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Jay, Mike: Mescaline. A Global History of the First Psychedelic.

New Haven; Lon-


don, Yale University Press, 2019. 304 p. Ill. $ 26.–. ISBN 978-0-300-23107-6

Mike Jays fulminant geschriebene Globalgeschichte des Meskalins ist so bunt wie ihr
Cover: Er folgt dem San Pedro-Kaktus von Chavín (2000 v. Chr.) und den Wari und
Tiwanaku in die südlichen Bergländer des heutigen Peru und Bolivien, dem peyote
ab 1519 durch die Wüsten Mexikos, der Verwandlung von peyote in Meskalin und
der Zirkulation dieses Stoffes in der westlichen Wissenschaft und Bohème. Auf der
Reise durch den amerikanischen und europäischen Kontinent erfährt man immer
wieder erstaunliche Dinge: Wer hätte etwa gewusst, dass Frederick Madison Smith,
der dritte Präsident der Gemeinschaft der Mormonen, ein Peyote-Enthusiast war?
Aber von Anfang an. Die Globalgeschichte des ersten psychedelischen Stoffes
avant la lettre beginnt bei Aldous Huxley und seinen «Doors of Perception». Dieser
doch ziemlich bekannte Ausgangspunkt für einen weltumspannenden Trip stellt sich
am Ende als gut gesetzte Pointe heraus – denn der Anfang ist zugleich auch fast
schon das Ende von Meskalin, dessen Siegeszug in der westlichen Welt zusehends
von LSD und Psilocybin versperrt wurde. Durch das Buch ziehen sich zahlreiche Er-
zählstränge. Besonders spannend sind diejenigen, die immer wieder aufgenommen
und zu einem mehr oder weniger dichten Muster verwoben werden. So etwa die Ge-
schichte der Native American Church, die heute von lizensierten peyoteros mit jähr-
lich schätzungsweise 1,4 Millionen Knöpfen des Peyote-Kaktus beliefert wird. Die
Native American Church ist die einzige Institution, für die der rituelle Konsum von
peyote auch heute noch legal ist. Dennoch sind die peyote-Bestände durch die Fabri-
kation von Medikamenten insbesondere in Mexiko stark bedroht. Ganz anders in der
restlichen Welt, wo das durch chemische Synthese hergestellte Meskalin nur noch ei-
nen äußerst überschaubaren Kundenkreis hat.
Ebenfalls hervorzuheben sind diejenigen Erzählstränge, welche die Interaktionen
zwischen den Indigenen und den wissenschaftlichen Verwendungsweisen von peyote
beziehungsweise Meskalin verfolgen und etwa die Verwandlungen der unzähligen
Stoffe vom «Ghost Dance» über die Tipis «in a pure white drug» (S. 131) beschrei-
ben. Ebenso originell sind jene Passagen, welche die Eingliederung von Meskalin in
die Psychiatrie beschreiben, wobei insbesondere die Beobachtung, dass Wahrneh-
mung und Bewusstsein soziale Prozesse seien (160), zentral ist.
Aufgrund der zahllosen Orte, Personen und Geschichten ist es kaum möglich, den
Inhalt des Buches zusammenzufassen. Nicht gerade erleichtert wird dies durch die
immer sehr poetischen, meist aber wenig aussagekräftigen oder strukturierenden Ka-
pitelüberschriften. Die in den Untertiteln der Kapitel jeweils angegebenen Orte und
Zeiträume helfen bei der Orientierung leider auch nicht wirklich weiter. Die Orte
bleiben merkwürdig flach; meist sind sie nicht mehr als die Arbeits-, Publikations-
oder Heimatorte von «early adopters». Diese werden dann meist durch eine Kurz-
biografie eingeführt und sie erzählen häufig von ihren persönlichen Erfahrungen un-
ter dem Einfluss von peyote oder Meskalin. Oft sind die Ortsschilder auch Wegweiser,
die schlicht in die Irre führen. So etwa wenn das Kapitel Der Meskalinrausch, das
sich in Wien, Heidelberg, Chicago und an der Côte d’Azur abspielen soll, bei Merck
in Darmstadt beginnt oder wenn Jay im Kapitel M-Substance nicht nur wie angekün-
digt in Oklahoma, Taos, London, Hamburg, Basel und Saskatchewan Halt macht,
sondern auch in Auschwitz und Dachau. Auch die zeitlichen Orientierungen helfen

