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KULTUR & WISSEN

Stumme Signale: Orang-Utans kommunizieren mit Gesten S. 52

WELT AM SONNTAG NR. 9 28. FEBRUAR 2021 SEITE 45

DER AKTUELLE
KLASSIKER
VON TILMAN KRAUSE
Allein auf
weiter Flur:
Christian Hofmannsthals
Kracht
„Vorfrühling“
Ahnung und Gegenwart: Das ist un-
sere Situation in diesen Tagen. Denn
es bereitet sich etwas vor. Was es
sein wird, das wissen wir noch nicht.
Aber es wetterleuchtet vor Zukunft.
Temperaturen um die zwanzig Grad,
Sonnenschein satt, wenngleich mild
verschleiert durch Staub aus afrika-
nischen Steppen, das alles ist ir-
gendwie unwirklich, aber eben doch
schon da, zumindest vorüberge-
hend.
Man nennt es Vorfrühling. Die
Dichter hatten schon immer ein Fai-
ble für diese ganz spezielle Jahres-
zeit, für das Sehnen, Sich-Dehnen,
das darin liegt. Für die Zeit vor dem
Anbruch der eigentlichen Zeit; auch
für das Trügerische übrigens, das da-

Monster überm Bett


rin liegt, Versprechen, die nicht ge-
halten werden. „Obacht, wenn’s im
Februar maielt“, heißt es gleich auf
der ersten Seite eines der beliebtes-
ten Erzählwerke des 19. Jahrhun-
derts, zumindest im Südwesten, in
„Schillers Heimatjahre“ von Her-
mann Kurz.
Aber der Hohepriester des Vor-
frühlings ist natürlich Hofmanns-
thal. Hugo von. Später Spross der
Donaumonarchie. Früh gereift und

PATRICIA VON AH/THE LICENSING PROJECT


D
zart und traurig. Doch eben gerade
darum auch auf diese unnachahm-
lich suggestive Weise subtil, wie
man es nur sein kann, wenn man zei-
tig beginnt mit dem Kreativsein,
sich fast noch traumhaft unbewusst
artikuliert und doch voller Ahnung
dahinlebt, wenngleich noch ohne
Gegenwart.
„Vorfrühling“, jenes Gedicht, das
alle seine Lyrikbände eröffnet,
er Schriftsteller Träumen, „als seien sie die aussortierte, frankenschein in die Hand drückt – „es pere auf einem Friedhof, um das Grab ei- schrieb Hugo von Hofmannsthal, da
Graham Greene unzureichende Ausschußware aus An- war zu viel gewesen zum Ablehnen und nes Schrifstellers zu finden. In „Faser- war er keine zwanzig. Aber wie tref-
nahm einmal an ei- drei Tarkjowskis Polaroidsammlung“. zu wenig, um etwas Vernünftiges damit land“ war das Thomas Mann in Kilch- fend geheimnisvoll geht das los: „Es

Mit „Eurotrash“
nem Graham- Dieser besondere Sound, raunend und anfzufangen“ –, ist seit zehn Jahren tot, berg. Jetzt ist es Borges, wir sprachen läuft der Frühlingswind / Durch kah-
Greene-Imitations- genau, ausschweifend und detailgesät- als der Erzähler seine Mutter besucht. In von ihm, in Genf. le Alleen, / Seltsame Dinge sind /In

zieht Christian
wettbewerb teil, in- tigt, assoziativ und transparent wie ein den Poetikvorlesungen sinnierte Kracht Thomas Mann blieb 1995 unentdeckt. seinem Wehn.“ Seltsame Dinge:
kognito natürlich. Roman von Nabokov – dem wir im Laufe über den Umstand, dass die Welt seiner Borges wird nun gefunden, mithilfe der Man kann, was die Zukunft bringen

Kracht die
Er wurde Zweiter. In seinem neuen Ro- der Geschichte ebenfalls begegnen – ist Romane eine ausschließlich männliche Taschenlampe eines bei der Beförderung wird, schon fühlen, wenngleich noch
man „Eurotrash“ macht es Christian typisch für Kracht. Am besten hat man sei. Adäquate Frauenfiguren kämen seiner zwei seltsamen Passagiere ziem- nicht benennen. Nur das, was der

