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HANSADLER

Die Prägnanz des Dunklen


STUDIEN ZUM ACHTZEHNTEN JAH R HUNDERT

Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft


für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts
Band 13

FELIX MEINER VERLAG · HAMBURG


HANS ADLER

DIE PRÄGNANZ
DESDUNKLEN
Gnoseologie -Ästhetik -
Geschichtsphilosophie
bei J ohann Gottfried Herder

FELIX MEINER VERLAG · HAMBURG


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Meiner Frau Brigitte
INHALT

Vorwort ............................................................................................................................... IX

I. Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie .. ... . .. . . .... ............ ..... ........... .. .
.. . . . .. . .. 1
.. ....... .

A. Gottfried Wilhelm Leibniz .. . . . . . . . ..... .... ......................... ... ..... .......... .. .... ..... . . 2. ..... ..

B. Christian Wolff . . . . . .. . . .
. ... ... ......... ............... .. ...... ... .......... .................... .... .. . . .... 11 .........

C. Alexander Gottlieb Baumgarten . . . . . . . . . . . . . . . . . .. .... . .. .. . . ... . .. .... ........... .... . .. . .. .. 26


... .. .. ..

II. Herders Ästhetik-Kritik . . . ..... .. . .... .. . . . ... . . . . . . . ... . .. ...


............ .... .. ............................ . . .... . 49
A. Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" .. .......... ........... ... ..... . ... . . . . . .. . 49
B. Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten .. .. .. .. . .. ........ .... .. . ... .... ... . . . . . ....... 63
1. Die Aisthesis als Ausgangspunkt ... . .... . . . .. ... .. . .... . .
. . ..... .. ...... ................ . . ..... . . ... 63
2. Herders Kritik der "Meditationes" Baumgartens ......................................... 70
3. Herders Kritik der "Aesthetica" Baumgartens .............................................. 73
a) Ästhetik als Logik ......................................................................................... 74
b) Ästhetik als "bloße Metapher" .................................................................... 78
c) Ästhetik als 'bloße Theorie der schönen Wissenschaften' ... . ...... .. ......... 82

III. Herders Ästhetik-Entwurf ......................................................................................... 88


A. Zum Konzept der Prägnanz . ... .... . . . ... .. .... . .. . ... . .. .. . . ..... .. .. . . . . ..
.. .... .. . .. ... ...... . . . . . ... ... 90
B. Haptik und Skulptur, Optik und Malerei . . .. . . . .. . . .. . . . .......
......... ..... .... .. . . . .. ...... . . . . 101
C . Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen ..................................................... 125

IV. Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie ...................................................... 150


A. Der Status der Geschichtsphilosophie ............................................................... 150
1 . Isaak Iselin .......................................................................................................... 151
2 . Voltaire ... ... ........ . ... . . ......... . .
.. .... .. .. . . .. ... . . . . .. ....... ... .. . .....
......... ............. ...... .. . . . . .. . . . 157
B. Aisthesis und Geschichte . . ..... . . . . . . . . . .. ....
. .. .. .. .......
. ... ... .... .... ..... . .... . ... ... ...... ... . ....... 162
1 . Geschichtsphilosophie: Von der Faktizität der Fakten . . ..... .. .. ..... . ...... .. . ... . 162
2. Geschichtsphilosophie: Von der Erfahrung der Menschheit . . . . ... ..... .. ..... . . 165

Siglen und Abkürzungen .................................................................................................. 1 73


Zur Zitierweise . . .
........................................ ...................................... ..................... ............ 173
Bibliographie ...................................................................................................................... 175
Quellen ................................................................................................................................ 175
Forschungsliteratur ........................................................................................................... 178
Namenverzeichnis . . . ... . . . . . .... . .. ........ . . . .. . . . . .. ..
. . .. ... . . . . . . . .. . . . .. . .. .... .. . . . ..
... .. .. . ... .... ...... .. . .. . ... .... . 184
VORWORT

Die folgende Untersuchung ist eine Antwort auf die Frage nach dem Ort des 'Irra­
tionalisten' Johann Gottfried Herder innerhalb des Kontinuums der Aufklärung. Die
Schulphilosophie hatte in ihrer systematischen Ausprägung durch Christian Wolff
einen Grad der Präzision erreicht, der entweder nur systemverträgliche Komplettie­
rungen im Detail gestattete oder aber die Problematisierung der eigenen Grundlage
hervortrieb, wobei, wie gezeigt werden wird, die Komplettierung selbst durchaus als
eine Form der - nicht intendierten - Paradigmenrevision sich erweisen kann. Die
Diskussion um die Ratio der Rationalität stellt sich in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts nicht als Problematisierung eines Diskurses durch einen ihm hete­
rogenen dar, sondern ist Bestandteil ein und derselben Bewegung. Die Erkenntnis­
lehre - seinerzeit unter dem Terminus "Gnoseologie" geläufig - war die Instanz, an
der Rationalität sich zu bewähren oder auszubilden hatte, wenn sie im Anspruch
aufklärerisch und wissenschaftlich sein wollte. Unsere Darstellung nimmt also ihren
Ausgang vom gnoseologischen System der Aufklärung.
Das hierarchische System der Erkenntnisarten und -grade - von der dunklen bis
zur intuitiven Erkenntnis - erwies sich schon in seinen unteren Stufen der Differen­
zierung als problematisch dann, wenn es auf den erkennenden Menschen bezogen
wurde. Der Versuch, die Diskrepanz in einer komplementären Psychologie oberer
und unterer Erkenntnisvermögen aufzufangen, offenbarte seine Unzulänglichkeit ab
dem Zeitpunkt, zu dem als Antwort auf den Dualismus cartesianischer Prägung die
Frage nach der Einheit des Menschen gestellt wurde.
Aus dieser Problemlage heraus entsteht die Ästhetik als Desiderat der Gnoseo­
logie. Sie ist in ihren Anfängen diejenige Disziplin der Philosophie, die jene mensch­
lichen Erfahrungsbereiche philosophisch zu verarbeiten sucht, welche die Schul­
philosophie als ihren nicht weiter eruierbaren Ausgangspunkt oder als ihre Peri­
pherie zwar zu benennen, nicht aber zu verarbeiten imstande war. Ästhetik als Desi­
derat der Gnoseologie ist also anfangs der Versuch einer Wissenschaft von der Er­
fahrung, von den Sinnen, von dem, was dem Intellektualismus der Schulphilosophie
'verworren' und 'dunkel' war. Sie ist nicht originär Kunstlehre oder Lehre vom
Kunstschönen, wenngleich das Schöne und die Künste - als Domänen der 'sinnlichen'
Erkenntnis - ihre prominenten Gegenstände sind.
In diese Problemkonstellation tritt Herder ein mit einer Gnoseologiekonzeption,
die an der schulphilosophischen Vorgabe ihr Profil gewinnt, um sich gegen sie - und
später gegen den Kritizismus - zu wenden. Herder richtet seine Aufmerksamkeit
ganz auf den kruden Bereich der menschlichen Erfahrung und entwirft eine
Erkenntnislehre des Dunklen, die das gnoseologisch Kompakte nicht als das peri­
phere Unzugängliche, sondern als das in seiner Komplexität Prägnante, Erkenntnis­
und Gewißheitsträchtige begreift. Herders Erkenntnislehre ist eine Gnoseologie der
Prägnanz, die sich des ganzen Menschen annimmt und Zugang zu allen Erfahrungs­
bereichen des Menschen nach Maßgabe seiner Erkenntnisfähigkeiten sucht. Die Äs­
thetik in weiterer Bedeutung findet daher seine besondere Aufmerksamkeit, und
X Vorwort

Kunst und Literatur sind für ihn Manifestationen menschlicher Praxis mit exemp-
·

larischem Charakter.
Der gnoseologischen Prägnanz korrespondiert bei Herder die historische. Die
Vergangenheit ist 'zukunftsschwanger', und Geschichte wird als zeitliches Phänome­
non der Entwicklung Gegenstand einer Geschichtsphilosophie, die der Prinzipien
der allgemeinen Ästhetik bedarf. Die Adäquanz dieses 'ästhetischen' Zugangs ergibt
sich für Herder aus der anthropologischen Konstitution. Der Mensch ist eine unauf­
lösliche Einheit von Leib und Seele, und er ist 'verhüllter sichtbarer Gott', dessen na­
türlicher Zweck die entelechische Entfaltung ist. Geschichte der Menschheit ist
dementsprechend für Herder die anschauliche Entwicklung der Phänomena, deren
Zusammenhang durch die Annahme einer sie hervorbringenden 'Kraft' als ihres Or­
ganisations- und Bewegungsprinzips gewährleistet ist. Sie ist Geschichte der
Menschheit und Geschichte für die Menschheit, insofern nämlich, als sie den
menschlichen Erkenntnisfähigkeiten zugänglich ist. Diese Verbindung von
Gnoseologie, Ästhetik und Geschichtsphilosophie ist Herders eigener,
aufklärungskritischer Beitrag zur Aufklärung, den wir in seinen Entwürfen bis zu
dem Punkt vorstellen, an dem die Geschichtsphilosophie als Integrationsebene einer
Philosophie der Erfahrung - eben der Ästhetik im weiteren Sinne - deutlich wird.
So sind die Begriffe des Untertitels dieser Untersuchung- "Gnoseologie- Ästhetik
- Geschichtsphilosophie" - in dieser Reihenfolge als Hinweis auf deren Fundie­
rungsverhältnis in der Abfolge ihrer Bedeutung bei Herder und der Gewichtung in
unserer Darstellung in den nachfolgenden Ausführungen zu lesen. Das Zentrum ist
die Gnoseologie Herders, die als ästhetische im weiteren Sinne seine Ästhetik im
engeren Sinne und seine Geschichtsphilosophie begründet, so daß letztere als eine
"genetische Ästhetik der Humanität" (H.J. Schrimpf) lesbar wird. Diese Gewichtung
und die Absicht, dieses Konzept im Kontext der rationalistischen Philosophie in
Deutschland an seinem polemisch bestimmten Ort aufzusuchen, bedingen eine
Enttäuschung von Lesererwartungen, die traditionell im Zusammenhang mit dem
Namen Herders geweckt zu werden pflegen. Nicht die Produkte, sondern deren
generierendes Prinzip im Denken Herders ist vorzustellen. In dieser Hinsicht ist die
vorliegende Untersuchung geschlossen.
Nicht die Provenienz von Elementen Herdersehen Denkens ist vorrangig Thema
der Arbeit, sondern seine Konsistenz im Ausgangspunkt und in der beharrlichen
Beibehaltung. Und: Nicht die Aspekte einer aesthetica specialis Herders, etwa als
Poetik im eingeschränkten Sinne, kommen für sich zur Sprache, sondern nur inso­
fern, als sie exemplarisch - von Herder - zur Vorstellung des thematisierten Zusam­
menhanges herangezogen werden. Schließlich: Um deutlich werden zu lassen, daß
die Vernunft der Schöpfung dem menschlichen Modus der ästhetischen Vernunft für
Herder grundsätzlich sympathetisch denkbar ist, kommen Haptik und Optik in ihrer
genetischen Konkurrenz, nicht aber akustischer Sinn und mit ihm die Sprache zentral
ins Bild1• Der vielberufenen Widersprüchlichkeit und der diffusen Irrationalismus-

1 Vgl. die jüngst erschienene, gründliche und -wie uns scheint - mit unseren Intentionen verträgliche Ar­
beit von Ulrich Gaier: Herdcrs Sprachphilosophie und Erkenntniskritik. Stuttgart-Bad Cannstatt 1988
( Problemata 118).
=
Vorwort XI

Zuschreibung kann nur dann begegnet werden, wenn den 'Widersprüchen' auf der
Ebene je konkreter Texte Herders eine text- und situationsübergreifende Integrati­
onsebene zugeordnet wird.
Entscheidender Gesichtspunkt ist also durchgängig der Versuch des Aufweises,
daß Gnoseologie, Ästhetik und Geschichtsphilosophie aus der Perspektive eines
gnoseologischen Anthropozentrismus in einem plausiblen Verhältnis zueinander ste­
hen, nicht aber, wie im einzelnen sich dieser Zusammenhang in der Ausformulierung
der Texte der Diskurse artikuliert. Das mag, auf dieser Grundlage, weiteren Unter­
suchungen mit präziser philologischer Unterfütterung vorbehalten sein. Insofern ver­
steht sich diese Untersuchung als eine grundlegende Skizze zu einer neuen Er­
schließung von Herders Werk und - damit - als Beitrag zur erneut virulent gewor­
denen Diskussion der Ratio der Rationalität. In dieser Hinsicht ist die folgende
Untersuchung offen.
Die Tatsache, daß Herder länger als ein Jahrhundert mehr oder weniger das
Schattendasein des ungenannten 'Anregers', des falschverstandenen 'Huma­
nitätsphilosophen' und des 'Vaters des Sturm und Drang' geführt hat, hat wohl im
wesentlichen zwei Gründe. Der eine ist - schlicht - in nur oberflächlicher Ver­
trautheit mit dem Werk Herders gegeben. Der Fragmentcharakter vieler seiner
Schriften und sein Präferieren der Um- statt der Ausarbeitung liefern nur scheinbar
ein Argument für die Ansicht vom unsystematischen 'Rhapsodisten'. Die prinzipielle,
von Herder immer wieder begründete, systematische Verbindung von gnoseo­
logischer, ästhetischer und geschichtsphilosophischer Reflexionsebene ist ein roter
Faden durch das gesamte Werk. Der andere Grund für die Marginalisierung Herders
ist darin zu sehen, daß die Wissenschaftsgeschichte ihn in der Regel deshalb über­
sieht, weil - im Licht der Kritischen Philosophie und ihrer Nachfolger - Herder als
Theoretiker strikter Observanz nicht gelten konnte. (Aus beiden Gründen sehen wir
davon ab, die Forschungsliteratur Revue passieren zu lassen, um uns auch in dieser
Hinsicht auf das für unser Vorhaben Relevante beschränken zu können.) Herders
ästhetisch fundierte Reformulierung rationalistischer Theorie ist gleichwohl als Pro­
blem - nicht nur der ideengeschichtlichen Konstellation des 18. Jahrhunderts - noch
nicht abgegolten. Dieses Problem kann - abgekürzt und im Bewußtsein der riskanten
Oszillation beider Begriffe - mit der Opposition von Reduktionismus und Holismus
bezeichnet werden. Es mag sein, daß diese Virulenz Herders mit ein Grund für eine
in den letzten Jahren deutlich beobachtbare quantitative Zunahme der Beschäfti­
gung mit Herder ist - unsere Untersuchung versteht sich als ein sachlicher Beitrag
dazu.
Diese Untersuchung ist im Dezember 1987 von der Fakultät für Philologie der
Ruhr-Universität Bochum als Habilitationsschrift angenommen worden. Den Gut­
achtern danke ich für ihre Mühe und die wohlwollenden Anregungen, die ich in der
Endfassung berücksichtigen konnte.
Der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts
und dem Verlag Felix Meiner danke ich für die Aufnahme in die Reihe "Studien zum
achtzehnten Jahrhundert".
Großen Dank schulde ich meinem Freund und Kollegen Heinrich Clairmont, der
mit seinem umfassenden Wissensfundus und in seiner kritischen Präzision mich
unermüdlich und selbstlos unterstützt hat.
XII Vorwort

Von der ersten Idee an bis zur Vertretung in den Gremien hat Hans Joachim
Sehrimpf diese Arbeit begleitet, gefördert und an ihrem Entstehen als Freund und
Lehrer intensiv teilgenommen. In seiner Abschiedsvorlesung definierte er, tongue-in­
cheek: "Ein Lehrer ist ein Mensch, der dazu beiträgt, daß es seinen Schülern gelingt,
ihn wesentlich zu fördern." Es würde mich freuen, wenn ich ihm in diesem Sinne
meinen Dank abstatten könnte.
Für mich nicht zu überschauen ist, was ich meiner Frau Brigitte im Zusammen­
hang mit der Entstehung dieses Buches verdanke. Ihr ist es gewidmet.
I. ÄSTHETIK ALS DESIDERAT DER GNOSEOLOGIE

Wir gehen davon aus, daß die Ästhetik im achtzehnten Jahrhundert als neue philo­
sophische Disziplin nicht eine Summe von Theorien verschiedener Künste und auch
nicht eine Kunstlehre ist, sondern daß sie an der Peripherie der Erkenntnislehre ent­
steht. Dementsprechend ist nicht nachzuzeichnen, was im 18. Jahrhundert und früher
an theoretischen Äußerungen zu den Künsten im einzelnen fixiert worden war,
zumal hierzu eine breite Forschungsliteratur vorliegt. Unsere Absicht ist vielmehr,
aufzuzeigen, wie - von Descartes über Leibniz und Wolff bis hin zu Baumgarten- die
Rolle der Sinnlichkeit am Rande der Begriffs- und Erkenntnislehre an Gewicht ge­
winnt und wie diesem Zuwachs an Bedeutung theoretisch Rechnung getragen wor­
den ist. Es ist zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wichtig, darauf hinzuweisen, daß
das, was ab 1 735 mit dem Begriff "Ästhetik" bezeichnet wird, keineswegs auf den Be­
reich der Künste eingeschränkt war. Die Leistung der Sinne hat in ihrer
Anerkennungsgeschichte den Weg vom Störfaktor über den des Problems bis hin zu
einem der konstitutiven Elemente des Humanitätskonzepts durchlaufen. Das ist in
seinen weiten Ausmaßen aber nur faßbar, wenn mit dem Begriff der "Ästhetik" das
anthropologische Datum der Aisthesis mitgedacht wird. Eben dieses ist der Fall bei
den Erkenntnislehren, von denen die Rede sein wird. Weil es um den Weg der
Ästhetik von der Peripherie der Gnoseologie in Richtung auf deren Zentrum geht,
ist es wichtiger, den Ort der Aisthesis in den Metaphysiken aufzusuchen, als etwa de­
tailliert die von Baumgarten in Teilen ausgearbeitete "Aesthetica" selbst zu analy­
sieren, zumal auch hierzu zum Teil Vorzügliches aus der Forschung vorliegt. Herder
als Teilnehmer an der Diskussion um die Ästhetik war zwar auch intensiv mit
Problemen der Künste befaßt, aber doch immer so, daß er die Künste im Rahmen
der Artikulationsmöglichkeiten des Menschen überhaupt zu situieren bestrebt war.
Auch ihm als Zeitgenossen der noch recht frischen Auseinandersetzungen um die
Ästhetik im weiteren Sinne war an einer eigenen und eigenständigen Entwicklung
seiner Vorstellungen von der Rolle der Sinnlichkeit gelegen. Wie bei vielen anderen
Gegenständen, die ihn beschäftigt haben, so kann man auch hier den Eindruck ge­
winnen, daß er die "Aesthetica" Baumgartens nicht als Werk sich zur Analyse vorge­
nommen hat, sondern den allgemeinen Zuschnitt des Werkes zum Anlaß für seine
Kritik und eigene Fortentwicklung nahm. Dieses Vorgehen Herders ist nicht nur
pragmatisch der ihm eigenen produktiven Ungeduld zuzuschreiben, es ist auch ein
deutlicher Hinweis darauf, daß die Ästhetik für ihn weniger als System, sondern
mehr als Problem interessant war, das er im allgemeinen Rahmen, der weit über die
Kunst und Kunstphilosophie hinausreicht, einer Lösung zuführen wollte. Anders ge­
sagt: Herder geht wie Baumgarten das Problem der Aisthesis, wenn nicht mit glei­
chen Voraussetzungen und Intentionen, so doch mit einem vergleichbaren Interesse
an. Die Frage, die sich für ihn, wie für viele seiner Zeitgenossen stellte, lautete: Was
trägt die Sinnlichkeit zur Erkenntnis bei und wie bestimmt sie den Menschen?
2 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

A. Gottfried Wilhelm Leibniz

Descartes hatte für die Erkenntnislehre grundsätzliche Vorgaben gemacht, die die
weitere Diskussion geprägt haben. In seinem "Discours de la Methode" stellte er die
allgemeine Regel auf, "que les choses que nous conceuons fort clairement et fort di­
stinctement, sont toutes vrayes."1
Klarheit und Deutlichkeit einer Vorstellung als Wahrheitskriterium sind eine spe­
zifische Leistung des Verstandes. Nur dieser vermag Sicherheit über die Dinge und
Sachverhalte zu geben. Wiederholt und mit Nachdruck warnt Descartes vor den trü­
gerischen Leistungen der Sinne und der Einbildungskraft, die nur der Vermittlung
verworrener und dunkler Ideen fähig seien: " ... nous ne nous deuons iamais laisser
persuader qu'a l'euidence de nostre raison. Et il est a remarquer que ie dis, de nostre
raison, & non point, de notre imagination ni de nos sens."2 Klarheit und Deutlichkeit
definiert Descartes an anderer Stelle folgendermaßen: "I'appelle claire celle [sc.
connaissance] qui est presente & manifeste a vn esprit attentif [ ... ]. Et distincte, celle
qui [ ... ] est tellerneut precise & differente de toutes !es autres, qu'elle ne comprend
en soy que ce qui paroit manifesterneut a celuy qui Ia considere comme il faut. "3
Da Gott nicht die Ursache für die Irrtümer der Menschen ist4 und alles, was wir
deutlich erkennen, auch wahr ist, ist die Vernunft als Erkenntnisinstanz der Wahr­
heit in ihren Leistungen evident. Die Regel, daß alles klar und deutlich Erkannte
wahr sei, "n'est assure qu'a cause que Dieu est ou existe, & qu'il est vn estre parfait,
& que tout ce qui est en nous vient de Juy. D'ou il suit que nos idees ou notions,
estant des choses reelles, & qui vienent de Dieu, en tout ce en quoy elles sont claires
& distinctes, ne peuuent en cela estre que vrayes. En sorte que, si nous en auons as­
sez souuent qui contienent de Ja faussete, ce ne peut estre que de celles, qui ont
quelque chose de confus & obscur, a cause qu'en cela elles participent du neant, c'est
a dire qu'elles ne sont en nous ainsi confuses, qu'a cause que nous ne sommes pas
tous parfaits.''5
Descartes' Erkenntnislehre findet ihre eigene Begründung im theologischen
Rahmen, und es ist nicht zufällig, daß Fragen der Erkenntnis bei ihm eng im Zu­
sammenhang mit dem Gottesbeweis abgehandelt werden, so eng, daß die Erkennt­
nislehre selbst Bestandteil des Gottesbeweises ist6, denn die Idee Gottes ist "Ia plus
vraye, Ja plus claire & la plus distincte de toute celles [sc. idees] qui sont en mon es­
prit.'0
Nachdem im Jahre 1683 Antoine Arnaulds Schrift "Traite des vraies et fausses
idees" erschienen war, griff Leibniz die Frage nach der Wahrheit der Ideen auf und

1 Descartes: Discours de Ia Methode (1637). In: D.: Oeuvres. Publiees par Charles Adam et Paul

Tannery. Bd. 6. Paris 1902, S. 33.


2 Descartes: Discours, S. 39.
3 Descartes: Les Principes de Ia Philosophie [1647; lat. Version 1644) . In: D.: Oeuvres. Publiees par
Charles Adam et Paul Tannery. Bd. 9 (2. Teil]. Paris 1904, S. 44. Hervorh. von mir; HA.
4 Vgl. Descartes: Les Principes, S. 37f.
s Descartes: Discours, S. 38.
6 Vgl. Descartes: Les Principes, S. 38.
7 Descartes: Meditations ( 1647; lat. Version 1641). In: D.: Oeuvres. Publiees par Charles Adam et
Paul Tannery. Bd. 9 (l.Teil]. Paris 1904, S. 39.
Gottfried Wilhelm Leibniz 3

faßte seine Überlegungen in dem kurzen, stark konzentrierten Aufsatz "Meditationes


de Cognitione, Veritate et Ideis" {1684) zusammen8•
In einem einzigen Satz gliedert Leibniz Stufen der Erkenntnis auf, die, soweit sie
sich nicht gegenseitig ausschließen, eine Abfolge gradueller Vervollkommnung der
Erkenntnis darstellen: "Est ergo cognitio vel obscura vel c/ara, et clara rursus vel con­
fusa vel distincta, et distincta vel inadaequata vel adaequata, item vel symbolica vel
intuitiva: et quidem si simul adaequata et intuitiva sit, perfectissima est."9
Bis zu diesem Punkt lassen sich gegenüber Descartes zwei Veränderungen fest­
stellen. Zum einen vermehrt Leibniz die Zahl der unterscheidenden Merkmale der
Erkenntnis. Waren es bei Descartes vier {klar, deutlich, dunkel, verworren), so sind
es nun bei Leibniz acht. Zum anderen definiert Leibniz alle acht Termini, während
bei Descartes nur zwei explizit definiert worden waren. Prinzipiell aber unterscheidet
sich das Schema Leiboizens von den Ausführungen Descartes' dadurch, daß eine Ab­
stufung von der klaren bis zur intuitiven Erkenntnis vorgenommen wird. In diesem
Sinne ist das cartesische Modell durch Diskontinuität, das Leibnizsche durch Konti­
nuität gekennzeichnet.
Da der oben zitierte Satz Leiboizens sehr komprimiert und inexplizit ist und da
diese Gliederung der Erkenntnisgrade und -arten für die weitere Argumentation bis
hin zu Herder (und über ihn hinaus) wichtig ist, soll er- Leiboizens eigenen Ausfüh­
rungen folgend - ausführlicher erläutert werden.
Im folgenden ist zunächst grundsätzlich von einem zusammengesetzten Gegen­
stand der Erkenntnis die Rede. Dieser zusammengesetzte Gegenstand ist ein Gan­
zes, das aus Teilen besteht. Diese Teile können wiederum zusammengesetzte Ganze
sein, die ihrerseits aus Teilen bestehen, bis zu dem Grenzfall der einfachen, nicht
weiter analysierbaren Teile. Ein Teil eines Ganzen ist in der Terminologie Leib­
nizens ein "Merkmal" (nota) oder ein "Element". Ein Merkmal eines Ganzen ist also
in zweifacher Hinsicht 'Teil' eines Ganzen: es ist Teil des Ganzen insofern, als es die
Konstitution des Ganzen bedingt und insofern, als es selbst innerhalb des konstitu­
ierten Ganzen bedingt ist. Diese Unterscheidung bestimmt das Leibnizsche Modell

8 Leibniz' Schriften werden zitiert nach: Die philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leib­
niz. Hrsg. von C.J. Gerhardt. 7 Bände. Hildesheim, New York 1978 (Nachdruck der Ausgabe Berlin
1875-1890). Im folgenden wird abgekürzt zitiert: G mit Angabe der Bandzahl in römischer Ziffer. -
Leibniz: Meditationes de Cognitione, Veritate et Ideis (1684). In: G IV, S. 422-426. Daß die Leib­
nizschen "Meditationes" von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Erkenntnislehre
(und von daher auch für die Ästhetik) waren, ist vielfach hervorgehoben worden. Vgl. z.B. Ernst Cassi­
rer: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit. 2. Bd. Darmstadt
1974 ( Nachdruck der 3. Aufl. 1922), S. 131 und 140. - Alfred Baeumler: Das Irrationalitätsproblem in
=

der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft (1923 u.d.T. "Kants Kritik
der Urteilskraft. Ihre Geschichte und Systematik. l.Bd.). Darmstadt 1975 ( Reprografischer Nach­
=

druck der 2., durchgesehenen Auflage 1967), S. 198. - Gerold Ungeheuer: Sprache und symbolische Er­
kenntnis bei Wolff. In: Christian Wolff. 1679-1754. Interpretationen zu seiner Philosophie und deren
Wirkung. Mit einer Bibliographie der Wolff-Literatur. Hrsg. von Werner Schneiders. Harnburg 1983 ( =

Studien zum achtzehnten Jahrhundert. Bd. 4), S. 89. - Louis Couturat: La Logique de Leibniz d'apres les
documents inedits. Nachdruck der Ausgabe Paris 1901. Hitdesheim 1961, S. 197. - Joachim Krueger:
Christian Wolff und die Ä sthetik. Berlin 1980 geht allzu vage davon aus, daß Leibniz die auf Descartes
zurückgehende Unterscheidung von klarer, deutlicher, dunkler und verworrener Erkenntnis "übernom­
men' habe (S. 36). Bereits der erste Satz der "Meditationes" macht programmatisch klar, daß eine
' Übernahme' für Leibniz grundsätzlich nicht in Frage kommen konnte.
9 Leibniz: Meditationes, G IV, S. 422.
4 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

von der zweiten Differenzierung seiner Erkenntnisstufen an. Die Berücksichtigung


der Unterscheidung ist unerläßlich zur präzisen Bezeichnung der Analyseebenen.
Leibniz nennt denjenigen 'Begriff (notio) dunkel {obscura), der nicht zureicht, ein
Ganzes als Ganzes zu erkennen und von anderen Ganzen zu unterscheiden.
Dementsprechend wäre auch die Erinnerung daran derart vage, daß der Gegenstand
nicht wiedererkannt werden könnte. Leibniz führt diese Art von 'Erkenntnis' nicht
weiter aus.
Klar {clara) nennt Leibniz hingegen diejenige Erkenntnis (cognitio), die derart
genau ist, daß ein Ganzes als Ganzes erkannt und wiedererkannt und somit auch von
einem anderen ähnlichen Ganzen unterschieden werden könnte. In bezug auf die
Ideen schreibt Leibniz später in seinen "Nouveaux Essais" unter Berufung auf seine
"Meditationes": "Je dis donc qu'une Idee est claire lorsqu'elle suffit pour reconnoistre
Ia chose et pour Ia distinguer...''10• Diese Art von Erkenntnis führt Leibniz weiter aus.
Eine klare Erkenntnis heißt verworren (confusa) dann, wenn ein Ganzes als Gan­
zes erkannt, unterschieden und wiedererkannt werden kann, und zwar "simplici sen­
suum testimonio, non vero notis enuntiabilibus"n. Handelt es sich - wie Leibniz spä­
ter ausgeführt hat - um sinnliche Qualitäten äußerer Objekte, so sind die Ideen da­
von - als innere Objekte des Denkens- verworren und da "Nostre connoissance ne va
pas au dela de nos idees [ .. . ] ny au dela de Ia perception de leur convenance ou dis­
convenance"12, ist auch sie verworren, genauer: klar (in bezug auf das Ganze) und
verworren (in bezug auf die Teile des Ganzen). Diese Verworrenheit ist - mit nicht
Leibnizschem Wort gesprochen - anthropologisch bedingt, weil sie aus der Beschaf­
fenheit der "notions des sens particuliers"13 resultiert, die mit den klaren und deutli­
chen Vorstellungen des "sens commun" im "sens interne [ ...] qu'on appelle
l'imagination" vereint sind.14 Dieser verworrenen Erkenntnis als der sinnlichen Spezi­
fikation der klaren Erkenntnis kommt nach Leibniz - das ist gegenüber Descartes
festzuhalten- eine ihr eigentümliche Leistung zu15.

10 Leibniz: Nouveaux Essais sur l'Entendement humain (1704 abgeschlossen, 1765 zuerst publiziert).
In: G V, S. 39-509, hier: S. 236. Eine "Idee" wird definiert als "un objet immediat interne, et ( ... ) cet objet
est une expression de Ia nature ou des qualites des choses." (S. 99). Eine "Idee" ist also nicht "Ia fonne de
Ia pensee" (ebd.). Erkenntnis wird bestimmt als "Ia perception de Ia Iiaison et convenance ou de
l'opposition et disconvenance, qui se trouve entre deux de IZOS idees" (S. 337), wobei Erkenntnis im enge­
ren Sinne, nämlich als "connoissance de Ia verite" (a.a.O., S. 338), mehr als zwei Ideen umfassen kann
und über die Beziehung zwischen den Ideen hinaus deren Widerspruchsfreiheit, d.h. deren Möglichkeit
miteinbeziehen muß. - Vgl. im übrigen hierzu die präzisen Ausführungen von Rudolf Zocher: Leibniz'
Erkenntnislehre. Berlin 1952 ( Leibniz zu seinem 300. Geburtstag 1646-1946. Hrsg. von E. Hoch­
=

steUer. Lieferung 7.), besonders S. 5f.


11 Leibniz: Meditationes, G IV, S. 422.
1 2 Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 356.
1 3 Leibniz an die Königin Sophie Charlotte von Preußen. Lettre touchant ce qui est independanl des

Sens et de Ia Matiere (1702). In: G VI, S. 501.


14 Ebd.
15 " ... dans ce sens Ia confusion qui regne dans !es Idees, pourra estre exemte de bläme, estant une
imperfection de nostre nature ... ", sagt Theophile/Leibniz in den "Nouveaux Essais" (G V), S. 237. - In
anderer Perspektive und terminologisch abweichend behandelt Leibniz die klare Erkenntnis getrennt
von der verworrenen in seiner "Theodicee". Vgl. Leibniz: Essais de Theodicee sur Ia bonte de Dieu, Ia
liberte de l'homme et l'origine du mal (1710). In: G VI, S. 288 f. - Vgl. auch Cassirers Kritik an Lotze,
der bei Leibniz eine "Nichtachtung dessen, was Gefühl und Wille Eigenthümliches besitzen", finden zu
Gottfried Wilhelm Leibniz 5

Deutlich (distincta) heißt ein klarer Begriff (notio) dann, wenn ein Ganzes als
Ganzes erkannt, unterschieden und wiedererkannt werden kann, zusätzlich aber die
dieses Ganze von anderen Ganzen unterscheidenden Merkmale als Ganze auf­
gezählt werden können. Mit dieser Aufzählung von Merkmalen ist eine Nominalde­
finition gegeben, die zwar gestattet, zwei Dinge qua Aufzählung von Merkmalen
voneinander zu unterscheiden, nicht aber gestattet, eine Aussage über deren Mög­
lichkeit zu machen. Hier lag der eigentliche Anlaß für Leibniz, mit seinen "Medita­
tiones" der Behauptung Descartes', daß alles, was klar und deutlich erkannt werde,
auch wahr sei, entgegenzutreten. Da die klare und deutliche Erkenntnis allein nichts
über die Wahrheit des Erkannten aussagt, müssen die Klarheit und Deutlichkeit so
durch Kriterien ergänzt werden, daß auch die Realität des Erkannten verbürgt ist.
Das geschieht mit der Bestimmung der adäquaten und der intuitiven Erkenntnis,
denen aber noch die inadäquate und die symbolische Erkenntnis vorausliegen. Es ist
im Zusammenhang mit der klaren und deutlichen Erkenntnis hier noch notwendig,
hervorzuheben, daß die Gewinnung der unterscheidenden Merkmale ein Analy­
seprozeß ist, mit anderen Worten: um die Stufe der klaren und deutlichen Erkenntnis
zu erreichen, bedarf es einer gewissen Zeit, und es muß eine gewisse Gedächtnislei­
stung erbracht werden.
Im Unterschied zu den bisher beschriebenen Erkenntnisstufen geht es bei den
drei folgenden Stufen nicht mehr um die Beziehung zwischen einer Sache als Ganzer
und den Merkmalen als ihren Teilen, sondern - die klare und deutliche Erkenntnis
des Ganzen und seiner zureichend kennzeichnenden Merkmale ihrerseits als Ganze
vorausgesetzt - um die Relation der Merkmale als Ganze zu den sie konstituierenden
Merkmalen. In einer Art rekursiver Regelanwendung tauchen die Grade der Er­
kenntnis einer Sache als Ganze auf der Ebene der Merkmale wieder auf, und zwar
so, daß der Grad der Erkenntnis des Ganzen als zusammengesetztes Ganzes ge­
steigert wird.
Eine klare und deutliche Erkenntnis heißt dann inadäquat (inadaequata), wenn
Merkmale selbst - jetzt als zusammengesetzte betrachtet - klar, aber verworren er­
kannt werden. Hier wird sehr deutlich, daß das Modell Leibnizens ein Stufenmodell
ist. Obwohl die klare und deutliche Erkenntnis eine analytisch, rational-diskursiv ge­
wonnene Erkenntnis ist, kann in ihr - und das ist bei der menschlichen Erkenntnis
nach Leibniz die Regel16 - ein Anteil verworrener und dunkler Erkenntnis enthalten
sein17• Später, in seinen "Nouveaux Essais", hat Leibniz in anderem Zusammenhang

können meinte. Ernst Cassirer: Leibniz' System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen. Unverän­
derter fotomechanischer Nachdruck der 1. Auflage Marburg 1902. Bildesheim 1%2, S. 460.
16
"
Vgl. z.B. Leibniz: Meditationes, G IV, S. 423: ... cujus [sc. cognitionis adaequatae) exemplum
".
perfeeturn nescio an homines dare possint ...
1 7 Zocher: Leibniz' Erkenntnislehre, S. 6f. moniert - zu Unrecht, wie ich meine -, daß Leibniz auch

die inadäquate Erkenntnis als Grad der deutlichen Erkenntnis ansetze, denn, so Zocher, ein Ver­
worrenes dürfe es "bei eigentlicher Gliederung des Nurdistinkten" (S. 6) nicht geben. Hier wird deutlich,
warum die oben vorgenommene, nachdrückliche Unterscheidung der Analyseebenen - Ganzes als Gan­
zes, Ganzes als aus Teilen als Ganzen bestehend, Teile als Ganze usw. - wichtig ist. Zochers Miß­
verständnis beruht darauf, daß er 'das' Deutliche schon als gegeben annimmt, wenn nur das Ganze
deutlich ist. Diese Annahme ist aber zweideutig, weil das Deutliche von Leibniz, wie oben dargelegt, in
zweierlei Hinsicht gradualiter betrachtet wird. So können im deutlichen Ganzen sehr wohl verworrene
Teile enthalten sein. Diese Verworrenheit auf der Ebene der Merkmale ist wiederum zweideutig. Merk-
6 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

diese graduelle Abstufung offensiv in einem weiteren Rahmen vertreten, offensiv


insofern, als er im philosophischen Zusammenhang ein Bild vom Menschen skizziert,
das die gesamte Spanne von den unmerklichen Perzeptionen bis zu den klarsten Er­
kenntnissen als anthropologisch konstitutiv auffaßt. Auf die Frage Philalethes', der,
als Sprachrohr l..o ckes', wissen möchte, wie man denn gewiß sein könne, daß die
Seele immer 'denke', antwortet Theophile: "Je ne say s'il ne faut pas plus de con­
fiance pour nier qu'il se passe quelque chose dans l'ame, dont nous ne nous apperce­
vions pas; car ce qui est remarquable doit estre compose de parties qui ne le sont
pas, rien ne sauroit naistre tout d'un coup, la pensee non plus que le mouvement."18
Das hier ironisch dem Gegner vindiziert'! "größere Vertrauen" ist natürlich dem
Sprecher Theophile selbst zuzusprechen, da er in diesem Zusammenhang gegen die
These argumentiert, daß keine anderen als nur die wahrgenommenen Perzeptionen
in der Seele seien. Es ist also die inadäquate Erkenntnis menschlich in dem Sinne,
daß physiologische und psychologische Fakta und die metaphysisch begründete Un­
vollkommenheit ihr Grenzen setzen.19 So ist schon diese Stufe der Idee keine ad­
äquate "expression de la nature ou des qualites des choses"20, und insofern kann man
sagen, daß die inadäquate Erkenntnis hinter der "Gegenstandsgemäßheit"21 zurück­
bleibt.
Adäquat nennt Leibniz eine klare und deutliche Erkenntnis dann, wenn das
Ganze und seine Teile klar und deutlich erkannt werden. Sie ist Resultat der "analy­
sis ad finem usque producta"22, die bis zu den "notions primitives"23 reicht. Dieser
Grad der Erkenntnis geht einerseits über die Nominaldefinition hinaus, da die so
weit vorgetriebene Analyse nicht nur die Konstitution der Teile, sondern auch deren
Konstellation zueinander erfaßt. Die Konstellation der Teile zueinander muß aber
auf dieser Erkenntnisstufe die Konstellation des Erkenntnisgegenstandes der Idee
abbilden. Das heißt, Widerspruchsfreiheit und Möglichkeit der Vorstellung, und so­
mit die Wahrheit der Idee, sind in der adäquaten Erkenntnis mitenthalten. Da alle
Elemente klar und deutlich erkannt werden, wird darüber hinaus die Möglichkeit
nicht a posteriori, sondern a priori erkannt. Denn: "perducta enim analysi ad finem,
si nulla apparet contradictio, utique notio possibilis est."24
Nun sind aber die ersten Möglichkeiten "ipsa absoluta Attributa DEI"25• Für die
menschliche Erkenntnis bezweifelt Leibniz die Möglichkeit der vollkommenen Ad­
äquatheit. Wir, so meint er, begnügten uns vielmehr damit, "notionum quarundam

male können - bezogen auf das begrenzte Erkenntnisvermögen des Menschen - notwendig verworren
sein, nämlich dann, wenn sie nur dem einfachen Zeugnis der Sinne zugänglich sind. Und sie können
vorläufig oder willkürlich verworren gehalten werden, nämlich dann, wenn sie grundsätzlich einer
weitergehenden rational-diskursiven Analyse zugänglich sind.
8
1 Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 107.
1 9 Es ist klar, daß der im vorigen Zitat dargelegte Sachverhalt über die Stufe der inadäquaten Er-

kenntnis hinausgeht.
"' Vgl. oben, Anm. 10.
21 Zocher: Leibniz' Erkenntnislehre, S. 6.
22 Leibniz: Meditationes, G IV, S. 423.

Zl Leibniz: 'Discours de Metaphysique' (1686; 1846 zuerst publiziert. Der Titel entstammt einem
Brief Leibnizens], G IV, S. 449.
"' Leibniz: Meditationes, G IV, S. 425.
21 Ebd.
Gottfried Wilhelm Leibniz 7

realitatem experientia didicisse, unde postea alias componimus ad exemplum natu­


rae."26 Wenn die klare und deutliche Erkenntnis der Elemente Widerspruchsfreiheit
und Verträglichkeit aufweist, dann ist die in Rede stehende Idee wahr, genauer:
dann haben wir überhaupt eine Idee im engeren Sinne. Denn: zwar kann über Un­
mögliches geredet werden, etwa in figmenta utopica, eine Idee davon gibt es aber
nicht27•
Es gibt noch einen pragmatischen, beziehungsweise anthropologischen Grund da­
für, daß die adäquate Erkenntnis - zusammengesetzter Dinge - dem Menschen kaum
zugänglich ist. Die Analyse der einzelnen klaren und deutlichen Elemente braucht
Zeit, gleichzeitig müßte auch, um die Klarheit und Deutlichkeit einer einfacheren
Stufe nachzuweisen, die Deutlichkeit der komplizierteren Stufen präsent gehalten
werden. Menge und Art der Elemente müßten also im Verlauf der Analyse gegen­
wärtig sein28• Die Menge der Merkmale und die zeitliche Dauer des Analyseprozes­
ses als Überforderung des Geistes und des Gedächtnisses veranlaßt Leibniz zur
Einsetzung zweier weiterer Stufen der Erkenntnis.
Eine klare und deutliche Erkenntnis nennt Leibniz symbolisch (symbolica) dann,
wenn bestimmte zusammengesetzte Merkmale oder Merkmalkomplexe nicht - wie
bei der adäquaten Erkenntnis - bis zur Stufe der einfachen, unanalysierbaren Ele­
mente zerlegt werden. In heutigen Termini könnte man von diesen Komplexen als
"black boxes"29 sprechen. Der Unterschied zur inadäquaten Erkenntnis besteht darin,
daß diese unanalysiert beibehaltenen Komplexe analysiert werden könnten, dieses
aber aus Zeitgründen und aus Gründen der Überschaubarkeit, beziehungsweise des
begrenzten Fassungsvermögens des menschlichen Gedächtnisses unterbleibt30• Man
kann die symbolische Erkenntnis als pragmatische oder als anthropologisch bedingte
Abbreviatur31 der adäquaten Erkenntnis auffassen. Das Problem dieses Erkenntnis­
grades liegt darin, daß statt der Ideen Symbole, zum Beispiel Worte oder Zahlzei­
chen, in die Analyse eingehen und somit das Risiko zum Irrtum gegeben ist32• Jeden­
falls ermöglicht die Abbreviatur der symbolischen Erkenntnis bei komplizierten
Sachverhalten, das Ganze im Auge zu behalten.

26 Ebd.
v " ... l'art des descriptions peut Iomber ( ... ] sur !'impossible." Leibniz verweist in diesem Zusammen­
hang auf Romane, Märchen, Groteskes in der Malerei u.a. Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 338. - An
anderer Stelle schreibt Leibniz: '' ... il est manifeste que nous n'avons aucune idee d'une notion quand eile
est impossible." Leibniz: 'Discours de Metaphysique', G IV, S. 450.
28 Vgl. dazu, bezogen auf "Beweise": Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 340.
29 Leibniz nennt diese Erkenntnisstufe auch "cognitio caeca", blinde Erkenntnis. Vgl. Leibniz: Medi­
tationes, G IV, S. 423.
30 In seinem sogenannten 'Discours de Metaphysique' unterscheidet Leibniz nicht zwischen einem -
bezogen auf das begrenzte Fassungsvermögen des Menschen - notwendig in distinkten Vorstellungen
enthaltenen Anteil verworrener Erkenntnisse und einem willkürlich eingesetzten Anteil verworrener
Erkenntnisse. Er spricht dort von "connoissances suppositives", nicht von symbolischer Erkenntnis. Vgl.
G IV, S. 450.
31 Bezogen auf seine eigens eingeführte Terminologie mißverständlich, spricht Leibniz von Worten,
"quorum sensus obscure saltem atque imperfecte menti obversatur". Leibniz: Meditationes, G IV,
S. 423. "Obscure" ist hier offenbar eher 'umgangssprachlich' verwendet worden.
32 Vgl. zum Verhältnis Wort - Idee - Wahrheit: Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 377f., sowie Leib­
niz: Dialogus (1677], G VII, S. 190-193. Zum Verhältnis Idee - Bild vgl. Nouveaux Essais, G V., S. 242
bis 244.
8 Ä sthetik als Desiderat der Gnoseologie

Intuitiv (intuitiva) schließlich heißt bei Leibniz diejenige Erkenntnis, die das
Ganze, alle seine Merkmale und deren Teile klar und distinkt simultan präsent hält.
Während der Begriff der "adäquaten Erkenntnis" den Prozeß der Analyse, das heißt
auch die Zeitdauer mitberücksichtigt, ist dieses beim Begriff der "intuitiven Erkennt­
nis" nicht der Fall. Formulierungen wie "simul"33, a Ia fois"34, "d'abord"35 oder "d'un
coup d'oeil"36 und "tout d'un coup"37 machen den Sachverhalt deutlich38• Da die sonst
zur Erkenntnis erforderliche Dauer der Analyse entfällt, ist der Prozeß dieser Er­
kenntnis selbst ein anderer. Das rational-diskursive Procedere wird komprimiert auf
einen leichten Augenblick, dem nicht mehr die Mühe der Analyse und die Schwere
des Beweisganges anhaftet39• Diese Leichtigkeit ist Resultat der Unmittelbarkeit der
intuitiven Erkenntnis. Unmittelbar erkannt ist dasjenige, "qu'on ne sauroit [ ..] prou­ .

ver par quelque chose de plus certain"40: die ursprünglichen Vernunftwahrheiten und
die ursprünglichen Tatsachenwahrheiten41, die Axiome im engeren Sinne und die
"experiences immediates internes"42• Es bedarf keiner Zeichen, keiner vermittelnden
Ideen und keiner Sinne, um diese Erkenntnis ins Werk zu setzen. Die intuitive
Erkenntnis ist keine quantitative Steigerung der adäquaten Erkenntnis, sie ist eine
qualitativ andere Art von Erkenntnis - soweit sie sich auf zusammengesetzte Ge­
genstände der Erkenntnis bezieht.
"Dieu seul", so sagt Theophile in den "Nouveaux Essais", "a l'avantage de n'avoir
que des connoissances intuitives."43 Gott erkennt alles, Einfaches wie Zusammenge­
setztes, klar, deutlich und simultan, weil er der Grund zu allem ist44• Einfache Wahr-

33 Leibniz: Meditationes, G IV, S. 423.


34 Leibniz: 'Discours de Metaphysique', G IV, S. 449.
35 Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 347.
36 A.a.O., S. 472.
37 Leibniz: 'Monadologie' [1714; Titel von Heinrich Köhler (1720)]. In G VI, S. 617.
"' Die Definition der "cognitio intuitiva" durch Leibniz hat mit späteren Begriffsbestimmungen des
'Genies' die Simultaneität der Präsenz des Ganzen und seiner Teile gemeinsam. So ist etwa bei Diderot
zu lesen: "Le gout est souvent separe du g e n i e. [ ... ] ce qu'il [sc. Je genie] produit est l'ouvrage d'un
moment; Je gout est l'ouvrage de l'etude & du tems ... ". Aus dieser Schnelligkeit und Spontaneität resul-
tiere freilich auch, daß eine vom Genie geschaffene Sache "negligee" und d'un "air irregulier, escarpe,
sauvage" sei. Das philosophische Genie "observe rapidement un grand espace, une multitude d'etres." " ...
il part d'un point & s'elance vers Je but [ ... ] il estp r i m e-s a u I i e r, pour me servir de l'expression de
Montagne." Diderot: Artikel "Genie". In: Encyclopedie ou Dictionnaire raisonne des sciences, des arts et
des metiers, par une societe de gens de Iettres. Tome VII. Paris 1757, S. 582b und S. 583b (Hervorhe­
bungen durch Kursivierung von mir; HA.). - Jakob Michael Reinhold Lenz schreibt 1774: "Wir nennen
die Köpfe Genies, die alles, was ihnen vorkommt, gleich so durchdringen, durch und durch sehen, daß
ihre Erkenntnis denselben Wert, Umfang, Klarheit hat, als ob sie durch Anschaun oder alle sieben
Sinne zusammen wäre erworben worden." Wenig vorher heißt es: " ... so viel ist gewiß, daß unsere Seele
von ganzem Herzen wünscht, weder sukzessiv zu erkennen, noch zu wollen. Wir möchten mit einem
Blick durch die innersie Natur aller Wesen dringen, mit einer Empfindung alle Wonne, die in der Natur
ist, aufnehmen und mit uns vereinigen." Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Schriften I. Hrsg.
von Britta Titel und Hellmut Haug. Stuttgart 1966 , S. 336 und S. 334f. (Hervorhebungen von mir; HA.).
39 Vgl. zum 'Aufwand' der nicht-intuitiven Erkenntnis z.B. Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 342f.
sowie S. 472.
40 A.a.O., S. 348.

41 Vgl. a.a.O., S. 343.


42 A.a.O., S. 347. - Vgl. zu den Axiomen im engeren Sinne: S. 156.
43 A.a.O., S. 472.
44 Um die Darstellung nicht über Gebühr zu belasten, sei zum Gottesbeweis in diesem Zusammen­
hang aus Dieter Henrichs konziser Darstellung zitiert: "Gottes Wirklichkeit ist der Grund dafür, daß
Gottfried Wilhelm Leibniz 9

heiten sind freilich auch der Intuition des Menschen zugänglich, und so sind, weil "Je
fonds [sc. des choses] est par tout Je meme, ce qui est une maxime fondamentale chez
moy [sc. Theophile/Leibniz] et qui regne dans toute ma Philosophie'145, zum einen
der Zusammenhang und die Ordnung des Ganzen gewährleistet. Zum anderen geht
die intuitive Erkenntnis der einfachen Wahrheiten durch den Menschen als Voraus­
setzung ein in alle distinkten Erkenntnisse. Damit wäre - unter Einbeziehung der
bisher ausgesparten einfachen Sachverhalte - der Kreis zwischen intuitiven und di­
stinkten Erkenntnissen geschlossen.46 Berücksichtigt man nun noch, daß Leibniz
auch die sinnliche Erkenntnis als dem Menschen vorbewußte Art der prinzipiell di­
stinkten Erkenntnis auffaßte47, so wird das Erkenntnissystem als ganzes geschlossen.
Die Begeisterung über die Einsicht in die Geschlossenheit dieses Systems, das sei am
Rande vermerkt, hat Theophile zur Annahme seines Namens bewegt48•
Ernst Cassirer hat in der von Artur Buchenau übersetzten deutschsprachigen Aus­
gabe der "Hauptschriften" seiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, daß
Leibniz mit dem letzten Absatz seiner "Meditationes" "eine metaphysische Streit­
frage mitten in den Zusammenhang seiner methodischen Erörterungen stellt"49, und
er sah offenbar keine andere Möglichkeit als die einer pragmatischen Erklärung. Der
letzte Absatz der "Meditationes" sei eine Art Appendix, der keinen systematischen
Zusammenhang mit dem vorhergehenden Text aufweise, sondern sich dem "äußeren
Anlaß"50 der Streitschrift Arnaulds gegen Malebranche verdanke. Davon kann in die­
ser Ausschließlichkeit keine Rede sein. Es ist vielmehr so, daß gerade dieser letzte
Absatz den Gesamttext der "Meditationes" als eine umfassende Erkenntnislehre in
nuce deutlich macht, indem ihr ein Platz in einer metaphysischen Gesamtkonzeption
zugewiesen wird. Das sei abschließend kurz skizziert.
Die Frage, ob wir, Malebranches Behauptung zufolge, alles in Gott schauen, oder
ob wir eigene Ideen haben, hält Leibniz für falsch gestellt. Ideen seien nicht gege-

überhaupt etwas möglich ist. Deshalb kann auch in Gott kein Unterschied zwischen Möglichkeit und
Wirklichkeit sein. Alle Möglichkeit hängt von seiner Wirklichkeit ab. [ ... ) Ist Gott unmöglich, so ist es
unmöglich, daß irgend etwas anderes möglich ist. Deshalb ist Gott ein notwendiges Wesen." Dieter
Henrich: Der ontologische Gottesbeweis. Sein Problem und seine Geschichte in der Neuzeit. 2., unver­
änderte Auflage. Tübingen 1967, S. 46.
45 Leibniz: Nouveaux Essais, G V, S. 473.
46 Vgl. Leibniz: Meditationes, G IV, S. 423: "'Notionis distinctae primitivae non alia datur cognitio,
'"
quam intuitiva .. . .
47 Z.B.: " ... les plaisirs meme des sens se reduisent a des plaisirs intellectuels confusement connus. La
Musique nous charme, quoyque sa beautt ne consiste que dans les convenances des nombres, et dans Je
compte dont nous ne nous appercevons pas, et que l'ame ne laisse pas de faire, les battements ou vibra­
tions des corps sonnans, qui se reneoutreut par certains intervalles. Les plaisirs que Ia vue trouve dans
les proportions, sont de Ia meme nature; et ceux que causent les autres sens, reviendront a quelque
.• ·
chose de semblable, �-jque nous ne puissions pas l'expliquer si distinctement." Leibniz: Principes de Ia
Nature et de Ia Grace, fondes en raison [1714), G VI, § 17, S. 605f.
48 Vgl. Leibniz: Nouveaux Essais, G V, 65.
49 Gottfried Wilhelm Leibniz: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Übersetzt von Art ur
Buchenau. Durchgesehen und mit Einleitungen und Erläuterungen hrsg. von Ernst Cassirer. Bd. I.
Harnburg 3 1966 ( Philosophische Bibliothek. Bd. 107), S. 29, Anmerkung 15. - Vgl. auch Cassirers
=

Ausführungen zu Leibniz' Metaphysik in: Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem. 2. Bd., S. 174ff. Sehr
plausibel zum letzten Abschnitt der "Meditationes" dagegen ist die Einleitung zu G V, S. 3ff.
"" Leibniz: Hauptschriften, S. 29, Anmerkung 15.
10 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

bene Worte, Bilder oder Zeichen ("icunculae quaedam"51), sondern "affectiones sive
modificationes mentis nostrae, respondentes ad ipsum quod in DEO percipe­
remus"52. Die Bewegung der Affektion und Modifikation gehe aber im Geist immer
vor sich. Selbst nicht aktuelle Ideen seien latent oder potentiell vorhanden, "ut figura
Herculis in rudi marmore"53. Nur in Gott ist der Unterschied zwischen Latenz und
Aktualität aufgehoben. Entscheidend ist aber in unserem ZusammeTihang, daß prin­
zipiell eine latente Idee in eine aktuelle überführbar ist. Daß Leibniz auch hier den
Dualismus der Cartesianer kritisch im Visier hat, ist deutlich54• Die graduelle Abstu­
fung der Erkenntnis hat bei Leibniz nicht die Funktion, die 'unvollkommenen' Stufen
zu eliminieren, sondern die, deren Ort im geschlossenen Modell zu bestimmen und
somit deren Notwendigkeit aufzuzeigen. Gemessen an der cognitio adaequata er­
scheint die cognitio confusa zwar als ein defizienter Modus, die cognitio confusa ist
aber sub specie facultatum hominis ein anthropologisch nicht hintergehbares Datum:
" ... ce qui leur [sc. aux choses] reste d'imperfection, vient de Ia Iimitation essentielle
et originale de Ia creature."55 Diese humanspezifische Erkenntnisbeschränkung zeigt
Leibniz auf, indem er einen umfassenden metaphysischen Rahmen entwirft, in den
die schon mehrfach beobachteten 'zweierlei Hinsichten' durch die gleichzeitige Teil­
habe am Dunklen und am Intuitiven eingebracht sind. Sowohl die Tatsache, daß die­
ser Rahmen überhaupt entworfen werden kann, als auch die, daß der menschliche
Zugang zur intuitiven Erkenntnis via Hypothese56 möglich ist, ist Beleg für die Gott­
ebenbildlichkeit des Menschen und für deren Einschränkung als ein Fundament
seiner Eigentümlichkeit. Durch die Situierung dieser (sub specie dei) defizitären Ei­
gentümlichkeit wird die scheinbare Bedrohung der Ordnung des Ganzen in seiner
prästabilierten Konstitution aufgehoben - als konstitutiver Bestandteil des Ganzen:
"il n'y a rien d'inculte, de sterile, de mort dans l'univers, point de Chaos, point de

51Leibniz: Meditationes, G IV, S. 426.


S<Ebd.
53 Ebd. Es geht Leibniz darum, ein Bild für die eingeborenen Ideen zu fmden. In den "Nouveaux Es­
sais" unterscheidet er zwischen geädertem Marmor, in dem die Figur gewissermaßen 'vorgezeichnet' sei
( idea innata) und 'indifferentem' Marmor, der gleichwohl das Material zur Figur abgeben könnte (
= =

tabula rasa). Vgl. Leibniz: Nouveaux Essais, G V, Preface, S. 45. Vgl. auch Galileo Galilei: Dialogo so­
pra i due massimi sistemi del monde [1632]: "Die Kunst, in einem Marmorblock eine herrliche Statue zu
entdecken, hat das Genie Buonarottis hoch über die gemeinen Geister gestellt." (Zit. nach Hans Robert
Jauß: Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik. Bd. I. München 1977, S. 33).
"' Vgl. z.B. " ... c'est faute de cette distinction [sc. zwischen 'Perzeption' und 'Apperzeption'], que !es
Cartesiens ont manque, en comptant pour rien !es perceptions dont on ne s'appercoit pas .. .". Leibniz:
Principes de Ia Nature, G VI, § 4, S. 600 . Vgl. auch Leibniz: 'Monadologie', G VI, § 14, S. 608f.
-

ss Leibniz: Principes des Ia Nature, G VI, § 9, S. 603. - Vgl. auch Leibniz: 'Monadologie': "Ce n'est
pas dans l'objet, mais dans Ia modification de Ia connoissance de l'objet, que !es Monades sont bornees.
Elles vont toutes confusement a l'infmi, au tout, mais elles sont limitees et distinguees par !es degres des
perceptions distinctes." (G VI, § 60, S. 617) - Von hier aus wird auch deutlich, daß der letzte Satz des er­
sten Absatzes der "Meditationes" mit einer stillschweigend vorgenommenen Ergänzung gelesen werden
muß. Er lautet bei Leibniz: "et quidem [sc. cognitio] si simul adaequata et intuitiva sit, perfectissima est."
Da die cognitio adaequata dem Menschen kaum, die cognitio intuitiva nur für einfache Sachverhalte zu­
gänglich ist, ist hier ein Zusatz wie ganz vollkommen im Rahmen der menschlichen Unvollkommen­
"

heit" mitzudenken. Da die cognitio intuitiva des kosmischen Ganzen, wie oben ausgeführt, eine andere
Art von Erkenntnis ist, in der die cognitio adaequata aufgehoben ist, kann sich die einfache Summe bei­
der (adaequata + intuitiva perfectissima) nicht auf Gott beziehen.
=

56 Vgl. Cassirer: Erkenntnisproblem. 2. Bd., S. 182.


Gottfried Wilhelm Leibniz 11

confusions qu'en apparence ... ". Wo dies vom Menschen nicht erkannt werde, sei es
von einer "subtilite a nous imperceptible"57• Sofern aber klare und deutliche Er­
kenntnisse gegeben sind, kann die vernunftbegabte Seele im kleinen - im Rahmen
ihrer Unvollkommenheit - Gott nachahmen58, "chaque esprit etant comme une petite
divinite dans son departement."59
Es ist wohl auch kein Zufall, daß l..e ibniz seine "Meditationes" mit einem Er­
kenntnisbeispiel beschließt, das schon zuvor dem Bereich der cognitio clara et con­
fusa zugerechnet worden war. Farb- und Geruchswahrnehmungen, so sagt er, könn­
ten in ihren Einzelteilen von Menschen nicht deutlich wahrgenommen werden, weil
die induzierten Perzeptionen ganz winzig ('minutissimae') seien. So werde zum Bei­
spiel statt der ohne Zweifel diskret vorhandenen Gelb- und Blauanteile in einer
Farberscheinung ein "novum aliquod ens"60, nämlich Grün, wahrgenommen. Zu
Deutlicherem, genauer: zu einer Erkenntnis in diesem Bereich, die über das einfache
Zeugnis der Sinne hinausgehe, sei unser Geist "in hoc praesenti suo statu61 nicht im­
stande. Gerade mit einem Beispiel der cognitio clara et confusa beschließt l..e ibniz
seine kleine Abhandlung, mit einem Beispiel also, daß die humanspezifische
Erkenntnisbeschränkung am deutlichsten werden läßt, ohne sie abzuwerten. Ob der
Hinweis auf die 'gegenwärtige' Beschaffenheit des menschlichen Geistes historisch
beziehungsweise evolutiv zu verstehen ist, oder ob hier l..e ibnizens Vorstellung von
einer permanenten Metamorphose impliziert ist, bleibe in unserem Zusammenhang
dahingestellt.

B. Christian Wolf!

Christian Wolff hat keine eigenständige Erkenntnislehre verlaßt, obwohl er in be­


eindruckender Weise versucht hat, die Wissensbestände seiner Zeit systematisch
aufzubereiten, um in der Transparenz dieser Gliederung Desiderata der Philosophie
sichtbar werden zu lassen. Das vielfach - schon im 18. Jahrhundert - vorgetragene
Zerrbild von Wolff als dem nur systembesessenen Philosophen, der die Welt seiner
Systematik anzubequemen versucht habe, statt umgekehrt zu verfahren, ist sicherlich
neu zu überdenken. Zu Recht hat Hans Werner Arndt darauf hingewiesen, daß
Wolffs 'Bestandsaufnahme' eine "notwendige Voraussetzung für eine 'Erfindungs­
kunst' (ars inveniendi) [war], welche die methodischen Mittel zur Gewinnung neuer
Erkenntnis verfügbar machen sollte ... "62• Die Bezeichnung "l..e ibniz-Wolffsches Sy-

ST Leibniz: 'Monadologie', G VI, § 69 und § 68, S. 618f.


58 "L'Esprit n'a pas seulement une perception des ouvrages de Dieu, mais il est meme capable de
produire quelque chose qui leur ressemble, quoyqu'en petit." Leibniz: Principes de Ia Nature, G VI,
§ 14, s. 604.
"' Leibniz: 'Monadologie', G VI, § 83, S. 621. Leibniz selbst verweist auf den § 147 der "Theodicee",
wo sich auch die bekannte Stelle fmdet, daß Gott sich wohlwollend am Treiben seiner 'kleinen Götter'
belustige. Vgl. G VI, S. 197.
60 Leibniz: Meditationes, G IV, S. 426.
61 Ebd.
62 Hans Werner Arndt: Rationalismus und Empirismus in der Erkenntnislehre Christian Wolffs. In:
Christian Wolff. 1679-1754. Interpretationen zu seiner Philosophie und deren Wirkung. Hrsg. von Wer­
ner Schneiders. Harnburg 1983 ( Studien zum achtzehnten Jahrhundert. Bd. 4), S. 41.
=
12 Ä sthetik als Desiderat der Gnoseologie

stem" hat ein weiteres zur unreflektierten Herabsetzung der Leistung Wolffs beige­
tragen. Weder ist es so, daß Wolff nur Leibniz folgte, noch so, daß Wolffs Leistung
nur in der systematischen Aufbereitung der Leibnizschen Philosophie bestanden
hätte63• Wolff selbst hat sich gegen die vereinnahmende Bezeichnung gewehrt, die
durch G.V. Hartmanns und C.G. Ludovicis Schriften verbreitet wurde64• Als deskrip­
tiver Terminus ist die Bezeichnung "Leibniz-Wolffsche Philosophie" indes zutref­
fend65: in die implizite Erkenntnislehre, die uns hier als Entstehungszusammenhang
der Ästhetik interessiert, hat Wolff die Leibnizsche Philosophie eingearbeitet, sie
modifiziert und umgewandelt. Wolffs modifizierte Konzeption ist für Baumgarten
dann das Fundament für die Ausarbeitung der "Metaphysica" und nicht zuletzt auch
der "Aesthetica" geworden. Der in diesem Zusammenhang bedeutendste Text Wolffs
ist die "Psychologia empirica", die, trotz des Titels, ihre Konstitution rationalistischen
Grundlagen verdankt und deshalb mit der (späteren) "Psychologia rationalis" zu­
sammen zu lesen ist66• Zunächst zum Ort der Psychologie in Wolffs System.

63 So auch zum Teil Herder: [Wie die Philosophie zum Besten des Volks allgemeiner und nützlicher
werden kann (1765)) . In: FHA I, S. 106: "Wolf - der große Sprecher seines Erfinders gab ihr [sc. der
Philosophie] die mathematische Schlachtordnung und Losungswörter ... ". - Herder steht Wolff zwar kri­
tisch gegenüber (vgl. z.B. "Ueber Christian Wolfs Schriften", in: SWS XXX I I, S. 156-159), lehnt ihn aber
nicht gänzlich ab (vgl. z.B. 4. Kritisches Wäldchen (1769), in: SWS IV, S. 15). Er ist nicht einfach "Reprä­
sentant einer Generation", die der Wolffschen Philosophie überdrüssig ist, wie Vietta in seiner
handlichen Darstellung mit einem Zitat aus Herdcrs Reisejournal nahelegt. Vgl. Silvio Vietta: Lite­
rarische Phantasie: Theorie und Geschichte. Barock und Aufklärung. Stuttgart 1986, S. 286, Anmerkung
102.
64 Georg Volckmar Hartmann: Anleitung zur Historie der Leibnitzisch-Wolffischen Philosophie.
=
Frankfurt und Leipzig 1737. Nachdruck Hildesheim 1973 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und
bearb. von Jean Ecole (u.a.). III. Abt. Bd. 4) . - Carl Günther Ludovici: Neueste Merckwürdigkeiten der
Leibnitzisch-Wolffischen Weltweisheit [zuerst 1738]. Preface de Jean Ecole. Nachdruck Hildesheim
1973 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und bearb. von Jean Ecole [u.a.J. (III. Abt.) Bd. 3). Das
=

Titelblatt der Ausgabe Frankfurt und Leipzig hat: "Leibnitz-Wolffischen".


65 Der Vorschlag Bissingers, den "Begriff der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie aufzugeben", geht
daher m.E. zu weit. Vgl. Anton Bissinger: Die Struktur der Gotteserkenntnis. Studien zur Philosophie
=
Christian Wolffs. Bonn 1970 ( Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik. Bd. 63),
S. 20.
66 Jean Ecole, der Herausgeber der Nachdrucke beider Psychologien Wolffs, schreibt: "La 'Psycho­
logia empirica' a beau etre fondee sur l'experience, il n'en reste pas moins qu'il appartient a Ia raison
( ... ) de degager Ia stricte ordonnance des faits observes, en marquant leurs Iiens de dependance les uns
par rapport aux autres, grace a Ia deduction." Jean Ecole: Des rapports de l'experience et de Ia raison
dans l'analyse de l'äme ou La "Psychologia empirica" de Christian Wolff. In: Giornale di Metafisica 21
(1966), S. 597. Genauer schreibt Ecole drei Jahre später: "En un mot, dans Ia 'Psychologia empirica' Ia
raison n'a qu'un röle secondaire et methodologique, dans Ia 'Psychologia rationalis' elle s'acquitte de sa
fonction essentielle qui est de rendre compte et d'expliquer.'" Jean Ecole: De Ia nature de l'ame, de Ia
deduction de ses facultes, de ses rapports avec le corps, ou La ""Psychologia rationalis" de Christian
Wolff. In: Giornale di Metafisica 24 (1%9), S. 502, Anmerkung 10. - Damit ist auch die Differenz zum
Begriff der empirischen Psychologie in Karl Philipp Moritzens Erfahrungsseelenkunde bezeichnet. Mo­
ritz ist vorrangig an der Aufzeichnung von 'Fällen' gelegen, kaum an deren systematischer Einordnung.
Vgl. dazu: Hans Joachim Schrimpf: Karl Philipp Moritz. Stuttgart 1980 ( Sammlung Metzler 195),
=

s. 35ff.
Christian Wolff 13

"Philosophia est scientia possibilium, quatenus esse possunt"67 heißt es zur Philo­
sophie im allgemeinen. Das Mögliche, dem das Existierende als aktualisiertes Mögli­
ches zugehört, ist Gegenstand der Erkenntnis und gliedert sich in drei Bereiche,
nämlich Gott, menschliche Seele und Körper beziehungsweise materiale Dinge68•
Den drei Erkenntnisbereichen entsprechen drei Bereiche der Philosophie. Mit Gott
befaßt sich die "Theologia naturalis"69, mit der Seele befaßt sich die "Psychologia"70,
und mit den Körpern befaßt sich die "Physica'm. Die Seele hat zwei Vermögen, das
Erkenntnisvermögen (facultas cognoscitiva) und das Begehrungsvermögen (facultas
appetitiva)72• Die Leitung des Erkenntnisvermögens kommt der Logik73, die Leitung
des Begehrungsvermögens der praktischen Philosophie zu74, so daß beide mit der
Psychologie als ihrer Grundlage verbunden sind. Psychologie und natürliche Theolo­
gie faßt Wolff zur "Pneumatica" zusammen, die "per spirituum scientiam definiri so­
let"75. Ontologie ("scientia entis in genere, seu quatenus ens est)"76, "Cosmologia ge­
neralis vel transcendentalis" ("scientia mundi in genere"77) und Pneumatik bilden zu­
sammen die Metaphysik. "Est igitur Metaphysica scientia entis, mundi in genere at­
que spirituum."78 Zwischen den Teilen der Metaphysik besteht ein Fundierungsver­
hältnis, und zwar dergestalt, daß die natürliche Theologie Grundsätze aus Psycholo­
gie, Kosmologie und Ontologie bezieht, die Psychologie aus Kosmologie und Onto­
logie und die Kosmologie aus der Ontologie79• Die Ontologie, die "philosophia
prima", ist also die philosophisch Grundlegende, die Theologia naturalis die Abgelei­
tetste.
Wolff nimmt drei Arten menschlicher Erkenntnis an: historische, philosophische
und mathematische Erkenntnis. "Cognitio eorum, quae sunt atque fiunt, sive in
mundo materiali, sive in substantiis immaterialibus accidant, historica a nobis appel­
latur."80 Die Grundlage der historischen Erkenntnis ist die sinnliche Wahrnehmung
und das Selbstbewußtsein, welches darin besteht, daß die mens sich der durch die
von der sinnlichen Affizierung bewirkten Veränderungen ihrer selbst bewußt ist.

67 Christian Wolff: Philosophia rationalis sive Logica [zuerst 1728]. Pars I. Edition critique avec intro­
duction, notes et index par Jean Ecole. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1740. Hildesheim
1983 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und bearb. von Jean Ecole [u.a.]. II. Abt., Bd. 1.1), § 29. Im
=

folgenden zit. als: Discursus praeliminaris. - Vgl. zu Wolffs Begriff der Philosophie des Möglichen:
Werner Schneiders: Deus est philosophus absolute summus. Über Christian Wolffs Philosophie und
Philosophiebegriff. In: Christian Wolff. 1679-1754, S. 10-30.
68 Vgl. Wolff: Discursus praeliminaris, § 55. Vgl hierzu die gründliche Arbeit von Anton Bissinger,
Gotteserkenntnis, S. 42ff.
(J} Wolff: Discursus praeliminaris, § 57.
10 A.a.O., § 58.
71 A.a.O., § 59.
72 Vgl. a.a.O., § 60.
73 Vgl. a.a.O., § 61.
74 Vgl. a.a.O., § 62.
75 A.a.O., § 79.
76 A.a.O., § 73.
77 A.a.O., § 78.
78 A.a.O., § 79.
19 Vgl. a.a.O., § 99.
80 A.a.O., § 3.- Vgl. zur begriffsanalytischen und begriffsgeschichtlichen Bestandsaufnahme der "co­
gnitio historica" bis Kant: Arno Seifert: Cognitio historica. Die Geschichte als Namengeberio der früh­
neuzeitlichen Empirie. Berlin 1976 ( Historische Forschungen. Bd. 11); zu Wolff S. 163ff.
=
14 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

Erscheinungsform und Zusammenhang des Gegenstandsbereichs der cognitio histo­


rica sind begründet: "Cognitio rationis eorum, quae sunt, vel fiunt, philosophica dici­
tur."81 Beide Erkenntnisarten, so hebt Wolff hervor, unterscheiden sich voneinander:
"Haec [sc. cognitio historica] enim in nuda facti notitia subsistit (§.3): illa [cognitio
philosophica] vero ulterius progressa rationem facti palam facit, ut intelligatur, cur
istiusmodi quid fieri possit ( § . 6 )."82
Etwas kennen (nosse) beziehungsweise, umgangssprachlich formuliert: etwas nur
zu wissen, sei eine Sache, etwas erkennen (cognoscere) aber eine andere. Die dritte
Erkenntnisart, die in unserem Zusammenhang nur genannt sei, ist die mathemati­
sche ("cognitio quantitatis rerum"83).
Die cognitio historica ist die niedrigste Stufe menschlicher Erkenntnis84 und als
solche Voraussetzung für die philosophische Erkenntnis.85 Es heißt im § 10 des
"Discursus praeliminaris": "Si per experientiam stabiliuntur ea, ex quibus aliorum, quae
sunt atque fiunt, vel fieri possunt, ratio reddi potest, cognitio historica philosophicae fun­
damentum praebet. " Der § 1 der "Psychologia empirica" lautet: "Psychologia empirica
est scientia stabiliendi principia per experientiam, unde ratio redditur eorum, quae in
anima humana fiunt."86 Die pure Kenntnisnahme dessen, was in der menschlichen
Seele geschieht, die 'nuda notitia eorum, quae in anima humana fiunt', ist die 'empi­
rische' Grundlage der Psychologie. Die Darstellung der Möglichkeit dessen, was in
der und durch die menschliche Seele möglich ist, die Begründung des psychisch Vor­
kommenden als aktualisiertes Mögliches macht die Psychologie zum Bestandteil der
Philosophie87. Zu Recht hat Sulzer daran erinnert, daß nach Wolff die empirische
Psychologie in Analogie zur Experimentalphysik gedacht ist88, und er hat die Wolff­
sche "Psychologia empirica" eine "Experimentalphysik der Seele" genannt89.

81
A.a.O., § 6.
82 A.a.O., § 7.
"' A.a.O., § 14. - Vgl. zum Verhältnis von cognitio mathematica und philosophica: Werner Schnei­
ders: Der Philosophiebegriff des philosophischen Zeitalters. Wandlungen im Selbstverständnis der Phi­
losophie von Leibniz bis Kant. In: Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung. Hrsg. von Rudolf Vier­
haus. Göttingen 1985, S. 58-92, hier: S. 69f.
84 Vgl. a.a.O., § 22.
., Vgl. a.a.O., § 10. - Vgl. Hans Jürgen Engfer: Zur Bedeutung Wolffs für die Methodendiskussion
der deutschen Aufklärungsphilosophie: Analytische und synthetische Methode bei Wolff und beim vor­
kritischen Kant. In: Christian Wolff. 1679-1754, S. 48-65, hier: S. 58.
86 Christian Wolff: Psychologia empirica [zuerst 1732]. Edidit et curavit Joannes Ecole. Nachdruck
der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1738. Hitdesheim 1968 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und
=

bearb. von Jean Ecole [u.a.]. li. Abt. Bd. 5), § 1.


tri Vgl. Discursus praeliminaris, § 111.
88 Vgl. a.a.O., § 107 und § 111, nota. In seiner "Psychologia empirica" hat Wolff dieses Verhältnis
noch einmal klar formuliert: " ... monuimus, Psychologiam empiricam Physicae experimentali respon­
dere." Die Experimentalphysik steht im gleichen Verhältnis zur "dogmatischen" Physik wie die empiri­
sche Psychologie zur rationalen. Psychologia empirica, § 4, nota. - Vgl. dazu: Robert Sommer: Grund­
züge einer Geschichte der deutschen Psychologie und Aesthetik von Wolff-Baumgarten bis Kant-Schil­
ler. Nachdruck der Ausgabe Würzburg 1892. Hildesheim, New York 1975, S. 3f.
811 [J.G. Sulzer:] Kurzer Begriff aller Wißenschaften und andern Theile der Gelehrsamkeit, worin je­
der nach seinem Inhalt, Nuzen und Vollkommenheit kürzlich beschrieben wird. Zweyte ganz veränderte
und sehr vermehrte Auflage. Leipzig 1759, § 204, S. 157. - In seiner Einleitung zur Encyclopedie be­
zeichnet d'Alembert mit dem gleichen Ausdruck positiv die Leistung des Lockeschen Empirismus. Vgl.
dazu und zum Zusammenhang mit Moritz' "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde", das zunächst
Christian Wolff 15

Was die dritte Art der Gewißheit über psychische Sachverhalte, die cognitio ma­
thematica, angeht, so erwähnt Wolff diese nur als Desiderat in Gestalt einer
"Psycheometria"90 •
Die "Psychologia empirica" ist - entsprechend den beiden Seelenvermögen - zwei­
geteilt. Der erste Teil handelt "De Anima in genere & Facultate cognoscendi in spe­
cie", der zweite Teil "De Facultate appetendi in specie & Commercio inter Mentem
& Corpus". Sowohl beim Erkenntnis- wie beim Begehrungsvermögen unterscheidet
Wolff je einen unteren und einen oberen Teil. Über die Zugehörigkeit zu diesen
Teilen entscheidet der Grad der Klarheit der Erkenntnis, nicht umgekehrt.91 Es ist
also zunächst von Wolffs Schema der Erkenntnisgrade zu sprechen.
Wolff lehnt sich an Leibnizens Modell der "Meditationes" an und appliziert dessen
Gradation sowohl auf Begriffe wie auf Wahrnehmungen. In § 50 heißt es: "Notionum
differentia eadem est, quae perceptionum: sunt nirnirum & notiones vel clarae, vel
obscurae; clarae vel distinctae, vel confusae."92
Die perceptio93 ist der "actus mentis, quo objectum quodcunque sibi repraesen­
tat"94, also die Tätigkeit des repraesentare, deren Resultat die repraesentatio ist.
Dieser Akt kann durch die äußeren Sinne ausgelöst werden, aber auch nur durch die
Bewegungen in der Seele und deren Selbstwahrnehmung bestimmt sein. Das Resul­
tat der perceptio, die repraesentatio, kann eine "notio" oder eine "idea" sein. Eine
"notio" ist nach Wolff die "repraesentatio rerum in universali seu generum & spe­
cierum"95. Eine repraesentatio wird "idea" genannt, "quatenus rem quandam refert,
seu quatenus objective consideratur."96 Notio und idea unterscheiden sich zum einen
durch ihre Mittelbarkeil (notio) oder Unmittelbarkeit (idea). An diesem Unter­
schied werden die Spezifika der symbolischen und der intuitiven Erkenntnis festge­
macht, wovon noch zu sprechen sein wird. Zum anderen sind notio und idea durch

"Experimentalseelenlehre" im Titel führen sollte, bis Mendelssohn zur Titeländerung riet: Hans Joachim
Schrimpf: Kar! Philipp Moritz, S. 39f.
90 Wolff: Psychologia empirica, § 522. Vgl. dazu Ecole (1966), S. 595 und S. 609.
9 1 Vgl. Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 79.
92 Psychologia empirica, § 50. Wolff verweist dort selbst auf die Ausführungen in seiner Logik, § 77ff.
Vgl. Christian Wolff: Philosophia rationalis sive Logica. Pars II [zuerst 1728]. Edition critique avec in­
troduction, notes et index par Jean Ecole. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1740. Hildes­
heim 1983 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und bearb. von Jean Ecole [u.a.]. II. Abt. Bd. 1.2),
=

§ 77ff. Im folgenden zit. als: Logica. - In den Paragraphen 198ff. der sogenannten 'Deutschen Metaphy­
sik' äußert Wolff sich zu den Graden der Klarheit, Deutlichkeit usw. der "Gedancken". In § 275 erläutert
er, "daß die Begriffe eben dergleichen Unterscheid haben, als ich oben überhaupt von den Gedancken
erkläret, nehmlich daß sie entweder klar oder dunckel, und die klaren entweder deutlich oder undeutlich,
die deutliche entweder ausführlich oder unausführlich, und die ausführlichen entweder vollständig oder
unvollständig sind ... ". Chr. Wolff: Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Men­
schen, auch allen Dingen überhaupt [zuerst 1720]. Mit einer Einleitung und einem kritischen Apparat
von Charles A. Corr. Nachdruck der Ausgabe Halle 1751. Hildesheim 1983 ( Chr. W.: Gesammelte
=

Werke. Hrsg. von Jean Ecole [u.a.]. l. Abt. Bd. 2), § 275. Im folgenden zit. als: Dt. Metaphysik.
"' Vgl. zur uneinheitlichen Verwendung des Begriffs in deutscher Übersetzung: Bissinger, Gotteser­
kenntnis, S. 67, Anm. 63.
94 Psychologia empirica, § 24. In Anlehnung an Leibniz bestimmt Wolff die Apperzeption als Per­
zeption des in der repraesentatio gegebenen Resultats der ersteren Perzeption, durch die der Geist sich
seiner bewußt wird (vgl. § 48, nota). Perzeption und Apperzeption als Erkenntnismodi sind die beiden
Aspekte der übergeordneten cogitatio (vgl. § 25, 26, 23).
95 A.a.O., § 49.
96 A.a.O., § 48.
16 Ä sthetik als Desiderat der Gnoseologie

den Grad an Konkretheit voneinander unterschieden: Die idea ist als Resultat der
perceptio "rei singularis imago"97; die notio ist als Resultat der perceptio der idea in­
härent und wird durch vergleichende Abstraktion gewonnen98• Die Seele ist die ak­
tive Wirkursache (causa efficiens), "quae virtute sua ideas producit & inde porro no­
tiones format". Das Hervorbringen von Ideen und die Bildung deutlicher Begriffe
will Wolff in der "Psychologia empirica"99 unterschieden wissen. Beides, "perceptio &
operationes intellectus simul communi nomine cognitio dicuntur."100 Somit gilt für
die cognitio grundsätzlich auch die Gradation wie für die Perzeptionen, wobei der
untere Teil des Erkenntnisvermögens bis zu den dunklen und verworrenen ( obscuras
atque confusas) Ideen und Begriffen und der obere Teil des Erkenntnisvermögens zu
den deutlichen (distinctas) Ideen und Begriffen vordringt101•
Die Begriffe "klar" ( clara), "dunkel" ( obscura)102, "deutlich" ( distincta) und
"verworren" (confusa)103 - Wolff selbst übersetzt in seiner 'Deutschen Metaphysik' ( §
275) mit "undeutlich"104 - sind von Leibniz her so übernommen, wie dieser sie in
seinen "Meditationes" bestimmt hatte.
Hervorzuheben ist schon an dieser Stelle, was Wolff zum 'Dunklen' zu sagen hat,
denn an diesem Punkt setzt später fundamentale Kritik ein, die zu einer Umstülpung
des Systems führten. Wolff weist darauf hin, daß die Redeweise vom Klaren und
Dunklen "von dem Gesichte genommen worden" sei, da der Gesichtssinn die
deutlichsten Analogien - auch im Sprachgebrauch - zur Erkenntnis aufweise105• In
Redewendungen sei dieser Sachverhalt auch auf die Seele übertragen worden:
"Wenn unsere Gedancken klar sind; so sagen wir, es sey lichte oder helle in unserer
Seele."106 " ••• wenn ich nichts von andern zu unterscheiden vermögend bin, so sage ich,
es sey noch gantz finster in mir."107 Die Klarheit der Wahrnehmungen wird auch
"Lumen animae"108 genannt. "Ex adverso obscuritas atque defectus perceptionum est
id, quod Tenebrarum nomine in anima venit."109
Daß die Schatten, das Dunkle, als "defectus" - in der nota zu diesem Paragraphen
auch als "privatio" - aufgefaßt werden, zeigt die wertenden Implikationen der Wolff­
schen Erkenntnisgradation deutlich an. Die 'Schatten' haben kein Eigenrecht, sie

97 A.a.O., § 52, nota.


98 Vgl. a.a.O., § 49, nota.
99 Vgl. zum uneinheitlichen Gebrauch der Begriffe: Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 65f.
1 00 Psychologia empirica, § 52, nota.
1 0 1 Vgl. a.a.O., § 54f.
02
1 Vgl. Logica, § 80; Psychologia empirica, § 31f.; Dt. Metaphysik, § 201ff.
1 03 Vgl. Logica, § 88; Psychologia empirica, § 38f. Vgl. zur confusio als "Unordnung": Christian Wolff:

Philosophia prima sive Ontologia (zuerst 1730]. Edidit et curavit Joannes Ecole. Nachdruck der Ausgabe
Frankfurt und Leipzig 1736. Hildesheim 1%2 ( Chr. W.: Gesammelte Werke. Hrsg. und bearb. von
=

Jean Ecole [u.a.]. II. Abt. Bd. 3), § 485.


1 04 Vgl. oben, Anmerkung 92. - Der Ausdruck als Terminus stammt nicht von Kant, wie behauptet
wird bei Gottfried Martin: Kants Auseinandersetzung mit der Bestimmung der Phänomene durch Leib­
niz und Wolff als verworrene Vorstellungen. In: Kritik und Metaphysik. Studien. Heinz Heimsoeth zum
80. Geburtstag. Berlin 1966, S. 101.
0
1 5 Dt. Metaphysik, § 200 , S. l l lf.
106
A.a.O., § 203, S. 112.
1 07 A.a.O., § 204.
108
Psychologia empirica, § 35.
1 09 A.a.O., § 36.
Christian Wolff 17

sind für diese Erkenntnislehre ein Mangel, dem abgeholfen werden muß durch 'Auf­
klärung'. Das Dunkle der Seele ist vor allem deshalb für Wolffs Erkenntnislehre pro­
blematisch, weil sie keinerlei Mittel zur Erfassung des Dunklen selbst an die Hand
gibt. Die Analyse greift erst ab dem Punkt, wo bereits Teile erkennbar sind, das heißt
im Lichtkegel des Verstandes und der Vernunft Kontur und Struktur gewinnen. Was
im Schatten abseits liegt, ist für Wolff amorph und deshalb bedrohlich. Mit dem
dunklen Bereich der Seele ist die untere Grenze nicht der Erkenntnis, sondern dieser
Erkenntnislehre erreicht.
Was nun die oben bei Leibniz beobachtete rekursive Regelanwendung der Er­
kenntnisanalyse angeht, so macht Wolff diese insofern deutlicher, als er der Wahr­
nehmung des Ganzen sowie der Teile je eine eigene Art zuteilt und deren Korrela­
tion formuliert. Eine Teilwahrnehmung (perceptio partialis) ist die in einer anderen
enthaltene; eine zusammengesetzte Wahrnehmung (perceptio composita) besteht aus
Teilwahrnehmungen. Sind die Teilwahrnehmungen klar, so ist die entsprechende,
zusammengesetzte Wahrnehmung deutlichu0• Die Summe aller zu einem Zeitpunkt
gegebenen - sowohl der präsenten wie der erinnerten - Wahrnehmungen nennt Wolff
perceptio totalis.
Ausführlich (completa) nennt Wolff einen Begriff, der die zur Erkenntnis und
Unterscheidung einer Sache zureichende Anzahl von Merkmalen enthält111• Die An­
gabe nur eines Teils der zur Identifikation einer Sache notwendigen Merkmale
kennzeichnet den unausführlichen (incompleta) Begriff. Wolff meint diesen Typus
einführen zu müssen als Ergänzung zu Leibnizens Schema. Dessen deutlicher (di­
stincta) Begriff entspreche nicht dem ausführlichen, wie in der Definitionslehre und
anderswo gezeigt werden könneu2• Die Cartesische Definition des Körpers durch die
Ausdehnung sei ein Beispiel für die Verwechslung eines ausführlichen mit einem un­
ausführlichen Begriff.
Wolff scheint aus Leibnizens Zweifel an der Möglichkeit des Menschen, zu ad­
äquaten Erkenntnissen zu kommen, insofern Konsequenzen gezogen zu haben, als er
sie in der "Psychologia empirica" nur noch andeutet113 und auf die Logik verweist.
Dort (§ 95) behandelt er sie wie Leibniz, mit dem Unterschied, daß Wolff die "analy­
sis ad finem"u4 detailliert als Prozeß beschreibt115•
Die sukzessiv auf die Wahrnehmungsinhalte gerichtete Aufmerksamkeit - die Re­
flexionu6 - führt zur deutlichen Wahrnehmung117, der spezifischen Leistung des Ver-

110 Vgl. a.a.O., § 40f.


m Vgl. Logica, § 92.
1 1 2 Vgl. ebd. - Vgl. dazu auch Bissinger. Gegenüber Leibnizens notio distincta stellt Wolffs notio
completa eine quantitative Spezifikation dar, die bei Leibniz schon enthalten ist. Wolffs notio incom­
pleta dagegen ist kein deutlicher Begriff, daher ist seine Kritik an Leibniz grundlos. Der Begriff der
"notio incompleta" findet sich bei Leibniz in einem Brief an Arnauld vom Juni 1686, Vgl. Leibniz an
Arnauld, Juni 1686, in: G li, S. 52. Der Begriff der "notio completa" findet sieb in Leibnizens "Table de
defmitions". Vgl. Opuscules et fragments inedits de Leibniz. Extraits des manuscrites de Ia Bibliotheque
royale de Hanovre. Hrsg. von Louis Couturat. Paris 1903 (Nachdruck Hildesheim 1%1), S. 498. -
Nebenher sei eingefügt, daß Wolff auch eine notio abundans anführt, in der mehr als zur Erkennung
und Unterscheidung notwendige Merkmale angegeben sind (vgl. Logica, § 93).
113 Vgl. Psycbologia empirica, § 201. - Vgl. Ungeheuer, Sprache und symbolische Erkenntnis, S. %.
114 Vgl. oben, S. 6f.
1 15 Vgl. Logica, § %.
1 1 6 Vgl. Psychologia empirica, § 257.
18 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

standes (intellectus)118• Der menschliche Verstand ist sowohl in der Extension wie in
der Intension der deutlichen Wahrnehmungen beschränkt119• Gegenüber Leibniz ist
bei Wolff festzuhalten, daß er das Faktum der Unterscheidung und die Bezeichnung
des Unterschiedenen explicite miteinander verknüpft. Da die Bezeichnung der Er­
kenntnis aber willkürlich ist, wie Wolff in der "Ontologie" ausführt120, ist nicht
gewährleistet, daß alles, was bezeichnet werden kann, auch deutlich erkannt worden
istl21• Der Satz, "Quicquid in idea rei distingui ab a/io potest, id etiam enunciabile
est"122, gilt nicht vice versa, womit wiederum die Grenzen der Nominaldefinition auf­
gezeigt sind, die ja mit ein Anlaß für Leibnizens "Meditationes" gewesen waren.
Von den weiteren, vielfältigen Differenzierungen der Wolffschen Begriffs- und
Erkenntnislehre soll hier bis auf zwei Ausnahmen abgesehen werden123• Von Bedeu­
tung ist in unserem Zusammenhang Wolffs Unterscheidung zwischen intuitiver und
symbolischer Erkenntnis.
Wolff behandelt die cognitio intuitiva im zweiten Kapitel ("De Intellectu in genere
& differentia cognitionis") des dritten Abschnitts ("De Facultate cognoscendi in parte
superiori") seiner "Psychologia empirica". Es heißt dort: "Cognitio, quae ipso idearum
intuitu absolvitur, dicitur intuitiva, seu, rem intuitive cognoscere dicimur, quatenus
ideae ejus, quam habemus, nobis sumus conscii."124
Zwei gravierende Unterschiede zu Leibnizens Begriff der intuitiven Erkenntnis
sind auf den ersten Blick festzustellen: Weder die Simultaneität aller klaren und di­
stinkten Merkmale, noch die Unmittelbarkeit der Anschauung der Sache, ( nicht der
Idee! ) spielen bei Wolffs Definition eine Rolle125• Nicht die Sache, sondern deren
Bild wird in der Idee angeschaut, und in der Tat ist "das bewußte Haben der Idee
dieser Sache"126 das Spezifikum der cognitio intuitiva. Die Tatsache, daß Wolff zwi­
schen einer undeutlichen (confusa) und einer deutlichen (distincta) anschaulichen

117 Vgl. a.a.O., § 266 .


11 8 Vgl. a.a.O., § 275.
119 Vgl. a.a.O., § 276-279.
1 20 Vgl. Ontologia, § 958-960.
1 21 Vgl. Dt. Metaphysik, § 320. Wolff unterscheidet zwar auch in der Dt. Metaphysik zwischen natür­
lichen und willkürlichen Zeichen (vgl. § 293f.), macht aber im § 320 davon nicht ausdrücklich Gebrauch.
Er warnt vor "leeren Wörtern, mit denen kein Begrif verknüpfet ist". Vgl. auch Bissinger, Gotteser­
kenntnis, S. 115.
122 Psychologia empirica, § 281.
1 23 Vgl. außer in den angegebenen Texten von Wolff: Bissinger, Teil I, A, passim; Ecole: "Psychologia
empirica", sowie Ernst von Aster: Geschichte der neueren Erkenntnistheorie. (Von Descartes bis He­
gel) Berlin, Leipzig 1921, S. 429-438; Vietta, Phantasie, S. 101-109 sowie Baeumler, Ir­
rationalitätsproblem, S. 180ff.
1 24 Psychologia empirica, § 286. In seiner Dt. Metaphysik übersetzt Wolff "cognitio intuitiva" mit "an·
schauende Erkäntniß" (§ 316 , S. 174).
1 25 Ecole: "Psychologia empirica", S. 605 erweckt den Eindruck, als sei Wolffs Defmition der Leib­

nizens in der Sache gleich. Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 113, Anmerkung 431 hält Wolffs Ausfüh­
rungen nur für ausführlicher und reichhaltiger als Leibnizens. · Schulte-Sasses DarsieDung zur cognitio
intuitiva trennt überhaupt nicht Wolff von Leibniz, was auch für seine VorsieDung der Erkenntnislehre
beider insgesamt gilt. Vgl. Jochen Schulte-Sasse in seinem Nachwort zu: Gotthold Ephraim Lessing,
Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai: Der Briefwechsel über das Trauerspiel. Hrsg. und kommentiert
von J. Sch.-S. München 1972, S. 168-237, hier: S. 170f und 176f. - Konzis und präzis sind Ungeheuers
Bemerkungen, vgl. Sprache und symbolische Erkenntnis, S. 94f.
17ti Ungeheuer, Sprache und symbolische Erkenntnis, S. 94.
Christian Wolff 19

Erkenntnis unterscheidet, macht die Distanz zu Leibniz noch sichtbarer. Richtet sich
die Aufmerksamkeit nur auf das Ganze der Idee, so ist die anschauliche Erkenntnis
undeutlich127• Wird die Aufmerksamkeit dagegen sukzessive auf Einzelheiten (Teile)
der Idee gerichtet, und werden diese miteinander verglichen - tritt also zur Anschau­
ung der Idee die vergleichende Reflexion hinzu -, so ist die anschauende Erkenntnis
deutlich128. Hieraus wird ersichtlich, warum Wolff in seiner Psychologie die Simul­
taneität als Merkmal der Intuition nicht aufnimmt, deshalb nämlich, weil - bezogen
auf die extensional wie intensional beschränkte menschliche Erkenntnisfähigkeit -
die Deutlichkeit der Erkenntnis den diskursiven Prozeß, das sukzessive Ausrichten
der Aufmerksamkeit, den Vergleich des schon Erkannten untereinander voraus­
setzt129. Dabei ist immer zu bedenken, daß die menschliche Intuition von Wolff im
Abschnitt über den oberen Teil des Erkenntnisvermögens abgehandelt wird. Fallen
die Erkenntnisbeschränkungen, so ändert sich mit der Qualität des Erkennenden die
Qualität der Erkenntnis, indem alles zugleich und deutlich präsent ist: "Deus omnia
intuitive cognoscit. "130 Wolff fügt erläuternd hinzu: "Hoc ipso cognitio divina differt a
cognitione humana: nos enim paucissima intuitive cognoscere nemo est qui
nesciat."131
Dies erst ist genau der Leibnizsche Begriff der cognitio intuitiva, wie er oben be­
reits erläutert worden ist132•
Der Unterschied der Begriffe menschlicher intuitiver Erkenntnis bei Leibniz und
bei Wolff wird noch klarer, wenn man Wolffs Gegenstück, die symbolische Erkennt­
nis, heranzieht. Wolff definiert folgendermaßen: "Quodsi cognitio nostra terminatur
actu, quo verbis tantum enunciamus, quae in ideis continentur, vel aliis signis eadem
repraesentamus, ideas vero ipsas verbis aut signis aliis indigitatas non intuemur; co­
gnitio symbolica est."133
Der Gebrauch von Worten oder nichtverbalen Zeichen zur Bezeichnung oder An­
zeige des Ideeninhalts ist das spezifische Merkmal der symbolischen Erkenntnis134.
Da die symbolische Erkenntnis die intuitive voraussetzt, ist sie eine Art evolvieren­
der Begriffsbildung, die zu größerer Deutlichkeit auf der Ebene der diskursiven Re­
präsentation beiträgt. Gerold Ungeheuer schreibt in seiner eingehenden Analyse des
Verhältnisses beider zueinander: "Schärfe und Tiefe des Verstandes ('intellectus')
kann nur mit Hilfe der symbolischen Erkenntnis zu höheren Graden der Klarheit
gebracht werden; eigentliche Erkenntnis aber kann nur intuitiv erreicht werden."135

1 77 Vgl. Psychologia empirica, § 287.


