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Raus aus der Sackgasse

- mit 90 in Rente und wohlverdient ? -

Ulrich Probst

Abb.1: Peter Breughel, Schlaraffenland:


Traum oder Albtraum eines jeden Rentners in Mitteleuropa ?
Impressum

© 2016 Ulrich Probst

Lektorat: Stilla Probst, Dr. Dieter Würtz, Werner Block

Covergestaltung: Proextension GbR, Grafrath

Illustrationen: Erwin „Django" Egger, Ulm

Druck: DJV-Verlags- und Service-GmbH, Bonn

ISBN 978 9463 186 391(print)


„Neue Ideenbraucht das Land!
Denn: Wer immer nur das gleiche tut,
bekommt auch immer die gleichen
Ergebnisse!“
(Zitat: Stilla Probst, u.a. Wirtschaftscoach)

Endlich in Rente – Tagebuch eines Rentners


(Auszug, kompletter Text in Anlage 3, S. 180)

24. Mai

Es ist geschafft. Mein letzter Arbeitstag.


Ich bin endlich Rentner.
Jetzt geht mein Leben richtig los.
Ich will einfach das machen,
woran mich diese verdammte Arbeit immer gehindert hat.

25. Mai

Ich stehe früh auf und weiß gar nicht, was ich zuerst tun
soll.
Der Rasen muss gemäht werden, ich will die
Dachrinne reparieren, ich muss die Wasserhähne
entkalken, ich will ein Vogelhäuschen bauen und
endlich mal Krieg und Frieden lesen.
Inhalt
Vorwort: Von Urteilen Vorurteilen, Klischees und
Weisheiten.............................................................1
1. Geschichtliches: Arbeit, Fluch oder Segen?........3
2. Zur Erfindung des Ruhestandes...................... 12
2.1. Was Otto von Bismarck unter Rente verstand
..............................................................17
2.2. Die Rentenversicherung von 1889............21
2.3. Die Rente bis 2013.................................. 24
2.4. Rente heute aus Parteiensicht..................27
2.4.1. CDU.................................................. 32
2.4.2. FDP...................................................34
2.4.3. SPD...................................................36
2.4.4. Bündnis 90/Die Grünen.......................39
2.4.5. Die Linke........................................... 43
2.5. Eingliedern statt ausmustern....................45
2.6. Ehrenämter statt Erwerbsarbeit?..............54
2.7. Grundgehalt für alle – Einkommen ohne
Arbeit?....................................................56
2.8. Rente beziehen und arbeiten – oder: Dritter
Arbeitsmarkt für Senioren?.......................59
3. Konkrete Beispiele aus der Praxis – oder: Geht
nicht, gibt´s nicht..............................................69
3.1. Portrait Katharina („Katha“) Vidmar,
München.................................................69
3.2. Portrait Paolo Annunziata, Landshut..........73
3.3. Portrait Suad Cengic, München.................80
4. Theorie und Praxis der Unternehmer...............85
5. Neue Lebensmuster im Alter...........................89
5.1. Das SOZIALE JAHR – Der Vorschlag von
Universal-Denker David Precht.................90
5.2. AU-APIR-OMAS aus Deutschland?.............93
5.3. Modelling für Senioren.............................95
5.4. Querdenken............................................ 97
5.5. Tätig sein als Citizen Scientist, als Laien-
oder Hobbyforscher............................... 103
5.6. Future work – Meconomy – Arbeit ohne
Beruf?................................................... 107
5.7. Ehrenämter und Bürgergesellschaft – nur die
Suche nach neuem Sinn?....................... 109
6. Und immer wieder Grundsätzliches….............116
6.1. Gute Arbeit – böse Arbeit?......................116
6.2. Altersdiskriminierung – ein Fakt?............119
7. Fängt mit 66 erst das Leben an?...................126
7.1. Weiterarbeiten mit 65 bleibt attraktiv......128
7.1.1. Arbeiten neben der Rente.................131
7.2. Wer hilft bei der Jobvermittlung auch nach
Eintritt des sogenannten Rentenalters? ...
132
7.2.1. Staatliche und kommunale
Arbeitsvermittlung..............................132
7.2.2. Private und halb-kommerzielle
Arbeitsvermittlungen.......................... 136
7.2.3. „Lebenshilfe“ - Portale...................... 144
8. Störfaktor Biolgie......................................... 146
8.1. Der Tod als Gaudi-Bursche: Übermut oder
anthropologischer Fortschritt?.................149
9. Nachwort.....................................................153
Anlagen..............................................................157
REICHSGESETZBLATT Nr. 13, die „Mutter" aller
deutschen Rentengesetze................................ 157
Ruhestand...................................................... 174
Endlich in Rente – Tagebuch eines Rentners.....180
Als Leih-Oma ins Ausland.................................186
Legenden über das Alter und ihre Widerlegung .
187 Ältere Arbeitnehmer im Betrieb – Leitfaden BDI
196
Weiterarbeiten im Rentenalter: Seit Juli 2014
erleichtert....................................................... 202
Tabelle Altersdiskriminierung............................207
Grafik Arbeitssucht.......................................... 207
AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz)....207
Rentenperspektiven 2040.................................210
Literaturverzeichnis.............................................215
Abbildungsverzeichnis......................................... 222
Tabellenverzeichnis.............................................223
Themennahe Kinofilme........................................224
ZDF, 2030 – Aufstand der Alten (2007).............224
ZDF, 2030 – Aufstand der Jungen (2011)..........226
Zum Autor..........................................................229
Vorwort: Von Urteilen Vorurteilen, Klischees
und Weisheiten

Seien Sie doch ehrlich, ging es Ihnen nicht so, wie es


den meisten geht? Der Spruch vom „wohlverdienten"
Ruhestand hat sich doch bei uns allen eingebrannt.
Arbeit ist das, was Kraft und Nerven kostet, freie Zeit
hingegen bedeutet Selbstverwirklichung, unbegrenzt
machen können, was man will, kurz: alles, was die
Welt schön macht. Und Ruhestand ist noch die
Steigerung von Selbstverwirklichung – ja, er ist das
Paradies schlechthin. Soweit, so gut oder soweit, so
falsch? Tatsache ist, dass wir es mit einem äußerst
sensiblen Thema zu tun haben, das weitestgehend
tabuisiert ist. Ehemalige Arbeits- und Sozialpolitiker
wie Franz Müntefering und seine Partei, die SPD,
bekamen das schon bei der Bundestagswahl 2009
deutlich zu spüren: Die Quittung folgte auf dem Fuße
und man hat den Eindruck, dass dieses Thema der
SPD bis heute nachhängt.
An Tabus lässt der Wähler nur ungern rütteln – die
Wahl ging für die SPD verloren. Was hingegen noch
schlimmer ist, ist die Tatsache, dass das Tabu
'Ruhestand' zwar dringend entmystifiziert werden
muss, aber fast alle politischen und gesellschaftlichen
Gruppierungen davor zurück scheuen. Was schon vor
rund 130 Jahren gut gemeint war, aber im Prinzip nur
situationsbezogen konstruiert wurde, kann bei immer
leerer werdenden Rentenkassen und zunehmender
Überalterung einer immer fideleren Gesellschaft nicht
plötzlich besser sein. Im Gegenteil: Da die
kompensatorische gedachte private Vorsorge nur
unzureichend bis gar nicht funktioniert (Holger
Balodis und Dagmar Hühne behaupten sogar 2012 in
ihrem gleichnamigen Buch, es handele sich um eine
Vorsorgelüge), sind Lösungen gefragt. Das Problem
ist nur, dass man das Thema Ruhestand und Rente
solange „im eigenen Saft kocht", solange man „nur"
mit Zahlen operiert: Rentenbeiträge, Rentnerzahlen,
private Versicherungsleistungen, eine sinkende Zahl
von Beitragszahlern, etc., etc. Will man diesem
Thema gerecht werden, hat man keine andere Wahl
als zunächst mal einen gründlichen Blick auf die
Entstehungsgeschichte zu werfen und anschließend

alle Klischees und Vorurteile auf den Prüfstand zu


stellen. Mit dem Ziel, zu neuen Denk- und
Handlungsmustern zu kommen. Aus diesem Grunde
ist der Buchtitel vorsätzlich als Provokation gedacht,
die die Leser aufhorchen lassen soll: MIT 90 IN
RENTE? möchte den hochgesteckten Versuch eines
„Pol-Sprungs" wagen. Was bis dato als negativ galt,
abgelehnt, verachtet oder gar als unmoralisch
eingestuft wurde, soll nun mit positiven Aspekten
aufgeladen werden. Der Autor ist sich klar darüber,
dass das für ihn nicht ohne blaue Flecken abgehen
kann.

1. Geschichtliches: Arbeit, Fluch oder


Segen?

Vertraut man dem Alten Testament der christlichen


Religion, dann hat Jahwe, der große Manitou, der
Schöpfer des Himmels und der Erden, sich etwas
dabei gedacht als er die Arbeit erfand. Arbeit, so
steht es im ersten Buch Mose, hat der Mensch im
Schweiße seines Angesichts zu verrichten,
ausgerechnet er, den er zu seinem Ebenbild

geschaffen hat. Dann muss das wohl schon etwas


Besonderes sein, wenn der Mensch etwas gestalten
darf. Doch war wohl auch schon vor fünftausend
Jahren bekannt, dass jede Beschäftigung irgendwann
mal richtig in Arbeit ausartet, es sei denn, man legt
sich nach sechs Tagen eine Pause ein und macht
Sabbath. Ohne nennenswerte technische Hilfsmittel,
ohne Traktoren, ohne Oliven-Pflückmaschinen, ohne
Mähdrescher für Dinkel, dem angeblich ältesten
Getreide der Welt, muss sich der Spaß am Arbeiten
sehr in Grenzen gehalten haben. Wie auch schon
2000 Jahre zuvor beim Bau der Pyramiden in Ägypten
unter Cheops, Hatschepsut, Echnaton, Ramses II und
wie sie alle hießen, die Pharaonen. Für den Bau der
Pyramiden und zur Verrichtung der einfachen
Arbeiten „benutzte" man Sklaven. Der Gedanke des
Herrenmenschentums, den die alten Griechen
genauso kultivierten wie die alten Römer, konnte sich
also schon sehr früh in den Köpfen festsetzen und hat
den europäischen Feudalismus bereits sehr früh
anthropologisch beflügelt. Für unsere großen
philosophischen Vorbilder, die unseren Humanismus
entscheind vorgeprägt hatten, war es völlig
selbstverständlich, dass nur Menschen 2. Klasse zu
arbeiten hatten. Für freie Menschen war das in jeder
Hinsicht undenkbar.
Das Christentum, das jeden Menschen als gleich vor
Gott erklärte, bremste hier doch erheblich aus,
wenngleich der große Reformator Martin Luther
Arbeit auf ihren Nutzen für den Mitmenschen bezog
und sie unter dem Aspekt der Barmherzigkeit und
Nächstenliebe betrachtete. Der Maßstab der
Produktivität und Leistung war ihm also zu wenig. Ein
Kaufmann, so heißt es u.a. in seiner Schrift von 1520
„An den christlichen Adel deutscher Nation...", der
mit seiner Arbeit nichts als seinen Gewinn anstrebe,
ohne dabei auf die Bedürfnisse seiner Nächsten zu
achten, ist für Luther nicht besser als ein Räuber oder
Dieb.
Luthers mehrfache Hinweise, dass die Weisungen der
Bergpredigt dennoch für jedermanns Gewissen
verbindlich blieben, sind zwar theologisch
zufriedenstellend, nähren jedoch den häufig
geäußerten Verdacht, dass seine Kenntnisse über die
Funktionsweise der Wirtschaft mehr als
unzureichend waren, was vermutlich der Zeit und
seiner theologischen Ausrichtung als ehemaliger
Mönch geschuldet blieb
Für Johannes Calvin, seinem Mit-Reformator in Genf,
der behauptete, es sei vorherbestimmt, ob der
Mensch in den Himmel oder in die Hölle käme, bot
Arbeit und wirtschaftlicher Erfolg jedoch die Chance,
die Ausgangschancen jedes Menschen auf dem
Gnadenwege zu verbessern, auch wenn der Mensch
keinerlei Einfluss auf die göttliche Entscheidung habe.
Ob jemand nach dem Tod in der Hölle lande oder
zum Himmel auffahre, werde bereits zu Anbeginn der
Zeit festgelegt. Was der Mensch nun versuche, ist,
sich selbst durch seine Tugendhaftigkeit Gewissheit
darüber zu verschaffen, dass er auserwählt sein
müsse. Kein Wunder, dass einer der größten
deutschen Soziologen, Max Weber, sich 1907 – kurz
nach den Start der Soziologie als Universitätsdisziplin
- dieses Themas annahm, und den Zusammenhang
zwischen der PROTESTANTISCHEN ETHIK UND DEM
GEIST DES KAPITALISMUS untersuchte.

Arbeit: Fluch oder Segen? Für Max Weber tendenziell


ein Segen, weil er die Chance der
Selbstverwirklichung des Menschen sah, doch unter
dem Aspekt der neuen "Religion" ARBEITSTEILUNG,
die mit Beginn der Industrialisierung der Masse der
Menschen unbekannten Wohlstand bescherte, zeigte
der SEGEN bald sein zweites Gesicht. Der Preis dafür
war nämlich sehr hoch. Massenproduktion in einer
Massengesellschaft bedeutete Ent-Individualisierung
und ein Höchstmaß an Arbeitsdisziplin. In Sachen
Ökonomie stellten sich die Erfolge bekanntlich bald
ein: Statt einen Tag lang für ein Brot zu arbeiten,
reichte nun eine halbe Stunde. Statt in Sack und
Asche zu gehen, konnte sich Otto Normalverbraucher
schon richtig was leisten, kurz: Arbeit machte im
wahrsten Sinne des Wortes (wirtschaftlich) frei: Sie
befreite vom Mangel, sie befreite von Armut, sie
wurde sehr schnell zum Instrument persönlicher
Selbstverwirklichung und sie wertete die Menschen
auch auf. Dass das nicht selbstverständlich war,
zeigte sich schon 60 Jahre nach
der ersten Industrialisierungswelle in Deutschland,
unter dem Schlagwort WELTWIRTSCHAFTSKRISE
1929/ 1930. Die erste Spekulationsblase an den
Börsen dieser Welt ließen ganze Industrien
zusammen brechen. Geld inflationierte, plötzlich war
es nichts mehr wert und 3,5 Mio. Menschen standen
in Deutschland auf der Straße. Ein Teil dieser
Menschen lag darauf auch nachts - und zwar auf
aufgespannten Seilen, die von einer Straßenseite zur
anderen gespannt waren, weil man sich keine
Unterkunft mehr leisten konnte. Der
Produktionsfaktor Arbeit, den Karl Marx und andere,
neben Boden und Kapital als grundlegend für jeden
wirtschaftlichen Kreislauf erklärten, erwies sich als
äußerst anfällig für Unabwägbarkeiten der Zeit. Heute
würde man das mit 'konjunkturanfällig' beschreiben.

Abb.: 3: In der Wirtschaftskrise nach


Abb.2: Arbeitslose Wanderarbeiter 1929 sind Millionen Menschen arbeitslos,
(Hoboes) springen auf einen Güterzug die Industrie stellt niemanden mehr ein.
auf, um in anderen Städten Arbeit zu
suchen.

Abb. 4: Arbeitslosigkeit hat auch Gesichter, z. B. Dieses.


- alle Abb.(2-4) anonym auf WIKIPEDIA -
Fakten:

Bei so vielen durchwachsenen Erlebnissen zum


Thema Arbeit in weniger als einem Jahrhundert
verwundert es nicht, dass das Thema ARBEIT mit
einem Januskopf unterwegs war (mit einem Gesicht,
dass in zwei entgegengesetzte Richtungen blickt).
Richtig pervers wurde es dann ab 1944, als sich die
nationalen Sozialisten – ausgerechnet die, die sich für
arbeitende Menschen stark machen wollten – über
den Eingangstoren ihrer Konzentrationslager über die
Insassen mit dem Spruch ARBEIT MACHT
FREI lustig machten. Abb. 5: Motto eines
jeden Concentration
Jetzt wurde der Camps.
arbeitende Mensch Quelle: Wikipedia

erstmals zum Gegenstand

von Spott. Arbeit diente hier als Synonym für Fluch


und Bestrafung.
Bei soviel „Ballast", den das Thema Arbeit über die
Jahrhunderte und Kulturgrenzen hinweg mit sich
herum schleppte, ist es nicht verwunderlich, dass
kein unbefangener Umgang mit Arbeit mehr
stattfinden kann. Hier muss dringend mal wieder der
Blick für das Konstruktive und Positve freigelegt
werden.

2. Zur Erfindung des Ruhestandes

Ob Arbeit als Fluch oder Segen zu definieren ist, war


bereits Gegenstand der Betrachtung. Noch offen ist
die Frage, seit wann sich der Begriff Ruhestand in
unserem Kulturkreis etablieren konnte. In einer
agrarisch geprägten Gesellschaft und auch noch zu
Beginn des modernen Maschinenzeitalters war es ja
ganz evident: Ohne Dampfmaschinen und
Benzinmotoren war der Mensch, in der Regel der
nicht-adlige Mensch, im Alltag einer großen Plackerei
ausgesetzt. Notgedrungen. Dennoch – oder gerade
deswegen – schafften es schon die Alten Ägypter vor
4.000 Jahren tonnenschwere Steinquader in Karnak
als Tempelanlage anzulegen. Und noch der Kölner
Dom wurde ohne Hochkran und ohne
Lastenhubschrauber gebaut. Wer arbeiten musste,
hatte darum in der Regel kräftig zuzulangen. Den
Rest regelte dann entweder die geringe Zahl der zu
erwartenden Lebensjahre oder das soziale
Auffangnetz der Familie (für die die Großmutter und
der Großvater aber dann noch als Babysitter gut
waren) oder – wie im Agrarland Bayern üblich – das
'Austragshäusl' für die Senioren, wo die älteren
Herrschaften dann zumindest noch als Ratgeber zur
Verfügung standen. „Abgeschoben" wurde man erst
dann, wenn man schwer krank und siech wurde oder
die private Hilfestellung nicht mehr ausreichte.
Wie die jeweilige Zeit tickte, findet man wunderbar
dokumentiert in diversen Universal-Lexika, die seit
Mitte des 18. Jahrhunderts – schon 50 Jahre vor der
Französischen Revolution, dem politischen und
blutigen Höhepunkt der Aufklärung –, auf den Markt
kamen: Das erste bedeutsame Universallexikon, das
1961 im österreichischen Graz als Reprint von Johann
Heinrich Zedler wieder aufgelegt wurde, erschien
1742 in Leipzig und Halle. Das Wort Ruhestand sucht
man darin vergebens.
100 Jahre später sieht die Welt schon etwas anders
aus. Friedrich Wilhelm I hatte in Preußen einen
stramm organisierten Obrigkeitsstaat geschaffen und
einen Beamtenapparat etabliert, der sich 'von' schrieb
und von der Gesetzgebung voll getragen wurde. Als
Beispiel sei hier das Allgemeine Landrecht für die
preußischen Staaten (ALR) von 1794 genannt, das
die Bedeutung der Beamten für den Staat nochmal
deutlich unterstrich. Kein Wunder, dass in der
'Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und
Künste', herausgegeben von J.G. Ersch und J.G.
Gruber 1842 in Leipzig, das Thema 'Ruhestand' als
Suchwort zwar noch fehlte, dafür auf sage und
schreibe sieben Buchseiten die Bedeutung der
Pensionen für Beamte und ehemalige Militärs
abgehandelt wurde.
Fünfzig Jahre später, 1892, - das Freiheitsjahr 1848
und die Frühzeit der Industrialisierung waren bereits
vorbei -, suchte man in Pierers Konversationslexikon,
herausgegeben in Stuttgart von Joseph Kürschner,
immer noch vergebens nach 'Ruhestand', findet aber
unter 'Pension' diese unerwartet knappe
Formulierung: „Pension … (ist) die von dem Staate
den in seinem Dienst unfähig (!) gewordenen
Beamten und Mitgliedern der bewaffneten Macht für
den Lebensunterhalt bezahlte lebenslängliche
Rente...". Der große Brockhaus von 1933 verwendet
'Pension' und 'Ruhestand' plötzlich synonym:
„Ruhestand ist die Stellung eines aus seinem Amt in
Ehren … ausgeschiedenen Beamten oder Geistlichen.
Die Versetzung in den Ruhestand erfolgt bei
Dienstunfähigkeit … oder mit Erreichung der
Altersgrenze (65-68 Jahre)".
Als Zwischenfazit lässt sich damit sagen, dass
'Pension' und 'Ruhestand' Worte sind, die in
Beamtenlaufbahnen prägt wurden.
Erst Wikipedia, das Universal-Lexikon im Internet,
fasst 'Ruhestand' (im Jahre 2013) weiter: Er
„bezeichnet den Zustand, in dem sich eine Person
nach dem Ende seiner Lebensarbeitszeit befindet".
Die Rede ist von 'Zustand', ein Wort mit
Platzhalterfunktion. Zustand von was, Zustand von
wem? 'Zustand', ein Wort aus der Beamtensprache
wie wir gesehen haben: Zufall oder Offenbarungseid
für eine (immer noch) nicht definierte neue
Lebensphase?
Wer sich mit mit der 'Erfindung' des Ruhestands in
der Neuzeit befasst, kommt nicht um Otto von
Bismarck herum.
2.1. Was Otto von Bismarck unter Rente
verstand

Vordergründig betrachtet sind Geschichtsphasen


zumeist zügig erzählt: So wie die Renaissance ihren
Stempel vom italienischen Architekten Giaccomo
GAUDI und dem britischen Naturwissenschaftler
Isaac Newton aufgedrückt bekamen, so wurde das
wilhelminische Zeitalter vom Kanzler und Fürsten Otto
von Bismarck in ein demokratisches Fahrwasser
manövriert, obwohl er weder etwas mit
Gewerkschaften respektive Gewerkvereinen, noch
und erst recht nicht mit Sozialisten im Sinn hatte. Im
Gegenteil, als Monarchist war ihm die bestehende,
alte Ordnung lieb und teuer.
Und das Parlament in Frankfurt betrachtete er
allenfalls als unumgängliches Korrektiv, dass sich für
eigene Zwecke nutzen ließ.
Aber er ahnte wohl auch sehr schnell, dass er die
Gegensätze zwischen feudaler Oberschicht,
Bürgertum und der breiten Masse der Habenichtse,
also dass er die „soziale Frage" nicht mit einmaligem
Fingerschnippsen alleine lösen konnte und er wusste,
dass er der aufziehenden Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung entgegen kommen musste,
um die Stabilität des Reiches nicht zu gefährden. Das
Ergebnis waren Peitsche und Zuckerbrot: ein

Abb. 6: Die deutsche Sozialversicherung à la Bismarck; Quelle: WIKIPEDIA


„Sozialistengesetz" (1878) für die vermeintlichen
Feinde im Inneren, eine Kranken-, Unfall- und
Rentenversicherung (zwischen 1883 und 1889) als
Zuckerbrot für die breite Masse der Tagelöhner. Auch
wenn die „Soziale Frage" von den Historikern immer
wieder als Anlass des „Eisernen Kanzlers" genannt
wird, die Arbeiterschaft sozial abzusichern, bleiben
doch die eigentlichen Ursachen für das Einlenken des
feudalen wilhelminischen Systems weitgehend im
Dunkeln. Mit der (schwachen) politischen Opposition
läßt es sich alleine nicht erklären.
Woher also kam dieser Impetus, innerhalb von nur
sechs Jahren (1883 bis 1889) sozialpolitisch äußerst
fortschrittliche Grundlagen für einen modernen
Sozialstaat zu legen, obwohl die politische Führung
doch noch 1878 per Gesetz Nr. 34 Vereine mit
„sozialdemokratischen, sozialistischen oder
kommunistischen Bestrebungen" verbot, die, so die
Behauptung, vermutlich die bestehende Staats- und
Gesellschaftsordnung umstürzen wollten. Persönliche
Motive schieden beim Großgrundbesitzer Bismarck
aus. Philantropische ebenfalls. Am nächsten kommt
man der Bismarckschen Motivlage wohl, wenn man
nachträglich durch die strategische Brille des
Reichskanzlers schaut. Diese war er gewöhnt. Und er
wusste, das man in politischen Umbruchzeiten
Interessenlagen zusammen führen muss.

2.2. Die Rentenversicherung von 1889

Am 24. Mai 1889 wird das „Gesetz betreffend die


Invaliditäts- und Altersversicherung" vom Reichstag
angenommen. Versicherungspflichtig sind Arbeiter
und Angestellte ab dem 16. Lebensjahr. Die
Landesversicherungsanstalten tragen die
Versicherung zu gleichen Teilen durch Beiträge von
Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Pro Jahr gibt es zu
jeder Rente einen Reichszuschuss in Höhe von 50
Reichsmark. Während der Ruhestand gesetzlich mit
65 beginnt, ist die erste Rentenzahlung ab dem 70.
Lebensjahr vorgesehen. Nochmals gesagt: Bismarcks
Rentenmodell startet erst mit 70 die erste
Rentenzahlung (bei einer durchschnittlichen
Lebenserwartung von (damals) 37,17 Jahren bei
Männern und 40,25 Jahren bei Frauen – nach
Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden;
heute, laut epd-Grafik Nr. 1081 aus dem Jahr 2014,
sind es 78 bei Männern und 83 bei Frauen).
Abgefedert durch das eigene familiäre Umfeld war
man das ja auch – bis zum Ende des 18.
Jahrhunderts – im agrarisch geprägten Umfeld nicht
anders gewöhnt.
Erst wenn es einem gelingt, sich bis zu den
stenografischen Berichten des Reichstages aus der
„Session" 1888/89 vorzuarbeiten, kommt man den
wahren Motiven des Politikers
Otto von Bismarck wirklich auf die Spur. So heißt es
(in VII, LP IV, Session 1888/89, Bd. 3, S. 1835):

„Wenn wir 700.000 kleine Rentner, die vom Reich


ihre Rente beziehen, haben, gerade in diesen
Klassen, die sonst nicht viel zu verlieren haben und
bei einer Änderung irrtümlich glauben, dass sie viel
gewinnen können, so halte ich das für einen
außerordentlichen Vorteil; wenn sie auch nur 115 bis
200 Mark zu verlieren haben, so hält sich doch das
Metall in ihrer Schwerkraft; es mag noch so gering
sein, es hält sich aufrecht."
Abgesehen davon, dass Bismarcks Idee einer
Staatsrente sich im Reichstag nicht in Reinform
durchsetzen ließ, wurde damit doch mehr als
deutlich, dass dem Großgrundbesitzer („Junker") Otto
von Bismarck die „soziale Frage", die die Sozialisten
und Gewerkvereine bewegt, nämlich einen Ausgleich
zwischen ARM und REICH zu schaffen, am
allerwenigsten, wenn überhaupt, beschäftigte: Seine
Idee von Rentenversicherung war Mittel zum Zweck
zur Stabilisierung der monarchischen
Gesellschaftsordnung. Das schmälert seine Leistung
nicht, läßt aber doch seinen Glorienschein als
Sozialpolitiker etwas verblassen.
2.3. Die Rente bis 2013

Zwei Jahre nach Verabschiedung der Sozialgesetze


wurde die Rentenversicherung faktisch im Jahre 1891
eingeführt. 1911 folgte die Hinterbliebenen-Rente. Im
gleichen Jahr wurden auch die Angestellten in die
Rentenversicherung einbezogen.
Im Kriegsjahr 1915 senkte man das
Rentenbezugsalter von 70 auf 65.
Die Krankenversicherung für Rentner kam in der NS-
Zeit, 1933, hinzu. Nach Ende des 2. Weltkriegs
erfolgte 1957 eine tiefgreifende Rentenreform: Die
Bezüge wurden an die Lohnentwicklung gekoppelt,
das Kapital-Rücklageverfahren wurde durch ein
Umlageverfahren ersetzt. Das hatte vor allem für den
damaligen Finanzminister den Vorteil, über die
Rentenkasse auch mal kurzfristig andere Leistungen
zu finanzieren.
Der Rentenbeitragssatz stieg 1952 von 14 auf 15% .
Durch die sinkende Zahl der Neugeborenen und die
steigende Zahl der Rentenbezieher stieß das
Umlageverfahren schon bald an seine Grenzen.
Besonders weil eine volle „Rentenkasse" seit eh und
je die Politik dazu verlockt, „mal eben" Millionen für
andere Sozialleistungen zu entnehmen. Zitat:

„Versicherungsfremde Leistungen sind


gesellschafts-politisch begründete Leistungen,
die aus dem Staatshaushalt zu finanzieren sind.

Deren Finanzierungsabwicklung vom Staat der


gesetzlichen Rentenversicherung übertragen
wurde, ohne die damit verbundenen Ausgaben
der Rentenversicherung vollständig zu erstatten.

Darunter fallen zum Beispiel Rentenzahlungen an


Spätaussiedler, seit 1992 an Bürger der ehemaligen
DDR, Kindererziehungszeiten, Frühverrentungen wegen
Arbeitslosigkeit, sowie früher die Renten für Millionen
Kriegsteilnehmer und -witwen. Mehr unter Pkt.4.
Nicht nur die Rentenversicherung, auch die Kranken-
und Arbeitslosenversicherung werden mit
versicherungsfremden Leistungen in Milliardenhöhe
belastet.

Auflistung versicherungsfremder Leistungen in


der Rentenversicherung der Arbeiter und
Angestellten
siehe VDR-Tabelle von 1995, Seite 4
Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der nicht
beitragsgedeckten Leistungen und der Bundesleistungen an die
Rentenversicherung vom 13. August 2004 Tab. 1, Seite 379 (11)
Jahresgutachten 2005/06 des Sachverständigenrates der
Bundesregierung, Tab.38, S. 375

Versicherungsfremde Leistungen werden auch als


"Fremdleistungen" oder "nicht beitragsgedeckte
Leistungen" bezeichnet.“

Quelle:
http://www.rentenreform- alternative.de/versichfremd.htm

Von 500 Mio. DM ist die Rede, die in alleine in der


Regierungszeit Helmut Kohls (1982 – 1998) aus der
Gesetzlichen Rentenversicherung abgeflossen sein
sollen.

Die Beitragssätze schwankten über die Jahre hinweg


von 17 auf 20% im Jahre 2001 bis hin zu jetzt 18,9
%.
Ähnlich schwankend war auch das Renteneintrittsalter
von 65 über 67 auf geplante 63 im Jahre 2014. Auch
von der Arbeitsagentur für Arbeit wurde bereits die
Rente mit 70 öffentlich diskutiert.
Dreh- und Angelpunkt ist nach wie vor die Zahl der
Versicherungsjahre.

