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SO1 Mitschrift, Donnerstag 24.01.

2019, 10-12 Uhr


13. Sitzung

Migration

2 Sichten:
a) nationalgesellschaftliche Sicht: Migration = Öffnung des Nationalstaates, der als
„natürliche Einheit“ gesehen wird

b) weltgesellschaftliche Sicht: Migration = normaler Austauschprozess, durch


Nationalstaaten beschränkt
- weltgesellschaftliche Sicht öffnet Grenzen
- globale Ungleichheit: 2/3 Einkommensunterschiede zwischen Ländern, nur 1/3 in
Ländern ; Ungleichheit (absolute Armut) durch Geburt, nicht aufgrund von Leistung
- also 2/3 der globalen Ungleichheit beruhen ausschließlich auf der Lage eines
Landes, Lebenschancen von Menschen hängt also in 2/3 von Zufall der Geburt ab (in
welchem Land man geboren wird)
- Diskriminierung nach ethnischer Herkunft häufig wahrgenommen, jedoch soll nicht
so viel dafür getan werden (aus Sicht der Menschen)

Historische Entwicklung

- 1850-1890 Europa als Auswanderungskontinent durch Siedlungskolonien,


Verelendung und anhaltende Wirtschaftskrise in 19.Jh.

- Seit 1945: 5 Einwanderungswellen in BRD:


1. 12 Mio Heimatvertriebene, aus Polen und Tschechien: wurden aus Deutschland
vertrieben und kommen wieder zurück (bis 1950)
2. 1985-1995 Aussiedler (1950 bis 1993) und Spätaussiedler (ab 1993), rechtlich
„Rückwanderer“
- Sowjetunion, Rumänien, Polen, Tschechien, Slowakei
- Aussieder und Heimatvertriebene kaum Unterschied, nur Zeitpunkt
- Grundgesetz sichert Aufenthaltsrecht und deutsche Staatsbürgerschaft
- Spätaussiedler nur aus Sowjetunion und nur wenn sie Vertreibungsdruck von dort
nachweisen können
- leichte Integration durch leichte Anerkennung von Bildungszertifikaten
- ab 2000 Änderung im Gesetz: keine privilegierte Zuwanderungschancen mehr
3. „Übersiedler“ bis zum Mauerbau (1961) aus SBZ (sowjetische Besatzungszone)
4. Ausländische Arbeitsmigranten:
- 1950 Anwerbeabkommen (um Arbeitskräftebedarf zu decken), Türken 1973
Anwerbestopp
- erst wenig Integration angestrebt, Leugnung des Einwanderungslandes,
Rückkehrprämien, eher als Gastarbeiter angesehen
- später aber doch vermehrt Familiennachzug (Familienbedürfnisse waren wichtiger
als Arbeit)
- „Vertragsarbeiter“ in DDR, 1980er Vietnamesen
- wenig Unternehmungen auf Integration, nach Mauerfall unsicherer Status:
Voraussetzung auf Verbleib = Erwerbssicherung
5. Asylsuchende
- 1980 er aus Afrika, 1990er aus Jugoslawien
- am meisten Asylanträge 1992, danach Rückgang durch „Asylkompromiss“
- seit 2010 wieder Anstieg: Kriege in Afghanistan, Syrien, seit 2016 wieder Abstieg
- EU-Einwanderung (Binnenwanderung) seit 200ern wichtiger: Zuwanderungsgesetz
- insgesamt: 1980-2014 deutsche Asylpolitik durch Phase der Abwehr charakterisiert
- Rechtsstatus beeinflusst Integrationskonflikte: Deutsche Einwanderung nur
Konflikte um soziale Integration, bei ausländischen Einwanderern zusätzlich
rechtliche Konflikte
- erst 2015 Abwehr abgelegt: mehr Wohnraum und bessere Bildungsperspektiven für
jüngere Asylsuchende

wichtige Gesetze für Asylanten: (beeinflussen Lebenschancen, Sozialstruktur,


Migrationsentscheidungen)
- 1993: Neuregelung Asylgesetz (Asylkompromiss)
- 2000: Änderung Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG): Staatsangehörigkeit
Mischform aus ius soli (Geburtsortprinzip) und ius sanguinis (Abstammungsprinzip),
Optionsmodell: bis 18. Lj. Doppelte Staatsangehörigkeit, dann Entscheidung für eine
- 2014: noch mal Änderung StAG: keine Optionspflicht, doppelte Staatsangehörigkeit
-2005: Zuwanderungsgesetz eingeführt: Regelung Aufenthalt, Erwerbstätigkeit,
Integration, erstmalig Integrationsförderung gesetzlich verankert
- 2015: Asylpaket 1, 2016: Asylpaket 2 + Integrationsgesetz

- Wanderungsverhalten: Differenz aus Zu- und Abwanderung


- Saldo positiv, wenn mehr Zuwanderung als Abwanderung, negativ wenn mehr
Abwanderung
- Saldo macht keine Aussagen über Ausmaß von Zu- und Abwanderung, denn
gleichzeitig hohe Zu- und Abwanderung gleicht sich im Saldo aus
- Aber macht Aussagen: zyklische Bewegungen
- Wirtschaftskrisen = mehr Abwanderung, Wirtschaftsaufschwung = mehr
Zuwanderung
- Prozyklisch: ist nicht Zeitversetzt mit Ereignissen (Wirtschaftskrisen, Gesetze,...)