1 211 Vgl. a.a.O., § 288 und § 259.
1 29 Vgl. a.a.O., § 326.
1 30 Theologia naturalis. Pars 1.1. Edition critique avec introduction, notes et index par Jean Ecole.
Nachdruck der Ausgabe Frankfurt und Leipzig 1739. Hildesheim, New York 1978 ( Chr. W.: Ge­
=

sammelte Werke. II. Abt. Bd. 7.1), § '11J7 .


13 1 Ebd., nota.
1 32 Vgl. oben, S. Sf.
1 D Psychologia empirica, § 289.
1 34 Der Wolffsche Begriff der symbolischen Erkenntnis ist dem Leibnizens nur in bezug auf die nicht­
verbalen Zeichen ähnlich. Wolff versteht darunter sogenannte 'einfache' Zeichen (signa primitiva), die
nur der abkürzenden Schreibweise dienen. Vgl. Psychologia empirica, § 290. Allgemeiner dazu: Ontolo­
gia, § 964f.
135 Ungeheuer, Sprache und symbolische Erkenntnis, S. 110.
20 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

Eine Ausnahme ist anzumerken: Gott ist den menschlichen Sinnen nur über seine
Schöpfung vermittelt zugänglich, demnach ist Gott nicht intuitiv, sondern nur sym­
bolisch zu erkennen136•
Um die in unserem Zusammenhang bedeutsame Rolle der Sinne im System
Wolffs genauer zu erfassen, ist deren Art, Zahl und Funktion zu bestimmen.
Menschliche Erkenntnis ist für Wolff Erkenntnis der dem Erkennenden äußerlichen
Dinge und Selbsterkenntnis. Sie setzt Erfahrung, modern gesprochen: Mfizierung
durch Reize voraus. Insofern sind also die Sinne grundlegende Voraussetzung der
Erkenntnis, und die Leistung Wolffs besteht in dieser Hinsicht darin, den Ort der
Sinne durch systematische Betrachtung zum Gegenstand differenzierter philosophi­
scher Behandlung gemacht zu haben. Die Psychologie Wolffs als Bestandteil seiner
Metaphysik ist unter anderem der Versuch, klare und deutliche Aussagen zu machen
über den sogenannten 'unteren' Teil des menschlichen Erkenntnisvermögens, der
selbst nicht bis zur Deutlichkeit vordringt.
Diesem unteren Teil des Erkenntnisvermögens137 ist der zweite Abschnitt des er­
sten Teils der "Psychologia empirica" gewidmet, in dessen erstem Kapitel Wolff - wie
oben dargelegt - unterschiedliche Grade der Wahrnehmungen (perceptiones) un­
terscheidet, um auf dieser Grundlage den unteren vom oberen Teil des Erkenntnis­
vermögens abzusetzen. Die dann folgenden vier Kapitel gehen auf den Sinn (sensus),
die Einbildungskraft (imaginatio), das Dichtungsvermögen (facultas fingendi), das
Gedächtnis (memoria), das Vergessen (oblivio) und die mittelbare Erinnerung (re­
miniscentia oder recordatio) ein.
Wird der Körper eines Wahrnehmenden durch einen ihm gegenwärtigen, das
heißt, seinen Sinnesorganen erreichbaren138 Körper oder dessen Aktivität affiziert, so
macht er zunächst auf den Körper des Wahrnehmenden einen Eindruck im engeren
Sinne des Wortes. Diese so entstandene Bewegung im Sinnesorgan nennt Wolff "spe­
cies impressa"139• Den durch diesen mechanischen Eindruck verursachten Impuls und
die damit verbundene physiologische Bewegung vom Sinnesorgan über die Nerven,
wodurch eine Bewegung im Gehirn entsteht, nennt Wolff "Idea materialis"140• Sinnes­
organe, Nerven und Gehirn sind zusammengesetzte Dinge - Körper -, so daß der
Prozeß bis hierhin als "repraesentatio compositi [sc. des äußeren Körpers] in compo­
sito [sc. des Körpers des Wahrnehmenden]"141 bezeichnet werden kann. Die Seele ist
als einfache Substanz definiert142, ihr Wesen ist die Vorstellungskraft143, und die von
dieser Kraft bewirkte permanente Tendenz zur Bewegung144 bringt als erste die

1 36 Vgl. dazu Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 216ff.


137 Vgl. zum folgenden auch Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 79ff.
138 Vgl. Psychologia empirica, § 59f. '"corpora ista nobis praesentia sunt, quae eum ad corpus nostrum
habent situm, ut percipi a nobis possint ... " (§ 60).
139 Psychologia rationalis, § 1 12.
1 40 Ebd.
1 4 1 Psychologia rationalis, § 87 zur "'imago"; § 88f. zu "pictura" und '"sculptura".
1 42 Vgl. a.a.O., § 48.
1 43 Vgl. a.a.O., § 66. "Kraft" (vis) ist von "Fähigkeit" (facultas) zu unterscheiden. "Kraft"' ist die bestän­
dige Tendenz zum Handeln, der zureichende Grund für die Aktualität des Möglichen. "Fähigkeit" ist die
"aktive Potenz" der Seele, die bloße Möglichkeit des Handelns: "Vi animae actuantur, quae per faculta­
tes ejusdem in eadem possibilia intelliguntur" (§ 55; vgl. auch Psychologia empirica, § 29).
1 44 Vgl. Psychologia rationalis, § 56.
Christian Wolff 21

Empfindungen (sensationes) hervor145• Wolff formuliert als "Lex sensationum": "Si in


organo aliquo sensorio ab objecto aliquo sensibili quaedam producitur mutatio; in
mente eidem coexistit sensatio per illam inte/ligibili modo explicabilis ... "146•
Da die fünf Sinne bei Präsenz der Sinnesobjekte sich der Affizierung durch sie
nicht verschließen können und gleiche Eindrücke auch vermittelt gleiche Empfin­
dungen produzieren, ist eine quasi 'automatische' Koexistenz von Sinneseindruck
und Empfindung gegeben. Die Empfindung ist eine Spezifikation der Perzeption,
und ihr Produkt nennt Wolff "ldea sensualis"141•
Hier ist auf einige Unklarheiten hinzuweisen. Die von den Sinneseindrücken in­
duzierten Ideen sind "repraesentationes compositi in simplici"148, "in simplici" deshalb,
weil die Seele selbst eine einfache Substanz ist. Insofern die Seele immateriell ist,
können diese Ideen als Bilder nicht materiell sein, weshalb Wolff Figur, Größe, Lage
und Bewegung als 'Bildinhalte' bestimmt149• Als (immaterielle) Bilder sind sie den
vorgestellten Dingen "ähnlich"150 und können für sich genommen deutlich sein, näm­
lich dann, wenn Form, Größe und Bewegung unterschieden werden können151• Daß
die Deutlichkeit im Bereich der unteren Erkenntnisvermögen, wenn auch nur parti­
ell, erreicht werden können soll, ist hier nur als befremdlich zu konstatieren, da als
Spezifikum des unteren Erkenntnisvermögens doch gerade die klare und venvo"ene
Erkenntnis als obere Grenze bestimmt worden war152• Daß hingegen die Klarheit der
ideae sensuales durch die Geschwindigkeit der ideae materiales gesteigert
beziehungsweise vermindert werden kann, ist widerspruchsfrei integrierbar. Gleich­
wohl ist Bissingers zu Recht erstaunter Feststellung zuzustimmen, daß Klarheit und
Deutlichkeit der ideae sensuales "ohne Zutun der Seele" zustandekommen sollen153•
Unklar ist darüber hinaus in Wolffs Psychologie, wie es zur quasi 'automatischen'
Koexistenz von idea materialis und idea sensualis kommt. Wolff stellt die Koexistenz
als Faktum hin, erläutert deren Zustandekommen aber im Rahmen seiner Psycholo­
gie nicht. Es ist, wiederum mit Bissinger, zu vermuten, daß aus dem Fundus der Psy­
chologie Wolffs selbst die Frage gar nicht beantwortet werden kann, sondern auf das
metaphysische Axiom der prästabilierten Harmonie zurückzugreifen ist, von der aus
eine vage Plausibilität des Verhältnisses von Körper und Seele gewonnen werden
kann154• Aus dieser - nicht-psychologischen - Perspektive stellt sich die sympatheti­
sche Bewegung in den Sinnen und der Seele so dar, als ob beide aktualiter miteinan­
der in Verbindung stünden155• Die Lehre von der prästabilierten Harmonie, der
Wolff sich in diesem Punkt gegen die Lehren vom influxus physicus und von den
Gelegenheitsursachen anschließt, bestimmt aber Körper und Seele als je eigenstän-

145 Vgl. a.a.O., § 65.


146
Psychologia empirica, § 85. Vgl. auch Psychologia rationalis, § 62.
147 Psychologia empirica, § 95.
148 Psychologia rationalis, § 83.
149 Vgl. a.a.O., § 92.
1"' A.a.O., § 91.
15 1 Vgl. a.a.O., § 93.
152
Vgl. dazu Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 86f.
153 A.a.O., S. 86.
154 Vgl. dazu Psychologia empirica, § 947ff. ( das Schlußkapitel); Psychologia rationalis, Sectio 111,
=

besonders § 612ff.; Dt. Metaphysik, § 761ff. Dazu: Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 87 und 116-124.
155 Vgl. Ecole: "Psychologia rationalis", S. 530.
22 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

dige. Das angenommene Datum der Übereinstimmung beider wird mit der ur­
sprünglichen Einrichtung der Welt erklärt. Deren Ursache ist Gott, der als Erstursa­
che Körper und Seele als eigenständige geschaffen und mit ihrer Schöpfung in Über­
einstimmung gebracht hat. Diese Eigenständigkeil ist die Voraussetzung für die
menschenmögliche, wissenschaftliche Untersuchung von Körper und Geist, ohne
permanenten Rekurs auf nicht-natürliche, das heißt: nicht in der Sache und deren
Zusammenhängen begründete Ursachen.
Nach dem bisher grundsätzlich zu den Sinnen Gesagten können die unteren Er­
kenntnisvermögen nun knapp dargestellt werden156•
Die Einbildungen (phantasmata) unterscheiden sich von den Empfindungen da­
durch, daß sie nicht gegenwärtige, sondern abwesende157 äußere Dinge vorstellen,
genauer: phantasmata sind reproduzierte Ideen von Sinnesobjekten, setzen also die
Empfindung voraus158• Die Fähigkeit, Einbildungen hervorzubringen, nennt Wolff
"Facultas imaginandi seu Imaginatio"159• Die phantasmata unterscheiden sich von den
ideae sensuales durch geringere Klarheit, ihre Hervorbringung gleicht einer schwä­
cheren Empfindung. Hervorzuheben ist, daß die Reproduktion einer Empfindung in
der Einbildung die Reproduktion des Zusammenhangs, in dem die einzelne Empfin­
dung ursprünglich erfahren wurde, mit sich bringt, und aus diesem Zusammenhang
wiederum einzelne phantasmata andere, zuvor empfundene Zusammenhänge
evozieren160, was, wie Wolff hervorhebt, unter anderem für die 'Unordnung' des
Traums von Bedeutung ist.
Phantasmata können von zusammengesetzten Wahrnehmungen in Teilwahrneh­
mungen zerteilt, sie können aber auch aus Teilwahrnehmungen zusammengesetzt
werden161 • Die Fähigkeit zu diesen Operationen nennt Wolff "Facultas fingendi"162,
"Kraft zu erdichten"163• Dabei können neue, bisher nicht wahrgenommene Dinge ent­
stehen, die entweder möglich oder unmöglich sind. Diejenigen phantasmata, die et­
was Unmögliches - ein "en.s fictum"164 vorstellen, nennt Wolff "Figmenta"165• Ge­
-

meint sind Einbildungen, denen in der Welt nichts entspricht, denen keine Wahrheit
zukommt. Wolff tut sich schwer im Umgang mit den Figmenta, weil der Nachweis
der Unmöglichkeit nicht immer ohne weiteres geführt werden kann. Die Andeutun­
gen, die er dazu macht, haben wohl Baumgarten später zu seiner Differenzierung in

156 Ich sehe im weiteren von Ausführungen zu Gedächtnis, Vergessen und vermittelter Erinnerung
ab. Vgl. dazu Bissinger, Gotteserkenntnis, S. 91f.
157 Vgl. Psychologia empirica, § 91ff.
1 ,. Vgl. a.a.O., § 106; Psychologia rationalis, § 229.
"" Psychologia empirica, § 92.
1
60 Wolffs Schüler Baumgarten belegt diesen Sachverhalt später mit dem Terminus "associatio
idearum". Vgl. Alexand.(er] Gottlieb Baumgarten: Metaphysica [zuerst 1739]. Editio VII. Nachdruck der
Ausgabe Halle 1779. Hildesheim 1963, § 561. Wenn nicht anders erwähnt, wird im folgenden nach die­
ser Ausgabe zitiert.
1 61 Vgl. Psychologia empirica, § 139 und 142.
1 62 A.a.O., § 144.
1 61 Dt. Metaphysik, § 242, S. 135.

164 Psychologia empirica, § 146.


165 A.a.O., § 170.
Christian Wolff 23

heterokosmische und utopische Fiktionen veranlaßt166. Außerdem ist das Zu­


standekommen der Figmenta bisweilen der menschlichen Intention entzogen, weil
reproduzierte Teilwahrnehmungen unwillkürlich mit solchen Gesamtwahrnehmun­
gen zusammengebracht werden können, die nicht der ursprünglichen Empfindung
entsprechen. "Aus dieser Quelle entspringen die Einbildungen der Mahler, Bildhauer
und anderer Künstler, die sie durch die Kunst vorstellen, wenn sie allerhand
Abendtheure zu Marckte bringen."167
Als Beispiel für die möglichen phantasmata, die Neues vorstellen, zieht Wolff den
Architekten heran, der Teile verschiedener Gebäude zu einem neuen zusammen­
stellt168. Die Beachtung des zureichenden G rundes, die die Voraussetzung für die
möglichen phantasmata ist, sei auch für die anderen Künste verbindlich, von denen
Wolff Malerei, Bildhauerei und Gartenbau in diesem Zusammenhang explizit er­
wähnt169.
Unterer und oberer Teil des menschlichen Erkenntnisvermögens werden von
Wolff in der Darstellung getrennt. Insofern, als Wolff klare und deutliche Begriffe
von beiden Teilen gewinnen will, werden sie erst Gegenstand der Philosophie. De
facto sind aber beide Teile vereinigt und machen ein humanspezifisches Ganzes aus.
Einige Übergänge haben wir bereits angedeutet, Wolff hat sich aber grundsätzlich zu
diesem Verhältnis als Problem geäußert, und zwar in einer Weise, die dazu zwingt,
die vielberufene Vorstellung von Wolff als dem Exponenten rationalistischer
Systemphilosophie zu relativieren.
Alfred Baeumler referiert in seiner kenntnisreichen Darstellung Georg Friedrich
Meiers These aus dessen "Vernunftlehre"170, daß die Menschen "keine Sache aufs
allervollständigste erkennen [könnten] ; in allen unseren deutlichen Vorstellungen ist
noch viel Verwirrung und Dunkelheit."171 Und Baeumler schließt unmittelbar daran
an: "Wolff hätte ein solches Geständnis [ ! ] nie gemacht."1 72 Das Gegenteil ist der
Fall, denn Meier zitiert Wolff fast wörtlich. In der "Psychologia empirica" heißt es:
"intel/ectus a sensu atque imaginatione nunquam liber est, consequenter nec unquam
prorsus purus est . "1 73• Dem entspricht in der "Deutschen Metaphysik" Wolffs Aus­
..

sage, die Erfahrung erweise, "daß unser Verstand niemahls gantz reine ist, sondern
bey der Deutlichkeit beständig noch viel Undeutlichkeit und Dunckelheit übrig blei­
bet."1 74 Und er macht im anschließenden Satz sein Projekt, die Psychologie philoso­
phisch behandeln zu wollen (und zu können), deutlich: "Dessen ungeachtet kan man
doch einem jeden Vermögen der Seele zueignen, was ihm gehöret, und dadurch

166 Vgl. a.a.O., § 146, wo Wolff von der relativen, nämlich auf die gegenwärtig existierende Welt be­
zogenen Unverträglichkeit spricht. Vgl. auch Dt. Metaphysik, § 571. - Vgl. Zu Baumgartens Unterschei­
dung: Meditationes, § 52.
167 Dt. Metaphysik, § 244.
1 68 Vgl. Psychologia empirica, § 149f.
"" Vgl. a.a.O., § 149, nota.
1 70 George Friedrich Meier: Vernunftlehre. Halle 1752.
1 71 Baeurnler, Irrationalitätsproblem, S. 204. Baeumler bezieht sich wörtlich auf § 175 und 179 der
"Vernunftlehre" Meiers. Die These findet sich bei Meier im Abschnitt über die Erkenntnisgrade (§ 155
bis 186) häufig.
1 72 Ebd.
173 Psychologia empirica, § 315.
174 Dt. Metaphysik, § 285.
24 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

vermeiden, daß nicht durch zweydeutige Reden zu Mißverständnissen Anlaß gege­


ben werde."175
Das Faktum des 'Dunklen' in der Seele und des Verworrenen, Undeutlichen in
der Erkenntnis wird von Wolff nicht nur nicht bestritten, es ist der Ausgangspunkt
seiner Begriffs- und Erkenntnislehre, ein nicht hintergehbares, menschliches Datum.
Daß es als Faktum klar und deutlich benannt werden kann, bedeutet nicht, es mit
der Benennung zum Verschwinden zu bringen. Die begriffliche Fassung hat die
Funktion der Verortung der Erkenntnisgrade, um durch diese Verortung eine Orien­
tierung und Sicherheit im Zusammenspiel von Data, Objekt- und Metasprache her­
beizuführen. Wolffs Philosophie hat sich die Aufgabe gestellt, sich des Willbaren
begrifflich zu vergewissern, derart, daß der Bereich des Wissens allererst abgesteckt
wird. Dazu ist erforderlich, Peripherie und Zentrum aufzuzeigen. Daß die cognitio
historica, die "nuda facti notitia" die grundlegende Erkenntnisart ist, daß die "tene­
brae" ihren Ort in der Seele haben, an denen das Licht der Seele überhaupt erst sein
Profil gewinnt, sind Annahmen Wolffs, die die Peripherie menschlicher Erkenntnis
bezeichnen. Um das Ziel menschlicher Erkenntnis - den den menschlichen Möglich­
keiten entsprechenden höchsten Grad klarer und deutlicher Erkenntnis zu erreichen
- überhaupt formulieren zu können, war die Spezifikation der 'Peripherie' erforder­
lich. Darin liegt ein Verdienst der Wolffschen Philosophie, und damit ist sie zu einer
Folie für die Entwicklung der Ästhetik geworden.
Entsprechend seiner Vorstellung, daß die cognitio historica das "feste und uner­
schütterliche Fundament" der philosophischen Erkenntnis seP76, dürfte Wolff eine
auf bestimmte Objektbereiche applizierte Ausarbeitung dieser Erkenntnisart im Zu­
sammenhang mit der durch Sinne und Einbildungskraft erreichbaren Erkenntnis­
stufe deshalb nicht für erstrebenswert gehalten haben, weil das Ensemble beider sich
auf das Einzelne konzentriert. Philosophie als Wissenschaft im Wolffschen (und
Leibnizschen) Sinne geht aber vom nexus rerum, dem Gesamtzusammenhang der
Welt aus, für dessen Erkenntnis die Erkenntnis der Dinge im einzelnen be­
ziehungsweise als Einzelne177 eine zwar notwendige, gemessen am Erkenntnisobjekt
und -ziel aber nur propädeutische Funktion hat. Insofern liegt es nahe, daß Wolff
sich auch mit den aistheta beschäftigt, aber keine eigenständige Ästhetik ausarbeitet.
Die These Joachim Kruegers, "daß Baumgarten die grundlegenden Konzeptionen
seiner Ästhetik von Wolff übernommen hat"178 ist in dieser Allgemeinheit nicht
neu179• In seinen Ausführungen gelingt es Krueger in der Tat, zahlreiche Äußerungen
Wolffs beizubringen, die sich auf die Kunst, die Künste und das Schöne beziehen.
Bedenken sind indessen angebracht hinsichtlich der Perspektive, unter der Krueger
diese Äußerungen Wolffs ordnet, denn das Schöne ist für Wolff kein Problem für

'"' Ebd.
176
Vgl. Discursus praeliminaris, § 11.
177 Vgl. Psychologia empirica, § 275, nota.
178
Krueger, Chr. Wolff, S. 84.
'"' Vgl. Baeumler, Irrationalitätsproblem, S. 194: "Im Zusammenhang der Wolffischen Erkenntnis­
lehre betrachtet, verliert das Unternehmen Baumgartens alles Auffallende: es ist nur selbstverständlich,
daß man sich in einer Philosophie, die der sinnlichen (historischen) Erkenntnis so viel zubilligt, auch
einmal des unteren Vermögens annimmt." Und, S. 197: "Baumgartens Ästhetik beansprucht nicht, neu
zu sein."
Christian Wolff 25

sich, sondern eine Art Vorkommen von Vollkommenheit - wie Krueger auch ver­
merkt180 - und insofern unter anderen notwendigerweise im Zusammenhang der Er­
kenntnisarten und -grade mit abzuhandeln, nicht aber für sich auszuarbeiten. Verein­
facht gesagt: Wolff befaßt sich zwar mit dem Schönen, weil es im Bereich der Lehre
von den Erkenntnis- und Begehrungsvermögen eine Rolle spielt, er befaßt sich aber
nicht umgekehrt mit der Lehre von den Erkenntnis- und Begehrungsvermögen, um
deren Rolle zur Bestimmung des Schönen zu ermitteln. Anders: Der Ästhetik-Be­
griff, den Krueger seiner Untersuchung zugrundelegt, ist Wolff nicht angemessen.
Um sich die Bedeutung von Diskussionen im 18. Jahrhundert über das Wunder­
bare, das 'Unergründliche der Seele', die Unteilbarkeit der Seinserfahrung, dessen,
was an der empirischen Psychologie denn im Ernst als "empirisch" anzusehen sei und
anderes mehr klar zu machen, kann man sich kaum eindringlich genug vor Augen
führen, daß all dieses Punkte sind, die im philosophischen System eine weitreichende
Sprengkraft entwickeln. Baumgartens erheblicher Aufwand, sein Projekt "Aesthetica"
zu rechtfertigen, ist ein beredtes Zeugnis dafür. Bevor aber davon die Rede sein soll,
sei das Beispiel eines unverdächtigen Zeugen angeführt, der deutlich macht, daß das,
was unter dem Namen "Ästhetik" subsumiert wird, um die Mitte des 18. Jahrhunderts
keineswegs auf die 'Kunstlehre' oder 'Lehre vom Schönen' reduziert ist. Ästhetik ist
die Lehre von den aistheta, nicht mehr, vor allem aber nicht weniger.
Johann George Sulzer stellt in der zweiten Auflage seines "Kurzen Begriffs aller
Wißenschaften" neben anderen philosophischen Disziplinen auch die Psychologie
vor, und er bezieht sich ausführlich auf Christian Wolff. Lobend hebt er in einer Pas­
sage die systematische Ausarbeitung der "Psychologia empirica" hervor, streicht aber
gleichzeitig einerseits heraus, daß das Analyseinstrumentarium der Psychologie sub­
tiler werden müsse. Andererseits gebe es noch Desiderate, deren Ausarbeitung Sul­
zer sich als Vervollständigung der Wolffschen Vorgabe denkt: "Da nun die Kenntnis
der menschlichen Seele der edelste Theil der Wissenschaften ist, so ist die Erweite­
rung der empirischen Psychologie den Liebhabern der Weltweisheit bestens zu emp­
fehlen. lnsonderheit möchten wir sie erinnern, die genaueste Aufmerksamkeit auf
die dunkeln Gegenden der Seele (wenn man so reden kann) zu richten; wo sie durch
sehr undeutliche und dunkle Begriffe handelt. Wolf [sie] hat die Würkungen des
Verstandes beym deutlichen Denken und Urtheilen fürtrefflich beschrieben. Wenn
man auf eben diese Weise das Betragen der Seele bey der undeutlichen Erkenntnis
und bey den schnellen Urtheilen, welche aus der anschauenden Erkenntnis folgen,
bey allerley Arten der Fälle genau aus einander sezte, so würde dieser Theil der
Philosophie noch sehr erweitert werden."181

1110 Vgl. Krueger, Chr. Wolff, S. 52. Die gleiche Verengung des Ä sthetik-Begriffs auf eine Kunstphilo­
sophie bestimmt Kruegers Textauswahl: Ästhetik der Antike. Hrsg. von Joachim Krueger. Berlin und
Weimar 2 1983. Im Vorwort, S. 6, wird das Selektionskriterium 'Kunstphilosophie' genannt, aber nicht
begründet.
1 81 [Sulzer), Kurzer Begriff e1759), § 206, S. 159. Wohl noch ohne Kenntnis der Wolffschen Psycho­
-

logie formulierte Sulzer in der ersten Auflage seines "Kurzen Begriffs" sein Desiderat um einiges vager:
"Man hat diese Wissenschaft [sc. die Psychologie) bey unsern Zeiten sehr hoch gebracht, jedoch weiß
man nicht, ob nicht noch andere bis dahin unbekannte Dinge in der Seele sind. Und könte insonderheit
die Lehre von den Affekten, ihrer Verwandschafft, Erregung, Unterdrückung, noch weit höher getrie­
ben werden." [J.G. Sulzer:) Kurzer Begriff aller Wissenschafften. Worinn die natürliche Verbindung al­
ler Theile der Gelehrtheit gezeiget, auch ein jeder ins besondere nach seinem Innhalt, Nutzen und
26 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

Sulzers 'Erweiterungs'-Vorschlag konzentriert sich auf genau den Punkt der


Wolffschen Psychologie, wo es nichts zu erweitern gibt - es sei denn um den Preis der
Sprengung des Wolffschen Systems. Die "dunkeln Gegenden der Seele" - Wolffs
"tenebrae" - sind der für Wolff nicht hintergehbare Ausgangspunkt seiner Psycholo­
gie. Eine Ergänzung über diese Peripherie hinaus, wie Sulzer sie anregt, ist deshalb
nicht möglich, weil Wolffs Erkenntnislehre keine Handhabe zur Analyse, das heißt
zur metasprachlich differenzierten Integration des Dunklen bietet. Der
Komplettierungsvorschlag Sulzers erweist sich als tendenzielle Erschütterung des Sy­
stems, denn die 'Ergänzung' ist nur durch Veränderung des analytischen Instrumen­
tariums und durch Veränderung der Richtung der Analyse realisierbar. Subjektiv
mag Sulzers Vorschlag als Einführung einer Novität, eines Zusatzes, gedacht gewe­
sen sein, wissenschaftsgeschichtlich stellt er die Formulierung einer Innovation im
Bereich von Psychologie, Ästhetik und Erkenntnislehre dar - ein Vorschlag, den
Zeitgenossen aufgegriffen und ausgearbeitet haben.
So zitiert Mendelssohn anläßtich seiner Rezension der zweiten Auflage des "Kur­
zen Begriffs" ausführlich und zustimmend die oben angeführte Passage in den "Brie­
fen die Neueste Literatur betreffend"182• Herder als Verfasser der 'Beilagen'183 zu
den Literaturbriefen wird Mendelssohns Rezension gekannt haben, und sie dürfte
bei ihm auf reges Interesse gestoßen sein184• Und die Linie läßt sich weiter ausziehen
bis hin etwa zu Karl Phitipp Moritz, dem Mendelssohn bei der Konzeption seines
"Magazins zur Erfahrungsseelenkunde" zur Seite gestanden hat, ja, Sulzers weitere
Bemerkungen zur Psychologie lesen sich geradezu wie eine programmatische For­
mulierungshilfe zu Moritzens empirischer Psychologie185•

C. Alexander Gottlieb Baumgarten

Bekanntlich definiert und benennt Alexander Gottlieb Baumgarten als erster in der
Geschichte der Philosophie die Ästhetik als philosophische Disziplin. Im Paragra­
phen 1 15 seiner 1735 erschienenen "Meditationes philosophicae de nonnullis ad Po-

VoUkommenheit kürzlich beschrieben wird. Leipzig 1745, § 59, S. 60. - Auch der erste Teil von Baum­
gartens "Aesthetica" dürfte Sulzer mit zu seinen Änderungen in der 2. Auflage veranlaßt haben. Bei
Baumgarten heißt es: ""Hic animae fundus [ ... ] a multis adhuc ignoretur, etiam philosophis ... " (Aesthe­
tica, § 80).
182 Vgl. Briefe[,] die Neueste Literatur betreffend. IV. Theil. Berlin 1759, 61. Brief, S. 227ff.
183 Herders "Fragmente" führen in der ersten Fassung den Untertitel: "Eine Beilage zu den Briefen,
die neueste Literatur betreffend".
1 .. Vgl. zu Herders "erster Logik", dem "unerweislichen Grund des Seyns" u.a. unten, S. 52ff.
1 "" Sulzer schreibt: "Es wäre auch sehr nüzlich, wenn man einige außerordentliche psychologische
Fälle, welche sich aus den bekannten Eigenschaften der Seele noch nicht auflösen lassen, in besondern
Beyträgen auf das genaueste bemerkte. Dahin gehören z.E. die Ahndungen, welche bisweilen einigen
Personen, theils in Träumen, theils im Wachen nicht ungewöhnlich sind, die merkwürdigste Zerstreuun­
gen des Geistes, ingleichen gewisse ganz besondere Arten der Verwirrung des Geistes oder der Tollheit.
Es wäre überhaupt für die Kenntnis der Seele sehr gut, wenn die Zufälle aller Arten der Tollheit in Ab­
sicht auf die Psychologie, mit dem Fleiße beschrieben würden, welchen man a uf die Beschreibungen der
besonderen Krankheiten anzuwenden pflegt. Auch ist überhaupt noch vieles von der Harmonie zwi­
schen dem Zustand des Leibes und der Seele anzumerken, welches die größte Aufmerksamkeit verdie­
net." Kurzer Begriff e 1759], § 207, S. 159f.
Alexander Gottlieb Baumgarten 27

ema pertinentibus"186 schließt Baumgarten von der Existenz sinnlicher Vorstellungen


auf die Existenz einer niederen - sinnlichen - Erkenntnisfähigkeit Die derzeit aus­
geübte Logik sei zwar darauf angelegt, das obere Erkenntnisvermögen187 anzuleiten,
das untere Erkenntnisvermögen liege aber - zu Unrecht - außerhalb philosophischer
Aufmerksamkeit. Daher müsse der Logikbegriff erweitert werden, um durch eine
"Logicam sensu generaliore"188 auch das untere Erkenntnisvermögen zur Entfaltung
anleiten zu können. Diese neue Wissenschaft ist indessen nicht die Psychologie, sie
bezieht aber, wie die Logik des oberen Erkenntnisvermögens, ihre Prinzipien aus der
Psychologie189. Sie ist nicht mehr die, sondern eine (organische und theoretische) Lo­
gik190, die einerseits das untere Erkenntnisvermögen vor den ihm möglichen Irrtü­
mern bewahrt; andererseits ist sie die "Wissenschaft von der Art und Weise, wie sinn­
liche Erkenntnis gewonnen wird": "Quum psychologia det firma principia, nulli du­
bitamus scientiam dari posse facultatem cognoscitiuam inferiorem, quae dirigat, aut
scientiam sensitiue quid cognoscendi. "191 Diese Definition besetzt Baumgarten mit
dem Begriff "Ästhetik": " ... graeci iam philosophi & patres inter aistheta & noeta se­
dulo semper distinxerunt, satisque apparet aistheta iis non solis aequipollere sensua­
libus, quum absentia etiam sensa (ergo phantasmata) hoc nornine honorentur. Sunt

186 Alexander Gottlieb Baumgarten: Meditationes philosophicae de nonnullis ad Poema pertinentibus


( ... ). Halle 1735. Da die lateinisch-deutsche Ausgabe, die Heinz Paetzold besorgt hat (A.G.B.: Medita­
tiones ( ... )/Philosophische Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichtes. Übersetzt und mit
einer Einleitung hrsg. von Heinz Paetzold. Lateinisch-Deutsch. Harnburg 1983 [ Philosophische Bi­
=

bliothek Bd. 352)), durch etliche Druckfehler entstellt ist, zitiere ich im folgenden nach dem Nachdruck
der Erstausgabe in: Reflections on Poetry. Alexander Gottlieb Baumgarten's "Meditationes ( ... )". Trans­
lated, with the Original Text, an Introduction, and Notes, by Kar! Aschenbrenner and William B.
Holther. Berkeley and Los Angeles 1954. Im folgenden zit. als: Baumgarten: Meditationes. - Angemerkt
sei, daß die Titelformulierungen der deutschen Übersetzungen nicht Baumgartens eigener Übersetzung
entsprechen. Paetzold (s.o.) ergänzt zu "nonnullis": "Bedingungen". Riemann übersetzt mit: "Philosophi­
sche Betrachtungen über einige Erfordernisse eines Gedichtes" (Albert Riemann: Die Aesthetik Ale­
xander Gottlieb Baumgartens unter besonderer Berücksichtigung der "Meditationes [ ... ) nebst einer
Übersetzung dieser Schrift. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1928. Nendeln 1977 ( Bausteine=

zur Geschichte der deutschen Literatur. XXI), S. 103. - Aschenbrenner und Holther (s.o.) übersetzen
schlicht und prägnant (a.a.O., S. 35). - Allen genannten Autoren - wie der Forschung zu Baumgarten
überhaupt - scheint der Text von Baumgartens Antrittsvorlesung in Frankfurt/Oder vom August 1740
entgangen zu sein: Alexander Gottlieb Baumgartens, Ordentl. Lehrers der Philosophie zu Frankfurth,
Gedancken vom Vernünfftigen Beyfall auf Academien, Wonebst er zu seiner Antrits-Rede und ersten
Frankfurthisehen Lese-Stunden eingeladen [zuerst 1740). Zweyte vermehrte Auflage. Halle 1741. Darin
verweist Baumgarten auf seine "Schrift von einigen zum Gedicht gehörigen Stücken" (S. 19; Hervorh. von
Baumgarten), womit seine "Meditationes" gemeint sind. Vgl. auch Euphranor in: Versuch einer
philosophischen Abhandlung von dem Mittelmäßigen in der Dichtkunst (1741), zit. bei Ernst Bergmann:
Die Begründung der deutschen Ästhetik durch Alex.(ander) Gottlieb Baumgarten und Georg Friedrich
Meier. Leipzig 1911, S. 44, wo von Baumgartens "Philosophischen Gedanken von einigen zum Gedichte
gehörigen Stücken" die Rede ist.
1 87 Baumgarten lehnt sich eng an Wolffs Philosophie an. Vgl. hier den § 61 des "Discursus praelimi­
naris". Baumgarten macht aber durch kritische Betonung des Zusammenhanges zwischen oberem Er­
kenntnisvermögen und herkömmlicher Logik seine eigene Perspektive deutlich.
1 88 Baumgarten: Meditationes, § 115.
"" Vgl. Wolff: Discursus praeliminaris, § 89.
190 Vgl. Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus (1981).
München 1986, S. 559: "In einer Zeit, in der das Wort 'Ästhetik' seine ursprüngliche Bedeutung noch in
vollem Maße besaß, mußte das Entwerfen einer Aesthetica von selbst ein höchst bedeutsamer Vorgang
sein".
191 Baumgarten: Meditationes, § 115.
28 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

ergo noeta cognoscenda facultate superiore obiectum logices, aistheta epistemes


aisthetikes siue AESTIIETICAE."192
Die "Metapoetik", wie Abbt die "Meditationes" nannte193, endet mit einem Pro­
gramm, dem die zuvor dargestellten Reflexionen zur Dichtung als exemplum gedient
hatten. Die Bestimmungen des Dichtungsspezifischen dienen zwar auch der philoso­
phischen Erkenntnis des Gedichts beziehungsweise der Poesie, Gedicht und Poesie
ihrerseits werden aber als Beispiel für eine menschliche Äußerungsart eingeführt, die
in ihrer Eigentümlichkeit irreduzibel, gleichwohl philosophischer Reflexion, nämlich
der philosophischen Poetik zugänglich sind. Gedicht und philosophische Poetik ha­
ben ihre allgemeine Entsprechung in den Produkten des unteren Er­
kenntnisvermögens einerseits und in der Ästhetik als deren philosophisch­
metasprachlichem Pendant andererseits. Die Behauptung, Baumgarten gehe "von
der Poetik aus"194, scheint nur auf den ersten Blick richtig. Am Beispiel der Poesie
legt Baumgarten die Möglichkeit philosophischer Erkenntnis im Bereich der reprae­
sentationes sensitivae195 allgemein dar. Eben dies ist Baumgartens Projekt, die Suche
nach der Antwort auf die Frage: Wie ist eine cognitio philosophica der Produkte des
unteren Erkenntnisvermögens möglich? Es ist kein Zufall, daß es bei Baumgarten
nicht, wie des öfteren falsch zitiert wird196, heißt, 'Poema est oratio sensitiva per­
fecta', sondern: "Oratio sensitiua perfecta est POEMA."197 Es geht ihm um die Aus­
grenzung der spezifischen Bestimmungen des Gedichtes aus den allgemeinen und als
akzeptiert vorausgesetzten Bestimmungen der Rede198, so daß der Argumentations­
duktus der "Meditationes" sich als Bewegung vom Bekannten (Rhetorik) zum Neuen
(Poesie bzw. Poetizität in philosophischer Perspektive) darstellt, nicht umgekehrt.
Baumgarten ist sich also bereits in seinen "Meditationes" der Neuheit seines Projekts
"Ästhetik" voll bewußt. Ort, Art und Funktion dieser Ästhetik seien in der folgenden
Skizze näher bestimmt199•

192 Baumgarten: Meditationes, § 116. Vgl. zur Begriffsgeschichte von "Aisthesis": F.P. Hager: "Aisthe­
sis". In: HWP I, Sp. 1 19-121.
193 Thomas Abbt: Leben und Charakter Alexander Gottlieb Baumgartens (zuerst 1763]. In: Th.
Abbts vermischte Werke. 4. Teil. Nachdruck der Ausgabe Berlin und Stettin 1780 u.d.T.: Vermischte
Werke II. Hildesheim, New York 1978, S. 222. - Herder nimmt den Begriff auf, bezieht ihn aber - kon­
sequent - auf Baumgartens "Aesthetica". Vgl. [Bruchstück von Baumgartens Denkmal]. In: FHA I,
S. 682 (in SWS XXXI I u.d.T.: "Von Baumgartens Denkart in seinen Schriften". Der Ausdruck
"Metapoetik" dort S. 184). Vgl. auch unten, S. 70, Anm. 120.
194 Bruno Markwardt: Geschichte der deutschen Poetik. Bd. II: Aufklärung, Rokoko, Sturm und
Drang. Berlin 1956 ( Grundriss der germanischen Philologie. 13/11), S. 498. - Vgl. auch K. Heinrich
=

von Stein: Die Entstehung der neueren Ästhetik. Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1886. Hildesheim
1964, s. 347.
195 Baumgarten: Meditationes, § 3.
196 So z.B. bei Markwardt: Poetik, S. 499 und bei K.H. v. Stein: Ästhetik, S. 337. Merkwürdigerweise
wird auch falsch zitiert bei Heinz Paetzold: Ästhetik des deutschen Idealismus. Zur Idee ästhetischer
Rationalität bei Baumgarten, Kant, Schelling, Hege! und Schopenhauer. Wiesbaden 1983, S. 33. - Vgl.
dazu Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 213f.
197 Baumgarten: Meditationes, § 9.
198 Heute würde heute an vielen Stellen "oratio" mit "Text" zu übersetzen sein.
199 Es geht dabei nicht um eine erschöpfende Darstellung von Baumgartens Ästhetik, sondern nur
um Grundzüge, soweit dies mit Blick auf Herder geboten scheint. Wesentliche Anregungen verdanke
ich vor allem den Darstellungen von Baeumler: Irrationalitätsproblem und der vorzüglichen Arbeit von
Ursula Franke: Kunst als Erkenntnis. Die Rolle der Sinnlichkeit in der Ästhetik des Alexander Gottlieb
Alexander Gottlieb Baumgarten 29

Nach dem Vorbild Wolffs und in der Durchführung eng an ihn angelehnt, teilt
Baumgarten seine Metaphysik in vier Bereiche: Ontologie ("scientia praedicatorum
entis generaliorum"200), Kosmologie ("scientia praedicatorum mundi generalium"201),
Psychologie ("scientia praedicatorum animae generalium"202) und natürliche Theolo­
gie ("scientia de deo, quatenus sine fide cognosci potest"203). Die Psychologie ist un­
terteilt in empirische und rationale, wobei erstere "ex experientia propius", letztere
"ex notione animae longiori ratiociniorum serie"204 ihre Gewißheit bezieht. Die Äs­
thetik wird im zweiten Abschnitt ("Facultas cognoscitiva inferior") des ersten Kapi­
tels ("Psychologia empirica") definiert. Der systematische Ort der Ästhetik ist also
der Bereich des unteren Erkenntnisvermögens.
Baumgarten selbst hat die Ästhetik zu unterschiedlichen Zeitpunkten unter­
schiedlich definiert. In den verschiedenen Auflagen der "Metaphysica", deren
vierte205 Kant als Vorlage für seine Vorlesungen diente, die Herder hörte und fleißig
mitschrieb und ausarbeitete206, variiert Baumgarten nicht den Kernbestand der Defi­
nition, wohl aber zusätzliche Bestimmungen. Der Kernsatz lautet: "Scientia sensitiue
cognoscendi & proponendi est AESTHETICA ... "207•
Gemeinsam mit den "Meditationes", wie auch mit allen übrigen von Baumgarten
gelieferten Formulierungen, hat diese Definition die These, daß die Ästhetik eine
scientia sei. "SCIENTIA est certa cognitio ex certis"208, schrieb Baumgarten in seiner
"Philosophia generalis", und diese Definition kann als - für Baumgartens Stil charak­
teristische - Abbreviatur dessen gelesen werden, was Wolff ausführlicher zum Begriff
der "scientia" geschrieben hatte: "Per Scientiam hic intelligo habitum asserta demon-

Baumgarten. Wiesbaden 1972 ( Studia Leibnitiana Supplementa. Bd. IX) sowie Hans Rudolf Schwei­
=

zer: Ästhetik als Philosophie der sinnlichen Erkenntnis. Eine Interpretation der "Aesthetica" A.G.
Baumgartens mit teilweiser Wiedergabe des lateinischen Textes und deutscher Übersetzung. Basel,
Stuttgart 1973 und Paetzold: Ästhetische Rationalität. Einen konzisen Abriß gibt Joachim Ritter: "Ä s­
thetik, ästhetisch". In: HWP I, Sp. 555-563. Eine ausführliche Analyse der Prolegomena zur "Aesthetica"
(§ 1-13) liefert Michael Jäger: Kommentierende Einführung in Baumgartens "Aesthetica". Zur ent­
stehenden wissenschaftlichen Ästhetik des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Hildesheim, New York
1980 ( Philosophische Texte und Studien. Bd. 1). - An Übersetzungen aus der "Aesthetica" bzw. zu de­
=

ren unmittelbaren Umfeld gehörigen Texten stehen außer der von Schweizer (s.o.) und den in Anm. 186
genannten folgende zur Verfügung: Alexander Gottlieb Baumgarten: Theoretische Ä sthetik. Die
grundlegenden Abschnitte aus der "Aesthetica" (1750/58.) Übersetzt und hrsg. von Hans Rudolf
Schweizer. Lateinisch-Deutsch. Harnburg 1983 ( Philosophische Bibliothek Bd. 355). - Alexander
=

Gottlieb Baumgarten: Texte zur Grundlegung der Ästhetik. Übersetzt und hrsg. von Hans Rudolf
Schweizer. Lateinisch-Deutsch. Harnburg 1983 ( Philosophische Bibliothek Bd. 351).
=

200 Baumgarten: Metaphysica, § 4.


"'' A.a.O., § 351.
202 A.a.O., § 501.
203 A.a.O., § 800 .
"" A.a.O., § 503.
2llS Vgl. Erich Adickes im Vorwort zu Kant AA 15, 1, S. IX.
206 Vgl. Herders Nachschriften der Metaphysik-Vorlesungen Kants in: Kant AA Bd. 28, 1, S. 1-166
,

und Bd. 28, 2,1, S. 839-946.


'JJT1 Baumgarten: Metaphysica, § 533.
208 Baumgarten: Philosophia generalis. Edidit cum dissertatione prooemiali De dubitatione et certi­
tudine Joh. Christian Foerster. Nachdruck der Ausgabe Halle 1770. Hildesheim 1968, § 31. Die "Philo­
sophia generalis" entstand ca. 1742.
30 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

strandi, hoc est, ex principiis certis & immotis per legitimam consequentiam infe­
rendi."209
Die Ästhetik als Wissenschaft muß die Regeln und Gesetze ihres Objektbereichs
klar und deutlich darlegen. Insofern gehört sie zur Philosophie. Ihr Gegenstandsbe­
reich ist aber durch Undeutlichkeit gekennzeichnet, denn Baumgarten setzt die
nicht-deutliche und die sinnliche Vorstellung gleich210• Aufgabe der Ästhetik ist
demnach, einen klaren, aber nicht deutlichen - sinnlichen - Objektbereich klar und
deutlich darzustellen. Daß sowohl sinnliches Erkennen als auch sinnliches Darstellen
Gegenstand der Ästhetik sein soll, hat kaum mit der Vorsteilung vom Erkennen als
rezeptivem und vom Darstellen als produktivem Prozeß zu tun, sondern eher damit,
daß Erkennen und Benennen eng miteinander verknüpft sind, wobei zu beachten ist,
daß beides als Aktivität aufgefaßt wird. Wolff hatte, wie bereits erwähnt, Benenn­
barkeit und Erkennbarkeit bei der klaren Erkenntnis gekoppelt: "Quicquid in idea rei
distingui ab alio potest, id etiam enunciabile est. "211
Baumgarten definiert nun diesen Zusammenhang für den Bereich der sinnlichen
Erkenntnis und formuliert damit den Anspruch der Ästhetik, analog zur Logik struk­
turiert zu sein. Dieser Konnex zwischen Denken und Sprechen ist damals Zeitgenos­
sen präsent, aber auch umstritten gewesen. Ein Anonymus schrieb dazu: "Das schöne
Denken ist mit dem Ausdruck dergestalt unzertrennlich verbunden, daß jenes gar
nicht statt hat, als insofern vorausgesetzt wird, daß wir unsere Begriffe durch eine
Rede ausdrücken wollen."212 Wenn Baumgarten also in seiner "Aesthetica" definiert:
"AES1HETICA [ ... ] est scientia cognitionis sensitiuae"213, so besagt die Tatsache, daß
die Ausdrucksdimension ungenannt bleibt, nicht, daß sie fallengelassen worden
wäre214. Die für Baumgarten mit der Erkenntnis verbundene semiotische Dimension
ist vielmehr mitgemeint215•
Viel Unsicherheit haben Baumgartens Zusätze zu seiner Ästhetik-Definition ge­
bracht, zum einen, weil diese hinzugefügten Bezeichnungen in den unterschiedlichen
Auflagen der "Metaphysica" und auch in den anderen Schriften nicht insgesamt die­
selben bleiben. Das mag auf eine Unsicherheit Baumgartens selbst bei der Situie­
rung seiner neuen Disziplin hinweisen. Zum anderen ist grundsätzlich zu fragen, wel­
che Funktion diese hinzugestellten Bezeichnungen überhaupt haben können. Im Pa­
ragraphen 533 der 2. und 3. Auflage der "Metaphysica" setzt Baumgarten nur eine
Bezeichnung in Klammern hinter den Begriff "Aesthetica": "logica facultatis co­
gnoscitiuae inferioris"216. Ab der vierten Auflage fügt Baumgarten selbst seinen eige-

"" Wolff: Discursus praeliminaris, § 30.


21 0 Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 521.
lll
Wolff: Psychologia empirica, § 281. Vgl. auch oben, S. 18.
212 Zit. nach Heinz Schwitzke: Die Beziehungen zwischen Aesthetik und Metaphysik in der deutschen
Philosophie vor Kant. Berlin 1930, S. 41.
21 3 Baumgarten: Aesthetica, § 1.
21 4 Vgl. Hans Rudolf Schweizers Einführung zu seiner Übersetzung der "Theoretischen Ästhetik"',
S. XI.
215 In der "Metaphysica" behält Baum arten den Zusatz "et proponendi" bis zur letzten Auflage bei.
216 Baumgarten: Metaphysica, 2 1743 (� 1750), § 533. In der ersten Auflage gab es noch keinen Klam­
merzusatz; dort lautete die Defmition in enger Anlehnung an die "Meditationes": "Scientia sensitiue co­
gnoscendi et proponendi est AESTHETICA, meditationis et orationis sensitiuae vel minorem intendens
Alexander Gottlieb Baumgarten 31

nen deutschen Ausdruck - "die Wissenschaft des Schönen"217 - hinzu, und er setzt vier
neue Bezeichnungen in Klammern zum Begriff "Aesthetica" ein: "Philosophia gra­
tiarum et musarum, gnoseologia inferior, ars pulcre cogitandi, ars analogi rationis"218.
In der "Aesthetica" von 1750 lautet die Definition schließlich: "AESTHETICA (theo­
ria liberalium artium, gnoseologia inferior, ars pulcre cogitandi, ars analogi rationis,)
est scientia cognitionis sensitiuae."219
Somit bietet Baumgarten in seiner "Metaphysik" und in seiner "Ästhetik" immer­
hin sechs Bezeichnungen an, die in einem bestimmten Verhältnis zum neuen Begriff
"Aesthetica" stehen sollen. So unterschiedliche Bezeichnungen wie "Philosophia gra­
tiarum et musarum" und "logica facultatis cognoscitiuae inferioris" verbieten, insge­
samt von Synonymen im Sinne von bedeutungsgleichen Ausdrücken zu sprechen. Al­
lenfalls ist die Annahme sowohl ähnlicher als auch gleicher Bedeutung sinnvoll, was
bei einem Blick auf andere Stellen rasch plausibel wird220, und was auch Herder er­
kannt hatte221.
Ein Vergleich mit Baumgartens Definition der "logica artificialis" macht deutlich,
daß die Zusätze in der Klammer keineswegs Ausdrücke sein müssen, die Baumgar­
ten selbst zum Zweck der Erläuterung des Definiendums gebildet hätte. Im neunten
Paragraphen der "Acroasis logica" schreibt Baumgarten: "Logica ( dialectica, ars ra­
tionis, analytica, sensus veri et falsi, scientia scientiarum, medicina mentis, organon,
pharus intellectus) Artificialis est philosophia cognitionis intellectualis perficien­
dae."222
Mit - soweit ich sehe - einer Ausnahme handelt es sich bei den Ausdrücken in der
Klammer um Titel älterer Logiken. "Dialectica", "analytica" und "organon" sind seit
der Antike, insbesondere seit Aristoteles, als Termini bekannt und tauchen in der
Geschichte der Logik immer wieder als Titel auf. "Ars rationis" ist der Titel einer
Logik von Tobias Eckhard223, "De sensu veri et falsi" nennt Andreas Rüdiger seine
Logik224, "Medicina mentis" wird öfters - nicht nur von Tschirnhaus225 - als Titel ge­
wählt, und "Pharus intellectus" nennt Samuel Grosser seine Logik von 1695, die bis

perfectionem, RHETORICA, vel maiorem POETICA UNIVERSALIS." Baumgarten: Metaphysica,


1 1739, § 533.
21 7 Baumgarten: Metaphysica, 4 1757, § 533, Anmerkung.
218 A.a.O., § 533. Der Klammerzusatz bleibt als ganzer bis in die postumen Ausgaben der "Metaphy-
sica" erhalten.
21 9 Baumgarten: Aesthetica, § 1.
231 Vgl. z.B. Baumgarten: Metaphysica, § 4 und § 354.
221 "Baumgarten hat ( ... ) gut getan, daß er die Synonyme seines zu erklärenden Worts, sie mögen nun
genau, oder ohngefähr so viel bedeuten, hinter sein Hauptdefinitum stellet." J.G. Herder: Von
Baumgartens Denkart in seinen Schriften. In: FHA I, S. 653. In der 2. Fassung der 1. Sammlung der
Fragmente " Ü ber die neuere deutsche Literatur" (1768) nennt Herder diese Bestimmungen "syn­
onymische Allegorien" (FHA I, S. 634) .
222 Alexander Gottlieb Baumgarten: Acroasis logica in Christianum L.B. de Wolff. Nachdruck der
Ausgabe Halle 1761. Hildesheim 1983, § 9.
223 Tobias Eckbardus: Ars Rationis seu Eiementa Logicae. Quedlinburg 1714. Vgl. unten, Anm. 234.
224 Andreas Rüdiger: De sensu veri et falsi libri IV. Halle 1709. Die zweite Auflage, Leipzig 1722,
befand sich in Baumgartens Besitz, wie der bisher von der Forschung nicht berücksichtigte Auktionska­
talog der Bibliothek Baumgartens ausweist: Catalogus librorvm a viro excellentissimo amplissimo Ale­
xandro Gottlieb Baumgarten ( ... ). Frankfurt/Oder 1762, Sectin IV. In Quarto, Nr. 33, S. 108.
225 Ehrenfried Wallher von Tschirnhaus: Medicina mentis sive artis invenienda praecepta generalia.
Amsterdam 1687.
32 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

1737 in immerhin acht Ausgaben erscheint226• Daß der Ausdruck "scientia scien­
tiarum" als Titel nicht auftaucht, besagt nicht, daß er aus der Reihe der anderen
herausfiele. Entsprechend der verbreiteten Auffassung, daß die Logik In­
strumentalwissenschaft sei, die den Weg zur Gewißheit in allen Wissenschaften
weise, ist die Charakterisierung als 'Wissenschaft aller Wissenschaften' zutreffend.
Die Frage ist, ob Baumgarten der Logik diese Leitfunktion weiterhin zugesteht.
Mit den 'Synonyma' hat Baumgarten also nicht solche Ausdrücke aufgeführt, die
seinen Logik-Begriff ersetzen könnten, sondern solche, die andere, aber ähnliche
Positionen der Logik bezeichnen - gewissermaßen eine Aufreihung von mehr oder
weniger bekannten Bezeichnungen, mit denen beim Leser oder Hörer ein Assoziati­
onsfeld eröffnet wird, das aus mehreren Positionen der Logik zusammengesetzt ist.
Für die neue Wissenschaft der Ästhetik stand Baumgarten diese Möglichkeit des
Rückgriffs auf die Tradition natürlich nicht zu Gebot. Ausgearbeitete Ästhetiken gab
es ja noch nicht. Die Ausdrücke, die sich innerhalb der Ästhetik-Definition in der
Klammer finden, haben also eine andere Funktion227• Sie sollen vor allem die Posi­
tion der Ästhetik innerhalb der Philosophie bestimmen, das heißt mit der Situierung
im System der Philosophie soll ihre Dignität als Teil der Philosophie und die Digni­
tät ihres Objektbereichs reklamiert werden. Daß die Ästhetik die "logica facultatis
cognoscitiuae inferioris" sei, stellt die Ästhetik programmatisch der Logik - jetzt im
engeren Sinne als 'logica facultatis cognoscitivae superioris' - zur Seite. Die Ästhetik
als Disziplin ist die 'jüngere Schwester' der Logik, das heißt, sie hat bestimmte
Rechte in der 'Familie' der philosophischen Disziplinen: "Aesthetica nostra [ .. ] sicuti .

logica, soror eius natu maior, est I) THEORETICA, docens, generalis [ . . ] II) .

PRACTICA, vtens, specialis ... "228•


Die Parallelsetzung von Logik und Ästhetik hat indessen nicht nur die Funktion
einer evaluativen Situierung, sondern sie exponiert auch Ähnlichkeiten in der Konsti­
tution und Leistung beider. Baumgarten unterscheidet in Analogie zur Logik229 eine
'aesthetica naturalis' und eine 'aesthetica artificialis'. Erstere ist die natürliche
Disposition jedes Menschen zur sinnlichen Erkenntnis. Diese Disposition kann durch
Übung habitualisiert werden und dadurch zu einer 'aesthetica utens' ausgebildet
werden. Diese wiederum kann weitervermittelt werden, ohne bereits theoretisch
reflektiert worden zu sein. Für die 'aesthetica naturalis' insgesamt gilt, daß die Re­
geln des sinnlichen Erkennens und Darstellens nicht klar und deutlich erkannt wor­
den sind, genauer: die Begründung der Regeln ist nicht gegeben, und daher ist die
natürliche Ästhetik, insofern sie Fertigkeit (habitus) ist, vor Fehlgriffen nicht sicher
und einer geschlossenen Ausarbeitung nicht zugänglich. Sie ist keine Theorie und
nicht episteme, sondern ars, techne.

226 Samuel Grosser: Pharus intellectus sive logica electiva. Leipzig 1695. Vgl. zu weiteren Ausgaben
dieses Titels wie zum Bezeichnungsproblem überhaupt: Wilhelm Risse: Bibliographia Logica. Bd. I:
1472-1800. Hildesheim 1965 sowie ders.: Logik I. In: HWP V, Sp. 357-362 und K. Lorenz: Logik II. In
HWP V, Sp. 362-367. Ob die im Auktionskatalog, S. 138, Nr. 326 genannte "Grosseri Logica. Lips.
-

1727" Grossers "Pharus intellectus" meint, ließ sich nicht ermitteln.


m Schweizer: Ä sthetik, S. 26 greift zu kurz, wenn er die Klammerausdrücke als "Umschreibungen"
bezeichnet.
228 Baumgarten: Aesthetica, § 13. Vgl. zu der Logik-analogen Unterscheidung von docens/utens: S.
Ebbesen: Logica docens/utens. In: HWP V, Sp. 353-355.
229 Vgl. dazu Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 26-30.
Alexander Gottlieb Baumgarten 33

Die natürliche Ästhetik, insofern sie Fähigkeit (facultas) ist, ist, weil sie allen
Menschen gemein ist, die Grundlage für die Ausarbeitung der 'aesthetica artificialis'.
Diese, die künstliche Ästhetik, auszuarbeiten, ist Baumgartens Projekt im engeren
Sinne. Sie hat die Aufgabe, über die Fähigkeiten und Fertigkeiten des 'homo
aestheticus' - das heißt aller Menschen - und des "felix aestheticus230 - das heißt des
künstlerisch Tätigen, aber auch Gradans "Discreto" und das Ideal des honnete
homme sind mitgemeint - gewisse und kohärente Aussagen zu machen.
Baumgarten schafft also aus der Feststellung zweier Erkenntnisvermögen des
Menschen heraus zwei 'Logiken', eine Differenzierung, die das traditionell hohe An­
sehen der Logik als der organischen theoretischen Philosophie schmälert, um die
Philosophie insgesamt zu erweitern. Die Philosophie kann es sich, nach Baumgarten,
nicht leisten, den Menschen ausschließlich in intellektueller Hinsicht wahrzu­
nehmen231. Das untere Erkenntnisvermögen ist nicht nur als lästiges Prolegomenon,
als notgedrungen vorausgesetztes und ebenso anzuerkennendes Datum aller übrigen
Erkenntnisleistungen anzusehen, sondern es muß als ein Eigenes in seiner eigen­
tümlichen Beschaffenheit und Funktion untersucht werden. Der Philosoph Baumgar­
ten macht hier den Versuch zur philosophischen Komplettierung des Menschenbil­
des im 18. Jahrhundert, und er verleiht dem Versuch mit seiner Ästhetik diskursiv
Nachdruck. Dadurch, daß er die Homonymie des Terminus "cognitio" für den intel­
lektuellen und den sinnlichen Bereich gleichermaßen nutzt, verschafft er sich die
Möglichkeit des gnoseologischen Zugriffs auf das bis dato Ausgegrenzte. Gleichzeitig
aber verändert er mit dieser Komplettierung die Domäne der Philosophie. Die von
Baumgarten in Analogie zur alten Logik behauptete Regelhaftigkeit der ästhetischen
Phänomene ist nämlich zunächst nicht mehr als eine Behauptung, die ihr Gewicht
einerseits aus einer gewissen Plausibilität der Erfahrung, andererseits aus der be­
mühten Analogie zur Logik bezieht. "Logica facultatis cognoscitiuae inferioris", "gno­
seologia inferior" und "theoria liberalium artium" sind also vorerst Metaphern, Über­
tragungen, die durch Ausarbeitung des Systems der Ästhetik zu Begriffen auf­
gewertet werden sollen, obwohl sie dem ersten Anschein nach bereits gewisse Be­
griffe zu sein scheinen. "Ästhetik" als Teil der Philosophie ist also nicht ein Bereich,
der schon in die bestehende Philosophie integriert, aber nur noch nicht elaboriert
gewesen wäre, um nun - gewissermaßen als Ausschnittsvergrößerung - einer
angestrengten Aufmerksamkeit unterworfen zu werden. Mit der Ästhetik operiert
Baumgarten vielmehr an der Peripherie der Philosophie, und er deutet damit einen
Weg an, der das bestehende System nicht im Detail ergänzt, sondern in Zusam­
menhang und Umfang verändert. Dieses ist der Unterschied zwischen Baumgarten
als philosophischem Ästhetiker und anderen, die schon vor ihm als Poetiker oder

230 Der Ausdruck "homo aestheticus" findet sich nicht bei Baumgarten. In Analogie zu z.B. Huizingas
"homo ludens" oder Dahrendorfs "homo sociologicus" soll damit ein Aspekt - der Mensch, insofern er
sinnlich erkennt - bezeichnet werden. - Vgl. auch Johannes Scharf: Institutiones logicae. Wirtenberg
1632: "Naturalis Logica dicitur potentia ratiocinandi, quae physei connascitur omnibus hominibus. Hinc
homo dicitur won logicon." (Zit. nach Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 27, Anmerkung. 48).
231 Vgl. Aesthetica, § 6.
34 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

Poetologen an bestimmten Vorkommensweisen des Ästhetischen gearbeitet hat­


ten232_
Sieht man von dem Ausdruck "philosophia gratiarum et musarum" ab, den Baum­
garten in seiner Ästhetik-Vorlesung selbst explizit als Metapher ausweist233, so steht
die Erklärung der Ausdrücke "ars pulcre cogitandi" und "ars analogi rationis" noch
offen. Beide fallen auf durch den Begriff der "ars" anstelle der zu erwartenden "scien­
tia" oder "philosophia", was auch vielfach zu Kritik und Mißverständnis geführt hat.
Im zehnten Paragraphen der "Aesthetica" geht Baumgarten auf den hypothetischen
Vorwurf ein, daß "Aesthetica ars est, non scientia" und er antwortet: "a) Hi non sunt
oppositi habitus. Quot olim artes tantum iam sunt simul scientiae? b) nostram artem
demonstrari posse, probabit experientia, patet a priori, quia psychologia e.c. suppedi­
tant certa principia, mereri eandem, vt eleuetur in scientiam, docent vsus, in aliis, §.3,
4. commemorati."234
Grundsätzlich nimmt Baumgarten an, daß "ars" und "scientia" in einer historisch­
und systematisch-genetischen Beziehung stehen, und zwar einer Beziehung, die der
zwischen logica/aesthetica naturalis und logica/aesthetica artificialis analog ist. Was
einst "ars" - regelgeleitete Praxis ohne deutliche Kenntnis der Regeln - war, kann
"scienfia" - deutliche Kenntnis der Regeln und Gesetze und deren Zusammenhang -
werden und ist es in diesem Fall geworden. Das ist Baumgartens Antwort im allge­
meinen, und er umfaßt damit sowohl die mechanischen als auch die freien Künste,
deren beider 'Philosophien' Wolff als Desiderata "Technologia" und "philosophia ar­
tium liberalium " genannt hatte235• Daß aber "unsere Kunst" - und gemeint ist damit
nicht die Ästhetik als Wissenschaft, sondern die Ästhetik, insofern von ihr bis dahin
'unphilosophisch' die Rede gewesen war - der wissenschaftlichen Demonstration, das

232 Das schließt natürlich nicht aus, daß auch die Poetiker und Poetelogen über ihren engeren Be­
reich hinaus in den der philosophischen Gnoseologie vorstießen, wie Sulzcrs oben zitierte Bemerkung
(vgl. oben, S. 25) belegt oder auch das ehrgeizige, allerdings traditional orientierte (und nicht ausge­
führte) Projekt Bodmers und Breitingers, "alle Theile der Beredtsamkeil in mathematischer Gewißheit
aufzuführen" (Vgl. dazu: Hans Peter Herrmann: Naturnachahmung und Einbildungskraft. Zur Ent­
wicklung der deutschen Poetik von 1670 bis 1740. ( ; Ars poetica. Studien, Bd. 8) Bad Hornburg (u.a.]
1970, S. 162ff.) - Vgl. auch Baumgartens eigene Hinweise auf Bouhours, Crousaz, Bodmer und Breitin­
ger in der Vorlesungsnachschrift bei Bernhard Poppe: Alexander Gottlieb Baumgarten. Seine Be­
deutung und Stellung in der Leibniz-Wolffischen Philosophie und seine Beziehungen zu Kant. Nebst ei­
ner bisher unbekannten Handschrift der Ästhetik Baumgartens. Borna-Leipzig 1907, § 1, S. 70. - K.H.
von Stein plädiert für eine von der Gnoseologie unabhängige Betrachtung der Ä sthetik: "Man gebe die
Ansicht auf, Baumgartens Aesthetik sei als Ausfüllung einer Lücke im philosophischen Schulsystem ent­
standen." K.H. von Stein: Neuere Aesthetik, S. 346. Stein polemisiert offenbar gegen Max Schasler:
Kritische Geschichte der Aesthetik als Philosophie des Schönen und der Kunst. ( ; M.Sch.: Aesthetik
als Philosophie des Schönen und der Kunst. 1. [und einziger] Theil, 1. Abt.) Neudruck der Ausgabe
Berlin 1872. Aalen 1971, S. 347. Vgl. auch: Conrad Herman: Die Aesthetik in ihrer Geschichte und als
wissenschaftliches System. Leipzig 1876, S. 90 sowie - vor Schasler: Robert Zimmermann: Geschichte
der Aesthetik als philosophische Wissenschaft. ( ; R.Z.: Aesthetik. 1., historisch-kritischer Theil.) Wien
1858, s. 159.
233 Vgl. § 1 der Vorlesungsnachschrift bei B. Poppe, S. 66.
234 Aesthetica, § 10. In der Vorlesungsnachschrift heißt es zum § 10 u.a.: " ... da ( ... ] die hinlänglichen
Gründe eine Wissenschaft geben, so muß ein jeder zugestehen, daß die Ä sthetik nach der Definition der
Wissenschaft eine Wissenschaft sei; allein sie bleibt auch eine Kunst [ ... ]. Allein in diesem Verstande
wird auch die Logik eine Kunst sein, wie man sie auch ehemals genannt hat (vgl. oben, Anm. 223], jetzt
aber mit Grund eine Wissenschaft nennt." Poppe: Vorlesungsnachschrift, § 10, S. 78.
235 Vgl. Wolff: Discursus praeliminaris, § 71 und § 72.
Alexander Gottlieb Baumgarten 35

heißt dem strengen Beweis zugänglich sei, meint Baumgarten im besonderen sowohl
aus der Erfahrung als auch a priori belegen zu können. Die Psychologie wird hier -
wie schon in der "Metaphysica"236 - namentlich aufgeführt, weil in ihr die Er­
kenntnislehre grundlegende Vorgaben findet. Als solche liefert sie das Fundament
für die Ästhetik. Sie ist die diskursive Berufungsinstanz, um den Aussagen der Ästhe­
tik die Qualität philosophischer Erkenntnis zu sichern. Das "e.[t] c.[etera]", das hinter
der "Psychologie" angeführt ist, verweist auf philosophisch damals Selbstverständli­
ches, nämlich auf die schon oben erwähnten237 Fundierungsrelationen zwischen
Psychologie, Kosmologie und Ontologie, so daß auch hier der Ort der Ästhetik in be­
zug auf die Metaphysik gesichert ist. "Ars pulcre cogitandi" ist also nicht mit "aesthe­
tica" gleichzusetzen, sondern ein Aspekt der Ästhetik: der Regelkomplex der Fertig­
keit, sinnlich (vollkommen) zu denken. Dieses scheinbar oxymorontische 'sinnliche
Denken' ist die Praxis der klaren und verworrenen Erkenntnis, deren metasprachli­
che Behandlung sie einer wissenschaftlichen Erkenntnis zuführt, ohne das sinnliche
Denken durch diskursive Therapie zum Verschwinden zu bringen. Das 'schöne Den­
ken' erbringt irreduzible Leistungen, und nur diese Irreduzibilität rechtfertigt das
Projekt einer aesthetica philosophica.
Heinz Paetzold hat die problematische Konstellation treffend so formuliert: "Äs­
thetische und szientifische Rationalität würden zwei sich ausschließende, aber mögli­
cherweise sich ergänzende Rationalitätsparadigmata verkörpern. Wissenschaftliche
Rationalität wäre prinzipiell nicht in der Lage, das ästhetische Paradigma in sich zu
integrieren, wie umgekehrt die ästhetische Weltvergegenwärtigung nicht die szienti­
fische Rationalität in sich aufheben könnte."238
Über den Ausdruck "ars analogi rationis" ist nach dem bisher zur "ars pulcre cogi­
tandi" Gesagten nicht viel hinzuzufügen, zumal die Forschung sich ausführlich damit
auseinandergesetzt hat239• Wie Eckhard seine Logik eine "ars rationis" genannt
hatte240, so charakterisiert Baumgarten nun seine Ästhetik als die 'Kunst' des der
Vernunft analogen Vermögens. Die spezifische Leistung der Vernunft ist in schul­
philosophischer Sicht die klare und deutliche Erkenntnis des Zusammenhangs der
Dinge. Das ihr analoge Vermögen setzt sich aus folgenden "facultates nexus confu­
sius cognoscentes"241 zusammen:
1 ) "ingenium sensitiuum", welches die Ähnlichkeiten und

236 Vgl. oben, S. 29.


237 Vgl. oben, S. 13.
238 Paetzold: Ästhetische Rationalität, S. 26.
239 Vgl. Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 180ff., 188 bis 197 u.ö.; Riemann: Meditationes, S. 38ff.;
Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 50, 58f., 104-116; Jäger: Einführung, S. 33-40. Dort, S. 40, auch der
Nachweis zahlreicher FundsteUen, denen hinzuzufügen wäre: Leibniz: Principes de Ia Nature, § 5 sowie
'Thfodicee", Einleitung, § 65; Wolff: Dt. Metaphysik, § 872; Sulzer: Zergliederung des Begriffs der Ver­
nunft [1758). In: J.G.S.: Vermischte Philosophische Schriften. Aus den Jahrbüchern der Akademie der
Wissenschaften zu Berlin gesammelt. Leipzig 1m, S. 244-281, hier: S. 272; Kant AA Bd. 28, 2,1, S. 740;
Paetzold: Ästhetische Rationalität, S. 8-32.
240 Vgl. oben, S. 31.
24 1 Baumgarten: Metaphysica, § 640. Dort auch die folgenden Begriffe (Hervorh. von mir; HA.).
36 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

2) "acumen sensitiuum"242, welches die Unterschiede der Dinge zu erkennen gestattet.


Beides zus amme n (acutum ingenium) macht die "PERSPICACIA" aus, die Baumgar­
ten ab der 4. Auflage mit "eine artige oder feine Einsicht" übersetzt243. Den Regel­
komplex, der die perspicacia sensitiva philosophisch beschreibt, nennt Baumgarten
"AESTHETICA PERSPICACIAE" und definiert sie als "aesthetices pars de inge­
niose & acute cogitando & proponendo"244•
3) "Memoria sensitiua", die reproduzierte Wahrnehmungen undeutlich (confuse) wie­
derzuerkennen gestattet245. Den das sinnliche Gedächtnis philosophisch beschrei­
benden Komplex nennt Baumgarten "ARS MNEMONICA", die gleichfalls Teil der
Ästhetik ist246•
4) "Facultas fingendi", die Baumgarten wie Wolff247 als Fähigkeit zur Kombination
und Trennung von Phantasmata bestimmt, mit dem Unterschied, daß Baumgarten
diese Fähigkeit explicite "POETICAM" nennt248• Sie findet - philosophisch elaboriert
- als "AESTHETICA MYTHICA"249 ihren Platz innerhalb der Ästhetik.
5) "Facultas diiudicandi", als die Fähigkeit, undeutlich (indistincte) Vollkommenheit
oder Unvollkommenheit der Dinge zu erkennen250. Das sinnliche Urteil (iudicium
sensitivum) nennt Baumgarten den "Geschmack in weiterer Bedeutung"251. Da die
'Kunst' zu urteilen als Kritik im weitesten Sinne bestimmt wird, ist deren sinnliche
Spielart die "AESTHETICA CRITICA", die als "ars formandi gustum, s. de sensitiue
diiudicando & iudicium suum proponendo"252 näher bestimmt wird.
6) "Exspectatio casuum similium", die sinnliche Variante des "Vermögens etwas zu
erwarten"253 (praesagitio). Die klare und verworrene Erkenntnis dieser Fähigkeit und
deren Lenkung ist die Aufgabe der Mantik, die als solche Teil der Ästhetik ist254•
7) "Facultas characteristica sensitiua", "das Vermögen der [sinnlichen] Zeichen­
Kunde"255, das die Verbindung zwischen Zeichengestalt (signum) und Bezeichnetem

24 2 Baumgarten weicht in seiner Bestimmung von "ingenium" und "acumen" von Wolff ab, der, wie
Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 195, korrekt feststellt, beide Fähigkeiten undeutlich voneinander
abgrenzt. Vgl. dazu auch Krueger: Chr. Wolff, S. 46f. Baumgarten stimmt in seiner Defmition eher mit
Locke überein.
243 Baumgarten: Metaphysica, § 573.
244 A.a.O., § 575. Die 1. Auflage der "Metaphysica" hat weder den Begriff der "perspicacia" noch die
dafür zuständige Logik, die "aesthetica perspicaciae". Beides findet sich erst ab der 2. Auflage.
245 A.a.O., § 640; vgl. § 579.
246 A.a.O., § 587. In der 1. Auflage der "Metaphysica" fmdet sich zwar: "ARS MNEMONICA, pars
aestheticae", nicht aber, wie ab der 2. Auflage, die genaue Spezifikation als "Mnemonica memoriae sen­
sitiuae".
247 Vgl. oben, S. 22f.
248 Baumgarten: Metaphysica, § 640 und § 589.
249 A.a.O., § 592. Der Terminus "Aesthetica mythica" für die 'Logik' der facultas fingendi fmdet sich
in der 1. Auflage der "Metaphysica" noch nicht.
:zso A.a.O., § 640; vgl. § 606.
25 1 A.a.O., § 607, Anmerkung.
252 A.a.O., § 607. Die "Aesthetica critica" findet sich erst ab der 2. Auflage der "Metaphysica".
253 A.a.O., § 640 und § 610, Anmerkung.; vgl. auch § 612.
254 A.a.O., § 604 und 610. Vgl. zur Differenzierung der Mantik Baumgartens "Philosophia generalis",
§ 147.
255 A.a.O., § 640 und § 619, Anmerkung.
Alexander Gottlieb Baumgarten 37

(signatum) zu erkennen gestattet. Ihr entspricht als Teil der Ästhetik die "AESTHE­
TICA CHARACTERISTICA"256, die ihrerseits Teil der Semiotik ist257•
Die Tatsache, daß, mit Ausnahme der ars mnemonica, in der ersten Auflage der
"Metaphysica" ( 1 739) keine der anderen 'Logiken' des analogon rationis genannt
wird, dieses aber ab der zweiten Auflage ( 1 743) der Fall ist, belegt, daß die syste­
matische Ausarbeitung der sinnlichen Seite der Erkenntnis in den Anfang der vierzi­
ger Jahre fällt.
Zusammenfassend schreibt Baumgarten zu diesen Vermögen: "Hae omnes, qua­
tenus in repraesentando rerum nexu rationi similes sunt, constituunt ANALOGON
RATIONIS, [ .. ] complexum facultatum animae nexum confuse repraesentantium."258
.

Der Komplex dieser Vermögen ist für die Ästhetik, genauer: für den "homo
aestheticus", unerläßliche Grundlage der natürlichen, angeborenen Dispositionen,
die Baumgarten in der "Aesthetica" in den Paragraphen 30 bis 37 variiert abhandelt.
Die das analogon rationis konstituierenden Elemente sind also die Elemente der
"AESTHETICA NATVRALIS CONNATA"259• Insofern das analogon rationis insge­
samt in der Ästhetik diskursiv abgehandelt wird und somit die Ästhetik die 'Logik'
des unteren Erkenntnisvermögens ist, insofern haben nach Baumgarten Witz, Scharf­
sinn, Gedächtnis, Dichtungskraft und Urteilsvermögen sowie die Erwartung ähnli­
cher Fälle und das Bezeichnungsvermögen in ihrer sinnlichen Dimension ihre je ei­
gene Ästhetik, das heißt ihre eigene Logik als Organon.
Der Konvergenzpunkt all dieser Logiken ist die Sinnlichkeit, deren gnoseologi­
sche Position bei Baumgarten durch die cognitio clara et confusa bezeichnet ist. Die
Verworrenheit setzt Baumgarten, wie bereits erwähnt, mit der Sinnlichkeit der Er­
kenntnis gleich260• In seiner Antrittsvorlesung faßt er noch einmal knapp und leicht
variiert das Schema zus amme n: "Die Vorstellungen sind entweder klar oder dunekeL
Die klaren haben entweder auch lauter klare Merckmahle, oder dunckele. Die letz­
ten sind verworren; die ersten deutlich. Diese haben entweder auch bloß deutliche
Kennzeichen, oder verworrene. Im ersten Fall sind sie vollständig; im andern unvoll­
ständig. Diese höchstnützliche Eintheilung ist nunmehr [d.i. 1740] bekannt genug."261
Auf den ersten Blick scheint eine klare und nur konfuse Vorstellung gar nicht
möglich zu sein, denn: Wenn alle Merkmale eines Ganzen dunkel, also nicht vonein­
ander unterscheidbar sind, so stellt sich die Frage, wie ein nur aus 'Dunklem' Zu­
sammengesetztes als Ganzes überhaupt identifiziert werden kann, von einer Wieder-

256 A.a.O., § 622, S. 227. "Aesthetica characteristica" wird erst ab der 2. Auflage der "Metaphysica" ge-
nannt.
m Vgl. a.a.O., § 349.
2S8 A.a.O., § 640, S. 236.
""' Baumgarten: Aesthetica, § 28.
"" Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 214, schreibt: Baumgarten "will [anstelle von "confusa") einen
weniger belasteten, frischeren Ausdruck, und wählt sinnlich. Es kam ihm wohl vor allem darauf an, den
negativen Ausdruck [sc. "confusa") durch einen positiven zu ersetzen." Die Tatsache, daß die Sinnlichkeit
gewissermaßen als Ursache für die in der Sicht der Schulphilosophie negativ bewertete Stufe der co­
gnitio confusa verantwortlich gemacht wurde, macht doch zweifelhaft, ob "sensitiva" im gnoseologischen
Zusammenhang als positiver Begriff gelten konnte. - Schließt man sich den Ausführungen Sommers an,
so erscheint Baumgartens Wahl des Terminus "sinnlich" geradezu als Kampfbegriff gegen die cartesi- ·

sche Gnoseologie. Vgl. R. Sommer: Grundzüge einer Geschichte der deutschen Psychologie, S. 9.
261 Baumgarten: Vom Vernünfftigen Beyfall, § 6, Anmerkung•, S. 19. Vgl. Baumgarten: Metaphysica,
§ 520-522.
38 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

erkennbarkeit des Ganzen überhaupt zu schweigen. Ein nur aus dunklen Merkmalen
- schon deren Mehrzahl steht wegen der Ununterscheidbarkeit in Frage262 - stehen­
des Ganzes gewönne keine Kontur. Diesen Sachverhalt vorausgesetzt, erlangen zwei
Aspekte entscheidendes Gewicht. Erstens wird hier deutlich, daß das Konzept der
klaren und verworrenen Erkenntnis nur dann plausibel werden kann, wenn dem Zu­
satz Leibnizens aus seinen "Meditationes" mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, daß
nur "simplici sensuum testimonio, non vero notis enuntiabilibus" die cognitio clara et
confusa gewonnen werde263• Was den Sinnen in der Perzeption klar zugänglich ist,
läßt sich als Apperzeption nur nicht-deutlich erfassen. Für Leibniz war die Ein­
richtung dieser Erkenntnisstufe bekanntlich ein Punkt der Kritik an Descartes, die
nicht-apperzeptiblen Perzeptionen gnoseologisch unberücksichtigt gelassen zu ha­
ben. Für Baumgarten ist das anthropologische Datum, daß dem Menschen keine
'reine' Erkenntnis möglich sei, der Grund für die Ausführung seiner Ästhetik.
Zweitens ist die ja schon von Leibniz konstatierte anthropologische Beschränkt­
heit der menschlichen Erkenntnis von Baumgarten ausdrücklich als anthropologische
Bedingtheit aufgefaßt worden. Mit dieser Auffassung steht Baumgarten durchaus in
der Linie Leibniz - Wolff, die aber, Wolff insbesondere264, dieser Bedingtheit - als
Philosophen - eher defensiv gegenüberstanden, während Baumgarten sie als Problem
offensiver angeht und ihr philosophisch-systematisch Aufmerksamkeit widmet. In
seiner Antrittsvorlesung formuliert er, von der Metaphysik kommend, folgender­
maßen: "Nicht nur von allen Dingen gantz deutliche Begriffe haben, bleibt der Gott­
heit eigen; sondern auch nur eine einige [d.i. einzige] Sache sich gantz vollkommen
deutlich vorstellen. Wer eine einige Sache sonder einige [d.i. eine einzige] Verwir­
rung denckt, denckt alles vollkommen deutlich. Der Beweiß fällt nicht schwer. Alles
und iedes ist im allgemeinen Zusammenhange mit allen übrigen. Wer demnach et­
was gantz vollkommen deutlich dencken soll, muß alle seine Verhältnisse zugleich
vollkommen deutlich dencken. Also auch seine co"e/ata, oder dieienigen Dinge, mit
denen es in Verhältniß steht; sonst würde sein Zusammenhang, folglich es selbst
nicht, vollkommen deutlich vorgestellt. Weil nun ein iedes Ding im Verhältniß mit
allen übrigen steht, so kann keines ohne alle übrige vol!kommene Deutlichkeit er­
langen. Die Anmerckung ist nützlich, daß man sich von unserem reinen Verstande
nicht zu hohe Dinge träumen lasse."265
Zwei Andeutungen sind zum Verständnis zu erläutern. Zum einen das kosmolo­
gische Implikat des Zusammenhanges. Baumgarten erläutert es in der "Metaphysica"
folgendermaßen: "In omni mundo sunt partes actuales, [ ... ] hae singulae connectun­
tur cum toto, [ ... ] hinc singulae connectuntur cum singulis [ ... ]. Ergo in omni mundo
nexus est partium & harmonia vniuersalis, [ ... ] i.e. in mundo non datur insula."266

262 Vgl. Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 216.


>63 Vgl. oben, S. 4.
"" Vgl. oben, S. 16f.
...., Baumgarten: Vom Vernünfftigen Beyfall, § 7, Anmerkung•, S. 22f. - In dem wichtigen Abschnitt
34 ("Studium veritatis aestheticum absolutum") in seiner "Aesthetica" schreibt Baumgarten: "Non pu­
tauerim nunc opus esse demonstratione ( ... ) talem [sc. maximam) veritatem nullam in hominem cadere,
nullam rem in veritate logica maxima ab vllo hominum intellectu cognosci, quoniam qui vnam ita co­
gnoscit, omnes nouit." (§ 557; Hervorh. von mir; HA.).
266 Baumgarten: Metaphysica, § 357.
Alexander Gottlieb Baumgarten 39

Den Ausdruck "nexus [ . . . ] partium & harmonia uniuersalis" übersetzt Baumgarten


in seiner Antrittsvorlesung mit "allgemeiner Zusammenhang"267•
Zum anderen ist das ontologische Implikat des Verhältnisses zu erläutern. Baum­
garten schreibt dazu : "DETERMINATIONES possibilis aut sunt in eo repraesenta­
biles, etiamsi nondum spectetur in nexu, ABSOLVTAE, aut tune demum, quando
spectatur in nexu, [ . .. ] RESPECTIVAE [ ... ]. Determinationes possibilium respectiuae
sunt RESPECIVS [ ... ]. Respectus possibilium in iisdem in se spectatis non reprae­
sentabiles sunt RELATIONES ... "268•
"Relationes" übersetzt Baumgarten selbst mit "Verhaeltnisse". Von ihnen gilt: " ...
relationes [ ... ] non existere possunt, nisi in substantiis .. .''269• Daraus folgt, daß Ver­
hältnisse nur dann vorstellbar sind, wenn die im Verhältnis zueinander stehenden
Dinge, die correlata, als solche auch vorgestellt werden. Wenn nun jedes mit dem
Ganzen und mit jedem in einem äußeren Verhältnis steht und durch diese Be­
ziehungen bestimmt wird, wenn weiterhin das Ganze aus miteinander verbundenen
Einzelnen besteht, der Zusammenhang als Verhältnis aber nur durch Darstellung
des Einzelnen darstellbar ist, dann kann kein Einzelnes ganz klar und deutlich er­
kannt werden. Demnach ist in jeder Erkenntnis der Welt ein notwendiger, das heißt
nicht reduzierbarer Anteil an Undeutlichkeil bis Dunkelheit enthalten270•
Auch Baumgarten zieht eine untere Grenzlinie für die Ästhetik und damit für die
Erkenntnislehre überhaupt. Die durude Erkenntnis war von Leibniz271 und Wolff272
als gnoseologische Basis formuliert worden. Beide, insbesondere Wolff, hatten sich
ihr gegenüber eher defensiv verhalten. Baumgarten dagegen muß der cognitio ob­
scura deshalb mehr Aufmerksamkeit widmen, weil die im Bereich der für die Äs­
thetik entscheidenden cognitio clara et confusa eine wichtige Rolle spielt. Von der
ersten Auflage an heißt es im Paragraphen 5 1 1 der "Metaphysica": "Sunt in anima
perceptiones obscurae [ .. . ]. Harum complexus FVNDVS ANIMAE dicitur."273
Den neu eingeführten Begriff des "fundus animae" übersetzt Baumgarten ab der
vierten Auflage mit "der Grund der Seele"274• Diesen fundus animae setzt er systema-

u7 Meier folgt ihm darin. Vgl. Alexander Gottlieb Baumgarten: Metaphysik ( Übersetzt von Georg
Friedrich Meier). Halle 1766, § 257, S. 101.
""' Baumgarten: Metaphysica, § 37.
28> A.a.O., § 195.
zro Vgl. die Paraphrase dieses gesamten Sachverhalts bei Meier: Vernunftlehre, § 164, S. 207f.: "Uns
Menschen ist es unmöglich, eine Erkentniß zu erlangen, die ganz klar ist; ein solches blendendes und
durchdringendes Licht kan, unsere blöde Erkentnißkraft, nicht vertragen. Wir müsten von einer Sache,
deren Erkentniß in uns mit einer gänzlichen Klarheit erleuchtet wäre, alle Merkmale klar erkenen, alle
Verhältnisse, alle Verbindungen derselben mit andern Dingen, alle Aehnlichkeiten, alle zufällige
Beschaffenheiten, Eigenschaften und wesentliche Stücke derselben, alle ihre Gründe und Folgen. Wenn
man nun bedenkt, daß alle mögliche Dinge in einer allgemeinen Verbindung unter einander stehen, und
daß ein iedes der Grund oder die Folge aller übrigen Dinge ist; so ist leicht zu begreiffen, daß wir alle
mögliche Dinge klar erkennen müsten, wenn wir auch nur von einer einzigen Sache alle Merkmale und
Verbindungen derselben klar erkennen wollen. Und müsten wir alsdenn nicht allwissend werden? Ein
iedes mögliches Ding enthält demnach unendlich viel in sich, und wir müssen uns begnügen, daß wir nur
etwas von einer Sache klar erkennen. [ ... ) In einem ieden Gegenstande bleibt uns allemal noch unend·
lieh vieles dunkel und unentdeckt." - Vgl. auch oben, S. lOf. und Anm. 55.
271 Vgl. oben, S. 4.
272 Vgl. oben, S. 16f. und S. 24f.
273 Baumgarten: Metaphysica, § 511.
274 Ebd., Anmerkung.
40 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

tisch wie Wolff an275, ohne dessen - im Grunde noch cartesianische276 - Perspektive
und Wertung277 in toto mit zu übernehmen. Für Wolff waren die "tenebrae" nur ein
"defectus" oder eine "privatio", das heißt ein Negatives in dem Sinne, daß er das
Dunkle ausschließlich als Verlust von Licht deutete. Für Baumgarten ist das Dunkle
in gnoseologischer Hinsicht ein Differenzierbares, tendenziell Positives278, das, unter
der Voraussetzung seiner Neubewertung der Sinne, eine Bereicherung darstellt. Das
ist nicht zu verwechseln mit einem Plädoyer für die Äquivalenz von cognitio obscura
- nach wie vor ist obscuritas (absoluta) "Defectus et oppositum lucis"279 - und cognitio
clara und ihren Spezifikationen, wohl aber eines für deren wechselseitige Bestim­
mung innerhalb der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit In Termini der
Lichtmetaphorik ausgedrückt: zu helles Licht macht ebenso blind wie zu große Fin­
sternis280. Anders: Die menschliche Erkenntnis ist eine 'mittlere Erkenntnis'.
In seiner Aufwertung des fundus animae geht Baumgarten so weit, daß er ihn als
Gegenstand ästhetischer Analyse zwar ausschließt, gleichwohl aber annimmt, daß
sowohl "perfectiones" wie "imperfectiones cognitionis sensitiuae" in ihm enthalten
seien281• Schweizer hat in diesem Zusammenhang moniert, daß es inkonsequent sei,
auch "von 'Vollkommenheiten' der sinnlichen Erkenntnis, die uns 'dunkel' bleiben
müssen", zu sprechen282• Baumgarten meint aber solche 'Vollkommenheiten', die "vel
omnino nobis obscurae maneant, vel non nisi intelligendo possimus eas intueri"283,
also solche Vorstellungen, die entweder im ganzen dunkel bleiben, das heißt gar
nicht als Ganze vorgestellt werden, oder aber als cognitio obscura metasprachlich
benennbar, nicht aber objektsprachlich beschreibbar sind. Daß eine dunkle Vorstel­
lung metasprachlich beschrieben werden können muß, ist eine grundlegende (tri­
viale) Voraussetzung für eine rationale Gnoseologie und insofern kein Problem. Daß
aber der gesamte Bereich des fundus animae als artikulierter behauptet wird, ist aus
der metaphysischen Annahme des nexus rerum und der harmonia universalis erklär­
bar. Baumgarten spricht an dieser Stelle weniger als Ästhetiker, sondern eher als
Metaphysiker, der die Grenzen der Disziplin 'von außen' ziehen will. Und es geht
nicht um, wie Hans Rudolf Schweizer meint, "vorerst" dunkle Erkenntnisse, die "im
Zustand der Latenz verharren, bis sie vom 'Ästhetiker' ans Licht geholt werden"284,
sondern um eine systematische Grenzziehung. Die Vorlesungsnachschrift ist hier

m Vgl. a.a.O., § 514. Vgl. Wolff: Psychologia empirica, § 30ff.


m Vgl. oben, S. 2, Descartes' Aussage zum Verworrenen und Dunklen als Teilhabe des Nichts. Vgl.
dazu meinen Aufsatz: Fundus Animae - der Grund der Seele. Zur Gnoseologie des Dunklen in der
Aufklärung. In: DVjs 62 (1988), S. 197-220.
m Vgl. dazu Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 46f.
m Vgl. hierzu vor allem die Abschnitte 38 bis 40 der "Aesthetica". Baumgarten stellt hier obscuritas
"kat' aisthesin" und "kata noesin" (§ 631) einander gegenüber. Die ästhetische Dunkelheit differenziert
er in "CALIGO AESTHETICA" und "VMBRA AESTHETICA" (§ 634) und wertet den 'Schatten' po­
sitiv als Gestaltungsmittel, dem er einen eigenen Abschnitt (§ 654-655) widmet.
279 Baumgarten: Aesthetica, § 631. Vgl. zu obscuritas absoluta vs. comparativa (relativa), a.a.O.,
§ 634.
210 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 120f., wo Baumgarten die Ober- und Untergrenze des "ästheti-
schen Horizonts" festlegt.
"'' Baumgarten: Aesthetica, § 15f.
282 Schweizer: Ästhetik, S. 37; gemeint ist dort der § 15.
2&1 Baumgarten: Aesthetica, § 15.
",. Schweizer: Ästhetik, S. 37.
Alexander Gottlieb Baumgarten 41

hilfreich ausführlich: "Die Vollkommenheiten oder Unvollkommenheiten der sinn­


lichen Erkenntnis gehen den Ästhetiker nur insofern an, insofern er sie als schön
oder häßlich erkennet. Wann ihm eine Vollkommenheit unbekannt285 wäre, so wird
er sich nicht bemühen, sie zu vermeiden. Wie ein Baumeister vielleicht ein Loch in­
wendig im Marmor nicht weiß, für das Äußere aber, was in die Sinne fällt, sorget, so
muß der Ästhetikus auch für das, was die Sinne rührt, sorgen, sobald aber die Ver­
nunft als Vernunft etwas einsieht, so gehöret es nicht mehr für den Ästhetiker."286
Irrtümlicherweise hat Wolfgang Proß die Stelle der "Metaphysica", an der Baum­
garten über das Verhältnis von dunkler und klarer Erkenntnis spricht, so ausgelegt,
daß "Baumgarten in der Metaphysik und Ästhetik ständig darauf beharre, daß das
'Feld des Lichts' das 'Feld der Dunkelheit' umgreift."287 Der in diesem Zusammen­
hang zentrale Paragraph der "Metaphysica" insistiert aber gerade auf der Koexistenz
der beiden 'Felder'. Es heißt dort: "Totum repraesentationum in anima PERCEP-
110 TOTALlS est, eiusque partes PERCEPTIONES PARTIALES, & harum
quidem obscurarum complexus CAMPVS OBSCVRITATIS (tenebrarum), qui est
fundus animae, §. 5 1 1 . complexus clararum, CAMPVS CLARITATIS (lucis) est,
comprehendens CAMPOS CONFVSIONIS, DISTINCTIONIS, ADAEQUATIO­
NIS, etc."288 •
Wie aus dem zuvor Gesagten hervorgeht, ist es nicht nur nicht so, daß in der
menschlichen Erkenntnis die klare Erkenntnis prinzipiell die dunkle 'umgriffe', das
heißt letzten Endes dominierte, sondern so, daß die dunkle Erkenntnis an der klaren
teilhat, und zwar so, daß der Anteil des Dunklen, gemessen am gnoseologisch Men­
schenmöglichen, überwiegt. Baumgarten geht von einer gegenseitigen Durchdrin­
gung und Profilierung beider aus, die in einem Spiel wechselnder Dominanzen zum
Ausdruck kommt: "Repraesento rnihi quaedam ita, vt aliqui eorum characteres clari
sint, aliqui obscuri. Eiusmodi perceptio, qua notas claras, distincta est, qua obscuras
sensitiua [ .. . ]. Hinc est distincta, cui aliquid admixtum est confusionis & obscuritatis,
& sensitiua, cui aliquid distinctionis inest."289
In seinen "Meditationes" zieht Baumgarten entschieden eine untere Grenze für
den Bereich des Poetischen, indem er bestimmt, daß "c/arae repraesentationes magis
poeticae [ ... ) , quam obscurae", was er deutlich im Scholium erläutert: "Hinc eorum
refutatur error, qui quo obscurius & et intricatius effutire possunt, hoc in se loqui
sornni ant poetikotesos. "290
Rufen wir uns nun noch einmal das oben zur Harmonie und zum 'Verhältnis' Ge­
sagte in Erinnerung, so ergeben sich zwei Gründe für die prinzipielle Inhärenz des
Dunklen in jeder menschlichen Erkenntnis nicht-einfacher Dinge und Sachverhalte.
Zum einen ist es der bekannte anthropologische Grund des mangelnden Fassungs-
,.. Vgl. das unten, S. 42 zu cognitio obscura vs. ignorantia Gesagte.
286 Poppe: Vorlesungsnachschrift, § 15, S. 80f. § 15 und 16 sind hier zu einem Paragraphen zu­
sammengefaßt worden.
m Wolfgang Proß: Anmerkungen [zu Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769). In: J.G. Herder:
Werke. Hrsg. von W.P. Bd. I. München, Wien 1984, S. 810. Im folgenden zit. als HW I.
288 Baumgarten: Metaphysica, § 514. Meier faßt zur Verdeutlichung in seiner Übersetzung die Para­
graphen 511 und 514 zu einem Paragraphen zusammen. Vgl. Baumgarten: Metaphysik [ Übersetzung
von G.F. Meier], § 378.
280 Baumgarten: Metaphysica, § 522.
290 Baumgarten: Meditationes, § 13, Scholium.
42 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

vermögens menschlicher Erkenntnis und zum andern die Perspektivität jeder


menschlichen Erkenntnis. "Ex positu corporis mei in hoc vniuerso cognosci potest,
cur haec obscurius, illa clarius, illa distinctius percipiam [ . ] i.e. REPRAESENTO
..