2.4. Rente heute aus Parteiensicht

Die ehemals geburtenstarken Jahrgänge scheiden bis


2030 aus dem Arbeitsleben aus: Das sind nicht
weniger als 20 Mio. Beschäftigte. Die Gesellschaft im
allgemeinen wie
auch die
Sozialkassen stehen
vor
Herausforderungen
ungeheuren
Ausmaßes. 800 Mrd.
Euro kostet uns der
deutsche Sozialstaat
Abb. 8: BILD-München v. 15. 7.
2015 nach jüngsten
Angaben im Jahr. Arbeitgeber sind hier gleich doppelt
gefordert: als Mit-Bezahler und als Ideen-Lieferant für
neue und flexiblere, auf jeden Fall aber
altersunabhängige Arbeitsformen.
Auf der anderen
Seite „träumt" das
Gros der
Bevölkerung und
anscheinend auch
die Mehrzahl
Laut Sozialverband Deutschland unserer Politiker
(SoVD) haben die Renten seit 2004
an Kaufkraft eingebüßt: Rentner im den Traum von der
Westen können sich 2013 von ihren
Bezügen fast 12% und im Osten fast schönen (?) neuen
8% weniger leisten als noch vor neun
Jahren. Gemeldet von dpa am 6. 8. Rentenwelt: Nach
2013. einer jüngeren
Umfrage des GfK-Marktforschungsinstituts in
Nürnberg (Quelle: SPIEGEL ONLINE v. 28. 1. 2014)
möchten nur 28% (rund ¼) bis zum
Renteneintrittsalter voll erwerbstätig bleiben.
Fast ebenso viele (26%) möchten mit weniger
Arbeitsstunden im Job bleiben. Und ein gutes Drittel
(34%) möchte vorzeitig in Rente gehen.
Nur 8% würden gleich nach Rentenbeginn noch
weiter machen und 3% wünschen sich noch einen
Freizeitjob.
Fazit: Nur mit 11% (rund 1/10) kann man nach
Renteneintritt noch über Arbeit reden: Arbeit ist
verpönt, Arbeit(en) ist unbeliebt, Arbeit(en) gilt bei
90% der Bevölkerung als unchic. Wer diese „Stimme
des Volkes" nicht aufgreift und berücksichtigt, läuft
Gefahr, bei Wahlen abgestraft zu werden. Das muss
man im Kopf behalten, wenn man die
Rentenprogramme deutscher Parteien studiert.
Und noch eine Feststellung vorweg: Die Mehrheit der
deutschen Bevölkerung muss im Schlaraffenland
leben. Seit der Bundestagswahl 2013 drängt sich
dieser Verdacht auf. War bis dahin in den öffentlichen
Medien noch die Rede von 1, 3 Mio. Arbeitnehmern,
die nicht alleine von ihrem Einkommen leben könnten
und Aufstockung bei der Anstalt für Arbeit
beantragen müssen (Zahlenstand: 2012), von
Suppenküchen in Großstädten, um die Ärmsten der
Armen mit Lebensmitteln aus Wegwerfbeständen zu
versorgen und von Renten, die durch zu geringe
Anpassungen an die Nettoeinkommen der
Arbeitnehmer und die aktuellen Inflationsraten immer
mehr an Kaufkraft verlieren (angeblich waren das laut
Zeitungsberichterstattung 12% innerhalb von neun
Jahren), so traute man seinen Augen und Ohren nicht
mehr als die Wahlergebnisse bekannt wurden: 42
Prozent der Bevölkerung sprachen bei der
Bundestagswahl 2013 den konservativen deutschen
Parteien ihr Vertrauen aus. Den gleichen Parteien, die
sich die Forderung einer Mindestrente in Höhe von
850,00 EURO als politische Leistung auf die Fahnen
schrieben.
Ersparen wir uns Anspielungen, die zwangsläufig als
polemisch interpretiert werden, nehmen wir die
aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in
Wiesbaden: Als arm gilt in Deutschland ein Mensch,
der weniger als 940 Euro pro Kopf und Monat für sich
zur Verfügung hat. Zu welcher Gruppe gehören dann
die, die nicht über 850 Euro hinaus kommen? Stimmt
das Rentenmodell nicht mehr, wurde das
Solidarkonzept (zwischen Beitragszahlern und
Rentenbeziehern) klammheimlich ausgehebelt oder
ist von der angeblich sozialen Marktwirtschaft nur
eine seelenlose kapitalistische Fratze übrig geblieben?
Ohne Frage kann man nur Geld ausgeben, das vorher
erwirtschaftet worden ist. Rente auf Pump wäre
nichts anderes als gesellschaftlicher Selbstbetrug.
Wieweit auch Steuern als Finanzierungsquelle dazu
gehören, darüber lässt sich sicher trefflich streiten.
Sich aber seitens der Politik damit zu brüsten, dass
man ja endlich eine Rentenuntergrenze von 850,00
Euro eingeführt hätte, grenzt an Hohn. Im Hinterland
Mecklenburg-Vorpommerns oder in den ehemaligen
Grenzgebieten Niederbayerns – mit Wohnungsmieten
von 200,00 Euro und Kartoffelpreisen von 20
Eurocent pro Kilo –, mag sich das ja noch halbwegs
reimen, da wo Zivilisation unterwegs ist, darf man
getrost und ohne billige Polemik von Hungerrenten
reden. Hatte Shakespeares Held Hamlet recht? Ist
etwas faul nur im Staate Dänemark? Oder vielleicht
auch bei uns? Aber nun zu den detaillierten
Aussagen der im Bundestag vertretenen Parteien:
WAHLPROGRAMME 2013 in Kurzfassung zum
Thema RENTE:
(Zitat des Internetauftritts der Landeszentrale für
politische Bildung, Baden-Württemberg, 2013; die
Übernahme wurde zusätzlich und freundlicherweise
von der genannten LZ genehmigt)

2.4.1. CDU

Ab 2014 soll es für vor 1992 geborene Kinder 28,14


Euro (Ost: 25,74) mehr Rente geben. Für
Geringverdiener soll eine Lebensleistungsrente
eingeführt werden. Sie soll die eigenen
Rentenansprüche auf 850 Euro aufstocken.
Voraussetzung: 40 Versicherungsjahre in der
Rentenkasse und ebenso lange private Vorsorge (z.
B. Riester).
Für die Union steht eine zukunftsfeste Alterssicherung
auf drei Säulen: der gesetzlichen Rentenversicherung,
der privaten und der betrieblichen Vorsorge. Die
gesetzliche Rentenversicherung soll dabei die
tragende Säule bleiben. Diese werde durch die Rente
mit 67 gestärkt, an der die Union festhalten und sie
bis 2029 schrittweise einführen will. Die private und
betriebliche Vorsorge soll ausgebaut werden. Das gilt
besonders für die betriebliche Vorsorge bei kleinen
und mittleren Unternehmen.
Ein besonderes Anliegen der Union ist die sogenannte
„Mütterrente". Ab 2014 sollen Erziehungszeiten von
bisher benachteiligten Müttern oder Vätern, deren
Kinder vor 1992 geboren wurden, mit einem
zusätzlichen Rentenpunkt anerkannt werden. Die
daraus resultierenden Kosten soll die Rentenkasse
tragen. Verbessert werden sollen auch die
Erwerbsminderungsrenten und die Rente von
langfristig Versicherten (mindestens 40 Jahre) mit
niedrigen Einkommen, die privat vorgesorgt haben.
Diese sollen einen Zuschuss zur Rente auf 850 Euro
erhalten. Außerdem plant die Union, eine
Altersvorsorgepflicht bei Selbstständigen einzuführen.
Dabei sollen sie zwischen der gesetzlichen
Rentenversicherung und anderen Vorsorgearten
wählen können.
(http://www.bundestagswahl-
bw.de/wahlprogramm_cdu-csu.html)
2.4.2. FDP

Jeder soll ab dem 60. Lebensjahr seinen


Renteneintritt frei wählen können. Bei Rentenbeginn
vor 67 gibt es Abschläge. Wer länger arbeitet,
bekommt Zuschläge auf die Rente. Die
Rentensysteme in West- und Ost-Deutschland sollen
vereinheitlicht werden. Die Rentenreformen sollen
nicht zurückgenommen werden.
Die FDP will für mehr Selbstbestimmung in der Rente
eintreten. Sie ist gegen starre Altersgrenzen und will
erreichen, dass Menschen ab dem 60. Lebensjahr –
bei versicherungsmathematisch korrekten Zu- und
Abschlägen – den Zeitpunkt ihres Renteneintritts frei
wählen können, sofern ihre Ansprüche aus privater,
gesetzlicher und betrieblicher Vorsorge über dem
Grundsicherungsniveau liegen. Die Versicherten
sollen ab dem 60. Lebensjahr ihre Arbeitszeit
reduzieren können und den Verdienstausfall durch
den Bezug einer Teilrente kompensieren oder – wenn
sie möchten – länger arbeiten. Darüber hinaus will
die FDP die Zuverdienstgrenzen neben dem
Rentenbezug komplett aufheben, um so Barrieren für
die Arbeit im Alter zu beseitigen.
Die Höhe der Rente soll sich strikt an den
eingezahlten Beiträgen orientieren. Daher unterstützt
sie eine komplett beitragsbezogene Rente. Familien-
oder sozialpolitische Leistungsausweitungen sollen
nicht über Beitragsmittel finanziert werden.
Die Liberalen wollen die private Vorsorge weiter
stärken. So soll die gesetzliche Rentenversicherung
stärker durch private und betriebliche Vorsorge, mit
einem Nebeneinander einer staatlichen
Grundsicherung, einem Betriebsrentensystem und
privater Vorsorge, ergänzt werden. Die Mischung aus
umlagefinanzierter und kapitalgedeckter Vorsorge sei
notwendig, um unterschiedliche Risiken und
Sicherheiten auszugleichen. Um die private Vorsorge
für jeden, auch für Geringverdiener, attraktiv zu
machen, wollen die Liberalen Einkommen aus privater
und betrieblicher Vorsorge nur teilweise auf die
Grundsicherung im Alter anrechnen. Außerdem soll
Selbstständigen der Weg zur Riester-Förderung
eröffnet werden.
Die Einführung einer Rentenversicherungspflicht für
Selbstständige lehnt die FDP strikt ab, da dies die
Existenz vieler Selbstständiger bedrohe und so
Arbeitsplätze gefährde. Die Vereinheitlichung des
Rentenrechts in Ost und West sehen die Liberalen als
ein Gebot der Fairness an.
(http://www.bundestagswahl-
bw.de/wahlprogramm_fdp.html)

2.4.3. SPD

Geringverdiener mit 30 Beitrags- und 40


Versicherungsjahren in der Rentenkasse sollen eine
Solidar-Rente von mindestens 850 Euro erhalten. Bei
einem Renteneintritt ab 63 soll es für Arbeitnehmer
mit 45 Versicherungsjahren keine Abschläge mehr
geben. Für Frührentner (z. B. bei verminderter
Erwerbsfähigkeit) sollen die Abschläge wegfallen. Der
Rentenbeitrag (derzeit 18,9 %) soll erhöht und mit
den Einnahmen die eiserne Reserve gefüllt werden.
Die SPD hat ein Rentenkonzept entwickelt, das
flexiblere Übergänge vom Erwerbsleben in die Rente,
eine Verbesserung der Erwerbsminderungsrente, die
Stabilisierung des Rentenniveaus und eine Sozialrente
vorsieht.

Um allen Beschäftigten den passenden Übergang in


die Rente zu ermöglichen, plant die SPD:
Einen abschlagsfreien Zugang zur Rente mit 63
Jahren nach 45 Versicherungsjahren.
Den Ausbau der Teilrente ab dem 60. Lebensjahr.
Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente:
Alle Abschläge, die bei vorzeitigen Renten gelten,
sollen bei Erwerbsminderung abgeschafft und die
Zurechnungszeit verlängert werden.
Einfachere Möglichkeiten für Zusatzbeiträge an die
Rentenversicherung sollen geschaffen werden, um
den Zeitpunkt für den Renteneintritt flexibler zu
gestalten.
Die Rente mit (ursprünglich geplante Rente; U.P.) mit
67 dürfe sich nicht wie eine Kürzung der Renten
auswirken. Die Anhebung des Renteneintrittsalters sei
deshalb erst dann möglich, wenn mindestens die
Hälfte der 60- bis 64-jährigen Arbeitnehmer
sozialversicherungspflichtig beschäftigt sei und
weitere Rentenansprüche erwerben könne.
Das heutige Rentenniveau will die SPD bis 2020 stabil
halten, um dann neu zu bewerten, wie die
Ankopplung der Renten an die Erwerbseinkommen
vorzunehmen sei. Außerdem soll die betriebliche
Altersvorsorge gestärkt werden, da diese die beste
Form der privaten Altersversorgung sei. Bei der
Riester-Rente will die SPD für eine deutliche
Verbesserung der Kostentransparenz und der
Effizienz sorgen.
Selbstständige ohne Altersversorgung sollen in die
gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden.
Dies sei der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel, die
gesetzliche Rentenversicherung zur
Erwerbstätigenversicherung auszubauen. Zudem soll
ein einheitliches Rentensystem für Ost und West bis
2020 eingeführt werden.
Ein wichtiger Punkt im Regierungsprogramm der SPD
ist die Einführung einer Solidarrente. Für langjährig
Versicherte soll die Rente nicht unter 850 Euro liegen
(bei 30 Beitragsjahren / 40 Versicherungsjahren).
Auch familienbedingte Erwerbsverläufe sollen bei der
Solidarrente berücksichtigt werden. So sollen „in
angemessenem Umfang“ Berücksichtigungszeiten
auch auf Eltern ausgedehnt werden, deren Kinder vor
1992 geboren wurden, um so gezielt
Rentenansprüche dieser Eltern zu verbessern.
Die Kosten der Solidarrente sollen aus Steuermitteln
finanziert werden. Die Finanzierung des
abschlagsfreien Rentenzugangs nach 45
Versicherungsjahren, der verbesserten
Erwerbsminderungsrente und der Stabilisierung des
Rentenniveaus soll durch einen höheren
Rentenversicherungsbeitrag und den Aufbau einer
höheren
Nachhaltigkeitsreserve sichergestellt werden.
(http://www.bundestagswahl-
bw.de/wahlprogramm_spd.html)
2.4.4. Bündnis 90/Die Grünen
Nach 30 Versicherungsjahren soll es eine
steuerfinanzierte Garantierente von mindestens 850
Euro geben. Auch Beamte, Politiker und Selbständige
sollen in die Rentenkasse einzahlen
(„BürgerInnenversicherung"). Minijobber sollen in der
Rentenversicherung zwangsversichert werden.

Bündnis 90/Die Grünen planen eine steuerfinanzierte


Garantierente von mindestens 850 Euro, um der
Altersarmut entgegenzuwirken. Die Partei will allen
Neurentnern mit mindestens 30 Versicherungsjahren
eine Rente oberhalb der Grundsicherung garantieren.
Als Voraussetzungen für den Bezug gelten alle
Versicherungszeiten. Dazu gehören Beitragszeiten,
Anrechnungszeiten, z.B. wegen Arbeitslosigkeit,
Zurechnungszeiten wegen Erwerbsminderung,
Berücksichtigungszeiten wegen Pflege und (bis zum
Rechtsanspruch auf U3-Betreuung) Kindererziehung
bis zum zehnten Lebensjahr. Dabei soll nicht zwischen
Teilzeit und Vollzeit unterschieden werden.
Die Grünen setzten auf eine starke gesetzliche
Rentenversicherung. Durch die schrittweise
Weiterentwicklung der gesetzlichen Rente zu einer
Bürgerversicherung, durch eine Erhöhung der
Erwerbsbeteiligung sowie durch Maßnahmen für ein
höheres Lohnniveau wollen die Grünen ein
angemessenes Rentenniveau bei stabilen Beiträgen
erreichen. Allerdings seien auch private und
betriebliche Alterssicherung wichtig für die
Lebensstandardsicherung im Alter. Deshalb soll die
Riester-Rente grundlegend reformiert werden, um ein
einfaches, kostengünstiges und sicheres Basisprodukt
für die staatlich geförderte zusätzliche Altersvorsorge
zu haben.
Im Sinne der Generationengerechtigkeit halten die
Grünen einen langsamen Anstieg des
Renteneintrittsalters auf 67 Jahre für notwendig.
Allerdings müssten die Arbeitsmarktchancen für
Ältere verbessert und mehr altersgerechte
Arbeitsplätze geschaffen werden. Außerdem soll es
individuelle Übergangslösungen in den Ruhestand
geben, insbesondere durch eine Teilrente ab 60
Jahren. Die abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente
wollen die Grünen wieder auf das 63. Lebensjahr
zurücksetzen. Damit Frauen eine bessere
eigenständige Absicherung erhalten, soll das
Rentensplitting bereits in der Ehe obligatorisch
gemacht und Kindererziehungszeiten stärker
angerechnet werden. In Ost- und Westdeutschland
soll ein einheitliches Rentenrecht eingeführt und der
Rentenwert Ost soll auf das Niveau des Westens
angehoben werden.
Mittelfristig soll die Rentenversicherung zur
Bürgerversicherung weiterentwickelt werden, in die
alle Bürger, das heißt auch Beamte, Selbstständige
und Abgeordnete, unabhängig vom Erwerbsstatus
einzahlen. Als erste Schritte wollen die Grünen
Mindestrentenbeiträge für Arbeitslose wieder
einführen, die Minijobs vollumfänglich und auch die
bisher nicht pflichtversicherten Selbstständigen in die
Rentenversicherung einbeziehen.
(http://www.bundestagswahl-
bw.de/wahlprogramm_die_gruenen.html)
2.4.5. Die Linke

Die Rente mit 67 und alle Kürzungsfaktoren der


letzten Rentenreformen sollen abgeschafft werden.
Ab 65 (bzw. 60 bei mindestens 40 Beitragsjahren) soll
es keine Abschläge mehr geben. Geringverdiener
sollen eine solidarische Mindestrente von 1050 Euro
erhalten. Für vor 1992 geborene Kinder soll es rund
56 (Ost: 50) Euro mehr Monatsrente geben.

Abb. 9: Anonyme Karrikatur Karrikatur aus WIKIPEDIA.


Makaber, aber Realität! Oevre eines unbekannten Karrikaturisten im
Internet.
Die Linke will das Sicherungsniveau der gesetzlichen
Rente wieder auf 53 Prozent erhöhen und damit dem
Plan entgegenwirken, das Leistungsniveau der
gesetzlichen Rente bis 2030 bis auf 43 Prozent zu
senken. Nur bei einem Sicherungsniveau von 53
Prozent werde der Lebensstandard im Alter gesichert
und die Renten für alle spürbar steigen. Damit Zeiten
von niedrigen Löhnen, Erwerbslosigkeit,
Kindererziehung und Pflege besser abgesichert
werden, will Die Linke die „Solidarität in der
Rentenversicherung" stärken. So sollen alle
Erwerbseinkommen in die Rentenversicherung
eingehen, also auch die von Selbstständigen,
Beamtinnen und Beamten, Politikerinnen und
Politikern. Außerdem will Die Linke eine Möglichkeit
schaffen, die in Riester-Renten-Verträgen erworbenen
Ansprüche auf die gesetzliche Rente zu übertragen.
Die Rente ab 67 will Die Linke wieder abschaffen.
Jeder müsse wieder abschlagsfrei mit 65 in Rente
gehen können. Außerdem soll ab dem 60. Lebensjahr
und nach 40 Beitragsjahren – einschließlich
gleichgestellter Zeiten – ein abschlagsfreier Einstieg
in die Rente möglich sein, und der Zugang zu den
Erwerbsminderungsrenten müsse erleichtert werden,
die Abschläge sollen gestrichen werden. Die Beiträge
zur gesetzlichen Rentenversicherung sollen nach dem
Willen der Linken paritätisch von den Beschäftigten
und den Unternehmen finanziert werden.
Die Linke möchte eine „Solidarische Mindestrente"
einführen. Diese Rente soll aus Steuern finanziert
werden und 1.050 Euro netto betragen. Auch der
Rentenwert in Ostdeutschland soll an das Niveau in
Westdeutschland angeglichen werden."

(http://www.bundestagswahl-
bw.de/wahlprogramm_die_linke.html) (Zitatende)

2.5. Eingliedern statt ausmustern

Wie die Programminhalte zeigen, gibt es bei dem


Thema Rente zwischen den Parteien erhebliche
Unterschiede - nicht nur bei der Rente mit 67, auch
bei Mütter- und Mindestrenten. Am verlockensten
sind die Ankündigungen der LINKEN: Einerseits soll
das Renteneintrittsalter mit 67 wieder gesenkt, das
Rentenniveau aber deutlich erhöht werden. Auch die
rechtlich bereits festgelegte Absenkung des
Rentenniveaus von 47 auf 43 Prozent des
Nettoeinkommens bis 2030 soll gestoppt und auf 53
Prozent erhöht werden. Was das kostet, bleibt
hingegen offen. Nach Berechnungen der Deutschen
Rentenversicherung, die die Tageszeitung DIE WELT
am 26.8 2013 abdruckte, schlägt eine Anhebung des
Rentenniveaus um einen Prozentpunkt im Jahr 2030
mit 4,5 Mrd. EURO zu Buche, der Verzicht auf die
Rente mit 67 (also wieder Renteneintrittsalter: 65)
mit 6,5 Mrd. Zusammen würde das bei diesen
Maßnahmen – laut dieser Quelle - die
Rentenversicherung mit 51,5 Mrd. Euro pro Jahr
belasten; der Beitragssatz müsste dann von 18,9 auf
23,5 Prozent steigen. Auch bei der Mütterrente, bei
der die anrechenbare Erziehungszeit, für Kinder, die
nach 1992 geboren wurden, von einem Jahr auf drei
Jahre Rentenjahre angehoben werden soll, geht es
um mehrere Milliarden.
Schon früh meldeten sich in Deutschland Stimmen,
angesichts der demografischen Entwicklung und
angesichts eines drohenden Fachkräftemangels, den
Trend zu Frühverrentung wieder umzukehren; in der
einschlägigen Fachliteratur war schon früh von
Wiedereingliederungs-Maßnahmen der Arbeitgeber
die Rede bis hin zur Forderung, die
Altersdiskriminierung älterer, z.B. auch arbeitswilliger
Bürger, zu beseitigen. Plötzlich war auch von
65jährigen Jungsenioren die Rede und prominente
Politiker wie etwa Henning Scherf, der ehemalige
SPD-Bürgermeister von Bremen, stellten sich als
Gallionsfiguren zur Verfügung.

Altersdiskriminierung – man muss sich dieses Wort


auf der Zunge zergehen lassen, um die Tragweite zu
erspüren: Eine zunehmende Zahl von älteren
Menschen fühlt sich benachteiligt, vielleicht sogar als
Bürger zweiter Klasse, wenn sie nicht mehr
selbstständig über sich und ihren Alltag befinden
dürfen.
Angesichts immer jüngerer Mitarbeiter und
festgefahrener Arbeitsstrukturen hatte sogar der
ehemalige Sozial- und Arbeitsminister Müntefering
Mühe, der Arbeitnehmerseite sein Programm
INITIATIVE 50plus! schmackhaft zu machen. Vieles
davon scheint Theorie geblieben zu sein.
Bleiben wir gesellschaftlich dazu verurteilt, weiterhin
im kollektiven Freitzeitpark (so die Worte des
ehemaligen Bundeskanzlers Kohl) leben zu müssen?
Noch gibt es eine berechtigte „Hoffnung", dass sich
die Zukunft auch anders gestalten lässt.

Eingliedern, aber wie?


Auch wenn sich Gesellschaften nicht „more
geometrico" (Francis Bacon) am Zeichenbrett
konstruieren lassen, ist es doch für Nicht-Techniker
interessant, ab und zu mal in die Welt der Ingenieure
einzutauchen. In dieser Welt gibt es den Begriff des
Re-Engineering: Man nimmt eine Maschine, ein
technisches System auseinander, zerlegt sie/ es in
Einzelteile und baut alles neu und erwartungsgemäß
besser zusammen. Es sei erlaubt, dieses Re-
Engineering an dieser Stelle als Metapher zu nehmen,
um ohne Zeitverzug klar zu machen, um was es dem
Autor geht: Nicht noch mehr Gesetze, noch mehr
Verordnungen, nicht noch mehr Administration und
nicht noch mehr Geldverteilungspläne, die allesamt
irgendwann in Selbstbeschäftigung ausarten, sondern
um pragmatisch und vor allem schnell zu neuen
Lösungsansätzen zu kommen. Lösungen, die die
individuellen Wünsche des Einzelnen berücksichtigen,
wie er seine restlichen 20-30 Lebensjahre selbst
verbringen möchte, die ihm andererseits auch echte
Optionen, im folgenden auch LEBENSMUSTER
genannt, er-öffnen. 'Öffnen'' heißt das Zauberwort,
nicht 'Verschließen'. 'Gestalten', nicht 'Verplempern
lassen'.
Das geht schon mal da los, wo die Mehrheit der
Bevölkerung, trotz zahlreicher und rascher
Umbruchsituationen, immer noch „zuhause" ist: am
Arbeitsplatz, in der Gemeinde, vor allem aber am
Arbeitsplatz, der ihn 10 bis 35 Jahre begleitet und
auch geleitet hat.
Und jetzt kommen wir zum modernen Menschen, der
dringend auf eine Antwort wartet: Dank
medizinischer Spitzenversorgung und aufgrund der
Tendenz, möglichst früh aus dem Arbeitsleben
auszuscheiden (ausgeschieden zu werden, denn oft
tut er es ja nicht freiwillig), wird der moderne
westliche Mensch in den hochtechnisierten und
angeblich auch hochkultivieren Ländern in eine
Sinnlücke katapultiert, die viele, wenn nicht gar die
meisten, gar nicht haben wollen.
Nutznießer sind die eigenen Enkel, die
Tulpenzwiebeln im Garten und die Pflegedienste in
der Nachbarschaft: Ihnen kann man sich voll und
ganz hingeben. Wo der „Kittel brennt", hat Thomas
Freitag, ein großer deutscher Kabarettist und
Stimmenimitator aus Hessen, in seiner Glosse über
Vogelhäuschen auf den Punkt gebracht (siehe
ausführlich: Anlage 3) Aus lauter Verzweifelung, mit
ihrer gewonnenen Zeit nichts anfangen zu können,
gründete er als Rentner mit seinen Leidensgenossen,
also den anderen Rentner der Nachbarschaft, eine
Aktiengesellschaft für den Bau von Vogelhäuschen.
Die Botschaft von Thomas Freitag ist ganz einfach:
Auch große Sozialphilosophen wie Karl Marx können
irren: Arbeit ist nicht nur ein Joch, so die Behauptung
von Marx, von dem Menschen zu befreien sind, nein,
Arbeit ist auch Aufgabe, Lebensinhalt, Integration in
der Gesellschaft, Spaß am Leben, Vorbeugung von
Altersarmut, und – ohne Frage – auch Beteiligung an
der wirtschaftlichen Wertschöpfung, die die einzige
natürliche Ressorce nutzt, die wir in unserem Land, in
Deutschland, haben: unser Hirn und unsere
Arbeitskraft.

Nur Becketts 'Warten auf Godot' könnte dieses


Rentner-Melodram noch toppen. Und wir wissen, dass
Schadenfreude hier völlig fehl am Platz ist, weil viele
von uns gute Chancen haben, mal Pozzo, Becketts
Hauptfigur, zu werden!
Und zwar schneller und länger dauernd als sich das
im öffentlichen Bewusstsein bisher verankert hat. Ein
Blick auf die OECD-Statistik von 2014 (Quelle:
Statista, 2014, Zahlen von 2010) zeigt warum:

tatsächliches gesetzliches
Land
Rentenalter Rentenalter
Belgien 61,6 65
Bulgarien 64,1 keine Angaben*
Dänemark 61,3 65
Deutschland 61,7 65 (/ 63 U.P.)
Estland 62,1 Männer: 63/
Frauen: 61
Finnland 61,6 65
Frankreich 59,3 60
Griechenland 61,4 65
Großbritannien 63,1 Männer: 65 /
Frauen: 60
Irland 64,1 65
Italien 60,8 62,5
Lettland 62 62
Litauen 59,9 61
Luxemburg 59,4 65
Malta 59,8 60,5
Niederlande 63,2 65
Österreich 60,9 62,5
Polen 59,3 62,5
Portugal 62,6 65
Rumänien 64 64
Schweden 63,8 64
Slowenien 59,8 62
Slowakei 58,7 62
Spanien 62,6 65
Tschechische 60,6 62**
Republik
Ungarn 59,8 62
Zypern 63,5 65

TABELLE 2: Überblick - Rentenalter in den 27 EU-


Staaten

(Quelle: EUROSTSTAT/ dpa, lt. T-ONLINE v. 11.5.14)

War das Renteneintrittsalter schon bis 2013 in neun


von 27 europäischen Ländern deutlich höher als in
Deutschland, so wächst dieser Zeitunterschied durch
die Rente mit 63, die 2014 in Deutschland ab Mai
eingeführt wurde, nochmal um weitere zwei Jahre:
Mit einer Überschwemmung der Märkte durch eine
endlose Zahl von Vogelhäuschen ist dabei zu
rechnen.
2.6. Ehrenämter statt Erwerbsarbeit?

In seinem Buch „Erwerbsarbeit der Zukunft – auch


für Ältere?" spricht der Arbeitswissenschaftler
Winfried Hacker (bereits 1996) von einer
Altersschere, die die Umkehrung von mehrheitlich
jungen, zu mehrheitlich älteren Arbeitnehmern
bewirke, und zwar so, dass … (Zitat:)
- die Gruppe der jungen Erwerbstätigen (15- bis
34jährige) bis zum Jahre 2010 stark abnehmen wird,
und zwar von ca. zwei Fünftel auf ca.
ein Fünftel,
- die Gruppe der mittelalten Erwerbstätigen (35- bis
44jährige) zunehmen wird und zwar
- von einem Fünftel auf ca. ein Drittel
- die Gruppe der älteren Erwerbstätigen (über
45jährige) stark zunehmen wird, und zwar
- von ca. einem Drittel auf ca. die Hälfte."

Danach kippt also das Verhältnis zwischen Jüngeren


und Älteren um. Für die Älteren bedeutet dies, dass
in den Betrieben neue Arbeitsplätze zu schaffen
seien, die wahlweise (für Arbeitnehmer wie für
Arbeitgeber) zur Verfügung stünden.
Wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, laufen die
(Wieder-) Eingliederungsprozesse älterer
Arbeitnehmer nicht von alleine ab. Selbst rot-grüne
Regierungsinitiativen (z.B. die Initiative 50plus vom
ehemaligen Arbeitsminister Franz Müntefering) aus
dem Jahre 2011, haben den großen Erfolgs-
Durchbruch noch vor sich. Sie sollen den
Unternehmen helfen, den Wandel am Arbeitsmarkt zu
gestalten. Schätzungen zufolge droht bis 2030 eine
Arbeitskräftelücke von mehr als fünf Mio. Menschen:

PRESSEMITTEILUNG der BCG, BOSTON CONSULTING


GROUP v. 29.5.2015:
Arbeitskräftemangel in 2030 birgt große Gefahr für
Wohlstand und Wachstum
Deutschland könnten in 15 Jahren zwischen 5,8 und
7,7 Millionen Arbeitskräfte fehlen – Alle Bundesländer
betroffen, neue besonders stark – Verlust an
Wirtschaftsleistung in 2030 von bis zu 550 Milliarden
Euro möglich. Für (Wieder-)
Eingliederungsmaßnahmen wäre es also höchste Zeit.

2.7. Grundgehalt für alle – Einkommen


ohne Arbeit?