Summe seines
Kracht potenziellen Juroren eines Chris- dazu seine Lesestimme im Ohr, diesen nicht vor. „Eurotrash“ korrigiert dies. Im lich gut verdienenden Taxifahrers. Aber Wind zurücklässt, das lässt sich

bisherigen
tian-Kracht-Contests leichter. Auch sonoren, unterschwelligen Wohlklang an Herzen ist das Buch ein Liebesbrief an mit Geld wird sowieso buchstäblich he- namhaft machen: „Er hat sich ge-
wenn sein Name nicht auf dem Cover der Grenze zum Flüstern. Sein Freund die Mutter, zart und grausam. rumgeworfen. Sechshunderttausend wiegt, / Wo Weinen war, /Und hat

Schaffens.
stünde, gäbe es keinen Zweifel an der und Kollege Clemens Setz nannte ihn Längst geschieden, lebt sie allein, ab- Franken in einer Plastiktüte sind der sich geschmiegt / In zerrüttetes

S
Autorschaft. Schon auf der ersten Seite einmal einen geborenen Erzähler – eine gespeist mit Abklatschen aus der Kunst- McGuffin, also das an sich belanglose Haar“. Er hat sich also dem Leid ver-

Zugleich ist der


gesteht der Erzähler, „daß ich vor einem Beobachtung, die das Mündliche unbe- sammlung ihres Ex-Mannes. Sie verun- Plot-Device, das die Handlung treibt. schwistert, denn er ist janusköpfig,
Vierteljahrhundert eine Geschichte ge- dingt einschließt. zieren die Wände über dem grünen Sei- In diesem Teil ereilen den Leser Un- gibt sich dem Guten wie dem Bösen

neue Roman ein


schrieben hatte, die ich aus irgendeinem densofa in ihrer Wohnung in einem terbrechungen in Form kleiner unver- hin. Doch der Frühlingswind ist
Grund, der mir nun leider nicht mehr o ist auch „Eurotrash“ voller Ge- grässlichen Haus an der sogenannten mittelter Geschichten, die Kracht seiner auch aktiv: „Er schüttelte nieder /

zarter, grausamer
einfällt, Faserland genannt hatte. Es en- schichten. Zu Anfang sind das Er- Zürcher Goldküste. Ist es überhaupt an Mutter erzählt – grausige Parabeln, die Akazienblüten / Und kühlte die Glie-

Liebesbrief an
det in Zürich, sozusagen mitten auf dem innerungen an die Verwandt- der Goldküste, oder liegt die auf der an- Kracht-Plots ähneln, oder ebenso grausi- der, /Die atmend glühten.“
Zürichsee, relativ traumatisch.“ schaft, die furchtbar zu nennen eine Un- deren Seeseite? Der Erzähler weiß es ge historische Begebenheiten. Dichtung

seine todkranke
tertreibung wäre. Im dergestalt aufge- nicht; es ist ihm auch egal. Er hasst Zü- und Wahrheit sind in einem steten Fluss.
VON JAN KÜVELER blätterten Familienalbum begegnen wir rich mit einer Inbrunst, die Thomas Einerseits durch die ausgestellte Auto-

Mutter
verbitterten Altnazis wie dem Großvater Bernhards Hass auf Wien ebenbürtig ist fiktion: Vorn im Buch steht kleinge-
Deutschland, durch das der Erzähler mütterlicherseits, der Bildbände über – Gelegenheit für Bernhard-Gedenk- druckt ein Disclaimer, die handelnden

ETWAS BEREITET
von „Faserland“ vor 25 Jahren reiste, die SS-Expedition nach Tibet studiert Wutreden auf „diese Stadt der Angeber Figuren hätten zwar „Vor- und Urbilder
liegt in weiter Ferne, entrückt in bitterer und eine Sadomaso-Ausrüstung hütet. und der Aufschneider und der Erniedri- in der Realität“, seien ansonsten aber

