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Egmont Colerus

Egmont Colerus von Geldern (* 12. Mai 1888 in er schon mehr als 30 kg abgenommen hatte. In dieser
Linz; † 8. April 1939 in Wien) war ein österreichischer Zeit lebte Colerus von Privatstunden, die er Jusstuden-
Schriftsteller. ten gab. 1920 veröffentlichte Colerus seine ersten bei-
den Bücher - Antarktis, das er bereits 1914, sowie So-
dom, das er 1917 bis 1919 verfasst hatte. Als Cole-
1 Leben rus nach zwei Jahren wieder halbwegs arbeitsfähig war,
trat er im Herbst 1921 hauptberuflich als Beamter ins
österreichische Bundesamt für Statistik ein, die heuti-
ge Statistik Austria. In dieser Zeit verfasste er weitere
historische Romane, Sachbücher und auch Dramen. Sei-
ne Bücher schrieb er großteils in der Nacht, üblicher-
weise zwischen zehn Uhr und Mitternacht. 1930 wur-
de seine Tochter Monica geboren; dieses Ereignis spie-
gelt sich in seinem Roman Matthias Werner im letzten
Kapitel Das Gebet an der Wiege, das auch eine Vision
des Zweiten Weltkriegs enthält. Ein von Walther Neu-
gebauer geleiteter Kurs für höhere und statistische Ma-
thematik, den er am Bundesamt für Statistik besuchte,
erweckte in ihm die Liebe zur Mathematik. Um „die
Abscheu vor der reinsten, fast möchte ich sagen, hei-
ligsten aller Wissenschaften“ zu bekämpfen, schrieb er
seine populärwissenschaftlichen mathematischen Sach-
Geburtshaus von Egmont Colerus in Linz, Mozartstr. 21 bücher „Vom Einmaleins zum Integral“, „Vom Punkt zur
vierten Dimension“ und „Von Pythagoras bis Hilbert“, die
Colerus von Geldern stammte aus einer alten niederländi- in mehrere Sprachen übersetzt wurden und auch heute
schen Offiziersfamilie, die um 1750 aus Holland nach Ös- noch für den mathematisch interessierten Laien sehr le-
terreich eingewandert war. Auch sein Vater war nach Fa- senswert sind.
milientradition Berufsoffizier, und entsprechend der je- 1938 ging er als Oberregierungsrat des Bundesamtes für
weiligen Garnison des Vaters verbrachte Egmont Colerus Statistik in Pension. Im selben Jahr publizierte Colerus
die Volksschulzeit in Preßburg und die Gymnasialzeit in im „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“ (herausge-
Krems an der Donau. Die Kindheit in Preßburg floss spä- geben vom Bund deutscher Schriftsteller Österreichs) [1] ,
ter in seinen Roman Matthias Werner ein, die Kremser den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich zu
Gymnasialzeit in den Roman Weiße Magier. 1906 legte begrüßen. Im Mai 1938 stellte er einen Antrag auf Auf-
er am Piaristengymnasium in Krems an der Donau die nahme in die NSDAP, der jedoch trotz Unterstützung
Reifeprüfung mit Auszeichnung ab. In Wien promovierte durch die Ortsgruppenleitung und den Bund Deutscher
er am 19. Mai 1911 zum Dr. jur. und trat dort 1912 seinen Schriftsteller abgelehnt wurde. Im Antrag behauptete
Militärdienst an, aus dem er aber wegen einer Herzneu- Colerus, kurz zuvor einen Beitrag im Völkischen Beob-
rose vorzeitig entlassen wurde. Im Mai 1912 begann er achter und 1936 einen Beitrag für die Berliner Illustrierte
als Rechtspraktikant. In dieser Zeit lernte er die am 23. verfasst zu haben. Im letztlich erfolgreichen Aufnahme-
Oktober 1895 in Lemberg geborene Blanca Nagy ken- antrag Colerus’ in die Reichsschrifttumskammer (RSK)
nen, die Tochter einer mit seinen Eltern befreundeten Of- im Dezember desselben Jahres schrieb der Landeslei-
fiziersfamilie, mit der er sich 1914 verlobte. Im selben ter der RSK, dass Colerus sich schon „lange vor dem
Jahr wurde Colerus in den richterlichen Vorbereitungs- Umbruch auf die nationalsozialistische Seite gestellt“ ha-
dienst übernommen, legte aber die Richteramtsprüfung be und Mitglied des Pressereferats der Ortsgruppe Wien
nicht ab, weil er 1915 zur Landsturmdienstleistung einbe- in der NSDAP sei, sowie dem Nationalsozialistischen
rufen wurde und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs an Kraftfahrkorps und dem Nationalsozialistischen Rechts-
einem Divisionsgericht diente. Am 24. November 1917 wahrerbund angehöre.[2]
heirateten Blanca Nagy und Egmont Colerus.
Am Karsamstag, 8. April 1939 starb Egmont Colerus un-
Während des Ersten Weltkriegs erkrankte Colerus an erwartet an einem Herzinfarkt. Wenige Tage vor seinem
Tropendysenterie, die aber erst 1919 erkannt wurde, als

