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H. Lie tz man n, H. v. Sodens Ausgabe des Neuen Testamentes.

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H. von Sodens Ausgabe des Neuen Testamentes.


Die drei Rezensionen.
Von Hans Lietzmann in Jena.
Das Riesenwerk, dessen erste Abschnitte 1907 in Bd. VIII dieser
Zeitschrift kritisiert worden sind, liegt nun vollständig vor und erweckt
mit seinem 2203 Seiten umfassenden Untersuchungsbande und den
893 Seiten Text mit kompliziertem Apparat in noch verstärktem Maße
wie bisher den Eindruck einer ganz ungewöhnlichen Arbeitsleistung,
der auch derjenige seine Bewunderung nicht versagen wird, der die
Methode und die Resultate des Verfassers ablehnt.
Auf Grund des von ihm zum erstenmal in solchem Umfang ge-
sammelten handschriftlichen Materials ist von Soden zu der Über-
zeugung gelangt, daß alle uns erhaltenen Handschriften Abkömmlinge
einer der drei Rezensionen sind, die um 300 von Lucian, Hesychius
und Eusebius-Pamphilus veranstaltet wurden: die Hauptmasse des
ersten Bandes ist diesem Nachweis gewidmet.
Es hätte sich schon gelohnt, S. 1471 die Stelle aus des Hierony-
mus Brief an Damasus genau zu zitieren, die allein uns von neutesta-
mentlichen Rezensionen des Lucian und Hesych berichtet, welche pan-
corum hominum adserit perversa contentio: nicht jeder Leser weiß aus-
wendig, daß dieses für die ganze Frage entscheidende Zeugnis in der
Dedikationsepistel steht, welche der Vulgata der Evangelien vorange-
stellt ist. Auch ist es nicht überflüssig, sich zu erinnern, daß die
Angaben über die Verbreitungsgebiete der Ausgaben des Lucian; Hesych
und des Eusebius-Pamphilus in der Vorrede zur Vulgata der Chronica
sowie adv. Ruf. II 27 stehn und sich zunächst nur auf die Septuaginta
beziehen: dadurch wird nämlich klargestellt, daß dieses Rezensions-
problem in Verbindung mit der Septuagintakritik gehalten werden muß,
wovon später noch die Rede sein soll. Die Notiz des Decr. Gelasii
ist inzwischen durch v. Dobschütz, Das Decr. Gel. S. 292 endgültig
erledigt worden.
von Soden geht von der bekannten Tatsache aus, daß sich aus der
Menge des Materials sofort zwei Texttypen aussondern: die der Haupt-

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massc der byzantinischen Handschriften, welche auch den Textus re-


