Sie sind auf Seite 1von 25

Forschungsethik in der qualitativen

Forschung: Grundsätze, Debatten und 2


offene Fragen

Hella von Unger

Zusammenfassung
Forschungsethische Grundsätze für die Sozialwissenschaften wurden unter an-
derem im Ethik-Kodex der Soziolog*innen formuliert. Einige dieser Grundsätze,
wie das Konzept der Objektivität, das Informierte Einverständnis und Verfah-
ren der Anonymisierung werfen in der qualitativen Forschung Fragen auf und
stellen die Forschenden vor besondere Herausforderungen. Zwar bietet der ho-
he Stellenwert der Selbstreflexivität im interpretativen Paradigma grundsätzlich
gute Voraussetzungen für ethisch reflektiertes Forschungshandeln, es ist jedoch
unklar, ob und wie dieses Potenzial genutzt wird. Bislang werden forschungs-
ethische Fragen in der deutschsprachigen qualitativen Methoden-Debatte nur
selten explizit diskutiert. Dabei besteht ein Diskussionsbedarf, unter anderem
weil bestimmte Grundsätze nicht realisierbar sind und neue Technologien im
Zeitalter des Internets neue Fragen aufwerfen.

Schlüsselwörter
Anonymisierung · Ethik-Kodex · Ethik-Kommission · Forschungsethik · Infor-
miertes Einverständnis · Schadensvermeidung · Selbstreflexivität · qualitative
Sozialforschung

H. von Unger ()


München, Deutschland
E-Mail: unger@lmu.de

H. von Unger et al. (Hrsg.), Forschungsethik in der qualitativen Forschung, 15


DOI 10.1007/978-3-658-04289-9_2, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
16 H. von Unger

2.1 Einleitung

Wieso Forschungsethik? In der soziologischen Diskussion werden unterschiedli-


che Positionen vertreten: Die einen wollen Sozialwissenschaft und Ethik eindeutig
voneinander getrennt behandelt wissen. Schon Max Weber forderte eine wertfreie
Soziologie – und seitdem wurden mit unterschiedlichen theoretischen Bezügen
und Argumenten Positionen der Abgrenzung entwickelt (vgl. Herbermann 2002;
Lamnek 2002). Andere Positionen, und dazu gehört auch dieser Beitrag, halten
solch eine Trennung für wenig plausibel und verweisen auf die Gefahren einer
Wissenschaft, die ihr eigenes Handeln nicht kritisch im Hinblick auf moralische
Grundsätze reflektiert. Die Geschichte der Skandale in der medizinischen For-
schung – von den Menschenversuchen während der NS-Zeit (Bachrach 2004) über
die Tuskegee-Syphilis-Studie in den USA (Jones 1993) bis zu HIV-Studien jünge-
ren Datums, die aus ethischen Gründen abgebrochen wurden (Singh und Mills
2005) – belegt diese Gefahren eindrücklich. Nun könnte ein Gegenargument lau-
ten, dass sich sozialwissenschaftliche und medizinische Forschung grundsätzlich
unterscheiden, aber dieses Argument ist wenig überzeugend. Denn auch in den
Sozialwissenschaften werden experimentelle Designs angewandt, und nur, weil
mögliche Schädigungen nicht so offensichtlich Leben kosten, ist die sozialwissen-
schaftliche Forschung nicht davor gefeit, Menschen Schaden zuzufügen. Dies gilt
allemal in Wissensgesellschaften und im Zeitalter des Internets, in dem Informatio-
nen und persönliche Daten in einem nie zuvor da gewesenen Ausmaß generiert und
gespeichert werden und die Zugänglichkeit solcher Daten durchaus problematische
Möglichkeitshorizonte eröffnet.
Empirisch Forschende müssen in diesem Kontext Entscheidungen über Verfah-
ren und Prozesse treffen, die weitreichende Konsequenzen für das Leben anderer
Menschen nach sich ziehen können. Diese Entscheidungen verlangen Abwägun-
gen, Begründungen und damit eine Reflexivität, die den Kern dessen ausmacht, was
in diesem Beitrag unter Forschungsethik verstanden wird. Die hier vertretene Posi-
tion basiert auf folgender Kernthese: Forschungsethische Fragen sind immanenter
Bestandteil der empirischen Forschungspraxis und stellen sich in allen Phasen des
Forschungsprozesses – von der Themenwahl und Zielsetzung über das Studiende-
sign, den Zugang zum Feld, Verfahren der Datenerhebung und Auswertung bis
hin zu Fragen der Publikation und Verwertung von Forschungsergebnissen. Das
gilt für alle Formen der Sozialforschung, nicht nur für qualitative Studien, denn
der empirische Forschungsprozess wirft grundsätzlich Fragen auf: Wie nehmen
die Forschenden ihre Verantwortung als Wissenschaftler*innen wahr? Wie gestal-
ten sie die Beziehungen zu den Personen und Einrichtungen, die sie untersuchen?
Wie gehen sie mit den Daten um, die sie erheben? Welche Informationen geben
sie über sich und ihre Forschung preis? Ob und wie die vielfältigen Entscheidun-
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 17

gen, die in der Forschungspraxis getroffen werden (müssen), im Forschungsalltag


bewusst reflektiert werden, ist allerdings eine andere Frage. Denn während der Da-
tenschutz im Rahmen des Bundesdatenschutzgesetzes differenziert geregelt ist und
dessen Umsetzung u. a. durch Datenschutzbeauftragte an forschenden Einrichtun-
gen unterstützt wird, werden forschungsethische Fragen, die über den Datenschutz
hinausgehen, selten explizit besprochen. Die methodologische Debatte um sozial-
wissenschaftliche Forschungsethik führt im deutschsprachigen Raum bislang ein
Schattendasein.
In der Soziologie wurde zwar Anfang der 1990er-Jahre ein Ethik-Kodex formu-
liert (BDS & DGS 1993), dieser wurde seitdem jedoch nicht weiterentwickelt.1 Die
Gestaltung und Überprüfung der darin festgeschriebenen Grundsätze sind in der
sozialwissenschaftlichen Praxis überwiegend den Forschenden selbst überlassen.
Die Maxime lautet akademische Selbstkontrolle – das Ergebnis ist ein fortgesetzter
Winterschlaf. Dies steht in starkem Kontrast zu den Debatten forschungsethischer
Fragen in anderen Disziplinen (wie der biomedizinischen Forschung) und ande-
ren Ländern (wie im angloamerikanischen Raum). Allerdings können diese auch
keine Patentlösungen anbieten. Eine Wiederbelebung und Neufokussierung der
Debatte in den deutschen Sozialwissenschaften erscheint vor diesem Hintergrund
notwendig (vgl. Oellers und Wegner 2009).
In diesem Kapitel skizziere ich zunächst die forschungsethischen Grundsätze,
die im Ethik-Kodex der Soziolog*innen festgelegt sind. Anschließend diskutiere ich
einige forschungsethische Fragen, die sich in der qualitativen Sozialforschung auf
besondere Weise stellen, zum Beispiel im Hinblick auf das Konzept der Objektivität,
das Informierte Einverständnis und die Anonymisierung von Daten. Abschließend
mache ich einige Vorschläge, wie die Auseinandersetzung mit forschungsethischen
Fragen in den Sozialwissenschaften befördert werden kann.

2.2 Die Entwicklung des Ethik-Kodex in der Soziologie

Eine Soziologin, die sich in Deutschland explizit mit forschungsethischen Fragen


auseinandersetzte und wesentlich zu der Entwicklung des Ethik-Kodex in der Sozio-
logie beigetragen hat, ist Christel Hopf (1991, 2004). Sie definiert Forschungsethik
wie folgt:

1
Der Kodex wird derzeit von den Fachgesellschaften überarbeitet und soll im Sommer 2014
in einer aktualisierten Form veröffentlicht werden.
18 H. von Unger

Unter dem Stichwort ,Forschungsethik‘ werden in den Sozialwissenschaften im All-


gemeinen all jene ethischen Prinzipien und Regeln zusammengefasst, in denen mehr
oder minder verbindlich und mehr oder minder konsensuell bestimmt wird, in wel-
cher Weise die Beziehungen zwischen den Forschenden auf der einen Seite und den
in sozialwissenschaftliche Untersuchungen einbezogenen Personen auf der anderen
Seite zu gestalten sind. (Hopf 2004, S. 589–590).

