Sie sind auf Seite 1von 12

RHETORIK ALS PA/DEIA

S. IJSSELING

Rhetorik ist an erster SteHe die Fähigkeit (techne, ars), eine schöne und
starke Rede aufzubauen und vorzutragen oder einen schönen und starken
Text zu schreiben. "Schön" steht hier unter anderem für deutlich, fesselnd
und elegant formuliert und zugeschnitten auf das Thema, den Redner oder
den Schriftsteller, den Zuhörer oder Leser, ganz allgemein: zugeschnitten
auf die Umstände, den Kontext. "Stark" bedeutet hier, daß eine Rede oder
der Text eine gewisse Überzeugungskraft besitzt, oder allgemeiner, daß·
die durch die Rede oder den Text beabsichtigte Wirkung erzielt wird.
Diese Kraft liegt an erster Stelle in der Schönheit, denn nur das, was gut
fonnuliert ist, hat Überzeugungskraft. Die beabsichtigte Wirkung kann
nach der klassischen Rhetorik das docere, das placere (oder delectare)
und das rnovere sein, die ihrerseits wiederum eine sehr breite Skala von
Möglichkeiten umfassen. Letztlich geht es um das Produzieren neuer
Bedeutungen.
Diese Fähigkeit kann durch Übung und vor allem durch die
Nachahmung von Vorbildern, das heißt durch Imitation, imitatio oder
mimesis, gelehrt und gelernt werden. Auf der einen Seite genießt diese
Fähigkeit in der gesamten europäischen Kultur seit jeher hohes Ansehen.
Auf der anderen Seite wird die Kultur gekennzeichnet von einem
gewissen Mißtrauen gegenüber der Bezauberung und der Verführung, die
von der Schönheit der Rede ausgehen, sowie von der Furcht, durch die
Macht des Wortes manipuliert zu werden. Daß Schönheit bezaubernd sein
kann, ist bekannt, und zum Programm der Neuzeit gehört gerade die
Ent-zauberung. In der rhetorischen Tradition wird seit jeher anerkannt,
daß die Gewalt des Wortes letztlich subtiler und auch effektiver ist als die
physische Gewalt, weil man sich gegen letztere, zumindest bis zu einem
gewissen Grad, immer noch innerlich wehren kann, während die Macht
des Wortes die Innerlichkeit, die Freiheit und die Identität des Menschen
angeht. Wir alle sind, was wir sind, durch dasjenige, was zu uns und über
uns gesagt wird. Platon hat das Mißtrauen gegenüber der Rhetorik als
erster in Worte gefaßt und nach ihm haben viele andere das immer wieder
mit anderen Worten und in einem anderen Kontext wiederholt, wie zum
Beispiel Descartes, Hobbes, Locke und Kant.
Die Rhetorik ist nicht nur eine praktische Fähigkeit, sondern auch eine
theoretische Disziplin. Im Grunde handelt es sich um diejenige Disziplin,
die im Altertum die höchstentwickelte war und in an ihren Distinktionen,
Klassifizierungen und Oppositionen, zuerst von Aristoteles ausgearbeitet,
dessen Rhetorica zweifellos eine Zusammenfassung bereits früher
erworbener Einsichten ist, und später von den Römern, unter anderem von

15
Rhetorik als Paideia

Cicero und vor allem von Quintilianus, dessen unerschöpfliche lnstitutio


oratoria fast allen weiteren Entwicklungen auf diesem Gebiet, vor allem
in der Renaissance, zugrundeliegt. Rhetorik ist auch die im Altertum
meistdozierte Disziplin und fast alle großen Männer, deren Namen uns
überliefert sind, haben eine rhetorische Ausbildung erhalten. Die Rhetorik
war das Kernstück und der Höhepunkt jeder humanistischen Bildung. Sie
ist außerdem nicht nur die höchstentwickelte und meistdozierte, sondern
auch die umfassendste Disziplin, denn sie umfaßt sowohl alle formellen
Aspekte der Rede, das heißt die Gesetze, die befolgt, und die
Bedingungen, die erfüllt werden müssen, damit die Rede schön und stark
ist, als auch die Anforderungen, denen der Redner oder Schriftsteller und
der Zuhörer oder Leser genügen muß,. An erster Stelle betrifft das den Ort
(die Stelle), den der Redner oder Autor, man spricht auch vom ethos, und
den Ort, den der Zuhörer oder Leser, das pathos, im diskursiven oder
textuellen Feld einnehmen. So ist es auch nicht zufallig, daß was seit dem
neunzehnten Jahrhundert Psychologie genannt wird und damals auch eine
selbständige Wissenschaft wurde, im Altertum größtenteils in der
Rhetorik beheimatet war. Was wir heute Psychologie nennen, sollte man
nicht so sehr in den Traktaten Peri psyches oder De anima, sondern eher
in der rhetorischen Literatur suchen. Gleichartiges läßt sich auch sagen
über vielerlei Probleme im Zusammenhang mit Glaubwürdigkeit,
Obrigkeit, Autorität und vor allem den Machtstellungen, die jeder Rede
vorangehen, durch sie zustande kommen und geändert werden können.
Daher nUlt die Rhetorik als Wissenschaft im Altertum oft mit der scientia
civilis, der politischen Wissenschaft, zusammen, wie zum Beispiel bei
Cicero, bei dem der ideale Bürger (cives) ein orator (Redner) ist. Es
handelt sich dabei um eine Tradition, die auf Isokrates zurückgeht. In
seiner Schule in der Nähe der Akademie Platons bildete er nicht nur
Redner aus, sondern vor allem auch Politiker, Menschen, die imstande
sein sollten, die tatsächliche Lage zu beurteilen und aufgrund von
Überlegung und Beratschlagung Entscheidungen zu treffen, Entschei-
dungen, die, um Entscheidungen sein zu können, niemals rein logisch und
rein wissenschaftlich verantwortet sind.
Ich betone diesen umfassenden Charakter der Rhetorik, um zu
vermeiden, daß man sie auf eine Topologie, topica, Redekunst oder eine
Argumentationstheorie reduziert. So bedeutend diese auch sein mögen,
sie betreffen stets nur Teilaspekte der großen rhetorischen Tradition.
Andererseits kann man feststellen, daß die Beschränkung der Forschung
auf ein bestimmtes Gebiet der Rhetorik zu neuen, in der klassischen
Rhetorik unbekannten Erkenntnissen geführt hat.
Die Kenntnis der Rhetorik als theoretische Disziplin befahigt den
Menschen, eine schöne und starke Rede zu produzieren, sie trägt aber
auch dazu bei, sich gegen die Bezauberung und die Macht des Wortes
schützen und verteidigen zu können. Die Rhetorik ist, wie in Tacitus'

