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Depression

Wissenswertes für
Patienten und Angehörige
Autoren und Redaktion haben die Angaben
zu Medikamenten und ihren Dosierungen
mit größter Sorgfalt und entsprechend dem
aktuellen Wissensstand bei Fertigstellung der
Broschüre verfasst. Trotzdem ist der Leser
ausdrücklich aufgefordert, anhand der
Beipackzettel der verwendeten Präparate
in eigener Verantwortung die Dosierungs­
empfehlungen und Kontraindikationen zu
überprüfen.

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das


Recht der Vervielfältigung und Verbreitung
sowie der Übersetzung. Kein Teil des Werkes
darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie,
Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne
schriftliche Genehmigung reproduziert oder
unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Herausgeber: Techniker Krankenkasse, Hauptverwaltung,


22291 Hamburg. Unter wissenschaftlicher Beratung der Arzneimit­
telkommission der deutschen Ärzteschaft und basierend auf deren
ärztlichen Therapieempfehlungen. Konzept, Text und Koordination:
Institut für Didaktik in der Medizin, Dr. A. van de Roemer, Michel­
stadt. Konzeption: Monica Burkhardt. Druck: GK Druck. Gerth und
Klaas GmbH & Co. KG, Hamburg.
Titelbild: iStockphoto, Illustrationen: Rob Roberts

© Techniker Krankenkasse, Hamburg, 1. Auflage 2011


Inhalt
Einleitung .......................................................................................................... 4

Depression kurz gefasst .................................................................................... 6

Formenreich – Das Wesen der Erkrankung ....................................................... 8

Eine Volkskrankheit – Häufigkeit von Depressionen ......................................... 13

Depression ist nicht gleich Depression –


Verläufe und Formen der Erkrankung .............................................................. 14

Ursache oder Folge – Depression und Begleiterkrankungen ............................ 16

Vieles ist ungeklärt – Ursache und Entstehung einer Depression ..................... 18

Nicht immer ganz einfach – Die Diagnose der Depression ............................... 27

Ein vielschichtiger Ansatz – Die Behandlung der Depression ........................... 30

Behandlungserfolg in Ihren Händen – Therapietreue ........................................ 41

Gemeinsam aus der Krise – Die Rolle der Angehörigen ................................... 44

Antworten zum Lese­Echo .............................................................................. 46

Nützliche Anschriften und Internetadressen ..................................................... 48

Nachwort ........................................................................................................ 49

Ihre Fragen für das nächste Arztgespräch ....................................................... 50


Einleitung
„Es ist nicht das Nichtwollen, son­ sehr ernst zu nehmende chronische
dern das Nichtkönnen.“ Krankheit ist, die unbehandelt über
lange Zeit Lebensqualität raubt und
Es gibt kaum eine Krankheit, die so durchaus lebensbedrohlich sein
schwerwiegend und gleichzeitig so kann.
tabuisiert ist, wie eine Depression.
Erst wenn ein berühmter Sportler Ziel der Broschüre ist es, der
oder Schauspieler öffentlich be­ Depression ein Gesicht zu geben.
kennt, depressiv zu sein, nimmt die Wir möchten Sie darüber aufklären,
Öffentlichkeit so ein Krankheitsbild dass es sich um eine echte Krank­
wahr, an dem in Deutschland etwa heit handelt, die aber gut behandel­
acht Millionen Menschen leiden. bar ist. Wir wollen Ihnen damit auch
Mut machen und Hoffnung geben,
Ein Grund für die gesellschaftliche dass es – so schwer Sie es sich
Verdrängung ist sicher, dass eine vielleicht im Moment auch vorstel­
Depression vielen Angst macht, len können – Wege gibt, die aus
weil sie in unerklärbarer Weise die dem dunklen Tunnel führen.
Persönlichkeit eines Menschen,
scheinbar ohne erkennbare Ursa­ Die Broschüre soll Ihnen und Ihren
che, verändert. Hinzu kommt, dass Angehörigen auch helfen, zum
es „die eine Depression“ nicht gibt, Experten der Krankheit zu werden,
sondern diese in vielen Varianten, sodass Sie gut informiert gemein­
Verläufen und Schweregraden sam mit Ihrem Arzt den für Sie rich­
auftritt. tigen Behandlungspfad auswählen
können. In diesem Sinne finden Sie
Dass Depressionen verschwiegen am Ende eines jeden Kapitels ein
werden, liegt oftmals aber auch Lese­Echo, welches Ihnen hilft, die
an der Einstellung der Betroffenen gewonnenen Kenntnisse zu über­
selbst. In einer Gesellschaft, in der prüfen. Durch die Wiederholung fällt
Leistungsfähigkeit, Elan und Spaß es Ihnen zudem leichter, sich das
das Leben bestimmen, gibt keiner Gelesene zu merken.
gerne zu, dass sein Alltag schon
seit Langem mit Sinnentleerung, Die Inhalte dieser Broschüre basie­
Schuldgefühlen und Antriebslosig­ ren auf aktuellen Therapieempfeh­
keit besetzt ist. lungen der Arzneimittelkommission
der deutschen Ärzteschaft und so­
Depressionen werden zumeist mit auf den neuesten wissenschaft­
unterschätzt, weil sie leider allzu oft lichen Erkenntnissen zu diesem
als harmlose Befindlichkeitsstörung Krankheitsbild.
oder als vorübergehendes Stim­
mungstief interpretiert werden. Das
ist fatal, weil eine Depression eine

4
Die Therapieempfehlungen wurden An dieser Stelle sei aber auch be­
von Experten verfasst und erläu­ tont, dass die Broschüre keinesfalls
tern unter anderem die wichtigsten das Gespräch und die Beratung mit
Diagnoseschritte und Behandlungs­ Ihrem Arzt ersetzen kann. Er sollte
methoden. Sie werden regelmäßig immer bei allen Fragen, Unsicher­
überarbeitet und richten sich ur­ heiten und aufkommenden Pro­
sprünglich an Haus­ und Fachärzte blemen Ihr erster Ansprechpartner
sowie sämtliche Therapeuten und sein.
Pflegekräfte, die im Bereich der
Psychiatrie tätig sind. In der vorlie­ Wir wünschen Ihnen Zuversicht und
genden Broschüre haben wir diese baldige Genesung.
Therapieempfehlungen in eine für
Laien verständliche Sprache „über­ Ihre Techniker Krankenkasse
setzt“.

Sie erhalten damit unabhängige und


fachlich geprüfte Informationen zum
Krankheitsbild Depression.

5
Depression kurz gefasst
Nachfolgend finden Sie Antwor­ Die Betroffenen leiden unter
ten auf die wichtigsten Fragen zu starken Gefühlsschwankungen,
einer Depression, zum Beispiel bei denen sich beispielsweise
zu Symptomen, Ursachen, dem ein übersteigertes Stimmungs­
Krankheitsverlauf und zu Behand­ hoch plötzlich in Freudlosigkeit,
lungsmöglichkeiten. Ausführlichere mit Gedanken, sich das Leben
Informationen erhalten Sie dann in zu nehmen, verändern kann und
den folgenden Kapiteln. umgekehrt. Eine weitere Form ist
eine abgeschwächte, dafür aber
Welche Krankheitszeichen sind chronisch verlaufende Depression
typisch? Mehr dazu finden Sie ab Seite 14.

Die Symptome einer Depressi­ Welche Ursachen sind be-


on wirken sich auf das seelische kannt?
und körperliche Befinden aus.
Beispielsweise verändert sich Damit eine Depression entsteht,
die Stimmungslage. Betroffene müssen vermutlich mehrere ver­
sind niedergeschlagen, freudlos, schiedene Faktoren gemeinsam
antriebslos und plagen sich mit auftreten. Neben einer genetischen
Schuldgefühlen. Auch der Körper Vorbelastung spielt sicher auch die
reagiert: Schlafstörungen, Ap­ Lebenssituation eines Menschen
petitlosigkeit, Sexualstörungen, eine gewichtige Rolle. So gilt es
Kopf­ und Rückenschmerzen sind als erwiesen, dass zum Beispiel
typische Beispiele für körperliche anhaltender Stress, eine seelische
Beschwerden, die im Rahmen einer Dauerbelastung oder auch eine
Depression auftauchen können. schwere akute Belastung (zum
Mehr dazu finden Sie ab Seite 8. Beispiel Verlust eines Partners) die
Hirnfunktion beeinträchtigen und
Welche Verlaufsformen gibt es? damit eine depressive Episode
auslösen können. Mehr dazu finden
Depressionen können zeitlich, im Sie ab Seite 16.
Schweregrad und in den Symp­
tomen sehr unterschiedlich ver­
laufen. Die häufigste Verlaufsform
ist die sogenannte Unipolare
(einpolige) Depression, bei der nur
die typischen Symptome einer
Depression (zum Beispiel Nieder­
geschlagenheit) auftreten. Bei einer
Bipolaren (zweipoligen) Störung
hingegen treten im Wechsel sehr
gegensätzliche Symptome auf.

6
Wie kann eine Depression Welche Behandlung ist erfolg-
festgestellt werden? reich?

Liegt der Verdacht einer Depression Sowohl eine medikamentöse


vor, kann der Arzt durch die von Therapie als auch psychothera­
dem Betroffenen berichtete Vorge­ peutische Verfahren oder eine
schichte (Anamnese) und Fragen Kombination aus beidem helfen,
nach den Symptomen feststellen, eine Depressionen erfolgreich zu
ob eine Depression vorliegt oder behandeln. Mehr dazu finden Sie
nicht. Gegebenenfalls wird er auch ab Seite 30.
eine körperliche Untersuchung vor­
nehmen, um auszuschließen, dass Wie wichtig ist Therapietreue?
nicht vielleicht eine andere Erkran­
kung Symptome einer Depression Eine Therapie kann nur erfolgreich
hervorgerufen hat. Ausführlichere sein, wenn der Erkrankte über ei­
Informationen dazu finden Sie ab nen längeren Zeitraum konsequent
Seite 27. daran teilnimmt. Diese sogenannte
Therapietreue ist der entschei­
Gibt es Risiken zu erkranken? dende Schlüssel zur langfristigen
Genesung. Weitere Informationen
Hierzu gehören beispielsweise dazu finden Sie ab Seite 41.
zunehmendes Alter sowie schwer­
wiegende Lebensereignisse.
Möglich sind auch körperliche
Ursachen, wie zum Beispiel eine
Schilddrüsenunterfunktion, Diabe­
tes mellitus oder Multiple Sklerose.
Auch bestimmte Medikamente
oder eine erbliche Veranlagung
können schuld sein, dass ein
Mensch an Depressionen erkrankt.
Weitere Informationen dazu finden
Sie auf Seite 16 und Seite 18.

7
Formenreich –
Das Wesen der Erkrankung
Auffälligstes Zeichen einer Depres­ rung“, einer gähnenden seelischen
sion ist das veränderte Erleben und Leere. Betroffene fühlen sich völlig
Verhalten des Betroffenen. Dies empfindungslos und nehmen we­
geschieht nicht von heute auf mor­ der Trauer noch Glück wahr.
gen. Ganz allmählich stellen sich
typische Krankheitszeichen ein, die
einen einst fröhlichen und interes­ Gut zu wissen
sierten Menschen in das genaue
Gegenteil verwandeln. Eine Depres­ Das Wort Depression leitet
sion erfasst das Denken, Fühlen sich vom lateinischen Wort
und Handeln, aber auch viele „deprimere“ ab, welches
Körperfunktionen, entsprechend übersetzt „niederdrücken“
unterschiedlich sind die Symptome: bedeutet. Der ältere Ausdruck
Melancholie hingegen stammt
Depressive Grundstimmung aus der Antike. Der berühmte
Arzt Hippokrates nahm an,
Was unterscheidet eine Depressi­ dass die Krankheit durch einen
on von einer normalen schlechten Überschuss an „schwarzer
Stimmung oder Traurigkeit, die je­ Galle“ verursacht wird („melas“,
der Mensch zwischendurch einmal griechisch für „schwarz“, „chole“,
erleben kann? griechisch für „Galle“).

