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Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, Szene 7

Szenenanalyse
In dem Drama “Der gute Mensch von Sezuan”,das von B. Brecht im Jahre
1940 verfasst und uraufgeführt wurde, geht es um die Prostituierte ShenTe,
die den guten Menschen von Sezuan repräsentiert und aufgrund der
schlechten Lebensbedingungen zu einer Doppelrolle gezwungen wird. Die
kapitalistische Gesellschaft und die Aussicht auf finanziellen Erfolg zwingen
sie, ein zweites Ich zu erschaffen, um zu überleben. Die Doppelrolle zeigt die
Unmöglichkeit auf, in einer Welt von Not und Elend gut zu sein.
Im Folgenden soll die Szene 7 zusammengefasst und analysiert werden.
Diese Szene handelt von ShenTe, die nach der geplatzten Hochzeit mit ihrem
Geliebten Sun finanziell ruiniert ist und anfangs ihr Schicksal hinnimmt. Den
Blankoscheck, den ihr der Barbier Shu Fu anbietet, will sie nicht einlösen. Erst
als sie erfährt, dass sie schwanger ist, entschließt sie sich, alles Mögliche für
ihr Kind zu tun, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen. Sie wird wieder
zu Shui Ta und löst den Scheck des Herrn Shu Fu über 10.000 Silberdollar
ein. Shui Ta beschließt, dass alle Personen, die ShenTe um Hilfebitten, etwas
für ihn tun müssen. In den Baracken des Barbiers, die zur Tabakfabrik
gemacht werden, sollen sie Tabak verarbeiten. Dafür können sie dort
wohnen.
Die Szene spielt im Hof hinter ShenTes Tabakladen. Am Anfang der Szene
befinden sich ShenTe und die Shin im Hof, hängen Wäsche auf und sprechen
über ShenTes Tabakladen. Die Shin kann nicht verstehen, warum ShenTe
nicht „mit Messern und Zähnen um ihren Laden kämpft“ (S.96). Mit dieser
Metapher betont sie ihre Aussage und möchte ShenTe überzeugen. Auch die
Klimax „Kein Mann, kein Tabak, keine Bleibe!“ (S.96) verweist auf die
ungeschriebenen Gesetze des Kapitalismus. Man kann nur in einer
kapitalistischen Gesellschaft überleben, wenn man sich „verkauft“. Während
sie sich noch unterhalten, „stürzt“ (S.96) der Barbier Herr Shu Fu herein. In
seinem Monolog nennt er ShenTe metaphorisch „Engel der Vorstädte“, womit
er ihren guten Charakter unterstreichen und ihr schmeicheln möchte. Er gibt
vor, sie in ihren guten Taten unterstützen zu wollen, damit sie ihren Laden,
„diese kleine Insel der Zuflucht“ (S.97), nicht schließen muss. Deshalb bietet
er ihr einen Blankoscheck „ohne Gegenforderung“ (S.97) an. Dabei betont er
seine scheinbare Uneigennützigkeit derart, dass sich erahnen lässt, dass er in
Wirklichkeit sehr wohl eine Gegenleistung von ShenTe erwartet: nämlich,
dass sie ihn heiratet. Dass er sich selbst als „still und bescheiden“ und
„selbstlos“ (S. 97) charakterisiert, erscheint scheinheilig und verlogen. Als die
Shin erfährt, dass ShenTe das Angebot von Shu Fu ablehnt, bleibt sie
überrascht. Diese Überraschung wird mit der rhetorischen Frage „Was? Sie
wollen den Scheck nicht annehmen?“ (S.97) deutlich. Auch mit der
rhetorischen Frage in Shins Redeanteil „Wollen Sie etwa immer noch Ihren
Flieger festhalten, von dem die ganze Gelbe Gasse und auch das Viertel hier
herum weiß, wie schlecht er gegen Sie gewesen ist?“(S.97) werden ihre
Besorgnisse über Sun geäußert. Sie glaubt, dass Sun schlecht ist und „sie an
der Nase herumgeführt“ (S. 97) hat. Trotzdem rechtfertigt ShenTe Suns
Verhalten mit der „Not“ (S.97), in der dieser lebt. In einer in freien Versen
gehaltenen Publikumsansprache begründet sie Suns unmoralisches
Verhalten mit den Umständen. Seine negativen Eigenschaften, die „bösen“
(S. 98) Backen und „sein schlaues Lachen“, kann sie begreifen, da er
„löchrige Schuhe“ (S.98) und einen abgetragenen „Rock“ (S.98) trägt. Hier
könnte man meinen, dass ShenTes Gefühle vielleicht aus Mitleid und nicht
aus Liebe kommen. Als ShenTe beim Wäscheabhängen schwindelig wird,
begreift die Shin sofort, dass ShenTe schwanger ist. ShenTe bestätigt deren
Verdacht. Voller Vorfreude stellt sie sich an das Publikum gewandt vor, dass
ihr Sohn „ein Flieger“(S.98), „ein Eroberer“(S.98) sein wird. Sie spricht an
ihren Sohn, als ob er schon geboren ist, was zeigt, wie ungeduldig und
euphorisch sie ist. Anschließend nimmt sie ihren imaginären Sohn in einer
pantomimischen Einlage an die Hand und führt ihn durch die Stadt. In ihrem
Monolog gibt es mehrere Symbole. Der „Baum“ (S.99) steht für den Baum des
Lebens, der Polizist (S.99) für den Staat und der „Garten“ (S.99) für den
Markt. Es gibt vielerlei Obst für alle, jedoch sind sie nicht jedem zugänglich.
Dem Polizisten gehen Mutter und Sohn in ihrem Spiel lieber aus dem Weg,
und die „Kirschen“ (S.99) müssen sie stehlen. Der Diebstahl und die Flucht
vor der Polizei erscheinen als ein harmloses, unbeschwertes Spiel. Sie nennt
ihren Sohn auch einen „Vaterlose(n)“ (S.99), was heißt, dass sie damit
rechnet, ihren Sohn allein großzuziehen. Ihr Monolog wird durch Wangs
Auftreten unterbrochen. Er erscheint mit dem Kind des Schreiners Lin To an
der Hand. ShenTe nimmt Wang das Kind ab und richtet sich nochmals mit
einem Hilferuf an das Publikum. Sie fordert das Publikum auf, sich um das
Kind zu kümmern: „Einer von morgen bittet euch um ein Heute!“ (S.100).
Dieser Appell ist ein Verfremdungseffekt und verdeutlicht, dass das auf der
Bühne Gezeigte einen beispielhaften, belehrenden Charakter hat. Das Kind
steht stellvertretend für alle armen Menschen. Nach dem Gespräch zwischen
ShenTe, Wang und der Shin, wendet sich ShenTe abermals in freien Versen
an das Publikum.