16
S. IJSSELlNG

Dialog über die Redekunst (§ 5) zu lesen ist, sowohl Schwert wie Schild,
eine Waffe sowohl für den Angriff wie für die Verteidigung. Eine
Analyse und das Verständnis dessen, was genau geschieht, wenn man
durch die Schönheit des Wortes bezaubert und durch die Macht des
Wortes auf andere Gedanken gebracht wird, einen anderen Standpunkt
einnimmt und sich überzeugen läßt, etwas zu tun oder zu lassen, verleiht
dem Menschen eine gewisse Freiheit gegenüber dieser Schönheit und
dieser Macht. Die Kenntnis der Rhetorik ermöglicht es dem Menschen
also nicht nur, eine Rede zu produzieren, sondern auch, diese Rede ständig
zu unterbrechen. Wenn irgendetwas wichtig ist in unserer Welt, in der
wir mit selektiver Information und persuasiver Kommunikation, mit
Beispielen und Argumenten überhäuft werden, so ist es doch das: sich
aufgrund der Kenntnis der Gesetze der Rhetorik gegen die rhetorische
Gewalt schützen zu können.
Man könnte aufgrund des soeben Gesagten meinen, das wichtigste
Argument für das Mißtrauen gegen die Rhetorik sei damit entkräftet. Das
ist jedoch nicht ohne weiteres der FalL Die gesamte europäische Kultur
wurde und wird noch immer durch eine ambivalente Haltung gegenüber
der Rhetorik gekennzeichnet. Und das weist darauf hin, daß offensichtlich
noch mehr im Spiel ist.
Die Rhetorik hat im Laufe der europäischen Geschichte Perioden
durchlaufen, in denen sie hoch geschätzt wurde, aber auch solche, in
denen sie verachtet wurde. Diese Geringschätzung kann so weit gehen,
daß die Worte "Rhetorik" und "rhetorisch" eine nur noch negative
Bedeutung erhalten und daß die Rhetorik als Unterrichtsfach in der Schule
aus dem Programm gestrichen wird. Einst war die Rhetorik die
meistdozierte Disziplin, in unserer Zeit ist sie fast vollkommen aus dem
Unterricht verschwunden, sowohl in den Schulen wie auch in den
Universitäten. Und das ist nicht nur eine Sache organisatorischer oder
unterrichts-technischer Art.
Die Gründe und Motive für die Abweisung der Rhetorik sind vielfältig.
Sie können politischer Art sein, wie z.B. bei Hobbes, der in einer Periode,
in der ein grausamer Bürgerkrieg England heimsuchte, behauptete, die
Menschen würden durch die rhetorischen Ausführungen nur
gegeneinander aufgehetzt. Gegner der Demokratie haben zu allen Zeiten
behauptet, daß die Macht in einer Demokratie nicht beim Volk liegt,
sondern bei den Rednern, und die Geschichte des zwanzigsten
Jahrhunderts hat uns gelehrt, wie verhängnisvoll die Folgen politischer
Propaganda sein können. Die Gründe für eine abweisende oder zumindest
äußerst kritische Haltung gegenüber der Rhetorik können auch
wissenschaftlicher Art sein, oder besser gesagt, beruhen auf einer
bestimmten Auffassung, was Wissenschaft ist oder sein sollte. Das ist
unter anderem bei Descartes der Fall: für ihn ist echte Wissenschaft nur
dasjenige, was unanfechtbar und auf irgendeine Weise sichergestellt ist.