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nicht immer weiter, da es zahlreiche Vor- und Rückblenden gibt. Nebst den oftmals
teleologisch angehauchten Vorblenden sind vor allem die Rückblenden äußerst pro-
blematisch. Wenn Jay beispielsweise aufgrund der Ende der 1970er Jahre erschienen
Rechtfertigungsschrift von Albert Hofmann, LSD – mein Sorgenkind, schließt, die-
ser habe von Anfang an eine Verbindung zwischen LSD und Meskalin gesehen (189),
dann geht diese Analyse schlichtweg in die Irre; zeitgenössische Quellen hätten ihn
zu komplett anderen Stoffen geführt, etwa zum Metamphetamin Pervitin.
Nebst diesen Schwachstellen soll das Buch abschließend an dessen eigenem An-
spruch, eine Globalgeschichte des ersten psychedelischen Stoffes zu sein, gemessen
werden. Problematischer noch als die erwähnte Schrumpfung der jeweiligen (ameri-
kanischen und europäischen) Orte auf herausragende Individuen ist eine implizite
Vorannahme des Autors. Wenn es um die Indigenen geht, schreibt er mehrfach von
der «prehistory» (z. B. 21) – als ob deren Geschichte erst mit ihrer Kolonialisierung
begonnen hätte. Zudem werden die Indigenen zuweilen fast schon als edle Wilde be-
schrieben, von denen wir durch «the great divide» (94 und 99) getrennt seien. Zwar
ist es sicherlich spannend, die Übersetzungen beim Transfer einer Substanz zwischen
unterschiedlichen Kulturen mit dem «ocularcentric turn» begründen zu wollen.
Denn tatsächlich fällt – nicht zuletzt angesichts der ausufernden Beschreibungen
zahlloser Experimente – auf, dass die Visionen in der westlichen Welt zum größten
Faszinosum von Meskalin gehörten. Wäre das Buch jedoch nicht durch die Brille die-
ses Konzepts aus den frühen 1980er Jahren geschrieben worden, hätte man eine fei-
nere argumentative Klinge führen können und die Geschichte würde nicht damit en-
den, dass der westlichen Kultur erst dank MDMA wieder rhythmische Bewegungen
und «intense group bonding to lift the spirits» (245) geschenkt worden seien, die das
stahlharte Gehäuse der Moderne (104f.) wegexorziert hatte.
Wenn man sich weniger für die Frage interessiert, wie man eine Geschichte histo-
risch fundiert schreiben kann, und damit zufrieden ist, dass ganz viele kleine Ge-
schichten einfach packend erzählt werden, dann bietet dieses Buch einen bunten
Strauß an schönen Leseeindrücken.
Beat Bächi, Lehrstuhl für Medizingeschichte, Universität Zürich (CH)

Jeannet, Jean-Pierre: Leading a Surgical Revolution. The AO Foundation – Social


Entrepreneurs in the Treatment of Bone Trauma. Cham, Springer, 2019. XXVI+401 p.
Ill. CHF 82.50. ISBN 978-3-030-01979-2 (e-book: 978-3-030-01980-8)

A l’origine du livre de Jean-Pierre Jeannet, professeur émérite en économie, se trou-


vait le projet d’une étude sur les petites et moyennes entreprises suisses d’exportation
ayant prospéré dans des niches spécifiques au niveau international. Le choix s’était
alors porté sur des compagnies ayant un lien avec la Fondation de l’Association pour
l’Ostéosynthèse (AO). Mais la Fondation AO propose au prof. Jeannet de rédiger un
livre sur l’AO elle-même, avec un recentrage particulier sur son impact industriel.
L’auteur le reconnaît lui-même: il n’est ni médecin, ni ingénieur. Il fait donc usage de
ses connaissances d’économiste, soulignées en préface du livre, dans une recherche
pour laquelle il estime avoir bénéficié d’une totale autonomie. Autre revirement dans
l’approche initiale: l’auteur avait envisagé d’aborder les deux dernières décennies de

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