Was die Figurenkonstellation betrifft, wird sie durch die komplementäre
Kommunikation deutlich. Shen Te und Shui Ta dominieren in dieser Szene.
Im Text findet man lange Monologe dieser Figuren. Beide Figuren sprechen
auch mit allen anderen Nebenfiguren.
Szene 7 ist eine sehr wichtige Szene im Stück und stellt den Wendepunkt im
Buch dar. Shen Tes Schwangerschaft ist hier der Höhepunkt und beeinflusst
den weiteren Handlungsverlauf. Es gibt einen starken Kontrast zwischen dem
Anfang und dem Ende der Szene. Hier tritt eine Änderung im inneren Konflikt
auf.Shen Te scheint nicht mehr, der gute Mensch zu sein. Sie steht vor dem
Ruin; deswegen denkt sie um. Anschließend verkleidet sie sich als Shui Ta.
In dieser Szene erfährt man über den Gegensatz zwischen Gut und Böse. In
der Szene 7 kann man feststellen, dass die guten Menschen in einer
kapitalistischen Gesellschaft nicht überleben können. Sie werden von den
anderen ausgenutzt. Deshalb verkleidet sich auch Shen Te als Shui Ta.
Außerdem wird hier die soziale Ungleichheit zwischen den zwei
Geschlechtern kritisiert. Es ist schwierig für Frauen, Besitzende zu sein.
Deshalb wird die Tabakfabrik von dem Vetter, Shui Ta, gegründet und nicht
von Shen Te.
Zusammenfassend ist diese Szene besonders wichtig für das Gesamtwerk.
Hier gibt es einen Umschwung des Handlungsgeschehens. Der Leser
beobachtet die innere Veränderung der Hauptfigur und kann durch diese die
kapitalistische Gesellschaft kritisieren. Die Handlung dieser Szene kann also
in eine allgemeine Situation übertragen werden, die den Leser belehren wird.

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