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Einleitung

Beim vorliegenden Werk >Vier Zweige des Mabinogi< (Pedeir Keinc y Mabinogi)
handelt es sich um die erste deutsche Übersetzung aus dem mittelkymrischen von
Bernhard Maier 1999 veröffentlicht, 150 Jahre nachdem Lady Charlotte Guest (1812 –
1995) 1848 im dritten Band ihres dreibändigen Werks The Mabinogion die englische
Übersetzung veröffentlichte. Als Sammelbegriff für die elf mittelkymrischen Prosa-
erzählungen etablierte sie die Bezeichnung Mabinogion, der Form nach ein Plural des
Wortes Mabinogi. Die Erzählungen waren aus mittelalterlichen Manuskripten ent-
nommen, >Llyfr Gwyn Rhydderch< und >Llyfr Coch Hergest. Der Autor ist unbe-
kannt.

Über das Alter des Textes in seiner uns vorliegenden Form herrscht weitgehende
Übereinstimmung . Er wird zwischen 1050 und 1120 niedergeschrieben worden sein.
Der Text ist noch heute Gegenstand der Forschung vor allem der Philologen und der
historisch ̶ vergleichenden Religionswissenschaft, und der Versuch verschiedene
Sichtweisen zusammenzubringen. Die Transformationen die einzelne Geschichten
von ihrem Ursprung als narrative Erzählungen bis zu ihrer Niederschrift erfahren
haben, kann man nicht mehr nachvollziehen. Es sind auch Geschichten von Gwy-
nedd, Dyfed und Gwent.

Die Geschichten enthalten neben einem ritterlich - höfischem Ton, Motive aus der
alten Mythologie. In der polytheistischen Götterwelt der Kelten, spielt die Nähe und
Ferne der Gottheit eine wichtige Rolle. Die paganen Götter der Kelten nehmen Teil
am Leben der Menschen. Sie haben feste Körper wie Hafgan, Arawnn's Feind in
Pwyll, der gegen Pwyll kämpft und von diesem besiegt wird. Arawns Frau, mit der
Pwyll ein Jahr lang keusch schläft, war ebenso eine warme, lebende Frau wie Rhian-
non, die Frau aus Annwn, die seine eigene Frau wurde.
Die Gegenwart des Christentums wird in den Dialogen deutlich aber die Substanz ist
eine vorchristliche, aristokratisch-heroische Gesellschaft in einer noch magischen
Welt. Matthew Arnold liefert hierzu wohl eine treffende Beschreibung:

These [Pwyll, Arawn, Teyrnon and others] are no mediaeval personages; they belong to an
older, pagan, mythological world. The very first thing that strikes one, in reading the
'Mabinogion', is how evidently the mediaeval story-teller is pillaging an antiquity of which he
does not fully possess the secret;[…].

1
Nach W. Meid kann man hinter Pryderi Mabon bzw. Maponos vermuten und dem-
nach ist Pryderis Mutter Rhiannon identisch mit Modron der Muttergöttin oder der
großen Königin Rīgantonā.
Die Familie von Dōn gehört den Stämmen der Götter der Danu an, der Rasse der
Túatha Dé Danann. Manawydan könnte das britische Äquivalent vom irischen Gott
des Meeres Manannān sein.

Diese Arbeit ist ein intuitiver Versuch aus den Geschichten Archetypen herauszuar-
beiten, die aus volkstümlichen Erzählungen einer breiten Schicht noch bekannt ge-
wesen waren, oder zumindest nach C. G. Jung im "kollektiven Unterbewusstsein"
gespeichert. Desweiteren gilt mein Augenmerk dem mittelalterlichen Autor welcher,
der Dramatik der Gipfelszenen, dem Tod und dem heldischen Sterben auch einen
christlichen Einfluss den Geschichten beigefügt hat.

Die Zyklische Form der Geschichten die locker zusammenhängen, haben ein ge-
meinsames Band, die Lebensstadien eines Helden namens Pryderi. Im ersten Zweig
erfahren wir von Pryderis Geburt, im zweiten und dritten seine Kämpfe und Leiden,
in dem vierten sein letzter Krieg und sein Tod. Obwohl Pryderi die Geschichten ver-
bindet, ist er in keiner die zentrale Person. Eine Kontinuität herrscht zwischen der
zweiten und der dritten Geschichte. Ein wichtiges Merkmal der vier Zweige ist
Anwnn das walisiche Königreich der Götter und Heroen.