Forschungsethik bezieht sich also im Kern auf die Gestaltung der Forschungsbezie-
hungen; Fragen des Umgangs mit Informationen und des Schutzes von Daten sind
dabei mit eingeschlossen. In dieser Definition wird deutlich, dass die formulierten
forschungsethischen Prinzipien und Regeln weder für alle Sozialwissenschaft-
ler*innen gleich verbindlich, noch von einem allgemeinen Konsens getragen sind.
Der Ethik-Kodex der Soziologie (BDS & DGS 1993) stellt z. B. nur für die So-
ziolog*innen eine „mehr oder minder“ verbindliche Orientierung dar, die in den
Berufsverbänden DGS (Deutsche Gesellschaft für Soziologie) und BDS (Berufsver-
band deutscher Soziologinnen und Soziologen) organisiert sind. Dies waren in den
1990er-Jahren weniger als 10 % aller forschend tätigen Soziolog*innen (Lamnek
1994b, S. 37).
Um die Frage des Konsens zu erläutern, bedarf es eines kurzen Exkurses: Ethik
bezeichnet eine Teildisziplin der Philosophie, die moralische Prinzipien und Wer-
te untersucht, formuliert und begründet (Moralphilosophie). Ethik ist also nicht
mit Moral gleichzusetzen, sie ist vielmehr die Reflexionswissenschaft der Moral.
In der angewandten Ethik (dieser Kategorie ist die Forschungsethik zuzurechnen)
wird der Ansatz vertreten, dass es kein übergeordnetes, allgemein gültiges ethi-
sches Prinzip gibt. Es gibt lediglich eine Reihe von Prinzipien mittlerer Ordnung,
die „prima facie“ gültig sind; d. h. sie sind nur verpflichtend, solange sie nicht mit
anderen kollidieren (Marckmann 2000, S. 74). Diese Prinzipien werden jeweils
„in einem Prozess der Interpretation, Konkretisierung und Gewichtung rekonstru-
iert und in einen kohärenten Zusammenhang gebracht“ (ebd.). Sie werden also
fallbezogen interpretiert, zueinander in Bezug gesetzt und abgewogen. Ethische
Prinzipien, die in dieser Weise z. B. in der medizinischen Forschung herangezogen
werden, sind Autonomie (Selbstbestimmung), Schadensvermeidung, Fürsorge und
Gerechtigkeit (Beauchamp und Childress 2001). Diese vier Prinzipien stehen teil-
weise in einem Spannungsverhältnis zueinander. Sie müssen als prima-facie-gültige
Prinzipien fallbezogen konkretisiert, interpretiert und gewichtet werden, um einen
Sachverhalt ethisch beurteilen zu können. Wendet man diese Logik auf die sozial-
wissenschaftliche Forschungsethik an, bedeutet dies, dass ethische Prinzipien und
Grundsätze nur eine allgemeine Orientierung für konkrete Abwägungs- und Ent-
scheidungsprozesse bieten, die für das Handeln in der Forschungspraxis relevant
sind. Hier kann nicht ohne Weiteres von einem Konsens ausgegangen werden,
denn „die Anwendung von Regeln beruht auf Interpretationen, die [. . .] strittig
sein können“ (Lamnek 1994a, S. 352).
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 19

Für die Soziologie wurden mit dem Ethik-Kodex der Berufsverbände ethi-
sche Prinzipien und Regeln bestimmt (BDS & DGS 1993). Dieser Kodex wurde
in Anlehnung an den „Code of Ethics“ der American Sociological Association
(ASA 1999) entwickelt, weicht aber in einigen Punkten von diesem ab: So ist
der US-amerikanische Kodex umfangreicher und stärker von juristischen Argu-
mentationen und Formulierungen geprägt. Eine umfassende Beschreibung der
Unterschiede kann hier nicht geleistet werden (vgl. Lamnek 1992). Es sei jedoch
auf einen Unterschied hingewiesen, der für die Auseinandersetzung mit ethischen
Fragen interessant ist: Im deutschen Kodex fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass
die soziologische Forschung dem Wohl der Gesellschaft dient. Der ASA-Kodex
enthält eine entsprechende Passage: „When undertaking research, they [sociolo-
gists, Anm. d. V.] strive to advance the science of sociology and to serve the public
good“ (ASA 1999, Principle E Social Responsibility). Ein ähnliches Selbstverständ-
nis findet sich im Kodex der britischen Soziolog*innen: „Sociological research is
a valuable activity and contributes to the well-being of society“ (BSA 2002, S. 2).
Die Auslassung einer solchen Selbstverpflichtung im deutschen Kodex kann als
Abgrenzung gegenüber normativen, moralischen und politischen Ansprüchen an
soziologische Forschung gedeutet werden. Diese Abgrenzung speist sich aus meh-
reren Quellen und ist von spezifischen historischen Erfahrungen beeinflusst wie der
Geschichte der deutschen Soziologie während der NS-Zeit, dem Positivismus- und
Werturteils-Streit der 1960er- und 1970er-Jahre (Lamnek 2002) sowie Erfahrungen
der DDR-Soziologie (Simon und Sparschuh 1992).
Die im deutschen Ethik-Kodex formulierten Grundsätze (vgl. Abb. 2.1) verlan-
gen u. a., dass Soziolog*innen nach „wissenschaftlicher Integrität und Objektivität“
streben und Resultate ihrer Forschung „ohne verfälschende Auslassung von wich-
tigen Ergebnissen“ veröffentlichen sollen (BDS & DGS 1993, I. A.). Soziolog*innen
sollen „ungünstige Konsequenzen“ und „spezielle Risiken“ ihres Forschungshan-
delns für die beteiligten Personen und Gruppen antizipieren. Sie sollen Schaden
vermeiden und sich bewusst sein, dass ihr Handeln den zukünftigen „Zugang zu
einer Untersuchungspopulation“ negativ beeinflussen kann (BDS & DGS 1993,
I. B.).
Das Recht zur freien Entscheidung über die Beteiligung und die Persönlich-
keitsrechte der untersuchten Personen gilt es zu respektieren. Der Grundsatz der
„informierten Einwilligung“ stellt sicher, dass die Teilnahme an Forschungsprojek-
ten freiwillig ist und auf der Grundlage einer „möglichst ausführlichen Information“
über Ziele und Methoden der Studie erfolgt (BDS & DGS 1993, I. B.). Es werden je-
doch Ausnahmen von der Informationsverpflichtung zugelassen, „z. B. wenn durch
eine umfassende Vorabinformation die Forschungsergebnisse in nicht vertretba-
rer Weise verzerrt würden“ (BDS & DGS 1993, I. B.). Bei bestimmten Gruppen
20 H. von Unger

Abb. 2.1 Forschungsethische • Objektivität und Integrität der Forschenden


Grundsätze des Ethik-Kodex der
Soziolog*innen. (BDS & DGS • Risikoabwägung und Schadensvermeidung
1993)
• Freiwilligkeit der Teilnahme

• Informiertes Einverständnis

• Vertraulichkeit und Anonymisierung

sollen Soziolog*innen allerdings „besondere Anstrengungen“ unternehmen, um


das Informierte Einverständnis umzusetzen, z. B. bei Personen mit „geringem Bil-
dungsgrad“ und „niedrigem Sozialstatus“ sowie „Minoritäten oder Randgruppen“
(BDS & DGS 1993, I. B.).
Grundsätzlich dürfen die Untersuchten „durch die Forschung keinen Nachteilen
oder Gefahren ausgesetzt werden“ und sie sind über alle Risiken zu informieren, die
„das Maß dessen überschreiten, was im Alltag üblich ist“ (BDS & DGS 1993, I. B.).
Ohne Einschränkung und im Einklang mit dem Bundesdatenschutzgesetz ist fest-
gelegt: „Die Anonymität der befragten oder untersuchten Personen ist zu wahren“
(BDS & DGS 1993, I. B.). Schon Anfang der 1990er-Jahre war klar: „[S]orgfältige
Vorkehrungen zum Schutz vertraulicher Informationen“ sind insbesondere bei der
elektronischen Datenverarbeitung erforderlich (BDS & DGS 1993, I. B.).
Der Ethik-Kodex wurde von den Mitgliedern der Berufsverbände mit über-
wiegenden Mehrheiten angenommen (Lamnek 1994a, 1994b). Es gab jedoch
auch kritische Stimmen (vgl. Heiland und Lüdemann 1993). Ursprünglich war
vorgesehen, dass die parallel zur Verabschiedung des Ethik-Kodex eingerichtete
Ethik-Kommission von DGS und BDS mindestens einmal jährlich über ihre Arbeit
und die verhandelten Fälle in den Veröffentlichungen der Berufsverbände berichtet
(siehe BDS & DGS 1993, V. B. 1. f). De facto wurde dies nur in der Anfangszeit
eingelöst (siehe z. B. Lamnek 1994a, 1994b). Das ist bedauerlich, weil die Umset-
zung der allgemeinen Grundsätze ebenso wie die Schwierigkeiten, aber auch die
Notwendigkeit solcher Gremienarbeit oft erst an konkreten Fällen nachvollziehbar
wird.

2.3 Forschungsethische Fragen in der empirischen Praxis

Welche Fragen stellen sich nun in der Forschungspraxis, für die der Ethik-Kodex
eine Orientierung bietet? Wie eingangs erwähnt, stellen sich forschungsethische
Fragen grundsätzlich in der empirischen Sozialforschung. Art und Inhalte der Fra-
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 21

gen unterscheiden sich jedoch in Abhängigkeit vom gewählten Zugang – denn ein
quantitatives experimentelles Design wirft andere forschungsethische Fragen auf als
eine Panelstudie, eine Teilnehmende Beobachtung, eine Interviewstudie oder eine
Dokumentenanalyse. Ebenso variieren die Fragen je nach Forschungsfeld und teil-
nehmenden Personen. Im Folgenden werden einige der Fragen näher beleuchtet,
die sich in der qualitativen Forschung stellen. Dabei kann die vorhandene Viel-
falt qualitativer Verfahren und Methodologien nur eingeschränkt berücksichtigt
werden. Die besprochenen Fragen betreffen insbesondere solche Forschungskon-
texte, die den direkten Face-to-Face-Kontakt mit Personen und Einrichtungen im
Forschungsfeld beinhalten (z. B. durch Teilnehmende Beobachtung, Interviews,
Gruppendiskussionen, die Erhebung visueller Daten etc.).2 In diesen Interaktionen
müssen qualitativ Forschende eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, wie sie sich
im Forschungsfeld bewegen und verhalten. Die Gestaltung der Beziehungen zu den
Akteur*innen im Forschungsfeld wirft dabei Fragen auf, die neben methodischen
Abwägungen immer auch der forschungsethischen Reflexion bedürfen:

• Wie wird der Zugang zum Forschungsfeld hergestellt?