ceptus in sich begreift, und die von K B geführte Gruppe der alten
Unziaten. Diese beiden Typen werden nach langer und in alle Einzel-
heiten der Handschriftenverwandtschaft eindringenden Untersuchungen
auf ihre Urformen K und // gebracht und diese als die Rezensionen
Lucians und Hesychs bezeichnet.
A. Rahlfs hat 1907 in seinen Septuagintastudien eine analoge
Untersuchung über den griechischen Psalter veröffentlicht, die allerdings
nur vorläufig Klarheit schaffen will, aber ebendadurch hier außerordent-
lich lehrreich ist. Er legt zunächst eine Auswahl von 129 Stellen vor,
an denen der Septuagintatext bedeutsame Varianten aufvveist, und stellt
hier summarisch die Lesarten der Codices, die der lateinischen, syri-
schen, ägyptischen (äthiopischen, arabischen) Übersetzungen gegenüber.
Dadurch wird das Auseinanderfallen der Hauptzeugen in zwei große
Gruppen klar vor Augen geführt: ein folgendes Kapitel behandelt
die einzelnen Zeugen näher und zeigt ihr Verhältnis zu den beiden
Typen, die auftretenden Mischformen usw. Als Resultat ergibt sich
eine Vierzahl von Texttypen. Danach wird an der Hand der auch
äußerlich sicher bezeugten Quellen der hexaplarische Psaltertext des
Origenes ermittelt. Nun kommen die griechischen Kirchenväter zu
Wort: ihre Zitate werden mit den Stichstellen verglichen und ver-
weisen die eine Gruppe zur Rezension Lucians, die andere zu der des
Hesych, welch letztere auf einem der Origenesrezension verwandten
Text ruht. So geht es Schritt für Schritt vorwärts, und der Leser
erhält ein vollkommen klares Bild des zurückgelegten Weges wie des
. erreichten Resultates.
Ganz anders von Soden. Er teilt ohne irgendeinen Beweis seinem
Leser einfach mit, daß es zwei Typen K und H gebe und beginnt
dann, das Alter des Typs K dadurch zu erweisen, daß er S. 714 ff.
die Stellen aufzählt, an denen K den Text des sonst zu H gehörigen
Kodex B beeinflußt hat. Danach wird gezeigt, wie die Gruppen K1, K{,
K* usw. von K abweichen, und wie diese Abweichungen sich durch
Einflüsse der dem Leser auch noch unbekannten Typen HI erklären
— und so wird denn Gruppe auf Gruppe von K vorgeführt: alles das
geschieht, ohne daß der Leser weiß, wie denn nun der Text von K
und von H überhaupt eigentlich lautet und auf welche Weise er metho-
disch gewonnen ist. Das geht so weiter bis S. 893, dann beginnt die
ganz analog verlaufende Untersuchung der verschiedenen /^-Formen,
und S. 1041 bis 1358 werden die zahlreichen Gruppen des Typs /
ebenso behandelt, von Soden betont mehrfach seinen methodischen

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Grundsatz, daß Jeder dem Text selbst gewidmeten Untersuchung die


Registrierung der für den betreffenden Texttyp in Betracht kommenden
Zeugen und bei den wichtigsten deren individuelle Charakterisierung
voranzustellen" sei (S. 711 vgl 1042). Tatsächlich erhalten wir aber
eben nur diese von vornherein unverständlichen „Vorarbeiten": eine
Darstellung der Typen K HI durch Hervorhebung ihrer entscheidenden
Merkmale, welche doch die Voraussetzung eines Verständnisses der
ganzen Arbeit ist, erhält der Leser überhaupt nicht; er mag sie sich
selbst aus dem Apparat der Ausgabe zusammensuchen: wer die paar
Notizen S. 1457 bis 1459 wegen der Überschrift des § 330 „Sonder-
lesarten und Gesamtcharakter von K" als Ersatz für das Fehlende
nehmen wollte, würde ein sehr schiefes Bild bekommen.
Aber auch bei der Feststellung der Gruppen innerhalb der Rezen-
sionen wiederholt sich diese subtrahierende Methode: nirgends werden
zu Beginn die entscheidenden Textmerkmale einer Gruppe mitgeteilt,
sondern es folgt Liste auf Liste der ^Sonderlesarten, die für den
Archetyp nicht in Betracht kommen können", in ermüdender Voll-
ständigkeit, unter reichlichster Mitteilung auch orthographischer Fehler.
S.719 heißt es z.B. § 123 von der ältesten Form K1, daß sie „sich
durch nicht ganz wenige Lesarten von der stärkst vertretenen JC-Form
unterscheidet", aber diese Lesarten selbst werden uns nirgendwo vor-
gelegt, selbst der § 146 „Methode der Feststellung des Textes bei
Klu vermeidet das sorgfältig und bringt dafür wieder lauter negative
Listen oder die Behandlung zweifelhafter Fälle. Für K'1 erhalten wir
wenigstens § 170 (S. 846 ff.) eine recht lehrreiche und brauchbare
Übersicht über die Stellen, an denen K> von K1 abweicht; aber S. 846
heißt es auch, daß K1 „wie sich zeigen wird, K1 nahe verwandt ist":
diesen Nachweis habe ich nirgendwo'gefunden, und er ist doch eigent-
lich die Hauptsache.
Bei alledem muß es wundernehmen, daß die Übersetzungen für
die Herstellung der Typen ausgeschaltet bleiben, obwohl doch auch
sie Repräsentanten von zeitlich und örtlich bestimmten Textformen
sind: da von Soden in K die Rezension des Lucian erblickt, sollte man
eine genauere Untersuchung des Peschittatextes erwarten: er wird
S. 1460 mit ein paar Zeilen abgetan, obgleich seine Handschriften be-
kanntlich bis ins V. Jahrhundert hinaufreichen. Beim Paulustext
S. 1956 kommt die Peschitta gleichfalls recht dürftig weg, etwas besser
bei Acta S. 1780ff., 1810f., 1814f. und Kath. S. 1877ff. Die gotische
Übersetzung, die für die Frage nach dem Luciantext ebenfalls große
Bedeutung haben sollte, wird gleichfalls auf zwei Seiten erledigt

