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Geschichte

KLAUSUR
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Nachkriegszeit
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Konrad Adenauer über den Marshallplan in seinen „Erinnerungen“

Die Industrien fast aller Länder Europas waren zerstört und mussten neu aufgebaut werden. Die Ver-
luste an Menschen waren ungeheuer groß. Die allgemeine Umstellung von der Kriegs- auf die Frie-
denswirtschaft brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich. Die Entwicklung in Europa schien immer
weiter abwärts zu gehen. Die Kommunistische Partei fand daher überall gute Möglichkeiten für ihre
Werbung.

Am 8. Mai 1947 hielt der damalige Unterstaatssekretär im amerikanischen Außenministerium, Dean


Acheson, in Cleveland, Mississippi, eine Rede, in der er offen von einem Misserfolg der Moskauer
Außenministerkonferenz sprach und betonte, dass die Vereinigten Staaten sich nicht davon abhalten
lassen würden, den Wiederaufbau Europas auch ohne eine Einigung der Großen Vier in Angriff zu
nehmen. Dean Acheson ging in dieser Rede auch auf Deutschland ein und sagte, dass die Vereinig-
ten Staaten unter den gegebenen Umständen alles nur Mögliche tun müssen, um den Wiederaufbau
der großen „Werkstätte“ Europas möglich zu machen […]. Die amerikanische Wirtschaft brauche den
europäischen Absatzmarkt, und die Vereinigten Staaten müssen aus Gründen ihrer Sicherheit gegen-
über dem Weltkommunismus und ihrer eigenen Wirtschaft ein Interesse daran haben, dass Europa
wieder gesunde […] Wenn nicht alle Länder der Welt wieder über eine gesunde Wirtschaft verfügten,
werde es keinen dauerhaften Frieden für irgendein Land geben. Der Krieg werde erst dann wirklich
beendet sein, wenn alle Völker der Erde wieder genug zum Leben hätten und voll Vertrauen in die Zu-
kunft blicken könnten. Der Friede in der Welt diene dem Wohl der Vereinigten Staaten. Die Unterstüt-
zungsmöglichkeiten für andere Länder von Seiten der Vereinigten Staaten seien jedoch beschränkt,
und so müssten sich die Vereinigten Staaten darauf konzentrieren, ihre Hilfe dort zu geben, wo sie die
Autorität der Vereinten Nationen stärke und zu dem Ausbau einer liberalen Handelspolitik beitrage. Ein
künftiges amerikanisches Hilfsprogramm werde den freien Völkern, deren Ziel es sei, ihre Unabhängig-
keit, ihre demokratischen Institutionen und die Freiheit der Person gegen jeden totalitären Druck von
innen oder außen zu verteidigen, den absoluten Vorrang geben.

Damit hat Dean Acheson die Grundlinien des großen amerikanischen Hilfsprogramms, das unter dem
Namen „Marshall-Plan“ in die Geschichte einging, gezeichnet. Außenminister Marshall hatte nach
Abschluss der Moskauer Konferenz sofortige Maßnahmen gefordert, wenn nicht anders möglich
ohne vorherige Einigung der Großmächte, um die Gesundung Europas herbeizuführen. Er sagte, die
gesamte Wirtschaft Europas müsse als harmonisches Ganzes zusammenarbeiten. Ziel der amerikani-
schen Außenpolitik sei, eine gesunde koordinierte Wirtschaft in Europa wiederherzustellen.

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Zitiert nach: Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945-1953, Stuttgart 1965, S. 114 f.

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Aufgabe 1: Analysiere den vorliegenden Text und erläutere Adenauers zentrale Thesen zum
Marshallplan!
Aufgabe 2: Ordne diese in den historischen Kontext ein!
Aufgabe 3: Beurteile, inwiefern Adenauers Thesen der Realität entsprachen und welche Folgen der
Marshallplan für Deutschland hatte!

Die nächsten Seiten beinhalten den Erwartungs-


horizont. Aufgaben erst lösen, dann überprüfen.

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Aufgabe 1: Erwartungshorizont

Autor: Konrad Adenauer (ehemaliger Bundeskanzler der BRD)


Textart: Politische Denkschrift aus dem Jahr 1965
Quellenart: Darstellungstext; bezieht sich auf die vergangene Geschichte

Adressaten: politisch-interessierte Leserschaft Westdeutschlands


Anlass: Adenauers Ruhestand; Rückblick auf seine Regierungszeit

Intention: Rechtfertigung für seine Zustimmung zum Marshallplan


Zentrale Thesen von Adenauer:
- Die wirtschaftliche und soziale Lage nach 1945 sei sehr problematisch gewesen
- Die Kommunistische Partei gewann daher in einigen Ländern große Zustimmung
- Bezug zur Rede von Dean Acheson 1947: Umdenken in der US-Außenpolitik
- Die Moskauer Außenministerkonferenz brachte keine Erfolge
- USA wollten einen Wiederaufbau in Europa auch in eigener Regie durchführen à Bruch mit
der Sowjetunion
- Deutschland sei für die USA die „Werkstätte“ Europas gewesen
- USA brauchten Europa als Absatzmarkt; ein starkes wirtschaftliches Europa sei wichtig als
Bollwerk gegen den Weltkommunismus gewesen
- Langfristiger Frieden könne nur dann gesichert werden, wenn alle Länder Europas wieder
Vertrauen in die Zukunft haben würden
- Die Möglichkeiten der USA seien begrenzt; daher müssten sich die Hilfen auf wichtige
Staaten (z.B. Deutschland) beschränken
- Ziel sei die Unabhängigkeit von freien und demokratischen Völkern mit einer liberalen
Handelspolitik à als Gegensatz zu totalitären Staaten
- Mit dieser Rede gelte Dean Acheson als Begründer des Marshallplans
- Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas sei „harmonische Zusammenarbeit“
erforderlich gewesen