17
Rhetorik als Paideia

Daß damit ein wichtiges Gebiet des Wissens, nämlich die Geschichte und
allgemeiner gefaßt die Kultur, von der echten Wissenschaft
ausgeschlossen wird, ist bekannt. Es ist gerade das, was Vico den
Cartesianern in seiner Scienza lluova, das heißt vor allem einer Rhetorik,
vorwirft.
Im Hintergrund der ambivalenten Haltung gegenüber der Rhetorik st,eht
vor allem ein Gegensatz zwischen zwei verschiedenen Idealen der
paideia, sowohl in der Bedeutung der Erziehung als Prozeß wie auch als
Ergebnis dieser Erziehung, der Kultur oder der Bildung. Diese
gegensätzlichen Ausgangspunkte und Positionen sind bei Platon und
Isokrates deutlich, und eine rezente Untersuchung von Chr. Eucken zeigt,
daß die bei den in ihren Schriften viel mehr als bisher angenommen
miteinander diskutiert haben. \ Es handelt sich dabei um zwei Arten,
Fonnen der paideia, die, wenn auch in anderer Form, auch heutzutage
noch einander gegenüberstehen, nämlich die sogenannte metaphysisch-
wissenschaftliche und die literarisch-kulturelle Bildung. Dabei soll nicht
behauptet werden, daß Platon ohne weiteres auf seiten der Wissenschaft
stünde, sondern vielmehr, daß das Wissen, welches er erstrebt, anderer Art
ist als dasjenige, was in der Literatur und der Rhetorik. von den Dichtem
und Rednern vermittelt wird. Die Kenntnisse, die Isokrates seinen
Schülern beizubringen versucht, beruhen hingegen wohl darauf. Mehr
noch, nach der rhetorischen Tradition findet weitaus das Meiste dessen,
was wir wissen, seinen Ursprung in dem, was wir gehört und gelesen
haben.
In dieser gegensätzlichen Auffassung über das. was paideia ist oder sein
soll, sind zugleich zwei einander entgegengesetzte Auffassungen mit
Bezug auf das Wesen der Wahrheit, die Verwirklichung einer gerechten
Gesellschaft und vor allem die Stellung der Sprache im menschlichen
Dasein am Werk. In einer eher metaphysisch-wissenschaftlich orientierten
Tradition wird die Wahrheit als Übereinstimmung oder eventuell auch als
Sicherheit, sich wissende Gewißheit, angesehen, während sie in der
rhetorischen Tradition im Wort und durch das Wort gestiftet wird. So ist
eine gerechte Welt in der metaphysisch-wissenschaftlichen Tradition eine
Welt, die einer vorgegebenen Ordnung entspricht, während die gerechte
Welt in der rhetorischen Tradition angesehen wird als das Ergebnis
gegenseitiger Reden und Beratschlagungen, ohne daß eine Letzt-
begründung möglich wäre und sogar ohne daß. man je einen voll-
kommenen Consensus erreichen könnte. Die Rhetorik lebt von einer
unaufhebbaren Pluralität. Die Worte schließlich sind in der metaphysisch-
wissenschaftlichen Tradition Zeichen, die für eine schon an sich gegebene

I. ehr. Eucken. lsokrates. Seine Positionen in der Auseinandersetzung mit deli


zeitgenössischen Philosophe/l, W. de Gruyter. Berlin - New York. 1983.

18
S. JJSSELlNG

Wirklichkeit oder für in der Innerlichkeit gegebene Gedanken stehen,


besser noch, für bereits konstituierte Bedeutungen. In der Rhetorik wird
das Sprechen als eine Form des Handeins betrachtet. Worte sind Taten,
wie Wittgenstein sagte, man kann etwas damit tun, wie der Titel des
bekannten Buches von Austin How to do Things with Words? angibt.
Oder, um es in Heideggers Sprache auszudrücken: Worte sind keine
Zeichen, sondern sie zeigen. Durch das Wort wird etwas bewerkstelligt.
Wenn von einer ambivalenten Haltung der europäischen Kultur
gegenüber der Rhetorik die Rede ist, so ist der wichtigste Grund dafür
eine gewisse Unentschiedenheit mit Bezug auf diese gegensätzlichen
Auffassungen über Wahrheit, Gerechtigkeit und Sprache.
Gegenwärtig kann man auf verschiedenen Ebenen eine Neubewertung
oder Rehabilitation der Rhetorik feststellen und auch in der Philosophie
besteht ein erneuertes Interesse für die Rhetorik, oft zusammen mit der
Neubewertung und dem Interesse für die in der Philosophie so oft
geschmähten Sophisten. Dieses Interesse für die Rhetorik findet sich
nicht nur bei den Logikern, die die unterschiedlichen Denk- und
Argumentationsformen untersuchen, sondern auch bei den - vornehmlich
französischen - Philosophen, die sich von Nietzsche und Heidegger
inspirieren lassen. Nebenbei soll hier erwähnt werden, daß Nietzsche sehr
vertraut mit der klassischen Rhetorik war und sie auch mehrere Jahre lang
in Basel dozierte, während Heideggers Kenntnis der Rhetorik eher gering
ist. Letztlich steht sein Denken der Rhetorik eher feindlich gegenüber;2 er
hat auch wenig Gutes über die Sophisten zu sagen, was aus der Geschichte
heraus verständlich ist, ist von der Sache her oder aus dem Projekt von
Heideggers Denken heraus jedoch unverständlich.
Die Neubewertung der Rhetorik und der Sophistik in der heutigen
Philosophie steht an erster Stelle im Zusammenhang mit der Problematik
der Macht des Wortes oder, wie man sagt, mit der Macht des Diskurses
oder des Textes, und mit den Bedingungen, denen entsprochen werden
muß, damit der Diskurs diese Macht besitzt. Mit anderen Worten, sie
steht im Zusammenhang mit der Stellung des Diskurses im menschlichen
Dasein oder vielleicht besser noch, mit der Stellung des Menschen im
Diskurs,. im diskursiven und textueHen Feld, welches das faktische
Sprechen in vieler Hinsicht übersteigt, ihm vorausgeht und es regelt.
Einer der ältesten Texte aus der Geschichte der Philosophie über die
Macht des Wortes ist das Encomium Helenae, die Lobrede auf Helena des
Sophisten Gorgias, ein Text, dessen philosophische Bedeutung meiner
Meinung nach noch stets unterschätzt wird. 3 Nach Gorgias ist der logos,