Einer der wesentlichen Unter­


schiede: Betroffene leiden über Wo­
chen, teilweise über Monate unter
gedrückter Stimmung, fühlen sich Gestörter Antrieb
niedergeschlagen oder antriebslos.
Der Alltag, der Beruf und das Fami­ Viele depressive Menschen emp­
lienleben der an einer Depression finden den Mangel an Energie
Erkrankten können massiv beein­ und Antrieb sowie die Lähmung
trächtigt werden. der Entschlusskraft als eine der
schlimmsten Beschwerden. Es
Versiegen der Freude kostet sie ungeheure Mühe, insbe­
sondere in den Morgenstunden,
Freudlosigkeit und eine gedrückte eine Tätigkeit zu beginnen oder
Stimmung gehören zu den Kern­ sich zu etwas aufzuraffen. Selbst
symptomen einer Depression. kleinere Aufgaben des Alltags, wie
Jegliches Interesse an dem, was Einkaufen, Kochen oder Aufräu­
einmal Spaß und Freude bereitet men, bauen sich wie eine unüber­
hat, weicht einer inneren „Versteine­ windbare Mauer vor ihnen auf.

8
Bei besonders schwerem Verlauf Gefühle der Angst
kann es auch sein, dass der Be­
troffene den Tag im Bett verbringt, Angst ist eine „Schwester“ der
unfähig, aufzustehen und etwas Depression, denn beide treten sehr
aus eigenem Antrieb anzufangen. häufig gemeinsam auf. Vielfach
werden in der frühen Phase der
Manchmal verspüren depressive Erkrankung zuerst unerklärliche
Menschen auch eine innere ver­ Ängste verspürt, die nach und
zweifelte Unruhe, verbunden mit nach von depressiven Gefühlen
einem starken Bewegungsdrang. überlagert werden. Genauso gut
ist es aber auch möglich, dass sich
Selbstvorwürfe und Schuld- zu einer bestehenden Depression
gefühle eine Angsterkrankung dazugesellt.

Depressive Menschen neigen dazu, Appetitstörungen und


sich selbst unbegründet zu be­ Gewichtsverlust
schuldigen und an ihrem Selbstwert
zu zweifeln. Beispielsweise wirft Depressive Menschen haben oft­
sich der Betroffene vor, im Leben mals weniger Appetit. Das Essen
alles falsch gemacht zu haben, nur macht Betroffenen kaum noch
noch eine Last für seine Umgebung Freude, im Gegenteil: Es wird als
zu sein oder Fehler aus der Vergan­ mühselig empfunden. In der Folge
genheit nun büßen zu müssen. Es kann ein Depressiver erheblich an
kommt vor, dass Selbstvorwürfe Gewicht verlieren. Seltener kommt
sogar wahnhafte Züge annehmen, es zu einer Steigerung des Appetits.
in denen der Patient nicht durch Der Betroffene kann dann große
noch so stichhaltige Argumente Mengen Essen zu sich nehmen,
von seiner „Unschuld“ überzeugt wobei fett­ und zuckerhaltige
werden kann. Nahrungsmittel bevorzugt werden
(Kummerspeck).
Negative Gedanken und
endloses Grübeln

Besonders quälend für die Betrof­


fenen ist ein innerer „Zwang“ zum
Grübeln. Negative Gedanken und
Sorgen, wie zum Beispiel Versa­
gensängste oder die Idee, bald zu
verarmen, beherrschen das Den­
ken. Auch kann sich unter Umstän­
den eine wahnhafte Überzeugung
entwickeln, an einer unheilbaren
Krankheit zu leiden.

9
Anhaltende Schlafstörungen Hälfte der Nacht auf, liegen mit
quälenden Grübeleien wach und
Schlafstörungen treten regelhaft sind morgens mit ihrer Stimmung
bei Depressionen auf, wobei weni­ an einem Tiefpunkt. Bei manchen
ger das Einschlafen, sondern das Verlaufsformen hellt sich die Stim­
Durchschlafen gestört ist. Die Be­ mung gegen Abend deutlich auf.
troffenen wachen oft in der zweiten

Depressive
Stimmung

Gestörter Antrieb Endloses Grübeln

Appetitlosigkeit Freudlosigkeit

Angstgefühle Schuldgefühle

Schlafstörungen

Abbildung 1
Die Symptome einer Depression betreffen das Denken, Fühlen und Handeln eines Patienten

10
Lebensmüde Gedanken Brustbereich, allgemeine Glieder­
(Suizidalität) schwere oder ein vermindertes
sexuelles Bedürfnis als Folge einer
Viele depressive Menschen emp­ Depression einstellen. Bei Frauen
finden ihr Leben als so unerträglich kann die Regel gestört und das
sinn­ und nutzlos, dass sie aus Orgasmuserleben eingeschränkt
dem Leben scheiden möchten. sein. Bei betroffenen Männern kann
Dahinter steht meist der Wunsch es zu Erektionsstörungen kommen.
nach Ruhe oder einer endgültigen Nicht selten sind die körperlichen
Lösung, die den Zustand der tiefen Beschwerden so stark, dass die
Hoffnungslosigkeit endlich been­ typischen Symptome einer De­
den soll. Falls sich auch bei Ihnen pression für den Betroffenen in den
der Gedanke verfestigt, endlich Hintergrund treten (siehe Seite 12).
„Schluss machen“ zu wollen, be­ Diese „Verschleierung“ kann es
deutet das die allerhöchste Alarm­ dem Arzt schwer machen, frühzei­
stufe. In diesem Fall sollte der Be­ tig eine Depression zu erkennen.
troffene unbedingt mit seinem Arzt
oder mit Menschen seines Ver­
trauens sprechen. Mithilfe offener,
für ihn auch sicherlich entlastender
Gespräche, ist es viel leichter mög­
lich, einen Weg aus dieser dunklen
Sackgasse zu finden.

Weitere mögliche Anzeichen


für eine Depression

Mimik und Gestik können nicht


lügen. Daher ist eine Depression
oft auch an der Körperhaltung, der
Sprache und dem Aussehen zu
erkennen. Die Betroffenen wirken
häufig teilnahmslos, Mimik und
Gestik erscheinen im Vergleich zu
früher verlangsamt oder erstarrt.
Auch ein im Vergleich zu früher
vernachlässigtes Äußeres kann
auf eine Depression hinweisen.

Eine Depression kann sich auch


durch verschiedene körperliche
Symptome äußern, zum Beispiel
Kopf­ und Rückenschmerzen,
Herz­Kreislauf­Beschwerden sowie
Verdauungsstörungen. Weiter
können sich ein Druckgefühl im
11
Kopfschmerzen

Brust:
Druck
Engegefühl
Rücken:
Schmerzen
Herz-Kreislauf: Verspannungen
Schwindel
Atembeschwerden
Sexualorgane:
Magen-Darm: Bei dem Mann:
Appetitstörungen Erektionsstörungen
Magendrücken Bei der Frau: Zyklus­,
Übelkeit Orgasmusstörungen
Verstopfung
Beine:
Gliederschwere

Abbildung 2
Mögliche körperliche Beschwerden, die im Rahmen einer Depression auftreten können

Gut zu wissen Die Häufigkeit der Selbsttötungen


in Deutschland übertrifft damit bei
Eine Depression ist eine le­ Weitem die der Verkehrstoten.
bensbedrohliche Krankheit. Mit zunehmendem Alter steigt
die Zahl der Selbsttötungen bei
Wie bedrohlich sie ist, lässt depressiv Erkrankten an. Unter
sich daran erkennen, dass den depressiv erkrankten Men­
es in Deutschland circa schen setzen mehr als doppelt
10.000 Selbsttötungen so viele Männer wie Frauen
(Suizide) und etwa 150.000 ihrem Leben selbst ein Ende.
Suizidversuche gibt.

12
Eine Volkskrankheit –
Häufigkeit von Depressionen
Depressionen können durchaus Beschwerden verwechselt oder als
als eine Volkskrankheit bezeich­ Nebenwirkung von Medikamenten
net werden. Verglichen mit ande­ eingestuft wird.
ren häufigen Krankheiten in den
Industriestaaten, misst die Weltge­ Bei der Hälfte der Betroffenen be­
sundheitsorganisation (WHO) der ginnt – häufig unerkannt – die erste
Depression die größte Bedeutung Depression vor dem 40. Lebens­
zu. Sie geht davon aus, dass im jahr, wobei die Dauer einer solchen
Jahr 2020 Depressionen zu den Phase zwischen zwölf Wochen und
zweithäufigsten Erkrankungen zäh­ über einem Jahr anhalten kann.
len werden. In Deutschland leiden Nach aktuellen Statistiken erkran­
etwa acht Millionen Menschen an ken Frauen doppelt so häufig wie
einer depressiven Störung, das Männer an einer Depression. Eine
heißt von 100 Menschen sind etwa mögliche Erklärung hierfür ist, dass
10 erkrankt. Von den Patienten Frauen eher bereit sind, über ihre
hausärztlicher Praxen weisen circa psychischen Probleme zu spre­
6 von 100 leichte bis mittelschwere chen und einen Arzt aufzusuchen,
und circa 4 von 100 schwere als Männer. In der Folge werden
Depressionen auf. Die Dunkelziffer Depressionen bei Frauen auch
dürfte sicher weit höher liegen, da häufiger erkannt. Es können jedoch
zum Beispiel bei älteren Menschen auch biologische Faktoren verant­
eine depressive Störung häufig un­ wortlich für den Unterschied zwi­
erkannt bleibt. Dies liegt vermutlich schen Männern und Frauen sein.
daran, dass sie mit alterstypischen

Häufigkeit i. d. Häufigkeitsverteilung der jemals


Altersgruppen ärztlich diagnostizierten Depressionen
(%)

25

20

15

10
Frauen
5
Männer

0
18–29 30–39 40–49 50–59 60–69 70 +
Altersgruppen in Jahren
Quelle: Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA) Robert Koch Institut 2009

Abbildung 3
Die Altersverteilung zeigt, dass Depressionen besonders häufig im Alter 13
zwischen 40 und 69 Jahren diagnostiziert werden
Depression ist nicht gleich Depression –
Verläufe und Formen der Erkrankung
Verläufe einer Depression Gut zu wissen
So unterschiedlich die Menschen Untersuchungen haben gezeigt,
sind, so unterschiedlich können dass Depressionen in der Regel
Depressionen verlaufen. mehr als einmal auftreten. Bei
60 bis 70 von 100 Patienten folgt
Es ist durchaus möglich, dass im Laufe der Zeit erneut eine
eine Depression nur einmal im depressive Episode. Bei Frauen
Leben auftritt. Sie kann dabei tritt die Depression schon früher
unterschiedlich ausgeprägt sein im Leben auf. Sie haben ein
und über mehrere Wochen oder höheres Rückfallrisiko für weitere
Monate andauern. depressive Phasen als Männer.
Eine einmal aufgetretene Depres­
sion erhöht jedoch das Risiko,
dass der Betroffene, manchmal Formen einer Depression
erst Monate oder auch Jahre
später, einen beziehungsweise Unipolare Depression
mehrere Rückfälle erleidet. Diese Die häufigste Form einer Depression
wiederkehrende Form wird medizi­ ist einpolig (medizinisch: unipolar).
nisch als rezidivierende Unipolare Hier treten nur die typischen Symp­
Depression bezeichnet („recidere“, tome einer Depression auf. Hierzu
lateinisch für „zurückfallen“). Die gehört zum Beispiel, dass der
Dauer eines Rückfalls kann sehr Betroffene das Interesse an Dingen
unterschiedlich sein und zwischen verliert, die ihm bisher Freude berei­
wenigen Wochen und einigen Mo­ tet haben. Ihm fällt es schwer sich
naten schwanken. aufzuraffen und er empfindet einen
Verlust an Gefühlen für sich und
Selten verläuft eine Depression andere (siehe Abbildung 1, Seite 10).
chronisch, das heißt über Mo­
nate oder gar Jahre. Betroffene Bipolare Störungen
leiden dann eher unter leichten, Deutlich seltener ist die zweipolige
aber dafür dauerhaft auftretenden (medizinisch: „Bipolare“) Störung,
Symptomen (siehe Dysthymia, bei der die Betroffenen zwischen
Seite 15). den Polen „vom Himmel hoch
jauchzend“ und „zu Tode betrübt“
hin und her pendeln. „Der Himmel“
ist dadurch gekennzeichnet, dass
der Patient in seiner Stimmung und
seinem Antrieb übersteigert ist. Es
kommt zu einer erhöhten Risiko­
14 bereitschaft, Tatendrang, Ideenflut
und Selbstüberschätzung. „Zu depressive Verstimmung bezeich­
Tode betrübt“ bedeutet, dass in net, die jedoch oft über Jahre an­
dieser Phase die typischen Symp­ halten kann. Die Betroffenen fühlen
tome einer Unipolaren Depression sich niedergeschlagen, müde,
auftauchen. ängstlich und in ihrer Grundstim­
mung eher pessimistisch. Häufig
Die Bipolare Störung, auch als können sie aufgrund der abge­
manisch­depressive Erkrankung schwächten Symptome ihren Alltag
bezeichnet („mania“, griechisch für noch mühsam bewältigen oder den
„Raserei“), ist ein sehr schwerwie­ beruflichen Aufgaben weitgehend
gender Verlauf mit hohem Rück­ nachkommen.
fall­ und Selbsttötungsrisiko. Eine
Bipolare Störung benötigt andere Winterdepression
Behandlungsmaßnahmen als eine Eine weitere, wenn auch seltene
Unipolare Depression. Form der Depression, tritt bevor­
zugt in den Wintermonaten auf. Die­
Die vorliegende Broschüre geht auf se sogenannte Winterdepression
die Besonderheiten der manisch­ betrifft scheinbar häufiger jüngere
depressiven Erkrankung nicht näher Frauen. Die Betroffenen leiden
ein. Weitere Informationen zu dieser meist unter starker Müdigkeit und
besonderen Form erhalten Sie bei Heißhungeranfällen. Eine Ursache
einem Facharzt (Psychiater) oder dieser Sonderform ist vermutlich
über die Deutsche Gesellschaft für mangelndes Sonnenlicht. Son­
Bipolare Störungen (www.dgbs.de). nenlicht kann, über den Sehnerv
vermittelt, Einfluss auf den Stoff­
Dysthymia wechsel unseres Gehirns nehmen
Als Dysthymia („dysthymia“, grie­ und dadurch bei entsprechender
chisch für „Missstimmung“) wird Veranlagung einer Depression
eine weniger stark ausgeprägte vorbeugen.