PRO POSITV CORPORIS mei in hoc vniuerso."291


Nicht nur sind also der menschlichen Fähigkeit, das Einzelne, den Zusammen­
hang der Einzelnen und das Ganze zu erkennen, Grenzen gesetzt, auch die Um­
stände, unter denen Erkenntnis gewonnen wird, die Determination durch Raum und
Zeit292, schränken - bezogen auf die Sinne - die Möglichkeiten der Vergegenwärti­
gung der Dinge ein. Je entfernter, je näher an der Peripherie des Wahrnehmungsbe­
reichs der Gegenstand liegt, desto weniger klar ist dessen Erkenntnis. Die Perspekti­
vität der Wahrnehmung macht also auch deutlich, daß die dunkle Erkenntnis etwas
anderes ist, als die Unwissenheit (ignorantia), die Baumgarten als "defectus cog­
nitionis"293 bestimmt. Die Unwissenheit ist, wie der Irrtum, ein Negatives; jede Form
der Erkenntnis dagegen ist ein Positives, und die dunkle Erkenntnis ist eine Perzep­
tion ohne Apperzeption.
Die Ästhetik erweist sich als Wissenschaft der gnoseologischen Gratwanderung
zwischen sinnlicher und verstandes- und vernunftgemäßer Erkenntnis. Im Gegen­
stand der Ästhetik 'konfundieren' sozusagen Leistungen der Sinne, des Verstandes
und der Vernunft. Die Steigerung der logisch gelenkten Wahrheitserkenntnis sieht
Baumgarten in Übereinstimmung mit der Tradition durch Verfeinerung der Merk­
malanalyse gegeben. Je klarer einzelne Merkmale und je mehr Merkmale einer Sa­
che klar erkannt werden, desto deutlicher wird die Sache erkannt. Es ist darauf zu
achten, daß Baumgarten zur Charakterisierung dieses Sachverhalts den Komparativ
vorzieht: "CLARITAS claritate notarum maior, INTENSIVE [ . ] MAJOR dici po­ ..

test."294
Die Tendenz (Komparativ) zur eingehenden Analyse, zur "analysis usque ad fi­
nem", wie Leibniz sich ausdrückte295, schreibt Baumgarten dem "tiefen"296 Verstand
zu. Die Fähigkeit, viele dieser Merkmale mit größerer Klarheit erkennen zu können,
macht den "reinen"297 Verstand aus, dem gegenüber Baumgarten, wie bereits er­
wähnt298, Reserven anzubringen sich genötigt sah. Die Fähigkeit, Anzahl und Art der
klaren Merkmale zu erhöhen, nennt Baumgarten "INTELLECTVS PVLCRITVDO",
was er selbst mit "ein schöner Verstand"299 übersetzt. Gilt dieses für das obere
Erkenntnisvermögen, so ist Entsprechendes für das untere Erkenntnisvermögen
anzusetzen. Baumgarten definiert folgendermaßen: "CLARITAS [ . . ] multitudine no- .

29 1 Baumgarten: Metaphysica, § 512. Baumgarten übersetzt das Hervorgehobene mit "Meine Vor­
stellungen richten sich nach der Stelle meines Leibes." - Vgl. auch Wolff: Psychologia rationalis, § 62f.
292 Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 85 (positus), § 281 (locus, aetas), § 284 (situs).
293 Vgl. a.a.O., § 515. Meier schreibt in seiner 'Vernunftlehre': "Wer ganz unwissend in Absicht auf
eine Sache ist, der hat gar keine Vorstellung von derselben, wer aber eine dunkele Erkentniß von dieser
Sache hat, der stell (sie] sich doch dieselbe vor." (§ 159, S. 195)
294 Baumgarten: Metaphysica, § 531, S. 185.
""' Vgl. oben, S. 6.
296 Baumgarten: Metaphysica, § 637, Anm. 1.
m Ebd., Anm. 2.
2911 Vgl. oben, S. 38.
299 Baumgarten: Metaphysica, § 637 und Anm. 3.
Alexander Gottlieb Baumgarten 43

tarum [maior], EXTENSIVE MAIOR dici potest"300, und er nennt die extensiv kla­
rere Vorstellung "eine lebhafte Vorstellung"301•
Den Begriff der extensiv größeren Klarheit hatte Baumgarten in seinen "Medita­
tiones" neu eingeführt302, worauf er in seiner Antrittsvorlesung explizit hinweist: "man
wird auch in klaren Vorstellungen einen neuen Unterscheid mercken können, der
von der Menge derer Kennzeichen herrühret. Wo sich dieser mercklich findet; da ist
die Vorstellung lebhafft"303• Wenn allein die Menge der Merkmale einer Sache deren
Klarheit vergrößert, ohne daß die Sache dadurch deutlich würde, dann können diese
Merkmale dem Verstand nur dunkel sein. Den Sinnen dagegen müssen sie klar sein,
da sonst das Ganze vollends ohne Kontur bliebe. Die extensiv größere Klarheit ist
also ein Spezifikum der sinnlichen Erkenntnis. Von der Baumgarten-Forschung ist
das Konzept der extensiv größeren Klarheit für sich ausführlich behandelt worden304•
Hier interessiert uns das Verhältnis von Konkretion und Abstraktion.
Das Ganze der cognitio sensitiva ist einer rationalen Analyse allenfalls um den
Preis seiner Zerstörung zugänglich. Das "novum aliquid ens", das durch die Mischung
der Farben Gelb und Blau entsteht305, könnte natürlich analysiert werden, wäre dann
aber nicht mehr das Grün der cognitio sensitiva. Ebenso könnte der Homerische Ka­
talog der Schiffe in der "Ilias"306 äbstrahiert zum Ausdruck "Flotten" zusammengefaßt
werden, wäre dann aber gleichfalls der cognitio sensitiva entzogen. Worum es Baum­
garten mit seinem neuen und zentralen Begriff der extensiv größeren Klarheit geht,
ist die irreduzible Leistung der sinnlichen Erkenntnis, die in der reich detaillierten,
konkreten Anschaulichkeit besteht. Die durch Anhäufung von - für den Verstand -
dunklen Merkmalen anwachsende Bestimmung eines Ganzen ist dessen Konkretion
in der Anschauung, und das vollständig Bestimmte ist ein Individuum.
Wolff hatte in seiner Logik den herrschenden Sprachgebrauch aufgegriffen, als er
schrieb: "Quicquid sensu percipimus, sive externo, sive interno, aut imaginamur, id
singulare quid est, soletque Individuum appellari."307
Von dieser Grundlage ausgehend, bestimmte er die "Species" als die Ähnlichkeit
der Individuen308 und die Ähnlichkeit der Spezies als "Genus"309, dessen Ähnlichkeit
mit anderen seiner Ebene das "Genus ( ... ] superius"310 bildet. Die Definition des In­
dividuums lautet bei Wolff so: "Individuum esse ens omnimode deterrninatum"311•
Hier setzt Baumgarten in seinen "Meditationes" an, indem er diese Definition
übernimmt (§ 19) und die logische Vorkommensform des Individuums in die sinnli-

300 A.a.O., § 531, S. 185.


30 1 A.a.O., S. 186, Anm. (c).
302 Vgl. Baumgarten: Meditationes, § 16.
303 Baumgartell.: Vom Vernünfftigen Beyfall, § 6, S. 19, Anmerkung*.
304 Vgl. unter anderen Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 199ff.; Riemann: Meditationes, S. 35, 38;
Schweizer: Ästhetik, S. 78; Paetzold: Ästhetische Rationalität, S. 13ff. Vgl. auch Paetzolds Einleitung zu
seiner Ausgabe der Baumgartensehen "Meditationes", S. Vllff., bes. S. XVII-XXII.
JOS Vgl. oben, S. 11.
306 Vgl. Baumgarten: Meditationes, § 19, Scholium.
"" Wolff: Logica, § 43.
308 A.a.O., § 44.
309 A.a.O., § 45.
3 1 0 A.a.O., § 46.
3 11 A.a.O., § 74.
44 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

ehe transponiert312, in der die Menge der Bestimmungen als extensiv größere Klar­
heit erscheint: "Quo magis res determinantur, hoc repraesentationes earum plura
complectuntur; quo vero plura in repraesentatione confusa cumulantur, hoc sit ex­
tensiue clarior [ ... ] magisque poetica [ ... ] . Ergo in poemate res repraesentandas quan­
tum pote, determinari poeticum"313• Mit schwindender Abstraktheit wächst die 'Ästhe­
tizität' der Vorstellungen, oder anders gesagt: Logik und Ästhetik verfahren gegen­
läufig in dem Sinne, daß die Logik von dem Individuum abstrahierend zur Spezies
usw., die Ästhetik konkretisierend, das heißt nach Baumgarten "in mehrerer Be­
stimmung betrachtet"314, zum Individuum tendiert. Er stellt dieses Verhältnis in sei­
ner "Aesthetica" so dar: "Si genus cogitandi logicum et scientificum obiecta sua pri­
maria, ne exceptis ipsis quidem indiuiduis, vbi caetera paria sint, lubentius in ab­
stracto considerat: pulcre cogitaturus analogo rationis suas materias praecipuas non
in concreto solum, sed etiam in detenninatissimis, in quibus potest, hinc in singulari­
bus, suppositis, personis, factis, quoties datur, lubentissime contempletur"315• Wäh­
rend also die Logik auf die mehreren Individuen zukommenden, gleichen Merkmale
achtet, um aus der Menge der Gleichen die Spezies zu bilden, achtet die Ästhetik auf
die möglichst reichhaltige Menge von Merkmalen, die das Eigentümliche und nicht
Vergleichbare ausmacht. Baeumler nennt sie treffend eine "Logik des Individuel­
len"316. Die Ästhetik ist an Qualitäten interessiert, die Logik an der quantifizierenden
Vergleichbarkeit. Dieser extensiv größeren Klarheit, deren internen und externen
Zusammenhängen und deren Gewichtung sind die Abschnitte von der "ubertas
aesthetica"317 und von der "magnitudo aesthetica"318 als prima und secunda cura der
Ästhetik gewidmet. Die Ausführung dieser Teile nimmt die Hälfte des ersten Teils
der "Aesthetica" in Anspruch.
Nun ist aber sowohl das Vorgehen der Logik als auch das der Ästhetik tnit einem
Verlust verbunden. Die Konzentration auf das Vergleichbare in der Logik bringt
einen materialen Verlust durch Absehen vom Unvergleichbaren mit sich. Der vielzi­
tierte, "monumentale Ausruf'319 Baumgartens: "Quid enim est abstractio, si iactura
non est?"320, meint den Verlust an Individuellem, Nicht-Vergleichbarem, 'Anderem',
der die logisch gelenkte Analyse begleitet. Daß Abstraktion als Verlust beschrieben
wird, statt, wie es in traditionaler Sicht einleuchtend gewesen wäre, die fort­
schreitende Analyse als Erkenntnisgewinn zu kennzeichnen, ist nicht als Plädoyer für
die Abschaffung der Logik zu lesen, sondern als ein Aufzeigen der ihr eigenen Gren-

3 1 2 Vgl. Schwitzke: Aesthetik und Metaphysik, S. 54ff.


3 1 3 Baumgarten: Meditationes, § 18.
3 14 Baumgarten: Metaphysica, § 149, Anmerkung 1.
3 15 Baumgarten: Aesthetica, § 752, S. 507.
3 16 Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 212.
3 17 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 115-176.
3 1 8 Vgl. a.a.O., § 177-422.
3 19 Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 202.
3"' Baumgarten: Aesthetica, § 560. - Jean Baptiste Robinet schrieb 1753: "La verite abstraite n'est que
Ia negation de toute verite reelle, n'est point l'idee universelle de Ia verite." Jean Baptiste Robinet: De Ia
nature. Bd. 2 [1753). Amsterdam 1768, S. 25. Zit. nach Giorgio Tonelli: La question des bornes de
l'entendement humain au XVIII 0 siede et Ia genese du criticisme kantien, particulierement par rapport
au problerne de l'infmi. In: Revue de Metaphysique et de Morale. 64 (1959), N" 4, S. 396-427, hier:
S. 407.
Alexander Gottlieb Baumgarten 45

zen, um für die Ästhetik Raum im Ensemble der Philosophie zu schaffen und
zugleich, um am Mangel der Logik den Gewinn durch die Ästhetik deutlich zu ma­
chen. Leibniz hatte zur Veranschaulichung der im Geiste vorhandenen, latenten
Ideen das Bild von der "figura Herculis in rudi marmore"321 verwendet. Baumgarten
zieht ein ähnliches Bild - die Marmorkugel, die aus dem Marmorblock herausge­
hauen wird - als veranschaulichenden Vergleich dafür heran, daß die Herstellung
von Form einen Verlust an Material nach sich zieht322• Anders gesagt: die Überfüh­
rung von latenter Form in aktuelle Gestalt zerstört Material und somit auch Disposi­
tionen zu anderen Formen. Dieser Verlust stellt sich aber für Logik und Ästhetik als
Wissenschaften gleichermaßen ein, da beide im Vollzug der Aktualisierung ihrer
'Gegenstände' vom Nicht-lntendierten absehen - abstrahieren - müssen und somit,
gemessen an der ihnen übergeordneten metaphysischen Wahrheit323, humanspezi­
fisch defizitäre Formen der Wahrheit hervorbringen. Die metaphysische Wahrheit ist
die 'volle', dem Menschen nicht erreichbare Wahrheit; ratio und intellectus können
keine volle (plena), wohl aber eine vollständige (completa) Wahrheit, nämlich eine,
"quae ornne m oppositi formidinem excludat"324, erreichen; die ästhetische Wahrheit
ist die "veritas quatenus sensitiue cognoscenda est."325 Sie ist - nach ubertas und ma­
gnitudo aesthetica - die tertia cura der "Aesthetica".
Terminologisch unterscheidet Baumgarten die metaphysische Wahrheit von ihrer
Vorstellung durch den Menschen, indem er erstere als "veritas obiectiua" und letz­
tere als "SUBIECTIVA [ . ] VERITAS"326 bezeichnet. Die subjektive Wahrheit ist die
..

"obiectiue verorum repraesentatio in data anima"327• Und wieder setzt Baumgarten


an, die Ästhetik als Teil der "logica sensu generaliore"328 zu rechtfertigen, indem er
die subjektive Wahrheit - an den Sprachgebrauch anschließend - eine logische nennt,
sie aber dann - den Sprachgebrauch verlassend - als eine logische Wahrheit im weite­
ren Sinne versteht329• Damit subsumiert Baumgarten nicht, wie Schweizer meint, die
Ästhetik unter die Logik, denn die subjektive Wahrheit ist nicht die ästhetische al­
lein. Der entscheidende Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Wahrheit
ist der Unterschied zwischen der Wahrheit in der Sache und der Wahrheit in der
Vorstellung von der Wahrheit in der Sache. Die Gesamtheit der menschlichen Vor­
stellungen zu lenken, hatte Baumgarten einer Logik im weiteren Sinne anheimge­
stellt, die - im Falle der klaren und deutlichen Vorstellung - als (traditionelle) Logik
im engeren Sinne, als Logik des oberen Erkenntnisvermögens, und - im Falle der

321 Vgl. oben, S. 10.


322 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 560.
323 "VERITAS METAPHYSICA (realis, obiectiua, materialis) est ordo plurium in vno, VERITAS in
essentialibus et attributis entis, TRANSCENDENTALIS." Baumgarten übersetzt "veritas transcenden­
talis" mit "die nothwendige metaphysische Wahrheit". Baumgarten: Metaphysica, § 89.
324 Baumgarten: Aesthetica, § 480.
325 A.a.O., § 423.
326 A.a.O., § 424. ... die Begriffe 'objektiv' und 'subjektiv' wendet er [sc. Baumgarten] in der 'Aesthe­
"

tica' wohl als erster im heute gebräuchlichen Sinne an." Schweizer: Ästhetik, S. 39. Vgl. auch Schweizers
Anmerkung 61 in seiner Ausgabe von Baumgartens "Theoretischer Ästhetik", S. 214, mit dem Hinweis,
daß der Gebrauch von 'subiectum, subiectivus' bei Baumgarten noch nicht einheitlich ist, das heißt,
'Subjekt/Objekt' auch noch als Synonyme für 'Gegenstand' verwendet werden.
327 Baumgarten: Aesthetica, § 424.
328 Baumgarten: Meditationes, § 115.
329 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 424.
46 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

klaren und verworrenen Vorstellungen - als Ästhetik, als Logik des unteren Er­
kenntnisvermögens ins Spiel kommt. Beides aber, die Logik im engeren Sinne und
die Ästhetik, lenkt die Konstitution der subjektiven Wahrheit. Die subjektive Wahr­
heit des analogon rationis ist die ästhetische Wahrheit, dies besagt der Paragraph 424
der "Aesthetica"330. Ein Stemma aus der Vorlesungsnachschrift verdeutlicht das Ge­
sagte:
�itas
----
M etap hys. -- ---- -- ·
subiectiva 0

obiectiva I
' 1
logica aesthetica
I I
I
veritas aestheticologica331

Die grundsätzliche332 Mischung von Elementen aus oberem und unterem Er­
kenntnisvermögen in der subjektiven Wahrheit faßt Baumgarten in dem Begriff der
"VERITAS AESTHETICOLOGICA"333 und macht deutlich, daß die Ästhetik sich
mit der Hinsicht des analogon rationis auf die metaphysische Wahrheit befaßt. Damit
ist klar, daß auch für die 'ästhetische Seite' der Wahrheit die principia catholica der
Metaphysik - das Prinzip der Widerspruchsfreiheit und das des zureichenden Grun­
des334 - gelten. Da - metaphysisch - gilt: "omne ens est vnum transcendentale"335, ist
die in die Erscheinung tretende Einheit336 der der Ästhetik zugängliche Aspekt der
Wahrheit. Diejenige in die Erscheinung tretende Einheit, die tendenziell durchge­
hend bestimmt ist, das Individuum als phaenomenon, kommt in seiner materialen
Fülle der metaphysischen Wahrheit am nächsten337• Das Verhältnis zwischen meta­
physischem ens und ästhetischem phaenomenon ist also isologisch, und man kann
Schwitzke zustimmen, wenn er sagt, daß der "Gedanke des 'analogon metaphysikon'
[ ... ] der Hauptgedanke der Aesthetik" sei338• Die Schönheit ist in dieser Hinsicht der
Ästhetik die sinnlich faßbare Vorkommensqualität von geordneter Vielfalt in der Er­
scheinung, in Baumgartens Worten: "Perfectio phaenomenon, s. gustui latius dicto
obseruabilis, est PVLCRITUD0"339•
Da die so definierte Schönheit an die observabilitas gebunden ist, ist der Erkennt­
nisprozeß mit dem Erkenntnisresultat derart verknüpft, daß das eine nicht ohne das

3JIJ Vgl. dagegen Schweizers irrtümliche Annahme, Baumgarten widerspreche sich an dieser Stelle
(in: Baumgarten: Theoretische Ästhetik, Anmerkung des Hrsg. 61, S. 214). Die Bemerkung Schweizers
-

kommt überraschend, da er zuvor (in: Schweizer: Ästhetik, S. 60: "Der Begriff des Logischen tritt also
auf zwei Ebenen auf...") den Sachverhalt klar analysiert hatte.
33 1 Poppe: Vorlesungsnachschrift, § 424, S. 215.
332 Vgl. oben, S. 38.
333 Baumgarten: Aesthetica, § 427. Vgl. dazu treffend Paetzold: Ästhetische Rationalität, S. 37.
-

334 Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 92, 7, 22.


335 A.a.O., § 73.
336 "obiectorum VNITAS, quatenus phaenomenon sil, AESTHETICA". Baumgarten: Aesthetica,
§ 439 (Hervorh. in Kursive von mir; HA.). Vgl. dazu: Schweizer: Ästhetik, S. 44.
·

337 Vgl. Baumgarten: Aeslhetica, § 441.


338 Schwitzke: Aesthetik und Metaphysik, S. 25. Vgl. auch S. 64f., 75.
339 Baumgarten: Metaphysica, § 662.
Alexander Gottlieb Baumgarten 47

andere existiert. Die Vollkommenheit der Phänomene ist an die Vollkommenheit


der sinnlichen Erkenntnis, eben die subjektive ästhetische Hinsicht, gebunden. Das
meint Baumgartens Satz: "Aesthetices finis est perfectio cognitionis sensitiuae, qua
talis [ ... ]. Haec autem est pulcritudo"340•
Wir wollen es mit dieser Situierung der Ästhetik im metaphysischen Rahmen an
dieser Stelle bewenden lassen. Mit der Herausarbeitung der gnoseologischen Genese
der Ästhetik und deren Verhältnis zur Metaphysik der Schule dürfte deutlich gewor­
den sein, daß das Kunstwerk nur einen, wenn auch einen gewichtigen Sonderfall aus
der Reihe der für die Ästhetik relevanten Objekte darstellt. Die frühe philosophische
Ästhetik ist, es sei noch einmal hervorgehoben, nicht eine Kunstwissenschaft, son­
dern sie ist konzipiert als Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis.
Für ihr Entstehen kann nun nicht allein ein 'fachinternes' Ungenügen an der Er­
kenntnislehre verantwortlich gemacht werden. Die Revision der Gnoseologie ist
vielmehr die Folge der Feststellung eines Mißverhältnisses zwischen Hu­
manitätskonzept und Philosophie. Daß die Entwicklung der Ästhetik als philosophi­
sche Disziplin auch mit einer Veränderung und Erweiterung des Menschenbildes
und des Humanitätskonzepts zusammenhängt, ist schon angesprochen worden341•
Die Forschungsliteratur betont mehrfach, daß die "Aesthetica" Baumgartens als
Komplement und Korrektur der herkömmlichen Logik vom 'ganzen' Menschen aus­
gehe und ihn auch zum Ziel habe342• Keiner aber hat den Zusammenhang zwischen
Erkenntnislehre und Ästhetik Baumgartens mit dem Humanitätskonzept in der Ten­
denz treffender herausgestellt, als Ernst Cassirer, der an dieser Stelle abschließend
zu Wort kommen soll. In "Freiheit und Form" heißt es: "innerhalb des Rationalismus
selbst ergibt sich nun die kühne und unerwartete Folgerung: daß die absolute Voll­
kommenheit der logischen Erkenntnis selbst nicht den einzigen und ausschließlichen
Maßstab im Ganzen des geistigen Lebens bedeutet. Sie ist die Norm des unendli-

340 Baumgarten: Aesthetica, § 14. Schweizer schreibt treffend zu diesem Sachverhalt: " ... diese in der
ästhetischen Aktivität Gestalt gewinnende Erkenntnis steht dem 'phaenomenon' nicht als subjektive
Ausprägung eines Wahrnehmungsvorganges gegenüber, sondern sie 'ist' selbst das 'phaenomenon' ... ".
Schweizer: Ä sthetik, S. 85.
34 1 Vgl. oben, S. 33.
342 Schasler: Ästhetik 1,1, S. 339 schreibt, es gehe Baumgarten "weniger um eine Erforschung des
Gebiets des Schönen und der Kunst als um eine Theorie menschlichen Empfindens und Vorsieliens ... ".
- Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 208: ''Bildung des ganzen Menschen ist der Grundgedanke der
'Aesthetica'". - Schwitzke: Aesthetik und Metaphysik, S. 22: " ... wenn die Logik eine Methodenlehre des
Denkens ist, so muß die Aesthetik eine Methodenlehre der Erfahrling werden. Die Begründung einer
Aesthetik in diesem Verstande schließt jedoch die Begründung einer Theorie der Kunst noch nicht ohne
weiteres ein .. .". - Riemann: Meditationes, S. 34: "Dieser letzte Teil der Ästhetik [gemeint ist Baumgar­
tens Plan zu einer ästhetischen Empirik] zeigt uns deutlich, wie weit Baumgarten noch den Begriff der
Ästhetik als der Wissenschaft von der sensitiven Erkenntnis faßt ... ". - Schweizer: Ästhetik: " Nicht mit
einer Philosophie der Kunst, sondern mit der Frage nach den Möglichkeiten sinnlicher Erkenntnis be­
ginnt also die Ä sthetik innerhalb der deutschen Philosophie .. ." (S. 18) . " ... nicht erst in der Kunst be­
ginnt die ästhetische Aktivität. Jeder Akt des Sehens und Hörens vermittelt Erkenntnis und hat einen
bestimmten Ausdrucksgehalt Daher ist der 'felix aestheticus', der im ganzen Werk ständig belehrt und
angeregt wird, der Mensch überhaupt." (S. 95). - Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 65: " ... man muß aus
Baumgartens trockenen Begriffsbestimmungen das Pathos des Ideals der Bildung des ganzen Menschen
heraushören ... ". - Vgl. jetzt auch Roman Gleissner: Die Entstehung der ästhetischen Humanitätsidee in
Deutschland. Stuttgart 1988, S. 29: Baumgartens Ästhetik sei "das erste große Manifest der ästhetischen
Humanitätsidee der deutschen Aufklärung."
48 Ästhetik als Desiderat der Gnoseologie

chen, des göttlichen Verstandes; aber das Ideal des Menschen wird durch sie nicht
bestimmt und erfüllt. Und hierin liegt nun die tiefste Tendenz der neuen Wissen­
schaft, daß sie diesem Ideal eine . eigene unverlierbare und durch nichts anderes er­
setzbare Bedeutung gibt. Die Auflösung der Gesamtheit unseres Vorstellungslebens
in deutliche Begriffe würde die Logik vollenden, indem sie unser Menschentum ver­
nichtete: denn der Mensch ist, was er ist, nur in der Einschränkung seiner
Erkenntniskräfte. In dieser seiner eigensten Sphäre sucht ihn die Ästhetik auf."343

343 Ernst Cassirer: Freiheit und Form [1916]. Darmstadt 4 1975, S. 77.
II. HERDERS ÄSTIIETIK-KRITIK

A. Herders Kritik der Philosophie der 'Wortwelten "

"Manchmal quälte er sich stundenlang, zu versuchen, ob es



möglich sei, ohne Wolfe zu denken. Und dann stieß ihm der
Begriff vom Dasein als die Grenze alles menschlichen Denkens
·
auf da wurde ihm alles dunkel und öde - "
Kar! Phitipp Moritz1

Für die Intellektuellen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die
rationalistische Erkenntnislehre, zumindest im Grundriß, Gemeingut. "Klar",
"deutlich", "dunkel" und die anderen einschlägigen Begriffe sind in dieser Zeit
Termini, die nicht völlig unbefangen verwendet werden können. Daß sie indes nicht
bei jeder Verwendung strikt abgeleitet werden mußten, beruhte freilich nicht nur auf
dem stillschweigenden Konsens einer semantischen Kodifizierung, sondern auch
darauf, daß ihre Herkunft aus der Lichtmetaphorik eine gewisse Freiheit in der
Verwendung gestattete. Anders gesagt: Die metaphorische Provenienz der
gnoseologischen Termini ermöglichte eine 'Aufweichung' des Systems, die ihrerseits
aus neueren Tendenzen in der Psychologie und aus der Umgestaltung des
Humanitätskonzepts ihre argumentative Grundlage beziehen konnte. Der junge
Herder verfolgte diese in der bürgerlichen Öffentlichkeit geführten Diskussionen
wachsam, um dann, als erst Zwanzigjähriger, auf hoher Ebene ins Gespräch
einzutreten, in dem er dann einer der gewichtigen Partner werden sollte.
Vom August 1762 bis zum November 1764 hält Herder sich in Königsberg auf.
Während dieser Zeit macht er sich neben seinem Broterwerb intensiv mit der
zeitgenössischen Philosophie vertraut. Hier legt er Grund für seine eigene gno­
seologische Position, die er in ihren wesentlichen Zügen beibehält und von der aus
er seine Ästhetik, Geschichtsphilosophie und sein Humanitätskonzept entwirft.
Herder war in Königsberg ein sehr aufmerksamer Hörer Kants, zu dem er auch in
gewissem Rahmen in persönlichen Kontakt treten konnte. Die vorkritische Philoso­
phie Kants konnte der Achtzehn- bis Zwanzigjährige also an Ort und Stelle
aufnehmen. Über das persönliche Verhältnis Herders zu Kant ausführlicher zu han­
deln, besteht in unserem Zusammenhang keine Notwendigkeit. Es ist aber er­
forderlich, deutlich zu machen, in welchem Rahmen sich Herders philosophischer
Ausgangspunkt aus der durch Kant vermittelten philosophischen Tradition heraus
entwickelt. Mit Blick auf unsere Annahme, daß die Ästhetik sich einem gnoseo­
logischen Desiderat verdankt, das durch einen Wandel des Humanitätskonzepts initi­
iert wurde, ist zunächst und vor allem ein Text Herders aus der Königsherger Zeit
von Bedeutung, sein "Versuch über das Sein".

1 Kar! Phitipp Moritz: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman [1785-1790]. Mit Textvarianten,
=
Erläuterungen und einem Nachwort hrsg. von Wolfgang Martens. ( RUB 4813) Stuttgart 1979, S. 254f.
50 Herders Ästhetik-Kritik

Der "Versuch über das Sein" ist wahrscheinlich in der Zeit von 1763 bis 1764
entstanden2_ Der Text wurde 1936 zum ersten Mal aus den Handschriften des
Nachlasses transkribiert und gedruckt_ Diese von Gottfried Martin besorgte Version
ist unzuverlässig3• Eine zweite, zuverlässigere Fassung besorgte Gerhard Lebmann
1970". Auf dieser Fassung beruht die bisher letzte, nach genauem Vergleich mit der
Handschrift verbesserte, von Ulrich Gaier 1985 besorgte Ausgabe5• Ein Vergleich
dieses Abdrucks mit der Handschrift läßt sie uns als die plausibelste erscheinen.
Während Rudolf Haym den "Versuch über das Sein", der ihm in der Handschrift
vorlag, nur als weiterführenden Kommentar Herders zu Kant auffaßte6, sind sich
Ulrich Gaier und Wolfgang Proß in ihren neuesten Herder-Ausgaben einig darüber,
daß dieser Text von herausragender Bedeutung für Herders Werk ist7• Wir schließen
uns dieser Einschätzung an. Anzumerken ist aber, daß weder Gaier noch Proß bei
der Kommentierung des Textes sich ausgiebiger der Nachschriften, die Herder von
Kants Vorlesungen angefertigt hatte, bedienen und die Hans Dietrich Irmscher 19648
in einer ersten und Gerhard Lebmann 1968, 1972 (Metaphysik)9, 1979 (Praktische
Philosophie)10 und 1980 (Mathematik, Physik)11 in einer zweiten, zuverlässigeren und
umfangreicheren Version vorgelegt hat12• Auch das sogenannte 'blaue Studienbuch',
in dem sich eine mehr oder minder komplette Disposition und Teilausarbeitungen
finden, wurde von Gaier und Proß nicht zur Texterläuterung herangezogen13•
Die skizzierte Textgeschichte deutet an, daß der "Versuch" einen Beitrag zur
Korrektur des Herder-Bildes liefern könnte, ein Bild, das Herder verzerrt darstellt
als philosophischen Dilettanten, dem überdies die Trennung zwischen poetischem
und philosophischem Diskurs nicht gelungen sei. Wenn von Diskursinterferenzen
dieser Art überhaupt die Rede sein kann, so ist vor einer Wertung nach einer
Begründung für diesen Sachverhalt zu suchen. Daß Herder Kant nicht in dessen

2 Vgl. Nachlaß, XXV 52. Vgl. auch FHA I, S. 844f.


' Vgl. Herder als Schüler Kants. Aufsätze und Kolleghefte aus Herders Studienzeit. Hrsg. von Gott­
fried Martin. In: Kant-Studien 41 ( 1936) , S. 294-306. - Dieser Version folgt Proß in: HW I, S. 575-587.
Warum ProB diese Vorlage gewählt hat, ist nicht ersichtlich.
4 Versuch über das Sein. In: Kant AA 28, 2,1, S. 947-961. Diese Fassung wird von ProB mit keinem
Wort erwähnt.
s Versuch über das Sein. In: FHA I, S. 9-21. Gaier hat einige, zum Teil nicht unerhebliche Korrektu­
ren gegenüber der Ausgabe von Lebmann vornehmen können. Ich zitiere nach Gaiers Ausgabe.
6 Vgl. Haym I, S. 32, 38.
7 Gaier: "Die in dem Aufsatz erarbeitete Position hat die weitreichendsten Folgen für Herdcrs Den­
ken". (FHA I, S. 848.). - ProB: "Herders 'Versuch über das Sein' gehört zu den wesentlichsten Doku­
menten der theoretischen Grundlagen seines Denkens". (HW I, S. 844. ) - Vgl. jetzt auch Klaus Schaller:
Herder und Comenius. Ein Lehrstück zur Aufklärung der Aufklärung mit Johann Gottfried Herders 57.
Humanitätsbrief. ( Schriften zur Comeniusforschung. Bd. 17. ) Sankt Augustin 1988, insbesondere
=

s. 48ff.
8 Immanuel Kant. Aus den Vorlesungen der Jahre 1762-1764. Auf Grund der Nachschriften Johann
Gottfried Herders. Hrsg. von Hans Dietrich Irmscher. ( Kantstudien. Ergänzungshefte. 88) Köln 1964.
=

9 Kant AA 28, 1, S. 1-166 (sog. 'Metaphysik Herder'); AA 28, 2,1, S. 839-946 (sog. 'Metaphysik
Herder', 2. Hälfte nach dem Original und Nachträge aus dem sogenannten 'blauen Studienbuch').

Kant AA 27, 1, S. 1-89 (sog. 'Praktische Philosophie Herder').
11
Kant AA 29, 1,1, S. 47-66 (sog. 'Mathematik Herder') und S. 67-71 (sog. 'Physik Herder').
12
Vgl. zur Geschichte der Handschriften: Gerhard Lehmann: Einleitung [zum Anhang zu Kant AA
28]. In: Kant AA 28, 2,2, S. 1348-1356.
13 Vgl. Kant AA 28, 2,1, S. 933-946, insbesondere 5.937-941.
Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 51

Version der kritischen Philosophie gefolgt ist, diese Feststellung allein reicht als
Grund nicht zu, Herders eigene Position nicht auf ihre Validität und Konsistenz zu
überprüfen. Herders Nichtvollzug der kritischen Wende an sich zum Grund für eine
Verurteilung zu machen, widerspräche zum einen der Kritik als Methode und gäbe
zum anderen bestenfalls über die ideologische Durchsetzungskraft des Kantschen
kritischen Paradigmas Auskunft, nicht über dessen Validität (die im übrigen hier
nicht zur Debatte steht):
In der "Zuschrift" zum "Versuch über das Sein" bezeichnet Herder sich selbst als
"Epimetheus", der dem Angesprochenen den folgenden "Versuch" zueignet. Geht
man, wie Gaier und Proß das zu Recht getan haben14, davon aus, daß Kant der
Adressat ist, so führt Herder sich - in der Tradition des Bescheidenheitstopos - als
Nachdenker des Vordenkers "Prometheus"/Kant ein: "Ich übergebe Ihnen, hier
einige Gedanken ein metaphysisches Exercitium, von denen die Prämissen in ihren
Worten liegen."15 Gaier liest den Text des "Versuchs" vor allem als Widerlegung der
Karrtsehen Schrift "Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des
Daseins Gottes" (1763)16; Proß bezieht ihn auf mehrere bis 1764 gedruckt
vorliegende Schriften Kants sowie auf Texte Lamberts und Mendelssohns17• Nach
der oben skizzierten Textsituation ist aber zu überlegen, ob Herders Bezugnahme
auf die "Worte" Kants nicht doch ernster zu nehmen ist. Die Nachschrift Herders zu
Kants Metaphysik-Vorlesungen ist die ausführlichste und sauberste, die uns bisher
vorliegt. Rudolf Hayms Hinweis, daß Herder als "Lieblingsschrift" Kants
"Betrachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" bevorzugt habe, "ge­
rade die [Schrift], welche von Metaphysik nichts enthält18 insinuiert ein Herder-Bild,
auf dem Herder als Bewunderer Kants, weniger aber als verständiger und kritischer
Rezipient der Philosophie erscheint. "So kreuzten sich in der Seele des Jünglings
Poesie und Philosophie"•• - zu ergänzen ist: zu Lasten der Philosophie. Die Qualität
der Herdersehen Vorlesungsnachschriften einerseits und die gnoseologische
Präzision des Ästhetikbegriffes bei Herder sprechen eine andere Sprache. Daß
Herder "philosophischer Dilettant" und "empiristischer Skeptiker mit idealistischen
Bedürfnissen" gewesen sei, was, so Haym, in den "Ideen" immer noch deutlich sich
zeige, ja, Herders Position bis zu seinem Lebensende charakterisiere, ist ein Urteil,
das den Versuch einer eigenständigen Beurteilung Herders von vornherein schwer
belastet. Zudem wird deutlich, daß bei diesem Urteil eher Kants Rezension der
"Ideen"20 denn eine einläßliche Textanalyse Pate gestanden hat. Schließlich: Warum

14 Vgl. FHA I, S. 844 und HW I, S. 846.


IS
FHA I, s. 9.
16 Vgl. a.a.O., S. 845.
1 7 Vgl. HW I, S. 846.
1 8 Haym I, S. 35.
19 A.a.O., S. 33.
"' Vgl. dazu jetzt Hans Dietrich Irmscher: Die geschichtsphilosophische Kontroverse zwischen Kant
und Herder. In: Hamann - Kant - Herder. Acta des vierten Internationalen Hamann-Kolloquiums im
Herder-Institut zu Marburg/Lahn 1985. Frankfurt/M. (u.a.) 1987 ( Regensburger Beiträge zur deut­
=

schen Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 34), S. 111-192. Vgl. auch meine Skizze: Humanität - Au­
tonomie - Souveränität. Bedingtheit und Reichweite des Humanitätskonzepts J. G. Herders. In: Akten
des VII. Internationalen Germanisten-Kongresses Göttingen 1985. Bd. 8. Tübingen 1986, S. 161-166,
hier: S. 163f.
52 Herders Ä sthetik-Kritik

Herder "in der Hauptsache [ ... ] ein Kantianer vorn Jahre 1765"21 gewesen und
geblieben sein soll, ist eine undurchsichtige Behauptung Hayrns, da Herder schon
1764 Königsberg verlassen hatte und außer der Vorlesungsankündigung für das
Wintersernester 1765/66 in diesem Jahr keine andere Schrift Kants erschienen war.
All das ist mit Skepsis und auf der Grundlage der nunmehr verbesserten Textlage zu
prüfen. Ernil Adlers Hinweis gibt einen Schlüssel dazu: "Auf der Herderforschung
lastete der Makel, daß die ersten großen Herdermonographien aus der Feder
bedeutender Anhänger Kants, wie Hayrn, Kühnemann und Kronenberg karnen"22•
Denkbar ist also durchaus, daß das "metaphysische Exercitiurn" sich unmittelbar
an Herders Vorlesungsnachschrift und an das blaue Studienbuch anschließt. Viele
Hinweise sprechen dafür. Die Annahme Gaiers und Proß', daß Herder gedruckt
vorliegende Texte Kants beigezogen hat, ist deshalb nach wie vor nicht
auszuschließen, zurnal das bis dahin von Kant Veröffentlichte in den Metaphysik­
Vorlesungen präsent war. Ein Unterschied in der Einordnung des "Versuchs über
das Sein" ergibt sich aber dann, wenn berücksichtigt wird, daß Kant seinen
Metaphysik-Vorlesungen die "Metaphysica" Baumgartens in der Version der vierten
Auflage zugrundegelegt hat23• Was Herder da in den Vorlesungen gehört hat, ist also
Kants Auslegung der Baumgartensehen Metaphysik, wobei natürlich Wolff, Crusius
und andere mit herangezogen wurden. Wie bei Herders Arbeitsweise aber offenbar
die Regel, so ist auch die Vorlesungsnachschrift keine rein reproduzierende, sondern
es handelt sich um "Urnarbeitungen"24, in denen die Reproduktion des Gehörten,
Kommentar, Anmerkungen und eigene Reflexionen des Hörers Herder sich vermi­
schen. Da es in unserem Zusammenhang nicht um eine Rekonstruktion der
Vorlesungen Kants, auch nicht um eine präzise Datierung der Nachschrift Herders
gehen kann, ist nur soviel festzuhalten, daß der Text der Vorlesungsnachschrift
erstens ein wichtiges Dokument für Herders damalige philosophische Position ist
und zweitens, daß dieser Text eine wichtige Beurteilungsgrundlage für den "Versuch
über das Sein", aber auch für andere Texte Herders abgibt. Kurz: Kants kritische
Darstellung der rationalistischen Metaphysik, gebrochen durch die Optik Herders,
das ist die sogenannte "Metaphysik Herder".
Der zentrale Satz im "Versuch über das Sein" lautet: "Das Realsein ist der erste
absolute Begriff ... "25• Er ist keiner Demonstration, das heißt keinem logischen Be­
weis zugänglich. Seine Gewißheit ist sprachlich allenfalls als tautologische Formulie­
rung faßbar in dem Satz: "quidquid est, illud est"26• Baumgarten hatte in seiner

21
Haym I, S. 41.
22 Emil Adler: Herder und die deutsche Aufklärung [zuerst 1965]. Wien [u.a.] 1968, S. 57. - Vgl. auch
Robert T. Clark: Herder. His life and thought. Berkeley and Los Angeles 1955, S. 2.
23 Es ist die vierte, nicht die erste Auflage, wie Irmscher, Kantvorlesungen, S. 49, 1964 und Gaier
1985 (FHA I, S. 1233) noch annahmen. Vgl. auch Hannsjörg A. Salmony: Die Philosophie des jungen
Herder. Zürich 1949, S. 116. - Die Unterschiede zwischen den beiden Auflagen sind beträchtlich. Vgl.
für Beispiele oben, S. 36f., Anm. 244, 246, 249, 252, 256.
24 So Lebmann in Kant AA 28, 2,2, S. 1354.
25 FHA I, S. 16.
76 A.a.O., S. 19. Proß scheint anzunehmen, daß diese Formulierung zum ersten Mal im "Versuch
über das Sein" auftaucht. Vgl. aber die sog. 'Metaphysik Herder': "principium identicum, alias: quidquid
est, illud est". (Kant AA 28, 1, S. 8). Vgl. auch a.a.O., S. 11. - Gaier verweist zu Recht auf Kants Formu­
lierung von 1755 (FHA I, S. 867); vgl. den Wortlaut im folgenden Zitat. - Eindeutig auf Kants "Nova
Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 53

"Metaphysica" mit Bezug auf das Mögliche (possibile) geschrieben: "Omne possibile
A est A, seu, quicquid est, i/lud est [ ... ]. Haec propositio dicitur principium positionis,
seu, identitatis"27, und Kant merkte dazu an: "drükt propositiones tavtologicas aus."28 In
der "Nova Dilucidatio"29 von 1755 hatte Kant die Grundprinzipien der
metaphysischen Erkenntnis einer Kritik unterzogen, und er bot für das Prinzip vom
ausgeschlossenen Widerspruch eine neue Formulierung an. Sein zweiter Satz im
(logischen) ersten Teil lautete: "Veritatum omnium bina sunt principia absolute
prima, alterum veritatum affirmantium, nempe propositio: quicquid est, est, alterum
veritatum negantium, nempe propositio: quicquid non est, non est. Quae ambo simul
vocantur communiter principium identitatis."30 Die tautologische Formulierung
entspricht der Forderung, daß die ersten Prinzipien in allgemeinsten Ausdrücken
(termini generalissimi) vorzutragen sind. Es ist also in der allgemeinsten Formulie­
rung zum Ausdruck zu bringen, daß das Prädikat dem Subjekt inhärent oder mit
diesem identisch ist, anders gesagt: auf dieser allgemeinsten Ebene ist das Prinzip
der Identität als Evidenz zu formulieren, wenn es um das Datum des Seins, nicht
aber um den Nachweis des Datums in einer bestimmten Vorkommensform geht. Das
ist der Fall, in dem das Objekt einer Position nicht mehr zergliederbar ist. "Ein
bejahender Satz ist unerweislich, wenn die identitas [sc. von Prädikat und Subjekt]
nicht mehr deutlich gemacht werden kann'o31.
Die Frage, die sich Herder stellt, lautet: Wenn die Seins- und Existenzgewißheit
evident ist, welche Instanz verbürgt dann dem Subjekt die Gewißheit? Da das Sein
unzergliederbar ist, scheidet die analytische Philosophie aus, denn sie setzt ja erst da
an, wo ein ihr zugängliches Analysandum auffindbar ist. Ihm, als Subjekt im
modernen Sinne, als Ich32, bietet diese Philosophie nur den "elenden Trost zur
Deutlichkeit"33, womit er gleichzeitig seine polemische Haltung wie auch seine
existentielle Betroffenheit zum Ausdruck bringt. Die Metaphysik grenzt das Subjekt
aus, oder anders: die Metaphysik findet wegen ihrer Reduktion des Subjekts auf ein
intelligibles Konstrukt, das als nur Partiales Realität hat, am empirischen Subjekt,
gedacht als ein ganzheitliches, ihre Grenzen. Der intellektualistische
Erkenntnisprozeß schreitet vom Komplexen zum abstraktiv gewonnenen Einfachen
fort, und Herder lenkt seine Aufmerksamkeit gerade nicht auf den Gewinn, den
diese Abstraktion erbringt, sondern auf den mit zunehmender Präzision ein­
hergehenden Verlust all dessen, von dem 'abgesehen' wird. Radikaler als
Baumgarten bürstet Herder die Gnoseologie gegen den Strich, indem er den Preis
der Präzision in Größenordnungen subjektiven Verlusts an Gewißheit beziffert: "Ich
ziehe sie [ sc. die Begriffe] ab, verfeinige sie vom Sinnlichen, bis dieses sich nicht

Dilucidatio" (siehe unten, Anm. 29) gehen die kurzen Exzerpte Herders zurück, die als Anhang der
'Metaphysik Herder' beigegeben sind. Es heißt dort u.a.: "2) Es gibt 2. principia prima catholica: quid­
quid es4 i/lud est - quod non est, non est . Kant AA 28, 1, S. 53.
-"

n Baumgarten: Metaphysica, § 11.


28 Kant AA 17, S. 25 (Refl. 3489).
29 Kant: Principiorum primarum cognitionis metaphysicae Nova Dilucidatio ... In: Kant AA 1, S. 385
bis 416.
30 Kant AA 1, S. 389.
3 1 Kant AA 28, 1, S. 8.
32 Vgl. oben, S. 45, Anm . 326.
33 FHA I, S. 11.
54 Herders Ästhetik-Kritik

mehr zerfeinigen34 läßt, der grobere Klumpen bleibt übrig siehe das war un­
zergliederlich."35
Es ist - um das Bild Leibnizens und Baumgartens vom Marmorblock
aufzugreifen36 - der Marmorblock in seiner materialen Fülle und potentiell unendlich
großen Formlatenz, an dem Herder interessiert ist. Anders gesagt: Die Kritik an der
herkömmlichen Gnoseologie hat bei Herder ihren Ursprung im Bedauern über den
Verlust der Ganzheit, formuliert als Desiderat komplementärer Rationalitäten.
Herder ist kein 'Irrationalist' sans phrase, sondern Gegner des reduktionistischen
Rationalismus, sofern dieser das Ganze zu erfassen behauptet. Bei Wolff,
Baumgarten und auch bei Kant sieht er diese Tendenz vertreten, und er kritisiert sie
in dieser Hinsicht, ohne für deren Verdienste, die er aus seiner Sicht durchaus zu
würdigen weiß, blind zu sein. Die allgemeinste Formulierung seiner
Reduktionismuskritik im "Versuch über das Sein" lautet: "- ja wenn wir ganz
Philosophen ohne Menschen wären'm. Diese Position behält Herder zeitlebens bei.
Daß nun "sinnlich und unzergliederlich [ . . ] Synonyma"38 seien, ist zu jener Zeit ein
.

von Herder auf die obscuritas zugespitzter philosophischer locus communis, den wir
bereits auf dem Weg von Descartes bis zu Baumgarten verfolgt haben. Hatte
Descartes die Sinnlichkeit aus der Philosophie ausgegrenzt, hatte Leibniz mit der
Sinnlichkeit den Grenzbereich der Philosophie markiert und ihr Erkenntnisqualitä­
ten zugesprochen, die aber nicht 'ausbaufähig' seien - ein Standpunkt, den Wolff
genauer ausgeführt hatte -, und hatte Baumgarten der Sinnlichkeit, insofern sie zur
klaren und verworrenen Erkenntnis die Möglichkeit bietet, mit seiner Ästhetik einen
festen Platz in der Philosophie gesichert, so geht Herder einen entscheidenden
Schritt weiter. Herder rückt die Sinnlichkeit von der Peripherie philosophischer
Aufmerksamkeit in deren Zentrum, was zur Folge hat, daß er zu einer anderen
Konzeption von Gnoseologie und Philosophie gelangt, die - vor dem Hintergrund
dessen, was als 'Philosophie' damals anerkannt ist - tiefgreifende Legitimations­
probleme mit sich bringt. Und noch eine Schwierigkeit verursacht diese
Verschiebung: Im "Versuch über das Sein" folgt Herder weitgehend philosophischem
Argumentationsusus und traditioneller Argumentation, so daß seine Innovation im
Gewand der Tradition nur bedingt zum Ausdruck kommen kann. Das Verwirrende
dieses Befundes wird klarer, wenn man sich vor Augen führt, daß Herder hier Ernst
macht mit der Vorstellung vom 'ganzen Menschen', der "Zwittermenschheit"39, der
ein neuer, ganzheitlicher philosophischer Diskurs entsprechen solle. Der "Versuch
über das Sein" ist die erste Spur einer holistischen Philosophie.
Um die Gewißheit der Sinnlichkeit plausibel zu machen, bedient Herder sich der
Unterscheidung zwischen Überzeugung und Beweis, die in etwa der Baumgar­
tenseben Unterscheidung von "PERSVASIO" und "CONVICTIO'o40 entspricht. In der

34 Gaier liest "verfeinigen".


35 Ebd.
36 Vgl. oben, S. 10 und 45.
37 FHA I, S. 11.
38 Ebd.
" Ebd.
"' Baumgarten: Metaphysica, § 531: "Conscientia veritatis est CERTITVDO (subiectiue spectata
( ... J). Certitudo sensitiua est PERSVASIO, inteUectualis CONVICTIO." (S. 185).
Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 55

Vorlesungsnachschrift zum Paragraphen 53 1 der "Metaphysica" Baumgartens heißt


es: "Persuasio ist sinnlich - aus unzureichenden Gründen - ja die man vor zureichend
hält .. .'"'1, und es scheint so, als sei der Zusatz - "ja die man vor zureichend hält" - be­
reits ein Zweifel an dem exklusiven Anspruch des intellektualistischen Paradigmas,
den Herder nachträglich zum in der Vorlesung Gehörten anbringt. Die sinnlichen
Begriffe wirken nach Herder durch "Überzeugungskraft" in mindestens dem Maße,
wie die zergliederten Begriffe durch ihre "Beweiskraft'"'2 Gewißheit erzeugen, mit
dem Unterschied, daß die sinnlichen Begriffe subjektive, die zergliederten Begriffe
(vom Anspruch her) objektive Gewißheit verschaffen.
Die beiden Pole - die subjektive, sinnliche, unzergliederliche Gewißheit auf der
einen, die (vom Anspruch her) objektive, intellektuale, qua Analyse gewonnene auf
der anderen Seite - bezeichnen als Komplemente die Spanne menschlicher Erkennt­
nismöglichkeiten. Die Extremform der subjektiv-sinnlichen Erkenntnis hat ihr
Erkenntniskorrelat im völlig Unzergliederlichen, 'Indemonstrablen', in dem "einen
allersinnlichsten Begriff143, dem "Begriff des Seins'14 4• Er ist die "Eins", das 'einfachste
Wort' für das allem Vorkommenden Gemeinsame, das 'Maß der Vielheit'45• Daß
diese 'Eins' nun der sinnlichste Begriff sein soll, ist auf den ersten Blick eine
erstaunliche Behauptung, die sich wohl nur vor dem Hintergrund der Gnoseologie
erläutern läßt, denn der Begriff des Seins als notwendige Anna hme der Einheit alles
Vorkommenden ist alles andere als 'sinnlich'. Die Vorlesungsnachschrift bietet hier
eine Brücke. Im Paragraphen 632 seiner "Metaphysica" handelte Baumgarten vom
Verständnis einer Sache, und er schloß mit dem Satz: "omne possibile est in se con­
ceptibile'146. In Herders Nachschrift findet sich dazu folgendes: "alles mögliche
conceptibel - aber ein einfacher begriff, der nicht notas partiales hat: kan auch nicht
deutlich sondern blos klar verstehen [sie] : selbst das höchste Wesen, das diese be­
griffe blos klar hat hat sie doch nicht verworren, denn nicht alles waz nicht deutlich

4 1 Kant AA 28, 2,1, S. 850.


42 FHA I, S. 11.
4 3 A.a.O., S. 12.
44 Ebd.
45 In Herders Vorlesungsnachschrift zu Kants Mathematik-Vorlesung heißt es: "Das Maa.r der Größe
(Vielheit) ist die Einheit, oder Eins." Kant AA 29, 1,1, S. 49. - Gaiers Hinweis (der sich auf die Ausgabe
von 1753 zu beziehen scheint), daß Herder "Eins" wie Crusius verwende, ist unklar (vgl. FHA I, S. 857).
Crusius unterscheidet (in der Ausgabe von 1745) drei Arten der Begriffsverwendung: 1) "man setzt eins
den mehrem von eben der Art entgegen" oder, 2) "man setzt eins denjenigen Dingen entgegen, welche
nicht vereiniget sind", oder 3) "man nennet [ ... ) dasjenige Eins [ ... ), welches nur einmal existirt". Christian
August Crusius: Entwurf der nothwendigen Vernunft-Wahrheiten, wiefern sie den zufälligen entgegen

gesetzet werden. Leipzig 1745 (Reprographischer Nachdruck [ Chr. A. Crusius: Die philosophischen
Hauptwerke. Hrsg. von Giorgio Tonelli. Bd. 2) Hildesheim 1964), § 90, S. 155f. Herders Begriff-

der/des "Eins" läßt sich nicht eindeutig bei Crusius verorten. Zwar schreibt Crusius zu seiner
erstgenannten Verwendung: "In der ersten Bedeutung, da das Eins den mehrem entgegen gesetzet wird,
ist der Begrifl der Einheit gantz einfach, und kan also durch Zergliederung nicht definiret, sondern er
muß aus den Exempeln abstrahiret werden." (A.a.O., § 91, S. 156), dennoch ist dies nicht mit Herders
Begriflsverwendung identisch, da es zum Sein nicht 'mehrere von eben der Art' gibt. - Vgl. zum 'ein­
fachsten Wort': Kants "Nova Dilucidatio": " ... terminerum affirmantium simplicissimus est vocula est . .". .

Kant AA 1, S. 390.
46 Baumgarten: Metaphysica. 4. Aufl., § 632, zit. nach Kant AA 15, 2,1, S. 35. In der 7. Auflage steht
fälschlicherweise "inconceptibile".
56 Herdcrs Ästhetik-Kritik

ist ist verworren: das Zusammengesetzte wohl, aber das einfache nicht: das lste
principium wird also indemonstrabel seyn E.[xemplum:] Seyn ... "47•
Das Entscheidende, schon bei Leibniz Thematisierte, ist das von der rationa­
listischen Gnoseologie geschaffene Faktum, daß das Einfache, nicht Zusammenge­
setzte nur auf einer Stufe erkannt werden kann. Das zureichend von anderem Un­
terschiedene heißt bekanntlich klar erkannt; das von anderen unterschiedene Einfa­
che wäre also nur klar erkennbar. Weil aber - so hatte Leibniz diesen speziellen
Sachverhalt ausgelegt - das klar erkannte Einfache eben wegen seiner Einfachheit
(notio primitiva) nicht analysierbar, gleichwohl aber ganz erkennbar ist, so ist in die­
sem Falle nur eine Erkenntnis, und zwar die höchste, möglich: die intuitive48• Herder
hat Leibnizens "Meditationes" wohl erst später gelesen und exzerpiert49, festzuhalten
ist, daß er sich bei der Fundierung von Ontologie und Gnoseologie genau für den
Punkt interessiert, an dem vollständige und vor-reflexive Erkenntnis koinzidieren.
Weil nun keine Teile oder Merkmale gegeben sind, kann sich aber auch keine
Verworrenheit einstellen. Nach Baumgartens Definition der cognitio sensitiva ist ein
Einfaches also nicht ästhetisch perzipierbar. Und dennoch spricht Herder vom Sein
als dem "allersinnlichsten Begriff', und er kann so sprechen, weil er vom Sein als er­
fahrener Voraussetzung aller Reflexion und Erkenntnis ausgeht, das heißt von einem
Seinsbegriff, der der gnoseologischen Analyse vorausliegt Dieses Sein ist der Null­
punkt, die ontologische Origo für Herders Philosophieren und für seine Erkenntnis­
lehre. Die Gewißheit dieses Seins ist subjektiv durch die Empfindung verbürgt, so
daß die Ich-Konstitution kein rationaler, sondern ein sinnlicher Akt ist, der reflexiv
nicht hintergehbar ist. Das Sein ist "die Grundlage alles unseres Denkens [ ... ) und das
Element, mit dem wir umhüllt sind.''50 Die erste reflexive Objektivation ist dem­
zufolge die Konstatation des Seins, das, weil unzergliederlich, einfach, sprachlich die
Form der Tautologie annehmen muß. Die Tautologie ist in Herders Perspektive der
sichtbare Offenbarungseid der analytischen Philosophie, die grundlegende Seinser­
fahrung ist das "Ende der Philosophie"5\ wie er sich ausdrückt. Und es ist bei diesem
'Ende' an lateinisch "finis" in seiner Doppeldeutigkeit - Ende und Grenze - zu den­
ken. Mit Verve polemisiert Herder gegen "unsere Orthodoxen", die sich der Grenz­
verletzung schuldig gemacht haben, indem sie zu beweisen suchten (demonstrare),
was nur gezeigt (indigitare) werden kann.
An Baumgartens Ontologie führt Herder exemplarisch den illegitimen Übergriff
der Philosophie auf das Datum der Seinsgewißheit vor. Baumgarten war vom Nichts
als dem Widerspruch, das heißt vom Unmöglichen, ausgegangen und hatte die Auf­
hebung des Nichts als Generierung des Etwas, des Widerspruchsfreien, also Mög­
lichen, behaupte�2• Damit scheint durch logische Operation Realität auf der

47 Kant AA 28, 2,1, S. 870 .


.. Vgl. oben, S. 9f.
49 Irmscher/Adler setzen für Herdcrs Exzerpt von Leibniz' "Meditationes" ca. 1768 an. Vgl. Nachlaß,
XXV 88. - Hans-Detlef Bänsch: Semiologische Paradoxien in Goethes Sprach- und Dichtungsverständ­
=
nis. Essen 1986 ( Germanistik in der Blauen Eule. Bd. 5), S. 141 streicht die grundlegende Bedeutung
der Leibnizschen "Meditationes" für Herdcrs Sprachursprungsschrift heraus.
"' FHA I, S. 14.
SI
FHA I, s. 13.
» Baumgarten: Metaphysica. "Nihil [.. ] est A & non-A." (§ 7). - "Nonnihil est ALIQVID." (§ 8). Vgl.
.

Kant AA 28, 1, S. 7-11 und AA 28, 2,1, S. 916.


Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 57

Grundlage des Widerspruchsprinzips kausalgenetisch erklärt worden zu sein. Der


Fehler liegt nach Herder darin, daß das (logisch) Mögliche mit dem (real) Existie­
renden vermischt worden ist. Zudem liege in der Ableitung des Etwas aus dem
Nichts eine petitio principii vor, denn: das Nichts ist nur als Privatives, nicht als Ne­
gatives denkbar. Die Privation setzt aber schon ein Etwas, von dem etwas genommen
wird, voraus53• Diese Operation kann also jeweils nur die Prädikate eines Subjekts,
nicht das Subjekt selbst betreffen54, und sie bezieht sich nur auf zusammengesetzte
(prädizierte), nicht auf einfache Dinge. Das einfache Reale kann von der logischen
Analyse also gar nicht tangiert werden. Diese nicht-beweisbare Gewißheit des Seins
ist der ontologische Ausgangspunkt Herders. Die Empfindung als Instanz, die diese
erste Gewißheit verschaffe, ist Herders primäre gnoseologische Option. Ersteres hat
er mit Kant gemeinsam, letzteres trennt Herder von Kant.
Die sich im "Versuch über das Sein" anschließende Prüfung, ob der Begriff des
Seins als Realsein nicht doch aus einer ihm vorausliegenden Möglichkeit zu erklären
sei, die Prüfung also, ob das Sein Grund oder Folge sei, ergibt, daß das Realsein
originär ist. Das überrascht nicht, interessant aber, weil für Herder charakteristisch,
ist, wie er bei dieser Überprüfung vorgeht. Er schreibt: "Der Begriff des Seins ist
subjektiv ohne Zweifel eher gewesen, als der von der Möglichkeit und die Realmög­
lichkeit eher als die logische da Menschen eher gewesen sind als Philosophen.''55
Herder versucht, wie er selbst sagt, den "Ursprung dieses Begriffs" aufzusuchen, um
Aufklärung zu erhalten. Das Verfahren ist schlüssig und verblüffend zugleich. Da
dem Begriff des Seins kausalgenetisch nicht beizukommen war, weil das einfache
Reale als Origo der analytischen Philosophie dieser selbst entzogen ist, macht
Herder einen Ansatz zum Wechsel in eine historisch-genetische Erklärung, deren
Ausgangspunkt das undifferenzierte Reale als Datum ist. Die absolute Position sei
vor der Möglichkeit, das heißt der Möglichkeit zur Wahl zwischen mindestens zwei -
und weil in der Mehrzahl, nicht absoluten - Positionen gewesen. Subjektiv sei der
Begriff des Seins eher gewesen, weil die Erfahrung ihrer eigenen Reflexion
voraufgehe56, denn die Philosophie sei eine späte Erscheinung in der Entwicklung
der Menschheit. Spezialisierung, Ausdifferenzierung und zunehmende Abstraktheit
sind Herders Kriterien zur Erkenntnis des historisch Späteren. Das als historisch
früher Behauptete bekommt nun bei Herder als solches argumentative Kraft, und
Herder erstellt eine kleine Skizze, aus der ersichtlich wird, daß die Opposition
'Mensch versus Philosoph' als Resultat historischer Entwicklung vom "sinnlichen
Menschen"57 zum abstraktiv Denkenden gedacht wird. Da die Abstraktion des Real­
seins als primärer Erfahrung nicht habhaft werden kann, der Begriff des Seins aber

53 Vgl. zum nihil negativum und nihil privativum Kant AA 28, 1, S. 7. Kant zieht dort offenbar die Pa­
ragraphen 7 und 54 aus Baumgartens "Metaphysica" zusammen. Vgl. auch Kant: Versuch den Begriff
der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen. In: Kant AA 2, S. 165-204, hier: S. 171f.
,

54 " ... bei der logischen Remotion [wird) das Subjekt behalten und Prädikat blos verneint ... ". Kant
AA 28, 2,1, S. 916.
55 FHA I, S. 15.
so Das logische Sein sei eine "Kopie" des Realseins, schreibt Herder kurz vorher. Vgl. FHA I, S. 12. -
Vgl. auch Herders Skizzen im blauen Studienbuch, in: Kant AA 28, 2,1, S. 936f.
5:7 FHA I, S. 15.
58 Herders Ä sthetik-Kritik

die Voraussetzung auch für die Philosophie ist, ist der 'Philosoph' in diesem
emphatischen Sinne für Herder eine Art Schwundstufe des ganzen Menschen.
Nun könnte aus Herders Überlegungen zum Begriff des Seins der Schluß gezogen
werden, daß er für die Abschaffung der Philosophie plädiere, um so zum Klischee
vom 'Irrationalisten' Herder zu gelangen, der Rationalität durch - wie auch immer
verstandene - 'Einfühlung' zu substituieren trachte. Diese Vorstellung vom 'lrratio­
nalisten' Herder ist falsch. Nicht nur frühe Schriften belegen diese Feststellung, son­
dern auch die späteren, großen Abhandlungen. Im "Versuch über das Sein" jedenfalls
läßt Herder sich auf vorgegebene philosophische Positionen ein und geht deren ei­
genen Argumentationen nach, um mit ihren eigenen Mitteln deren Wider­
sprüchlichkeit und falsche ontologische Fundierung aufzuzeigen. Dadurch, daß er die
Aporien aufzeigt, die sich durch den Übergriff der Logik auf die Seinsgewißheit er­
geben, macht Herder sich die Grenzen der Philosophie klar, ohne die Notwendigkeit
und Leistung der Philosophie zu bezweifeln. Die Erklärung des logischen Wesens,
"ohne doch das Realwesen berührt zu haben", das sei "ja das einzige Geschäfte der
Philosophen - ja! und muß es auch sein, nur daß sie nicht Schlüsse von diesem logisch
Möglichen auf das Realsein machen, daß sie glauben, das Realsein erklärt zu haben,
wenn sie den ganz verschiednen Begriff des logisch Möglichen weit auskramen, und
mit jenem vermischen."58
Den "Versuch über das Sein" bis zu diesem Punkt zusammenfassend, kann festge­
halten werden, daß Herder den philosophischen Diskurs als den Diskurs der "will­
kürlich[en] szientifische[n] Begriff[e]"59 bestimmt, dem die subjektive Seinserfahrung
als das mit den Mitteln dieses Diskurses nicht Begreifbare vorausliegt
An die Überlegungen zur subjektiven Seinserfahrung und zum Sein als Begriff
schließt Herder Gedanken über die objektive Gewißheit des Seins an, indem er - vor
allem an Kants "Einzig möglichen Beweisgrund" anknüpfend - vom "Sein als dem
Glied eines Satzes" handelt.
Descartes hatte von der Möglichkeit als Grund auf die Existenz Gottes als deren
Folge geschlossen. Kant, der im "Einzig möglichen Beweisgrund" eine "quasi
mathematische Demonstration"60 des ontologischen Gottesbeweises vorlegt, schließt
um5ekehrt von der Möglichkeit als Folge auf die Existenz Gottes als deren Grund61•
Herder nimmt nun Anstoß daran, daß das Realsein bewiesen werden soll. Sowohl das
Realsein als unzergliederliches Einfaches, als auch Gott als Einziges, Ewiges und
Unendliches kann nicht prädiziert werden, da Existenz das Subjekt ist:
"Existentialpropositionen [ .. . ] fehlet offenbar ein Prädikat"62• Eine grammatische Prä­
dikation vom Typus "Ein Gott ist: ein Gott ist exsistent"63 ist noch keine logische Prä­
dikation, weil dem Subjekt im logischen Sinne nichts 'hinzugefügt', das heißt als

"' A.a.O., S. 16.


,. Ebd. - Vgl. auch Kant AA 28, 2,1, S. 938.
60 Josef Schmucker: Kants vorkritische Kritik der Gottesbeweise. Ein Schlüssel zur Interpretation des
theologischen Hauptstücks der transzendentalen Dialektik der Kritik der reinen Vernunft. Wiesbaden
1983 ( Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissen-
=
'
schaftliehen Klasse. Jg. 1983. Nr. 2), S. 35.
61
Vgl. Kant AA 2, S. 91, 1 16, 127, 156, 160, 162.
62 FHA I, S. 17.
63 Ebd.
Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 59

Eigenschaft zugesprochen wird. Anders gesagt: Gott (Sein) kann nicht bewiesen
werden, weil das Realsein gar nicht im Bereich logischer Verfügbarkeil liegt, wie
zuvor gezeigt wurde. Und Herder wiederholt sein Credo: "Der gemeine Sinn werde
hier unser Lehrer: Keinen Erfahrungsbegriff sucht man a priori zu beweisen"64,
womit er gegen Kants "Einzig möglichen Beweisgrund" Stellung bezieht65• Beweisbar
sind also nach Herder Beziehungen (respectus, relationes66} zwischen Termen, deren
'Position', nicht aber die Existenz der Terme und die Existenz selbst. Im zweiten
Abschnitt seines zweiten Kapitels resümiert Herder: "Das Sein unerweislich - Kein
Dasein Gottes erweislich. [ ... ) alle Exsistentialsätze, der größte Teil der menschlichen
Erkenntnis nicht zu beweisen - o alles ungewiß, nein nicht ungewiß, auch nicht im
Erweise ungewiß: sondern gewiß und gar nicht zu erweisen. [ ... ) Diese Gewißheit [sc.
des Seins] ist uns angeboren."67
In einer "Schlußbetrachtung" geht Herder dann auf die ontologischen und
gnoseologischen Konsequenzen seiner Annahme von der indernonstrahlen und
subjektiven Seinsgewißheit ein.
Was Herder hier formuliert, ist nichts geringeres als ein neues philosophisches
Programm. Der Ausgangspunkt ist die Forderung nach einer Veränderung der
Extension der Philosophie. Die rationalistische Philosophie war bis dahin im
wesentlichen auf die Gewinnung klarer und deutlicher Erkenntnisse ausgerichtet, so
daß ihr Procedere als eine zentripetale Bewegung von der Peripherie des hetero­
klitischen68, komplexen und dunkel perzipierten 'Materials' zum Zentrum der
artikulierten, abstraktiv reduzierten und deutlich erkannten Begriffe beschrieben
werden kann. Herder nennt diese Philosophie "objektiv"69• An ihr kritisiert er zur.I
einen Verfahrensfehler - den Übergriff der Logik auf das real Existierende -, zum
anderen aber, und vor allem, die Relevanzkriterien, anband derer die Entscheidung
über die philosophische Dignität der Gegenstände überhaupt getroffen wird. Dies ist
ein zentraler Punkt der Kritik Herders, auf den wir noch öfters zurückkommen
werden.
Mit Bezug auf das Ansehen des historischen Wissens im 18. Jahrhundert hat
Hayden White aus, wie er es nennt, "metahistorischer" Perspektive formuliert: "It is
true that eighteenth-century historical thinkers tended to overvalue the irrational as a
causal factor in the historical process and to undervalue it as a possible source of

64 Ebd.
65 Vgl. die einschlägigen Abschnitte der Vorlesungsnachschrift in: Kant AA 28, 2,1, S. 912ff.
66 Vgl. oben, S. 39 (zu Relationes).
<n FHA I, S. 19. Hervorh. von mir; HA. - Vgl. auch Kant AA 28, 2,1, S. 940.
68 Ich entnehme dieses Epitheton Ferdinand de Saussures Sprachtheorie. Während das Sprachsystem
(Ia Iangue) ein "'Ganzes in sich" ist, das als Ganzes Teil der "Iangage" ist, ist "le Iangage" "multiforme et
beteroclite". Vgl. Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique generale [zuerst 1916). Edition critique
=
preparee par Tullio de Mauro. Paris 1m, S. 25. - Das Verhältnis von "Iangage" und "parole" ( das ar­
tikulierte Vorkommen von Sprache) scheint mir dem von Marmorblock und Marmorkugel vergleichbar
zu sein (vgl. oben, S. 10 und 45f.). Vgl. auch Hans Adler: Langue/Parole. In: HWP V, Sp. 32-34.
(9 FHA I, S. 20.
60 Herders Ä sthetik-Kritik

creative social force. But if they were intolerant of what we no Ionger regard as
unreason but value rather as faith, they were guilty only of a misjudgment .. '170•
Herder ist an einer Neuverteilung nicht der Wissensbestände, sondern an einer
Neuverteilung der Prinzipien, die die Wissensbestände regulieren, interessiert.
Damit ist aber ein Eingriff in das, was "Wissen" genannt zu werden beanspruchen
kann, intendiert, das heißt, "Wissen" und "Gewißheit" werden disponibel innerhalb
gewisser Grenzen, Vernunft und Unvernunft werden in ein neues Verhältnis gesetzt.
Genau dieses ist gemeint, wenn Herder seinen Philosophiebegriff mit dem
etablierten konfrontiert, wie er das im Bereich seiner Ästhetik und
Geschichtsphilosophie offensiv vorführt11• Das Besondere an Herders Position er­
kennt White nicht in einer Entgegensetzung, sondern in der Aufweichung der
Opposition von "irrational" und "rational'm.
Relevant ist für die von Herder kritisierte Philosophie das, was einer klaren und
deutlichen Erkenntnis zugeführt werden kann, mit dem Ziel der durch -
entindividualisierenden - Größenvergleich charakterisierten cognitio mathematica.
Dieser Rationalitätstypus ist gekennzeichnet durch zunehmende Exklusion des
Erfahrbaren, anders gesagt: durch Distanzierung vom Subjekt. Baumgartens Kritik ­
Quid enim est abstractio, si iactura non est? - findet in Herder einen radikalen
Vollstrecker, der der vorgefundenen rationalistischen Philosophie vorwirft, daß sie in
dem Maße, in dem sie präziser werde, immer blinder für die Realität, genauer: für
das Ganze werde: "der grobere Klumpen bleibt übrig"73, und die Philosophie laufe
Gefahr, zu einer puren nominaldefinitorisch orientierten Wortphilosophie zu
verkommen. Die Systematisierung der Begriffe, ohne die Reflexion auf deren
Grundlage und Herkunft ist Herder suspekt, wenngleich er deren Nutzen nicht rund­
weg bestreitet. In einer Baumgarten-Kritik heißt es: "Ich nenne diese Methode [sc.
die tabellarische] bequem, weil sie die Einsichten ungemein faßlich macht, denn der
Anfang im Denken ist immer die größte Schwürigkeit, da ich ohne Lehne und
Haltung ungewisse Schritte tun muß. Hingegen so bald ich auf einem bekannten
Gleise bin, so bald ich die neue Sache in der alten Figur sehe, so bin ich gleichsam zu
Hause, und weiß mich einzurichten. Es erleichtern also diese Worteinteilungen [ ... ]
dem Leser ungemein den Gang.
Allein sie können wieder der Weltweisheit schädlich werden, wenn man sich zu
sehr an sie gewöhnet. Denn sie können sehr bald Schranken der Erkänntnis werden,
die uns hindern, weiter zu sehen, und zu gehen. Sie werden Steine der
Bequemlichkeit"74• Als Propädeutik zur Philosophie läßt Herder die "bequeme"
Methode gelten, Philosophieren ist das aber für ihn nicht, und diese wohl von Kant

"' Hayden White: The Irrational and the Problem of Historical Knowledge in the Enlightenment. In:
Studies in Eighteenth Century Culture. Proceedings of the American Society for Eighteenth-Century­
Studies (Cieveland). Val. 2 (lm), S. 303-321, hier: S. 305.
71 Vgl. unten, S. 73f.
72 White: The Irrational, S. 307.
73 FHA I, S. 11.
74 Herder: Von Baumgartens Denkart in seinen Schriften. In: FHA I, S. 657f. - Vgl. auch Herder:
Fragmente III, FHA I, S. 397.
Herders Kritik der Philosophie der ''Wortwelten" 61

übernommene Unterscheidung zwischen Philosophie als Produkt und Philosophieren


als Produktion von Erkenntnis nimmt Herder sehr ernst15•
Dieser beschränkten und beschränkenden "objektiven" Philosophie setzt Herder
eine "subjektive Philosophie"76 entgegen. Sie ist nicht an der Reduktion der
möglichen Gegenstände auf die klar und deutlich erkennbaren interessiert, sondern
an allen Gegenständen und Sachverhalten, soweit sie der menschlichen
Aufmerksamkeit in ihren Spielarten zugänglich sind. Ihr Procedere kann beschrieben
werden als eine zentrifugale Bewegung vom Subjekt als Zentrum der Seinsgewißheit
hin in alle den Sinnen, dem Verstand und der Vernunft faßbaren Bereiche. Die
extensionale Ausweitung des Gegenstandsbereichs der Philosophie, wie Herder sie
im "Versuch über das Sein" im Auge hat, ist keine bloß quantitative Vermehrung,
sondern eine paradigmatische, qualitative Veränderung. Er plädiert für eine
Ablösung des rationalistischen Reduktionismus durch einen der menschlichen
Konstitution angemessenen Holismus, der sich einem Vertrauen in die Schöpfung
verdankt. In Herders Vorlesungsnachschrift zur Metaphysik heißt es an einer Stelle:
"Die Menschen hätten gar nicht nothig, sich in der Metaphysik in Wolken verlieren
[sie], dagegen gab uns der Schöpfer Triebe, Richter in uns.'m Das Verhältnis des
Menschen zum Ganzen der Schöpfung ist ein grundsätzlich ästhetisches, in dem nicht
nur oberes und unteres Erkenntnisvermögen, sondern auch oberes und unteres
Begehrungsvermögen zu einer Einheit zusammengeführt sind: "Gefühl die
Eigenschaft eines Wesens, das der Lust und Unlust fahig ist.''78 Die Lust an dem, 'was
für uns gut ist', ist die Erkenntnis als Genuß auf der Ebene des unteren
Begehrungsvermögens. Ohne diese Erfahrung ist die Erkenntnis des Schönen auf der
Ebene des unteren Erkennntnisvermögens nicht möglich: die Aisthesis ist ein ganz­
heitliches Phänomen.
Dadurch, daß im "Versuch über das Sein" die Seinsgewißheit als fundamental, un­
erschütterlich, aber nicht beweisbar ausgewiesen wird, ist das gnoseologisch Dunkle
von der Peripherie ins Zentrum der Philosophie versetzt worden. Dem ontologischen
Axiom des unerweislichen, gewissen Seins korreliert die gnoseologisch basale Rolle
des fundus animae, des dunklen Grundes der Seele. Zugleich ist damit der Dualis­
mus von res extensa und res cogitans zugunsten eines Monismus verabschiedet, da
Sein und Gewißheit des Seins in der Subjektkonstitution unauflöslich miteinander
verbunden gedacht werden79•
Die sinnlich beglaubigte Seinsgewißheit, das ist Herders Substitut für Descartes'
Cogito und für Crusius' Bewußtsein als erstem Akt der Subjektkonstitution. Ruft

75 Vgl. z.B. "lernen" vs. "selbst ( ... ) denken". FHA I, S. 247 (Fragmente I, 1767). In der 2. Fassung der
Fragmente I (1768), Fragment 12, FHA I, S. 642, stellt Herder Ordnen von Wissen und "Entdecken"
einander gegenüber. An Baumgarten kritisiert Herder, daß er von den Prinzipien zu den Phänomenen
vorgehe; der umgekehrte Weg sei der richtige.
76 FHA I, S. 20.
77 Kant AA 28, 2,1, S. 918.
78 A.a.O., S. 863. Das ist vor dem Hintergrund der Diskussion um die eingeborenen Ideen zu lesen.
-

Im Vorwort zu den "Nouveaux Essais" von Leibniz heißt es : " ... les idees et les verites nous sont innees,
comme des inclinations, des dispositions, des habitudes ou des virtualites naturelles, et non pas comme
des actions" (G V, S. 45).
79 Vgl. zu Herders Monismus den einschlägigen Abschnitt bei Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im
Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus (1981). München 1986, S. 615-636.
62 Herders Ästhetik-Kritik

man sich nun in Erinnerung, daß die Ästhetik in ihren philosophischen Anfängen als
Lehre von der Aisthesis, der sinnlichen Erkenntnis allgemein aufgefaßt wurde, so
muß Herders "Versuch über das Sein" als Skizze zu einer "ästhetischen Ontologie"80
gelesen werden. Die Sinnlichkeit als "Beziehungspunkt in uns"81 gewährleistet die
Ordnung des sinnlich Erfahrbaren unter dem allersinnlichsten Begriff des Seins. Al­
lem durch äußeren und inneren Sinn Erfahrbaren ist dieses Sein eigen, diese Allge­
meinheit macht das Sein "zum besonderen Begriff'82• Die ersten Stufen der Zerglie­
derlichkeit sind mit dem durch Zeit, Ort und Grund-Folge, genauer: Kraft - Ursache
- Folge-Bestimmung spezifizierten, aktualen Sein gegeben83• Die Individualität der
Begriffsvorkommen erwähnt Herder aber, ebenso wie die Individualität der
Wahrnehmenden, an dieser Stelle eher nebenbei, weil beides für diese Abhandlung
nicht im Themenfocus liegt.
Hat Herder im "Versuch über das Sein" eine grundlegende Skizze zu einer
menschenmöglichen Philosophie durch Bestimmung ihrer Grenzen geliefert, so er­
staunen doch zwei Formulierungen am Ende des Textes. Es heißt dort: "Uns, die wir
ein sehr vermischtes Ich haben, an beiden Sinnen gebunden sind uns wenig durch die
Abstraktion leicht machen, und auf einen Zustand der Befreiung warten, sind alle
unzergliederlichen Begriffe sehr unzergliederlich."84 Und, wenig weiter: "Bloß unsere
Fesseln, die Äußerlichkeit unserer Begriffe machts, daß ein jedes dieser Sein das ubi

80 Hans Joaclllm Sehrimpf bezieht diesen Begriff auf Karl Philipp Moritzens Position; vgl. HJ.Sch.:
Karl Pllllipp Moritz, S. 103. Es sind in der Tat zahlreiche konzeptionelle Parallelen zwischen Herder
und Moritz festzustellen. Mit Blick auf die "ästhetische Ontologie" sei hier nur auf einige markante Be­
lege lllngewiesen. Im ''Andreas Hartknopf (1786)" heißt es: "Lieber Vetter! der Vater wäre nicht der
Vater, wenn der Sohn nicht wäre - der Vater muß durch den Sohn erkannt werden, wie der Gedanke
durch das Wort - Das Wort ist das Kleid, das den Gedanken umhüllet - aber ohne das Wort wäre der
Gedanke nichts ( ... ) unser ganzes Leben und Seyn drängt sich in ein großes Wort zusammen, aber ich
kann es nicht buchstabieren [ ... ) Vetter, wir sind ist das höchste, was wir sagen können .. .". Karl Philipp
Moritz: Andreas Hartknopf [ ... ]. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Hans Joaclllm Schrimpf.
Stuttgart 1968 ( Sammlung Metzler 69), S. 38f. und S. 40. - In Moritzens ästhetischer Programmschrift
=

" Über die bildende Nachahmung des Schönen (1788)" lauten die abschließenden Sätze: "Daß wir selber
sind, ist unser höchster und edelster Gedanke. - Und von sterblichen Lippen, läßt sich kein erhabneres
Wort vom Schönen sagen, als: es ist!' K.Ph.M.: Schriften zur Ästhetik und Poetik. Kritische Ausgabe.
Hrsg. von Hans Joachim Schrimpf. Tübingen 1962, S. 93. - Schließlich sei noch hingewiesen auf Morit­
zens Kritik an der Mystik, die er eine "Metaphysik ohne Physik" nennt; vgl. K.Ph.M.: Ueber Mystik. In:
MzE VII, 3. Stück (1789), S. 76. In "Andreas Hartknopfs Predigerjahre (1790)" stellt Moritz im Herrn
von G. einen mystischen Fanatiker vor. Dessen "Denkart hatte [ ... ) eine gleichsam zugespitzte Richtung
bekommen, sie eilte immer zu früh dem Ende zu, ehe sie noch die Fülle gefaßt hatte. Das Fassende er­
hielt dadurch eine gewisse Einengung, worin Bäume, Pflanzen und Thiere nicht Platz finden konnten.
Das Körperliche blieb ausgeschlossen - das Geistige schwebte oben. - Zwischen dem, was zu­
sammengehört, und sich nach einander sehnt, war eine Kluft befestiget, die der Hr. v. G. nicht sahe, weil
er selber in dieser Kluft stand. -" A.a.O., S. 40. Vgl. dazu: Schrimpf: Moritz, S. 62f., 99, 103f. - Ein Ver­
gleich zwischen Herder und Moritz verspricht ohnehin einen ungemein tiefen Einblick in die Ä sthetik
des 18. Jahrhunderts vor ihrer Einengung auf eine Kunstlehre. Die Einlösung dieses Desiderats wäre ein
wichtiger Beitrag zur "Geschichte der Sinnlichkeit" (Schrimp!).
81 FHA I, S. 20.
82 Ebd.
"' Vgl. zu "juxta" (Raum), "post" (Zeit) und "per" (Kausalbeziehung) ebd. und Gaiers Erläuterungen,
S. 868. Vgl. zu Kraft-Ursache-Folge: S. 15.
84 A.a.O., S. 21. Erstere Hervorh. von mir; HA.
Herders Kritik der Philosophie der "Wortwelten" 63

und quando bei sich haben"85• Der erwartete "Zustand der Befreiung" aus den "Fes­
seln" der Sinnlichkeit und aus dem Faktum, daß Erkenntnis immer Erkenntnis "pro
positu corporis mei"86 ist, doch gerade von Herder als konstitutiv für das menschliche
Erkenntnissubjekt herausgestellt, scheint der anthropologischen Fundamentierung
der Philosophie, gewissermaßen hinter ihrem Rücken, zu widersprechen. Der Wider­
spruch wäre aber derart, daß das skizzierte Programm völlig zusammenbräche, denn:
die Philosophie, die Herder hier für das erkennende und empfindende, für das "ver­
mischte" Ich entwirft, kann diese Befreiung deshalb nicht herbeiführen, weil die "Fes­
seln" ihre eigene Grundlage und Bedingungen sind. Die Terminologie - Erwartung
der Befreiung, Fesseln (der Sinnlichkeit) - deuten auf eine theologische, womöglich
pietistische Provenienz dieser Bemerkungen. Es handelt sich dabei nicht um einen
Lapsus des pietistisch erzogenen Theologiestudenten Herder, sondern eher um eine
emphatisch umgewertete Kritik. Gerade die Beschränkung ist als das Humanum
aufzufassen, denn nur in ihr ist menschliche Erkenntnis überhaupt möglich. Jede
Form der Klage gegen die Körperlichkeit und das Datum der Seinsgewißheit er­
scheint dann vor diesem Hintergrund als Form einer Ideologie der Inhumanität.

B. Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten

1 . Die Aisthesis als Ausgangspunkt

Es dürfte nach dem bis hierher Gesagten deutlich geworden sein, daß für Herder
"Ästhetik" ein weit über die philosophische Disziplin einer Kunstlehre hinausgehen­
der Begriff ist. Die Menschen bezeichnen (und erkennen) "die Dinge nicht, wie sie
sich erzeuget, sondern wie sie ihnen erscheinen: nicht nach ihrem Wesen, sondern
nach ihrer Form"87• Die Form des Wahren ist "die Schönheit, dies Phänomenon der
Wahrheit"88• Das Materiale des Wahren ist die Realität, insofern sie dem Menschen
zugänglich ist. Der Modus der Sinnlichkeit, in dem dieses Materiale gegeben ist, ist
nicht hintergehbar für den Menschen, jede nicht auf Sinnlichkeit basierende Er­
kenntnis oder ohne Sinnlichkeit vorgegebene Anschauung ist erschlichen (vitio
subreptionis). Kurz: ohne Aisthesis keine Selbsterkenntnis und keine Kenntnis der
Welt. Eine Trennung von Kunst und Welt, von künstlerischer und philosophischer
Ästhetik ist für Herder immer 'willkürlich', in dem Sinne, daß sie abgeleitet, ar­
tifiziell, 'szientifisch' ist. Aber auch der Ausdruck ''philosophische Ästhetik" ist zur
Charakterisierung dessen, was Herders umfassendes Ästhetik-Konzept meint,
unangemessen, weil 'Philosophie' für Herder die systematische Form des Szientifi­
schen, Abgeleiteten ist, mit der immer wieder von ihm kritisierten Tendenz zur reali­
tätsfremden und lebensfernen Verselbständigung: "Es liegt in der Schwäche der
menschlichen Natur, immer ein System errichten zu wollen; vielleicht liegt es auch in

80 Ebd. Hervorh. von mir; HA. - "Ubi" und "quando" - Ort und Zeit - sind Crusius' "Hauptbegriffe
[ ... ], die in dem Begriffe der Existenz liegen". Crusius: Vernunfft-Wahrheiten, § 48, S. 76.
86 Vgl. oben, S. 42.
rn Herder: Von Baumgartens Denkart in seinen Schriften. In: FHA I, S. 655.
88 SWS IV, S. 20 (4. Kritisches Wäldchen). Vgl. auch SWS VIII, S. 112 (Studien und Entwürfe zur
Plastik. 14. Phänomene des Wahren und Schönen ["sinnliches Phänomenon des Wahren"]).
64 Herders Ästhetik-Kritik

der Schwäche derselben, es nie errichten zu können. Wer diese letzte zeigt, wird
nützlicher, als wer drei Systeme errichtet"89•
Historisch zutreffender ist es also, von einer allgemeinen Ästhetik Herders zu
sprechen, wobei 'allgemein' nicht das Unspezifische, Ungenaue, auch nicht eine von
den Phänomenen völlig abgehobene "Aesthetica universalis"90 meint, sondern den
Anspruch, den Herder der Sinnlichkeit beilegt. Hier liegt die Begründung für die
Möglichkeit, Geschichtsphilosophie und Humanitätskonzept über den umfassenden
Geltungsanspruch der allgemeinen Ästhetik so zueinander in Beziehung zu setzen,
daß nicht der Einfluß des einen auf das andere aufgezeigt, sondern deren
Verschränkung ineinander deutlich werden möge.
Immer wieder taucht beim frühen Herder der fundus animae, der dunkle Grund
der Seele, auf, den Baumgarten als den Komplex der "perceptiones obscurae"91
bestimmt hatte. Hatte Sulzer 1759 der empirischen Psychologie die Befassung mit
den "dunkeln Gegenden der Seele"92 nahegelegt, so ist nun für Herder dieser Bereich
zentral geworden. Der fundus animae ist für ihn der Grundstein zur Anthropologie,
"da in dem Grunde der Seele unsere Stärke als Menschen besteht"93, eine Stärke,
deren Maß anzugeben Herder Schwierigkeiten bereitet. So sieht er sich im vierten
Kritischen Wäldchen genötigt, zur Veranschaulichung dieser Bedeutung des fundus
animae die Seele als Zusammengesetztes vorzustellen, in dem das Dunkle
anteilmäßig überwiege. Der aus der Physik für einen metaphysischen Sachverhalt
entlehnte Vergleich - Haym spricht in anderem Zusammenhang von "zweideutigem
Boden", den Herder betrete94 - verdeutlicht das Gemeinte. Es heißt dort: "Der ganze
Grund unsrer Seele sind dunkle Ideen, die lebhaftesten, die meisten, die Maße [sc.
Masse], aus der die Seele ihre feinem bereitet, die stärksten Triebfedern unsers
Lebens, der größeste Beitrag zu unserm Glück und Unglück. Man denke sich die
Integraltheile der Menschlichen Seele körperlich, und sie hat, wenn ich mich so
ausdrücken darf, an Kräften mehr specifische Maße [ sc. Masse] zu einem sinnlichen
Geschöpf, als zu einem reinen Geiste: sie ist also einem Menschlichen Körper be­
schieden; sie ist Mensch."95
Auffällig gegenüber Wolff, Baumgarten und Sulzer ist, daß der fundus animae
nicht mehr Anteil der dunklen Wahrnehmungen ist, sondern der ''ganze Grund". Die
Koexistenz von Licht und Dunkel, von campus claritatis und campus obscuritatis, wie
Baumgarten sie beschrieben hatte, wird bei Herder zu einer monistisch96 begründe-

WJ FHA I, S. 657 (Von Baumgartens Denkart). - "Vor nichts aber graut mir mehr, als vor dem Erb­
fehler der Deutschen, Systeme zu zimmern". Herder an Johann George Scheffner. Riga, 31.10. 1767. In:
HB I, S. 92.
90 FHA I, S. 661 (Kritik der "Aesthetica").
9 1 Baumgarten: Metaphysica, § 511. Vgl. oben, S. 39.
92 Vgl. oben, S. 25.
93 FHA I, S. 665 (Kritik der "Aesthetica") .
94 Haym I , S. 257. Haym bezieht sich auf Herders Ausführungen zur Musik i m 4 . Kritischen Wäld­
chen. Dort ist von ''innerer Physik des Geistes", von "Materieller Seele" und von einer "Physiologie der
Menschlichen Seele" die Rede. Vgl. SWS IV, S. 97 und S. 105.
95 SWS IV, S. 27f. (4. Kritisches Wäldchen). Vgl. auch SWS XXX I I, S. 199 (Aphorismen) und SWS
VIII, S. 237 (Uebers Erkennen und Empfinden. 1774).
96 Neben dem Zusammenfall von Sinnlichem und Geistigem im fundus animae fällt P. Kondylis
Herders "Festhalten an der prinzipiellen ontologischen Heterogenität von Denken und Materie auf'.
Kondylis erklärt sich Herders - schon von Haym festgestelltes - 'Schwanken' mit taktisch-pragmatischen
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 65

ten Sukzession, in der die Koexistenz in zunehmender Abschwächung erhalten


bleibt. Das Dunkle ist nicht mehr als nur das in einer Ebene synchron zum Licht
Gedachte präsent, um dem Klaren sein Profil zu geben, und Aufklärung wird nicht
mehr gedacht als ein Prozeß der Reduktion des Dunklen auf einen Punkt in dieser
Ebene. Herder faßt das Dunkle als Ursprung auf, an den alle menschliche
Entwicklung gebunden war, ist und bleiben wird. Die Menschwerdung beginnt dort,
und die Entwicklung des Menschen wird nie über eine 'Mittelstellung' hinausgehen,
weil in eben dieser seine 'Menschheit' besteht. In vielfältig abgewandelten
organizistischen Metaphern und Vergleichen stellt Herder seine Auffassung von der
Bindung des Menschen an seinen Ursprung vor. Der Befund, daß die conditio
humana durch die Koexistenz von Dunkel und Licht bestimmt sei, wird also bei
Herder ergänzt um eine diachronische Dimension, die, im Unterschied zum
synchronischen Modell der Schulphilosophie, einen Ausschluß des Dunklen nicht
zuläßt. Herder versucht dieser diachronischen Dimension vorerst - das heißt: vor den
"Ideen" - mit einem Modell spekulativer Individualentwicklung beizukommen. Hier
zeichnet sich die von ihm häufig verwendete Lebensalteranalogie ab, die er später,
mit Zunahme seiner historischen Kenntnisse, selbst kritisierte. Im vierten Kritischen
Wäldchen heißt es: "Wir nehmen eine mittlere Größe, und treten in die ersten Zei­
ten zurück, da der Mensch ein Phänomenon unsrer Welt wurde, da er sich aus einem
Zustande, wo er nur denkende und empfindende Pflanze gewesen war, auf eine Welt
wand, wo er ein Thier zu werden beginnet. Noch scheint ihm keine Empfindung
beizuwohnen, als die dunkle Idee seines Ich, so dunkel als sie nur eine Pflanze fühlen
kann; in ihr indessen liegen die Begriffe des ganzen Weltall; aus ihr entwickeln sich
alle Ideen des Menschen; alle Empfindungen keimen aus diesem Pflanzengefühl, so
wie auch in der sichtbaren Natur der Keim den Baum in sich trägt, und jedes Blatt
ein Bild des Ganzen ist.
Noch empfindet der zum Säuglinge gewordene Embryon alles in sich; in ihm liegt
alles, was er auch außer sich fühlet. - Bei jeder Sensation wird er, wie aus einem
tiefen Traume geweckt, um ihn, wie durch einen gewaltsamen Stoß an eine Idee
lebhafter zu erinnern, die ihm seine Lage im Weltall jetzt veranlaßet. So entwickeln
sich seine Kräfte durch ein Leiden von außen; die innere Thätigkeit des Entwickelns
aber ist sein Zweck, sein inneres dunkels Vergnügen, und eine beständige
Vervollkommnung sein selbst."97

Gründen: "Wir [sc. Kondylis] spüren hier die Befürchtung, der Vereinigungsansatz könnte schließlich in
materialistischem Sinne interpretiert werden. Um ganz sicher zu gehen, verzichtet Herder nicht ganz
auf das dualistische Argument, obwohl seine Hauptstrategie zur Bekämpfung des Materialismus in der
Aufstellung eines Monismus mit umgekehrten Vorzeichen bzw. in der restlosen Vergeistigung der Ma·
terie liegt." P. Kondylis: Aufklärung, S. 622. - Die These Kondylis' von der 'restlosen Vergeistigung der
Materie' dürfte kaum aufrecht zu erhalten sein. Kondylis verkennt die Bedeutung der Analogie bei
Herder. Haym schrieb, treffender, wie mir scheint: Herder "naturalisiert [ ... ] das Geistige, indem er
gleichzeitig die Naturwirksamkeit vergeistigt [ ... ], um zu zeigen, wie von unten nach oben Ein Faden, Ein
Gesetz, Eine Entwicklung durchgehe." Haym I, S. 672. - In Herders "Metakritik" heißt es: "Ein leiser
Faden knüpft die dunkelste Empfindung mit der hellesten Vernunfthandlung, alle Erkenntnißkräfte be­
schäftiget dasselbe Werk .. ." (SWS XXI, S. 316). - Vgl. zur Analogie als Verfahren bei Herder: Hans
Dietrich Irmscher: Beobachtungen zur Funktion der Analogie im Denken Herders. In: DVjs 55 (1981),
s. 64-97.
97 SWS IV, S. 28f.
66 Herders Ästhetik-Kritik

Die zitierte Passage bietet mehr Auskunft über Herders Position, als ihr auf den
ersten Blick anzusehen ist. Geschichtsphilosophie, allgemeine Ästhetik und
Humanitätskonzept sind hier in einer für den frühen Herder typischen Weise so mit­
einander verschränkt, daß keines ohne das andere bestimmbar wäre. Die erste Emp­
findung, "die dunkle Idee seines Ich" ist die aus dem "Versuch über das Sein" bereits
bekannte subjektkonstitutive Seinsgewißheit, die einzige Wahrheit, deren der innere
Sinn unmittelbar inne ist98• "Dies innere Gefühl also ist der erste und wahre sensus
communis der Menschheit, der unmittelbar und ohne Schlüße und Urtheile erlangt
wird."99 Dies ist der Keim der Individualität der Gattung, deren Zentrum Kraft, das
heißt: Tendenz zur Entwicklung ist. Das Wesen, welches dieses Stadium repräsen­
tiert, wäre als Wesen ohne Organe, also als einfaches, monadisches denkbar. Herder
greift aber zur biologischen Metapher von Pflanze und Tier, weil der Mensch als
"Phänomenon unsrer Welt" bereits als komplexe Organisation gedacht werden muß.
Dem als ursprünglich gedachten Konstrukt des einfachen, seiner Existenz unmittel­
bar gewissen Subjekts folgt also das - gleichfalls spekulativ erschlossene - Stadium
der Entfaltung des Pflanzenartigen, in dem aber schon "die Begriffe des ganzen
Weltall" liegen. Herder war zu dieser Zeit ( 1 769) mit Leibniz vertraut, hier doku­
mentiert sich seine Zustimmung zu Leibnizens Annahme vom Gesamtzusammen­
hang des Universums und der monadologischen Vorstellung, daß in allem eine je ei­
gene Form von Bewußtsein gegeben sei, Formen, die wiederum in hierarchischem
Verhältnis zueinander stehen. In Herders "Wahrheiten aus Leibnitz" findet sich fol­
gende Passage: "Die Vorstellungskraft aller Elemente hat auch Wolf r.icht annehmen
wollen, und doch ist das Universum ein Ganzes, dessen alle Theile auf äußerste ver­
bunden sind, und das an dem Faden einer Spinnenwebe so gut hangt, als an der
Kraft, die Planeten nach der Sonne schwingt. Was also jedem Einzelnen jeden
Augenblick sich zuträgt, bezieht sich so aufs Weltall, daß der unendliche Geist
darinn das ganze existirende Universum sieht, in welches allein nur dies Individuum
wie es ist, sich schicket."100 Herders Pflanzenvergleich rechtfertigt sich also als Adap­
tation aus der Leibnizschen Annahme des ganzheitlichen - harmonischen - und hier­
archisch gegliederten Universums.
Das unzergliederliche Dunkle der Seinsgewißheit als gnoseologisches Datum hat
sein geschichtsphilosophisches Korrelat in der spekulativen Kategorie der Kraft, die
die Bedingung der Möglichkeit von Entwicklung und Geschichte ist, wobei "Kraft"
nicht Ursache, sondern vorkausale Tendenz zur Ursache und als solche nur durch
den - sinnlich bedingten - Rückschluß von der Wirkung, dem 'sinnlichen Phä­
nomenon', auf die Ursache hypothetisch erschließbar ist. Die Überführung der dy­
namischen Latenz (Kraft) in Aktualität (Ursache, Wirkung) ist der Schritt vom Ein­
fachen zum komplexen Phänomen101• Einmal "Phänomenon unsrer Welt" geworden,

98 Vgl. a.a.O., S. 7: "Uomittelbar, durch ein inners Gefühl bin ich eigentlich von nichts in der Welt
überzeugt, als daß ich bin, daß ich mich fühle. Diese Wahrheit allein wird ohne Schlüße innerlich er­
"
kannt ... .
99 Ebd.
100
SWS XXXI I, S. 211 (Wahrheiten aus Leibnitz).
101
Vgl. Herdcrs Kritik an der Vermögenslehre der Schulphilosophie in seiner Sprachursprungs­
schrift, FHA I, S. 720f. Ohne Kraft, so Herder dort, könne eine Fähigkeit durch Übung nie zur Fertig­
keit werden .
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 67

wird das einfache Subjekt zum Embryo und dieser zum Säugling - ein Prozeß, der
vom Nicht-Ausgedehnten, Unkörperlichen zum Ausgedehnten, Körperlichen, vom
nur unmittelbar seiner selbst Gewissen zum mittelbar, durch Sinnesorgane und äuße­
ren Sinn des Anderen Gewissen führt. Die Wahrnehmung des Anderen erfordert die
(genetische) Konstitution des Raumes, in dem jedes Einzelne seinen Ort hat. Die
Anna hme eines Ortes für jedes Einzelne wiederum bedingt die Perspektivität der
Affizierung des Einzelnen. Die Perspektivität der Affizierung schließlich - Baumgar­
tens Repräsentation "pro positu corporis mei in hoc universo"102 - entscheidet über
Maß, Zahl und Bedeutung der Entwicklung von Kräften zur Erfassung des Anderen
durch auszubildende Organe. Nur dies, "die innere Thätigkeit des Entwickelns", ist
"Zweck" des Menschen, genauer gesagt: alles Individuellen. Die Entwicklung des In­
dividuellen ist Selbstzweck in dem Sinne, daß Entwicklung nicht ein Prozeß mit ei­
nem ihren eigenen Verlauf entwertenden Resultat ist, sondern daß der Vollzug
selbstreferentiell ist. Diese Autoreferentialität des Entwicklungsprozesses hat subjek­
tive Realität im Genuß, "sein inners dunkels Vergnügen". "Vervollko mmnung" ist
nicht die Bewegung auf eine Vollkommenheit hin, da das Individuum immer, zu je­
dem Zeitpunkt seiner Entwicklung 'vollkommen', das heißt, auf dem ihm jeweils
möglichen Stand der eigenen Entfaltung steht.
Damit ist das Individuum geschichtsphilosophisch erstens bestimmt durch seine
Historizität: Das Individuum ist nicht mehr nur das "ens omnimode determinatum"103,
sondern das einmalig Vorkommende (Phänomenon). Zweitens ist es bestimmt durch
seinen Ort: Es gibt nur einen Ort, an dem das Individuum sich nach Maßgabe der
perspektivisch bedingten Möglichkeiten entwickelt. Und drittens ist es funktional be­
stimmt durch seine Autarkie ("Selbstgenugsamkeit" ist Herders Ausdruck): Nichts
bestimmt die Entwicklung des Individuums außer der ihm innewohnenden Tendenz
zur Entwicklung als solcher, die als Genuß erfahren wird. Somit ist die ungehinderte
Entwicklung das alleinige Postulat zur Eriangung der Glückseligkeit. Die einzige
Probe, der der Entwicklungsprozeß permanent unterzogen ist, ist also ästhetischer
Natur. Es bedarf an dieser Stelle nur des Hinweises, daß die Verschränkung von
Ästhetik und Geschichtsphilosophie im Individualitätskonzept Herders einen Begriff
von "Menschheit", von Humanität, als Qualitätsbegriff einschließt, der jeder
Sentimentalität denkbar fernsteht und der - was hier nicht auszuführen ist - den
sozialgeschichtlichen Gegebenheiten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
äußerst widerständig ist. Dieses 'Individuum' kann kein Untertan sein. Es ist indes
keine Kopfgeburt, sondern ein artikuliertes Begehren, dessen Gewalt über alle
Depravationsversuche hinaus bis heute sich erhalten hat.
Wir haben die allgemeineren Überlegungen zum Kontext des Ästhetik-Konzepts
beim frühen Herder vorangeschickt, um das 'Klima', in dem die Überlegungen
Herders zu speziellen Ästhetiken und zu speziellen Bereichen der speziellen Äs­
thetik gedeihen, anzudeuten. Gleichzeitig soll damit präsent gehalten werden, daß
die Ästhetik als Kunstlehre für Herder ein Spezialfall der allgemeinen Ästhetik ist.
Seine Auseinandersetzung mit der Ästhetik Baumgartens ist dementsprechend eine
zwar einläßliche, innerphilosophische Kritik, ihre Absicht reicht aber darüber hinaus.

102
Vgl. oben, S. 42.
1 03 Vgl. oben, S. 43.
68 Herders Ästhetik-Kritik

Es geht auch hier weniger um eine fixierte Philosophie als Korpus von Kenntnissen,
als vielmehr um das Philosophieren als Weg zur Erkenntnis.
Herders ursprünglicher Plan war, eine Würdigung Thomas Abbts, Baumgartens
und des Theologen Johann David Heilmann zu verfassen104• Zur Veröffentlichung
kam nur das erste Stück des "Torso", "Ueber Thomas Abbts Schriften"105• Heilmanns
Würdigung ist wohl im Stadium der Planung verblieben. Zu Baumgarten finden sich
dagegen etliche Skizzen, Schemata und Entwürfe. Dieser Kontext macht deutlich,
daß die uns interessierende Auseinandersetzung mit Baumgarten in einem
allgemeinen - auch biographisch erklärbaren106 - Zusammenhang steht, aus dem
heraus die exemplarische Allgemeinheit zusätzlich deutlicher wird.
Ein allgemeiner Vorspann zu einer "Von Baumgarten's Denkart in seinen
Schriften" genannten Sammlung von Entwürfen mag ursprünglich Herders eigener
Plan zur Dimensionierung des Baumgarten-Abschnitts gewesen sein, jedenfalls legt
Herder dort seinen Begriff vom "Philosophieren" dar. Er unterscheidet in der
Philosophie Nachbeter, denen jegliche Eigenständigkeit abgeht, von "Virtuosen"107,
die Vorhandenes umformen und neu zusammensetzen. Letzteres sei "der unterste
Grad dieses philosophischen Eigensinns"108, den Herder in dieser Form noch recht
geringschätzt und deren Vertreter er als Lehrbuchschreiber und "philosophische
Handwerker"109 auf den Universitäten als Regelerscheinung ausmacht. "Wahre Welt­
weisheit" dagegen, die am Neuen interessiert ist und mit Überzeugung nach eigenen
Wegen zur Wahrheit sucht, bedarf der Toleranz, vor allem deshalb, weil "die
Weisheit eine Göttin ist, die bisher kein Auge in ihrer ganzen Gestalt gesehen, und
vielleicht kein sterbliches Auge sehen kann .. .''110• Diese Kraft zum Selbstdenken
nennt Herder "Eigensinn", der als "Sauerteig, der gleichsam alles in Gährung
setzt"111, das Philosophieren lebendig hält.
Baumgarten ist für Herder ein Philosoph "vom zweiten Range"112, der Eigensinn
nicht im Ganzen, wohl aber in Teilen der Philosophie gezeigt habe. Moderner
gesprochen läßt sich sagen, daß Herder die Idee der Ästhetik als Wissenschaft des
unteren Erkenntnisvermögens als philosophische Innovation auffaßt, die bei
Baumgarten durch Elemente der Tradition sowohl in der Sache wie in der Methode
der Behandlung an ihrer Entfaltung behindert wurde. Diese traditionalen Elemente

104 Vgl. dazu Hayrn I, S. 171-182, zu Baumgarten insbesondere S. 177-179.


105 Herder: Ueber Thomas Abbts Schriften. Der Torso zu einem Denkmaal, an seinem Grabe er­
richtet. Erstes Stück [1768]. In: SWS II, S. 249-294. Das zweite, nicht zu Lebzeiten veröffentlichte Stück
a.a.O., S. 295-363.
1 06 Mit der geplanten "Denkschrift" versuchte Herder engere Kontakte zu den Berliner Aufklärern zu
bekommen. Vgl. Herder an Nicolai, Riga, 19.2.1767. In: HB 1, Nr. 31, S. 70f.
1 07 Herder: Von Baumgarten's Denkart in seinen Schriften. (Erstes Fragment.) In: LB I,3,1, S. 292
bis 296, hier: S. 293.
108
Ebd.
109 Ebd.
1 10 A.a.O., S. 294.
111
A.a.O., S. 295.
1 12
Ebd. - Abbt schrieb: "Kenner wissen, daß diese Disciplin [sc. die Ästhetik] Baumgartens Namen
unter die Zahl der Erfinder von der zwoten Ordnung gesteilet habe". Thomas Abbt: Leben und Charak­
ter Alexander Gottlieb Baumgartens [zuerst 1763]. In: Thomas Abbts vermischte Werke. 4. Theil. Berlin
und Stettin 1780. Nachdruck: Thomas Abbt: Vermischte Werke II. Hildesheint, New York 1978, S. 215
bis 244, hier: S. 229.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 69

sind erstens die lateinische Sprache, die als 'tote' Sprache die Philosophie, wie die
Bildung überhaupt, in ihrer Entwicklung grundsätzlich hemme - eine Kritik, die
Herder auch in anderen Zusammenhängen wiederholt vorträgt113• Zweitens hindere
die "Wortkrämerei" der Nominaldefinitionen und deren syntaktische Verbindungen
in Schlüssen daran, über die Wirklichkeit des Verhandelten zu befinden. Dazu heißt
es knapp in einem Schema Herders:

"Fehler dieser wörtlichen Philosophie:


a) kein Gedanke, der unter dem Wort ist
b) sehr formal,
c) sehr akademisch, nicht frei;
d) hält ab von Kenntniß der Welt."114

Hier wird Baumgarten getroffen von Herders Kritik an Wolff und dessen "Kunst,
Wortgerecht zu seyn", dessen "Willkührliche Definitionen, eckelhaft wiederholte
Demonstrationen"115• Dieses harte Urteil ist indessen keine Verd ammu ng der
Schulphilosophie im ganzen. Sehr wohl weiß Herder deren Leistung zu schätzen, wie
er in seinem Verriß der Ästhetik Riedeis deutlich macht. Aller eigenen Kritik zum
Trotz bekennt er sich dort gegen die "großen Antiwolfianer" und "neuen
Schönphilosophen" zum Rationalismus der Schule als Ausgangspunkt. In seiner
Polemik gegen Riedel heißt es: "wenn sie [sc. die "großen Antiwolfianer"] der Ver­
nunft auch nicht ihre ersten Axiome lassen, und alles, Principien, Methode und die
Vernunft selbst zu Sektengeist machen wollen; so sehe man nur das an, was sie in die
Stelle setzen, um zur Wolfischen Philosophie, den Grundsätzen nach, zurückzukeh­
ren."116
Baumgartens Philosophie, genauer: Baumgartens Poetik und Ästhetik belegt
Herder mit dem mehrdeutigen Begriff "Wolfische Poesie"117• Gemeint ist damit zum
einen die Tatsache, daß Baumgarten als Philosoph Wolff-Schüler gewesen ist, der
schon von Jugend auf unter anderem von seinem Lehrer Christgau dazu angehalten
wurde, in lateinischer Sprache zu dichten, so daß "Wolfische Poesie" ein Amalgam
dessen wäre, was vor Baumgarten in dieser Form nicht möglich war. Diese Lesart
legt der unmittelbare Kontext nahe. Denkbar ist aber auch, daß die Philosophie
Wolffs von Herder als "Poesie" bezeichnet wird, so wie er die Mathematik als
Umgang mit Fiktionen und Leibniz als Dichter des Monadenpoems bezeichnet hat,

113
Z.B. in: Über die neuere deutsche Literatur. Fragmente. 3. Sammlung (1767). In: FHA I, S. 374ff.,
392ff. - Dasselbe. 2. Fassung der ersten Sammlung (1768). In: FHA I, S. 631ff. (positive Würdigung). ­
Journal meiner Reise im Jahr 1769. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Katharina Mommsen unter
Mitarbeit von Momme Mommsen und Georg Wacker!. Stuttgart 1976, S. 58ff. • In unserem Zusam­
menhang unmittelbar einschlägig: Von Baumgarten's Denkart in seinen Schriften. Zweites Fragment.
Dort heißt es: "1. Seine Philosophie ist in's Lateinische verhüllt ( ... ] ad 1. Ich würde sie gern deutsch
lesen.• In: LB I, 3,1, S. 296. - Vgl. auch FHA I, S. 653f.
1 14
LB I, 3,1, S. 296.
m Herder: Ueber Christian Wolfs Schriften. Erste Betrachtung. In: SWS XXXI I, S. 156 und S. 157.
116
SWS IV, S. 15 (4. Kritisches Wäldchen).
1 17
FHA I, S. 682. In SWS XXXI I, S. 184 und in LB 1,3,1, S. 328 fmdet sich "WolfJSChe Philosophie".
Die Handschrift weist eindeutig "Poesie" aus, d.h. Gaiers Lesart ist korrekt. Vgl. Nachlaß XXV 63, fol.
2. Für den Hinweis auf die Differenz zwischen FHA, SWS und LB danke ich Heinrich Clainno nt.
70 Herders Ästhetik-Kritik

so daß die "Walfische Poesie" nicht zwangsläufig als Oxymoron anzusehen ist118, was
im Textzusammenhang auch keinen rechten Sinn ergeben würde. Denn das Resultat
der Anwendung der "Walfischen Poesie" auf die Dichtkunst sind immerhin die von
Herder hochgeschätzten "Meditationes", die er als "Grundriß zu seiner [sc. Baum­
gartens] Metapoetik"119, das heißt zu Baumgartens "Aesthetica"120 als übergreifender
Theorie versteht.

2. Herders Kritik der "Meditationes" Baumgartens

Aus vier Gründen hält Herder die Baumgartensehen "Meditationes" für die "am mei­
sten philosophische"121 Erklärung der Poesie. Zum einen schätzt er die Ableitung der
Poesie aus der Psychologie, allgemeiner gesprochen: die philosophische Begründung
der Poesie als anthropologisches Datum. Die klare und verworrene Erkenntnis hat
eine philosophisch - via Gnoseologie - legitimierte Objektivation beziehungsweise
Praxis in der Poesie. Zum anderen sei mit Baumgartens Definition, "oratio sensitiua
perfecta est POEMA", der einfache Grund für eine eigenständige Poetik gelegt. So­
dann sei von Baumgarten ein Ausblick auf die Ästhetik (im engeren Sinne) gegeben
worden. Und schließlich grenze seine klare Bestimmung von Dichtung und Poetik
'mechanisch' - etwa nach Regelpoetiken - verfaßte Poesie aus. Neben den Kriterien
Einfachheit und Allgemeinheit der Ausgangsdefinition (oratio sensitiva perfecta),
Einbettung der Teiltheorie (Poetik) in eine umfassende Theorie (Ästhetik) und Nut­
zen der Theorie fasziniert Herder vor allem die Fundierung des poetischen Diskur­
ses im psychologischen: "Im Geiste des Menschen, das war Baumgartens große Ahn­
dung, in der Seele muß der Poesie ein Gebiet des Eigentums zuerkannt, und genau
ausgewiesen werden können. [ ... ] Hin also in diese dunkle Gegenden"122•
Damit ist Herder wieder an dem Punkt, wo sich für ihn der fundus animae als
Ausgangspunkt für jede Form von Erkenntnis und Praxis erweist. Die Poesie ist eine
'Wirkung', die auf 'Kräfte' der Seele verweist, Kräfte, die humanspezifisch sind:
"Hier [sc. in der Seele) müssen Kräfte liegen, die dieselbe [sc. die Poesie]
hervorbrachten, und Kräfte, die sie [sc. die Poesie] wieder beschäftiget."123
Produktion und Rezeption von Poesie sind es, die Herder interessieren, nicht
deren Herleitung aus der imitatio, weil das Nachzuahmende, der "trockne

1 18 Vgl. FHA I, S. 1270.


1 19
FHA I, S. 682. - Herders knappes Exzerpt aus Baumgartens "Meditationes" (Nachlaß XXV 56)
bezieht sich auf die ersten 11 Paragraphen, die stichwortartig kommentiert werden. Es mag sein, daß
Herder sich in dieser Beschränkung von Baumgartens Exposition im Vorwort zu den "Meditationes" hat
leiten lassen. Dort heißt es: " ... vsque ad § XI. in euoluenda poematis & agnatorum terminorum idea
teneor".
1 "'
Daß die "Aesthetica" gemeint ist, wird zusätzlich aus der Herdersehen Handschrift deutlich, wo
vor der "Metapoetik" ein ausgestrichenes "nacltileF[igen?)" steht.
1 2 1 FHA I, S. 683 (Baumgartens Denkmal).
1 22 A.a.O.,
S. 684. - Vgl. zu Herders Faszination durch die Prägnanz der Baumgartensehen Defini­
tion: Hans Dietrich Irmscher: Grundzüge der Hermeneutik Herders. In: Bückeburger Gespräche über
=
Johann Gottfried Herder 1971 hrsg. von Johann Gottfried Maltusch. Bückeburg 1973 ( Schaumburger
Studien. Heft 33), S. 17-57, hier: S. 54.
1 23 FHA I, S. 684.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 71

Vorwurf'124, für sich genommen etwas der Poesie und dem Menschen Heterogenes
ist. Poetik und - wie noch zu zeigen sein wird - Ästhetik sind für Herder Wissen­
schaften von 'Wirkungen' des Menschen, durch die der Mensch sich selbst
kennenlernt; das delphische "Gnothi Sauton" ist Herders Maxime auf dem Weg, im
dunklen Grund der Seele die Kräfte des Menschen aufzuspüren: "Es bleibt dabei:
der Grundsatz allein: Ahme der Natur nach! führet mich meistens auf tote
Betrachtungen; der Grundsatz aber: Spüre der sinnlichen Vollkommenheit nach,
versammelt gleichsam die Strahlen der ganzen Natur in meine Seele, und ist nichts
als die Anwendung jenes Orakels: 0 Mensch! lerne dich selbst kennen."125
In diesem Sinne ist Baumgartens Philosophie "menschlich"126, und der "Philosoph
des Gefühls"127 soll vom festen Punkt aus das "Weltmeer" des Grundes der Seele
ausloten und vermessen, und zwar so, daß das Neue, bisher der Philosophie nicht für
würdig Erachtete aus dem Bereich der Gefühle und Empfindungen, ohne Rücksicht
darauf, ob ein System zu erwarten sei oder nicht, aufgesucht wird. Die Lust am
"Untersuchen, am Kennenlemen"128 der Seele soll dominieren. Was Herder hier
vorträgt, ist wieder ein Affront gegen die Ideale der cognitio mathematica, der
Vernunfterkenntnis und der dritten mentalen Operation des Schließens. Die cognitio
mathematica basiert bekanntlich auf der Entindividualisierung zum Zweck des
Größenvergleichs. Die Vernunfterkenntnis ist die Erkenntnis der Zus ammenhänge,
der die verstandesmäßige Erfassung des Einzelnen vorausgegangen ist, und das
Schlußfolgern setzt Aufmerksamkeit auf das Einzelne (attentio) und sukzessive
Analyse der Teile des Einzelnen (reflexio), die im Urteil miteinander verglichen
werden, voraus. Herder plädiert hier mit Nachdruck für die Grundlegung auf der
untersten Stufe der Erkenntnis, der cognitio historica, für die erste der
Mentaloperationen, die Aufmerksamkeit, und damit für die Sammlung von qualitativ
voneinander verschiedenen Einzelnen als Erkenntnisobjekten.
Anläßlich der Würdigung der "Meditationes" provoziert Herder die
Schulphilosophie in zweifacher Hinsicht. Die unterste Stufe der Erkenntnis, die
cognitio historica, wird aufgewertet. Die Psychologie sei nicht von angenommenen
Vermögen her zu strukturieren, um Affekte und Empfindungen darunter zu
subsumieren, sondern all das, was an Affekten und Empfindungen tatsächlich
vorkommt, müsse allererst beobachtet und als Eigenes, Individuelles erlaßt werden.
"Nicht Vernünfteln, sondern Sammlen"129 ist Herders Forderung für eine
'menschliche Wissenschaft'. 1769 heißt es dann bei ihm (mit Bezug auf die Musik):
"Das unentdeckte Land, was wir suchen, ist kein Metaphysisches Wortgeschwätz: es
ist innere Physik des Geistes, eine fruchtbare und nützliche Gegend · in der
Seelenlehre des Schönen"130•
Für die Psychologie findet dieses Ernstnehmen der Empirie ihren knappsten
Ausdruck bei .Karl Philipp Moritz, dessen Satz, "Was ist unsre ganze Moral, wenn sie

1 24 A.a.O., S. 685.
1 25 A.a.O., S. 688 .
126 A.a.O., S. 6frl.
1 17 A.a.O., S. 685.
128
A.a.O., S. 687.
1 29 FHA I, S. 672 (Kritik der "Aesthetica").
130 SWS IV, S. 97 (4. Kritisches Wäldchen).
72 Herders Ä sthetik-Kritik

nicht von Individuis abstrahirt ist?"131, für sein "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde"
komprimiert wird auf die Maxime: "Fakta, und kein moralisches Geschwätz"132•
Aber nicht nur die Aufwertung des Einzelnen unterscheidet Herder von der
Schulphilosophie, sondern auch - systematisch damit zusammenhängend - seine
Aufwertung der Sinne als Organe der cognitio historica. Dabei entfernt Herder sich
gar nicht so sehr in der Sache, als vielmehr in der Bewertung, in der Einstufung der
Erheblichkeil der Sache133 von der Tradition, denn nach Ansicht der
Schulphilosophie ist die sinnliche Wahrnehmung primär an die Präsenz des
Wahrgenommenen gebunden, und das gegenwärtige Einzelne wirkt in der
Perzeption stärker als das arn Rande der Aufmerksamkeit Liegende oder das
Reproduzierte. Die sinnliche Wahrnehmung ist also der Modus der
Individualisierung in der Präsenz. Da die Menschen aber für Herder "mehr Tiere als
Geister"134 sind, kommt der sinnlichen Wahrnehmung und der Welt- und
Selbstvergewisserung durch sie mehr Bedeutung zu als Verstand und Vernunft. Was
Herder in dieser Hinsicht an Baumgartens "Meditationes" schätzt, ist dessen
Versuch, einen rnetasprachlichen, philosophischen Zugang zum Individuellen zu
finden. Die "Meditationes" enthalten für Herder den Grundriß einer 'Philosophie des
Kennenlernens', der gegen die vorherrschende Deduktion, aber auch nicht unbedingt
induktiv ausgerichtet ist. "Werden", so schreibt Herder, aus der Seele "Erfahrungen
hervorgehoben [attentio], Empfindungen ihnen [sc. den Lesern] deutlich gernacht
[intellectus] : unbekümmert, wie diese Erfahrungen sich werden in ein Lehrgebäude
bringen lassen, und diese einzelne Empfindungen sich zu diesem und jenem Objekt
passen werden, ist ihnen an der Untersuchung ihr selbst gnug, und notwendig also
mehr an der subjektiven, als objektiven Philosophie gelegen.''135
Die Erkenntnis, die Herder hier im Auge hat, ist nicht eine Erkenntnis von Din­
gen, sondern eine Erkenntnis von Erkenntnisprozessen, deren metairendem regres­
sus in infiniturn Herder durch die Konstatation der unmittelbaren Seinsgewißheit im
"Versuch über das Sein" schon vorgebeugt hatte. Die Philosophie, von der Herder
spricht, ist zwar eine subjektive, aber keine subjektivistische Philosophie, denn sie
setzt eine objektive Realität voraus und gewinnt ihren Gegenstand in der Kornmuni­
kation zwischen Welt und Teilnehmer. Sie ist aber nach Herder mehr subjektiv als
objektiv, weil nur das dem Menschen Erfahrbare, nicht 'alles Mögliche'136 ihr Gegen­
stand ist. Demnach ist die Poetik kein Teil der Metaphysik, sondern Teil der An­
thropologie.

131
Karl Philipp Mori[t)z: Vorschlag zu einem Magazin einer Erfarungs-Seelenkunde (1782). In: MzE
I (1783) (ohne Seitenzählung; S. 3 des "Vorschlags").
m Moritz: MzE I, 1. Stück (1783), S. 2.
133
Vgl. oben, S. 59.
134
FHA I, S. 660 (Kritik der "Aesthetica").
115 A.a.O., S. 687 (Baumgartens Denkmal).
136
Vgl. oben, S. 13.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 73

3. Herders Kritik der "Aesthetica" Baumgartens

Herders vergleichsweise ausführliche Bemerkungen zu Baumgartens "Meditationes"


fallen, verglichen mit seiner Kritik der "Aesthetica", durch ihren Tenor der
Zustimmung auf137• Nicht, daß die "Aesthetica" völlig von Herder abgelehnt würde,
aber auffällig ist doch, daß sie als Schrift mit systematischem Anspruch grund­
sätzliche und schwerwiegende Einwände von Herders Seite erfährt. Auch hier ist es
wieder so, daß die Kritik eng mit der Formulierung der eigenen Position verbunden
ist, und auch hier ist Herder wieder mehr an einer programmatischen Kritik denn an
einer im Detail gelegen, so sehr seine eigene Vorgehensweise auf den ersten Blick
dagegen zu sprechen scheint. Waren es bei den "Meditationes" die grundlegenden
ersten elf Paragraphen, mit denen Herder für eine Würdigung auskam, so sind es bei
der "Aesthetica" die ersten fünfundzwanzig Paragraphen138• Auch dieser Text
Herders ist zu seinen Lebzeiten nicht bekannt geworden, neue, wichtige Texte
Herders dazu liegen erst seit 1985 in der Transkription Ulrich Gaiers vor139•
Paragraph für Paragraph geht Herder vor, vom ersten Paragraphen an aber schon
so, daß Wiedergabe und Kommentar durch eigene Erweiterung und Gegenentwurf
überlagert werden - ein deutlicher Hinweis darauf, daß Herder mit Entschiedenheit
eigene Vorstellungen von einer Ästhetik an seine Vorlage heranträgt. Die
Differenzen liegen, wie nach dem "Versuch über das Sein" zu vermuten ist, nicht nur
im Detail, sondern sie sind grundsätzlicher Art. Man kann - mit Ulrich Gaier140 - die
Kritik Herders an Baumgartens "Aesthetica" am besten als Radikalisierung des
Ästhetik-Konzepts verstehen, eine Radikalisierung, die im Rahmen einer
umfassenden Kritik am Philosophie-Konzept der 'Schule' zu sehen ist.
Das Projekt einer philosophischen Ästhetik findet die volle Zustimmung Herders.
Es ist die Ausführung dieses Projekts, wie er sie bei Baumgarten und seinen
"Nachbetern"141 vorfindet, die Herder als "im höchsten Grade unphilosophisch"142
abqualifiziert. Dieses ist der grundsätzliche und weitreichendste, weil um die
Dimension des Philosophiebegriffs streitende Vorwurf, dessen Formulierung wegen
seines Gewichts ausführlicher zitiert sei: "Wollte man es doch einmal der Natur
ablernen, daß unser Anfang im Denken, nicht Vernünfteln, sondern Sammlen ist;
und daß die Vernunft das menschliche Alter; und die Wissenschaft die Kunst
beschließt, (krönt, oder entstellt?) Das aber ist unphilosophisch ? Eben recht philo­
sophisch, daß es durch die Analysis die Erklärung endlich herausbringt, oder sich ihr
nähert. Eine Aesthetik des Autors aber: sie wäre so wahr, als sie wollte, ist im
höchsten Grade unphilosophisch: da sie alle philosophischen Begriffe der Aesthetik,
die sie entwickeln soll, der Metaphysik voraussetzt, sie ihr nachbetet, und eine

1 37 Im 4. Kritischen Wäldchen beschränkt Herder sich explicite auf die Prolegomena der "Aesthetica".
Vgl. SWS IV, S. 22.
1 38 Vgl. dazu auch Alfred Baeumler: Irrationalitätsproblem, S. 213.
1 39 In: FHA I, S. 659-676.
140 Vgl. FHA I, S. 1236f.
14 1 A.a.O., S. 659 (Kritik der "Aesthetica").
142 A.a.O., S. 673.
74 Herdcrs Ä sthetik-Kritik

Menge leerer, falscher, zu feiner Folgerungen herauszieht; bei den Grundbegriffen


verschluckt sie Kamele, zuletzt fängt sie Mücken ... "143•
Das ist die polemische Sprache dessen, der grundsätzlich anderer Ansicht ist,
ohne die gegnerische Position bis ins einzelne zu überprüfen. Die "Mücken" jeden­
falls wird Herder nicht alle gezählt haben, da wohl Zweifel angebracht sind darüber,
ob er sich mit der "Aesthetica" im ganzen so gründlich beschäftigt haben mag, wie
das bei der "Metaphysica" der Fall gewesen war. Aber eben die genaue Kenntnis der
"Metaphysica" gibt Herder die Sicherheit, mit der er die Ästhetik an ihren Funda­
menten kritisieren kann, von hier aus gewissermaßen hochrechnend, wie das ausge­
führte System notwendigerweise aussehen müsse. Nur - das Fundament für eine
philosophische Ästhetik ist gerade das, was Herder ja schon in der Metaphysik bei
Baumgarten vermißt hatte: "Ein Turm bis an den Himmel ist deswegen unmöglich,
weil die Erde nicht zu seinem Grunde zureicht. [ ... ] Zum wenigsten ists just der
Menschheit entgegen, sich in den Himmel zu bauen, an statt Erdtiere zu sein ... "144•
Mit anderen Worten: es hat keinen Sinn, von metaphysischen Begriffskonstrukten,
die zwar möglich und denkbar sind, auszugehen, wenn es um eine Erfahrungswissen­
schaft geht, deren Grundlegung in Analogie zu Onto- und Phylogenese vorzunehmen
sei. Baumgarten habe die Ästhetik von hinten her aufgezäumt, indem er die Grund­
begriffe als gegeben voraussc:: tze, ohne ihre Realität zu überprüfen. Ohne Kenntnis
des Menschen, ohne Kenntnis der Geschichte des Menschen als Gattung und ohne
Kenntnis der kulturellen Evolution ist für Herder eine Ästhetik bodenlos. Art, Lei­
stung und Bedeutung der Sinne und des Gefühls, das sind für Herder die Bereiche,
die eine Ästhetik allererst zu erschließen habe. 'Philosophisch' ist für Herder eine
Ästhetik, die die 'Natur' des Menschen als geschichtliches Wesen erklären kann. 'Un­
philosophisch' ist ihm der Versuch, vor jeder Empirie ein System der Ästhetik r.us
definierten, aber nicht verifizierten Begriffen zu errichten. Herder will keine "Will­
kürlichen Erklärungen", keine "qualitates occultas" und keine "undurchforschten
Kräfte"145, die mangels realer Kenntnis zu Scheinerklärungen herangezogen werden
in traditioneller Metaphysik, Physik und Morallehre.

a) Ästhetik als Logik

Hinter dem Vorzeichen der Entmetaphysizierung der Philosophie lassen sich drei
Schwerpunkte in Herders Kritik an Baumgartens "Aesthetica" ausmachen, die nicht
gleichgewichtig sind, aber in enger Verbindung miteinander stehen. Der wichtigste
Vorwurf betrifft die Konstruktion der Ästhetik als Parallele zur Logik. Herder
mißbilligt - und mißversteht zum Teil - Baumgartens Satz, daß die Logik die "ältere
Schwester der Ästhetik" sei, und er hält diese Behauptung für einen Fehler, der mit
Baumgartens "ganzem Lehrgebäude"146 zusammenhänge. Während Baumgarten aber

143 A.a.O., S. 672f.


144 A.a.O., S. 673.
1"" A.a.O., S. 672.
146 A.a.O., S. 666 .
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 75

die Logik als Wissenschaft zur Anleitung des oberen Erkenntnisvermögens versteht,
die Disziplin der Logik also meint, liest Herder vorerst nichts von der Disziplin
heraus, sondern erklärt sich "Logik" als "oberes Erkenntnisvermögen" selbst. Da
'Menschen eher als Philosophen' gewesen seien, und Vernunft 'das Alter der
Menschheit' kennzeichne, sei Baumgartens Behauptung falsch. Herder verwechselt
hier habitus mit scientia, was einigermaßen befremdlich ist, zumal er wenig vorher
die Verwechslung genau dieses Unterschieds Baumgarten zum Vorwurf gemacht
hatte. Dieses Mißverständnis bleibt aber (polemische?147) Episode, denn die Kritik
Herders richtet sich vor allem gegen die Logik als Disziplin in bestimmter Hinsicht.
Es ist die Logik als organische Philosophie, die Herder ablehnt. Entweder nämlich
werden die Erkenntnisse durch "fremde Eingebung"148 verbessert, das heißt durch
Anstöße, Erfahrungen, die mit den Operationen des Erkenntnisprozesses selbst und
deren Beschreibung nichts zu tun haben. Der ''gemeine Verstand"149 bedürfe keiner
regelhaften Anweisung, weder, um seine Funktion zu erfüllen, noch, um sich zu ent­
wickeln. Oder - und dies ist in Herders Sicht der Anspruch der Logik - die Logik
klassifiziert, formalisiert und will via Regelkorpus Einfluß auf das Denken nehmen,
was für Herder nur eine unnütze metasprachliche Reduplikation dessen ist, was der
'gemeine Verstand' ohnehin sicher vollzieht. Schließlich sei die 'Verbesserung' der
Erkenntnisse durch die Logik auch deshalb pure Behauptung, weil das Problem, wie
denn diese Verbesserung kontrolliert werden solle, vom Logiker selbst nicht gelöst
werden könne. Um auch hier einer endlosen Metaierung - eine Logik der Logik
kontrolliert die Logik usw. - vorzubauen, kommt Herder auf die primäre
Erkenntnisebene zurück: "entweder [ ... ] die gemeine Erkenntnis" sei die
Kontrollinstanz der Logik "oder niemand"150• Kurz: die logica artificialis als
organische Philosophie ist nach Herders Ansicht eine Hybridbildung der
Philosophie, ein sophistischer Kropf.
Mit seiner Kritik bestreitet Herder aber nicht der Logik schlechterdings ihr
Existenzrecht Was ihm vorschwebt, ist vielmehr eine Logik in anderer als
instrumenteller oder präskriptiver Funktion. Statt sich via Präskription zur Ursache
für die Form des Denkens aufzuwerfen, solle Logik sich mit den Funktionen des
Denkens befassen. Damit ist zum einen die Funktion der Logik von der Präskription
zur Deskription verschoben, was nicht mit einer 'theoretischen' Logik gleichzusetzen
ist. Sie gibt nicht mehr Anleitungen, wie zu denken sei, sondern "sammlet", wie
tatsächlich gedacht werde. Zum anderen gestattet sie, mit der Beschreibung und
Analyse der 'Wirkungen' des Denkens eine Verbindung zu den 'Ursachen' und damit
zu den Bedingungen der Ursachen, den 'Kräften', herzustellen. Es ist wohl ohne

weiteres klar, daß 'Logik' in diesem Zusammenhang nicht mehr die Wissenschaft nur

147 Es mag sein, daß Herder diese Verwechslung im Überschwang des Oppositionsgeistes unterlau­
fen ist. Dem Wett nach, so schreibt er, könnten die oberen Erkenntnisvermögen nicht wichtiger sein,
weil die unteren "praktischer und wirksamer" seien. Dem Alter nach kämen die oberen nach den unteren
Vermögen. Im letzten Kritikpunkt wird Herder ausfallend. Es heißt dort: "c) dem Adel nach; und der
fällt weg, wenn man Logik kennt." (FHA I, S. 666) . Im Punkt c) ist 'Logik' als Disziplin aufgefaßt.
148 FHA I, S. 666 .
149 Ebd.
150 A.a.O., S. 662.
76 Herders Ästhetik-Kritik

des oberen Erkenntnisvermögens ist. Da ihr als " Unter.suchungs logik"151 die Aufgabe
der Bestandsaufnahme, Analyse und (invers) genetischen (Wirkung - Ursache -
Kraft) Erklärung "der Erfahrungen von meinem denkenden Selbst"152 zukommt, ist
sie für Herder letzten Endes 'Seelenkunde', eine Form der empirischen Psycholo­
gie153. Der deskriptiv-analytische Weg von den Wirkungen zu den Ursachen und von
da in Richtung auf die Kräfte, ist der Weg vom Komplexen zum Einfachen, was
bedeutet, daß mit fortschreitender Analyse das Analysandum sich dem intellek­
tuellen Zugriff mehr und mehr entzieht. Herder behauptet hier nichts anderes als die
prinzipielle Beschränktheit der analytischen Erkenntnismöglichkeiten des Menschen
ohne - und das ist entscheidend - ein Lob der Dummheit anzustimmen oder auf die
von Kant kritisierte 'Philosophie der Faulen' auszuweichen. Baumgartens
Zweiteilung der Logik in die des oberen und die des unteren Erkenntnisvermögens
wird bei Herder zu einer Pluralisierung der Logik erweitert: "es ist [ ... ] vor jede Kraft
eine Logik [ ... ] möglich ... "154• Das ist Herders extensive Veränderung.
Aber je näher - von der Wirkung, den Phänomena, ausgehend - die Untersuchung
an die Seelenkraft, die selbst nie ereicht wird, herankommt, desto fremdartiger wird

die Logik - gemessen an den bekannten Logiken. Das ist Herders intensive Verände­
rung der Konzeption Baumgartens. Es ist ein neuer Rationalitätstyp, von dem
Herder hier spricht. Gemessen an der Logik der Tradition ist es eine Logik des
Alogischen, von der aus es sinnlos ist, von dem "Anderen der Vernunft" zu spre­
chenlSS, weil sie den Anspruch stellt, alles, was menschlich ist, mit dem menschlichen
Sensorium zu erfassen. Die Lust am "Unter.suchen, am Kennenlemen"156, soll auch in
den Bereichen, in denen herkömmliche Wissenschaft nicht mehr greift, zu metho­
disch gewonnener Gewißheit führen, nur, daß jetzt Gegenstand und Methode, ge­
messen am geltenden Wissenschaftsbegriff, unwissenschaftlich sind. Herder formu­
liert den Affront so: "Die Er.ste Logik untersuche den Menschen, das Tier, [das] ver­
nunftähnlich nach Gedanken und Trieben handelt; und ist die kürzeste, die schwer­
ste, die wichtigste, der Grund der andern, von der man noch nicht den Schatten hat,
da doch das Wahre der andern sich auf sie bezieht. Sie hat kein szientifisches Objekt
und sei auch nicht szientifisch. " 15 1
Herder radikalisiert Baumgartens ars analogi rationis insofern, als er den Kom­
plex des Vernunftähnlichen tendenziell auf das Gefühl des eigenen Seins, die ori­
ginäre Aisthesis einzieht. Er nennt seine "Er.ste Logik" die "kürzeste", weil der Prozeß
unvermittelt im inneren Sinn vor sich geht; die "schwerste", weil sie der 'szi-

m A.a.O., S. 667.
152
Ebd.
'" Dieses Verhältnis schlägt sich auch in Herders "Entwurf der Anwendung dreier Akademischer
Jahre für einen jungen Theologen" aus den Jahren 1781/82 nieder. Philosophie soll diesem Plan zufolge
im ersten Studienjahr "eine Hauptübung" sein. "Ists möglich, so fange man mit einer Psychologie, in der
auch die Logik gelehrt würde, an.• SWS XXX, S. 406. Vgl. auch SWS XXXI I, S. 38.
-

154 FHA I, S. 667 (Kritik der "Aesthetica").


w Es ist wichtig, dies gegenüber dem Aufklärungskonstrukt von Hartmut und Gernot Böhme zu
betonen. Vgl. H. und G. Böhme: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstruktu­
ren am Beispiel Kants. Frankfurt 1983.
'"' FHA I, S. 687 (Baumgartens Denkmal).
tS7 A.a.O., S. 667 (Kritik der "Aesthetica"). Letztere Hervorhebung von mir; HA.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 77

entifischen' Analyse im Grunde nicht zugänglich, die "wichtigste", weil sie die
Grundlage aller weiteren Geistesbeschäftigungen im weiteren Sinne ist. Die Ver­
wendung des Begriffs "vernunftähnlich" verweist in diesem Zusammenhang also eher
auf Leibniz158 als auf Baumgarten.
Wenn aber die "Erste Logik" einen nicht analysierbaren Gegenstand hat und -
folgerichtig - selbst nicht analytisch - im Sinne des geltenden Wissenschaftsbegriffs -
vorgehen kann, dann kann mit dem Begriff "Logik" an dieser Stelle nur 'Logik der
Sache' und 'Untersuchen, Kennenlernen der Sache' gemeint sein. Die "Erste Logik"
ist die Erkundung des fundus animae, Heuristik des Dunklen, deren Ausgangspunkt
der ästhetische Akt der Anerkennung der absoluten Prägnanz159 des Seins ist.
Die Ästhetik als Disziplin aber komme erst zum Zuge bei der Analyse
differenzierter Formen des Empfindens. Herder insistiert auch hier auf der
Eigenständigkeit des ästhetischen Diskurses, "da ja die Ordnung des Affekts und der
Vernunft 2 Extreme sind"160• Vom Affekt zur Empfindung, von da zur Einbildung und
von der Einbildung zum Bewußtsein steige die Analyse auf, und erst hier könne von
der "eigentlichen Logik"161 die Rede sein. Deren Bereich ist nun allerdings stark
geschrumpft. Eine "Logik des Affekts"162 und eine "Logik der Einbildungskraft"163,
mit dem Anspruch, die traditionelle Logik weder methodologisch als Leitdisziplin,
noch als hierarchisch Höherstehende anzuerkennen, decken nun den größten Teil
der Erkenntnis des menschlichen Erkenntnisprozesses ab und reklamieren für sich,
der Untersuchung des Menschen angemessener zu sein. Herder hat die
Relevanzkriterien164 verschoben, um nicht zu sagen: vertauscht. Der Hauptvorwurf
Herders gegen die Ästhetik Baumgartens besteht also darin, daß sie eine ihrem
Gegenstand heterogene Wissenschaft, die Logik, als Organon und als Leitbild
heranzieht und metasprachlich einen unhaltbaren Kompromiß zwischen oberem und
unterem Erkenntnisvermögen anstrebe.
Daraus leitet Herder einen zweiten, jenem grundsätzlich nachgeordneten
Kritikpunkt ab. Baumgarten hatte, in Analogie zur Logik, zwischen aesthetica
naturalis und aesthetica artificialis so unterschieden, daß die aesthetica artificialis als

158 Vgl. z.B. Leibniz: Theodicee, § 65 der Preface: "Les sens exterieurs, a proprement parler, ne nous
trompent point. C'est nostre sens interne qui nous fait souvent aller trop vite; et cela se trouve aussi dans
les betes [ ... ): car les betes ont des consecutions de perception qui imitent Je raisonnement, et qui se
trouvent aussi dans Je sens interne des hommes, lorsqu'ils n'agissent qu'en empiriques. " (G VI, S. 87). -
Vgl. auch Leibniz: Principes de Ia Nature et de Ia Grace, fondes en raison, § 5 (G VI, S. 600) , wo
Leibniz behauptet, drei Viertel der menschlichen Handlungen seien in diesem Sinne 'empirisch' zu nen­
nen. - Vgl. außerdem Leibniz: 'Monadologie', § 26, 28f. (G VI, S. 611).
1 "" Vgl. zur Prägnanz unten, Kapitel 111. A. Es sei schon hier darauf hingewiesen, daß der Begriff der
Prägnanz selbst im vollen Bewußtsein der Etymologie - lat.: praegnans - dt.: schwanger -, von Leibniz
über Baumgarten kommend, bei Herder überhaupt eine wichtige Rolle spielt. - Vgl. auch in diesem Zu­
sammenhang die Feststellung Irmschers: "Herder ( ... ) setzt an die Stelle des Denkens (wie seine Zeit das
'cogitare' verstand) die Erfahrung der eigenen Leiblichkeit als einzig verläßlichen Ursprung der Selbst­
und Welterkenntnis." Irmscher: Grundzüge der Hermeneutik Herders, S. 33.
100
FHA I, S. 667 (Kritik der "Aesthetica").
161 A.a.O., S. 668.
162 FHA I, S. 90 (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).
1 63 FHA I, S. 71 (Von der Ode). Der Ausdruck auch in der Baumgarten-Kritik, FHA I, S. 663.
1 64 Vgl. oben, S. 59.
78 Herders Ästhetik-Kritik

instrumenteller Komplex bessernd Einfluß nehmen können solle auf die aesthetica
naturalis. Herder bestreitet dies kategorisch. Die natürliche angeborene Ästhetik165,
so Herder, sei nicht nur allen Menschen eigen, "da sie alle als sinnliche Tiere geboren
werden"166, sondern sie bestimme den Menschen auch mehr als die angeborene Lo­
gik.

b) Ästhetik als "bloße Metapher"

Wohl stimmt Herder der Unterscheidung in natürliche und künstliche Ästhetik zu,
auch die Unterscheidung der natürlichen in eine angeborene (connata) und eine
durch Übung ausgebildete Ästhetik (habitus) nimmt er an. Beifällig, aber schon
schärfer gefaßt als bei Baumgarten, sind seine Formulierungen, die einer wissen­
schaftlichen Ästhetik, das heißt einer aesthetica artificialis, ihr Profil geben. Herder
nennt sie eine Ästhetik im objektiven Sinne und bestimmt sie als "eine philosophische
Untersuchung, der sinnlichen Erkenntnis, als ihres Gegenstandes; und in so fern ist sie
die Wzssenschaft, die Baumgarten erfand [ ... ], die also alle Eigenschaften der philoso­
phischen Untersuchung, Beweise, und analytischen Methode haben muß"167• Sie ist
Metasprache, "de pulchris philosophice cogitans scientia"168, sie "lehrt, überzeugt" in
"Sätzen und deutlichen Begriffen"169• Im vierten Kritischen Wäldchen wird Herder of­
fensiver in seinen Begriffsbestimmungen, was sich zum Teil aus dem Kontext - der
Kritik an Riedel - erklärt. Die künstliche Ästhetik nennt er hier "eine große Philoso­
phie"170, die sich mit Geschmack, Einbildungskraft und dem analogon rationis befaßt,
"eine Zergliedererin [sie] des Schönen, wo es sich findet, in Kunst und Wißenschaft,
in Körpern und Seelen"1 11, deren Ziel "ein deutlicher Begrif der Schönheit"172 sei.
Und, geradezu emphatisch die Rationalität der Ästhetik als Wissenschaft betonend,
heißt es: "sie [sc. die Ästhetik] ist [ ... ] die strengste Philosophie über einen würdigen
und sehr schweren lnbegrif der Menschlichen Seele und der Nachahmungen der Na­
tur: sie ist [ ... ] ein Theil, ein schwerer Theil der Anthropologie, der Menschenkännt­
niß"In_
Die Klimax der Zuschärfung auf die Ästhetik als Wissenschaft beschließt Herder
mit einer Bestimmung des Ästhetikers (aisthetikos), der vom 'Ästheten' (aisthetos)
zu unterscheiden sei: "Unsre Aesthetik ist Wißenschaft, und will nichts weniger als

Leute von Genie und Geschmack; nichts als Philosophen will sie bilden .. .''174•
Als theoretische, wissenschaftliche, nicht-präskriptive und nicht-propädeutische

165 Vgl. oben, S. 32f.


166 FHA I, S. 660 (Kritik der "Aesthetica").
167 FHA I, S. 659 (Kritik der "Aesthetica'').
168 Ebd.
"'' A.a.O., S. 660. - Vgl. auch S. 665 zu obiectio 5). Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die
Hervorhebungen in den letzten drei Zitaten von Herder stammen.
170 SWS IV, S. 22.
1 71 A.a.O., S. 22f.
m A.a.O., S. 24.
173 A.a.O., S. 25.
t7• Ebd.
Herdcrs Auseinandersetzung mit Baumgarten 79

Disziplin - und nur in dieser Hinsicht - findet Baumgartens "Aesthetica" Herders


nahezu ungeteilte Zustimmung. Dies ist auch der Aspekt, unter dem er Baumgarten
und die "Baumgartensche Schule"175, aber auch Christian Wolff durchgängig bis in
die späteren Schriften lobt. Immer wieder streicht Herder die Konzision, Präzision
und Eindeutigkeit der Begriffssprache Baumgartens positiv heraus.176• Diejenigen
"Halbdenker"m aber, die da "Wortschön forthinken"178, das "beinahe
Philosophieren"179 der "Schönphilosophen"180, die Vermengung von Philosophie und
Poesie, von Meta- und Objektsprache kritisiert Herder erbarmungslos. Herders
Insistieren auf scharfer Trennung des philosophischen Diskurses vom poetischen ist
deshalb umso mehr hervorzuheben, weil gerade ihm selbst deren Vermischung
immer wieder vorgeworfen worden ist. Dieser Widerspruch zwischen der Kritik
Herders an der 'poetischen Philosophie' und der Kritik an Herder als 'poetischem
Philosophen' ist also noch zu klären, was weiter unten geschehen soll.
Bei aller grundsätzlichen Akzeptanz der Unterscheidung von natürlicher und
künstlicher Ästhetik fällt aber doch die Entschiedenheit auf, mit der Herder die
Grenze zieht, und seine Kritik richtet sich denn auch nicht gegen die Deiimitation
der zwei Bereiche, sondern gegen das Verhältnis, in das Baumgarten sie zueinander
setzt. Wenn Herder der Ästhetik des Baumgarten-Schülers Georg Friedrich Meier
vorhält, sie sei nichts als "wiedergekauete Logik"18\ so zielt der Vorwurf darauf, daß
die Ästhetik parallel zur Logik konstruiert sei, weil die Logik ein den Gegenständen
der Ästhetik heterogener Diskurs sei. Was Herder bei Meier explizit ausgeprägt
findet, liest er bei Baumgarten eher als Implikat heraus. Die Möglichkeit, in
Analogie zur Logik die aesthetica artificialis als eine aesthetica emendans, als
organische Ästhetik also, einzusetzen, verwirft Herder prinzipiell. In dieser Hinsicht
sei Baumgartens Ästhetik eine "bloße Metapher"182 im wörtlichen Sinne. Es ist der
Leitbegriff der "cognitio" in der Spezifikation als "cognitio sensitiva", an dem Herder
Anstoß nimmt. Als philosophischer Diskurs, das ist wohl deutlich geworden, ist die
künstliche Ästhetik der Analyse des 'Verworrenen' und 'Dunklen' bis hin zu klaren
und deutlichen Begriffen, Urteilen und Sätzen verpflichtet. Der Gegenstand des
Diskurses aber, sein "Materiale", sei nicht die cognitio, nicht, wie man mit Bezug auf

1 75 So nennt Herder, in Absetzung von den "Gottschedianern" und den "Schweizern", die Beiträger zu
den "Briefen, die neuesie Literatur betreffend".
176 Vgl FHA I, S. 197f. (Fragmente I) zur Bemühung um Desambiguierung der Sprache in der Philo­
.

sophie. - A.a.O., S. 256 (Fragmente I) zur brevitas und concinnitas Baumgartens. FHA I, S. 683
-

(Baumgartens Denkmal) zur Prägnanz der Definition des Gedichts. - SWS IV, S. 16 (4. Kritisches
Wäldchen) zur Bündigkeit der Definitionen, in der B<!umgarten Aristoteles gleichkomme (vgl. auch
a.a.O., S. 132).- FHA I, S. 83 (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).- SWS XI, S. 58 (Briefe, das
Studium der Theologie betreffend. IV).- SWS XVIII, S. 126 (Briefe zu Beförderung der Humanität.
Brief 105).- SWS XXX, S. 407 (Entwurf einer Anwendung dreier Akademischer Jahre für einen jungen
Theologen).
177 SWS VIII, S. 218 (Vom Erkennen und Empfinden. 1778).
1 78 SWS IV, S. 27 (4. Kritisches Wäldchen).
"" FHA I, S. 633 (Fragmente I, 2. Ausgabe).
"" SWS IV, S. 16 (4. Kritisches Wäldchen).
181 SWS IV, S. 27. Herder bezieht sich auf Georg Friedrich Meier: Anfangsgründe aller schönen Wis­
senschaften. 3 Bde. Halle 1748-50.
182
SWS IV, S. 53.
80 Herders Ästhetik-Kritik

Baumgartens "Meditationes" ergänzen kann, der Bereich der noeta183, sondern der
Bereich der aistheta. Das ist gemeint, wenn Herder eine Konzeption der aesthetica
theoretica moniert, "deren Materiale [ ... ] viel zu enge ist, da es bloß vom Erkennen
redt; gegenteils fast uneigentlich ist, da Gedanken schon das wenigste Aesthetische an
sich haben; wenigstens ganz unergründlich ist, weil das Schöne in der Empfindung
schon vorausgeht."184
Das Uneigentliche, Metaphorische an Baumgartens Ästhetik-Konzeption entsteht
für Herder durch die Übertragung (metaphorä) des logischen Paradigmas auf die
Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung, so daß eine derart konzipierte Ästhetik
nur einen Bruchteil der aistheta und von diesen wiederum nur einen äußerst
beschränkten Aspekt in den Blick bekommt. Logizistischer Reduktionismus bei
gleichzeitiger Behauptung, das Ganze der Aisthesis zu erfassen, das ist Herders
Hauptkritikpunkt Dieser Reduktionismus ist aber ein zweifacher: Die Logik als das
'Formale' reduziert einerseits die Menge der insgesamt möglichen Gegenstände
('Materiale') auf das ihr Zugängliche, was festzustellen im Prinzip banal wäre. Die
Inadäquanz des Formalen aber macht diese Seite der Kritik einsichtig. Auf der
anderen Seite ist zu bedenken, daß die Logik als habitus später sich ausgebildet hat
als die Empfindung. Empfindung ist die Basis der Logik, und demnach ist die Logik
als verselbständigter Diskurs eine Reduktion der menschlichen Wahrneh­
mungsweisen. Es kommen also bei Herders Kritik des logizistischen Reduktionismus
ein systematischer und ein historisch-genetischer Argumentationsstrang zusammen.
Die systematische Reduktion nun ist legitim, solange sie als Reduktion bewußt
gehalten wird. Insofern ''gibts doch eine Logik"185, die nicht metaphorisch, sondern
"eigentliche Logik"186 ist. Illegitim ist dagegen diejenige Logik, die ihre Herkunft un­
terschlägt und im Stolz auf das durch "eigne Arbeit" errichtete Artefakt der
szientifischen Logik "die Erkenntnis des Gelehrten mit der Erkenntnis des Men­
schen"181 gleichsetzt.
Vor allem deshalb, weil der Prozeß der Evolution (im Herdersehen Sinne)
irreversibel ist, kann die künstliche Ästhetik die natürliche nicht 'verbessern'. Die
philosophische Reflexion auf die sinnliche Wahrnehmung ist, so kann man
allgemeiner sagen, ein genus novum, das dem genus vetus - der natürlichen Ästhetik
- heterogen ist188• Natürliche und künstliche Ästhetik stehen für Herder im
Verhältnis von Objekt und Deskription, von Sachverhalt und Diagnose, nicht aber im
Verhältnis von Patient und Therapie. Diese Feststellung gilt, wie Herder betont, für
die allgemeine Ästhetik, nicht aber für medien- und sinnenspezifische Theorien.
Herder schreibt dazu, die Ästhetik "lehrt Seelenkräfte kennen, die die Logik nicht
kennen lehrte; aus ihren Bemerkungen mögen freilich nachher in den einzelnen
Theorien Praktische Handregeln folgen." Letzteres sei aber ebensowenig der "erste

l&l Vgl. Baumgarten: Meditationes, § 116.


1 84 FHA I, S. 668 (Kritik der "Aesthetica") .
• a. A.a.O., S. 667.
1 86 A.a.O., S. 668.
1 87 Ebd.
188 Vgl. a.a.O., S. 661.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 81

Zweck der Aesthetik", wie der, "eine neue schöne Natur, ein Gefühl zu geben, das
man nicht hatte."189
Eine emendierende Einflußnahme der aesthetica artificialis auf die aesthetica
naturalis connata verbietet sich also für Herder aus systematischen Gründen, die
geschichtsphilosophisch abgesichert sind: die Wirkung kann nicht zur Ursache für die
Veränderung ihrer eigenen Ursache werden, weil der kausale Zus amme nhang als
irreversibler historischer Prozeß gedacht wird, und: das historisch Spätere ist zwar
ein Indiz für das Frühere, nicht aber dessen Maßstab.
Es versteht sich, daß die metasprachliche Reduktion des 'verworren' Empfun­
denen auf klare und deutliche Begriffe darin besteht, vom 'Materiale' des Schönen so
zu abstrahieren, daß Diskursadäquanz erreicht wird. Die künstliche Ästhetik abstra­
hiert derart, daß das 'Materiale' des Schönen sich dem 'Formale' fügt, dessen Zweck
Wahrheit ist, repräsentiert in klaren und deutlichen Begriffen. Daß die künstliche
Ästhetik es statt mit dem Ganzen mit "Bestandtheilen der Schönheit"190 zu tun hat,
die aber nicht mehr als schöne selbst, sondern als Elemente wahrer Aussagen über
das Schöne fungieren, ist für Herder sowohl durch die Trennung von Objekt- und
Metasprache begründet, als auch durch die Leibnizsche Erkenntnis, daß klare und
deutliche Erkenntnis des Menschen immer partielle Erkenntnis ist, während für die
verworrene Erkenntnis die Tendenz aufs Unendliche, Ganze charakteristisch ist.
Salmonys "Eindruck des Unvollständigen, gar Widerspruchsvollen"191 der Ästhetik
des jungen Herder hat in seiner Unkenntnis der gnoseologischen Implikate seinen
Grund und darin, daß er übersehen hat, daß künstliche und natürliche Ästhetik in
gleichzeitiger Konkurrenz gedacht werden müssen192•
Die gleichzeitige Konkurrenz versteht Herder schon selbst als riskantes
Verhältnis, derart, daß die künstliche Ästhetik die natürliche verdrängt, oder, wie er
aus seiner Situation heraus sagt, die Empfindung durch die Reflexion geschwächt
werde193• Das gilt in Herders Sicht aber nicht nur für den Künstler im Moment des
Schaffens, diese Schwächung ist auch ein Charakteristikum der Situation von Kunst
und Literatur im 18. Jahrhundert, Resultat einer langen Entwicklung, die Herder
sich phylogenetisch als Schwächung der natürlichen Ästhetik durch szientifische Re­
flexion geschichtsphilosophisch plausibel zu machen sucht. Ästhetik hat ihre
irreversible und insofern auch nicht zu kritisierende Geschichte, die mit der
Geschichte der Menschheit derart eng verknüpft ist, daß ihr Leitfunktionen in der

"'' SWS IV, S. 26 (für die letzten drei Zitate; 4. Kritisches Wäldchen).
190
A.a.O., S. 24.
191
Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 160.
192
Salmony vollzieht überdies Herders Trennung von Objekt- und Metasprache nicht nach: Das
Schöne als Gegenstand der Empfindung und die Empfmdung des Schönen als Gegenstand der Analyse
sind bei Herder zwei qualitativ voneinander verschiedene Dimensionen oder Aspekte einer Sache.
Salmony kreist um dieses Problem unter anderem auch deshalb, weil er von der Gnoseologie der Zeit
zu vage Vorstellungen hat. Vgl. Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 145 ff., insbes. S. 151 und
s. 155-160.
193
Vgl. z.B. FHA I, S. 661 und 664 ("ich dächte, eine metaphysische Erlcenntnis des Schönen schwächt
.
die Empfmdung .. "). SWS IV, S. 19 Ge größer der Dichter war, "desto weniger zerarbeitete er sich mit
deutlichen, schwächenden, ermattenden Regeln, und der gröste Geist wars, der, da ihn die Muse begei­
sterte, von keinem Gesetz wusle.") u.ö.
82 Herders Ästhetik-Kritik

Entwicklung zukommen. Für Herders Geschichtskonzeption bedeutet dies, daß


Kategorien der allgemeinen Ästhetik geschichtsphilosophische Strukturelemente ab­
geben. Zur Konkurrenz von natürlicher und künstlicher Ästhetik im konkreten
Schaffensakt des modernen Künstlers kommt also die Konkurrenz beider in der
Geschichte der Menschheit als Bedingung der 'aktuellen' Konkurrenz hinzu - mit
dem vorläufigen Resultat einer in Herders Sicht bedrohlichen Dominanz der
künstlichen Ästhetik im europäischen 'philosophischen' Zeitalter.
Von diesem angedeuteten Sachverhalt aus wird deutlicher, warum Herder so
unnachgiebig im Punkte des Verhältnisses von aesthetica naturalis und artificialis auf
seiner Position beharrt: Die Dominanz des philosophischen Diskurses ist ein Verlust,
der nicht durch neue Erkenntnisse kompensiert würde, sondern ein Verlust, der
durch illegitime Überschreitung (metaphorä) der Diskursgrenzen die Unterdrückung
der Sinnlichkeit verschleiert. Illegitim ist dabei nicht der Ausbau des szientifischen
Diskurses - im Gegenteil: Herders Desideratenliste einzurichtender Wissenschaften
ist stattlich! -, illegitim ist der 'rationalistische Imperialismus', dessen Gewinne
Herder in Verlusten derjenigen humanspezifischen Dispositionen beziffert, die
holistisch ausgerichtet sind. Es gilt hier wohl für Herders Humanitätskonzept, was
Leibni:t: von den Monaden schrieb, daß sie nämlich zwar je unterschiedlich begrenzt
seien hinsichtlich ihrer klaren und deutlichen Wahrnehmungen, aber: "Elles vont
toutes confusement a l'infini, au tout ... "194•

c) Ästhetik als 'bloße Theorie der schönen Wissenschaften'

Betreffen die beiden vorhergehenden Kritikpunkte einerseits die Konstruktionsbasis


der Baumgartensehen "Aesthetica" und das Verhältnis, in dem natürliche Disposition
und deren szientifischer Diskurs zueinander stehen, andererseits, so richtet sich
Herders dritte Kritik gegen die Extension der "Aesthetica". Er schreibt: "Seine [sc.
Baumgartens] Aesthetik - und notwendig auch die Werke seiner N achbeter; sind bloß
Theorien der schönen WISsenschaften, der Rhetorik und Poesie; und alle schöne Künste
fehlen. - Folglich auch die objektivste Aesthetik."195
Das bezieht sich auf Baumgartens erstes 'Synonym' - theoria liberalium artium -
für den Terminus "aesthetica" im ersten Paragraphen196• Es gehe, so Herder, nicht
gut an, im Kontext einer modernen Ästhetik immer noch von den septem artes
liberales zu sprechen, vielmehr sei von dem auszugehen, was man gegenwärtig unter
den schönen Künsten (beaux arts) und Wissenschaften verstehe. Deshalb müsse es
im § 1 der "Aesthetica" - wenn überhaupt - theoria liberalium artium et scientiarum
heißen beziehungsweise, genauer und seiner Absicht auf eine "allgemeine Ästhetik"
angemessener: theoria summa artium et scientiarum liberalium197• Das ist Herders

1"' Leibniz: 'Monadologie', § 60 (G VI, S. 617).


1"" FHA I, S. 659 (Kritik der "Aesthetica").
196 Vgl. das oben, S. 30ff. zu den in Klammern stehenden Ausdrücken Gesagte.
197 Im 4. Kritischen Wäldchen ergänzt Herder stillschweigend: Baumgarten "nennet sein Werk Theo­
rie der schönen Kilnste und Wißenschaften" (SWS IV, S. 22). Der Grund mag wieder sein, daß Herder in
der Polemik gegen Riede! an einer holzschnittartigen 'Vereinfachung' (in seinem Sinne) gelegen war,
wenn auch um den Preis der Klitterung. Eine Annäherung von ars und scientia kann für Herder ausge-
Herdcrs Auseinandersetzung mit Baumgarten 83

Vorschlag, bei dem zu bedenken ist, daß sein Begriff der ars sich von dem
Baumgartens dadurch unterscheidet, daß er ihn streng von der scientia trennt. Diese
Unterscheidung spitzt Herder zu bis hin zu der Behauptung, daß Baumgartens
"Aesthetica" mit den schönen Künsten nichts, sondern nur mit den schönen
Wissenschaften zu tun habe. Nun hatte Baumgarten schon in den Paragraphen 39 bis
41 seiner "Meditationes" von der Malerei gehandelt, und in der "Aesthetica" geht
Baumgarten selbst auf den fingierten Einwurf, seine Ästhetik sei nichts als Rhetorik
und Poetik, Lehre von den schönen Wissenschaften also, ein, indem er für die
Ästhetik ein größeres Feld reklamiert, gleichwohl aber Kriterien aus Rhetorik und
Poetik abzieht, die dann auf die Künste übertragbar seien198• Den Einwand, Baum­
gartens Ästhetik sei nichts anderes als Rhetorik und Poetik, bestätigt Herder also
lakonisch199• Daß die Ästhetik aber zu weit gefaßt sei, wie es in einem anderen
fingierten Einwurf bei Baumgarten formuliert wird200, stößt bei Herder auf
energischen Widerspruch. Eine "wahre Aesthetik"201 fasse "Künste und
Wissenschaften unter sich", insofern sei Baumgartens "Aesthetica" viel zu eng
konzipiert. Eine "wahre Aesthetik" sei aber auch allgemeiner, insofern sie nicht das
spezielle Schöne der einzelnen Künste, sondern das Schöne, soweit es allen Künsten
und Wissenschaften gemeinsam zukommt, und die Empfindung des Schönen
behandle. Kurz: Herder moniert den rhetorisch-poetologischen Zuschnitt und den
geringen Grad der theoretischen Allgemeinheit der "Aesthetica". Beides hängt
miteinander zusammen: Die Beschränktheit des Objektbereichs bedingt die Be­
schränktheit der Perspektive, die beschränkte Perspektive läßt bestimmte Gegen­
stände gar nicht erst in den Blick kommen. Baumgartens Ästhetik befindet sich, so
meint Herder, in einem gewissen Schwebezustand, denn es fehlt ihr das solide
Fundament und ein hinreichender Abschluß. In der vorliegenden Form kann Herder
nur eine Zwischenbilanz aus mehreren Theorien erkennen, der aber eine "theoria
summa"202, die das Gemeinsame aller einzelnen Kunsttheorien urnfaßte, fehle. Das
ist Herders Vorstellung von einer "allgemeinen Aesthetik"203, die er auch "objektivste
Aesthetik"204 nennt.
Geht man die Kritik Herders an Baumgartens Ästhetik durch, so drängen sich
zwei Fragen auf, die sich mit einer Antwort lösen lassen. Da ist zum einen der
Widerspruch zwischen Herders Lob Baumgartens und seiner zum Teil vernichtenden

schlossen werden. Vgl. zu ars - scientia: Michael Jäger: Kommentierende Einführung in Baumgartens
=
"Aesthetica". Hildesheim, New York 1980 ( Philosophische Texte und Studien. Bd. 1), S. 25ff.; zu
theoria liberalium artium: a.a.O., S. 8ff.
198 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 5, obiectio 2).
199 Vgl. FHA I, S. 665. Die Bindung der "Aesthetica" an die rhetorische Tradition ist in der For­
schung vielfach besprochen worden, wir sehen deshalb hier von einer nochmaligen Darstellung ab. Vgl.
die oben, S. 28f., Anm . 199 genannte Literatur.
200 Vgl. Baumgarten: Aesthetica, § 5, obiectio 1).
20 1 FHA I, S. 665 (Kritik der "Aesthetica").
202 A.a.O., S. 660.
"" Ebd.
204 A.a.O., S. 659. Gaier deutet diesen Ausdruck in seinem Kommentar anders (FHA I, S. 1247). Es
gebe bei Herder "objektivere und subjektivere Ästhetiken je nach dem Medium, in dem sich das Schöne
produziert". Dem ist zuzustimmen, aber das erklärt nicht den Superlativ. Die "objektivste Aesthetik" ist
nicht die einer mehr oder weniger 'objektiven' Kunst, sondern die allgemeinste, den Gesamtbereich der
Objekte der sinnlichen Waltmehmungen abdeckende Theorie.
84 Herders Ästhetik-Kritik

Kritik der Ästhetik. Wie reimt sich zusammen, daß Baumgarten einerseits "der Vater
einer Schule ächter Kritik"205 genannt wird, "der wahre Aristotel unserer Zeit"206, um
auf der anderen Seite an der "Aesthetica" das Fehlen eines Fundaments und eines
Abschlusses sowie grundsätzliche Fehler in der ausgeführten Konstruktion zu monie­
ren? Ist die Kritik der Ästhetik Detailkritik, die bei einer Gesamtwürdigung der
Philosophie Baumgartens nicht ins Gewicht fällt? Wäre dem so, dann müßte Herder
mit der Metaphysik Baumgartens übereinstimmen. Das ist aber, wie wir gesehen ha­
ben, nicht der Fall, und eben von der Kritik der Metaphysik her baut sich seine Kri­
tik an der Ästhetik auf. Mit anderen Worten, Herders Kritik an der Ästhetik
Baumgartens ist grundsätzliche Kritik, die sich auf die Ästhetik einläßt, sie auch als
solche meint, aber durch sie hindurch auf die Schulphilosophie generell zielt, um der
Ästhetik zu einer neudefinierten Rolle zu verhelfen und von dieser Position aus zu
einer Philosophie im Rahmen des Menschenmöglichen zu gelangen. Eine Philoso­
phie, die 'wortgerecht' alles Mögliche ( omne possibile) erschließt und systematisiert,
ist bloß wegen ihrer internen Schlüssigkeil noch lange nicht sachgerecht. Sachgerecht
wird die Philosophie erst dann, wenn sie sich einer empirischen Grundlage versi­
chert, sowohl, was den Objektbereich der Philosophie, als auch, was den Philoso­
phierenden selbst angeht. Die Ästhetik findet Herders besondere Aufmerksamkeit
deshalb, weil jegliche Reflexion von der inneren Empfindung des Seins ausgeht und
alle Arten der äußeren Empfindung überhaupt die Grundlagen für die Wahr­
nehmung von Welt abgeben. Die Aisthesis von der Peripherie wissenschaftlicher
Beschäftigung in deren Zentrum und an ihren Anfang zu setzen, das ist Herders Ab­
sicht. Die Grundformen sinnlicher Wahrnehmung 'kennenzulernen' und zu
'sammeln', das ist sein vorläufiges Ziel. Damit bekommen Psychologie und Physio­
logie als empirische Wissenschaften ein neues Gewicht, und, weil Arten und Formen
der Wahrnehmung ihre Geschichte haben, rücken sie nicht als überzeitlich
gleichbleibende Vermögen in den Mittelpunkt des Interesses, sondern als historisch
sich entwickelnde und wandelnde. Das ist kein Plädoyer Herders für eine subjektivi­
stische Beliebigkeil einer Gefühlsphilosophie, sondern der Versuch, philosophisch
und - cum grano salis - naturwissenschaftlich eines bis dahin von philosophischer
Seite eher beargwöhnten Bereichs menschlicher Eigenschaften, Wahrnehmungs- und
Erkenntnisbedingungen Herr zu werden. Treffend für die Haptik und mit Blick auf
die Ich-konstitutive Seinsfahrung hat Hans Dietrich Irrnscher von Herders Entwurf
einer "Ontologie aus dem Sinn des Gefühls"207 gesprochen. Die Ästhetik soll nach
Herder eine grundlegende Philosophie sui generis werden, die von der geschichtlich­
sinnlichen Bedingtheit des Erkennenden und der diesem zugänglichen Verfaßtheil
der 'Gegenstände' ausgeht, ohne sich der Krücken einer inadäquaten Leitdisziplin zu
bedienen.
Baumgartens Leistung nun besteht aus Herders Sicht darin, die unteren
Vermögen zum Gegenstand philosophischer Reflexion gemacht zu haben. Aber es

:m
SWS XVIII, S. 126 (Briefe zu Beförderung der Humanität. 8. Sammlung).
206
FHA I, S. 97 (Fragment über die Ode).
m Hans Dietrich Irmscher: Johann Gottfried Herder. In: Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr
Leben und Werk. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter hrsg. von Benno von Wiese. Berlin 1977,
s. 528.
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 85

ist nicht die Art und Weise, wie er dies ins Werk gesetzt hat - genau in dieser
Hinsicht kritisiert Herder ihn scharf -, sondern es ist das Faktum, daß Baumgarten
der Sinnlichkeit philosophische Aufmerksamkeit gewidmet und diesem Bereich da­
mit zu philosophischer Dignität verholfen hat. Den "Scientifischen Plan"208 und daß
bei Baumgarten "zuerst Begriffe der Schönheit philosophisch entwickelt sind"209, daß
er "in die tiefsten Geheimnisse unrer Seele geradezu" einführe und daß er "mit jeder
Regel der Schönheit eine Entdeckung in der Seelenlehre tun lehret"210, das begrüßt
Herder als vielversprechenden Anfang einer Philosophie, die dem Menschen als
ganzem angemessen ist. Bei allem Vorbehalt und aller grundsätzlicher Kritik ist
Herder gezwungen, sich an Baumgartens avanciertem Paradigma der
Schulphilosophie abzuarbeiten, aus theoretischen und pragmatischen Gründen. In
theoretischer Hinsicht stellt Baumgartens "Aesthetica" für Herder diejenige
philosophische Position dar, die das Problem der Sinnlichkeit am klarsten und
weitgehendsten exponiert. Riedel und Klotz dagegen repräsentieren - von etlichen
pragmatisch und persönlich begründeten Aversionen Herders gegen beide
abgesehen - eine Philosophie der 'faulen Hypothesen'211 und des schlechten
Reduktionismus, und sie verfallen insofern Herders Spott und scharfem Verriß.
Baumgarten hat einen Ansatz vorgelegt, der zu überwinden ist, Riedeis Position ist
für Herder von vornherein obsolet. Diese Überwindung der Ästhetik zielt auf deren
Grundlage, setzt also bei der Metaphysik an und radikalisiert die Leibnizsche Kritik
an der nominaldefinitorisch fundierten Bestimmung der Wahrheit durch
Descartes212: Herders Überlegungen zur allgemeinen Ästhetik sind primär nicht
"Kunstästhetik"213 oder "Kunstphilosophie"21\ sondern fundamentale Überlegungen
zur Ontologie und Gnoseologie in anthropologischer Perspektive.
In pragmatischer Hinsicht ist Herder an Baumgarten interessiert, um Zugang zum
Intellektuellen-Kreis um die "Literaturbriefe" zu bekommen. Nicht irgendeine
Öffentlichkeit sucht der mittellose und ehrgeizige Herder, sondern die Öffentlichkeit
in Gemeinschaft mit Nicolai, Lessing und Mendelssohn: die "Baumgartensche
Schule"215•
Die zweite Frage, die sich bei Durchsicht der Baumgarten-Kritik noch einmal
stellt, ist die nach Herders Kenntnis der "Aesthetica". Auffällig ist, daß sein Exzerpt
aus den "Meditationes" nur die ersten elf Paragraphen umfaßt, grosso modo also we­
nig mehr als die Exposition mit der Definition des Gedichts. Die Kritik der "Aesthe-

"'" SWS IV, S. 22 (4. Kritisches Wäldchen).