2. P.L. Oesteneich, Fllfldamentalrhetorik. Untersuchungen zu Person und Rede in der


Öjfellflichkeit, F. Meiner. Hamburg. 1990, S. 9-23.
3. Gorgias von Leontini, Reden, Fragmente und Testimonien, Herausgegeben mit

19
Rhetorik als Paideia

und das bedeutet hier sicher nicht Vernunft oder ratio, sondern vielmehr
Rede oder oratio (disco urs), dynastes megas, der große Herrscher oder
Meister. Der logos vermag nämlich, mit den substilsten und geringsten
Mitteln die wunderbarsten Dinge zu verwirklichen. Das Wort kann Furcht
vertreiben und Schmerz lindern, Freude bringen und Mitleid erwecken.
Durch das Wort können wir Glück und Unglück uns fremder Menschen
miterleben und das Leiden, das uns selbst nicht trifft, mitvollziehen. Der
logos kann einen guten Ruf in einen schlechten verwandeln, er kann
Schuldsprechung und Freispruch bewirken, die Meinungen von Gelehrten
ändern und! allgemein anerkannte Überzeugungen ins Schwanken bringen.
Der logos ist entscheidend dafür, was wir tun oder nicht tun, was wir für
wahr oder unwahr, für gut oder schlecht halten. Der logos ist nämlich
entscheidend für die Weise, wie uns Menschen und Dinge erscheinen.
Das bedeutet, daß für Gorgias das Wort nicht Zeichen für eine gegebene
Wirklichkeit ist, sondern eher ein Mittel, mithilfe dessen man etwas
bewerkstelligt. Kommunikation ist hier nicht das Mitteilen bereits
konstituierter Bedeutungen, sondern das Mitteilen einer Kraft. Gorgias
vergleicht seine Fähigkeit, das Wort zu führen, regelmäßig mit der
Heilkunde, die ebenfalls eine Fertigkeit ist, mit der etwas bewerkstelligt
wird. Das Wort ist ein phamzakon, ein Gift, das sowohl Gesundheit wie
auch Krankheit bringen kann. Die üblichen Heilmittel üben ihre Wirkung
nur auf den Körper aus, während das Wort den ganzen Menschen angeht.
Eine Rede zu halten, das Wort zu führen, heißt, auf das Kräftespiel, das
am Werk ist, einzuspielen. Nicht zu Unrecht hat man daher über eine
Chemie des Wortes bei Gorgias gesprochen, über die Mischung von
Wörtern auf eine Weise, daß· eine bestimmte Wirkung zustande gebracht
wird.
Was immer es auch mit dieser Phannakologie, der Chemie des Wortes,
und dem Kräftespiel, das zweifellos an Nietzsehe erinnert, auf sich haben
mag, Gorgias bietet auch verschiedene Argumente für die Macht des
Wortes. Sie finden sich im nach dem großen Sophisten benannten Dialog
Platons. Ein Argument, das philosophisch bedeutendste, findet man, und
das ist nicht zufällig, jedoch nicht bei Platon, sondern bei Gorgias selbst,
und zwar in seiner Helena. Das Wort hat, SD Gorgias, eine SD unerhört
große Macht, weil der Mensch nicht imstande ist, sich vollkommen an die
Vergangenheit zu erinnern, die Zukunft vorauszusehen und die Gegenwart
zu überschauen. Die Macht des Wortes beruht auf der Zeitlichkeit und der
Endlichkeit des Menschen oder auf der Tatsache, daß er weder sich selbst
noch seiner WeH vollkommen anwesend ist. Zu wissen, was ist, was War
und was sein wird, ist seit jeher Vorrecht und Merkmal der Seher. Nach

Übersetzung und Kommentar von Th. Buchheim. F. Meiner, Hamburg. 1989. S. 3-17
(Fragment 11).