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320 H. L i c t z m a n n , H. v. Sodeng Ausgabe des Neuen Testamentes.

(S. 1469 f.)· dabei ist von Soden hier noch der richtigen Ansicht, da
sie den Text des UJfilas biete, Sp ter hat er sich durch die recht
anfechtbare Hypothese von einer sp teren berarbeitung durch Sunnia
und Fretela sogar dazu bewegen lassen, den Goten aus dem kri-
tischen Apparat seiner Ausgabe g nzlich auszuschlie en!
In der Behandlung der Kirchenv terzitate befolgt v. Soden wieder
die beklagte negative Methode. Von entscheidender Bedeutung f r
die Frage nach der Rezension Lucians sind die antiochenischen Kirchen-
v ter; in erster Linie Johannes Chrysostoraus mit seinem reichen
Material. S. 1461 hei t es ber ihn: „1. Der Text des Chrysostomus
ist in der Hauptsache K, genauer ^-Text. 2. K* kennt er noch nicht.
3. Von H finden sich keine Spuren. 4. Dagegen ber cksichtigt er /.
5. Die /-Lesarten, die er aufnahm, lassen sich gr tenteils in Origenes
nachweisen, aus dem sie darum in der Regel stammen d rften.
6. Dies ist um so wahrscheinlicher, als er auch mit Origenes Lesarten
teilt, die f r /· nicht irgend sicher sind." Gleich darauf erfahren wir
aber: »die Belege f r Punkt 1—5 zusammenzustellen, er brigt sich in
diesem Werk, als in erster Linie nur f r die Chrysostomus-Forschung
bedeutsam". Also die grundlegende Tatsache, da der ËÃ-Text um
390 in Antiochia, um 400 in Konstantinopel von Johannes benutzt
wurde, bedarf keines Nachweises! Wer eine Vorstellung von der
berlieferung der in Betracht kommenden Homilien aus den Hand-
schriften oder etwa aus Fields Ausgaben gewonnen hat und wei ,
da jede Lesart auch am Zusammenhang des Textes nachgepr ft
werden mu , kann hier nur staunen ber die Leichtigkeit, mit welcher
der entscheidende Zeuge erledigt wird, w hrend wir vorher auf vielen
Hunderten von Seiten mit den Schreibfehlern und sonstigen Varianten
sp tbyzantinischer Kodizes gespeist worden sind — und das wiederholt
sich bei jedem Kirchenvater des IV. Jahrhunderts aufs neue. Nicht
einmal die Zeugnisse der alten Schriftsteller ber die ihnen vorliegen-
den Kodizes, die Tischendorf bringt, und Nestle, Einf hrung in das
griechische N.T.3 S. 165 f. bequem registriert hat, sind bei von Soden
irgendwie ber cksichtigt: und doch m ten sie f r ihn von gro er
Bedeutung sein. Origenes z. B. erkl rt zu Joh l, 28 (S. 149 Preuschen),
obwohl fast in allen Handschriften und auch bei Herakleon Âçèáíßá
stehe, so sei doch Âçèáâáñá zu lesen, wie er sich an Ort und Stelle
berzeugt habe. Johannes Chrysostomus sagt nun in seinen Homi-
lien zu derselben Stelle (hom. in Joh 17,1 t. 8 p.96d) ôáàôá ÝãÝíåôï ev
Âçèáíßá· oca bk ôùí áíôéãñÜöùí ÜêñéâÝïô€ñïí «-÷åé, åí Âçèáâáñá öçáí,
weil dies der Geographie entspreche. Also der kirchliche Text, den

