Sie sind auf Seite 1von 15

Die Nervensägen

Tim, Tom und Ben heißen die drei Abenteurer, die mit dem Luftschiff "Graf Zeppelin" auf
große Reise gehen. Die "Graf Zeppelin" gehört dem geheimnisvollen Milliardär Dr. Wolff, der
schon seit vielen Jahren mit seinem Luftschiff um die Welt reist und um den sich die
wildesten Gerüchte ranken. lebt der "einsame Wolff", wie man ihn auch nennt, wirklich schon
seit Jahren ganz allein auf dem Luftschiff? Warum tut er das? Hat er keine Freunde? Hat er
etwas zu verbergen? Ist er ein schrulliger Sonderling, der der Welt den Rücken gekehrt hat?
Was macht man eigentlich so ganz allein auf einem Luftschiff? Wird es einem da nicht
langweilig?
Die Erwachsenen werden aus dem sonderbaren Mann nicht schlau. Er ist der reichste Mann
der Welt, er könnte wohnen, wo auch immer er will, in den prachtvollsten Palästen, in den
schönsten Häusern in den größten Städten, und dann lebt er auf einem Luftschiff? Verrückt!
Toms Vater schüttelt den Kopf und legt die Zeitung zur Seite. "Wenn ich so viel Geld hätte,
würde ich nie wieder arbeiten." Er steht vom Frühstückstisch auf und geht mit einer Tasse
Kaffee in sein Arbeitszimmer. Klassenarbeiten korrigieren. Tom weiß, dass er seinen Vater
in den nächsten drei Stunden nicht stören darf. Aber er würde gerne mehr über den reichen
Sonderling und sein Luftschiff erfahren. Seine Mutter räumt den Tisch ab und schüttelt den
Kopf. "Glaub nicht alles, was in der Zeitung steht." Sie bringt das schmutzige Geschirr zur
Spülmaschine und räumt die Teller und Tassen ein. "Spiel doch ein bisschen mit Deiner
Eisenbahn, mein Schatz. Wir gehen nachher spazieren." Tom sieht sich die Zeitung an.
Lesen kann er noch nicht. Das große Foto zeigt einen bärtigen Mann mit strubbeligen
schwarzen Haaren und einer dicken Zigarre im Mund. Sieht so der reichste Mann der Welt
aus? Die Mutter schüttelt den Kopf. “Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich nie wieder
arbeiten." Dann stellt sie die Spülmaschine an und geht in ihr Arbeitszimmer. Tom bleibt mit
der Zeitung in der Hand zurück. Der schwarzhaarige Mann auf dem Foto zwinkert ihm zu.
Aber das bildet er sich bestimmt ein. Was mag in dem Artikel stehen? Toms Schwester
Betty sitzt am Küchentisch und starrt auf ihr Handy. "Stör mich jetzt nicht." Raunzt sie Tom
an. "Im nächsten Jahr kommst Du in die Schule. Dann kannst Du das selbst lesen". Sie wirft
einen kurzen Blick auf die Zeitung. "Wenn ich so viel Geld hätte, würde ich bestimmt nie
wieder in die Schule gehen." Sie seufzt und starrt wieder auf ihr Handy. Die Erwachsenen
tun lauter Dinge, zu denen sie keine Lust haben, denkt Tom. Das kann ja heiter werden.
Aber jetzt will er wissen, was da in der Zeitung steht. Er klettert auf den Stuhl und breitet die
Zeitung vor Betty auf dem Tisch aus. Sie seufzt ganz laut und verdreht die Augen, aber dann
legt sie doch ihr Handy zur Seite und liest den Artikel einmal durch. Tom sieht sie gespannt
an. "Also. Hier steht, dass der verrückte Milliardär seit fünf Jahren in seinem Luftschiff
unterwegs ist. Niemand weiß, was er da oben so treibt. Er fliegt um die ganze Welt. Mal
hierhin und mal dorthin. Keiner weiß warum. Hin und wieder macht er irgendwo Halt,
niemand weiß wo, dann lädt er Vorräte in sein Luftschiff, und er kauft sich eine Zeitung und
neue Zigarren. Dann fliegt er weiter, niemand weiß, wohin." Betty legt die Zeitung zur Seite
und widmet sich wieder ihrem Handy. "So. Noch Fragen?" Tom ist jetzt auch nicht viel
klüger. Also niemand weiß etwas über den Mann mit der Zigarre und sein Luftschiff.
Niemand weiß wohin er fliegt, und warum er überhaupt um die Welt fliegt, und wo er überall
schon war. Kein Wunder, dass sein Vater immer so griesgrämig guckt, wen er die Zeitung
liest.
"Interessant." Sagt Betty plötzlich. Sie hält Tom ihr Handy unter die Nase. Da ist noch ein
Foto von Dr. Wolff. Diesmal trägt er eine Kapitänsmütze. Und er hat wieder eine dicke
Zigarre im Mund. "Da steht, dass sein Luftschiff hier ganz in der Nähe landet." Tom sieht
seine Schwester an. "Hier bei uns?" Sie schüttelt den Kopf. "Fast. Auf dem alten Flugplatz in
Hemmor. An jedem dritten Sonntag im Monat. Um Zehn Uhr abends." Tom kennt den alten
Flugplatz. Dort soll der komische Mann mit der Zigarre mit seinem Schiff anlegen? "So steht
es hier. Jetzt geh spielen und lass mich in Ruhe." Betty starrt wieder auf ihr Handy. An Tom
denkt sie schon gar nicht mehr. Sie lächelt wieder so komisch. Wahrscheinlich hat Bettys
Freund ihr wieder eine Nachricht geschickt. Mädchen sind merkwürdig. Aber Tom weiß jetzt
immerhin mehr. Er lässt Betty mit ihrem Handy allein und geht in sein Zimmer. Was Ben und
Tim wohl so treiben?
"Quatsch. Luftschiffe gibt es nicht." Ben verzieht den Mund zu einem schiefen Grinsen. Tom
kann es hassen, wenn sein Freund ihn so ansieht. "Aber in der Zeitung steht ...." Aber Tom
kommt nicht weit. Ben schüttelt den Kopf. "In der Zeitung steht nur Quatsch. Das sagt mein
Vater immer." Ben hebt den Zeigefinger, das hat er sich von Frau Winkelkötter abgeguckt,
ihrer Lehrerin; er schaut seine Freunde ganz lange an. "Schiffe können nicht fliegen. Basta"
Tom verschränkt die Arme vor der Brust. "Luftschiffe schon." Die beiden Freunde stehen
sich jetzt ganz nahe gegenüber. Ihre Nasenspitzen berühren sich beinahe. "Quatsch."
"Doch!" "Kann nicht sein!" Kann wohl sein!" Tim sieht sich das eine Weile an. Er sitzt in dem
alten Reifen, den sein Vater im Garten aufgehängt hat und schaukelt hin und her. Wäre das
nicht toll, wenn Schiffe fliegen könnten? Denkt er bei sich. Und so praktisch. Er hat schon
ganz viele Schiffe gesehen, von seinem Zimmer aus kann er bis zur Elbe gucken. Aber
keins von denen ist je an seinem Fenster vorbeigeflogen. Die meisten sehen so aus, als
könnten sie kaum schwimmen.
Tom und Ben stehen sich noch immer gegenüber. Keiner will nachgeben. Dabei ist die
Lösung ganz einfach. Tim springt von der Schaukel und zieht Ben am Ärmel zurück. "Hört
mal. Ist doch ganz einfach." Tom und Ben sehen ihren Freund an. "Was ist einfach?" Tim
zuckt mit den Schultern. "Na, wir sehen es uns einfach selbst an. Morgen Abend in Hemmor.
Wenn da ein Schiff angeflogen kommt, hat Tom Recht. Wenn nicht, hat Ben Recht."
"Aber ....!" "Aber ....!" rufen Tom und Ben ganz aufgeregt. Tim legt ihnen die Hand auf die
Schulter. Ganz ruhig. Einer nach dem anderen. Ben runzelt die Stirn. "Wir können aber nicht
so lange aufbleiben? Unsere Eltern erlauben das doch nicht!?" Tim denkt darüber nach. "Die
müssen das ja nicht wissen, oder? Wir sind ja höchstens eine Stunde weg." Die Jungs
sehen sich zufrieden an. Stimmt. Die Eltern müssen ja nicht alles wissen. Das macht sie nur
nervös. High Five, Problem gelöst! "Aber wie kommen wir über den Zaun?" Gibt Tom zu
Bedenken. Der alte Flugplatz ist von einem hohen Zaun umgeben. Früher wurde er auch
von Soldaten bewacht. Die sind dort schon vor langer Zeit ausgezogen. Aber der Zaun ist
natürlich noch da. Tim denkt kurz nach. Vor ein paar Monaten ist sein Vater mit ihm
losgezogen, um einen Weihnachtsbaum aus dem Wald zu holen. Da war auch ein hoher
Zaun drum. Aber das war für seinen Vater kein Problem. "Kein Wort zu Mutti, das bleibt
unser Geheimnis." Hat er damals zu Tim gesagt. Und dann hat er die große Zange
ausgepackt. "Kein Problem. Mein Vater hat da was in seiner Werkzeugkiste." Die Jungs
klatschen sich ab. High Five, Problem gelöst! "Und Herr Gruber? Und Benno?" Der alte Herr
Gruber bewacht den Flugplatz seit ein paar Jahren. Früher war er Polizist in Cuxhaven. Seit
seiner Pensionierung arbeitet er als Wachmann. Mit seinem Schäferhund Benno III dreht er
nun seine Runden um den alten Flugplatz. Beim Gedanken an Benno III wird den Freunden
etwas mulmig zumute. Jeder von ihnen wurde schon mal von Benno III auf einen Baum
gejagt. Und der alte Gruber stand immer nur lachend da und hatte seinen Spaß. Tim denkt
lange über das Problem nach. Aber er hat schon eine Idee. Dann muss er sich aber beeilen.
