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Schreiben kann ein Versuch sein, die Welt zu erobern.


Das Existierende festhalten, dessen Dasein durch den
alltäglichen Umgang selbstverständlich geworden ist,
sich gleichsam seiner annehmen, indem man schreibend
5 und beschreibend die vertrauten, abgestumpften,
tagtäglich sich wiederholenden Vorgänge in eine die
Aufmerksamkeit schärfende Sprache faßt, bedeutet, der
Welt, die halb schon vergessen ist, wieder habhaft zu
werden und mit den Sinnen sie neu zu beleben und nicht Vous étudierez dans ce texte:
10 nur mit den Sinnen dessen, der sie beschreibt, sondern
auch dessen, der bereit ist, lesend der Beschreibung zu Le génitif
folgen. ; die Anspannung, die dazu gefordert wird, wird

erwidert von einer wachsenden Hellhörigkeit und
Hellsichtigkeit, die dazu führt, daß nach dem Lesen und
15 Schreiben Augen und Ohren aufgehen auch für die nicht
beschriebene Umwelt ; es ist zumindest die Möglichkeit
gegeben, die Dinge, auf die man vordem taub und blind
gestoßen ist als auf etwas, das sich von selber versteht
infolge einer genauen und eingehenden Beschreibung,
20 wieder dingfest zu machen und für das, was geschieht
und geschehen ist, gleichsam einen neuen Sinn zu
gewinnen, einen Zeitsinn, einen Sinn für das, was man
gemeinhin Geschichtlichkeit nennt. Als das Gesagte gilt
für eine immerhin bemerkenswerte Neuerscheinung des
25 Suhrkamp Verlages, Ror Wolfs Fortsetzung des Berichts,
worin der Autor dem vertrauten Vorgang des Essens, des
Sich- Einverleibens, des Prassens, Schlemmens und Sich-
den-Wanst-Vollschlagens sowie den Randerscheinungen
des durch das ganze Buch sich ziehenden Gelages […]
30 eine solche angestrengte und um jede Einzelheit bemühte
Beschreibung angedeihen läßt, daß alle diese
ausgekochten und abgeschmackten Ereignisse wieder wie
frisch zur Welt gebracht werden. Wiewohl sehr stark von
dem Peter-Weiss-Fragment Der Schatten des Körpers des
35 Kutschers beeinflußt, beweist Wolfs Fortsetzung des
Berichts eine gewisse Eigenart in dem (freilich nicht
immer erfolgreichen) Ehrgeiz, auch die Vorgänge im
Bewußtsein, die zeitlich oder örtlich mit der äußerlich
wahrgenommenen Sinnwelt nicht übereinstimmen, in die
40 Beschreibung mit einzuschließen.
Peter Handke, Tage und Werke, Berlin, Suhrkamp
Verlag, 2015, Seiten 211-212.