The Welsh Annwfn (the Other-world of gods and heros). I cannot give here a precise definition
of what Annwfn meant to our ancestors. Sometimes it is regarded as the Land of the Dead,
something like the Greek Hades, presided over by the 'dark' divinities; sometimes it is the
Land of Youth and Promise, […], the home of bliss and harmony; sometimes it is a mysterious
border country, menacing the land of the living, the actual world. […], a great part of the Four
Branches is concerned with the affairs of Annwfn and its lords.1

Dieses Reich hat wenig Parallelen zu der Unterwelt der Griechen und Römer oder
der Hölle der Christen. Es ist ein Ort wo man ein glückliches Leben ohne Krankheit
und Todesangst führt. Anders als bei der klassischen Unterwelt und der des Chris-
tentums ist der Tod keine Voraussetzung für den Eintritt dorthin. 1 Alle vier Zweige
werden von Anwnn beeinflusst. Es finden sich Magier, zauberhafte Gegenstände
und Tiere mit magischen Fähigkeiten. In einem von Pwyll´s wichtigsten Höfe in Ar-
berth befindet sich ein Hügel von dem aus Zauberhafte Dinge passieren, ein weiterer
Ort mit Zugang zur Anderswelt.

1 Folklore and Myth in the Mabinogion. Gruffydd, W. J., Cardiff, 1958, S. 8.

2
1. Tod und Sterben in den vier Zweigen des Mabinogi
1.1. Der erste Zweig: Pwyll Fürst von Dyfed

Der erste Zweig beginnt mit der Jagd auf einen Hirschen. Es handelt sich offensich-
tlich um eine "rituelle Jagd".

Dieses mythische Motiv ist sehr verbreitet, sei es in der Form des Ursprungsmythos
(Ursprung der Völker, der Staaten, der Dynastien usw.), sei es in der Form
volkstümlicher Legenden, die die unerwarteten Folgen einer Tierverfolgung hervorheben.2

Pwyll, Fürst von Dyfed begegnet Arawn dem König von Annwn, der Anderswelt,
bei einer Hirschjagd. Arawn sieht anscheinend das Pwyll das Potential hat seinen
Gegner Hafgan zu töten und tauscht für ein Jahr die Identitäten. Pwyll tötet Hafgan
und durch sein tadelloses Verhalten gegenüber der Königin von Annwn, festigt sich
eine Freundschaft zwischen Arawn und Pwyll.

Wir erfahren von Hafgans kriegerischen Eroberungsversuchen gegen Arawn. Hafgan


ist wie eine Plage, von der König Arawn befreit werden will. Die Tötung von Hafgan
als Wiedergutmachung für den Hirschen ist ein heroisches Muster, das noch ver-
stärkt wird durch sein tadelloses, moralisch und ethisches Verhalten gegenüber der
Königin von Annwn. Pwyll zeigt sich Keusch im christlichen Sinn. Der Autor legt
auch vielmehr den Fokus der Erzählung auf das allabendliche zu Bett gehen mit der
Königin als auf den Zweikampf mit Hafgan.

Ein archaisches Muster findet sich bei der Art des Tötens. Der Feind, Hafgan Fürst
der Anderswelt, kann nicht auf eine profane Art und Weise getötet werden, weshalb
der Held eine genaue Anweisung braucht. Dieses Muster begegnet uns im vierten
Zweig wieder, bei dem Mord an Lleu Llaw Gyffes, dem Superhelden.

Die Grenzen zwischen den Welten fangen an zu verschwimmen, Pwyll wird nicht
mehr Fürst von Dyfed genannt, sondern " Pwyll, Oberhaupt von Annwn".

Es ist Pwyll, der eine profane Todesart des hohen Alters erfährt, und Rhiannon, seine
Frau aus der Anderswelt als Witwe zurücklässt, in der Obhut ihres gemeinsamen
Sohnes Pryderi.