Der vorliegende Darstellungstext ist eine vom ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer in
seinen „Erinnerungen“ 1965 veröffentlichte politische Denkschrift, in der dieser über seine
vergangene Laufbahn spricht und seine Gründe für die Zustimmung zum US-amerikanischen
Marshallplan erläutern will. Adenauer, der zum Zeitpunkt dieser Publikation wenige Jahre im
Ruhestand war, richtet sich dabei an eine politisch-interessierte Leserschaft in
Westdeutschland.

Der ehemalige Bundeskanzler beginnt seinen Text mit der Behauptung, dass die
wirtschaftliche und soziale Lage in Deutschland und anderen Ländern Europas nach 1945 sehr
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problematisch gewesen sei. Daher gewannen die Kommunistischen Parteien in mehreren


Staaten große Zustimmung. Adenauer bezieht sich im Folgenden auf eine vom US-
Unterstaatssekretär Dean Acheson 1947 gehaltene Rede, in der dieser über die Notwendigkeit
eines Hilfsprogramms sprach. Durch diese Rede kam es zu einem Umbruch in der US-
amerikanischen Außenpolitik. Acheson behauptete damals, dass die Moskauer
Außenministerkonferenz keine Erfolge gebracht hätte und die USA den europäischen
Wiederaufbau zwangsläufig auch eigenständig durchführen müssten. Vor allem ein
Hilfsprogramm für Deutschland sei notwendig gewesen, weil dieser Staat als „Werkstätte
Europas“ angesehen worden sei. Wirtschaftliche Hilfen für Europa seien darüber hinaus auch
für die USA wichtig gewesen, da die Amerikaner Absatzmärkte benötigten und an der
Eindämmung des sowjetischen „Weltkommunismus“ interessiert gewesen seien. Acheson
argumentierte außerdem, dass ein langfristiger Frieden nur hätte bewahrt werden können,
wenn die europäischen Länder wieder mit Vertrauen in die Zukunft blicken konnten. Da die
finanziellen Möglichkeiten der USA begrenzt gewesen seien, mussten sich die
Wirtschaftshilfen auf wichtige Staaten wie Deutschland beschränken. Laut Acheson sei das
Ziel dieser Außenpolitik die Unabhängigkeit von freien und demokratischen Staaten Europas
mit liberaler Handelspolitik gewesen. Dies sollte auf diese Weise als Bollwerk gegen den
Kommunismus und seinen „totalitären Systemen“ gelten. Mit dieser Rede gelte Acheson als
Begründer des Marshallplans. Aufgrund dessen sei dieses Wirtschaftsprogramm auch für
Westdeutschland unabdingbar gewesen, da nur eine harmonische Zusammenarbeit zwischen
den Staaten Frieden und Wohlstand hätte bewerkstelligen können. Adenauer bezieht damit
eine klare Position und stellt die Zustimmung zum Marshallplan als richtige Entscheidung dar.

Aufgabe 2: Erwartungshorizont:

Einordnung in den historischen Kontext: Besatzungs-/Nachkriegszeit, Entwicklung in Ost


und West, Bruch zwischen USA und Sowjetunion
Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg:
- Potsdamer Konferenz, Besatzungszonen der Siegermächte
- Bizone, Trizone im Westen
- Währungsreform 1948, Marshallplan
Die Regierungszeit Adenauers:
- Erster Bundeskanzler Westdeutschlands
- Westintegration; Annäherung an USA
- Abgrenzung zum Osten
Das Verhältnis zwischen USA und Sowjetunion
- Erst Kooperation, dann Ost/West-Konflikt (und deutsche Teilung)
- Politische und ideologische Unterschiede (Kapitalismus vs. Kommunismus)
- Containment-Politik der USA ab 1947
- Marshallplan als Angebot auch für die osteuropäischen Staaten