Migrationshintergrund = wenn man selbst oder mind. 1 Elternteil nicht deutsche


Staatsangehörigkeit besitzt
seit 2005 neue statistische Erfassung von Migranten:
(Migrationserfahrung = Zuwanderungserfahrung)

Verhältnis zwischen Einheimischen und Einwanderern in Deutschland

- Westdeutschland tendenziell mehr in Kontakt mit Ausländern als Ostdeutschland


- denn Ostdeutschland: Abschottung durch Nationalsozialismus und DDR wirkt noch
nach
- Ostdeutsche nähern sich aber in Kommunikation mit Ausländern an, deshalb
kleiner werdende Differenz und Bedeutung
- Einstellungen über Ausländer gleichen sich also in West- und Osteuropa ebenfalls
an: Einstellungen je nach dem ob man häufiger Kontakt zu Ausländern hat oder nicht
- Vorurteile abbauen am besten durch häufigen Kontakt mit Migranten (Art des
Kontaktes ist weniger ausschlaggebend)

Ursachen und Effekte für Migration

Erklärungsansatz: Theorie der rationalen Wahl


- Migration als Ereignis / Entscheidung im Lebenslauf
- Entscheidung als rationale Wahl:
- unterschiedliche Präferenzen aus Handlungsalternativen (z.B. Migration ja / nein),
Präferenzen ergeben sich aus Push- und Pull-Faktoren (Lebensbedingungen am
Heimatort und an Zielregion)
- Push-Faktoren: Arbeitslosigkeit, politische Unterdrückung im Heimatland
- Pull-Faktoren: gute Jobaussichten am Zielort
- Realisierung der Handlungsalternative abhängig von Ressourcen / Restriktionen
(z.B. Kapitalien, Kosten), (nicht jede Handlungsalternative ist also durchführbar, auch
wenn wünschenswert)

Entscheidung für Migration = a) Investition, b) unter Unsicherheit / Risiko, c)


manchmal mit Ungewissheit

a) Investition:
- wenn man jünger ist und noch nicht viel investiert hat (in Haus, soziale Netzwerke,
Familie, Beruf), dann geringere Verluste bei Migration und längere Ertragsphase
nach Migration
b) Unsicherheit und Risiko:
- die Gewinne einer Migration sind nicht sicher, nur wahrscheinlich
- Netzwerke mindern Unsicherheit bei Entscheidungsberechnung
- immigrant-stock-Hypothese: persönliche Beziehungen zwischen denen die schon
gewandert sind und denen, die noch wandern wollen, ist entscheidend
- Kettenmigration als Strategie: erst einer geht los, alle anderen kommen dann
hinterher wenn’s okay ist, Migranten folgen bereits ausgewanderten Verwandten /
Bekannten, die Gutes berichten: reduziert Unsicherheit
- Transnationalisierung (grenzüberschreitende Vergesellschaftung) von Räumen
- Risikobereitere migrieren eher
- je mehr Ressourcen, desto weniger Risiko
c) Ungewissheit:
- unbekannt, wie wahrscheinlich bestimmte Ergebnisse der Migration auftreten

Effekte von Migration


Lebenslagen von Migranten + Nachkommen in Deutschland:
- Sprache = wichtigste Determinante für Bildungs- und Erwerbsintegration
- deutsche Sprachkenntnisse zwischen Migrantengenerationen ungleich (2.
Generation besser)
- einige Unterschiede in Bildungsintegration der 2. Generation gegenüber Kinder
ohne Migrationshintergrund, aber auch Angleichung
- potentiell Unterschichtung bei spezifischen Formen der Anwerbung / Einwanderung
(Migranten eher in unteren Schichten tätig)
- Mehrheit gute Sprachkenntnisse, bei Türken etwas weniger, Verbesserung in 2.
Generation, aber mit Zunahme der Diskriminierungserfahrungen
- Unterschichtung löst sich sehr langsam auf: mit zweiter Generation nimmt
Arbeiteranzahl ab, viele Aufstiege über mittlere Positionen, geringe Angleichung bei
höheren Angestellten
- Arbeiter schicken ihre Kinder seltener aufs Gymnasium, weil sie Kosten als zu hoch
einschätzen, deshalb nimmt Ungleichheit in den Schichten auch nur langsam ab