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Mittwoch, 2.

März 2011
FEUILLETON HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 50 / Seite 11

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten – doch die Diskussion um die Bedeutung der Wissenschaft geht weiter

Rechtstreue ist
doch nichts Elitäres
Politik und Wissenschaft lassen sich nicht trennen:
Die Universität nach dem Plagiatsskandal
Nein, es hat nicht einfach „die Wissen- Innovation nicht nur redet, sondern dar-
schaft“ den Minister gestürzt. Die Wis- aus allerlei Reformexperimente ableitet,
senschaft, so es sie überhaupt im Singu- fassungslos gemacht. Deshalb die lauf-
lar gibt, dürfte wissenschaftlich genug feuerartigen Doktoranden- und Professo-
sein, um zu wissen, dass eigene politische renaufrufe im Internet (siehe unten) –
Mechanismen die Politik bestimmen. und nicht, weil das Glück des Forschers
Aber den Anteil des akademischen Pro- darin läge, den Kopf eines Ministers zu er-
tests am Rücktritt Karl-Theodor zu Gut- beuten. „Der Rücktritt macht uns ja
tenbergs zu unterschätzen, das hieße, nicht froh“, sagte Oliver Lepsius, der
jener luftdichten Abtrennung der politi- Lehrstuhlnachfolger von Guttenbergs
schen von der akademischen Sphäre das Doktorvater, am Dienstag der SZ. Es
Wort zu reden, mittels derer die Unions- ging schlicht um die Mindestanforderun-
parteien bis zuletzt versucht haben, den gen des ehrlichen Erwerbs von formalen
Minister zu halten. Qualifikationen, unter deren Geltung gu-
In Wahrheit sind beide Sphären, Poli- te wissenschaftliche Arbeit überhaupt
tik und Wissenschaft, nicht bloß durch erst anfangen kann zu gedeihen.
den sehr idealistischen, aber immer noch Entsprechend kann die deutsche Wis-
schönen und wirksamen Gedanken Wil- senschaft vielleicht ein wenig stolz auf ih-
helm von Humboldts miteinander ver- re klar vernehmliche Stimme in den ver-
bunden, der Staat solle von den Universi- gangenen Tagen sein – eine hübsche Vol-
täten „nichts fordern, was sich unmittel- te ist es übrigens, dass dabei auch Litera-
bar und geradezu auf ihn bezieht, son- turwissenschaftler, die sich sonst am Tod
dern die innere Überzeugung hegen, des Autors abarbeiten, und Philosophen,
dass, wenn sie ihren Endzweck errei- die sich mit postmoderner Vernunftkri-
chen, sie auch seine Zwecke und zwar tik beschäftigen, das jakobinische Wahr-
von einem viel höheren Gesichtspunkte heitspathos der Aufklärung für sich wie-
aus erfüllen“. Nein, die Berührung ist in derentdeckten –, aber einen Grund für
einer komplexer gewordenen Gesell- Triumphgeheul gibt es nicht. Schlechte
schaft mit wachsenden Studentenzahlen Dissertationen gibt es auch ohne Plagi-
eher enger geworden. atsversuch; es gibt auch schlechtere und
bessere Professoren; und der Fall Gutten-
berg kann ein Anlass sein, die inflationä-
Die Politik fühlt sich ohne re Promotionspraxis zu überdenken.