Die Grenzen zwischen Programm, Vision und Utopie


sind manchmal schwimmend. Vieles, was real
aussieht, bleibt oft Utopie (wörtlich: u-topia, der
schöne neue Ort). Vieles, was sich utopisch anhört
oder liest, wird manchmal Wirklichkeit. Als der
geniale Maler und Konstrukteur Leonhardo da Vinci,
seine ersten Fliegenden Maschinen konstruierte,
glaubten selbst die technisch begabten Menschen des
15. Jahrhunderts nicht an das Unmögliche, schon der
Schneider von Ulm bewies im 19. Jahrhundert das
Gegenteil, nämlich, dass Geräte fliegen können.
Zahlreiche Beispiele finden sich dafür in der
Ideengeschichte der Menschheit.
Warum also nicht auch nach einem Ersatz-Modell für
RENTE suchen? Genauer gesagt, nach einem
Ersatzmodell für Arbeit und Rente?
Menschen, die den Sinn der Arbeit in Frage stellen,
gibt es mehr also genug. Jedenfalls ergaben das die
ersten Auswertungen für diese Publikation. In der
Regel sind es gut genährte Menschen, die in einem
reichen Land wie Deutschland leben, oder in
ähnlichen Verhältnissen, und wenn's mal knapp wird,
den Weg ins Sozialamt suchen. Die Beantwortung der
Frage, gut oder schlecht? möchte ich dem Leser
überlassen. Die Gefahr, hierbei mit Klischees zu
operieren, ist natürlich nicht unerheblich. Noch mehr
gefordert wird man bei dem Vorschlag, bezahlte
Arbeit durch ein staatliches Grundgehalt zu ersetzen.
Man mag's ja nicht glauben: Vom Traumland der
Illusionen und Träumereien sind wir immer noch weit
entfernt. Selbst Vorstandsvorsitzende großer
deutscher Drogerieketten, wie etwa Götz Werner von
DM Müller, machen sich für das Wirtschaftsmodell
„Einkommen für alle" stark, das früher als Utopie
bezeichnet wurde, heute aber scheinbar salonfähig
daher kommt.
Definition, Zitatanfang:
Bedingungsloses Grundeinkommen, aus: Wikipedia,
der freien Enzyklopädie.
„Das Bedingungslose Grundeinkommen
(BGE) ist ein sozialpolitisches Finanztransferkonzept,
nach dem jeder Bürger – unabhängig von
seiner wirtschaftlichen Lage – eine gesetzlich
festgelegte und für jeden gleiche – vom Staat
ausgezahlte – finanzielle Zuwendung erhält, ohne
dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen
(Transferleistung). Es wird in Finanztransfermodellen
meist als Finanzleistung diskutiert, die ohne
weitere Einkommen oder bedingte Sozialhilfe
existenzsichernd wäre. Die Idee, jedes
Gesellschaftsmitglied an den Gesamteinnahmen
dieser Gesellschaft ohne Bedürftigkeit zu
beteiligen, wird weltweit diskutiert, wobei sich der
Name der Idee von Land zu Land und zu
verschiedenen Zeiten unterscheidet. So wird der
Vorschlag zum Beispiel in den USA hauptsächlich
unter dem Namen Basic Income Guarantee (BIG)
diskutiert. Zu den in Deutschland diskutierten
Modellen eines BGE gehören zum Beispiel das
Solidarische Bürgergeld (Althaus-Modell, benannt
nach dem ehemaligen thüringischen
Ministerpräsidenten Althaus), das sogenannte
Ulmer Modell oder das Modell der von Götz Werner
gegründeten Initiative 'Unternimm die Zukunft'.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die u. a. Von Milton
Friedman vertretene Idee der „negativen
Einkomenssteuer“. Zitatende.
Wer bisher an das Leistungs-Belohnungsprinzip
glaubte, wird erst einmal kräftig herausgefordert.

2.8. Rente beziehen und arbeiten – oder:


Dritter Arbeitsmarkt für Senioren?

Nichts ist älter als die Statistik von gestern. Dieser


Eindruck drängt sich auf, wenn man die jüngste
Geschichte der Rente in Deutschland studiert: Es
vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht neue und
abweichende Erhebungen in Deutschland publiziert
werden. Das unrühmliche Beispiel dazu scheint das
Statistische Bundesamt in Wiesbaden zu sein, das
chronisch mit weit zurück liegenden Daten aufwartet,
die mindestens vier bis fünf Jahre hinter der Zeit her
sind. Vorsicht bei der Nutzung ist also immer
angebracht. Dennoch war oder ist zumindest an der
Gründlichkeit der Datenerhebungen nicht zu zweifeln:
So erbrachte die Mikrozenserhebung des Statistischen
Bundesamtes (2012), dass 6% aller 65- bis 74-
Jährigen und 1% der über 75-Jährigen erwerbstätig
sind. In der Summe sind das 670.000 arbeitende
Senioren, 120.00 mehr als vor fünf Jahren. Mehr als
2/3 von ihnen arbeiten in Teilzeit, 40% sind
selbstständig. Die tatsächliche Zahl scheint hingegen
höher zu liegen, da die Bundesanstalt für Arbeit im
Jahre 2011 schon 725.000 geringfügig Beschäftigte
über 65 Jahren registriert hatte.
Es stellt sich die Frage: Entwickelt sich hier etwas
zum Guten oder zum Schlechten?
Steht der Sozialstaat mit seinen Errungenschaften
(die wichtigste dürfte neben der
Krankenversicherung die Rentenversicherung sein)
kurz vor den Aus oder passt sich der Arbeitsmarkt nur
der demographischen Entwicklung (Stichwort:
steigendes Lebensalter), dem Gesundheitszustand
der Mehrheit und letztlich auch dem veränderten
Lebensgefühl an?
Und falls ja, was heißt das in der Konsequenz für die
Beschäftigung?
Da in deutschen Fernseh-Talkshows, die traditionell in
den späten Abendstunden laufen, Politik gemacht
wird, lohnt es sich hin und wieder den Einschaltknopf
zu drücken. Unter dem Brennglas des Moderators/
der Moderatorin wird die aktuelle Tagespolitik seziert.
So auch geschehen in der Günther-Jauch-Sendung
vom 6.4.2014 im ersten deutschen
Fernsehprogramm. Das Thema hieß: DER RENTNER
DER ZUKUNFT – ARBEIT STATT RUHESTAND. Hier
wurde vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der
Dresdner Bank, Herbert Walter, sogar die Zahl von
800.000 minijobbenden Rentnern genannt. Während
die meisten Zeitgenossen völlig einverstanden sind
bei der Frage, ob alterskranke oder krank gearbeitete
Menschen (genannt wird an dieser Stelle dann immer
der gelernte Maurer oder Fliesenleger, der körperlich
nicht mehr kann) weitermachen oder aufhören sollen
zu arbeiten, scheint doch glücklicherweise rund 1/5
der Bevölkerung nach Befragungen von INFRATEST-
DIMA über den Tellerrand hinaus zu blicken. Diesem
Fünftel scheint mittlerweile klar zu werden oder zu
dämmern, dass Arbeit auch für Vieles andere mehr
steht, als nur für Geld verdienen und Geld ausgeben
können. In der Tat gibt es mittlerweile zahlreiche
Ausnahmefälle, die dann gerne mal hoch gelobt und
von den Vertretern des Bundesverbandes der
Industrie (BDI) herum gereicht werden.
Alle vermeintlichen 800.000 minijobbenden Rentner
an dieser Stelle auch nur ansatzweise
charakterisieren zu wollen, wäre ein Aberwitz, ein
Promillesatz davon tut es ja auch schon.

Gewitzte Teilnehmer einer politischen Talkshow


erkennt man daran, dass sie bestens vorbereitet sind
und gute Beispiele zur Hand haben. So wie der
ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm
(„Die Rente ist sicher!"), der „zufällig" drei Firmen
nannte, die Rentner beschäftigen: die Firma Bosch in
Stuttgart mit 1.600 Senioren, den Motorenhersteller
Henkelhausen in Krefeld mit 12 Rentnern und die
Firma Sandner Bau in Hamburg, die noch einen
72jährigen Polier im Einsatz hat.
Abgesehen davon, dass es immer schon Ausnahmen
von Regeln gab, stellt der Buchautor Günter Dueck
2013 in seinem Buch 'DAS NEUE UND SEINE FEINDE'
zu Recht fest, dass Chancen nicht einfach vom
Himmel fallen. Man müsse „eine Vision finden, die zur
Tat zieht!". Man müsse „immer reden, neue Wörter
probieren, Resonanzen messen, verändern, ungute
Gefühle berücksichtigen (und) Gegner anhören." Es
sei z.B. „vorher gar nicht klar gewesen, dass (2012;
U.P.) das Wort 'smart' plötzlich so einschlug." Es sei
harte Arbeit, ein Trigger-Mem zu finden." Ein guter
Innovator verstehe sich „auf Story Telling" und
triggere seine „Innovation in Form von Metaphern,
bildlichen Anekdoten, Vorkommnissen und
Alltagsumständen."
Das heißt übersetzt in 'leichte Sprache': gut und
einprägsam über eine Sache reden und diese Sache
möglichst mit einem neuen Namen taufen. Wie
vergleichsweise 'e-Business'' oder 'smart grids' oder
'swatch', die SWISS WATCH, die nach über 100 und
mehr Jahren Armbanduhr-Erfindung in modischem
Design „neu erfunden" und auf den Markt gebracht
wurde.
So müsste das auch bei der historisch vorbelasteten
Rente laufen, die man namentlich durch einen neuen
Begriff (ein TRIGGER-MEM) ersetzen sollte. Dieser
Begriff, dieses Mem, sollte zum Ausdruck bringen:
Dies ist eine Lebensphase mit neuen Chancen und
Lebensperspektiven, mit viel Optimismus und neuen
Möglichkeiten, sich innerhalb der Gesellschaft selbst
zu verwirklichen.
Ein Begriff, der anders als RENTE nicht schon nach
'Ende' klingt.
Einen Grundstein dafür legte bereits 2009 die
Akademiegruppe Altern in Deutschland von der
Universität Halle (Saale), die 15 Legenden über das
Altern entlarvte (siehe auch Liste im Anhang) und
widerlegte. So lautet beispielsweise die Legende Nr.
1: DAS ALTER BEGINNT MIT 65. Zitat: „Falsch. Die
Vorstellung, das Alter würde mit einem bestimmten
Lebensjahr beginnen, ist zwar alt, aber dennoch eine
soziale Konstruktion... Die wenigsten Mensch
wussten früher genau, wie alt sie waren, und es war
für ihre Lebens- und Arbeitswelt auch nicht relevant...
Heute werden sie (die kalendarischen Altersgrenzen)
mehr und mehr fragwürdig: Sie ignorieren, dass
immer mehr Menschen in immer höherem Alter zu
einem aktiven und selbstbestimmten Leben fähig
sind."
Auch wenn Sprache neue Realitäten schaffen kann,
ist doch zu vermuten, dass selbst bei einer
sprachlichen Neuschöpfung, die ausschließlich
positive Konnotationen auslöst, das neue Mem (also
das bessere und zukunftsfreudigere Ersatzwort für
RENTE) nicht so leicht zu finden sein dürfte.
Flankierend dazu müssen auch neue Sinn-Einheiten
geschaffen werden, die die letzten 20 bis 30 Jahre
eines biologischen Menschenlebens ausfüllen.

Auch wenn die schon genannten Zahlen von 800.000


Minijobbern (im Jahr 2014) recht ordentlich sind,
verdecken sie doch die Realitäten, die jeder
Betroffene selber testen kann. Überschreitet der
Arbeitnehmer in Deutschland erst eine Altersgrenze
von 50, gilt er nur noch als schwer vermittelbar.
Daran haben bisher diverse Ü-50-Programme auch
nicht viel ändern können. Und auch die Demografie-
Prognose, dass bis 2060 jeder dritte Deutsche 65
Jahre und älter sein wird, ebenfalls nicht.
„Setzt sich der Trend fort", so zitiert SPIEGEL ONLINE
vom 19. November 2013 Ursula Staudinger, die
Dekanin des Zentrums für Lebenslanges Lernen an
der Bremer Jakobs-University, „stehen die Chancen,
100 Jahre alt zu werden, für heutige Neugeborene
1:1. Wichtiger noch ist, dass die Zahl der gesunden
Lebensjahre wächst – ein 60jähriger heute ist
biologisch wie ein 50jähriger vor 20 Jahren."
Gerne werden (im Jahre 2014) in diesem
Zusammenhang auch Spitzenmanager („very
experienced persons") wie Albert Darboven (77),
Hartmut Mehdorn (70) oder Oswald Grübel (69) von
der USB-Bank genannt, die immer noch hart
anpacken (können). Doch der „normale"
Arbeitnehmer hat beim Wunsch, seine Arbeitszeit zu
verlängern, mit zahlreichen Hürden zu rechnen. Das
sei auch kein Wunder, sagt Jürgen Deller, Professor
für Wirtschaftspsychologie an der Uni Lüneburg, weil
die Politiker zuviel Angst vor dem Thema
'Arbeitszeitverlängerung' hätten und auch die
Gewerkschaften – fälschlicherweise – immer noch
mutmaßen, dass die Älteren den Jüngeren die
Arbeitsplätze vorenthalten.
Es ist müßig darüber zu spekulieren, was zuerst da
sein müsse: Henne oder Ei?, Arbeitsplätze für
Senioren oder der Wille, veraltete Arbeitszeitmodelle
durch flexible und altersunabhängige zu ersetzen.
Tatsache ist, dass die Entwicklung des Arbeitsmarktes
drastisch, um nicht zu sagen dramatisch hinter der
demografischen her hinkt. Nach Berechnungen des
Statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerung im
erwerbsfähigen Alter bis 2030 um rund 7 Mio. sinken.
Der Arbeitsmarkt hat sich darauf schleunigst
einzustellen und auch arbeitswilligen Senioren die
Türen zu öffnen.
3. Konkrete Beispiele aus der Praxis –
oder: Geht nicht, gibt´s nicht

3.1. Portrait Katharina („Katha“) Vidmar,


München

Eine Frau geht ihren Weg

Wer Katharina Vidmar


abends um sechs, nach
einem langen Arbeitstag,
das erste Mal begegnet,
ist zunächst verblüfft:
Freundlich und
ausgeglichen wird der
Besucher im 4. Stock ihrer
Abb. 10: KATHARINA VIDMAR
Giesinger Wohnung
empfangen. Auch nach acht Stunden Arbeit ist bei ihr
keine Spur von Müdigkeit erkennbar – und das im
70sten Lebensjahr!
Geboren in Otočac, im Süden Kroatiens, zwischen
Herzegowina und Slowenien, in der kleinen Stadt
westlich der Plitvitser Seen, mit rund 10.000
Einwohnern, setzt bei ihr schon mit 23 Jahren, also ab 1968,
das Fernweh ein. Es führt sie über 1.000 Km weiter nach
Norden, genau gesagt nach Lüdenscheid in Westfalen, wo
sie zunächst als Gastarbeiterin in einem Wohnheim wohnt.
Ihren damals 2 ½-jährigen ersten Sohn bringt sie bei ihrer
Schwiegermutter unter. Viereinhalb Jahre später zieht es sie
nach München, nicht zuletzt wegen der kürzeren Entfernung
zur alten Heimat, die sie einmal im Monat per Fernbus
bereist. Der Versuch, den Ehemann dauerhaft nach München
zu holen, ließ sich zu ihrem Bedauern nicht verwirklichen, da
er sich nicht mit der städtischen Lebensweise anfreunden
konnte; im Jahre 2003 stirbt er dann auch leider vorzeitig im
Alter von nur 64 Jahren.
In München warten unterschiedliche Jobs auf sie: von
Service-Diensten im Hotel Bayerischer Hof, den sie
jedoch nach drei Monaten wieder verlässt, bis hin zu
Industriearbeiten in einer Münchner Firma für
Elektro-Zubehör, „Kata", so ihr Rufname, ist sich für
nichts zu schade. Als diese besagte Elektrozubehör-
Firma, der sie 10 Jahre lang zuarbeitet, mit 120
Mitarbeitern Konkurs anmeldet, landet sie 1982 als
„Kundin" beim Arbeitsamt. Unterbrochen nur durch
die Geburt ihres zweiten Sohnes setzt sie schon 1983
ihre beruflichen Tätigkeiten fort, jetzt im Wohnstift
am Entenbach, wo sie seit 32 Jahren bei den
Bewohnerinnen und Bewohnern hoch im Kurs steht
und von ihrem Chef freundschaftlich geduzt wird.
Angeborene Freundlichkeit, Bescheidenheit, die Liebe
zur Arbeit und wohl auch ein beachtlicher
Lebenswille, der sie immer wieder neu in die Zukunft
blicken lässt – all' das entgeht auch einem
Arbeitgeber nicht. Zwar dachte sie nach wie vor
daran, in Rente zu gehen, plante aber doch
ursprünglich nur, auf der 450 EURO – Basis im
Wohnstift weiter zu arbeiten. Da ihr Chef ihre
Fähigkeiten schon früh erkannt hatte, und Kata
Vidmar auch keine Lust verspürte, aufzuhören, bot er
ihr eine 50%-Stelle an („als Einziger", wie sie stolz
vermerkt). Über den Wehrmutstropfen", für Rente
und 50%-Gehalt jedes Jahr noch 2.000 EURO
Einkommenssteuer zahlen zu müssen, ist sie zwar
nicht glücklich, weil Belohnung für Engagement
anders aussieht, aber die Liebe zur Arbeit überwiegt.
Danach befragt, wie es die anderen sehen, Kollegen,
Bekannte, Nachbarn, dass sie als – statistisch
ausgedrückt – „älterer Mensch" (das ist nach der
Definition der WHO Weltgesundheitsorganisation ein
Mensch zwischen 61 und 75) immer noch voll im
Erwerbsleben steht, kam die typische Antwort, die bei
gebürtigen Kroaten häufiger zu hören ist als bei
gebürtigen Deutschen, nämlich: „Nema problema" –
überhaupt kein Problem! Am Arbeitsplatz wird sie von
ihren Kolleginnen anerkannt, kann sogar ihre
Abteilungschefin, die Leiterin der Hauswirtschaft, hin
und wieder vertreten. Und dass einige Nachbarn hin
und wieder eifersüchtig werden (in erster Linie wohl
wegen der Einnahmen), damit kann sie gut leben.
Denn, so Katharina Vidmar, Ziele braucht der Mensch
und ihr nächstes Ziel ist, auf jeden Fall bis 80 weiter
zu arbeiten. Und da es „zuhause" in München am
Schönsten ist, fühlt sie sich auch rundherum wohl.
„Tu felix Katharina", möchte man da antworten. Wen
wundert es da, dass im Weihnachtsbrief vom
Dezember 2015 folgendes zu lesen ist: „Der
Wohnstift am Entenbach in München bedankt sich für
Ihre Treue und Ihren persönlichen Einsatz und freut
sich auf die kommenden Jahre mit Ihnen..."

3.2. Portrait Paolo Annunziata, Landshut

Con un tetto sopra la testa e un piatto di pasta si


può sopravivere bene
(Mit einem Dach über dem Kopf und einem Teller
Nudeln kann man gut überleben)

Auf sanften Pfoten und sehr wissbegierig nähert sich


BERLUSCONI dem unbekannten Gast in der
Landshuter Wohnung von Paolo Annunziata.
BERLUSCONI, so heißt die tiefschwarze Katze von
Paolo Annunziata, dem italienischen
"Kulturbotschafter", mit Sitz in Landshut.
Gerade erst 65 Jahre jung geworden, steht der im
Landkreis Salerno, südlich von Monte Cassino, auf die
Welt gekommene "Vollblut-Italiener" noch mit
beiden Beinen im Leben. Hochdekoriert und
mit unzähligen Ehrenurkunden und Medaillen
überhäuft geht bei ihm das Berufliche und Private
schon seit 39 Jahren Hand in Hand. 39 Jahre, solange
lebt er jetzt schon in Landshut, wo ihn nicht nur die
italienische "Gemeinde" bestens kennt und schätzt,
nicht nur in seiner Rolle als "Konsularischer
Korrespondent in Bayern für Landshut, Straubing,
Deggendorf, Kehlheim, Freyung 'e dintorni'" oder als
1. Vorsitzender der VEREINIGUNG FÜR DIE
DEUTSCH-ITALIENISCHE FREUNDSCHAFT IN
LANDSHUT. Signor Annunziata denkt europäisch,
zahlt in Euro, leistet sich den "Luxus" der deutschen
Staatsbürgerschaft, spricht aber immer noch mit
Vorliebe Italienisch.
Das machte ihn nicht nur in seiner aktiven Zeit bei
einem großen bayerischen Automobilkonzern mit
Hauptsitz in München zu einem interessanten
Mitarbeiter, sondern nutzt ihm noch heute für seine
Vertriebsaufgaben, die er im Auftrag einer Landshuter
Brauerei für Italien übernommen hat.
Wahlheimat Landshut
War es der Besuch der alle sechs Jahre wiederholten
Fürstenhochzeit, war es die große Liebe oder war es
rein beruflich bedingt, warum Paolo Annunziata im
Herzen Niederbayerns gelandet ist? Nein,
ursprünglich wollte er nur zwei Monate Urlaub
machen, vor mittlerweile 39 Jahren. Dann fand der in
Italien ausgebildete Elektroingenieur seinen
Arbeitsplatz in einem Automobilwerk in Landshut (sie
wissen schon: die mit den drei Buchstaben) und
heiratet seine Frau Anna, die ihm drei Kinder gebar,

die natürlich mittlerweile alle erwachsen sind und die,


wie er stolz berichtet, alle fließend italienisch
sprechen. Bekannt für ihren Familiensinn, ist es auch
für Paolo Annunziata als gebürtigem Italiener mit
deutschem Pass selbstverständlich, seine über
90jährige Schwiegermutter in der eigenen Wohnung
mitzubetreuen. Zusammen mit seiner Frau. Die
eigene Mutter starb mit 99 Jahren.
Aufgaben ohne Ende
Auch als er vor sieben Jahren, also mit 58 seinen
Arbeitsplatz im Automobilwerk verließ, war klar, dass
er alle seine anderen Aufgaben weiterhin
wahrnehmen wollte. Als "konsularischer
Korrespondent" des italienischen Konsulats in
München ist er nach wie vor zuständig für rund 4.000
Italiener. Das muss man wissen, um zu verstehen,
dass Paolo Annunziata die Rolle des italienischen
Kulturbotschafters in Landshut mit Haut und Haaren
vor- und ausleben kann. Wenn ihm der
Oberbürgermeister der Stadt schon mal die
Hausschlüssel des Rathauses überlässt, um Exponate
von 50 Malern aus Rom "rund um die Uhr" gut
betreuen zu können (darauf ist er noch heute stolz),
dann spricht das für die Anerkennung, die er
mittlerweile genießt. Mit der Bezeichnung des
Ehrenämtlers kommt man bei Paolo Annunziata
jedoch nicht sehr weit, weil eine hohe Passion und
Liebe zur Sache immer mitschwingt. Nicht nur in
"seiner" Vereinigung für die deutsch-italienische
Freundschaft in Landshut, von kritischen Geistern
auch "Verein Paolo" genannt, sondern auch bei
seinen Vertriebsaufgaben in Italien für eine große
Landshuter Brauerei. Und wenn er von einer
Münchner Immobilienmaklerin mal beauftragt wird, in
Isola del grande, östlich von Rom, Fragen im
örtlichen Grundbuchamt zu klären, setzt er sich auch
mal "schnell" ins Auto und fährt 1.200 Km über die
Alpen nach Süden, um seine Landes- und
Sprachenkenntnisse nutzbringend anzuwenden.
Das Reisen macht ihm genauso großen Spaß wie
auch selbst Kulturreisen nach Italien zu organisieren.
Freizeit und Arbeit, privat und beruflich, ehrenamtlich
und kommerziell scheinen für ihn Synonyme der
gleichen Sache zu sein, solange Sinn, Spaß und
Zufriedenheit zusammen gehören.
Und so möchte er sich und sein Leben wohl auch am
liebsten definieren: passend und im Kern harmonisch.
Man merkt es im Gespräch besonders dann, wenn
man ihn auf "harte" Fakten anspricht, etwa auf
Lampedusa, das Flüchtlings-Aufnahmelager zwischen
Sizilien und Tunesien. Oder wenn man ernsthaft die
Frage stellt, warum es die italienische Sprache
ausgerechnet in Bayern, der nördlichsten "Provinz"
Italiens, nicht geschafft hat, zur zweiten Amtssprache
aufzusteigen. Denn schließlich wurde ja halb
München von italienischen Architekten gebaut - von
Andrea Palladio schwärmen deutsche
Architekturstudenten noch heute -, und wer jemals
Latein lernen durfte, weiß wie stark die alten Römer
unsere Sprache und Kultur geprägt haben. Nein,
Paolo Annunziata setzt nicht auf Kante, er zieht die
diplomatische Sichweise vor.
Zukünftige Ziele
Jung, wie er sich immer noch fühlt, einer Mutter, die
99 Jahre wurde und einem Onklel, der noch mit 80
Lehrer an einer Unteroffizierschule in Italien war,
kann er mit Fragen nach Zukunftswünschen zunächst
einmal nicht soviel anfangen, bleibt der
Geprächspartner jedoch hartnäckig genug, erzählt er
dann aber doch sehr plausibel und sehr überzeugend,
dass er eigentlich gerne mehr Zeit für seine Familie
und seine Enkel hätte.
Und bescheiden wie er trotz aller Erfolge im Beruf
und in seiner Rolle als "Kulturbotschafter" geblieben
ist, nennt er als Wunsch für die Zukunft:
Zufriedenheit. Zufrieden zu bleiben, mit dem was
man hat: "Mit einem Dach über dem Kopf und einem
Teller Nudeln kann man gut überleben". Italien als
Kulturland ist nicht nur berühmt geworden durch
seine Architekten und Maler, sondern auch durch die
illustre Zahl seiner Philosophen. Ist hier
möglicherweise einer noch fällig für die HALL of FAME
im Landkreis Landshut oder Salerno?
3.3. Portrait Suad Cengic, München

Arbeit, das ist mein Leben! – Ein Selfmademan


aus Sarajewo berichtet

Das Treffen
hätte nie zu
Ende gehen
dürfen. „Ich
bin kein
großer
Redner, aber
Ein gutes Team: Vater und Sohn Sie dürfen
Cengic (v. re. N. li.). Foto up
mich alles
fragen". Mit diesem großen Vertrauensvorschuss
begann Suad das Gespräch. Suad, mit diesem
Vornamen lässt sich Suad Cengic mit Vorliebe
anreden. Mittlerweile 75 Jahre jung, mit der
Ausstrahlung eines 60-Jährigen. Und immer noch voll
im Arbeitsleben. Über seinen Schlaganfall, den er vor
wenigen Jahren auf dem Hinflug in den Urlaubsort
Dubai erlitt, redet er nicht sehr gerne, aber, er macht
auch keinen Hehl daraus. Denn sein Leben hat er
immer noch selber in die Hand genommen.

Der Anfang war hart


Das erste Mal 1967 als er mit 100 DM in der Tasche,
ohne Aussicht auf einen Job und Wohnung, auf dem
Münchner Hauptbahnhof ankommt. Die Flucht aus
Titos Jugoslawien war voll auch im Sinne des
geliebten Vaters, der ihm schon früh seine Abneigung
gegen den Kommunismus beibringt und deswegen
auch selber viele Nachteile in Kauf nehmen musste.
Als erster Auto-Elektriker in Bosnien fand Suad in
einer damals stadtbekannten Werkstatt Münchens
zwar schnell Beschäftigung, musste jedoch aufgrund
des schnellen technischen Fortschritts hart an sich
arbeiten. Der Erfolg entlohnte ihn aber sehr schnell
und der Weg in die Selbstständigkeit lag nahe.
Nicht ohne vorher eine sechsmonatige Denkpause
gemacht zu haben, nahm er das Angebot an, eine
Autowerkstatt zu leiten. Zu dieser Aufgabe kam er,
weil er es schaffte, kurz vor dem Oktoberfest in
München acht Autos zu Taxis umzurüsten. Aus acht
Taxis wurden dann innerhalb eines Jahres 14, die er
sein Eigentum nannte; zur Zeit des großen
Hagelschadens in München (1984) waren es dann 24
– damit war er zum zweitgrößten Taxiunternehmer in
der bayerischen Landeshauptstadt avanciert.
Was für den Einen einen Karrierehöhepunkt darstellt,
ist für einen „geborenen" Unternehmer dann wohl
eher nur eine Zwischen-Episode. Jedenfalls verkaufte
er seine Taxis, und zwar an zwei junge Studenten, die
kurz zuvor geerbt hatten und diese Taxis unbedingt
haben wollten.

Multitalente bahnen sich nicht nur einen Weg


Ein Geprächspartner möchte natürlich immer auch
gerne die Ursachen herausfinden, was jemanden
motiviert, weiter zu machen. Suad Cengic gibt zu, als
er sich mit 36 Jahren selbstständig machte, hat er
vorher nicht groß reflektiert. So wie später auch
nicht: vom Taxiunternehmer entwickelte er sich zum
Gastronomen, vom Gastronomen zum Betreiber von
Elektroinstallations-Geschäften und sukzessive auch
zum Immobilienmakler. Alles nur Glücksfälle? Auch,
aber nicht nur. Eines seiner größten Hobbies,
eigentlich müsste man sagen: Talente, ist, Menschen
zu beobachten, sie mit offenen Augen anzuschauen,
und die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen.
Aber gerade als Geschäftsmann weiß Suad auch ein
Lied davon zu singen, dass Gutmütigkeit nicht mit
Einfalt zu verwechseln ist. Für einen „Widder"-
Geborenen sowieso ein Unding: Widder-Menschen
sind die geborenen Arbeiter und geborenen Kämpfer,
sagt man; Ausnahmen, die es geben soll, bestätigen
wohl eher die Regel.
Trotz seines unübersehbaren Dranges, auch mit 75
noch mitten im Arbeitsleben zu stehen, ist doch
deutlich heraus zu hören, wie stolz er auf seine
Familie ist, wie sehr er sich auf sie verlassen kann,
und wieviel sie ihm auch persönlich „gibt". Für einen
Menschen, der Erfolge Zeit seines Lebens aus dem
Geschäftsleben bezogen hat, ein beeindruckendes
Bekenntnis.
„Ich wache jeden Tag mit neuen Ideen auf"
Auch wenn sein Infarkt ihm deutlich in die Glieder
gefahren ist – das ist bei Schlaganfallpatienten sogar
wörtlich zu nehmen -, empfahlen ihm doch die
behandelnden Ärzte, weiter zu machen, nur mit
etwas weniger Zeitansatz. Der Autor erlaubt sich die
Anmerkung: das geht bei ihm sowieso nicht anders,
denn sein Weg ist sein Ziel. Das musste der erklärte
Dubai-Fan, dem un-persönliche Kontakte nicht nur
fremd sind, sondern auch gehörig gegen sein Naturell
laufen, für sich persönlich bestätigen: weiterhin für
andere Menschen verantwortlich zu sein, in kleinen
Ländern auf Menschen zu treffen, die ihre
Ursprünglichkeit bewahrt haben, ist ihm heute
genauso wichtig, wenn nicht gar noch wichtiger als
der reine ökonomische Erfolg.
Bei allen seinen Aktivitäten und Plänen ist Suad
Cengic vor allem eines: ein bescheidener Mensch
geblieben, für den Kontinuität im Privaten wie auch
im Beruflichen eine große Rolle spielt.
Dass seine Mobilität und Ausdauer etwas
eingeschränkt sind, wird ihn nicht von seiner
positiven Weltsicht abhalten. Im Gegenteil: Für seine
„neue" Heimat Deutschland wünscht er sich, dass
"Deutschland wieder das wird, was es mal war, so
attraktiv wie in den 70er Jahren". Wer wollte ihm,
dem Selfmademan aus Sarajewo, da widersprechen?

