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Allgemeine Psychologie I

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit I


Wahrnehmung I

INPUT

Folie 2 22. September 2020


Allgemeine Psychologie I
Wahrnehmung & Aufmerksamkeit – Teil 1

- Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung

- Aufmerksamkeit

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Allgemeine Psychologie I
Wahrnehmung & Aufmerksamkeit – Teil 1: Grundprinzipien
sensorischer Wahrnehmung

- Lernziele: Nach dieser Einheit sollten Sie…

- …verstanden haben, was unter Sinnesempfindungen und was unter


Wahrnehmung verstanden wird.
- …verstanden haben, was «Top-down-» und «Bottom-up-Verarbeitung» meinen.
- …die drei grundlegenden Schritte sensorischer Systeme kennen.
- …verstanden haben, was unter einer absoluten und einer Unterschiedsschwelle
zu verstehen ist und inwieweit sie einen Einfluss auf uns haben.
- …verstanden haben, was sensorische Adaption ist.
- …verstanden haben, wie unsere Erwartungen, Motivationen, Emotionen und der
jeweilige Kontext unsere Wahrnehmung beeinflussen.
- …reflektieren können, wie Ihre Erwartungen etc. ihre Wahrnehmungen
beeinflussen.
- …verstanden haben, was selektive Aufmerksamkeit ist und wozu sie uns dient.

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung

«Als ich noch auf dem College war, bin ich bei einer Verabredung
von den Toiletten zurückgekommen und habe mich in einen Sessel am
falschen Tisch fallen lassen – dem falschen Mann gegenüber. Ich bemerkte
nicht, dass er nicht mein Date war, sogar als mein Date (fur mich ein
Fremder) mein Gegenuber ansprach und dann aus dem Restaurant stürmte.
Ich kann keine Schauspieler in Filmen und im Fernsehen unterscheiden. Ich
erkenne mich selbst nicht auf Fotos oder in Videoaufnahmen. Ich erkenne
meine Stiefsohne nicht beim Fussballspielen. Ich habe es auf Partys, im
Einkaufszentrum oder auf dem Markt nicht geschafft, festzustellen, welcher
mein Ehemann war.»

die meisten von uns haben ein funktionierendes Areal an der Unterseite unserer
rechten Hemisphäre des Gehirns, das uns hilft, ein vertrautes menschliches Gesicht
zuerkennen, sobald wir es entdecken. Diese Fähigkeit illustriert ein
allgemeines Prinzip.

Die von der Natur angelegte sensorische Ausstattung


befähigt jeden Organismus dazu, an die Informationen
heranzukommen, die er benötigt

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung

Wir haben sicherlich dasselbe gesehen, «aber vielleicht nicht dasselbe


wahrgenommen!» (Sherlock Holmes, Besuche eines Gehenkten)

- Sinnesempfindung
Prozess, bei dem unsere Sinnesrezeptoren und unser
Nervensystem Reizenergien aus unserer Umwelt empfangen und
darstellen.

- Wahrnehmung
Prozess, bei dem die sensorischen Informationen organisiert und
interpretiert werden; dies ermöglicht uns, die Bedeutung von
Gegenstanden und Ereignissen zu erkennen.

- Sinnesempfindung und Wahrnehmung gehen in einen


zusammenhängenden Prozess über

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung

Bottom-up-Verarbeitung (aufsteigende oder


datengesteuerte Informationsverarbeitung)
beginnt bei den Sinnesrezeptoren und arbeitet
sich bis auf die höheren Ebenen der
Verarbeitung vor.

Top-down-Verarbeitung (absteigende oder


konzeptgesteuerte Informationsverarbeitung)
konstruiert Wahrnehmungen aus sensorischen
Inputs und greift dabei auf unsere Erfahrungen
und Erwartungen zurück.

Aber wie tun wir das?

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Transduktion

drei Schritte sind grundlegend für alle sensorischen Systeme.

Unsere Sinne

1. nehmen sensorische Informationen auf, oft über


spezialisierte Rezeptorzellen
2. wandeln diese Reize in neuronale Impulse um
3. überbringen diese neuronalen Informationen an unser
Gehirn.