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Johannes seiner Predigt zugrunde legt, liest : aber er kennt


auch den Text des Origenes, den er als den genaueren bezeichnet.
Das ist doch für von Sodens Erörterungen über Origeneslesarten bei
Chrysostomus S. 1461 ff. nicht unwichtig. Der Evangelientext der
drei Kappadozier ist „nur an der Hand der Zitatlisten bei Migne bis
zu Mt 12 geprüft worden", obwohl von Soden ihn interessant findet
(S. 1466): für weitere Teile des NT werden die Kappadozier über-
haupt nicht mehr berücksichtigt! Chrysostomus und Theodoret kommen
wenigstens für den Paulustext noch einmal (S. 1954 f.) wenn auch
sehr kümmerlich zu Wort: Chrysostomus wird in sechs Zeilen abgetan,
obwohl wir von ihm Predigten über sämtliche paulinischen Briefe
haben. Für die Apostelgeschichte, die gleichfalls von Chrysostomus
vollständig behandelt ist, und die katholischen Briefe werden die antio-
chenischen und kappadozischen Väter gar nicht benutzt.
Das rächt sich, denn es wäre dadurch das entscheidende kanon-
geschichtliche Problem zur Sprache gekommen, das von Soden jetzt
übergeht. Die syrische Kirche hat ursprünglich gar keine katholischen
Briefe gehabt und diesen Zustand vielfach noch bis ins V.Jahrhundert
bewahrt, wie das Beispiel des (von von Soden völlig ignorierten)
Theodor von Mopsuestia zeigt; daneben ist der Kanon der drei großen
Briefe aufgekommen, den außer der Peschitta Johannes Chrysostomus,
Theodoret und die Kappadozier bezeugen. Die von diesen Männern
benutzten Bibelhandschriften enthielten also sicher nur drei katholische
Briefe. Da nun aber von Sodens Typ K sieben katholische Briefe umfaßt
und S. 1874 ausdrücklich betont wird, daß „ein ins Auge fallender
Unterschied zwischen den in der Peschitta aufgenommenen und nicht
aufgenommenen Briefen nicht vorhanden ist", so ergibt sich klar, daß
die Bibelkodizes der antiochenischen und kappadozischen Väter keine
.ÄT-Handschriften waren, sondern höchstens eine Vorstufe von K reprä-
sentierten. Dann ist aber erwiesen, daß wir in Ky so wie von Soden
den Text "herstellt, keinesfalls die Rezension besitzen, welche um 300
Lucian von Antiochia schuf, denn alle Tatsachen der Kanonge-
schichte sprechen dagegen, daß dieser sieben katholische Briefe aner-
kannte: vermutlich hatte er gar keine! Aber von Soden nimmt S. 1897
zur Erklärung des eigenartigen Textbefundes des Syrus Harclensis und
seiner Typen I1 Ie sowie der altlateinischen Zeugen sogar „eine alte,
weit ins zweite Jahrhundert zurückreichende Ausgabe der katholischen
Briefe" an, in der „schon alle sieben Briefe Aufnahme fanden".
Diese kanongeschichtliche Ungeheuerlichkeit wird dann als etwas ganz
Harmloses hingestellt durch die Bemerkung: „Der Frage der kanoni-