die akademischen Experten hilflos Im größeren Rahmen hinterlässt der
Fall die Sorge, die Spaltung zwischen
akademischen Eliten und populistischen
Professoren sind heute von der Bio- Stimmungen könnte verstärkt worden
ethik bis zur Verkehrspolitik, von der sein. Haben sich nicht die Bild-Zeitungs-
Kultur- bis zur Gesundheitspolitik in die leser mit Guttenberg solidarisiert, hat er
Entscheidungsfindung der Parlamente sich nicht selbst noch beim Rücktritt in
einbezogen. Die promovierte Bundes- einer Dolchstoßlegende zum Märtyrer
kanzlerin ist mit einem Professor verhei- für Soldaten und Volk stilisiert? Der Bay-
ratet – was wohl der angesehene Chemi- reuther Jurist Oliver Lepsius, der unver-
ker Joachim Sauer zu Hause über die hofft und unerwartet zum Medienstar
Plagiatsaffäre so gesagt hat? Ein großer wurde, ist da viel optimistischer: „Rechts-
Anteil der Politiker hat selbst ein wissen- treue ist doch nichts Elitäres“, das habe
schaftliches Studium durchlaufen, nicht der schlussendliche Rücktritt gezeigt.
wenige bis zur Promotion. In den Refera- Und die Akademiker hätten im Internet
ten der Bundesministerien sitzen lauter neue Formen der Zivilgesellschaft erfolg- Pathos der Aufklärung: Karl-Theodor zu Guttenberg legte noch vor Wochenfrist seine Hand dafür ins Feuer, dass er bei seiner Dissertation nicht bewusst abgeschrie-
Doktoren, ebenso in den Abteilungen der reich erprobt. JOHAN SCHLOEMANN ben habe. Das brachte die Wissenschaft gegen ihn auf. Dennoch liegt das Glück eines Forschers nicht darin, einen Minister zur Strecke zu bringen. Foto: dpa
Verbände und Lobbyorganisationen, die
ihnen in Berlin spiegelbildlich gegen-
überstehen.
Und Kurt Biedenkopf, dessen düstere Auch nach dem Rücktritt Karl-Theo- Bayreuth). Prof. Dr. Martin Carrier (Ab-
Worte über Guttenberg neben der Erklä- dor zu Guttenbergs schließen sich zahl- teilung Philosophie, Uni Bielefeld),
rung des Doktorvaters einen wichtigen,
vielleicht den entscheidenden letzten An-
stoß zum Rücktritt gegeben haben, die-
reiche Hochschulprofessoren der vom
Bonner Mathematik-Professor Matthi-
as Kreck initiierten „Erklärung zu den
Aufstand der Gelehrten Prof. Dr. Fabrizio Catanese (Mathemati-
sches Institut, Uni Bayreuth), Prof. Dr.
Eckhard Freise (Historisches Seminar,
ser Kurt Biedenkopf hat mit doppelter
Autorität sein Urteil gesprochen: als ge-
Standards akademischer Prüfungen“
an. Die Liste der Unterzeichner umfasst
In ihrer Erklärung wenden sich Professoren gegen eine Marginalisierung der Wissenschaft Uni Wuppertal), Prof. Dr. Gerhard Huis-
ken (Direktor am Max-Planck-Institut
wichtiger, affärengeschulter Senior der inzwischen mehr als 3000 Gelehrte. für Gravitationsphysik, Golm), Prof.
Partei, aber auch als Professor der Rech- Kreck rechnet mit bis zu 5000 Unterstüt- tät der Universität Bayreuth als einzige aber darauf hin, dass dies lange dauern hen wir die Gefahr, dass die bewährten Dr. Dr.h.c. Matthias Kreck (Direktor,
te, der im Sturm von 1968 Rektor in Bo- zern. „Uns ging es nicht um den Rück- Möglichkeit für die Aberkennung einer kann. Standards wissenschaftlicher Arbeit Hausdorff-Research-Institute for Mat-
chum war, einer der wichtigen Universi- tritt Guttenbergs, der meiner Meinung Promotion nach deren Bestehen den Wir sind überrascht, dass die Klä- verkommen. Deshalb ist es wichtig, hematics, Uni Bonn), Prof. Dr. Werner
tätsneugründungen der Nachkriegszeit. nach selbstverständlich erfolgen muss- Nachweis einer Täuschungsabsicht vor rung der Täuschungsfrage im vorliegen- dass mit dem Fall zu Guttenberg kein ne- Nahm (Director, School of Theoretical
Promovierte und Professoren machen te“, sagt der Mathematiker. Vielmehr (§ 16, Abs. 1 und 2) und unterstreicht den Fall nicht innerhalb weniger Tage gativer Präzedenzfall geschaffen wird. Physics, DIAS, Dublin), Prof. Dr. Ulrich
ganz bestimmt nicht die bessere Politik; sorge er sich um das Bild der Wissen- dies, indem in Absatz 3 explizit gesagt erfolgen kann. Es ist klar, dass an sehr Darüber hinaus bringen wir unser Be- Nortmann (Lehrstuhl für theoretische
aber die gelegentlich aufflammende, seit schaft in der Öffentlichkeit. Die Wissen- wird, dass ein späterer Nachweis von vielen Stellen seitenlang geistiges Eigen- fremden darüber zum Ausdruck, dass Philosophie, Uni Saarbrücken; das wa-
Bismarck bekannte Professorenschelte schaft habe unter der Diskussion der nicht erbrachter Leistung, bei der keine tum anderer verwendet wird, ohne dass führende Politiker – an der Spitze die ren die Erstunterzeichner); Prof. em.