20
S. IJSSELlNG

Gorgias ist dem Menschen eine derartige Gabe nicht gegeben. Er ist
nämlich wesentlich an seine Lage gebunden und kann sie nicht
vollkommen überschauen. Jedes Wort hat einen Kontext, der prinzipiell
nicht voHkommen zu bestimmen und abzugrenzen ist.
Das menschliche Dasein wird, so Gorgias, gekennzeichnet durch apate,
im allgemeinen mit "Blendung" übersetzt. Diese apate kann laut Gorgias
leicht zu Wahnsinn führen, aber sie ist zugleich auch die
Möglichkeitsbedingung dafür, das Leben auf menschliche Weise zu
genießen. Die apate ist eine Möglichkeitsbedingung für das Sprechen,
und zugleich wird sie durch das Sprechen bewerkstelligt. Ohne sie wäre
jede Form der Kultur, paideia, unmöglich. In diesem Rahmen spricht er
daher von einer dikaia apate, einer rechtmäßigen Blendung. 4 Gorgias sagt
im Zusammenhang mit dem Theater bzw. mit der Tragödie, daß derjenige,
der blendet, das heißt der Dichter, richtiger handelt, wenn er blendet, als
wenn er es nicht tut, und daß derj,enige, der sich verblenden läßt, der
Zuschauer oder Leser, klüger ist, wenn er sich verblenden läßt, als wenn
er es nicht tun würde. Die Kultur, das heißt die Literatur und die
bildenden Künste, die Politik und die militärische Strategie, ist, so
Gorgias, eine Angelegenheit des Blendens und Verblendet-Werdens, des
Bezaubems und Bezaubert-Werdens, des Verführens und
Verfuhrt-Werdens. Wer in einem Kunstwerk lediglich Stein und Farbe
sieht, kann niemals von der Kunst bezaubert werden und wer einen
Menschen ohne jegliche Form der Verblendung sieht, wird sich niemals in
ihn oder sie verlieben, so liest man in den letzten Paragraphen der Lobrede
aufHelena.
Bei Gorgias scheint die Macht des Wortes viel Ähnlichkeit mit
Zauberei zu haben. Die Macht des Wortes ist die Bezauberung, die vom
Wort ausgeht, und der Redner ist sozusagen ein Zauberer. Isokrates, von
dem gesagt wird, er sei ein Schüler des Gorgias gewesen, beschäftigt sich
ebenfalls mit der Macht des Wortes. Bei ihm beruht sie jedoch eher auf
der Schönheit des Wortes. Isokrates' Lobrede auf Helena, die mit
Sicherheit auf die des Gorgias verweist, ist an erster Stelle ein Lob der
Schönheit, nicht nur der Schönheit von Helena, sondern auch deIjenigen
des Wortes. Vor dieser Schönheit, so sagt er ausdrücklich, muß sich
letztlich jede Macht beugen. Die Schönheit gehört zum Bereich der doxa,
des Scheins, dem Grundwort aller Rhetorik.
Damit das Wort, der logos, die Macht und die Schönheit besitzt, die er
tatsächlich hat, mit anderen Worten, damit es etwas ausrichten und neue
Bedeutungen erzeugen kann, muß dieses Wort einer Reihe Anforderungen
entsprechen und müssen eine Reihe Bedingungen erlüUt sein. Die
klassische Rhetorik zählt diese Anforderungen und Bedingungen auf und