Unipolare Depression

Bipolare Depression

Dysthymia

15
Abbildung 4
Verschiedene Verlaufsformen einer Depression
Ursache oder Folge -
Depression und Begleiterkrankungen
Bei bestimmten körperlichen Auch die Einnahme einiger Arznei­
Erkrankungen treten überdurch­ mittel, wie bestimmte Antibiotika,
schnittlich häufig zusätzlich auch Betablocker, Interferon oder Kor­
Depressionen auf. Hierzu zählen tisonpräparate können zu einer
beispielsweise: Depression führen. Daher lohnt es
sich, einen Blick auf die im Beipack­
• Herz­Kreislauf­Erkrankungen zettel aufgelisteten Nebenwirkungen
• Schlaganfall der entsprechenden Medikamente
• Zuckerkrankheit (Diabetes zu werfen.
mellitus)
• Schilddrüsenerkrankungen
• Krebserkrankungen
• Rheuma Gut zu wissen
• Multiple Sklerose (MS)
• Parkinson Eine begleitende Depression
• Demenz (zum Beispiel Alzheimer) kann den Behandlungserfolg
• Migräne einer anderen Krankheit in Frage
• Chronische Schmerzen stellen. Ein Grund mag sein, dass
die Selbstheilungskräfte durch die
Statistisch gesehen erkranken 42 Depression eingeschränkt sind.
von 100 Menschen mit chronischen
Leiden im Laufe ihres Lebens auch Hinzu kommt, dass ein Pati­
an einer Depression. Es ist aller­ ent, der niedergeschlagen und
dings bis heute unklar, ob dafür die antriebslos ist, sich kaum in der
Erkrankung an sich oder der damit Lage fühlt, den Empfehlungen
zusammenhängende seelische seines Arztes zu folgen. Regelmä­
Druck das anhaltende Stimmungs­ ßig Tabletten einzunehmen oder
tief auslöst; möglicherweise trifft sich mehr zu bewegen wird da zu
beides zu. Als gesichert gilt, dass einer echten Herausforderung.
zum Beispiel ein Herzinfarkt häufig
viel schwerwiegender ist, wenn
gleichzeitig eine Depression vor­
liegt.

16
Lese-Echo

Frage 1: Frage 3:

Was ist zu tun, wenn Sie mit dem Welches sind die Symptome einer
Gedanken spielen, Ihr Leben zu einpoligen (Unipolaren) Depression?
beenden?
a) Rededrang, Ideenflut, erhöhte
a) Keinesfalls darüber reden Risikobereitschaft

b) Darauf warten, dass diese b) Unfähigkeit, Gefühle wahrzu­


Gedanken von selbst vergehen nehmen, Verlust an Energie
und Freudlosigkeit
c) Sich einem Nahestehenden
oder seinem Arzt anvertrauen c) Die Symptome von a und b
zusammen
Frage 2:
Die richtigen Antworten finden
Was wird unter Dysthymia Sie auf der Seite 46.
verstanden?

a) Eine einmalig auftretende


Depression

b) Eine Depression mit starken


Stimmungsschwankungen

c) Eine weniger stark ausge­


prägte Depression, die aber
chronisch – meist über mehrere
Jahre – verläuft

17
Vieles ist ungeklärt –
Ursache und Entstehung einer Depression
Experten gehen davon aus, dass Wissenschaftlich bewiesen ist, dass
mehrere Risikofaktoren zusammen­ fehlende vertrauensvolle persön­
kommen müssen, um eine Depres­ liche Beziehungen (zum Beispiel
sion auszulösen. Ein gewichtiger eine intakte Famile) ein Risikofaktor
Faktor ist vermutlich eine erbliche für eine Depression ist. Je mehr
Vorbelastung, die Menschen an­ Risikofaktoren gleichzeitig auftre­
fälliger macht, an einer Depression ten, um so höher ist die Gefahr,
zu erkranken. Aber auch die Le­ dass eine Störung der Botenstoffe
benssituation eines Menschen ist im Gehirn auftritt (siehe Seite 22).
wichtig. Dauerstress, Überforderung
oder eine chronische Krankheit
sind Faktoren, die ebenfalls eine
Depression auslösen können.

Erbliche Anhaltende seelische Körperliche


Vorbelastung Belastung Erkrankung

Funktionsstörung der
Botenstoffe

Depression

Abbildung 5
Es gibt verschiedene Risikofaktoren, welche die Entwicklung einer Depression begünstigen. Hierzu
gehören eine genetisch bedingte Anfälligkeit, anhaltender Stress, psychische Belastung und körper-
liche Erkrankungen

18
Dauerstress und Depression, Mithilfe des Fassmodells lässt sich
wie passt das zusammen? das Phänomen der unterschied­
lichen Stresstoleranz gut veran­
Das Gehirn interpretiert Stress als schaulichen.
Gefahr. Wenn sich ein Mensch
zum Beispiel über­ oder unterfor­ Je nachdem, wie hoch das Fas­
dert fühlt oder einen Angehörigen sungsvermögen ist (unterschied­
verloren hat, reagiert der Körper und liche Stresstoleranz), läuft das
aktiviert das innere Alarmsystem. Wasser (zum Beispiel Dauerstress,
Wie viel Stress jeder Mensch vertra­ Belastungen) schneller über. Das
gen kann, ist sehr unterschiedlich. heißt, bei einer Person mit geringer
Was für den einen höchsten Stress Toleranz gegenüber Stress läuft das
bedeutet, empfindet ein anderer in Fass schneller über (siehe Abbildung
der gleichen Situation als weniger 6b) als bei Menschen, deren „Fas­
bedrohlich. Diese sogenannte Stress­ sungsvermögen“ (Stresstoleranz)
toleranz kann angeboren oder aber hoch ist (siehe Abbildung 6a).
auch im Laufe des Lebens erlernt
worden sein.

Dauerstress Dauerstress
Seelische Belastung Seelische Belastung

Hohe Stress­ Geringe Stress­


toleranz toleranz

Abbildung 6a Abbildung 6b
Fassmodell: Hohe Stresstoleranz Fassmodell: Geringe Stresstoleranz

19
Es ist schon länger bekannt, dass Auch Angst oder andere bedroh­
Menschen, die ständig gestresst liche Gefühle werden durch die
und überfordert sind, leichter eine Aktivität der Alarm­ und Stresshor­
Depression entwickeln. Experten mone wachgerufen.
haben zum Beispiel festgestellt,
dass Stress hormonelle Verände­ Gefahr
rungen im Körper bewirkt, die auf
Dauer die Stoffwechselfunktion im Gehirn
Gehirn empfindlich stören können.
Hypophyse
Zum besseren Verständnis genügt
ein kurzer Blick in die menschliche
Vergangenheit: Zur Zeit der Nean­
dertaler waren unsere Vorfahren
für den täglichen Kampf ums Über­
leben bestens ausgestattet. Bei Kortisol Alarmhormon
der Jagd war es wichtig, dass in
Gefahrensituationen, zum Beispiel
beim Angriff eines Höhlenbären, Nebennieren
die Muskulatur, das Schmerz­ sowie
das Immunsystem in Sekunden­
schnelle reagieren können.

Diese innere Alarmglocke besteht Kortisol


aus zwei Hormonen. Das ist ACTH
(Adrenocorticotropes Hormon),
das in der Hypophyse, einer Hor­ Herz Muskeln
mondrüse im Hirn, produziert wird,
sowie das Stresshormon Kortisol, Atmung
welches in den Nebennierenrinden Abbildung 7a
entsteht. Beide Hormone werden Hormonausschüttung innerhalb einer Gefahren-
situation
in gefährlichen Situationen rasch
ins Blut abgegeben (siehe Abbil­
dung 7a). Ihre Aufgabe ist es unter Wird Kortisol in das Blut abge­
anderem, den Körper beziehungs­ geben, bremst das Gehirn sehr
weise seine Organe auf Kampf schnell die Ausschüttung dieses
oder Flucht vorzubereiten. Alarmhormons, sodass alsbald kein
Kortisol mehr in das Blut abgege­
Hierzu zählen beispielsweise ein ben wird. Das bedeutet für unser
schnellerer Herzschlag, eine ver­ Beispiel, dass sich nach der Jagd
stärkte Atmung oder eine bessere das Alarmsystem in der Regel sehr
Durchblutung der Muskulatur. rasch wieder beruhigt; Atmung und
Herzschlag verlangsamen sich, die
innere Aufregung legt sich in we­
nigen Minuten (siehe Abbildung 7b).

20
Entspannung Da es über den Blutkreislauf auch
in das Gehirn gelangt, beeinträchtigt
dies vermutlich auch die Funktion
der Nervenzellen und ihrer Boten­
stoffe. Da bei vielen Betroffenen die
Kortisol­Konzentration in Blut und
Urin dauerhaft erhöht ist, vermuten
viele Wissenschaftler, dass durch
ein Kortisol­Überangebot möglicher­
weise die Entwicklung einer Depres­
Kortisol Alarmhormon sion gefördert wird.

Depression

Abbildung 7b
Hormonausschüttung nach Abklingen einer
Gefahrensituation

Heutzutage muss der Mensch sein Überangebot Überangebot


Essen nicht mehr unter Lebens­ Kortisol Alarmhormon
gefahr erjagen – die Stress­ und
Alarmreaktionen sind uns als Erbe
aus dieser Zeit aber unverändert
erhalten geblieben. Anstatt einem
Höhlenbären stehen wir heute
seelischen Belastungen gegen­
über, die über lange Zeit anhalten
können. Hierzu zählen beispiels­
weise beruflicher Stress, chronisch
verlaufende Krankheiten, finanzielle
Sorgen, Beziehungsprobleme oder Abbildung 7c
Dauerbelastung beziehungsweise Dauerstress
der Verlust eines Partners. kann eine Depression verursachen

Befindet sich der Körper in wo­


chen­, vielleicht sogar monate­
langer „Alarmbereitschaft“ (Dau­
erstress), dann versagt besonders
bei stressempfindlichen Menschen
(siehe Fassmodell, Seite 19) das
regulierende „Bremssystem“ im Ge­
hirn. Der Körper wird regelrecht mit
dem Stresshormon Kortisol über­
schwemmt (siehe Abbildung 7c). 21
Die Veränderungen im Gehirn Vereinfacht gesagt kann man sich
das Gehirn wie eine sehr kompli­
Das aus den Fugen geratene Kor­ zierte Telefonzentrale vorstellen.
tisol­Alarmsystem stört auf Dauer Die etwa 20 Milliarden Nerven
vermutlich das Gleichgewicht der sind über unzählige Nervenfasern
Botenstoffe im Gehirn und damit miteinander verbunden (siehe Ab­
auch den Informationsaustausch bildung 8a).
der Nerven. Zum besseren Ver­
ständnis soll das nachfolgende
Modell zeigen, wie unser Gehirn
und dessen Nerven funktionieren.