SICH VOR. WAS,


Erinnerung. Eines der beiden Motti auf Oder wir treffen auf hochstaplerische gung“, gefolgt von weiterem Bernhard- fiktiv. Und Kracht und seine Mutter sind
der Seite vorher unterstreicht das: Narzissten, Emporkömmlinge mit Ambi- Stakkato, diesmal die Mutter betreffend: sich ihrer papiernen Existenz allzu be-

WEISS MAN NOCH


„Wenn du Deutschland liebst, dann be- tionen, die die eigene Schuhgröße spren- „Es war schrecklich geworden, es war wusst und flachsen über ihre Don-Qui-
suche es lieber nicht. Jorge Luis Borges.“ gen, selbst dann, wenn die Füße in Lon- ganz und gar abscheulich geworden, es chotte-und-Sancho-Pansa-Haftigkeit.
NICHT. DOCH ES
Von Borges werden wir noch hören. Von doner Maßschuhen von John Lobb „mit war mehr geworden, als ich ertragen Ein andermal sieht sich Kracht in den

WETTERLEUCHTET
Deutschland allerdings auch. leicht erhöhten Absätzen“ stecken und konnte, als man normalerweise ertragen Augen zweier Kellner, „als sei es mir da-

A
Mit „Eurotrash“ hat das ewige Rätsel, im heimischen Château am Genfer See sollte. Meine Mutter nämlich war sehr durch möglich geworden, allanwesend

VOR ZUKUNFT
der Trickster und Gestaltwandler Chris- dubios zusammengeraffte Expressionis- krank, das heißt krank auch im Kopf, zu sein, was ich ja im Endeeffekt sowieso
tian Kracht seinen persönlichsten, in- ten unterm Bett liegen, Noldes, Feinin- nicht nur dort, aber dort vor allem.“ war, in meiner Geschichte“.
timsten Roman geschrieben. Es hat sich gers, Munchs. Bei diesem schrecklichen Wie Kracht diese Begegnung ankün-
angedeutet: Schon im letzten Roman Menschen handelt es sich um Christian digt und ausgestaltet und mit Erinne- ndererseits ist die Fiktion hier
„Die Toten“, erschienen 2016, lasen sich Kracht sen., den Vater des Erzählers, der rungen verwebt – an Kampen auf Sylt, aber eben nicht das bloß andere
die Kindheitserinnerungen der beiden auch im echten Leben so hieß. Sein Sohn wo er ins Waschbecken des Verlegers der Wirklichkeit, sondern der Und auf diese herrlich jugendstili-
Hauptfiguren, des Schweizer Regisseurs macht überdeutlich, dass sich in seiner Axel Springer pinkelt, an Curd Jürgens’ Trost, den sie verweigert. In Krachts ge Weise mäandert er weiter,
Emil Nägeli und des japanischen Kultur- Familie die Monster nicht unterm Bett, Villa in Saint-Paul-de-Vence an der Côte Kindheit stellte sich die Mutter einmal schlingt sich und rankt sich, man
bürokraten Amakasu Masahiko, in ihrer sondern darüber verstecken. Wie de- d’Azur, wo ein anderer Sadomaso-Fan, tot. In seiner Not rief der kleine Junge denkt an die Schleiertänze der Loie
schaurigen Intensität wie kaum ver- ckungsgleich Autor und Erzähler sind, der Patenonkel Philip Kinboot, sich aus- erst nach seinem Vater und dann, weil Fuller, die Jules Chéret so wunder-
brämte Erlebnisse und Traumata des he- lässt Kracht bewusst in der Schwebe. bedingt, vom jungen Christian zur Be- der sich nicht blicken ließ, nach dem bar gemalt hat, wenn es weiter vom
ranwachsenden Autors. Haufenweise Geld federt Liebesman- grüßung auf beide Wangen geküsst zu Zauberer mit dem lila Umhang aus sei- Frühlingswind im Vorfrühling heißt:
Und tatsächlich: Zentrale Motive aus gel und metaphysische Ödnis mehr werden, an die vielfältigen väterlichen nem Puppentheater. „Lippen im Lachen / Hat er berührt,
den „Toten“ wie das Anzünden der schlecht als recht ab. Es dient der Fami- Villen, Chalets und Châteaus, die alle ir- Mit „Eurotrash“ zieht Kracht die / Die weichen und wachen / Fluren
Grundschule tauchen wieder auf, nach- lie in ihrem Unglück als bösester, mäch- gendwelchen Berühmtheiten abgekauft Summe seiner Romane. Die pikareske durchspürt. // Er glitt durch die Flö-