1
2 4 WERKE

Tod tauchte das Gerücht auf, dass wegen seines juden- und „Kaufherr und Krämer“ (1929) schildern ein neu her-
freundlichen Buches Der dritte Weg eine Anzeige gegen aufkommendes Geschlecht, welches in innerer Freiheit
ihn erstattet werden sollte. 1944 wurde sein Buch „Mat-aus den Traditionen der Vorkriegszeit auszubrechen ver-
thias Werner oder die Zeitkrankheit“ auf die „Liste desmag, wenngleich oft in dramatischen Kämpfen und tragi-
schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt.[2] schem Scheitern. In „Matthias Werner oder die Zeitkrank-
Im Jahr 1960 wurde in Wien-Donaustadt (22. Bezirk) die heit“ (1932) schließlich greift Colerus das Problem eines
Colerusgasse nach ihm benannt. alle Werte zersetzenden Relativismus auf und beleuch-
tet die Zeitströmungen der 1920er-Jahre — Militaris-
mus, Pazifismus, Autorität, Psychoanalyse etc. — durch-
aus kritisch.
2 Anekdoten
Seine größten Erfolge hatte Colerus jedoch mit der ro-
manhaften Gestaltung von Kulturgemälden vergangener
Eine Anekdote über Egmont Colerus findet sich im letz-
Zeiten, die er oft um die Biographie bedeutender Per-
ten Kapitel von Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch: Bei
sönlichkeiten aufbaute. Der Roman „Pythagoras“ (1924)
einem Schriftstellerempfang im Haus des Verlegers Paul
entführt die Leser ins antike Griechenland, auch Cole-
Zsolnay tauchte die Frage auf, wie viele Juden es eigent-
rus’ letztes Werk, „Archimedes in Alexandrien“ (1939),
lich gebe. Nach einiger Diskussion einigte sich man auf
stellt das Ringen eines griechischen Geisteshelden in
12 Millionen. Egmont Colerus schüttelte dazu den Kopf
den Mittelpunkt und bietet einen faszinierenden Ein-
und kommentierte: Des is ausg’schlossen. Ich allein kenn
blick in die hellenistisch überformte Kultur der ägypti-
mehr!
schen Ptolemäerzeit. Die dazwischen erschienene Novel-
Eine weitere Anekdote ist in “G’schichten um das Wiener le „Tiberius auf Capri“ (1927) behandelt das Problem ei-
Künstlerhaus” von Mirko Jelusich überliefert. Der Maler ner schrankenlosen Willkürherrschaft und wirkt wie eine
Hans Strohofer besuchte Colerus anlässlich der Geburt Vorahnung des heraufdämmernden Dritten Reichs.
seiner Tochter Monika und stellte fest: “Jetzt heißt’s Mo-
Der große Wurf gelang Egmont Colerus mit seinem
nika. Wenn s’ dann Haar' kriegt, heißt s’ Haar-Monika
Marco-Polo-Roman „Zwei Welten“ (1926) — stilistisch
und wenn s’ dann noch mehr Haar kriegt, heißt s’ Viel-
wohl eines seiner reifsten Werke. Die Leser erleben
Haar-Monika.”
Marco Polos Jugend in Venedig, seine Reise in den Fer-
nen Osten und seine Wiederkehr als scheinbarer Trium-
phator und erfolgreicher Handelsherr, hinter dessen sicht-
3 Literarische Bedeutung barem Erfolg sich jedoch die Niederlage im persönlichen