Milliarden
Nervenzellen
Nervenkontaktstelle
(Synapse)
Nervenzelle A Nervenzelle B

Nervenzelle A Nervenzelle B

Nervenfaser
Botenstoff
Nervenfaser (zum Beispiel Serotonin)

Abbildung 8a
Nervenzellen und ihre Kontaktstellen unter dem Mikroskop betrachtet

22
Botenstoff

Nervenzelle A Nervenzelle B

Elektrischer
Impuls
Nervenfaser

Elektrischer
Impuls

Schallwellen
Elektrischer
Impuls

Abbildung 8b
Vergleich zwischen der Funktion einer Nervenkontaktstelle und einem Telefon

Die Nerven tauschen ihre Informa­ verhält es sich an den Kontaktstel­


tionen an winzigen, knopfförmigen len der Nerven. Auch hier muss
Kontaktstellen, den Synapsen, ein – wenn auch mikroskopisch
aus. Die Nervenbahnen im Gehirn kleiner – Abstand zwischen zwei
ähneln in gewisser Weise der Funk­ in Kontakt stehenden Nerven
tionsweise eines Telefons. Beim überwunden werden. Anstatt
Telefon muss das elektrische Signal Schallwellen nutzen Nerven dabei
aus der Telefonleitung, die den Ner­ sogenannte Botenstoffe (zum
venfasern entspricht, in Schallwel­ Beispiel Serotonin), die von der
len umgewandelt werden. Dadurch Signal gebenden („sprechenden“)
wird der Abstand zwischen dem Nervenzelle ausgeschüttet wer­
Ohr und dem Telefon überwunden. den. Diese überwinden den Spalt
Die Synapsen im Gehirn funktionie­ und lösen bei der („zuhörenden“)
ren beim Telefon wie der Hörer. Nervenzelle wiederum ein elek­
trisches Signal aus, welches über
Im Innenohr des Zuhörers wer­ deren Nervenfaser weitergeleitet
den die Schallwellen wiederum wird (siehe Abbildung 8a und 8b).
in elektrische Signale umgewan­
delt und über die Gehörnerven in
das Gehirn geleitet. Ganz ähnlich 23
Nach heutiger Auffassung ist bei der Es gilt als gesichert, dass genau
Entstehung einer Depression vor diese Nervenbahnen, die Serotonin
allem die Funktion zweier wichtiger und Noradrenalin als Botenstoffe
Botenstoffe des Gehirns, nämlich die verwenden, bei vielen depressiven
des Noradrenalins und des Sero­ Menschen weniger aktiv sind als
tonins, gestört. Beide Botenstoffe bei gesunden. Ob diese „Schwä­
werden in der Tiefe des Gehirns, im che“ auf einem Mangel (siehe Abbil­
sogenannten Hirnstamm, gebildet. dung 9a und 9b) dieser Botenstoffe
Sie dienen vor allem den Nerven beruht oder ob die „Übertragung“
zum Informationsaustausch, die zum der Information an den Nervenkon­
Beispiel für Empfindungen, Gefühle, taktstellen nicht richtig funktioniert,
Antrieb, Entscheiden, Aufmerksam­ ist bislang ungeklärt.
keit und den Schlaf­Wach­Rhythmus
zuständig sind (siehe Abbildung 10a
und b).

Gesund Depressiv

Botenstoffe ausreichend Botenstoffmangel


vorhanden

Abbildung 9a Abbildung 9b
Normale Übertragung durch ausreichend Mangel an Botenstoffen beziehungsweise nicht
Botenstoffe richtig funktionierende Übertragung an der
Nervenkontaktstelle

24
Denken Schwierigkeiten beim:
Abwägen Denken
Entscheiden Abwägen
Aufmerksamkeit Entscheiden
Konzentrationsfähigkeit Konzentrieren

Freude Niedergeschlagenheit
Lebenslust Angst
Gereglter Schlaf­Wach­ Schlafstörungen
Rhythmus Appetitlosigkeit
Appetit Sexualstörung
Sexuelle Lust

Abbildung 10a Abbildung 10b


Hirnbereiche und deren Funktion sowie die Ner- Funktionsstörung (gestrichelte Pfeile)
venbahnen (dunkelblaue Pfeile), die Serotonin und depressive Symptome befinden sich
als Botenstoff benötigen in den gleichen Hirnbereichen

Dass Serotonin bei der Krankheits­ konzentriertes Denken, Aufmerk­


entstehung eine gewisse Rolle samkeit und Entscheiden zuständig
spielt, zeigt sich am Verlauf der ist (Abbildung 10a, blaue Pfeile).
Nervenfasern, die Serotonin als
Botenstoff nutzen. Ist die Funktion dieser Nerven
gestört (Abbildung 10b, gestrichelte
Diese entspringen in einer kleinen Pfeile), können Symptome einer
Region im Hirnstamm. Sie ziehen in Depression entstehen.
darüber gelegene Hirnareale, welche
beispielsweise für Appetit oder den Serotonin spielt außerdem auch
geregelten Schlaf­Wach­Rhythmus bei der Regulation der Verdauung
verantwortlich sind. Weitere Aus­ und der Darmbewegung eine Rolle.
läufer dieser Nerven sind mit den Vielleicht lassen sich damit auch
Zentren verknüpft, die in uns das körperliche Krankheitszeichen der
Gefühl von Freude und Lebenslust Depression, wie zum Beispiel Übel­
auslösen. Schließlich erreichen diese keit oder Appetitstörungen, erklären.
Nervenäste den vorderen Bereich
des Gehirns, der zum Beispiel für
25
Unabhängig von diesen biolo­ im Laufe des Lebens auch „erlernt“
gischen Modellen, deren Bausteine werden. Daraus ergeben sich
nicht alle eindeutig bewiesen sind, die Ansätze für die antidepressiv
gibt es auch die Vermutung, dass wirkende Psychotherapie (siehe ab
die Entstehung einer Depression Seite 31).
auch auf psychologischer Ebene
stattfindet. So kann beispielsweise
negatives Denken und Empfinden

Lese-Echo

Frage 4: Frage 6:

Welche Botenstoffe sind bei der Welche Veränderungen im Gehirn


Entstehung einer Depression können bei einer Depression beob­
maßgeblich beteiligt? achtet werden?

a) Adrenalin a) An den Kontaktstellen der


Nerven ist die Informations­
b) Serotonin übertragung gestört

c) Dopamin b) Die Funktion bestimmter Boten-


stoffe (zum Beispiel Serotonin)
d) Noradrenalin ist beeinträchtigt

Frage 5: c) Durchblutungsstörungen in
verschiedenen Bereichen
Welche Funktionen werden durch des Gehirns
die Botenstoffe Serotonin und
Noradrenalin geregelt? Die richtigen Antworten finden
Sie auf der Seite 46.
a) Gestimmtheit und Emotionen

b) Muskelbewegung

c) Konzentriertes Denken und


Aufmerksamkeit

d) Regelung des Schlaf­


Wach­Rhythmus

26
Nicht immer ganz einfach –
Die Diagnose
In Deutschland richten sich die Der Schweregrad einer Depression
Ärzte bei der Diagnose in der Re­ wird durch die Anzahl der Haupt­
gel nach einem Fragenkatalog, der und Nebensymptome bestimmt,
von der Weltgesundheitsorganisa­ unter welchen der Betroffene seit
tion (WHO) entwickelt wurde. mindestens zwei Wochen leidet;
das heißt, je mehr Symptome über
Um die Diagnose Depression fest­ zwei Wochen vorliegen, umso
zulegen, müssen eine bestimmte höher ist der Schweregrad der
Anzahl von Haupt­ und Neben­ Erkrankung.
symptomen sowie weitere Kriterien
vorliegen: Beispiele:

Zu den Hauptsymptomen Eine leichte Depression liegt


gehören: dann vor, wenn mindestens zwei
Hauptsymptome und zusätzlich
• Gedrückte Stimmung wenigstens zwei Nebensymptome
• Verlust an Interesse/Freude vorliegen.
• Verminderter Antrieb
Treten zwei Hauptsymptome und
Zu den Nebensymptomen drei Nebensymptome auf, liegt
gehören: eine mittelgradige Depression vor.

• Konzentrieren fällt schwer Treten alle drei Hauptsymptome


• Vermindertes Selbstwertgefühl und wenigstens vier Neben­
• Schuldgefühle symptome auf, kann von einer
• Gehemmtes oder getriebenes schweren Depression ausgegan­
Verhalten gen werden.
• Wunsch, aus dem Leben
zu scheiden
• Schlafstörungen
• Appetitstörungen

27
Der Wohlfühltest der Welt- einen ersten Hinweis bekommen,
gesundheitsorganisation ob bei Ihnen möglicherweise eine
(WHO): Depression vorliegt. Falls Sie schon
einmal eine Depression durchlebt
Falls Sie sich unsicher fühlen, ob haben, lohnt es sich, im Sinne der
Sie tatsächlich unter einer Depres­ Früherkennung den Test alle drei
sion leiden, können Sie mithilfe des Monate (pro Quartal) durchzuführen.
einfachen Wohlfühltests zumindest

Der Wohlfühltest gibt eine mögliche Depression zu erkennen.


Die fünf Fragen decken die Bereiche Stimmung (gute Laune, Entspannung),
Vitalität (Aktivität, frisch und ausgeruhtes Aufwachen) und generelle Interes­
sen (Interesse an Aktivitäten) ab.

In den vergangenen mehr weniger


vier Wochen war
ich ... immer oft als die Hälfte der Zeit selten nie

... gut gelaunt 5 4 3 2 1 0


und fröhlich

... ruhig und entspannt 5 4 3 2 1 0

... selbstbewusst und 5 4 3 2 1 0


anerkannt

... morgens frisch und 5 4 3 2 1 0


ausgeruht

... täglich mit sinnvollen


und zielgerichteten 5 4 3 2 1 0
Tätigkeiten beschäftigt

1. Quartal 2. Quartal 3. Quartal 4. Quartal

Datum:

Punkte:

Bewerten Sie jede Frage nur einmal. Am Ende zählen Sie die fünf Zahlen
zusammen. Wenn Sie weniger als 13 Punkte erreichen oder mit einer Ant­
wort im rot markierten Bereich (1 oder 0) liegen, kann eine behandlungbe­
dürftige Depression nicht sicher ausgeschlossen werden. Wir raten Ihnen,
sich an Ihren Arzt zu wenden, um die Notwendigkeit einer Depressionsbe­
handlung abklären zu lassen.
Quelle: WHO-Wohlfühltest

28
Wer den Verdacht hegt, an einer
Depression zu leiden, kann sich Lese-Echo
entweder an seinen Hausarzt oder
gegebenenfalls an einen Facharzt Frage 7:
(Nervenarzt oder Psychiater) wen­
den. Bei der Diagnose einer Depression
wird nach Haupt­ und Nebensymp­
Für den Arzt ist es nicht immer tomen gefragt: Welches sind die
ganz einfach, eine Depression fest­ Hauptsymptome?
zustellen. Schwierigkeiten ergeben
sich vor allem dann, wenn der Pati­ a) Gedrückte Stimmung
ent weniger über seine psychischen
Beschwerden, sondern vermehrt b) Verlust an Interesse/Freude
über körperliche Symptome klagt
(siehe Abbildung 2, Seite 12). Nicht c) Verminderter Antrieb
jeder Arzt denkt sofort an eine
Depression, wenn ein Patient ihm d) Rastlosigkeit
mitteilt, dass er an Darmbeschwer­
den, Müdigkeit, Rücken­ oder Kopf­ Frage 8:
schmerzen leidet. Hinzu kommt,
dass es vielen Menschen schwer­ Welches sind Nebensymptome?
fällt, über seelische Probleme zu
sprechen. Sie fürchten, für „ver­ a) Schuldgefühle
rückt“ oder nicht zurechnungsfähig
gehalten zu werden. b) Verfolgungsideen

Da viele körperliche Erkrankungen c) Wunsch, aus dem Leben zu


tatsächlich auch Symptome einer scheiden
Depression hervorrufen können,
ist eine körperliche Untersuchung d) Appetitstörungen
zum Ausschluss dieser Ursache
notwendig. Die richtigen Antworten finden
Sie auf der Seite 47.