• Wie definieren, kommunizieren und verhandeln die Forschenden ihr Anliegen
und ihre Rolle im Forschungsfeld?
• Wie wird das Informierte Einverständnis der Teilnehmenden eingeholt (münd-
lich, schriftlich)? Welche Informationen werden dazu kommuniziert, welche
nicht? Wie wird kommuniziert?
• Wie werden Daten erhoben und ausgewertet? Wo und wie werden sie
gespeichert?
• Wie wägen die Forschenden den möglichen Schaden ab, der den teilnehmen-
den Personen, Einrichtungen und Communities durch die Forschung entstehen
könnte?
• Welche Maßnahmen ergreifen sie, um Risiken zu reduzieren?
• Wie wird in diesem Zusammenhang Vertraulichkeit gewährleistet und inwiefern
werden die Daten anonymisiert? Wie lassen sich Rückschlüsse auf Personen,

2
Die internetbasierte, qualitative Erforschung von Online-Communities, sozialen Medien
etc. bei denen kein Face-to-Face-Kontakt besteht, bei denen aber Interaktionen zwischen For-
schenden und Forschungsfeld möglich sind (z. B. durch E-Mails, Chats, Postings etc.), wirft
weitere forschungsethische Fragen auf, die hier nur am Rande behandelt werden können.
Wie ist z. B. mit Daten umzugehen, die von den Nutzer*innen selbst namentlich öffentlich
gemacht werden, z. B. auf Facebook, in Twitter-Profilen oder Tweets; können diese ohne
Anonymisierung und ohne Informiertes Einverständnis für Forschungszwecke genutzt wer-
den (vgl. Siri et al. 2012)? Auch forschungsethische Fragen der Erhebung und Darstellung
visueller Daten erfordern eine weitere Vertiefung.
22 H. von Unger

Plätze und Einrichtungen verhindern, die auch ohne namentliche Nennung,


z. B. für Insider*innen oder durch einfache Recherchen im Internet, gezogen
werden können?
• Wie verhalten sich Forschende gegenüber den Wünschen und Forderungen
von Teilnehmer*innen im Hinblick auf die Darstellung von Ergebnissen? Wie
reagieren Forschende, wenn sich Teilnehmende gegen eine Veröffentlichung
von Ergebnissen aussprechen, die sie in einem negativen Licht erscheinen lassen?
• Wie ist mit Daten umzugehen, die Forschenden „im Vertrauen“ oder nach
Ausschalten des Aufnahmegeräts mitgeteilt wurden?

In der deutschsprachigen Literatur finden sich nur wenige Texte, in denen die Refle-
xion dieser und weiterer Fragen besprochen wird und die Antworten an konkreten
Beispielen nachvollzogen werden können. Offen bleibt, wie die oben beschriebenen
forschungsethischen Grundsätze in der konkreten Forschungspraxis angewendet
werden. Dabei wäre gerade dies von Interesse, denn die im Kodex beschriebenen
allgemeinen Grundsätze bieten, wie bereits dargelegt, immer nur eine Orientie-
rung. Hinzu kommt, dass diese Grundsätze in einem gewissen Spannungsverhältnis
zu bestimmten Aspekten und Verfahren der qualitativen Forschungspraxis stehen
und nicht ohne Weiteres umgesetzt werden können. Dies wird im Folgenden näher
ausgeführt.

2.4 Objektivität, Subjektivität und Selbstreflexivität

Wie oben dargelegt, ist vorgesehen, dass Soziolog*innen nach „Integrität und
Objektivität“ streben (BDS & DGS 1993, I. A.). Allerdings ist der Begriff der Ob-
jektivität in der qualitativen Forschung umstritten. Er stellt vor dem Hintergrund
konstruktivistisch und postmodern geprägter epistemologischer und ontologischer
Annahmen für einige Vertreter*innen des interpretativen Paradigmas kein relevan-
tes Bezugskonzept dar. Sozialwissenschaftliche Erkenntnis wird als grundsätzlich
partial und standortgebunden verstanden – sie kann keine allgemeine Gültigkeit be-
anspruchen, sondern ist in ihrer Aussagekraft begrenzt und unausweichlich mit der
Perspektive der Forschenden verknüpft. Angesichts der großen methodologischen
Vielfalt in der qualitativen Forschung werden allerdings verschiedene Positionen
vertreten: Während einige Forscher*innen dafür plädieren, Objektivität auch in
der qualitativen Forschung als Gütekriterium anzuwenden, sprechen sich andere
explizit dagegen aus und halten das Ideal für eine „unrealistische Fiktion“ (Breuer
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 23

2009, S. 120) (für eine Übersicht über die Debatte zu Gütekriterien in der qualita-
tiven Forschung vgl. Steinke 2004). Auch von Kritiker*innen, die das positivistisch
geprägte Konzept der Objektivität dekonstruieren, werden teilweise Positionen ver-
treten, die den Begriff als grundlegende Orientierung nicht vollständig aufgeben.
Sie schlagen stattdessen eine Neudefinition vor, z. B. mit dem Konzept des „situ-
ierten Wissens“ (Haraway 1988). Insgesamt kann allerdings festgehalten werden,
dass dem Begriff der Objektivität in der qualitativen Forschung nicht der gleiche
Stellenwert zukommt wie in der quantitativen Forschung. Parallel dazu hat der
Begriff der Subjektivität in der qualitativen Forschung eine grundsätzlich andere
Bedeutung. Dieser Umstand ist derart zentral, dass ein zweiter kurzer Exkurs zum
Thema Subjektivität gerechtfertigt erscheint:
Die Subjektivität der Forschenden ist ein unvermeidbarer Bestandteil des
Forschungsprozesses, der aus Sicht von qualitativen Forscher*innen für den Er-
kenntnisprozess von großem Wert ist (Bereswill 2003; Mruck und Breuer 2003;
Breuer 2009; Breuer et al. 2002). Allerdings ist hierfür eine kritische, selbstrefle-
xive Praxis notwendig. (Selbst-) Reflexivität im Hinblick auf die Subjektivität der
Forschenden, ihre Positionierung im Forschungsfeld und ihren Einfluss auf den
Forschungsprozess gilt in der qualitativen Sozialforschung als Qualitätsmerkmal. Es
ist ein Kennzeichen qualitativer Forschung „dass die Reflexivität des Forschers über
sein Handeln und seine Wahrnehmungen im untersuchten Feld als ein wesentli-
cher Teil der Erkenntnis und nicht als eine zu kontrollierende bzw. auszuschaltende
Störquelle verstanden wird“ (Flick et al. 2004, S. 23). Dieses Argument geht zum
einen direkt auf Georges Devereux zurück, der bereits in den 1960er-Jahren für die
„Wiedereinführung des Beobachters“ in den Forschungsprozess plädierte „[. . .]
und zwar nicht als Quelle einer bedauerlichen Störung, sondern als wichtige, ja
sogar unverzichtbare Quelle relevanter, ergänzender verhaltenswissenschaftlicher
Daten“ (Devereux 1984 [1967], S. 52). Das von ihm vertretene und seither weiter
ausgearbeitete psychoanalytische Konzept von Subjektivität erfordert von den For-
schenden Introspektion: Es gilt, Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse
zu analysieren, um „unbewusste Dimensionen sozialer Wirklichkeit“ offenzule-
gen, die „in den affektiv gefärbten Reaktionsmustern der Subjekte verschlüsselt
sind“ (Bereswill 2003, S. 517). Eine weitere Konzeptualisierung von Reflexivität
und Subjektivität in der qualitativen Forschung fußt auf sozialkonstruktivistischen
Ansätzen in der Tradition von Alfred Schütz, die stärker auf die Rekonstruktion
der interaktiven Herstellung sozialer Wirklichkeit fokussieren. Die Forschenden
sind aufgefordert, die „Dramaturgie des eigenen Handelns im Feld zu durchschau-
en“ und reflexiv nachzuvollziehen, wie sozialer Sinn in der Forschungssituation
interaktiv hergestellt wird (Bereswill 2003, S. 518). Den verschiedenen Zugän-
gen ist gemein, dass sie die Subjektivität der Forschenden und den interaktiven
24 H. von Unger

Charakter der Forschungssituation als systematische Bestandteile des Forschungs-


prozesses verstehen, die nicht ignoriert, sondern qua Reflexion „als produktives
Erkenntnisfenster“ (Breuer et al. 2002, Abs. 4) genutzt werden können.
In der Methodenliteratur wird Reflexivität insbesondere vor dem Hintergrund
epistemologischer Grundlagen von Erkenntnisprozessen und mit Blick auf die Qua-
lität der Ergebnisse diskutiert. Ihre Aufgabe ist vor allem, sozialwissenschaftliche
Erkenntnis zu ermöglichen und zu bereichern. Praktizierte Reflexivität kann je-
doch eine weitere Funktion erfüllen: Sie kann dazu beitragen, forschungsethische
Probleme im praktischen Forschungsprozess zu reflektieren und Lösungen zu ent-
wickeln. Zwar wird in der qualitativen Forschung der Grundsatz des Strebens nach
Objektivität nicht (oder nicht immer) anerkannt und eingelöst, aber der verant-
wortungsvolle, reflektierte Umgang mit der Subjektivität der Forschenden bietet
gute Voraussetzungen, um qualitativ hochwertige Erkenntnisse zu generieren und
forschungsethische Fragen zu reflektieren.

2.5 Vertraulichkeit und Anonymisierung

Zur Reflexion forschungsethischer Fragen gehört, wie oben dargestellt, die Ab-
wägung von Risiken, die den untersuchten Personen entstehen können, und das
Ergreifen von Maßnahmen, um diese Risiken zu reduzieren und Schaden zu
vermeiden. In der sozialwissenschaftlichen Forschung ist – im Unterschied zur
medizinischen Forschung – weniger mit körperlichen Nebenwirkungen zu rech-
nen; mögliche Schädigungen beziehen sich (nicht ausschließlich, aber) in erster
Linie auf die erhobenen Informationen, die Schaden anrichten können, wenn sie
missbraucht, öffentlich bekannt oder in die Hände Dritter gelangen würden. Das
heißt, ein möglicher Schaden kann den Teilnehmenden durch den Verlust ihrer
Privatsphäre entstehen. Daher nehmen die Maßnahmen zu deren Schutz, Vertrau-
lichkeit und Anonymisierung, auch im Kodex von BDS und DGS einen zentralen
Stellenwert ein. Das Prinzip der Nicht-Schädigung (oder besser: der Schadensver-
meidung) wird allerdings relativiert, da es mit dem Ausmaß an Schaden verglichen
wird, der im Alltag zu erwarten ist.