Transduktion

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Schwellen

- Absolute Schwelle: bewusste Wahrnehmung schwacher Reize; die


minimale Stimulation, die notwendig ist, um ein bestimmtes Licht, einen
bestimmten Schall, Druck, Geschmack oder Geruch in mindestens 50%
aller Fälle wahrzunehmen.

Aber:

- Unsere Fähigkeit, einen schwachen Reiz oder ein schwaches Signal


wahrzunehmen, hängt nicht allein von der Signalstärke ab (wie der Ton bei
einem Hörtest), sondern auch von unseren Erfahrungen und Erwartungen,
unserer Motivation, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit ab.

- Die Signaldetektionstheorie (SDT) dient zur Voraussage, wann wir


schwache Signale noch wahrnehmen, und zwar durch Ermittlung der
Trefferrate im Verhältnis zu den Fehlalarmen. Geht davon aus, dass es
keine feste absolute Schwelle gibt.

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Schwellen

Reize, die man in weniger als 50%


der Fälle entdeckt, sind
subliminal, also unter der
absoluten Schwelle.

Ein nicht sichtbares Bild oder Wort


kann Ihren visuellen Kortex
erreichen und als kurzer Prime
(Vorreiz) Ihre Antwort auf eine
später gestellte Frage
beeinflussen.

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Schwellen

Unterschiedsschwelle:
minimaler Unterschied zwischen zwei Reizen, der erforderlich ist, damit er
in 50% der Falle erkannt wird. Wir erleben die Unterschiedsschwelle als
den eben noch merklichen Unterschied

Weber’sches Gesetz
Prinzip, das besagt, dass sich zwei Reize um einen konstanten minimalen
Prozentsatz (und nicht um einen konstanten Absolutbetrag) unterscheiden
müssen, damit sie als unterschiedlich wahrgenommen werden.

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Sensorische Adaptation

- verminderte Sensibilität als Folge konstanter Stimulation.

- Werden wir einem gleichbleibenden Reiz ausgesetzt, sinkt unsere


Empfindlichkeit für diesen Reiz, weil die Häufigkeit der Reizimpulse
abnimmt, die von den Nervenzellen weitergeleitet werden.

- Geschieht dies auch, wenn wir lange etwas anschauen? Weshalb nicht?

Unsere Sinnesrezeptoren
reagieren aufmerksam auf alles
Neue. Langweilen wir sie mit
Wiederholungen, geben sie unsere
Aufmerksamkeit für wichtigere
Dinge frei. Damit bestätigt sich
wieder das grundlegende Prinzip:
Wir nehmen die Welt nicht so
wahr, wie sie ist, sondern wie es
für uns nützlich ist, sie
wahrzunehmen

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Wahrnehmungsset

- Durch Erfahrungen erwarten wir bestimmte Ergebnisse.


- Diese Erwartungen können uns ein Wahrnehmungsset vorgeben, ein Set
mentaler Tendenzen und Annahmen, welches das, was wir wahrnehmen,
entscheidend beeinflusst (top-down).

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Kontexteffekte

- Ein bestimmter Reiz kann extrem unterschiedliche Wahrnehmungen


auslösen

- ad am Wagen
- ad und WC

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Grundprinzipien sensorischer Wahrnehmung
Emotion und Motivation

Top-Down Beeinflussung von Emotionen und unserer Motivation

Ein paar Beispiele:

- Wanderziele für diejenigen weiter weg scheinen, die durch vorherige körperliche
Anstrengung ermüdet sind.
- ein Hügel für diejenigen steiler aussieht, die einen schweren Rucksack tragen oder
kurz zuvor traurige klassische Musik gehört haben statt leichter, lebhafter Musik.
- ein Ziel für diejenigen weiter entfernt scheint, die einen schweren statt eines leichten
Gegenstands dorthin werfen.

Was sehen Sie?

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Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

- Aufmerksamkeit

Folie 16, 22.09.2020


Aufmerksamkeit

Was ist Aufmerksamkeit?

Wie äussert sich Aufmerksamkeit?

Wozu dient Aufmerksamkeit?