4. Theorie und Praxis der Unternehmer

„Die Herausforderung, auch in Zukunft innovations-


und wettbewerbsfähig zu bleiben, veranlasst schon
heute viele Unternehmen, sich verstärkt mit dem
Thema 'ältere Arbeitskräfte' zu beschäftigen. Durch
zielgerichtete Qualifizierung, Personalentwicklung und
Arbeitsorganisation können sich Unternehmen
frühzeitig auf den demografisch bedingten
Strukturwandel einstellen, um die daraus
resultierenden Probleme zu vermeiden", heißt es
schon 2003 in der Broschüre des BDA, der
Bundesvereinigung der Deutschen
Arbeitgeberverbände 'ÄLTERE MITARBEITER IM
BETRIEB – ein Leitfaden für Unternehmer.' Mit 'älter'
sind Mitarbeiter ab 50 bis zum Beginn des
gesetzlichen Renteneintrittsalters gemeint. Im Jahr
2003 lag es noch bei 65, seit Mai 2014 liegt das
Renteneintrittsalter bei 63 Jahren. Wer unter dieser
Grenze liegt, hat sogar Anspruch auf
Eingliederungszuschüsse, Weiterbildungsmaßnahmen,
Altersteilzeit und Vieles mehr. Nicht ohne Stolz und
mit großem Selbstbewusstsein stellt der BDA dieses
heraus.
Arbeitswilligen Mitmenschen wird (im Falle der
lohnabhängigen Beschäftigung) zwar nicht expressis
verbis verboten, jenseits der Pensionierungsgrenze
weiter zu machen, man koppelt sie nur im Sinne
unseres 125 Jahre alten Rentensystems ab, so wie
bei der Deutschen Bahn ein Waggon vom Rest des
Zuges abgekoppelt wird und ins Leere läuft.
Anders als in den USA, wo ein Mitbürger bis zum 70.
Lebensjahr arbeiten darf und im Falles des
Verhindertwerdens seinen Arbeitgeber wegen
Altersdiskriminierung verklagen kann.
Ab der gesetzlichen Renteneintrittsgrenze gehört der
Noch-Arbeitswillige in Deutschland der Katz', was den
deutschen Staat jedoch nicht daran hindert, auch im
Falle weiterer geringfügiger Einnahmen und
Sozialleistungen zu Lasten des Rentenempfängers
anzurechnen bzw. gegeneinander zu verrechnen.
Die Frage nach der Gerechtigkeit stellt sich. Denn
eigentlich müsste es doch genau anders herum sein.
Wer auch nach seiner (Zwangs-) Verrentung bereit
ist, weiterhin zur wirtschaftlichen Wertschöpfung
beizutragen und das Sozialprodukt zu mehren, sollte
belohnt und nicht durch Rentenabzüge bestraft
werden.
Ist es schon schwierig genug, die seit 125 Jahren
gültige (gesetzliche) Theorie durch eine Praxis zu
ersetzen, die durch Flexibilität, Freiwilligkeit und
Entgrenzung geprägt ist, so strapaziös wird es, wenn
alte Klischees (das war immer schon so, da könnte ja
jeder kommen) durch neue Denkmuster ersetzt
werden sollen. Einer der größten
Wirtschaftsphilosophen, die aktuelle in Deutschland
tätig sind, ist Karl-Heinz Brodbeck von der Universität
Würzburg. Er hat dieses Thema aufgegriffen und
führte in seinem gleichnamigen Buch den
Erfolgsfaktor KREATIVITÄT als wichtige Rechengröße
in die Volkswirtschaft ein. Seine These lautet:
Marktwirtschaft braucht Kreativität (also: Auflösung
und Neubeginn) und ohne Kreativität gibt es keine
Zukunft. Das trifft für Volkswirtschaften zu, das ist
aber auch für Abläufe im Leben einzelner Menschen
gültig. Wer immer bei den gleichen Konzepten bleibt,
wird auch nie neue Ergebnisse erzielen können. So
gängig diese Erkenntnis im Coaching ist, so wenig
findet sie in der Lebensplanung von Menschen
Berücksichtigung.
5. Neue Lebensmuster im Alter

Den Menschen vom „Joch der Arbeit" zu befreien,


wollte auch schon Karl Marx. Zu einer Zeit, in der 12-
Stunden-Arbeitstage für Industriearbeiter unter
menschenunwürdigen Bedingungen und bei
niedrigsten Löhnen, in Europa normal waren. In
Asien sind sie es vielfach heute noch. Dennoch
scheint die Trennung von Arbeit und Freizeit immer
noch so wichtig zu sein, dass selbst aktuelle
Buchautoren wie Thomas Vasek empört und drastisch
von „Work-Life-Bullshit" sprechen. Zu Recht wettert er
gegen das „Mantra der Kapitalismuskritik", die Arbeit
auf Ausbeutung und Entfremdung reduziert. Für ihn
ist Arbeit „mehr als nur Mittel zum Zweck" (des
Lohnerwerbs). Sie stimuliere die Kreativität, vermittle
die Anerkennung anderer, binde die Menschen in die
Gesellschaft ein. Sie entlaste den Menschen auch,
indem sie seinem Leben eine Struktur gebe. Kurz:
Aus seiner Arbeit schöpfe der Mensch einen Teil
seiner Identität. „Ohne Arbeit verkümmert der
Mensch, statt sich selbst zu entfalten." Und: „Freie
Zeit ist kein Wert an sich". Womit wir dann auch
schon mittendrin in der Fragestellung sind, ob und
warum es sinnvoll sein soll, einen noch aktiven
Menschen zwanzig bis dreißig Jahre seines Lebens
einer freien Zeit auszusetzen oder ob nicht vielmehr
neue Inhalte belegt und neue Strukturen geschaffen
werden müssen. Schließlich, und dies sei in
Erinnerung gerufen: Ab 2030 soll jeder dritte
Deutsche Rentner und über 65 Jahre alt sein!

5.1. Das SOZIALE JAHR – Der Vorschlag von


Universal-Denker David Precht

Komischerweise, vielleicht auch typischerweise, sind


es häufig studierte Philosophen, die mit neuen
sozialen Ideen aufwarten. Die Kette der Ideengeber
ist lang. Ein relativ neues Glied in der Kette ist
Richard David Precht, u.a. auch Erfolgsautor des
Buches „Wer bin ich und wenn ja, wieviele?" Als
bekennender Anhänger einer Bürgergesellschaft (in
der jeder Verantwortung für jeden übernimmt),
wartete er 2011 als ehemaliger Ersatzdienstleistender
mit der in Deutschland bis dato unpopulären Idee
auf, Schulabgänger und Rentner, Männer und Frauen
gleichermaßen, sollten zwei Pflichtjahre in ihrem
Leben absolvieren. Auf die Abwegigkeit seines
Pflichtjahres für Rentner in einem Interview mit der
WAZ in Essen angesprochen, zitierte Precht
Schopenhauer. Jedes Problem, so Schopenhauer,
durchlaufe drei Stadien: Erst wird es verlacht, dann
wird es bekämpft und irgendwann gilt es als
selbstverständlich. Abgesehen davon, dass
„Pflichtjahre" in Deutschland eine unrühmliche
Vergangenheit haben, und den Deutschen überall
und in allen Branchen „Freude am Fahren", „Freude
am Essen", „Lebensgenuss pur" angepriesen wird, sei
die Frage nach der Akzeptanz der Prechtschen
Pflichtjahr-Idee gestellt. Über Sinn und Unsinn sollte
er wohl besser nochmal gründlich mit Betriebs- und
Volkswirten reden. Immerhin birgt die Prechtsche
Pflichtjahr-Idee den Charme in sich, sinnstiftend zu
sein und einen kleinen ökonomischen Nutzen mit sich
zu bringen. Aus der mangelnden Resonanz in der
Öffentlichkeit und auch aus der Ecke der
Sozialverbände (die ja eigentlich alle frohlocken
müssten), ist jedoch eher zu schließen, dass Precht
an dieser Idee noch etwas arbeiten muss.
Fairerweise sei jedoch ergänzt, dass Precht die
grundsätzliche Frage, warum das bisherige, 1954 von
der Evangelischen Kirche eingeführte freiwillige
SOZIALE JAHR nur bis zum Ende des 27.
Lebensjahres Gültigkeit haben soll, zu Recht aufwirft.
Mit der Novellierung des Gesetzes über das
FREIWILLIGE SOZIALE JAHR 2002, das 6 bis 18
Monate in der Regel dauert, kamen zum
Rettungsdienst und die Krankenpflege nämlich noch
die Bereiche Kultur, Sport und Denkmalpflege hinzu.
Alles Bereiche, die auch für Senioren hochattraktiv
sind. Wer wollte leugnen, dass bei entsprechender
Interessenlage Menschen jeder Altersklasse dafür
geeignet wären! In einer liberalen Gesellschaft, die
gewöhnt ist, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen,
und der man eingebläut hat, ihre Rentenzeit „zu
geniessen" (nota bene: 15 bis 25 Jahre lang), stößt
man damit natürlich schnell auf allergrößte
Hindernisse.

5.2. AU-APIR-OMAS aus Deutschland?

„Nicht nur vor dem Hintergrund des demografischen


Wandels verbietet sich eine solche Verschwendung
von Erfahrung, Kenntnissen und Kompetenzen", heißt
es schon im Jahre 2004 in der Broschüre MIT
ERFAHRUNG DIE ZUKUNFT MEISTERN der
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Warum sollen daher Rentnerinnen (oder Rentner)
nicht im Auftrag Fremder Familien und deren Kinder
betreuen, zumal die meisten das selber in der
eigenen Familie auch schon mal 10 bis 15 Jahre ihres
Lebens gemacht haben und sich bestens auskennen?
Ausgerechnet aus dem eher konservativen
Wissenschaftslager wurden dazu schon sehr früh
(1988) die passenden Argumente geliefert: In seinem
Buch 'Arbeit-Freizeit-Lebenszeit' zitiert Herausgeber
Leopold Rosenmayr die mittlerweile emeritierte
Heidelberger Altersforscherin Ursula Lehr mit ihren
Thesen gegen die (Früh-) Pensionierung. Zitat:
„1. Für viele Arbeitnehmer bedeutet die Arbeit nicht
primär Last und Fluch, Arbeit ist vielmehr für viele
eine wesentliche Quelle des Wohlbefindens.
2. Arbeit schadet – außer in Fällen der Schwerarbeit –
nicht dem gesundheitlichen Wohlbefinden, sie ist
vielmehr die beste Geroprophylaxe. Eine Aufgabe (im
besseren Deutsch: das Aufgeben; U.P.) der
Berufstätigkeit bedeutet für viele Menschen geradezu
eine Herabsetzung des psycho-physischen
Wohlbefindens.
3. Der Mensch arbeitet nicht nur um des
Geldverdienens wegen, sondern auch wegen der
dadurch möglichen Sozialkontakte.
Die Arbeit sei ein „Tor zur Welt, man sieht, dass man
gebraucht wird" (Ursula Lehr). Daraus folgt, mit den
Worten der amerikanischen Soziologieprofessorin
Zena Smith-Blau von der Universität Houston
gesprochen, „nicht das Alter ist das Problem, sondern
der drohende rollenlose Zustand“ (in: Old age in a
changing society, 1973). Und: „Die konventionelle
Vorstellung vom Lebenszyklus (Stichwort: mit 65 in
Rente) ist veraltet, weil sie noch immer von einer
Lebensspanne ausgeht, die vor 70 Jahren zutraf, die
der heutigen Wirklichkeit jedoch nicht mehr
entspricht".
Als Au-Pair zu arbeiten, bedeutet also wieder die
große Chance, eine Rolle einzunehmen, in der man
sich (wieder) wohlfühlen kann. Geht man nach
aktuellen Berichterstattungen deutscher
Fernsehsender und Journale, wird die Möglichkeit von
mehr und mehr Senioren in Deutschland genutzt. Im
laufenden Jahr 2014 soll es bereits vier professionelle
Personalvermittlungen geben, (u.a. Granny Au-pair
und Au-pair-village), die sich auf die Vermittlung von
Au-Pair-Omas spezialisiert haben.

5.3. Modelling für Senioren

In einem Zeitalter, in dem Jugendlichkeit


Hochkonjunktur hat, verwundert es nicht, dass auch
Seniorinnen und Senioren den Laufsteg erobern.
Christa Höhs, selbst Chefin einer Senior-Model-
Agentur in München, schrieb 2013 darüber ein Buch
(Verlagsgruppe Random House) und stellte die steile
These auf, „viele Türen stehen heute offen. Noch nie
war es so spannend, alt zu werden". Schon längst hat
auch die Werbung erkannt, dass Senioren in einer
zahlungskräftigen Gesellschaft das dickere
Portemonnaie haben und Seniorinnen/ Senioren als
Laufsteg-Modelle gefragt sein könnten. Hingegen
erfordert es immer noch viel Mut, zu seinem Alter zu
stehen, es nicht hinter Schminke, jugendlichen
Verhaltensweisen oder jugendlicher Kleidung zu
verstecken. Während MODELLING mit 50 schon keine
Nachricht mehr zu sein scheint – die Zahl der 50+ -
Agenturen im Internet ist Legion – springen doch die
Tinas aus Duisburg mit 78 und die Willys aus
Odenthal mit 72, alle bekennende Silver Ager, als
agierende Models ins Auge. Frei nach dem Motto „Sie
haben die Produkte, wir haben die Gesichter"
versuchen Modelling-Agenturen den (Über-)
Alterungstrend, dem sich auch die Industrie- und
Konsumwerbung nicht verschließen kann, zu
bedienen. Möglicherweise eignet sich nicht jede
Hängebacke für diesen Job, aber letztlich ist es ja das
zweitälteste Gewerbe auf dieser Welt, seinen Körper
zur Schau zu stellen und sei es nur aus eigener
Eitelkeit. Und das mangelnde Attraktivität kein
Hindernisgrund sein muss, haben schon Quasimodo
und Obelix bewiesen, die immer noch ganze Kinosäle
füllen helfen.

5.4. Querdenken

Wie schon Peter Paul Gantzer, im bürgerlichen Leben


Notar und Landtagsabgeordneter der SPD in Bayern,
2007 in seinem Buch ALTER IST WAS? feststellte,
empfindet eine Gesellschaft, die den Wert eines
Menschen an seiner ökonomischen Verwertbarkeit
und Leistungsfähigkeit bemisst, als Last und er
brandmarkt diese Betrachtung als Shareholder-Value-
Denken. Finnland sei hier geradezu Vorbild, weil dort
jeder Arbeitnehmer zwischen 63 und 68 frei
entscheiden könne, wann er in Rente geht. Das
hätte, so Gantzer, auch etwas mit Fragen nach der
Würde des Menschen und Altersdiskriminierung zu
tun (wenn man ihn zwänge, aufzuhören). Kaum
wartet man sieben Jahre, wird von der Opposition der
Opposition, also den Regierungsparteien CDU/ CSU
als Kompromiß zur „Rente mit 63" das sogenannte
Flexi-Modell eingeführt, allerdings nur bis 67: Wer
länger arbeitet, bekommt einen Bonus auf seine
gesetzliche Rente angerechnet. Es wird wieder
belohnt zu arbeiten! Solange jedoch die Arbeitsformel
0,5 x 2 x 3 sich zur Formel der Zukunft entwickele
(die Hälfte der Mitarbeiter verdient doppelt so viel
und muss dreimal so viel arbeiten wie früher), so
Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski in seinem
Report DEUTSCHLAND 2030, solange behält das
Thema 'Arbeit auch im Alter' etwas Belastendes.
Unverkrampfheit und Unbefangenheit sollten
stattdessen Einzug halten. Warum lassen wir
Senioren nicht das machen, was sie gelernt haben
und was sie können: nämlich, kurz nach dem
Ausscheiden aus dem „aktiven" Arbeitsleben, mit
einem gewissen inneren Abstand zu ihrem
Arbeitsbereich, Ihrer Firma und ihrem Umfeld als
Querdenker zur Verfügung zu stehen. Als
QUERDENKER muss man einerseits wissen, worüber
man redet, wie die Firmenabläufe sind, welche Ziele
eine Firma mit Ihren Arbeitsprozessen verbindet, auf
der anderen Seite sollte jede Frage erlaubt sein:
Warum muss das Dienstfahrzeug des Firmenchef
sechs Stunden in der Garage stehen, obwohl man
auch per Car Sharing ein Auto mieten könnte?
Warum muss ich meinen persönlichen Bio-Rhythmus
der Firmenarbeitszeit unterordnen? Warum muss ich
alles im CRM-Programm dokumentieren, was ich
mache, obwohl in meinem Arbeitsbereich aus
Erfahrung jeder weiß, was zu tun ist?
Traditionell würde man sagen, das sind Aufgaben für
Unternehmensberater, doch Vieles lässt sich auf der
Ebene 'simple and stupid' lösen. Vorausgesetzt man
weiß, worüber man redet, vorausgesetzt die
(ehemaligen) Arbeitskollegen können einem
vertrauen, und vorausgesetzt, Nachdenken und
Querdenken wird von keinem der Beteiligten
mißbraucht.
Bevor das Konzept der 'atmenden Fabrik' entwickelt
wurde, ließ ein mittlerweile berühmter Ordinarius der
Betriebswirtschaftslehre der LMU Uni München einige
seiner Assistenten zur damals angeschlagenen Firma
Zeiss nach Jena ausschwärmen, schickte sie in die
Abteilungen, ließ sie Arbeitsabläufe analysieren und
jetzt kommt's: Bereits nach drei Tagen lagen die
ersten optimierten Ergebnisse vor.
Womit Querdenken natürlich nichts zu tun hat, ist
Kritik um jeden Preis, Besserwisserei und (bayerisch
gesagt) „Dampfplauderei".
Dieses bisher nicht genutzte, geldwerte
Querdenkertum vergeudet Ressourcen durch
Nichtnutzung, die Wertschöpfung (durch
Erfahrungen) z.B. wird bisher mit dem Eingang des
Rentenbescheids als nicht mehr vorhanden gelöscht.
Hier können Firmen Übergangsphasen schaffen, die
allen Beteiligten nutzen würden. Im Übrigen wird ein
solches Denk- und Arbeitsmuster bereits angewandt:
z.B. bei GmbHs, wenn, wie häufig üblich, der neue
Geschäftsführer durch den alten für ein bis zwei
Jahre nach seiner Pensionierung „unterstützt" und
natürlich auch bezahlt wird.
Wobei sicher festzuhalten ist: Eine Arbeitsleistung –
egal welcher Art sie ist – sollte durch Geld belohnt
werden, aber dies ist und bleibt nur ein Aspekt unter
mehreren. Viel wichtiger ist der Integrationsaspekt,
um, mit Thomas Važarek gesprochen, den „work-life-
bullshit" zu beenden.
Ja, der klassische (!) „bürgerliche" Zukunftsforscher
Horst Opaschowski geht (in: DEUTSCHLAND 2030)
sogar noch einen Schritt weiter: Für ihn zeichnet sich
ein Paradygmenwechsel ab. Zitat: „Der Begriff
ERWERBSTÄTIGEIT wird unter dem Aspekt NICHT-
ERWERBSTÄTIGKEIT erweitert und die
Arbeitsgesellschaft sehr viel umfassender als
Leistungsgesellschaft verstanden. Gesellschaftliches
Leitbild ist dann nicht mehr der Erwerbstätige,
sondern der aktiv tätige Mensch, der etwas für sich
und andere leistet". Und an anderer Stelle (in:
DEUTSCHLAND 2030) fährt Opaschewski fort (Seite
201): „Wohlstand und Wohlfahrt einer Gesellschaft
können nicht mehr nur in der Vermehrung von
Gütern oder einer Steigerung des Lebenstandards
gemessen werden. Ein höheres Brutto-Sozialprodukt
kann auch qualitativ in der Abwendung von sozialen
Missständen gesehen werden". Oder, so füge ich
hinzu, durch Korrekturen, die durch Querdenker
ausgelöst werden...
Ob dieses „neue" Verständnis von Arbeit, sozusagen
Arbeit 5.0 (wenn man davon ausgeht, dass die
Industrie ist bereits bei der Version 4.0 angekommen
ist!), in einer primär kapital- und egozentrierten
Gesellschaft auch zu einer doppelten Produktivität
führen wird, nämlich der ökonomischen und der
sozialen, scheint allerdings der Realität weit voraus zu
sein, manche meinen sogar: zu weit.
Weniger um Querdenken als um Mitdenken geht es
bei den Citizen Scientists.
5.5. Tätig sein als Citizen Scientist, als
Laien- oder Hobbyforscher

Folgt man der amerikanischen Soziologin Zena Smith-


Blau sind Lebensmuster immer eng mit Rollen und
damit Aufgaben verbunden. Das schöne Arkadien,
leblos, aber schön zum Anschauen, ist als neues
Lebensmuster zu wenig. Wie vieles Innovative das
uns in Deutschland erreicht hat, kam auch das Laien-
und Hobbyforschen unter dem Schlagwort Citizen
Science aus den USA zu uns. Was für Journalisten
jeden Tag zutrifft, nämlich neugierig auf die Welt zu
sein, erreichte auch die Lebenswelten der
Wissenschaftsbetriebe. Man muss, so der Ansatz
nicht unbedingt Lehrstuhl-Inhaber sein, um durch
Observation und Abstraktion wissenschaftliche, sprich
überprüfbare Schlussfolgerungen vornehmen zu
können. Eigentlich eine Binse, denn viele elementare
Entdeckungen hatten ihren Ursprung im
Forscherdrang von Laien oder „Fach"-Fremden, nicht
aber im Geiste angestellter und verbeamteter
Wissenschaftler. Von Isaac Newton, der die
Naturwisschenschaften der Neuzeit eingeleitet hat,
bis hin zum Augustiner-Mönch Gregor Mendel, dem
Entdecker der Vererbungsregeln, bis hin zu den
Sammlern von Schmetterlingsarten, die durch
Vergleiche Schlüsse ziehen konnten. Auch wenn
hochkomplexes Wissen heutzutage immer weniger
von Zufällen abhängig ist (Beispiel: Molekülketten von
bekannten Pharmaprodukten werden am Computer
zu neuen Medikamenten zusammen gesetzt), bleiben
doch sowohl in den naturwissenschaftlichen, aber
noch mehr in den erfahrungswissenschaftlichen
Disziplinen genügend Betätigungsfelder für Hobby-
Wissenschaftler, die zumeist – bedingt durch ihre
Freizeiteinsätze oder später im Rentner-Status auf
breiter Basis – dem offiziellen Wissenschaftsbetrieb
gegen Vergütung gute Dienste leisten könnten.
Die steigende Zahl von Seniorenstudenten an
deutschen Universitäten (laut Angaben des
Statistischen Bundesamtes sind es, Stand: 2014, rund
40.000, davon die Hälfte über 60) bestätigt ja
offensichtlich auch den Wissensdrang motivierter
Jungrentner.
Die langen Nächte der Wissenschaften, die in den
Großstädten wie etwa Nürnberg oder Erlangen
zunehmend den langen Nächten der Museen und
anderen langen Nächten außerhalb von Tanzbars
folgen, scheinen ja offensichtlich eine breite
Nachfrage zu befriedigen.
Hätte sich Paul Feyerabend, der österreichische
Wissenschaftsphilosoph, dem man die Grundidee der
Citizen Science zuschreibt, das jemals träumen
lassen, als er 1975 sein Buch WIDER DEN
METHODENZWANG als Antwort auf Poppers
Kritischen Rationalismus heraus brachte? Die Frage
klingt heute rhetorisch und kann verneint werden. Im
Gegenteil: Man hat den Eindruck, dass mit steigender
Zahl von „Exzellenz"-Universitäten (den Pleonasmus
merkt schon keiner mehr) die Zahl der geistigen
Windflauten zunimmt, nicht nur an deutschen
Universitäten (Pauschalurteile sind natürlich nicht
zulässig). Citizen Science könnte helfen, neuen
(Forscher-) Wind in etablierte Wissenschaftsapparate
zu bringen. Der skeptische Leser möge sich nur mal,
um nur ein Beispiel zu nennen, vor Augen führen,
wieviele Studien seit 1976 (Club of Rome)
veröffentlicht worden sind zum Thema GRENZEN DES
WACHSTUMS und was seither betriebs- wie auch
volkswirtschaftlich an schlüssigen Alternativen
entwickelt wurde. Man könnte es in zwei Worte
fassen: fast nichts. Ausgenommen die Jutetaschen-
Träger, die immer noch das Kinderspiel 'Wer hat
Angst vorm schwarzen Mann?' spielen und meinen,
wenn man sich die Hände vor die Augen hält und die
Welt „schön denkt", sei dem Fortschritt Genüge
getan.

Hier hat nicht nur die deutsche Gesellschaft noch viel


Gelegenheit, besonders über die Citizen Science an
neuen Zukunftsmodellen für die Wirtschaft zu
arbeiten. Das einzige Problem, das sich schon vorher
abzeichnet und geklärt werden muss und das
entsteht, wenn auf zuviel Idealismus gesetzt wird, ist
die Gefahr, dass ein neues Wissenschaftsprekariat
entstehen könnte.
5.6. Future work – Meconomy – Arbeit ohne
Beruf?

Neue Ideen, die den Praxistest noch nicht


durchlaufen haben, sind immer noch in der Gefahr,
sich im Dunstkreis scheinbar utopischer Ideen zu
bewegen. Dass bei zunehmender Automatisierung
und abnehmender Wichtigkeit der menschlichen
Arbeitskraft der Produktionsfaktor Arbeit an
Bedeutung verliert, war vorhersehbar. Dass Berufe,
die mit ARBEIT eng gekoppelt waren, dem Schwund
unterliegen, war zwar nicht für jeden erkennbar, ist
aber für die Betroffenen um so spürbarer: Wenn
Beruf und Arbeit nicht mehr deckungsgleich sind,
stellt sich scheinbar ein Vakuum ein. Der Arbeit wird
der (historisch gewachsene) Überbau entzogen. Und
selbstdefinierte Arbeit („meconomy", wie es in dem
Buch gleichen Titels von Markus Albers heißt), die
keine Erwerbsarbeit ist und nicht im herkömmlichen
Sinne entlohnt wird, kommt in der bisherigen
betriebswirtschaftlichen Logik nicht vor. Allenfalls
(und fälschlicherweise) in Form ehrenamtlicher
Tätigkeiten - und die fließen in keine Bilanz dieser
Welt ein.
Also, wir stecken ganz schön in der Klemme: Die
Arbeit wird entweder weniger, überflüssig oder zu
teuer, damit werden ganze Berufe, die sich über
Arbeit definieren, ins Wanken gebracht. Das ist die
eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite
bezweifeln nur die Wenigsten die Lebenssinn
stiftende Funktion von Arbeit, auch wenn tendenziell
die positive Rolle von Arbeit immer mehr aus der
Mode zu kommen scheint.
Aber wir wissen heute, dass Mode sehr schnell
wechselt und wir wissen auch, dass das Altmodische
von gestern morgen schon wieder „in" sein kann. Wir
müssen jedoch, so Helmut Saiger 1998 in DIE
ZUKUNFT DER ARBEIT LIEGT NICHT IM BERUF,
darüber nachdenken, ob der Begriff der (Erwerbs-)
Arbeit doch nicht zu eng gefasst wird und durch
Tausch, Selbsthilfe, Nachbarschaftshilfe und Ähnliches
ergänzt werden muss. Oder sogar noch
weitergehend, im Sinne von Buchautor Markus
Albers, das menschliche Leben als Baukasten zu
begreifen, aus dem sich jeder individuell seinen
Baustein herausgreift und be-"arbeitet". Sozusagen
ein Leben „à la carte", ohne Krankenversicherungs-
und Rentenbeitragszahlungen. Dem Leser sei es
überlassen, die Umsetzbarkeit solcher Ideen selber
einzuschätzen.

5.7. Ehrenämter und Bürgergesellschaft –


nur die Suche nach neuem Sinn?

Die Frage nach der Zukunft der Arbeit stößt natürlich


vielfach an Grenzen, nicht nur innerhalb eines
geschlossenen betriebswirtschaftlichen Denksystems.
Bei mittlerweile rund 9 Mrd. Menschen auf der Welt,
die ja alle ernährt und versorgt werden wollen, stellt
sich doch eher noch die Frage, ob man sich weiterhin
liberale Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme
bisheriger Provenienz überhaupt noch auf der Welt
leisten kann oder ob nicht vielmehr rigorosere
Methoden erforderlich sind, um unseren Globus intakt
zu halten. Anthropologisch gefragt: Kann und wird
der Egomane MENSCH dabei überhaupt mitmachen?

***********

Tabelle 3: STATISTIK EHRENAMTLICHE 2014 -


Überblick
(Quelle: http://de.statista.com/themen/71/ehrenamt/,
Stand: 29.1.2015))
Anzahl der Personen mit Ehrenamt in Deutschland:
12,96 Mio,.
Anteil der Bevölkerung, der ein Ehrenamt ausübt:
16,6 %

Anteil Berufstätiger die zusätzlich eine Ehrenamt


ausüben: 27 %
Anteil freiwillig Engagierter in der Bevölkerung:
36%
Sachsen-Anhalt hat die niedrigste Engagement-Quote:
26%

ZIEL & ZEITAUFWAND

Die meisten Ehrenamtlichen engagieren sich für


Kinder und Jugendliche: 25%
Die meisten freiwillig Engagierten wenden bis zu 5
Std. pro Woche auf: 68%

************
Immer, wenn Fachleute und Politiker mit ihrem
Latein, besser: Griechisch am Ende sind, kommen
schnell die Philosophen der griechischen Antike mit
ihren immer-gültigen Weisheiten ins Spiel: Das alles
fließt (panta rhei) ist eine davon, die man gerne
benutzt, wenn klar wird, dass nichts mehr so sein
wird, wie es mal war. Vollbeschäftigung ist eine
solche Formel. Wie bei anhaltenden
Rationalisierungswellen der modernen Industrien und
bei Billigangeboten und Billiglöhnern aus dem fernen
Osten der Beschäftigungsstand auf hohem Niveau
gehalten werden kann, ähnelt in vielerlei Hinsicht der
Quadratur des Kreises.
Wenn Hohepriester aus der Soziologie (gemeint ist
hier u.a. der 2014 verstorbene Ulrich Beck) schon
1986 die „Risikogesellschaft" zum Normalfall der
täglichen Existenz erklärten und in Tagesartikeln des
Jahres 1996 von hoher Arbeitslosigkeit mit 3,97 Mio.
Männern und Frauen die Rede ist, was 10,1 % in den
alten und 16,7 % der Erwerbsfähigen in den neuen
Bundesländern bedeutete (Quelle: CHRONIKNET.DE),
war die Suche nach Lösungen und Alternativen
naheliegend. Fortschrittlich, wie sie sind, stellten die
Freistaaten Bayern und Sachsen eine
Zukunftskommission mit einem üppig ausgestatteten
Etat auf die Beine, um Antworten auf den hohen
Verlust von Arbeitsplätzen zu finden. Wie Kritiker
bemerkten, sei es nur darum gegangen, die
Bedeutung der Erwerbsarbeit, die in einer
Leistungsgesellschaft geradezu zentral ist, herunter
zu spielen und durch minimal vergütete Ehrenämter
in Form von Bürgerarbeit zu ersetzen.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten:
Schon 1998 gab die Berliner Senatsverwaltung für
Arbeit, berufliche Bildung und Frauen als
Gegenreaktion eine „Streitschrift wider die
Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten
Bayern und Sachsen heraus", um, wie es scheint,
genüsslich die „Sackgassen der Zukunftskommission"
zu sezieren. Nicht ganz zu Unrecht wurde die Frage
aufgeworfen, ob man nicht geradezu jenseits von Gut
und Böse leben müsse, um behaupten zu können, die
Erzielung von Einkommen aus Arbeit „sei nicht
entscheidend". Die gesellschaftliche Realität belege,
dass Erwerbsarbeit nicht an Bedeutung verliere. So
sehr ehrenamtliche Tätigkeiten oder Familien- und
Pflegearbeiten auch individuelle Befriedigung zu
verschaffen vermögen, seien sie doch kein
vollwertiger Ersatz für bezahlte Beschäftigungen,
denn...
„die Mehrheit der erwerbslosen Menschen fühlt sich
nicht deshalb aus der Gesellschaft ausgeschlossen,
weil sie für sich keine sinnvolle Beschäftigung finden
können, sondern weil Ihnen ein Erwerbsarbeitsplatz
und ein Erwerbseinkommen verwehrt bleiben (S.177,
Die Sackgassen der Zukunftskommission, Hrsg.
Berliner Senatsverwaltung).
Ganz im Sinne der Ehrenamtlichkeit sollte auch
angesichts der bayrisch-sächsischen
Zukunftskommission die Bürgerarbeit unentgeltlich
geleistet werden, nur wer existenziell darauf
angewiesen sei, sollte ein Bürgergeld bekommen.
Zusätzliche „Bonbons" wie kostenlose
Kindertagesplätze sollten die Attraktivität der
Bürgerarbeit erhöhen.
Eine materialistisch ausgerichtete Gesellschaft wie die
deutsche, in der nur 85 % der Bevölkerung über 15
% des Produktivvermögens verfügen, die sich damit
brüstet, fünftstärkste Industrienation der Welt zu
sein, die beansprucht, als Mittelmacht im Konzert der
United Nations in vorderster Reihe mit zu agieren,
und die nach dem Ende von zwei Weltkriegen ein
Wirtschaftswunder wie aus dem Bilderbuch hingelegt
hat, die hat, vordergründig betrachtet, keinen Mangel
an Sinn. Selbst Psychoanalytiker wie Erich Fromm, die
den Unterschied von Haben und Sein in der
Gesellschaft heraus gearbeitet haben, konnten der
deutschen Gesellschaft keine neue Textur einziehen.
Ganz im Gegenteil: Die gegenwärtige
Vermögensverteilung und die thematische
Ausrichtung der privaten Fernsehsender in
Deutschland scheint doch Bände über die
Interessenlage der Mehrheit zu sprechen. Allerdings
stellt sich natürlich und gerade in demokratisch
verfassten Ländern die Frage, ob Mehrheiten irren
können. Per Wahlarithmetik nicht, von der Legitimität
her schon.