"Lasst Benno III meine Sorge sein." Seine Freunde sehen ihn zweifelnd an. "Sicher?" Tim
nickt entschieden. "Ganz sicher." Er sieht auf die Uhr. "So. Ich muss zu jetzt Onkel Horst,
bevor er sein Geschäft zumacht. Lasst Eure Handys auf Empfang. Ich melde mich später.
Uhrenvergleich!" Die Freunde schauen auf ihre Uhren. Ben schaut auf sein Handy.
"Achtzehnuhrdreizehn!" Tom schaut auf die alte Uhr seines Vaters, die er immer am
Handgelenk trägt. "Viertelnachsechs." Tim stellt seine Uhr ein. "Um 20:00 Uhr schicke ich
Euch eine What's App mit dem Plan. OK?" Die Drei fassen sich an den Händen. "OK! Die
Nervensägen kommen!" Dann schwingen sie sich auf ihre Fahrräder und fahren los. Tom
und Ben fahren nach Hause, Tim fährt an das andere Ende des Dorfes. Zu Onkel Horst.
Dem Metzgermeister. Ben hält kurz an und sieht sich nach seinen Freunden um. Tom und
Tim sind schon außer Sichtweite. Gut. Die Luft ist rein. Er fährt nicht schnurstracks nach
Hause, sondern er biegt in die Dorfstraße ein. Vorbei an dem alten Feuerwehrhaus und an
der kleinen Kirche scharf rechts, hinein in die Blumenstraße. Am Ende der Blumenstraße
steht ein kleines gelbes Haus. Niemand ist zu sehen. Ben ist ein bisschen enttäuscht, aber
er tut so, als sei ihm das egal. Er fährt mit seinem Fahrrad die Straße hoch und runter. Dabei
tritt er richtig feste in die Pedale. Der Fahrtwind pfeift ihm um die Ohren, dann bremst er
ganz scharf ab, bis die Reifen quietschen. Das hat er sich bei seinem großen Bruder
abgeschaut. Der fällt dabei regelmäßig hin. Ben ist das noch nie passiert. Er ist einfach
geschickter als sein Bruder. Ben dreht seine Runden und bemerkt gar nicht, dass er einen
Zuschauer hat. Als er wieder auf das gelbe Haus zurast, steht plötzlich ein Mädchen vor
ihm. Er kann gerade noch abbremsen, aber die Reifen rutschen weg, und das Fahrrad fliegt
hierhin und Ben fliegt dorthin.
"Saubere Landung." Lisa lächelt ihn von oben herab an. "Das musst Du vielleicht noch ein
bisschen üben." Ben steht auf und lächelt tapfer. Sein Hintern tut ihm weh, und die Hose ist
hinüber. Aber er lässt sich nichts anmerken. "Na ja, ich hab halt nicht mit Dir gerechnet."
Lisa hebt das Fahrrad auf und setzt sich auf den Sattel. "Ich wohne aber hier, oder?" Ben
nickt. "Stimmt. Hatte ich ganz vergessen." Lisa fährt mit Bens Fahrrad davon, die Straße
runter, bis zur Kreuzung. Dann dreht sie um und rast zurück, direkt auf Ben zu. Er rührt sich
nicht vom Fleck. Lisa bremst scharf ab und bleibt mit quietschenden Reifen direkt vor Ben
stehen. Das war knapp. Aber gekonnt.
"Kann ich mein Fahrrad zurückhaben?" Lisa steigt ab und hält es ihm hin. "Und was machst
Du hier?" Ben bekommt rote Backen. Immer das gleiche, ärgert er sich. Immer wenn mich
ein Mädchen anspricht. Hoffentlich sieht sie das nicht. "Ich? Hier?" Er sieht sich um. "Och,
ich war auf dem Weg nach Hause." Lisa lächelt nur. "So, so. Du wohnst doch in einer ganz
anderen Richtung." Sie deutet auf die Kirche. "Hinter der Kirche. Am Marktplatz." Ben seufzt.
Was soll er nur sagen? Die Wahrheit? Auf keinen Fall! Zum Glück bohrt Lisa nicht weiter
nach. "Und was heckt ihr wieder aus?" Ben sieht sie unschuldig an. "Wir?" "Du und Deine
Freunde. Ich habe Euch da drüben zusammen gesehen." Ben wehrt ab. "Ach nichts. Wir
haben nur über Fußball gesprochen." Gute Antwort, denkt Ben. Mädchen interessieren sich
nicht für Fußball. Das weiß er ganz genau. "Hey, das trifft sich gut!" Lisa strahlt über das
ganze Gesicht. "Mein Vater will mich für die Mannschaft melden!" Ben starrt sie ungläubig
an. Er hört wohl nicht richtig. "Was? Für unser Team?" "Ja! Beim nächsten Training bin ich
schon dabei!" Vor Schreck lässt Ben beinahe das Fahrrad fallen. Seinen wunden Hintern
spürt er schon gar nicht mehr. "Ist das nicht toll? Wir spielen zusammen in einem Team!"
Lisa ist kaum noch zu halten. Ben weiß gar nicht, was er sagen soll. "Aber ..." Schluck. "Du
bist doch ein ...mmmh... Mädchen?" Gabi zuckt mit den Schultern. "Du bist schlauer als ich
dachte. Ich bin ein Mädchen. Na und?" Ben weiß nicht weiter. "Also...dann...äähh
willkommen im Team." Bringt er schließlich hervor. "Danke!" Lisa sieht ihn durchdringend an.
"Also jetzt aber raus mit der Sprache. Was heckt Ihr aus?" Ben atmet tief ein. "Das ist ein
Geheimnis." Er weiß, dass er mit niemandem darüber sprechen darf. Am wenigsten mit
einem Mädchen. Am allerwenigsten mit einem neugierigen Mädchen, wie Lisa. "Glaubst Du,
dass Schiffe fliegen können?"
“Decken?” “Check!” “Wasserflaschen?” “Check!” “Obst?” “Obst?!” Tom schaut Tim fragend
an. “Warum denn Obst?” Tim deutet auf seinen Zettel. “Obst ist wichtig. Das schützt vor
Skorpionen.” Tom schüttelt den Kopf. Skorpione? Er kramt in dem alten Seesack seines
Vaters herum. “Ich glaube, da ist irgendwo noch ein Apfel.” Tim zuckt mit den Schultern. “Ich
hab noch zwei Bananen. Das reicht dann erst mal.” Er studiert wieder seinen Zettel. Die
Liste hat er im Internet gefunden. Sein Vater hat ihm dabei geholfen. Alles, was man für eine
lange Expedition braucht. “Feldstecher?” Tom legt den Seesack zur Seite. “Was soll das
denn sein? Ein Feldstecher?” Tim kann schon ganz gut lesen, aber das Wort kennt er auch
noch nicht. “Vielleicht ist das was zum Graben?” Tom greift in den Seesack und zieht den
alten Klappspaten hervor. “Dazu haben wir doch das hier.” Toms Vater war bei der Armee.
Manchmal erzählt er stundenlang von seinen Abenteuern. Seine Mutter verdreht dann
immer so komisch die Augen. Seine Uniform hat Toms Vater auf dem Speicher deponiert.
Für den Ernstfall, wie er immer sagt. Toms Mutter lacht dann immer und sagt nichts. Den
Spaten und den Seesack hat sich Tom für die Expedition ausgeliehen. Hoffentlich bricht jetzt
kein Ernstfall aus, denkt Tom. Dann steht sein Vater ohne Spaten da. “Ich hab noch das
Fernglas hier.” Tom zieht das Fernglas aus dem Seesack. Es steckt noch in einem Leder-
Etui und sieht niegel-nagel-neu aus. So viele Ernstfälle gab es wohl noch nicht. “Ui! Ein
Fernglas! Cool!” Tim packt es aus und schaut durch. “Wow, ich kann von hier aus Veronikas
Zimmer sehen!” Tom springt auf. “Gib her!” Er reißt Tim das Fernglas aus den Händen und
hält es auf das Nachbarhaus. Direkt auf Veronikas Fenster. Aber es ist natürlich viel zu
dunkel, um etwas sehen zu können. Tim hat ihn wieder reingelegt. “HiHiHi” Er grinst über
beide Backen. Tom würde ihm jetzt gerne eine scheuern, aber er will sich nichts anmerken
lassen. Vielleicht später mal. Betont sorgfältig packt er das Fernglas wieder ins Etui und
reicht es Tim. “Ein Fernglas Check.” Tim steckt es in den großen Rucksack zu den anderen
Sachen. Er studiert seine Liste und nickt zufrieden. “Wir haben alles.” Er faltet die Liste
zusammen und nimmt aus seiner Tasche noch ein großes, weißes Paket. “Iiiihh! Ist das
Blut?” Tom inspiziert das Paket ganz genau. “Ist ja ekelhaft. Was ist das?” Tim faltet das
Päckchen auseinander. Ein glitschiger, roter Klumpen kommt zum Vorschein. “Bääääh!”
Tom tippt das rote Etwas ganz vorsichtig mit dem Finger an. “Was hast Du denn damit vor?”
Tim faltet das Päckchen wieder zusammen. “Hühnerleber. Lecker, lecker, lecker! Willst Du
mal probieren?” “Du hast sie ja nicht alle!” Tom weicht einen Schritt zurück. Tim verfolgt ihn
mit dem blutigen Paket. “Beiß doch mal ab.” Tom ergreift die Flucht. “Nimm das weg!”
“Was macht Ihr denn da?” Ben klettert durch die Luke ins Versteck. Hinter sich zieht er einen
prall gefüllten Rucksack her. “Oh Mann ist das schwer.” Stöhnt er. “Brauchen wir den
ganzen Kram wirklich?” er wuchtet den Rucksack auf den Boden. “Was ist das?” Ben
verzieht das Gesicht. “Hühnerleber. Schön blutig.” Erklärt Tim. “Er will das Zeug essen.”