4. Gorgias VOll Leontini, O.C., S. 92 (Fragment 23).

21
Rhetorik als Paideia

klassifiziert sie. Einige davon haben wir bereits erwähnt. Zu den


Bedingungen dafür, daß eine Rede, ein Diskurs, überhaupt etwas bewirken
kann, gehört das Verweisen-auf und das Angewiesen-sein-auf andere,
bereits vorhandene Reden. Um geschrieben und gelesen oder um
vorgetragen und verstanden werden zu können, muß sie sich in ein
diskursives oder textuelIes Feld einfügen, das die faktische Rede in vieler
Hinsicht übersteigt. In der klassischen Rhetorik wird dieses
Verweisen-auf und Angewiesen-sein-auf als mimesis oder imitatio
thematisiert, hier als mimesis toon archaioon oder imitatio veterum
verstanden. Man findet das bei Isokrates. Dianysos von Hallicanassus und
Quintilianus. Um ein guter Redner oder Schriftsteller zu sein. so wird
gesagt, muß man die als exemplarisch geltenden großen Redner
nachahmen. Das gilt nicht nur für die Dauer des Lernprozesses, sondern
es ist für jedes Sprechen und Schreiben wesentlich. Diese Nachahmung
betrifft nicht nur den Stil, die Formgebung, die Rechtschreibung oder
Orthographie, die Wortwahl, das Genre usw., sondern auch den Inhalt
oder die zu behandelnden Themen und die Art und Weise, wie sie
behandelt werden. Keine einzige Rede und kein einziger Text steht jemals
ganz allein und ist niemals vollkommen ursprünglich. Wenn sie
vollkommen ursprünglich wären, so könnten sie nicht verstanden werden
und daher keinerlei Wirkung haben. Die ganze rhetorische Tradition
weist regelmäßig darauf hin. Dazu ist zu bemerken, daß die Nachahmung
nie sklavisch oder eine bloße Wiederholung sein darf. sie muß vielmehr
einerseits mit dem Versuch, dasselbe auf andere Art zu sagen (variatio),
und andererseits mit dem Streben, das Vorbild zu übertreffen (aemulatio),
verbunden sein. Dieselben Worte und dieselben Themen erscheinen an
einem anderen Ort und in einem anderen Zusammenhang, und gerade
dadurch können neue Bedeutungen entstehen. Das gehört zum Wesen der
mimesis, und es ist ein Aspekt dessen, was man heutzutage als
"Intertextualitäf' bezeichnet.
Die Betonung des mimetischen Charakters von Sprechen und Schreiben
ist für Platon und viele Gegner der Rhetorik einer der Gründe, sie
abzuweisen. Für Platon ist wirklich Sprechen ein ursprüngliches
Sprechen, wobei der Sprechende völlig hinter dem steht, was er sagt,
völlig überschaut, was vorausgesetzt wird und welche Folgen seine Worte
haben. Jede Form der mimetischen Wiederholung des von Anderen
Gesagten, des Zitierens oder Rezitierens, sei es nun durch Dichter und
Rhapsoden, sei es durch Schauspieler und Redner, ist verwerflich. Es ist
parasitär oder ist, nach Platon, tatsächlich mimetisch. Aber das steht bei
ihm für "unechf', "nicht ursprünglich". Es ist kein echtes Sprechen, es
ähnelt dem nur. Ob ein Sprechen, wie Platon es wünscht. zu den
Möglichkeiten des Menschen gehört, ist Thema der Diskussion zwischen
zwei verschiedenen und einander entgegengesetzten Fonnen der paideia.
In der rhetorischen Tradition werden auch bestimmte Anforderungen an

22
S.IJSSELlNG

den Redner gestellt und es müssen bestimmte Bedingungen erfüHt sein,


damit sein Wort die gewünschte Wirkung erzielt. Die Anforderungen und
Bedingungen sind jedoch anderer Art als bei Platon. So wird ausführlich
auf die Eigenschaften eingegangen, die ein Redner (oder Schriftsteller)
besitzen muß. Er muß nicht nur seine Sprache und das behandelte Thema
beherrschen, kompetent sein und eine gewisse Autorität haben, sondern er
muß auch ein guter Mensch sein. Vir bonus bene dicendi peritus. Weniger
ausdrückliche Aufmerksamkeit wird der Tatsache gewidmet, daß die
Stellung und die Stelle, die der Redner in der Gesellschaft und im Diskurs
einnimmt, mitbestimmend ist für die Wirkung seiner Worte. Das wird
allerdings in der Aufzählung der Eigenschaften des Redners voraus-
gesetzt. Es ist nämlich nicht gleichgültig, wer spricht oder wer etwas sagt.
Das Wort von jemandem mit Autorität, gesellschaftlicher Verantwort-
lichkeit oder einer Machtstellung bedeutet nicht dasselbe wie das Wort
von jemandem ohne Autorität, Verantwortlichkeit und Macht. Diese
Stellung, die zugleich auch immer eine Stellung im diskursiven Feld ist,
geht dem Wort, das der Redner spricht, bis zu einem gewissen Niveau
voraus. Für die Zuhörer ist er jemand mit einem bestimmten Ruf. Sie
haben bestimmte Erwartungen, positive oder negative, sie haben ein Bild
von ihm. Die Stellung des Redners oder Schriftstellers ist immer
imaginärer Art. Die Stellung des Redners ist aber nicht unveränderlich.
Seine Autorität kann während seines Sprechens beispielsweise zunehmen
oder abnehmen. Sein Ruf kann wachsen, aber auch schrumpfen. Das
Bild, das man von ihm hat, kann schillern, aber auch zusammenbrechen.
Die Erwartungen können erfüllt, aber auch enttäuscht werden. Schließlich
ist die Stellung des Redners selbst das Ergebnis eines bestehenden
Diskurses, in dem die Stellungen zugewiesen und verteilt werden. So
wird man zum Beispiel zum Richter oder Anwalt ernannt, zum Doktor
oder Dozenten, zum Vorsitzenden oder Geschäftsführer, und man wird für
kompetent, zuverlässig und gut gehalten. Zusammenfassend läßt sich
sagen: Der Ruf (Name) ist immer ein von Anderen verliehener Ruf
(Name) und er geht dem Sprechen voraus. Der Ruf ist jedoch nicht
unveränderlich, er ändert sich im Sprechen und durch das Sprechen.
Etwas Gleichartiges kann auch von den Zuhörern oder den Lesern
gesagt werden. Eine Grundregel der Rhetorik lautet, daß der Redner seine
Rede seiner Zuhörerschaft, dem Publikum, anpassen muß, und Aristoteles
bemerkt in seiner Rhetorica, daß es nicht gleichgültig ist, ob man vor
Freunden oder Feinden, Gebildeten oder Ungebildeten, jüngeren oder
älteren Leuten, Männern oder Frauen, Soldaten oder Kaufleuten, Starken
oder Schwachen spricht. Auch hier geht die Stellung oder Position des
Zuhörers dem Diskurs voraus. Diese Position - die Rhetorik spricht in
diesem Fall von pathos - wird nicht nur durch die Stellung bestimmt, die
er in der Gesellschaft bekleidet, sondern auch durch das, was er bereits
weiß, die Gesamtheit seiner Meinungen und Überzeugungen, seiner

23
Rhetorik als Paideia

Vorlieben und Abneigungen, seiner Interessen, Wünsche und Ängste usw.