fällt wohl gerade deswegen so heftig aus, letzten Tage gelitten, sie sei diskredi- Täuschungsabsicht erkennbar ist, nicht ordnungsgemäß zitiert wird, und dass Bundeskanzlerin – Wissenschaft und Helmut Lachenmann (Hochschule für
weil viele politische Karrieren selbst von tiert und dem Hohn preisgegeben wor- zur Aberkennung des Titels führen dies teilweise (und ebenfalls in vielen wissenschaftlicher Redlichkeit insge- Musik und Darstellende Kunst in Stutt-
der Universität ausgehen, weil die Poli- den. Er fordert die Bundeskanzlerin kann. Die Promotionsordnungen ande- Fällen) mit dem Austausch einiger Wor- samt den Stellenwert von Nebensäch- gart), Prof. Dr. Karsten Danzmann (Di-
tik sich ganz ohne die akademischen Ex- auf, die Wissenschaft nun zu rehabilitie- rer Fächer und an anderen Universitä- te kombiniert wird. Es fällt bei dieser lichkeiten geben. Die Aufspaltung einer rektor, Albert-Einstein-Institut Hanno-
perten hilflos fühlt – weil sie zugleich ren. Hier der Wortlaut der Erklärung, ten lauten ähnlich. Sachlage, die nicht in Einklang mit der Persönlichkeit in einen gesellschaftlich ver, Max-Planck-Institut für Gravitati-
aber ihre demokratisch legitimierte Auto- welcher der Hinweis angefügt ist, das Die Universität Bayreuth begründet auch von zu Guttenberg gegebenen Ei- irrelevanten wissenschaftlichen Teil onsphysik, Hannover), Prof. Dr. Dr. h.c.
nomie selbstbewusst markieren muss. Anliegen der Initiatoren sei mit dem ihr Vorgehen (für das sie sich statt auf genständigkeitserklärung steht, keine und einen relevanten politischen Teil ist mult. Gerd Gigerenzer (Direktor am
Karl-Theodor zu Guttenberg musste Rücktritt Guttenbergs nicht obsolet. die Promotionsordnung auf Artikel 48 als die angegebenen Quellen benutzt zu nicht akzeptabel. Ein solches Schubla- Max-Planck-Institut für Bildungsfor-
nicht wegen wissenschaftlicher „Fehler des Verwaltungsverfahrensgesetzes be- haben, schwer, nicht an eine umfängli- dendenken ist einer modernen Gesell- schung, Berlin), Prof. Dr. Martin Hei-
und Versäumnisse“ gehen (so immer „Die unterzeichnenden Hochschulleh- ruft) mit dem Verstoß gegen wissen- che vorsätzliche Täuschung zu glauben. schaft, deren Reichtum, sowohl kulturel- mann, Direktor Max-Planck-Institut
noch in seiner Rücktrittserklärung), son- rerinnen und Hochschullehrer haben schaftliche Pflichten in erheblichem Wir melden uns zu Wort, weil wir gro- ler wie materieller, in hohem Maße auf für Biogeochemie, Jena), Prof. Dr. h. c.