Tom ist noch ganz aufgeregt. “Quatsch.” Tim wickelt das Paket in einer Plastiktüte ein und
legt es in den Rucksack. “Und was hast Du damit vor?” Tom ist gereizt. “Lass Dich
überraschen.” Tim lächelt seine Freunde breit an. Tom kann das hassen, wenn er so
wichtigtut. Aber er sagt nichts. Ben schaut seine Freunde ernst an. “Hört mal ….” Aber
weiter kommt er nicht. Irgendwas ist mit ihm. Das sieht man ihm an der Nasenspitze an.
“Was ist los?” Will Tom wissen. “Stimmt was nicht?” Ben schweigt und sieht zu Boden. “Ach.
Nichts.” Tim gibt keine Ruhe. “Willst Du etwa kneifen?” Ben schüttelt ganz empört den Kopf.
“Denkst Du, ich lass Euch im Stich? Auf keinen Fall.” Tim und Tom sind beruhigt. “Aber
irgendwas ist doch?” Wollen sie wissen. “Nichts ist.” Ben wirft sich den Rucksack über die
Schulter. “Kann’s jetzt losgehen?” Dann klettert er durch die Luke nach draußen. Tim sieht
ihm verwundert hinterher. “Was hat er bloß?” Tom schüttelt den Kopf. “Keine Ahnung.” Er
wirft sich den Seesack über die Schulter und geht zur Luke. “Auf geht’s” Tim greift nach
seinem Rucksack und folgt ihm. “Auf geht’s.” Die Jungs schlüpfen durch die Luke nach
draußen.
“Lass das Licht aus!” Zischt Tim. “Es ist aber stockdunkel.” Zischt Tom zurück. “Wenigstens
bis wir außer Sichtweite sind!” Die Straße ist zappenduster. Nichts regt sich. Nicht mal eine
Katze. Toms Elternhaus ist von einer Straßenlaterne beleuchtet. Im Wohnzimmer brennt
noch Licht. Die sitzen jetzt alle vorm Fernseher, denkt Tom. Und Betty hockt in ihrem
Zimmer und textet mit ihrem Freund. Vorsichtig lenken die Drei ihre schwer beladenen
Fahrräder über die dunkle Straße. Die Nacht ist sternenklar. Der Mond versteckt sich gerade
hinter dem Kirchturm. Man sieht kaum die Hand vor Augen. “Stopp!” Tim hält plötzlich an.
“Was ist denn jetzt schon wieder.” Tom wäre ihm beinahe hintendrauf gefahren. Ein Auto
schiebt sich langsam durch die Querstraße. Als es abbiegt, streift der Lichtkegel der
Scheinwerfer über die drei Freunde. Sie ducken sich ganz tief und halten die Luft an. “Der
hat uns bestimmt gesehen.” “Na und?” Ben ist ganz still. Er trödelt schweigend hinter seinen
Freunden her. Als sie die Kreuzung erreichen, dreht Tim sich um. “Wir können jetzt die
Lampen einschalten.” “Wurde auch Zeit.” Murmelt Tom. Sie strampeln los. Die Hauptstraße
ist hell erleuchtet. Links und rechts stehen Straßenlaternen. Sie kommen trotz der schweren
Rucksäcke gut voran. “Da ist die Straße nach Hemmor.” Vor ihnen liegt die Bundesstraße.
Schnurgerade zieht sie sich durch die Wiesen und Felder. Der Mond ist jetzt
hervorgekommen, wie eine riesige, goldene Kugel schwebt er über den Jungen, so als wolle
er ihnen den Weg weisen. Ben dreht sich immer wieder um. Die Straße liegt verlassen hinter
ihm. Er atmet erleichtert aus. Dann tritt er in die Pedale und schließt zu seinen Freunden
auf. “So spät war ich noch nie auf.” Tom sieht auf seine Uhr. Im Mondlicht kann er das
Ziffernblatt gut erkennen. Fast Neun! Wenn das mal gut geht, denkt er. Tim fährt neben ihm.
“Alles klar bei Dir?” Tom nickt. “Alles klar!” Die beiden drehen sich zu Ben um. “Alles klar?”
Ben winkt ihnen zu. “Alles klar!” Eine leichte Brise kommt auf und streicht über das Kornfeld.
Die Ähren schimmern silbern im Mondlicht und wiegen sich im Wind. Am Himmel ist kein
Wölkchen zu sehen. Bevor er sich aus dem Haus geschlichen hat, hat sich Tim noch den
Wetterbericht im Fernsehen ansehen dürfen. Kein Regen und etwa 12 Grad hieß es da. 12
Grad klingt irgendwie kühl, aber sie haben ja Decken dabei. “Da drüben!” Tom deutet in
Richtung einer Baumgruppe. Man kann dahinter gerade noch den alten Kontrollturm
erkennen. Da ist der Flugplatz. “Wir sind gleich da.” Das ging fix, denkt Tom und tritt in die
Pedale. Sie biegen in eine schmale Nebenstraße ein und direkt vor ihnen schlängelt sich der
Zaun. “Ganz schön hoch.” Die Straße folgt dem Zaun ein paar hundert Meter und biegt dann
in ein kleines Wäldchen ab. “Wir lassen die Fahrräder hier.” Die Drei steigen ab und
schieben ihre Fahrräder ins dichte Unterholz. “Hier findet sie keiner.” Hoffentlich finden wir
sie später wieder, denkt Tom. Die Drei schleichen mit ihren Rucksäcken durchs dichte
Gebüsch. “Aua.” “Was denn?” “Brennnesseln!” “Autsch!” “Psssst! Der alte Gruber kann uns
meilenweit hören.” Der alte Gruber ist stocktaub.” “Aber Benno nicht.” “Aua!” Endlich
erreichen sie die Wiese. Tim deutet auf eine kleine Anhöhe. “Da versuchen wir’s.” Sie
schleppen ihre Rucksäcke keuchend den kleinen Hügel hinauf. “Uff.” Ganz schön schwer.
“Na, Ihr Drei! Auch schon da?” Die Jungs fahren erschrocken zusammen. Ben seufzt. Auf
der Anhöhe steht jemand und schaut zu ihnen herunter. Eine dunkle Gestalt. Die Hände in
die Hüften gestemmt. Im Mondlicht erkennt man nur ihre Umrisse. Der alte Gruber ist es
nicht. Nein. Viel schlimmer. Es ist ein Mädchen!
„Das war es, was ich Euch sagen wollte.“ Ben schaut bedröppelt zu Boden. Tim und Tom
starren ungläubig auf das fremde Mädchen. Was macht die hier? Wer hat sie eingeladen?
„Was ist los? Hat’s Euch die Sprache verschlagen?“ Das Mädchen kommt auf sie zu. „Ich
bin Lisa.“ Sie streckt Ihnen die Hand entgegen. Tom ergreift sie. „Tom.“ „Und Du?“ Sie sieht
Tim an. „Was interessiert Dich das?“ Tim ist sauer. Aber so richtig. Er dreht sich zu Ben um.
„Warum hast Du uns verpfiffen?“ „Hab ich gar nicht!“ „Was macht sie dann hier?“ Tim
schubst Ben, der taumelt nach hinten. Dann macht er einen Schritt auf Tim zu und schubst
zurück. Im nächsten Moment haben sich die Jungen ineinander verkeilt, jeder versucht den
anderen in den Schwitzkasten zu nehmen. „Verräter!“ „Selber!“ Tom ist noch zu benommen,
um einzugreifen. Er starrt immer noch Lisa an. „Machen die das öfter?“ Ben und Tim wälzen
sich jetzt am Boden. Tom schüttelt den Kopf. „Nie.“ Lisa schnalzt mit der Zunge. „Ich wollte
keinen Ärger machen.“ Von den beiden Streithähnen ist nur ein heftiges Grunzen und
Keuchen zu hören. Sie wälzen sich durch das hohe Gras und kullern schließlich den kleinen
Hügel hinunter. Aber sie hören nicht auf. „Still!“ Tom hat etwas gehört. „Was ist denn?“ Lisa
spitzt die Ohren. „Sei still!“ In der Ferne hört man ein aufgeregtes Kläffen. Lisa zuckt mit den
Schultern. „Das ist irgendein Hund.“ Aber das ist nicht irgendein Hund. Und das Bellen
kommt näher. Tom springt den Hügel herunter und packt Tim am Arm. „Benno!“ Tim und
Ben hören sofort auf und sehen ihn an. „Benno hat uns gehört!“ Jetzt hören sie das Kläffen
auch. Und es ist schon viel näher. Die drei schauen sich nach dem nächsten Baum um.
„Wartet! Wo ist mein Rucksack?“ Tim sieht sich im Gras um. Aber es ist viel zu dunkel. „Die
Rucksäcke sind hier oben!“ ruft Lisa. Tim rappelt sich auf und stürzt den Hügel hoch. Bloß
keine Zeit verlieren. Benno ist gleich da. „Welcher ist denn meiner!“ Tim findet endlich
seinen Rucksack und reißt den Verschluss auf. Wuff Wuff WUFF! Benno III kann es kaum
erwarten, ihnen in die Waden zu beißen. Seine Spezialität. Da kommt er auch schon! Tim
durchkramt den Rucksack nach der Hühnerleber, aber er findet in der Eile nur die Banane.
Mögen Hunde Bananen? Er drückt die Augen zu und streckt den Arm mit der Banane ganz
weit aus. Jetzt ist eh alles egal. GRRRRRR! Benno III muss direkt vor ihm stehen. Gleich ist
es vorbei, denkt Tim, schade um die schöne Leber. Aber nichts passiert. Benno ist plötzlich
ganz still. Vorsichtig öffnet Tim die Augen.