Bereich verbirgt. „Die eine Welt wird Tat, die andre Reue“,
Colerus behandelte in seinen Romanen aus einer zutiefst lässt Colerus am Schluss seines Romans Dante Alighieri
humanistischen Weltsicht in impressionistischer, teilwei- dem in Zweifeln grübelnden Marco Polo zusprechen. Im
se auch expressionistischer Art vielfältige Problemstel- Roman „Leibniz“ (1934) wird dieser große neuzeitliche
lungen der Zwischenkriegszeit, teils in der Form von Denker und Mathematiker als Symbol für die Möglich-
Zeitromanen, teils in historischer Einkleidung. Er zähl- keit der Überwindung deutscher und europäischer Zer-
te damit in der Zwischenkriegszeit zu den erfolgreichsten rissenheit beschworen. Leichtergewichtig ist die Novelle
deutschen Schriftstellern (Gesamtauflage über 670.000 „Geheimnis um Casanova“ (1936), die Giacomo Casano-
Exemplare), einzelne seiner Werke wurden in bis zu zehn vas Verhaftung und Flucht aus den Bleikammern Vene-
Sprachen übersetzt. digs schildert.
In „Antarktis“ (1920), seinem ersten erfolgreichen Ro- Die international größten Erfolge erzielte Colerus aber
man, siegt das Reich des Geistes über einen rein mate- mit seinen populärwissenschaftlichen Sachbüchern „Vom
riell ausgerichteten „Amerikanismus“, in „Sodom“ (eben- Einmaleins zum Integral“ (1934), „Vom Punkt zur vier-
falls 1920) prangert Colerus den Hedonismus an, der zum ten Dimension“ (1935) und „Von Pythagoras bis Hilbert“
Untergang führe. „Der dritte Weg“ (1921) propagiert eine (1937). Daneben schrieb Colerus auch drei Dramen, von
Rückkehr zur Natürlichkeit und Humanität. „Weiße Ma- denen nur zwei — „Politik“ (1927) und „Zweikampf“
gier“ (1922) postuliert eine neue (und doch durchaus her- (1935) — aufgeführt wurden, sich aber nur kurz auf den
kömmliche) Sexualethik. Hier ist Colerus für den heuti- Spielplänen halten konnten.
gen Leser allerdings oft schwer nachvollziehbar, ja wirkt
geradezu verschroben, so wie auch „Wieder wandert Be-
hemoth. Roman einer Spätzeit“ (1924) allzu deutlich zeit- 4 Werke
typische Schwächen zeigt und wohl psychologisch inter-
essanten Aufschluss über die Wirren der 1920er-Jahre
Romane und Erzählungen
zu geben vermag, doch teilweise in seiner expressionis-
tischen Übersteigerung kaum verständlich ist.
• 1920 Antarktis
Die durch ihre Thematik und die auftretenden Personen
zusammengehörigen Romane „Die neue Rasse“ (1928) • 1920 Sodom
3

• 1921 Der dritte Weg • Eduard Castle (Hrsg.): Deutsch-Österreichische Li-


teraturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der
• 1922 Weiße Magier deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn. Wien
• 1924 Wieder wandert Behemoth. Roman einer 1937, pp. 2132, 2172, 2175, 2177 f., 2255f.
Spätzeit • Josef Nadler: Literaturgeschichte Österreichs. Salz-
• 1924 Pythagoras burg 1951², 488 f.