2
Eliade, Mircea: Von Zalmoxis zu Dschingis-Khan. In: Rituelle Jagd und führende Tiere. Paris, 1970,
S. 143 —146.

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1. 2. Der zweite Zweig: Branwen, die Tochter Llŷrs

Der Motor des Geschehens im zweiten Zweig ist Politischer Natur. Branwen die
Schwester des Königs von Wales, dem Riesen Bedigeidfran, wird mit dem König von
Irland Matholwch verheiratet. Doch der durch die Hochzeit und dem Sohn Bran-
wens erhoffte Frieden, entwickelt sich zur Tragödie auf beiden Seiten. Es ist Efnisien
der Halbbruder des Königs Bran3 und Branwens, der sich durch Verrat und Beleidi-
gungen zu außerordentlicher Brutalität herausgefordert fühlt und den dramatischen
Verlauf in diesem Zweig immer wieder in Gang bringt, der zu einem Genozid auf
beiden Seiten führt. In Irland werden fünf schwangere Frauen überleben und die
Siegerseite der Waliser verzeichnet sieben Überlebende. Diese werden nach einer
sehr langen Zeit nach Wales zurückkehren. Die Dramatik der Auseinandersetzung
wird zugespitzt durch den Tod von König Brân und Branwens, die an gebrochenem
Herzen stirbt. Es handelt sich um ein heroisches Kampfmuster, denn die Helden von
der Insel der Starken müssen sich einem dämonischen Gegner stellen, die im Besitz
des Zauberkessels sind, der Tote wiedererwecken kann. Efnesien wird sich für den
Sieg der Waliser opfern, in den Kessel springen und diesen zerbersten lassen. Der
Held des zweiten Zweiges bleibt König Brân, der mit Kraft und Klugheit von Anfang
an der Situation gerecht werden will, durch eine diplomatische Verbindung beider
Inseln für Frieden zu sorgen. Seine Souveränität wird er behalten, denn er befiehlt
nach seinem Tod, seinen Kopf auf dem weißen Hügel in London zu begraben, um
damit Unheil abzuwenden. Für die sieben Heimkehrer, die des Königs Kopf, "das die
Kelten mit dem Sitz der Seele assoziierten"4 bei sich haben, treffen wir auf ein altbe-
kanntes Muster in der heroischen Epik: Von der Schwierigkeit heimzukehren. 5
Sie werden siebenundachtzig Jahre für die Rückkehr brauchen. Die Situation in der
Heimat hat sich verändert.

3[…]"Bendigeidfran"der Name setzt sich aus dem vorangestellten Adjektiv bendigeid, einem oberfläch-

lich keltisierten Latinismus (benedictus), und dem alten Namen Brân zusammengesetzt […]. Thomson
(1961: 19) hält diese Namensform für einen späten christianisierenden Eingriffs eines mönchischen
Schreibers. https//www.researchgatenet/profile/Hans_Ingo_Radatz/publication/330684141 S 1080
4 In many Celtic contexts, the head appears to have symbolized the seat of the soul. Skulls have been

found in holy wells and other sacred sites, where they were believed to provide healing or protective
powers. Celtic Myth and Religion. A Study of Traditional Belief, with Newly Translated Prayers,
Poems and Songs. Sharon Paice MacLeod, McFarland & Company, 2011
5 Der Reintegrationsprozess konkretisiert sich episch in der Auseinandersetzung mit den Widerstän-

den, die sich der Heimkehr entgegenstellen. […]. […] es kann sich auch die Situation in der Heimat
verändert haben. Der entfremdete Held trifft auf eine ihm fremd gewordene Welt. Vgl. Haug, Walter:
Die Wahrheit der Fiktion. In: Studien zur weltlichen und geistlichen Literatur des Mittelalters und der frü-
hen Neuzeit. Tübingen, 2003, S. 317.

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1. 3. Der dritte Zweig: Manawydan, der Sohn Llŷrs

Im dritten Zweig erzählt uns der Autor von der Wiederkehr in die Heimat. Unter
den sieben Überlebenden Pryderi und Manawydan, der Bruder des König Brân, die
bei ihrer Heimkehr mit einem Reintegrationsprozess konfrontiert werden, bei dem
sie Auseinandersetzungen und Wiederstände bewältigen müssen.
Das Thema von Tod und Sterben wird uns in diesem Zweig nicht als physischer Tod
eines einzelnen Protagonisten begegnen, sondern eher als eine Art Verlust, Trans-
formation und Zauber.
Manawydan, aus dem Hause LLyr hat seine Herrschaft über die Insel der Starken an
seinen Neffen Caswallawn, aus dem Hause Dôn verloren. Pryderi bietet Manawydan
die sieben Cantrefi Dyfelds an und seine Mutter Rhiannon zur Frau. Eine tiefe
Freundschaft entwickelt sich zwischen Manawydan, Rhiannon, Pryderi und dessen
Frau Cigfa. Die Adelsgesellschaft hat ein schönes Leben, sie verbringen ihre Zeit mit
Reisen und Jagen. Dyfed wird als fruchtbares Land beschrieben, mit Jagd und Fisch-
gründe.
Nach einem Fest begeben sie sich zum Hügel von Arberth, und hier ändert sich der
Lauf der Geschichte. Es verschwindet alles um sie herum, die Umgebung ist wie
ausgestorben, die vier sind die einzigen Überlebenden. Dyfed ist verzaubert. Die vier
gehen nach England um mit Handwerk ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Nach ihrer Rückkehr in Dyfed, werden Pryderi und Rihannon durch noch mehr
Zauber in der Anderswelt festgehalten. Manawydan der selbst ein großer Magier ist,
befreit sie. Er beeindruckt durch seine Intelligenz und ethisches Verhalten obwohl er
der unterliegende Held ist. Dieser Zweig wird von Proinsias Mac Cana6 für die eige-
ne Kreation des Schriftstellers gehalten:

