Ohr, sodass die Mathelehrerin noch einmal nach Luft
schnappte und einfach umfiel.“ (Teipel 2007: 59f.) Anhand dieses Fallbeispiels lässt sich die offensive
Rebellion der Jugendkultur unschwer erkennen. Die radikalen Mittel, durch die diese absichtliche
Abgrenzung zur Restgesellschaft erreicht wird, lassen sich als eher pubertäre Handlungen einteilen.
Außerdem gilt die Rebellion und Abgrenzung als Hauptmerkmal der Szene.
Zwar spielen bei Gothics womöglich rebellische Handlungen für den Eintritt in die Szene eine Rolle, jedoch
geht es im Ausleben der Szene nicht vorrangig um Rebellion und Abgrenzung von der Restgesellschaft,
sondern viel mehr um den Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls, welches die Mitglieder innehaben.
„Dieses sehr spezielle Lebensgefühl der Szene drückt sich in einer eigenen Sicht auf die Welt und einer
daraus resultierenden andersartigen Aneignung von Welt aus. Viel Wert wird auf den Umstand gelegt, dass
die Welt ‚anders’ als von den meisten Menschen, sprich von der ‚Normalgesellschaft’ wahrgenommen
wird.“ (Schmidt & Neumann-Braun 2008: 156) Die Abgrenzung von dieser „Normalgesellschaft“ erreichen
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Gothics auf friedlichem, passivem Wege. Sie manifestiert sich eher durch Rückzug als durch Offensive.
Diese Art und Weise der Abgrenzung kann man als reifer und erwachsener deuten als die des Punks, zumal
der Gesichtspunkt „Rebellion“ nur eine kleine Facette der vielseitigen schwarzen Szene darstellt.

Auch die Aktivitäten und Interessen, mit denen sich die zwei Szenen beschäftigen, unterscheiden sich
gravierend.
„Punk war eine Spaßkultur, und im Mittelpunkt stand – neben der Musik – die Inszenierung der eigenen
Person.“ (Farin 2010) So beschäftigt sich Punk mit verhältnismäßig „wilden“ Aktivitäten und
Ausdrucksformen, wie z.B. lauter Musik und Konzerten, Pogo-Tanz, Tätowierungen oder Graffiti (vgl. Lau
1992) – alles jugendliche Aktivitäten, die einen möglichst „lauten“ und offensiven Ausdruck der Szene
bewirken.
Auch wenn man in der Gothic-Szene von einer Altersspezifizität der Aktivitäten sprechen kann, so
beschäftigt sich die Szene von vornherein bereits mit reiferen Gegenständen, sodass sich ältere oder älter
werdende Mitglieder weiterhin von der Szene angesprochen fühlen können. „Dabei spielte die Literatur eine
besondere Rolle, bot sie den introvertierten Schwarzen doch als einziges Medium nicht nur die Möglichkeit
des Rückzugs vom Alltagslärm der Gesellschaft, sondern auch Anlässe und Anregungen für die
Beschäftigung mit grundlegenden Fragen des menschlichen Seins.“ (Farin 2010)

Zur Schlussbetrachtung der Frage „Gothic – Jugendkultur oder Subkultur?“ lässt sich festhalten, dass die
schwarze Szene – auch wenn sie über Merkmale beider Kulturdefinitionen verfügt – in die Kategorie der
Subkulturen einzuteilen ist, da sie über einen relevanten Anteil an erwachsenen Mitgliedern verfügt und sie
Aktivitäten anbietet, die auch außer-jugendliche Menschen beschäftigen. Trotzdem lässt sich nicht
missachten, dass die Szene zu großen Teilen jugendliche Mitglieder beherbergt und jugendliche
Entwicklungsaufgaben wie Sozialisierung oder Individualisierung erleichtert. Außerdem lassen sich
Differenzen zu anderen eindeutigen Jugendkulturen, wie dem Punk unschwer erkennen: Das
Durchschnittsalter der Gothic-Mitglieder ist mutmaßlich höher, da auch ältere Mitglieder vorhanden sind,
jugendliche Rebellion fällt in der schwarzen Szene geringer aus und die szenetypischen Aktivitäten besitzen
einen erwachseneren Charakter. Diese Ergebnisse unterstützen als Resultat die Antwort, dass die Gothic-
Kultur eine Subkultur ist.
Anika Adler, Matrikelnummer: 218216349

Literaturverzeichnis

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(Zugegriffen: 10. Dez. 2018)

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Lau, Thomas, 1992: Die heiligen Narren. Punk 1976-1986. Berlin / New York: Walter de Gruyter

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