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Fitness

Mythen und Fakten – Teil 1

STRETCHING
Die Erfahrung aus der Praxis unzähliger die behaupten, dass mittlerweile mehrere Methoden
akzeptiert werden können?
Aus- und -fortbildungen für Trainer belegt in
eindrucksvoller Weise, wie ungeordnet bei Klare Antworten brauchen präzise
vielen der Kenntnisstand zum Dehnen ist, und Fragen
wie viele Mythen sich mittlerweile eingenistet Bevor einige der gängigsten Mythen hinterfragt wer-
haben. Prof. Dr. Theo Stemper räumt mit den den können, muss zunächst die Fragestellung klar sein.
Fragen bezüglich Stretching bzw. Dehnen können nie
Mythen auf und erklärt uns den aktuellen pauschal, sondern immer nur differenziert gestellt und
Stand der Wissenschaft. beantwortet werden.
Eine pauschale Frage, wie: „Was bringt Dehnen
eigentlich?“, kann kaum beantwortet werden, da sie

W
er kennt sie nicht - die gutgemeinten weder eine klare Angabe zur Dauer, Art bzw. Technik
Ratschläge vieler Trainer und selbst- und Häufigkeit der Dehnung, noch zum gewünschten
ernannter Experten zum Thema Stret- Effekt des Dehnens (z. B. Bewegungsreichweite, Leis-
ching? tungsfähigkeit oder Verletzungsprophylaxe) noch zum
„Stretching, das ist langes Dauerdehnen, mindestens Zeitpunkt der Prüfung des Effekts (kurz-, mittel- oder
30 Sekunden halten, sonst bringt es nichts!“. Vor allem auch langfristiger Effekt des Dehnens) beinhaltet.
aber kennen Sie sicher die folgende „Weisheit“: „Dyna- Das heißt also: Nur, wenn eine eindeutige Fragestel-
misches, wiederholtes, federndes Dehnen ist doch total lung vorliegt, ist auch eine befriedigende und wissen-
out!“ Oder noch radikaler: „Dehnen macht doch über- schaftlich nachvollziehbare Antwort zu erwarten.
haupt keinen Sinn – es ist sogar kontraproduktiv!“ Im Folgenden sollen daher einige der gängigsten
Stimmt das tatsächlich alles? Ist das wirklich der Mythen etwas genauer angesprochen und mit den Fak-
aktuelle Kenntnisstand? Oder haben diejenigen recht, ten verglichen werden.