It is hard to know how much the characterization of Manawydan leans on traditional sources,
but its whole nuance seems more redolent of the eleventh or twelfth century than of mythic
prehistory. Certainly it has little enough in common with the image of Manawydan’s Irish
counterpart, Manannán, and the evidence for the earlier conception of him in Welsh is la-
mentably sparse.

6 Mac Cana, Proinsias: The Mabinogi, Cardiff, 1992, S. 57

5
1. 4. Der vierte Zweig: Math, der Sohn Mathonwys

Der vierte Zweig enthält die meiste Dramatik. Der erste Charakter ist Math, König
von Gwynedd, Bruder der Dôn.7
Er wird uns vorgestellt als Druide, Magier und Zauberer, der in ständiger Gesell-
schaft der Jungfrau Goewin sein muss, außer in Zeiten des Krieges. Gilfaethwy und
Gwydion, die Söhne Dôn's und Neffen von Math vergehen sich an Goewin. Als Ab-
lenkungsmanöver benutzt Gwydion die Schweine von Pryderi, die ein Geschenk aus
Annwn sind. Durch Manipulation und Zauber schafft er es die Schweine mitzuneh-
men. Nachdem der faule Zauber aufgeflogen ist, will Pryderi Rache, für das Unrecht
welches ihm zugefügt wurde. Es kommt zu einem großen Gemetzel mit viel Blutver-
gießen auf beiden Seiten, woraufhin Pryderi Gwydion zum Zweikampf auffordert.
Das ehrenhafte Schema des keltischen Zweikampfes ist ein bekanntes Muster. So
verabschiedet sich unser Held, der uns in allen vier Zweigen begleitet hat mit einem
ehrenhaften Tod, denn er unterliegt Gwydions Kraft, Stärke, Zauber und Magie.
Math bestrafft seine Neffen für das Unrecht welches Goewin wiederfahren ist, mit
einem Märchenmotiv, der Verwandlung in Tiere.
Aranrhod, eigentlich eine Jungfrau und Nichte Math's wird zwei Kinder gebären,
von denen Lleu Llaw Gyffes als Archetyp für die Rolle des Superhelden sich legiti-
miert, durch die uns bekannten Grundmuster der besonderen Geburt und außeror-
dentlichen Situationen die er durchlaufen wird.
In diesem Zweig werden drei Frauen für den Ablauf der Geschehens wichtig.
Es sind die beiden Jungfrauen und Blodeuedd die Gwydion und Math aus Blumen
erschaffen, als Frau für LLeu Llaw Gyffes. Alle drei Frauen repräsentieren starke
Charaktere.

7 http://www.timelessmyths.com/celtic/welshhouses.htm

6
Blodeuedd verliebt sich in Gronw Bebyr, Herr über Penllyn und die beiden planen
Lleu Llaw zu töten.
Hier begegnet uns nochmal das Motiv aus den germanischen Heldensagas, die be-
sonderen Umstände die es bedarf einen Helden zu töten.
Unser Held gibt seine Schwachpunkte Preis und wird fast tödlich verletzt. Er schafft
es sich in einen Adler zu verwandeln und davonzufliegen. Grown hat jetzt die Herr-
schaft über Ardudwy und Penllyn.
Gwydion wird den verletzten Helden mit Hilfe einer Sau finden, ihn zurückverwan-
deln und heilen. Lleu Llau wird seine Genugtuung einfordern, und es gibt keinen
Ziehbruder der für die Tat Gronw's einstehen will. Gronw stirbt, trotz des Steins, das
er sich als Schutz zwischen ihnen erbittet und Blodeuedd wird in eine Eule verwan-
delt. Der Stein bleibt uns als historische Realität erhalten, denn er befindet sich am
Ufer des Flusses Cynfael in Ardudwy.