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Konrad Adenauer bezieht sich in seinen „Erinnerungen“ auf seine vergangene politische
Laufbahn als Bundeskanzler, die von der Besatzungs- und Nachkriegszeit in Deutschland
geprägt wurde. Zwischen 1945 und 1949 kam es zu einem zunehmenden Ost/West-Konflikt
zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion, der schließlich zur deutsch-deutschen
Teilung führte. Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 von den Siegermächten
in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Auf der Potsdamer Konferenz verhandelten die
Besatzungsmächte über die politische Zukunft Deutschlands und beschlossen die
Demilitarisierung, Dezentralisierung und Entnazifizierung. Da sich die Westmächte und
Sowjetunion nicht bezüglich der Reparationszahlungen und Oder-Neiße-Grenze einigen
konnten, lebten sich Ost und West immer mehr auseinander. In Westdeutschland kam es
daher 1947/1948 zur Gründung der Bizone und anschließend Trizone. Nach Einführung der
Währungsreform 1948 wurde in den drei Westzonen ein einheitliches Wirtschaftsgebiet
hergestellt. In dieser Zeit setzten die USA den Marshallplan für die westeuropäischen Staaten
als Wirtschaftswiederaufbauprogramm um. Die ersten Jahre der 1949 gegründeten BRD, die
aus den drei Westzonen hervorging, waren von der Politik des Bundeskanzlers Konrad
Adenauer geprägt. Mit der Westintegration band er die BRD politisch und wirtschaftlich eng
an die westliche Staatengemeinschaft und USA. Auf diese Weise grenzte er sich scharf vom
Osten ab. Die Gründung zweier deutscher Teilstaaten war eine Folge der Konfrontationen
zwischen USA und Sowjetunion, die sich nicht auf eine gemeinsame Deutschlandpolitik
einigen konnten. Dazu trugen vor allem die ideologischen Gegensätze zwischen beiden
Supermächten bei. Während die USA Kapitalismus und Demokratie befürworteten, setzte sich
die Sowjetunion für den Sozialismus und Kommunismus ein. Mit der 1947 eingeschlagenen
Containment-Politik änderten die USA ihre Haltung zur Sowjetunion und wollten deren
politischen Einfluss weltweit eindämmen. Dies versuchten sie unter anderem mit dem
Marshallplan, den sie neben dem Westen auch den sowjetischen Satellitenstaaten anboten,
um diese von sich abhängig machen können. Die Sowjetunion verweigerte dies jedoch, sodass
sich die Ost/West Spannungen zu einem Kalten Krieg entwickelten.

3. Aufgabe: Erwartungshorizont

Adenauers Thesen im Vergleich mit der Realität


- Deutschland war nach 1945 wie viele andere Länder Europas politisch und
wirtschaftlich am Boden
- Ein US-amerikanisches Wirtschaftsprogramm war für den politischen
Wiederaufbau eine notwendige Voraussetzung
- Ohne die Wirtschaftshilfen wären Kommunistische Parteien wahrscheinlich stärker
geworden
- Der Marshallplan lag vor allem im Interesse der USA
- Die USA verfolgten wirtschaftliche (Absatzmärkte) und ideologische (Eindämmung
des Kommunismus) Ziele
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- Ohne den Marshallplan wäre ein Ost/West-Konflikt eventuell noch vermeidbar


gewesen
Welche Folgen hatte der Marshallplan für Deutschland
- Politische und wirtschaftliche Spaltung in Ost und West (Teilung 1949)
- „Wirtschaftswunder“ in der BRD (1950er Jahre)
- Wirtschaftliche Unterschiede führten zu großer Abwanderungswelle von DDR zu
BRD

Adenauer schreibt in seinen „Erinnerungen“ über die Nachkriegsjahre in Deutschland, die


seiner Ansicht nach von großen wirtschaftlichen und sozialen Missständen geprägt gewesen
seien. Dies trifft weitgehend zu, da Deutschland wie viele andere Staaten Europas nach 1945
vollkommen zerstört war. Für einen politischen Neuanfang in Deutschland war ein US-
amerikanisches Wirtschaftsprogramm daher eine notwendige Voraussetzung. Ohne diese
finanziellen Hilfen wäre der Übergang zu einem freiheitlich-demokratischen System in der BRD
wahrscheinlich viel problematischer verlaufen. Es ist auch denkbar, dass die Kommunistischen
Parteien ohne diese Unterstützung deutlich mehr Zulauf erlangt hätten und Deutschland
somit ein totalitärer Staat geworden wäre. Andererseits lag der Marshallplan aber vor allem
im Interesse der USA, da diese damit wirtschaftliche und ideologische Ziele verfolgten. Im
Kontext des zunehmenden Ost/West-Konflikts wollten diese neue Absatzmärkte in Europa
gewinnen und den Einfluss des sowjetischen Kommunismus weltweit eindämmen. Der
Marshallplan kann damit auch als Ursache für den endgültigen Bruch zwischen Ost und West
angesehen werden, da der Kalte Krieg und die deutsche Teilung eventuell noch vermeidbar
gewesen wären. Für Deutschland hatte der Marshallplan die wirtschaftliche und politische
Spaltung zur Folge. Diese Umstände führten 1949 die Gründung zweier Teilstaaten, BRD und
DDR, herbei. In der BRD war der Marshallplan eine notwendige Voraussetzung für den
politischen Wiederaufbau und einer der Wegbereiter für das „Wirtschaftswunder“ in den
1950er Jahren. Die großen wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West führten
dazu, dass folglich immer mehr Menschen von der DDR in die BRD abwanderten. Diese hohe
Abwanderungswelle verschärfte den Ost/West-Konflikt und wurde 1961 mit dem Bau der
Berliner Mauer gestoppt.