N
dem Kracht auch schon in seinen Frank- tigster Tranquilizer. Daneben wirken die werden und später allesamt abbrennen – Reise erinnert an „Faserland“ und te / Als schluchzender Schrei, / An
furter Poetikvorlesungen davon berich- allgegenwärtigen Schlafmittel Pheno- gehört zum Besten, was er je geschrie- „1979“. Die mythisch verklärte Schweiz dämmernder Röte / Flog er vorbei.“
tet hatte. Der Gegenstand kindlicher Py- barbital und Zolpidem, das Psychophar- ben hat, eiskalt und herzzerreißend. an „Ich werde hier sein im Sonnenschein Doch dann, in den letzten beiden
romanie bekommt nun einen Namen, makon Quetiapin, der Kochwein aus und im Schatten“. „Imperium“ ist prä- Strophen, dieser Wechsel des Rhyth-
Marie-José-Grundschule in Gstaad. Da- dem Migros „zu sieben Franken fünfzig“ ach ungefähr einem Drittel des sent in Form eingestreuter Motive, eines mus, der einen umhaut wie ein
mit steht sie pars pro toto für Krachts und die endlosen Wodkaflaschen, mit Buchs ändert sich der Duktus. Gehstocks aus Papua-Neuguinea, einer Windstoß. Denn nun wird das Vers-
ungewohnten Klartext, eine radikale denen die Mutter sich seit Jahrzehnten Eine Reise beginnt, „Faserland“ vegetarischen Kommune, in der Nazi- maß drängend, nimmt Fahrt auf:
Neuigkeit in seinem Werk. Die alten Fo- betäubt, wie scheue Gemsen, ewig revisited, „Faserland“ als groteskes Pa- Gedanken gedeihen, oder der Noldes un- „Durch die glatten / Kahlen Alleen/
tos, auf denen die Indizien der Brandstif- schreckhaft, ewig auf der Flucht im eisi- stiche, Krachts „Imperial Bedrooms“ – ter des Vaters Bett. Das autofiktionale Treibt sein Wehn / Blasse Schatten.
tung zu sehen sind – „schwarz angekohl- gen Hochgebirge. Dort, in Saanen und mit dem Bret Easton Ellis nach 25 Jahren Bekenntnis ist eine Fortsetzung und Ver- // Und den Duft, / Den er gebracht, /
te Streichhölzer, deren Spitzen sich zu- Gstaad, verbrachte Kracht seine Kind- sein Debüt „Unter Null“ fortsetzte, das schärfung von „Die Toten“. Seinen typi- Von wo er gekommen / Seit gestern
sammengezogen hatten, als seien sie heit, bis er im Alter von elf Jahren nach wiederum eine direkte Inspiration für schen Hang zum magischen Denken er- nacht.“ Erst seit gestern Nacht!
winzige, geschrumpfte Köpfe“, eine Kanada verschickt wurde, in jene Schule, „Faserland“ gewesen war. Das liest sich klärt Kracht durch die Transzendenzver- Noch ganz benommen ist man,
„halbleere, grüne Flasche Brennspiri- in der ihm, wie er in Frankfurt berichte- in Teilen wie eine ironische Einsendung kümmerung seiner Jugend. Aber keine wenn das Gedicht verklingt. Alles so
tus“, „auf der das beigefarbene Papier te, der Missbrauch widerfuhr. zum Christian-Kracht-Imitationswett- Angst, es werden längst nicht alle Ge- neu, alles noch ungewohnt. Aber wie
des Etiketts zerfasert war – verfolgen Der dämonische Vater, der seinem bewerb, gespickt mit albernen Selbstzi- heimnisse gelüftet, und auf Krachts un- verwandelt blickt man nun nach
den erwachsenen Erzähler in seinen Sohn nach jedem Besuch einen Tausend- taten wie dem nächtlichen Umhergestol- zuverlässiges Erzählen bleibt Verlass. vorn. Es wird schon. Was es auch sei!