Personen, die in Untersuchungen [. . .] einbezogen werden, dürfen durch die For-


schung keinen Nachteilen oder Gefahren ausgesetzt werden, die das Maß dessen
überschreiten, was im Alltag üblich ist. (BDS & DGS 1993, I. B.).
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 25

Hier stellt sich die Frage, von wessen Alltag die Rede ist: dem Alltag der For-
schenden oder dem Alltag der Beforschten? Wie sollen Forschende wissen können,
welche Risiken im Alltag der zu beforschenden Personen „üblich“ sind? Die Auf-
forderung zur Anonymisierung bleibt davon unberührt, es wird generell gesetzt:
„Die Anonymität der befragten oder untersuchten Personen ist zu wahren.“ (BDS
& DGS 1993, I. B.). In der qualitativen Sozialforschung ergeben sich durch die
besondere Beschaffenheit der Daten jedoch besondere Herausforderungen bei der
Anonymisierung. In qualitativen Daten und auch bei den Analyseverfahren spielen
Kontextualität und Kontextualisierungen eine große Rolle. Das wirft die Frage auf,
ob der Grundsatz der Anonymisierung in der qualitativen Forschung tatsächlich
umsetzbar ist. Wenn beispielsweise Fallstudien durchgeführt werden, bei denen
die Darstellung des spezifischen lokalen oder organisationalen Kontextes unver-
meidlich ist, wenn ethnografische Feldforschung dichte Beschreibungen beinhaltet
oder wenn Expert*innen interviewt werden, die über eine besondere, möglicher-
weise sogar einzigartige Expertise verfügen, reicht das Löschen oder das Ersetzen
von Personen- und Ortsnamen durch Pseudonyme nicht aus, um Rückschlüsse auf
Orte, Einrichtungen und Personen zu verhindern.
Zudem ist es in Zeiten des Internets mit seinen Suchmaschinen und vielfältigen
Suchfunktionen ein Leichtes, über die Kombination bestimmter Informationen und
Schlagwörter Rückschlüsse auf Personen und Institutionen zu ziehen. Vor diesem
Hintergrund wird von einigen qualitativen Forscher*innen in Frage gestellt, ob der
Grundsatz der Anonymisierung in jedem Fall angebracht und zielführend ist (Til-
ley und Woodthorpe 2011). In der partizipativen Forschung kommt hinzu, dass die
Rollen von Teilnehmenden, Kooperationspartner*innen und Ko-Forscher*innen
überlappen und diese ein nachvollziehbares Interesse an namentlicher Nennung ha-
ben können; das wiederum läuft dem Grundsatz der Anonymisierung zuwider (vgl.
Tilley und Woodthorpe 2011; von Unger und Narimani 2012). Anonymisierung
wirft in der qualitativen Forschung also mehrere Fragen auf, die zum einen prak-
tischer (Wie kann sinnvoll anonymisiert werden?), zum anderen grundsätzlicher
Natur sind (Ist die Vorgabe in jedem Fall sinnvoll?).

2.6 Informiertes Einverständnis

Die freiwillige Teilnahme ist ein forschungsethischer Grundsatz, der aus dem Prin-
zip der Selbstbestimmung (Autonomie) von untersuchten Personen folgt und eng
mit dem Grundsatz des Informierten Einverständnisses (informierte Einwilligung,
26 H. von Unger

informed consent) verbunden ist. Beide Grundsätze – Freiwilligkeit und Infor-


miertes Einverständnis – erscheinen auf den ersten Blick einleuchtend und wenig
kontrovers. Bei näherer Betrachtung bestehen in der qualitativen Forschung aller-
dings mehrere Probleme. Zum einen ist es aufgrund der größeren Flexibilität und
der eingeschränkten Planbarkeit explorativer Prozesse einer qualitativen Studie oft
nicht möglich, zu Beginn genau zu bestimmen, wie der Forschungsprozess verlau-
fen und zu welchen Resultaten er führen wird. Dadurch können die Inhalte, die im
Informierten Einverständnis vermittelt werden sollen, nicht in der gleichen Form
wie bei klinischen oder quantitativen Studien vorab festgelegt und kommuniziert
werden. In der englischsprachigen qualitativen Diskussion wird das Informierte
Einverständnis daher als iterativer, dialogischer (und oft mündlicher) Prozess ver-
standen – in Abgrenzung zum einmaligen Einholen einer Unterschrift vor Beginn
der Datenerhebung, wie es z. B. in der quantitativen und medizinischen Forschung
üblich ist (Warin 2011). Das Informierte Einverständnis kann sich als Prozess nach
und nach entwickeln, es kann in unterschiedliche Richtungen verlaufen und ist ggf.
reversibel. Ein solch dialogisches und prozesshaftes Verständnis des Informier-
ten Einverständnisses erscheint vor allem dann angemessen, wenn die Risiken der
Teilnahme für die untersuchten Personen sehr hoch sind (vgl. Narimani in diesem
Band).
Vor besondere Herausforderungen stellt das Informierte Einverständnis die
Forschenden in der Teilnehmenden Beobachtung. Es ist praktisch unmöglich
und würde der Logik der ethnografischen Feldforschung zuwiderlaufen, wenn
teilnehmende Beobachter*innen soziale Handlungen und Abläufe immer dann
unterbrechen müssten, um von allen anwesenden Personen ein Informiertes Ein-
verständnis einzuholen, wenn sie in das Feld treten oder im Feld neue Personen
in der Situation hinzukommen. Wie lässt sich das Informierte Einverständnis bei-
spielsweise bei einer Teilnehmenden Beobachtung in einer Suppenküche umsetzen?
Sollten alle Personen vor dem Essen informiert und um ihr individuelles Ein-
verständnis gebeten werden? Hier zeigt sich, dass das Konzept des Informierten
Einverständnisses in einem Forschungskontext entwickelt wurde, bei dem Unter-
suchungspersonen nicht kollektiv und in ihren alltäglichen Lebenswelten, sondern
individuell und in einem besonderen Untersuchungsumfeld (z. B. in einem Labor,
in einem ärztlichen Untersuchungszimmer, in einer Forschungseinrichtung etc.) an
Forschung teilnehmen.3 Vor diesem Hintergrund müssen in der ethnografischen
Feldforschung alternative Formen gefunden werden, ein Forschungsanliegen zu

3
Der Grundsatz des Informierten Einverständnisses wurde insbesondere im Kontext der
medizinischen Forschung entwickelt: im Rahmen des Nürnberger Kodex von 1947 und der
darauf aufbauenden Helsinki-Deklaration des Weltärztebundes.
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 27

kommunizieren und den Zugang und die Beziehung zum Feld zu verhandeln. In
der Feldforschung nehmen Schlüsselpersonen aus dem jeweiligen Forschungsfeld
eine besondere Rolle ein. Sie beraten die Forschenden, führen sie ein, gestalten
die Prozesse der Information und Einwilligung der Akteur*innen im Feld mit, öff-
nen Türen oder verschließen sie. Die Prozesse erstrecken sich in der Regel über
längere Zeiträume; die Grenzen zwischen Information und Einwilligung sind flie-
ßend: Nicht alle anwesenden Akteur*innen werden explizit gebeten, an einer Studie
teilzunehmen. Vielmehr werden Entscheidungsträger*innen im Setting um ihr Ein-
verständnis gebeten (z. B. die Leitung der Suppenküche). Weitere Personen werden
(früher oder später) informiert, dass die Forschenden eine Studie durchführen. Sie
können dann durch ihr Verhalten entscheiden, welche Nähe oder Distanz sie zu
den Forschenden halten möchten. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass man-
che Personen in einem Setting (z. B. einem öffentlichen Platz) ohne ihr Wissen
Teil einer ethnografischen Studie werden. Ebenso ist nicht auszuschließen, dass die
Akteur*innen im Feld nach einer gewissen Zeit der Interaktion quasi ,vergessen‘,
dass der primäre Grund für die Teilnahme der Forschenden im Feld der wissen-
schaftliche Erkenntnisgewinn ist. Die wissenschaftlichen Publikationen vermögen
dann durchaus, die Akteur*innen im Feld in Erstaunen zu versetzen – nicht nur in
positiver Hinsicht (Ellis 2007).
Davon zu unterscheiden ist die bewusst verdeckte Beobachtung und die ge-
zielte, temporäre Fehlinformation, die in der Methoden-Literatur kontrovers
diskutiert werden (vgl. Hopf 1991, 2004). Es gibt zahlreiche Beispiele aus der
sozialwissenschaftlichen Forschung, bei denen der Grundsatz des Informierten
Einverständnisses bewusst nicht eingehalten wurde: Christel Hopf (1991) hat
solche Studien besprochen, z. B. über die Polizei, über das Militär, über mann-
männliches Cruising und über die Anonymen Alkoholiker. In diesen Studien
haben die Forschenden einen verdeckten Zugang gewählt, d. h. sie haben sich
nicht als Forschende zu erkennen gegeben oder falsche Angaben zu ihrem For-
schungsanliegen gemacht. Sie befürchteten, eine umfassende Information könne
die Forschung gefährden und/oder die Ergebnisse verfälschen (weil die Personen
freiwillig nicht teilnehmen oder sozial erwünschte Antworten und Verhaltenswei-
sen an den Tag legen würden). Wenn ein Informiertes Einverständnis und eine
offene Zusammenarbeit mit den zu untersuchenden Personen und Einrichtun-
gen nicht möglich ist, sollten die Forschenden, so fordert Hopf (1991), nicht auf
Falschinformation und verdeckte Verfahren zurückgreifen und damit die Rech-
te der Untersuchten übergehen. Sie sollten stattdessen andere Wege der Analyse
beschreiten, wie z. B. Dokumentenanalysen und Expertenbefragungen. Das Aufhe-
ben des Grundsatzes des Informierten Einverständnisses bei bestimmten Personen
oder Bereichen sei eine Ungleichbehandlung, durch die die Welt in „schutzwürdi-
28 H. von Unger