Ein guter Redner paßt sich dem an. Die Stellung des Zuhörers ist selbst
immer schon das Ergebnis eines vorhergehenden Diskurses, auch diese ist
nicht unveränderlich, sie ändert sich vielmehr während des Zuhörens, sei
es auch nur, weil der Zuhörer besser informiert wird. seine Meinung
ändert oder in seiner Meinung bestätigt wird, und weil bestimmte
Wünsche oder Gefühle in ihm geweckt oder abgeschwächt werden. Wenn
sich während des Zuhörens (oder Lesens) nichts ändern würde, so wären
das Zuhören und Lesen und das Sprechen und Schreiben ohne Bedeutung
gewesen.
Gegner der Rhetorik, nicht nur als praktische Fähigkeit, sondern auch
als Theorie, anerkennen normalerweise die Tatsache, daß wer spricht und
zu wem gesprochen wird, eine Rolle spielt in der normalen Kommuni-
kation zwischen den Menschen, im Alltag und eventuell auch in der
Politik und vor Gericht, aber der ideale Diskurs wäre der Diskurs, bei dem
es überhaupt keine Rolle spielt, wer spricht und zu wem gesp,rochen wird.
Es wäre ein Diskurs mit universeller Gültigkeit, seine ideale Form würde
in der Wissenschaft verwirklicht Der ideale Diskurs wäre ein Diskurs
ohne Kontext. Gibt es so etwas wie einen Diskurs oder einen Text ohne
Kontext? Zweifellos ist das Verhältnis zwischen Text und Kontext
außerordentlich kompliziert. Wir können an dieser Stelle nicht ausführlich
darauf eingehen. Wichtig ist jedoch die Einsicht, daß hier Probleme zur
Diskussion stehen, die wesentlich für jede rhetorische Theorie sind. Es ist
daher auch kein Zufall, daß die Sophistik und die rhetorische Kultur oft
mit einem sogenannten "KontextuaJismus" gleichgesetzt werden.
Für die rhetorische Tradition ist nicht nur, wer spricht und zu wem
gesprochen wird, sondern auch der Zeitpunkt, wann etwas gesagt wird,
entscheidend für das, was geschieht, wenn gesprochen wird. Es handelt
sich hier um das kairos, den geeigneten Augenblick, den Cicero und
Quintilianus occasio nennen, der flüchtig ist, von vergänglicher Natur, der
aber auch einen gewissen Zeitraum umspannen kann. Gorgias soll als
erster darüber geschrieben haben. Tatsächlich haben schon die ältesten
griechischen Dichter darauf hingewiesen, daß in einern Gedicht jedes
Wort zu einem bestimmten Zeitpunkt gebraucht werden muß, das heißt,
an einer bestimmten, und gerade an dieser Stelle und nicht an einer
anderen. Die Stellung des Wortes in einem Gedicht ist mitentscheidend
für die Schönheit des Gedichtes. Der Begriff kairos hat sich eigentlich
erst wirklich in der Rhetorik und wahrscheinlich zugleich in der Medizin,
- die, wie wir bereits sagten, oft mit der Rhetorik verglichen wird _
entwickelt. Später wurde der Begriff von der militärischen Strategie und
der Politik übernommen. Worum handelt es sich? Wenn ein medizini-
scher Eingriff oder die Verabreichung eines Medikamentes nicht zu genau
dem richtigen Zeitpunkt geschehen, sind dieser Eingriff oder das
Medikament entweder wirkungslos oder fatal. Das Gleiche gilt für ein