Lisa beugt sich über Benno und krault ihm das Fell „Ja, das hast Du gern. Mein Guter!“
Benno III ist ganz friedlich. Er wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und hält Lisa seinen Kopf
hin. „Brav.“ Sie schaut die drei Freunde an. „Was ist los mit Euch? Habt Ihr etwa Angst vor
Benno?“
„Uff!“ Tim drückt so fest er kann. Pling! Wieder schnappt die Zange zu und ein Stück Draht
fliegt zur Seite. Bei seinem Vater sah das einfacher aus. „Nur noch ein bisschen. Das Loch
ist gleich groß genug.“ Ben biegt den Draht weiter zur Seite. Tim setzt die schwere Zange
noch einmal an. Dann drückt er fest zu. Pling! Wieder ein Stückchen weiter. Lisa sieht den
Jungs interessiert zu. „Was habt Ihr eigentlich vor?“ „Hat Ben Dir das nicht erzählt?“ Tim ist
immer noch sauer. Tom löst ihn am Zaun ab. „Ben hat was von einem fliegenden Schiff
erzählt.“ Jetzt ist Ben sauer. „Hab ich nicht. Schiffe können nicht fliegen!“ Tom drückt mit
aller Macht auf die Zange. „Können … sie …doch!“ Pling! Tim zieht den Draht wieder ein
Stückchen weiter zur Seite. „Einer noch. Dann können wir durch.“ Lisa wird langsam
ungeduldig. „Was wollt Ihr denn da drin?“ Tom setzt die Zange wieder an. „Heute landet hier
ein Milliardär mit seinem Luftschiff. Das wollen wir uns ansehen.“ Pling! „Das war’s. Wir sind
durch!“ Tim zieht den Draht noch ein Stück weiter zur Seite. Das Loch im Zaun ist jetzt groß
genug, um durchzuschlüpfen. „Auf geht’s. Lass die Zange hier.“ Tim kriecht als erster durch
das Loch und dreht sich zu seinen Freunden um. „Gebt mir die Rucksäcke.“ Tom und Ben
reichen ihrem Freund die Rucksäcke. Dann kriechen sie hinterher. Lisa sieht ihnen zu. Sie
bleibt aber auf ihrer Seite des Zauns stehen. Ben sieht sich nach ihr um. „Kommst Du?“ Lisa
sieht Tim fragend an. „Na los, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.“ Sie schlüpft durch das
Loch zu den Jungs hinüber. „Und Benno?“ Die Hühnerleber hat Benno schon aufgefressen.
Jetzt liegt er im Gras und leckt das Papier sauber. „Der bleibt hier. Der alte Gruber sucht ihn
bestimmt schon.” “Dann mal los.” Die Vier schleichen durch das hohe Gras in Richtung der
Landebahn.
„Ich dachte, der Flugplatz ist verlassen?“ Die vier Freunde liegen flach auf ihren Bäuchen
und beobachten den Flugplatz. In einer Reihe stehen vier riesige Schuppen aus Wellblech
Dort waren früher die Flugzeuge untergebracht. Jetzt stehen sie schon seit Jahren leer. Aber
heute Abend ist dort drüben Einiges los. Das Rollfeld ist hell erleuchtet und mindestens
zwanzig Männer laufen aufgeregt hin und her. „Was machen die da?“ Ben versteht die
ganze Aufregung nicht. „Haben die was verloren?“ Aus einem der Schuppen kommt mit
lautem Getöse ein mächtiger Lastwagen herausgefahren. Auf dem Lastwagen ist ein riesiger
Kran montiert. So einen großen Kran hat noch keiner von ihnen gesehen. Selbst als das
neue Kreuz auf der Kirchturmspitze montiert wurde, war der Kran nur halb so groß. Und
trotzdem war die Dorfstraße den ganzen Tag über gesperrt. Meter für Meter fährt der
Lastwagen über das Rollfeld. Einer der Männer läuft vor ihm her und gibt dem Fahrer
Zeichen. Schließlich bleibt der Lastwagen stehen und an allen vier Ecken fahren wuchtige
Stützen heraus, fast wie die Stützen an seinem alten Fahrrad, denkt Ben. Jetzt wird der Kran
ausgefahren. Als er seine volle Höhe erreicht hat, ist er größer als der Kirchturm.
Mindestens. „Was haben die da bloß vor?“ Hier ist doch weit und breit nichts? Wozu
brauchen die einen Kran? Noch dazu einen so großen. Schließlich ist alles vorbereitet. Der
Lastwagen steht an seinem Platz, der Kran ist ausgefahren und die Männer stehen plötzlich
ganz still und rühren sich nicht. Alle blicken angestrengt in den klaren Nachthimmel. Aus
Richtung der Nordsee zieht eine einzige Wolke langsam heran. Sonst ist nichts zu sehen.
Die vier Freunde suchen den Himmel ab. Da ist aber nichts. Nur die Sterne funkeln. Die
Wolke zieht langsam heran. „Pssst. Hört Ihr das?“ Ben horcht angestrengt in die Nacht
hinaus. Ein tiefes Brummen ist zu hören, so wie von der alten Kühltruhe in Papas
Hobbykeller, nur irgendwie lauter und viel weiter weg. „Das kommt näher.“ Tim hat es jetzt
auch gehört. Er sieht sich um. Nichts zu sehen. Aber das Brummen wird lauter. „Findet Ihr
nicht, dass die Wolke komisch aussieht.“ Lisa kneift die Augen zusammen. Alle Augenpaare
richten sich jetzt auf die Wolke. Sie glitzert im hellen Mondlicht. Und sie sieht plötzlich gar
nicht mehr aus, wie eine Wolke. Sie sieht aus, wie eine dieser Zigarren, die Dr. Wolff auf den
Fotos im Mund hatte, denkt Tom Eine riesige, silbern schimmernde Zigarre. Und langsam,
ganz langsam kommt sie näher, und sie ist größer als jedes Schiff, das Tim jemals auf der
Elbe gesehen hat. „Das Luftschiff!“ rufen alle gleichzeitig. „Und Schiffe können doch fliegen.“
murmelt Tom ganz leise.
“Das ist größer als ein Fußballplatz!” ruft Tim. “Größer als zwei Fußballplätze” ruft Tom. Das
ist so groß wie die Kugelbake-Halle, mindestens!” ruft Ben. Selbst Lisa ist beeindruckt. Das
riesige Luftschiff schwebt jetzt direkt über den wartenden Männern. An jeder Seite hat es
zwei riesige Propeller, das dumpfe Brummen der Motoren hört man bis hierhin. Dann
stoppen die Maschinen plötzlich und die Propeller stehen still. Man hört keinen Ton mehr.
Das Luftschiff schwebt jetzt vollkommen lautlos auf den Kran zu. Seine Nasenspitze berührt
ihn schon fast. “Was macht es da? Kannst Du was erkennen?” Ben reckt den Hals so weit
nach oben, wie es eben geht. “Moment!” Tim kramt in seinem Rucksack und holt das
Fernglas hervor. “So!” Er packt es aus und schaut hindurch. “Lass mich auch mal!” Tom legt
seinem Freund die Hand auf die Schulter. “Gleich.” “Jetzt!” “Moment.” “Nein, jetzt!” Tim denkt
gar nicht daran. “Wow!” Das Fernglas rückt er nicht heraus. Tom seufzt. Nichts zu machen.
“Nun sag schon! Was passiert da?” Tim schaut angestrengt durch das Fernglas. “Ich weiß
nicht.” Ben stößt ihn in die Seite. “Lass uns auch mal.” “Moment noch.” Zentimeter für
Zentimeter kommt das Luftschiff der Kranspitze näher. Nur noch ein winziges Stückchen,
dann berührt es den Kran. Vorne, an der Spitze des Luftschiffs, ist eine kleine Schlaufe
befestigt, selbst mit dem Fernglas kann Tim sie kaum erkennen. Das Luftschiff hakt sich mit
der Schlaufe am Kran ein. Millimeterarbeit! “Und?” Tom und Ben werden langsam
ungeduldig. Das Luftschiff hängt jetzt an dem Kran fest. In der leichten Sommerbrise bewegt
es sich langsam hin und her. Als sei es nicht schwerer als eine Feder. Einen Moment lang
ist alles ganz still, nichts passiert, die Männer stehen am Boden und starren gebannt nach
oben. Dann öffnet sich eine Lucke und zwei dicke Seile baumeln herunter. Fast bis zum
Boden. Alle Männer recken sich nach den Seilen und bekommen sie schließlich zu fassen.
“Ich glaube …" Tim lässt das Luftschiff keine Sekunde aus den Augen. “Ja, was?!” Seine
Freunde platzen vor Neugier. “Sie ziehen es auf den Boden.” Lisa schüttelt den Kopf. “Das
sehe ich auch ohne Fernglas.” Aber niemand achtet auf sie.
Meter für Meter ziehen die Männer das Luftschiff zu sich nach unten. Wie einen riesigen,
widerspenstigen Walfisch. “Gleich haben sie es!” Tim ist ganz aufgeregt. Seine Freunde
starren ihn mit großen Augen an. Sie warten gespannt auf seinen Bericht “Und? Sag doch!”
Unter dem Bauch des Luftschiffs ist so etwas wie ein Führerhaus angebracht. Die Männer
lassen das Seil jetzt los und halten sich daran fest. Einen Moment lang sieht es so aus, als
würde das Luftschiff mit ihnen davonfliegen. Dann aber haben sie es fest im Griff und ziehen
es zu sich auf den Boden. Das Schiff ist gelandet!
“Bist Du verrückt?” Tim sieht Tom entgeistert an. “Die erwischen uns doch.” Tom schüttelt
den Kopf. “Die Chance kriegen wir nie wieder.”
Das Luftschiff ist fest vertäut und auch schon entladen. Dutzende von Kisten stehen auf der
Landebahn und warten darauf fortgeschafft zu werden. Die Männer sind gerade alle sehr
beschäftigt und niemand achtet mehr auf das Luftschiff. Die Tür zur Führerkabine steht
einladend offen.
“Jetzt oder nie!” Lisa schlägt sich auf Toms Seite. Alle Augen richten sich auf Ben. “Was
seht Ihr mich so an?” Tim schüttelt den Kopf. “Wenn wir erwischt werden?” Tom deutet auf
einen kleinen Verschlag am Rande der Startbahn. “Lasst uns doch einfach bis zu dem
Schuppen laufen. Dann sind wir schon mal näher dran.” Ben ist noch nicht so ganz
überzeugt. “Und dann?” Tom zuckt mit den Schultern. “Dann sehen wir weiter.” Lisa nickt.