6. Und immer wieder Grundsätzliches…

6.1. Gute Arbeit – böse Arbeit?

Es ist schon erstaunlich und macht auch


nachdenklich, wie schwer sich moderne
Industriegesellschaften wie die deutsche mit der
Weiterentwicklung des Produktionsfaktors ARBEIT
tun. Einerseits wurde schon früh, etwa seit 2014, von
Industrie 4.0 geredet, nämlich noch mehr Menschen
durch noch mehr Automatisierung zu ersetzen,
andererseits legte das BMBF, das Bundesministerium
für Bildung und Forschung, für den Zeitraum vom
1.6.2008 bis zum 31.5.2011 noch ein
Verbundprospekt auf zum Thema „Innovation durch
Kompetenz und gute Arbeit". Gute Arbeit, so
kommentierte Wolfgang Anlauft in seinem gleich
lautenden Buch aus dem Jahr 2012, umfasst Aspekte
der Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung der
Beschäftigten, der altersgerechten Gestaltung von
Arbeit und der Stärkung „lernförderlicher"
Arbeitsbedingungen. Gleichwohl hält auch er in
seinem Fazit fest, dass sich eine Veränderung des
Machtgleichgewichts zwischen Kapital und Arbeit
eingestellt habe. Die sei das Resultats des
tiefgreifenden Wandels , der sich in den Jahren bei
den Formen und Zielsetzungen der Partizipation
ergeben habe. Thomas Piketty (Das Kapital des 21.
Jahrhunderts) lässt grüßen. Während zum einen die
Realität der politischen Ökonomie immer deutlicher
zutage tritt, klammern Gewerkschaften und Kirchen
noch am Konzept der „Humanisierung des
Arbeitslebens", das bereits in den 70er Jahren
aufkam und bei anhaltender Prekarisierung und
anhaltender Rationalisierung allenfalls (noch) eine
ethische Bedeutung einnimmt.
Zum Glück gibt es jedoch noch politische Köpfe, wie
etwa Kurt Beck, ehemaliger Ministerpräsident von
Rheinland-Pfalz und ehemaliger Vorsitzender der SPD,
die erkannt haben, dass „Erwerbsarbeit für die
meisten Menschen Voraussetzung ist für soziale
Integration, gesellschaftliche Anerkennung und
Selbstwertgefühl" (in: Lothar Schröder, Gute Arbeit,
Frankfurt/M. 2011, S. 71-79). Sie sei nicht nur ein
wichtiger Teil des Lebens, sondern sichere den
Einzelnen auch materielle Unabhängigkeit und soziale
Sicherung, bestimme individuelle
Entwicklungschancen, ermögliche Selbstständigkeit
und zuguterletzt sei sie auch die Grundlage für
wirtschaftliche Wertschöpfung und der Schlüssel zur
Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Kurz, so Beck,
gute Arbeit stelle den Menschen in den Mittelpunkt.
Man wünscht es sich und man möchte es gerne
glauben, bei zunehmender Prozessorientierung im
Wirtschaftsleben fällt einem die Zustimmung zu
dieser These jedoch nicht leicht.
Immerhin betrachten die (deutschen)
Gewerkschaften den Produktionsfaktor ARBEIT
mittlerweile als flexible Größe und stehen einem
fließenden Übergang in die Rente gegenüber. Der
Grund liegt auf der Hand: Nach den Ergebnissen der
Repräsentativ-Umfrage des Instituts DGB-Index Gute
Arbeit 2014 ziehen 49% der Beschäftigten im Alter
von über 55 den schrittweisen Übergang in die Rente
vor, unter den Arbeitnehmerinnen beträgt der Anteil
sogar 61%. Ob das am schlechten Ruf der („bösen")
Arbeit liegt, an den sich verschärfenden
Wettbewerbsbedingungen am Arbeitsplatz oder an
der nüchternen Erkenntnis liegt, dass die
Arbeitsproduktivität in Deutschland (laut
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr.
149 v. 30.4.2012) innerhalb von 20 Jahren (1991 bis
2011) um 22,7% zugenommen hat (bezogen auf den
einzelnen Erwerbstätigen sogar um 34,8%). Damit
geht der Glaube einher, dass der Einzelne einen
ausreichenden Beitrag zum Bruttosozialprodukt
geleistet hat; ob das als einziges Kriterium stimmt,
sei dahin gestellt.

6.2. Altersdiskriminierung – ein Fakt?

Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern:


Deutschlands Bevölkerungsstruktur wird sich in den
kommenden Jahren spürbar verändern. Laut
Bertelsmann-Studie („Demographischer Wandel" vom
8.7.2015) wird 2030 die Hälfte der Bundesbürger
älter als 48,1 Jahre sein und in den kommenden 15
Jahren wird der Anteil der Hochbetagten über 80
bundesweit um 47,2 Prozent auf 6,3 Mio. Menschen
steigen. Man muss ergänzen: bei weiterhin
zunehmender medizinischer Verbesserung. Der
offiziell nicht zugegebene Trend, ältere Arbeitnehmer
immer früher in Rente zu schicken und das steigende
Lebensalter führen zu einer Bevölkerungs-, sprich:
Arbeits-"Reserve" in Millionenhöhe, die der
Arbeitsmarkt mehrheitlich nicht mehr haben will.
76,8% der Bevölkerung haben laut GfK-Umfrage v.
4.8.2013 kein Problem damit, weil sie ohnehin am
liebsten mit 60, 55 oder schon mit 50 in Rente gehen
würden, der Rest, also 23,3%, haben jedoch ein
Problem. Bei 6 Mio. Rentnerinnen und Rentnern sind
das immerhin rund 1,38 Mio. Menschen, die der
Arbeitsmarkt als Arbeitswillige und Leistungswillige
ignoriert. Es stellt sich die Frage nach der
Altersdiskriminierung auf hohem Niveau. Laut DUDEN
versteht man unter Diskriminierung Benachteiligung,
Demütigung, Entehrung, Entwürdigung oder
Erniedrigung und Herabsetzung. Wenn, um im
Zahlenbeispiel zu bleiben, 1,38 Mio. Menschen –
sagen wir: benachteiligt – werden, weil der
Arbeitsmarkt sie nicht mehr haben will, allenfalls noch
für Billiglohn-Arbeitsplätze, ist das dann
Diskriminierung oder nicht?
Bei diesem Thema schaut der normale Mitteleuropäer
immer wieder auf das Vorbild Amerika: Das normale
Renteneintrittsalter für den Lohnabhängigen liegt, je
nach Geburtsjahr, zwischen 65 und 67 Jahren. Viele
US-Bürger, so SPIEGEL-Online vom 16.2.2005,
nehmen heute zwar das vorgezogene
„Altersruhegeld" (mit Abzügen von 6 bis 7% jährlich)
in Anspruch, aber viele stellen ihren Rentenantrag
erst mit 70 und berufen sich dabei auf das
Antidiskriminierungsgesetz von 1964 (Civil Rights
Act): Altersdiskriminierung als Klagegrund. Dieses
Antidiskriminierungsgesetz habe zu einer
regelrechten Prozess-Industrie geführt. Angeblich
verhandeln US-Gerichte pro Jahr über 40.000 Klagen
und teilen Millionen Dollar an Schadensersatz-
Summen und Erstattung von Anwaltshonoraren aus.
Allein bei der zuständigen Regierungsbehörde EECC
(Equal Emloyment Opportunity Commission) gingen
pro Jahr über 81.000 Beschwerden gegen Job-
Diskriminierung ein.
Befürworter und Gegner des deutschen AGG
(Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes) von 2006
(letzte Änderung 2013) können sich hier
gleichermaßen auf das amerikanische Vorbild
berufen. Der allgemeine Zweck des AGG klingt noch
ziemlich schlüssig. Es heißt in § 1: „Ziel des Gesetzes
ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder
wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der
Religion oder der Weltanschauung, einer
Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität
zu verhindern oder zu beseitigen." Die Einschränkung
erfolgt in § 10 („Zulässige unterschiedliche
Behandlung wegen des Alters"). Zitat: „Ungeachtet
des § 8 ist eine unterschiedliche Behandlung wegen
des Alters auch zulässig, wenn sie objektiv und
angemessen und durch ein legitimes Ziel legitimiert
ist." Und weiter: „Die Mittel zur Erreichung dieses
Ziels müssen angemessen und erforderlich sein.
Derartige unterschiedliche Behandlungen können
insbesondere Folgendes einschließen...
… 3. die Festsetzung des Höchstalters für die
Einstellung aufgrund der spezifischen
Ausbildungsanforderungen eines bestimmten
Arbeitsplatzes aufgrund der spezifischen
Ausbildungsanforderungen eines bestimmten
Arbeitsplatzes oder aufgrund der Notwendigkeit einer
angemessenen Beschäftigungszeit vor dem Eintritt in
den Ruhestand". Zitatende.
Ist es erlaubt an dieser Stelle unjuristisch von einem
„Gummi-Paragraphen" zu sprechen? Entscheidet
dann nur noch der Personalchef als ausführendes
Organ der Geschäftsführung oder des Behördenleiters
über die „Passung"? „Passung" ist ein
Neologismus der deutschen Sprache, der einen
technischen Vorgang suggeriert, der ausblenden
möchte, dass handelnde Personen über handelnde
Personen – Entscheidungsträger oder Mitarbeiter –
(subjektiv) entscheiden, immer noch.
Oder nehmen wir als Maß aller Dinge ein über 125
Jahre altes Rentengesetz, das im Entstehungsjahr
1889 auf einer männlichen Lebenserwartung von 47
Jahren aufbaute?(Zahl ist vom Bundesamt für
Statistik, Wiesbaden).
Wer oder was passt also nicht? Die genannten
Betrachtungsweisen und Paragraphen oder die
Menschen, die mit ihrem offiziellen Renteneintritt ein
neues Lebenskapitel unter erschwerten
Lebensbedingungen aufschlagen? Die Suche nach
Gründen hat mittlerweile, so der Buchautor Frank
Berner 2012 (Altersbilder in der Wirtschaft) angeblich
auch die Arbeitgeber erfasst, die die Bedingungen für
ein größeres Engagement zugunsten Älterer
erforschen. Nach Angaben des Instituts der
Deutschen Wirtschaft aus dem Jahre 2008 (IW-
Zukunftspanel) würden
- 42,4 % ältere Mitarbeiter einstellen, wenn das
deutsche Arbeitsrecht nicht so stark wäre,
- 30,9 % würden sie einstellen, wenn Ältere
aufgeschlossener für Neuerungen und
umzugsbereiter wären und
- 10% meinten, es wäre o.k., wenn Ältere weniger
durch Krankheit ausfielen und man sie stärker in
Aktivitäten einbinden könnte.
Ein Blick auf die Beschäftigungsquoten von Männern
und Frauen ab 65 (Quelle: OECD, 2007) spricht
jedoch eine etwas andere Sprache: Über einen
Zeitraum von 35 Jahren (1970 bis 2005) sind die
Quoten in Deutschland, Frankreich und Italien
dramatisch und in Japan, Schweden und USA deutlich
zurück gegangen. Auch bei Frauen im Besonderen
war die Tendenz der Beschäftigung rückläufig, in
Japan moderat rückläufig, nur im Falle der USA stieg
die Beschäftigungsquote bei Frauen um 2%-Punkte.
Eine positive und fortschrittliche Sichtweise auf das
Alter hört jedoch nicht schon bei der
Beschäftigungsquote auf, auch rentenpolitische (ab
wann können wir es uns leisten?) und
gesellschaftspolitische Aspekte (gibt es noch ein
Leben vor dem Tod und wenn ja, welches?) sind fast
noch wichtiger und werden weitestgehend verdrängt.
Was macht der französische Mann, der im Schnitt mit
59,7, der italienische, der mit 60,9, der deutsche, der
mit 61, und der englische, der mit 64,2 Jahren
statistisch in Rente geht (Zahlen alle vom Bundesamt
für Statistik, 2005) mit den letzten 15 bis 25 Jahren
seines Lebens, auf die es sich, so der Buch-Autor und
Journalist Wolfgang Poschinger (Verfasser des
Romans IN RENTE) in der Maischberger-Talkshow
„Rente ist schrecklich" vom 15. September 2015, „nur
ganz schwer vorbereiten lässt"?

7. Fängt mit 66 erst das Leben an?

Auch wenn das Erkenntnisinteresse des Autors


Richtung 'Abschneiden alter Zöpfe' und 'Erstellung
neuer Paradygmen' tendiert, ist jede Argumentation
legitim. Im Ergebnis ist daher ein bunter Strauß an
Meinungen und Stellungnahmen zu erwarten. Immer
geht es um die latente Frage: Was ist für mich der
Sinn des Lebens, genauer: der Sinn des
Lebensabschnitts, den ich voraussichtlich noch vor
mir habe, und das können, nimmt man den
Bismarckschen Zeitmaßstab her, immerhin 15 bis 25
Jahre sein, über die man sich Gedanken machen
sollte.

Jürgen Udo Bockelmann alias Udo Jürgens, der


begnadete Schlagersänger und Komponist aus
Österreich war dieser Meinung und ging selbst 2014
nochmal mit 80 auf die Bühne, um Selbiges zu
verkünden. Aber muss es denn gleich ein kompletter
Neuanfang sein?

Die Frage impliziert im Prinzip die Antwort, d.h. sie


kann nur NEIN lauten. Es gibt dank Medizin und
Fortschritt ein Leben danach. Das setzt voraus, dass
die „Altersdiskriminierung" beendet wird. Menschen
haben ein Recht darauf, für voll genommen zu
werden, natürlich nur, wenn Sie selber dazu bereit
sind.
7.1. Weiterarbeiten mit 65 bleibt attraktiv

Anders als viele glauben, endet das Arbeitsleben mit


65 nicht automatisch. Manchmal kann man auch nach
Erreichen des regulären Rentenalters beim alten
Arbeitgeber weiterarbeiten. Alter ist nämlich in
Deutschland kein Kündigungsgrund.
Das Rentenversicherungs-Anpassungsgesetz, das seit
dem 1. Jan. 2012 gültig ist und bereits zum 1. Januar
2008 von der Bundesregierung beschlossen wurde,
sieht eine sukzessive Erhöhung des Rentenalters von
jetzt 65 auf 67 im Jahr 2029 vor.
Schrittweise wird die Lebensarbeitszeit um jeweils
einen Monat pro Jahr bis 2023 verlängert, von 2024
bis 2029 erfolgt die Heraufsetzung in
Doppelmonatsschritten.
Es bleibt zu beachten: Rente gibt es dann nur,
wenn man einen Rentenantrag stellt. Dieser lässt sich
jedoch aufschieben, beispielsweise bis 68 oder 72.
Einer der Vorteile ist, dass man mehr Altersrente
bekommt, wenn man erst nach dem Erreichen des
regulären Rentenalters mit dem Arbeiten aufhört: Das
Altersruhegeld erhöht sich nämlich pro Monat des
späteren Einstiegs um 0,5 Prozent. Wer erst mit 67 in
Rente geht, erhält also derzeit noch eine um 11
Prozent höhere Rente – und zwar lebenslang. Mehr
noch: Wer über das 67. Lebensjahr hinaus arbeitet,
ist in der Regel auch weiterhin rentenversicherungs-
pflichtig. Die gezahlten Beiträge schlagen dann
nochmals als Rentenerhöhung zu Buche. Die
Experten sind sich einig: Unter dem Strich können
beispielsweise etwa zwei Jahre Mehrarbeit 15 oder
gar 20 Prozent mehr Rente bringen.
Jahrgang Alter Renteneintritt
1946 65 Jahre 2011
1947 65 Jahre + 1 Monate 2012
1948 65 Jahre + 2 Monate 2013
1949 65 Jahre + 3 Monate 2014
1950 65 Jahre + 4 Monate 2015
1951 65 Jahre + 5 Monate 2016
1952 65 Jahre + 6 Monate 2017
1953 65 Jahre + 7 Monate 2018
1954 65 Jahre + 8 Monate 2019
1955 65 Jahre + 9 Monate 2020
1956 65 Jahre + 10 Monate 2021
1957 65 Jahre + 11 Monate 2022
1958 66 Jahre 2023
1959 66 Jahre + 2 Monate 2024
1960 66 Jahre + 4 Monate 2025
1961 66 Jahre + 6 Monate 2026
1962 66 Jahre + 8 Monate 2027
1963 66 Jahre +10 Monate 2028
ab1964 67 Jahre 2029
Renteneintrittsalter Tabelle: Altersrente ohne
Abschläge
Tabelle 4: Zahlen aus: Deutsche Rentenversicherung Bund,
Publ. 200, Aufl. 7/2015, Renteneintrittsalter, gestuft bis 2029
7.1.1. Arbeiten neben der Rente

Nicht jedem ist bekannt, dass man neben der


regulären Altersrente auch beliebig viel dazu arbeiten
darf, ohne dass die Rente gekürzt wird. Anders ist
dies vor der regulären Rentenaltersgrenze. Wer noch
nicht 65 ist und Altersrente bezieht, darf nach seit
Anfang 2013 geltenden Regelungen maximal 450
Euro im Monat hinzuverdienen. In zwei Monaten pro
Jahr sind 900 Euro erlaubt. Wer mehr verdient,
dessen Altersrente wird gekürzt – und zwar
mindestens um ein Drittel.
Im Übrigen gilt das Arbeitsrecht gilt auch für Rentner,
die nebenher jobben. Sie müssen also so bezahlt
werden wie es im Tarifvertrag steht oder
betriebsüblich ist. Rentnern steht auch Urlaub zu. Sie
können wenigstens den Mindesturlaub verlangen, den
das Bundesurlaubsgesetz vorschreibt – also 24
Werktage oder vier Wochen pro Jahr. Weiterhin gilt
auch für jobbende Rentner das
Kündigungsschutzgesetz. Nur bei längerer Krankheit
stehen Rentner zurück: Zwar muss auch ihnen bei
Erkrankungen das Arbeitsentgelt für bis zu sechs
Wochen fortgezahlt werden. Ab dem 43.
Krankheitstag gehen sie jedoch leer aus, da der
Krankengeldanspruch – nach Angaben der AOK-
Krankenkasse – für Vollrentner nämlich gesetzlich
ausgeschlossen ist. Dafür zahlen arbeitende Rentner
und ihre Arbeitgeber allerdings auch nur einen
ermäßigten Beitrag zur Krankenversicherung.

7.2. Wer hilft bei der Jobvermittlung auch


nach Eintritt des sogenannten
Rentenalters?

7.2.1. Staatliche und kommunale


Arbeitsvermittlung

Zahlreiche Klischees und Vorurteile über das Alter und


und das Älterwerden ließen Schlimmes befürchten.
Jugendkult und kollektiver Arbeitsfrust nährten zu
Beginn der Recherche die Sorge, dass der Autor seine
Glaubwürdigkeit und seinen sittlichen Ernst aufs Spiel
setzt. Aber wer nichts wagt, kann auch nichts
gewinnen. Schon schnell wurde klar, das es nicht nur,
aber auch in Deutschland mehrere Arbeitsmärkte gibt
und folglich müssen auch die Wege der
Arbeitsbeschaffung respektive: Arbeitsvermittlung
unterschiedlich verlaufen. Die offizielle, behördliche
Arbeitsvermittlung ist schnell beim Namen genannt:
Es sind vornehmlich staatliche und kommunale
Einrichtungen, die ihre Vermittlungsdienste anbieten.
Die „Offiziellste" unter ihnen ist die Bundesagentur
für Arbeit (www.arbeitsagentur.de/). Wörtlich teilte
die zentrale Presseabteilung auf die Frage nach einer
zeitlichen Obergrenze bei der Vermittlung mit:
„Grundsätzlich steht das Dienstleistungsangebot
'Vermittlung' gem. §35 SGB III auch über 63-jährigen
Personen zur Verfügung. Man kann sich
arbeitssuchend registrieren lassen, sofern die
Neigung, Eignung und Leistungsfähigkeit des
Arbeitnehmers auf dem (regionalen) Arbeitsmarkt
gesucht werden. Die Agenturen für Arbeit bekommen
z.B. auch Stellen für geringfügige Beschäftigungen
(Mini-Jobs) angeboten, die oftmals von Rentnern
gerne nachgefragt werden.
Ohne Zweifel ist es schwieriger, in einem Alter über
60 Jahre eine adäquate Stelle zu finden, jedoch
zeigen die jüngsten Beschäftigungszahlen, dass
Ältere länger in Beschäftigung bleiben als noch vor
ein paar Jahren.
Daneben hat der Arbeitssuchende die Möglichkeit,
über unser Online-Portal 'Jobbörse' sein Profil den
Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen und kann
unentgeltlich nach geeigneten Stellen suchen.
Lediglich bei einer Arbeitslos-Meldung oder bei der
Beantragung finanzieller Leistungen (z.B.
Arbeitslosengeld, Förderung einer
Eingliederungshilfe) muss geprüft werden, ob die
Person schon die Regelaltersrente beantragen kann".
(Zitatende)

Rigoroser fällt die Frage nach der Arbeitsvermittlung


für Senioren im Referat Arbeit und Wirtschaft einer
Metropol-Region wie München aus: Ohne große
Umschweife lautet die prompte Antwort: Gibt es
nicht. Das ist umso bemerkenswerter als man sich bei
lokalen Verwendungen eigentlich ein größeres
Angebot an Jobs vorstellt und sei es im
Niedriglohnbereich.
Und überhaupt: der Niedriglohnbereich. Er scheint
sich ja gerade zur Fundgrube besonders für
kommerzielle Vermittlungsagenturen im Internet zu
entpuppen und sich damit innerhalb des Öffentlichen
Dienstes immer mehr zum zweiten Arbeitsmarkt zu
entwickeln. Dass beispielsweise staatliche und
städtische Einrichtungen wie die Bayerische
Staatsbibliothek und das Deutsche Museum in
München ihr Bewachungs- und Kontroll-Personal von
kommerziellen Dienstleistungs-Unternehmen (Sub-
Unternehmen) rekrutieren und administrieren lassen,
scheint schon zur Normalität zu gehören.
Dass auch große Konzerne wie BMW und andere
bevorzugt und gerne Niedriglohn- und andere
Aushilfsbereiche outsourcen, hat sicher nicht nur
damit zu tun, dass schnelle Märkte auch schnelle
Personalanpassungen erfordern. Denn allein schon
von der Etatplanung her gesehen sind zeitliche
Vorläufe von einem Jahr und mehr keine Seltenheit,
um nicht zu sagen: die Normalität (und, so müsste
man fortfahren, sind damit auch Teil der normalen
betrieblichen Ablaufprozesse, die mit
Belastungsspitzen nur bedingt etwas zu tun haben).

7.2.2. Private und halb-kommerzielle


Arbeitsvermittlungen

Ohne Absicht, lexikalisch vollständig sein zu wollen,


seien an dieser Stelle einige gängige
Vermittlungsagenturen mit kommerzieller Zielsetzung
aufgelistet, der Einfachheit halber in alphabetischer
Reihenfolge:

www.actief65plus.nl

Nach eigener Darstellung seit 41 Jahren auf dem


niederländischen Arbeitsmarkt vertreten, seit
Erfindung des Internets dann wohl hauptsächlich
online.
Kontakt: Prinsengracht 735, 1017 JX Amsterdam, Tel.
020-626-2926; info@actief65plus.nl
Das Logo auf der Eingangsseite der Homepage durfte
aus urheberrechlichen Gründen an dieser Stelle nicht
wiedergeben werden (Erlaubnis beantragt, aber vom
Betreiber abgelehnt), lohnt sich aber dennoch
anzuschauen: Rentner gegrätscht auf dem Fußboden
vor einem Laptop sitzend.

www.diesilberfuechse.de
Nach eigener Aussage wurden die Silberfüchse 2010
von Karl Wulftange in Duisburg gegründet. Bekannte
und Kollegen von Karl Wulftange stehen ebenfalls
kurz vor dem Ruhestand. Sie alle haben eins
gemeinsam: sie möchten weiter arbeiten; an die
Rente ist nicht zu denken, auch aus finanzieller Sicht
nicht.

Die Silberfüchse haben das Potential für Senior


Experten hinter dem demografischen Wandel
erkannt. In Deutschland liegen Millionen nicht mehr
genutzter Ressourcen von hoch qualifizierten
Ruheständlern brach. Das Konzept der Silberfüchse
sieht vor, Senior Experten für den Arbeitsmarkt zu
erhalten und ihr Wissen sowie ihre Erfahrung zu
nutzen. Für die Senior Experten birgt dies die
Möglichkeit der Weiterqualifizierung und der Pflege
sozialer Kontakte. Auch die häufig als zu gering
ausfallend bewerteten Rentenbezüge können so
aufgestockt werden.

Der Vorteil für Unternehmen beim Konzept der


Silberfüchse liegt klar auf der Hand: Die Senior
Experten bringen Wissen und Erfahrung sowie die
Gelassenheit aus jahrelanger Berufserfahrung mit.
Die Senior Experten bieten sich Unternehmen
freiwillig an. Das bedeutet für Unternehmen, dass sie
mit einem Silberfuchs einen hochmotivierten und
hervorragend qualifizierten Mitarbeiter erhalten. Denn
ein Senior Experte muss nicht arbeiten, er will
arbeiten!

Das Konzept der Silberfüchse geht über die reine


Jobvermittlung zwischen Unternehmen und Senior
Experten hinaus. Flexible Arbeitsverträge und
individuell zugeschnittene Jobprofile stehen im
Vordergrund. Die Silberfüchse stehen dabei sowohl
Unternehmern als auch Senior Experten jederzeit
beratend zur Seite. Durch aktive Beratung und
persönliche Interviews unterscheiden sich die
Silberfüchse von anderen Plattformen, die sich mit
der Jobvermittlung beschäftigen.

Kontakt: Beim Gansacker 98, 47259 Duisburg (NRW),


Tel. (0203) 98 44 88 50, kontakt@diesilberfuechse.de,

http://www.diesilberfuechse.de/stellenangebote

www.gelegenheitsjobs.de/stellenangebote

(Beispiel: Jobs ab 50 nach PLZ sortiert)

Kontakt: Mediaplant GmbH, Edlingerstr. 15, 81543


München, Tel. 089-388 99 773,
info@gelegenheitsjobs.de.

www.jobangebote.de/

(Beispiel: Rentner in München)


Kontakt: Digital Jobs GmbH, Am Haag 14, 82166
Gräfelfing, Tel. 089-80 99 11 630; info@gigital-
jobs.de

www.jobisjob.de

Kontakt: JobisJob S.L., Avenida Alcalde Barnlis, 64-68,


D, 4a planta, 08174 Sant Cugat del Vallés (Barcelona),
Tel. +34-935-531 070, info@jobisjob.com

www.jobrapido.de/ (u.a. Rentner in …)

Kontakt: Jobrapido SRL, Via Paleocapa 17, 20121


Milan, Italien, Tel. +39-02-726-25450, keine Email.

www.indeed.de/

Kontakt: Indeed Ireland Operations Ltd., 124, St.


Stephens Green, Dublin 2, Ireland.

Nach eigener Angabe 60 Mio. Stellenanzeigen


weltweit, u.a. ab-60-Jahre-Jobs.
Verweist auf www.de.jobrapido.com. Angeblich Nr1
der Jobportale mit monatlich mehr als 180 Mio.
Besuchern; in über 50 Ländern und 28 Sprachen
verfügbar.

www.monster.de/ (u.a. Rentner-Jobs)

Kontakt: Monster Worldwide Deutschland GmbH,


Ludwig-Erhard-Str. 14, 65760 Eschborn, Tel. 06196-
99920; info@monster.de

www.kimeta.de/ (u.a. Stellenangebote-Senioren)

Kontakt: Kimeta GmbH, Mina-Ress-Str. 8, 64295


Darmstadt, mail@kimeta.de.
Gehört nach eigener Angabe zu den Top 5 der
deutschen kommerziellen Jobportale im Internet-
Ranking.
www.stepstone.de/

Kontakt: Stepstone Deutschland GmbH, Hammer Str.


19, 40219 Düsseldorf, Tel. (0211) 93493-0,
info@stepstone.de

Nach eigener Aussage Deutschlands Jobbörse Nr. 1,


1996 gegründet; Tochter-Unternehmen der Axel-
Springer SE.

www.de.trovit.com/

Kontakt: Kein Impressum erkennbar. U.a.


Stellenangebote für Senioren.
Nach eigener Aussage ist Trovit eine vertikale
Suchmaschine, spezialisiert im Bereich der Job-,
Auto- und Immobiliensuche und ist in 20 Ländern
präsent.
Der Sitz des Unternehmens liegt in Barcelona,
Spanien.

Das Unternehmen wurde 2006 gegründet.