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Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist die Zuweisung von Bewusstseinsressourcen auf


Bewusstseinsinhalte

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Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit bezeichnet
demnach die Konzentration der
Wahrnehmung auf bestimmte Reize
unserer Umwelt, wobei es dabei zu Alterness
einer Auswahl von Informationen
(Selektion) kommt, um sie dem
Bewusstsein zugänglich zu machen
und das Denken und Handeln zu
steuern. (Stangl, 2020). Intensität Daueraufmerksamkeit

Aufmerksamkeit

=>selektive Aufmerksamkeit
Selektive
Selektivitätsaspekt Aufmerksamkeit
Sie dient wesentlich der
Handlungssteuerung
der handlungssteuernden
Geteilte
Selektion Aufmerksamkeit

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Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

Bildquelle: https://www.gasolfoundation.org/en/
Folie 20, 22.09.2020
cocktail-party-in-celebration-of-vida-health-and-wellness/
Visuelle Aufmerksamkeit

Bildquelle: https://figunetik.com/2016/01/11/ilya-repin-
unerwartete-heimkehr/
Folie 21 22. September 2020
Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

- Funktionen der Aufmerksamkeit:


- Perzeptive Selektion: «…Auswahl bestimmter Information auf der
Stufe der Wahrnehmung mit dem Ziel, diese Information dem
Bewusstsein bzw. der Steuerung von Denken und Handeln zugänglich zu
machen.» (Krummenacher & Müller, 2017, S. 144)

- Handlungsvermittelnde/-steuernde Funktion: Einstellen des


«Verarbeitungssystems», so dass aufgabenspezifische Handlungsziele
möglichst effizient erreicht werden können (Krummenacher & Müller,
2017, S. 144)

- Selektive Aufmerksamkeit: Auswahl einer bestimmten


Informationsmenge aus einer Menge an Reizen verschiedener Modalität
(visuell, auditiv, taktil etc.), die zur effizienten Handlungssteuerung
notwendig ist.

Folie 22, 22.09.2020


Selektive Aufmerksamkeit

• Aus der Gesamtheit der eingehenden Informationen muss ständig die


relevante Teilmenge ausgewählt werden, um effizientes und störungsfreies
Handeln zu ermöglichen.

• Bedeutet, Konzentration des Bewusstseins auf immer nur einen bestimmten


(eng) begrenzten Aspekt all unseres Erlebens (wie im Licht eines
Scheinwerfers) und andere Teile der Information zu ignorieren.

• Auf welche Weise erfüllt die Aufmerksamkeit diese Funktion?


= Gegenstand der Forschung zur selektiven Aufmerksamkeit

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Selektive Aufmerksamkeit

• Paradigma zur Untersuchung der


psychologischen Refraktärperiode (PRP)
• Darbietung zweier Reize in schneller Aufeinanderfolge.
Reaktion auf Reize.
• Verarbeitung des ersten Reizes muss abgeschlossen
sein

> Filtertheorie von Broadbent (1985)

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Selektive Aufmerksamkeit

Filtertheorie der Aufmerksamkeit von Broadbent (1985):

zwei gleichzeitig dargebotene Eingangsreize bzw. Nachrichten parallel, d. h. simultan,


Zugang zu einem sensorischen Speicher. Nur einer der Reize darf auf der Basis seiner
physikalischen Merkmale (z. B. Ohr) einen selektiven Filter passieren. Der andere Reiz wird
abgeblockt, verbleibt aber für einen eventuellen späteren Zugriff vorübergehend im
Speicher.

Grundannahmen:

• Der Ort der Nachrichtenselektion ist früh (Early selection)


• Weiterleitung von Nachrichten erfolgt nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip
• es gibt nur einen seriellen, kapazitätslimitierten zentralen Prozessor

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Selektive Aufmerksamkeit

Attenuationstheorie der Aufmerksamkeit:


Die Theorie lässt eine abgeschwächte Weiterleitung und Verarbeitung nichtbeachteter
Information zu, d. h.,die Weiterleitung erfolgt nach dem Mehr-oder-weniger-Prinzip.