“Guter Plan.” Was soll Tim jetzt noch sagen? “OK. Wir lassen die Rucksäcke hier.” Ben
checkt die Lage. Die Männer sind alle in einem der großen Schuppen verschwunden. Die
Luft ist rein. Er schaut noch einmal in alle Richtungen, dann hebt er die Hand. “Auf mein
Kommando…” Aber da sind seine Freunde auch schon losgelaufen. Lisa dreht sich zu ihm
um “Kommst Du?” Ben seufzt und rennt los. Nie hört einer auf ihn. Ist aber jetzt auch egal.
Tim und Tom sind schon am Schuppen angekommen. Sie verstecken sich hinter einem
kleinen Mäuerchen und warten auf Ben und Lisa. Von hier aus haben sie die Lage genau im
Blick. Aber wie geht es jetzt weiter? Ben deutet auf die Kisten, die neben dem Luftschiff
aufgestapelt sind. “Wir verstecken uns hinter den Kisten.” “Gute Idee!” “Seid Ihr bereit?” Alle
nicken. Ben hebt die Hand. “Ich zähle auf Drei. Eins. Zwei.”
“Uuaaahh!”
Die Vier werfen sich auf den Boden. Aus dem Schuppen ist ein Mann herausgetreten. Ein
Baum von einem Kerl. Er ist nicht einmal einen Meter von den Freunden entfernt. Wenn er
sich jetzt umdreht, wird er sie sehen. Aber zuerst streckt er sich mal ausgiebig und gähnt
herzhaft. Er hat hier wohl die ganze Zeit ein Nickerchen gemacht.
“Wo kommt der denn her?” flüstert Tim. “Psssst. Er kommt hier rüber.” Sie drücken sich
ganz fest an den Boden. Der Mann murmelt irgendetwas in seinen Bart. Er scheint noch
nicht so ganz wach zu sein.
Lisa hört ein verdächtiges Plätschern. Es ist ganz nah. “Ihhhh. Er pullert.” “Ruhig.” Das
Plätschern hört gar nicht mehr auf. “Das sind schon mindestens 15 Sekunden.” Meint Tom.
Er zählt die Sekunden auf seiner Uhr. “Mein Rekord liegt bei 21 Sekunden.” “Das interessiert
doch jetzt niemanden.” “Mich schon.” Der Mann hat die Ruhe weg. Ganz entspannt pullert er
neben das kleine Mäuerchen. Als er endlich fertig ist, lässt er seinen Blick über den
Flugplatz schweifen, ganz so, als gehöre ihm das alles. Dann schaut er nach unten.
“Na, wen haben wir denn da?” Tim drückt sich ganz tief in den Boden. Aber er ist entdeckt.
“Und da ist ja noch einer! Hei, ein ganzes Nest.” Ben versucht weg zu schleichen, aber da
packt ihn eine große Pranke am Hosenboden und zieht ihn nach oben. “Wer bist Du denn,
mein Kleiner?” Ben drückt die Augen ganz fest zu. Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich
vielleicht auch nicht, denkt er. Aber nein. Hilflos wie ein neugeborener Welpe baumelt er in
der Luft. “Lassen Sie sofort meinen Freund los!” Lisa baut sich vor dem riesigen Kerl auf und
faucht ihn an. Tim und Tom unterstützen sie. Der Mann lacht. “Na sowas. Da bekomme ich
es ja richtig mit der Angst zu tun.” Er lässt Ben los und er plumpst zu Boden. “Aua.” Der
Mann stemmt die mächtigen Hände in die Hüften und mustert die Freunde aufmerksam.
“Solltet Ihr nicht alle schon längst im Bett sein?” Ben reibt seinen Ellenbogen. Das tat weh.
“Wir wollten das Schiff sehen.” “Das Luftschiff.” Der Mann dreht sich um und schaut zu dem
Luftschiff rüber, so als sehe er es jetzt zum ersten Mal. “Na ja. Da drüben ist es. Jetzt habt
Ihr es ja wohl gesehen.” Dann schaut er die Freunde wieder an. “Und jetzt ab nach Hause.
Ihr habt hier nichts zu suchen.” Das sieht Tim aber etwas anders. “Was haben Sie denn hier
zu suchen?” Der Mann muss wieder lachen. Das scheint für ihn alles ein großer Spaß zu
sein. “Ich wohne hier, mein Junge.” Er deutet auf den Schuppen. “Mein bescheidenes
Zuhause.” Die Freunde schütteln ungläubig den Kopf. Wie kann man denn in einem so
kleinen Schuppen wohnen? Da ist doch gar kein Platz. Schon gar nicht für einen Riesen wie
diesen. “Da passen Sie doch gar nicht rein.” Lisa verschränkt trotzig die Arme vor der Brust.
Sie mag es gar nicht, wenn man sie veräppelt. “Wetten doch?” Der Mann steckt ihr seine
riesige Pranke entgegen. Sie sieht sich den kleinen Schuppen noch einmal genau an. Da
passt nicht mal ein Rasenmäher rein. Vielleicht noch eine Harke. Das war’s dann aber
schon. Sie schlägt ein. Tom stößt seine Freunde an. “Au Weia! Schaut mal da.” Die Männer
kehren aus dem Schuppen zurück. “Ben wirft sich sofort auf den Boden. “Runter!” Aber der
Riese bleibt seelenruhig stehen. “Was habt Ihr denn?” “Die dürfen uns nicht sehen.” “Na
dann, kommt doch einfach rein.” Er deutet auf die offene Tür des Schuppens. “Ihr seid
herzlich eingeladen.”
“Uih. Ist das dunkel hier!” “Drängel nicht so.” Ich drängel gar nicht.” “Du stehst auf meinem
Fuß!” In dem kleinen Verschlag ist es stockdunkel. Und viel zu eng für die Fünf. Und der
Riese zählt mindestens für drei. “Einen kleinen Moment, Kleiner. Du stehst gerade ein
bisschen im Weg.” Ben spürt, wie ihn jemand am Kragen packt und in die Luft hebt. So als
wäre er nicht schwerer als ein kleines Kätzchen. “Moment mal”” Protestiert er. Aber da öffnet
sich unter ihm plötzlich der Boden. “Holla, ein Loch im Boden!” Der Riese setzt ihn wieder
ab. “Nein. Das ist nur eine Bodenluke.” Und tatsächlich. Im Boden des Schuppens ist eine
kreisrunde Luke aus Metall eingelassen. Und dahinter führt eine Röhre ganz tief hinunter in
die Erde. So tief, dass man den Boden nicht sehen kann. Immerhin brennt da aber eine
einzelne Lampe und es ist nicht mehr ganz so dunkel. Am Rand der Röhre ist eine schmale
Leiter befestigt, auf der man nach unten klettern kann. “Ganz schön unheimlich.” murmelt
Ben. Er beugt sich über die Luke und spuckt hinunter. “Na.” Sagt der Riese. “Ich spucke bei
Euch zu Hause auch nicht auf den Boden.” Ben wird rot. “Tut mir leid. Ich wollte nur mal
sehen, wie tief es ist.” Dann sie doch selbst nach.” Der Riese deutet jetzt mit dem Finger
nach unten. Ben seufzt und klettert auf die Leiter. “Sei vorsichtig!” Ruft Lisa. “Ja, ja.” Sprosse
für Sprosse klettert Ben hinunter. “Bist Du schon unten?” Ruft Tim von oben. Ben
konzentriert sich auf die nächste Sprosse. Jetzt bloß nicht loslassen. “Ich komme nach! Ruft
Tom von oben. Seine Stimme hallt durch die enge Röhre und Ben spürt das leichte Zittern in
der Leiter, als Tom herabklettert. Dann endlich spürt er festen Boden unter den Füßen.
“Puuuh. Geschafft. Er ist erleichtert. “Wie soll ich da bloß wieder hochkommen.” Er schaut
noch einmal nach oben. Er kann hören, wie die anderen herunterklettern. Sie machen einen
einen ganz schönen Lärm. Ganz weit oben erkennt er gerade noch so den schwachen
Schimmer der Glühbirne. Dann schaut er sich um. Vor ihm liegt ein kurzer schmaler Gang.
Eine rote Glühbirne beleuchtet eine mächtige Stahltür. Er zieht am Türgriff, aber sie bewegt
sich keinen Millimeter. Hoffentlich hat der Riese den Schlüssel nicht von innen stecken
lassen, denkt Ben. Ihm ist das schon einmal zu Hause passiert. Da waren seine Eltern
etwas sauer.
“Tee?” Der Riese hat vier Kisten im Kreis aufgestellt und Lisa, Tim, Tom und Ben sitzen auf
den Kisten und sehen sich neugierig um, während der Riese in der Küche hantiert. In den
Wohnungen fremder Leute gib es immer viel zu entdecken. Auch in der Wohnung des
Riesen hat sich so Einiges angesammelt. Er sammelt zum Beispiel alte Zeitungen und
Fahrräder. Wie hat er das nur alles hier heruntergeschafft? An den Wänden hängen
dutzende von Fotos von Schiffen, Segelschiffe, Dampfschiffe, Frachter, Container-Schiffe.
Viele von denen hat Tim schon auf der Elbe gesehen. “Sind sie Seemann?” Der Riese muss
lachen. War das eine komische Frage? “Nein mein Junge. Früher mal. Jetzt bin ich ein
Maulwurf.” “Ein Maulwurf?” Tom schüttelt den Kopf. “Sie sind doch kein Maulwurf.” Der
Riese drückt jedem von ihnen eine dampfende Tasse in die Hand. “Mmhh. Pfefferminz.” Lisa
schlürft vorsichtig an ihrer Tasse. “Ein Maulwurf lebt unter der Erde.” Der Riese zieht einen
großen blauen Ohrensessel heran und setzt sich darauf. “Und ich lebe auch unter der Erde.”
