Sie sind auf Seite 1von 4

11/30/2020 Indiens Wachstumsmotor stottert | Wirtschaft | DW | 29.11.

2020

THEMEN / WIRTSCHAFT

Anzeige

Rs299 Rs570 Rs899 Rs1,999 Rs269 Rs199

CORO N A - REZESSIO N

Indiens Wachstumsmotor stottert


Harte Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben Indiens Volkswirtschaft zu einer Vollbremsung gezwungen. Das
haben auch deutsche Unternehmen zu spüren bekommen. Wie schnell kommt das Land wieder auf die Beine?

Es ist eine Premiere für Asiens drittgrößte Volkswirtschaft: Nach zwei Minus-Quartalen steckt Indien jetzt offiziell in einer Rezession - das
erste Mal, seit im Jahr 1996 erstmals solche Konjunkturdaten erhoben wurden.

Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde schrumpfte die indische Wirtschaft in den drei Monaten von Juli bis September im Vergleich
zum Vorjahreszeitraum um 7,5 Prozent. Volkswirte hatten nach dem harten Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit einem
Minus von mehr als acht Prozent gerechnet. Und im Vergleich zum Absturz des Bruttoinlandsprodukts im Vorquartal von minus 24 Prozent
sind die aktuellen Daten schon fast ein Grund zum Feiern.

Dabei hatte es in den vergangenen Wochen schon Abgesänge auf den Hoffnungsträger unter Asiens Schwellenländern gegeben, von der
Abkehr ausländischer Investoren war die Rede. "Globale Konzerne setzen nicht mehr auf Indien", titelte das Handelsblatt vor wenigen Tagen
und berichtete von teilweise dramatischen Auswirkungen des Wirtschaftseinbruchs in Indien, auch für deutsche und andere ausländische
Firmen. Tatsächlich will der US-Motorradbauer Harley-Davidson seine indische Fabrik dicht machen und der japanische Autokonzern Toyota
hat seine Expansionspläne in Indien auf Eis gelegt, berichtet die Düsseldorfer Tageszeitung.

Starker Einbruch - auch für ausländische Firmen

Das Ergebnis einer aktuellen Studie der auf Indien spezialisierten Beratungsfirma Wamser + Batra wirkt auf den ersten Blick
Wir verwenden Cookies, um unser Angebot für Sie zu verbessern. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer
niederschmetternd: Fast jedes zweite befragte Unternehmen bewertete seine aktuelle Geschäftslage in Indien als schlecht. Sechs von zehn
Mehr Infos Okay
Datenschutzerklärung.
Firmen mussten zum Teil empfindliche Umsatzeinbrüche hinnehmen, während nur 18 Prozent von guten Geschäften berichteten. Allerdings

https://www.dw.com/de/indiens-wachstumsmotor-stottert/a-55754206 1/4
11/30/2020 Indiens Wachstumsmotor stottert | Wirtschaft | DW | 29.11.2020

befinden sich 40 Prozent der indischen Niederlassungen der befragten Unternehmen weiterhin auf Wachstumskurs, jedes dritte will sogar
seine Produktionskapazitäten ausbauen.

Menschenleere Straßen während des Lockdowns Ende März in Mumbai

Studienautor Wolfgang Bergthaler räumt ein, dass ausländische Firmen durch die Folgen der Pandemie in Indien stark betroffen sind. "Nach
unserer aktuellen Studie Geschäftsklimaindex Indien gehen aber 52 Prozent der Unternehmen für das Jahr 2021 wieder von einem
günstigeren Geschäftsverkauf aus und erwarten steigende Umsatzzahlen in Indien", unterstreicht Bergthaler im Interview mit der DW. Auch
die Unternehmen, die aktuell besonders hart getroffen wurden, blickten eher optimistisch in die Zukunft. Die Indien-Spezialisten hatten für
ihre aktuelle Studie mehr als 100 Entscheider deutscher, österreichischer und Schweizer Firmen zu ihrem Indien-Geschäft befragt.

Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen, die in Indien tätig sind, kommt aus dem Maschinenbau, erklärt Bergthaler. Der Industrie ginge es
im Vergleich zu den Unternehmen im Endkundengeschäft- oder im Dienstleistungssektor noch vergleichsweise gut, sagt er, während die
Automobilzulieferer auch in Indien ziemlich "bluten" mussten.