Nach Trovit Spanien und Trovit UK folgten weitere 18
Ländervertretungen weltweit, darunter auch USA und
Indien; durch private Investoren finanziell unterstützt.

www.xing.com/jobs/

Nach eigener Aussage das größte berufliche Netzwerk


im deutsch-sprachigen Raum; hat bereits 15 Mio.
Mitglieder weltweit.

Der Übergang von privaten und halb-kommerziellen


Arbeitsvermittlungen hin zu Lebenshilfe-Portalen
scheint fließend zu sein:
7.2.3. „Lebenshilfe“ - Portale

www.altprofis.de/
Kontakt: Birgit Wacks, Franz-Schubert-Str. 10, 18435
Stralsund, Tel. 03831-30 77 74, info@alteprofis.de

www.rentarentner.de/

Kontakt: Rent a Rentner UG, Bornstr. 63/64, 28195


Brauen, info@rentarentner.de,

Rentner ab 50plus mieten.

www.rentarentner.ch/

Kein Impressum gefunden.


www.rentner-boerse.de/

Kontakt: Agentur Silke Kiesgen, Hauptstr. 21, 73249


Wernau, Tel. 07153-6182023, info@rentner-
boerse.de

Job- und Informationsportal für Rentner und Senioren.

www.rentner-sucht-arbeit.de/
Kontakt: Senioren-Jobbörse, Dachsweg 22, 27798
27798 Hude/ Oldenburg, Tel. 04408-806788,
jobverwaltung@online.de.

Ab 50+ kostenfreie Stellensuchanzeigen möglich.

Auch wenn das Hauptanliegen dieses Buches darin


besteht, dem Thema Arbeit als Mittel der
Selbstverwirklichung und positiven Sinnfindung eine
„Lanze zu brechen", soll hier jedoch nicht der falsche
Eindruck erweckt werden, der Verfasser würde zu
den Traumtänzern gehören:

Laut Sozialverband VdK müssen in Deutschland nach


einer dpa-Meldung v. 19.10.2015 904.000 Senioren
arbeiten. 904 EURO bekam ein Mann im Schnitt, der
im Jahr 2013 in Rente gegangen ist, monatlich
ausbezahlt. Im gleichen Jahr waren allein in Bayern
65.000 Menschen über 65 Jahre auf Harz IV
angewiesen.

Kurzum: Neben dem „angenehmen" Teil der Arbeit


(Selbstverwirklichung und Sinnfindung) gibt es
natürlich auch noch den „bitteren" Teil, der sich so
buchstabieren lässt: A_L_T_E_R_S_A_R_M_U_T.

8. Störfaktor Biolgie

Es wäre weltfremd, wollte man den Menschen nur


vom Kopf oder vom Lebenssinn her denken. Von der
ersten bis zur letzten Sekunde seines Lebens hängt er
an dem seidenen Faden seiner eigenen Biologie. Ob
es ihm gut geht oder schlecht, oder er nur kurz lebt

oder länger, kann er selber nicht willentlich


entscheiden. Es gibt natürliche, biologische
Grenzen. Und allein diese Grenzen entscheiden
darüber, ob er eine Chance hat, auch als Senior ein
aktives und sinn-volles Arbeitsleben zu führen – nicht
die Sozialgesetzgebung, nicht Tarifverträge und auch
nicht die aktuelle Einstellungspraxis von Arbeitgebern,
die sich obendrein, wie viele argwöhnen, nur in
Sonntagsreden für 50plus-Mitarbeiter stark machen.
Bei kontinuierlich steigender Lebenserwartung und
immer mehr Fortschritten der Humanmedizin tritt der
Störfaktor Biologie natürlich immer mehr in den
Hintergrund, kann und darf jedoch nicht ignoriert
werden: Wenn das Stundenglas des Lebens
abgelaufen ist, dann nützen auch neue Denkansätze
nichts mehr. Selbst diejenigen, die bis 90 arbeiten
wollen, könnten dies nur unter der Voraussetzung,
dass der eigene Körper mitmacht.
8.1. Der Tod als Gaudi-Bursche: Übermut
oder anthropologischer Fortschritt?

Leiten wir dieses Thema mit einem Gedicht von


Christian Morgenstern aus dem Jahr 1909 ein: Es
heißt DIE UNMÖGLICHE TATSACHE und entstammt
der Sammlung 'Galgenlieder'.

„Palmström, etwas schon an Jahren,


wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

‚Wie war‘ (spricht er, sich erhebend


und entschlossen weiterlebend)
‚möglich, wie dies Unglück, ja –:
daß es überhaupt geschah?

‚Ist die Staatskunst anzuklagen


in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

‚Oder war vielmehr verboten,


hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht –?‘
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im Klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:


Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Nicht nur routinierte Fernsehzuschauer bekommen


mit, dass eine Spaßgesellschaft wie die deutsche (von
Feuerwehrfesten, Frühlingsfesten, Bierfestivals,
Kerwas, Sommerfesten, bis hin zu zahlreichen
Feierlichkeiten im privaten Umfeld – es wird ja
offensichtlich kaum ein Anlass zur Belustigung
ausgelassen) selbst den Tod zum Gaudi-Thema
gemacht hat: An dieser Stelle geht es aber nicht um
den Nachweis von Pietätlosigkeit, diese Aufgabe
überlässt der Autor berufeneren Menschen, sondern
mehr um das Faktische und die Frage, ob das Spaß-
Thema TOD nicht ein weiterer Grund wäre, über die
Bismarcksche „Erfindung" (in Rente mit 65)
gründlichst nachzudenken.
Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, den Tod als
Ende des Daseins auf diesem Planeten zumindest
metaphysisch zu erklären. Mehr oder weniger religiös
zu verstehen, mehr oder weniger als große Reise in
die Ewigkeit auszulegen, manchmal mit, in der Regel
aber auch ohne Rückreise-Ticket. Manchmal ganz nah
auf Tuchfühlung durch monatelange Präsenz der
sterblichen Überreste im Alltagsleben, manchmal
durch sofortige „Entsorgung". Momento moriendum
esse, oft als momento mori verkürzt („Bedenke, dass
Du sterblich bist"), war im Prinzip eine ernsthafte
Sache und wurde als solche auch den Bürgern des
christlichen Abendlandes nicht selten mit Sprüchen
wie „Mors certa hora incerta" im Bewusstsein wach
gehalten. Spätestens mit der Aufführung des
Theaterstücks von Hugo von Hofmannstal in Berlin im
Jahre 1911 (Titel: Jedermann. Das Spiel vom Sterben
des reichen Mannes) erhält der Tod eine aufgewertete
Salon- und Bühnenreife. Nur ganz begnadete
Schauspieler und Komödianten schaffen es aber, dem
Tod auch noch etwas Lustiges abzugewinnen, zumeist
mit viel Wortwitz. Dabei war, wie der Historiker
Philippe Ariès in seiner 'Geschichte des Todes'
nachwies, der Sensenmann bis ins 19. Jahrhundert
eine sehr vertraute Gestalt und alles andere als
angsteinflößend. Erst im 20. Jahrhundert wurde er
zum Auslöser von Angst und blieb unfassbar.
Seit wenigen Jahren scheint dieser „Damm" gebrochen
zu sein: Zur Bühnenreife kam die Comedy-Reife hinzu.
Komiker wie Olaf Schubert aus Berlin schafften es,
rund um das Thema Tod zweistündige Comedy-Shows
zu entwickeln, in der sich die Menschen vor Freude
und Begeisterung auf die Schenkel klopfen, wenn
Todi, so Schuberts Spitzname für den Tod, zu Ihnen
spricht. Der Tod als erfreuliche Begegnung – ohne
religiösen Überbau. Man ist geneigt, ein 'O tempora, o
mores!' auszurufen. Aber wahrscheinlich ist es mehr
als nur eine Zeiterscheinung: Es scheint eine Mischung
aus menschlichem Übermut und Profanisierung von
einstigen Tabu-Themen zu sein. Ähnlich wie es schon
in den 60er Jahren mit dem Thema Sex lief: Was
vormals als unaussprechlich galt, wird heute den
Grundschülern im Fach Sexualkunde ganz offiziell als
Wissensstoff beigebracht.
Auch diese Art der Tabu-Beseitigung macht das Älter-
Werden attraktiver.

9. Nachwort

Kein Geringerer als der große und leider verstorbene


Literatur-Kenner und -Kritiker Marcel Reich-Ranitzki
war es, der am Ende seiner Fernsehshows
(„Literarisches Quartett") aus Berthold Brechts 'Der
gute Mensch von Sezuan' in schöner Regelmäßigkeit
den Satz zitierte: „Wir stehen selbst enttäuscht und
sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Wenn schon ein so brillanter Kopf wie Reich-Ranicki
sich zu seiner Unwissenheit bekannt hat, würde sich
jeder andere Zeitgenosse, der behauptete, den Stein
des Weisen gefunden zu haben, geradezu lächerlich
machen.
Der Verfasser dieser Zeilen behauptet indes nicht,
enttäuscht zu sein. Aber, auch wenn manche Fragen
nur angerissen werden konnten, hat er doch die große
Hoffnung, zumindest am kollektiven Bewusstsein
spürbar und nachhaltig gekratzt zu haben. Jede Kultur
und jede Kulturstufe scheint nämlich bestimmte
Handlungs- und Denkweisen auszuleben und
tendenziell an die Nachfolger-Generationen weiter zu
geben. Beispiele gibt es zahlreich: vom stark christlich
geprägten Frauenbild, das sich auch 2.000 Jahre nach
Verfassen der Qumran-Handschriften noch in den
Köpfen hält, über das Ausleben von Sexualität (der
gemeinsame Bade-Zuber des mittelalterlichen
Badehauses unterscheidet sich nicht sehr wesentlich
von Video-Pornos im heutigen Internet) bis hin zum
Anspruch auf und den Umgang mit Besitz von
materiellen Gütern.
Vieles ist im kollektiven Bewusstsein quasi als
selbstverständlich abgespeichert. So wie seit 160
Jahren die Bismarcksche Renten-Idee abgespeichert
ist und als rechtmäßiger „Besitzstand" und Anspruch
besonders der lohnabhängigen Erwerbstätigen gilt. Die
Redewendung vom wohlverdienten Ruhestand (mit
65; seit 1. Juli 2014 ab 63, plus Übergangszeiten)
kann das nicht schöner zum Ausdruck bringen. Gelernt
ist gelernt. Und es kann nicht (anders) sein, was nicht
(anders) sein darf. Obwohl auch ein großer Verehrer
des Politikers Bismarck (der Verfasser bekennt sich
dazu, ein solcher zu sein) der Wahrheit halber
feststellen muss, dass die „Erfindung" des
Rentengesetzes durch den Fürsten unter der Lupe
betrachtet in 10er Potenzen schrumpft, schaut man
genauer hin. So wurde zum Beispiel der
Durchschnittsmann des Jahres 1889 (nach Angaben
des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden) gerade
mal 47 Jahre alt und selbst wenn er das Glück hatte,
mit dem 65. Lebensjahr in Rente gehen zu können,
erfolgte die erste Rentenauszahlung erst mit 70 (die
Überbrückung oblag dann der Gesamtfamilie). Also,
man kann festhalten, dass bisher gültige Paradygma
(„wohlverdienter Ruhestand mit 65!") mit dem
heutigen Verständnis (Rundumversorgung für weitere
15 bis 25 Lebensjahre) in keiner Weise identisch ist
und es schon von daher gesehen gute Gründe gibt,
über ein neues Paradigma sinnfüllend nachzudenken.
Anlagen

REICHSGESETZBLATT Nr. 13, die


„Mutter" aller deutschen Rentengesetze.

(Nr. 1858.) Gesetz, betreffend die Invaliditäts- und


Altersversicherung. Vom 22. Juni 1889.
I. Umfang und Gegenstand der Versicherung.
§. 1. Versicherungspflicht.
Nach Maßgabe der Bestimmungen dieses Gesetzes
werden vom vollendeten sechszehnten Lebensjahre ab
versichert:
1. Personen, welche als Arbeiter, Gehülfen, Gesellen,
Lehrlinge oder Dienstboten gegen Lohn oder Gehalt
beschäftigt werden;
2. Betriebsbeamte sowie Handlungsgehülfen und -
Lehrlinge (ausschließlich der in Apotheken
beschäftigten Gehülfen und Lehrlinge), welche Lohn
oder Gehalt beziehen, deren regelmäßiger
Jahresarbeitsverdienst an Lohn oder Gehalt aber
zweitausend Mark nicht übersteigt, sowie
3. die gegen Lohn oder Gehalt beschäftigten Personen
der Schiffsbesatzung deutscher Seefahrzeuge (§. 2
des Gesetzes vom 13. Juli 1887, Reichs-Gesetzbl. S.
329) und von Fahrzeugen der Binnenschiffahrt. Die
Führung der Reichsflagge auf Grund der gemäß Artikel
II §. 7 Absatz 1 des Gesetzes vom 15. März 1888
(Reichs-Gesetzbl. S. 71) ertheilten Ermächtigung
macht das Schiff nicht zu einem deutschen
Seefahrzeuge im Sinne dieses Gesetzes. [98]
§. 2.
Durch Beschluß des Bundesraths kann die Vorschrift
des §. 1 für bestimmte Berufszweige auch
1. auf Betriebsunternehmer, welche nicht regelmäßig
wenigstens einen Lohnarbeiter beschäftigen, sowie
2. ohne Rücksicht auf die Zahl der von ihnen
beschäftigten Lohnarbeiter auf solche selbständige
Gewerbetreibende, welche in eigenen Betriebsstätten
im Auftrage und für Rechnung anderer
Gewerbetreibenden mit der Herstellung oder
Bearbeitung gewerblicher Erzeugnisse beschäftigt
werden (Hausgewerbetreibende),
erstreckt werden, und zwar auf letztere auch dann,
wenn sie die Roh - und Hülfsstoffe selbst beschaffen,
und auch für die Zeit, während welcher sie
vorübergehend für eigene Rechnung arbeiten.
Durch Beschluß des Bundesraths kann ferner
bestimmt werden, daß und inwieweit
Gewerbetreibende, in deren Auftrag und für deren
Rechnung von Hausgewerbetreibenden (Absatz 1)
gearbeitet wird, gehalten sein sollen, rücksichtlich der
Hausgewerbetreibenden und ihrer Gehülfen, Gesellen
und Lehrlinge die in diesem Gesetze den Arbeitgebern
auferlegten Verpflichtungen zu erfüllen.
§. 3.
Als Lohn oder Gehalt gelten auch Tantiemen und
Naturalbezüge. Für dieselben wird der
Durchschnittswerth in Ansatz gebracht; dieser Werth
wird von der unteren Verwaltungsbehörde festgesetzt.
Eine Beschäftigung, für welche als Entgelt nur freier
Unterhalt gewährt wird, gilt im Sinne dieses Gesetzes
nicht als eine die Versicherungspflicht begründende
Beschäftigung.
Durch Beschluß des Bundesraths wird bestimmt,
inwieweit vorübergehende Dienstleistungen als
Beschäftigung im Sinne dieses Gesetzes nicht
anzusehen sind.
§. 4.
Beamte des Reichs und der Bundesstaaten, die mit
Pensionsberechtigung angestellten Beamten von
Kommunalverbänden, sowie Personen des
Soldatenstandes, welche dienstlich als Arbeiter
beschäftigt werden, unterliegen der
Versicherungspflicht nicht.
Die Versicherungspflicht tritt für diejenigen Personen
nicht ein, welche in Folge ihres körperlichen oder
geistigen Zustandes dauernd nicht mehr im Stande
sind, durch eine ihren Kräften und Fähigkeiten
entsprechende Lohnarbeit mindestens ein Drittel des
für ihren Beschäftigungsort nach §. 8 des
Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883
(Reichs-Gesetzbl. S. 73) festgesetzten Tagelohnes
gewöhnlicher Tagearbeiter zu verdienen. Dasselbe gilt
von denjenigen Personen, welche auf Grund dieses
Gesetzes eine Invalidenrente beziehen. [99]
Solche Personen, welche vom Reich, von einem
Bundesstaate oder einem Kommunalverbande
Pensionen oder Wartegelder wenigstens im
Mindestbetrage der Invalidenrente beziehen, oder
welchen auf Grund der reichsgesetzlichen
Bestimmungen über Unfallversicherung der Bezug
einer jährlichen Rente von mindestens demselben
Betrage zusteht, sind auf ihren Antrag von der
Versicherungspflicht zu befreien. Ueber den Antrag
entscheidet die untere Verwaltungsbehörde des
Beschäftigungsortes. Gegen den Bescheid derselben
ist die Beschwerde an die zunächst vorgesetzte
Behörde zulässig, welche endgültig entscheidet.
§. 5. Besondere Kasseneinrichtungen.
Andere als die unter §. 4 erwähnten Personen, welche
in Betrieben des Reichs, eines Bundesstaates oder
eines Kommunalverbandes beschäftigt werden,
genügen der gesetzlichen Versicherungspflicht durch
Betheiligung an einer für den betreffenden Betrieb
bestehenden oder zu errichtenden besonderen
Kasseneinrichtung, durch welche ihnen eine den
reichsgesetzlich vorgesehenen Leistungen
gleichwerthige Fürsorge gesichert ist, sofern bei der
betreffenden Kasseneinrichtung folgende
Voraussetzungen zutreffen:
1. Die Beiträge der Versicherten dürfen, soweit sie für
die Invaliditäts- und Altersversicherung in Höhe des
reichsgesetzlichen Anspruchs entrichtet werden, die
Hälfte des für den letzteren nach §. 20 zu erhebenden
Beitrags nicht übersteigen. Diese Bestimmung findet
keine Anwendung, sofern in der betreffenden
Kasseneinrichtung die Beiträge nach einem von der
Verechnungsweise des §. 20 abweichenden Verfahren
aufgebracht und in Folge dessen höhere Beiträge
erforderlich werden, um die der Kasseneinrichtung aus
Invaliden- und Altersrenten in Höhe des
reichsgesetzlichen Anspruchs obliegenden Leistungen
zu decken. Sofern hiernach höhere Beiträge zu
erheben sind, dürfen die Beiträge der Versicherten
diejenigen der Arbeitgeber nicht übersteigen.
2. Bei Berechnung der Wartezeit und der Rente ist den
bei solchen Kasseneinrichtungen betheiligten
Personen, soweit es sich um das Maß des
reichsgesetzlichen Anspruchs handelt, unbeschadet
der Bestimmung des §. 32 die bei
Versicherungsanstalten (§. 41) zurückgelegte
Beitragszeit in Anrechnung zu bringen.
3. Ueber den Anspruch der einzelnen Betheiligten auf
Gewährung von Invaliden- und Altersrente muß ein
schiedsgerichtliches Verfahren unter Mitwirkung von
Vertretern der Versicherten zugelassen sein.
Der Bundesrath bestimmt auf Antrag der zuständigen
Reichs-, Staats- oder Kommunalbehörde, welche
Kasseneinrichtungen (Pensions-, Alters-,
Invalidenkassen) den vorstehenden Anforderungen
entsprechen. Den vom Bundesrath anerkannten
Kasseneinrichtungen dieser Art wird zu den von ihnen
zu leistenden Invaliden- und Altersrenten der
Reichszuschuß (§. 26 Absatz 3) gewährt, sofern [100]
ein Anspruch auf solche Renten auch nach den
Vorschriften dieses Gesetzes bestehen würde.
§. 6.
Von dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ab wird die
Betheiligung bei solchen vom Bundesrath
zugelassenen Kasseneinrichtungen der Versicherung in
einer Versicherungsanstalt gleichgeachtet. Die nach
Maßgabe dieses Gesetzes zu gewährenden Renten
werden auf die dabei in Betracht kommenden
Versicherungsanstalten und Kasseneinrichtungen nach
näherer Bestimmung der §§. 27, 89, 94 vertheilt.
Wenn bei einer solchen Kasseneinrichtung die Beiträge
nicht in der nach §§. 99 ff. vorgeschriebenen Form
erhoben werden, hat der Vorstand der
Kasseneinrichtung den aus der letzteren
ausscheidenden Personen die Dauer ihrer Betheiligung
und für diesen Zeitraum die Höhe des bezogenen
Lohnes, die Zugehörigkeit zu einer Krankenkasse,
sowie die Dauer etwaiger Krankheiten (§. 17) zu
bescheinigen. Der Bundesrath ist befugt, über Form
und Inhalt der Bescheinigung Vorschriften zu erlassen.
§. 7.
Durch Beschluß des Bundesraths kann auf Antrag
bestimmt werden, daß und inwieweit die
Bestimmungen des §. 4 Absatz 1 auf Beamte, welche
von anderen öffentlichen Verbänden oder
Körperschaften mit Pensionsberechtigung angestellt
sind, sowie die Bestimmungen der §§. 5 und 6 auf
Mitglieder anderer Kasseneinrichtungen, welche die
Fürsorge für den Fall der Invalidität oder des Alters
zum Gegenstande haben, Anwendung finden sollen.
§. 8. Selbstversicherung.
Soweit nicht die Vorschrift des §. 1 durch Beschluß des
Bundesraths in Gemäßheit der Bestimmung des §. 2
Absatz 1 auf die dort bezeichneten Personen erstreckt
ist, sind dieselben, falls sie das vierzigste Lebensjahr
noch nicht vollendet haben und nicht im Sinne des §.
4 Absatz 2 bereits dauernd erwerbsunfähig sind,
berechtigt, nach Maßgabe dieses Gesetzes in
Lohnklasse II sich selbst zu versichern (§. 120).
§. 9. Gegenstand der Versicherung.
Gegenstand der Versicherung ist der Anspruch auf
Gewährung einer Invaliden- beziehungsweise
Altersrente.
Invalidenrente erhält ohne Rücksicht auf das
Lebensalter derjenige Versicherte, welcher dauernd
erwerbsunfähig ist. Eine durch einen Unfall
herbeigeführte Erwerbsunfähigkeit begründet
unbeschadet der Vorschriften des §. 76 den Anspruch
auf Invalidenrente nur insoweit, als nicht nach den
Bestimmungen der Reichsgesetze über
Unfallversicherung eine Rente zu leisten ist.
Erwerbsunfähigkeit ist dann anzunehmen, wenn der
Versicherte in Folge seines körperlichen oder geistigen
Zustandes nicht mehr im Stande ist, durch eine seinen
Kräften und Fähigkeiten entsprechende Lohnarbeit
mindestens einen Betrag [101] zu verdienen, welcher
gleichkommt der Summe eines Sechstels des
Durchschnitts der Lohnsätze (§. 23), nach welchen für
ihn während der letzten fünf Beitragsjahre Beiträge
entrichtet worden sind, und eines Sechstels des
dreihundertfachen Betrages des nach §. 8 des
Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883
(Reichs-Gesetzbl. S. 73) festgesetzten ortsüblichen
Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter des letzten
Beschäftigungsortes, in welchem er nicht lediglich
vorübergehend beschäftigt gewesen ist.
Altersrente erhält, ohne daß es des Nachweises der
Erwerbsunfähigkeit bedarf, derjenige Versicherte,
welcher das siebenzigste Lebensjahr vollendet hat.
§. 10.
Invalidenrente erhält auch derjenige nicht dauernd
erwerbsunfähige Versicherte, welcher während eines
Jahres ununterbrochen erwerbsunfähig gewesen ist,
für die weitere Dauer seiner Erwerbsunfähigkeit.
§. 11.
Ein Anspruch auf Invalidenrente steht denjenigen
Versicherten nicht zu, welche erweislich die
Erwerbsunfähigkeit sich vorsätzlich oder bei Begehung
eines durch strafgerichtliches Urtheil festgestellten
Verbrechens zugezogen haben.
§. 12.
Die Versicherungsanstalt ist befugt, für einen
Erkrankten, der reichsgesetzlichen Krankenfürsorge
nicht unterliegenden Versicherten das Heilverfahren in
dem im §. 6 Absatz 1 Ziffer 1 des
Krankenversicherungsgesetzes bezeichneten Umfange
zu übernehmen, sofern als Folge der Krankheit
Erwerbsunfähigkeit zu besorgen ist, welche einen
Anspruch auf reichsgesetzliche Invalidenrente
begründet.
Die Versicherungsanstalt ist ferner befugt, zu
verlangen, daß die Krankenkasse, welcher der
Versicherte angehört oder zuletzt angehört hat, die
Fürsorge für denselben in demjenigen Umfange
übernimmt, welchen die Versicherungsanstalt für
geboten erachtet. Die Kosten dieser von ihr
beanspruchten Fürsorge hat die Versicherungsanstalt
zu ersetzen. Als Ersatz dieser Kosten ist die Hälfte des
nach dem Krankenversicherungsgesetze zu
gewährenden Mindestbetrages des Krankengeldes zu
leisten, sofern nicht höhere Aufwendungen
nachgewiesen werden.
Streitigkeiten zwischen den Versicherungsanstalten
und den betheiligten Krankenkassen werden, sofern es
sich um die Geltendmachung dieser Befugnisse
handelt, von der Aufsichtsbehörde der betheiligten
Krankenkassen endgültig, sofern es sich um
Ersatzansprüche handelt, im
Verwaltungsstreitverfahren, oder, wo ein solches nicht
besteht, durch die ordentlichen Gerichte entschieden.
Wird in Folge der Krankheit der Versicherte
erwerbsunfähig, so verliert er, falls er sich den im
Absatz 1 und 2 bezeichneten Maßnahmen entzogen
hat, den [102] Anspruch auf Invalidenrente, sofern
anzunehmen ist, daß die Erwerbsunfähigkeit durch
dieses Verhalten veranlaßt ist.
§. 13.
Durch statutarische Bestimmung einer Gemeinde für
ihren Bezirk oder eines weiteren Kommunalverbandes
für seinen Bezirk oder Theile desselben kann, sofem
daselbst nach Herkommen der Lohn der in land- oder
forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter
ganz oder zum Theil in Form von Naturalleistungen
gewährt wird, bestimmt werden, daß denjenigen in
diesem Bezirke wohnenden Rentenempfängern,
welche innerhalb desselben als Arbeiter in land- und
forstwirthschaftlichen Betrieben ihren Lohn oder
Gehalt ganz oder zum Theil in Form von
Naturalleistungen bezogen haben, auch die Rente bis
zu zwei Dritteln ihres Betrages in dieser Form gewährt
wird. Der Werth der Naturalleistungen wird nach
Durchschnittspreisen in Ansatz gebracht. Dieselben
werden von der höheren Verwaltungsbehörde
festgesetzt. Die statutarische Bestimmung bedarf der
Genehmigung der höheren Verwaltungsbehörde.
Solchen Personen, welchen wegen
gewohnheitsmäßiger Trunksucht nach Anordnung der
zuständigen Behörde geistige Getränke in öffentlichen
Schankstätten nicht verabfolgt werden dürfen, ist die
Rente in derjenigen Gemeinde, für deren Bezirk eine
solche Anordnung getroffen worden ist, auch ohne
daß die Voraussetzungen des Absatzes 1 vorliegen,
ihrem vollen Betrage nach in Naturalleistungen zu
gewähren.
Der Anspruch auf die Rente geht zu demjenigen
Betrage, in welchem Naturalleistungen gewährt
werden, auf den Kommunalverband, für dessen Bezirk
eine solche Bestimmung getroffen ist, über, wogegen
diesem die Leistung der Naturalien obliegt.
Dem Bezugsberechtigten, auf welchen vorstehende
Bestimmungen Anwendung finden sollen, ist dies von
dem Kommunalverbande mitzutheilen.
Der Bezugsberechtigte ist befugt, binnen zwei Wochen
nach der Zustellung dieser Mittheilung die
Entscheidung der Kommunalaufsichtsbehörde
anzurufen. Auf demselben Wege werden alle übrigen
Streitigkeiten entschieden, welche aus der Anwendung
dieser Bestimmungen zwischen dem
Bezugsberechtigten und dem Kommunalverbande
entstehen.
Sobald der Uebergang des Anspruchs auf Rente
endgültig feststeht, hat auf Antrag des
Kommunalverbandes der Vorstand der
Versicherungsanstalt die Postverwaltung hiervon
rechtzeitig in Kenntniß zu setzen.
§. 14.
Ist der Berechtigte ein Ausländer, so kann er, falls er
seinen Wohnsitz im Deutschen Reich aufgiebt, mit
dem dreifachen Betrage der Jahresrente abgefunden
werden. [103]
§. 15. Voraussetzungen des Anspruchs.
Zur Erlangung eines Anspruchs auf Invaliden- oder
Altersrente ist, außer dem Nachweise der
Erwerbsunfähigkeit beziehungsweise des gesetzlich
vorgesehenen Alters, erforderlich:
1. die Zurücklegung der vorgeschriebenen Wartezeit;
2. die Leistung von Beiträgen.
§. 16. Wartezeit.
Die Wartezeit (§. 15) beträgt:
1. bei der Invalidenrente fünf Beitragsjahre;
2. bei der Altersrente dreißig Beitragsjahre.
§. 17. Beitragsjahr.
Als Beitragsjahr gelten siebenundvierzig
Beitragswochen (§. 19). Hierbei werden die
Beitragswochen, auch wenn sie in verschiedene
Kalenderjahre fallen, unbeschadet der Vorschriften des
§. 32, bis zur Erfüllung des Beitragsjahres
zusammengerechnet.
Solchen Personen, welche, nachdem sie nicht lediglich
vorübergehend in ein die Versicherungspflicht
begründendes Arbeits- oder Dienstverhältniß
eingetreten waren, wegen bescheinigter, mit
Erwerbsunfähigkeit verbundener Krankheit für die
Dauer von sieben oder mehr aufeinander folgenden
Tagen verhindert gewesen sind, dieses Verhältniß
fortzusetzen, oder behufs Erfüllung der Wehrpflicht in
Friedens-, Mobilmachungs- oder Kriegszeiten zum
Heere oder zur Marine eingezogen gewesen sind, oder
in Mobilmachungs- oder Kriegszeiten freiwillig
militärische Dienstleistungen verrichtet haben, werden
diese Zeiten als Beitragszeiten in Anrechnung
gebracht.
Die Dauer einer Krankheit ist nicht als Beitragszeit in
Anrechnung zu bringm, wenn der Betheiligte sich die
Krankheit vorsätzlich oder bei Begehung eines durch
strafgerichtliches Urtheil festgestellten Verbrechens,
durch schuldhafte Betheiligung bei Schlägereien oder
Raufhändeln, durch Trunkfälligkeit oder durch
geschlechtliche Ausschweifungen zugezogen hat.
Bei Krankheiten, welche ununterbrochen länger als ein
Jahr währen, kommt die über diesen Zeitraum
hinausreichende Dauer der Krankheit als Beitragszeit
nicht in Anrechnung.
§. 18.
Zum Nachweise einer Krankheit (§. 17) genügt die
Bescheinigung des Vorstandes derjenigen
Krankenkasse (§. 135), beziehungsweise derjenigen
eingeschriebenen oder auf Grund landesrechtlicher
Vorschriften errichteten Hülfskasse, welcher der
Versicherte angehört hat, für diejenige Zeit aber,
welche über die Dauer der von den betreffenden
Kassen zu gewährenden Krankenunterstützung
hinausreicht, sowie für diejenigen Personen, welche
einer derartigen Kasse nicht angehört haben, die [104]
Bescheinigung der Gemeindebehörde. Die
Kassenvorstände sind verpflichtet, diese
Bescheinigungen auszustellen und können hierzu von
der Aufsichtsbehörde durch Geldstrafe bis zu
einhundert Mark angehalten werden.
Für die in Reichs- und Staatsbetrieben beschäftigten
Personen können die vorstehend bezeichneten
Bescheinigungen durch die vorgesetzte Dienstbehörde
ausgestellt werden.
Der Nachweis geleisteter Militärdienste erfolgt durch
Vorlegung der Militärpapiere.
§. 19. Aufbringung der Mittel.
Die Mittel zur Gewährung der Invaliden- und
Altersrenten werden vom Reich, von den Arbeitgebern
und von den Versicherten aufgebracht.
Die Aufbringung der Mittel erfolgt seitens des Reichs
durch Zuschüsse zu den in jedem Jahre thatsächlich
zu zahlenden Renten, seitens der Arbeitgeber und der
Versicherten durch laufende Beiträge. Die Beiträge
entfallen auf den Arbeitgeber und den Versicherten zu
gleichen Theilen (§. 116) und sind für jede
Kalenderwoche zu entrichten, in welcher der
Versicherte in einem die Versicherungspflicht
begründenden Arbeits- oder Dienstverhältniß
gestanden hat (Beitragswoche).
§. 20.
Die Festsetzung der für die Beitragswoche zu
entrichtenden Beiträge erfolgt für die einzelnen
Versicherungsanstalten (§. 41) im Voraus auf
bestimmte Zeiträume, und zwar erstmalig für die Zeit
bis zum Ablauf von zehn Jahren nach dem
Inkrafttreten dieses Gesetzes (§. 162 Absatz 2),
demnächst für je fünf weitere Jahre.
Die Höhe der Beiträge ist unter Berücksichtigung der
in Folge von Krankheiten (§. 17 Absatz 2)
entstehenden Ausfälle so zu bemessen, daß durch
dieselben gedeckt werden die Verwaltungskosten, die
Rücklagen zur Bildung eines Reservefonds (§. 21), die
durch Erstattung von Beiträgen (§§. 30 und 31)
voraussichtlich entstehenden Aufwendungen, sowie
der Kapitalwerth der von der Versicherungsanstalt
aufzubringenden Antheile an denjenigen Renten,
welche in dem betreffenden Zeitraum voraussichtlich
zu bewilligen sein werden.