Auch hier noch early selection

Folie 26 22. September 2020


Selektive Aufmerksamkeit

Theorie der späten Selektion (Deutsch und Deutsch, 1963)


Alle Eingangsreize werden vollständig analysiert. Eine Weiterverarbeitung (wie z. B.
Speicherung im Gedächtnis bzw. Determination der motorischen Reaktion) erfolgt dann
nur für die Reize, die für die momentane Aufgabe am relevantesten sind.

Folie 27 22. September 2020


Selektive Aufmerksamkeit

Frühe vs. späte Selektion?

Lösungsvorschlag von Lavie (1995):


Ob die Aufmerksamkeit früh oder spät wirkt, hängt von den
Anforderungen der Aufgabe an die Selektion des relevanten Reizes
(Zielreizes) ab, also von der Belastung der perzeptuellen
Verarbeitung (auch als perceptual load bezeichnet).

Es gibt also gute Evidenz dafür, dass der Ort der


Aufmerksamkeitsselektion
flexibel ist und von spezifischen Aufgabenfaktoren abhängig sein
kann. Folglich kann es auf die Frage, ob die Selektion früh oder spät
erfolgt, als solche keine singuläre Antwort geben

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Aufmerksamkeit

1. Paradigma des dichotischen Hörens


(shadowing)
(Cherry, 1953; zit. n. Krummenacher et al., 2011a)

2. Simultan dargebotene Ziffernfolgen


(Split-span-Paradigma)
(Broadbent, 1954; zit. nach Krummenacher et al., 2011a)

=> Wiedergabe bevorzugt nach Ohr, nicht


nach Darbietungsreihenfolge)

Bildquelle (von oben nach unten): (1) https://www.casra.ch/about-us/;


Folie 29, 22.09.2020 (2) https://lerncomputer.files.wordpress.com/2010/08/wahrnehmung-16.pdf
Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

1. Paradigma des dichotischen Hörens


(shadowing)
(Cherry, 1953; zit. n. Krummenacher et al., 2011a)
• Cocktailparty-Phänomen
• Linkes und rechtes Ohr erhält gleichzeitig eine Nachricht, nur eine Nachricht ist
zu «beschatten»

2. Simultan dargebotene Ziffernfolgen


(Split-span-Paradigma)
(Broadbent, 1954; zit. nach Krummenacher et al., 2011a)
• Sequenz von simultanen Zahlenpaaren, jeweils eine Zahl
ins linke Ohr, eine ins rechte Ohr
• => Wiedergabe bevorzugt nach Ohr, nicht
nach Darbietungsreihenfolge)

Bildquelle (von oben nach unten): (1) https://www.casra.ch/about-us/;


Folie 30, 22.09.2020 (2) https://lerncomputer.files.wordpress.com/2010/08/wahrnehmung-16.pdf
Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

- Reizverarbeitung ohne Aufmerksamkeit

Im Prinzip gilt: je grösser die Aufmerksamkeit, desto


besser für die Werbewirkung!

Ist das wirklich immer so?

Folie 31, 22.09.2020


Allgemeine Psychologie I
Aufmerksamkeit

- Aufmerksamkeit und
Performanz

- Faktoren, die Leistung bei


Doppel-/Mehrfachaufgaben
bestimmen:
- Aufgabenähnlichkeit
- Übung: «Übung macht den
Meister/die Meisterin»
- Aufgabenschwierigkeit

Folie 32, 22.09.2020 Bildquelle: https://www.welt.de/wissenschaft/article198563417/


Multitasking-Frauen-sind-dabei-nicht-besser-als-Maenner.html
Allgemeine Psychologie I
Verwendete Literatur

- Felser, G. (2015). Werbe- und Konsumentenpsychologie (4. Aufl.). Heidelberg:


Springer.
- Myers, D. G. (2014). Wahrnehmung. In D. G. Myers (Hg.), Psychologie (S. 233-288).
Berlin/Heidelberg: Springer.
- Müsseler, J. & Rieger, M. (Hrsg.) (2017). Allgemeine Psychologie (3. Aufl.).
Berlin/Heidelberg: Springer.

Folie 33, 22.09.2020