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sehen Geltung war durch diese Ausgabe nicht präjudiziert: sie forderte,
als sie gestellt wurde, für jeden einzelnen Brief eine gesonderte Ent-
scheidung". Wenn von Sodens Methode solche Hypothesen nötig macht,
darf er sich nicht wundern, wenn man ihr mit grundsätzlichem Miß-
trauen begegnet. Die Apokalypse hat K auch, woraus also folgen
müßte, daß Lucian um 300 sie anerkannte — gleichfalls eine Annahme,
die allen Tatsachen der Kanongeschichte widerspricht: von Soden be-
rührt die Frage gar nicht, sondern setzt das Unglaubliche als selbstver-
ständlich voraus (S. 2097). Wenn er S. 2042 mit der Möglichkeit
rechnet, „daß der uns überlieferte -Text (der Apokalypse) erst im
späteren Verlauf des ersten Jahrtausends seine Gestalt erhielt", so ist
es nur die Tatsache, daß die älteste erhaltene K-Handschrift aus dem
VIII. Jahrhundert stammt, nicht kanongeschichtliche Bedenklichkeit,
welche ihn zu dieser Vermutung bringt.
Die Rezension / setzt von Soden mit der von Eusebius und
Pamphilus besorgten gleich: wiederum erfährt der Leser nicht, woher
wir über die Existenz einer solchen Arbeit der beiden Gelehrten etwas
wissen, obwohl die kärglichen, z. B. bei Nestle, Einführung3 S. 207 ff.
zusammengestellten Nachrichten einer sorgfältigen Untersuchung dringend
bedürfen. Aber in einem Punkte sind wir hier glücklicher daran als
bei Lucian: eine Reihe von Zeugen, nämlich H = 1022, 200, 161
und ein Kodex des harklensischen Syrers für Paulus, 65, 70, 101, 173
für Acta und Cath., behaupten, ihren Text aus einem von Pamphilus
eigenhändig geschriebenen Exemplar übernommen zu haben.
Diese Tatsache wird nun zwar bei von Soden im Zusammenhang
mit der Frage nach Vorgängern des Euthalius S. 681 kurz erwähnt,
obwohl auch da von 161 und dem Harclensis, die ich durch Nestle
S. 209 f. kenne, nicht die Rede ist, aber an den entscheidenden Stellen
sucht man vergebens nach der diesen Zeugen gebührenden Behandlung.
Nicht einmal die gewichtigen Bedenken, die von sachverständigen
Kritikern gegen seine Rekonstruktion, ja sogar gegen die Existenz der
„Rezension 7" in den Evangelien erhoben worden sind, haben von
Soden vermocht, in eine Darlegung des Verhältnisses seiner Hypothese
zu den urkundlichen Zeugen für den Pamphilustext einzutreten.
Hieronymus nennt uns auch Lesarten von exemplaria Adamantii et
Pierii im Kommentar zu Mt 24,36 (VII199 Vall.) und Gal 3,2 (VII 418
ValL), der Kodex 78 hat für die paulinischen Briefe auf weite Strecken
den Text bewahrt, den Origenes in seinen Kommentaren erläuterte:
die erste Tatsache wird bei von Soden gar nicht, die zweite S. 1933
nicht ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt.

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Mit anderen Worten: die drei Rezensionen von Sodens sind aus-
schließlich durch Filtration der Handschriften gewonnen und stehen
ihm fest, unabhängig von allen Zeugnissen und Tatsachen der Kirchen-
geschichte: diese werden vielmehr lediglich am Ende der Untersuchung
herangezogen und zur oberflächlichen Bestätigung des Resultates be-
nutzt, soweit sie dazu brauchbar erscheinen. Die ganze Fülle von
Problemen, die sie der Forschung an den entscheidenden Punkten
stellen, wird vollkommen ignoriert.
Aber sind denn diese drei Texte HI K wirklich so gesicherte,
nach einwandfreier Methode festgestellte Größen, wie sie bei von Soden
erscheinen? Dann würde man immerhin sagen dürfen, daß eine Seite
des Problems mit großzügiger Einseitigkeit gelöst sei, und daß die
künftige Forschung, an dies Resultat anknüpfend, die noch ausstehenden
Fragen werde zu beantworten haben.
Schon im Jahrgang VIII S. 45 ff. habe ich an einem kleinen Bei-
spiel meine Bedenken gegen die Methode der Typenrekonstruktion
gezeigt und sie gegenüber von Sodens Einwänden S. 234 ff. aufrecht
erhalten müssen. Es geht mir jetzt nicht anders wie damals. Ich
bezweifle nicht, daß von Soden in zahlreichen Fällen, namentlich inner-
halb K die Gruppen richtig zusammengestellt und bleibende Ergebnisse
zutage gefördert hat; auch seinen Darlegungen über H vermag ich
vielfach zu folgen, weil hier eine führende Handschriftengruppe vor-
handen ist, bei der nur Sonderfehler auszuscheiden sind. Aber das
eigentlich Bedeutsame an von Sodens Arbeit ist die Entdeckung des
/-Textes, und hier muß ich bekennen, daß ich nicht mitkomme —
aus dem einfachen Grunde, weil ich von Sodens Beweisgang infolge
seiner eigentümlichen Art nicht verstehe. Da von Soden S. 1931 selbst
sagt, bei Paulus sei die /-Rezension „vielleicht noch deutlicher zu sehen
als bei den ändern Schriftgruppen" und weil mir auch aus ändern
Gründen die Briefe als der beste Ausgangspunkt der Textkritik erscheinen,
habe ich hier versucht, mir ein klares Bild von / und der Methode seiner
Gewinnung zu machen: es ist mir trotz vielen Mühens nicht gelungen.
Meine früher gehegte Hoffnung, der Apparat der Textausgabe werde
das Verständnis des untersuchenden Bandes in diesem Punkte ermög:
liehen — was ja auch von Soden S. 2099 in Aussicht stellt — hat sich
mir nicht erfüllt: ich weiß nicht, ob andere glücklicher gewesen sind.
Für den Römerbrief z. B. ergibt sich, daß der Text / teils mit H
teils mit K geht, wenn ich den Apparat richtig verstehe. Das Charak-
teristische für / ist also hier — abgesehen von den gleich zu be-
sprechenden Sonderlesarten — offenbar die Auswahl der Varianten.