7
2. Schlussbemerkung

Die mythische Welt ist in den vier Zweigen noch vorhanden und sie hat noch einen
gewissen Einfluss auf das Geschehen, es ist aber nicht mehr die magisch ̶ heroische
Dichtung der Iren. Die Kampfszenen haben ihre Grausamkeit verloren, sie werden
sehr kurz gehalten. Hervorgehoben werden die Stellung der Frau, moralische Werte,
Ethik und Prestige.
Die Grausamkeit der Heldensage "Der Drachentöter", finden wir nur bei Efnisien.
Wie bei CuChullain entbrennt in ihm eine Kampfeswut und er ist zu bestialischen
Taten fähig. Er mutiliert Pferde, tötet zweihundert Krieger, indem er ihre Köpfe zer-
quetscht und schmeißt den Sohn seiner Schwester, den Thronfolger Gwern ins Feuer.
Damit die Waliser gewinnen können, legt er sich zu den toten Iren, die in den Zau-
berkessel reanimiert werden, kann so den Kessel zerstören aber sein Herz zerberst
dabei auch.
Die dialektischen Erfahrungen in dem zweiten Zweig stehen in ständigem Kontrast
zwischen Gut und Böse.
König Brân versucht die Konfrontation zu vermeiden, indem er der fremden Gefahr
versöhnlich begegnet. Er gibt für die Wahrung des Friedens gleich zwei seiner
"Schätze" preis, Branwen und den Kessel der Wiedergeburt. Beide Grundformen der
heroischen Begegnung mit dem Fremden [Efnisien begegnet der Gewalt mit Gewalt,
und König Brân versucht mit dem Fremden zu kooperieren], enden dennoch in Ge-
walt und dem Untergang beider Parteien.
Diese ausweglose Situation gipfelt in der Tatsache, dass auf der Insel der Starken
Caswallawn, der Sohn Belis die Macht übernommen hat. Mit einem Zaubergewand
bekleidet, der ihn unsichtbar macht, tötet Caswallawn, sechs der sieben zurückgelas-
senen Männer mit seinem Schwert. Brân's Sohn Cradawg lässt er aus, weil er sein
Neffe ist, dieser aber wird am gebrochenen Herzen sterben.
Der heroische Sieg hat seinen Glanz verloren, hier verfällt der Sieger in eine Machtlo-
sigkeit, die Verluste sind immens.

8
In diesem Zweig, auch wenn er narrativ verschiedene Konstellationen im Laufe der
Jahrhunderte erfahren hat, [z. B. das Branwen selbst ihren Sohn ins Feuer stieß] ist
die mythische Folklore am greifbarsten. Die Genealogien zweier Familien, die des
Llŷr und der Dôn, ihre Allianzen und Machtverhältnisse, die in allen vier Zweigen
präsent sind, und dem Geschehen eine historische Realität geben mit detaillierten
Ortsangaben.
Obwohl der christliche Einfluss präsent ist, können die Geschichten als Zeugnisse für
die heidnische Zeit gelesen werden.
Für das frühe Mittelalter und das politische Machtwirken der adeligen Gesellschaf-
ten finden sich genug Beispiele für grausame Handlungen bei denen ganze Perso-
nenverbände und Gefolgschaften vernichtet werden, oder Verwandtenmord wie in
der Nibelungensage.
Das Fazit überlasse ich dem Experten W. Haug, der die Frage stellt, weshalb der
Rückgriff auf die fernliegenden heroischen Fabeln und ihre Pflege über Jahrhunderte
hin? Denn wenn es sich nur um die Faszination durch heldische Brutalitäten gehan-
delt hätte, dann hätte die politische Gegenwart ja reichlich Stoff für Lieder geboten.
[…]. Haubrich antwortet, die durch das Vorzeitgeschehen als bewährt erwiesene Le-
bensform habe die gegenwärtig eigene abgestützt. Es ging also um die Legitimation
der adeligen Kriegerexistenz durch die Geschichte, um ein historisches Bewusstsein,
das über das Lied ein verbindliches Ethos zur Selbststilisierung bereitzuhalten ver-
mochte.8

8 Studien zum altgermanischen. Festschrift für Heinrich Beck. (Hrsg.) Heiko Uecker, 1994, S. 308.