Zu früh für Abgesang auf Indien

Doch das Schlimmste scheint überstanden, mittlerweile regt sich in Indien leichter Optimismus. "Während der Landwirtschaftssektor,
unterstützt durch eine gute Monsun-Saison und staatliche Subventionen, ein Lichtblick ist, glauben wir, dass sich die Erholung
wahrscheinlich weiter über die gesamte Wirtschaft ausbreitet und kurz davor ist, sich zu verfestigen", schreibt Rahul Bajoria, Indien-
Chefvolkswirt der britischen Barclays Bank mit Sitz in Mumbai, in einem aktuellen Bericht.

Besonders die Zulieferer-Branche wurde hart getroffen: Bosch-Produktion in Bangalore

Das fällt mit einem spürbaren Rückgang der täglichen Infektionen zusammen. Mittlerweile werden nur noch halb so viel neue Infektionen
gezählt wie noch Mitte September. Damals hatte es nach offiziellen Daten pro Tag mehr als 97.000 neue Infektionen gegeben.
Wir verwenden Cookies, um unser Angebot für Sie zu verbessern. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer
Mehr Infos Okay
Datenschutzerklärung.

https://www.dw.com/de/indiens-wachstumsmotor-stottert/a-55754206 2/4
11/30/2020 Indiens Wachstumsmotor stottert | Wirtschaft | DW | 29.11.2020

"Angesichts der steigenden Zahl der Fälle in anderen Ländern ist Indien bei den Neuinfektionen und auch bei den Todesfällen nicht mehr das
am stärksten von Corona betroffene Land der Welt", stellt Bajoria fest. Barclays rechnet für das Gesamtjahr nun mit einem Minus von 6,4
Prozent - das ist deutlich weniger als der Rückgang um 9,5 Prozent, mit dem Indiens Zentralbank, die Reserve Bank of India (RBI), bislang
rechnet.

Krise als Normalzustand

Auch Wolfgang Bergthaler ist davon überzeugt, dass man Indien nicht so schnell abschreiben soll: "Indien verfügt über ein extrem hohes Maß
an Resilienz. Dort ist die Krise quasi Normalzustand. Das Land und seine Wirtschaft mussten in den letzten Jahrzehnten viele Prüfungen
meistern - darin ist man in Indien geübt."

Der Studienautor weist darauf hin, dass sich am "Big Picture" langfristig nichts
geändert habe: Indien hat eine junge, konsumhungrige Gesellschaft. Der Ausbau und
die Erneuerung von Industrie und Infrastruktur würden weiterhin für neue Jobs
sorgen. Mit ihrer "Make in India"-Strategie habe die indische Regierung dazu ein klares
Bekenntnis abgegeben. Außerdem sei es politisch gewollt, Indien mit der "Self-reliant
India"-Strategie unabhängiger von ausländischen Importen zu machen. "Das heißt im
Umkehrschluss für die deutsche Industrie, dass sie in Indien auch produzieren muss,
um sich einen größeren Teil des Marktes zu sichern", so Bergthaler.
Studienautor Wolfgang Bergthaler: "Corona hat
In Deutschland hat Corona viele Missstände aufgedeckt, etwa in der
jahrzehntelange Entwicklungen sichtbarer gemacht"
fleischverarbeitenden Industrie. Auch in der indischen Volkswirtschaft hat die
Pandemie viele Unwuchten sichtbar gemacht. Millionen Wanderarbeiter aus ländlichen
Regionen verloren fast über Nacht ihre Jobs. Das Heer der Fabrikarbeiter, Haushaltshilfen und anderer Menschen, die das Rückgrat der
Wirtschaft bilden, sei auch in Indien plötzlich sichtbar geworden, erklärt der Indien-Experte.

Modernisierungs-Schub durch die Pandemie?

"Wir sprechen hier von Dutzenden Millionen Menschen, die in den Städten, teils als Tagelöhner, einfache Arbeiten verrichten, in Fabriken
oder am Bau arbeiten. Viele sind noch immer in den Dörfern und hinterlassen sichtbare Lücken in Wirtschaft und Gesellschaft", sagt
Bergthaler. Unternehmen seien jetzt teilweise vergeblich auf der Suche nach Arbeitern, was auch in Indien den Ruf nach mehr
Automatisierung geweckt habe. Das sei ein Dilemma, aber auch kein neues Phänomen. Covid-19 sei auch hier nur eine beschleunigende Kraft:
Schon vor der Pandemie hätten auf den Baustellen in Delhi, Mumbai oder Bangalore viel weniger Menschen gearbeitet als noch vor zehn
Jahren. "Wenn man so will - und ohne zynisch zu sein - ersetzen deutsche, amerikanische oder koreanische Maschinen die einfachen Arbeiter,
die ihre schlechtbezahlten und teilweise menschenunwürdigen Jobs verlieren."