>19 SWS XXX , S. 407 (Entwurf der Anwendung dreier Akademischer Jahre für einen jungen Theolo­
gen).
21 0 FHA I, S. 687 (Baumgartens Denkmal).
211 Leibniz spricht anläßlich seiner Kritik der Gelegenheitsursachen von einer "Hypothese faineante
[qui ... ) detruiroit egalement nostre Philosophie qui eherehe des raisons, et Ia divine sagesse qui les
fournit." Leibniz: Nouveaux Essais. Preface (G V), S. 59. - Vgl. zur persönlichen Motivation von
Herders Kritik an Riedel: Richard Wilhelm: Friedrich Justus Riedel und die Ästhetik der Aufklärung.
Heidelberg 1933 ( Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. Neue Folge XXIII), S. 121-123.
=

21 2 Vgl. oben, S. 5.
21 3 Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 148.
214 Arseni Gulyga: Johann Gottfried Herder. Eine Einführung in seine Philosophie [russ . Orig. 1963).
Aus dem Russischen von Günter Arnold. Frankfurt/M. 1978, S. 98.
215 Vgl. oben, S. 79, Anm. 175.
86 Herders Ästhetik-Kritik

tica" reicht in den Aufzeichnungen Herders bis zum Paragraphen 25 und beschränkt
sich im vierten Kritischen Wäldchen sogar explizit auf die Prolegomena der "Aesthe­
tica", das heißt auf den Teil, der die Definition der Ästhetik, hypothetische Kritik
und die Gliederung der Disziplin umfaßt. Es ist nicht klar, ob Herder die "Aesthe­
tica" als ganze durchgearbeitet hat, und es ist auch nicht sicher, ob seine Kritik
Baumgartens unterschiedliche Wahrheitsbegriffe (veritas aesthetica, aestheticologica
usw.) mit einbegreift. Ohne sie beantworten zu können, könnte von hier aus die
Frage nach Herders Rezeptionsgewohnheiten gestellt werden, da es sich nicht um
Einzelfälle handelt. Ist es so, daß sein stupendes Wissen auf genauer Kenntnisnahme
der Texte als ganzer beruht? Oder ist es vielmehr so, daß ihm - zumindest bisweilen -
die Exposition des Ausgangstexts als dispositio zur eigenständigen inventio und elo­
cutio genügte? Damit wäre - mit dem Vorbehalt einer jeweiligen Überprüfung - im
Rezeptionsverhalten eine Analogie zu Herders Interesse am 'Keim', an der Prägnanz
einer Ideenexposition, die durch 'Selbstdenken' zu entwickeln ist, angedeutet. In die­
sem Sinne ist wohl Vorsicht geboten vor der Behauptung, daß Herder alles und jedes
gekannt habe. In diesem Sinne hat aber auch die Feststellung, daß Herder vorgefun­
dene Positionen in der Polemik als Vehikel zur Ausarbeitung eigener Ideen benutzt
habe, ihre Berechtigung2 16 •
Beide Fragen - die nach Herders 'widersprüchlicher' Bewertung Baumgartens und
die nach Herders Textkenntnis der Baumgartensehen Ästhetik - lassen sich durch
den Hinweis auf die Perspektive, aus der heraus Herder schreibt, beantworten.
Herders Kritik an der Ästhetik ist Wissenschafts-, Philosophiekritik, deren Anlaß die
Kritik der Ästhetik als Disziplin und die Diskussion um ihren Ort innerhalb der Phi­
losophie ist. Im Reisejournal heißt es: "Vorzüglich aber will ich der Sucht der Deut­
schen wiederstehen, aus Nominalerklärungen alles herzuleiten, was folgt und nicht
folgen kann.''217 Der Ausgangspunkt soll die Gewißheit des Gefühls sein: "Ich fühle
mich! Ich binf'218 Die Seinsgewißheit - Gaier spricht, wohl in Anlehnung an Kar! Otto
Apel, vom "Leibapriori"219 - wird entfaltet vom inneren und äußeren Gefühl und aus­
differenziert in Reflexion und Abstraktion: "Die erste Ontologie des Gefühls: von
Seyn, Außer uns seyn, Raum, Zeit, Kraft, Körper u.s.w."220
Herders Verheißung aber ist, daß Fundament und Endpunkt Eins sind - originäre
Aisthesis und höchste Abstraktion sind Ausgangspunkt und Endpunkt der
Philosophie in einem. Anders gesagt: Herders allgemeine Ästhetik ist nicht Teil der
Philosophie im Sinne einer Disziplin, sondern sie ist die onto-gnoseologische Be­
dingung des Philosophierens: "das Höchste der Philosophie ist zugleich das Erste und
bekannt."221

21 6 So häufiger bei Salmony; Philosophie des jungen Herder.


217 SWS IV, S. 445.
21 1 SWS VIII, S. 96 (Zum Sinn des Gefühls).
219 Ulrich Gaier: Der frühe Herder. In: FHA I, S. 817. - Vgl. Karl Otto Apel: Das Leibapriori der
Erkenntnis. Eine Betrachtung im Anschluß an Leiboizens Monadenlehre. In: Archiv für Philosophie.
Bd. 12 (1963), H. 1/2, S. 152-172. Der Ausdruck "Leibapriori" hat, auf Herder bezogen, insofern etwas
Mißliches an sich, als er das Gemeinte erst vor dem Hintergrund der Kritiken Kants erreichen kann.
2211 SWS VIII, 104 (Philosophie des Wahren, Guten und Schönen aus dem Sinne des Gefühls) .
22 1 A.a.O., S. 96 (Zum Sinn des Gefühls).
Herders Auseinandersetzung mit Baumgarten 87

Das ist, auf den ersten Blick sicherlich verwirrend, die Reduktion der Philosophie
durch den Holisten Herder auf die Sinnlichkeit - eine simple Umkehrung des
intellektualistischen Reduktionismus der Schulphilosophie? An den zuletzt zitierten
Satz schließt Herder wie folgt an: "Vom Gefühl aus muß also wie dies so alles
ausgehen und dahin zurückkommen - welche vortrefliche Unternehmung, alle Be­
griffe dahin zu reduciren! zum Gefühl und auf die Sinne."222
Das Paradoxon des 'reduktionistischen Holismus' Herders wird sich lösen in
seinen eigenen Ausführungen zur Ästhetik.

222 Ebd.
III. HERDERS ÄSTHETIK-EN1WURF

"Ich verlange in Allem - Leben, Möglichkeit des Daseins, und


dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob
es häßlich ist, das Gefühl, daß Was geschaffen sey, Leben habe,
stehe über diesen Heiden, und sey das einzige Kriterium in
Kunstsachen."
Georg Büchner 1

Herder hat keine eigenständige Ästhetik geschrieben, wenngleich sein viertes Kriti­
sches Wäldchen in der Forschung häufiger als seine Ästhetik angesprochen worden
ist2• Das vierte Wäldchen steht aber im engen Zusammenhang mit Herders "Plastik"
und den dazugehörigen Studien und Entwürfen, und diese Texte wiederum zeigen
ihr ganzes Profil erst vor dem Hintergrund der Psychologie Herders, wie er sie kon­
zentriert in den drei Fassungen seiner Schrift "Vom Erkennen und Empfinden" vor­
gestellt hat. Die Psychologie wiederum verdankt die Form, die Herder ihr gegeben
hat, der Metaphysik-Kritik, die im frühen "Versuch über das Sein" ersten, tragenden
Ausdruck gefunden hat. Der Aufweis dieser Verflechtungen im Werk Herders macht
die Suche nach einem 'kanonischen' Text dieses Autors zur Ästhetik sinnlos. Nicht
zuletzt dieser Befund war es auch, der in der Forschung immer wieder dazu beige­
tragen hat, das 'Unsystematische' im Werk Herders zu konstatieren, wenn nicht gar
zu beklagen.
Wie aber, so ist nach dem über Herders Auseinandersetzung mit den dominieren­
den philosophischen Paradigmata Gesagten zu fragen, wie soll von Herder, der doch
gerade die vor jeder Erfahrung installierte Systematik als Kardinalfehler der Philo­
sophie kritisierte, ein System einer 'Wissenschaft' zu erwarten sein, deren Grundlage
sich dadurch auszeichnet, daß die etablierte Philosophie ihrer theoretisch nicht hab­
haft zu werden vermag? Eine Wissenschaft, die, im Lichte der universitären Philoso­
phie, als 'Wissenschaft' anerkannt zu werden sich außerordentlich schwertut Eine
Wissenschaft schließlich, die die Qualität des Individuellen statt der Quantifizierbar­
keit des Allgemeinen zu ihrem erklärten Ziel macht. Anders gesagt: Im Verständnis
der damals etablierten Meinung ist Herders Wissenschaft keine Wissenschaft.
Die Konfrontation ist also grundsätzlicher Art: auf der einen Seite die entindivi­
dualisierende Abstraktion der cognitio mathematica als das Ziel philosophischer
Bemühung, auf der anderen die Erfahrung, das Nichtszientifische als Ausgangs- und
( ! ) Endpunkt. Auf der einen Seite die Behauptung, Gewißheit über das Universum
erlangen zu können, indem von der Fülle seiner Elemente zugunsten des Klassifi­
zierbaren abgesehen - abstrahiert - wird, auf der anderen Seite die Überzeugung,

1 Georg Büchner: Lenz. In: G.B.: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Mit
Kommentar hrsg. von Werner R. Lehmann. 1. Bd. München 31979, S. 86.
2 Vgl. Kar[ Widmaier: Die ästhetischen Ansichten Herders in seinem vierten Kritischen Wäldchen
und ihre Herkunft. Phil. Diss. Masch. Tübingen 1924. - Salmony: Die Philosophie des jungen Herder,
S. 145ff. hält neben "Plastik" und "Kalligone" nur noch das vierte Wäldchen für wichtig in bezug auf
Herdcrs Ästhetik-Konzeption.
Herders Ästhetik-Entwurf 89

daß die Relevanz des Willbaren sich am ganzen Menschen und nicht nur an dessen
'oberen' Erkenntnisvermögen bemessen müsse.
Vor allem ein Grund ist wohl anzuführen, um die Schwierigkeiten im Umgang mit
dem 'unsystematischen' und 'poetischen' Philosophen Herder zu erklären. Es ist die­
ser: Herder gehört in der holistischen Ausrichtung seines Denkens wissenschaftsge­
schichtlich zu den 'Verlierern' in dem Sinne, in dem Leo Kreutzer von Goethe als
einem "Verlierer" gesprochen hat.3 Weder Herder noch Goethe, letzterer als Na­
turwissenschaftler, haben sich gegen den quantifizierenden Reduktionismus durch­
setzen können. Die offensichtlichen Erfolge des am Ideal der cognitio mathematica
orientierten Wissenschaftsparadigmas scheinen als solche für sich und gegen eine
Befassung mit - im Sinne der 'Gewinner' - obsoleten Positionen der Philosophie- und
Wissenschaftsgeschichte zu sprechen. Allenfalls eine aus antiquarischem Interesse
gespeiste Beschäftigung mit dieser Vergangenheit mag da konzediert werden für ein
Reservat der Geistesgeschichte, die mit der Archivierung des Vergangenen gerade in
seiner Obsoleszenz den 'Erfolg' der Gegenwart in umso deutlicherem licht aufleuch­
ten lassen könne. So kann das 'dunkle Unwissenschaftliche' allenfalls der Profilie­
rung der in Technologie, Technik, Ökonomie, Medizin und anderen Bereichen ap­
plizierten cognitio mathematica dienen. Nicht nur, daß in dieser Sicht die sogenann­
ten Geisteswissenschaften zu Legitimationswissenschaften marginalisiert werden
sollen und worden sind: es ist auch eine grundfalsche Perspektive.
Die Einsicht, daß die Berechnung der Natur nicht mit ihrer Beherrschbarkeil
gleichzusetzen ist, weil Subjekt und Objekt dieser Operation nicht naiv voneinander
zu trennen sind, war vor der beschleunigten Ausdifferenzierung der Wissenschaften
bei den 'Verlierern' aufgehoben. Heute, in einer kritischen Phase der Ausdifferen­
zierung, kommen in Form von Mahnung und Kritik holistische Überlegungen wieder
zum Zuge - und keineswegs nur aus dem Bereich der Künste und Geisteswis­
senschaften, wo sie immer, mehr oder weniger, Beachtung gefunden hatten. Wenn
Werner Reisenberg der Perspektive - nicht der physikalischen 'Sache' - Goethescher
Naturwissenschaft grundsätzlich Bedenkenswertes - für die Naturwissenschaften -
abgewinnt4; wenn die Atomphysik Kritiker aus den eigenen Reihen am "karte­
sianisch-Newtonschen Denken"5 hervorbringt, die in holistischen Konzeptionen nach
Wegen zur Vermeidung der letalen Folgen der Naturwissenschaften alter Prägung
suchen; wenn - ein drittes Beispiel - in der Evolutionsbiologie mit der Annahme der
Historizität der Erkenntnis als Organ des Menschen Realität als je wahrgenommene,
an die der Wahrnehmende sich adaptiert, aufgefaßt wird, und über die Kritik an
Kant6 Verträglichkeilen zwischen biologischen und im engeren Sinne geisteswissen-

3 Vgl. Leo Kreutzer: Wie herrlich leuchtet uns die Natur? Der Naturwissenschaftler Goethe - Porträt
eines Verlierers (zuerst 1978]. In: L.K.: Mein Gott Goethe. Essays. Reinbek 1980, S. 30-46.
4 Vgl. dazu den wichtigen Aufsatz von Hans Joachim Schrimpf: Über die geschichtliche Bedeutung
von Goethes Newton-Polemik und Romantik-Kritik [zuerst 1963]. In: HJ. Sch.: Der Schriftsteller als
öffentliche Person. Von Lessing bis Hochhuth. Beiträge zur deutschen Literatur. Berlin 1977, S. 126-
143, hier: S. 127, 132, 142.
s Fritjof Capra: Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild (amerik. Orig. 1982]. Bern, München,
Wien 1983, hier: S. 107ff.
6 Vgl. den grundlegenden Aufsatz von Konrad Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte ge­
genwärtiger Biologie. In: Blätter für deutsche Philosophie. Bd. 15 (1941/42), S. 94-125.- Es ist kein Zu­
fall, daß Lorenz der Analogie als Erkenntnisquelle eine große Bedeutung zumißt. Vgl. seinen Vortrag
90 Herders Ästhetik-Entwurf

schaftliehen (Dilthey) Modellen der Realität entdeckt werden7, dann läßt sich die
Aktualität der 'Verlierer' wohl kaum noch leugnen. Herders Ästhetik ist - vor der
Ausdifferenzierung der Wissenschaften - ein historisches Analogon der aktuellen
Holismus-Diskussion, genauer: die Krise, aus der Herder und Goethe als 'Verlierer'
hervorgingen, wird heute als Kritik an den 'Gewinnern' wieder virulent.

A. Zum Konzept der Prägnanz

Herder geht in seinen Überlegungen vom offiziell Ausgegrenzten aus, vom Dunklen,
das für ihn unerschöpflich zu sein scheint. Dieses Dunkle als Datum für sich genom­
men, ist gnoseologisch-systematisch solange von untergeordneter Bedeutung, wie es
nur als Grenzbereich des Erkennbaren benannt wird. Versuche, mit den Mitteln der
durch das Dunkle begrenzten Gnoseologie das Dunkle zumindest metasprachlich
aufzuklären, haben wir im Hinweis Sulzers kennengelernt8, ein Versuch Georg
Friedrich Meiers zu diesem Thema sei nun erwähnt.
In Übereinstimmung mit der Schulphilosophie geht Meier von der Einsicht aus,
daß die dunkle Erkenntnis die erste, grundlegende und notwendige Form der
menschlichen Erkenntnis ist9• In dieser Rolle ist sie es ihm wert, klassifiziert zu
werden, und er unterscheidet drei Arten dunkler Erkenntnis mit je zwei Varianten.
Erstens stellt er die absolut dunkle Erkenntnis der relativen gegenüber. Erstere ist
unter keinen Umständen aufzuklären und kann deshalb nicht wahr sein. Sie ist eine
"Chimäre"10• Die relativ dunkle Erkenntnis ist nur aus Gründen der beschrärtkten
menschlichen Erkenntnisfähigkeit dunkel, sub specie cognitionis dei aber in eine
klare auflösbar und also auch wahr. Meiers Erläuterungen zur relativen Dunkelheit
in der Erkenntnis - "eine Erkentniß, die beziehungsweise dunkel ist"11 - macht noch
einmal deutlich, daß das gnoseologische System als ganzes seine Geschlossenheit
theologischen Annahmen verdankt und ohne Glaubensgewißheit keine Verortung
des anthropologischen Datums der Beschränktheit ermöglicht.
Zweitens unterscheidet Meier eine objektive von einer subjektiven Dunkelheit. Er­
stere liege in den "Sachen selbst"12, nämlich dann, wenn sie in ihren quantitativ-re­
lationalen Merkmalen (zu klein, zu weit entfernt u.a., jeweils in bezug auf das erken-

anläßlich der Entgegennahme des Nobel-Preises: Konrad Z. Lorenz: Analogy as a Source of Know­
ledge. Nobel Lecture, December 12, 1973. In: Les Prix Nobel en 1973. Stockholm 1974, S. 185-195.
7 Vgl. Rupert Riedl: Die Spaltung des Weltbildes. Biologische Grundlagen des Erklärens und Ver­
stehens. Berlin und Hamburg 1985, S. 13, Anm. 2. Eine etwas zaghafte Verbindung zwischen der Äs­
-

thetik des 18. Jahrhunderts (Baumgarten) und der evolutionären Erkenntnistheorie hat Michael Jäger,
vorwiegend an neueren Texten von Konrad Lorenz orientiert, hergestellt. Vgl. Michael Jäger: Die Äs­
thetik als Antwort auf das Kopernikanische Weltbild. Die Beziehungen zwischen den Naturwissen­
schaften und der Ästhetik Alexander Gottlieb Baumgartens und Georg Friedrich Meiers. Hildesheim,
Zürich, New York 1984 ( = Philosophische Texte und Studien. Bd. 10), S. 160-170. Vgl. die kürzlich er­
schienene Dokumentation der Auseinandersetzung um die Fundierung der Erkenntnistheorie: Trans­
zendentale oder Evolutionäre Erkenntnistheorie? Hrsg. von Wilhelm Lütterfelds. Darmstadt 1987.
8 Vgl. oben, S. 25.
9 Vgl. Georg Friedrich Meier: Vernunftlehre. Halle 1752, § 156, S. 186.
10 Ebd.
11 A.a.O., S. 187.
12 Ebd.
Zum Konzept der Prägnanz 91

nende Subjekt) den menschlichen Erkenntnisorganen nicht zugänglich sind. Die


subjektive Dunkelheit dagegen hat ihren Grund in der Beschaffenheit des Erkennt­
nisapparates dessen, "dem die Erkentniß dunkel ist"13• Ersterer ist grundsätzlich
abzuhelfen durch Veränderung des Standpunktes des erkennenden Subjekts, sowie
durch den Einsatz von Instrumenten. Letztere ist nicht veränderbar.
Drittens schließlich meint Meier eine total dunkle von einer partiell dunklen Er­
kenntnis unterscheiden zu müssen. Die total dunkle Erkenntnis ist ein Kuriosum, da
Meier sich außerstande sieht, sie näher zu spezifizieren. So dunkel sei sie, daß kein
Beispiel dafür gegeben werden könne14• Vermuten läßt sich, daß Meier hier, um der
Symmetrie des Systems willen und gegen seine andernorts gegebene Unterscheidung
zwischen dunkler Erkenntnis und Unwissenheit15, die Unwissenheit als total dunkle
Erkenntnis benennt. Es ist eine nominaldefinitorische Falle, in die er hier getappt ist.
Die teilweise dunkle Erkenntnis hingegen ist für Meier, wie wir bereits wissen, als
Normalfall menschlicher Erkenntnis anzusehen16•
Weniger die Tatsache, daß Meier hier gewissermaßen als ein Linne der cognitio
obscura auftritt17, ist interessant, als vielmehr, daß die Dunkelheit ein Problem für
die Gnoseologie geworden ist. Der problematische Status der dunklen Erkenntnis als
anthropologisches Datum ist die Provokation des dominierenden Paradigmas, so daß
die Auseinandersetzung darum in der Tat in kompetitiven Begriffen beschrieben
werden kann. Es ist an der Härte der Auseinandersetzung abzulesen, daß wissen­
schaftsgeschichtlich der Umgang mit dem Dunklen eine Krise bezeichnet, deren Lö­
sung eine bis in die Gegenwart bedeutsame Weichenstellung markiert.
Nun ist das Dunkle der Erkenntnis, wie gesagt, nicht für sich genommen relevant.
Relevanz gewinnt es erst, indem ihm eine neue Funktion, die nicht mehr die der
Grenzbezeichnung menschlicher Erkenntnis ist, zugeschrieben wird. Das Problem
dieser neuen Funktionszuschreibung liegt aber vor allem darin, daß sie keine quanti­
tative Bereicherung des gnoseologischen Paradigmas bewirkt, sondern seine Revi­
sion - eine qualitative Veränderung also - einleitet. Begrifflich wird diese Hürde
deutlich daran, daß die Bezeichnungen der Vorkommensweise des Dunklen nicht
den Status eines - im bestehenden System definierten und damit anerkannten - 'Be­
griffs' haben. Der Weg der Einführung des Dunklen in die Philosophie ist der über
die Metapher, und diejenige zentrale Metapher, mit der Herder den Zugriff auf das
anthropologische Datum des Dunklen sucht, ist die Metapher der Prägnanz.
Um den Rahmen der Anspielungsmöglichkeiten der 'Prägnanz' im 18. Jahrhun­
dert deutlich zu machen, muß daran erinnert werden, daß zu jener Zeit die lateini­
sche Bedeutung des Wortes durchaus noch präsent ist: lateinisch "praegnans" ist auf
deutsch "schwanger". Dasjenige, was im übertragenen Sinne 'prägnant' ist, enthält
1 3 Ebd.
14 Vgl. a.a.O., S. 189.
15 Vgl. oben, S. 42, Anm . 293.
16 Vgl. Meier: Vemunftlehre, § 156, S. 189.
1 7 Meier steht mit seiner Klassifikation des Dunklen zur Gnoseologie der Schulphilosophie in einem
vergleichbaren Verhältnis wie 100 Jahre später Karl Rosenkranz mit seiner "Ästhetik des Hässlichen" zu
Hegels Ästhetik. Wolfhart Henckmann nennt Rosenkranz' Schrift "gleichsam ( ... ) ein Linnbches System
des Häßlichen". Karl Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen. Unveränderter reprograflScher Nachdruck
der Ausgabe Königsberg 1853. Mit einem Vorwort zum Neudruck von Wollbart Henckmann. Darm·
stadt 1973, S. XVII".
92 Herders Ästhetik-Entwurf

Vieles, und dieses Viele kann entwickelt werden. In Ausdrücken wie "be­
deutungsschwanger", "bedeutungsträchtig", "unheilschwanger" ist dieser Bezug bis
heute aufbewahrt 18•
Im Deutschen kommen der 'Prägnanz' im übertragenen Sinne Wörter aus dem
Wortfeld 'Kern' und 'Korn' semantisch nahe: kernig, kernicht, körnicht, körnig1 9• Der
gedrungenen Komplexität des Kerns steht die Weichheit des Fruchtfleisches gegen­
über. Der Kern oder das Korn - ursprünglich: "Samenkorn" - kann aber auch als Nuß,
wie in Harnarms "Aesthetica in nuce" vorkommen. Ihre Attraktivität jedenfalls ver­
dankt diese Metaphorik dem anschaulichen Ausdruck von Inhärenz und Implikation.
Rhetorisch korrespondiert ihr die brevitas, poetologisch korrespondiert ihr die Dar­
stellung des konkret Individuellen, gnoseo/ogisch gesehen ist die Erfahrung der prä­
gnante Ausgangspunkt des Diskurses, um nur einige Funktionen der Prägnanz im
allgemeinen zu nennen. Grundsätzlich aber ist das Merkmal der Reichhaltigkeit in
einfacher Form in zweierlei Hinsicht diskursiv applizierbar. Zum einen ist die Entfal­
tung der Prägnanz die analytische Herausarbeitung all dessen, was in einem prägnan­
ten Phänomen enthalten ist, die Explizitierung eines sprachlichen Ausdrucks20, die
metasprachliche Analyse eines Konzepts, eines komplizierten oder komplexen Sach­
verhalts und ähnliches. Weiterhin ist die Entfaltung der Prägnanz eine Denkfigur für

1 8 Heyse unterscheidet für "prägnant" zwischen 'eigentlicher' und 'uneigentlicher' Bedeutung. Als ei­
gentliche Bedeutung wird "schwanger, trächtig" angegeben, als 'uneigentliche': "voll, strotzend, wichtig,
stark, überwiegend, vielsagend, fruchtbar, gedanken- od. folgenreich, gedankenschwer (z.B. ein solcher
Begriff. )" J.GA. Heyse: Allgemeines Wörterbuch zur Verdeutschung und Erklärung der in unserer
Sprache gebräuchlichen fremden Wörter und Redensarten. [ ... ]. Erster Theil. Oldenburg 1804, S. 212.
19 Adelung erläutert zu "körnig" u.a.: "Ein körniger Vortrag, ein kurzer und dabey lehrreicher und
nachdrücklicher Vortrag. Ein körniger Styl. Ein körniger Gedanke, ein auserlesener nachdrücklicher
Gedanke, welcher nicht allein den Gegenstand vorstellet, sondern auch die Art und Weise, wie er da
ist." Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit
beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Mit D.W. Sol­
tau's Beyträgen, revidirt und berichtiget von Pranz Xaver Schönberger. Zweyter Theil. Wien 1808, Sp.
1725. (Die Definition z.T. in enger Anlehnung an: Einleitung in die Schönen Wissenschaften. Aus dem
Französischen des Herrn Batteux, mit Zusätzen vermehret von Kar! Wilhelm Ramler. 4. Bd. Dritte und
verbesserte Auflage. Leipzig 1769, S. 76.) - Campe verzeichnet für " kernig": "in weiterer uneigentlicher
Bedeutung, vorzüglich, erlesen, kräftig und dabei kurz. Eine kernige Rede. Ein kerniger Spruch, Aus­
druck. Eine kernige Sprache." Joachim Heinrich Campe: Wörterbuch der Deutschen Sprache. Zweiter
Theil. Braunschweig 1808, S. 918a. - Grimms verzeichnen zu "kernicht, kernig" u.a. Luther: " es gehört
zu diser arbeit (der bibelübersetzung [ ... ]) ein recht, fromm herz ... darzu gute und kernige wort." Zu
"körnicht, körnig" u.a.: "gediegen, gehaltvoll, doch auch mit anlehnung an 'korn und schrot' der münzen,
und unter vermischung mit dem naheliegenden kernig, kemhaft" mit Belegen u.a. aus Lessing, Möser,
Herder, J. Paul und Platen. Jakob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 5. Bd. Leipzig 1873, Sp.
609 und 1827. - Trübocr bringt einen treffenden Beleg für "körnicht" im übertragenen Sinne aus Knigges
"Umgang mit Menschen": "'die Kunst, sich bestimmt, fein, richtig, körnigt, nicht weitschweifig
auszudrücken'". Trübners Deutsches Wörterbuch. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für deutsche
Wortforschung hrsg. von Alfred Götze. 4. Bd. Berlin 1943, S. 238a.
"' Brunemeier hat sich mit zwei Aspekten der Prägnanz, der Rätselhaftigkeit und der Vieldeutigkeit,
befaßt. Vgl. Bernd Brunemeier: Vieldeutigkeit und Rätselhaftigkeit. Die semantische Qualität und
Kommunikativitätsfunktion des Kunstwerks in der Poetik und Ästhetik der Goethezeit. Amsterdam
1983 ( Bochumer Arbeiten zur Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 13). - Heinrich Küntzel: Essay
=

und Aufklärung. Zum Ursprung einer originellen deutschen Prosa im 18. Jahrhundert. München 1969
geht in seiner materialreichen Arbeit nur auf den stilgeschichtlichen Aspekt der "Körnigkeit" ein, die er
in Bezug setzt zu bestimmten gesellschaftlichen Idealen und Umgangsformen. Der gnoseologische
Aspekt wird nicht berücksichtigt. Vgl. vor allem den 2. Exkurs, S. 160-168.
Zum Konzept der Prägnanz 93

geschichtliche Prozesse. Das Frühere ist das Prägnante, in dem Gegenwart und Zu­
kunft enthalten sind. Geschichte kann damit als ein Prozeß der Reduktion von Prä­
gnanz gedacht werden. Insofern Herders Konzept des Seins das Datum absoluter
Prägnanz sub specie experientiae ist, ist die Entfaltung von Prägnanz aber zugleich
ihre Potenzierung. Das Konzept der Prägnanz ist also in gnoseologisch-systemati­
scher und in historischer, genauer: in geschichtsphilosophischer Hinsicht von
Bedeutung. - Diese grobe Skizze mag vorerst zureichen, das Folgende einsichtiger zu
machen.
Der konzeptuellen Verwendung der Prägnanz durch Herder ist vorgearbeitet
worden; Leibniz, Baumgarten und Lessing seien als Beispiele, die Herder bekannt
waren, herangezogen.
In der Einleitung zu seinen "Nouveaux Essais" schreibt Leibniz: "On peut meme
dire qu'en consequence de ces petites perceptions le present est gros de l'avenir et
charge du passe, que tout est conspirant (sympnoia panta, comme disoit Hippocrate)
et que dans la moindre des substances, des yeux aussi perc;ans que ceux de Dieu
pourroient Iire toute la suite des choses de l'univers."21
Die Annahme, daß das Universum ein vollständig angefüllter Raum sei, dessen
Elemente in einem geregelten Verhältnis zueinander stehen, bedingt die Schlußfol­
gerung, daß auch der kleinste Teil in bezug auf das Ganze relevant ist, und zwar so,
daß eine Veränderung des Kleinsten das Ganze verändert. Die prä-apperzeptiven
Wahrnehmungen des Menschen enthalten demnach mehr, als dem Bewußtsein zu­
gänglich ist. Da nun das Wesen der Seele in der Produktion von perspektivierten
Vorstellungen besteht, ist das Perzeptionsgefüge in ständigem Wandel begriffen, der
als - je perspektivische - Entfaltung verstanden werden kann. Gott, dem intuitiv das
Ganze des Universums simultan präsent ist, steht außerhalb der Zeit, denn für ihn
gibt es nichts Verborgenes, Inhärentes, was ihm nicht klar und deutlich erkennbar
und bekannt wäre. Die Prägnanz ist also eine an die Zeit gebundene Denkfigur, die
sich deshalb für geschichtsphilosophische Reflexionen und für gnoseologisch-syste­
matische Überlegungen gleichermaßen als geeignet erweist. Der menschliche Er­
kenntnisprozeß kann beschrieben werden als in der Zeit stattfindender Entfaltungs­
prozeß von Prägnanz. Da aber in der menschlichen Erkenntnis immer zumindest ein
Rest an Dunklem enthalten ist, ist die Prägnanz des Prä-Apperzeptiven und Dunklen
ein Konstituens menschlicher Erkenntnisfähigkeit, und deshalb ist, wie gesagt, die
Entfaltung von Prägnanz zugleich deren Potenzierung. Anders gesagt: für Leibniz ist
die Prägnanz in gnoseologischer Hinsicht die objektive Entsprechung des an­
thropologischen Datums der Beschränktheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit
Neben der systematischen Bedeutung hat das Konzept der Prägnanz bei Leibniz
aber auch eine eminent geschichtsphilosophische, denn ein Ereignis, ein Ausdruck
oder eine Vorstellung kann von seinen Implikaten 'entbunden' werden - ein Prozeß,
der in der Zeit abläuft. Geschichte ist in dieser Sichtweise Entbindung von Bedeu­
tung. Bedeutung ist das einem Phänomen inhärente Potential, so daß die Entbindung
eine Aktualisierung ist. Erst diese aber ermöglicht dem Menschen Erfahrung und
Erkenntnis; Geschichte ist insofern das 'Material', das deiktische Phänomenon der
symbolischen Erkenntnis, durch die die Kraft, die Geschichte ermöglicht, andeu-

21
Leibniz: Nouveaux Essais. Preface, G V, S. 48.
94 Herders Ästhetik-Entwurf

tungsweise erkennbar werden kann. Geschichte ist aber auch unerschöpflich, weil die
Entbindung prägnanter Fakta wiederum prägnante Fakta hervorbringt, eine An­
nahme, die in der systematischen Voraussetzung der Beschränktheit menschlicher
Erkenntnis ihren Grund hat. Das im Gegenwärtigen aufgehobene Vergangene ist
(perspektivisch) abgearbeitete Prägnanz, die wiederum Bestandteil der aktualisier­
baren Prägnanz, des Potentials der Zukunft, ist, so daß Geschichte in menschlicher
Sicht ein unabschließbarer Prozeß ist. Wie in der Gnoseologie hebt l.eibniz die Ge­
fahr ungeregelt und womöglich katastrophisch ablaufender Prozesse in der Theodi­
zee-Vorstellung von Kontinuität und allgemeiner Harmonie auf. In der "Theodicee"
heißt es: "C'est une des regles de mon systeme de l'harmonie generale, que le present
est gros de l'avenir, et que celuy qui voit tout, voit dans ce qui est ce qui sera.''22
Baumgarten führt in seiner "Metaphysica" den Terminus "prägnante Vorstellun­
gen" ein: "Quo plures notas perceptio complectitur, hoc est fortior [ ... ]. PERCEP­
TIONES plures [sc. notas] in se continentes PRAEGNANTES vocantur.''23
Er übersetzt den Ausdruck mit "vielsagende Vorstellungen"24• Die 'Stärke', von
der Baumgarten an dieser Stelle spricht, ist durchaus in einem der Politik analogen
Sinne als 'Herrschaft' zu verstehen25• Je nach den Dominanzverhältnissen ist ein
"REGNVM TENEBRARVM" und ein "REGNVM LVCIS"26 zu unterscheiden. Ge­
genstand seiner "Meditationes" war die Aufwertung der cognitio clara et confusa ge­
wesen, die ihre Ausdrucksqualität in der extensiven Klarheit hatte27• Die Anhäufung
sinnlicher Vorstellungen ist der Prozeß der Konkretion des Individuellen in der An­
schauung, so daß die von Baumgarten als besonders poetisch bezeichnete lndividua­
lität28 in der Darstellung immer ein Phänomen der Prägnanz ist. Denn die sinnliche
Vorstellung ist durch den verwo"enen Teil ihrer Merkmale gekennzeichnet. Treffend
schreibt Ursula Franke dazu: "In dieser Bedeutung wird die sensitive Vorstellung,
terminologisch gefaßt als ästhetischer Reichtum (ubertas aesthetica), dann zum Fun­
dament einer ästhetischen Theorie der Kunst, wie Baumgarten sie in der 'Aesthetica'
entfaltet."29 Damit ist von Baumgarten grundsätzlich der Akt der philosophischen
Emanzipation der Prägnanz, sofern sie sinnlich bedingt ist, vollzogen worden - ein
entscheidender Aspekt der Grundlegung seiner philosophischen Ästhetik.
Lessing, mit der Schulphilosophie und mit Baumgarten durchaus vertraut, hat in
seinem "Laokoon" das Konzept der Prägnanz an zwei prominenten Stellen genutzt,
um seiner Unterscheidung zwischen Malerei und Skulptur auf der einen und Poesie
auf der anderen Seite Nachdruck zu verleihen. Malerei und Skulptur sind aufgrund

22 Leibniz: Essais de Theodicee, § 360, G VI, S. 329. Vgl. auch Leibniz: 'Monadologie', § 22, G VI,
-

S. 610.
23 Baumgarten: Metaphysica, § 517.
24 Ebd., Anm. 1.
25 Vgl. ebd., § 516: " ... sociarum perceptionum fortissima REGNAT (dominatur in anima)."
26 "Status animae, in quo perceptiones dominantes obscurae sunt, est REGNVM TENEBRARVM;
in quo clarae regnant, REGNVM LVCIS est." "Regnum tenebrarum" wird mit "das Reich der Finster­
niss [in der Seele]", "regnum lucis" mit "das Reich des Lichtes in der Seele" übersetzt. Metaphysica,
§ 518.
v Vgl. Baumgarten: Meditationes, § 15f.
28 Vgl. a.a.O., § 19.
29 Ursula Franke: Kunst als Erkenntnis, S. 49. - Ebd., Anm. 66, geht Franke auf den Unterschied zwi­
schen Baumgartens "perceptio praegnans" und Kants "ästhetischer Idee" ein.
Zum Konzept der Prägnanz 95

ihrer medialen Bedingungen30 zur Wahl eines bestimmten Zeitpunktes, in dem sich
ihr darzustellender Gegenstand befindet, gezwungen, wenn ihre Objekte das Inter­
esse des Rezipienten wecken sollen. Dieser Zeitpunkt ist der 'prägnante Augenblick'.
Das Anschauen von Kunstwerken soll Aktivität der Phantasie bewirken. Diese findet
aber nur statt, wenn das Dargestellte im Moment derjenigen Bewegung sistiert wird,
der dem Betrachter eine Möglichkeit bietet, das in der Darstellung permanent Ge­
genwärtige in ein Vorher und Nachher einzubetten. Das heißt, die Darstellung von
Extremen und von Endpunkten einer Entwicklung ist zu vermeiden, denn: "dem
Auge das Aeusserste zeigen, heißt der Phantasie die Flügel binden"31•
Da Malerei und Skulptur medial durch Koexistenz bestimmt sind, muß aus dem
Nacheinander, in dem das Darzustellende steht, ein Augenblick in einer Perspektive
dargestellt werden - eben der prägnante Augenblick: " sind [ ... ] ihre [sc. der Malerei]
Werke gemacht, nicht bloß erblickt, sondern betrachtet zu werden, lange und wie­
derhohlter maassen betrachtet zu werden: so ist es gewiß, daß jener einzige Augen­
blick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug
gewählet werden kann. Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungs­
kraft freyes Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu denken kön­
nen. Je mehr wir darzu denken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben."32
Da grundsätzlich die Malerei Körper - verstanden als "Gegenstände, die neben
einander oder deren Theile neben einander existiren" - und die Poesie Handlungen -
verstanden als "Gegenstände, die auf einander, oder deren Theile auf einander fol­
gen"33 - darzustellen geeignet ist, muß die Darstellung von Handlungen in der Male­
rei, "nur andeutungsweise durch Körper"34 geschehen. "Die Mahlerey kann in ihren
coexistirenden Compositionen nur einen einzigen Augenblick der Handlung nutzen,
und muß daher den prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Fol­
gende am begreiflichsten wird."35

30 Vgl. zu "Laokoon" als Entwurf einer Medien-Ästhetik: Karlheinz Stierle: Das bequeme Verhältnis.
Lessings "Laokoon" und die Entdeckung des ästhetischen Mediums. In: Das Laokoon-Projekt. Pläne ei­
ner semiotischen Ästhetik. Hrsg. von Gunter Gebauer [ ... ). Stuttgart 1984, S. 23-58.
3 1 Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie. Mit bey­
läufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte [1766). In: G.E.L.: Sämmtliche
Schriften. Hrsg. von Karl Lachmann. Dritte, aufs neue durchgesehene und vermehrte Auflage besorgt
durch Franz Muncker. 9. Bd. Stuttgart 1893, S. 1-177, hier: S. 19.
32 Ebd. Hervorh. von mir; HA.
33 A.a.O., S. 94f.
34 A.a.O., S. 95. - Laut "Dichtung und Wahrheit" hat Goethe die Übersetzung vom Bild in die sprach­
lich-poetische Darstellung während seines Aufenthalts in Leipzig bei Oeser regelrecht geübt, "indem ich
mir die darauf [sc. auf Kupfern und Zeichnungen) vorgestellten Personen in ihrem vorhergehenden und
nachfolgenden Zustande zu vergegenwärtigen [ ... ) wußte". Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und
Wahrheit. 8. Buch. In: HA 9, S. 313. - In seinem Laokoon-Aufsatz von 1798 geht Goethe auf den prä­
gnanten Augenblick ein, ohne ihn aber mit diesem Wort zu bezeichnen. Mehr als das Faktum der Prä­
gnanz scheint ihn die genaue zeitliche Fixierung interessiert zu haben. Es ist die Rede von einem "vor­
übergehenden Moment", "ein fixierter Blitz, eine Welle, versteinert im Augenblicke, da sie gegen das
Ufer anströmt" und vom Schweben "auf dem Übergange eines Zustandes in den andern." Goethe: Über
Laokoon. In: HA 12, S. 59f. und 62. - Vgl. aber Goethes faszinierende Bestimmung der Euphemismen
als "Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes" (Maximen und Reflexionen, Nr. 1018; zit. nach
Küntzel: Essay und Aufklärung, S. 81) sowie Goethes Charakterisierung des Symbols als "lakonisch" in:
Philostrats Gemählde. Nachträgliches. In: WA 49, I. Abt. Weimar 1898, S. 141.
3S Lessing: Laokoon, S. 95. Hervorh. von mir; HA.
% Herders Ästhetik-Entwurf

Die Forderung nach Prägnanz verdankt sich dem Wirkungsaspekt, unter dem Les­
sing die medial bedingten Gestaltungsmöglichkeiten von darstellenden Künsten und
Poesie sondiert. Die Prägnanz-Forderung gilt auch, wenngleich terminologisch nicht
so gefaßt, für die Poesie. Deren mediale Spezifikation ist die Sukzessivität, so daß in
der Poesie Körper "nur andeutungsweise durch Handlungen"36 dargestellt werden
können. Sinnliche Schönheit etwa wird in der Poesie dargestellt als Reiz, von Lessing
definiert als "Schönheit in Bewegung.'137 Der 'Übertrag', durch den via Handlung
(Sukzession) Körper (Koexistenz) dargestellt werden, ist eine Form der Prägnanz,
insofern nämlich, als die Darstellung von Sukzession Elemente zur Darstellung der
Koexistenz enthält, die in der Rezeption aktualisiert werden können, zum Teil sogar
- da Handlungen an Handlungsträger gebunden sind - aktualisiert werden müssen.
Die Aktivität des Rezipienten von Kunst besteht also in der Entbindung des Dar­
stellungspoteniials - nicht von 'Bedeutung'( ! ) -, und diese Aktivität wird in der Dar­
stellung gefördert durch Reduktion von Explizitheit. Die Forderung nach medialem
aptum und brevitas ist nur folgerichtig: "Hieraus [sc. den Bedingungen der Körper­
darstellung in der Poesie] fließt die Regel von der Einheit der mahlerischen Beywör­
ter, und der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände."38
Die Prägnanz der Koexistenz regt die Vorstellung von Sukzession, die Prägnanz
der Sukzession die Vorstellung von Koexistenz an. Sie ist eine Art Scharnier zwi­
schen diesen beiden medial bedingten Möglichkeiten künstlerischer Darstellung, und
nicht nur das. Es geht Lessing in seinem "Laokoon" ja nicht nur um den Unterschied
von Malerei und Poesie, sondern auch darum, den künstlerischen Diskurs aus hete­
ronomen Bezügen zu lösen. Gegen Winckelmanns ethisches Kriterium zur Beurtei­
lung der Laokoon-Gruppe setzt Lessing ästhetische Kriterien; gegen Adam Smith
wehrt Lessing die Beurteilung von Kunst auf der Grundlage "allgemeiner Gesetze für
unsere Empfindungen"39 ab, das heißt, Lessing verwirft diejenige Kunstbetrachtung,
die das Vorkommen von Kunst spekulativ vorab entworfenen Axiomen anzu­
bequemen versucht - auf Kosten des Charakteristischen des Vorkommenden. Und
gegen die pragmatische Indienstnahme der Kunst für andere Diskurse verwahrt sich
Lessing. Kunst entsteht "um ihrer selbst willen", "freiwillig", und sie 'bedeutet' nichts,
das heißt sie verweist als Zeichen nicht auf etwas außerhalb ihrer selbst40• Innerhalb
dieser Autonomie-Konzeption nimmt die Prägnanz die entscheidende Rolle einer
gnoseologischen Vermittlung ein zwischen Werk und Rezipient: je prägnanter die
Darstellung, desto größer die Gewähr für eine fortschreitende Beschäftigung mit
dem, was dargestellt ist, als solches. Anders gesagt: Ohne Prägnanz gibt es kein "be­
quemes Verhältnis"41 zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem einerseits und
zwischen Dargestelltem und gnoseologischer Disposition des Betrachters anderer­
seits: Die Prägnanz der Darstellung ist somit ein wesentliches Element der Humani­
tät der Kunst.

36 Ebd.
37 A.a.O., S. 130.
38 A.a.O., S. 95.
" A.a.O., S. 29.
40 Vgl. a.a.O., S. 65ff.
4 1 A.a.O., S. 94.
Zum Konzept der Prägnanz 97

Nun ist "Prägnanz" kein Zauberwort, mit dem das 'Unsystematische' in den Schrif­
ten Herders schlagartig zum Verschwinden gebracht würde. Immerhin aber spricht
die Häufigkeit, mit der das Konzept der Prägnanz bei Herder auftaucht, dafür, daß
ihm eine grundlegend strukturierende Funktion zukommt, daß es gewissermaßen
eine metasprachliche Schneise in das 'Dickicht' der Vielfalt Herderscher Interessen
zu legen gestattet. Nicht der Begriff und nicht das Wort "Prägnanz" indes machen
dieses deutlich, sondern das Konzept, das heißt, das als 'prägnant' Begriffene, das
zwar auch als Wort und Begriff, vor allem aber in einer Palette von Metaphern zum
Vorschein kommt. Die Tatsache, daß dem Konzept der Prägnanz sowohl systemati­
sche wie historische Valenz eigen ist, verbreitert zudem seinen Anwendungsbereich
enorm.
Wie wir oben dargelegt haben, ist die Erfahrung des unerweislichen Seins der
onto-gnoseologische Ausgangspunkt Herders. Diese Erfahrung ist subjektiv insofern,
als sie selbst auch der Akt der Subjektkonstitution ist. Jede weitere Erfahrung baut
auf dieser ersten auf, deshalb bezeichnet Herder diese Auslegung des Begriffs des
Seins als "Ursprung" und als (Ariadne-)"Faden"42 im Labyrinth der Welt- und Selbst­
erkenntnis.
Die Erfahrung und Erkenntnis dessen, was real vorkommt, ist dem Menschen
durch seine Sinne zugänglich und durch den inneren Sinn auslegbar. Hier unter­
scheidet Herder mit Baumgarten und Kant scharf. Die sinnliche Erkenntnis ist nicht
die ausschließliche Leistung der Sinne, denn die Sinne selbst trügen nicht, eine sinn­
liche Erkenntnis kann gleichwohl falsch sein. Die Leistung der Sinne besteht in der
spezifischen Aufnahme eines äußeren Anlasses, das heißt, die Perspektivität und je­
weilige Eigentümlichkeit der Sinne reduziert die Gesamtheit der Erscheinungen auf
die Wahrnehmungsanlässe, die als Potential die "Sphäre"43 des Menschen ausma­
chen. Diese Adaptation der Affizierung an die menschlichen Wahrnehmungsmög­
lichkeiten sind die Empfindungen im engeren Sinne: Jede Erkenntnis ist ästhetisch
perspektivierte Erkenntnis. Die Rede vom Trug der Sinne ist nach Herders Auffas­
sung Resultat einer Ungenauigkeit in der Beobachtung des Prozesses der sinnlichen
Erkenntnis. Nicht die Sinne trügen, sondern die Urteile über die Sinnesdaten sind
gelegentlich falsch. Schon in der 'Metaphysik Herder' heißt es: "Unsere Betrüge
kommen also von den übereilten Urteilen da wir Urteile vor Empfindung halten."44
"Empfindung selbst kan [ ... ] nicht falsch seyn: sondern das Urteil . . .'"'5 .
Diese Bemerkungen Herders verdienen eine gerrauere Betrachtung, weil die Art
und Weise, in der Herder in diesem Zusammenhang ästhetische Kritik betreibt,
deutlich macht, daß er seiner Kritik im Rahmen schulphilosophischen Denkens eine
genetisch-anthropologische Spitze gibt. Vermittelt der innere Sinn "unmittelbar und

42 Kant AA 28, 2,1, s. 937.


43 Herder: Zum Sinn des Gefühls. In: Hans Dietrich Irmscher: Aus Herders Nachlaß. In: Euphorion
54 (1960), S. 281-294, Herders Text dort auf S. 286-290, der zitierte Ausdruck auf S. 288. Dieser von
Irmscher nach den Handschriften hrsg. Text stellt die vollständige Version des in SWS VIII, S. 96,
wiedergegebenen Textes dar.
44 Kant AA 28, 2,1, S. 852.
45 A.a.O., S. 852f. - Die beiden letzten Zitate beziehen sich auf die Paragraphen 545f. von Baumgar­
tens "Metaphysica". - Vgl. auch SWS IV, S. 9.
98 Herdcrs Ästhetik-Entwurf

ohne Schlüße und Urtheile'o46 die Gewißheit des Seins des Subjekts, so geben die
äußeren Sinne eine bestimmte Gewißheit davon, "daß Etwas Außer uns sei'147• Die
Existenz der Realität ist verbürgt durch das Datum des empfundenen Eindrucks auf
die äußeren Sinne, das heißt durch die je sinnesspezifischen Vorstellungsarten. Diese
"äußere Gewißheit" ist für Herder in Form "unentbehrlicher Hypothesen'148 gegeben.
Eine andere Gewißheit sei für den Menschen nicht zu haben, "so lange ich Sinn
durch Sinn, Körper durch Körper, ein Aeußers durch ein Aeußers erkennen muß [ ... ] .
E s bleibt dies also ein äußeres Gefühl, und als solches ein erster und wahrer sensus
communis der Menschheit, der nicht durch Schlüße und Urtheile erlangt werden
kann.'149
Nun weiß Herder, daß Sinneswahrnehmung an die Präsenz des Wahrgenomme­
nen gebunden ist und, genaugenommen, nur Wahrnehmung von Einzelobjekten, von
"Inselbegriffen, ohne Ordnung, ohne Zusammenhang"50 ist. Keine Einzelwahrneh­
mung für sich kann Wissen begründen. Herders Erklärung der Wissensgewinnung
folgt der Ordnung der drei Mentaloperationen: Die in der Hinwendung des Sinnes
zu einem Objekt gewonnene Wahrnehmung ist das "Gefühl" oder die "Empfin­
dung"51. Deren Akt der Hinwendung entspricht der attentio. Sein Resultat (appre­
hensio simplex) ist die Vorstufe zur cognitio historica. Schon das Festhalten dieser
Wahrnehmung bedarf über die Sinne hinaus der Hilfe des analogon rationis, etwa
des Gedächtnisses.
Die über die bloße Wahrnehmung hinausgehende Unterscheidung von Elementen
im wahrgenommenen Objekt ist das "Urtheil" (iudicium)52. Sein Resultat ist der
Grundbestand der cognitio philosophica. Die Unterscheidung setzt die Operationen
des Trennens, Verbindens, Erinnerns, Vergleichens und andere voraus.
Die "mindste deutliche Unterscheidung in dem, was erst Urtheil hieß, ist eine
Doppelreflexion der Würkung der Seele und also schon Schluß, schon Vernunft­
schluß"53 - ratiocinatio in der Sprache Wolffs. Ihr Resultat ist die cognitio philoso­
phica, die zur cognitio mathematica werden kann.
Ausdrücklich hält Herder an der schulphilosophischen Unterscheidung dieser drei
Schritte der Erkenntnisgewinnung fest, um mit ihnen eine Kritik des Gefühlsbegriffs
zu führen. Dieses gelingt ihm, indem er den zeitlichen Zusammenhang zwischen den
drei Mentaloperationen auf die Onto- und Phylogenese abbildet.
Herders Schema ist einfach: Im Fühlen des inneren Sinnes konstituiert sich das
Subjekt. - Im Fühlen der äußeren Objekte konstituiert sich für das Subjekt seine -

46 SWS IV, S. 7 (4. Kritisches Wäldchen).


47 Ebd.
48 Ebd. Für Newton galt: "hypotheses non fingo", wobei ihm als Hypothese alles galt, "quicquid ex
phaenomenis non deducitur", und er formulierte die Methode der Experimentalwissenschaften so: "In
häc Philosophiä Propositiones deducuntur ex phaenomenis, & redduntur generales per inductionem."
Isaac Newton: Philosophiae naturalis Principia mathematica. In: I. N.: Opera quae exstant omnia.
Faksimile-Neudruck der Ausgabe von Samuel Horsley, London 1779-1785 in fünf Bänden. Bd. 3. Stutt­
gart-Bad Cannst. 1964, S. 174 (Scholium generale). - Vgl. zu Newton als "Dichter": SWS 8, S. 170 u. 277.
49 SWS IV, S. 7f (4. Kritisches Wäldchen).
.

so A.a.O., S. 8.
SI
Ebd.
52 Ebd.
53 Ebd. Vgl . dazu auch S. 29f.
Zum Konzept der Prägnanz 99

nur aus Einzelwahrnehmungen bestehende - Umwelt. - Im Urteil über die Beschaf­


fenheit des Wahrgenommenen konstituiert sich Erfahrung über die Umwelt. - Im Ur­
teil über das Urteil, das heißt, der bewußten Aneignung der Erfahrung, konstituiert
sich Wissen über das Subjekt und seine Umwelt54•
Herders Kritik des Gefühlsbegriffs geht nun davon aus, daß der genetische Zu­
sammenhang der Wissenskonstitution in Vergessenheit geraten sei und als "Empfin­
dung" und "Gefühl" bezeichnet werde, was schon längst Urteil und daß als "Urteil"
bezeichnet werde, was in Wahrheit Schluß sei. "In der Schnelligkeit und Gewohnheit
urtheilen wir, schliessen wir, und glauben noch unmittelbar zu empfinden: wir lassen
Mittelglieder aus, und der Schluß scheint ein simples Urtheil: wir verdunkeln den
Zusammenhang der Begriffe, und das Urtheil scheint unmittelbare Empfindung."55
Der sensus communis - in der Gnoseologie -, das Gewissen - in der Ethik -, der
Geschmack - in der Ästhetik -: alles "nichts als ein Habituelles Anwenden unsres
Urtheils"56, Sedimente, die "auf dem Grunde unsrer Seele liegen, und falten sich so
nahe an unser Ich, daß wir sie für angebohrne Gefühle halten [ ... ]: sie bleiben immer
der Stamm unsrer Begriffe, stark, kräftig, prägnant, sicher ... "57 Indem er die Ent­
lastung von der unmittelbaren Erfahrung als historisches Phänomen auffaßt, bietet
sich Herder überhaupt erst die Möglichkeit zur Kritik, die erstens in der Historisie­
rung der menschlichen Erkenntnisfertigkeiten im Maßstab der Menschheitsge­
schichte besteht, und zweitens darin, daß er der zeitgenössischen Philosophie vorhält,
sie hypostasiere einen bestimmten historischen Zustand der menschlichen Er­
kenntnisfertigkeiten zu zeitenthobenen Erkenntnisfähigkeiten58• Diese Position
behält Herder bei bis in seine späten Auseinandersetzungen mit den Kritiken Kants.
Da sich die Ästhetik nun mit den sinnlichen Erkenntnissen befaßt, die die "lsten
die klarsten, die lebhaftesten"59 sind, entwirft Herder eine Art Sinnespsychologie, um
das Zustandekommen der sinnlichen Erkenntnis genauer verfolgen zu können, so
daß - der Intention nach - die Ästhetik als "Logic des Gefühls"60 in der Darstellung

54 Obwohl Herder den Sinnen nicht nur rezeptive, sondern auch aktive Qualitäten zuschreibt, läßt
sich von hier aus nicht ohne weiteres eine Verbindung zu Fichtes Wissenschaftslehre ziehen. Herders
Betonung der Erfahrung verbietet dies. - Der Erfahrungsbegriff scheidet Herder auch grundsätzlich von
Schelling. Daß "der Begriff das allein Lebendige in den Dingen [sei . . ], alles andere aber wesenlos und
.

eitler Schatten", die Erscheinung das "Nichtseyende", somit Realität Mangel an Sein sei, ist mit Herders
Begriff des anthropologischen Datums der Aisthesis nicht zu vereinbaren. Gleiches dürfte für das Ver­
hältnis von Kunst und Philosophie gelten, so wie Schelling es sieht: Kunst als immer noch stofflicher
'Reflex des Ideellen', der nur als "Gegenstand eines Wissens", d.h. der Philosophie, das Ideelle zu erfas­
sen gestatte, läuft Herders hoher Bewertung der Erfahrung zuwider. Das Verhältnis Herders zur Ro­
mantik muß, ausgehend von einer Kritik an dem Bild vom 'Irrationalisten' Herder, neu untersucht wer­
den. Vgl. für die Belege aus Schelling: Friedrich WJ.v. Schelling: Ueber das Verhältniß der bildenden
Künste zu der Natur [1807]. In: F.WJ.v.Sch.: Sämmtliche Werke. I. Abt. 7. Bd. Stuttgart und Augsburg
1860, S. 289-329, hier: S. 302 sowie ders.: Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums.
14. Vorlesung. In: A.a.O., 5. Bd. (1859), S. 348.
55 SWS IV, S. 9 (4. Kritisches Wäldchen).
"" A.a.O., S. 11.
� A.a.O., S. 30f.
58 Im vierten Kritischen Wäldchen, dem die vorstehenden Belege entnommen sind, ist dieses ein
zentraler Punkt der Kritik an Riede).
"' Kant AA 28, 1, S. 850.
� Ebd.
100 Herders Ästhetik-Entwurf

des Zusammenhangs von Leib und Seele die holistische Grundlage der Gnoseologie
Herders abgibt61•
Wahrheit ist für Herder "leibhafte Wahrheit"62, Wahrheit nämlich in der den Sin­
nen zugänglichen Erscheinung; Schönheit ist immer Schönheit in der Erscheinung;
Geschichte kommt nicht als solche, sondern als Ereignis vor, und so, wie die Seele
nur in einem Körper vorkommt, kann die Kraft nur in Wirkungen, Phänomena, er­
faßt werden. Die Seele "erzeugt nicht die Welt aus sich heraus, denn diese ist ihr ge­
geben, strömt ihr zu durch Reize und Sinne."63 Deshalb ist aber nicht die "Erfahrung
der eigenen Leiblichkeit als einzig verläßlicher Ursprung der Selbst- und
Welterkenntnis"64 anzusetzen, sondern vor allem anderen die Erfahrung des Seins.
Ebensowenig trifft aber Ungers Behauptung zu, Herder habe versucht, "die Welt von
der Seele des Menschen her zu begreifen"65, was Irmscher mit der Gegenthese kriti­
siert, daß Herder versucht habe, die Welt "von der Erfahrung der eigenen Leiblich­
keit her zu verstehen und damit als ausdruckshaltige Gestalt anzuschauen."66 Aber
auch hier ist einschränkend anzumerken, daß die Erfahrung des Seins von der der
Leiblichkeit zu trennen ist, und Leibhaftigkeit erst da ins Spiel kommt, wo es um die
Aktivität der äußeren Sinne im Verbund mit dem inneren Sinn geht.
Den Sinnen zu trauen und sie als Bedingung der Erfahrung anzuerkennen und zu
untersuchen, das ist Herders anticartesianische These67, die er, wieder und wieder,
vorträgt. Die Aufwertung des Leibes als Element, in dem und mit dem eine Welt der
Erfahrungen überhaupt erst konstituiert wird, die als menschliche Erfahrungswelt
verstehbar ist, erfordert den Gang ins Unbekannte, Abgewertete, Neue. Die Bedeu­
tung, die Herder dem Leib als unerläßlicher Bedingung der Humanität zumißt, er­
fordert am Grunde der Gnoseologie die Substitution der Deutlichkeit durch die
subjektive Gewißheit. In den Fragmenten über die Ode heißt es: "Je mehr sich die
Lehren der ganzen Weltweisheit, der Erfahrung und den subjektiven Begriffen des
Seins nähern: desto gewisser werden sie zwar, aber auch desto unerklärlicher: und
die Unzergliederlichkeit der aesthetischen Grundsätze scheint eben so zu wachsen,
je mehr sie zur Empfindung des Schönen absteigen. Ja weil die Aesthetik überhaupt
sehr nahe mit unserm Busen verwandt ist, da sie sich statt allgemeiner Vernunft­
grundsätze mit den feinsten Erfahrungen der Empfindung beschäftigt: so ist ihr
Knäuel auch schwerer zu entwickeln, als andre mehr angebaute metaphysische Be­
griffe. - Man versteht mich schon, daß ich unter Aesthetik die Metaphysik der schö-
61 Herder behandelt diese Problembereiche nicht in systematischer Reihenfolge. Insofern stellt das
Folgende den Abriß einer Darstellung im systematischen Zusammenhang dar.
62 SWS VIII, S. 84 (Plastik).
"' Heinrich Lehwalder: Herders Lehre vom Empfinden. Versuch einer Interpretation von Herders
Schrift "Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele" und zugleich ein Beitrag zur modernen
Problematik des Empfmdungsbegriffs. Phil. Diss. vervielf. Kiel 1954, S. 80.
64 Hans Dietrich Irmscher: Grundzüge der Hermeneutik Herders. In: Bückeburger Gespräche über
Johann Gottfried Herder 1971 hrsg. von Johann Gottfried Maltusch. Bückeburg 1973 ( Schaumburger
=

Studien. Heft 33), S. 17-57, hier: S. 33.


65 Rudolf Unger: Herder und der Palingenesiegedanke. In: R.U.: Herder, Novalis und Kleist. Studien
über die Entwicklung des Todesproblems in Denken und Dichten vom Sturm und Drang zur Romantik.
Mit einem ungedruckten Briefe Herders. Unveränderter reprografischer Nachdruck der Ausgabe
Frankfurt a.M. 1922. Darmstadt 1968, S. 1-23, hier: S. 4.
06 Irmscher: Hermeneutik Herders, S. 33.
fiT Vgl. Sommer: Geschichte der Psychologie, S. 11, 305 u.ö.
Zum Konzept der Prägnanz 101

nen Künste verstehe, bei der die Baumgartensehe Theorie der schönen WISsenschaf­
ten bloß einen unvollendeten Anhang ausmacht: daß ich das Feld voll Garben meine,
von denen wir kaum wenige Erstlinge haben .. .'<68. Dieses ist der Weg, auf dem Herder
der ganzheitlichen Erfahrung die Geltung eines philosophisch ernstzunehmenden
Erkundungsbereichs verschafft: er setzt neue Relevanzen, indem er die humanspezi­
fischen Bedingungen von Erfahrung voll zur Geltung bringt und ihre Beschaffenheit
als Bedingungen der Präsentation von Affizierung und Modifikation im
Vorkommenden, Erfahrbaren kennenlernen will. Das Konzept der Prägnanz ist da­
bei die gnoseologische Entsprechung des phänomenalistischen Weltzuganges. Kunst
und Literatur sind für Herder aus dieser Sicht heraus prominente Gegenstände der
Betrachtung, weil sie in besonderem Maße die der gnoseologischen Disposition ent­
sprechende menschliche Praxis sind - in besonderem Maße deshalb, weil die Produk­
tion von Kunst und Literatur intentional Adäquanz zwischen Disposition und Objekt
herzustellen versucht. Es muß aber noch einmal hervorgehoben werden, daß
Herders Elemente einer Ästhetik im engeren Sinne kein Refugium darstellen, in
dem verhandelt würde, was in Geschichte, Theologie und anderen Diskursen nicht
verhandelt werden könnte. Sowohl die immer wieder eingeflochtenen Reflexionen
auf die humanspezifischen Bedingungen von Kunst und Literatur in den Schriften zu
ästhetischen Gegenständen im engeren Sinne, wie auch die Reflexionen zu den im
weiteren Sinne ästhetischen Bedingungen von Handlung und Erkenntnis in Schriften
zur Geschichtsphilosophie und anderswo, zeigen das sehr deutlich. Das Objekt der
Ästhetik Herders ist ein grundlegendes interdiskursives Phänomen.
Am Leitfaden des Konzepts der Prägnanz sei dieser Zusammenhang nun in eini­
gen Schriften zur Ästhetik im engeren Sinne aufgezeigt.

B. Haptik und Skulptur, Optik und Malerei

Herder hatte in seiner Auseinandersetzung mit Baumgartens "Aesthetica" festgelegt,


daß in der Ästhetik zwischen subjektiver und objektiver Hinsicht zu unterscheiden
sei. Die 'subjektive' Ästhetik befasse sich mit denjenigen Dispositionen und Fertig­
keiten, die die Aisthesis des Menschen ausmachen. Die 'objektive' Ästhetik befasse
sich mit den Eigenschaften der Dinge, die die Aisthesis als Erfahrung auszulösen ge­
eignet sind69• Insofern die Dinge für die menschliche Erfahrung nur als wahrnehm­
bare gegeben sind, ist die 'objektive' Ästhetik für Herder nicht ohne Bezug auf die
'subjektive' denkbar70• Dementsprechend sind die verschiedenen Künste als medien-

68 FHA I, S. 77f. (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).


fiJ Herders Gebrauch des Begriffs "subjektiv" ist im angesprochenen Text undeutlich. In der Kritik zu
§ 1 der "Aesthetica" nennt er die Ästhetik im subjektiven Sinne "bloß eine Fertigkeit, meine sinnliche Er­
kenntnis zu brauchen [ ... ] eine Kunst", wohingegen die Ästhetik im objektiven Sinne "eine philosophische
Untersuchung", eine "WISsenschaft" sei (FHA I, S. 659). In seinem "Plan zu einer Aesthetik" dagegen
meint 'subjektive' Ästhetik nicht mehr nur die Fertigkeit (habitus), sondern die wissenschaftliche, philo­
sophische Behandlung der menschlichen Fähigkeiten (facultates) und Fertigkeiten (habitus). Vgl. FHA
I, S. 668f. Die 'objektive' Ästhetik befaßt sich nach diesem "Plan" mit dem Vorkommen des Schönen im
Bezug auf die Sinne, von denen hier nur optischer und akustischer Sinn genannt werden, während Tast-,
Geruchs- und Geschmackssinn im 'subjektiven' Teil genannt werden.
'" Vgl. FHA I, S. 669.
102 Herders Ästhetik-Entwurf

und realisationsspezifisch zu unterscheidende Präsentationen im Bezug auf die ihnen


in je besonderer Weise angemessenen Rezeptionsorgane - eben die Sinne(sorgane) ­
zu untersuchen. Der Haptik kommt dabei eine grundlegende Funktion zu.
In seiner Schrift "Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus
Pygmalions bildendem Traume"71 von 1778 äußert Herder sich zusammenhängend
zum Tastsinn, und zwar so, daß er diesem Sinn über die ihm eigentümlichen Bestim­
mungen hinaus noch im Kontrast zum optischen Sinn ein scharfes Profil gibt. Ob­
wohl Herder sich dort mit Diderot, Winckelmann, Mendelssohn, Lessing und ande­
ren auseinandersetzt, hat Haym nur sehr bedingt recht, wenn er diese Schrift als "Sei­
tenstück zu Lessings Laokoon" bezeichnef2• Hatte Lessing die Grenzen von Malerei
und Poesie untersucht, so untersucht Herder nun die Grenzen von Malerei und
Bildhauerei, was als eine Art Ergänzung zum "Laokoon" aufgefaßt werden kann.
Aber Herder bestreitet, daß die Künste ohne Rücksicht auf die für sie je spezifischen
Sinne untersucht und bestimmt werden könnten. Dieses ist der kritische Aspekt des
"Seitenstücks", und es ist bezeichnend für Herder, daß er mit dieser Kritik den Be­
reich der Ästhetik im engeren Sinne verläßt.
Welche Bedeutung Herder dem Tastsinn beigemessen hat, wird aus einem Brief
an Lavater deutlich. Es heißt dort: "Meine Hauptabsicht war dabei [sc. in der "Pla­
stik"] mit, zu zeigen, daß von Menschengestalt und Geistesform in derselben sich
Alles herschreibe, was wir von Schönheit unter Mond und Sonne wißen.'m
Der Sachverhalt, den Herder in seiner "Plastik" darstellt, ist vergleichsweise ein­
fach und in der Forschung mehrfach untersucht worden74• Herder sieht in der Taster­
fahrung den Modus der dem Menschen unmittelbarsten Weltvergegenwärtigung. Der
Kontakt des menschlichen Körpers mit ihm äußerlichen Körpern ist gekennzeichnet
durch die größtmögliche räumliche wie zeitliche Nähe: der Tastsinn gewährleistet
ein Maximum an Authentizität in der Präsenz. Um die nur ihm eigene und die im
Verhältnis zu den anderen Sinnen, insbesondere zum optischen Sinn, grundlegende
Leistung deutlich zu machen, geht Herder auf Schriften und Berichte über Blinde ein
und erstellt so spekulativ eine experimentelle Situation, wie Condillac sie durchge-

71 SWS VIII, S. 1-87; Studien und Entwürfe zur "Plastik" a.a.O., S. 88-115; die sogenannte 'Plastik von
1770' a.a.O., S. 116-163. - Vgl. zu Haptik und Skulptur auch SWS IV, S. 48ff., 62ff., 443ff. u.ö. sowie SWS
XXX I I, S. 23ff.
72 Haym II, S. 69. Vgl. dazu Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 205 .

73 Herder an Lavater, Weimar, Juli 1779. HB 4, S. 97.


74 Vor allem Irmschers Arbeiten sind hier zu nennen. Vgl. auch Paul Chrobok: Die ästhetischen
Grundgedanken von Herders Plastik in ihrem Entwicklungsgange. Phil. Diss. Leipzig. Naumburg a.S.
1906. - Die Arbeit von Bernhard Schweitzer: J.G. Herder "Plastik" und die Entstehung der neueren
Kunstwissenschaft. Eine Einführung und Würdigung. Leipzig 1948 ( Kleine Bücherei zur Geistesge­
=

schichte. Bd. 13.) ist in unserem Zusammenhang unergiebig (vgl. aber Irmschers Einschätzung in Hans
Dietrich Irmscher: Zur Ästhetik des jungen Herder. In: Johann Gottfried Herder. 1744-1803. Hrsg. von
Gerhard Sauder. Harnburg 1987 [ Studien zum 18. Jahrhundert. Bd. 9), S. 43, Anm .. ). Bedingt er­
=

giebig - zu den Vorstufen der "Plastik" von 1778 - ist die Arbeit von Gerhard Küntzel: Job. Gottfr.
Herder zwischen Riga und Bückeburg. Die Aesthetik und Sprachphilosophie der Frühzeit nach ihren
existenziellen Motiven. Reprographischer Nachdruck der Ausgabe Frankfurt/M. 1936 ( Frankfurter
=

Quellen und Forschungen. Heft 10). Hildesheim 1973, inbesondere das 2. Kapitel. Die erzwungene
existenzialphilosophische Perspektive verstellt zum Teil die präzisen Reflexionen des Verfassers. -
Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 201ff. bleibt gegenüber der "Plastik" deshalb in signifikanter
Weise sprachlos, weil er die Sprachphilosophie zum Zentrum seiner Darstellung gemacht hat.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 103

spielt hatte75, in der ein Mensch, insofern er nur Tastender wäre, sich der Welt durch
die sinnliche Erfahrung versichert. Nur der Tastende, so können Herdcrs Ausfüh­
rungen resümiert werden, hat eine authentische Vorstellung von Körpern, der Tast­
sinn ist der Sinn der Dreidimensionalität. Der Begriff des Körpers ist im wörtlichen
Sinn sein Be-greifen, durch das die Eigenschaften der Körper erfahren werden -
"Undurchdringlichkeit, Härte, Weichheit, Glätte, Form, Gestalt, Rundheit"76•
Diese Authentizität der Haptik77 hat, gemessen am schulphilosophischen Stan­
dard, einen hohen Preis, der - und darin besteht das Neue an Herders Auslegung -
von Herder zum Gewinn umgedeutet wird. Die durch den Tastsinn vermittelten Vor­
stellungen sind - erstens - dunkef18. Zweitens ist der Tastsinn in seinem Procedere
langsam .79 Beides sind Qualitäten, die die Schulphilosophie negativ bewertete. Völ­
lige Klarheit und Simultaneität waren die Zielvorstellungen ihrer Gnoseologie.
Herder kehrt die Werthierarchie um. Der Gewinn der Dunkelheit des Tastsinns ist
die Ganzheit der Vorstellung, und der Gewinn des Phlegmas ist die Gründlichkeit.
Das "Gefühl'', wie Herder den Tastsinn in der Regel nennt, ist "der dunkelste, lang­
samste, trägste Sinn. [ . . ] Er [ ... ] fühlt nur, was er fühlt; dies regt seine innere Sympa­
.

thie dunkel aber um so tiefer.''80


Es ist die Gleichartigkeit von fühlendem Subjekt und gefühltem Objekt, die diese
authentische Intimität zustandekommen läßt: Körper fühlt Körper, "leibhafte
Form"8 1, die nur Form ist, insofern sie Leib hat. Das Ertastete kommt aber immer
nur als einzelnes Ganzes konkret vor. Es ist mit allen seinen haptischen Merkmalen
"individuell bedeutend"82, denn die unmittelbare Präsenz als Bedingung der hapti­
schen Vorstellung läßt außer dem aktuell Gefühlten nichts anderes zu. Der haptische
Sinn ist beschränkt, in dieser Beschränkung aber stark konzentriert. Die ertasteten
Dinge ''sind, die sie sind"83•
Spätestens hier wird deutlich, daß Herder nicht in erster Linie an einer Abhand­
lung zur Ästhetik im engeren Sinne gelegen ist, sondern daß seine Ausführungen ein
Beitr:1g zur Gnoseologie der Haptik sind, mit dem Ziel, dem Dunklen zu seinem
Recht zu verhelfen. Die Haptik vermittelt als Modus des Weltzuganges in der au­
thentischen, menschenmöglichen Form eine Vorstellung der ontologischen Grund-

7S Vgl. Condillac [Etienne Bonnot de:) Traite des Sensations [1754). 2• et 3° partie. In: Condill ac:
Oeuvres philosophiques. Texte etabli et presente par Georges Le Roy. Vol. 1. Paris 1947 ( Corpus ge­
=

neral des philosophes fran�s. Auteurs modernes. Tome XXXI II), S. 251-297.
76 SWS VIII, S. 7 (Plastik).
71 Vgl. zum Terminus "Haptik" Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 201f.
78 Vgl. SWS VIII, S. 8, 27, 31, 41, 51, 61, 74 u.ö.
79 Vgl. z.B. a.a.O., S. 8, 67, 76.
'"' A.a.O., S. 31.
8 1 A.a.O., S. 79. - Der unmittelbare Kontext des Ausdrucks macht den biblischen Bezug deutlich. Der
Satz lautet ganz: "Leibhafte Fonn ist der Tempel und Geist die Gottheit, die ihn durchhauchet". Das be­
zieht sich auf Paulus' Briefe an die Korinther, speziell auf die Passagen, wo von dem Verhältnis von
Offenbarung und Auslegung, Körperlichkeit und 'Natürlichkeit' des Menschen und 'Geistlichkeit' Got­
tes die Rede ist. In 1. Kor. 3, 16 heißt es: "WJsset jr nicht/ das jr Gottes tempel seid/ vnd der geist
Gottes in euch wonet?" Zit. nach: D. Martin Luther: Biblia: Das ist: Die gantze Heilige Schrifft/
Deudsch/ Auffs new zugericht. Wittenberg 1545. [Neudruck) Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von
Heinz Blanke. Textredaktion Friedrich Kur. Bd. 3. München 1974, S. 2304.
82 SWS VIII, S. 58.
"' Ebd.
104 Herdcrs Ästhetik-Entwurf

annahrne "quicquid est, illud est", indem das Vorkommen dieser Wahrheit gefühlt
wird: 'quicquid est, illud est ita'. In den Studien und Entwürfen zur "Plastik" schrieb
Herder, daß durch das Fühlen des Körpers zum "Ausdruck kommen muß, daß der
Körper ist, was er ist"84• Nicht, wie Diderot meinte, Symmetrie sei das Kriterium der
Schönheit für das Gefühl, sondern das Gefühl der Allg emessenheit des Fühlens:
"würkliche unmittelbare Bequemlichkeit des Schönen Tastens."85 Und wenige Sätze
weiter spannt Herder den Bogen zu einer Begründung für seine "Ontologie des Ge­
fühls"86: "Alles, was da ist, ist zu Zwecken; so auch der Menschliche Körper [ ... ]. Je­
des Glied ist da zu seinem Zweck: von dem es auch seine Gestalt hernimmt: hats
diese, so ists zu jenem gut, es ist, was es seyn soll: es ist also in seiner Gestalt ange­
nehm. Es ist ein fühlbarer Begriff der Vollkommenheit. "81
Der optische Sinn nun ist gegenüber dem haptischen klarerBB und schneller'l9• Der
optische Sinn, von Herder in der Regel "Gesicht" genannt, erfaßt aber "nicht alles,
arn wenigsten das Gründlichste, Einfachste, Erste." Er "würkt flach, er spielt und glei­
tet auf der Oberfläche", er hat "so Vieles und so Zusammengesetztes vor sich, daß
man mit ihm wohl nie auf den Grund kommen wird". "Das Gesicht ist der künstlich­
ste, Philosophischte [sie] Sinn. Es wird durch die feinsten Uebungen, Schlüße, Ver­
gleichungen gefeilt und berichtigt, es schneidet mit einem Sonnenstrale. Hätten wir
also auch nur aus diesem Sinne eine rechte Phänomenologie des Schönen und Wah­
ren : so hätten wir viel."90 Zu ergänzen ist: wir haben diese Phänomenologie aber
nicht und werden sie aus dem optischen Sinn allein auch nie bekommen, weil er
ohne die Haptik der Erfahrungsgrundlage entbehrt. Jeder optisch wahrgenommene
Körper ist, insofern er als Körper gesehen wird, Resultat einer Entlastungshandlung,
die ohne die vorgängige, haptische Erfahrung der Dreidirnensionalität nicht möglich
wäre. Die Schnelligkeit des plastischen Sehens ist eine Abbreviatur der haptischen
Körpererfahrung, oder, wie Herder diesen Sachverhalt ausdrückt: "das Gesicht [ist]
nur eine verkürzte Formel des Gefühls."91 Diese Abbreviatur verdankt sich der Ge­
wohnheit der Erfahrung, ist eben deshalb nicht authentisch, und so kommt Herder zu
seiner Entgegensetzung von optischem und haptischem Sinn: "Im Gesicht ist Traum,
im Gefühl Wahrheit."92
Es dürfte ohne weiteres deutlich sein, daß Herders Abgrenzung des optischen
Sinnes vorn Tastsinn eine in Absicht, Verfahren und Begriffswahl fast identische
Struktur aufweist wie seine allgerneine Kritik der Philosophie der "Wortwelten", der
er die grundlegende Relevanz der Seinserfahrung entgegengehalten hatte. In seinen
Augen ist nominaldefinitorisch fundiert betriebene Aufklärung eine Verdunklung,
ein Sachverhalt, den die Lichtmetaphorik verschleiert. Eben das Klare, Deutliche
bleibt, weil ihm keine subjektive Erfahrung entspricht, solange bloßes Wortspiel, wie

84 SWS VIII, S. 94 (Über die schöne Kunst des Gefühls).


"" Ebd.
86 A.a.O., S. 104 (Philosophie des Wahren, Guten und Schönen aus dem Sinne des Gefühls).
� A.a.O., S. 94 (Über die schöne Kunst des Gefühls).
11 Vgl. a.a.O., S. 8 (Plastik).
"' Vgl. a.a.O., S. 8, 76.
"" Die letzten Zitate alle a.a.O., S. 11. - Vgl. auch SWS IV, S. 89.
91 SWS VIII, S. 9.
•• A.a.O., S. 9. - Vgl. auch in den Studien und Entwürfen "5. Politik und Naturlehre des Gefühls":
"Die meisten Eigenschaften, die wir sehen, sind verkürzte Gefühle." SWS VIII, S. 98.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 105

die Folie des Hellen gnoseologisch unfaßbar ist. Der Affront, den Herder in mehre­
ren Schriften im Gewande einer im engeren Verstande ästhetischen Abhandlung
formuliert, ist total: der 'philosophischste' Sinn, das Gesicht, kann, für sich genom­
men, nie zur Wahrheit führen. Sein philosophisches Analogon, die nur intellektuali­
stische und rationalistische Aufklärung, ist ''Traum". Der dunkelste Sinn, das Gefühl,
dagegen erlaßt Realität authentisch und begreift Wahrheit. Haptische Obskurität
verwandelt sich so bei Herder zu gnoseologischer Luzidität, intellektualistische Luzi­
dität verwandelt sich in dieser Perspektive zu gnoseologischer Obskurität. Das gno­
seologische Pendant der haptischen Erfahrung ist die cognitio historica, die Herder
drastisch aufwertet. Das gnoseologische Pendant der optischen Erfahrung ist die co­
gnitio philosophica, die Herder problematisiert. Die philosophische Klarheit, die
durch Termini des Gesichtssinnes metaphorisch bezeichnet wird, entlarvt Herder als
Gewohnheit, als Operation mit Begriffen, deren in Vergessenheit geratene Genese
zu einer illegitimen Entgrenzung ihres Anwendungsbereichs geführt hat, mit dem
Resultat einer 'unmenschlichen' Philosophie. Die beiden mentalen Operationen Ur­
teil und Schluß sind für ihn tendenziell rein syntaktische Operationen, vergleichbar
denen der Mathematik, deren methodische Übergriffe in den Bereich des Seins er
vom "Versuch über das Sein" an unter der Anleitung Kants und auch Hamanns im­
mer wieder geißelt. Es ist aber zu beachten, daß nicht der Komplex der Mentalope­
rationen für sich, sondern die mißbräuchliche Verwendung in der Analyse von
Herder kritisiert wird.
Die Frage nun, warum Herder nicht auf der abstrakt gnoseologischen Ebene diese
Diskussionen führt und stattdessen im Bereich der Künste und der Ästhetik seine
Erkenntnisse vorträgt, kann erst - versuchsweise - beantwortet werden nach Darstel­
lung und Überprüfung seiner Aussagen zu diesen Bereichen selbst. Hier sei nur noch
einmal darauf hingewiesen, daß theoretische und in der Regel auch historische Aus­
sagen Herders zu den Künsten einen 'doppelten Boden' haben: sie betreffen die
Künste selbst in ihrer Spezifik, sie sind aber auch gleichzeitig immer zu lesen als
Aussagen, die die Bedingungen der Künste und ihre Leistungen im Gesamtfeld
menschlicher Tätigkeit betreffen.
Lessing hatte in seinem "Laokoon" die Grenzen der Poesie und Malerei aus deren
medialen Bedingungen zu erklären und zu ziehen versucht. Der Rezipient dieser
Künste spielte dabei als Aufnehmender eine Rolle, in dem die Darstellungen gewisse
Aktivitäten auslösen. Herder geht in seiner "Plastik" anders vor. Optischer und hap­
tischer Sinn sind zwar auch rezeptiv tätig, aber insofern Körper nur durch den Tast­
sinn und Flächen durch das Auge erfahrbar sind, werden die Sinne als aktive Kräfte
aufgefaßt: die dreidimensionale Welt existiert nur insofern, als sie be-'griffen', die
Welt als zweidimensionales Bild existiert nur insofern, als sie gesehen wird. Das ist
eine Spezifikation des Phänomenalismus Herders, der vordergründig als Subjek­
tivismus und Psychologismus ausgelegt werden könnte. Da aber diese sinnlichen Be­
dingungen der Erfahrung allen Menschen gemein sind und dementsprechend nie das
'Wesen', das 'Innere', die 'Kraft' der Dinge selbst dem Menschen zugänglich ist, stellt
dieser Phänomenalismus eine Humanisierung der Gnoseologie dar. Jedes Phänome­
non ist eine 'Verhüllung', und diese Verhüllung ist überhaupt erst die Bedingung für
menschliche Wahrnehmung. Das Sein, das "Etwas", ist "die Grundlage alles unseres
106 Herders Ästhetik-Entwurf

Denkens ( ... ] und das Element, mit dem wir umhüllt sind."93 Auf dieser Grundlage
entwirft Herder seine subjektive Gnoseologie. In der "Plastik" ist das Programm
deutlich ausgesprochen: "Da all unsre Begriffe vom Menschen ausgehen oder auf ihn
kommen: so muß nahe diesem Mittelpunkt und der Art, wie er spinnt und würkt, die
Quelle der grösten Irrthümer und der sichtlichsten Wahrheit aufgespürt werden,
oder sie ist nirgend."94
Tastsinn und optischer Sinn unterscheiden sich voneinander und liefern deshalb
verschiedene 'Eindrücke'. Der Tastsinn vermittelt Vorstellungen von Körpern durch
die ertastete Form95• Er erfühlt "Dinge (räumlich] hinter einander" und "in einan­
der''96. Er umfängt die Dinge 'dunkel' und 'ertappt' so die ersten "schweren Begriffe'm.
Seine Wahrheit ist 'leibhaft', sie ist "tastbare Wahrheit"98• Der Modus seiner Wirk­
samkeit ist die Präsenz des Konkreten, Individuellen, und zwar sowohl des Gefühlten
wie des Fühlenden: " ... nur seyn und fühlen : Mensch seyn, blind empfinden, wie die
Seele in jedem Charakter, in jeder Stellung und Leidenschaft in uns würke, und denn
tasten."99
Das "Haben und Halten Einer Sache"100 ist die spezifische Leistung des haptischen
Sinnes. Er ist nicht nur der dunkelste, sondern auch der erste, früheste Sinn, wie in
der Ontogenese als abgekürzter Rekapitulation der Phylogenese zu beobachten
sei101• Er ist der untrüglichste Sinn, weil er der ganzheitliche Sinn ist102, und als
ganzheitlicher ist er perspektivlos. Das Resultat seiner Wahrnehmung ist deshalb
nicht sektoral, sondern total, nicht diese oder jene Seite eines Körpers, sondern der
Körper als Ganzer ist sein Gegenstand103• Dennoch: nur "die Form der Ruhe und
zus amme ngesenkter Vollkommenheit, die Kuge1"104, vermag die Hand ''ganz" und
"auf einmaf' zu fassen. Bei allen anderen "artikulirten Formen und am meisten im
Gefühl eines Menschlichen Körpers" tastet die Hand "gewissermaasse immer unc:nd­
lich"105.
Hier sind wieder Organ des Sinnes und der Sinn selbst zu unterscheiden. Der Pro­
zeß des Fühlens ist unabschließbar, das Ganze der Form setzt sich im Sinn, nicht im
Organ zusamme n. Der 'Eindruck' - die species impressa106 - vermittelt dem Sinn aus

93 FHA I, S. 14.
04 SWS VIII, S. 10. Vgl. Lehwalder: Herders Lehre vom Empfinden, S. 111, zur Transformation der
Objekte in sinnenadäquate Phänomena.
95 Vgl. SWS VIII, S. 6.
96 Ebd., S. 6, 15.
97 A.a.O., S. 8.
98 A.a.O., S. 12.
99 A.a.O., S. 58.
1 00 A.a.O., S. 61.
101 Vgl. a.a.O., S. 62: "Die Natur geht noch immer mit jedem einzelnen Menschen, wie sie mit dem
ganzen Geschlecht ging, vom Fühlen zum Sehen ... ". Diese - nur äußerlich dem Haeckelschen biogeneti­
schen Grundgesetz ähnliche - Annahme gestattet die 'empirische' VeriflZierung in der Gegenwart und
ist eine der Grundlagen der Lebensalteranalogie. Vgl. in diesem Zusammenhang SWS VIII, S. 98f. (Po­
litik und Naturlehre des Gefühls): " ... Völker in ihrer Kindheit sind wie fühlende Kinder."
102 Vgl. a.a.O., S. 67 (Plastik).
ICI3 Vgl. a.a.O., S. 74.
1 04 A.a.O., S. 76.
1 ." Ebd.
1 06 Vgl. oben, S. 20.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 107

"Dunkelheit und Nacht, in der der Sinn tastet, die langsam erfühlte Einheit und Unbe­
zeichnung"107. Herders Phänomenalismus als Folge seiner gnoseologischen Grundop­
tion bleibt somit erhalten. Einem Tastenden bleiben immer noch "Begriffe von der
Oberfläche [ .. ), die nicht ins Innere, ins Wesen der Sache dringen; allein doch, ein
.

Körper ganz von seiner Oberfläche erfasset, und gegentheils ein Körper, nur ganz als
Oberfläche, überweggesehen - ist da nicht noch immer Unterschied gnug?"108
Das Deutliche des haptischen Sinnes ist seine Unmittelbarkeit, und Herder geht
bis zur Vorstellung eines haptischen Modus der Intuition. Das unmittelbare Durch­
schauen (intueri) hat sein haptisches Korrelat im "stillen Durchgefühle"109, der hapti­
schen Intuition.
Den optischen Sinn unterzieht Herder einer kritischen Revision. Die allgemein
anerkannten Leistungen dieses Sinnes, seine positive Bewertung, die sich in der
Lichtmetaphorik in Psychologie und Gnoseologie niedergeschlagen hatte, und damit
die Nähe zwischen Philosophie und optischem Sinn, legten ihm diese Darstellungsart
nahe. Es geht ihm dabei nicht um eine Abwertung dieses Sinnes, sondern darum,
seine Grenzen aufzuzeigen, um auf diesem Wege die in der Lichtmetaphorik zum
Ausdruck kommende Hochschätzung zu relativieren. Auch hier wieder ist deutlich
zu sehen, daß Herders Kritik der Sinne die Herstellung des Bezugs zum ganzen
Menschen beabsichtigt und damit die reduktionistische Philosophie im Visier hat.
Daß, wie oben festgestellt, das 'Gesicht' die Abbreviatur des Gefühls ist, heißt,
daß das optisch Wahrgenommene eine Reduktion ist, die in der Abstraktion besteht.
Die Projektion von Körpern auf die Retina ist eine Reduktion auf zwei Dimensio­
nen. "Fläche", "Gestalten", "Bilder", ein "Nebeneinander', "Figur, Vorderseite"110 sieht
das Auge. Der Eindruck ist zweidimensional, die durch ihn hervorgerufene Vorstel­
lung wird als dreidimensional empfunden. Zum optischen Eindruck kommt also die
simulierte, voraufgegangene haptische Erfahrung hinzu, nicht in jedem Einzelfall -
eben deshalb ist das Auge schneller -, sondern generell als nicht mehr reflektierte
Habitualisierung. Diese "Gewohnheit"111 als solche deutlich zu machen, darin besteht
Herders Versuch, die Sinne voneinander abzugrenzen. Nur durch einen deutlichen
Aufweis der Grenzen, und damit der jeweiligen Spezifik der Sinne, sei nachzuweisen,
daß Sinnestäuschungen in Wahrheit Irrtümer im Urteil über die Sinnesleistungen
seien. Wie in der Philosophie die Erkenntnis der Sachen - Data und Fakta -
tendenziell durch Operationen über Wörtern und mathematischen Zeichen substi­
tuiert worden sei, so habe der optische Sinn in seiner Leichtigkeit und Schnelligkeit
die Erfahrung des Gefühls verdrängt. "Das Auge ist uns Hand geworden.''112 Philo­
sophie, die diesen Sachverhalt aus dem Blick verliert, ist metaphorische Philosophie,
die die Erfahrung, ohne Reflexion auf ihre Bedingungen in Zeichen 'überträgt' und

1 07 SWS VIII, S. 76. Vgl. zur "Unbezeichnung" der Schönheit, "das ist, deren Formen weder durch
Punkte, noch durch Linien beschrieben werden, als die allein die Schönheit bilden": Johann Joachim
Winckelmann: Geschichte der Kunst des Altertums (1764). Unveränderter reprografischer Nachdruck
der Ausgabe Wien 1934 ( . . ). Darmstadt 1982, S. 150.
.

1 08 SWS VIII, S. 121 (sog. 'Plastik von 1770').