ge“ und „schutzunwürdige“ Bereiche aufgeteilt würde und es den Forschenden „je
nach Einschätzung der Dinge“ überlassen bleibt, sich „bei Gelegenheit offen“ und
bei anderer Gelegenheit „under cover“ zu präsentieren (Hopf 1991, S. 179).
Auch wenn dieses Argument nicht von der Hand zu weisen ist, stellt sich die
Frage, ob eine Ungleichbehandlung von Personen und Situationen nicht doch for-
schungsethisch vertretbar ist. In der forschungsethischen Literatur sind bestimmte
Unterscheidungen durchaus üblich –zur Identifikation besonders schutzwürdiger
Personen. Dabei spielt das Konzept der Vulnerabilität eine zentrale Rolle, das auf
minderjährige Personen und Personen mit Einschränkungen wie z. B. Erkrankun-
gen angewendet wird. Dieser in der medizinethischen Diskussion gängige Begriff
wird im Ethik-Kodex der Soziolog*innen zwar vermieden, aber inhaltlich wird auch
hier eine Gruppe definiert, für die besondere Umstände geltend gemacht werden:

Besondere Anstrengungen zur Gewährleistung einer angemessenen Information sind


erforderlich, wenn die in die Untersuchung einbezogenen Individuen über einen
geringen Bildungsgrad verfügen, einen niedrigen Sozialstatus haben, Minoritäten
oder Randgruppen angehören. (BDS & DGS 1993, I. B.).

In der Literatur ist auffällig, dass Fragen von Macht, Ethik und Positionierung
der Forschenden insbesondere dann thematisiert werden, wenn Forschung mit
Personen und Gruppen durchgeführt wird, die den Forschenden als besonders
schutzbedürftig erscheinen, d. h. „vulnerable Gruppen“ (vgl. Swartz 2011), und mit
solchen, denen gegenüber sie sich selbst als schutzbedürftig begreifen, z. B. Machteli-
ten und anderen Expert*innen (Mikecz 2012; Obelené 2009). Die Frage bleibt offen,
inwiefern die Beziehung zu Personen und Gruppen, die von den Forschenden als
mächtig und einflussreich wahrgenommen werden, anders gestaltet wird und aus
forschungsethischer Sicht andere Maßnahmen erfordert als die Beziehung zu Per-
sonen und Gruppen, die als weniger mächtig bzw. als verletzlicher wahrgenommen
werden. Auch die Beiträge in diesem Sammelband finden darauf unterschiedliche
Antworten (vgl. Baumgartinger, Botzem und Sekuler in diesem Band).

2.7 Integrität und Schadensvermeidung in der Darstellung


von Ergebnissen

Der oben diskutierte Grundsatz des Strebens nach Integrität und Objektivität um-
fasst auch die Vorgabe, Studienresultate in Präsentationen oder Publikationen
„ohne verfälschende Auslassung von wichtigen Ergebnissen“ darzustellen (BDS &
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 29

DGS 1993, I. A.). Diese Vorgabe entspricht dem Selbstverständnis einer kritischen,
unabhängigen Wissenschaft, kann aber forschungsethisch im Widerspruch zum
Grundsatz der Schadensvermeidung stehen. Was, wenn die Veröffentlichung von
Ergebnissen den Untersuchten zum Nachteil gereichen und Schaden verursachen
könnte? Wer definiert, was Schaden bedeutet und welches Ausmaß an Schädigung
den Untersuchten zuzumuten ist?
Bei existenziellen Risiken, wie einer Bedrohung für die Gesundheit, das Leben
oder die Sicherheit der Person, scheinen die Bewertungen auf der Hand zu liegen:
Wissenschaftliche Interessen stehen hinter dem Schutz der Person zurück. Ebenso
klar scheint das andere Extrem: Solange nur kleinere Unannehmlichkeiten verur-
sacht werden, die „im Alltag üblich“ sind, wird die Freiheit der Wissenschaft nicht
eingeschränkt. Wissenschaft muss kritisch sein können – auch wenn das nicht allen
gefällt (vgl. Breuer 2011). Aber wie sind die Graubereiche zwischen diesen Extremen
einzuschätzen? Wie sollen sich Forschende verhalten, wenn ihre Ergebnisse dem
öffentlichen Ansehen der Teilnehmenden, ihrer Institutionen oder Gemeinschaf-
ten erheblichen Schaden zufügen könnten? Dies kann für Wirtschaftsunternehmen
oder andere Einrichtungen reale Wettbewerbsnachteile und finanzielle Einbußen
nach sich ziehen. Ist dies ein Risiko, das „im Alltag üblich“ (BDS & DGS 1993, I. B.)
und daher vertretbar ist?
Das, was zumutbar ist, scheint von Forschenden häufig anders eingeschätzt
zu werden als von den Untersuchten selbst. Ein klassischer Fall, bei dem qua-
litative Forscher von ehemaligen Teilnehmer*innen für die Ergebnisdarstellung
stark kritisiert wurden, ist der so genannte Springdale-Fall, den Christel Hopf
(2004, S. 597 ff.) ausführlich bespricht. Hier wurden kommunale Prozesse in
einer US-amerikanischen Kleinstadt aufgedeckt, die nicht der offiziellen Darstel-
lung politischer Entscheidungsfindung entsprachen. Verstärkt wurde das Problem
aus Sicht der kommunalen Vertreter*innen durch die unzureichende Anonymi-
sierung der Ergebnisse, die Rückschlüsse auf die Stadt und einzelne Personen
zuließ. Ein ähnlich geartetes Beispiel aus der jüngeren Diskussion in Deutsch-
land liefert eine sozialwissenschaftliche Studie über die Stadt Wittenberge, in der
sich Konflikte zwischen Teilnehmenden und Forschenden u. a. an der Veröf-
fentlichung eines Fotos entzündeten. Dieses Foto stellt den Ort (aus Perspektive
der Teilnehmenden) auf klischeehafte Weise dar, wurde aber dennoch von den
Wissenschaftler*innen in ihren Veröffentlichungen genutzt.4 Ein anderes Beispiel

4
Heinz Bude beschrieb diesen Fall in einem Vortrag am Wissenschaftszentrum Berlin für
Sozialforschung am 09.10.2012. Das kontroverse Foto wurde veröffentlicht und darüber
hinaus auf dem Titelbild eines Buches (Willisch 2012) verwendet, in dem die Forschenden
über die Studie berichten.
30 H. von Unger

stammt aus den USA: Dort wurde eine Sozialwissenschaftlerin von Mitgliedern ei-
ner bangladeschisch-amerikanischen Community, die sie erforschte, aufgefordert,
bestimmte Aspekte ihrer Ergebnisse nicht darzustellen, um die Außenwahrneh-
mung der bereits marginalisierten Gemeinschaft nicht weiter zu beschädigen (Islam
2000). Das Forschungsinteresse der Forscherin zielte allerdings auf verschiede-
ne Ausprägungen von Rassismus ab und daher legt sie ausführlich dar, wieso sie
sich für eine Veröffentlichung auch der kontroversen Ergebnisse zu rassistischen
Einstellungen in der Community entschieden hat (ebd.).
In diesen und weiteren Fällen stehen die ethischen Prinzipien von Integrität
und Objektivität einerseits und Schadensvermeidung andererseits im Spannungs-
verhältnis. Leider sind Wissenschaftler*innen nur selten bereit (Islam und Breuer
bilden hier Ausnahmen), die Einwände von Akteur*innen aus dem Forschungs-
feld überhaupt anzuhören und deren Perspektive auf eine mögliche Schädigung bei
der Abwägung und Entscheidung in Betracht zu ziehen (wie auch immer sie sich
anschließend entscheiden). Dieser Eindruck kann jedoch auch dadurch entstehen,
dass andere Verläufe nicht öffentlich gemacht werden.
Grundsätzlich wird deutlich, dass es hilfreich sein kann, Einschätzungen und
Bewertungen möglicher Risiken und Schädigungen, die den Teilnehmenden ent-
stehen könnten, nicht nur aus der Perspektive der Forschenden vorzunehmen,
sondern weitere Perspektiven heranzuziehen. Die Perspektiven und Einschätzun-
gen von Forschenden und Teilnehmenden variieren – und nicht nur in eine
Richtung. Es ist durchaus möglich, dass Forschende die Vulnerabilität mancher
Gruppen höher einschätzen und die Risiken einer Situation für weniger zumutbar
halten als die Beteiligten selbst. Deutlich wird dies zum Beispiel in der partizipa-
tiven Forschung, wo lebensweltliche Akteur*innen als Kooperationspartner*innen
am Forschungsprozess beteiligt sind und ihre Perspektiven auch in die ethischen
Abwägungen aktiv einbringen (Flicker et al. 2007). Ein Modell der Beteiligung
von Akteur*innen aus den untersuchten Lebenswelten an den Prozessen der Ein-
schätzung und Abwägung forschungsethischer Fragen kann über partizipative
Forschung hinaus auch bei traditionellen, klassischen Formen der akademischen
Forschung hilfreich sein.
Als Antwort auf die Frage der Veröffentlichung kontroverser Ergebnisse wird in
der partizipativen Forschung vorgeschlagen, Kompromisse zu finden (Macaulay
et al. 1998) – auch dies ist eine Möglichkeit, die für andere, weniger partizi-
pative Formen der Sozialforschung grundsätzlich gegeben ist. Die Formulierung
im Ethik-Kodex der Soziolog*innen lässt hier einen Interpretationsspielraum zu:
Es gilt, abzuschätzen, inwiefern einzelne Ergebnisse tatsächlich derart „wichtig“
sind, dass ihre Auslassung die Ergebnisse insgesamt „verfälschen“ würde. Im Zwei-
felsfall können auch Verfahren der kommunikativen Validierung dabei behilflich
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 31