24
S. lJSSELlNG

strategisches Manöver oder eine politische Entscheidung. Wenn ein


Manöver zu früh oder zu spät ausgeführt wird und wenn eine politische
Entscheidung nicht zu genau dem richtigen Zeitpunkt getroffen wird, sind
sie entweder bedeutungslos oder katastrophal. In der Rhetorik bedeutet
das erstens, daß in der Rede ein Wort, Satz, Argument, Beispiel im
richtigen Moment gebraucht werden müssen (dispositio), und zweitens,
daß die Rede als Ganzes im richügen Moment ausgesprochen werden
muß. Wenn sie zu früh oder zu spät kommt, ist sie Wirkungslos. Sowohl
die Schönheit wie auch die Kraft der Rede sind hier im Spiel
In diesen Zusammenhang muß die Diskussion zwischen Isokrates und
Alkidamas, ob eine Rede auf- oder niedergeschrieben werden sollte oder
nicht, verstanden werden. Alkidamas behauptet, daß die Bindung an den
Zeitpunkt derart ist, daß nur das gesprochene und eigentlich an Ort und
Stelle improvisierte Wort wirklich Einfluß ausübt, während Isokrates, von
dem bekannt ist, daß er an verschiedenen seiner Reden jahrelang arbeitete,
eine äußerst sorgfältige Fonnulierung verteidigt. Bei Platon kehrt die
Diskussion darüber, ob eine Rede aufgeschrieben werden sollte oder nicht,
zurück, wenn auch in einem anderen Rahmen. Es handelt sich bei Platon
darum, daß im Niederschreiben die Anwesenheit des Sprechenden an
seine eigenen Worte und damit an sich selbst und seine Welt verlorengeht.
Vom Gesichtspunkt der Rhetorik aus könnte man dazu bemerken, daß hier
etwas verlorengeht, was man nie besessen hat.
Auch Quintilianus widmet sich ausführlich dem Niederschreiben. Seine
Institutio oratoria behandelt eigentlich fast ausschließlich das geschrie-
bene Wort. Er unterscheidet dabei nicht zwischen dem Diktieren und dem
Selbst-Schreiben und zwischen den beiden Geschwindigkeiten, die damit
verbunden sind. Er beftirwortet das langsame, eigenhändige Schreiben,
wobei die Bewegung der Hand und die Bewegung des Geistes aufeinander
abgestimmt sind.
Wie dem auch sei, durch das Niederschreiben oder die Verschrift-
liehung hat sich die Art der Diskurse gründlich geändert, und die
Veränderung hatte enorme Folgen. Der Rhetoriktheoretiker W. Ong, und
übrigens auch E. Havelock, haben behauptet, daß Wissenschaft und
Philosophie in Griechenland erst von dem Augenblick an entstehen
konnten, als die mündlich überlieferten Geschichten und die aus-
gesprochenen Lobreden, die Reden vor Gericht, auf der Agora
niedergeschrieben wurden. Die Schrift ist dann eine Möglichkeitsbedin-
gung für die Philosophie. Die Gebundenheit an den geeigneten Augen-
blick (und sie ist ein Aspekt der Gebundenheit an den Kontext) ist beim
niedergeschriebenen Wort jedenfalls anderer Art als beim gesprochenen
Wort.
Das soeben Gesagte über den geeigneten Augenblick gilt mutatis
mutandis auch für den Ort, an dem gesprochen wird. Es ist nicht
unbedeutend für die Wirksamkeit des Wortes, ob es im privaten Kreis

25
Rhetorik als Paideia

oder in der Öffentlichkeit, im Gerichtshof oder auf der politischen


Tribüne, während eines Symposiums oder an welchem Ort auch immer
ausgesprochen wird. Der Ort, an dem gesprochen wird, ist nach der
rhetorischen Tradition mitbestimmend für die Wirkung des Wortes.
Die Gegner der Rhetorik, auf die wir bereits wiederholt verwiesen
haben, werden normalerweise nicht leugnen, daß der Zeitpunkt, wann, und
der Ort, wo etwas gesagt wird, wichtig sind für die Bedeutung dessen, was
gesagt wird. Das ideale Sprechen kann jedoch nicht an Zeit und Ort
gebunden sein oder müßte zumindest Zeit und Ort aufgrund einer Einsicht
in das, was ist, was war und was sein wird, übersteigen~ und Einsicht in
was ist, was war und was sein wird, ist für Platon und alle, die ihm folgen,
nicht sosehr das Vorrecht des Sehers, sondern des Philosophen, das
Vorrecht dessen, der weiß und Einblick hat in das Wesen der Dinge. Ob
eine derartige Einsicht zu den menschlichen Möglichkeiten gehört, bleibt
hier eine offene Frage. Wenn der Philosoph seine Einsichten jedoch in
Worte faßt und niederschreibt, begibt er sich unwiderruflich in den
Bereich der Rhetorik, mit allen damit verbundenen Problemen.
Abschließend: Die Rhetorik als praktische Fertigkeit und als theore-
tische Disziplin hat in der Vergangenheit oft Mißtrauen erfahren, sie
wurde Kritik unterworfen, angegriffen und manchmal sogar verworfen.
Es gab Perioden,. in denen sie so gut wie verschwunden war, gestorben.
Im Laufe der Geschichte gibt es aber auch immer wieder Perioden, in
denen sie neu entdeckt, neu geboren wird und neues Leben erhält, eine
Renaissance erfährt. Bei jeder Wiederentdeckung und Neubelebung steht
mehr auf dem Spiel als nur das Erwecken von Interesse für eine der
ältesten, höchstentwickelten und meistdozierten Disziplinen. Es handelt
sich um eine Neuformulierung der Fragen mit Bezug auf das Wesen der
Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Kultur und vor allem Fragen nach der
Stellung der Sprache im Dasein des Menschen oder nach der Stellung des
Menschen in einem logos, der zweifeBos der seine ist, der ihn aber auch in
vieler Hinsicht übersteigt und an dem er in beschränkter Weise teilnimmt,
wenn er das Wort ergreift oder zuhört und hest.

26