1 09 A.a.O., S. 61 (Plastik).
11 0 A.a.O., S. 6.
11 1 A.a.O., S. 119, 123 u.ö. (sog. 'Plastik von 1770').
11 2 A.a.O., S. 100 (Vom Gefühl des Schönen und Psychologie überhaupt).
108 Herders Ästhetik-Entwurf

den Konnex der Sinne im ganzen Menschen unterschlägt. Nicht Versinnlichung im


Bild ist die Bedingung dieser Metaphoni, sondern Abstraktion, Absehen von den
Sinnen.
Das Resultat der Tätigkeit des optischen Sinnes ist die Idee, der Leibniz als sol­
cher Wahrheit zugesprochen hatte113• Nicht so Herder. Da dem optischen Sinn ohne
die vorgängigen Erfahrungen des haptischen die Grundlage zur Wahr­
heitsüberprüfung fehlt, der optische Sinn also gewissermaßen parasitär fungiert, ist
eine Idee nichts ohne Begriff im konkreten Sinne der Haptik. Nur im Zusammen­
spiel der Sinne kann Wahrheit erkannt werden.
Auch in diesem Zusammenhang unterläßt Herder nicht, Kritik und Scheidung der
Sinne mit seiner Kritik der Philosophie in Verbindung zu bringen: Ohne den Sinn
des Gefühls - "was sind die übrigen? Nichts. Also auch Nichts alle Ideen: sie sind was
sie uns sind, verworrenes, plauderhaftes Chaos. 0 komme ein Sokrates, der unsre
Weltweisheit auf uns zurückrichte, auf unser Gefühl! Welch Chaos werden wir fin­
den."114
Das System der nominaldefinitorisch fundierten und mathematisch ausgerichteten
Aufklärungsphilosophie bleibt in Herders Sicht solange Chaos, wie es nicht zu den
Sinnen als den Bedingungen von Erfahrung 'zurückgeführt'115 wird.
Die Terminologie ist reich an Anspielungen, die sich aus dem Zusammenhang ei­
ner Ästhetik im engeren Sinne nicht erschließen lassen. Die abstrakten "Ideen" sind
für "uns" "Nichts", das heißt den menschlichen Sinnen nicht Faßbares. Dennoch sind
sie Etwas: ''verworrenes, plauderhaftes Chaos". Das ist mehr als blumige Rede, es ist
eine präzise, polemische Kontrafaktur zur gnoseologischen Terminologie, was in ei­
ner Rückübersetzung116 deutlich wird. "Verworren" ist "confusa", "plauderhaft" ist,
nicht auf den ersten Blick erkenntlich, "praegnans", und "Chaos" ist "obscuritas" - jetzt
aber alles im polemischen, gewissermaßen umgangssprachlichen Sinne. Von der
Gnoseologie der Aisthesis her gesehen ist die Klarheit und Wahrheit der abstrakten
Ideen pure Behauptung, undeutliche Geschwätzigkeit, "Labyrinth und Vernunft­
gewäsche"117. Was den Ausdruck "plauderhaft" angeht, so sei daran erinnert, daß
Baumgatten "praegnans" mit ''vielsagend" übersetzte, was Herder hier polemisch vom
implizit Vielsagenden zum explizit viel Gesagten umwendet. Ebenso wird "confusa"
als das Enthaltene, nicht intellektuell strukturierte Viele hier bei Herder zum Expli­
zitierten, sinnlich - und damit für die Erfahrung - Leeren. Schließlich wird das
fruchtbare "Chaos" des gnoseologisch Dunklen118 zum offenbaren Durcheinander der
Abstraktion, deren erklärtes Ziel doch die Herstellung von Ordnung gewesen war.
Wenn nun ein Sokrates - des 18. Jahrhunderts - die Philosophie in diesem Sinne vom

113
Vgl. oben, S. 7.
1 14
A.a.O., S. 102f. Vgl. auch S. 96, 97, 104, 113.
1 15
Vgl. zum "Zurückführen" - reductio - unten S. 144.
1 16
Daß Herder die "Deutsche Wiedergabe" der lateinischen Terminologie der Schulphilosopie an­
strebe, darauf verweist in anderem Zusammenhang auch G. Küntzel: Herder zwischen Riga und Bücke­
burg, S. 21. - Vgl. zum "Chaos" auch SWS IV, S. 54ff.
1 17
SWS VIII, S. 71 (Plastik).
118
Bei Meier hieß es: "Die dunkele Erkentniß ist das Chaos in der Seele, der rohe Klumpen Materie,
den die schöpferische Kraft der Seele bearbeitet, und aus welchem sie nach und nach alle klare Erkent­
niß zusammensetzt." G.F. Meier: Vernunftlehre, § 159, S. 195.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 109

Himmel auf die Erde zurückgeholt haben wird119, dann erst ist die Basis zu einer
neuen, 'menschlichen' Philosophie gegeben. Das "Chaos", welches die auf die Grund­
lage der Sinnlichkeit gestellte Philosophie dann vorfinden wird, ist zweideutig: einer­
seits das Chaos der Abstraktion, das die neue Philosophie beseitigen wird; anderer­
seits das fruchtbare Chaos der Prägnanz der Phänomena, das als Feld menschlicher
Erfahrung einzig Interesse beanspruchen kann. Pathetisch überhöht Herder seine
Kritik, indem er die Vernachlässigung des Gefühls als "Hochverrath [ . .. ] gegen den
Schöpfer" und als "Hochverrath gegen die Natur und Verderben von Grund aus"120
bezeichnet.
Haptischer und optischer Sinn fa�;onnieren in je eigener Weise die Sphäre der
menschlichen Erfahrung und Erkenntnis, sie bestimmen aber auch die Tätigkeit des
Menschen. Wie das geschieht, wird in exemplarischer Weise deutlich an den durch
diese Sinne bestimmten Künsten. Die Kunst des haptischen Sinnes ist die Bildhaue­
rei, die Kunst des optischen Sinnes ist die Malerei.
Kurz, um den "subjektiven Grenzstein"121 beider Künste schärfer zu markieren,
zieht Herder noch den Gehörsinn heran. Der Sinn für Flächen - "Theile neben ein­
ander" sei der Gesichtssinn. Der Sinn für Töne - ''Theile nach einander' sei der
- -

Gehörsinn, und der Sinn für Körper - "Theile in- neben- beieinander'122 - sei der Tast­
sinn. Sind die Sinnesobjekte schön gestaltet, dann sind die für sie konstitutiven Sinne
"drei Sinne für drei Gattungen der Schönheit".123 Die Grenzen der ihnen angemesse­
nen Künste seien, weil im Sensorium des Menschen verankert, keine Konventionen,
die willkürlich geregelt werden könnten, sondern "Grenzen, die ihnen die Natur an­
wies"124.
Die Skulptur nun ist solider125 Körper, der "für sich da steht", "in ihr ist Eins Alles
und Alles nur Eins."11.6 Das Körperliche ist zwar notwendige, aber nicht zureichende
Bedingung der Skulptur als Kunstwerk. Sie ist mehr als nur Masse, sie ist beseelter
Körper. Die Masse ist das Phänomenon der Bedingung ihrer Form. Stellt sie sich so
dar, dann ist sie wahr127• Sie ist "ganz Darstellung", ''gegenwärtig"128 und, weil die "Welt

1 19
Vgl. zu Sokrates, der laut Ciceros Formulierung die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt
habe, auch: FHA I, S. 692f.: Sokrates (und Plato) hätten die Philosophie "in der Sphäre der Bemerkung''
gehalten. Auch dieses 'Zurückholen' ist eine Form der reductio (vgl. unten, S. 144f.).
120
SWS VIII, S. 102 (Vom Gefühl des Schönen und Psychologie überhaupt). Diese aus den Studien
und Entwürfen herbeigezogenen Stellen mögen noch auf Hamann verweisen, der die "Kammerherren
mit dem gnostischen Schlüssel" der "mordlügnerischen Philosophie" zeiht, die durch den "unnatürlichen
Gebrauch der Abstractionen" vergessen lassen haben, daß "Jeder Eindruck der Natur in dem Menschen
( ... ) nicht nur ein Andenken, sondern ein Unterpfand der Grundwahrheit [ist): Wer der HERR ist". Jo·
hann Georg Hamann: Aesthetica in nuce. (1762). Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose. In: J.G.H.:
Sämtliche Werke. II. Bd. Hrsg. von Josef Nadler. Wien 1950, S. 195-217, hier: S. 207 und 206.
121
A.a.O., S. 15 (Plastik). - Schon in der Kritik der "Aesthetica" hieß es: "Man sollte Gränzsteine set-
zen: und hieraus Gesichtspunkte zu Wahrheit Empfindung und Entschluß nehmen FHA I, S. 675.
... " .
122
Die Definitionen alle a.a.O., S. 15.
1 23
Ebd.
1 24
A.a.O., S. 16. - Vgl. zur Musik SWS IV, S. 90ff. sowie Walter Wiora: Herders Ideen zur Ge­
·

schichte der Musik. In: Im Geiste Herders. Gesammelte Aufsätze zum 150. Todestage J.G. Herders
hrsg. von Erich Keyser. Kitzingen 1953 ( Marburger Ostforschungen. Bd. I), S. 73-128.
=
125
"Scu/pturae sunt repraesentationes compositi in solido" definierte Wolff in seiner Psychologia ra­
tionalis, § 89.
126
SWS VIII, S. 17 (Plastik). Vgl. auch S. 85.
m Vgl. a.a.O., S. 17. Vgl. zum Verhältnis schön - wahr: unten, S. 112.
110 Herders Ästhetik-Entwurf

eines Fühlenden [ ... ] eine Welt der unmittelbaren Gegenwart [ ... ]. Im eigentlichen
Verstande sinnlich"129 ist, ist sie diejenige Kunst, in der Genuß und Erkenntnis
gleichsam ineins fallen. Körper nimmt Körper körperlich wahr und vermittelt im Akt
der haptischen Wahrnehmung die Bedingung der Form des Ertasteten mit der Be­
dingung des haptischen Sinnes. Beide Bedingungen nennt Herder 'Kraft', 'Seele'130•
Die ins Sinnliche transponierte, erste mentale Operation, die simplex apprehensio
und nur sie, ist in diesem Akt tätig, und die durch die Präsenz bedingte Ausschließ­
lichkeit des Tastens - ohne Urteil (iudicium) und Schluß (ratiocinatio) - läßt den Akt
des Fühlens als den der Subjekt- und Objektkonstitution zugleich erscheinen. Dieses
Mal freilich nicht durch den inneren Sinn131, sondern durch den äußeren, haptischen
Sinn. Herders "Ich fühle mich! Ich binf'132 besagt auch, daß das Fühlen des Anderen
das Fühlen des Fühlens ist. Deshalb kann er sagen, daß "eine Bildsäule mich umfas­
sen" kann.l33•
"Stumm", "unbegreiflich" unbegrifflich geht der Eindruck von der Skulptur "in uns
hinüber: wir werden mit der Statue gleichsam verkörpert oder diese mit uns besee··
let."134 Die Kommunikation zwischen Skulptur und Fühlendem findet ohne vermit­
telnde Zeichen statt, sie ist ''Theilnehmung", "sympathetisch"135, still und deshalb für
Herder ursprünglich, dunkel und in hohem Grade prägnant. Der "Körper", so schrieb
Herder 1774, ist ''Analogon, Spiegel, ausgedrücktes Bild der Seele", und seine Empfin­
dungen sind das "Phänomenon des Erkennens, die anschaubare Forme� worin die
Seele den Gedanken siebet." Jeder Sinn ist "ein Organ, der Seele Empfindung und
unter der Hülle derselben Erkenntniß zu geben."136 Und: "alle Vorstellungen, selbst
die dunkelsten, sind prägnant von Wahrheit im Schoosse der Empfindung"137•
Da nun jeder Sinn seine "Sphäre"138 hat, die Sphäre des haptischen Sinnes die der
Körper und im Bereich der Kunst die der schönen Körper ist, ist die sprachlos sinnli­
che Kommunikation zwischen Skulptur und Tastendem Erkenntnis in dunkelster
Form, Genuß.
Mit Lessing bestimmt Herder die prägnante Form als die Schönheit der Plastik,
die als Tendenz zur Vollkommenheit zwischen den Extremen der "Nothdurft" und
der "Vol/kommenheit"139 die Mitte hält. Anders als Lessing wendet Herder die Be-

1 21 SWS VIII, S. 17 (Plastik).


1 29 A.a.O., S. 96 (Zum Sinn des Gefühls).
1 30 Vgl. a.a.O., S. 79 und 60.
1 3 1 Vgl. oben, S. 66f.
1 32 SWS VIII, S. 96 (Zum Sinn des Gefühls). - Vgl. auch Kant in seinen "Träumen eines Geisterse-
hers": "Wo ich empfmde, da bin ich." Kant AA II, S. 324.
1 33 SWS VIII, S. 17 (Plastik). Hervorh. von mir; HA.
134 A.a.O., S. 60. Vgl. auch FHA I, S. 66 ("der wahrhafte Affekt ist stumm").
1 33 SWS VIII, S. 60.
1 36 SWS VIII, S. 239 (Uebers Erkennen und Empfinden. 1774).
1 37 A.a.O., S. 242.
1 38 Ebd. - Der Mensch "empfindet nur im beständigen Horiwm seines Körpers", schreibt Herder 1774
(SWS VIII, S. 251), womit er die von Leibniz über Baumgarten via Kant vermittelte und dann selbst - im
weiteren Sinne - ästhetisch ausgelegte Perspektivik (pro positu corporis) sich aneignet. Vgl. dazu auch
Irmscher: Funktion der Analogie, S. 85f.
1 39 SWS VIII, S. 66 (Plastik).
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 111

stimmung, daß "Reiz nichts als Schöne in Bewegung"140 sei, direkt auf die Skulptur an,
wenngleich er darin doch ziemlich vage bleibt.
Recht detailliert geht Herder auf einzelne Darstellungsprobleme der Bildhauerei
ein, die wir hier nur streifen können. Die Darstellung von Körpern, und insbesondere
die von menschlichen Körpern, verbietet die Verhüllung, gestattet aber die Beklei­
dung, die den Körper als solchen betont, die sogenannten "nassen Gewänder''141•
Herder kommt hier, in Auseinandersetzung mit Winckelmann142, in gewisse Schwie­
rigkeiten mit seinem Versuch, die Bildhauerei nur aus dem haptischen Sinn erklären
zu wollen. Zwar verbietet er sich explizit, von durchscheinenden Gewändern zu spre­
chen, muß aber dennoch den optischen Sinn zur Begründung des Gewands, das "nur
gleichsam ein Kleid sei"143, bemühen. "Ist nur der tastende Finger betrogen, daß er
Gewand und zugleich Körper taste; derfremde Richter, das Auge muB folgen ."144
"Mechanisch, wie geistig", so behauptet Herder an anderer Stelle, sei für einen Ta­
stenden "ein schreiender Mund [ ... ] eine Höle, das Lachen der Wange eine Runzel",
und beides empfinde er als häßliches ''Abweichen von aller schönen Form".145 "Me­
chanisch", als reines Procedere des Sinnesorgans ist aber Häßliches nicht zu erfassen,
weshalb Herder auch die Platonische Vorstellung von der Erinnerung an die Idee
der Schönheit zu Hilfe nehmen muß146, um seine Apologie der Haptik in vollem Um­
fang durchsetzen zu können. Wenn aber Lachfältchen als Abweichung begriffen
werden, dann ist dem haptischen Sinn erst recht jede Form von in Stein gehauenem
Gewand, vorausgesetzt, daß der Körper das "Hauptwerk" sein soll, mindestens eine
Störung. Die Erhöhung des Reizes durch die Verhüllung kommt ohne den optischen
Sinn nicht zur Geltung.
Es besteht kein Anlaß, an dieser Stelle mit Haym psychologisierend Herder man­
gelnde Begabung für die Beurteilung von Skulpturen zu unterstellen147, festzustellen
ist nur, daß Herder theoretische Probleme hat, einige Elemente der Bildhauerei ri­
goros dem Tastsinn zuzuordnen. Winckelmann hatte - als Kunsthistoriker und
Kunstwissenschaftler - eine historische Erklärung der 'nassen Gewänder' geliefert148•
Für Herder ist das Ziel seiner Schrift, eine Gnoseologie der Haptik mit Beispielen
vorzustellen. Winckelmann wollte den "Versuch eines Lehrgebäudes" der Kunst149,
ausgehend von Kunstwerken, liefern. Herder will aus den Sinnen des Menschen ein
Lehrgebäude der Kunst und darüber hinaus eine die 'Sphäre des Menschen' begrün­
dende, allgemeine Ästhetik aufstellen. Die an dieser Stelle mißlungene Trennung
der Sinne verweist auf seine übergeordnete These, daß die im Menschen wirkende
Kraft nur Eins ist und daß der Synästhesie eine besondere Bedeutung zukommt.
Sind die Formen die Sphäre des haptischen Sinnes, so ist die Skulptur als schöne
Form der Beleg dafür, daß es einen der Haptik eigenen Schönheitsbegriff gebe. Und,

140 Ebd.
14 1 A.a.O., S. 22.
1 42 Vgl. Johann Joachim Winckelmann: Geschichte der Kunst, S. 188f.
0
1 SWS VIII, S. 23.
144 A.a.O., S. 22.
1 45 A.a.O., S. 66.
146 Vgl. a.a.O., S. 96.
1 47 Vgl. Haym II, S. 70.
148 Vgl. Winckelmann: Geschichte der Kunst, S. 188f.
149 A.a.O., S. 9.
112 Herders Ästhetik-Entwurf

weil der haptische Sinn der erste, den anderen zugrundeliegende ist, muß auch dieser
Schönheitsbegriff für die anderen Sinne und Künste in gewisser Weise grundlegend
sein. Nebenher kritisiert Herder deshalb Versuche, Schönheit abstrakt bestimmen zu
wollen. So sei Hogarths Schönheitslinie ein Abstraktum, das an ein körperliches "Et­
was" gebunden sei. Jeder gezeichnete Körper müsse aus der Zweidimensionalität in
die Dreidimensionalität zurückgeführt werden, wenn nicht der Eindruck, daß nur ein
"gezeichnetes Nichts"150 vorliege, entstehen soll. Hogarths Karikaturen weiß Herder
freilich zu schätzen, aus Gründen, die gerade nicht in der Ästhetik im engeren Sinne
zu suchen sind. Zwar nennt er sie häßlich, "aber voll Charakter, Leidenschaft, Leben,
Wahrheit"151• Das beweist für Herder die Bedeutungslosigkeit von Konstrukten wie
der Schönheitslinie und belegt, "daß alle Umrisse und Linien in der Mahlerei von
Körper und lebendigem Leben abhangen."152
Das Hohelied Salomonis ist Herders Leitfaden zur Charakterisierung des mensch­
lichen Körpers153, von Kopf bis Fuß154. Es ist aber keine anatomische155 Beschrei­
bung, auch keine physiognomische, sondern der Versuch, anhand des menschlichen
Körpers Schönheit als metonymisch erfaßbares Vorkommen der Schöpfung als gan­
zer zu verstehen. Der "kleine Mensch [ist] Begrif und Auszug der großen Schöp­
fung"156, und sein Gesicht ist wiederum ein "Auszug"157 des Menschen. Das Schöne
des menschlichen Körpers ist im gefühlten Genuß die Erfahrung eines konkreten
metaphysischen Analogons. Das "Schöne als Phänomenon [ ... ] ist Nichts als Phäno­
menon des Wahren"158• Die Bedeutung des Phänomenons verschwindet aber nicht
hinter seinem Verweischarakter, im Gegenteil: die Erscheinung ist das einzig verläß­
liche Datum der Schönheit für den Menschen, wie die 'Umhüllung' des Seins die
gnoseologisch dunkle Garantie für seine Subjektkonstitution ist. Herder dringt hier
zu einem Zeichenbegriff vor, der von einer bestechenden Modernität ist. "So wie [ ... ]
die Musik aus Vibrationen wird nicht aber besteht: so auch fühlbare Schönheit aus
-

150
SWS VIII, S. 40 (Plastik).
151
A.a.O., S. 39. - Über den in engerem Sinne ästhetischen Kriterien rangieren also solche der Le­
bendigkeit, d.h. - abgekürzt - der prägnanten Form. Vgl. zu Herder und Hogarth: Günter und Ingrid
Oesterle: "Gegenfüssler des Ideals" - Prozeßgestalt der Kunst - "Memoire processive" der Geschichte.
Zur ästhetischen Fragwürdigkeit von Karikatur seit dem 18. Jahrhundert. In: "Nervöse Auffangsorgane
des inneren und äußeren Lebens". Karikaturen. Hrsg. von Klaus Herding und Gunter Otto. Gießen
1980, s. 87-130.
152
SWS VIII, S. 39f. (Plastik). - Im vierten Kritischen Wäldchen hatte Herder die Schönheitslinie als
Resultat der haptischen Wahrnehmung der Plastik verteidigt gegen das flächenhafte Sehen, das nur zu
einer Annäherung führen könne. Vgl. SWS IV, S. 63ff.
153
Vgl. Das Hohelied Salomonis, 4ff. - Im gleichen Jahr wie die "Plastik", 1778, erschienen Herders
"Lieder der Liebe" (vgl. SWS VIII, S. 485-588. Vgl. auch den nach dem Erstdruck veranstalteten Neu­
druck: Lieder der Liebe. Die ältesten und schönsten aus Morgenlande. Nebst vierundvierzig alten Min­
neliedern. Hrsg. von Johann Gottfried Herder. Nördlingen 1987 [ Greno 10/20. Bd. 14)). - Herders
=

Beschäftigung mit dem Text geht bis ins Jahr 1772 zurück, läuft also auch parallel mit seinen Überle­
gungen zur "Plastik", zu denen die Studien und Entwürfe auf die Rigaer Zeit (1764-1769) und den Paris­
Aufenthalt 1769 zurückgehen (vgl. Redliebs Vorbericht zu SWS VIII, S. Xf. sowie Haym II, S. 83-88 und
Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 200) .
154
Vgl. SWS VIII, S. 42-55 (Plastik).
155
Vgl. a.a.O., S. 112 (Phänomene des Wahren und Schönen).
156
A.a.O., S. 42 (Plastik).
157
A.a.O., S. 51.
158 A.a.O., S. 112 (Phänomene des Wahren und Schönen).
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 113

Äußerungen von Seelenkräften durch den Bau des Körpers. Die Aesthetik also Phy­
siologie und Psychologie; nicht aber Anatomie. Wir stellen uns in der Schönheit eine
Menge Kräfte, die nicht schön sind, auf eine Art vor, daß sie uns Lust bringen."159
Physikalische Schwingungen allein sind noch keine Musik, sie sind aber deren un­
erläßliche Bedingung. Behauener Stein ist noch keine Skulptur, die Bearbeitung des
Steines ist aber deren Bedingung. Gegliedertes - artikuliertes - Material wird nach
Herder erst dann als schön empfunden, wenn die sinnliche Erfahrung der Artikula­
tion die sympathetische Erfahrung von Leben erregt. Nicht Erkenntnis als Resultat
einer diskursiv-rationalen Analyse ist hier gemeint, sondern die lustvolle und 'dunkle'
Erfahrung "formenschwangrer Gefühle"160• Es ist die Artikulation des Materials, die
durch die äußeren Sinne erfahren wird, und deren Erfahrung wird in die Artikulation
des 'Materials' des inneren und äußeren Sinnes transformiert.
Dieses 'Material' des inneren Sinnes faßt Herder immer wieder in einem von
Leibniz entliehenen Bild des Meeres161• Nur in einem Körper vermag die menschli­
che Seele durch die Sinne ihre Beschränkung zu kompensieren. Die Sinne liefern die
durch sie je eigentümlich fa<_<onnierten Reize, die, wie Herder für Optik und Akustik
anführt, "das wartende Meer desselben [sc. des "Himmels von Gedanken und Kräf­
ten" der Seele] wunderbar durchweben, es erheben, scheiden und theilen"162• Der Akt
der Strukturierung und Artikulation in diskrete Einheiten ist gemeint. "Wunderbar"
ist dabei für Herder das Faktum, daß die 'Undulation' des Meeres - die Artikulation
des dunklen Grundes der Seele - ein Phänomen der Emergenz ist, denn weder der
physikalische Reiz, noch die auf sich beschränkte Seele ergeben für sich allein Ge­
nuß und Erkenntnis. Das mehr oder minder diskrete Zeichen ist mehr als die Summe
von Physik und Metaphysik, es entsteht als Neues im wechselseitigen Akt der Arti­
kulation von Sinneseindruck und Seele.
Ferdinand de Saussure hat dieses Bild der Wellen herangezogen, um die struktu­
rale Funktion des Sprachsystems zu verdeutlichen. In den Nachschriften des "Cours
de linguistique generale" heißt es: "La pensee, chaotique de sa nature, est forcee de
se preciser en se decomposant. II n'y a donc ni materialisation des pensees, ni spiri­
tualisation des sons, mais il s'agit de ce fait en quelque sorte mysterieux, que Ia 'pen­
see-son' implique des divisions et que Ia Iangue elabore ses unites en se constituant
entre deux masses amorphes. Qu'on se represente l'air en contact avec une nappe
d'eau: si Ia pression atmospherique change, Ia surface de l'eau se decompose en une
serie de divisions, c'est-a-dire des vagues; ce sont ces ondulations qui donneront une

1"' Ebd. Hervorh. von mir; HA.


1 00 A.a.O., S. 77 (Plastik).
1 61 Leibniz zieht dieses Bild mehrfach zur Erläuterung seiner "petites perceptions" heran. In den
"Nouveaux Essais" z.B. heißt es dazu: " ... pour juger encor mieux des petites perceptions que nous ne
saurions distinguer dans Ia foule, j'ay coustume de me servir de l'exemple du mugissement ou du bruit
de Ia mer dont on est frappt quand on est au rivage. Pour entendre ce bruit comme l'on fait, il faul bien
qu'on entende les parlies qui composent ce tout, c'est a dire les bruits de chaque vague, quoyque chacun
de ces petits bruits ne se fasse connoistre que dans l'assemblage confus de tous les autres ensemble."
Wenig weiter geht Leibniz auf die Rolle der "petites perceptions" in der cognitio clara et confusa und
auf ihre Prägnanz ein. G V, S. 47f. Von der Meeres-Metapher, die in engem Zusammenhang mit dem

dunklen Grund der Seele (fundus animae) steht, wird unten noch zu reden sein. Diese und einige an­
dere sind zentrale Metaphern der Gnoseologie der Prägnanz.
162 SWS VIII, S. 43.
114 Herdcrs Ästhetik-Entwurf

idee de l'union, et pour ainsi dire de l'accouplement de la pensee avec la matiere


phonique. "163
Das Spezifikum des sprachlichen Zeichens ist demnach nicht seine physikalische
Manifestation oder seine 'Bedeutung', sondern das Spezifikum ist das Faktum der
Verbindung beider. Die Verbindung beider Bereiche ergibt eine Form, nicht aber
eine Substanz. In diesem Grenzbereich hat nach Saussure die Linguistik ihr genuines
Arbeitsfeld164•
Keineswegs ist der Zusammenhang zwischen Saussures Konzept der Langue und
Herders Ästhetik nur einer, der sich über die Metapher der Undulation herstellte.
Die Anatmnie, vergleichbar der Saussuresehen Phonetik, schließt Herder aus der
Ästhetik aus165• Die haptische Ästhetik Herders befaßt sich mit der wechselseitigen
Artikulation von Psyche und Physis - das schöne haptische Zeichen ist ebenfalls eine
Form und keine Substanz - als schönes Zeichen. Zwar schrieb Herder 1769, daß die
Bildhauerkunst im Unterschied zur Malerei "Dinge nach[ahme], aber immer nur
Substanzen, als für sich bestehend"166, diese Substanzen sind aber nicht die Form,
sondern deren Bedingungen der Manifestation. Die Form ist nicht Resultat der Be­
arbeitung des Materials, sondern nur präsent im Vollzug des Produktions- und
Rezeptionsaktes. Form ist für Herder nicht "die gegenständliche Bedeutung"167, son­
dern der Akt der Artikulation. Eine Plastik kann nicht einfach hingenommen wer­
den, die Erschließung der Form bedarf der aktiven Rezeption. 'Bedeutung' meint
hier bei Herder Be-deuten, Hinweisen, Anzeigen im haptischen Material. Das bloße
Anfassen ist die mechanische Erfahrung des Materials. Im Unterschied dazu ist das
'Fühlen' in dem emphatischen Sinne, wie Herder es meint, die ästhetische Erfahrung
der Plastik. In diesem Sinne ist der Satz, "Nur die Bedeutung innerer Vollkommenheit
ist Schönheit"168, zu lesen.
Einen gravierenden Unterschied zu Saussure gibt es freilich, denn die schöne
Form des dargestellten menschlichen Körpers wird vom Subjekt nur dann als schön
erfahren, wenn sie als metaphysisches Analogon im Subjekt analogisch wirkt. Das
aber kann nur geschehen, wenn Gleichartiges auf beiden Seiten gegeben ist, wenn
die metaphysische Substanz des Wahren, Guten und Schönen als Apriori der Erfah­
rung angenommen wird. Was Saussure als "mysterieux" aus der Betrachtung seiner
strukturalen Zeichenkonzeption ausgenommen hat169, nimmt Herder durch den
subjektiven Bezugspunkt seiner Ästhetik als Genuß und dunkle Erkenntnis mit in
seine allgemeine Ästhetik hinein. Die schöne Form ist als Fonn prägnant, in der die
Kraft aller Phänomena erfahren werden kann.
Das ist ein Prinzip der Artikulation, welches Herder nicht vergessen läßt, daß
Form nur am Material erfahrbar ist. Eher gegen Winckelmann, der in Proportionen

1 63 Saussure: Cours, S. 156.


164
Vgl. a.a.O., S. 463 und 157.
1 65 Vgl. SWS VIII, S. 112.
166 SWS IV, S. 74 (4. Kritisches Wäldchen).
1 67 Chrobok: Die ästhetischen Grundgedanken von Herdcrs Plastik, S. 57.
161
SWS VIII, S. 56 (Plastik).
1 "' Seine Anagramme holen dieses 'Wunder' wieder in die Betrachtung herein. Vgl. dazu Jean Staro­
binski: Les mots sous !es mots. Les anagrammes de Ferdinand de Saussure. Paris 1971 sowie "Les deux
Saussure". Recherehes 16 (1974).
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 115

Schönheit findet, betont Herder die ästhetische Notwendigkeit, daß Proportionen


ohne ins Verhältnis gesetzte Körper gar nicht erfahrbar seien. Nicht Proportionen
bestimmen das Werk, sondern das Werk realisiert Proportionen. Proportionen, ka­
nonisierte zumal, sind Elemente der cognitio mathematica, die gerade vom Werk als
individuellem Vorkommen absehen. Unberührt davon bleibt, daß die Welt insgesamt
nach Maß, Zahl und Gewicht eingerichtet ist170• Diesem Verhältnis liegt eine ange­
nommene, allgemeine Harmonie voraus, die wiederum eines der Argumente
Herders für die Berechtigung der Analogie als Verfahren zur Erkenntnisgewinnung
abgibt: "überall eine einfache und harmonische Weisheit, die in und für uns gefühlt,
gemessen, geordnet, Umfang und Fülle beschränkt hat."171
Ohnehin ist dem haptischen Sinn die Erfahrung von Proportionen ohne Hilfe des
Gesichtssinnes nicht leicht, denn er tastet "in Dunkelheit und Nacht"m. Die bildende
Kunst ist deshalb perspektivlos, sie "hat keinen Gesichtspunkt"173; die Skulptur "steht
sich unaufhörlich selbst im Licht"174, weil der sie bestimmende Sinn dunkel ist.
Der Grund für einige Aporien, in die Herder gerät bei seinem Versuch, die Bild­
hauerkunst aus dem haptischen Sinn zu erklären, liegt in der rigoros bis ins Detail
versuchten, experimentellen Isolation des Tastsinnes. Zur Verdeutlichung der Lei­
stung des Tastsinnes und seiner grundlegenden Stellung gegenüber den anderen Sin­
nen überdehnt Herder wohl die Grenzen des Einzelsinnes, der nur im Verbund mit
den anderen äußeren Sinnen, dem inneren Sinn und dem analogon rationis seinen
spezifischen Beitrag zu einer Erkenntnis leisten kann, die - in diesem Verbund -

menschlich genannt zu werden beanspruchen kann. Nicht der Verbund aller äußeren
Sinne ist indes Voraussetzung für diese 'menschliche' Erkenntnis, sondern die Ko­
operation mindestens eines Sinnesorgans mit dem inneren Sinn und dem analogon
rationis. Wäre dem nicht so, dann hätte die Berufung auf die besondere Erkenntnis­
form der Blinden für Herder keinen Wert.
Von Dominanzen also, nicht von ausschließlicher Herrschaft dieses oder jenes
Sinnes ist im Grunde die Rede. Hayms Behauptung, Herder habe in der "Plastik"
aufgrund der Zweideutigkeit des Gefühls-Begriffs der Haptik eine Bedeutung zuge­
messen, die ihr gar nicht zukomme, sieht gerade davon ab, daß die 'Anatomie' des
Tastsinnes nicht Herders Absicht ist. Herder 'unterschiebt' nicht "unvermerkt [ .. ] .

dem tastenden Finger die tastende Seele"175, und er spricht nicht "einfach von dem
Körper, als unmittelbarem Gegenstand des Gefühls", um dann unvermittelt zum "'Je-

110
Vgl. SWS VIII, S. 79. - Vgl. zu diesem Umkreis den interessanten Aufsatz zur wahrnehmungs­
steuernden Funktion von sogenannten kanonischen Proportionen: Peter Gerlach: Über das mittlere
Maß oder: der bürgerliche Kanon. In: Ideal und Wirklichkeit der bildenden Kunst im späten 18. Jahr­
hundert. Hrsg. von Herber! Beck, Peter C. Bol, Eva Maek-Gfrard. Berlin 1984 ( Frankfurter For­
=

schungen zur Kunst. Bd. 11), S. 45-74. - Vgl. im übrigen das oben, S. 39. zum ontologischen Implikat des
'Verhältnisses' Gesagte.
171
SWS VIII, S. 69. Vgl. zur Tradition des Topos von Maß, Zahl und Gewicht: Gunter E. Grimm:
Literatur und Gelehrtenturn in Deutschland. Untersuchungen zum Wandel ihres Verhältnisses vom
Humanismus bis zur Frühaufklärung. Tübingen 1983 ( Studien zur deutschen Literatur. Bd. 75),
=

s. 635ff.
172
A.a.O., S. 76.
1 73 A.a.O., S. 74.
174
A.a.O., S. 37.
m Haym II, S. 70.
116 Herders Ästhetik-Entwurf

bendigen Körper'"176 überzugehen - 'unvermerkt' und 'unvermittelt' deshalb nicht,


weil die Bedingung des Tastens als menschliche Erfahrung die Kooperation von
äußerem und innerem Sinn ist: das Gefühlte wird erst ein solches, wenn es 'mein'
Gefühltes ist, und es wird erst 'mein' Gefühltes, wenn das fühlende Subjekt sich als
ein solches empfindet. Ohne diesen Zusammenhang gibt es für Herder keine Form,
sondern nur Physik, Anatomie und 'Seelenkunde', je für sich. Im ästhetischen Akt
konvergieren Eindruck und dunkle Erkenntnis des Eindrucks zum Genuß des hapti­
schen Erlebnisses.
Scherzhaft und ironisch auf die zeitgenössische Kritik der Allegorie177 bezogen,
stellt Herder in der "Plastik" die Kooperation von äußerem Sinn, innerem Sinn und -
implizit - analogon rationis an ihrem Pendant, der Skulptur, dar. Eine allegorische
Zutat, die der Skulptur erst ihre Bedeutung zuweise, sei ein Abstraktum, das dem
Tastsinn als solchem, und damit der Plastik grundsätzlich fremd sei. Im weiteren
Sinne freilich sei "bildende Kunst eine beständige Allegorie", denn sie stelle ja "Eins
durchs Andere" dar, bilde "Seele durch Körper"1 18 • Dieser Zusammenhang komme in
der Darstellung zwar ohne Proportionen nicht aus, die Proportion sei aber eine
Folge, nicht "die Ursache" der Wirkung bildender Kunst. "Ein Maas vorschreiben
[heißt ... ] aus der Algebra Musik komponiren. Leibhafte Form ist der Tempel und
Geist die Gottheit, die ihn durchhauchet .. .''179•
Diese Darstellung einer konkreten Individualität in der Plastik - am Beispiel grie­
chischer Götterstatuen - nennt Herder "bildende Allegorie"180, wobei er sich dessen
bewußt ist, daß er den Terminus "Allegorie", bezogen auf den zeitgenössischen
Sprachgebrauch, "uneigentlich" verwendet. Das in der ertasteten Form zum Aus­
druck kommende Bildende der Kooperation von 'Leben' und 'Material', dem auf der
Seite des Fühlenden die Kooperation von innerem und äußerem Sinn korrespon­
diert, ist für Herder ein Prinzip der Plastik.
Aber Herder wäre nur Ästhetiker im engeren Sinne, wenn er es dabei beließe.
Das Prinzip des Bildenden, das bekanntlich so folgenreich in der Geschichte der
Kunst, Ästhetik und Pädagogik gewesen ist, ist für Herder ein universelles Prinzip.
Bildung ist das Prinzip, welches die Verbindung zwischen Kraft und Phänomen her­
stellt, die Dynamisierung der Latenz, auf die vom Aktuellen nur mit Hilfe dieses
Prinzips zurückgeschlossen werden kann. In Kunst, Natur und Geschichte gleicher­
maßen wirksam, ist Bildungsfähigkeit, in gnoseologischer Perspektive, die Bedingung
der Prägnanz. Das Viele in Einem ist nur dann prägnant, wenn es die Tendenz zur
Entfaltung, zur 'Entbindung' in sich trägt. Deshalb sind Vorstellungen, wie es in der
Gnoseologie der Schule hieß, die viele Merkmale enthalten, "stark", "herrschend".
Dieses allgemeine Prinzip der Bildung bewirkt das denkbar Speziellste: das Indivi­
duum, welches als zur Erscheinung kommende Kraft die vorkommende Form der
Prägnanz par excellence ist. "Die bildende Natur haßet Abstracta: sie gab nie Einem

176 Ebd.
m Vgl. zur Kritik der Allegorie durch Diderot im Zusammenhang mit Lessings "Laokoon": Wladis­
law Folkierski: Entre Je Classicisme et Je Romantisme. Etude sur l'esthetique et les esthfticiens du
XVIII" siede. Paris 1925, S. 434ff. und S. 548f.
178 SWS VIII, S. 79 (Plastik).
179 Ebd. Vgl. oben, S. 103.
180 A.a.O., S. 80.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 117

Alles und jedem das Seinige auf die seineste Weise. Die bildende Kunst, die ihr
nacheifert181, muß es auch thun, oder sie ist ihres Namens nicht werth. Sie bildet
nicht Abstrakta, sondern Personen; jetzt die Person, in dem Charakter, und den Cha­
rakter in jedem Gliede und in Ort und Stellung"182• Das Individuum als "ens omni­
mode determinatum", wie Wolff es definierte183 und das Baumgarten als höchst poe­
tisch bezeichnete184, ist für Herder eine Statue mit jeweils "höchstbestimmtem Na­
men"185.
Die Bedingungen, die eine solche Bildhauerkunst zulassen, das heißt in der Pro­
duktion und in der Rezeption ermöglichen, sieht Herder bei den Griechen gegeben.
Deren Skulpturen trugen "historische, individuelle Kennzeichen", stellten "diesen Gott
und jetzt und hier" dar, "nicht aus Abstrakten, nicht aus gedichteter Allegorie, sondern
aus Umständen der Geschichte."186 Die geschichtsphilosophische Implikation, daß das
Individuelle das zeitlich Einmalige und damit örtlich genau Fixierbare sei, ist hier
voll ausgeprägt und bestimmt Herders Kunstbegriff. Die vordergründig naheliegende
Schlußfolgerung, daß Historizität als jeweils vorkommende Individualität notwendi­
gerweise zu einem Relativismus in der Beurteilung vergangener Epochen führe, ist
aber hier schon entkräftet. Herder konstatiert den Verlust des Gebrauchs des 'gro­
ben' haptischen Sinnes und findet in der griechischen Plastik die Hochform der dem
Tastsinn entsprechenden Kunst - eine 'besondere'187 Vorkommensform von Schön­
heit. Diese Vorkommensform ist verlorengegangen. Herders Gegenwart ist nicht die
Zeit der schönen Plastik. Seine Kritik, "Wie weit ists mit der Kunst der leibhaften
Wahrheit gekommen, wenn sie keine leibhafte Wahrheit mehr hat"188, schließt nicht
die Aufforderung zur Nachahmung der griechischen Plastik ein, schon deshalb nicht,
weil Zeit, Ort und Umstände andere sind. Die Kritik ist, wie schon erwähnt, doppelt
zu lesen: Der Verlust der haptischen Kunst ist in Herders Sicht nicht bedauerlich
wegen des Verlusts der Fertigkeit, ebensolche Plastiken schaffen zu können, sondern
deshalb, weil der dunkelste der Sinne, der Tastsinn, verkümmert ist. Die ihm eigenen
Erfahrungsmöglichkeiten stehen nicht mehr zur Verfügung und weil dieses Organ
verkümmert ist, ist der Bereich, die 'Sphäre' menschlicher Erfahrung enger gewor­
den. Der Gewinn durch Entlastungshandlungen der anderen Sinne, insbesondere des
optischen, wird mit einem Verlust an ästhetischer Authentizität bezahlt. Herders
"Plastik" ist ein Plädoyer für die Rekultivierung des haptischen Genusses - in der Re­
flexion. Denn Herder ist kein Träumer. Sein Grundsatz, daß das Allgemeine nur im

181 Es sei daran erinnert, daß die zeitgenössische Diskussion des Mimesisproblems zwischen Nach­
ahmen und Nacheifern bzw. Nachbilden unterschied. Ersteres meint - grosso modo - die Abbildung ei­
nes Produkts, letzteres meint den Nachvollzug des Produktionsprozesses unter jeweils neuen Bedingun­
gen.
1 112 A.a.O., S. 80.
181
Vgl. oben, S. 43.
184 Vgl. oben, S. 43f.
1 85 SWS VIII, S. 80. Gemeint sind Eigennamen, die, im Unterschied zum Begriff, nur je eine vor-
kommende Sache oder Person bezeichnen.
186 A.a.O., S. 81, 82.
1 87 Vgl. a.a.O., S. 56.
188
A.a.O., S. 84.
118 Herders Ästhetik-Entwurf

Besonderen vorkomme, gilt auch für die Theorie189• Gegenstände des haptischen
Genusses müssen gesammelt190 werden, um an ihnen die haptische Dimension der
Aisthesis deutlich (distincte) machen zu können und sie in Form einer allgemeinen
Ästhetik aufzubewahren.
Davon aber ist seine Zeit noch weit entfernt, wie Herder ja schon in seiner Kritik
an Baumgarten aufgezeigt hatte. Nicht philosophisch abstrakte Logik soll Herders
Ästhetik bestimmen, sondern eine "Untersuchungslogik", und deren erster Schritt ist,
was "Logos" in etymologisch früher Auslegung meint: Sammeln, 'Lesen', in der Be­
deutung von 'Auflesen' dessen, was den Sinnen greifbar ist und am Wege liegt191•
Dieses 'Lesen' ist der Logos der cognitio historica, die durch Aufmerksamkeit und
simplex apprehensio, einfaches Auffassen, erlangt wird. Was da aufgelesen und zu­
sammengetragen werden soll, das sind "Buchstaben" zu einem "Alphabet"192, deren
Verbindung zu einem Text reflektiert darzustellen der vorgängigen Erkundung der
Sinne, der Seele und des analogon rationis bedarf. Denn der 'Text' als solcher ist
dem Menschen nur zugänglich insofern, als er sich dem menschlichen Fassungsver­
mögen darbietet. Darin, daß der Mensch überhaupt einen 'Text' zu erstellen im­
stande ist, besteht seine Gottebenbildlichkeit. Wie Herder 1768 schrieb, sei der
Mensch nach dem Sündenfall über seine Schranken hinausgegangen, "Erkenntn[isse]
zu sammeln, fremde Früchte zu genießen, andern Geschöpfen nachzuahmen, die
Vernunft zu erhöhen, und selbst ein Sammelplatz aller Instinkte, aller Fähigkeiten,
aller Gerrußarten seyn zu wollen, zu seyn wie Gott (nicht mehr ein Thier) u. zu
wißen ... "193•
Das 'Sammeln' des 18. Jahrhunderts unterscheidet sich aber vom ersten 'Sam­
meln' Evas, denn es ist nicht mehr Sammeln von Erfahrung und Erwerb von Wissen
aus Erfahrung, sondern Sammeln von reflektierter Erfahrung und Verwaltung von
Wissen ohne Erfahrung. Der 'Text', den das 18. Jahrhundert erstellt, ist immer schon
Metatext, nur im sentimentalischen Modus zu lesen194• Geschichtsphilosophie ist nun
die Bedingung von Geschichte195, Ästhetik die Bedingung der Kunst, Poetik die der
Poesie. "Die Philosophie, das Nachdenken, das Sammlen ist ja euer [sc. der Deut­
schen] Teil."196
Der Logos der kritisierten, 'epimetheischen' Philosophie hat sich von seinem Ur­
sprung gelöst und Erfahrung durch Reflexion, Entdeckung durch Verwaltung ersetzt.
Philosophie kann aber, so Herder, nur durch Philosophie geheilt werden. Er sucht
1 80 Vgl. a.a.O., S. 15, wo er das "bittersüße Geschwätz vom allgemeinen Schönen" tadelt und aus die­

ser Kritik heraus sein Vorhaben, die Künste durch einen ''subjektiven Grenzstein" zu markieren, begrün­
det.
1 90 Vgl. SWS VIII, S. 56, 124 sowie FHA I, S. 672.
19 1 Aus dieser Auffassung heraus hat auch wohl Lessing sein kritisches Verfahren im "Laokoon"

einen Spaziergang genannt. Vgl. Lessing: Laokoon.- Vgl. auch Herder in der Vorrede zur 2. Ausgabe
der 1. Sammlung der Fragmente, FHA I, S. 544 .
192 A.a.O., S. 4, 58.
1 93 Herder an Hamann, Riga, Ende April 1768. HB 1, S. 98.
1 94 Bezogen auf Herder scheint mir Blumenberg diese Metalerung übersehen zu haben. Vgl. Hans

Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/M. 1981, insbesondere S. 176ff.


1"' Vgl. dazu Peter Szondi: Poetik und Geschichtsphilosophie I. Antike und Moderne in der Ästhetik

der Goethezeit. Hegels Lehre von der Dichtung. Hrsg. von Senta Metz und Hans-Hagen Hildebrandt.
Frankfurt/M. 1974 ( SlW 40), S. 60.
=

1.. FHA I, S. 240 (Fragmente I).


Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 119

nach einem "Gegengift"197: "Das unentdeckte Land, was wir suchen, ist kein Metaphy­
sisches Wortgeschwätz: es ist innere Physik des Geistes, eine fruchtbare und nützli­
che Gegend in der Seelenlehre des Schönen, von welcher man viele neue Erdstriche
wird übersehen können, wenn erst Bemerkungen und richtige Schlüße uns in diese
gebracht haben."198 Entdecker schätzt er, und Entdecker möchte er selbst sein. Aber
auch hier geht er noch weiter. Nicht Kolumbus, der nur eine Insel entdeckt habe, ist
das Vorbild, sondern Amerigo Vespucci, der das feste Land betrat und nach dem der
neuentdeckte Kontinent benannt wurde199• Das ist kein Vergleich Herders, mit dem
er sich nur schmückte, sondern eine Metapher für die menschliche Erkundung der
l..e ibnizschen harmonia mundi. In "Gott. Einige Gespräche" ist der Bezug deutlich
ausgesprochen. Dort heißt es: "Nichts stehet in der Natur allein: nichts ist ohne Ur­
sache, nichts ohne Wirkung; und da alles in Verbindung und alles Mögliche daist
[sie] : so ist auch nichts in der Natur ohne Organisation, jede Kraft stehet in Ver­
bindung mit andern ihr dienenden oder über sie herrschenden Kräften. Wenn meine
Seele also eine substanzielle Kraft ist und ihr jetziges Reich der Wirkung [sc. der
Körper] zerstört wird: so kann es ihr in einer Schöpfung, in welcher keine Lücke,
kein Sprung, keine Insel statt findet, an einem neuen Organ nie fehlen. Neu die­
nende Kräfte werden ihr beistehn und in ihrem neuen Zusammenhange mit einer
Welt, in welcher Alles zusammenhangt, ihren Wirkungskreis bilden."200
Die Entdeckung des 'Kontinents' ist die Entdeckung des Ganzen, und dieses
Ganze kann nur erfahren werden, wenn der Entdecker sich selbst kennt. Die Erkun­
dung der Bedingungen dieses Wissens ist die Erkundung des 'Kontinents' Humanität,
deren Theorie ist die Anthropologie, und deren Fundament wiederum ist die Aisthe­
sis. Die Wertschätzung der "schönen Bemerkung" Spinozas vom Leib als der "we­
sentlichen Form der menschlichen Seele"201 macht, wenn man Herders gnoseologische
Grundoption in ihrem vollen Gewicht berücksichtigt, deutlich, daß Pantheismus und
Gnoseologie der Aisthesis so zusammengehören, daß die Aisthesis die Bedingung
des Pantheismus ist, nicht aber umgekehrt. Mit gutem Recht spricht Ulrich Gaier
von Herders "dezidiert anthropologischer Wendung, die er [sc. Herder], fast mit noch
größerer Berechtigung als Kant, kopernikanisch nennt."202 Das "eigentliche Thema"
der "Plastik" ist nicht der "Wesensunterschied zwischen Malerei und Bildhauerei"
und kann deshalb auch nicht "von den Untersuchungen der Sinne in den Hintergrund
gedrängt" werden203• Herders "Plastik" ist erheblich mehr als eine Abhandlung zur
Bildhauerkunst. Sie ist eine paradigmatische Schrift zur Körpererfahrung, zum
"l..e ibapriori der Erkenntnis"204•

197 FHA I, S. 122 (Wie die Philosophie zum Besten des Volks allgemeiner und nützlicher werden
kann).
198 SWS IV, S. 97 (4. Kritisches Wäldchen).
199 Vgl. den wiederholten Gebrauch dieses Vergleichs z.B. in: FHA I, S. 39, 165, 268, 642. - Vgl. auch
Baumgartens "in mundo non datur insu/a", oben, S. 38.
200 SWS XVI, S. 548.
''" A.a.O., S. 549.
m Ulrich Gaier: Poesie als Metatheorie. Zeichenbegriffe des frühen Herder. In: Johann Gottfried
Herder. 1744-1803. Hrsg. von Gerhard Sauder. Harnburg 1987 ( Studien zum 18. Jahrhundert. Bd. 9),
=

S. 202-224, hier: S. 209.


:IDJ Salmony: Philosophie des jungen Herder, S. 205.
204 Vgl. hierzu, wie schon erwähnt, Irmscher: Hermeneutik Herders, S. 33.
120 Herders Ästhetik-Entwurf

Die Darstellung dessen, was Herder zur Malerei als der Kunst aus dem optischen
Sinn zu sagen hat, kann nun vergleichsweise kürzer gehalten werden. Während er
den haptischen Sinn in "Anwendung auf die Aesthtetik "205 philosophisch an den ihm
zukommenden gnoseologischen Ort einsetzen zu müssen meinte, unterzieht er, wie
schon gesagt, den optischen Sinn und die durch ihn bestimmte Kunst einer kritischen
Revision. Diese Kritik besteht darin, daß er dem optischen Sinn Gebiete abspricht,
die dieser, gewissermaßen durch das Gewohnheitsrecht der Entlastungshandlungen,
requiriert hatte. Herder arbeitet die Eigentümlichkeit des Gesichtssinnes dadurch
heraus, daß er ihm neue Grenzen zieht, die, phylogenetisch gesehen, die alten sind.
Der optische Sinn ist der Sinn der Distanz, der Schnelligkeit und des Lichts, im
physikalischen wie im übertragenen Sinne. Der Preis der Schnelligkeit ist ein Verlust
an Authentizität der Erfahrung, die Distanz ist die Bedingung der Schnelligkeit, und
der Umgang des Organs mit dem Licht regelt im physikalischen Sinne die Art des
Eindrucks. Im metaphorischen Verstande, der nur im Zusammenspiel von äußerem
und innerem Sinn Bedeutung hat, regelt der Umgang des optischen Organs mit dem
Licht die Plazierung auf der gnoseologischen Skala, denn deren terminologischer
Grundbestand ist an optischen Phänomenen gewonnen worden: klar, dunkel, deut­
lich. Insofern, als der optische Sinn das Dunkle nur als Bedingung für die Kontur des
Hellen, nicht aber als strukturiertes Dunkles selbst wahrnehmen kann, ist er defizi­
tär. Relevant ist diese Feststellung dann, wenn vorausgesetzt wird, daß die dunkle
Erkenntnis einen Großteil menschlichen Weltzuganges ausmacht und daß der Grund
der Seele, aus dem ja alle Erkenntnis letzten Endes komme, dunkel, das "Reich der
Finsternis" ist. "Die Malerei kann Alles; und eben dies Alles ist ihr Wesen."206 Aber
Herder schränkt sofort ein: zwar "Alles", aber nicht "gleichsam an sich wie die Bild­
hauerei", sondern "nichts als den Anschein"207• Körper ohne die dritte Dimension
sind nur scheinbar Körper. Die Darstellung der Raumtiefe durch perspektivierte
Darstellung ist nur scheinbar Raum. Die Perspektivierung selbst schließlich ist das
Mittel zur Illudierung von Raum und zugleich Hindernis, weil Körper nur von je ei­
ner, der Ansichtsseite, als Fläche vorgestellt werden können.
Anzumerken ist hier, daß Herder theoretisch sich kubistischen Polyperspektivis­
mus vorzustellen vermag. Im vierten Kritischen Wäldchen setzt er für die angemes­
sene Erfassung einer Statue das 'Umfassen' an, abstrakt vorgestellt in einem Umgang
von 360 Grad oder einer Ellipse. Die optische Wahrnehmung dagegen erfasse diese
Rundung immer nur durch Anlegen einer Tangentialfläche in einem Punkt - der Flä­
che, die dann auf die Retina projiziert werde - und könne sich dementsprechend al­
lenfalls in einem sich immer mehr verfeinernden Polygon infinitesimal dem Kreis
annähern, in Herders Worten: "Die sanft verblasne Form des Körpers, die von kei­
nem Winkel wuste, ist also (sc. durch den perspektivierten optischen Sinn] in ein zu­
sammengesetztes Polygon von winklichten Flächen verwandelt."208 Herder wendet
diese Erkenntnis des optischen Polyperspektivismus aber nicht auf die Malerei an,

"" SWS IV, S. 52 (4. Kritisches Wäldchen).


206 A.a.O., S. 75.
:m Ebd.
lDII A.a.O., S. 64f. - Wolff: Psychologia empirica, § 472, nota, zieht dies als Beispiel aus der Geometrie
für das "principium reductionis" heran.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 121

sondern zieht sie heran, um zu verdeutlichen, daß der Gesichtssinn die Plastik "zer­
stört"209.
Das Nebeneinander, nicht das Nacheinander (Musik) oder das In-, Neben- und
Beieinander (Plastik) sei das Charakteristikum der Malerei. Hier wird deutlich, daß
Herder in der allgemeinen Abgrenzung der Künste voneinander terminologisch un­
genau wird, weil das Nebeneinander sowohl für die Plastik wie für die Malerei ge­
nannt wird210• Wiederum zum einen ein Hinweis darauf, daß die scharfe Grenzzie­
hung der Künste aus den Sinnen immer dann für Herder schwierig wird, wenn er
streng zu isolieren versucht. Zum anderen wird an dieser Stelle wieder deutlich, daß
Herders Interesse an Fragen einer allgemeinen Ästhetik das Interesse an Fragen ei­
ner Kunstlehre dominiert - deutlich im Problematischen. Denn er behauptet, daß
Fläche, Ton und Körper im gleichen Verhältnis zueinander stünden wie Gesicht,
Gehör und Gefühl, aber auch wie Raum, Zeit und Kraft211• Auffällig dabei ist, daß
Fläche und Raum zueinander in Beziehung gesetzt werden, wo doch gerade die Ma­
lerei als die Kunst der (Ober-)Fläche, der Reduktion des Raumes in der Projektion
auf die Fläche, bestimmt wurde. Ebenso auffällig ist, daß Körper und Kraft, nicht
aber Körper und Raum relationiert werden.
Diese Art Proportionsgleichung geht nur auf, wenn deren subjektiver Bezugspunkt
mitgedacht wird. Das Auge erfährt mehr als die materiale Fläche des Bildes. Es illu­
diert aufgrund der perspektivischen Darstellung Raum. Der Tastsinn erfährt mehr
als den materialen Körper. Die Plastik verweist im rezeptiven Zustandekommen der
Form auf die Kraft der Bildung. In der Malerei ist für Herder die Fläche das Me­
dium der optischen Raumerfahrung, wie in der Bildhauerei der Körper das Medium
der haptischen Krafterfahrung ist. Dennoch: ist nicht die haptische Erfahrung
Raumwahrnehmung, wie die optische Flächenwahrnehmung ist? Und kann nicht der
optische Sinn am Bild den Verweis auf die Kraft wahrnehmen?
Beides trifft zu, die scheinbare Verwirrung entsteht aber, wenn die gnoseologische
Perspektive außer acht gelassen wird. Im Nebeneinander der dargestellten Dinge er­
fährt das Auge den Raum. Der Tastsinn erfährt - wie Herder verkürzend darlegt -
nur einen Gegenstand an einem Ort, also in dieser Hinsicht keinen Raum. Ist dieser
Gegenstand als schöne Einheit erfahrbar, dann verweist er in der haptischen Erfah­
rung auf die Kraft als Bedingung seiner Form. Das Verwirrende an Herders Zuord­
nung entsteht dadurch, daß er das Procedere der Erfahrung um einer schärferen
gnoseologisch-ästhetischen Profilierung der Sinne willen außer acht läßt.
Ohne die Auseinandersetzung mit Kant ausführlich aufgreifen zu wollen, sei an
dieser Stelle auf die unterschiedlichen Positionen beider hingewiesen, woraus auch
die 'Proportionsgleichung' einsichtiger wird. Für den kritischen Kant ist der Raum
die "Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen", "eine Form der Anschauung",
"kein empirischer Begriff', also vor aller äußeren Erfahrung liegend212• Der Kant­
schen Erörterung des Raumes (wie auch der Zeit) hält Herder in seiner "Metakritik"
(1799) entgegen, der Raum sei "ein Erfahrungsbegriff, veranlaßt von der Empfindung,

""' SWS VIII, S. 12.


21 0 Vgl. a.a.O., S. 15.
211 Vgl. a.a.O., S. 16.
21 2 Kr V A 23f.
122 Herdcrs Ästhetik-Entwurf

daß ich weder das All, noch allenthalben bin, daß ich im Universum nur einen Ort
einnehme.''213 Die Erfahrung nicht des Crusiuschen ubi214, sondern die Erfahrung,
daß das Andere an einem anderen als dem eigenen Ort sich befinde, mache den
Raum aus: "dies verneinende Wo nennen wir Raum"215• Zwar liefere das Auge die
"genauesten, schnellesten, feinsten Messungen des Raums"216 an die Seele, aber auch
der Blindgeborene ertaste von seinem Ort aus das Andere an anderem Ort und ge­
lange so zur Raumvorstellung. Die Verortung der Erfahrung vermittle zugleich eine
Vorstellung von Ordnung: "uns sinnlichen Geschöpfen selbst, die das Auge leitet,
ward der Begriff vom Raum ein Leiter zur Ordnung.''211
Als sinnliche Wahrnehmung ist der Raum ein "privativer Begrif'218• Das Allge­
meine des Raumbegriffs ist für Herder nur eine scheinbare, reflexive Erhebung zum
"unsinnlichen Verstandesbegrif'219• In Wahrheit werde der Raumbegriff gewonnen
durch Akku mulation sinnlicher Erfahrungen, er ist, in Herders Worten, "eine Zu­
sammenfaßung sinnlicher Orte", ein "reiner Begriff ist es indessen nicht.''220
Die Akkumulation der Einzelerfahrungen der Örter ('privativer Begriff) zur Vor­
stellung des Raumes als geordnete Juxtaposition von Örtern ergibt eine sistierte
Vorstellung vom Raum. Diese ist eine habitualisierte Ortserfahrung als Schema. Die
Abkürzung der Einzelerfahrung der Ö rter in der genetisch gewonnenen 'Gewohn­
heit', diese Örter zum Raum zu verbinden, nennt Herder "Schema des Wahrgenom­
menen"221 (NB: nicht Schema der Wahrnehmung!). Mit ihm arbeitet die Ein­
bildungskraft, deren größten Teil Herder als "topographisch"222 bestimmt. Jede Ope­
ration der Einbildungskraft ist somit nach Herder die implizite Rekapitulation der
Ortserfahrung des Subjekts, wobei er an der Bestimmung festhält, daß Phantasmata -
die Elemente der Einbildungskraft - reproduzierte Ideen von Sinnesobjekten sind223•
Wenn Herder also vom 'Raum' spricht, dann meint er einen Begriff, der ''geworden"
sei. "Raum", wie "Zeit", sind für ihn historische Begriffe in anthropogenetischer Di­
mension. Herders "Metakritik" besteht eben darin, die von Kant behauptete Ahisto­
rizität der reinen Anschauungsformen der illegitimen Abstraktion von ihrer Genese
zu überführen224•

21 3 SWS XXI, S. 48 (Metakritik I).


214 Vgl. oben, S. 62f.
"' SWS XXI, S. 48.
21 6 A.a.O., S. 49.
21 7 A.a.O., S. 50.
21 a Ebd.
21• Ebd.
""' A.a.O., S. 51.
221 Ebd.
222 A.a.O., S. 50.
m Vgl. oben, S. 22f.
224 Zwar liest Herder Kant an dieser Stelle falsch. Es heißt bei Kant: "Der Raum ist kein diskursiver
[ ... ] Begrifr, Herder liest: "Raum ist ein discursiver [ ... ] Begriff. . .". Die Kritik wird davon aber nicht in der
Sache berührt. Vgl. KrV A 24 (Hervorh. von mir; HA.) und SWS XXI, S. 52. - Im übrigen ist hier der
Ort, darauf hinzuweisen, daß Herder zu Ergebnissen kommt, die im Ansatz Ähnlichkeiten aufweisen
mit denen, die Konrad Lorenz und die moderne Evolutionäre Erkenntnistheorie experimentell aufge­
wiesen haben. Vgl. auch Gerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie. Angeborene Erkenntnis­
strukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie.
Stuttgart 1975. Aus dieser Sicht wird ein Erkenntnismuster als ein Organon aufgefaßt, das in der Aus­
einandersetzung mit der Umwelt sich im Verlauf der Geschichte der Gattung entwickelt hat.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 123

Hier wird der onto-gnoseologische Zusammenhang noch einmal aufgerufen und


zeigt den Zusammenhang Herdersehen Denkens: Das Sein artikuliert sich aktuell im
Nebeneinander (Extension Dimension des Raumes), Nacheinander (Protension
= =

Dimension der Zeit) und In- und Durcheinander (Intension Dimension der Kraft).
=

Ohne Sein gibt es kein Dasein (Raum und Ort), keine Dauer (Zeit), keine Wirklich­
keit (Kraft und Phänomenon) und, weil es ohne 'Materiale' nichts zu erfahren und zu
denken gibt, kein Bewußtsein. In der "Metakritik" hat Herder diesen Zusammenhang
in zwei schematischen Skizzen deutlich gemacht:

"1
Seyn
giebt ein

2 3
Nebeneinander, Nacheinander,

4
In- und Durcheinander.

[.. .]

1
Bewußtseyn,

2 3
Gesicht, Gehör,
als als
Organ des Nebeneinander. Organ des Nacheinander.

4
Gefühl,
als
Organ des In- und Durcheinander."225

Auf dieser Grundlage kann Herder auch rasch einen Bogen schlagen zwischen
dem sinnlich erkennenden Subjekt und der ontologischen Dimension der Sinnesob­
jekte, denn Raum, Zeit und Kraft sind für ihn "die drei grösten Medien der allweiten
Schöpfung, mit denen sie alles faßet."226
Natürlich ist nun die Malerei für Herder nicht nur gnoseologisches Vehikel, sie ist
als Vorkommen Gegenstand des Genusses und muß als solcher bestimmte Bedin-

225 SWS XXI , S. 69 (Metakritik I).


226 SWS VIII, S. 16 (Plastik).
124 Herders Ästhetik-Entwurf

gungen erfüllen. Sie stellt nicht dar, wie die Plastik, sondern sie ist "Re­
präsentation"227, "Schilderung, Phantasie"22B. Sie bildet nicht ab, sondern deutet prä­
gnant an und gibt der Phantasie Anreiz zur Tätigkeit. "Die Phantasie will nur Duft,
Schein, lockende Farbe haben; mit der treuen Natur der ganzen Wahrheit sind ihr
die Flügel gebunden."229
Dieses prägnant Re-Präsentative, in der optischen Distanz Andeutende der Male­
rei führt Herder zu der scheinparadoxen Bestimmung, daß die Malerei die Kunst des
Verhüllens sei. "Nichts als Kleid ( ... ], schöne Hülle, Zauberei mit Licht und Farben zur
schönen Ansicht"230 sei sie und deshalb auch eine Kunst der Mode, deren Gestalten
abwechseln "mit Geschichte, Menschenart und Zeiten."231
Schein, Täuschung und Distanz sind indes als Merkmale der Kunst der Malerei
nicht Gründe zu deren Abwertung, sondern Spezifika dieser Kunst, gewonnen aus ih­
rer Bestimmung als Kunst des optischen Sinnes. Die ihr eigentümliche Leistung
spielt Herder nicht herunter, solange er von der Kunst der Malerei spricht, sondern
nur dann, wenn die Malerei im gnoseologischen Zusammenhang gesehen wird als
die Kunst, die der vorgängigen haptischen Erfahrung bedarf, um überhaupt sich her­
ausbilden und ihre Eigentümlichkeiten entfalten zu können. Insofern hat ihre Be­
stimmung als Kunst einen Schwerpunkt, den der Bestimmung aus dem optischen
Sinn.
Herders Ausführungen zur Malerei aber haben noch einen anderen, gewichtige­
ren Schwerpunkt. Dies ist der anthropologisch-genetische. In der "Plastik", wie in den
anderen von uns herangezogenen Schriften stellt er eine Neuentdeckung vor, die er
in der Anwendung des Satzes, "Gesicht sieht nur Flächen, Gefühl tastet nur Formen",
auf zwei Künste - "Malerei ist nur fürs Auge, Bildhauerei fürs Gefühl"232 - ausgeführt
hat. Nicht vergessen werden darf dabei, daß, was in den Künsten isoliert zur Be­
stimmung von Dominanzen führt, in Herders Gnoseologie und Anthropologie als
synästhetisches System erhalten bleibt. Aus diesem Gesichtspunkt heraus erst erge­
ben sich die speziellen Fragestellungen, und die von Herder immer wieder herge­
stellten Beziehungen zu diesem allgemeinen Rahmen machen deutlich, daß er am
Ganzen von Erfahrung, Empfinden und Erkennen interessiert ist - gegen jede Auf­
spaltung in 'Vermögen', gegen eine Aufteilung in ein wertendes Oben und Unten der
Fähigkeiten. Hier wird nicht die Frage "nach der Einheit des ( ... ] von seiner Humani­
tät entfremdbaren Menschen"233 von Herder gestellt, die Einheit des Menschen wird
vorausgesetzt. Herders Untersuchung der Beschaffenheit und Leistung der Sinne und
des analogon rationis ist dabei bedingt durch seine Opposition gegen schulphilo­
sophische und - später - 'kritische' Abstraktionen. Herders 'Irrationalismus' ist kein
ahistorischer Mystizismus. Durchaus definiert er, so wäre gegen Nivelle zu sagen,
"seine Grundposition, von der aus sich seine Urteile klären könnten". Er verfährt
nicht in einem landläufigen Sinne "intuitiv", reagiert keineswegs "unmittelbar auf das

m A.a.O., S. 24.
228 A.a.O., S. 25.
2:19 Ebd. Lessings Prägnanz-Gebot wird hier bis in die Formulierung hinein beibehalten.
ZlO A.a.O., S. 23.
231 A.a.O., S. 35.
232 SWS IV, S. 443 (Journal meiner Reise).
233 Gaier: Poesie als Metatheorie, S. 209.
Haptik und Skulptur, Optik und Malerei 125

jeweilige einzelne Problem, ohne eine Methode, ein Beurteilungsprinzip ausdrück­


lich einzuführen."234 Herders 'Irrationalismus' ist die fruchtbare Opposition gegen
bestimmte historische Vorkommensformen des Rationalismus, anders gesagt: Herders
Kritik besteht in der Historisierung des Rationalismus.

C. Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen

Die Poesie ist nach Herder, im Unterschied zu Musik, Malerei und Bildhauerkunst,
nicht aus einem Sinn(esorgan) zu erklären, gleichwohl hat sie 'Organe': Phantasie
und Dichtungsvermögen. Sind Maler und Bildhauer durch die für ihre Kunst spezi­
fischen Sinne eingeschränkt, so kennt der Dichter, wie Herder noch in der "Plastik"
schreibt, "gar keine Grenzen, als die ihm der Flug seiner Phantasie und die Schöp­
fersmacht, die in ihm wohnet, zeichnen."235
In der Hierarchie der Künste setzt Herder von den frühen Schriften an die Poesie
an die oberste Stelle. Im "Plan zu einer Aesthetik" teilt er in der 'objektiven' Ästhetik
das Schöne in eines für den optischen Sinn und eines für den akustischen Sinn. Das
Schöne für den optischen Sinn umfaßt Natur und Kunst, wobei die Natur das "Origi­
nalschöne" stellt, das, sinnen- und medienspezifisch fa!;onniert, als besonderes Schö­
nes das Spezifikum der Künste ausmacht. Die Künste wiederum stehen in einem
Fundierungsverhältnis, dergestalt, daß die Bildhauerei auf der Baukunst, die Malerei
auf der Bildhauerei und die Tanzkunst auf allen vorhergehenden fußt, letztere mit
dem spezifischen Unterschied, daß sie "schon Leben voraussetzt"236• Nach der Musik
schließlich führt Herder die Poesie an. Sie ist die Kunst der Künste, insofern sie das
Besondere jeder anderen Kunst nachzuahmen imstande ist.
Die Zuordnung zu den Sinnen ist hier ( ca. 1766237) zwar noch nicht so differen­
ziert, wie an der Unterordnung der Bildhauerei unter den optischen Sinn zu sehen
ist, die Poesie jedenfalls ist keinem Sinn(esorgan) zugeordnet. Diese Tatsache macht
sie in Herders Sicht frei für die Assimilation der Sinnesleistungen. Im "Ganzen" ahme
die Poesie dey-238 Tanzkunst nach, im "Teif' der Malerei, im ''Ausdruck" der Musik und
in der "Form" der Baukunst. Dieses ist Herders frühe Gegenstandsbestimmung der
Poesie, oder, wie Herder genauer schreibt, der Poesie "als sinnliche Wissenschaft".239
"Wissenschaft" ist an dieser Stelle in der älteren Bedeutung von "Wissen" aufzufas­
sen, übersetzt als "cognitio", so daß "sinnliche Wissenschaft" den Diskurs der Poesie
als ästhetische Erfahrung und Praxis meint: cognitio sensitiva.
Die "Wissenschaft"240 der Poesie - Herder meint an dieser Stelle "scientia" -, die
Poetik, grenzt Herder, seiner Kritik an Baumgartens "ars pulcre cogitandi" treu,

234 Armand Nivelle: Kunst· und Dichtungstheorien zwischen Aufklärung und Klassik. Berlin 1960,
S. 137f.
235 SWS VIII, S. 77.
236 FHA I, S. 669 (Plan zu einer Aesthetik).
zn Vgl. Gaiers Kommentar zur Datierung in FHA I, S. 1261.
Zl8 Ich unterscheide mit Herder zwischen "Nachahmen" als Transitivum und Intransitivum, um das
Nachbilden nicht der Resultate, sondern der Verfahren der Künste zu akzentuieren. Vgl. SWS III, S. 83.
230 FHA I, S. 669 (Plan zu einer Aesthetik).
240 Ebd.
126 Herders Ästhetik-Entwurf

scharf davon ab. Als metasprachlicher Diskurs hat die Poetik klare und deutliche
Begriffe zum Ziel. Im "Ganzen" setzt sie das allgemeine philosophische Wissen vom
analogon rationis, im "Teif' die Optik, im ''Ausdruck die gemeine Grammatik" und in
der "Form [ ... ] die gemeine Logik" voraus241• Auch hier wird am Parallelismus der Zu­
ordnungen deutlich, daß Herder im Expose großen Wert auf Systematik legt242• Als
poetologisches Pendant zur nachgeahmten Tanzkunst setzt Herder die "Metaphysik
des analogon rationis" voraus; der Malerei korrespondiert die Optik; der Musik "die
gemeine Grammatik" und den poetisch nachgeahmten Qualitäten der Baukunst -
"Eurythmie und Symmetrie" - entspricht als Voraussetzung des metasprachlichen
Diskurses die ''gemeine Logik", die nicht die 'szientifische, artifizielle' ist243•
Damit hat Herder zwar in systematischer Form grundsätzlich Auskunft gegeben
über sein Verständnis von Poesie und über die Grundlagen einer Poetik, er hat aber
keinen Entwurf einer systematischen Poetik geliefert. Die Poesie als mediale Trans­
position von Qualitäten derjenigen Künste, die in Sinnesleistungen ihren Bestim­
mungsgrund haben, in Leistungen der Einbildungskraft, bedarf, um philosophisch be­
schrieben werden zu können, gewisser vorausgesetzter Kenntnisse. Mehr sagt Herder
an dieser Stelle nicht. Denn ein System der Poetik kann es erst dann geben, wenn
eine Untersuchung des Vorkommens von Poesie und dessen Entstehung geleistet
worden ist: ohne cognitio historica keine cognitio philosophica, vor allem dann nicht,
wenn es nicht um die ratio, sondern um deren analogon, nicht um die philosophische,
sondern um die "gemeine Grammatik" und nicht um die szientifische, sondern um die
''gemeine Logik" geht. Keinen Poetiker und Poetologen, nicht Crousaz, Batteux, Gott­
sched, Bodmer, Breitinger oder andere nennt Herder Herder hier als Autoren, aus
denen Wissen für den Bau einer neuen Poetik zu schöpfen wäre. Rousseaus "Emile",
Reimarus' "Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere", Krügers "Natur­
lehre", Hornes "Elements of Criticism", Hutchesons "Inquiry into the Original of our
ldeas of Beauty and Virtue", Morellys "Physique de Ia beaute", Winckelmann, Cru­
sius und Addison nennt Herder, von Baumgartens "Metaphysica" zu schweigen: alle­
samt Autoren, deren Auswahl herausstreicht, daß Herders "Untersuchungslogik" auf
eine grundsätzliche Revision von Ästhetik und Poetik abzielt. Die Eigentümlichkeit
der Poetik ist in eigentümlichen Fähigkeiten des Menschen begründet. Herders pro­
grammatische Forderung besteht auch in bezug auf die Poetik darin, daß der Poeti­
ker wie der ''Aesthetiker'' "im verborgensten Grunde der Seele", im fundus animae,
"graben" solle244•
Die unerläßlichen Prolegomena der Herdersehen Poetik sind also psychologischer
und, weil die Seele und ihre Organe eine Geschichte haben, genetischer Art.
Schließlich, weil die Kenntnis von der Geschichte der Seele an die Bedingungen
menschlicher Möglichkeiten zum Wissenserwerb gebunden ist, ist permanente
Selbstreflexion nötig, die das Wissen konturiert. Die Herdersehe Ästhetik und Poetik
ist gebunden an gnoseologisch-ästhetische Reflexionen, die das Wissen von der

24 1 Ebd.
242 Vgl. Gaiers Bemerkung zu Herders Umgang mit der "tabellarischen Methode", FHA I, S. 1244.
243 Vgl. FHA I, S. 669.
"" FHA I, S. 671 .
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 127

Aisthesis in der Aisthesis des Wissens brechen. "Gnothi sauton" im menschheitsge­


schichtlichen Maßstab ist die Maxime zu diesem Vorhaben.
Die Geschichte der Dichtkunst ist also Bestandteil des Systems der Dichtkunst,
und zwar nicht so, daß die Geschichte ein Teil oder eine 'Abteilung' innerhalb des
Systems wäre, sondern so, daß die Geschichte der Poesie konstitutiv für die Poetik ist.
Diesen Zusammenhang meint Herder, wenn er sich auf Winckelmanns Vorhaben
beruft, auf der Grundlage der Geschichte der Kunst den "Versuch eines Lehrgebäu­
des [sc. der Kunst] zu liefern."245 Ein "deutscher Wmckelmann"246 der Poesie sollte
sich nach Herder von dem 'griechischen' dadurch unterscheiden, daß er nicht nur
Philologe, Philosoph und Kritiker, möglicherweise sogar Dichter247, sondern in allen
diesen Eigenschaften Komparatist sein solle. Die Poesie der Vergangenheit kennen
(Philologe), in ihren Bedingungen und aus ihren Verhältnissen erklären (Philo­
soph/Ästhetiker) und sie beurteilen (Kritiker), um die Dichtung der Vergangenheit
in ihrer Alterität aufzunehmen und sie dann mit der Dichtung und deren Bedin­
gungen in der Gegenwart zu vergleichen - das wäre die Aufgabe des Winckelmanns
der Poesie.
Die A/terität des Vergangenen zu erschließen, setzt Herder als wichtigste Aufgabe
an, deren Lösung in der Erkenntnis der Gegenwart, das heißt, im Erschließen der
Identität, besteht. 'Nachahmung' von hoch bewerteten Kulturleistungen der Vergan­
genheit ist deshalb für Herder ein strukturaler Begriff. Nicht die Nachahmung der
Produkte ist gemeint, sondern Nachahmung der Art und Weise, wie die je raumzeit­
lichen Bedingungen der Dichtung zur Dichtung selbst ins Verhältnis gesetzt wurden,
derart, daß Kunst und Dichtung dem Stand der Entwicklung des Menschen angemes­
sen sind. Damit sind Dichtung und Kunst als individuelle, nämlich historisch und to­
pographisch determinierte, nicht zu anderen Zeiten oder an anderen Orten
reproduzierbare Kulturleistungen bestimmt. An der Alterität des an anderem Orte
Vergangenen profiliert sich das Hic et Nunc des Betrachters, der in der Erfassung
der Alterität die gegenwärtigen Möglichkeiten zur Kunstschöpfung sondiert und in
der Reflexion bereitstellt.
Der Verbindlichkeit des Nachahmungsbegriffs ist damit ein wesentliches Element
genommen: das der Reproduktion. Weder die vergangenen Bedingungen der Kunst
und Literatur, noch sie selbst als Produkte sollen reproduziert werden, sondern de­
ren gelungenens Verhältnis zueinander. Wenn aber beides, Produkt und
Bedingu ngen, sich zur Unvergleichbarkeit, zur jeweiligen Individualität, verändert,
dann ist der Nachahmungsbegriff selbst obsolet geworden. Herders Begriff der
"Nachahmung unsrer selbst"248 ist ein deutlicher Beleg dafür, denn er meint die
ästhetische Umsetzung der geschichtsphilosophisch begründeten Erkenntnis, daß die
Geschichte in der Entfaltung von qualitativer Vielfalt ihr Ziel hat. Poetologisch ge­
wendet: Dichtung hat die jeweilige Gegenwart im Ausdruck zur Anschauung zu brin­
gen. Wie jedes historische Phänomen ist sie an die Tradition gebunden, ihr aber nur
insofern verpflichtet, als sie aus ihr das auswählen kann und muß, was erforderlich

.., Winckelmann: Geschichte der Kunst, S. 9.


246 FHA I, S. 310 (Fragmente II).
247 Vgl. a.a.O., S. 311.
248 Ebd.
128 Herders Ästhetik-Entwurf

ist, um der Aufgabe der Gegenwart gerecht zu werden. Nachbildungen der Griechen
sind für Herder möglich, und unter bestimmten Bedingungen auch erstrebenswert.
Sie sind aber nicht, wie für Winckelmann, der Weg, um die Kunst (und die ge­
sellschaftliche Entwicklung) zu ihrem Höhepunkt (zurück-)zuführen. Die Nach­
bildungen sollen "unsrer Zeit gemäß"249 sein. Es mag sein, daß Herder, wie auch an­
dere, aus pragmatischen Gründen am Nachahmungsbegriff festgehalten hat, und sei
es auch in signifikanten Variationen, wie der der Nachbildung. Gemeint ist jedenfalls
vom Konzept her das tätige Element der Entfaltung der Gegenwart in der Kunst -
analog zur Kraft, die in der Geschichte als Wirkung, artikuliert in Phänomena, zur
Anschauung kommt.
Seine Versuche zur definitorischen Bestimmung der Poesie unternimmt Herder
wiederholt ausgehend von Baumgartens Satz: "oratio sensitiva perfecta est poema".
Die Faszination, die die Prägnanz dieser Definition auf Herder ausübt, ist beträcht­
lich, was deshalb bemerkenswert ist, weil es sich hier nicht um eine Art sinnlicher,
sondern theoretischer Prägnanz handelt. Nicht empfindungsschwanger oder schwan­
ger von Gefühlen ist ihm der Satz, sondern "schwanger von Gedanken"250, gewisser­
maßen eine Poetica in nuce - 'bündig', 'reich', mit der "Energie des Hauptworts" ver­
sehen, eine "Metaphysische Hauptformel" die durch "Kürze, Bestimmtheit und Voll­
ständigkeit" sich auszeichnet251• Diese "deutliche complete Idee [ ... ) ist ein Gesichts­
punkt aufs Ganze der Scienz und der Punkt, aus dem sich alle Kettenreihen von
Axiomen, Sätzen, Beweisen und SchiüBen anfangen ... "252• Der anregende Reichtum
des "Dollmetschers der Seele"253, wie Herder Baumgarten lobend nennt, nötigt ihm
ohnehin einen "kleinen Schauder der Ehrfurcht" vor den "Erstlingen eines Geistes"254
ab, womit Herder seiner Hochschätzung der Prägnanz eine grundsätzlich anthropo­
logische Dimension gibt. Nicht nur andere255, auch sich selbst bezieht Herder in
diese Dimension mit ein, in einer Auslegung, die, worauf Rene Wellek aufmerksam
gemacht hat, eine Spannweite der Sinnlichkeit bis zum Sexuellen deutlich werden
läßt256• 1765, zur Zeit der Abfassung der Odenabhandlung, schreibt Herder an Ha­
mann, daß seine Gedanken rasch hervorgetriebene Schößlinge seien, Blüten, die die
Frucht in sich enthielten. Dann wird er konkreter: "Stellen Sie sich meine Pein vor,
die ich haben muß, um einen Gedanken auszubilden, zehn jüngere zu verlieren; u.
hingegen die Zeugungsbrnnst eines Schriftstellers, der was er säet, Menschen, u. was
er schreibt, G�danken werden sieht. Ein Jüngling wird blos Vater, um sein selbst wil­
len, weil die Brunst des Thiers ihn treibt [ ... ). Ich mag mit Kalibanen des Sha-

249 A.a.O., S. 323.


250 FHA I, S. 690 (Baumgartens Denkmal).
"'' SWS IV, S. 132f. (4. Kritisches Wäldchen).
"'2 A.a.O., S. 133.
253 Ebd.
"" FHA I, S. 682 (Baumgartens Denkmal).
255 In seinem "Denkmahl Johann Winkelmanns" (1777) schreibt Herder zu Winckelmanns "Gedanken
über die Nachahmung": "Unter allen Schriften Winckelmanns wird diese an Salbung und blühendem Ju­
gendgeist wenigstens für mich immer die Erste bleiben: so wie gewissermaasse immer das Erste Werk
eines Menschen sein bestes seyn wird." (SWS VIII, S. 451) Eine Variante (ebd., Anm.) unterstreicht den
prinzipiellen Charakter der Aussage .
.,. Rene Wellek: A History of Modern Criticism: 1750-1950. Bd. 1. London 4 1961, S. 150.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 129

kespears, oder mit Puppen die Welt bevölkern, ich will nicht umsonst Mann seyn."257
Ohne einem psychogenetischen Reduktionismus das Wort reden zu wollen, kann
man festhalten, daß die Prägnanz für Herder auch existenzielle Bedeutung hat, die
mit den Affektationen der Stürmer und Dränger nur äußerlich Ähnlichkeiten auf­
weist.
Nun ist Herder grundsätzlich nicht derjenige, der aus einer Definition ein Phäno­
men ableitete. Eine philosophisch-deduktive Poetik kommt für ihn nicht in Frage.
Ebensowenig sind normative Regelpoetiken für ihn akzeptabel. Beide Ablehnungen
erfolgen aus einem Grunde: weder eine Definition des Gedichts, noch ein Regelkor­
pus für alle Gedichte können der Dichtung in ihren Einzelvorkommen gerecht wer­
den, so daß eine generelle Definition defizitär in ihrer Reichweite und ein Regelkor­
pus exklusiv in der Extension des 'Geregelten' sein muß. Stattdessen proklamiert
Herder das Ideal eines "triceps"258, von dem er sich den adäquaten Diskurs über die
Literatur verspricht, als "Kenner des Altertums", als "dichterischer Philolog" und als
"Weltweiser''259, deren Rollen er zum Teil übernimmt und in der Funktion des Kriti­
kers zusammenzieht. Nützlich soll der Kritiker sein, für den Leser, den Autor und
die Literatur selbst: "Dem Leser erst Diener, denn Vertrauter, denn Arzt. Dem
Schriftsteller erst Diener, denn Freund, denn Richter; und der ganzen Literatur ent­
weder als Schmelzer, oder als Handlanger, oder als Baumeister selbst."260 Den Leser
regt er an und verordnet seinem verdorbenen Geschmack eine "ordentliche Kur".
Dem guten Schriftsteller steht er mit Rat und Hilfe zur Seite, dem schlechten macht
er Vorschriften. Der Literatur gegenüber ist er Philosoph der Literatur, "Mitbürger"
in "Beziehung auf das Reich der Wissenschaften"26\ eine Art sentimentalische
Schwundstufe des Schriftstellers, der nun "bei den Rezensionen die Schattenlänge
seiner untergehenden Autorschaft" zeichnet, wie Herder eindrucksvoll formuliert.
Damit ist die Literaturwissenschaft bestimmt als Sciagraphie262, als Schattenriß, der
die metasprachliche Projektion, nicht das objektsprachliche Original gibt. Das "Jour­
nal"263, als das Herder sich seine "Fragmente" dachte, ist somit auch eine Art Höhle
Platos, mit einem Trost freilich: der Schattenriß bietet die Möglichkeit, die Trümmer
zu einem Bau, zu einem System zusammenzufügen. Das wäre der neue, philosophi­
sche 'Kontinent'264, das "ganze und vollendete Gemälde über die Literatur"265, nicht
Teile dazu, sondern "eine Geschichte der Literatur", und nicht nur "Memoirs"266 dar­
aus, kurz: eine systematische Literaturgeschichte, deren 'System' auf einem philoso-

257 Herder an Hamann, Riga, Juli 1765. HB 1, S. 46f.


2S8 FHA I, S. 98 (Fragment über die Ode).
""' Ebd.
260 A.a.O., S. 266 (Fragmente II).
261
A.a.O., S. 268.
262 Vgl. Baumgartens aus dem Nachlaß herausgegebene "Sciagraphia Encyclopaediae philosophicae.
Edidit et praefatus est loh. Christian Foerster. Halle 1769.
263 FHA I, S. 170 (Fragmente 1).
264 "Nicht Kolom, der hier eine Insel und dort eine erfand, sondern der ans feste Land trat, gab der
neuen Welt seinen Namen" heißt es zum Schluß des Absatzes, FHA I, S. 268 (Fragmente II). - Daß es
sich nicht, wie Haym meinte, um "gesuchte Bilder" handelt, dürfte nun deutlich geworden sein. Vgl.
Haym I, S. 136.
265 FHA I, S. 170 (Fragmente 1).
266 A.a.O., S. 163.
130 Herders Ästhetik-Entwurf

phisch fundierten Literatur- und Geschichtsbegriff aufruht Der scheinbar nebenher


genannte Begriff der "Memoirs" verdient eine eingehendere Betrachtung.
Die "Memoirs"267, von denen Herder hier im Gegensatz zu einer "Geschichte der
Literatur" spricht, sind mehr als "Bericht, Abhandlung" für eine wissenschaftliche
Gesellschaft268, auch mehr als eine "Denkschrift"269. "Memoire" ist ein Typus der Ge­
schichtsschreibung. Sulzer unterschied in seinem "Kurzen Begriff" "zwey Hauptarten"
der Geschichte, die er noch "Historie" nennt: die "förmliche Historie" und die "Bey­
träge zur Historie". Die "förmliche Historie" "erhält die Begebenheiten in ihrem Zu­
sammenhang" und "beschreibt deren Ursachen und Folgen." "Alles was sie erzählt
muß dahin abzielen, deutliche und richtige Begriffe von der allgemeinen Beschaf­
fenheit der Staaten und von den innerlichen und äusserlichen Ursachen und Verän­
derungen in denselben zu geben." Sie erfaßt nur das als relevant Erkannte. "Ein ei­
gentlicher Geschiehtschreiber beobachtet die Maxime eines guten Portraitmalers [sc.
der das Charakteristische hervorhebt]. Eine solche Historie ist ein Gemälde, in wel­
chem alles so angeordnet ist, daß ein Ganzes heraus kömmt, dessen Theile ordent­
lich zusammen hangen:mo
Unschwer zu erkennen, daß dieser Typus der Geschichtsschreibung der cognitio
philosophica verpflichtet ist, der Erkenntnis der Ursachen und Zusammenhänge, die
aus der kontingenten Abfolge der Ereignisse nicht eine, sondern die Geschichte im
'Kollektivsingular'271 zu erstellen ermöglicht. Das 'Gemälde' der "förmlichen Histo­
rie" Sulzers ist philosophisch grundiert. Herders Plan vom "ganzen und vollendeten
Gemälde über die Literatur"272 ist eine geschichtsphilosophisch begründete Litera­
turgeschichte, was vom Titel, vor allem aber von den Untertiteln her - "Erste [usw.]
Sammlung von Fragmenten. Eine Beilage zu den Briefen, die neueste Literatur be­
treffend"273 - nicht zu erschließen ist.
Daß Herder die Vorlage, die "Briefe, die Neueste Literatur betreffend", als
"Trümmer" bezeichnet, aus denen er mit seinen Beilagen einen Bau aufzuführen ge­
denke, macht zwar deutlich, daß der statt des Stückwerks ein Ganzes haben möchte
und deutet somit den Anspruch auf ein System an. Daß dieses System aber ein ge­
schichtsphilosophisches Fundament haben solle, wird erst recht deutlich, wenn neben
der "Geschichte der Literatur" die "Memoirs" erwähnt werden. Sie sind Sulzers
zweite "Hauptart" der Geschichtsschreibung, die "Beyträge zur Historie", denen er

'1GI Nivelle: Kunst- und Dichtungstheorien, S. 148, erwähnt den Ausdruck nur en passant.
268 So Gaier in seinem Kommentar, FHA I, S. 1020. Gaier leitet das Wort aus dem Französischen
her.
"" So Regine Otto im Kommentar zu ihrer Ausgabe der Fragmente, S. 709. Otto leitet das Wort aus
dem Englischen her. - Ohne den Terminus zu erkennen, kommt Anton Katban dem Gemeinten mit der
Umschreibung "einzelne Geschichten" näher, bleibt aber bei der weiteren Erläuterung der Metaphern
weitgehend in Paraphrasen stecken. Vgl. Anton Kathan: Herders Literaturkritik. Untersuchungen zur
Methodik und Struktur am Beispiel der frühen Werke. Göppingen 1969 ( Göppinger Arbeiten zur
=

Germanistik. Nr. 6), S. 57ff., 62ff. (zu "Memoirs": S. 57) .


m Sulzer: Kurzer Begriff e 1759], § 33, S. 27f.
271 Vgl. zu dem Begriff Reinhart Koselleck [u.a.]: "Geschichte, Historie". In: Geschichtliche Grund­
begriffe. Historisches Lexikon zur politischen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner
Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 593-717, hier: S. 647ff.
272 FHA I, S. 170.
273 Hervorhebungen von mir; HA.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 131

die französische Entsprechung beifügt: "Memoires"274• Sie bestehen aus Erzählungen


von Begebenheiten, deren Auswahl und Zusammenhang nicht einer Prüfung ihrer
Relevanz unterzogen worden sind. Sulzer nennt Augenzeugenberichte und Berichte
von Zeitgenossen. Sie "dienen der eigentlichen Historie zu Materialien"275•
Eine der besten Literaturzeitschriften jener Zeit zum Material für eigene Vorha­
ben zu erklären und sie philosophisch gewissermaßen zu degradieren276, um die ei­
genen "Beilagen" zur "eigentlichen Geschichte" zu erheben - das ist allemal ehrgeizig
zu nennen, vor allem aber - was Emil Staiger entgegenzuhalten ist - ein besserer
Grund dafür, diese "Fragmente" anonym erscheinen zu lassen, als die Vermutung,
Herder sei mit einer "Kritik der Kritik, dem Mittelbarsten, was sich als literarisches
Genus vorstellen läßt [ . .. ] aus Ängstlichkeit" und um sich "keine Blöße"277 zu geben,
nicht namentlich an die Ö ffentlichkeit getreten. Die "Kritik der Kritik" war so margi­
nal nicht: 1764 war Iselins, 1765 Voltaires Geschichtsphilosophie erschienen. Ende
1766, mit dem Datum 1767, erschien Herders Entwurf einer geschichtsphilosophisch
fundierten Literaturgeschichte, die keineswegs nur als ergänzender Kommentar zur
Kritik der damaligen Großkritiker gelesen sein wollte, sondern als Gegenentwurf auf
gleichem Niveau, aus dessen eigener Sicht das Verhältnis sich sogar umkehren ließ
und die Literaturbriefe als "Beilagen" zu den "Fragmenten" erschienen278•
Im Zusammenhang unserer Untersuchung ist aber weniger das Verhältnis der
"Fragmente" Herders zu den Literaturbriefen von Bedeutung, als vielmehr die Folge­
rungen, die sich aus Herders programmatischen Äußerungen für seinen Poesiebegriff
ziehen lassen. Herder selbst zieht für die "Fragmente" den Schluß, daß zum einen der
Begriff der "Literatur" sehr weit zu fassen sei, nämlich alles meine, was als sprachli­
che Artikulation, objekt- wie metasprachlich, zum Ausdruck komme. Zum anderen
folgert er, daß Aussagen über Literatur aus ebenso komplexen Wissensgebieten ge­
speist werden müssen, wie die Literatur aus Erfahrungsbereichen angeregt und durch
ihr Medium bestimmt werde. "Sprache, Geschmackswissenschaften, Geschichte und

274 Sulzer: Kurzer Begriff [2 1759), § 34, S. 29. - Vgl. den Abschnitt "Denkwürdigkeiten (Memoires)" in
der "Adrastea", 2. Bd. (1801) in SWS XXIII, S. 220ff.
:ru Sulzer (s. vorige Anm.).- Außerdem erwähnt Sulzer "Tagesregister und sogenannte Akten der öf­
fentlichen Verrichtungen", Details ohne Zusammenhang und sogenannte "critische" Beiträge. A.a.O.,
s. 29f.
276 Hier ist zu unterscheiden. Im Zusammenhang der "Fragmente" stehen die "Memoirs" in Opposi­
tion zum geschichtsphilosophisch begründeten "ganzen Gemälde". Insofern findet eine Herabsetzung
statt. Das ist aber keine Entwertung, denn, abgekürzt: ohne 'Trümmer' kein Bau. Im "Denkmahl Johann
Winckelmanns" (1777) stehen die "Memoirschreiber" in Opposition zu den "Geschichtschreibern", die
die Geschichte in ein System zwingen, sie, wie Herder sich anschaulich ausdrückt, "am Bratwender von
drei Philosophischen Abstraktionen" wenden. In diesem Zusammenhang werden die "Memoirs" wegen
ihrer Authentizität geschätzt, die eigentlich die Tugend der Geschichtsschreibung ausmache. Die 'Sy­
stemgeschichtschreibung' verfällt der bekannten Kritik Herders an der Schulphilosophie, mit der provo­
kativen Variante, daß sie als subjektivistische (!) Verzerrung der Data und Fakta kritisiert wird. Herders
geschichtsphilosophische Fundierung wird auch in dieser kritischen Absetzung deutlich.
m Emil Staiger: Der neue Geist in Herders Frühwerk. In: E.S.: StilwandeL Studien zur Vorge­
schichte der Goethezeit. Zürich und Freiburg i.B. 1963, S. 121-173, hier: S. 124.
278 Haym deutet die Intention Herders in der richtigen Richtung aus, wenn er dessen Fragmente als
'Weiterführung' der Literaturbriefe sieht, hat auch die literarhistorische Perspektive Herders, nicht aber
dessen Postulat einer geschichtsphilosophischen Grundlage erfaßt. Vgl. Haym I, S. 123-127, 132-137,
insbes. S. 134ff.
132 Herders Ä sthetik-Entwurf

Weltweisheit sind die vier Ländereien der Literatur, die gemeinschaftlich sich zur
Stärke dienen, und beinahe unzertrennlich sind."279
Das sind die Bereiche der Literatur als Gegenstand der Kritik, ein Programm, das
Herder in den "Fragmenten" bekanntlich nicht erfüllen konnte. Gleichwohl ist er sei­
nem eigenen Anspruch immer wieder gefolgt, in den "Fragmenten" und schon vorher,
programmatisch-entwerfend, sowie in der Sprachursprungsschrift und in seiner Aus­
einandersetzung mit Baumgarten, dann in den Kritischen Wäldern, der Bückeburger
und Weimarer Geschichtsphilosophie, den "Zerstreuten Blättern", der "Metakritik"
und "Kalligone" - um nur einige Schriften zu nennen, die sich schwerpunktmäßig den
"vier Ländereien" zuordnen lassen und die somit als 'Entfaltung' der programmati­
schen Keime, als 'Ausmalung' der Zeichnung angesehen werden können. Die Weite
des Herdersehen Literaturbegriffs macht auch für den Begriff der Poesie deutlich,
daß zur Analyse von Poesie philologisches, ästhetisches, historisches und philosophi­
sches Wissen - und zwar im Verbund - aufgebracht werden muß. Der Komplexität
des Wissens korrespondiert die Komplexität des zu analysierenden Gegenstandes.
Problematisch ist bei diesen Vorüberlegungen Herders immer der Verbund der
Ländereien zu einem 'Kontinent'. Dieses Problem aber ist als solches selbst das
Neue. Geschichte soll nicht zur Vorstufe des Wissens degradiert werden und nicht in
ihrer Vielfalt durch ein System reduziert werden. Psychologie soll nicht von einem
Begriff des Menschen aus entworfen werden, sie soll die vorkommenden 'Wirklich­
keiten' des Menschen sondieren. Ästhetik soll nicht von einer Schönheitsdefinition
ausgehen, sondern alle Vorkommensformen erfassen. Poetik soll Poesie nicht regeln,
sondern von der Poesie reguliert werden, in dem Sinne, daß Objekt- und Metaspra­
che wieder in das richtige Verhältnis gesetzt werden, und dieses richtige Verhältnis
ist genetisch. Als 'begriffen' gilt nun die Einsicht in die historische Ursache-Wirkungs­
Beziehung, die ihr argumentatives Gewicht nicht zuletzt daher bezieht, daß sie als
polemische Kontrafaktur zur logisch-genetischen Erklärung verstanden werden kann.
Ist die cognitio philosophica die sichere Erkenntnis aus sicheren Grundsätzen, also
die geregelte Ableitung von Phänomenen aus Prinzipien, so ist Herders cognitio 'hi­
storica' zu verstehen als Gewißheit aus Erfahrungen. 'Polemisch' ist diese Kontrafak­
tur deshalb, weil Herder in der zeitgenössischen Philosophie die Tendenz zu intellek­
tualistischen und rationalistischen Hybridbildungen erkannt hat, gegen die er sich
wendet. Seine Schlagworte sind: Einfachheit, Erfahrung, Geschichte.
Herders "Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst" beginnt mit folgen­
den Worten: "Eines von den angenehmsten Feldern, auf welche sich die menschliche
Neugierde sehr gerne verirrt, ist dies: den Ursprung dessen, was da ist, zu erkennen.
So bald wir uns nur etwas wahrscheinlich mit dem süßen Traume ergötzen können,
die Beschaffenheit einiger Gegenstände zu wissen: so steiget unsre Wißbegierde
noch immer unbefriedigt weiter: sie verfolgt ihren Weg bis in die dunkelsten Zeiten,
um in ihnen den Anfang der Dinge entweder historisch zu erfahren, oder philoso­
phisch zu erklären, oder wahrscheinlich zu mutmaßen."280

:m FHA I, S. 172 (Fragmente 1).