Gut zu wissen

Angst kann sowohl als Teil einer


Depression als auch als eigen­
ständiges Krankheitsbild auftre­
ten. Angstgefühle treten bei bis
zu 70 Prozent der depressiven
Patienten auf. Oftmals geht
eine Angststörung auch in eine
Depression über. Daher sollte
im Rahmen der Diagnose auch
unbedingt untersucht werden,
ob eine Angststörung vorliegt. 29
Ein vielschichtiger Ansatz –
Die Behandlung der Depression
Jeder von einer Depression Betrof­ Welche Behandlung für Sie in Frage
fene kann sich schwer vorstellen, kommt, kann erst dann entschie­
dass es einen Weg gibt, der aus den werden, wenn Ihrem Arzt eine
diesem seelischen Tief wieder genaue Diagnose hinsichtlich Form,
herausführt. Daher gleich zu Anfang Schweregrad und bisherigem Ver­
dieses Kapitels die gute Nachricht, lauf der Depression vorliegt.
dass Depressionen mithilfe moder­
ner Medikamente und psychothera­ Da eine Depression mit einer
peutischer Verfahren behandelbar Funktionsstörung des Gehirns und
sind und die meisten Betroffenen tiefgreifenden Veränderungen des
ihren Lebensmut, Lebensfreude so­ Erlebens und Verhaltens einhergeht,
wie innere Energie zurückgewinnen kann sie erfolgreich sowohl mit
können. Medikamenten (Antidepressiva) als
auch mit psychotherapeutischen
So schwer es Ihnen vielleicht auch Verfahren behandelt werden. Beide
fällt: Die ersten und sicherlich Methoden haben sich in wissen­
wichtigsten Schritte zur Besserung schaftlichen Untersuchungen als
sind, dass Sie sich eingestehen, an wirksam erwiesen.
einer Depression erkrankt zu sein,
ärztliche Hilfe suchen und diese Generell gilt, dass, je nach Schwere­
annehmen. Bedenken Sie, dass eine grad, immer im Einzelfall entschie­
Depression, ähnlich wie Bluthoch­ den werden muss, ob eine Psy­
druck, eine ernst zu nehmende chotherapie, eine medikamentöse
Krankheit ist und keine, wie viele Behandlung oder beide Methoden
Menschen glauben, vorüberge­ kombiniert den meisten Erfolg ver­
hende Befindlichkeitsstörung. sprechen.

Um eine Depression zu behandeln,


stehen verschiedene Methoden zur
Verfügung, die allein oder kombi­
Gut zu wissen
niert angewandt, unterschiedlich
Welches sind die wesentliche
erfolgreich sein können. Weiter ist
Behandlungsziele?
es wichtig zu unterscheiden, ob eine
akute depressive Phase behandelt • Die depressive Episode
werden muss oder ob eine Rückfall verkürzen oder beenden
verhütende Langzeittherapie not­ • Die erreichte Besserung
wendig ist. stabilisieren
• Einen Rückfall verhüten
• Die Selbsttötung (Suizid)
vermeiden
• Aktive Teilnahme am sozialen
Leben, vor allem familiär und
30 beruflich
Psychotherapie Verhaltenstherapie
Die Verhaltenstherapie geht davon
Psychotherapeutische Verfahren aus, dass depressive Gedanken,
sind eine wesentliche Säule bei Gefühle und Handeln die Folgen
der Behandlung einer Depressi­ eines fehlgeleiteten, verzerrten
on. Psychotherapie alleine wird Denkens sind. Im Rahmen der
bei einer leichten bis mittelgradi­ Therapie wird dies dem Patienten
gen Depression empfohlen. Bei bewusst gemacht und schrittweise
schweren Depressionen empfehlen korrigiert. So werden zum Bei­
die Experten eine Kombination spiel passive und zurückgezogene
von Psychotherapie und Medika­ Patienten durch strukturierte Tages­
menten. Psychotherapie kommt und Wochenpläne wieder aktiviert.
auch als Erhaltungstherapie und Durch den Aufbau von Aktivitäten
nach Abklingen der akuten Phase kommt es zu positiven Erlebnissen,
infrage. die wiederum auch die Stimmung
verbessern helfen. Schließlich gilt
Die Psychotherapie beginnt mit es, im Rahmen der Verhaltens­
dem unterstützenden Arztge­ therapie Strategien zu entwickeln,
spräch. Der Arzt klärt in verständ­ um zukünftige Krisen und schwie­
licher Weise auf, vermittelt Zuver­ rige Situationen zu bewältigen.
sicht, entlastet bei Schuldgefühlen
und verlorenem Selbstwertgefühl. Kognitive Verhaltenstherapie
Eine weitere Aufgabe des Arztes Die aus der Verhaltenstherapie
ist es, die Patienten im Rahmen kommende Kognitive Therapie
einer medikamentösen Therapie („cognoscere“, lateinisch für „er­
zu begleiten. Dies ist besonders kennen, erfahren, denken“) wurde
wichtig, weil viele der Betroffenen speziell für die Behandlung der
krankheitsbedingt Schwierigkeiten Depression entwickelt. Im Mittel­
haben, regelmäßig ihr Medikament punkt steht, Depressionen auslö­
einzunehmen. sende Denk­ und Verhaltensmuster
zu erkennen, um sie anschließend
Zu den bewährten psychotherapeu­ schrittweise zu verändern. Fühlen,
tischen Verfahren zählen die Denken und Handeln sind eng
miteinander verwoben. So kann
• Verhaltenstherapie, eine niedergeschlagene Stimmung
• Kognitive Verhaltenstherapie, negative Denkmuster hervorrufen
• Interpersonelle­ und Tiefen­ (zum Beispiel: „Ich bin nichts wert“),
psychologische Psychotherapie. die wiederum Antriebsmangel und
sozialen Rückzug zur Folge haben.
Welche Methode am besten ge­ Die Therapie soll den Kreislauf von
eignet ist, richtet sich nach den niedergeschlagener Stimmung,
Bedürfnissen des Patienten und negativem Denken und Passivität
dem bisherigen Verlauf der Erkran­ durchbrechen und im positiven
kung. Die Verfahren bieten sowohl Sinne verändern. Wie schnell die
Psychiater als auch klinische Psy­ Therapie wirkt, hängt ganz vom
chologen an.
31
Schweregrad der Erkrankung ab Tiefenpsychologische Psycho-
und ist daher individuell sehr ver­ therapie
schieden. Mit aktiven Übungen in Die Tiefenpsychologische Psycho­
Form von „Hausaufgaben“ berichten therapie geht davon aus, dass eine
betroffene Patienten jedoch in der Depression vor allem dann entsteht,
Regel recht bald, dass die depres­ wenn durch ungelöste Konflikte
siven Symptome nachlassen. das Verhältnis zu nahestehenden
Personen belastet wird. Die Thera­
Die Kognitive Verhaltenstherapie pie konzentriert sich daher auch auf
ist keine Kassenleistung. den zwischenmenschlichen Bereich,
beispielsweise darauf, dass aktuelle
Interpersonelle Psychotherapie Konflikte und deren Folgen für die
Der Schwerpunkt der Interperso­ sozialen Beziehungen bearbeitet
nellen Psychotherapie (IPT) liegt werden. Der Therapeut unterstützt,
darin, in andauernden, belastenden indem er zuhört, akzeptiert, Hoff­
Lebenssituationen Konflikte aufzu­ nung vermittelt und bei der Über­
decken und zu bearbeiten. windung der Depression hilft. Ihre
Wirksamkeit ist wissenschaftlich
Hierzu gehören Konflikte, die sich nicht so gut belegt wie die anderen
aus zwischenmenschlichen Bezie­ genannten Verfahren.
hungen (zum Beispiel Trennung,
Partnerschaftskonflikten oder der Eine Tiefenpsychologische Psycho­
Pflege eines Angehörigen) oder aus therapie darf nur nach Abklingen
Veränderungen der Lebenssituation der Akutsymptomatik angewandt
ergeben (zum Beispiel Arbeitslosig­ werden.
keit).

Durch Gespräche mit dem Thera­


peuten werden aktuelle Lebens­
probleme des Betroffenen erörtert,
die im Zusammenhang mit der
Depression stehen könnten. In
mehreren Sitzungen erlernt der
Betroffene soziale Fertigkeiten,
die ihm helfen, mit den Schwierig­
keiten in seinem sozialen Umfeld
besser umzugehen. Gleichzeitig
wird gezielt an den depressiven
Symptomen gearbeitet, indem er
in den Gesprächen Entlastung und
Hoffnung erfährt.

Die Interpersonelle Psychotherapie


ist keine Kassenleistung.

32
Medikamentöse Behandlung Gut zu wissen
Vor der Behandlung mit Medi­ Bei der Einnahme von Antide­
kamenten sollten Sie von Ihrem pressiva können Sie erst nach
Arzt über Wirkweise, Dosierung, zwei bis vier Wochen (Akutbe­
mögliche Nebenwirkungen und handlung) mit einer allmählichen
Behandlungsdauer aufgeklärt wor­ Linderung der depressiven Symp­
den sein. Auch sollten Sie wissen, tome rechnen. Wichtig ist, dass
dass nicht jedes Medikament bei sie in genügend hoher Dosierung
allen Patienten gleich wirksam ist. und für einen ausreichend langen
In verschiedenen Studien konnte Zeitraum eingenommen werden.
nachgewiesen werden, dass im­
merhin bei etwa 50 bis 70 Prozent Viele Patienten, denen es allmäh­
der mit einem Antidepressivum lich besser geht, vernachlässigen
behandelten Patienten die Thera­ leider allzu oft die Medikamenten­
pie erfolgreich verlaufen ist. Das einnahme. Da aber die Genesung
bedeutet, dass bei einigen Betrof­ zu diesem Zeitpunkt meist noch
fenen, bei denen das verschriebene nicht vollständig abgeschlossen
Medikament nur unzureichend ist, birgt das Absetzen des Medi­
wirkt, gegebenenfalls ein anderes kamentes ein hohes Rückfallrisi­
alternativ verordnet werden muss. ko. Ganz besonders ist vor einem
plötzlichen Absetzen zu warnen.
Inwieweit Antidepressiva bei leich­
teren Depressionen eine Wirksamkeit Antidepressiva machen nicht
besitzen, die über den Placeboeffekt süchtig! Süchtig machen nur
hinausgeht, ist in den vergangenen die Substanzen, die schnell
Jahren heftig diskutiert worden. wohltuend wirken, wie zum
Placebos sind Scheinmedikamente Beispiel Schmerzmittel, Alkohol
ohne Wirkstoff, die aber dennoch oder einige Beruhigungsmittel
bei einigen Patienten die Symptome (zum Beispiel Valium). Da bei
beeinflussen können. Inzwischen Antidepressiva erst nach circa
hat sich die Meinung durchgesetzt, zwei bis vier Wochen die Wir­
dass leichtere Depressionen nicht kung langsam eintritt, ist eine
von vornherein mit Antidepressiva Sucht ausgeschlossen.
behandelt werden sollten. Das Risiko
möglicher Nebenwirkungen sollte bei
leichten Depressionen nicht einge­
gangen werden.

33
Eine Depression beginnt schlei­ An die Akutbehandlung schließt sich
chend. Über Tage und Wochen die Erhaltungstherapie an, die etwa
hinweg verschlechtert sich die sechs Monate andauert. In dieser
allgemeine Grundstimmung. Le­ Zeit geht es darum, den ersten
bensfreude und innerer Antrieb Behandlungserfolg zu stabilisie­
lassen auffällig nach. Unbehandelt ren und die Therapie mit gleichem
verbleibt der Betroffene in diesem Medikament und gleicher Dosis bis
Stimmungstief. zur vollständigen Symptomfreiheit
fortzusetzen (siehe Abbildung 11).
Die Akutbehandlung dauert circa Treten während dieser Phase wieder
zwei bis vier Wochen. Etwa so lange depressive Symptome auf, spricht
dauert es auch, bis die Antidepres­ man von einem Rückfall. Beson­
siva wirken und die depressiven ders anfällig für einen Rückfall sind
Symptome allmählich nachlassen. Patienten, die bereits zwei oder
Dieser langsame Wirkeintritt hängt mehr depressive Episoden innerhalb
unter anderem damit zusammen, der vergangenen fünf Jahre erlitten
dass sich die Funktionsstörung der haben.
Botenstoffe (siehe Seite 24) nur sehr
langsam normalisiert. Da wir aber Besteht ein hohes Risiko für einen
gewohnt sind, dass Tabletten (zum Rückfall, sollte vorbeugend eine
Beispiel gegen Kopfschmerzen) in Langzeitbehandlung, über mehrere
der Regel schnell wirken, erfordert Jahre, eingeleitet werden.
die verzögerte Wirkung der Antide­
pressiva immer etwas Geduld.