§. 21.
Die Rücklagen zum Reservefonds sind für die erste
Beitragsperiode so zu bemessen, daß am Schlusse
derselben der Reservefonds ein Fünftel des
Kapitalwerths der in dieser Periode der
Versicherungsanstalt voraussichtlich zur Last fallenden
Renten beträgt. Sofern der Reservefonds am Schlusse
der ersten Beitragsperiode diesen Betrag nicht erreicht
hat, ist das Fehlende in den nächsten Beitragsperioden
aufzubringen. Die Vertheilung auf diese Perioden
unterliegt der Genehmigung des Reichs-
Versicherungsamts.
Durch das Statut der Versicherungsanstalt kann
bestimmt werden, daß der Reservefonds bis zur
doppelten Höhe des vorgeschriebenen Betrages zu
erhöhen ist. [105]
Der Reservefonds sowie dessen Zinsen dürfen,
solange der erstere die vorgeschriebene Höhe noch
nicht erreicht hat, nur in dringenden Bedarfsfällen mit
Genehmigung des Reichs-Versicherungsamts
angegriffen werden.
§. 22.
Zum Zweck der Bemessung der Beiträge und Renten
werden nach der Höhe des Jahresarbeitsverdienstes
folgende Klassen der Versicherten gebildet:
Klasse I bis zu 350 Mark einschließlich,
Klasse II von mehr als 350 bis 550 Mark,
Klasse III von mehr als 550 bis 850 Mark,
Klasse IV von mehr als 850 Mark.
Als Jahresarbeitsverdienst gilt, sofern nicht
Arbeitgeber und Versicherter darüber einverstanden
sind, daß ein höherer Betrag zu Grunde gelegt wird:
1. für die in der Land- und Forstwirthschaft
beschäftigten Personen, soweit nicht Ziffer 4 Platz
greift, der für sie von der höheren
Verwaltungsbehörde unter Berücksichtigung des §. 3
festzusetzende durchschnittliche
Jahresarbeitsverdienst, beziehungsweise der für
Betriebsbeamte nach §. 3 des Gesetzes vom 5. Mai
1886 (Reichs-Gesetzbl. S. 132) zu ermittelnde
Jahresarbeitsverdienst;
2. für die auf Grund des Gesetzes vom 13. Juli 1887
(Reichs-Gesetzbl. S. 329) versicherten Seeleute und
anderen bei der Seeschiffahrt betheiligten Personen
der Durchschnittsbetrag des Jahresarbeitsverdienstes,
welcher gemäß §§. 6 und 7 a. a. O. vom
Reichskanzler, beziehungsweise von der höheren
Verwaltungsbehörde festgesetzt worden ist;
3. für Mitglieder einer Knappschaftskasse der
dreihundertfache Betrag des von dem
Kassenvorstande festzusetzenden durchschnittlichen
täglichen Arbeitsverdienstes derjenigen Klasse von
Arbeitern, welcher der Versicherte angehört, jedoch
nicht weniger als der dreihundertfache Betrag des
ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter
des Beschäftigungsortes (§. 8 des
Krankenversicherungsgesetzes);
4. für Mitglieder einer Orts-, Betriebs- (Fabrik-), Bau-
oder Innungskrankenkasse der dreihundertfache
Betrag des für ihre Krankenkassenbeiträge
maßgebenden durchschnittlichen Tagelohnes (§. 20
des Krankenversicherungsgesetzes) beziehungsweise
wirklichen Arbeitsverdienstes (§. 64 Ziffer 1 a. a. O.);
5. im Uebrigen der dreihundertfache Betrag des
ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter
des Beschäftigungsortes (§. 8 des
Krankenversicherungsgesetzes). [106]
§. 23.
Als Lohnsatz (§. 9 Absatz 3) gilt:
für die Lohnklasse I der Satz von 300 Mark,
für die Lohnklasse II der Satz von 500 Mark,
für die Lohnklasse III der Satz von 720 Mark,
für die Lohnklasse IV der Satz von 960 Mark.
....
§. 139. Zustellungen.
Zustellungen, welche den Lauf von Fristen bedingen,
können durch die Post mittelst eingeschriebenen
Briefes erfolgen.
Personen, welche nicht im Inlande wohnen, können
von der zustellenden Behörde aufgefordert werden,
einen Zustellungsbevollmächtigten zu bestellen. Wird
ein solcher innerhalb der gesetzten Frist nicht bestellt
oder ist der Aufenthalt jener Personen unbekannt, so
kann die Zustellung durch öffentlichen Aushang
während einer Woche in den Geschäftsräumen der
zustellenden Behörde oder der Organe der
Versicherungsanstalten ersetzt werden.
….
§. 162. Gesetzeskraft.
Diejenigen Vorschriften dieses Gesetzes, welche sich
auf die Herstellung der zur Durchführung der
Invaliditäts- und Altersversicherung erforderlichen
Einrichtungen beziehen, treten mit dem Tage der
Verkündung dieses Gesetzes in Kraft.
Im Uebrigen wird der Zeitpunkt, mit welchem das
Gesetz ganz oder theilweise in Kraft tritt, durch
Kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des
Bundesraths bestimmt.
Die Bestimmungen der §§. 99 Absatz 2 und 121
Absatz 2 treten in den Königreichen Bayern und
Württemberg mit Zustimmung dieser Bundesstaaten in
Kraft.
Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen
Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.
Gegeben im Schloß zu Berlin, den 22. Juni 1889.
(L. S.) Wilhelm. Fürst von Bismarck.
Ruhestand

Ruhestand bezeichnet den Zustand, in dem sich eine


Person nach dem Ende der Lebensarbeitszeit befindet.
Dieser Status wird durch das Ausscheiden aus dem
Arbeitsleben insbesondere im Alter erlangt und kann
im Ehren- oder Berufstitel mit der Abkürzung i.R. („im
Ruhestand") versehen werden.[1]
Der Ruhestand geht bei Arbeitnehmern bei Erfüllung
einer entsprechenden Anwartschaft mit dem Erstbezug
der Rente aus der Gesetzlichen Rentenversicherung
einher und bezeichnet den letzten Lebensabschnitt des
ehemaligen Arbeitnehmers. Beamte erhalten am Ende
ihres Berufslebens bei Vorliegen der Voraussetzungen
für einen Eintritt in den Ruhestand eine Pension.[2]
Selbstständige treten dann in den Ruhestand, wenn
sie in „ihrem" Betrieb(sofern dieser nach dem
Ausscheiden seines Inhabers bestehen bleibt) keine
Leitungsfunktionen mehr wahrnehmen und
anschließend nicht anderweitig erwerbstätig sind.[3]
Die Ausübung einer geringfügigen Beschäftigung
bewirkt nicht, dass jemand, der in den Ruhestand
getretenist, den Status eines Ruheständlers
verliert.[4]

Inhaltsverzeichnis
• 1 Regulärer Ruhestand bei Arbeitnehmern und
Beamten
• 2 Vorruhestand
• 3 Folgen des Eintritts in den Ruhestand
• 4 Bewertung eines vorgegebenen festen
Renteneintrittsalters
• 5 Einzelnachweise
• 6 Weblinks
Regulärer Ruhestand bei Arbeitnehmern und Beamten
Der Ruhestand begann in Deutschland bis 2011 mit
dem Monat, der der Vollendung des 65. Lebensjahres
folgt. Seit dem Jahr 2012 müssen die Angehörigen
jedes Neurentner-Jahrgangs zunächst einen Monat, ab
dem Geburtsjahrgang 1959 zwei Monate länger im
Erwerbsleben verbleiben als die ein Jahr Älteren, wenn
die Betreffenden das volle Altersruhegeld beziehen
wollen. Ab dem Jahr 2029 wird das Rentenalter mit
dem vollendeten 67. Lebensjahr beginnen. Von dieser
Regelung sind die 1964 und später Geborenen
betroffen. Die Regelung für Empfänger von Leistungen
der Deutschen Rentenversicherung wird auch auf die
meisten deutschen Beamten angewendet. In
Österreich gelten ähnliche Beschlüsse, während es in
der Schweiz ein flexibles Rentenalter gibt.
Viele Ruheständler, die früher in Deutschland
erwerbstätig waren, leben im Ausland, da Zahlungen,
auf die in Deutschland eine Anwartschaft erworben
wurde, in der Regel auch ins Ausland überwiesen
werden.[5] Ähnliches gilt für Ruheständler, die den
größten Teil ihres Erwerbslebens in Österreich oder in
der Schweiz verbracht haben.
Vorruhestand
Vorruhestand bezeichnet die Zeitspanne zwischen dem
Beenden der Erwerbstätigkeit und dem Eintritt des
gesetzlich festgelegten Renten- bzw. Pensionsalters.
Eine vorzeitige Inanspruchnahme von Altersruhegeld
führt in der Regel zu einer Kürzung der ausgezahlten
Beträge. In Deutschland erhält jeder, der vorzeitig in
Rente oder in Pension geht, bis zu seinem Tod einen
Abschlag von 0,3 Prozent von den vollen
Altersbezügen für jeden Monat, um den er seinen
Ruhestand verlängert. Auf Senioren, die keine
Transferleistungen aus der Gesetzlichen
Rentenversicherung oder keine Beamtenpension
erhalten, ist der Begriff Vorruhestand nicht sinnvoll
anwendbar.
Trotz der Heraufsetzung des gesetzlichen
Renteneintrittsalters in Deutschland ermöglichen
manche Betriebe ihren Mitarbeitern nach wie vor,
bereits mit 58 Jahren in den Ruhestand zu treten. Die
hierfür eigentlich fälligen Abschläge von mindestens
25,2 Prozent (84 monatliche Abschläge à 0,3 Prozent
auf der Basis des Renteneintrittsalters 65 Jahre)
werden teilweise ausgeglichen, so z. B. bei
Volkswagen.[6]
Generell ist in Deutschland allerdings eine Abkehr von
der seit den 1970er Jahren angewandten Praxis zu
erkennen, ältere Arbeitnehmer zur Senkung der
Arbeitslosenquote vorzeitig in den Ruhestand zu
schicken. Denn aus demografischen Gründen ist in
Deutschland ein sich verstärkender Fachkräftemangel
entstanden, der durch das frühe Ausscheiden von
Experten aus dem Berufsleben verschärft würde.
Zudem verschiebt sich durch systematische
Frühverrentungen das Verhältnis zwischen Zahlern in
die Rentenkassen und Rentenempfängern zu Lasten
der Ersteren und der öffentlichen Haushalte.
Nachweislich steigt die Bereitschaft der hinreichend
Gesunden, bis zum Erreichen des gesetzlichen
Renteneintrittsalters und teilweise darüber hinaus
erwerbstätig zu bleiben. Hierbei spielt nicht nur die
steigende Nachfrage nach älteren Arbeitskräften eine
Rolle, sondern auch die stetige Senkung des Niveaus
der Zahlungen der Gesetzlichen Rentenversicherung,
die zunehmend Angst vor Altersarmut auslöst.[7]
Wenn allerdings die Höhe der Alterseinkünfte keine
Rolle spielen würde, dann würden nach einer 2013
durchgeführten Umfrage der GfK mehr als die Hälfte
der Befragten vor dem 60. Geburtstag in den
Ruhestand treten. Zu einer Erwerbstätigkeit über den
65. Geburtstag hinaus wären nur neun Prozent der
Befragten bereit.[8]
Folgen des Eintritts in den Ruhestand
Der Übergang in den Ruhestand kann für Betroffene
und Angehörige persönlich sehr einschneidend sein,
insbesondere dann, wenn Ruheständler überhaupt
nicht mehr erwerbstätig sind und auch keiner
ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen. Wesentliche
Ursachen für die mit dem Ende der Erwerbstätigkeit
einhergehenden Veränderungen in der gewohnten
Lebensführung sind: die Minderung des Einkommens,
die Wandlung des Rollenverhaltens, der Verlust von
Statussymbolen, das Ausbleiben von Anregungen und
Erfolgserlebnissen, der Verlust kollegialer Beziehungen
und der Entzug des sozialen Umfelds, in dem man
einen großen Teil seiner Zeit verbracht hat.
Bewertung eines vorgegebenen festen
Renteneintrittsalters
Laut zweier Urteile des Europäischen Gerichtshofs
(EuGH) vom 16. Oktober 2007[9] und vom 12.
Oktober 2010 [10] stellt es keinen Fall von
Altersdiskriminierung dar, wenn ein Arbeitnehmer
gegen seinen Willen mit Erreichen der gesetzlichen
Altersgrenze in den Ruhestand geschickt wird. Am 13.
September 2011 entschied der EuGH allerdings, dass
eine tarifvertragliche Regelung, die eine starre
Altersgrenze von 60 Jahren für Piloten vorsieht, gegen
die Richtlinie 2000/78/EG verstößt. [11]
Einzelnachweise
1. ↑ Ruhestand auf Duden.de, abgerufen am 7.
März 2012
2. ↑ Arbeitsgemeinschaft kommunale und kirchliche
Altersversorgung (AKA) e.V.: Die Versorgung der
Beamten. Ein allgemeiner Überblick. Oktober 2011
3. ↑ Bundesministerium für Arbeit und Soziales
(BMAS) / Öffentlichkeitsarbeit und Internet:
Selbstständig zum sorgenfreien Ruhestand. 10. Januar
2008
4. ↑ Bundesregierung: Alle Beiträge zum Thema
Weiterarbeiten im Rentenalter
5. ↑ Deutsche Rentenversicherung: Rente im
Ausland
6. ↑ Das ermöglicht VW: Der Vorsitzende des
Betriebsrat von VW in Baunatal und seine
Stellvertreterin, Jürgen Stumpf und Renate Müller,
wechseln mit 58 Jahren beziehungsweise im 58.
Lebensjahr in den Ruhestand., Hessisch-
Niedersächsische Allgemeine, 22. August 2012.
Abgerufen am 24. August 2012.
7. ↑ Frank Micheel / Juliane Roloff / Ines
Wickenheiser: Die Bereitschaft zur
Weiterbeschäftigung im Ruhestandsalter im
Zusammenhang mit sozioökonomischen Merkmalen.
In: „Comparative Population Studies – Zeitschrift für
Bevölkerungswissenschaft“ Jg. 35, 4 (2010), S. 833–
868 (Erstveröffentlichung: 22. Dezember 2011)
8. ↑ Jeder zweite Deutsche will vor 60 in Rente
gehen. Die Welt, 4. August 2013
9. ↑ Aktuelle Rechtsprechung – Ergebnisse.
Curia.europa.eu. 16. Oktober 2007. Abgerufen am 25.
September 2010.
10. ↑ Gerichtshof der Europäischen Union:
Pressemitteilung Nr. 103/10. 12. Oktober 2010 (PDF;
82 kB)
11. ↑ EuGH, Urt. v. 13. September 2011 - C 447/09
Weblinks
• Forscher empfehlen Deutschland die Rente mit
72. Die Welt, 11. Februar 2012
Endlich in Rente – Tagebuch eines
Rentners

(Quelle: Thomas Freitag, aus dem Kabarettprogramm


ANGST DER HASEN, Uraufführung Februar 2007 im
Düsseldorfer Kom(m)ödchen; Abdruckgenehmigung
liegt vor)

24. Mai
Es ist geschafft. Mein letzter Arbeitstag. Ich bin
endlich Rentner.
Jetzt geht mein Leben richtig los.
Ich will einfach das machen, woran mich diese
verdammte Arbeit immer gehindert hat.
25. Mai
Ich stehe früh auf und weiß gar nicht, was ich zuerst
tun soll.
Der Rasen muss gemäht werden, ich will die
Dachrinne reparieren, ich muss die Wasserhähne
entkalken, ich will ein Vogelhäuschen bauen und
endlich mal Krieg und Frieden lesen.
Treffe vor dem Haus meinen Nachbarn. Er ist auch
Rentner.
Er läuft unrasiert im Jogginganzug rum, sieht aus wie
Jörg Kachelmann nach 30 Tequila. Er schaut den
ganzen Tag Nachmittagstalkshows oder löst
Kreuzworträtsel. Das wäre nichts für mich.
Ich mähe erst mal den Rasen, reinige die Dachrinne
und fange mit einem Vogelhäuschen an.
Das Leben ist wunderbar.
2. Juni
Der Rasen ist gemäht, die Dachrinne gereinigt und das
Vogelhäuschen ist fertig.
Die Piepmätze kommen an und tirilieren fröhlich.
Ich fahre zu OBI, besorge Entkalker für die
Wasserhähne.
OBI ist voll mit Rentnern.
Jeden Morgen trifft sich da das
Krampfadergeschwader am Holzzuschnitt. Trübe
Tassen allesamt.
Fahre nach Hause und entkalke die Wasserhähne.
7. Juni
Etwas länger geschlafen. Dann frühstücke ich und
kontrolliere, ob die Wasserhähne nicht neuen Kalk
angesetzt haben.
Danach Rasenmähen und Fahrt zu OBI.
Lasse mir Holz für ein weiteres Vogelhäuschen
zuschneiden. Dann hab ich zwei.
Eins für die Vogelmännchen und eins für die
Vogelweibchen.
22. Juni
Bis mittags geschlafen. Dann noch ein Vogelhäuschen
für Behinderte gebaut. Dann Rasen gedüngt, damit er
schneller wächst und häufiger gemäht werden muss.
Danach Tee mit meiner Frau!! Ich gebe ihr Tipps für
den Haushalt.
Aber manchmal habe ich den Verdacht, ich nerve sie.
Zum Beispiel, wenn wir im Garten zusammen Dart
spielen.
Nicht, dass wir uns streiten - aber warum klebt sie vor
dem Werfen immer mein Foto auf die Dartscheibe und
trifft dann besonders gut??
30. Juni
Will mal wieder mit einem anderen Menschen reden
und gehe zum Arzt. Viele Rentner gehen zum Arzt, um
mal zu quatschen, ich habe mir Prostatabeschwerden
ausgedacht.
Aber er schickt mich nach Hause - Prostata würde bei
Kassenpatienten in meinem Alter nicht mehr behandelt
- Rentner hätten außerdem genügend Zeit zum
Pinkeln.
13. Juli
Schlafen bis Zwei. Danach Rasen mähen und ein
Vogelhäuschen basteln. Im Garten stehen jetzt 28
Stück. Als ich es aufstellen will, entdecke ich auf dem
Rasen einen Brief.
Die Vögel haben ihn geschrieben:
"Alter hör auf mit den Scheiß Vogelhäuschen, wir sind
es satt und es ist uns vor den anderen Tieren
peinlich!"
Mein Nachbar bietet mir ein Kreuzworträtselheft an.
Ich schau mal rein.
Russischer Fluss mit 7 Buchstaben. Ach, was denkt
sich denn der Idiot? Das ich Zeit habe, mir im Atlas
russische Flüsse mit 7 Buchstaben rauszusuchen?
1. August
Es gibt insgesamt 1.376 russische Flüsse mit 7
Buchstaben.
Die bekanntesten sind: BJELAJA, DNJESTR, IRTYSCH,
UTSCHUR und WOLCHOW.
Am Abend Krise mit meiner Frau. Unser erotisches
Leben ist eingeschlafen. Passiert vielen Rentnern.
Meine Frau schlägt als Lösung vor, wir sollten mal Sex
an ungewöhnlichen Orten probieren.
4. September
Wir haben die Seiten im Bett getauscht. Hilft auch
nicht. Habe gelesen, 50 Prozent der Männer über 65
nehmen Viagra. 70 Prozent davon können sich
allerdings nicht mehr daran erinnern, warum ...
30. September
Krieg und Frieden lese ich nicht mehr. Schaue jetzt
mehr Nachmittagstalkshows.
Heute ist das Thema "Ich mach Dich kalt, Du blöde
Summse". Na ja, ein bisschen lehnt sich das ja auch
an Krieg und Frieden an.
26. Oktober
Meine Frau meint, wir sollen etwas für unsere Körper
tun ... Wellness
... Sobald man Rentner ist, soll alles nur noch Wellness
sein. Man soll die Seele baumeln lassen .....
Warum??
Wenn man älter wird, baumelt am Körper sowieso
schon so viel herum. Da muss die Seele nicht auch
noch mit baumeln.
Meine Frau schleppt mich zum Rentner Yoga, zur
Rentner Sauna, zum Pilates.
Pilates!! Das war für mich bislang der Typ, der Jesus
gekreuzigt hat!!
12. November
Beim Rentner Yoga soll ich die Figur machen: "Das
Gnu liegt in der Morgensonne!"
Ich mache die Figur "Der Arbeitnehmer betätigt die
Stechuhr". Werde aus dem Kurs geworfen.
3. Januar
Habe mit dem Sport aufgehört. Nur den Jogginganzug
trage ich noch ganz gern.
Rasieren tu ich mich auch nicht mehr.
Wenn ich auf die Straße gehe, fragen mich manchmal
die Obdachlosen, ob ich einen Euro brauche.
Meine Frau will mich aktivieren und schafft einen
Dackel an. Das ist das Ende.
Wenn der beste Freund eines Mannes eine Wurst mit
Beinen ist, die Purzel heißt, ist es Zeit für ihn,
abzutreten. Dackel wurden Anfang des 20.
Jahrhunderts in England gezüchtet.
Ziel der Züchtung war es, eine Nackenrolle zu haben,
die selbständig in die Waschmaschine gehen kann!!
Ich schäme mich.
Aber ich gehe mit ihm spazieren. Sitze dann im Wald
auf einer Bank, mein Blick fällt auf die Ameise am
Boden.
Tja, die arbeiten und arbeiten, von denen sagt keine
"Ich bin in Rente und mach jetzt Pilates".
12. Februar
Bin nachts nicht müde. Wovon auch? Stehe deshalb
auf, setze mich ins Auto und fahre durch die nächtliche
Stadt. Ich lande bei meiner alten Firma, steige aus,
streichle das Gebäude.
Auf der Rückfahrt sehe ich, wie an einer Landstraße
Türken auf dem illegalen Arbeitsstrich rumstehen und
warten, dass sie zur Schwarzarbeit abgeholt werden.
Traurig so was!!
3. März
Habe mich dunkel geschminkt, mir einen Schnäuzer
angeklebt und reihe mich unter die Türken an der
Straße ein. Serhat, Mehmet, Ügür und Äczan.
Im Auto stellt sich raus, die heißen eigentlich Franz,
Theo, Günther und Willi.
Und sind auch Rentner mit angeklebtem Schnäuzer.
Am Nachmittag - Arbeit auf der Baustelle. Ich war
lange nicht so glücklich!!!
12. April
Fahre jetzt jeden Morgen mit den anderen Rentnern
auf die Baustelle. Nachmittags sitzen wir zusammen
und überlegen, was wir noch machen könnten.
Wir wollen eine Firma gründen, einen Konzern
erschaffen, wir wollen ackern und malochen. Auch mit
65 kann man noch viel bewegen!!! Eine Geschäftsidee
für unseren Konzern haben wir auch schon:
Vogelhäuschen...
Als Leih-Oma ins Ausland

Abb. 15: Mittlerweile ist das Thema auch in der Regionalpresse


angekommen: Aufmacher von HALLO MÜNCHEN am 30. April
2014
Legenden über das Alter und ihre
Widerlegung

(Quelle:
http://www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumst
ruktur_nach_Website/Acatech/root/de/Aktuelles Pre
sse/Presseinfos News/4_-_090324_Legenden.pdf)

Die folgende Kritik an verbreiteten Legenden über das


Altern basiert auf der Auseinandersetzung der
Arbeitsgruppe mit den Herausforderungen und
Chancen des demographischen Wandels und der
dadurch gewonnenen Einsicht, dass es ein erster
wichtiger und unerlässlicher Schritt auf dem Weg zur
Nutzung des Potenzials der gewonnenen Jahre ist, tief
im Denken verwurzelte, einseitig negative
Vorstellungen über das Altern zu revidieren. Um
solchen ganz normal, weil üblich erscheinenden
Vorstellungen begegnen zu können, schien der
Arbeitsgruppe die holzschnittartige Zuspitzung ein
legitimes und nützliches Hilfsmittel. Die im Folgenden
gewählten Formulierungen sind in diesem Sinne zu
verstehen.

Legende 1
„Das Alter beginnt mit 65 Jahren."
Falsch. Die Vorstellung, das Alter würde mit einem
bestimmten Lebensjahr beginnen, ist zwar alt, aber
dennoch eine soziale Konstruktion. Sie stammt aus der
antiken Welt, hat in Europa im Mittelalter und in der
Neuzeit weitergelebt und ist auch in
außereuropäischen Kulturen verbreitet. Die wenigsten
Menschen wussten früher genau, wie alt sie waren,
und es war für ihre Lebens- und Arbeitswelt auch nicht
relevant. Mit dem modernen Staat, mit der
industriellen Arbeitswelt und mit den Rentensystemen
des 20. Jahrhunderts haben kalendarische
Altersgrenzen praktische Wirkung für alle erlangt.
Heute werden sie mehr und mehr fragwürdig: Sie
ignorieren, dass immer mehr Menschen in immer
höherem Alter zu einem aktiven und selbstbestimmten
Leben fähig sind.

Legende 2
„Wenn man das kalendarische Alter kennt, weiß man
viel über eine Person." Falsch. Je älter wir werden,
desto weniger aussagekräftig wird das kalendarische
Alter.
Während gleichaltrige Babys und Kleinkinder ihre
Fertigkeiten und Bedürfnisse mit nur wenigen Monaten
Unterschied erwerben und ausbilden, nehmen die
Unterschiede zwischen den Erwachsenen immer mehr
zu. Bis ins Jugendalter hinein erlaubt das
kalendarische Alter recht gute Rückschlüsse, aber im
Erwachsenenalter vergrößern sich die Unterschiede
zwischen den Individuen zunehmend, da menschliche
Entwicklung nicht im Abspielen eines festgelegten
Programms besteht, sondern aus der kontinuierlichen
Wechselwirkung zwischen biologischen, kulturellen
und persönlichen Einflüssen entsteht. Im Alter sind die
Unterschiede zwischen Menschen gleichen Alters dann
so groß, dass ein 70-Jähriger geistig ebenso
leistungsfähig sein kann wie ein 50-Jähriger – aber
ebenso ein 70-Jähriger aussehen und sich fühlen kann
wie ein 90-Jähriger.

Legende 3
„Alte Menschen können nichts Neues mehr lernen."
Falsch. Solange der Mensch lebt und nicht durch
Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er Neues
lernen. Lernen und Veränderung hängen aber auch
von den Ressourcen und den Anreizen ab, die einer
Person zur Verfügung stehen. Erwachsene lernen
besonders gut, wenn sie einen konkreten Nutzen
erkennen und das neue Wissen anwenden können.
Die Bereitschaft, im Erwachsenenalter zu lernen, ist
vor allem auch abhängig von der Vorbildung.

Legende 4
„Ältere Beschäftigte sind weniger produktiv." Falsch (in
dieser allgemeinen Formulierung). Ältere und jüngere
Beschäftigte unterscheiden sich in ihren Stärken und
Schwächen. Ältere Beschäftigte mögen körperlich
weniger kräftig und weniger reaktionsschnell sein,
dafür haben sie im Allgemeinen mehr Erfahrung,
soziale Fertigkeiten und Alltagskompetenz.
Produktivität hängt davon ab, wie diese Fähigkeiten
für die jeweilige Tätigkeit gewichtet sind und wie sie
zum jeweiligen Arbeitsplatz passen. In Betrieben, in
denen die Wertschöpfung präzise gemessen werden
kann, zeigt sich, dass Arbeitsteilung und -organisation
altersspezifische Vor- und Nachteile bis zur
gegenwärtigen Altersgrenze in etwa ausgleichen. Im
Übrigen nehmen auch die Krankheitstage nicht zu, wie
ein weiteres gängiges Vorurteil lautet. Ältere
Arbeitnehmer fehlen zwar länger, wenn sie einmal
krank sind, werden aber seltener krank als Jüngere.
Jüngere und Ältere unterscheiden sich auch nicht
darin, wie häufig sie Verbesserungen und
Innovationen im Betrieb vorschlagen.

Legende 5
„Alte Menschen wollen mit moderner Technik nichts zu
tun haben." Falsch. Auch sehr alte Menschen nutzen
Technik gerne, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert
und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele
ältere Menschen können dank technischer
Unterstützung ihren eigenen Haushalt führen und sich
in ihrem außerhäuslichen Umfeld besser
zurechtfinden. Technik kann die Auswirkungen
alterungsbedingter Einbußen und Einschränkungen
vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und
abschwächen, indem sie Fähigkeiten trainiert,
Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen
überwacht. Sie kann die Gewohnheiten und Vorlieben
der Nutzer erlernen und bei Bedarf unterstützen.
Außerdem ist sie ein Tor zur Welt auch für Menschen
mit körperlichen Einschränkungen – immer mehr
ältere Erwachsene nutzen das Internet.

Legende 6
„Die Alten nehmen den Jungen die Arbeitsplätze weg."
Falsch. Die verstärkte Beschäftigung älterer
Arbeitnehmer steht in der Volkswirtschaft nicht
grundsätzlich in Konkurrenz zu einer verstärkten
Beschäftigung jüngerer Arbeitnehmer, sondern kann
sie sogar fördern. Denn über eine Senkung der
Lohnnebenkosten und aufgrund niedrigerer
Sozialversicherungsbeiträge trägt sie zur Schaffung
neuer Arbeitsplätze und zu gesteigertem
wirtschaftlichem Wachstum bei. Frühverrentung
hingegen belastet durch höhere
Sozialversicherungsbeiträge auch die jüngeren
Arbeitnehmer und steigert die preisbedingte
Absatzschwäche der Produkte. Beides zusammen
verringert die Beschäftigung. Ganz in diesem Sinne
zeigt es sich auch, dass in OECD-Ländern mit hoher
Frühverrentungsquote (z.B. Frankreich, Italien) die
Jugendarbeitslosigkeit nicht etwa besonders niedrig,
sondern besonders hoch ist.

