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01 Erlinghagen Mitschrift

Sozialstruktur = Muster / Regelmäßigkeiten in Gesamtheit zwischenmenschlicher


Interaktionen

Sozialstrukturanalyse untersucht Ursachen und Gründe für


Verhaltensregelmäßigkeiten
Wenig Interesse an Einzelfällen, eher Durchschnittswerte / Wahrscheinlichkeiten
Unterschied zu Einzelbeobachtungen: Erkenntnisse durch Langzeitstudien

Bsp: Raucher sterben früher als Nichtraucher


Studie 1951-2001 mit britischen Ärzte (Raucher sowie Nichtraucher),
Sterbezeitpunkte dokumentiert, Prozentual die Überlebenden in verschiedenen
Altersabschnitten festgehalten, Fazit: Mehr Nichtraucher erreichten höhere
Lebensabschnitte
Trotzdem: Einzelfälle brechen aus der Regelmäßigkeit aus (z.B. Helmut Kohl)
Außerdem untersucht: Häufigkeit der täglichen Raucher nach Schichtzugehörigkeit
und Geschlecht
Fazit: Je höher die Schicht, desto weniger Raucher, mehr männliche Raucher,
männliche Personen hinsichtlich Rauchergewohnheit stärker von sozialem Status
abhängig
Aussagen auf Lebenserwartung der jeweiligen Gruppen

Sozialstruktur ist Ergebnis sozialer Regeln, bzw. soziale Regeln manifestieren sich
in sozialen Strukturen
wirken als Beschränkung / Restriktion menschlichen Verhaltens
Bsp. Gesetze, moralische Werte, Religiöse Werte
3 Funktionen:
1. Voraussetzung für menschliches Zusammenleben – ohne soziale Regeln:
Chaos
2. Koordination von Handlungsabläufen (z.B. Straßenverkehrsregeln)
3. Stabilisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wenn soziale Regeln
angenommen und nicht in Frage gestellt werden – soziale Regeln müssen als
sinnvoll und gerecht anerkannt werden

Soziale Regeln sind immer vom Menschen gemacht, sind prinzipiell Veränderbar
(keine Gültigkeit unabhängig von Raum und Zeit) – sind räumlich (kulturell) und
zeitlich (historisch) begrenzt

Traditionelle Sozialstrukturanalyse Geschichte

Marx: befasst sich besonders mit gesellschaftlich relevanten Großgruppen (Klassen)


Bourgeoisie (Bürgertum) / Proletariat (Arbeitertum)
Bürger verfügt über Kapital (Besitz von Geld, Immobilien, Maschinen, Grundstücken,
Produktionsmittel...), Arbeiter nicht, Folge: Ausbeutung der Arbeiter

Weber: nicht nur materieller Besitz, sondern auch Besitz von Fertigkeiten und
Wissen (=Humankapital) spielt eine Rolle bei sozialer Einteilung
Erweiterung der Zwei-Klassen-Gesellschaft: mehrdimensional:
Klasse – Stand – Partei
Stand = gesellschaftliches Ansehen
Partei = Möglichkeit eines Menschen, gemeinsame Interessen mit anderen zu
vertreten
Klasse (Verteilung der Produktionsmittel) spielt weiterhin größte Rolle beim Problem
der sozialen Ungleichheit

Einführung der Sozialversicherungen verursachte reduziertes Gefälle zwischen den


beiden Klassen
Wirtschaftsaufschwung nach 2. WK weitere Fortschritte

1960er Jahre Karl Martin Bolte: „Bolte-Zwiebel“


7 Schichten (Statuszonen)
Dünne Spitze = Oberschichte, schmale Wurzeln = sozial Verachtete, dazwischen
größter Bevölkerungsteil in mehreren Schichten
Neuer Mittelstand: technische, bürokratische Berufe, die noch nicht lange von
sozialer Bedeutung sind, Beamte, Ingenieure
Alter Mittelstand: schon länger von sozialer Bedeutung, z.B. Ärzte, Handwerker

Ralf Dahrendorf: Soziale Schichten in Haus-Modell dargestellt


Durchlässigkeit der Räume symbolisiert Möglichkeit, Schichten zu wechseln
Haus-Modell wurde von unterschiedlichen Autoren bearbeitet und mit Zeitgeist
vervollständigt (z.B. von Rainer Geißler)

Kritik an bisherigen Modellen:


Faktoren nur zur Erwerbsarbeit ; Geschlecht, regionale Einflüsse, Alter, ethnischer
Hintergrund nicht beachtet
zu hohe Objektivität, subjektive Bewertung des Lebens sollte beachtet werden
(=Lebensstil)