Dass dabei immer weniger Maschinen aus China zum Einsatz kommen werden, davon geht nicht nur Bergthaler aus. Denn Indien will den
Einfluss Chinas in der eigenen Wirtschaft zurückdrängen, die Regierung gibt sich entschlossen, auch die Importe aus dem Reich der Mitte
zurückzufahren. "Unternehmensbeteiligungen chinesischer Investoren sind weitgehend unerwünscht und praktisch unmöglich."

Boykott-Aufrufe gegen chinesische Produkte Ende Juni in Mumbai

Anti-China-Kurs geht weiter


Wir verwenden Cookies, um unser Angebot für Sie zu verbessern. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer
Mehr Infos Okay
Datenschutzerklärung.
Dass sich Indien an der neuen Freihandelszone mit China und den ASEAN-Staaten nicht beteiligt, sei vor allem der starken Anti-China-
Stimmung im Land geschuldet. "Da macht ein Freihandelsabkommen unter der Führung von China politisch natürlich keinen Sinn. Premier
https://www.dw.com/de/indiens-wachstumsmotor-stottert/a-55754206 3/4
11/30/2020 Indiens Wachstumsmotor stottert | Wirtschaft | DW | 29.11.2020

Modi suchte unter Trump die Nähe zu den USA. Ob auch Joe Biden diese 'Liebe' erwidert, wird man sehen", so Bergthaler.

Beobachter sind sich weitgehend einig, dass sich Indien mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern ein weiteres Herunterfahren seiner Wirtschaft
schlichtweg nicht leisten kann. Regierungschef Modi scheint mittlerweile nach dem Motto "Augen zu und durch" sein Land durch die Krise zu
steuern. Kritiker werfen ihm vor, dass die sinkenden Infektionszahlen durch deutlich weniger Corona-Tests zustandekommen.

Auf jeden Fall rechnen die Indien-Experten von Wamser + Batra für 2021 mit vielen Nachholeffekten und einer Rückkehr zum
Wirtschaftswachstum. "Während Europa wieder im Lockdown steckt und den USA der Winter noch bevorsteht, wurde die Gesundheitskrise
in Indien quasi 'für beendet erklärt' und man konzentriert sich wieder aufs Wirtschaften", bringt Bergthaler Modis Kurs auf den Punkt. Und
so geht er davon aus, dass Indien - rein wirtschaftlich gesehen - das Schlimmste hinter sich hat.

DIE R E D AKTION EM PFIEHLT

EU und Indien: Der Wille, mehr zu erreichen


Beim 15. Indien-EU-Gipfel geben sich beide Seiten harmonisch. Doch das von der EU gewünschte "ehrgeizige" Handelsabkommen ist so fern wie eh und je.
Marina Strauß aus Brüssel.

Corona stellt Indien auf harte Probe


Nach dem vorläufigen Ende des Lockdowns sieht sich Indien mit steigenden Infektionszahlen konfrontiert. Das Gesundheitssystem ist überfordert. Mit
Notmaßnahmen sollen Patientenbetten aus dem Boden gestampft werden.

Ewiger Hoffnungsträger Indien?


Indiens Aufstieg geht weiter, aber das Tempo der Öffnung des riesigen Marktes braucht seine Zeit. Auch unter dem wirtschaftsfreundlichen Premier Modi
wachsen die Bäume für ausländische Unternehmen nicht in den Himmel.

AUDI O U ND VIDEO ZUM THEMA

Indien: Beginn der Festtagssaison in der Pandemie

Indien: Wanderarbeiter nach dem Lockdown

Indiens Wanderarbeiter finden keine Arbeit mehr

Wir verwenden Cookies, um unser Angebot für Sie zu verbessern. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer
Mehr Infos Okay
Datenschutzerklärung.

https://www.dw.com/de/indiens-wachstumsmotor-stottert/a-55754206 4/4