sein, Rückmeldungen von untersuchten Personen vor dem Zeitpunkt der Veröf-
fentlichung einzuholen. Dies bietet sich an, wenn Informationen verwertet und
dargestellt werden sollen, die den Forschenden „im Vertrauen“ mitgeteilt wurden
(z. B. nach Ausschalten des Aufnahmegeräts) (vgl. Beloe in diesem Band), oder
wenn Unsicherheiten bestehen, ob die Anonymisierung der Daten angemessen
und ausreichend ist. Rückmeldungen von Teilnehmenden können dazu beitragen,
Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten tragbar sind.

2.8 Institutionalisierte Prüfverfahren

Wer sich angesichts der vielfältigen forschungsethischen Fragen von institutionali-


sierten Prüfverfahren wie Ethik-Kommissionen, die im angloamerikanischen Raum
(z. B. in den USA, Kanada und UK) zur Forschungsinfrastruktur gehören, eine ein-
fache Lösung erhofft, wird möglicherweise enttäuscht. Die angloamerikanische
qualitative Methoden-Diskussion setzt sich sehr kritisch mit institutionalisierten
Ethik-Auflagen und Prüfverfahren – durch Research Ethics Committees (RECs)
oder Institutional Review Boards (IRBs) – auseinander (Christians 2011; Canella
und Lincoln 2011; Iphofen 2011; Perry 2011). Wesentliche Kritikpunkte sind, neben
dem bürokratischen Aufwand und (in den USA) der rechtlichen Formalisierung
(wo die Prüfverfahren hauptsächlich der rechtlichen Absicherung der Institutio-
nen zu dienen scheinen), die Ausrichtung der Verfahren an medizinisch-klinischen
und quantitativen Methodologien. Diese Ausrichtung führt zu einer mangelnden
Passfähigkeit der Auflagen und fehlender Expertise von Komitee-Mitgliedern im
Hinblick auf qualitative Verfahren. Daher wird von qualitativen Forscher*innen
kritisch hinterfragt, wie hilfreich oder hinderlich institutionalisierte Prüfverfahren
für qualitative sozialwissenschaftliche Forschung sind. Auch Forscher*innen, die
solche Prüfverfahren befürworten und mittragen, weisen auf Schwächen im Ver-
fahrensalltag hin, wie z. B. inkompetente, widersprüchliche und wenig abgestimmte
Rückmeldungen und Auflagen (Roth 2005). Kritik äußern auch Vertreter*innen der
partizipativen Forschung; sie lehnen ein institutionalisiertes Verfahren zwar nicht
grundsätzlich ab, fordern aber eine Anpassung der forschungsethischen Prinzipi-
en und eine stärkere Einbindung von Communities in ethische Review-Prozesse
(Flicker et al. 2007; Strauss et al. 1993).
Im deutschen Kontext sind bislang nur an wenigen Forschungseinrichtungen
sozialwissenschaftliche Ethik-Kommissionen etabliert worden – allerdings ändert
sich diese Situation gerade. Bei allen Herausforderungen und Nachteilen, die bü-
rokratische Verfahren und Verwaltungsstrukturen mit sich bringen, scheint das
32 H. von Unger

Fehlen jeglicher forschungsethischer Infrastruktur auch keine zufriedenstellende


Lösung zu sein. Denn aktuell gibt es kaum Ansprechpartner*innen und Mög-
lichkeiten, zu forschungsethischen Fragen ausgewiesenen Rat zu suchen. Dabei
nehmen die Fragen nicht ab, sondern zu – bedingt durch neue Technologien und
digitale Kommunikation. Hinzu kommen Auflagen von Drittmittelgeber*innen
(z. B. der Europäischen Union), die auch für sozialwissenschaftliche Studien eine
Prüfung der Wahrung forschungsethischer Grundsätze von den Zuwendungsemp-
fänger*innen verlangen, sowie Auflagen von internationalen Zeitschriften, die den
Nachweis einer solchen Prüfung zur Grundlage einer Publikation machen. Vor die-
sem Hintergrund haben empirisch forschende Sozialwissenschaftler*innen auch in
Deutschland ein konkretes Interesse an der Möglichkeit, Kommissionen um ei-
ne ethische Prüfung zu bitten – im besten Fall solche Kommissionen, die über
sozialwissenschaftliche Methodenkompetenzen verfügen und dadurch passende
Auflagen machen und Rückmeldungen geben können.

2.9 Handlungsbedarf und Ausblick

Eine Expertise des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) vergleicht die
Situation der institutionellen Regelung forschungsethischer Fragen bei sozialwis-
senschaftlichen Studien in Deutschland mit den USA und Großbritannien und
kommt zu dem Schluss, dass die Situation hierzulande viel zu wünschen übrig lässt
(Oellers und Wegner 2009). Eine Neuregelung forschungsethischer Fragen wird
für die deutschen Sozialwissenschaften dringend angeraten:

Germany would benefit from a new research ethics framework for the social sciences.
This framework should focus on protecting the rights of the research subjects and
encompass data access, data gathering, and data processing, but should make it a
priority to accommodate social science methods. It could be reinforced by being
mandatory for funding – alike the UK approach. The US example shows that legal
requirements may create too many bureaucratic hurdles for research as well as having
an undesired streamlining effect on its content. (Oellers und Wegner 2009, S. 11).

Da Forschungsethik in erster Linie etwas mit sozialer Verantwortung zu tun hat


und über rein rechtliche Regelungen und Absicherungen hinausgehen sollte, wird
empfohlen, sich weniger an den Verfahren in den USA, sondern eher an jenen in
Großbritannien zu orientieren. Eine weitere Empfehlung lautet, forschungsethi-
sche Aspekte stärker in der Methodenausbildung von Sozialwissenschaftler*innen
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 33

• Austausch, Fort- und Weiterbildung zu forschungsethischen Fragen


• Stärkere Betonung von Forschungsethik in der Methodenausbildung
• Lokale sozialwissenschaftliche Ethik-Kommissionen
• Forschungsethische Auflagen in Anträgen auf Forschungsförderung
• Forschung zu Forschungsethik: Grundlagen und Anwendungen
• Systematische Reviews der internationalen Diskussion

Abb. 2.2 Empfehlungen zur Förderung forschungsethischer Reflexivität

zu berücksichtigen. Auch wenn forschungsethische Themen mittlerweile in vie-


len Methoden-Handbüchern einen Platz haben und von einzelnen Autor*innen
mit ausgesprochener Professionalität und Kompetenz behandelt werden, fällt die
Lebendigkeit der Diskussion im deutschsprachigen Raum doch weit hinter der
im angloamerikanischen Raum zurück. Folgende Maßnahmen sind daher ratsam,
um die forschungsethische Reflexivität in den deutschen Sozialwissenschaften zu
befördern (vgl. Abb. 2.2).
Insgesamt gilt es, den Austausch zu forschungsethischen Themen unter Sozial-
wissenschaftler*innen voranzutreiben, unter anderem auf Konferenzen und durch
Publikationen inkl. Schwerpunktausgaben. Auf sozialwissenschaftlichen Konferen-
zen könnten Vorträge, Diskussionsveranstaltungen und andere, stärker interaktive
Formate angeboten werden, um forschungsethische Fragen und Entwicklungen
zu thematisieren. Interaktive Formate werden vor allem von so genannten Nach-
wuchswissenschaftler*innen benötigt, die in ihrer Methodenausbildung häufig zu
wenig mit forschungsethischen Fragen in Berührung gekommen sind und auch von
einem Peer-basierten Austausch profitieren würden.
Um die nächsten Generationen Sozialwissenschaftler*innen angemessen auszu-
bilden, sollten forschungsethische Fragen stärker in die methodische Ausbildung
in den Sozialwissenschaften integriert werden (siehe auch von Unger, Kap. 12,
in diesem Band). So wird ein guter Grundstein für eine verantwortungsvolle
Forschungspraxis gelegt.
Eine weitere Maßnahme, die die Umsetzung forschungsethischer Grundsät-
ze in der empirischen Forschungspraxis unterstützten könnte, ist die Einrichtung
lokaler Ethik-Kommissionen mit sozialwissenschaftlicher Expertise an Universitä-
ten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Bislang haben nur wenige
Universitäten und Hochschulen in Deutschland solche Kommissionen für so-
zialwissenschaftliche Forschung eingerichtet. Dies steht in starkem Kontrast zu
Ethik-Kommissionen für biomedizinische Forschung, die in den 1990er-Jahren
34 H. von Unger