,., HW I, S. 9. Der Text erschien zum ersten Mal 1846. Die Datierung ist umstritten. Suphan setzt
-

1764 (SWS XXXI I I, S. 41), Proß setzt mit Haym (1, S. 117) 1766/67 (HW I, S. 696), Gaier setzt 1766
(FHA I, S. 933) an.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 133

Diese Passage, die Herder fast wörtlich in der zweiten Ausgabe der ersten Frag­
menten-Sammlung wieder aufnimmt28\ exponiert grundsätzlich drei Möglichkeiten,
historische Ursachen zu erschließen: als cognitio historica, als cognitio philosophica
oder als, wie analog zu übersetzen wäre, 'cognitio poetica', "dichterisch [ ... ] mut­
maßen"282, wie es in den "Fragmenten" dann heißt. Das Interesse am Ursprung sei
nicht nur einem Unterhaltungsbedürfnis zu verdanken, sondern ein notwendiges
Element des Wissenserwerbs, denn jedes Ding habe seine Geschichte und jede Ge­
schichte einen Anfang. Da die Geschichte eines Gegenstandes die Geschichte seiner
Entstehung, Entfaltung und Veränderungen sei, so bekomme man nur eine Vorstel­
lung von dem Gegenstand als einem Ganzen, wenn jedes Stadium der Veränderung,
die ganze Geschichte, und mit ihr also der Ursprung bekannt sei. Da aber kein Ge­
genstand ohne Ursprung sei und jede Entfernung vom Ursprung bereits eine Frag­
mentierung impliziere, komme der Erkenntnis des Ursprungs als der prägnanten
Origo des Gegenstandes eine ausgezeichnete Bedeutung zu. Eine Erkenntnis eines
Gegenstandes, die in der Kenntnis seiner ganzen Geschichte besteht, nennt Herder -
hier wohl erstmalig - ''genetisch"283•
Es ist bezeichnend für Herder, so meinen wir, daß er dieser methodologischen
Präambel einen Text zur Entstehung der Dichtkunst folgen läßt, den er als "Beispiel"
bezeichnet. Am Beispiel der "Geschichte der lyrischen Dichtkunst" wird der "Ver­
such" demonstriert, ob und unter welchen Bedingungen genetische Erklärungen ge­
führt werden können und ob es sich überhaupt lohne, solcherart Erklärungen zu su­
chen. Einerseits besteht dieser Text nun in der Diskussion vorliegender Thesen zur
Mythen-, Fabel- und kulturhistorischen Forschung284• Andererseits aber geht es für
Herder um die grundsätzliche Erörterung der Möglichkeiten einer genetischen Er­
klärung, bei der die Ode eines unter vielen möglichen Beispielen ist. Anders gesagt:
nicht die lyrische Dichtkunst ist der Hauptgegenstand, sondern der "Versuch".
Die Wahl der lyrischen Dichtkunst zum Gegenstand des Exemplums ist indessen
nicht beliebig, denn sie ist für Herders Zeit und Absicht hervorragend geeignet zum
Exempel, das mehr als es selbst ist, ein 'Fall', der als Beleg auf einen allgemeinen
Sachverhalt verweist285• Ohnehin kommt das exemplarische Verfahren der Herder­
sehen Intention entgegen, weil das Exemplar als das Individuelle der Erfahrung prin­
zipiell angemessener, 'bequemer' ist als das Allgemeine. Auf theoretische Abhand­
lungen übertragen, bedeutet dies, daß ein Exempel mit der Vielheit seiner Merkmale
allgemeine Sachverhalte im Einzelnen belegt oder veranschaulicht, das heißt, im ex­
tensiv klareren Fall die ästhetische Grundlage zur Analogiebildung über das inge­
nium sensitivum darbietet.
Jeder Ursprung, schreibt Herder, liegt im Dunklen verborgen, und keine Nach­
richt über ihn kann Zeuge des Ursprungs selbst sein. Zudem ist der Ursprung einer

281
Vgl. FHA I, S. 601.
282 Ebd.
283 HW I, S. 10. Die Einschränkung ist erforderlich, weil der Nachlaß Herders zum größten Teil noch
unveröffentlicht ist.
284 Vgl. den Kommentar von Wolfgang Proß in seiner Ausgabe, HW I, S. 693-724.
210 Vgl. Baumgartens Defmition in seinen "Meditationes", auf deren Neuheit er eigens hinweist:
"EXEMPL VM est repraesentatio magis detenninati ad declarandam repraesentationem minus detenninati
suppeditata. • (§ 21)
134 Herders Ästhetik-Entwurf

Sache nicht die Sache selbst, die immer erst wird: "sie war unmerkwürdig"286, im An­
fang winzig und der Admerksamkeit derart entzogen, daß zu einer Dokumentation
keine Veranlassung gegeben schien. Spekulationen kompensieren das Defizit an
Aufmerksamkeit im Nachhinein. Rasch skizziert Herder ein Modell der kulturellen
Entwicklung, ein Modell immerhin, an dem er im weiteren festhält, und in dem die
Kritik an seinem Zeitalter aufbewahrt ist: "So ist's mit den größten Dingen bei ihrem
Ursprunge gewesen: sie waren elende Versuche, schlechte Spiele; aus ihnen wurden
ziemlich spät Handgriffe, aus diesen noch langsamer Künste, aus der Kunst wurden
sehr spät Regeln abgezogen; diese Regeln erst nach vielen Zwischenräumen zu einer
WISsenschaft erhoben; nun will man, um die Wissenschaft auszuführen, das Ganze
übersehen - wo ist aber der Ursprung? der Faden ist verloren."287
Bevor aber eine Sache in die Erscheinung tritt, wird sie gezeugt, hat "der Same
der Schöpfung schon den Schoß des dunkeln Chaos befruchtet"288, und das Neue bil­
det sich "im Verborgenen".
Ebenso verhalte es sich mit der Dichtkunst, deren Ursprung auf verschiedene
Weise zu erklären versucht worden war. Herder unterzieht drei Typen der Erklärung
einer Kritik. Die erste Methode suche nach immer kleineren Elementen des Ur­
sprungs und gelange so nie an den Urspung selbst. Die zweite erkläre das Vergan­
gene aus dem Gesichtspunkt der jeweiligen Gegenwart und verstoße so gegen das
Gebot der Adäquanz von Methode und Gegenstand. Die dritte schließlich nehme
einen göttlichen Ursprung an, begebe sich aber damit grundsätzlich der Möglichkeit,
Wissen zu erwerben und könne Geschichte nur als Abfall von der Vollkommenheit
des ursprünglichen Zustandes denken289• Alle drei Annahmen verwirft Herder, und
er konzipiert hier deutlich Elemente seiner Sprachursprungstheorie, seiner
Geschichtsphilosophie, der allgemeinen Ästhetik und der poetischen Auslegung des
alten Testaments aus einem einzigen Gesichtspunkt heraus, den wir, abkürzend, den
Gesichtspunkt der Humanität nennen wollen. Um auszuschließen, daß "Humanität" in
einem eher sentimentalen Sinne mißverstanden wird, sei vorausgreifend gesagt, daß
"Humanität" hier als Herders geschichtsphilosophischer - nicht als moralischer - Be­
griff gemeint ist. Mit ihm bezeichnet Herder ganz generell die Entwicklungsfähigkeit
des Menschen.
Aus diesem Gesichtspunkt der Humanität heraus ist Geschichte ein menschliches
Faktum, die Aktualisierung der Fähigkeit zur Entwicklung, in der die allem Leben­
den innewohnende Kraft zur Wirkung kommt. Eine dieser 'Wirkungen' ist die Poesie.
Da nun die Erkenntnis des Menschen in bezug auf die Kraft beschränkt ist, muß er
an den Erscheinungen die Wahrheit suchen, indem er die Erscheinungen auf ihre
Ähnlichkeiten untereinander untersucht. Bezogen auf die Geschichte bedeutet dies,
daß die Analogie zwischen Bekanntem und Unbekanntem Wahrscheinlichkeiten
aufzudecken ermöglicht, deren Wahrheit (Notwendigkeit) experimentell durch hypo­
thetische Herstellung ähnlicher Umstände erhärtet werden kann. Der Charakter des
hypothetischen Experiments verweist auf das analogon rationis mit dem Vermögen

216 HW I, S. 13 (Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst).


m Ebd. Hervorh. von mir; HA.
,.. A.a.O., S. 14.
• Vgl. a.a.O., S. 14ff.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 135

zur Erwartung ähnlicher Fälle, dieses Mal aber in die Vergangenheit gerichtet. In
Herders Worten stellt sich der Sachverhalt so dar: "Man siebet aus diesen Schwierig­
keiten [sc. der drei abgelehnten Erklärungsversuche], daß, um den Anfang gewisser
wichtigen Sachen zu bestimmen. man die Nachrichten von ihnen genau untersuchen,
und sie bloß als Handleitungen brauchen muß, wie diese Dinge nach der Ähnlichkeit
mit andern, nach der Beschaffenheit der damaligen Zeit haben entstehen können, und
ob man nicht nach Maßgebung gewisser Umstände auf eine Art von Notwendigkeit
stoßen könne, wie sie haben entstehen müssen. Hat man dieses erreicht, so hat man
alles getan. was in diesem Abgrunde möglich ist"290•
Die Geschichte erscheint von hier aus als Entwicklung aus Erfahrung. "Des Men­
schen natürlichster Zustand ist Schwachheit und Bedürfnis; aus Irrtum durch viele
Falltritte ist Wahrheit, aus abergläubischer Furcht bewundernswürdige Schönheit;
aus sinnlichen Schwachheiten und Lastern Tugendregeln entstanden."291 In dieser
Bindung an die Natur ist der Mensch Bestandteil der Naturgeschichte, deren Gesetz
Entfaltung ist, ohne weiter einem außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck verpflich­
tet zu sein: sie ist 'selbstgenugsam', autark, und bildet in jedem ihrer Elemente diese
Autarkie ab, so daß die in den Phänomena zur Erscheinung kommende Kraft ihre
permanente Aktivität in der Latenz dokumentiert. Der 'Ursprung' als erstes Erschei­
nen ist demnach Herders geschichtsphilosophische Annahme einer absoluten Prä­
gnanz.
Die "Schwachheit" des Menschen - von Herder nicht negativ wertend, sondern als
deskriptiver Begriff (infirmitas) verstanden. der zwar theologischer Provenienz, der
damit verknüpften Verpflichtungen aber weitgehend entbunden ist, - ist derart, daß
das Neue dem Menschen in der Regel als Zufall erscheint. Herders Innovationstheo­
rie, ohne Zweifel einer der interessantesten Bereiche seines Werks292, kann hier nur
gestreift werden. Weil das Neue in seinem Ursprung den menschlichen Wahrneh­
mungsmöglichkeiten entzogen ist, ist es als solches erst zu erkennen. wenn es bereits
entwickelt ist, als wahrnehmbares Phänomen. Erfindungen kommen. so Herder,
nicht intentional zustande, sondern entstehen in der "dunklen Gegend unsrer
Seele"293, nicht aber in Verstand und Willen. Wieder kommt der 'Logos' der cognitio
historica auf einem absichtslosen Spaziergang zum Zuge: "Der Erfinder ging gleich­
sam spazieren, ohne Absichten, oder mit andern Zwecken: er träumte, stieß auf et­
was, hob es auf, es wurde erst nicht, dann als Edelgestein erkannt, bearbeitet, und
siehe! es prangt jetzt unter den entdeckten Kostbarkeiten oben an"294• Dementspre­
chend sei es grundsätzlich falsch, Dichtung aus einer Rezeptur von Elementen des
analogon rationis erklären zu wollen, wie Herder, zugleich mit Blick auf Regelpoeti­
ken, vermerkt295• Auch dies macht noch einmal deutlich, daß Herders 'lrrationalis-

290 A.a.O., S. 15f.


"'' A.a.O., S. 27.
292 Sie wäre in Beziehung zu setzen zur Emergenz- oder Fulgurationstheorie der Evolutionären Er­
kenntnistheorie, aber auch zu Peirces Abduktionslehre. Vgl. zu letzterer Thomas A. Sebeok/Jean Umi­
ker-Sebeok: "Du kennst meine Methode". Charles S. Peirce und Sherlock Holmes. Aus dem Amerikani­
schen von Achim Eschbach. Frankfurt/M. 1982.
293 HW I, S. 25 (Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst).
294 Ebd. Vgl. auch S. 45.
295 Vgl. a.a.O., S. 26.
136 Herders Ästhetik-Entwurf

mus' eine historische Opposition ist, die ihre Kraft aus der lnadäquanz des - histori­
schen - Rationalismus seiner Zeit bezieht
Daß der Ursprung der Dichtkunst menschlich sei, ist eine provokative These. Sie
richtet sich gegen die These vom göttlichen Ursprung, wie sie auch zur Zeit Herders
vertreten wurde296 und zieht brisante Fragen nach sich, denen Herder nicht aus­
weicht Das gilt für Herders Aussagen zum Sprachursprung297 ebenso wie für den Ur­
sprung der Dichtkunst In seinen theologischen Thesen von 1767 heißt es un­
mißverständlich: "non possunt verba scripturae [ ... ] vocari divina in se. [ ... ] Si enim est
infirmitatis humanae, pleraque symbolice ac non nisi verbis in medium vocatis cogi­
tare: a Deo tarnen abest infirmitas ista, istoque sensu verba script.[urae] sunt mere
humana."298
Brisant ist die Herdersehe These vom menschlichen Ursprung deshalb, weil sie in
Verbindung mit der Frage nach den ältesten Quellen auf die Form des Alten Testa­
ments und auf die Funktion der Mythologie führt Ersteres ist theologischer Kon­
fliktstoff, letzteres geschichtsphilosophischer.
Da Gott unmittelbar und simultan alles erkennt, weil er alles geschaffen hat, ist
die Präsentation der Schöpfungsgeschichte in sprachlicher Form dem menschlichen,
beschränkten Auffassungsvermögen angemessen. Weder sei der Schluß richtig, daß,
weil das Dargestellte, Bezeichnete, göttlich, auch die Form der Darstellung, das Be­
zeichnende, es sei, noch gelte umgekehrt, daß, weil die poetische Form des Schöp­
fungsberichts menschlich, das Berichtete es auch see99• Herders Hermeneutik300
lenkt die Aufmerksamkeit auf die "Schreibart"301 und ermöglicht so die Erschließung
der poetischen Dimension der Bibel - ein Bereich, dem er große Abhandlungen ge­
widmet hat, die "Fragmente zu einer 'Archäologie des Morgenlandes'" ( 1769)302, die
"Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts" ( 1774 und 1776)303, Erläuterungen zum

296 Vgl. a.a.O., S. 16ff.


m Vgl. dazu die vorzügliche Edition von Wolfgang Proß: Johann Gottfried Herder: Abhandlung
über den Ursprung der Sprache. Text, Materialien, Kommentar. München oJ. ( Reihe Hanser.
=

Literaturkommentare. Bd. 12).


298 SWS XXXI II, S. 28 (De Spiritu sancto).
299 Vgl. HW I, S. 23.
""' Sulzer charakterisiert in seinem 'Kurzen Begriff' knapp die Funktion der Hermeneutik: 'Sie be­
trachtet diese Schriften [sc. die Bücher der Bibel] blos als menschliche Werke, die nach dem Geschmak
und der Schreibart der Zeiten, Völker und Personen verfaßt sind, von denen sie herrühren. Denn ob
man gleich dafür hält, daß sie von GOtt eingegeben worden, so muß doch ihr buchstäblicher Sinn so ge­
sucht werden, als wenn diese Eingebung nicht da wäre. Denn erstlieh betriffi diese Eingebung weder die
Sprache noch die Schreibart, welche ganz menschlich sind, sondern nur die Sache, und daher kommt es,
daß die Schreibart der heiligen Bücher nach den Zeiten und Personen, von denen sie herkommen, sehr
verschieden sind. Zweytens bemerke man wol, daß, wenn GOtt selbst unmittelbar die Bücher der hei­
ligen Schrift, so wie die Tafeln des Gesezes geschrieben hätte, dennoch die menschliche Sprache und
Schreibart darin herrschen würde, weil ohne dieses diejenige, für welche die Schriften anfänglich ge­
macht worden, sie nicht würden verstanden haben. Hieraus erhellet klar, daß man in so fem in der
Hermenevtik auch die heiligen Schriften, als blos menschliche Schriften anzusehen habe.' Sulzer: Kur­
zer Begriff (21759], § 263, S. 215f.
301 HW I, S. 23 (Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst).
302 SWS VI, S. 1-129.
l03 SWS VI, S. 193-511, SWS VII, S. 1-171.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 137

Neuen Testament, "Maran Atha" (1779)304, "Vom Geist der Ebräischen Poesie"
(1782/83)305 und andere.
Der Zugang zum Unbegreiflichen über das der Einbildungskraft Faßliche der
poetischen Darbietung ist im religiösen Rahmen die Grundannahme der Herder­
sehen Hermeneutik, dem im Bereich des historisch Unbegriffenen der Mythos
korrespondiert. "Jedes Volk kam [ ... ] auf den Gedanken, eine Kosmogonie, eine An­
thropogenesie, eine Philosophie über das Uebel und das Gute der Welt, besonders
seiner Gegenden, eine Genealogie und Geschichte seiner Starnmältern, Sitten und
Gewohnheiten zu wissen: zu haben, was man Origines, ursprüngliche Urkunden nen­
net. So folgte auf die erste rohe Religion, die fast in allen Sprachen von Furcht den
Namen hat, eine Art von historisch-physischer Philosophie. [ ... ]
Ihre [sc. der Völker] erste Quelle zu Beantwortung solcher Fragen [sc. nach
Ursachen und Ursprung] ward also die Lehre voriger Zeiten, die Tradition. Man weiß,
wie viel die Völker aus dieser Quelle von Weisheit machen, die nicht, wie wir, vom
Wissen, sondern von Erfahrungen leben. Der Mund ihrer Väter, die Sage der vorigen
Zeiten ist ihnen der nächste Schatz nach der Allwissenheit. Und wo hätte auch die
Tradition mehr befragt werden sollen, als in dem, was selbst Tradition heißt, Sachen
des Ursprungs? Die Antwort gerieth also nach dem Geist der vorigen Zeitalter,
mythisch."306
Der Mythos ist die poetische Wissensform der Erfahrung und damit grundsätzlich
nicht nur an die 'Kindheit der Menschheit' gebunden, sondern eine anthropologisch
gegebene Form der poetischen Weltvergegenwärtigung, der Herder eine Neubele­
bung wünscht, einen "neueren Gebrauch der Mythologie"307•
Herder versteht darunter die angemessene Adaptation des mythopoetischen Ver­
fahrens der Alten an die Bedingungen der Gegenwart, so daß die antike Mythologie
nicht als Sammlung von Elementen für den rhetorischen ornatus, sondern als "poeti­
sche Heuristik":ßl anzusehen ist, als Vorbild, dem abgelernt werden kann, wie die
Mythen Ereignisse anschaulich und für viele faßlich vorgestellt haben. Den Fundus
der Mythologie und deren Verfahren zu nutzen, scheint Herder einer der Wege zu
sein, der rationalistischen Kopflastigkeil seiner Zeit zu begegnen, bis hin zu der
Möglichkeit, daß die eigene Zeit einen neuen Fundus liefere und so eine moderne
Mythologie entstehe, "individual [ ... ], national [ ... ], patriotisch [ ... ], kasual [ ... ], sekular
[ ••• ]"309 und aus dem "Eigensinn"310 der Sprache kommend. Der Zweck dieser neueren
Mythologie ist indessen nicht die Restauration der Naivität, sondern die reflektierte

304 SWS IX, S. 101-288 .


305 SWS XI, S. 213-466, SWS XII, S. 1-350.
306 SWS XXXII, S. 149.
3117 Der zweite Abschnitt der 3. Fragmenten-Sammlung ist überschrieben: "Vom neuern Gebrauch
der Mythologie". Vgl. Heinrich Clairmont: Mythos und 'poetische Heuristik'. Zur Problemerörterung in
-
Herders frühen Schriften. MA-Arbeit Masch. Bochum 1983. Vgl. auch Ulrich Gaier: Herders 'neuerer
Gebrauch der Mythologie' und Goethes 'Prometheus'. Unveröffentlichtes Manuskript. Ich danke den
Verfassern für die Gelegenheit zur Einsichtnahme.
308 FHA I, S. 449 (Fragmente III).
"" A.a.O., S. 448.
310
A.a.O., S. 190 (Fragmente I), Anm. 9. - Mendelssohn schrieb in den Literaturbriefen: "So wie die
Sprachen iezt sind, hat eine jede, so zu sagen, ihre Eigensinnigkeit, die der schöne Geist fürtrefflich zu
nutzen weiß." Briefe, die Neueste Litteratur betreffend. Bd. IV, S. 230.
138 Herders Ästhetik-Entwurf

Wiederherstellung der verlorenen Einheit von Philosophie und Ästhetik, von Ratio
und Aisthesis. Der "Reduktions- und [ ... ] Fiktionsgeist die Zergliederung des Philo­
sophen und die Zus ammensetzung des Dichters"311 sollen in der neuen Mythologie
wieder zum ganzen Menschen vereinigt werden. Die Nutzung der alten Mythologie
ist dabei die Propädeutik der neuen. Die mögliche Mythologie seiner Zeit ist die
denkbare Vorstufe zu einer ''ganz neuen Mythologie"312, in der der Antagonismus von
Analyse und Fiktion aufgehoben wäre.
Herders Herausstreichen der Funktion der Mythologie als poetisches Medium der
Weltvergegenwärtigung hat eine geschichtsphilosophische Implikation, die ihn nicht
nur zu Christian Adolf Klotz' "Epistolae Homericae" (1764), sondern auch zu Vol­
taire in Gegensatz bringt, der in seiner "Philosophie de l'Histoire" Mythen und Fa­
beln als historische Quellen ablehnt: "soyons en garde contre toute fable."313 Wäh­
rend Voltaire das mythisch und fabelhaft Berichtete auf seinen Wahrheitsgehalt hin
förmlich nachrechnet, liest Herder an der Art des Berichtens den historischen Stand
zur Entstehungszeit der Mythen und Fabeln ab, um ihnen auf diese hermeneutisch
erschließende Weise Quellencharakter abzugewinnen. Nicht: 'je poetischer, desto
unsinniger', sondern: 'je poetischer, desto früher' gilt für Herder als Leitfaden der
Auslegung. Poetizität ist für ihn ein Maß, an dem die Geschichte der Menschheit
gemessen werden kann. Der Verlust von Poesie und Poetizität erscheint als Verlust
an menschlicher Fertigkeit (habitus) der sinnlichen Wahrnehmung und deren An­
schauung in der Poesie. Die Humanität seiner Gegenwart stellt sich aus diesem
Blickwinkel heraus dar als die um die Sinnlichkeit reduzierte Schwundstufe ihrer ur­
sprünglichen Fülle. Davon ist in Herders Hamann-kritischer "Dithyrambischer Rhap­
sodie" die Rede: "Unser bürgerliches Volk, die Antipoden der Menschheit, hat seine
Muttersprache verlernt, da es aus dem Garten Gottes verstoßen wurde ... "314•
Mit dem Verlust der paradiesischen, naiven Harmonie einher geht ein Verlust der
Poesie, nach Hamanns berühmtem Ausspruch in der "Aesthetica in nuce", auf die
Herder hier kritisch repliziert, die "Muttersprache des menschlichen Geschlechts"315•
Beide, Herder und Hamann, sind sich einig in der Kritik an der 'prosaischen' Gegen­
wart und ihrer Prosa - aus sehr verschiedenen Blickwinkeln heraus. Für Harnarm ist
das 'Prosaische' der Gegenwart ein Abfall vom Göttlichen im Menschen, dem nur
durch die Rückbesinnung auf eine Ästhetik als Gottesdienst316 abzuhelfen sei. Diese
Einstellung führt ihn bis zur Darstellung seiner Kritik in einer Prosa, die nichts Pro­
saisches mehr hat und deren uneigentliches Sprechen ihr Eigentliches ist. Auch
Herder moniert den Verlust an Poesie, aber er vermag die Prosa als historisches
Faktum aufzufassen. Mit deutlichem Seitenhieb auf die Ubiquität der cognitio di-

31 1 FHA I, S. 450 (Fragmente 111).


3 12 Ebd.
31 3 [Voltaire:] La Philosophie de l'histoire [1765]. In: The Complete Works of Voltaire/Les Oeuvres
Compl�tes de Voltaire. Hrsg. von Theodore Besterman [u.a.]. Bd. 59. Hrsg. von J.H. Brumfitt. Second
edition, revised. Genf und Toronto 1969, S. 83-275, hier: S. 130.
3 14 FHA I, S. 31 (Dithyrambische Rhapsodie).
315 Hamann: Aesthetica in nuce. In: Sämtliche Werke. II. Bd., S. 197.
31 6 "Laßt uns jetzt die Hauptsumme seiner [sc. des 'Rhapsodisten'] neusten Ästhetick, welche die äl­
teste ist, hören: Fürchtet GOtt und gebt Ihm die Ehre, denn die Zeit Seines Gerichts ist kommen, und
betet an Den, der gemacht hat Himmel und Erden und Meer und Wasserbrunnen." A.a.O., S. 217.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 139

stincta beklagt er, daß die gegenwärtige Prosa zum Teil ohne Prägnanz, unanschau­
lich und 'platt' sei, "bis zum Gähnen deutlich"317•
Falsch aber sei es, das Publikum aus einer 'poetischen Opposition' heraus zu über­
fordern. Eben diese Gefahr sieht Herder in Hamanns Stil, der nur aus einem einzi­
gen "Gesichtspunkt", dem des Autors, der in "Anspielungen" rede, erschließbar sei.
Treffe der Leser diesen nicht, müsse er unweigerlich das Gemeinte verfehlen und
"statt eines mikroskopischen Wäldchens" nur "Schimmel"318 sehen. Die Wieder­
belebung des "poetischen Erfindungsgeistes"319 ist für Herder eine pädagogische
Aufgabe, die den Kritikern und Dichtern der Gegenwart gestellt ist. "Menschheit"
soll wieder Humanität im umfassenden Sinne werden.
Von hier aus ist Herdcrs Interesse für Ossian, die Barden, die nordische Mytholo­
gie und für Shakespeare zu verstehen. Aber auch sein Interesse für Volkslieder, de­
ren berühmte Sammlung eben nicht nur anonyme Lieder des Volkes, sondern auch
Volksliedhaftes enthält, muß von dieser Seite gesehen werden, um zu verstehen, daß
Herder der europäischen Gegenwart ihre eigene Vergangenheit kritisch vorhält, um
dem reduktionistischen Rationalismus Einhalt zu gebieten. Da sich "poetischer Er­
findungsgeist" nicht lehren läßt - seine Reduktion auf Regeln wäre dann gerechtfer­
tigt und somit von der rhetorischen inventio nicht zu unterscheiden -, kann Herder
nur durch Sammeln von Vorbildern, durch Besinnung auf verschüttete Fähigkeiten
und durch den Hinweis auf Kulturen vergangener Zeiten und entlegener Völker zu
wirken versuchen.
Die Entstehung der Poesie verdankt sich nach Herder also einer anthropologi­
schen Notwendigkeit: "Notwendigkeit und Bedürfnis ist die Mutter der Dichtkun:.t,
und die Religion ist eine von den ersten Bedürfnissen, die ihre Erfindung notwendig
machte."320
Daß die Poesie aus dem Kultus entstanden sei, bedeutet zweierlei. Pragmatisch
waren die ersten Formen der Poesie "kurzes, sinnliches Gebet voll ausgesuchter starker
Worte"321 zur Beeinflussung der anthropomorphisch vorgestellten Götter, "lebendige
Handlung"322, nicht aber Nachahmung. Gnoseologisch-genetisch waren die Anfänge
der Poesie Verfahren der sinnlichen Veranschaulichung der Natur zum Zweck der
Erklärung und Einflußnahme.
Die Geschichte der Dichtkunst ist, wie alle Geschichte bei Herder, die Entwick­
lung vom Einfachen zum Differenzierten und der Weg vom Unmittelbaren der Emp­
findung zum Distanzierten der Reflexion, von der Handlung zur Betrachtung. Wis-

3 1 7 FHA I, S. 235 (Fragmente I).


318 FHA I, S. 249. - Vgl. zu dem Bild des mikroskopi�chen Wäldchens, das aus unangemessener Per­
spektive als Schimmel erscheint, auch Hamann: An die Zween. In: Sämtliche Werke II. Bd., S. 61. - Mit
diesem Bild hat Lichtenberg sich mehrfach befaßt. Vgl. Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und
Briefe. Hrsg. von Wolfgang Promies. 1. Bd. München 31980, S. 301f. (zu Entdeckungs-Möglichkeiten mit
einem Vergrößerungs- (acumen) und einem Verkleinerungs- (ingenium) Glas, sowie die Anwendung
des Bildes in einer wissenschaftskritischen Parabel ("Ein Traum") in: a.a.O., 3. Bd. München 1m, S.
108ff. Dazu: Blumenberg: Lesbarkeit, S. 207ff.
319 FHA I, S. 453 (Fragmente 111).
3"' HW I, S. 28 (Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst).
321 A.a.O., S. 30.
322 A.a.O., S. 33.
140 Herders Ästhetik-Entwurf

sensehaften haben die Natur entdämonisiert323, der Monotheismus hat sie entgöt­
tert324, die Sprache, und mit ihr die Dichtkunst, wurde 'verfeinert' und damit im Aus­
druck schwächer.
Weil nun die Geschichte irreversibel ist, kann der Verlust an expressiver Kraft der
Poesie nicht durch Rekurs auf vergangene Zeiten nachahmend ausgeglichen werden.
In seinen Odenfragmenten hat Herder die Ode als "Sprache der Empfindung"325 be­
zeichnet, nicht als Gattung, sondern als diejenige Sprachform oder denjenigen
Sprachgestus, der Empfindung zum Ausdruck bringen kann - als Kunst. Wenn er im
gleichen Zusammenhang schreibt: "Das erstgeborne Kind der Empfindung, der Ur­
sprung der Dichtkunst, und der Keim ihres Lebens ist die Ode"326, so ist zu beachten,
daß die Ode als der Empfindung nahestehende Redeweise als dunkle Quelle von
Drama und Epos gemeint ist. "Desto mehr verwickeln sich die Gattungen der
Gedichte, je mehr sie sich der Empfindung nähern. Woher kommts, daß das
Heldengedicht sehr viele, das Drama noch eine Menge, und die Ode, die doch jener
ihre Adern durchglüht, fast keine wahre hat?"327 Die Ode ist aber schon Artefakt,
denn "der wahrhafte Mfekt ist stumm."328 Auch hier ist die Entwicklung wieder eine
vom Prägnanten zum Expliziten: "Sein [sc. des Mfekts] erstes Wort ist ein Begriff; er
schwächt sich, wälzt zu klaren Begriffen, zum Selbstgefühl, zum Bewußtsein, zur
Vernunft herunter; und die wird jetzt wortreich, sie sagt, was sie nicht mehr emp­
findet."329
Das gnoseologische Schema erscheint auch hier projiziert auf die Geschichte - in
signifikanter Umkehrung der Topik: von der Höhe des Mfekts hinunter zur Ver­
nunft, die der Empfindung nur noch in reflexiver Vermittlung habhaft zu werden
vermag. Ist die Ode in ihren ersten Formen schon nicht unmittelbarer Ausdruck ei­
ner Empfindung, sondern sprachlich vermittelte Empfindung, so erscheint sie in
Herders Gegenwart als Ausdruck illudierter Empfindungen. Das setzt für die Pro­
duktion und die analytische Rezeption die Kenntnis der Vermittlungswege voraus,
um die Illusion zur Wirkung bringen zu können. Hochgradige Artifizialität ist die
Bedingung der modernen Poesie. Herders Hochschätzung der Oden Klopstacks hat
in diesem Befund ihren Grund330• Die Illusion der Natürlichkeit der Empfindung hat
gerade dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie als Illusion inszeniert wird, das heißt, nicht
eine Empfindung wird vorgestellt, sondern eine Empfindung, von deren Darstellung
vermutet wird, daß sie beim Leser oder Hörer als Empfindung rezipiert werde. Vor­
aussetzung für die Affizierung des Lesers ist die Distanzierung des Dichters von sei­
nem Sujet. Herder nennt dieses eine 'perspektivische Schilderung' von Empfin­
dungen, die, je perfekter illudiert, desto eher als natürlich erscheinen. Die Perspekti­
vierung ist also auch die Herstellung einer asymmetrischen Kommunikation, bei der

323 Vgl. a.a.O., S. 39.


324 Vgl. a.a.O., S. 42.
325 FHA I, S. 67 (Von der Ode. Entwürfe).
326 A.a.O., S. 78 (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).
m Ebd.
"" A.a.O, S. 66 (Von der Ode. Entwürfe). Vgl. auch S. 88.
329 A.a.O., S. 66 (Von der Ode. Entwürfe).
330 Vgl. dazu die Darstellung von Dieter Lohmeier: Herder und Klopstock. Herders Auseinanderset­
zung mit der Persönlichkeit und dem Werk Klopstocks. Bad Hornburg [u.a.] 1968 ( Ars poetica. Stu­
=

dien. Bd. 4), insbes.: S. 153ff.


Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 141

der naive Leser ins Hintertreffen gerät, weil seine Disposition Gegenstand eines
Kalkuls geworden ist: er wird 'künstlich mit der Wahrheit hintergangen'. Der analy­
tisch mündige Leser dagegen kann der Artifizialität nachgehen, hat aber mit ihrer
Erkenntnis statt der Empfindung die Wahrheit der Künstlichkeit. Es versteht sich,
daß der Dichter von in diesem Sinne gelungenen Oden nicht der Verstechniker ist,
sondern derjenige, der die perspektivierte Darstellung nur deshalb beherrscht, weil
er seine Zeit und sein Publikum in ganz besonderer Weise kennt, 'in ihm' ist. Diese
intime Verbundenheit mit der Zeit, dem Publikum und den Umständen, in Einheit
mit der souveränen Handhabung des Mediums, macht das je 'Originale' der Dich­
tung aus.
War die Ode ursprünglich nach Herder "völlig subjektiv" und "einfaltig"33\ "Ode
des Affekts"332, "Monologe"333, so wurde die spätere334 Ode "mittelbar bloß der Aus­
druck der Einbildungskraft"335, deren gehabte Empfindungen miteinander verbun­
den, differenziert und entfaltet in ein dramatisches336, das heißt, auf Handlung
tendierendes Verhältnis treten. Die "Ode bekommt einen dramatischen Standpunkt,
Personen, und Abwechselungen, durch Apostrophen kühne Figuren, Chöre, Rhyth­
mus; kurz sie bekommt eine Art von Odenhandlung."337
Diese 'Dramatisierung' der Ode ist der Weg vom subjektiven, ungeteilten Aus­
druck nur einer einzigen, ganzen Empfindung zur Entfaltung und Diversifizierung.
Die Entfaltung kann in der Darstellung ansteigender oder abfallender Affekte oder
beider Bewegungen nacheinander in einer Ode bestehen338• Mehrere Affekte in ei­
ner Ode, angeordnet zu einer Konfiguration, unterstützt von Musik und Tanz, bieten
die Möglichkeit zu so komplexen Formen wie der Operl39•
Es ist deutlich, daß Herder in dieser Entwicklungstheorie wieder vom Einfachen,
Prägnanten, zum Differenzierten fortschreitet, was für ihn zugleich eine Bewegung
der Abschwächung bedeutet - in diesem Falle die Abschwächung der Empfindung
durch Entfaltung oder durch Vermehrung von Empfindungen in einem Text, wo­
durch die Aufmerksamkeit des Lesers oder Hörers zerstreut wird. Deutlich ist aber
auch, daß, weil Herder die Ode als den Ursprung der Dichtkunst ansetzt, und diese
sich 'dramatisiert', nicht von einer "Lyrisierung aller Gattungen der Poesie"340 durch
Herder gesprochen werden kann. Vom Gegenteil, einer Dramatisierung im gattungs­
technischen Sinne, zu sprechen, wäre aber gleichermaßen falsch. Und auch die An­
nahme, Herder deute die "Gattungsbegriffe zu elementaren Ausdrucksformen des

33 1 FHA I, S. 68f.
332 A.a.O., S. 93 (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).
333 A.a.O., S. 94.
334 Wenn Herder in den "Entwürfen" von "ältesten Oden" spricht (S. 70), dann sind die ältesten do-
kumentierten gemeint.
335 A.a.O., S. 70.
336 Es sei an die Etymologie erinnert: griech. Drama
= Handlung.
337 Ebd.
338 Vgl. a.a.O., S. 93.
330 Vgl. a.a.O., S. 95.
340 So Klaus Scherpe zustimmend zu einem wiederholt vorgetragenen Befund. Klaus R. Scherpe:
Gattungspoetik im 18. Jahrhundert. Historische Entwicklung von Gottsched bis Herder. Stuttgart 1968
( Studien zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Bd. 2), S. 248 (mit Belegen
=

ebd., Anm . 23); vgl. auch a.a.O., S. 257.


142 Herders Ästhetik-Entwurf

Dichterischen" um34\ ist Herder nicht angemessen. Denn: Herders Ästhetik läßt
grundsätzlich eine systematische, scharfe Trennung der Dichtkunst in Gattungen
nicht zu, weil ihr 'Organ', die Einbildungskraft, keine Gattungen kennt. Die Ge­
schichte der Menschheit, und damit auch die Geschichte der Einbildungskraft, kennt
verschiedene Formen von Dichtung, sicherlich, auch Herder ist nicht unbekannt, daß
Erzählen und Vorstellen Präsentationsformen sind, zu denen nicht beliebige Sujets
herangezogen werden können. Aber das ist nicht das Zentrum seines Interesses. Sein
Interesse gilt der "Logik der Einbildungskraft", dem "entgegengesetzten Ende"342 der
Vernunftlogik, und es gilt der "Logik des Affekts", der "kürzesten und schwersten al­
ler Logiken im Reich der Wirklichkeit und Möglichkeit"343• Sehr treffend schreibt
Klaus Scherpe, daß bei Herder die Tendenz zu beobachten sei, "die regelwidrige
Vermischung disparater Ausdrucksformen in Opposition zur herkömmlichen Poetik
zu einem positiven Wertkriterium zu erheben"344 und daß bei Herder Gattungsbe­
griffe "in bewegliche ästhetische Leitbegriffe verwandelt"345 werden. Eine Klassifika­
tion der Dichtung anband allgemeiner - gewissermaßen 'a-priorischer' - Definitionen
würde, so ahnt Herder, seine kritische Position gegenüber der Philosophie der
Wortwelten wahrend, ein "Blutbad [ ... ) unter den alten und neuen Poeten"346 anrich­
ten, ganz ebenso, wie eine Psychologie, ausgehend von einem Begriff des Menschen
als einer Ansammlung einer begrenzten Menge 'a-priorisch' definierter Vermögen,
oder wie in einer Ästhetik, die, ausgehend von einer Definition des Schönen, der Er­
fahrung nur den von der Abstraktion bemessenen Raum ließe. Kurz: Herders 'Gat­
tungspoetik' konnte nicht "scheitern"347, weil er gar keine im Sinn hatte.
Das wird noch einmal deutlich in Herders Rückblick auf seinen zwar angekündig­
ten, aber nicht veröffentlichten "Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst",
deren 'philosophische' Intention er in der dritten Fragmenten-Sammlung zusammen­
fassend beschreibt. Es sei, so meint er dort, möglich und erstrebenswert, aus den
''verschiednen Gattungen Hauptbegriffe des Schönen in dieser Dichtungsart [sc. der
Ode] herauszuziehen, sie zu Regeln zu erhöhen, diese Regeln in unsere Seele
zurückzuführen, und also einen philosophischen Begriff der Ode festzusetzen, aus
welchem man auf ein weites Feld der Aesthetik sichere und kühne Blicke wird tun
können."348
Die "Gattungen", von denen hier die Rede ist, sind regional, zeitlich und medial
(Sprache, Musik) bestimmte Vorkommensformen von Oden, deren Spezifika Herder
"in unsere Seele" zurückgeführt wissen möchte. Erst dann könne von einem "philoso­
phischen Begriff der Ode" gesprochen werden. Von da aus sei es dann auch möglich,
die spezielle Ästhetik, das heißt hier, die Poetik, zu verlassen, um ihre Begründung in
der allgemeinen Ästhetik aufzusuchen. Das 'Zurückführen' in unsere Seele ist der
Weg, auf dem ein Phänomen wie die Ode auf seinen 'humanen' Gehalt untersucht

34 1 A.a.O., S. 247.
342 FHA I, S. 71 (Von der Ode. Entwürfe).
343 A.a.O., S. 90 (Fragmente einer Abhandlung über die Ode).
344 Scherpe: Gattungspoetik, S. 255.
345 A.a.O., S. 256.
346 SWS III, S. 155 (1. Kritisches Wäldchen).
347 Scherpe: Gattungspoetik, S. 242.
348 FHA I, S. 472 (Fragmente 111).
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 143

wird und auf dem gleichzeitig die Geschichte der Ode als Geschichte der dar­
gestellten Empfindung, das heißt, als ein Teil der Geschichte der Aisthesis erkannt
wird. In der Geschichte der Ode erkennt der Mensch seine ästhetische Geschichte,
und indem er seine Geschichte erkennt, wird er sich seiner, wenn auch möglicher­
weise verschütteten Fähigkeiten und Fertigkeiten bewußt.
Was Herder 'Zurückführen in unsere Seele' genannt hatte, spielt bei dieser Be­
stimmung eine bedeutende Rolle. Um dieses 'Zurückführen' als Kontrafaktur zum
principium reductionis der Schulphilosophie deutlich machen zu können, ist ein er­
neuter Blick auf den Ort und die Funktion der 'Organe' der Poesie, der Einbildungs­
kraft und des Dichtungsvermögens erforderlich349• Die Phantasie (facultas imagi­
nandi, Einbildungskraft) ist nach Baumgarten die Fähigkeit, gehabte Vorstellungen
und Empfindungen (phantasmata) zu reproduzieren350• Das Dichtungsvermögen (fa­
cultas fingendi) trennt und verbindet Phantasmata, so daß in der Verbindung aus
vielem Eines ("repraesentatio plurium, vt vnius")351 und aus der Trennung von Einem
ein Anderes, nämlich ein je Neues entsteht. Die Aesthetica mythica ist nach Baum­
garten der Teil der Ästhetik, der sich mit dem Dichtungsvermögen befaßt352•
Die sogenannte 'Metaphysik Herder' und andere Notizen aus Herders Königsber­
ger Zeit heben hervor, daß das Dichtungsvermögen Neues schaffe. Das Hervorheben
von Vorstellungen geschehe "1) combinando, quae in sensationibus non erant combi­
nata 2) sejungendo, quae in sensationibus non erant sejuncta [;] Abstraktionen sind
nicht neu (höchstens formaliter: erst verworren nun deutlich) aber facultas fingendi
ist neu .. .''353• Während also die Einbildungskraft reproduziert und das Ab­
straktionsvermögen klärt, gestattet die Fiktion, Neues zu bilden - eine Feststellung,
die, was insbesondere die Abstraktion betrifft, eine polemische Dimension bekommt,
der Herder einen Großteil seines Lebenswerks gewidmet hat. Durch die Unterschei­
dung der Fiktionen in "intellectuale" und "sensuale" wird die überaus wichtige Rolle
dieses Vermögens hervorgehoben, des Vermögens, das Baumgarten, durchaus im
Bewußtsein der Etymologie des Wortes, "poetisch" genannt hatte354• Das hat weitrei­
chende Folgen für Herders Wissensbegriff, denn, wenn die Fiktion intellektuellen
und sensitiven Typs dem gleichen Vermögen des Menschen entspringt, werden Ver­
bindungen zwischen beiden deshalb denkbar, weil die Grundlage der Fiktionen in
beiden Fällen die gleiche ist: Erfahrungen und gehabte Empfindungen. 'Willkürliche'
Begriffe der Philosophie (und vor allem der Mathematik), wie die des Geistes oder
Gottes etwa, sind intellektuelle Fiktionen wie l.eibnizens Monaden355, weshalb
Herder l.eibniz auch wiederholt einen "Dichter"356 und seine 'Monadologie' ein
"Monadenpoem"357 nennt. Zwar schreibt Herder an einer Stelle: "alle Philosophi-

349 Vgl. zu imaginatio und facultas fingendi bei Wolff oben, S. 22f.
350 Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 557f.
"'' A.a.O., § 589.
"'2 Vgl. oben, S. 36.
353 Kant AA 28, 2,1, S. 860.
354 Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 589.
355 Vgl. Kant AA 28, 1, S. 143.
356 Z.B. SWS VIII, S. 170 (Vom Erkennen und Empfinden. 1778), 272 (Vom Erkennen und Empfin­
den. 1775); SWS XXIII, S. 482.
357 A.a.O., S. 178 (Vom Erkennen und Empfmden. 1778).
144 Herders Ästhetik-Entwurf

sehen Fiktionen müssen durch Beweise Wahrheiten werden"358, woran er auch for­
maliter nicht rüttelt. Art und Anspruch der Beweise unterzieht er aber ebenso einer
Kritik, wie den dogmatischen Wahrheitsbegriff. Vor allem wird Herder am Fikti­
onsbegriff deutlich, daß die herkömmliche Schulphilosophie sich schwertut mit dem
Problem der Innovationen, weshalb er eine logisch formal geregelte ars inveniendi
für falsch und für nominaldefinitorische Hybris hält. Stattdessen fragt Herder sich,
wie, wenn nicht mit induktiven und nicht mit deduktiven logischen Verfahren, über­
haupt Neues gedacht werden können soll. Seine Antwort ist: Neues wird dem Men­
schen zugänglich durch sinnlich vorstellbare Fiktion und Analogie. " ... meistens [wars]
Ein neues Bild, Eine Analogie, Ein auffallendes Gleichniß, das die grösten und kühn­
sten Theorien gebohren."359 Und Herder polemisiert gegen die schulphilosophischen
Ikonoklasten, denen er vorwirft, sie täten nicht viel anderes, als Wissen auf hohem
formalem Niveau zu petrifizieren, womit die Philosophie als menschliche Tätigkeit,
Praxis, verabschiedet worden sei zugunsten einer Verwaltung von Wissensbeständen.
"Die Weltweisen, die gegen die Bildersprache deklamiren, und selbst lauter alten, oft
unverstandnen Bildgötzen dienen, sind wenigstens mit sich selbst sehr uneinig. Sie
wollen nicht, daß neues Gold geprägt werde, da sie doch nichts thun, als aus eben
solchem oft viel schlechtem Golde ewig und ewig dieselbe Fäden spinnen."360
"Menschliche Wahrheit [ ... ], und von einer höhern habe ich, so lange ich Mensch
bin, keine Kunde"36\ sucht Herder in Philosophie und Dichtung, und er findet den
reichsten Grund zur Erkenntnis und Gewißheit in den der Aisthesis zugänglichen
Formen.
Um auf dieser Grundlage der Erfahrung etwas Neues zu erkennen, bedarf es des
Vergleichs mit dem schon Bekannten. Das Resultat des Vergleichs ist die Feststel­
lung von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Da nun die 'menschliche' Wahrheit
Herders eine ästhetische ist, die auf dem dunklen Grund der Seele aufruht, ist das
Bekannte nicht das logisch Abgeleitete, sondern das ästhetisch Gewisse, was sich
eben nicht der logischen Ableitung fügt. Herders principium reductionis ist somit im
Verfahren dem der Schulphilosophie gleich, in der Sache ihr entgegengesetzt, denn,
es sei wiederholt, Herder hat die dunkle Peripherie der Schulphilosophie zum Zen­
trum seiner Philosophie gemacht. Christian Wolffs Formulierung des principium re­
ductionis, von Lessing bekanntlich in seine Fabeltheorie als wichtiges Element ein­
gebaut, lautete: ''Principium reductionis appello artificium, quo objectum aliquod, de
quo quid quaeritur, reduco ad aliud notionem quandam communem habens, ut ea,
quae de hoc nobis innotuere, vi notionis communis ad illud quoque applicari pos­
sint."362
Herder kennt dieses Verfahren der ars inveniendi, und es lohnte sich, all die
Stellen zusammenzutragen, an denen er von dieser "Zurückführung" spricht. Wir
müssen uns hier beschränken. Wenn Herder also davon spricht, die Regeln einer
Dichtungsart "in unsere Seele zurückzuführen", dann ist dieses die Applikation des
principium reductionis - nur: die 'Zurückführung' geht ins gnoseologisch Dunkle statt

3S8 Kant AA 28, 1, S. 143.


33> SWS VIII, S. 170 (Vom Erkennen und Empfmden. 1778).
360 Ebd.
361 Ebd.
362 Wolff: Psychologia empirica, § 472.
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 145

ins Klare, Bekannte. Ebendiese Rückführung ins schulphilosophisch Unbekannte


aber ist nach Herder das, was dem Menschen die profundeste Gewißheit gibt: der
Grund der Seele, fundus animae. Dem formaliter ableitbaren 'Bekannten' der Philo­
sophie der Schule entspricht bei Herder das durch die Aisthesis Gewisse. Und, da
alles, was der Mensch erfährt, kennt und weiß, auf der Aisthesis aufruht und durch
sie fa�onniert ist, ist diese Reduktion die Rückführung auf seine Grundlagen, das
Prinzip der Erkenntnis in menschlicher Reichweite. Darin besteht das Scheinpa­
radoxon des 'reduktionistischen Holismus' Herders.
Der Konvergenzpunkt von Aisthesis und Philosophie ist wohl am klarsten in ei­
nem Satz ausgesprochen, der in den Umkreis von Herders Überlegungen zur Haptik
gehört. Herder führt hier die Grundlagen der Körperwahrnehmung und die der Me­
chanik zusammen: "Es ist sonderbar, daß die höchsten Begriffe der Philosophie von
Anziehung und Zurückstossung die einfachsten Sachen des Gefühls sind; so wenig
wißen wir! das Höchste der Philosophie ist zugleich das Erste und bekannt. Vom Ge­
fühl aus muß also wie dies so alles ausgehen und dahin zurückkommen - welche vor­
trefliche Unternehmung, alle Begriffe dahin zu reduciren! Zum Gefühl und auf die
Sinne."363
Aber nicht nur das Neue als Resultat der über der Einbildungskraft arbeitenden
Dichtungskraft hebt Herder hervor, sondern auch einen besonderen Modus, in dem
das Neue erscheint. Herder akzeptiert leere Phantasmata (vana phantasmata), die
aus der Sicht der Metaphysik schlicht falsch sind, als Möglichkeiten ästhetischer
Wahrheit. Chimären "werden nach der Natur der Phantasie beurteilt"364, oder, wie es
in der 'Metaphysik Herder' heißt: "falsche fictionen sind Chimacren Ästhetische
Wahrheiten da die Falschheit nicht durch unser sinliches Urteil bemerkt wird; und
die sind nicht stets logisch wahr"365•
Die ästhetische Wahrheit - "veritas, quatenus sensitiue cognoscenda est", so lau­
tete Baumgartens Definition366 - läßt Fiktionen zu, die in dieser Welt realiter nicht
möglich wären. Die Aisthesis wird also insbesondere in der Poesie um die Dimension
der fiktiven Erfahrung erweitert. Da nichts in der Phantasie ist, was nicht zuvor in
den Sinnen war367 und die Dichtungskraft mit den Elementen der Phantasie operiert,
kann die Wirkung der Dichtung als fiktive Erfahrung auf die Phantasie und durch
diese auf die Sinne, genauer: auf das Potential der Aisthesis zurückwirken. In diesem
Sinne hat Poesie die Funktion der 'Sensibilisierung', die für Herder eine kultivierte
Form der Humanisierung im weitesten Sinne darstellt.
Das Schöne ist dabei nur ein Teil dieser Erfahrungen, die die Poesie aus den an­
deren Künsten ableitet: "Aus allen Sinnen strömen die Empfindungen des Schönen
in die Einbildungskraft und aus allen schönen Künsten also in die Poesie hinüber.
Wie Phantasie nichts ohne Sinne, so weiß diese nichts ohne die schönen Künste."368

363SWS VIII, S. 96 (Zum Sinn des Gefühls). Vgl. auch S. 97, 103, 104, 113.
364Kant AA 28, 1, S. 143.
363 Kant AA 28, 2,1, S. 860.
366 Baumgarten: Aesthetica, § 423.
,., Vgl. Baumgarten: Metaphysica, § 559 und die Übernahmen bei Herder, SWS XXXI I, S. 144 und
SWS IV, S. 163.
368 SWS IV, S. 163; vgl. auch S. 194.
146 Herdcrs Ä sthetik-Entwurf

Das betrifft, wie gesagt, die Modi der Illusion, über die die Einbildungskraft - im
Rahmen der Beschränkungen, die sich durch das Zusammenwirken der Elemente
des analogon rationis ergeben - frei verfügen kann. Die Herstellung des Bezuges zwi­
schen illudierter Empfindung am Beispiel von vorgestellten Ereignissen und erken­
nendem Genuß des Universums sei unter den Modernen keinem besser als Sha­
kespeare gelungen - dem Shakespeare nicht der Sonette, sondern dem des Theaters.
In seinem berühmten Shakespeare-Aufsatz369, der nach Entwürfen aus den Jahren
177 1 und 1772 in die Flugschrift "Von deutscher Art und Kunst" ( 1 773) einging,
macht Herder am 'Fall' Shakespeare klar, was er unter 'originaler' und zeitgemäßer
Dichtung versteht. Man tut gut daran, auch hier den Charakter des Exemplums im
Auge zu behalten, um das Vorbildhafte Shakespeares nicht als Aufforderung zur
Nachahmung der Dramen Shakespeares, sondern der Art und Weise, in der Sha­
kespeare poetisch den Bedingungen und Erfordernissen seiner Zeit gerecht gewor­
den ist, aufzufassen. Denn Herders Shakespeare-Aufsatz ist erheblich mehr als eine
Poetica in nuce. Er ist die exemplarische Andeutung einer Poetik in anthropologi­
scher Dimension, genauer: einer Lehre von der Aisthesis als einer allgemeinen Äs­
thetik, die der Geschichtlichkeit der Aisthesis Rechnung trägt und ihr selbst Ge­
schichtsmächtigkeit zuschreibt. Am Schluß der Abhandlung macht Herder den ex­
emplarischen Charakter seiner 'Rhapsodie' deutlich durch den Hinweis auf das in
der Zukunft zu Leistende: "Shakespear braucht also noch, und verdienet Einen eig­
nen neuen Aristoteles seines Drama: [ ... ) Was für einen Schatz von Bemerkungen für
die Geschichte, und Historiographie, für die Dicht- und Schauspielkunst, für die
Philosophie der Menschlichen Natur, und Erregung der Leidenschaften hätte er
Gelegenheit zu sammlen!"370
Ausgehend von einer historischen Charakterisierung des griechischen Dramas,
das, wie Herder gegen Lessing371 hervorhebt, von der "Simplicität der Fabef' zur Viel­
falt sich entwickelt habe372, über eine Kritik des französischen Klassizismus, gelangt
Herder zu einer Würdigung Shakespeares.
Die Folie, vor der Herder sein Shakespeare-Bild Konturen gewinnen läßt, ist also
vielfältig: griechische Klassik und, mit Aristoteles, deren 'Theorie', französischer
Klassizismus, und, mit Corneilles "Discours des trois unites", deren 'Theorie', sowie
deren Rezeption und Diskussion in der Gegenwart, Lessing voran. Der Punkt, von
dem aus Herder kritisiert, ist gegenüber den kritisierten Vorlagen grundsätzlich ver­
schoben. Nicht die Regeln der Poetik sind zu diskutieren, sondern die Bedingungen
der Poesie und die Poesie als eine Artikulationsform der Aisthesis.
Das Drama der Griechen dient dabei als historische Grundlage der Beurteilung.
Die Historisierung der Analyse der Bedingungen ist Herders Voraussetzung dafür,
daß die Vergangenheit überhaupt in einer sinnvollen Weise beerbt werden kann,

""' Die beste mir bekannte Untersuchung des Shakespeare-Aufsatzes bietet die von Heinrich Clair­
mont: Mythos und 'poetische Heuristik ' . MA.-Arbeit. Masch. Bochum 1983, S. 56ff.
310 SWS V, S. 252 (Shakespear. 2. Entwurf). In der Druckfassung lautet die entsprechende Passage:
'Welche Untersuchung! wie viel für unsern Geschichtbau, Philosophie der Menschenseelen und
Drama.' (SWS V, S. 229.)
371 Vgl. HO, 46. Stück.
372 SWS V, S. 210f. (Shakespear).
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 147

wenn nicht nur "todte Regeln"373 von ehemals lebendiger Kunst abstrahiert werden
sollen. Nicht die Regeln haben die Einheit der griechischen Tragödie geschaffen,
sondern die historischen Bedingungen, die in Herders Sicht durch kulturelle und po­
litische Homogeneität und durch die größere Nähe zum anthropologischen Ursprung
der Dichtkunst in der Darstellung des Einfachen der Empfindung gekennzeichnet
war. Was im Nachhinein als 'Regel' sich von den einzelnen Tragödien abstrakt for­
mulieren ließ, war in actu Bedingung des sensus communis von Autor und Publikum.
Dem französischen Klassizismus wirft Herder, durchaus nicht originell in diesem
Punkt, vor, Kunst durch unangemessene Artifizialität in der Nachahmung eines
vermeintlichen Regelkanons der Griechen zu einer geregelten Technik denaturiert
zu haben374• "Dramatische Fiktionen"375 seien die Helden Corneilles, die als Kunstfi­
guren deshalb keiner Illudierung des Publikums fähig seien, weil sie jeder Erfahrung
widersprächen. Racines dargestellte Empfindungen seien "Gemälde der Empfindung
von dritter fremder Hand"376, und der damals hochgeschätzte Vers Voltaires sei zwar
bewundernswert in seiner Machart, "aber schön oder nicht schön, kein Theater­
vers!"377
Herder resümiert kritisch seine Einschätzung des französischen Dramas: "schön!
bildend! lehrreich ! vortreflich ! durchaus aber weder Hand noch Fuß vom Zweck des
Griechischen Theaters.
Und welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug darüber
gestritten - nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschütterung des Herzens, die
E"egung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gattung Il­
lusion, die wahrhaftig! noch kein Französisches Stück zuwege gebracht hat oder zu­
wege bringen wird."378 Es fehle die "Natur", genauer - wie im wiederholten "gewisse"
angedeutet -, das der menschlichen Aisthesis adäquate Maß der Affizierung der Ein­
bildungskraft.
Diese gegen die Regelpoetik - und durch sie hindurch gegen die nominaldefinito­
risch fundierte Aufklärung - gerichtete Kritik stellt die Aufnahme eines Bestandes
durch Herder dar, von dem er sich abwendet. Die Aufgabe der Gegenwart sei, das
ihr und der Nation angemessene "Drama zu erfinden"319, eine Aufgabe, die nur da­
durch zu lösen ist, daß alle Spezifika der Gegenwart eruiert werden, das heißt, mit
einer genauen Standortbestimmung die je eigene Individualität in ihrer Eigentüm­
lichkeit zur Voraussetzung und zum Maßstab fii r das angemessene Drama gemacht
wird. Diese Bedingungen liegen den Erkenntnismöglichkeiten der Zeitgenossen of­
fen, denn sie sind gegenwärtig, so daß das 'Erfinden' des Dramas im Grunde das
'Finden' der eigenen Individualität ist. Der 'Logos der cognitio historica' ist das
S amme ln der Elemente des Hic et Nunc, das immer ein ens omnimode determina-

373 SWS V, S. 210.


374 Szondi: Poetik und Geschichtsphilosophie I, S. 69, spricht treffend davon, daß Herder einer "Apo-
rie des Klassizismus" auf der Spur gewesen sei.
315 SWS V, S. 214 (Shakespear).
376 A.a.O., S. 215.
m Ebd.
378 Ebd.
379 A.a.O., S. 217.
148 Herders Ästhetik-Entwurf

turn ist, welches, in extensiv klarer Weise vor Augen gestellt, in Kunst ein sinnlich er­
fahrbares Abbild seiner selbst und seiner Möglichkeiten bietet.
Das Finden allein ist aber nicht zureichend, solange nicht zum 'S amme ln' ein Re­
levanzkriterium hinzutritt, das gestattet, das Disparate und Kontingente zu einem
Ganzen, wie Herder immer wieder betont, zusammenzuführen - so, daß das Gefun­
dene als Phänomenon des Ganzen aufgefaßt werden kann: "die ganze Welt ist zu
diesem grossen Geiste [sc. von "Shakespears [ ... ) Dramatischem Geist"] allein Körper:
alle Auftritte der Natur an diesem Körper Glieder, wie alle Charaktere und Denkar­
ten zu diesem Geiste Züge - und das Ganze mag jener Riesengott des Spinosa 'Pan!
Universum!' heissen."380
Shakespeare "nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schöpfergeist das
verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen", zu einem "Wunder­
ganzen", das in dem 'mysteriösen'381 Akt seiner Zusammenfügung zu einem Zeichen
den Sinnen zugänglich und als neue Erfahrung in der Fiktion mitteilbar wird. 'Ver­
zeichnen' in dem doppelten Sinne von 'Bestandsaufnahme' und 'Transformation' ist
die Bedingung der Erfahrung, auch in der Fiktion.
Es sind die Historiendramen Shakespeares, die Herder vor allem faszinieren,
nicht, weil sie Vergangenheit vor Augen führten, sondern deshalb, weil sie an einer
"Begebenheit"382, die "da und so geschehen könnte"383, die Gegenwart als Geschichte
in einem realiter nicht erfahrbaren "Wunderganzen" versinnlichen, das heißt, der äs­
thetischen Erfahrung von Totalität zugänglich machen. Am "Individuellen jedes
Stücks"384 in seiner sinnlich reichen Vielfalt die Einheit der Schöpfung darzustellen,
das macht Shakespeare "zum Dollmetscher der Natur", der im Rahmen seiner Dra­
men über aller Disparatheit Einheit schafft - als Dichter, nicht als Schöpfer. Die
Dichtungskraft operiert nicht ex nihilo, sondern im Material der Erfahrungen, und
wie die Welt als Phänomenon auf die Kraft ihrer Bildung verweist, so verweist das
dramatisch Dargestellte auf die Bedeutung der Dichtungskraft in jedem Menschen.
Diese Erfahrung als Erfahrung der Totalität kann nur im Medium der Kunst ge­
macht werden, weil nur durch die Sinne die Einbildungskraft erreichbar ist. Deshalb
auch legt Herder hier so großen Wert auf "Handlung, Würkung der Seele"385 und
nennt - im Entwurf - Shakespeare einen "Verwickler des Fadens aller Be­
gebenheiten, die Menschliche Herzen treffen können"386, einen - das Wort sei hier
gestattet - 'Confusor', der die Begebenheiten als ein Ganzes im Drama sinnenfällig
( clare et confuse) zu machen versteht. Nicht die Gattung spiele dabei eine Rolle,
sondern die Tatsache, daß es sich um fingierte menschliche Geschichte handle: "Je­
des Stück ist History im weitsten Verstande, die sich nun freilich bald in Tragedy,
Comedy u.s.w. mehr oder weniger nuancirt"387, mit den Menschen als Figuren, deren
Rolle in der "Begebenheit" Jer Dichter überschaut in einer erfahrbaren Versinn-

""' A.a.O., S. 225f.


381 Vgl. oben, S. 114.
382 SWS V, S. 219.
"" A.a.O., S. 223.
384 A.a.O., S. 224.
3&S A.a.O., S. 228.
386 A.a.O., S. 238 (Shakespear. Entwurf).
387 A.a.O., S. 230 (Shakespear).
Poesie - Phantasie und Dichtungsvermögen 149

lichung - Ästhetisierung - der Schöpfung: "dunkle kleine Symbole zum Sonnenriß ei­
ner Theodicee Gottes"388•
Das Exemplarische an Shakespeare ist in Herders Sicht die seiner Zeit und der
Aisthesis seiner Zeitgenossen angemessene Inszenierung des Menschen in der Ge­
schichte, in deren dargestellter Totalität der Mensch als ein Ganzer sichtbar wird.
Shakespeares Leistung ist die Poiesis im emphatischen Sinne, und diese Erkenntnis
will Herder weitergeben389•
Aber darüber hinaus ist Poetizität selbst für ihn ein 'Fall' allgemeiner Ästhetizität,
ein 'Fall' der sinnlichen Spezifik menschlicher Erfahrung. Deren Verlust oder Ver­
schüttung gegenzusteuern, daran ist Herder gelegen. Das wird noch einmal in einer
späteren Formulierung deutlich. "So viel man gegen den Namen Aesthetik, als Philo­
sophie des Schönen betrachtet, eingewandt hat: so wenig sollte man ihn jetzt einge­
hen lassen, da bereits, und vorzüglich von Philosophen unsrer Nation, eine Reihe der
vortreflichsten Bemerkungen an diesen Namen geknüpft ist. Er ist auch kein un­
schicklicher Name, sobald man eine Philosophie der sinnlichen Empfindungen darun­
ter meinet, von welcher die Philosophie des Angenehmen, des sinnlich- Vollkommenen
und Schönen zwar nur ein Theil, aber gewiß nicht der verächtlichste Theil ist. Jede
Empfindung, so wie jeder Gegenstand derselben hat nämlich seine Regeln der Voll­
kommenheit in sich, die der Philosoph aufsuchen muß, damit er den Punkt ihrer
höchsten Wirkung finde und aus ihm Regeln für seine Kunst ableite. Zu diesem
Zweck muß er nothwendig die Empfindungen mehrerer Sinne vergleichen, was in
Jedem derselben ursprünglich und abgeleitet sei, bemerken und vorzüglich ein Auge
darauf haben, wie Ein Sinn den andern unterstützt, berichtiget und aufkläret. Könnte
dieser schöne Theil der Philosophie einen bessern Namen als Aesthetik finden, da
dieser Name sowohl den Umfang seiner Gegenstände, als das Subject ihrer Wirkung
genau bezeichnet? Eine Philosophie des Geschmacks, des Schönen u.s.w., die nur von
Einem Sinne ausginge, müßte zur Philosophie der gesammten Empfindungen
nothwendig nur unvollkommene Bruchstücke liefern."390

388 A.a.O, S. 220. Vgl. die vorherigen Formulierungen mit signifikant en Abweichungen in SWS V,
S. 239.
3851 Vgl. den AppeU an Goethe zum Schluß der Abhandlung.
390 SWS XV, S. 524 (Zerstreute Blätter. 3. Sammlung).
IV. HERDERS ENTWURF EINER GESCHICHTSPHILOSOPHIE

"- warum haben die meisten gelebt? blos als eine Nebenfolge
der allgemeinen Ordnung?"
J.G. Herder 1

A. Der Status der Geschichtsphilosophie

Die Spannung des Konzepts einer Philosophie der Geschichte ergibt sich aus der In­
teraktion der beiden Erkenntnisarten, die in ihm zusammengeführt werden. "Philoso­
phie der Geschichte" bedeutet die begriffliche Nobilitierung der Geschichte und als
solche eine Provokation der Philosophie - derjenigen zumindest, die zwar vom
Erfahrbaren ihren Ausgang nimmt, aber so gut wie außerstande ist, ihre Basis zu
problematisieren. Die Fruchtbarkeit der mit der Geschichte zusammengespannten
Philosophie erweist sich aber darüber hinaus vor allem in der Frage, wie dem Einzel­
nen der Geschichte unter den Bedingungen philosophischer Erkenntnis seine Eigen­
tümlichkeit derart gewahrt bleiben könne, daß zwar die Kontingenz der Erfahrung in
der Kohärenz des Wissens aufgehoben, nicht aber die Qualität des Ereignisses getilgt
werde2• Damit wäre, zumindest dem Anspruch nach, ein Ende der Geschichte durch
ihre Aufhebung im philosophischen Diskurs abgewendet. Sieht man einmal ab von
einer spezifischen Erscheinung jener Zeit, alles und jedes 'philosophisch' betrachten
zu wollen3, so stellt sich als gnoseologisches Projekt der Geschichtsphilosophie die
Transformation der cognitio historica in die cognitio philosophica dar, und zwar so,
daß der Gegenstand der cognitio historica keinen Substanzverlust erleidet. Das ist
streng zu unterscheiden von der Thematisierung der cognitio historica durch die co­
gnitio philosophica - eine metasprachliche Operation, die den Ort der Erkenntnis
bestimmt. Der Geschichtsphilosophie aber geht es vorrangig nicht um den Ort, son­
dern um den Gegenstand der historischen Erkenntnis und die Möglichkeit ihrer
philosophischen Dignität.
Als Herder im Jahre 1774 anonym seine Schrift "Auch eine Philosophie der Ge­
schichte zur Bildung der Menschheit. Beitrag zu vielen Beiträgen des Jahrhunderts"
erscheinen ließ, brachte er bereits in der Titelformulierung eine gewisse polemische
Distanz zur Konjunktur geschichtsphilosophischer Modelle zum Ausdruck. Das Neue
der Geschichtsphilosophie übt auf ihn nicht nur die Faszination avantgardistischer
Theoriebildung aus; es trifft vielmehr den Zentralnerv des Herdersehen Interesses.

1 Kant AA 28, 2,1, S. 894.


2 Vgl. den Aufsatz von Karlheinz Stierle: Erfahrung und narrative Form. Bemerkungen zu ihrem Zu­
sammenhang in Fiktion und Historiographie. In: Theorie und Erzählung in der Geschichte. Hrsg. von
Jürgen Kocka und Thomas Nipperdey. München 1979 ( Beiträge zur Historik. Bd. 3), S. 85-118. Das
=

von Stierle thematisierte Verhältnis von Erfahrung und narrativer Form ist in unserem Zusammenhang
auf das von Erfahrung und systematischem Diskurs zu übertragen.
1 Vgl. Ulrich Dierse: Die nützliche Wahrheit. Begriffe und Motive der "philosophes". In: Archiv für
Begriffsgeschichte. Bd. 26 (1982), S. 193-210.
Der Status der Geschichtsphilosophie 151

Geschichtsphilosophie ist für ihn die umfassendste menschenmögliche Form einer


Philosophie der Erfahrung, und sein polemisches Verhältnis zu bereits vorliegenden
geschichtsphilosophischen Schriften ist auch hier wieder entstanden aus dem Verfah­
ren, die Kritik als Instrument der Profilierung eigener Vorstellungen einzusetzen.
Zwei dieser gegenständigen Positionen seien hier skizziert, um die Ausgangsposition
der Herdersehen Geschichtsphilosophie deutlich zu machen.

1. Isaak Iselin

Zehn Jahre vor Herders Bückeburger Geschichtsphilosophie erschien anonym die


handliche Darstellung "Ueber die Geschichte der Menschheit'-4. Deren Verfasser
Isaak Iselin spezifizierte sein Vorhaben als "Philosophische Mutmaßungen". Die
"menschenfreundliche Gesellschaft in der Schweiz" hatte zwei Jahre zuvor die Ge­
schichte der Menschheit zum Gegenstand einer Preisfrage gemacht5• In einer "Zu­
schrift" macht Iselin den pragmatischen Nutzen seines Unternehmens und seine me­
thodologischen Überlegungen deutlich, indem er die Aufgaben von Politiker und
Philosoph definiert. Um zur Kultur und zur friedlichen sozialen Entwicklung beitra­
gen zu können, sei die Kenntnis des Menschen vorauszusetzen, und in eben diesem
Bereich unterscheide sich das Menschenbild des Philosophen stark von dem des Ge­
schichtsschreibers. Diese Differenz zu beseitigen, indem beide Vorstellungen in ein
einsehbares Verhältnis zueinander gesetzt würden, ist für Iselin die Voraussetzung
zur pragmatischen Nutzung des Wissens. "Wie einfach ist nicht der erstere [sc. der
'Mensch des Philosophen'] in den meisten psychologischen Lehrgebäuden. Unter wie
unendlich verschiednen Gestalten hingegen zeiget sich nicht der andre [sc. der
'Mensch des Geschichtsschreibers'] dem aufmerksamen Beobachter!'>li Die Simplizi­
tät des philosophischen Modells mit der unendlichen Polymorphie der komplexen hi­
storischen Gestalten in der synthetisierten Disziplin der Geschichtsphilosophie
zusammenzuführen, wirft in der Konsequenz die Frage nach dem Verhältnis beider
Elemente dieser Disziplin zueinander auf. Iselin geht mehrfach darauf ein. Seine
Antwort ist eindeutig. 'Geschichte' ist erst dann 'Geschichte der Menschheit', wenn
alle erreichbaren Data und Fakta einer perspektivischen Betrachtung unterzogen
worden sind. Anders gesagt: über das, was die Geschichte der Menschheit ausmacht,
entscheidet die philosophische Grundlegung. Die Geschichte muß ''von der Fackel
der Philosophie beleuchtet"7 werden, mit dem Anspruch, daß "jede Stelle der Ge­
schichte, ein jedes Volk, ein jeder einzelne Mensch [ ... ] Instanzen zu diser Induction
dar[biete]"8, wobei die "Induction" nicht von den einzelnen Fakta als Vorgefundenen
ausgeht, sondern von Fakten, die erst durch den Bezug auf die philosophische
Grundlegung zu solchen gemacht worden sind, indem sie für das induktive Verfahren
präpariert wurden. Beide, Philosophie und Geschichte, sind aufeinander angewiesen:

4 [Isaak Iselin:] Ueber die Geschichte der Menschheit. 2 Bde. Frankfurt und Leipzig 1764. Bis 1791
erschienen 7 Auflagen des Werks.
5 Vgl. Ulrich Im Hof: Isaak Iselin und die Spätaufklärung. Bern und München 1967, S. 85.
• [Iselin:] Geschichte der Menschheit I, "Zuschrift" (ohne Seitenzählung).
7 A.a.O., S. 100 .
8 A.a.O., S. 94.
152 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

"Dise [sc. die Philosophie] ist immer sehr schwach, wenn sie nicht von jener [sc. der
Geschichte] unterstützet ist, und jene ist meistens unnütz, und oft schädlich, wenn sie
nicht von diser erleuchtet wird."9
Nach Erscheinen der ersten Auflage seiner Geschichtsphilosophie hat Iselin in ei­
nem Brief dann sehr deutlich über seine Konzeption Auskunft gegeben. Es heißt
dort: "mon [ ... ] Iivre ne doit contenir que Ia metaphysique de l'histoire, Je resultat des
faits interessants et de leur principes. II ne doit pas traiter l'histoire meme."10 Philo­
sophie liefert also das Schema der Wahrnehmung dessen, was 'Geschichte' in einem
'ernsthaften' Sinne sich zu nennen nun beanspruchen darf.
Für diese Geschichte ist nicht alles von Belang, wenngleich ihr Konzept den An­
spruch stellt, daß alles Geschehene sich ihm grundsätzlich fügen müsse, so daß das
Syntagma der Geschichte gleichsam paradigmatisiert wird - ein Vorhaben, das Peter
Hanns Reill treffend als "metahistory"11 bezeichnet hat. Dementsprechend ist zu
unterscheiden zwischen 'Menschheit' in quantitativer und in qualitativer Bedeutung.
Meint 'Menschheit' im quantitativen Sinne alle Menschen in Vergangenheit, Gegen­
wart und Zukunft, so ist mit 'Menschheit' im qualitativen Sinne der Mensch, sein
'Wesen' gemeint. Iselins "Geschichte der Menschheit" ist eine Geschichte des "wah­
ren Menschen"12, in der die emphatische Betonung der Paradigmatisierung (des
'wahren Menschen') die Grundlage zur Bewertung von Geschichte abgibt.
Das Paradigma, welches Iselin der Geschichte unterlegt, ist das der rationalisti­
schen Gnoseologie und Vermögenspsychologie, flankiert von und in Konkurrenz zu
Montesquieus Klimatheorie13• Zwar führt er auch Sulzer, Mendelssohn, Pouilli,
Adam Smith, Hutcheson und Horne als Gewährsleute an, der wichtigste aber ist
Baumgarten. Es dürfte dessen "Metaphysica" gewesen sein - und aus dieser wiederum
die "Psychologia" -, der Iselin im wesentlichen die Grundlegung seiner Schrift ent­
nimmt. Das erste der insgesamt sechs Bücher ist eine "Psychologische Betrachtung
des Menschen", auf die im weiteren Verlauf der Darstellung nicht nur immer wieder
Bezug genommen wird, sondern die auch die Gesamtdarstellung strukturiert. Anders
gesagt: Iselins "Geschichte der Menschheit" ist ein geschichtsphilosophischer Versuch
in dem Sinne, daß das Paradigma der Psychologie auf das Syntagma der Geschichte
projiziert wird14• Das Paradigma ist also nicht nur der systematische Fundus für die

• A.a.O., S. 82.
10 Iselin an Jean Rodolphe Frey, 28.6.1768. Zitiert bei Im Hof: Iselin und die Spätaufldärung, S. 77.
11 Peter Hanns Reill: The German Enlightenment and the Rise of Historicism. Berkeley [u. a.] 1975,
S. 69.
1 2 Iselin: Geschichte der Menschheit I, S. 81.
1 3 Die Klimatheorie bekommt bei Iselin, der sich hierbei auf Machiavellis 'Discorsi' und Strabo beruft,
eine 'aktive' Variante dadurch, daß er den Zusammenhang zwischen Klima und Bodenkultivierung be·
tont, Klima also ein Kulturfaktor im Sinne des Wortes wird. Vgl. a.a.O., S. 34ff.
14 In der Ausgabe von 1784 zitiert Iselin in einer dem Buch vorangestellten "Anekdote über die Ge·
schichte der Menschheit" aus einem Brief Hornes, der präzise die Stellung von Iselins Projekt zu Mon·
tesquieu beleuchtet. Es heißt darin: 'Er [sc. Montesquieu] hat alle Ursachen erschöpfet, welche aus der
Natur der Verfassung, aus der Verschiedenheit des Clima, aus der Stärke oder der Schwäche eines Vol·
kes, aus der Dienstbarkeit etc. entstehen können. Aber er hat diejenigen Ursachen nicht entwickelt,
welche aus der menschlichen Natur selbst, aus unsern Leidenschaften, und aus den natürlichen Triebfe·
dern unsrer Handlungen fliessen; und sie werden doch, mein Freund! empfinden, daß die menschliche
Na/Ur selbst einen grösem {sie] Einfluß in die Einführung von Gesetzen und Gewohnheiten habe, als alle
Der Status der Geschichtsphilosophie 153

Kohärenzierung von Geschichte, sondern seine Struktur selbst wird auf die Ge­
schichte abgebildet. Diese zweideutige Beziehung zwischen Philosophie und Ge­
schichte war Iselin offenbar bewußt, denn er sieht sich genötigt, von eher "phi­
losophischen Hypothesen als historischen Wahrheiten"15 zu sprechen. Da, wo Quel­
len und Dokumente den 'Einblick' (cognitio historica) in die Geschichte versagen,
wird zur 'Einsicht' (cognitio philosophica) die 'Natur des Menschen' als hypotheti­
sches Substitut herangezogen. Die Arten und Grade der Erkenntnis werden vom sy­
stematischen Zusammenhang in eine Abfolge, verstanden als Geschichte der
Menschheit, umgedeutet, so daß Geschichte der Entwicklungsprozeß vom Dunklen
des fundus animae16 zum Klaren und Deutlichen und damit zu Tugend und Glückse­
ligkeit erscheint. Das im gnoseologischen Schema Elaborierteste wird bei Iselin nicht
nur zum Ziel der Geschichte, sondern auch zu ihrem Maßstab. Logische, psycho­
logische und historische Genese werden theoretisch synchronisiert und aufgrund der
behaupteten Entwicklungsrichtung evaluativ nutzbar: das Vergangene ist, gemessen
am Gegenwärtigen, grundsätzlich defizitär.
Es überrascht bei der methodologischen Anlage dieses Werkes deshalb nicht, daß
es über lange Passagen hinweg nicht eine Geschichte der Menschheit, sondern eine
Auseinandersetzung mit konkurrierenden Schriften ist. Insbesondere polemisiert
Iselin gegen Rousseaus Annahme des Naturzustandes. Dabei ist hervorzuheben, daß
Iselin sich des hypothetischen Charakters des 'Naturzustandes' bewußt ist17, daß er
also zu Rousseau nicht auf der Ebene historischer Fakten, sondern auf der Ebene
der Modelle18 in Konkurrenz tritt.
Der Ursprung der Geschichte liegt für Iselin in einem zwielichtigen Dunkel. Einer­
seits geht er von der tabula-rasa-Vorstellung aus: "Von allen Kräften entblösset be­
tritt der Mensch den Schauplatz, der seiner Wirksamkeit bestimmet ist."19 Anderer­
seits ist da der Schöpfungsbericht der Bibel, der die ersten Menschen - Iselin spricht
im Plural - von vornherein mit einer gewissen Ausstattung versieht. Gegen die Rous­
seausche Annahme eines ursprünglichen 'Standes vollkommen einfältiger Sitten'
führt Iselin die Genesis an - in einem signifikant verquer formulierten Satz, der sich
möglicherweise der theologischen Brisanz der Frage verdankt. Er lautet: "Es ist
wahrscheinlich, daß sich die menschlichen Vermögen allmählig so geäussert haben
würden, wenn nicht die unmittelbare Hand der Vorsehung die ersten Menschen so­
gleich in einen vollko mmn ern Stand versetzet hätte."20

andem Ursachen, welche Montesquieu ausführet." Isaak Iselin: Über die Geschichte der Menschheit. 1.
Bd. Karlsruhe 1784, S. XIV.
15 Iselin: Geschichte der Menschheit I, S. 161.
16 Vgl. a.a.O., S. 10. Iselin verweist in einer Fußnote ausdrücklich auf Baumgartens Begriffsprägung.
17 Vgl. a.a.O., S. 89.
1 8 Im Hof meinte Iselin der "heutigen durch den Historismus geprägten Haltung" plausibler machen zu
können, indem das erste (methodologisch grundlegende) Buch an den Schluß des Werkes gestellt
werde. Vgl. Im Hof: Iselin und die Spätaufklärung, S. 78. Erstens widerspräche solches Vorgehen prin­
zipiell dieser Art von Geschichtsphilosophie (wobei übrigens noch fraglich wäre, was sich durch eine
solche Umstellung überhaupt änderte), und zweitens geht es nicht um die Reihenfolge der Abschnitte,
sondern um deren Verhältnis zueinander. Das erste Buch ist Iselin Fundament für die übrigen fünf.
19 Iselin: Geschichte der Menschheit I, S. 47.
"' A.a.O., S. 161.
154 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

Der Versuch, Rousseau mit dem Schöpfungsbericht zu widerlegen, ist aber nicht
nur in der Formulierung widersprüchlich, sondern er deckt auch auf, daß bei Iselin
selbst philosophische Hypothese und Genesis in Konkurrenz treten. Das gnoseologi­
sche Modell verlangte die Entwicklung vom Dunklen zum Klaren und Deutlichen;
die Genesis setzt aber schon später als beim Dunklen an. Daraus ergibt sich die
Notwendigkeit, die Asynchronizität von logischer und historischer Genese durch
einen alogischen und ahistorischen Eingriff - die Vorsehung - zu plausibilisieren. Für
Iselin ist "Geschichte der Menschheit" also grundsätzlich philosophisch nicht ganz zu
erschließen.
Seine Fundierung der Geschichtsphilosophie in der 'Psychologie' und die Umdeu­
tung der Systemhierarchie der Erkenntnisarten und -grade zu einer Hierarchie von
Werten gestattet es Iselin, eine Typologie zu entwerfen, mit der er die Menschheit in
"zwo Hauptclassen"21 einteilt. Da sind einerseits diejenigen Menschen, die vom unte­
ren und andererseits diejenigen, die vom oberen Erkenntnis- und Begeh­
rungsvermögen beherrscht werden. Die Einteilung in die unteren und oberen Ver­
mögen kommt hier deutlich evaluativ zur Anwendung, und zwar in vierfacher Hin­
sicht: auf das Individuum, auf Gruppen, in synchronischer und in diachronischer Hin­
sicht. Die typisierende Zuordnung des Individuums zu einer der beiden Klassen
überträgt Iselin auf "ganze Völker"22• In synchronischer Hinsicht dient dieser Trans­
fer vom Typus auf Gruppen der Gewinnung reduktionistischer Aussagen von der Art
zeitgenössischer völkerpsychologischer Klassifizierungsversuche. In diachronischer
Hinsicht werden Aussagen über die Geschichte des Menschen gewonnen, indem die
Individualentwicklung als metonymisches Modell der Gattungsentwicklung aufgefaßt
wird23• Damit ist methodologisch ein Verfahren erschlossen, Menschheitsgeschichte
bis in die Frühgeschichte am Individuum nach Maßgabe der 'Psychologia empirica'
anschaulich, gegenwärtig werden zu lassen. Die Lebensalteranalogie ist die Entspre­
chung in der Darstellung.
Es ist freilich eine Frage, die nicht nur Iselin betrifft, ob diese Analogie Geschichte
oder ob sie nicht vielmehr eine geschichtsphilosophische Annahme veranschaulicht.
Eben deshalb, weil mit dem gnoseologischen Schema und der Vermögenspsychologie
eine 'wissenschaftliche' Grundlage gegeben war, ist die Lebensalteranalogie nicht
mehr Allegorie im engeren Sinne, sondern dem Anspruch nach die zur Anschauung
gebrachte Verifikation dieser Annahmen. Das Individuum fungiert hier als Ex­
emplum für ein Prinzip der Geschichte. Auch dieses ist ein Aspekt der Pa­
radigmatisierung der Geschichte durch Iselin.
Iselins Versuch, der Geschichte mit philosophischen Mitteln habhaft zu werden,
rückt die Frage nach den Quellen zwar in die zweite Reihe24; gleichwohl stellt sie sich.
Es ist auffällig, daß er - neben den alten Historikern, natürlich, - eine große Zahl von

21 A.a.O., S. 74.
22 A.a.O., S. 76.
23 Vgl. z.B. a.a.O., S. 205 und 208, wo vom "kindischen Zeitpunct der Menschheit" die Rede ist. Vgl. auch
die maximenartige Formulierung: "Ehe der Mensch ein Mensch wird, muß er durch den Stand der
Kindheit hindurch gehen" (a.a.O., S. 238).
"' Reills Kritik an Iselins dilettantischer Auswahl und an seinem Umgang mit den Quellen scheint mir
dem Projekt Iselins nicht angemessen zu sein. Vgl. Reill: German Enlightenment, S. 66.
Der Status der Geschichtsphilosophie 155

Reiseberichten und ethnographischen Schilderungen25 heranzieht. Die Wahl beider


Quellentypen folgt aus der Anlage des Projekts und aus der eurozentrischen Per­
spektive Iselins. Die Vergangenheit der Menschheit ist am entlegenen Ort auffind­
bar, so daß die Schilderungen von 'Primitiven' und Fremdem den Status der Dar­
stellung von am eigenen Ort Überwundenem bekommen. Descartes hatte das Ge­
spräch mit anderen Jahrhunderten dem Reisen gleichgesetzt26• Für Iselin sind Reisen
ins Entlegene der Erde Reisen in die Geschichte der Menschheit. Die Annahme, daß
die Entwicklung der Menschheit am eigenen Ort am weitesten gediehen sei, gestattet
den wertenden Rückblick, dem die Exotisierung des geographisch Entlegenen ent­
spricht. Aber nicht nur in der Ferne ist die Vergangenheit als Wildheit oder 'Natur­
stand' gegenwärtig, sondern auch 'unten', am Boden der zivilisierten Gesellschaften.
"Wir finden noch sehr viele Beyspiele davon [sc. von Elementen des 'Naturstandes']
nicht nur bey Wilden, sondern auch unter den nidersten Classen der policierten Völ­
ker."27 Neben das geographisch Exotische tritt das sozial Exotische28 als Material zur
Veranschaulichung der Vergangenheit der Menschheit, zugleich aber auch als Auf­
gabe der Integration in den historischen Prozeß, der Iselin sich ja mit seiner Schrift
zu stellen versucht.
Die implizite Topik in Iselins Schrift macht auch unausgesprochen den Ort des Ge­
schichtsphilosophen deutlich: Er schreibt vom Zentrum aus, vom - in Termini der
Lichtmetaphorik Licht her, ausstrahlend bis in die Peripherie. Und er schreibt von
-

der Höhe aus, vom Standpunkt der Gesittung, Kultur und 'Policirung'. Schließlich
liegt der Ort, von dem aus Iselin schreibt, 'vom', an der Spitze der geschichtlichen
Entwicklung und Bewegung, zu der er selbst beiträgt: "Auf das höchste befindet sich
Buropa nun in einer blühenden, in einer ausgelassenen Jugend, und reifet seinen
männlichen Jahren und bessern Zeiten entgegen."29
Mit dem erreichten Stand der 'natürlichen' Entwicklung des Menschen ist die Ge­
schichte der Menschheit nicht an ihrem Ende angelangt, sie ist aber "seit einem hal­
ben Jahrhundert"30 in das Stadium der Aufklärung getreten, das es gestattet, Vergan­
genes als defizitär zu beurteilen. Das philosophische Jahrhundert31 bereitet das
Mannesalter der Menschheit vor, dessen Entwicklung zu einer "Grösse" führen
könne, ''von deren [sie] wir dermals uns keine Begriffe machen können."32 Vom er­
reichten Stand der Geschichte aus gesehen, erscheinen das Einfache und der Ur-

25 Vgl. die Zusammenstellung der ethnographischen Quellen bei Im Hof: Iselin und die Spätaufklärung,
s. 247-251.
26 Vgl. Descartes: Discours de Ia Methode, S. 129.
v Iselin: Geschichte der Menschheit I, S. 121.
28 Nicht nur das geographisch sondern auch das sozial Exotische wird im 18. Jahrhundert durch 'Reise·
berichte' erschlossen. Vgl. z.B. Krist.[ian) Heinr.[ich] Spieß: Meine Reisen durch die Höhlen des Un­
glücks und Gemächer des Jammers. 4 Teile. Leipzig 1796-1798. Auch Christian Gotthilf Salzmann: Carl
von Carlsberg oder über das menschliche Elend. 6 Teile. Leipzig 1783-1788 ist ein Reiseroman. Im 19.
Jahrhundert ist dann die Exotisierung vielfach Vehikel zur romanhaften Präsentation der 'sozialen
Frage' geworden, indem das Exotische zum "Geheimnis" wird. Vgl. etwa Eug�ne Sue: Les Myst�res de
Paris. (1842/43), ein Roman, der eine Fülle von sogenannter 'Mysterien'-Literatur nach sich zog. Vgl.
dazu: Erich Edler: Eug�ne Sue und die deutsche Mysterienliteratur. Phil. Diss. Teildruck. Berlin 1932.
29 Iselin: Geschichte der Menschheit II, S. 285.
30 A.a.O., S. 283.
3 1 Vgl. a.a.O., S. 261.
32 A.a.O., I, S. 238.
156 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

sprung negativ. In einer seit der Renaissance typischen Verkehrung der Epo­
chencharakterisierung wird das goldene Zeitalter dementsprechend als Zukunft ge­
dacht, und selbst die Zeit der Griechen ist in Iselins Sicht mit dem Makel der Bar­
barei behaftet33• Zwar seien die "schönen Wissenschaften und Künste" bei den Grie­
chen auf dem Wege zur Vollkommenheit gewesen, zwar habe das Epos "den
höchsten Grad der Vortrefflichkeit erreichet" und sei die "Schaubühne der Alten [ . .. ]
die erhabenste Schule ihrer politischen Tugend"; auch stellt Iselin "die edle Einfalt
und die erhabne Grösse der Griechen" in ihren Dramen den neuern Dichtern als
nachahmenswert vorl"; aber all diese Leistungen im Bereich der 'schönen Wissen­
schaften und Künste' sind für Iselin nur zu rasch zur Blüte gekommene Produkte der
Einbildungskraft. "Die eigentlichen Wissenschaften hingegen sind Früchte des auf­
geheiterten Verstandes. Sie erfordern eine mühsame und geübte Erfahrung"35• Somit
sind für Iselin auch die im Medium von Kunst und Philosophie der Antike vorgetra­
genen Tugenden "keine wahren Tugenden"36• Und Iselin resümiert: "Es fällt also ein
grosser Theil des Werthes von den so gepriesnen Tugenden des Alterthumes weg'137,
weil die Tugenden nicht um ihrer selbst willen, sondern zweckbestimmt, regional be­
schränkt und aus mangelnder Erfahrung im Umgang mit den Lastern entwickelt und
gepflegt wurden. Es fehlen den Griechen zur Vorbildhaftigkeit die Grundlagen der
Freiheit, Gerechtigkeit und des Kosmopolitismus38• Methode und Systematik lassen
Iselin hier als dezidierten Vertreter der 'modernes' und als Gegner des - vornehmlich
politisch inspirierten - kontemporären Philhellenismus erscheinen.
Generell lassen die skizzierten Charakteristika der "Philosophischen Mutmaßun­
gen" einen Grundzug erkennen: ein dogmatisches Verhältnis zur Alterität. Der aus­
wählende Eingriff der Philosophie in die Geschichte fa4$onniert die Ereignisse nach
Maßgabe des 'Interesses' des Geschichtsphilosophen. Da der aufgeklärte Philosoph
'im Zentrum' steht, erscheint das Ferne - nicht zwangsläufig, aber in Iselins Fall -
mindestens suspekt. Nicht anders ergeht es dem zeitlich Zurückliegenden, das der
'vorn' stehende Philosoph als weniger aufgeklärt ansieht. Daß - um noch einmal die
Iichtmetaphorik zu bemühen - das licht des Aufklärers selbst zu schwach sein
könnte oder prinzipiell nur einen begrenzten Bereich auszuleuchten vermöchte,

33 Vgl. dazu: Bodo Gatz: Weltalter, goldene Zeit und sinnverwandte Vorstellungen. Hildesheim 1967 ( =

Spudasmata. Bd. XVI).