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Aber diese ist keineswegs so einhellig, da uns dadurch eine ge-


schlossene Klasse gew hrleistet w rde: vielmehr steht / meist auf
Seite von H\ auch da, wo von Soden die /-Lesart der Ë'-Lesart
gleichsetzt (also wenr^ich recht verstehe, so oft das fette / nicht neben
H erscheint) tritt eine betr chtliche Zahl von gewichtigen Zeugen meist
f r H ein, an ndern Stellen bleiben nur wenige bei ff, zweimal
stimmt / geschlossen f r K\ 105 auroic 1. áõôÞ, 1122 áôôïôïìéáí und
÷ñç<ôïôçôá, hat aber dabei 10s die .//-Kodizes 2C 3 06 74 103 f. und
1122 6 fff 74 zu Genossen. Sonderlesarten von /, die aber keines-
wegs von allen 7-Kodizes geboten werden, begegnen uns an folgenden
Stellen: 127 e 1. re (ebensoviele H- und /tf-Kodizes), 32s om ôçò
(mit 7 .//-Kodizes), 62 2n^€v(mit//- '-Kodizes), 131 ~ eic ïñãçí CK IKOC
(mit H- und . T-Kodizes), 13g K\evpeic -|- ou ø€õäïìáñôõñô^€Àï (mit //-
und Ë"-Kodizes), 13g åáõôüí (mit //-/if-Kodizes), 14â áôôïèíçááõìåí L
áôôïèáíùìåí (mit /ËËÃ-Kodizes), 14J3 €ic 1. ç (mit 7/114), 14H "÷ù
lies êù (mit 7/-ËÃ-Kodizes), 157 çìáï (mit H- und #-Kodizes), 15 u
áãáèïòõíçï (mit H- und ËÃ-Kodizes).
Das beweist nichts f r die Existenz eines gesonderten Typs /,
sondern zeigt lediglich an zahlreichen weiteren Handschriften den uns
bekannten Proze des Ersatzes von ^/-Lesarten durch K-Lesarten.
Und wie flie end trotz von Sodens energischem Protest S. 2108 die
Grenzen der Typen sind, zeigt ein drastisches Beispiel. Ich wollte an
der Hand des Kodex á 78, der als Quelle f r den Origenestext von
h chstem Wert ist (s. o. S. 328), mich in die Typengruppierung ein-
arbeiten. S. 1933 handelt von Soden ber ihn und sagt „der durch
die folgenden [Paulustext-JListen als solcher sichergestellte /ä-Zeuge 78
beanspruche ein besonderes Interesse" und auf derselben Seite hei t
es: „Der Text dieses Kodizes I* 78 . . . ist nun aber der Hauptsache
nach genau unser /J-Text", und in den folgenden Listen der Sonder-
lesarten im Paulustext dieser Gruppe tritt der Kodex dementsprechend
auf. Als ich nun seine Lesarten aus dem kritischen Apparat heraus-
arbeiten wollte, fand ich ihn nicht unter / und bemerkte endlich, da
er jetzt unter H figuriert. Hier z hlt ihn auch das Lesezeichen auf
und die Liste S. XV des Textbandes notiert ihn als H-Zeugen „f r
Paulus (in Acta cath. /ä)" ohne weitere Bemerkung! Und das kann
bei einem der bedeutsamsten — freilich auch sonst nicht gen gend
gew rdigten — Zeugen f r die Textgeschichte passieren: und es ist
nicht der einzige!
In §496 S. 1964 if. z hlt von Soden „Sichere Sonderlesarten der
Rezension /" auf: f r den R merbrief sind es 13 an der Zahl. Im