• 1926 Zwei Welten. Ein Marco-Polo-Roman • Adalbert Schmidt: Dichtung und Dichter Öster-
reichs im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1, Salzburg-
• 1927 Tiberius auf Capri Stuttgart 1964, 371 f.
• 1928 Die neue Rasse • Kürschners Deutscher Literatur-Kalender. Nekro-
log 1936-1970. Berlin-New York 1973, 100
• 1929 Kaufherr und Krämer
• Hilde Spiel (Hrsg.): Die zeitgenössische Literatur Ös-
• 1932 Matthias Werner oder Die Zeitkrankheit terreichs. Zürich-München 1976, 39 f.
• 1934 Leibniz
• 1936 Geheimnis um Casanova 6 Weblinks
• 1939 Archimedes in Alexandrien
• Literatur von und über Egmont Colerus im Katalog
Dramen der Deutschen Nationalbibliothek
• Biographie Egmont Colerus
• 1927 Politik (1928 am Wiener Burgtheater urauf-
geführt) • Kurzbiographie im Österreich Lexikon

• 1930 Tiberius und Sejan • Colerus bleibt stets aktuell (OÖ Nachrichten, 3. Juni
2006)
• 1935 Zweikampf (2. November 1935 am Bremer
Schauspielhaus uraufgeführt)
7 Einzelnachweise
Sachbücher:
[1] Bund Deutscher Schriftsteller Österreichs (Hg.), Bekennt-
• 1934 Vom Einmaleins zum Integral nisbuch Österreichischer Dichter, Krystall Verlag, Wien
1938
• 1935 Vom Punkt zur vierten Dimension
[2] Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinne-
• 1937 Von Pythagoras bis Hilbert rungsorte“ (PDF; 4,4 MB), S. 196ff, Forschungsprojek-
tendbericht, Wien, Juli 2013

5 Sekundärliteratur Normdaten (Person): GND: 116636785 | LCCN:


n84806129 | VIAF: 61671073 |
Monographien

• Blanca Colerus: Egmont Colerus. Schriftsteller, Hu-


manist, Mathematiker. 1888 - 1939. Bearbeitet und
ergänzt von Monica Skidelsky-Colerus, Trauner
Verlag, Linz 2005; ISBN 978-3-85487-891-9

Artikel etc.

• Colerus von Geldern Egmont. In: Österreichisches


Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1,
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissen-
schaften, Wien 1957, S. 150.
• Die geistige Elite Österreichs. Ein Handbuch der Füh-
renden in Kultur und Wirtschaft. Wien 1936, 114 f.
4 8 TEXT- UND BILDQUELLEN, AUTOREN UND LIZENZEN

8 Text- und Bildquellen, Autoren und Lizenzen


8.1 Text
• Egmont Colerus Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Egmont_Colerus?oldid=142606859 Autoren: Aka, StefanC, Gebu, Robodoc, Karl
Gruber, ArtMechanic, Harp, Zumbo, Phrood, P. Birken, AlphaCentauri, Redf0x, Lustiger seth, Jossi2, NeoUrfahraner, Tilla, Braveheart,
Friedrichheinz, Gugerell, Fipskl, Christianus, UliR, Rolf-Peter Wille, Sebbot, Algebraa, Igno-der-ant, Herbert Lehner, JoMaSch, Erika39,
Bötsy, Manfred Boergens, Steavor, Silvicola, APPERbot, Giorno2, EmausBot, Libotte, ZéroBot, Manfred Ziegelstein, TaxonBot und An-
onyme: 11

8.2 Bilder
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Colerusbirthplacelinz20050926.jpg Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Autoren: ? Ursprünglicher Schöpfer: ?

8.3 Inhaltslizenz
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