flächendeckend eingerichtet wurden. In vielen Fällen prüfen diese Gremien auf


Anfrage auch externe Forschungsvorhaben, der Nutzen und die Passfähigkeit
dieser Prüfungen ist für sozialwissenschaftliche und insbesondere für qualitati-
ve Studien jedoch nur eingeschränkt gegeben. Vor diesem Hintergrund wären
sozialwissenschaftliche Ethik-Kommissionen ratsam, die über die notwendige Ex-
pertise verfügen, um qualitative und quantitative Sozialforschung angemessen
einschätzen und im Hinblick auf ethische Fragen beraten zu können. In sol-
chen Kommissionen könnten die Datenschutzbeauftragten und Ombudspersonen
der Einrichtungen, Wissenschaftler*innen mit qualitativen und quantitativen For-
schungskompetenzen sowie bei Bedarf zusätzliche Expert*innen vertreten sein.
Allein in der qualitativen Sozialforschung ist die Forschungslandschaft so ausdiffe-
renziert, dass kaum eine Einzelperson mit allen Methodologien und methodischen
Verfahren ausreichend vertraut ist, um eine angemessene Einschätzung abgeben
zu können – treten doch in einer fokussierten Videografie im Kindergarten ganz
andere Fragen auf als in einer Diskursanalyse von Online-Chats oder einer In-
terviewstudie nach der Grounded-Theory-Methodologie mit Gefängnisinsassen.
Diese Beispiele verdeutlichen auch, dass neben der methodischen auch lebensweltli-
che Expertise hinzugezogen werden sollte. Personen mit lebensweltlicher Expertise
können z. B. Regeln und Prozesse in einem sozialen Setting sowie die Perspektiven
und Situation von Untersuchungsteilnehmer*innen besser angemessen einschätzen
(vgl. auch M’Bayo in diesem Band). Des Weiteren kann es sinnvoll sein, Personen
mit philosophischer Ausbildung, Ethiker*innen und Jurist*innen in die Kommissi-
onsarbeit einzubeziehen, denn: „Ethische Reflexion in den Wissenschaften benötigt
kritische Kompetenzen von außen“ (Potthast 2003, S. 68).
Um die Akzeptanz solcher Kommissionen in der Scientific Community zu för-
dern, sollten diese ein freiwilliges Beratungsangebot darstellen. Anfragen sind von
Wissenschaftler*innen zu erwarten, die ein Ethik-Votum für die Akquise von Dritt-
mitteln (wie ERC grants) oder für die Publikation in internationalen Journalen
benötigen. Im Idealfall steht dieses Gremium auch Forscher*innen und insbe-
sondere Nachwuchswissenschaftler*innen der Einrichtungen zur Verfügung, die
kein offizielles Votum benötigen, aber konkrete forschungsethische Fragen, An-
liegen und Beratungswünsche haben. Diese Kommissionen würden idealerweise
auf Bundesebene unterstützt und mit übergeordneten Ethik-Kommissionen und
überregionalen Initiativen (z. B. DGS/BDS, RatSWD) koordiniert werden. Die Ar-
beit der Mitglieder lokaler Kommissionen bedarf außerdem der Unterstützung
durch orientierende Papiere und Anleitungen sowie Fort- und Weiterbildungsver-
anstaltungen durch die Berufsverbände. In vielen Fällen werden Kommissionen
für Anfragen aus unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen zuständig
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 35

sein und benötigen Unterstützung in der interdisziplinären Zusammenarbeit und


der Berücksichtigung unterschiedlicher Fachkulturen.
Durch die Aufnahme forschungsethischer Aspekte in die Verfahren der Antrag-
stellung zur Forschungsförderung (z. B. durch eine Frage, inwiefern forschungs-
ethische Grundsätze in der Studie umgesetzt werden), würde darüber hinaus
die projektbezogene Reflexivität gefördert. Bei der Beurteilung solcher Angaben
und der Vergabe von Fördermitteln sollte allerdings unbedingt die Vielfalt for-
schungsethischer Positionen und Vorgehensweisen berücksichtigt werden. Nicht
jede Maßnahme zum Schutz von untersuchten Personen (z. B. ein individuelles,
schriftliches Einverständnis aller beteiligten Personen) ist in jedem Fall realisierbar
oder angemessen.
Im Idealfall sollten diese Entwicklungen ergänzt und gerahmt werden durch
Forschung zu praktischen forschungsethischen Fragen sowie zu wissenschafts-
theoretischen und philosophischen Grundlagen der Forschungsethik. Studien zur
Arbeit klinischer Ethik-Kommitees in Krankenhäusern sind teilweise sehr kritisch
im Hinblick auf die diskursive Verhandlung ethischer Fragen in Komitees, die aus
unterschiedlichen Berufsgruppen zusammengesetzt sind (Nassehi et al. 2008; Saake
und Kunz 2006). Für die Weiterentwicklung der Debatte wäre es daher förderlich,
wenn empirisch untersucht würde, welche Fragen sich im sozialwissenschaftlichen
Forschungsalltag in den verschiedenen Bereichen stellen und welche Erfahrungen
mit lokalen Ethik-Kommissionen gemacht werden. Auch internationale Erfahrun-
gen sollten in Reviews systematisch aufgearbeitet werden, um aus ihnen zu lernen.
Entscheidende Herausforderungen sind die Entwicklung angemessener und kon-
sensfähiger Standards für die Arbeit der Ethik-Kommissionen und die Realisierung
einer interdisziplinären Zusammenarbeit in forschungsethischen Fragen.
Das Internet wird als Thema und Forschungsfeld in der sozialwissenschaft-
lichen Forschung eine zunehmend große Rolle spielen – die damit verbundenen
forschungsethischen Fragen sind nicht zu unterschätzen (Paechter 2012). Ein weite-
res Thema, das zukünftig verstärkt diskutiert wird, sind forschungsethische Fragen
bei der digitalen Archivierung qualitativer Daten für Sekundäranalysen (Corti et al.
2005; Huschka et al. 2013; Kluge und Opitz 1999). Ebenso steht eine vertiefen-
de Diskussion forschungsethischer Aspekte bei der ethnografischen Forschung an.
Hierzu gehören die teilweise erheblichen forschungsethischen Probleme, die ein
autoethnografischer Zugang mit sich bringen kann (Ellis 2007; Roth 2005), sowie
Fragen im Umgang mit visuellen Daten.
Die Abschätzung von Schaden und Nutzen sozialwissenschaftlicher Forschung
würde stark vom Einbezug lebensweltlicher Expertise profitieren. Ein weiterer
Aspekt, der in der bisherigen Diskussion zu Risiken und Schadensvermeidung nicht
ausreichend behandelt wurde, sind die möglichen Risiken, die die Forschenden
36 H. von Unger

eingehen, insbesondere wenn die praktische Arbeit der Datenerhebung von weni-
ger erfahrenen Personen (wie Studierenden) durchgeführt wird oder aus anderen
Gründen besonders fordernd ist (vgl. Bahn und Weatherill 2012).
Bei all diesen Themen ist nicht zu erwarten, dass pauschale Lösungen gefunden
werden, die unabhängig vom Einzelfall Antworten auf forschungsethische Fra-
gen geben können. Es geht vielmehr darum, einen Diskurs zu befördern, der die
Reflexions-, Abwägungs- und Entscheidungsprozesse in der empirischen Sozialfor-
schung unterstützt und diese auch für Akteur*innen außerhalb der Wissenschaft
nachvollziehbar macht. Eine Auseinandersetzung mit forschungsethischen Fragen
in den Sozialwissenschaften muss der vorhandenen methodologischen Vielfalt ge-
recht werden und dabei den Fokus der forschungsethischen Fragen ändern bzw.
erweitern – denn anders als in der biomedizinischen Forschung führen wir nicht
nur mit Einzelpersonen Untersuchungen durch, sondern häufig auch mit Einrich-
tungen, Organisationen und Gemeinschaften im lebensweltlichen Kontext. Diesem
Umstand müssen die forschungsethischen Grundsätze und Verfahren Rechnung
tragen, indem z. B. der individualisierte Fokus des klassischen Informierten Einver-
ständnisses überwunden wird. Wir benötigen andere, für sozialwissenschaftliche
Untersuchungen passende Verfahren, mit deren Hilfe die Rechte der untersuchten
Personen, Gruppen und Einrichtungen geschützt werden können, ohne die Logik,
die spezifischen Vorgehensweisen und Gegenstände der sozialwissenschaftlichen
Forschung aus dem Blick zu verlieren.

Danksagung
Ich danke meinen Mitherausgeberinnen und den anderen Autor*innen die-
ses Bandes, den strengen aber gütigen Gutachter*innen Ariane Berthoin
Antal und Michael Bochow sowie meinen Münchner Kolleg*innen Georg
Marckmann, Armin Nassehi und Jasmin Siri für anregende Diskussionen
und hilfreiches Feedback zu früheren Versionen dieses Beitrags.