62 Fitness & Gesundheit 1-2012


Fitness

Das Horrorkabinett der Anschuldigungen gegen


1. Mythos:
dynamisches, „wiederholtes“ oder „federndes“ Dehnen
Stretching ist etwas anderes als kennt ja in der Tat keine Grenzen. Muskelfaserrisse!
Dehnen! Sehnenrisse! Knochenverletzungen!
Was aber davon ist wirklich wahr? Welche wissen-
Ein häufig gehörtes (Vor-)Urteil. Das Gegenteil ist schaftliche Arbeit belegt diese Vorwürfe?
richtig. Denn „Stretching“ ist lediglich die „modernere“, Bei genauem Hinsehen – keine! Und dennoch wird in
englische, genauer gesagt amerikanische Bezeichnung einigen Büchern geradezu gebetsmühlenartig wieder-
für den bekannten deutschen Begriff „Dehnen“. holt, was Experten der sogenannten Funktionsgymnas-
Populär wurde die Verwendung des amerikanischen tik uns jahrelang eingebläut haben: „Seit es ‚Stretching‘
Begriffs „Stretching“ durch das gleichnamige Buch von gibt, ist dynamisches Dehnen out!“
Bob Anderson 1980. Seither wird häufig unterstellt, Leider jedoch ist das lediglich eine Vermutung. Diese
beim Stretching handele es sich um etwas beruht auf einer Spekulation über einen
vollkommen anderes, ja sogar Höherwer- neurophysiologischen Sachverhalt, der das
tiges. Und wenn dann noch mit Begriffen Zusammenwirken von Nervensystem und
aus der Krankengymnastik oder Medizin Muskulatur betrifft, den sogenannten
argumentiert wird, und von „Contract- Streckreflex.
Hold-Relax-Stretching“ oder „postisome- Klassischerweise wird dieser Reflex als
trischer Relaxation“ gesprochen wird, Test vom Arzt eingesetzt, indem er z. B.
glaubt man fast, dass dem Stretching durch einen Schlag auf die Kniestrecker-
etwas Mystisches anhaftet. Das hat ja sehne (Patellasehne) eine Streckung im
wohl mit dem guten alten „deutschen Kniegelenk auslöst. Dieser Reflex wiederum
Dehnen“ nun wirklich nichts mehr zu tun, wird dadurch hervorgerufen, dass die soge-
oder? nannte „Muskelspindel“, die parallel zu den
Doch. Stretching und Dehnen sind lediglich zwei ver- eigentlichen Muskelfasern liegt, mit hohem Tempo
schiedene Begriffe für dieselbe Sache. Und dabei geht gedehnt wird. Dies wiederum hat zur Folge, dass sie –
es um das gleiche: Einen Muskel durch Änderung einer gleichsam als Schutz vor Überdehnung des Muskels –
Gelenkposition „in die Länge zu ziehen“. Mit Hilfe der über das Rückenmark ein Signal aussendet, das zu den
Begriffspaare „dynamisch und statisch“, „aktiv und Muskelfasern zurückläuft und das Zusammenziehen
passiv“ und „Agonist und Antagonist (aktiver Muskel befiehlt.
und Gegenspieler)“ können die Methoden näher be- Der Effekt eines solchen Funktionskreises wäre nun
zeichnet und unterschieden werden. fatal, sollte es beim ruckartig wippenden Dehnen tat-
sächlich einsetzen. Denn dann zögen sich genau in der
größten Weite der schwungvollen Dehnung die Muskel-
2. Mythos: fasern in die Gegenrichtung zusammen. Dass dann Zer-
reißungen möglich wären, wenn auch noch so kleine,
Dynamisches Dehnen ist schädlich! Prof. Dr.
liegt nahe.
Theodor Stemper
Dem Mythos haftet ein Körnchen Wahrheit an, wenn Diese schöne, griffige Vermutung hält der Prüfung in
Sportwissenschaftler an
man an das ganz alte Dehnen „à la Turnvater Jahn“ der Praxis jedoch nicht stand. Es sei denn, man dehnt der Bergischen Uni-
denkt. Dieses auch als „Hau-Ruck-Methode“ bezeich- wirklich wie zu Turnvater Jahns Zeiten. Einerseits versität Wuppertal,
nete „Dehnen“ kennen vielleicht noch einige aus ihrer scheint die Muskelspindel beim „normalen“, also wip- Vorsitzender der
Arbeitsgemeinschaft
eigenen frühen Sportpraxis. penden, wiederholten Dehnen überhaupt nicht diese
Prae-Fit (DSSV, DFAV,
Das bekannte schwunghafte, ruckartige Zurückfedern oben beschriebene Reaktion zu zeigen, wenn man mit dflv) und Ausbildungs-
der Arme nach hinten-oben zur Dehnung der Brust- „ruhigem“ Bewegungstempo, also mit „Schieben“ oder direktor Fitness beim
muskeln zum Beispiel, unterstützt durch das Kom- „Führen“ der Bewegung anstatt ruckartigem Schlagen, DFAV e.V.
mando „Und eins, und zwei - ... uuund drei“ für den dehnt. Andererseits ist die Muskelspindel offenbar lern-
letzten, besonders heftigen Impuls deutet schon an, und anpassungsfähig und kann den Sollwert, bei dem
woher diese Methode stammt – genau: aus dem vormi- sie „anspringt“, verstellen.
litärischen Drill. Durch intensive Körperertüchtigung Neuere Untersuchungen belegen außerdem, dass das
wollte man seit Beginn des 19. Jahrhunderts die ver- lange Zeit geradezu verteufelte „schwunghafte Dehnen“
weichlichte deutsche Jugend für Kriege stählen. in manchen Fällen sogar effektiver ist – ja, Sie haben
Doch häufig wurde dieses Dehnen – als Vorbereitung richtig gelesen – und effektiver die Gelenkreichweite
auf später folgende, intensivere Übungen – ja gar nicht erhöht als zum Beispiel das hochgelobte statische Deh-
mit diesem übertriebenen Eifer ausgeführt, sondern nen oder das Anspannungs-Entspannungs-Stretching.
eher mit ruhigen und kontrollierten Bewegungen. Ist In der nächsten Ausgabe der F&G werden wir weitere
aber dieses dann eher wippende, dynamische Dehnen vier Mythen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. /
wirklich „uneffektiv“, oder sogar „schädlich“? Prof. Dr. Theodor Stemper

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