Tom denkt darüber nach. Da ist natürlich was dran. “Das da,” der Riese deutet auf das
Segelschiff. “War die Windjammer Albatros. Da war ich noch Kajütenjunge. Mit der Albatros
sind wir ums Kap Horn gesegelt.” “Kap Horn? Ist das weit?” Ben hat noch nie von Kap Horn
gehört. Aber er war schon mal mit seinen Eltern in Holland. Das waren vier Stunden mit dem
Auto. Aber die meiste Zeit davon haben sie gestanden. Der Riese muss wieder lachen. “Das
ist am anderen Ende der Welt.” Er steht auf und geht zu einer großen Kiste in der Ecke des
Zimmers. Er kramt darin herum und findet schließlich ein zusammengerolltes Stück Papier.
Das rollt er vor ihnen auf dem Boden aus. “Eine Landkarte!” Ruft Tom. “Eine Weltkarte.”
Verbessert ihn Tim. “Eine Seekarte.” Verbessert ihn der Riese. Und ja, alle haben recht. Auf
dieser Karte ist wirklich die ganze Welt zu sehen. Jedes einzelne Land. Jede noch so kleine
Insel Und alle Ozeane. “Wo sind wir?” Tim beugt sich ganz tief über die Karte. Der Riese
deutet auf einen kleinen Punkt am oberen Rand der Karte. “Genau hier. An der Mündung
der Elbe.” Die Elbe, denkt Tim, dann ist unser Haus ungefähr da. Mit seinem Finger folgt er
der kleinen blauen Linie des Flusses. Die Elbe hat einen ganz schön weiten Weg hinter sich,
bevor sie ins Meer mündet. Wer hätte das gedacht. “Und Kap Horn?” Der Riese deutet auf
das andere Ende der Karte. Dort, an einem winzig kleinen Landzipfel, liegt Kap Horn. Das
dauert bestimmt Tage, bevor man da unten ankommt, ach was Wochen. “Und wo geht’s
dahin?” Tim fährt mit seinem Finger um dieses Kap Horn herum. “Da geht es in den
Pazifischen Ozean.” So, so, denkt Tim. Sieht nach sehr viel Wasser aus. Aber eigentlich
sind sie ja wegen etwas ganz anderem hier. “Sind Sie denn auch mal auf einem Luftschiff
gefahren?” Der Riese sieht ihn ernst an. “”Ich bin auf allem gefahren, was schwimmt, mein
Junge. Aber geflogen bin ich noch nie.” Er lehnt sich in seinem Sessel zurück und schaut
nachdenklich nach oben an die Decke. “Nein. Auf einem Luftschiff war ich noch nie.” Dann
sieht er die Freunde an. “Ihr?” Sie schütteln den Kopf. “Aber beinahe.” “Wir hätten es fast
geschafft.” Der Riese muss wieder lachen. Die vier sehen sich fragend an. Haben sie etwas
Witziges gesagt? “Ihr wollt also als blinde Passagiere mitfahren.” “Blinde Passagier?” Der
Riese hebt den Zeigefinger. “Blinde Passagiere schleichen sich an Bord von Schiffen und
fahren heimlich mit.” Lisa denkt darüber nach. “Ja. Stimmt. So haben wir uns das gedacht.”
Der Riese legt seine Stirn in Falten und sieht sie nachdenklich an. “Weißt Du denn, meine
Kleine, was man mit blinden Passagieren macht?” “Ich weiß es!” Ruft Tim. Natürlich wieder
er. “Man wirft sie über Bord!” Der Riese schüttelt den Kopf. “Viel schlimmer. Man steckt sie
in die Küche und sie müssen während der ganzen Reise Kartoffeln schälen.” Oh weia, denkt
Tom, dann schon lieber schwimmen. “Wir wollen es uns ja nur ansehen.” Ben wird das alles
gerade ein bisschen zu viel. Morgen ist ein langer harter Tag in der Kita. Er muss langsam
ins Bett. Von Kartoffelschälen war nicht die Rede. “Aber wie sollen wir an den Männern
vorbeikommen?” Der Riese lächelt verschmitzt. “Mmh … ich glaube ich wüsste da einen
Weg.” “Ja?” “Wie?” Da muss er wieder lachen. “Trinkt erst mal Euren Tee aus. Dann
brechen wir auf.”
“Wo sind wir bloß?” Im schummrigen Licht der Glühbirne tasten sich die vier Freunde durch
das unterirdische Labyrinth. Sie werfen riesige, unheimliche Schatten an die Wände. “Wir
sind gleich da. Nur die Ruhe, mein Kleiner.” Der Riese geht vorneweg und nuckelt gemütlich
an seiner Pfeife. Der beißende Tabakqualm erfüllt den engen Gang. “Das riecht wie Tom,
wenn er zu lang im Regen gestanden hat.” Witzelt Tim. Tom kann darüber gar nicht lachen,
aber er ist gerade viel zu aufgeregt, um sich über seinen Freund zu ärgern. Auf der
Armbanduhr seines Vaters hat er ganz genau die Zeit gestoppt. Sie sind schon beinahe
sieben Minuten unterwegs. Dreimal sind über schmale Leitern weiter nach oben geklettert,
aber keine davon war so lang wie die Leiter, über die sie heruntergeklettert sind. Er hat sich
jede Abbiegung genau gemerkt, und wenn der Riese plötzlich verschwinden sollte, könnte er
seine Freunde aus diesem Labyrinth sicher wieder herausführen. Aber eigentlich müsste er
sich die Mühe gar nicht machen, denkt Tom, sie müssten immer nur dem Gestank des
Tabaks folgen. “Hier unten gibt es bestimmt Ratten.” Flüstert Ben zu Lisa. Keine Angst. Ich
beschütze Dich. Antwortet Sie. Ben bekommt wieder ganz warme Backen. Das hatte er nicht
gemeint. Er wollte natürlich Lisa beschützen. Aber sie war ihm immer einen Schritt voraus.
“So. Kompanie halt.” Der Riese hält plötzlich an. Mit Kompanie sind wohl wir gemeint, denkt
Tim und bleibt stehen. Tom rennt von hinten auf ihn drauf und steigt ihm auf die Hacken.
“Aua” Pass doch auf!” “Tschuldige.” Sagt Tom. Geschieht Dir ganz recht, denkt er. Aber
damit sind sie quitt. “So. Das sind wir.” Der Riese deutet nach oben. Da ist noch eine
schwere Eisenluke direkt über ihnen. “Ich geh vor und sehe nach, ob die Luft rein ist.” Der
Riese klettert behände wie ein kleines Äffchen die Leiter hinauf und drückt die schwere
Eisenluke mit einer Hand nach oben. “Wenn er die Pfeife nicht ausmacht, entdecken ihn die
Männer sofort.” Flüstert Tim. Tom nickt. “Die stinkt zehn Kilometer gegen den Wind.” Aber
der Riese hat die Ruhe weg. Er schaut nach links und nach rechts, dann winkt er die
wartenden Freunde zu sich nach oben. “Kommt. Einer nach dem anderen.” Lisa klettert als
Erste nach oben. “Ich bin schon da.” Tim ist ein bisschen verärgert. Eigentlich wollte er
voran gehen. Dann folgt er Lisa. Tim und Ben bilden die Nachhut.
“Wo sind sie denn hin?” Tim sieht sich um. Die Männer sind verschwunden. Die Kisten sind
auch weg. Der Flugplatz liegt einsam und verlassen da, so als hätten sie alles nur geträumt.
Nur in einem der großen Schuppen brennt noch Licht. “Aber wo ist das Luftschiff?” Tom
schaut in alle Richtungen. Der Riese lacht nur wieder. Die Freunde finden das nicht so
komisch. Das Luftschiff ist nirgendwo zu sehen. Ist es schon abgeflogen? War alles
umsonst? Scheint so. “Schaut mal nach oben.” Der Riese schiebt die Luke zur Seite und alle
Vier recken die Hälse und schauen nach oben. Da ist es! Direkt über ihnen. “Das ist ja
riesig!” ruft Ben. Das Luftschiff ist so groß, dass man nicht sieht, wo es anfängt und wo es
aufhört. “Da!” Tim zeigt auf eine Leiter, die an dem Führerhaus des Luftschiffs befestigt ist.
“Da können wir hochklettern!” Noch eine Leiter, denkt Ben, aber seine Freunde sind schon
aus dem Loch gekrabbelt und rennen zu der Leiter. Der Riese hat es nicht so eilig. Er klettert
gemütlich durch die Luke. “Kommst Du, Kleiner?” Ben seufzt und folgt ihm. Der Riese
schiebt den schweren Deckel zurück. “Dann mal los, bevor Deine Freunde Unsinn machen.”
Und die beiden trotten Los. Die Anderen warten schon am Fuß der Leiter. “Kommt schon!”
Ruft Tim. “Und wenn da jemand drin ist?” Tom ist ein bisschen mulmig zumute. Sie können
doch nicht einfach da reinspazieren. “Wir sehen uns doch nur um.” Lisa hat schon eine Hand
an der Leiter. In diesem Moment hören sie ein lautes Motorengeräusch aus der Richtung
des hell erleuchteten Schuppens. Die Männer kehren zurück. “Los! Kommt!” Tim springt auf
die Leiter und klettert flink nach oben. Erster, denkt er. Lisa und Tom klettern hinterher, Der
Riese packt Ben am Kragen und hievt ihn nach oben. “Geht schneller so, mein Kleiner.”
Dann bleibt er unten stehen und zieht gemütlich an seiner Pfeife.