dern weil sein gezielter Wissenschafts- mit Sorge zur Kenntnis genommen, dass Umfang durch Herrn zu Guttenberg. ßen Wert darauf legen, dass unsere Stu- Wissenschaft beruht, unwürdig und mult. Martin Hellwig (Max-Planck-In-
betrug aus seiner politischen Karriere die Universität Bayreuth die Aberken- Sie lässt die Frage eines möglichen Täu- dierenden sowie Doktorandinnen und könnte gefährlichen Entwicklungen stitut zur Erforschung von Gemein-
ein Lügengebäude machte. Die Tren- nung des Doktorgrades von Herrn zu schungsvorsatzes dahingestellt. Inzwi- Doktoranden den Rahmen, in welchem den Weg bereiten.“ schaftsgütern), Prof. Dr. Dieter Lüst (Di-
nung der Sphären hat nicht funktioniert. Guttenberg nicht mit vorsätzlicher Täu- schen soll die Frage im Rahmen einer wissenschaftlich gearbeitet wird, ken- rektor am Max-Planck-Institut für Phy-
Die an den deutschen Universitäten ar- schung begründet hat. Dabei sieht die Kommission ,Selbstkontrolle der Wis- nen. Wenn Mängel wie die der zu Gut- Hier eine kleine Auswahl von Unter- sik, München), Prof. Dr. Martin Wikel-
beitenden Wissenschaftler hat das Ver- Promotionsordnung der Rechts- und senschaft‘ in größerem Rahmen weiter tenbergschen Arbeit lediglich hand- stützern der Initiative: Prof. Dr. Ingrid ski (Direktor, Max-Planck-Institut für
halten einer Politik, die sonst gerne von Wirtschaftswissenschaftlichen Fakul- geprüft werden, die Universität weist werkliche Fehler darstellen sollen, se- Bauer (Mathematisches Institut, Uni Ornithologie, Radolfzell) SZ
Bildung und Exzellenz, Forschung und

Wissenschaftliche Erkenntnis basiert auf Vertrauen


Der Causa Guttenberg liegt kein Fehler im universitären System zugrunde – besorgniserregend sind vielmehr die Reaktionen der politischen Öffentlichkeit / Von Diethelm Klippel
Ein Doktorand namens Karl-Theodor der Rechtswissenschaft promovieren künftige Doktorand einigt sich mit mir tungsfähigkeit konfrontiert. Er erlebt lehrer übernimmt es, die mündliche Prü- sorgniserregend sind zudem einige Reak-
Freiherr von und zu Guttenberg hat gra- kann. Da ich sie als hervorragende Mitar- auf ein geeignetes Thema, dessen Unter- Krisen und nimmt finanzielle und sozia- fung – meist eine Disputation über den In- tionen in der politischen Öffentlichkeit:
vierend gegen die Regeln korrekten wis- beiterin bereits kennengelernt habe, neh- suchung wissenschaftlichen Fortschritt le Entbehrungen auf sich. Er muss sich halt der Arbeit – zu organisieren. Nach Wissenschaftliches Arbeiten wird margi-
senschaftlichen Arbeitens verstoßen. Die me ich sie als Doktorandin an. Wir disku- verspricht und ihn zugleich zu wissen- zum Teil heftige Kritik von mir gefallen bestandener Disputation ist es immer nalisiert. Wissenschaftliches Fehlverhal-
Universität Bayreuth hat ihm daher tieren mögliche Themen. Ich lege ihr die schaftlicher Arbeit motiviert. Von An- lassen. noch nicht geschafft: Die Dissertation ten erscheint als lässliche Sünde. Dem
nachträglich den Doktorgrad aberkannt. Gründe für eine Promotion zum jetzigen fang an entsteht ein Vertrauensverhält- Es folgt die Lektüre des Gesamtent- muss veröffentlicht werden. Nach der Ab- kann nicht energisch genug widerspro-
Mit dem Rücktritt des ehemaligen Dokto- Zeitpunkt dar, bespreche die Frage der nis zwischen mir und dem Doktoranden. wurfs. Ich kann noch Änderungen oder gabe einer bestimmten Zahl des veröf- chen werden.