Ansätze zwar unterschiedlich, doch trotzdem gesellschaftlich relevante Großgruppen


festgehalten, in unterschiedlichen Sichtweisen
Aus jeder Sicht lassen sich soziale Strukturen erkennen
Fazit: Individuelle Entscheidungsoptionen = Trugschluss, da man im Sinne seiner
gesellschaftlichen Großgruppe handelt

Probleme der neuen Sozialstrukturanalyse:


Inwiefern lassen sich sozialstrukturelle Einflussfaktoren in bisheriges Grundmodell
einfügen?
In welcher Beziehung stehen einzelne Akteure (Mikroebene) zu
gesamtgesellschaftlichen Sachverhalten (Makroebene)?

Coleman, Esser, Lindenberg aus 90er Jahren


- methodologischer Individualismus als handlungstheoretisches Fundament
- Begriff der Rationalität, darauf aufbauend homo socio-oeconomicus
- Elemente erläutert, die individuelles Handeln strukturieren (Ressourcen,
Restriktionen, Lebenslauf)

Methodologische Individualismus – Individuum als Akteur


Prämisse = nicht beweisbare Annahmen, welche jedoch logisch sind, durch Indizien
gestützt
Prämisse trad. Sozialstrukturanalyse: kollektives Handeln = Produkt
gesellschaftlicher Strukturen, homo oeconomicus
Prämisse neue Sozialstrukturanalyse: kollektives Handeln = Produkt strukturierten
individuellen Handelns, homo sociologicus
Grund für unterschiedliche Prämissen: unterschiedliche Annahmen über Natur des
Menschen (idealtypische Vorstellung über grundlegende menschliche Eigenschaften)

homo oeconomicus = rationaler Akteur, kann alle Konsequenzen seiner Handlung


vorher überschauen, verhält sich unabhängig von Raum und Zeit immer gleich, Ziel =
individuellen Nutzen durch Handeln maximieren

Homo sociologicus = Mensch ist Objekt der an ihn von außen gestellten
gesellschaftlichen Rollenerwartung, vollkommen soziales Wesen, Ziel =
Rollenerwartung entsprechen

Traditionelle Sozialstrukturanalyse kann das Entstehen, die Existenz und den


Wandel der zugrundeliegenden sozialen Muster nicht begründen

Methodologischer Individualismus: soziale Phänomene = Produkt einzelner


Entscheidungen, Handlungen, Einstellungen
Fazit: Erklärungen von Kollektiven sind nie gänzlich zufriedenstellend

Rationalität
Individuen entscheiden sich rational für gewinnbringende Handlungen (Kosten –
Nutzen) = subjektive Rationalität (z.B. Rauchen in der Unterschicht wird als
gewinnbringender erachtet als in der Oberschicht)
Entscheidungen werden immer mit Unsicherheit gefällt
Menschen sind geistig limitierte Wesen (Entscheidungen werden auf lückenhaftem
Wissen gefällt)

Jede Entscheidung benötigt eine Situationsdefinition


- ist die Situation neu oder bekannt? Routine oder spezifisch?
bekannte Situationen – reflexhaftes Verhalten, ohne weiter Nachzudenken
Neue Situationen – reflektiertes Verhalten, Kosten-Nutzen-Abwägungen
Beides sind rationale Entscheidungen

Ressourcen, Restriktionen, Lebenslauf


Verhaltensmuster können unterschiedliche Ursachen haben
Restriktionen = Handlungsbeschränkungen durch „Spielregeln“
formelle Spielregeln (z.B. Grundgesetz), informelle Spielregeln (Kinder und Frauen
werden zuerst gerettet)

Ressourcen: genetisch festgelegt (z.B. Talente) oder erworben durch Investitionen


(Kapital)
Ökonomisches Kapital, Humankapital, Sozialkapital
Sozialkapital = Tragfähigkeit sozialer Beziehungen
Ressourcenbestand kann verändert werden
Ressourcen und Restriktionen bedingen sich wechselseitig

Lebenslauf
Vorher-Nachher-Interdependenz = Erfahrungen können Verhalten von Menschen
beeinflussen, verändern, strukturieren
Interdependenz unterschiedlicher Lebensbereiche – verschiedene Verlaufsstränge in
verschiedenen Lebensbereichen, z.B. Familienverlauf, Erwerbsverlauf,
Bildungsverlauf ; können sich wechselseitig beeinflussen