“Kommen Sie nicht mit?” Ben ist schon beinahe ganz oben auf der Leiter, als er sich noch
einmal zu dem Riesen umdreht. Der lacht mal wieder und zieht an seiner Pfeife. “Nein, mein
Kleiner. Ihr schafft das jetzt auch ohne mich.” Ben schluckt einmal. In seinem Magen formt
sich ein dicker Klumpen. “Aber … aber …" Er bekommt kein Wort heraus. Das ist ihm zum
letzten Mal passiert, als sein Vater Wolle, den alten Schäferhund in den Kofferraum gelegt
hat. Wolle war immer da gewesen, seit Ben zurückdenken konnte. Dann, eines Tages, war
Wolle einfach liegen geblieben. Ben hatte ihm die Haustür aufgehalten, um in nach draußen
zu lassen, aber Wolle hatte ihn einfach nur traurig angesehen. “Er ist jetzt schon alt. Und
manchmal ist man dann einfach zu schwach, um draußen herum zu laufen.” Seine Mutter
hatte Ben in den Arm genommen. Sein Vater hatte Wolle dann in eine Decke gehüllt und
zum Auto gebracht. Seine Eltern hatten ihm dann später einen neuen Hund schenken
wollen, aber Ben wollte keinen neuen Hund. Und jetzt verabschiedete sich schon wieder ein
Freund von ihm. Auf Nimmerwiedersehen. “Na, mein Kleiner. Weinst Du etwa?” Der Riese
sah ihn lächelnd an. Ben wischte sich die Träne aus dem Gesicht. “Wie heißen Sie
eigentlich?” Der Riese runzelt die Stirn. “Haben wir uns noch gar nicht vorgestellt!?” Er
nimmt die Pfeife aus dem Munde und schüttelt den Kopf. “Na so was. Ich werde langsam
alt.” Dann streckt er Ben seine riesige Hand entgegen. “Mein Name ist Heinz.” Ben ergreift
die riesige Pranke und sie schütteln feierlich die Hände. “Ich heiße Ben.” Der Riese lächelt
ihn freundlich an. “Freut mich, Ben.” Dann dreht er sich zu dem hell erleuchteten Schuppen
um. Dort herrscht jetzt geschäftiges Treiben. “Ich glaube, ich geh dann mal lieber.” Er winkt
Ben ein letztes Mal zu. “Schaut mal wieder vorbei, wenn Ihr in der Gegend seid.” Ben winkt
ihm zu. “Das machen wir. Ganz bestimmt!” Dann schlendert Heinz ganz gemütlich zu der
Luke zurück, steigt die Leiter hinab und zieht den Deckel über sich zu. Ben sieht ihm traurig
hinterher. Wir kommen ganz bestimmt bald wieder, denkt er. Er möchte unbedingt noch
einmal die Seekarte sehen und mehr über Heinz’ Reisen erfahren. Aber da kehren auch
schon die Männer zurück und Ben zieht schnell den Kopf ein.
“Wow, das war knapp!” Tom beobachtet durch ein Bullauge, was die Männer gerade so
treiben. Sie verladen jetzt die Kisten auf einen Lastwagen und damit sind sie erst mal für
eine Weile beschäftigt. Tim sieht sich in dem Führerhaus um. Es sieht hier nicht viel anders
aus, als im Kühlhaus seines Onkels. Nur ist es hier nicht so kalt und es stinkt auch nicht so
nach Fisch. “So sieht also ein Luftschiff aus.” Besonders beeindruckt ist er nicht. Der Raum
ist weiß gestrichen und bis auf eine Metallkiste gibt es her nicht viel zu sehen. “Warte doch
erst mal ab.” Lisa deutet auf eine Tür am Ende des Raums. “Da geht’s weiter.” Sie öffnet
vorsichtig die Tür und schaut in den dahinter liegenden Raum. “Nicht schon wieder eine
Leiter.” Stöhnt Ben. Lisa zupft ihn am Ärmel. “Na komm schon. Nur die eine noch.” Dann
stürmt sie einmal mehr voran. Die drei Freunde folgen ihr.
“Das sieht ja aus, wie in unserer Kirche!” Ben vergisst vor lauter Staunen mal wieder, den
Mund zuzumachen. Aber seine Freunde sind genauso beeindruckt, wie er. “Nur viel, viel
größer!” Die Vier stehen in einer riesigen, luftigen Halle. Links und rechts von ihnen
verlaufen hunderte von Metallstreben steil nach oben bis sie sich ganz, ganz oben an der
Decke treffen. Ein riesiges Skelett aus Stahl und Draht. “Da ist der Blauwal gar nichts
gegen.” flüstert Tom ganz ehrfürchtig. Vor ein paar Wochen waren sie mit Frau Winkelkötter
im Museum. “Hier seht Ihr das größte Lebewesen, das auf der Erde lebt. Der Blauwal.”
Dabei hatte sie auf ein großes Skelett gedeutet, das an Schnüren von der Decke hing. Die
Kinder hatten das Skelett ausgiebig bestaunt. Wie ein Wal sah das eigentlich nicht aus. Aber
es war schon ziemlich groß.
Das Skelett des Luftschiffes ist aber viel, viel größer. So ein großes Lebewesen hat noch nie
auf der Erde gelebt. "Hier passen bestimmt Fünf Brontosaurusse hinein.” Schätzt Ben.
“Saurier. Fünf Brontosaurier.” verbessert ihn Tim. Tom reicht es langsam. Manchmal geht
ihm Tims Besserwisserei ein bisschen auf die Nerven. Außerdem passen hier locker Zehn
Brontosaurier hinein. Und noch zwei Busse dazu. “Habt Ihr so was schon mal gesehen?”
Tim dreht sich im Kreis. Er schaut nach links und nach rechts, aber er kann das Ende des
Luftschiffs nicht sehen. Lisa schüttelt den Kopf. “Da ist noch eine Tür. Sie deutet nach vorne.
Ben hat kein gutes Gefühl. Vielleicht sollten sie doch langsam umkehren. “Meint Ihr nicht,
dass es schon ziemlich spät ist?” Fragt er schüchtern. Tim ist das auch nicht ganz geheuer,
aber er schüttelt den Kopf. “Jetzt sind wir schon mal hier. Lass uns noch hinter diese Tür
schauen.” Tom nickt. Diese eine Tür noch. “Los.” Die vier nähern sich vorsichtig der Tür. Sie
ist größer und schwerer als die letzte Tür, durch die sie hindurchgegangen sind. “Sieht aus,
wie eine Haustür.” Nur statt einer Türklinke ist da ein kleines Metallrad. Tom dreht vorsichtig
daran. “Sollen wir nicht klopfen?” Ben findet es unhöflich, einfach so durch die Tür in ein
fremdes Haus zu spazieren. Aber das sind natürlich auch besondere Umstände. “Ich drehe
es nur noch ein bisschen.” Tom dreht an dem Rad. Eine Umdrehung. Zwei Umdrehungen.
Nichts passiert. “Vielleicht ist ja abgeschlossen.” Lisa ist jetzt auch etwas nervös. “Da ist
aber gar kein Schloss.” Tom hat Recht. Er dreht noch einmal an dem Rad. Plötzlich hört er
ein ganz leises Klicken. Er stoppt und zieht an der Tür. “Sie geht auf!” Er zieht ein bisschen
fester. “Uff, ist die schwer. Helft mir mal.” Die Vier ziehen jetzt mit vereinten Kräften und
ganz langsam öffnet sich nun die schwere Eisentür und dahinter liegt ein hell erleuchteter
Raum. Als sie ganz vorsichtig hineinschauen, steht Ihnen allen vor Staunen der Mund ganz
weit offen.
(denk irgendwann einmal an die Taschenlampe)
“Holla. Wessen Wohnzimmer ist das denn?” Ben ist begeistert. “So viele Bücher!” er läuft
direkt zu dem großen Regal am anderen Ende des Raums. “Ben, nicht!” Tom versucht noch
ihn zurückzuhalten, aber Ben sieht nur noch die vielen hundert Bücher, die in dem Regal
stehen, und er läuft schnurgerade darauf los. “Dabei kann er doch noch nicht einmal lesen.”
Tim schüttelt den Kopf. “Du aber schon, oder?” Tom reicht es jetzt langsam wirklich mit Tims
Angeberei. “Nicht streiten.” Lisa schreitet gerade noch rechtzeitig ein, bevor sich die Beiden
in die Haare kriegen. “Aber was ist das denn?” Sie macht plötzlich ganz große Augen und
läuft in die andere Richtung. “Ein Flügel!” Ein Flügel, denkt Tom, das sieht aber aus, wie ein
Klavier, ein komisches Klavier. Hoffentlich fängt sie jetzt nicht an zu spielen. Vor ein paar
Wochen haben seine Eltern ihn zu einem Konzert von Beckys Musikschule geschleppt. Sie
saß auch an einem Klavier. Seinen Eltern hat es wirklich gut gefallen. Jedenfalls haben sie
die ganze Zeit über gelächelt und ganz toll geklatscht. Aber Tom fand es furchtbar, und
eigentlich mag er seine Schwester. Es klang so, als sei seinem Vater wieder der
Werkzeugkasten die Kellertreppe heruntergefallen. Da hat er ganz schön laut geflucht. Und
Fluchen geht gar nicht! Erzählen einem die Erwachsenen immer. Aber was ist das denn? An
einer Seite des Raums sind Fotos aufgehängt. So wie in der Wohnung des Riesen. Ganz
alte Fotos, alle ganz grau oder Schwarz. Farben gab es damals wohl noch nicht. Und auf
diesen Fotos sind Luftschiffe zu sehen. Oder ist es immer dasselbe Luftschiff? Und immer ist
es woanders. Manchmal fliegt es über eine Stadt mit riesigen Häusern. Dann fliegt es an
einer riesigen Statue vorbei. Wo es überall schon gewesen ist. Und immer recken die
Menschen die Hälse und winken ihm zu. Wäre das nicht toll? Mit diesem Luftschiff überall
auf der Welt hinzufliegen? Was mögen das für Städte sein? “Das ist New York?” Tim steht
plötzlich neben ihm und deutet auf eins der Fotos. Darauf schwebt das Luftschiff über einer
Statue mit einer Frau, die ein riesiges Schwert in die Luft hält. “Wo ist New York?” fragt er
Tim. Tim schüttelt den Kopf. “In Amerika, glaub ich. Das liegt auf der anderen Seite der
Nordsee.” Na so was, denkt Tom. Er hat sich schon immer gefragt, was wohl auf der
anderen Seite der Nordsee liegt. Amerika. Davon hat er schon mal gehört. Und dieses
Luftschiff war dort schon. “Und das hier?” Tom zeigt auf das Foto mit dem hohen, runden
Berg. Tim geht ganz nah an das Foto heran, um die Beschreibung zu lesen. “Rio de … und
das kann ich nicht lesen …. Janeiro?” Tom schaut sich das Foto ganz genau an. Das klingt
sehr weit weg, denkt er, noch weiter als Amerika. “Jetzt bräuchten wir eine Seekarte.” Tim
nickt. “stimmt.”