34 Im Hof: Iselin und die Spätaufklärung, S. 201, weist darauf hin, daß Iselin zu diesem Zeitpunkt Win­
ckelmann noch nicht gekannt habe. Man wird dem entgegenhalten dürfen, daß das auf Pseudo­
Longinos' "Peri Hypsous" zurückgehende Diktum seit Boileaus Übersetzung (1674) "ein gängiger
Slogan" war. So Max L. Baeumer: Klassizität und republikanische Freiheit in der außerdeutschen
Winckelmann-Rezeption des späten 18. Jahrhunderts. In: Johann Joachim Winckelmann. 1717-1768.
Hrsg. von Thomas W. Gaethgens. Harnburg 1986 ( Studien zum achtzehnten Jahrhundert. Bd. 7),
=

S. 195-219, hier: S. 204. Vgl. auch Wolfgang Stammler: "Edle Einfalt". Zur Geschichte eines
kunsttheoretischen Topos. In: Worte und Werte. Bruno Markwardt zum 60. Geburtstag hrsg. von
Gustav Erdmann und Alfons Eichstaedt. Berlin 1961, S. 359-382.
35 Iselin: Geschichte der Menschheit II, S. 116.
36 A.a.O., S. 145.
� A.a.O., S. 147.
38 Vor diesem Hintergrund ist es einigermaßen unverständlich, wenn Proß behauptet, daß Iselin "per­
manent" in seiner "Geschichte der Menschheit" darauf hinweise, "daß der in Sinnlichkeit und Phantasie
verstrickte Mensch der Frühzeit nicht mit den Begriffen einer modernen 'Moral' eines veredelten Men­
schentums gemessen werden dürfe." HW I, S. 720.
Der Status der Geschichtsphilosophie 157

kommt als Problern nur insofern zur Sprache, als das geschichtsphilosophische Kon­
strukt als Hypothese ausgewiesen wird. Zeit und Alterität des Gewesenen werden
reduziert auf das für positiv befundene Intelligible. Iselins Satz, ''J'airne !es choses in­
telligibles"39, ist die auf den ersten Blick unverdächtige Formulierung dieser Be­
schränkung.

2. Voltaire

Unter dem Pseudonym "Abbe Bazin" erschien 1765 in Arnsterdarn die Schrift "La
Philosophie de l'histoire" von Voltaire40• 1769 stellte er diese Schrift seinem "Essai
sur !es rnoeurs et l'esprit des nations" als Einleitung voran. Mit dem Titel "La Philo­
sophie de l'histoire" prägte Voltaire den neuen Begriff11 • Die ersten Sätze der Schrift
machen deutlich, was der Verfasser von einer Philosophie der Geschichte erwartet:
"Vous voudriez que !es philosophes eussent ecrit l'histoire ancienne, parce que vous
voulez Ia Iire en philosophe. Vous ne cherchez que des verites utiles, et vous n'avez
guere trouve, dites-vous, que d'inutiles erreurs. Tächons de nous eclairer ensernble;
essayons de deterrer quelques rnonurnents precieux sous !es ruines des siecles.'"'2
Die bisherigen, unphilosophischen Geschichtsdarstellungen, insbesondere zur
Frühgeschichte, haben fast nur 'nutzlose Irrtümer' ans Licht gebracht. 'Nutzlos'
deshalb, weil sie keinen praktischen Bezug auf die Gegenwart haben, 'Irrtümer'
deshalb, weil ein nachweislich falscher Umgang mit den Fakten vorliegt. Die
doppelte Aufgabe läßt wieder den Anspruch der Philosophie, Geschichte zu
strukturieren und einen sinnvollen historiographischen Diskurs zu ermöglichen,
erkennen. Der Nutzen geschichtsphilosophischer Reflexion besteht darin, daß
Vergangenes im Licht gegenwärtigen philosophischen Wissens sich eindeutig als
geschichtsfunktional oder dysfunktional ausweisen läßt. Über diese Zuordnung wird
aber nicht arn Ort des Geschehens entschieden, sondern arn Schreibtisch von Fernay.
Rückblickend schrieb Voltaire über seine Ausgangsfrage: "D'ou put venir cette
conformite d'orgueil et de folie entre tant d'hommes separes par Ia distance des
ternps et des lieux, si ce n'est de Ia nature hurnaine, partout orgueilleuse, partout
rnenteuse, et qui veut toujours en irnposer? Ce fut dorre [sc. in seiner "Philosophie de
l'histoire"] en consultant Ia nature que nous tächärnes de porter quelque faible
lumiere dans le tenebreux chaos de l'antiquite.''43
Da die menschliche Natur zwar im allgerneinen immer sich gleich gewesen ist44,
die Geschichte der Menschheit aber keinen Anlaß zu einem vertrauensvollen Opti­
mismus in die Selbstwirksamkeit dieser Anlage gibt, hat die Philosophie der Ge-
" Zitiert bei Im Hof: lselin und die Spätaufklärung, S. 209.
40 La Philosophie de l'histoire. Par feu I'Abbe Bazin. Amsterdam 1765. Im folgenden zitiert nach: The
Complete Works of Voltaire/Les Oeuvres completes de Voltaire. Hrsg. von Theodore Besterman [u.a.).
Bd. 59, hrsg. von J.H. Brumfitt. Second edition, revised. Genf und Toronto 1969, S. 83-275.
4 1 Vgl. U. Dierse/G. Scholtz: "Geschichtsphilosophie". In: HWP III, Sp. 416-439, insbes. Sp. 416f.
42 Voltaire: Philosophie de l'histoire, S. 89.
43 Voltaire: Fragment sur l'histoire generale (1773). In: V.: Oeuvres completes. Hrsg. von Louis Moland.

Bd. 29. Paris 1879 (Nachdruck Nendeln/Liechtenstein 1967), S. 223-283, hier: S. 255. Zu achten wäre in
dem Zitierten auf die 'grenzüberschreitende' Lichtmetaphorik.
44 Vgl. Voltaire: Philosophie de l'histoire, S. 111.
158 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

schichte die Aufgabe, die Vergangenheit kritisch zu beurteilen. Diese Beurteilung


setzt den Bezug eines Standpunktes voraus. Die Richtigkeit der Beurteilung
geschichtlicher Sachverhalte und deren Nutzen ergibt sich, wenn Standpunkt und
Sachverhalt in ein verträgliches Verhältnis zueinander gesetzt werden. Im morali­
schen Bereich nimmt Voltaire eine allen Menschen gemeinsame Selbstliebe an, die
sich in der Familie und den eigenen Werken widerspiegelt45• Im übrigen ist jeder 'na­
türlichen' Gesetzen unterworfen, die allen Menschen von Nutzen seien. Diese natu­
ralisierten Axiome der Soziabilität verbieten, seinen Nächsten zu bestehlen, zu töten,
Ehebruch zu begehen und zu lügen. Sie gebieten, seine Eltern zu achten und seinen
Mitmenschen so zu helfen, wie man will, daß einem selbst geholfen werde.46 Den so­
zialen Bereich sieht Voltaire durch zwei in jedem Menschen vorhandene Gefühle
begründet: "Nous avons tous deux sentiments qui font Je fondement de Ia societe, Ia
commiseration et Ia justice."47 Die allen Menschen gemeinsame Erkenntnisgrundlage
schließlich ist ein von Gott verliehenes, de facto autarkes "principe de raison uni­
verselle'o48.
Von diesen Konstanten aus urteilt Voltaire über Geschichte, verstanden als Pro­
greß natur- und kulturwissenschaftlichen Wissens. Da es in der Geschichte außer den
immer geltenden, mathematisch formulierbaren Naturgesetzen nur "immerwährende
Veränderung'"'9 gibt, findet jeder naturwissenschaftliche Fortschritt Voltaires unge­
teilte Anerkennung, sei es das heliozentrische Weltbild der BabylonierSO oder die
präzise Chronologie der Chinesen51• Die moralische Integrität der Inder und deren
Lehre von der Metempsychose, die eine "allgemeine Barmherzigkeit"52 zur Folge
habe, anerkennt Volt aire, sie läßt ihn sogar über Schattenseiten dieser Kultur hin­
wegsehen, mit dem verallgemeinernden Hinweis, daß Fanatismus - der etwa im Ge­
brauch der Witwenverbrennung zum Ausdruck komme - und Widersprüchlichkeit
mit der menschlichen Natur verknüpft seien53• Alle 'Abweichungen' seien Erschei­
nungen an der Ober läche, die trotz ihrer historischen Wirksamkeit nichts an der
Vernunft als Grundl age änderten. Eben deshalb ist es für Voltaire sinnvoll, ge­
schichtsphilosophisch e Reflexionen anzustellen, weil im Prinzipiellen gegründete
Kritik negative Oberflächenerscheinungen zu entlarven vermag.
Voltaires Geschichtsphilosophie unterscheidet sich von der Iselins vor allem da­
durch, daß sie nicht allgemein gegen das Widervernünftige gerichtet ist, um optimi­
stisch auf die heilend ! Wirkung der Kritik zu vertrauen. Voltaire polemisiert im Ge­
wande der Geschicht sphilosophie vor allem gegen die Institution der Kirche. Weil
das Wirken Gottes das Vermögen der menschlichen Vernunft übersteigt, beschränkt
sich Voltaire auf das Faßbare, "ce que Je Createur du monde aura daigne nous ap­
prendre lui-meme."54 "II est vrai que notre faible entendement ne peut concevoir

45 Vgl. a.a.O., S. 112.


46 Vgl. a.a.O., S. 274, auch S. 151.
47 A.a.O., S. 11 4 .
48 Ebd.
49 A.a.O., S. 168.
so Vgl. a.a.O., S. 121.
" Vgl. a.a.O., S. 153.
52 A.a.O., S. 148.
"' Vgl. ebd.
" A.a.O., S. 135.
Der Status der Geschichtsphilosophie 159

dans Dieu une autre sagesse, une autre justice, une autre honte que celle dont nous
avons l'idee; mais enfin, il a fait ce qu'il a voulu; ce n'est pas a nous de Je juger; je
m'en tiens toujours au simple historique."55
Auch hier ist das Historische das Intelligible, kein Wunder ist für Voltaire in den
Rahmen einer Geschichts- oder geschichtsphilosophischen Darstellung integrierbar,
weil es das rationale Fassungsvermögen des Menschen übersteigt. Voltaire akzep­
tiert Wunder als Glaubensartikel solange, bis nachweisbar ist, daß sie rational auf
Charlatanerie oder mentale Defizite derer, die sie akzeptieren, reduzierbar sind. In
diesem Sinne schreibt er über Vorurteile, Engel, Teufel, vor allem aber über die Ge­
schichte der Juden, so wie sie das Alte Testament darstellt. Die Geschichte des aus­
erwählten Volkes ist in seinen Augen irrelevant, weil sie keine menschliche Ge­
schichte, sondern nur eine Anhäufung von Wundern ist: "Chaque peuple a ses prodi­
ges; mais tout est prodige chez Je peuple juif; et cela devait etre ainsi, puisqu'il etait
conduit par Dieu meme. II est clair que l'histoire de Dieu ne doit point ressemhier a
celle des hommes. C'est pourquoi nous ne rapporterons aucun de ces faits surnatu­
rels dont il n'appartient qu'a !'Esprit-Saint de parler. Encore moins oserons-nous ten­
ter de !es expliquer."56 Man muß sich dabei vor Augen führen, daß noch 1775 ein auf­
wendiger Artikel zur Verteidigung des Wunderglaubens im "Dictionnaire philoso­
phique de Ia Religion" erschien57•
Entgegen seinem Wort, nicht über diese 'Geschichte Gottes' zu schreiben, räumt
er ihr dennoch erheblichen Raum ein, indem er sie förmlich nachrechnet und so das
Mirakulöse als Befremdliches entlarvt, das gegen den gesunden Verstand allemal
verstoße58• Um direkte Kollisionen mit der Kirche zu vermeiden, stellt der Deist Vol­
taire klar, daß Wunder grundsätzlich gegen die Naturgesetze verstoßen, daß aber
''wahre Wunder"59 anerkannt werden müßten. Auch die des Alten Testaments seien -
nach dem Willen der Kirche - dazuzuzählen, eine Erklärung Voltaires, deren Ironie
aus der Diskrepanz von Darstellung - 'Berechnung' der Wunder und Konfrontation
mit den Regeln des "bons sens" - und Bekenntnis - credo quia absurdum - entsteht.
Zu Recht spricht Brumfitt von Voltaires "tongue-in-cheek declaration of belief in
Christian miracles•t60. Die Kritik an der Geschichte der Juden ist das Vehikel für Vol­
taire, um die Kirche zu kritisieren, indem er deren Tradition einer rationalen Ana­
lyse unterzieht.
Die Kritik der Geschichte aus der Sicht des Rationalismus des Schreibzeitpunktes
bringt es mit sich, daß Voltaire der Quellenkritik besondere Aufmerksamkeit wid-

55 A.a.O., S. 214.
56 A.a.O., S. 222f. - Nicht Voltaires methodisches Vorgehen ist dabei originell (erinnert sei etwa an Spi­
nozas "Tractatus Theologico-Politicus" und dessen subkutane Wirkung), sondern die geschichtsphiloso­
phische Dimension unter den Auspizien der praktischen Philosophie - und der Mut zur Publikation sei­
ner Theoreme, die im deutschsprachigen Raum (man denke an die ähnlich operierende 'Apologie' von
Reimarus) von potenzierter Brisanz gewesen sein dürfte.
� Vgl. Dictionnaire philosophique de Ia Religion, Ou l'on etablit tous les Points de Ia Religion attaques
par les lncredules, & ou l'on repond ä toutes leurs objections. Par I'Auteur des Erreurs de Voltaire.
Nouvelle Edition. Tome 3•. 0.0. 1775, S. 59-115.
58 Vgl. dagegen etwa Gatterers Bemühungen, die biblischen Altersangaben zu rechtfertigen. Zit. bei
Reill: German Enlightenment, S. 78f.
"' Voltaire: Philosophie de l'histoire, S. 200 .
60 J.H. Brumfitt in seinem Kommentar, S. 306.
160 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

met, was ihn in hohem Maße von Iselins Verfahren scheidet. Um überlieferte Ge­
schichten auf ihren Dokumentationswert hin zu untersuchen, warnt Voltaire immer
wieder vor Mythen und poetisch eingekleideten Geschichten. Nicht nur solle der Hi­
storiker auf der Hut sein vor Mythen und Fabeln, Voltaire gibt auch einen Grund für
die Erfindung solch unzuverlässiger Texte an: "La Superstition invente des usages ri­
dicules, et l'esprit romanesque en invente des raisons absurdes."61 Das Bedürfnis
nach 'romanhafter' Geschichte sei Resultat einer unersättlichen Begierde:
"[L'homme] n'aime que l'extraordinaire; et cela est si vrai que sitöt que le beau, le
sublime est commun, il ne paralt plus ni beau ni sublime. On veut de l'extraordinaire
en tout genre; et on va jusqu'a !'impossible. L'histoire ancienne ressemble a celle de
ce chou plus grand qu'une maison, et a ce pot plus grand qu'une eglise, fait pour
cuire le chou."62 Wie die Wunder verdunkeln poetische Darstellungen das historische
Ereignis. So ist Poetizität und Fiktion in der Darstellung von Geschichte für Voltaire
kein brauchbares Vehikel zur Vermittlung, sondern behindert Erkenntnis. In diesem
Sinne wendet Voltaire sich speziell gegen Allegorien63 wegen ihrer 'unseriösen' Viel­
deutigkeit. Wie - veränderliche - Riten und Gebräuche die Menschheit trennen, wäh­
rend die - unveränderliche - Moral sie eint64, so verhalte sich die Erzählung der Ge­
schichte zum Ereignis der Geschichte. Anläßlich Xenophons "Kyropädie" schreibt
Voltaire: "Le fond de son histoire est tres vrai; les episodes sont fabuleux: il en est
ainsi de toute histoire. "65
Die Möglichkeit der Mythen- und Sagenexegese interessiert Voltaire nicht, weil
diese Darstellungsart in seinen Augen dem rational rekonstruierten Geschichtsfak­
tum in seinen Konstitutionsprinzipien widerspricht. Eine Erzählung, in der Wunder­
bares möglich ist, bedarf für Voltaire keiner historischen Interpretation, weil es in
der Geschichte der Menschheit nichts Übernatürliches gibt, und die Attraktivität der
Mythen erklärt er sich mit der Dummheit der Menschen, denen er unterstellt, sie
hätten Mythen für Berichte aus der Erfahrungswelt genommen: "c'est que le gros du
genre humain a ete tres longtemps insense et imbecile; et que peut-etre les plus in­
senses de tous ont ete ceux qui ont voulu trouver un sens a ces fahles absurdes, et
mettre de Ia raison dans Ia folie."66

61 Voltaire: Philosophie de l'histoire, S. 131.


62 A.a.O., S. 200 .
63 Vgl. a.a.O., S. 256.
64 Vgl. a.a.O., S. 152.
65 A.a.O., S. 126. Hervorh. von mir; HA.
66 A.a.O., S. 105. Die Parameter praktischer Vernunft, an denen Voltaire Frühformen von Religiosität
bemißt, verstellen ihm die Möglichkeit, die anthropologische Dimension der Phänomene zu erfassen, in
prekärer Weise. Eine Geschichtsphilosophie, der die soziokulturellen Determinanten einer "Natural Hi­
story of Religion" (so der Titel von David Humes folgenreicher 'dissertation' aus dem Jahre 1757, bis
1777 in acht Auflagen verbreitet und bereits 1759 von F.G. Resewitz übersetzt) als mentale Defizite gar
nicht erst in den Blick geraten, ist da, wo es um 'genetische' Erläuterung mythischer Rede geht, nicht
konkurrenzfähig. Herder hat das Rumesche Konzept einer auf "Leidenschaft", "Einbildung" und "Phan­
tasie" aufruhenden Mythenbildung mannigfach genutzt und eigenen Vorstellungen eingepaßt - etwa im
"Versuch einer Geschichte der lyrischen Dichtkunst". Suphan datiert die Exzerpte aus der "Natural Hi­
story of Religion" auf den 1. bis 3.8.1766 (vgl. SWS XXXI I, S. 193ff.).
Der Status der Geschichtsphilosophie 161

Alles Überlieferte nicht nur im Lichte der, sondern vor allem der praktischen Ver­
nunft zu prüfen, das ist Voltaires Vorhaben67. Aus dieser Perspektive geht er auf Di­
stanz zu allen historischen Darstellungen, die ihm als Geschichten suspekt, als Do­
kumente von Elementen zur Geschichte aber unerläßlich und brauchbar sind. 1744
schrieb er: 'je regarde a present tous !es gros livres comme des dictionnaires. [ ... ] Je
n'apprenais Ia que des evenements."68 Nicht Sammeln der Quellen, sondern deren
Revision in philosophischer Perspektive ist die Maxime, unter der die alten Darstel­
lungen im neuen Licht überhaupt erst Quellencharakter erlangen. Deshalb ist die
Geschichte für Voltaire keine Gedächtniswissenschaft, sondern eine philosophische,
was er auch unter einem forschungsökonomischen Gesichtspunkt begründet, denn
unreflektierte Tradition bewirke nur die Kompilation ins Unermeßliche: "Ce qui
manque d'ordinaire a ceux qui compilent l'histoire, c'est l'esprit philosophique: Ia
plupart, au lieu de discuter des faits avec des hommes, font des contes a des en­
fants."69
Neu, wahr und relevant müsse das Material des Geschichtsphilosophen sein, um
für die Gegenwart Nutzen zu bringen70• Tendenziell ist das auch ein Plädoyer für die
Entnarrativisierung von Geschichte, zugunsten einer Freilegung von Kausalzusam­
menhängen, nicht durch Erzählung, sondern durch Analyse. Daß "die Einsicht des
Zeitalters zum Maßstab für Wahrheit oder Nicht-Wahrheit des Berichteten erhoben"
wird71, ist zwar im Resultat ein Akt der Enthistorisierung des geschichtsphilosophi­
schen Maßstabes. Die Tatsache aber, daß die Vergangenheit an diesem Maßstab
gemessen und in 'Unvernünftiges' und 'Vernünftiges' differenziert werden kann, ist
ein grundlegender Akt der Historisierung der Vergangenheit durch den Bezug auf
die Gegenwart als richtende Instanz - aus politischer Perspektive. Weischedels ab­
wegige Behauptung, daß Geschichte in 'der' Aufklärung "Gegenstand eines Spieles,
das den Anschein des Ernstes besitzt"72, gewesen sei, daß die Befassung 'der' Aufklä­
rung mit Geschichte durch die "Freiheit der Unverbindlichkeit" charakterisiert sei,
daß - schließlich - das Studium der Geschichte "aus den Bedürfnissen der Konversa­
tion erwachsen" sei, trifft weder 'die' Aufklärung im allgemeinen, noch Voltaire im
besonderen. Voltaires strenge Maßstäbe - Neuheit, Wahrheit, Relevanz - verdanken
sich nicht einer diffusen "Lust am Wissen"73, und schon gar nicht trifft auf ihn zu, daß
er Geschichte salongerecht "mit der unbeteiligten Souveränität der geistreichen Ge­
sichtspunkte"74 zur Belebung witziger Konversation betreibe. Der Philosoph der Ge­
schichte, den Voltaire im Auge hat, versucht, vor dem Hintergrund der 'Natur des

67 Vgl. zum folgenden: J.H. Brumfitt: Voltaire Historian. Oxford 1958 ( Oxford Modern Languages
=

and Literature Monographs).


68 Voltaire: Nouvelles considerations sur l'histoire [1744). In: V.: Oeuvres completes. Hrsg. von Louis
Moland. Bd. 16. Paris 1878 (Nachdruck Nendeln/Liechtenstein 1967), S. 138-141, hier: S. 139.
"' Voltaire: Remarques sur l'histoire [1742). In: V.: Oeuvres completes. Hrsg. von Louis Moland. Bd. 16.
Paris 1878 (Nachdruck Nendeln/Liechtenstein 1967) S. 134-137, hier: S. 136.
70 Dieses, die Herausarbeitung des "Geistes der Begebenheiten" fand Herdcrs Beifall . Vgl. FHA I,
S. 158.
71 Wilhelm Weischedel: Voltaire und das Problem der Geschichte. In: Zeitschrift für philosophische
Forschung. II (1947), S. 481-498, hier: S. 487.
72 A.a.O., S. 485.
73 A.a.O., S. 497.
74 Ebd.
162 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

Menschen', Geschichte als Politik zu begreifen, um sie durch die Analyse für die Po­
litik der Gegenwart nutzbar zu machen. Der Geschichtsphilosoph begreift sich hier
als kritischer Bürger. Gelegentlich seiner lnteressensbekundung für Bevöl­
kerungsstatistiken mit Trendaussagen schrieb er 1744: "Voila deja un des objets de Ia
curiosite de quiconque veut Iire l'histoire en citoyen et en philosophe. [ ... ] Les chan­
gements dans !es moeurs et dans !es lois seront enfin son grand objet. On saurait
ainsi l'histoire des hommes, au lieu de savoir une faible partie de l'histoire des rois et
des cours.
En vain je lis !es annales de France; nos historiens se taisent sur ces details. Aucun
n'a pour devise: Homo sum, humani nil a me a/ienum puto. II faudrait donc, me sem­
ble, incorporer avec art ces connaissances utiles dans Je tissu des evenements. Je
crois que c'est Ia seule maniere d'ecrire l'histoire moderne en vrai politique et en
vrai philosophe."75

B. Aisthesis und Geschichte

1 . Geschichtsphilosophie: Von der Faktizität der Fakten

Für Herder ist Geschichtsphilosophie keine Disziplin, sondern ein Prinzip. Deshalb
ist es auch tunlich, sie nicht nur in der sogenannten 'Bückeburger' und in der 'Wei­
marer' Geschichtsphilosophie aufzusuchen. Das Problem Herders ist, daß dieses
Prinzip quer liegt zur etablierten Philosophie, und zwar sowohl zur Schulphilosophie
als auch zur Kritischen Philosophie76• Diese prekäre Stellung bekam er wohl am
deutlichsten zu spüren durch die Rezensionen, die Kant den "Ideen" widmete, mit
denen ein Urteil über den Autor festgeschrieben wurde, das in Variationen bis heute
wirksam ist. Es ist das Urteil über Herder als "poetischen Philosophen". Es "möchte
wohl", schrieb Kant zu Beginn des Jahres 1785 in der neugegründeten Jenaer "All­
gemeinen Litteraturzeitung", "was ihm [sc. Herder] Philosophie der Geschichte der
Menschheit heißt, etwas ganz Anderes sein, als was man gewöhnlich unter diesem
Namen versteht: nicht etwa eine logische Pünktlichkeit in Bestimmung der Begriffe,
oder sorgfältige Unterscheidung und Bewährung der Grundsätze, sondern ein sich
nicht lange verweilender, viel umfassender Blick, eine in Auffindung von Analogien
fertige Sagacität, im Gebrauche derselben aber kühne Einbildungskraft, verbunden
mit der Geschicklichkeit, für seinen immer in dunkeler Ferne gehaltenen Gegen-

" Voltaire: Nouvelles considerations, S. 140.


76Diese 'Schieflage' spürt Roman Gleissner in seiner jüngst erschienenen Untersuchung genau auf. Vgl.
Roman Gleissner: Die Entstehung der ästhetischen Humanitätsidee in Deutschland. Stuttgart 1988, das
Herder-Kapitel dort, S. 142-185. Trotz seines mutigen, komplexen Zugriffs unter Berücksichtigung des
theologischen, philosophischen, anthropologischen und ästhetischen Aspekts auf den Humanitätsbegriff
gelingt Gleissner nicht der Aufweis der Integration dieser Aspekte bei Herder. Immer wieder schlägt

die Vorstellung vom 'widersprüchlichen' Herder durch (vgl. z.B. S. 155 u.ö.), was gewiß nicht zuletzt -
damit zusammenhängt, daß Gleissner, nach allzu knapper Exposition der gnoseologischen Dimension
der Ästhetik (vgl. S. 20ff.), zu einer Bestimmung von 'Ästhetik' bei Herder gelangt, die Kunsttheorie
und Anthropologie nicht in einem Fundierungs-, sondern in einem Komplementärverhältnis stehend
denkt (vgl. z.B. S. 148). Der gnoseologische Anthropozentrismus als Origo Herders gerät dabei aus dem
Blick.
Aisthesis und Geschichte 163

stand durch Gefühle und Empfindungen einzunehmen, die als Wirkungen von einem
großen Gehalte der Gedanken, oder als vielbedeutende Winke mehr von sich vermu­
then lassen, als kalte Beurtheilung wohl gerade zu in demselben antreffen würde.'177
Da rezensiert nicht mehr nur der Magister aus Königsberg seinen Adepten, son­
dern es spricht der Begründer der Kritischen Philosophie, und der läßt kein gutes
Haar an seinem Autor. Auf eine Kurzformel gebracht, besagt die Kritik, daß Herder
nicht unter die Philosophen zu zählen sei. Es fehle ihm schlicht an den Grundvoraus­
setzungen, die unerläßlich seien, um zu Aussagen zu gelangen, die den Status der
Wissenschaftlichkeit beanspruchen könnten. Statt sich klarer Begriffsbestimmungen
und eines begrenzten und wohldefinierten Sets von Grundsätzen zu bedienen, er­
fasse der flüchtig an der Oberfläche der Phänomene umherschweifende Blick
Herders zwar vieles, nie aber das Wesentliche. Das aber, was er aufsammle, verbinde
er nur analogisch, wobei er die Ähnlichkeiten der Phänomene in einer Art und
Weise aufeinander beziehe, die nur als kühne Metaphorik zu bezeichnen sei. So ent­
stehe ein Gespinst der Einbildungskraft, hinter dem allenfalls dunkel der 'eigentli­
che' Gegenstand zu vermuten sei. Ein 'hitziger' Dichter, der, gemessen an der Lei­
stung des 'kalten' Philosophen, nicht zu den Dingen vorstoße, sondern nur Mut­
maßungen und Aussagen zu seinem Verhältnis zu den Dingen liefere, so präsentiere
sich Herder in seinen "Ideen".
Der "Skandal"78 dieser Rezension besteht, wie Ton und Art der Auswahl der Be­
legstellen79 aus den "Ideen" zusätzlich durchgängig deutlich machen, in der 'sachli­
chen Häme', mit der Herder hier ins Abseits gestellt wird. Um im Bild zu bleiben:
die Regeln, nach denen Kant Herder disqualifiziert, gehören zu einem anderen
'Spiel'. Es sind die 'Regeln' der Kritischen Philosophie, die von den Bedingungen der
Möglichkeit aller Erkenntnis, vor aller Erfahrung, ihren Ausgang nimmt. Herders
Philosophie beginnt mit der Erfahrung, das heißt, Kant mißt die Geschichtsphi­
losophie Herders mit einem Maß, das ihr heteronom ist. Diese Kontroverse ist des­
halb grundsätzlicher Art, weil es nicht um eine Geschichtsphilosophie, sondern um
die Möglichkeit von Philosophie, von WISsenschaft geht. Zu Recht hat Clairmont
Herders spätere "Metakritik" und "Kalligone" "eher als Radikalisierung der Polemik
denn als Anachronismus"80 gedeutet. Kants jovialer Hinweis auf Herders allzu leb­
hafte Einbildungskraft beleuchtet das Feld der Auseinandersetzung. Die Einbil­
dungskraft lebt von gehabten Erfahrungen, die durch die Dichtungskraft zu neuen

71 (Kant: Rezension der) Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. 1. Teil. In: Kant AA 8,
S. 43-55, hier: S. 45.
78 Heinrich Clairmont: 'Metaphysik ist Metaphysik'. Aspekte der Herdersehen Kant-Kritik. In: Idealis­
mus und Aufklärung. Kontinuität und Kritik der Aufklärung in Philosophie und Poesie um 1800 . Hrsg.
von Christoph Jamme und Gerhard Kurz. Stuttgart 1988, S. 179-200, hier: S. 183. Sehr präzise belegt,
arbeitet Clairmont die wissenschaftspolitische Bedeutung der Kant-Kritik heraus, so daß hinter der Dis­
kreditierung Herders dessen ernstzunehmende Gegenposition deutlich wird.
"' Vgl. (Karl Leonhard Reinhold:) Schreiben des Pfarrers zu • • • an den H.(erausgeber) des T.(eutschen)
M.(erkur) Ueber eine Recension von Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. In:
Der Teutsche Merkur No. 2 (1785), 1. Vierteljahr, S. 148-174. Abgedruckt in: Ein Jahrhundert deut­
scher Literaturkritik (1750-1850). Ein Lesebuch und Studienwerk. Bd. III. Der Aufstieg zur Klassik
(1750-1795). Hrsg. von Oscar Fambach. Berlin 1959, S. 369-378. Kants Rezensionen und Teile des
Kontextes sind hier, S. 357-397, dokumentiert.
"' Clairmont: 'Metaphysik', S. 182.
164 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

Gebilden kombiniert werden können, nicht zuletzt zu leeren Phantasmata, die der
gewissen Grundlage - der "Möglichkeit des Gegenstandes selbst"81 - entbehren. Im
Licht des Kritizismus ist Herder also nicht eigentlich 'Dichter', der "unter der
strengen Aufsicht der Vernunft"82 Gebrauch von seiner facultas fingendi macht,
sondern Schwänn er, der "leere Hirngespinste, statt der Begriffe von Sachen"83
vorführe.
Was denn an einem Faktum das Faktische sei, darum geht es in dieser Auseinan­
dersetzung, die wir hier nur zur nochmaligen Profilierung der Herdersehen Frage­
stellung herangezogen haben, denn nicht erst 1785 taucht der Realitätsbegriff als
Problem bei Herder auf, sondern vom "Versuch über das Sein" an, wie am Leitfaden
der 'ästhetischen' Gnoseologie Herders aufzuzeigen war.
Nach Erscheinen der ersten Rezension Kants umriß Herder gegenüber Wieland
die für ihn fundamentale Geschiedenheit von 'Metaphysik' als in sich geschlossener
Systemkonzeption und einer 'Philosophie über facta' und deren spezifischer Metho­
dik; dies übrigens nicht zuletzt, um den Herausgeber des "Teutschen Merkur" zu ei­
ner Replik zu veranlassen, was Reinhold dann auch übernahm. In dem Brief heißt
es: "Wer glaubt, daß es keine Philos[ophie] über facta gebe: der scheide sich von mir,
für ihn ist das Buch [sc. der 1. Teil der "Ideen"] nicht geschrieben. In Geschichte muß
von Gesch[ichte] die Rede seyn - hier mußte ich also die Metaphys[ik] von mir ab­
lehnen. [ ... ] Nun musten meine Entwicklungen u. Beweise nur analogisch, ihre Ge­
wißheit nur historisch oder moralisch seyn etc. Eine Metaphysik der Geschichte hat
nur der, bei dem alle Geschichte als schon vergangen daliegt. So ein Mann ist nun
wohl H. Proqessor] Kant, so wohl in seiner Weltbürgeridee, als in seiner reinen
Vern[unft] aber ich nicht."84 Und in einem Brief an den Mainzer Anatomen Thomas
Soemmering hebt Herder noch einmal sein Anliegen hervor, daß auf dem "Wege der
Beobachtung u. Analogie nach factis u. über facta relle Philosophie möglich sei." Das
'wichtigste Stück der Wissenschaften' sei ihm, "daß man von dem Wortgeschwätz der
Philosophie weg auf Erfahrung u. facta komme."85
Darin ist Herder konsequent: Philosophie ist Philosophie aus Erfahrungen. Erfah­
rungen werden durch die äußeren Sinne gemacht und im inneren Sinn beurteilt. Ein
'Faktum' ist ein factum im Sinne des Wortes, ein Gemachtes, wie auch ein 'Datum'
ein factum ist, insofern nämlich, als es nur nach Fa�on der Sinne für den Menschen
existiert. Die Philosophie über facta ist eine Philosophie der Erfahrungen, und deren
Grundlage ist die Aisthesis, die im gleichen Zuge die 'Eigensinnigkeit' jedes Einzel­
nen86 ebenso wie die 'Eigensinnigkeit' als das allen Menschen Gemeinsame begrün­
det, so daß jede Erkenntnis auch Selbsterkenntnis des Menschen ist. Herders ausge­
sprochen allergische Reaktion auf die Kantsche Rezension ist also auch bedingt da­
durch, daß er sie als eine Attacke auf seine Identität verstand - ein wohl ge­
wichtigerer Grund für seine Frontstellung gegen den Kritizismus, als Spekulationen
über Herders 'psychische' Disposition herzugeben vermöchten.

81 KrV A 770.
82 Ebd.
83 Ebd. Vgl. Clairmont: 'Metaphysik', S. 183f.
84 Herder an Wieland, Weimar, Ende Januar 1785. HB 5, S. 103.
85 Herder an Soemmering, Weimar, 28.2.1785. HB 5, S. 112.
86 Vgl. SWS XXXI I , S. 23f.
Aisthesis und Geschichte 165

2. Geschichtsphilosophie: Von der Erfahrung der Menschheit

In einem frühen Fragment hatte Herder Philosophie und Geschichte provokativ in


ein inverses Verhältnis zueinander gesetzt: "Wenn die Philosophie von der Ge­
schichte geführt, und die Geschichte durch Philosophie belebt wird: so wird sie dop­
pelt unterhaltend und nützlich."87 Das ist mehr als ein spielerischer Chiasmus mit
syllogistischem Anstrich. Es ist eine Inversion der Konzepte 'Philosophie' und
'Geschichte', auf deren Grundlage Herder "über den Geist der Veränderungen in ver­
schiednen Zeitaltem"88 Betrachtungen anzustellen gedachte. Das Wissen unter den
Primat der Erfahrung zu stellen, und die Erfahrung vom Wissen belebt zu sehen, das
verdoppele 'ihren' Wert für den Menschen. Die Führungsrolle der Geschichte ist
eine Provokation durch genaue Umkehrung des traditionellen Verhältnisses zwi­
schen Philosophie und Geschichte und damit - tendenziell - zwischen cognitio philo­
sophica und cognitio historica. Die 'Belebung' der Geschichte durch die Philosophie
ist - auf den ersten Blick nicht ohne weiteres erkennbar - eine Poetisierung der Ge­
schichte, denn 'lebhaft' ist nach Baumgarten die extensiv klarere Vorstellung, und
die ist charakteristisch für die poetische Darstellung89• Ist die cognitio philosophica
eigentlich diejenige Erkenntnisart, die die intensiv klarere Vorstellung befördert, so
tritt sie hier 'belebend' auf dadurch, daß sie dazu beiträgt, durch den Aufweis des
Zusammenhangs der Einzelerfahrungen den 'Geist' des Einzelnen einsichtig zu ma­
chen. Daß Herder die Philosophie nicht in der intellektualistischen und rationalisti­
schen Variante der Schulphilosophie auffaßt, ist seit seinem "Versuch über das Sein"
klar, und es wird auch in der vertrackten Formulierung oben deutlich. Denn die
Herdersehe Philosophie, ausgehend von der Aisthesis, kann die 'Fakten' sehr wohl
deshalb 'beleben', weil ihr nur das als wahr gelten kann, was dem menschlichen Er­
fahrungs- und Erkenntnisorganon zugänglich ist. Von daher ist wohl auch der letzte
Satz als Allusion an das Horazische prodesse et delectare zu lesen - mit einer
syntaktischen 'Nachlässigkeit', die aber ebenso gut als eine Finesse verstanden wer­
den kann, welche dem vorhergehenden chiastischen Spiel angemessen wäre. Das
Subjekt der 'Conclusio' ist nämlich in seinem pronominalen Bezug undeutlich: be­
zieht es sich auf die Philosophie oder auf die Geschichte? Rein syntaktisch ist der
Bezug auf die Philosophie wahrscheinlicher, der Zusammenhang läßt diese Frage
aber in den Hintergrund treten, da Geschichte und Philosophie, sich gegenseitig
durchdringend, zu einer neuen Einheit verbunden werden. Immerhin aber enthält
auch die 'Conclusio' die provokatorische These, daß die historisch bestimmte Philo­
sophie, die die Geschichte belebt, 'poetisch' sein werde.
Sicherlich ist Herders Bemerkung auch ein Beitrag zu der zeitgenössischen Dis­
kussion um das Verhältnis von Historik und Poetik90• Weniger aber geht es ihm um
Fragen der Darstellung, die von der durch Aristoteles initiierten Problematisierung
des Verhältnisses von Dichtung und Geschichtsschreibung über die Thematisierung
der Wahrheit als Wahrscheinlichkeit hin zu Leibnizens Bestimmung führte, in der

n FHA I, S. 159 (Von der Veränderung des Geschmacks der Nationen).


88 Ebd.
89 Vgl. Baumgarten: Meditationes, § 112f. sowie in der "Metaphysica", § 531.
90 Vgl. dazu: Koselleck: "Geschichte, Historie", S. 659ff.
166 Herdcrs Entwurf einer Geschichtsphilosophie

Poesie und Geschichte funktional gleichgesetzt werden, um so von einem "Roman de


la vie humaine, qui fait l'histoire universelle du genre humain"91 zu sprechen. Wenn
die Schöpfung als eine Fiktion Gottes rezipierbar ist, so ist die Geschichte der
Menschheit ein Teil davon, und die Geschichtsphilosophie ist deren 'Poetik'. Nicht
der Topos des theatrum mundi kommt hier zum Zuge, sondern die Gnoseologie der
Prägnanz, denn die Welt als Dichtung kann nur mit ästhetischem Organon begriffen
werden, und von dem Implikat her, daß der Mensch selbst Bestandteil dieser 'Dich­
tung' sei, ist die "doppelte" Nützlichkeit und der "doppelte" Genuß von Philosophie
und Geschichte zu verstehen. Der Mensch ist "verhüllt" und deshalb "sichtbar", wie
alles, als Phänomenon "verhüllt", auf 'Kraft' verweist und ohne Hülle nicht Objekt
der Aisthesis, also nicht erfahrbar sein kann. Die Reproduktion solcher Erfahrungen
in der Einbildungskraft und die Operationen der Dichtungskraft, über dem Fundus
der Einbildungskraft Neues zu schaffen, aber auch die Operation, allem der Aisthe­
sis Zugänglichen Plausibilität abzugewinnen, das ist das Gemeinsame von Dichtung
und Philosophie, in denen beiden die von Shaftesbury vorbereitete Instanz des "se­
cond maker", des Prometheus als Schöpfer, als 'Poet', wirkt. Einen "verhülleten
sichtbaren Gott"92 nannte Herder den Menschen, um im Scheinparadoxon präzise
die Aisthesis als das ihm eigene Spezifikum zu bezeichnen.
Weil nun aber die ästhetische oder ästheteriologische93 Adäquanz die Bedingung
der Erkenntnis ist, ist jede Wahrnehmung und jede Erkenntnis prägnant. Ist die äs­
thetische Prägnanz zureichend als Vollkommenheit im Ausdruck bezeichnet, als
Bändigung semantischer Vielfalt im anschaulichen Phänomenon, so ist die histori­
sche Prägnanz zu begreifen als die Syntagmatisierung der ästhetischen. Daß die
"Gegenwart [ ... ] schwanger von der Zukunft•o94 ist, dynamisiert die Gegenwart und
macht deutlich, daß der Umgang mit der Vergangenheit nicht in deren Vergegen­
wärtigung bestehen kann, weil die reproduzierte Gegenwart entbundene Prägnanz
der Vergangenheit wäre und somit der vergegenwärtigten Vergangenheit nur anti­
quarisches Interesse entgegengebracht werden könnte. Herders Umgang mit der
Vergangenheit besteht - im radikalen Unterschied zu Iselin und Voltaire - darin, daß
er Vergangenheit als vergangene Gegenwart auffaßt. Die Fiktion der Vergangenheit
als Präsenz bewahrt ihr die eigentümliche Prägnanz und gestattet es Herder, scharf
zwischen Nachahmen und Nachbilden zu unterscheiden. Das Nachbilden besteht in
der analogischen Produktion von Prägnanz, während Nachahmen nur die Reproduk­
tion abgearbeiteter Prägnanz bedeutet: Schlaube ohne Kern.
Herders Bückeburger Geschichtsphilosophie von 177495 ist sein erster Versuch,
die erarbeitete ästhetisch fundierte Gnoseologie auf das größtmögliche Gebiet

91 Leibniz: TModiree, § 149, G VI, S. 198.


92 FHA I, S. 735 (Abhandlung über den Ursprung der Sprache).
93 Baumgarten defmierte im § 536 seiner "Metaphysica": "Partes corporis, quarum conuenienti motui
sensatio externa coexsistit, sunt AESTHETERIA (organa sensuum)" .
.. SWS XVII, S. 110 (Briefe zu Beförderung der Humanität. 2. Sammlung). Herder zitiert mit dieser
Formulierung bekanntlich Leibniz (vgl. oben, S. 93). In seinen "Wahrheiten aus Leibniz" übersetzt
Herder aus der Prfface der "Nouveaux Essais" wie folgt: "So ist die Gegenwart von der Zukunft voll,
und voll von dem Vergangenen: sympnoia panta: Alles stimmt zusammen, und Gott liest in dem Klein­
sten der Substanzen die ganze Folge der Dinge der Welt." SWS XXXI I, S. 215.
93 Vgl. dazu: Haym I, S. 538ff. - Friedrich Meinecke: Die Entstehung des Historismus [1936). Hrsg. und
eingeleitet von Carl Hinrichs. München 2 1965 ( Fr. M.: Werke. Bd. 3), S. 355-444. - Max Rouchf: La
=
Aisthesis und Geschichte 167

menschlicher Erfahrung zu applizieren. Daß die Phänomena eine historische Dimen­


sion haben und, um sie in dieser Dimension im zeitlichen und räumlichen
Zusammenhang zu begreifen, geschichtsphilosophische Reflexion die gnoseologische
zu stützen hat, das hatte Herder bereits im "Versuch über die Geschichte der
lyribschen Dichtkunst" und in seinen Oden-Fragmenten vorgeführt, von den Frag­
menten-Sammlungen und seiner Sprachursprungsschrift zu schweigen. Bei ge­
nauerem Zusehen ist es geradezu so, daß nahezu alle Schriften Herders vor "Auch
eine Philosophie ... ", in denen er genetische Erklärungen heranzieht, bereits mehr
oder weniger explizit geschichtsphilosophisch fundiert sind.
In der Bückeburger Geschichtsphilosophie nun tritt Herder polemisch (und
anonym) an die Öffentlichkeit, um auf dem vergleichsweise neuen Terrain der Philo­
sophie der Geschichte sich einen Bereich zu sichern, denn auch hier konstatiert er
die Blindheit der etablierten Philosophie, die er als "Maulwurfsauge dieses lichtesten
Jahrhunderts"96 verspottet. Nicht "die Philosophie überhaupt wird von ihm verur­
theilt"97, wie Hayrn meint, sondern den 'blinden' Philosophien wird eine 'sehende'
entgegengesetzt, eine 'menschliche', die mit den Erfahrungs- und Erkenntnismög­
lichkeiten die Geschichte menschlicher Manifestationen zu erfassen imstande ist, um
letztendlich in der Geschichte nicht ein Abstraktum - den Menschen - aufzufinden,
sondern Menschheit im qualitativen Sinne, das heißt, das Ensemble ihrer
Möglichkeiten: das, was er in den "Ideen" "Humanität" nennt. Mit einem Zitat aus
Paulus' erstem Brief an die Korinther beschließt Herder seinen Text. In der Luther­
Übersetzung heißt es: "Wir sehen jtzt durch einen Spiegel in einem tunekeln wort/
Denn aber von angesicht zu angesichte. Jtzt erkenne ichs stücksweise/ Denn aber
werde ich erkennen gleich wie ich erkennet bin. Nu aber bleibt Glaube/ Hoffnung/
Liebe/ diese drey/ Aber die Liebe ist die grössest vnter jnen.'198
Die anthropologische Bedingtheit der Erkenntnis läßt nicht die Dinge, sondern -
cum grano salis - deren 'Abbilder', nicht die reine, sondern die sinnenfällige Wahr­
heit erscheinen, so daß der Umgang mit Gott nur im Glauben und Hoffen, und der
Umgang mit den Menschen nur in der Liebe, die Herder als eine Form der Erkennt­
nis versteht, bestehen kann. Der Kontext des Korinther-Briefes, in dem das Zitat sich
findet, hebt ab auf den Zugang zur und den Umgang mit der Wahrheit, und es wird
hervorgehoben, daß dem Reden 'mit Zungen' das 'Auslegen' des Sinns vorzuziehen
sei, weil es die Wahrheit verbreite, das heißt, sie der 'Gemeine' vermittle99• Die her­
meneutische Leistung sei der Prophetie vorzuziehen. Für Herder nun ist die Herme­
neutik der Geschichte der Menschheit die Geschichtsphilosophie, die von den Phä­
nomena ausgeht, um in deren Konstitution und Zusamme nhang am Fragment des
ästhetisch Erkannten den Hinweis auf das Ganze zu finden. Der sektoralen Be­
schränkung der Aisthesis entspricht der Fragmentcharakter des Wahrgenommenen.
Die Tatsache aber, daß das Wahrgenommene als Teil aufgefaßt wird, impliziert die
Vorstellung von einem Ganzen, dessen isomorphe menschliche Entsprechung das

=
Philosophie de l'histoire de Herder. Paris 1940 ( Publications de Ia Faculte des Leures de I'Universite
de Strasbourg. Fascicule 93), S. 38-167.
06 HW I, S. 592 (Auch eine Philosophie).
VI Haym I, S. 540.
98 1. Kor. 13, 12. Zit. nach: Luther: Biblia (1545). ND 1974, S. 2318.
99 Vgl. 1. Kor. 14ff. mit den Marginalien, a.a.O., S. 2319ff.
168 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

angeschaute ganze Teil des Ganzen, etwa in Form der Shakespeareschen Dramen
ist, der "Schattemiß einer dunkeln [ ... ] Symbole zur Theodicee! zur Rechtfertigung
eines unendlichen Plans der Weisheit!"100 Das Wahrgenommene der Schöpfung gilt
dementsprechend als "disiecti membra poetae".101 Die Auffassung der Schöpfung als
Kunst und die Kunst als Schöpfung ist deren menschliches Analogon. "Alle Werke
Gottes haben dieses eigen, daß sie ob sie gleich alle zu Einem unübersehlichen Gan­
zen gehören, jedes dennoch auch für sich ein Ganzes ist und den göttlichen Charak­
ter seiner Bestimmung an sich träget."102
Den naiven Optimismus Iselins, daß die Geschichte der Menschheit der Prozeß
der Vervollko mmnung des Menschen sei, lehnt Herder ebenso grundsätzlich ab, wie
dessen und Voltaires dogmatisches Verhältnis zur Vergangenheit als einer defizitä­
ren Vorstufe der Gegenwart. Daß jeder Schritt der Entwicklung ein "Vehikulum"103
gewesen, alles also, was sich ereignet hat, so und nicht anders notwendig gewesen sei,
ist - in der Bückeburger Schrift noch eher programmatisch - die These Herders, die
ihn immer wieder auf die Vorsehung als in den Erscheinungen angedeuteten Plan
hinweisen läßt.104 Denn nur an der Wirkung ist die sie hervorbringende 'Kraft' wahr­
zunehmen, so daß jede Geschichtsphilosophie, die an die Geschichte mit einem
vorformulierten System herantritt, von vornherein unangemessen, genauer: un­
menschlich ist - eine erschlichene (vitio subreptionis) Form der Offenbarung105, die
vorgibt, in einem Akt hybrider Unmittelbarkeit die Wahrheit vor die Fakten setzen
zu können, so daß die Fakten als Resultate des eigenen Systems erscheinen. Voltai­
res 'Berechnung' der alten Geschichte und seine Abrechnung mit ihr verurteilt
Herder. "Allein von Würkung"106 sei vorerst zu reden, von den Erscheinungen in ihrer
Eigenart. Das "Unterscheidende unterscheidend sagen"107, um das Individuelle einer
jeden Erscheinung, das ens omnimode determinatum, zu erfassen, setzt Herder ge­
gen "die Schwäche des allgemeinen Charakterisierens"108• Das extensiv klare Individu­
elle wird aber nur Individuelles im Zusammenhang mit dem, von dem es sich unter­
scheidet, so daß statt eines 'matten halben Schattenbildes von Worten' das "ganze le­
bendige Gemälde"109 erforderlich ist. Nicht anders aber entsteht dieses 'lebendige
Gemälde' und nicht anders kann es rezipiert werden als ästhetisch, denn Lebendig­
keit und Individualität sind Modi und Vorkommensformen von Ästhetizität. Es ist in
Herders Augen Iselins und Voltaires Kardinalfehler, das V ergangene am Gegenwär­
tigen nicht nur wertend zu bemessen, sondern es im Maß der Gegenwart wahr­
zunehmen, und die Inadäquanz der Vergegenwärtigung zum Maßstab umzudeuten.

100 SWS V, S. 239 (Shakespear. 2. Entwurf). Vgl. G. Küntzel: Herder zwischen Riga und Bückeburg,
S. 27.
1 0 1 SWS XIII, S. 68 (Ideen I).
1 02 A.a.O., S. 350.
1 .. HW I, S. 598 (Auch eine Philosophie).
1"' Vgl. zu "Vehikel", "Werkzeug", a.a.O., S. 598, 602, 605, 627f., 630-633, 637, 639, 648, 658ff., 663f., 674,
682.
"" Der "Philosoph [ist) alsdenn am meisten Tier, wenn er am zuverlässigsten Gott sein wollte" (a.a.O.,
s. 658).
106 A.a.O., S. 611.
107 Ebd.
101 Ebd.
"" A.a.O., S. 612.
Aisthesis und Geschichte 169

Das ist Geschichtsschreibung und -philosophie vom jeweiligen Endpunkt der Ge­
schichte her110•
Herder sucht nach einer Lösung des Problems, wie je eigentümliche Individualität
erkannt werden könne, und er findet sie, indem er die Gegenwart in der Vergangen­
heit aufsucht: "gehe in das Zeitalter, in die Himmelsgegend, die ganze Geschichte,
fühle dich in alles hinein.''111
Was Herder hier für die Erkenntnis der Geschichte formuliert, ist die konse­
quente Anwendung seiner ästhetischen Gnoseologie. Das Andere ist nur insofern
zugänglich, als es das Organon des Wahrnehmenden und Erkennenden affiziert.
Damit löst sich nicht etwa das Objekt im Subjekt auf, wodurch die Existenz des Ob­
jekts im übrigen fraglich würde. Das Gegenteil ist der Fall. Das Subjekt der Aisthesis
ist seiner sicher und erfährt alles außerhalb seiner selbst als das Andere, welches als
Erfahrbares ein Ähnliches ist. Die Vergangenheit wird von Herder in ihrer Alterität
belassen und für sich gewürdigt, indem der einzige, ihm denkbare Zugang zu ihr ge­
sucht wird: der über die Aisthesis und den Fundus ihrer Reproduktionen in der Ein­
bildungskraft, die durch Dichtungskraft Zusammenhänge herzustellen gestattet. Die
Vergangenheit als vergangene Gegenwart zu erkennen gelingt Herder also über
seine Gewißheit, daß die Aisthesis humanspezifisch über die Zeiten hinweg ist. Sein
'Einfühlen' beruht in der Tat, wie Meinecke annimmt, "auf dem Verstehen seiner
selbst", ist aber nicht Resultat seiner "subjektivistischen Beschäftigung mit den Tiefen
der eigenen Seele.''112 Der Unverbindlichkeit des psychologischen Subjektivismus ist
bei Herder ein Riegel vorgeschoben dadurch, daß er seiner Gnoseologie nicht
'individualpsychologische' Annahmen zugrundelegt - das war auch bei den Psy­
chologien Wolffs und Baumgartens nicht der Fall -, sondern daß er seine Gnoseolo­
gie auf ein anthropologisches Fundament stellte, welches dem Subjekt einen promi­
nenten Platz einräumte - den des 'Exemplars', das unverwechselbar und reprä­
sentativ, das Zweck und Mittel zugleich ist. Die 'Verwandtschaft' zwischen Subjekt
und Objekt ist die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, der Grad der Sensibi­
lität bestimmt die Art der Erkenntnis, deren "conditio sine qua non" das "Selbstge­
fühl"113 ist. Es ist nicht so, daß eine "starre Scheidung von Subjekt und Objekt fiel"114,
denn gerade Herders Beharren auf der je eigenen Qualität der Phänomena setzt
diese Scheidung voraus. "Einfühlen" ist also bei Herder nicht ein irgendwie beliebi­
ger 'Gefühls'-Akt des Subjekts, sich andere Objekte oder die Vergangenheit anzu­
verwandeln, sondern eine im Rahmen der ästhetischen Gnoseologie bestimmte Er­
kenntnisform115.

11 0 Vgl. a.a.O., S. 658.


m A.a.O., S. 612.
112 Meinecke: Historismus, S. 378.
113 SWS VIII, S. 200 (Vom Erkennen und Empfmden. 1778). Meinecke zitiert aus diesem Kontext.
1 14 Meinecke: Historismus, S. 378.
115 Mit Blick auf Meineckes auf 'Kunst' verengten Ästhetik-Begriff sei noch einmal auf die gnoseologi­
sche Dimension der Aisthesis bei Herder hingewiesen. Auch Formulierungen wie: die 'Liebe ist das
edelste Erkennen' (SWS VIII, S. 200) verdanken sich nicht einer 'kühnen Metaphorik', sondern dem
Wissen des Theologen Herder um die biblisch tradierte Kontamination von 'zeugen' und 'erkennen', wie
sie noch in der Transformation des amor dei intellectualis Spinozas fortwirkt. Vgl. auch Grimm: Deut­
sches Wörterbuch, Bd. 3, Sp. 866 .
170 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

Ist für Herder Geschichte als Gegenstand der Erkenntnis das Vorkommen prä­
gnanter Ereignisse, so ist Geschichte als Prozeß die Entbindung der Prägnanz in der
Zeit. Als Geschichtsphilosoph, dem an der Kohärenz der Geschichte gelegen ist, legt
Herder sich die Fragen nach dem Ort, von dem aus Geschichtsphilosophie betrieben
werden kann und nach dem Prinzip der Geschichte vor, anband dessen eine Si nnzu ­
weisung stattfinden kann.
Da dem Menschen der ''Allanblick"116 nicht möglich ist, muß er in der Rolle des
Geschichtsphilosophen seinen Standpunkt117 beziehen. Dieser Ort liegt innerhalb der
Geschichte, denn der Geschichtsphilosoph ist Teilnehmer an der Geschichte, dem
die Vergangenheit als "Wunderbuch voll We!Ssagung"11 8 vorliegt - freilich "mit sieben
Siegeln verschlossen", denn Geschichte spricht nicht, sie erschließt sich nur dem her­
meneutischen Akt. Der Geschichtsphilosoph des 18. Jahrhunderts soll ein "Sokrates
der Menschheit"119 sein, derjenige Philosoph also, der den Zusammenhang der Ge­
schichte als Organon Gottes auf der Erde plausibel vorstellen kann. Seine Aufgabe
ist es, die 'Geschichte auf die Erde zu holen', eine Aufgabe, die dadurch lösbar wird,
daß Herder die Dimension der Geschichte als Geschichte der Menschheit deutlich
macht. Alle Metaphorik, die Herder hier aufbietet, um die Kleinheit des Menschen
zu zeigen, dient keineswegs der Formulierung eines Fatalismus, sondern dazu, den
Ort menschlicher Geschichte in einem kosmischen Zusammenhang anzudeuten, der
durch Extremvergleiche die Dimension des Erhabenen bekommt: "ich Nichts, das
Ganze aber Alles."120 Der "Gang Gottes über die Nationen"121, der auch der "Gang der
Vorsehung [ . . . ] über Millionen Leichname"122 ist, ist Herders Hommage an den nexus
rerum universalis, in dem der Bereich der Geschichte der Menschheit zum Gegen­
stand des Wrssens werden kann.
Hier nun liegt der große Unterschied zwischen der Bückeburger und der Weima­
rer Geschichtsphilosophie Herders. Das Wenige, so muß man angesichts der "Ideen"
sagen, was Herder in "Auch eine Philosophie ... " an Wissen aus der Geschichte heran­
zieht, macht sehr deutlich, daß die Schrift ein vergleichsweise "armes Pamphlet"123
ist, das weniger eine Philosophie der Geschichte zum Ziel, sondern eher andere Ge­
schichtsphilosophien zum Gegner hat. Sein Wissensdefizit kompensiert Herder zum
einen durch Übernahmen aus den Schriften der Kritisierten, zum anderen durch ex­
emplarische Vorgehensweise anband eines skizzierten Geschichtsverlaufs, und
schließlich überspielt er 'Materiallücken' durch die Anwendung der wohl auch vom
Gegner übernommenen Lebensalteranalogie. Denn diese Analogie, die ihn bereits in
den poetologischen Konzepten zur 'Ode' und in den "Fragmenten" in die Schwierig­
keiten gebracht hatte, aus ihrem Verlaufsmodus eine positive Bestimmung kontern-

116 HW I, S. 660 (Auch eine Philosophie).


117 Vgl. dazu: Dietrich Walter Jöns: Begriff und Problem der historischen Zeit bei Johann Gottfried
=
Herder. Göteborg 1956 ( Göteborger Germanistische Forschungen. 2), S. 89ff. Jöns freilich geht da­
von aus, daß nach Herder das Subjekt in der Erkenntnis und der Darstellung der Geschichte "völlig zu­
rückzutreten" habe (S. 89).
11 1 HW I, S. 662 (Auch eine Philosophie).
119 A.a.O., S. 668.
1 20 A.a.O., S. 682.
1 21 A.a.O., S. 665.
1 22 A.a.O., S. 674.
1ZI Herder an Johann Gottfried Eichhorn, Weimar, nach dem 3.10.1783. HB 5, S. 21.
Aisthesis und Geschichte 171

porärer Kunstproduktion abzuleiten, läßt sich - bezogen auf menschliche Geschichte


- nur auf die Geschichte als Prozeß des Verfalls beziehen. Die Aporie, daß erst in
der Phase der Dekadenz und Schwäche das Ganze der Geschichte erfaßt werden
können soll, obwohl das Konstitutivum der Erkenntnis - die Aisthesis - in eben dieser
Endphase des gegenwärtigen Greisenalters von Reflexion und Spekulation völlig ge­
schwächt ist, macht Herders eigene Stellung als Geschichtsphilosoph zumindestens
prekär. Als Instrument zur Destruktion der Gegenpositionen ist die Analogie indes
geeignet. Als Grundlage oder metaphorisches Instrument zum positiven Entwurf ei­
ner eigenen Geschichtsphilosophie ist die Lebensalteranalogie untauglich. Vor allem
widerspricht sie der zentralen Annahme der Bückeburger Schrift, die Herder so for­
muliert: "Das Menschliche Gefäß ist einmal keiner Vollkommenheit fähig: muß immer
verlassen, indem es weiter rückt. "124 Dieses "Gefäß", der Körper, ist aber eben das, was
die Geschichte erst zur menschlichen Geschichte macht. In diesem Punkt kommen
Prinzip und Ort des Geschichtsphilosophen zusammen. Polemisch gegen Winckel­
manns Versuch eines "Lehrgebäudes der Kunst" streicht Herder 1777 die Data und
Fakta heraus, ohne die Geschichte nicht geschrieben werden könne, von einer co­
gnitio philosophica der Geschichte ohne Data und Fakta ganz zu schweigen. Die Ve­
hemenz, mit der Herder auf dem Erfahrbaren insistiert, ist keine vorübergehende
"seltsame Theorie"125 Herders, sondern wiederum der Rekurs auf die Aisthesis als
Fundament der Gnoseologie, die auf das 'Sammeln' der cognitio historica angewie­
sen ist126• Programmatisch sehr deutlich hat Herder sich dazu 1769 gegenüber Moses
Mendelssohn, anläßlich dessen "Phädon", geäußert: "Eine von Sinnlichkeit befreiete
Seele, ist [ ... ) eine Mißbildung; diese Befreyung u. Entkörperung kann hier nicht
Zweck seyn, da sie nicht Glückseligkeit ist. Es ist eine aufs disproportionirteste aus­
gebildete Menschliche Natur, es ist seiner Bestimmung nach, ein Monstrum.''127 Ge­
schichte ist für Herder nicht Vervollkommnung, sondern Ent-Wicklung, und diese
selbst - als Prozeß - ist der Zweck des Menschen, dessen Genuß der Entwicklung
Glückseligkeit ist. "Umzirkter, eingeschränkter Genuß innerhalb den Grenzen seines
Wesens: Gebrauch aller seiner Kräfte u. Anlage: das ist unsre Bestimmung u. Glück!
da sind wir alle gleich!"128
Das ist, jenseits aller Polemik, der Kern nicht nur der Bückeburger Geschichts­
philosophie, sondern der Punkt der Vermittlung von Gnoseologie, Ästhetik und
Geschichtsphilosophie, von dem aus Herder den umfassenden Zugriff seiner
'menschlichen Philosophie' einer Bewährung in allen Erfahrungs- und Wissensbe­
reichen zuführt, wie er es dann, etwa in seinen "Ideen" und deren pragmatischem Sei­
tenstück, den "Briefen zu Beförderung der Humanität", extensiv vorgeführt hat. Den
Ausgangspunkt vom Identitätssatz und die Entfaltung seiner Prägnanz sub specie

1 24 HW I, S. 608 (Auch eine Philosophie).


1 25 Vgl. SWS VIII, S. 466 . - Rudolf Stadelmann: Der historische Sinn bei Herder. Halle/Saale 1928,
S. 16. Stadelmann übersieht den pragmatischen Zweck der Überzeichnung durch Herder.
1 .. Pierre Penisson: Die Palingenesie der Schriften: die Gestalt des Herdersehen Werks. In: HW I,
S. 864-924, hier: S. 867f. unterstellt Herder zu Unrecht eine grundsätzliche Aversion gegen
'Sammlungen ' .
m Herder an Mendelssohn, Riga, etwa Anfang April 1769. HB 1, S. 138.
121
A.a.O., S. 141.
172 Herders Entwurf einer Geschichtsphilosophie

cognitionis humanae bringt Herder in einem Brief an Mendelssohn auf die knappste
Formulierung: "ich werde, was ich bin!'129
Ein 'Wachtraum', den Herder in der zweiten Sammlung der Humanitätsbriefe no­
tiert, macht die umfassende Dimension dieser 'gnoseologischen Nuß' noch einmal
eindrücklich anschaulich - als Über- und Ausblick: "Was ich sah, war die jetzige Welt
und die Zukunft; ich glaubte, (so mischen wir im Traum die Dinge unter einander! )
mit physisch-moralischen Geist von der unmittelbarsten Gegenwart der Dinge auf
ihre Folge zu schließen; oder vielmehr nicht zu schließen, weil in der wachenden Er­
scheinung Gegenwart und Zukunft nur Eins war. Es war die Blume in voller Gestalt;
es war der Baum mit allen seinen Früchten. Ach, sprach ich zu mir selbst, Epheme­
ren, die wir glauben, mit uns gehe Himmel und Erde unter! Blinde, die so selten ge­
wahr werden, woran sie selbst arbeiten, und was sich vor ihnen entwickelt. Die Ge­
genwart ist schwanger von der Zukunft; das Schicksal der Nachwelt ist in unsrer
Hand, wir haben den Faden geerbt, wir weben ihn, und spinnen ihn weiter.''130

'"' A.a.O., S. 139.


130 SWS XVII, S. 110.
SIGLEN UND ABKÜRZUNGEN

FHA Johann Gottfried Herder: Frühe Schriften 1764-1772. Hrsg. von Ulrich Gaier. Frank­
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G Leibniz: Die philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Hrsg. von J.G.
Gerhardt. 7 Bände. Hildesheim, New York 1978 ( = Nachdruck der Ausgabe Berlin 1875
bis 1890).
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Bände. Harnburg (später München) 1948ff. u.ö.
Haym Haym, R.[udolf]: Herder nach seinem Leben und seinen Werken. 2 Bände. Berlin 1877 u.
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HB Herder, Johann Gottfried: Briefe. Bd. lff. Bearbeitet von Wilhelm Dobbek und Günter
Arnold. Weimar 1977ff. ( = J.G.H.: Briefe. Gesamtausgabe. 1763-1803. Unter Leitung von
Karl-Heinz Hahn hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassi­
schen deutschen Literatur in Weimar [Goethe- und Schiller-Archiv)).
HD Lessing, Gotthold Ephraim: Harnburgische Dramaturgie. 1. Bd. In: G.E.L.: Sämmtliche
Schriften. Hrsg. von Kar! Lachmann. Dritte, aurs neue durchgesehene und vermehrte
Auflage besorgt durch Franz Muncker. 9. Bd. Stuttgart 1893, S. 181-406.
HW Herder, Johann Gottfried: Werke. Bd. I. Herder und der Sturm und Drang 1764-1774.
Hrsg. von Wolfgang Proß. München, Wien 1984.
HWP Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Grün­
der. Bd. lff. Basel 1971ff.
Kant AA Kant's Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wis­
senschaften [später Akad. der Wissenschaften der DDR/Akad. der Wissenschaften zu
Göttingen ]. Bd. lff. Berlin 1900ff.
KrV Kant: Kritik der reinen Vernunft.
LB Johann Gottfried von Herder's Lebensbild. Sein chronologisch geordneter Briefwechsel,
verbunden mit den hierhergehörenden Mittheilungen aus seinem ungedruckten Nach­
lasse, und mit den nöthigen Belegen aus seinen und seiner Zeitgenossen Schriften. Hrsg.
von seinem Sohne Dr. Emil Gottfried von Herder. 3. Bde. Erlangen 1846.
MzE Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte
und Ungelehrte hrsg. von Carl Philipp Moritz. 10 Bände. Berlin 1783-1793. Faksimile­
druck Lindau 1978.
Nachlaß Der handschriftliche Nachlass Johann Gottfried Herders. Katalog im Auftrag und mit
Unterstützung der Akademie der Wissenschaften in Göttingen bearbeitet von Hans Diet­
rich Irmscher und Emil Adler. Wiesbaden 1979 ( = Staatsbibliothek Preussischer Kultur­
besitz. Kataloge der Handschriftenabteilung. Hrsg. von Tilo Brandis. Zweite Reihe:
Nachlässe Band 1).
sws Herder, Johann Gottfried: Sämtliche Werke. Hrsg. von Bernhard Suphan. 33 Bde. Berlin
1877ff. Reprografischer Nachdruck. Hildesheim, New York 21978/1979.
WA Goethes Werke. Hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. 4 Abteilungen
mit 133 Bänden ( in 143). Weimar 1887-1919.

Zur Zitierweise

Die Zitate sind, wo nötig, grammatikalisch dem Kontext, in dem sie von mir verwendet werden, ange­
glichen worden. Hervorhebungen im Original, mit Ausnahme derjenigen durch Großbuchstaben, wer­
den durch Kursivierung wiedergegeben. Bei Zitaten nach Paragrapheneinteilungen werden Seitenzahlen
zusätzlich dann angegeben, wenn der Text des Paragraphen sich über mehr als eine Seite erstreckt.
BIBLIOGRAPHIE

Quellen

(Aufgeführt werden nur die zitierten Titel)

(Abbt:] Thomas Abbts vermischte Werke. 4 Teile. Berlin und Stettin 1780/1782. Nachdruck: Thomas
Abbt: Vermischte Werke. 2 Bde. Hildesheim, New York 1978.
Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit be­
ständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Mit D .W. Sol­
tau's Beyträgen, revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger. Zweyter Theil. Wien 1808.
Ästhetik der Antike. Hrsg. von Joachim Krueger. Berlin und Weimar 2 1983.
(Batteux/Ramler:] Einleitung in die Schönen Wissenschaften. Nach dem Französischen des Herrn Bat­
teux, mit Zusätzen vermehret von Karl Wilhelm Ramler. 4 Bde. Dritte und verbesserte Auflage.
Leipzig 1769.
Baumgarten, Alexander Gottlieb: Acroasis logica in Christian L.B. de Wolff. Nachdruck der Ausgabe
Halle 1761. Hildesheim 1983.
Baumgarten, Alexand.(er] Gottlieb: Aesthetica. 2 Teile. Frankfurt/Oder 1750/1758. Nachdruck Hildes­
heim 1961.
(Baumgarten, Alexander Gottlieb:] Alexander Gottlieb Baumgartens, Ordentl. Lehrers der Philosophie
zu Frankfurth, Gedancken vom Vernünfftigen Beyfall auf Academien, Wonebst er zu seiner Antrits­
Rede und ersten Frankfurthisehen Lese-Stunden eingeladen. Zweyte vermehrte Auflage. Halle 1741.
[Baumgarten, Alexander Gottlieb:] Catalogus librorvm a viro excellentissimo amplissimo Alexandro
Gottlieb Baumgarten Prof. Philos. celeberrimo svos et amicorvm in vsvs comparatorvm qvi Fran­
cofvrti ad Viadrvm in aedibus albinianis, in Platea Episcopali (vulgo die Bischof-Strasse) sitis
MDCCLXII a die XXIX Novembris ab hora 9. ad 12. et a 2. ad 5. per hastam pvblicam plvs lici­
tatvris addicentvr. Frankfurt/Oder 1762.
Baumgarten, Alexander Gottlieb: Meditationes philosophicae de nonnullis ad Poema pertinentibus [ ... ].
Hall e 1735. Nachdruck in: Reflections on Poetry. Alexander Gottlieb Baumgarten's "Meditationes
( ... ]". Translation, with the Original Text, an Introduction, and Notes, by Karl Aschenbrenner and
William B. Holther. Berkeley and Los Angeles 1954.
Baumgarten, Alexander Gottlieb: Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinenti­
bus/Philosophische Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichtes. Übersetzt und mit einer
=
Einleitung hrsg. von Heinz Paetzold. Lateinisch-Deutsch. Harnburg 1983 ( Philosophische Biblio­
thek Bd. 352).
Baumgarten, Alexander Gottlieb: Metaphysica. Halle 1 1739; 2 1743; 3 1750; 4 1757; 5 1763; 6 1768; 7 1779
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Hrsg. von E. Hochstetter. Lieferung 7).


NAMENVERZEICHNIS

(Nicht aufgenommen wurden 1. der Name Johann Gottfried Herder; 2. Namen mythischer Figuren;
3. Namen aus dem Siglen- und Abkürzungsverzeichnis sowie aus der Bibliographie.)
Abbt, Thomas 28, 68 Christgau, Martin Georg 69
Adam, Charles 2 Chrobok, Paul 102, 114
Addison, Joseph 126 Cicero, Marcus Tullius 109
Adelung, Johann Christoph 92 Clairmont, Heinrich XI, 69, 137, 146, 163f.
Adickes, Erich 29 Clark, Robert T. 52
Adler, Brigitte XII Comenius, Jan Amos 50
Adler, Emil 52, 56 Condillac, Etienne Bonnot de 102f.
Adler, Hans 40, 51, 59 Conze, Werner 130
Alembert, Jean Le Rond d' 14 Corneille, Pierre 146f.
Apel, Kar) Otto 86 Corr, Charles A. 15
Aristoteles 31, 79, 84, 146f., 165 Couturat, Louis 3, 17
Arnauld, Antoine 2, 9, 17 Crousaz, Jean Pierre de 34, 126
Arndt, Hans Werner 1 1 Crusius, Christian August 52, 55, 6 1 , 63, 122, 126
Arnold, Günter 85
Aschenbrenner, Karl 27 Dahrendorf, Ralf 33
Aster, Ernst von 18 Descartes, Rent 1-5, 18, 38, 40, 54, 58, 61, 85,
155
Bänsch, Hans-Detlef 56 Diderot, Denis 8, 102, 104, 116
Baeumer, Max L. 156 Dierse, Ulrich 150, 157
Baeumler, Alfred 3, 18, 23f., 28, 35-38, 43f., 47, Dilthey, Wilhelm 90
73
Batteux, Charles 92, 126 Ebbesen, S. 32
Baumgarten, Alexander Gottlieb 1, 12, 14, 22-47, Eckhard(us), Tobias 31, 35
52-57, 60f., 63f., 67-80, 82-86, 90, 93f., 97, 101, Ecole, Jean 12-16, 18f., 21
108, 110, 117-119, 125f., 128f., 132f., 143, 145, Edler, Erich 155
152f., 165f., 169 Eichhorn, Johann Gottfried 170
Beck, Herber! 115 Eichstaedt, Alfons 156
Bergmann, Ernst 27 Engfer, Hans Jürgen 14
Besterman, Theodore 138, 157 Erdmann, Gustav 156
Bissinger, Anton 12f., 15-18, 20-22 Eschbach, Achim 135
Blanke, Heinz 103
Blumenberg, Hans 118, 139 Fambach, Oscar 163
Bodmer, Johann Jakob 34, 126 Fichte, Johann Gottlieb 99
Böhme, Gernot 76 Foerster, Johann Christian 29, 129
Böhme, Hartmut 76 Folkierski, Wladislaw 116
Boileau, Nicolas 156 Franke, Ursula 28, 32f., 35, 40, 47, 94
Bo� Peter C. 115 Frey, Jean Rodolphe 152
Bouhours, Dominique 34
Breitinger, Johann Jakob 34, 126 Gaethgens, Thomas, W. 156
Brumfitt, J.H. 138, 157, 159, 161 Gaier, Ulrich X, 50-52, 54f., 62, 69, 73, 83, 86,
Brunemeier, Bemd 92 119, 124-126, 130, 132, 137
Brunner, Otto 130 Galilei, Galileo 10
Buchenau, Artur 9 Gatterer, Johann Christoph 159
Büchner, Georg 88 Gatz, Bodo 156
Buonarot� Michelangelo 10 Gebauer, Gunter 95
Gerhardt, CJ. 3
Campe, Johann Heinrich 92 Gerlach, Peter 115
Capra, Fritjof 89 Gleissner, Roman 47, 162
Cassirer, Ernst 3-5, 9f., 47f. Goethe, Johann Wolfgang 56, 89f., 95, 137, 149
Namenverzeichnis 185

Götze, Alfred 92 Kocka, Jürgen 150


Gottsched, Johann Christoph 126, 141 Köhler, Heinrich 8
Graciän, Baltasar 33 Kolom s. Kolumbus
Grimm, Gunter E. 115 Kolumbus, Christoph 119, 129
Grimm, Jakob 92, 169 Kondylis, Panajotis 27, 61, 64f.
Grimm, Wilhelm 92, 169 Koselleck, Reinhart 130, 165
Grosser, Sarnuel 31f. Kreutzer, Leo 89
Gulyga, Arseni 85 Kronenberg, Moritz 52
Krüger, Johann Gottlob 126
Hager, F.P. 28 Krueger, Joachim 3, 24f., 36
Harnann, Johann Georg 51, 92, 105, 109, 118, Kühnemann, Eugen 52
128f., 138f. Küntzel, Gerhard 102, 108, 168
Hartmann, Georg Volckmar 12 Küntzel, Heinrich 92, 95
Haug, Hellmut 8 Kur, Friedrich 103
Haym, Rudolf 50-52, 64f., 68, 102, 111f., 115, Kurz, Gerhard 163
129, 131{., 166f.
Hege!, Georg Wilhelm Friedrich 18, 28, 118 Lachmann, Kar! 95
Heilmann, Johann David 68 Lambert, Johann Heinrich 51
Heimsoeth, Heinz 16 Lavater, Johann Kaspar 102
Heisenberg, Werner 89 Lehmann, Gerhard 50, 52
Henckmann, Wolfhart 91 Lehmann, Werner R. 88
Henrich, Dieter 8f. Lehwalder, Heinrich 100, 106
Herding, Klaus 112 Leibniz, Gottfried Wilhelm 1-12, 14- 19, 35, 38f.,
Hermann, Conrad 34 42, 54, 56, 66, 69, 77, 82, 85, 93f., 108, 110,
Herrmann, Hans Peter 34 113, 143, 165f.
Heyse, J.GA. 92 Lenz, Jakob Michael Reinhold 8
Hildebrandt, Hans-Hagen 118 Le Roy, Georges 103
Hinrichs, Carl 166 Lessing, Gotthold Ephraim 18, 85, 89, 92-96,
Hippakrates 93 102, 105, 110, 116, 118, 124, 144, 146
Hochhuth, Rolf 89 Lichtenberg, Georg Christoph 139
Hochstetter, Erich 4 Linne, Carl von 91
Hogarth, William 112 Locke, John 6, 36
Holther, Williarn B. 27 Lohmeier, Dieter 140
Horne, Henry, Lord Kames 126, 152 Lorenz, Konrad Z. 89f., 122
Horaz 165 Lorenz, Kuno 32
Horsley, Sarnuel 98 Lotze, Rudolf Hermann 4
Huizinga, Johan 33 Ludovici, Carl Günther 12
Hume, David 160 Lütterfelds, Wilhelm 90
Hutcheson, Francis 126, 152 Luther, Martin 92, 103, 167

Im Hof, Ulrich 151-153, 155-157 Machiavelli, Nicol6 152


Irmscher, Hans Dietrich 50-52, 56, 65, 70, 77, 84, Maek-Gerard, Eva 115
97' 100, 102, 110, 119 Malebranche, Nicolas 9
lselin, Isaak 131, 151-158, 160, 166, 168 Maltusch, Johann Gottfried 70, 100
Jäger, Michael 29, 35, 83, 90 Markwardt, Bruno 28, 156
Jamme, Christoph 163 Martens, Wolfgang 49
Jauß, Hans Robert 10 Martin, Gottfried 16, 50
Jöns, Dietrich Walter 170 Mauro, Tullio de 59
Meier, Georg(e) Friedrich 23, 27, 39, 41f., 79,
Kant, Immanuel 3, 14, 16, 28-30, 34f., 49-61, 76, 90f., 108
86, 89, 97, 99, 105, 110, 119, 121f., 143-145, Meinecke, Friedeich 166, 169
150, 162-164 Mendelssohn, Moses 15, 18, 26, 51, 85, 102, 137,
Kathan, Anton 130 152, 171f.
Keyser, Erich 109 Metz, Senta 118
Kleis!, Heinrich von 100 Möser, Justus
" 92
Klopstock, Friedrich Gottlieb 140 Moland, Louis 157, 161
Klotz, Christian Adolf 85, 138 Mommsen, Katharina 69
Knigge, Adolf Franz F.L. Freiherr von 92 Mommsen, Momme 69
186 Namenverzeichnis

Montaigne, Michel de 8 SchaUer, Klaus 50


Montesquieu, Charles de Secondat, Baron de Ia Scharf, J ohannes 33
Brede et de 152f. Schasler, Max 34, 47
Morelly 126 Scheffner, Johann George 64
Moritz, Kar! Philipp 12, 14f., 26, 49, 62, 71f. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von 28, 99
Muncker, Franz 95 Scherpe, Klaus R. 141f.
Schiller, Friedrich 14
Nadler, Josef 109 Schmucker, Josef 58
Newton, Isaac 89, 98 Schneiders, Werner 3, 11, 13f.
Nicolai, Friedrich 18, 68, 85 Schönberger, Franz Xaver 92
Nipperdey, Thomas 150 Scholtz, Gunter 157
Nivelle, Armand 124f., 130 Schopenhauer, Artbur 28
Novalis (Friedrich von Hardenberg) 100 Schrimpf, Hans Joachim X, XII, 12, 15, 62, 89
Schulte-Sasse, Jochen 18
Oeser, Adam Friedrich 95 Schweitzer, Bernhard 102
Oesterle, Günter 112 Schweizer, Hans Rudolf 29f., 32, 40, 43, 45-47
Oesterle, Ingrid 112 Schwitzke, Heinz 30, 44, 46f.
Otto, Gunter 112 Sebeok, Thomas A. 135
Otto, Regine 130 Seifert, Arno 13
Shaftesbury, Antony Ashley Cooper, Earl of 166
Paetzold, Heinz 27-29, 35, 43, 46 Shakespeare, William 128f., 139, 146-149, 168
Paul, Jean (Johann Paul Friedrich Richter) 92 Smith, Adam 96, 152
Paulus 103, 167 Soemmering, Thomas 164
Peirce, Charles Sanders 135 Sokrates 108f., 170
Penisson, Pierre 171 Soltau, D.W. 92
Philostratus, Aavius 95 Sommer, Robert 14, 37, 100
Platen, August Graf von 92 Spieß, Kristian Heinrich 155
Plato 109, 129 Spinosa s. Spinoza
Pappe, Bernhard 34, 41, 46 Spinoza, Baruch de 119, 148, 159, 169
Pouilli 152 Stadelmann, Rudolf 171
Preußen, Sophie Charlotte von 4 Staiger, Emil 131
Promies, Wolfgang 139 Stammler, Wolfgang 156
Proß, Wolfgang 41, 50-52, 132f., 136, 156 Starobinski, J ean 114
Stein, Kar! Heinrich von 28, 34
Racine, Jean 147 Stierle, Karlheinz 95, 150
Ramler, Kar! Wilhelm 92 Strabo 152
Redlich, Carl 112 Sue, Eugene 155
Reiß, Peter Hanns 152, 154, 159 Sulzer, Johann Georg(e) 14, 25f., 34f., 64, 90,
Reimarus, Hermann Samuel 126, 159 130f., 136, 152
Reinhold, Kar! Leonhard 163f. Suphan, Bernhard 132, 160
Resewitz, Friedrich Gabriel 160 Szondi, Peter 118, 147
Riede!, Friedrich Justus 69, 78, 82, 85, 99
Ried!, Rupert 90 Tannery, Paul 2
Riemann, Albert 27, 35, 43, 47 Titel, Britta 8
Risse, Wilhelm 32 Tonelli, Giorgio 44, 55
Ritter, Joachim 29 Trübner, Kar! 92
Robinet, Jean Baptiste 44 Tschirnhaus, Ehrenfried Wallher von 31
Rosenkranz, Kar! 91
Rauche, Max 166 Umiker-Sebeok, Jean 135
Rousseau, Jean-Jacques 126, 153f. Ungeheuer, Gerold 3, 17-19
Rüdiger, Andreas 31 Unger, Rudolf 100

Salmony, Hansjörg A. 52, 81, 85f., 88, 102f., 112, Vespucci, Amerigo 119
1 19 Vierhaus, Rudolf 14
Salomo 112 Vietta, Silvio 12, 18
Salzmann, Christian Gotthilf 155 Vollmer, Gerhard 122
Sauder, Gerhard 102, 119 Voltaire (Fran�ois Marie Arouet) 131, 138, 147,
Saussure, Ferdinand de 59, 113f. 157-162, 166, 168
Namenverzeichnis 187

Volz, Hans 103 Wiora, Walter 109


Wolf s. Wolff
Wacker), Georg 69 Wolff, Christian IX, 1, 3, 11-27, 29-31, 34-36,
Weischedel, Wilhelm 161 38-40, 42f., 52, 54, 64, 66, 69, 79, 98, 109, 117,
Wellek, Rene 128 120, 143f., 169
White, Hayden 59f.
Widmaier, Karl 88 Xenophon 160
Wieland, Christoph Martin 164
Wiese, Benno von 84 Zimmermann, Robert 34
Wilhelm, Richard 85 Zocher, Rudolf 4-6
Winckelmann, Johann Joachim 96, 102, 107, 111,
114, 126-128, 131, 156, 171