Gesund

Rückfall? Rückfall?

Allmähliche
Besserung
Unbehandelter Verlauf
Krank

Akutbehandlung Erhaltungstherapie Langzeittherapie


2 bis 4 Wochen 4 bis 6 Monate Monate bis Jahre

Abbildung 11
Die Abbildung zeigt einen möglichen Verlauf und die drei Behandlungsabschnitte einer depressiven
Episode: Akutbehandlung, Erhaltungstherapie sowie Langzeittherapie

34
Die Medikamente im Einzelnen Meinung der meisten Wissenschaft­
ler, dass der gestörte Informations­
Im Hinblick auf die Verbesserung austausch an den Kontaktstellen
der Symptome unterscheiden sich der Nerven wieder behoben wird
die Medikamente der einzelnen (siehe Seite 24). Die Medikamente
Wirkstoffgruppen nicht wesentlich. unterstützen hierbei die Funktion der
Wichtige Unterschiede bestehen Botenstoffe (zum Beispiel Serotonin
jedoch im Wirkmechanismus, der oder Noradrenalin), indem sie deren
Wirkdauer und den Nebenwir­ Konzentration an den Kontaktstellen
kungen. der Nerven (siehe Abbildung 12b) in
unterschiedlicher Weise erhöhen.
Ein wichtiger Ansatzpunkt in der
Wirkung der Antidepressiva ist nach

Erkrankt Behandelt

Botenstoffmangel Botenstoffmangel behoben

Abbildung 12a und 12b


Die medikamentöse Therapie zielt generell darauf ab, einen vermuteten Botenstoffmangel (12a) an
den Kontaktstellen der Nerven wieder aufzuheben (12b). Hierdurch wird die gestörte Funktion lang-
sam wieder normalisiert

Anmerkung:
„Alles, was wirkt, hat Nebenwirkungen“, ist ein Spruch unter Pharma­
kologen. Medikamente, die oral (über Mund/Magen), intramuskulär (in
den Muskel mittels Spritze) oder intravenös (in die Vene mithilfe einer
Infusion) in das Blut gelangen, werden im gesamten Körper verteilt.
Das heißt, dass sie auch außerhalb der erkrankten Region wirken
können. Treten Nebenwirkungen auf, sind sie in der Regel vorüberge­
hend und meist harmlos. Falls Sie dennoch mit bestimmten Nebenwir­
kungen nicht zurechtkommen, informieren Sie bitte Ihren Arzt. Er wird
gegebenenfalls die Dosierung ändern oder Ihnen alternativ ein für Sie
besser verträgliches Medikament aussuchen.

35
Die Wirkung der nachfolgenden Wer diese Medikamente einnimmt,
Wirkstoffgruppen ist durch wissen­ sollte auf jeden Fall – besonders zu
schaftliche Studien nachgewiesen. Beginn der Behandlung – in engem
Die dabei aufgeführten Nebenwir­ Kontakt mit seinem behandelnden
kungen sind nur eine Aufzählung der Arzt stehen. Der Patient sollte ihn
häufigsten und wichtigen uner­ sofort insbesondere über innere
wünschten Begleiterscheinungen. Unruhezustände oder gar Selbsttö­
tungsgedanken informieren.
Selektive Serotonin-Rückauf-
nahmehemmer (SSRI) Soll die Behandlung mit dieser
Diese Medikamente steigern gezielt Medikamentenart beendet werden,
die Konzentration des Botenstoffes muss bei langem Anwenden die
Serotonin an den Kontaktstellen der Dosis über mehrere Wochen lang­
Nerven und verbessern so deren sam reduziert werden. Dieses Aus­
Signalaustausch. Die SSRI sind eine schleichen verhindert weitere Ne­
neue Wirkstoffgruppe im Vergleich benwirkungen, die bei zu schnellem
zu den früher ausschließlich verord­ Absetzen auftreten können. Dazu
neten NMSRI (siehe Seite 37). Sie zählen zum Beispiel Kribbeln,
unterscheiden sich zu den NMSRI Schwindel, Kopfschmerzen und
durch andere mögliche Nebenwir­ Übelkeit.
kungen.
Selektive Serotonin- und/oder
Nebenwirkungen: Noradrenalin-Rückaufnahme-
Nebenwirkungen äußern sich hemmer (SSNRI)
häufig in Form von Übelkeit und Diese Antidepressiva wirken in
Kopfschmerzen. Bei Behandlungs­ zweifacher Weise, indem sie die
beginn können Unruhe, Schlaf­ Funktion zweier Botenstoffe,
losigkeit und Angstzustände nämlich die des Serotonin und des
auftreten. Weiter kann die sexuelle Noradrenalin, unterstützen. Diese
Funktion beeinträchtigt und das Medikamente sind sogenannte
Blutungsrisiko erhöht sein. Gerade duale Antidepressiva. Wie auch
Letzteres ist besonders wichtig, bei den anderen Antidepressiva
wenn eine Operation bevorsteht. wird hier die Konzentration dieser
Botenstoffe an den Kontaktstellen
Im Zusammenhang mit den oben der Nerven erhöht und damit deren
genannten Unruhezuständen wur­ Informationsaustausch verbessert.
den bei einigen wenigen Patienten
unter SSRI verstärkt lebensmüde Nebenwirkungen:
(suizidale) Gedanken beobachtet, Diese Medikamentengruppen ha­
insbesondere bei Kindern und ben ähnliche Nebenwirkungen wie
Jugendlichen. Für Erwachsene lässt die SSRI. Benommenheit, Übel­
sich ein solches Risiko anhand der keit oder Schlafstörungen und ein
vorliegenden Untersuchungen ge­ dosisabhängiger Blutdruckanstieg
genwärtig nicht sicher bestätigen. sind möglich. Bei Männern können
auch Probleme beim Wasserlassen
auftreten.
36
Nichtselektive Monoamin- MAO-Hemmer
Rückaufnahme-Inhibitoren Eine weitere Gruppe von Anti­
(NSMRI) depressiva bilden die Mono­
Hinter diesem komplizierten Namen aminoxidase­Hemmstoffe, auch
stehen Antidepressiva, die schon MAO­Hemmer genannt. Diese
länger auf dem Markt sind. Auf­ Wirkstoffgruppe hemmt den na­
grund ihrer chemischen dreifachen türlichen Abbau von Serotonin und
Ringstruktur werden sie auch als Noradrenalin und unterstützt damit
trizyklische (tri = 3) Antidepressiva, die Signalübertragung an den Kon­
kurz TZA, bezeichnet. Sie wirken taktstellen der Nerven.
ähnlich wie die oben beschriebenen
SSNRI, indem sie, je nach Medika­ Nebenwirkungen:
ment, die Funktion der Botenstoffe Bei MAO­Hemmern mit relativ
Serotonin und Noradrenalin in kurzer Wirkung treten nur wenige
unterschiedlichem Ausmaß ver­ Nebenwirkungen auf, wie zum Bei­
bessern. Einige dieser Antidepres­ spiel Mundtrockenheit. Bei MAO­
siva wirken mehr über Serotonin, Hemmern mit längerer Wirkdauer
andere mehr über Noradrenalin hingegen können auch Abbaupro­
beziehungsweise über beide Bo­ zesse in Gang gesetzt werden, die
tenstoffsysteme. Zusätzlich wirken deutlich mehr Nebenwirkungen er­
sie jedoch noch auf weitere Bo­ zeugen. Daher sollte bei Einnahme
tenstoffsysteme, was ihr anderes dieser Medikamente zum Beispiel
Nebenwirkungsrisiko erklärt. auf Käse und Rotwein verzichtet
werden, da sonst massive Blut­
Nebenwirkungen: druckveränderungen (Anstieg oder
Im Vergleich zu neueren Antide­ Abfall) auftreten können. Daher
pressiva hat diese Substanzgruppe werden diese nur selten bei ambu­
andere unerwünschte Begleiter­ lanten Patienten verordnet.
scheinungen. Besonders zu beo­
bachten sind Nebenwirkungen, die In Kombination mit SSRI oder
das Herz­Kreislauf­System betref­ NSMRI dürfen MAO­Hemmer nicht
fen. Hierzu zählen Blutdruckabfall eingenommen werden. Es besteht
und Schwindel. Die Herzfunktion die Gefahr eines Serotoninüber­
sollte regelmäßig mittels eines Elek­ schusses, welcher lebensbedroh­
trokardiogramms (EKG) überwacht lich sein kann.
werden, sowohl zu Beginn als auch
während der Behandlung. Weitere
Nebenwirkungen können Mundtro­
ckenheit, Verstopfung oder Sehstö­
rungen sein.

37
Alpha-2-Antagonisten manche Arzneimittel ihre Wirkung
Alpha­2­Antagonisten erleich­ auch verstärken. Das bekannteste
tern vor allem die Freisetzung der Beispiel sind hier die Blut verdün­
Botenstoffe Noradrenalin bezie­ nenden Medikamente, zum Beispiel
hungsweise Serotonin durch eine Abkömmlinge des Wirkstoffes
Blockade sogenannter Alpha­2­ Cumarin.
Rezeptoren, die wiederum die
Ausschüttung von Noradrenalin Lithium
beziehungsweise Serotonin hem­ Eine Sonderrolle spielt das Lithium.
men. Dies ist ein mehr indirekter Lithiumsalze haben vielfältige Wir­
Weg, um die Funktionsstörung an kungen auf biologische Prozesse
den Kontaktstellen der Nerven zu in der Zelle. Therapeutisch wird es
verbessern. vor allem bei manischen Episoden
innerhalb einer Bipolaren Störung
Nebenwirkungen: eingesetzt (siehe Seite 14). Es kann
Neben Müdigkeit und Mund­ aber auch bei einer Unipolaren
trockenheit ist längerfristig eine Depression, bei mangelnder Wirk­
Gewichtszunahme beobachtet samkeit eines Antidepressivums,
worden. zusätzlich als „Wirkungsverstärker“
gegeben werden. Vor allem wird
Pflanzliche Antidepressiva es vorbeugend gegen das Wie­
Unter den pflanzlichen Antide­ derauftreten sowohl manischer als
pressiva zeigen nur Johannis­ auch depressiver Phasen (inklusive
krautextrakte in wenigen wissen­ Selbsttötungsversuche) eingesetzt.
schaftlichen Studien eine gewisse
Wirkung bei leichten und mittelgra­ Nebenwirkungen:
digen Depressionen. Auf welche Mögliche unerwünschte Wir­
Weise Johanniskraut wirkt, ist nicht kungen sind unter anderem Zittern,
bekannt. Bei schweren Depres­ Durchfälle und eine beeinträchtigte
sionen sollte es auf keinen Fall Schilddrüsenfunktion. Eine Beson­
angewandt werden. derheit der Lithiumbehandlung ist,
dass sie über eine regelmäßige
Nebenwirkungen: Kontrolle der Lithiumkonzentration
Es kann möglicherweise zu einer er­ im Blut gesteuert werden muss.
höhten Lichtempfindlichkeit der Haut Daher sind bei dieser Therapie re­
kommen, eine sogenannte Photo­ gelmäßige Blutabnahmen notwen­
toxizität sowie zu allergischen Haut­ dig, um die Lithiumkonzentration
reaktionen. Diese Medikamente zu bestimmen.
weisen zudem starke Wechselwir­
kungen mit anderen Arzneimitteln
auf, teilweise mit schwerwiegenden
Folgen. So können orale Verhü­
tungsmittel wie die Antibabypille
nicht wirken. Zusätzlich können