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Textband werden von diesen durch Fettdruck des / nur 929 157. u
bezeichnet: die ändern sind in der Zwischenzeit also wieder unsicher
geworden, die Variante Xoticeiai 48 wird überhaupt nicht mehr ge-
bucht. So ist es mit den Belegen für die so oft betonte „Sicherheit"
des Typs / bestellt. Ich will noch hinzufügen, daß die Mehrzahl
dieser Lesarten, orthographische Quisquilien und Kleinigkeiten sind, die
von Soden zwar grundsätzlich (S. 2099) für „das Verläßlichere" und
somit als festen Punkt bei der Herausarbeitung der Gruppen wertet,
durch die aber schwerlich ein anderer zum Glauben an den vorge-
tragenen Beweisgang gebracht wird.
Aus den angeführten Gründen erscheint es mir weder bewiesen
noch wahrscheinlich, daß die rekonstruierten Texte HI K den drei um
300 entstandenen Rezensionen gleichzusetzen sind. Daß K im letzten
Grunde mit Lucian zusammenhängt, bestreite ich nicht, aber was von
Soden aus den Handschriften rekonstruiert hat, ist ein frühestens dem
V.Jahrhundert angehöriger Text. Wer aus ihm die Lucianische Re-
zension gewinnen will, hat die Väterzeugnisse des IV. Jahrhunderts
und die Übersetzungen in ganz anderm Umfang und nach ganz anderer
Methode heranzuziehen, als es bei von Soden geschehen ist. Sodann
aber ist unbedingtes Erfordernis die Fühlungnahme mit der Septua-
gintaforschung: im AT scheiden sich die Typen viel schärfer, und die
Entstehungsbedingungen ihrer Lesarten sind meist durchsichtiger; von
Soden aber wirft die entscheidende Frage, ob sein neutestamentlicher
Luciantext die Eigenheiten des alttestamentlichen teile, überhaupt nicht
auf, obwohl in Göttingen schon seit 1907 reichliche Vorarbeit dazu
geliefert ist. Und gerade die Art, wie das Septuagintaunternehmen
sich durch sorgfältigste Prüfung der indirekten Überlieferung den Weg
bahnt, hätte der Arbeit von Sodens als Vorbild dienen können —
und müssen.
[Anm. des Herausg. Der vorstehende Aufsatz war gesetzt und korrigiert, um
im 1. Heft dieses Jahrgangs Platz zu finden, als die Nachricht von dem jähen Tode
v. Sodens eintraf. Unter dem erschütternden Eindruck des Ereignisses stellte ihn der
Herausgeber im Einverständnis mit dem Herrn Verfasser für später zurück. Nun mag
er erscheinen, wie er geschrieben war. Sein Zweck ist klar erkennbar: zu zeigen, an
welchem Punkt die wissenschaftliche Weiterarbeit einzusetzen hat. In dieser Weiter-
arbeit wird die beste Würdigung des bei allen Mängeln bewunderungswerten Lebens-
werkes des Verstorbenen liegen.]

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