Dann halten sie sich vor Schreck die Ohren zu. Ein lautes Dröhnen erfüllt den Raum, wie ein
Donner, als sei das Luftschiff plötzlich zum Leben erwacht. “Was ist das!” Schreit Tim. Mit
weit aufgerissenen Augen sieht er sich um. “Woher kommt das!?” Auch Ben hält sich die
Ohren zu. Er hatte gerade ein dickes Buch aus dem Regal gezogen, als der Lärm losging.
Das liegt jetzt vor ihm auf dem Boden. Tom kommt das grässliche Geräusch bekannt vor.
Klingt nach dem Klavierspiel seiner Schwester. Aber ganz bestimmt ist das eine
Alarmanlage und man hat sie entdeckt. Oder vielleicht explodiert das Luftschiff gerade?
Jetzt ist sowieso alles egal. Dann legt sich der Donner und wird von einem Klimpern
abgelöst. Also doch, denkt Tom. Ein Klavier. Es klingt beinahe wie Musik, wie eine Melodie,
eigentlich sogar ganz schön. Sie folgen der Musik bis zu dem Flügel. Da sitzt Lisa und haut
in die Tasten. “Hör sofort auf!” ruft Tim. “Die schnappen uns doch!” Aber Lisa ist so in ihr
Spiel vertieft, sie hört Tim gar nicht. Ihr kleiner Körper wiegt sich hin und her, ihre Finger
laufen über die weißen und schwarzen Tasten, wie zwei flinke Mäuse. Mal laufen sie ganz
weit nach links, dann wieder ganz weit nach rechts, und Lisa muss sich ganz schön
strecken, um überhaupt an die Tasten zu kommen, beinahe fällt sie vom Hocker. “Schön.”
Ben ist ganz verzückt. Schön laut, denkt Tom, aber es gefällt ihm auch. Seine Schwester
Becky muss noch fleißig üben, bevor sie mal so gut spielen kann, wie Lisa. Auch Tim hört ihr
jetzt mit offenem Mund zu. Seine Angst hat er im Moment ganz vergessen. Vor Lisa, auf
einem Ständer, liegt ein aufgeklapptes Heft. sie kneift die Augen zu und schaut ganz
konzentriert auf die vielen Punkte und Linien, die in dem Heft zu sehen sind. Was mag das
wohl sein? Bestimmt die Bedienungsanleitung. So angestrengt hat Tom niemanden mehr
gucken sehen, seit sein Vater das neue Bücherregal zusammengebaut hat. Aber immerhin
flucht sie dabei nicht. Und noch ein heftiger Donnerschlag zum Schluss und Lisa sinkt
erschöpft zusammen. Dann ist es wieder ganz still. Die Jungen sehen Lisa an. Ihre Münder
stehen offen, so sehr staunen sie über das kleine Mädchen. Keiner bringt einen Ton heraus.
“Bravo!” Ein lautes Klatschen schreckt die Jungs aus ihren Träumen. Auch Lisa sieht sich
erschrocken um. Auweia. Ertappt. Da sitzt ein großer bärtiger Mann im Sessel und klatscht
Beifall. Das ist der Milliardär, denkt Tom. Er erkennt ihn an der Zigarre. “Meinetwegen musst
Du aber nicht aufhören.” Brummt der Mann. Lisa kann vor Schreck gar nichts sagen. Sie
sieht ihn mit großen Augen an. Eigentlich sieht er ganz freundlich aus. Nicht so finster, wie
auf den Fotos. Er lächelt sogar, denkt Tom. “Tut uns leid.” Beginnt er und schaut zu Boden.
“Wir wollten Sie nicht stören.” Ben und Tim schauen auch ganz betreten. Lisa steigt vom
Hocker herab und stellt sich neben die Jungs. Da stehen sie nun vor dem bärtigen Mann
und sehen ganz zerknirscht aus. So als hätte sie Frau Winkelkötter wieder bei einem Streich
erwischt. Der Mann lacht gemütlich. “Ihr stört mich doch nicht.” Beim Sprechen lässt er seine
Zigarre im Mund und sie tanzt munter auf und ab. “Wollen Sie die Zigarre nicht anzünden?”
Toms Vater raucht manchmal auch, heimlich hinter dem Haus, damit es Toms Mutter nicht
sieht. “Ich will mir das Rauchen abgewöhnen.” Der Mann nimmt die Zigarre aus dem Mund
und betrachtet sie nachdenklich. Scheinbar hatte er ganz vergessen, dass sie in seinem
Mund steckte. “Ich heiße übrigens Herr Wolff.” Er streckt seine Hand aus. Schon der zweite
Erwachsene, der ihnen die Hand schüttelt, denkt Tom. Er ist ein bisschen stolz. “Ich heiße
Tom!” Er ergreift die Hand und schüttelt sie. “Und das sind meine Freunde”. Er stellt Herrn
Wolff der Reihe nach seine drei Freunde vor. “Das ist Tim. Das ist Ben. Und das ist Lisa.”
Herr Wolff schüttelt allen die Hand. Dann lässt er sich wieder in seinen Sessel fallen. “Das
war sehr schön, Lisa. Vielen Dank.” Lisa macht einen kleinen Knicks. “Das ist ein wirklich
schöner Flügel. Spielen sie auch Klavier, Herr Wolff?” Herr Wolff schüttelt den Kopf. “Leider
nein, Lisa.” Er deutet auf ein Foto, das direkt über dem Klavier hängt. “Meine Frau spielte.”
Auf dem Foto ist eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau zu sehen. Beinahe so schön wie
meine Mutter, denkt Tom. Aber nur fast. Die Frau auf dem Foto lächelt, ja sie strahlt über
das ganze Gesicht. Das muss ein besonders schöner Moment gewesen sein, denkt Tom.
“Spielt sie denn manchmal noch für Sie.” Ben stellt sich das gemütlich vor. Hoch oben auf
dem Luftschiff um die Welt zu fahren, und Abends vor dem Schlafengehen noch ein
bisschen auf dem Klavier zu spielen. So hätte er das zu Hause auch gern. Das muss toll
sein, wenn man so viel Geld hat, dass man mit dem Luftschiff um die Welt reist. Bei ihnen zu
Hause reicht es nur für vier Wochen mit dem Campingwagen in die Lüneburger Heide. Aber
das ist eine andere Geschichte. Er hat wieder gar nicht gemerkt, dass er laut gesprochen
hat. Die anderen kichern schon wieder über ihn. Ben wird ganz rot im Gesicht und schmollt.
Herr Wolff lächelt aber freundlich und beugt sich zu ihm herunter. “In der Lüneburger Heide
ist es auch sehr schön.” Er nimmt seine Zigarre aus dem Mund und runzelt nachdenklich die
Stirn. “Vielleicht sollte ich dort auch mal hinfliegen. Vielleicht begegnen wir uns dort ja, wenn
ihr mal wieder im Urlaub hinfahrt.” “Ganz bestimmt!” Ben hat seinen Ärger schon wieder
vergessen.
“Aber jetzt ist es schon spät.” Herr Wolff schaut auf seine Uhr. “Ich glaube, das war für uns
alle ein langer Tag, oder?” Er schaut jeden der Freunde lange an. Sie nicken alle. Es ist ja
auch wirklich schon spät. Vielleicht machen sich ihre Eltern schon Sorgen?
“Aber, wir wollten doch ….” Tom will es nicht wahrhaben. Nach Hause? Ohne mit dem
Luftschiff geflogen zu sein? Niemals! Herr Wolff sieht Tom aufmerksam an. Seine buschigen
Augenbrauen zieht er ganz weit nach oben. “Ja? Was wolltet Ihr, Tom?” Tom sieht seine
Freunde hilfesuchend an. “Wir wollten doch mit dem Luftschiff fliegen.” Springt Tim ein. Herr
Wolff zieht seine Augenbrauen noch weiter nach oben. “Dazu ist es heute schon zu spät. Ihr
müsst jetzt schleunigst nach Hause.” Lisa schüttelt traurig den Kopf. “Aber dann fliegen Sie
ja ohne uns weiter?” Herr Wolff seufzt. “Ich fliege erst mal nirgendwo hin, Lisa.” Die vier
Freunde sehen ihn fragend an. “Mein Kapitän liegt im Krankenhaus. Blinddarm.” Aua, denkt
Tom. Er hat keine Ahnung, was genau Blinddarm sein soll. Aber es klingt schmerzhaft. “Und
ohne Kapitän kann ein Schiff nun mal nicht auslaufen. Auch, wenn es ein Luftschiff ist. Ach,
denkt Ben, Kapitäne steuern also auch Luftschiffe. Er denkt ganz scharf nach. Er weiß, dass
es für Herrn Wolffs Problem eine Lösung gibt. Er kommt nur gerade nicht drauf. Herr Wolff
steht aus dem Sessel auf und streckt sich. “So Kinder, Ich lasse Euch jetzt nach Hause
fahren. Für mich ist es auch schon ganz schön spät.” Na sowas, denkt Ben, Erwachsene
gehen auch ins Bett? Man lernt nie aus. Aber er darf sich jetzt nicht ablenken lassen. Wo
war er doch gleich? Ach ja, der Kapitän. Er kennt doch einen Kapitän. “Heinz!” ruft Ben ganz
laut. Und alle sehen ihn verdutzt an. “Heinz ist doch Kapitän.” wiederholt Ben etwas
kleinlaut. “Wer ist denn dieser Heinz?” Fragt Herr Wolff. “Kapitän Heinz.” Verbessert ihn
Ben.