38
Weitere Verfahren zur Behand- Schlafentzug (Wachtherapie)
lung einer Depression Die Wachtherapie ist vor allem für
Patienten geeignet, die unter einem
Neben den Antidepressiva und der ausgesprochenen Morgentief leiden.
Psychotherapie gibt es zusätzliche Auch bei mäßiger Medikamenten­
Maßnahmen, die bei geeigneten wirkung kann eine Wachtherapie
Patienten Symptome lindern hel­ durchaus auf eine Therapie verstär­
fen. Dazu zählen die Lichttherapie, kend wirken.
der therapeutische Schlafentzug
und die Elektrokrampftherapie. Bei der Wachtherapie, die meist
stationär durchgeführt wird, bleibt
Lichttherapie der Patient eine ganze Nacht und
Bei der seltenen, saisonal be­ den darauf folgenden Tag wach.
dingten sogenannten Winterde­ Selbst ein kurzes Nickerchen ist
pression kann Licht als Thera­ nicht gestattet. Der Schlafentzug
pieverfahren eingesetzt werden. wird im Allgemeinen mit anderen
Der Patient schaut täglich für 30 Verfahren kombiniert. Der Grund:
bis 40 Minuten in eine Lichtquelle Die Symptome der Depression
von 2.500 bis 10.000 Lux. Lux ist können zwar gelindert werden,
eine Maßeinheit für Helligkeit. Ein sodass sich der Patient besser
Vergleich: Ein Spaziergang bie­ fühlt. Dieser Zustand hält allerdings
tet im Sommer circa 10.000 Lux, nur ein oder zwei Tage an. Wie­
hingegen an einem bewölkten derholter Schlafentzug kann den
Wintertag nur 2.500 Lux. Etwa Effekt jedoch stabilisieren. Für viele
500 Lux wird durch die Beleuch­ Betroffene jedenfalls ist es eine
tung in einem Zimmer gespendet. ermutigende Erfahrung, dass sich
Nachgewiesen ist, dass auch durch diese einfache Maßnahme
über den Sehnerv der Schlaf­ eine Depression, zumindest kurz­
Wach­Rhythmus angeregt sowie fristig, durchbrechen lässt.
der Botenstoff Serotonin ausge­
schüttet wird. Ein Spaziergang an Elektrokrampftherapie (EKT)
einem sonnigen Wintertag bietet Diese Therapieform wird nur bei
allerdings in unseren Breitengraden schwer depressiven Patienten
eine vergleichbare Lichtzufuhr, angewandt, bei denen sich alle
wie die Lichttherapie sie einsetzt. anderen Maßnahmen als wirkungs­
Zudem bedeutet ein Spaziergang los erwiesen haben. In Kurznarkose
zusätzlich noch Bewegung und wird durch einen Stromimpuls ein
frische Luft. Höhensonnen, nor­ künstlicher Krampfanfall ausgelöst.
male Zimmerlampen oder andere Durch diese moderne, schonende
Leuchten können die spezifischen Technik sind die Nebenwirkungen
Lichttherapiegeräte nicht ersetzen. gering; acht bis zwölf Anwendungen
im Abstand von zwei bis drei Tagen
Die Lichttherapie gehört in sind meist ausreichend. Neben dem
Deutschland jedoch nicht zum allgemeinen Narkoserisiko sind als
Leistungsumfang der gesetzlichen
Krankenkassen.
39
unerwünschte Nebenwirkungen vo­ Die EKT wird in Deutschland nur im
rübergehende Gedächtnisstörungen Rahmen einer Krankenhausbehand­
zu erwähnen. Viele schwer depres­ lung durchgeführt.
sive Patienten empfinden dieses
Verfahren dennoch als sehr hilfreich.

Lese-Echo

Frage 9: Frage 11:

Welche Therapieformen werden Worin unterscheiden sich die ver­


vorrangig bei einer Depression schiedenen Antidepressiva?
eingesetzt?
a) In der Linderung der Symptome
a) Lichttherapie
b) In den Nebenwirkungen
b) Psychotherapie
c) In der Wirkweise
c) Medikamentöse Therapie
Die richtigen Antworten finden
d) Wachtherapie Sie auf Seite 47.

Frage 10:

Wie lange muss im Allgemeinen


ein Antidepressivum eingenommen
werden, bis die depressive Stim­
mung sich aufhellt?

a) Zwei bis vier Tage

b) Ein bis zwei Wochen

c) Zwei bis vier Wochen

d) Vier bis sechs Wochen

e) Zwei bis vier Monate

40
Behandlungserfolg in Ihren Händen –
Therapietreue
Der Erfolg der Behandlung hängt Tipp: Haben Sie Geduld. Stellen
maßgeblich von Ihrer Bereitschaft Sie sich darauf ein, dass es einige
und Ihrer Fähigkeit ab, von Anfang Wochen, vielleicht auch Monate,
an konsequent an der vereinbarten dauert, bis alle Symptome ver­
Therapie festzuhalten. Das ist oft schwunden sind. Vertrauen Sie
leichter gesagt als getan, weil sich sich einem Angehörigen oder
verschiedene „Therapie­Hürden“ Freund an. Er kann Sie unterstüt­
in den Weg stellen, die es vielleicht zen, Sie an die tägliche Medikation
auch Ihnen schwer machen, der erinnern und auch motivieren, Ihre
Therapie die Treue zu halten. Tabletten regelmäßig einzunehmen
oder zur Psychotherapie zu gehen.
Die Therapie-Hürden
Es ist wichtig, dass Sie aktiv blei­
Gelähmter Wille ben, auch wenn Sie sich niederge­
Eine Depression ist meist mit einer schlagen fühlen und Ihre Lebens­
Art Sinnentleerung verbunden, freude verloren haben. Wenn Sie
die den Betroffenen lähmt, sei­ sich völlig abkapseln, den ganzen
nen Alltag in gewohnter Weise zu Tag im Bett oder auf der Couch
bewältigen. Morgens aufzustehen, liegen, wird auch das Gehirn träge
sich zu pflegen, die Wohnung für und verstärkt damit die Depression.
Einkäufe und Erledigungen zu Auch hier können verständnisvolle
verlassen, wird in der akuten Phase Angehörige und Freunde helfen.
von vielen Betroffenen als eine fast Versuchen Sie gemeinsam einen für
unüberwindliche Hürde empfunden. Sie zumutbaren Tages­ oder Wo­
In dieser Gefühlslage kann auch chenplan auszuarbeiten. Beginnen
das Wahrnehmen der vereinbarten Sie mit kleineren Dingen, wie zum
Gesprächstermine beim Arzt oder Beispiel täglich spazieren zu gehen.
Psychotherapeuten und das regel­ Je aktiver Sie sind, umso wohler
mäßige Einnehmen einer Tablette werden Sie sich fühlen und gleich­
als schwierig empfunden werden, zeitig feststellen, dass sich Ihre
zumal die Wirkung der Antidepres­ Stimmung und Ihr Allgemeinbefin­
siva erst nach zwei bis vier Wochen den schrittweise bessern.
spürbar wird. Auch die Psychothe­
rapie benötigt eine gewisse Zeit, bis
eine erste Besserung eintritt.

41
Angst vor den Medikamenten Mit Blick auf die Langzeittherapie
Viele Patienten scheuen die Ein­ sollten Sie bedenken, dass sich
nahme von Medikamenten; sei es Ihre Depression über viele Monate
aus der Angst vor Nebenwirkungen schleichend und langsam entwickelt
oder der Befürchtung, dass Medi­ hat. Der Gesundungsprozess dauert
kamente, die auf die Psyche wirken ebenso lange. Wird die Therapie
(Psychopharmaka), diese verändern aber eigenständig, ohne ärztliche
können und süchtig machen. Rücksprache, abgebrochen, droht
die Gefahr eines Rückfalls. Dies
Diese Befürchtungen sind unbe­ gilt besonders für den Abbruch der
gründet. Die heute eingesetzten Medikamenteneinnahme.
Medikamente wurden in verschie­
denen wissenschaftlichen Studien „Ich fühle mich wieder gesund“
umfangreich in Bezug auf ihre Si­ Gerade dann, wenn Sie sich
cherheit und Wirksamkeit getestet. besser fühlen oder die Symptome
Die Studien weisen nach, dass weitgehend verschwunden sind,
Antidepressiva weder süchtig noch besteht die Gefahr, dass Sie da
abhängig machen und auch die und dort eine Tablette auslassen
Persönlichkeit nicht verändern. beziehungsweise vergessen oder
die Einnahme bewusst gänzlich
Auch moderne Antidepressiva ha­ einstellen. Geschieht dies zu früh
ben Nebenwirkungen, die aber gut und ohne Rücksprache mit Ihrem
bekannt und oft vorübergehender Arzt, erhöht sich das Risiko, erneut
Natur sind. Falls Sie bestimmte Be­ depressiv zu werden. Falls Sie sich
gleiterscheinungen nicht tolerieren völlig gesund fühlen, sollten Sie da­
können, sollten Sie unbedingt Ihren her mit Ihrem Arzt besprechen, ob
Arzt ansprechen; Gleiches gilt für eine schrittweise Verringerung der
unerwartete Nebenwirkungen. Er Dosis zu diesem Zeitpunkt schon
wird dann mit Ihnen zusammen vertretbar ist.
entscheiden, ob auf ein Medika­
ment mit einem anderen Wirkstoff Stellen Sie sich darauf ein, dass die
umgestellt werden kann. Behandlung einer ersten depres­
siven Episode ungefähr ein halbes
Langzeittherapie bis zu einem ganzen Jahr dauern
Täglich über Monate oder auch wird. Bei Patienten, die schon
Jahre hinweg regelmäßig Tabletten Rückfälle erlitten haben, muss eine
einzunehmen oder psychotherapeu­ Therapie, sei es medikamentös oder
tische Gespräche zu führen, gelingt psychotherapeutisch, oft über Jahre
nur dann, wenn Sie vom Nutzen durchgeführt werden (Langzeitthera­
überzeugt sind. pie; siehe Abbildung 11, Seite 34).

42
„Nicht darüber reden können“
Gut zu wissen In unserer Leistungsgesellschaft
schämen sich viele Patienten zu­
Durch regelmäßiges Bewegen zugeben, dass sie depressiv sind.
hellen Sie die Stimmung auf. Das heißt, dass viele Betroffene
Strengen Sie sich körperlich nicht über die Erkrankung spre­
etwas an, so wird Ihr Gehirn chen und sich nicht trauen, sich
stimuliert und es wird wacher. über ärztliche Hilfe zu informieren.
Nehmen Sie, am besten mit an­
deren gemeinsam, die Aktivitäten Tipp: Gehen Sie in Ihrem engeren
auf, die Sie früher einmal gerne Familien­ und Freundeskreis offen
unternommen haben – wie zum mit Ihrer Krankheit um und spre­
Beispiel Spazierengehen, Walken, chen Sie darüber. Ihre Schweig­
Radfahren oder Schwimmen. Ver­ samkeit und Zurückgezogenheit
suchen Sie Ihre sozialen Kontakte wird sonst möglicherweise dahin­
wieder aufzufrischen, auch das gehend falsch interpretiert, dass
regt an: Tun Sie den ersten Schritt Sie mit Ihrer Familie oder Ihren
und rufen einen Freund oder eine Freunden nichts mehr zu tun haben
Freundin an und verabreden sich möchten. Je offener Sie aber mit
für gemeinsame Aktivitäten ohne Menschen Ihres Vertrauens über
jeden Leistungsdruck. Der gut Ihre Depression sprechen, umso
gemeinte Rat, „sich mal zusam­ mehr Verständnis und Hilfe wird
menzureißen“ oder „mal auszu­ Ihnen sicherlich entgegengebracht.
spannen“ sind keine Hilfe. Auch wird es Ihnen leichter fallen,
die Therapie einzuhalten, wenn Sie
diese nicht verstecken müssen.