randen als Verteidigungsminister ist der Finanzierung, eines Stipendienantrags, Es vertieft sich im Laufe der Arbeit. Der Ergänzungen vorschlagen. Ich kann den fentlichten Werkes (den sogenannten Speziell die Bedeutung des juristi-
Fall nicht erledigt. Die Universität Bay- versuche sie zu motivieren. Wir vereinba- Doktorand erstellt eine vorläufige Glie- Doktoranden fragen, ob er noch ein paar Pflichtexemplaren) darf der Doktorgrad schen Doktorgrades steht auf dem Spiel.
reuth beschäftigt sich weiterhin mit dem ren ein weiteres Gespräch in zwei Wo- derung, die besprochen und abgeändert Monate investieren will oder kann, um ei- geführt werden. Nach Einführung der Staatsexamina als
wissenschaftlichen Fehlverhalten. Und chen, um endgültig ein Thema zu verein- wird. Es finden weitere Beratungsgesprä- nige Stellen zu vertiefen und ein „magna Das Promotionsverhältnis beruht auf Qualifikation für juristische Berufe er-
die wissenschaftspolitische Dimension baren. che statt: Ich gebe Tipps für die weitere Vertrauen zwischen Doktorvater und füllt der juristische Doktorgrad eine dop-
der Affäre bleibt bestehen. Vor mir sitzt ein Rechtsanwalt, der ge- Behandlung des Themas. Ich lese und kor- Doktorand. Wissenschaftliches Fehlver- pelte Funktion: Zum einen ist er Voraus-
Wissenschaftliches Fehlverhalten, das rade seine Zweite Juristische Staatsprü- rigiere einzelne Kapitel. Ich lade zu Vor- Normalerweise kommt keiner halten stört dieses Vertrauensverhältnis. setzung für die Hochschullehrerlauf-
zur Entziehung des Doktorgrades führt, fung abgelegt hat. Die erforderliche Note trägen nebst Diskussion über das Thema auf den Gedanken zu plagiieren Der Doktorvater traut seinem Doktoran- bahn, zum anderen stellt er eine Zusatz-
ist für alle Beteiligten unangenehm. für eine Promotion hat er. Ich habe ihn oder einzelne Aspekte davon in meinem den, den er inzwischen persönlich gut qualifikation insbesondere für Spitzen-
Aber es kommt vor – ausnahmsweise. während des Studiums nie kennenge- Doktorandenseminar ein. kennt, einen Verstoß gegen Grundregeln positionen dar. Der mit Prestige verbun-
Und es kann jede Universität treffen. Die lernt. Er hat feste Vorstellungen über ein Das alles muss nicht so sein. Jeder cum laude“ zu erhalten, oder ob er mit ei- des wissenschaftlichen Arbeitens ein- dene juristische Doktorgrad ist eine Art
Suche nach den Schuldigen dafür treibt mögliches Thema. Ich überzeuge ihn, Hochschullehrer gestaltet das Betreu- nem „cum laude“ zufrieden ist. Ich freue fach nicht zu. Zumal jeder wissen müss- Gütesiegel in einer Wissenschafts- und
merkwürdige Blüten: Ist den Gutachtern dass das Thema unergiebig ist, sage ihm, ungsverhältnis anders. Mindestens aber mich mit dem Doktoranden, wenn die Ar- te, dass ein Verstoß dagegen früher oder Bildungsgesellschaft. Seine Abwertung
ein Vorwurf zu machen? Der Rechts- und dass ich, bevor ich ihn als Doktoranden sollten erfolgen: Vereinbarung des The- beit erfolgreich abgeschlossen ist. Ich später aufgedeckt wird. Normalerweise verhöhnt das Bohren dicker wissen-
wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät annehme, erwarte, dass er in einem Semi- mas, Besprechung der Gliederung, Lektü- freue mich über neue wissenschaftliche kommt ein Doktorand daher gar nicht schaftlicher Bretter, verhöhnt die Arbeit
der Universität Bayreuth? Gar dem deut- nar von mir einen Vortrag hält. Er will re und Korrektur des letzten Entwurfs Erkenntnisse und bin begeistert, wenn auf den Gedanken zu plagiieren. Normal- von Doktoranden und ihren Betreuern
schen Wissenschaftssystem? Ein Blick sich überlegen, ob er unter diesen Um- als Voraussetzung für die Einreichung ich sie als exzellente Leistung mit „sum- erweise besteht daher kein Anlass, sich und stellt Grundlagen der so oft beschwo-
auf das Verhältnis Doktorand-Doktorva- ständen bei mir promovieren will. Mel- der Arbeit. ma cum laude“ benoten kann. Das gehört anhand jeder Fußnote misstrauisch auf renen Wissenschafts- und Bildungsnati-
ter gibt Aufschlüsse. det er sich wieder, vereinbaren wir einen Die gesamte Bearbeitungszeit – durch- zu den Sternstunden eines Hochschulleh- Plagiatssuche zu machen. Misstrauen on Deutschland in Frage.
Vor mir sitzt eine frischgebackene Ab- Vortragstermin. Nach einem erfolgrei- schnittlich drei Jahre – ist gekennzeich- rers. vergiftet die gemeinsame Suche nach wis-
solventin der Ersten Juristischen Prü- chen Vortrag vereinbaren wir ein Thema net von intensiver Arbeit des Doktoran- Am Ende reicht der Doktorand die Ar- senschaftlicher Erkenntnis. Professor Dr. iur. Diethelm Klippel,
fung. Sie hat das Traumergebnis „gut“, und er ist als Doktorand von mir ange- den. Literatur und Rechtsprechung sind beit bei der Fakultät ein. Der Dekan über- Es kann nicht genug betont werden: Jahrgang 1943, ist Inhaber des Lehr-
gehört damit zu den etwa fünf Prozent nommen. möglichst vollständig zu recherchieren. prüft die Zulassungsvoraussetzungen Der Doktorand zu Guttenberg hat ein stuhls für Bürgerliches Recht und Rechts-
der Besten ihres Prüfungstermins in Zwei Fälle, die einen Einblick in den Die Niederschrift nimmt fast immer und bestellt den Betreuer als Erstgutach- Vertrauensverhältnis ausgenutzt. Das geschichte, Ombudsmann für Selbstkon-
ganz Bayern. Sie will besprechen, ob sie möglichen Beginn von Promotionsver- mehr Zeit in Anspruch als geplant. Der ter und einen weiteren Hochschullehrer hat zur Aberkennung des Doktorgrades trolle in der Wissenschaft und Sprecher
jetzt sofort in den Referendardienst ge- hältnissen geben. Von Anfang an unter- Doktorand ringt um präzise Formulie- als Zweitgutachter. Sie legen ihre Gut- geführt – nicht ein Fehlverhalten der Gut- des Graduiertenkollegs „Geistiges Eigen-
hen soll, ob sich eine Promotion lohnt, ob scheidet sich eine Dissertation von belie- rungen. Er wird mit den Möglichkeiten achten vor, deren Noten voneinander ab- achter, der Fakultät, der Universität tum und Gemeinfreiheit“ der Universität
sie bei mir auf einem bestimmten Gebiet bigen anderen Prüfungsarbeiten. Der zu- und Grenzen seiner intellektuellen Leis- weichen können. Ein dritter Hochschul- oder unseres Wissenschaftssystems. Be- Bayreuth.