Literatur
ASA. (1999). Code of ethics. Washington, DC: American sociological association (ASA).
(http://www.asanet.org/about/ethics.cfm. Zugegriffen: 4. Aug. 2013).
Bachrach, S. (2004). Introduction. In United States Holocaust Memorial Museum (Hrsg.),
Deadly medicine: Creating the master race (S. 1–13). Washington, DC: US Holocaust
Memorial Museum.
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 37

Bahn, S., & Weatherill, P. (2012). Qualitative social research: A risky business when it comes
to collecting ,sensitive‘ data. Qualitative Research, 13(1), 19–35.
BDS & DGS. (1993). Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und des
Berufsverbands Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS). DGS-Informationen
1/93, 13–19. http://www.soziologie.de/de/die-dgs/ethik-kodex.html. 19. Feb. 2014.
Beauchamp, T., & Childress, J. F. (2001). Principles of biomedical ethics (5. Aufl.). Oxford:
Oxford University Press.
Bereswill, M. (2003). Die Subjektivität von Forscherinnen und Forschern als metho-
dologische Herausforderung. Ein Vergleich zwischen interaktionstheoretischen und
psychoanalytischen Zugängen. Sozialer Sinn, 4(3), 511–532.
Breuer, F. (2009). Reflexive grounded theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis.
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Breuer, F. (2011). The other talks back. Auslösung von Feldreaktanzen durch sozialwissen-
schaftliche Re-/Präsentationen. Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative
Social Research 12(2). http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/
1667/3197. Zugegriffen: 4. Aug. 2013.
Breuer, F., Mruck, K., & Roth, M. (2002). Subjektivität und Reflexivität: Eine Einleitung.
Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research 3(3), Art. 9.
http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/822/1782. Zugegriffen: 4.
Aug. 2013.
BSA. (2002). Statement of ethical practice for the British sociological association (BSA). Dur-
ham, UK. http://www.britsoc.co.uk/about/equality/statement-of-ethical-practice.aspx.
Zugegriffen: 4. Aug. 2013.
Cannella, G. S., & Lincoln, Y. S. (2011). Ethics, research regulations and critical social
science. In N. K. Denzin & Y. S. Lincoln (Hrsg.), The sage handbook of qualitative research
(S. 81–89). Los Angeles: Sage.
Christians, C. G. (2011). Ethics and politics in qualitative research. In N. K. Denzin & Y. S.
Lincoln (Hrsg.), The sage handbook of qualitative research (S. 61–80). Los Angeles: Sage.
Corti, L., Witzel, A., & Bishop, L. (2005). Sekundäranalyse qualitativer Daten. Forum Qua-
litative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research 6(1). http://www.qualitative-
research.net/index.php/fqs/issue/view/13. Zugegriffen: 5. Aug. 2013.
Devereux, G. (1984/1967). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp.
Ellis, C. (2007). Telling secrets, revealing lives. Relational ethics in research with intimate
others. Qualitative Inquiry, 13(1), 3–29.
Flick, U., von Kardorff, E., & Steinke, I. (2004). Was ist qualitative Forschung? Einleitung
und Überblick. In U. Flick, E. von Kardorff, & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung.
Ein Handbuch (S. 13–29). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Flicker, S., Travers, R., Guta, A., McDonald, S., & Meagher, A. (2007). Ethical dilemmas
in community-based participatory research: Recommendations for institutional review
boards. Journal of Urban Health, 86(4), 478–493.
Haraway, D. (1988). Situated knowledges: The science question in feminism and the privilege
of partial perspective. Feminist Studies, 14(3), 575–599.
Heiland, H. G., & Lüdemann, C. (1993). Ein untauglicher Versuch soziologischer
Moralbildung? Kritische Anmerkungen zum Ethik-Kodex. Soziologie, 2, 97–108.
38 H. von Unger

Herbermann, M. (2002). Soziologische Argumentation und Ethik. Sozialwissenschaften und


Berufspraxis, 25(3), 281–290.
Hopf, C. (1991). Zwischen Betrug und Wahrhaftigkeit: Fragen der Forschungsethik in der
Soziologie. Soziologie, 2, 174–191.
Hopf, C. (2004). Forschungsethik und qualitative Forschung. In U. Flick, E. von Kardorff,
& I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S. 589–600). Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt.
Huschka, D., Knoblauch, H., Oellers, C. & Solga, H. (2013) (Hrsg.). Forschungsinfrastruktu-
ren für die qualitative Sozialforschung. Berlin: Scivero.
Iphofen, R. (2011). Ethical decision making in qualitative research. Qualitative Research,
11(4), 443–446.
Islam, N. (2000). Research as an act of betrayal: Researching race in an Asian community
in Los Angeles. In F. W. Twine & J. W. Warren (Hrsg.), Racing research, researching
race. Methodological dilemmas in critical race studies (S. 35–66). New York: New York
University Press.
Jones, J. (1993). Bad blood. The Tuskegee Syphilis experiment. New York: The Free Press.
Kluge, S., & Opitz, D. (1999). Die Archivierung qualitativer Interviewdaten. Forschungsethik
und Datenschutz als Barrieren für Sekundäranalysen? Soziologie, 4, 48–63.
Lamnek, S. (1992). Zur Genesis und Geltung des Deutschen Ethik-Kodex: eine qualitative
Längsschnittuntersuchung. Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 15(3), 249–268.
Lamnek, S. (1994a). Bericht der Ethik-Kommission für das Jahr 1994. Sozialwissenschaften
und Berufspraxis, 17(4), 341–352.
Lamnek, S. (1994b). Konfliktregelung im außerrechtlichen Raum. Ein Jahr Arbeit der Ethik-
Kommission. Soziologie, 2, 22–42.
Lamnek, S. (2002). Sein oder Sollen? Die Soziologie und ihr (problematisches) Verhältnis zur
Moral. Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 25(3), 249–264.
Macaulay, A., Delormier, T., McComber, A. M., Cross, E. J., Potvin, L. P., Paradis, G.,
Kriby, R., Saad-Haddad, C., & Desrosier, S. (1998). Participatory research with native
community of Kahnawake creates innovative code of research ethics. Canadian Journal
of Public Health, 89(2), 105–108.
Marckmann, G. (2000). Was ist eigentlich prinzipienorientierte Medizinethik? Ärzteblatt
Baden-Württemberg (ÄBW), 74, 12.
Mikecz, R. (2012). Interviewing elites. Addressing methodological issues. Qualitative Inquiry,
18(6), 482–493.
Mruck, K., & Breuer, F. (2003). Subjektivität und Selbstreflexivität im qualita-
tiven Forschungsprozess – Die FQS-Schwerpunktausgaben [17 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research 4(2), Art. 23.
http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/696/1503. Zugegriffen: 4.
Aug. 2013.
Nassehi, A., Saake, I., & Mayr, K. (2008). Healthcare ethics committees without function?
Locations and forms of ethical speech in a ,society of presents‘. Advances in Medical
Sociology, 9, 129–156.
Obelené, V. (2009). Expert versus researcher: Ethical considerations in the process of bargai-
ning a study. In A. Bogner, B. Littig, & W. Menz (Hrsg.), Interviewing experts (S. 184–200).
New York: Palgrave Macmillan.
2 Forschungsethik in der qualitativen Forschung 39

Oellers, C., & Wegner, E. (2009). Does Germany need a (new) research ethics for the so-
cial sciences?. RatSWD Working Paper 86. Berlin: Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten
(RatSWD). http://www.ratswd.de/download/RatSWD_WP_2009/RatSWD_WP_86.pdf.
Zugegriffen: 25. Feb. 2014.
Paechter, C. (2012). Researching sensitive issues online: Implications of a hybrid insi-
der/outsider position in a retrospective ethnographic study. Qualitative Research, 13(1),
71–86.
Perry, K. H. (2011). Ethics, vulnerability and speakers of other languages: How university IRBs
(Do not) speak to research involving refugee participants. Qualitative Inquiry, 17(10),
899–912.
Potthast, T. (2003). Moral der Experten und Experten der Moral. Zum Ethikdiskurs in der
„grünen Gentechnik“. In K. Becker, E. M. Engelen, & M. Vec (Hrsg.), Ethisierung –
Ethikferne. Wie viel Ethik braucht die Wissenschaft? (S. 52–70). Berlin: Akademie.
Roth, W. M. (2005). Ethik als soziale Praxis: Einführung zur Debatte über qualitative For-
schung und Ethik. Forum Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research
6(1), Art. 9. http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/526/1138.
Zugegriffen: 5. Aug. 2013.
Saake, I., & Kunz, D. (2006). Von Kommunikation über Ethik zu „ethischer Sensibilisierung“:
Symmetrisierungsprozesse in diskursiven Verfahren. Zeitschrift für Soziologie, 35(1),
41–56.
Simon, D., & Sparschuh, V. (1992). Soziologie und Ethik: oder was ist die ,Moral‘ von der
(DDR-Soziologie)-Geschichte? Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 15(3), 269–282.
Singh, J. A., & Mills, E. J. (2005). The abandoned trials of pre-exposure prophylaxis for HIV:
What went wrong? PLoS Medicine, 2(9), e234, 824–827.
Siri, J., Melchner, M., & Wolff, A. (2012). The political network: Parteien und politi-
sche Kommunikation auf Facebook. Kommunikation @ Gesellschaft 13, Sonderausgabe.
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0228-201213068. Zugegriffen: 5. Aug. 2013.
Steinke, I. (2004). Gütekriterien qualitativer Forschung. In U. Flick, E. von Kardorff, &
I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S. 319–331). Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt.
Strauss, R. P., Sengupta, S., Quinn, S. C., Goeppinger, J., Spaulding, C., Kegeles, S., &
Millet, G. (1993). The role of community advisory boards: Involving communities in the
informed consent process. American Journal of Public Health, 91(12), 1938–1943.
Swartz, S. (2011). ,Going deep‘ and ,giving back‘: Strategies for exceeding ethical expectations
when researching amongst vulnerable youth. Qualitative Research, 11(1), 47–68.
Tilley, L., & Woodthorpe, K. (2011). Is it the end for anonymity as we know it? A critical
examination of the ethical principle of anonymity in the context of 21st century demands
on the qualitative researcher. Qualitative Research, 11(2), 197–212.
von Unger, H., & Narimani, P. (2012). Ethische Reflexivität im Forschungsprozess:
Herausforderungen in der Partizipativen Forschung. Discussion Paper SPI 2012-304.
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin. http://bibliothek.
wzb.eu/pdf/2012/i12-304.pdf. Zugegriffen: 5. Aug. 2013.
Warin, J. (2011). Ethical mindfulness and reflexivity: Managing a research relationship with
children and young people in a 14-year qualitative longitudinal research (QLR) study.
Qualitative Inquiry, 17(9), 805–814.
Willisch, A. (Hrsg.). (2012). Wittenberge ist überall. Überleben in schrumpfenden Regionen.
Berlin: Christoph Links.