43
Gemeinsam aus der Krise –
Die Rolle der Angehörigen
Eine Depression kann eine Part­ In kleinen Schritten aktivieren
nerschaft und die Familie in erheb­ Eine wesentliche Aufgabe des
lichem Umfang belasten. Angehörigen ist es, dem Pati­
Gesunde Menschen, die selbst enten Hoffnung zu geben und ihn
noch keine Depression durchlebt in kleinen Schritten zu aktivieren.
haben, können sich in keiner Weise Dies wird unter Umständen nicht
vorstellen, was es bedeutet, depres­ ganz einfach sein, weil es dem
siv zu sein. Im Gegenteil, vielfach Patienten nicht am Wollen, sondern
bekommen die Erkrankten zu hören, am Können mangelt. Auch hier ist
sie sollten sich gefälligst nicht so Ihre Geduld gefragt. Unternehmen
hängen lassen oder sich endlich Sie gemeinsam Dinge, die zunächst
zusammenreißen. Da depressiven mit nur wenig Aufwand verbunden
Menschen genau dies nicht möglich sind und spenden Lob, wenn es
ist, werden mit solchen Aussagen geklappt hat. Ermutigen Sie ihn
Schuldgefühle verstärkt und das zum Beispiel, wenigstens eine
ohnehin geschwächte Selbstwertge­ kleine Strecke spazieren zu gehen,
fühl noch mehr geschädigt. Musik zu hören oder ein Museum,
Theater oder Kino zu besuchen.
Verstehen können Empfehlenswert sind vor allem
Es ist zunächst wichtig, Verständnis die Aktivitäten, die ihm bereits vor
für den Zustand des Betroffenen der Erkrankung Freude und Spaß
zu entwickeln. Zunächst gilt es zu bereitet haben.
verstehen, dass eine Depression
keine vorübergehende Befindlich­ Achtung: Wenig hilfreich, sogar
keitsstörung ist, sondern eine sehr gefährlich ist es, einem Depressiven
ernst zu nehmende Krankheit. Es zu einem Ortswechsel, zum Beispiel
ist daher sehr wichtig, dass Sie sich im Rahmen einer Urlaubsreise, zu
als Angehöriger umfangreich über raten. Der Wechsel der gewohnten
das Wesen einer Depression und Umgebung verstärkt meist nur die
die Behandlung informieren. Hierzu depressive Symptomatik.
gehört auch, dass Sie Ihren Ange­
hörigen bei den Arztbesuchen, so Positive Gesprächsführung
oft es geht, begleiten. Wenn Sie sich Bieten Sie dem Betroffenen immer
ausreichend aufgeklärt fühlen, sind wieder entlastende Gespräche an;
Sie besser in der Lage, Ihren Ange­ am besten verbunden mit einem
hörigen oder Freund geduldig und Spaziergang in schöner Umgebung.
nachsichtig zu begleiten. Bedenken Zeigen Sie dabei Verständnis für
Sie auch immer, dass selbst eine dessen schwierige Situation und
behandelte Depression im Mittel vier Gefühle von Hilflosigkeit. Versichern
Monate andauert. Sie dem Angehörigen oder Freund,
dass er sich auf Sie verlassen kann
44
und Sie ihn im Rahmen der The­ überfordert und der Belastung
rapie unterstützen. Geben Sie nicht mehr gewachsen sind. Für
Hoffnung, dass er nach der Be­ diese schwer erkrankten Patienten
handlung wieder ganz „der Alte“ sollte eine professionelle Behand­
sein wird. Seien Sie nicht frustriert, lung in einem dafür spezialisierten
wenn der Betroffene in diesen Krankenhaus in Erwägung gezo­
Gesprächen Ihnen immer wieder gen werden. Ganz besonders gilt
mit seinen negativen Gedanken dies, wenn der Patient Selbsttö­
begegnet. Haben Sie Geduld. tungsabsichten in jedweder Form
äußert. Nehmen Sie dies immer
Therapietreue fördern sehr ernst, auch wenn er schon
Vielen Patienten fällt es schwer, häufiger darüber gesprochen hat.
täglich über einen langen Zeitraum
hinweg Medikamente einzuneh­
men. Da aber Antidepressiva
(siehe ab Seite 35) die Symptome
lindern können, sollten Sie Ihren
Angehörigen oder Freund unter­
stützen, das Medikament regel­
mäßig einzunehmen. Auch dann,
wenn es ihm schon wesentlich
besser geht, achten Sie bitte mit
darauf, dass die Tabletten weiterhin
regelmäßig eingenommen werden
(siehe Seite 42). Ebenso sollten
Sie den Patienten ermuntern, die
Gesprächstermine beim Psycho­
therapeuten wahrzunehmen.

Sich selbst entlasten


Einen depressiven Menschen
zu versorgen oder zu begleiten,
ist bisweilen sehr belastend. Sie
können aber nur dann ein starker
Partner sein, wenn Sie sich immer
wieder selbst „Pausen“ und einen
gewissen Abstand zum Erkrank­
ten gönnen. Gehen Sie, ohne ein
schlechtes Gewissen zu haben,
mit Freunden aus, treiben Sport
oder verfolgen weiter Ihre Hobbys.
Gelegentlich können Depressive
aber in ihrer Stimmung und ihrem
Antrieb so schwer beeinträchtigt
sein, dass Partner und Familie

45
Antworten zum Lese-Echo
Frage 1: mehrfach im Leben auftreten und
Antwort c ist richtig. mehrere Wochen oder Monate
andauern.
Gedanken, mit der „seelischen
Talfahrt“ endlich Schluss machen Frage 4:
zu wollen, müssen Sie, auch wenn Antworten b und d sind richtig.
sie nur kurz auftauchen, sehr
ernst nehmen. Bitte vertrauen Sie Wissenschaftler gehen heute davon
sich in diesem Fall unbedingt dem aus, dass bei einer Depression in
Menschen an, der Sie Ihrer Mei­ erster Linie die Nervenbahnen eine
nung nach am besten aus der Kri­ Funktionsstörung haben, welche
se führen kann. Das kann Ihr Arzt, die Botenstoffe Serotonin und
Ihr Therapeut, ein guter Freund Noradrenalin bei ihrer Informations­
oder ein Angehöriger sein. Treffen übertragung nutzen.
Sie eine Vereinbarung mit Ihrem
Vertrauten, dass Sie sich bei akut Frage 5:
auftretendem Wunsch, aus dem Antworten a, c und d sind richtig
Leben scheiden zu wollen, mit ihm
in Verbindung setzen werden! Die Botenstoffe Serotonin und Nor­
adrenalin sind die Basis für konzen­
Frage 2: triertes Denken, Aufmerksamkeit
Antwort c ist richtig. und einen geregelten Schlaf­Wach­
Rhythmus. Weiter steuern diese
Eine Dysthymia ist eine Depression Botenstoffe unsere Emotionen und
mit abgeschwächten depressiven Stimmungslage.
Symptomen. Die Betroffenen
können zwar häufig noch beruflich Frage 6:
tätig sein oder ihren Alltag bewäl­ Antworten a und b sind richtig.
tigen, fühlen sich aber, meist über
Jahre, erschöpft, freudlos und Nach heutiger Kenntnis liegt bei der
niedergedrückt. Entstehung einer Depression eine
gestörte Funktion zweier wichtiger
Nervenfasersysteme im Gehirn und
Frage 3: deren Botenstoffe, dem Noradre­
Antwort b ist richtig. nalin und Serotonin, vor.

Eine Unipolare Depression ist


durch ausschließlich depressive
Symptome, wie Freudlosigkeit,
Energieverlust und Interessenlosig­
keit, gekennzeichnet. Diese Form
kann, unterschiedlich ausgeprägt,

46
Frage 7: Frage 10:
Antworten a, b und c sind richtig. Antwort c ist richtig.

Bei einer leichten bis mittelgra­ Antidepressiva benötigen meist


digen Depression treten zwei etwa zwei bis vier Wochen, bis die
dieser Hauptsymptome, bei einer depressive Stimmung sich bessert.
schwergradigen Depression alle drei Dieser „Nachteil“ hat einen ent­
Hauptsymptome auf. scheidenden Vorteil: Aufgrund des
verlangsamten Wirkungseintritts ma­
Frage 8: chen Antidepressiva weder süchtig
Antworten a, c und d sind richtig. noch abhängig.

Nebensymptome dienen wie die Frage 11:


Hauptsymptome zur Einteilung des Antworten b und c sind richtig.
Schweregrades einer Depression.
Weitere Nebensymptome sind: Kon­ Antidepressiva sind unterschiedlich
zentrationsschwierigkeiten, vermin­ verträglich. Auch in der Wirkweise
dertes Selbstwertgefühl, gehemmtes gibt es gewisse Unterschiede. So
oder getriebenes Verhalten sowie beeinflussen einige Antidepressi­
Schlafstörungen. va ein oder mehrere Botenstoffe,
andere wiederum verlangsamen
Frage 9: deren Abbau im Stoffwechsel. In
Antworten b und c sind richtig. der Linderung der Symptome, das
heißt in der Gesamtwirksamkeit,
Die Symptome können durch die unterscheiden sich die Substanzen
regelmäßige, längere Einnahme nicht wesentlich.
eines Antidepressivums erfolgreich
gelindert werden. Auch psychothe­
rapeutische Verfahren, oft kom­
biniert mit einem Medikament,
können nachweislich helfen. Sie
werden in Kombination bei mittel­
schweren und schweren Depressi­
onen empfohlen. Licht­ und Wach­
therapien sind weniger wirkungsvoll
und werden daher nur als zusätz­
liche Verfahren eingesetzt.

47
Nützliche Anschriften und
Internetadressen
Deutsches Bündnis gegen NAKOS Nationale Kontakt- und
Depression e. V. Informationsstelle zur Anre-
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie gung und Unterstützung von
der Universität Leipzig Selbsthilfegruppen
Semmelweisstraße 10 Wilmersdorfer Straße 39
04103 Leipzig 10627 Berlin
www.buendnis­depression.de Telefon: 030 31 01 89­60
info@buendnis­depression.de Telefax: 030 31 01 89­70
www.nakos.de
selbsthilfe@nakos.de
Psychotherapie-Informations-
Dienst (PID) Psychiatrienetz – Bundesver-
Am Köllnischen Park 2 band der Angehörigen psy-
10179 Berlin chisch Kranker (BApK)
Telefon: 030 2 09 16 63­30 Oppelner Straße 130
Telefax: 030 2 09 16 63­16 53111 Bonn
www.bapk.de
Telefonische Beratungszeiten:
Montag: 10 bis 13 Uhr
und 16 bis 19 Uhr
Dienstag: 10 bis 13 Uhr
und 16 bis 19 Uhr
Mittwoch: 13 bis 16 Uhr
Donnerstag: 13 bis 16 Uhr
www.psychotherapiesuche.de
pid@dpa­bdp.de

48
Nachwort
Wir hoffen sehr, dass wir Sie und Damit Ihnen dies gelingt, ist es sehr
Ihre Angehörigen mithilfe der wichtig, dass Sie sich im Vorfeld
Broschüre ausreichend informie­ der Therapie­Entscheidung gut
ren konnten. Unser Ziel ist es, Sie aufklären lassen und Sie alle noch
zu motivieren, ärztliche Hilfe zu offenstehenden Fragen mit Ihrem
suchen, anzunehmen und dem Arzt abklären.
vorgeschlagenen Therapieweg
treu zu bleiben. Wir wünschen Ihnen eine baldige
und dauerhafte Genesung.

Checkliste wichtiger Fragen, die Sie noch


mit Ihrem Arzt klären wollen:

 Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?


 Was sind die Vor­ und Nachteile der verschiedenen Methoden?
 Bei Medikamenteneinnahme: Mit welchen Nebenwirkungen
muss ich rechnen?

 Können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten,


die zusätzlich eingenommen werden?

 Ab wann kann ich mit einer deutlichen Besserung rechnen?


 Wie lange dauert die Behandlung?
 Wie kann ich selbst zur Genesung beitragen?
 Wie können Partner und Familie helfen?
 Wie kann das Risiko verringert werden, nach einer Behandlung
erneut zu erkranken?

49
Ihre Fragen für das nächste Arztgespräch

50
51
Für eine erfolgreiche Behandlung ist es notwendig,
dass Patient und Arzt zu einer gemeinsamen
Sprache finden, um sich über Krankheitsbilder
sowie Nutzen und Risiken der geplanten Therapie
verständigen zu können. Damit der Patient in die
Lage versetzt wird, seinem Arzt die für ihn wich­
tigen Fragen zu stellen, benötigt er in der Regel
viele Informationen über seine Erkrankung und die
Behandlungsmöglichkeiten.

Die Arzneimittelkommission der deutschen


Ärzteschaft stellt den Ärzten seit vielen Jahren
wissenschaftlich fundierte und von wirtschaftlichen
Interessen unabhängige Arzneimittelinformationen
zur Verfügung.

Seit einigen Jahren veröffentlicht sie regelmäßig


Therapieempfehlungen für Ärzte, die auf der Grund­
lage wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse
den aktuellen Standard in der Behandlung häufig
vorkommender Krankheitsbilder oder Symptome
darstellen.

Die Arzneimittelkommission begrüßt es daher


außerordentlich, dass die Techniker Krankenkasse
die Initiative ergriffen hat, allgemein verständliche
Patienteninformationen zu entwickeln, die sich auf
diese evidenzbasierten Therapieempfehlungen für
Ärzte beziehen.

Die Mitglieder der Kommission wünschen sich,


dass diese Patientenbroschüren zu einer gestärkten
Partnerschaft zwischen Patient und Arzt beitragen
und dadurch zukünftig Wirksamkeit und Sicherheit
der Arzneimitteltherapie weiter verbessern mögen.

Prof. Dr. med. W.­D. Ludwig


Vorsitzender der Arzneimittelkommission der
deutschen Ärzteschaft
10/2011
10.4/014