Legende 7
„Volkswirtschaften mit alternder Bevölkerung sind zum
Nullwachstum verdammt." Falsch. Das
Wirtschaftswachstum hängt vom Wachstum der
Anzahl der Beschäftigten mal deren Arbeitsstunden
ab. Die Arbeitsproduktivität sinkt keineswegs
unabänderlich mit dem Alter der Beschäftigten (vgl.
Legende 4). Durch verstärkte Aus- und Weiterbildung
und durch erhöhten Einsatz von Maschinen und
Computern kann sie sogar weiter verbessert werden.
Auch die Anzahl der Beschäftigten muss nicht
notwendigerweise sinken, wenn mehr alte Menschen
in dieser Gesellschaft leben. Wir haben in Deutschland
im internationalen Vergleich ein niedriges Niveau der
Beschäftigung von Frauen und älteren Menschen.
Wenn man über die nächsten 25 Jahre die
Erwerbsquoten in Deutschland an die der Nachbarn
Dänemark und Schweiz angleicht, kann der
Altersstrukturwandel fast vollständig ausgeglichen
werden. Ob wir auch in Zukunft das gleiche
Wirtschaftswachstum wie heute oder ein
Nullwachstum haben, hängt also ganz entscheidend
von unseren Anstrengungen ab, höhere
Beschäftigungsquoten zu erzielen und die
Beschäftigten besser aus- und weiterzubilden.

Legende 8
„Ältere Arbeitnehmer müssen durch besondere Regeln
geschützt werden." Falsch (in dieser Pauschalität). Ein
starker Schutz der Älteren, die einen Arbeitsplatz
besitzen („Insider"), kann sich gegen diejenigen
älteren Menschen wenden, die keinen Arbeitsplatz
haben oder ihn gerade verloren haben („Outsider").
Soweit Betriebe beispielsweise davon ausgehen, dass
ältere Arbeitnehmer einem erhöhten
Kündigungsschutz unterliegen, werden sie bei der
Neueinstellung von Arbeitnehmern jüngere
Arbeitnehmer mit geringerem Kündigungsschutz
vorziehen, um sich so eine höhere Flexibilität des
Personalbestandes zu erhalten.

Legende 9
„Steigende Lebenserwartung bedeutet mehr Krankheit
und Pflege." Falsch. Gesundheitliche Einschränkungen
und chronische Behinderungen im Alter haben sowohl
bei Männern als auch bei Frauen im Vergleich zu
früheren Jahren abgenommen.
Die durchschnittliche gesunde Lebenszeit jenseits des
65. Lebensjahres ist allein in der Dekade der 1990er
um zweieinhalb bzw. eineinhalb Jahre gestiegen
(Männer/Frauen).
Schlaganfall und Herzinfarkt werden dank des
medizinischen Fortschritts heute öfter überlebt.
Beeinträchtigungen durch diese Erkrankungen werden
seltener, und sie können mit modernen technischen
und medizinischen Hilfsmitteln heute besser ertragen
werden.
Die Lebensqualität ist trotz chronischer Krankheit
und/oder Behinderung besser als früher. Insgesamt
hat das Risiko, pflegebedürftig zu werden, in
Deutschland in den letzten Jahren abgenommen.

Legende 10
„Prävention und Rehabilitation können im Alter nichts
mehr bewirken." Falsch. Prävention und Rehabilitation
sind in allen Lebensphasen, aber gerade auch im Alter
unerlässlich und effektiv. Alte Menschen profitieren
enorm von gezielter und früh einsetzender
Rehabilitation, etwa nach einem Schlaganfall,
Herzinfarkt oder Sturz. Behinderung und
Pflegebedürftigkeit können dadurch oft verhindert
werden. Gesunde Ernährung, körperliche Aktivität,
Nichtrauchen und Schutz vor Passivrauchen sind die
Grundpfeiler von Gesundheitsförderung und
Prävention. Deshalb sollte auf individueller und
staatlicher Ebene alles getan werden, um besseres
Ernährungsverhalten, mehr körperliche Aktivität und
weniger Zigarettenkonsum in der Bevölkerung zu
erreichen. Die individuelle Leistungsfähigkeit ist keine
statische Eigenschaft, sie kann und muss durch
Aktivität und Lebensweise erhalten oder immer wieder
hergestellt werden.

Legende 11
„Altern führt zu geringerer Mobilität."
Falsch. Ältere Menschen sind vielfältig mobil,
wenngleich sich die Mobilitätszwecke verändern.
Mobilität und Aktivität stehen in einem engen
Wechselverhältnis. Das gilt für die alltäglichen
Mobilitätsformen und die Wohnortwechsel im
Lebensverlauf. Allerdings sind oft die
Mobilitätsbedürfnisse der Alten und die
Mobilitätsangebote ihrer Umgebung nicht richtig
aufeinander abgestimmt. So werden ältere Menschen
zu früh und gezwungenermaßen immobil, bewegen
sich weniger in der Öffentlichkeit, nehmen weniger
Angebote wahr und leben mit einer Infrastruktur, die
nicht optimal für eine Gesellschaft aller Altersstufen
eingerichtet ist.

Legende 12
„Alte Menschen fallen ihren Angehörigen zur Last."
Falsch. Insgesamt unterstützen alte Menschen ihre
Angehörigen in der Regel mehr, als sie von ihnen
unterstützt werden. Das geschieht finanziell, aber
auch durch praktische Hilfe, z.B. durch Mithilfe im
Haushalt und durch Betreuung der Enkelkinder, wenn
die Eltern abwesend sind. Wenn man die finanziellen
Leistungen zwischen den Generationen in der Familie
und den Geldwert solcher Arbeitsleistungen
zusammenrechnet, so sind die Älteren bis zum 80.
Lebensjahr die Gebenden, erst danach überwiegt das
Nehmen.
Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass junge
Erwachsene die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs
und der Familiengründung besser meistern können.
Darüber hinaus engagieren sich die Älteren auch in
beträchtlichem Maße im ehrenamtlichen Bereich.

Legende 13
„Ein Kampf der Generationen steht bevor."
Falsch. Weder in der Familie und Zivilgesellschaft noch
in der Politik nehmen die Gegensätze zwischen den
Generationen stärker zu als der Zusammenhalt
zwischen ihnen. Außerdem:
Das Alter ist eine Lebensphase, die alle erreichen
möchten. Insofern würde man als Junger in einem
Kampf der Generationen in gewisser Weise gegen sich
selbst kämpfen.

Legende 14
„An den demographischen Wandel muss sich unsere
Gesellschaft durch Seniorenpolitik anpassen." Falsch.
Politik für Alte muss sich auf den ganzen Lebenslauf
richten. Denken wir vom Alter her, müssen wir das
Gesamtsystem verändern – zum Wohle aller.
Versuchen wir zum Beispiel nicht die frühen
Bildungsprozesse zu optimieren, rächt sich das ein
Leben lang, bis ins hohe Alter hinein. Kümmern wir
uns nicht um die Optimierung des Humanvermögens
und damit der Produktivität, so fehlen die Ressourcen
zur Finanzierung von Gesundheitsleistungen und
Renten im Alter. Verbessert man die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf, erhöht sich die Beteiligung von
Frauen am Arbeitsmarkt und damit die Produktivität,
die wiederum wichtige Ressourcen für das Alter zur
Verfügung stellt.

Legende 15
„Alternde Gesellschaften sind reformunfähig." Falsch.
Eher ist das Gegenteil der Fall: Im Hinblick auf die
Reorganisation der Arbeitswelt, des Bildungssystems,
der sozialstaatlichen Regeln u. a. enthüllt und
verstärkt das demographische Altern den
Reformbedarf; es erhöht den politischen
Handlungsdruck. Falls sich die Institutionen und die
Einstellungen dieser Herausforderung gewachsen
zeigen, statt sie zu blockieren, ist die Beschleunigung
von Neuerung und Anpassung, ist gesellschaftliche
Dynamik die Folge.
Ältere Arbeitnehmer im Betrieb –
Leitfaden BDI

BDA Bundesvereinigung deutscher


Arbeitgeberverbände, Hrsg.,
Ältere Arbeitnehmer im Betrieb - Ein Leitfaden für
Unternehmer
Quelle:
http://www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/res/4
1949E9445B944F6C12574
EF0053E613/$file/BDA_Broschuere_Aeltere_Mitarbeiter
.pdf (Bearbeitungsstand: 6/ 2009)

(Quintessenz: Die Herausforderung, auch in Zukunft


innovations- und wettbewerbsfähig zu bleiben,
veranlasst viele Unternehmen, sich verstärkt mit dem
Thema ältere Mitarbeiter zu beschäftigen. Durch
zielgerichtete Qualifizierung, Personalentwicklung und
Arbeitsorganisation können sich Unternehmen
frühzeitig auf den demographisch bedingten
Strukturwandel einstellen, um die daraus
resultierenden Probleme zu vermeiden.
Der vorliegende Leitfaden der Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitnehmer (BDA) gibt hierzu praktische
Arbeitshilfen sowie handlungsorientierte Antworten auf
die wesentlichen Fragen der beruflichen Weiterbildung
und der betrieblichen Personalpolitik.)
VORWORT von Dr. Dieter Hundt,
Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen
Arbeitgeberverbände:
„Die Debatte um die dringend notwendige Erhöhung
der Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer gewinnt
zunehmend an Aufmerksamkeit. Die demographische
Entwicklung – gekennzeichnet durch eine alternde und
rückläufige Bevölkerung – wird zu tief greifenden
Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt führen. Mehr
denn je wird es erforderlich sein, das bislang nicht
genutzte Arbeitskräftepotenzial und damit auch
verstärkt die Arbeitskraft Älterer einzusetzen. Der
Verzicht darauf ist eine Verschwendung von
Humankapital und bedeutet den Verlust von Wissen
und Erfahrung sowie von Wachstumschancen. Dies
kann sich Deutschland im internationalen Wettbewerb
immer weniger leisten. Die Arbeitgeber haben bereits
vor Jahren den Paradigmenwechsel weg von der
Frühverrentung hin zu längeren Erwerbsbiographien
mit angestoßen. Der notwendige Umdenkungsprozess
hat begonnen, muss aber intensiviert und in die Tat
umgesetzt werden.
Erste Schritte zur Abkehr von der öffentlich
geförderten Frühverrentungspolitik sind auch in der
Gesetzgebung mit der Einführung der Entgeltsicherung
als Lohnaufstockung für Arbeitslose ab 50 Jahren, der
Senkung der Altersgrenze auf 52 Jahre für erleichterte
befristete Beschäftigungsverhältnisse sowie der
Befreiung des Arbeitgebers vom Beitrag zur
Arbeitslosenversicherung bei Einstellung eines
Arbeitslosen ab 55 Jahren zu erkennen.
Diese Maßnahmen werden aber nicht ausreichen. Sie
müssen vielmehr in eine umfassende Strategie zur
Schaffung politischer Rahmenbedingungen eingebettet
werden, die Anreize zu längeren Erwerbsbiographien
setzen und das vorzeitige Ausscheiden aus dem
Erwerbsleben unattraktiv gestalten.
Die BDA hat ein Reformpaket für mehr
Beschäftigungsdynamik in Deutschland insgesamt und
gerade für ältere Arbeitnehmer vorgelegt. Dieses
umfasst:eine zukunftsgerichtete und nachhaltige
betriebliche Weiterbildungs- und Personalpolitik, die
umfassende Deregulierung des Arbeitsmarktes, den
Abbau von Senioritätsprivilegien in den Tarifverträgen,
den Abbau von Frühverrentungsanreizen im
Arbeitsförderungsrecht sowie die Anhebung des
Renteneintrittsalters. Deutschland muss sich wie
andere Industrienationen der demographischen
Herausforderung stellen. Unter dem Motto »von
anderen lernen« hat die BDA gemeinsam mit
Arbeitgeberorganisationen aus Dänemark, den
Niederlanden und Irland sowie der Bertelsmann
Stiftung das europäische Projekt »Proage – die
demographische Herausforderung meistern« initiiert.
Im Dialog mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft wurden Erfahrungen mit Strate-gien zur
Erhöhung der Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer
ausgetauscht. Dabei entwickelten die Partner
Empfehlungen für Politik und Unternehmen, um in
Europa insgesamt die Innovations- und
Wettbewerbsfähigkeit angesichts einer durchweg älter
werdenden Erwerbsbevölkerung zu sichern.
Im Vergleich mit den Partnerländern schneidet
Deutschland schlecht ab. Die Erwerbsquote älterer
Arbeitnehmer liegt bei uns immer noch deutlich unter
dem EU-Durchschnitt. Unsere europäischen Nachbarn
zeigen dagegen eindrucksvoll, wie die Erwerbstätigkeit
älterer Arbeitnehmer durch einschneidende Reformen
erhöht werden kann: insbesondere durch den Abbau
staatlicher Förderung von Vorruhestandsregelungen,
durch eine Anhebung des Renteneintrittsalters sowie
durch Anreize, länger im Erwerbsleben zu bleiben.
Internationale Vergleiche belegen, dass in
beschäftigungspolitisch erfolgreichen Ländern nicht
nur die Erwerbsbeteiligung Älterer wesentlich höher ist
als bei uns, sondern dass sich in diesen Ländern die
Beschäftigungschancen alter und junger Menschen
gleichzeitig verbessert haben. Generell gilt, dass eine
verstärkte Nutzung des Potenzials älterer
Arbeitnehmer nur im Zuge einer umfassenden
wirtschaftspolitischen Strategie erzielt werden kann.
Wirtschafts- und Finanzpolitik, Tarif-, Arbeitsmarkt-
und Bildungspolitik müssen insgesamt konsequent auf
Wachstum ausgerichtet sein. Ohne die daraus
resultierende Beschäftigungsdynamik fehlt allen
Initiativen der notwendige Schwung. Die
Herausforderung, auch in Zukunft innovations- und
wettbewerbsfähig zu bleiben, veranlasst schon heute
viele Unternehmen, sich verstärkt mit dem Thema
ältere Mitarbeiter zu beschäftigen.
Durch zielgerichtete Qualifizierung,
Personalentwicklung und Arbeitsorganisation können
sich Unternehmen frühzeitig auf den demographisch
bedingten Strukturwandel einstellen, um die daraus
resultierenden Probleme zu vermeiden. Der
vorliegende Leitfaden gibt hierzu praktische
Arbeitshilfen sowie handlungsorientierte Antworten auf
die wesentlichen Fragen der beruflichen Weiterbildung
und der betrieblichen Personalpolitik. Darüber hinaus
erhalten die Betriebe eine Übersicht über die
wesentlichen Instrumente der Arbeitsförderung
speziell für ältere Erwerbstätige. Jetzt kommt es auf
die gezielte und tatkräftige Umsetzung in der
betrieblichen Praxis an. Allein können die Betriebe die
Herausforderung der demographischen Entwicklung
aber nicht lösen. Dies kann nur mit einer
Beschäftigungspolitik gelingen, die mehr Chancen für
Ältere auf dem Arbeitsmarkt schafft".
Weiterarbeiten im Rentenalter: Seit Juli
2014 erleichtert

19.08.2014
http://www.geldtipps.de/rente-pension-
altersvorsorge/gesetzliche-rente/weiterarbeit-im-
rentenalter-seit-juli2014-erleichtert
Seit 1.7.2014 können Arbeitnehmer leichter über das
reguläre Rentenalter hinaus weiterarbeiten. Das sieht
eine Gesetzesänderung vor, die im letzten Moment
noch Eingang in das Rentenpaket der
Bundesregierung gefunden hat.
Ältere, die durch die (vorzeitige) Rente bzw. eine
Vorruhestandsregelung finanziell abgesichert waren,
sollten den Platz für Jüngere freimachen. Darüber
bestand bis noch vor einigen Jahren in vielen
Betrieben stillschweigend (und manchmal auch
ausgesprochen) Konsens. Doch heute gilt immer mehr
das Prinzip: Länger arbeiten und erst möglichst spät in
Rente gehen (Stichwort: Flexi-Rente). Dafür sorgt
neben zunehmendem Arbeitskräftemangel auf Dauer
schon die Senkung des Rentenniveaus.
Die neuen Regelungen zur abschlagsfreien Rente ab
63, die zum 1.7.2014 in Kraft traten, passen nicht so
recht zu dieser geänderten Philosophie. Deshalb
lockert das Rentenpaket die Regelungen für die
Seniorenbeschäftigung. Künftig soll danach eine
flexiblere Weiterarbeit nach dem regulären Rentenalter
erleichtert werden.
Was galt bisher?
Im SGB VI geht es eigentlich um die Rente – und nicht
um das Arbeitsrecht. Doch bislang schon fand sich in §
41 SGB VI ausdrücklich eine (allerdings kaum
bekannte) Regelung zu Altersrente und
Kündigungsschutz. Darin heißt es: Der Anspruch des
Versicherten auf eine Rente wegen Alters ist nicht als
ein Grundanzusehen, der die Kündigung eines
Arbeitsverhältnisses durch den Arbeitgeber nach dem
Kündigungsschutzgesetz bedingen kann. Das
bedeutet: Eine altersbedingte Kündigung ist verboten.
Das Gesetz unterscheidet allerdings fein säuberlich
zwischen einer Kündigung und einer Befristung des
Arbeitsvertrags. Eine Befristung des Arbeitsvertrags
auf das 65. Lebensjahr bzw. auf das reguläre
Renteneintrittsalter ist danach erlaubt und findet sich
in vielen Tarif- und Arbeitsverträgen; sie ist nach § 41
SGB VI völlig in Ordnung. Nicht erlaubt waren
dagegen bislang Befristungen des Arbeitsvertrages,
die über das reguläre Rentenalter hinausgingen. Auch
der Ausweg, nach der Beendigung eines
Arbeitsvertrags einfach einen neuen befristeten
Arbeitsvertrag beim gleichen Arbeitgeber
abzuschließen, war für Ältere versperrt: Dafür sorgt
das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Danach ist im
Regelfall der Abschluss eines befristeten Vertrags
verboten, wenn vorher beim gleichen Arbeitgeber
bereits ein Arbeitsvertrag bestand.
Wenn ein Arbeitsvertrag im Rentenalter einfach
weiterläuft
Klar war damit bislang: Für Unternehmen war es ein
Risiko, ältere Arbeitnehmer mit Erreichen des
regulären Rentenalters einfach weiter zu beschäftigen.
Wenn sie sich dann später vom (älter gewordenen)
Arbeitnehmer trennen wollten, mussten sie mit einer
Kündigungsschutzklage rechnen – wie im Aufsehen
erregenden Fall eines damals 70-jährigen
Autoverkäufers, der gegen seine Kündigung Klage
einlegte und gewann: Das Paderborner Arbeitsgericht
sah in seinem Urteil vom 23.3.2006 die Kündigung als
unwirksam an (AZ. 3 Ca1947/05). Das Gericht
bewertete allein die gesetzlichen Sozialauswahl-
Kriterien Betriebszugehörigkeit, Lebensalter, etwaige
Unterhaltsverpflichtungen sowie ggf.
Schwerbehinderung und befand, dass der 70-jährige
Autoverkäufer einen höheren Schutz verdiene als seine
jüngeren Kollegen.
Was sich geändert hat
Die eher klare Trennung zwischen Arbeit und
Ruhestand wurde nun aufgehoben. Kurz vor
Toresschluss wurde am 21.5.2014 mit dem
Rentenversicherungs-Leistungsverbesserungsgesetz
noch folgender wichtige Satz in § 41 SGB VI
eingefügt: Sieht eine Vereinbarung die Beendigung
des Arbeitsverhältnisses mit dem Erreichen der
Regelaltersgrenze vor, können die
Arbeitsvertragsparteien durch Vereinbarung während
des Arbeitsverhältnisses den Beendigungszeitpunkt,
gegebenenfalls auch mehrfach, hinausschieben. In der
Gesetzesbegründung heißt es dazu: In der Praxis gibt
es Wünsche von Arbeitgebern und Arbeitnehmern,
auch nach Erreichen der Regelaltersgrenze und darauf
bezogener Beendigungsvereinbarungen
einvernehmlich das Arbeitsverhältnis für einen von
vornherein bestimmten Zeitraum rechtssicher
fortsetzen zu können.
Möglich werden soll damit die befristete Beschäftigung
über das reguläre Rentenalter hinaus. Klar ist damit
jedoch: Wenn während des
Beschäftigungsverhältnisses vor Erreichen des
regulären Rentenalters keine entsprechende
Vereinbarung geschlossen wird und ein Arbeitnehmer
dann im Rentenalter einfach zu den bisherigen
Konditionen weiterarbeitet, kommt ein ganz normaler
unbefristeter Arbeitsvertrag zustande. Für
Arbeitnehmer ist das wünschenswert, weniger jedoch
für Arbeitgeber.
Zunehmend mehr Beschäftigte jenseits der 65
188852 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ab 65
Jahren weist die aktuelle Beschäftigtenstatistik der
Bundesagentur für Arbeit aus. Fast die Hälfte von
ihnen ist vollzeitbeschäftigt. Die Zahlen stammen vom
September 2013. Im gab es erst gut 100000
sozialversicherungspflichtig beschäftigte Senioren.
Seitdem ist deren Zahl Jahr für Jahr gestiegen.
Neben den sozialversicherungspflichtig beschäftigten
Arbeitnehmern im Rentenalter gab es zuletzt noch
mehr als 800000 Mini-Jobber und viele Selbstständige
jenseits der 65. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt
ist die Seniorenerwerbstätigkeit in Deutschland
expandiert. Übrigens: Die Beschäftigtenstatistik zeigt,
dass auch die Beschäftigung jenseits der 75 zunimmt.
Immerhin 18152 sozialversicherungspflichtig
Beschäftigte waren zuletzt bereits mindestens 75
Jahre alt.
Informationen zu den Sozialversicherungsbeiträgen bei
Berufstätigkeiten im Alter, siehe die Geldtipps-News
Arbeit im Rentenalter: Das gilt in der
Sozialversicherung.
URL:
http://www.geldtipps.de/rente-pension-
altersvorsorge/gesetzliche-rente/weiterarbeit-im-
rentenalter-seit-juli2014-erleichtert

Tabelle Altersdiskriminierung

Grafik Arbeitssucht

AGG (Allgemeines
Gleichbehandlungsgesetz)

v. 2006, letzte Änderung 2013:


§ 10 Zulässige unterschiedliche Behandlung wegen
des Alters. Ein Service des Bundesministeriums der
Justiz und für Verbraucherschutz in Zusammenarbeit
mit der juris GmbH - www.juris.de
- Seite 4 von 11 -
Ungeachtet des § 8 ist eine unterschiedliche
Behandlung wegen des Alters auch zulässig, wenn sie
objektiv und angemessen und durch ein legitimes Ziel
gerechtfertigt ist. Die Mittel zur Erreichung dieses Ziels
müssen angemessen und erforderlich sein. Derartige
unterschiedliche Behandlungen können insbesondere
Folgendes einschließen:
1. die Festlegung besonderer Bedingungen für den
Zugang zur Beschäftigung und zur beruflichen Bildung
sowie besonderer Beschäftigungs- und
Arbeitsbedingungen, einschließlich der Bedingungen
für Entlohnung und Beendigung des
Beschäftigungsverhältnisses, um die berufliche
Eingliederung von Jugendlichen, älteren Beschäftigten
und Personen mit Fürsorgepflichten zu fördern oder
ihren Schutz sicherzustellen,
2. die Festlegung von Mindestanforderungen an das
Alter, die Berufserfahrung oder das Dienstalter für den
Zugang zur Beschäftigung oder für bestimmte mit der
Beschäftigung verbundene Vorteile,
3. die Festsetzung eines Höchstalters für die
Einstellung auf Grund der spezifischen
Ausbildungsanforderungen eines bestimmten
Arbeitsplatzes oder auf Grund der Notwendigkeit einer
angemessenen Beschäftigungszeit vor dem Eintritt in
den Ruhestand,
4. die Festsetzung von Altersgrenzen bei den
betrieblichen Systemen der sozialen Sicherheit als
Voraussetzung für die Mitgliedschaft oder den Bezug
von Altersrente oder von Leistungen bei Invalidität
einschließlich der Festsetzung unterschiedlicher
Altersgrenzen im Rahmen dieser Systeme für
bestimmte Beschäftigte oder Gruppen von
Beschäftigten und die Verwendung von Alterskriterien
im Rahmen dieser Systeme für
versicherungsmathematische Berechnungen,
5. eine Vereinbarung, die die Beendigung des
Beschäftigungsverhältnisses ohne Kündigung zu einem
Zeitpunkt vorsieht, zu dem der oder die Beschäftigte
eine Rente wegen Alters beantragen kann; § 41 des
Sechsten Buches Sozialgesetzbuch bleibt unberührt,
6. Differenzierungen von Leistungen in Sozialplänen im
Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes, wenn die
Parteien eine nach Alter oder Betriebszugehörigkeit
gestaffelte Abfindungsregelung geschaffen haben, in
der die wesentlich vom Alter abhängenden Chancen
auf dem Arbeitsmarkt durch eine verhältnismäßig
starke Betonung des Lebensalters erkennbar
berücksichtigt worden sind, oder Beschäftigte von den
Leistungen des Sozialplans ausgeschlossen haben, die
wirtschaftlich abgesichert sind, weil sie,
gegebenenfalls nach Bezug von Arbeitslosengeld,
rentenberechtigt sind.....“
Rentenperspektiven 2040

(Quelle:
http://www.gdv.de/2015/11/rentenperspektiven-2040-
die-studienergebnisse-in-kuerze/; Stand: 18.11.2015)
Die Studienergebnisse im Überblick
Die Studie „ Rentenperspektiven 2040 ″ hat die
individuelle Versorgung im Alter durch die gesetzliche
Rentenversicherung im Jahr 2040 berechnet –
aufgeschlüsselt nach bestimmten Berufsgruppen und
für alle 402 deutschen Kreise und kreisfreien Städte.
Die zentralen Ergebnisse der Studie, die von der
Prognos AG im Auftrag des GDV durchgeführt wurde,
haben wir auf dieser Seite zusammengefasst.
Die Rente 2040: Sie bekommen mehr – und haben
trotzdem weniger
Die gute Nachricht ist: Die Rentenanpassungen
werden im Durchschnitt hoch genug sein, um die
Inflation mehr als nur auszugleichen. Aber: Die Löhne
werden, wie schon in der Vergangenheit, schneller
wachsen als die Renten. Trotz eines spürbar
steigenden Beitragssatzes (von heute 18,7 Prozent auf
24 Prozent im Jahr 2040) sinkt das Bruttorentenniveau
daher von heute gut 46 Prozent auf 39 Prozent im
Jahr 2040. Die schlechte Nachricht ist also, dass die
Entwicklung der Renten nicht mit der Entwicklung der
Löhne schritthalten kann. Die Rente wird bei
anhaltend guter wirtschaftlicher Entwicklung in 25
Jahren daher zwar höher sein als heute – aber im
Verhältnis zu den zuvor verdienten Einkommen wird
sie deutlich niedriger ausfallen.
Die Regionen entwickeln sich sehr unterschiedlich –
und so auch die Rente
• Die Region macht einen Unterschied!
Wertschöpfung, Erwerbstätigkeit und
Arbeitslosigkeitsrisiko driften zwischen den Regionen
spürbar auseinander – und damit auch die
Rentenansprüche, die ein Arbeitnehmer erwerben
kann.
• Überdurchschnittlich hohe Renten werden in
Zukunft vor allem in wachstumsstarken Kreisen sowie
den angrenzenden Landkreisen gezahlt –
beispielsweise in Bayern, Hamburg und weiten Teilen
Baden-Württembergs. Umgekehrt sind die
Rentenansprüche, die in wachstumsschwachen
Regionen wie zum Beispiel Ostdeutschland erworben
werden, deutlich geringer.
• Entscheidend ist aber nicht nur die Höhe der
Rente, sondern auch, was man sich tatsächlich dafür
leisten kann. Auch hier ermittelt Prognos erhebliche
regionale Unterschiede. Im teuren München ist der
Renteneuro zum Beispiel 23 Prozent weniger Wert als
im Bundesdurchschnitt, während man in Holzminden
16 Prozent sogar mehr bekommt.
• Die „wirtschaftlichen Kraftzentren" der Republik,
also Kreise mit hoher Wertschöpfung, Zunahme der
Erwerbstätigkeit, starker Einkommensentwicklung und
niedriger Arbeitslosigkeit, bieten gute
Voraussetzungen, um hohe Rentenansprüche zu
erwerben. Sie sind aber weder heute noch in Zukunft
die besten Orte zum Leben für Rentner, weil die Rente
hier weniger „kaufen" kann. Dies gilt vor allem für die
Metropolen wie München und Hamburg, die im
Bundesvergleich trotz – oder vielmehr: wegen – ihrer
großen Wirtschaftskraft die niedrigste Rentenkaufkraft
ausweisen.
• Umgekehrt kann die höhere Kaufkraft auch den
Nachteil niedriger Renten ausgleichen. So
unterscheidet sich die Rentenkaufkraft eines
Ingenieurs im wachstumsschwachen Schwerin kaum
von der seines Kollegen in Hamburg – obwohl er
eigentlich über 400 Euro weniger Rente erhält.
• Das „Rentnerparadies" der Zukunft dürfte in
Bayern nahe der tschechischen Grenze zu finden sein.
Die Region profitiert einerseits vom starken
Wirtschafts- und Gehaltswachstum – teilweise auch,
weil Arbeitnehmer aus diesen Kreisen in nahegelegene
Wachstumsregionen einpendeln – und haben
andererseits sehr niedrige Lebenshaltungskosten. Ein
Elektroinstallateur aus dem Landkreis Hof hat deshalb
eine um über 50 Prozent höhere Rentenkaufkraft als
sein Kollege in München.

Die Bedeutung der Berufswahl


• Die Höhe der gesetzlichen Rente folgt der Höhe
des sozialversicherungspflichtigen Einkommens und
der Länge der Erwerbsbiographie. Ein Beruf mit
niedriger Entlohnung und erhöhtem
Arbeitslosigkeitsrisiko führt darum zu niedrigeren
Renten.
• Die Erziehung von Kindern führt tendenziell zu
einer geringeren Rente. Zwar kompensieren
vorteilhafte Regeln im Rentenrecht einen Teil des
Verlusts. Die häufig eingeschränktere Möglichkeit, auf
dem Arbeitsmarkt aktiv zu werden, wirkt sich jedoch
über geringere Zahl von Arbeitsstunden und geringere
Lohnhöhe auf die Versorgung im Alter aus.
• Für Versicherte mit hohem Einkommen oberhalb
der Beitragsbemessungsgrenze deckt die gesetzliche
Rente nur einen Teil des Einkommens ab. Zudem sind
für solche Berufe häufig längere Ausbildungszeiten
erforderlich. Beide Effekte schlagen sich – trotz
vergleichsweise hoher absoluter Rente – in einem
niedrigen Brutto-Rentenniveau nieder.
• Auch eine starke „Karriereorientierung“
(steigendes Verhältnis zwischen versichertem Lohn
und Durchschnittslohn) führt zwar zu höheren
absoluten GRV-Renten. Das Brutto-Rentenniveau ist
jedoch tendenziell geringer als bei Versicherten ohne
Karriere.

Die Rente 2014: Ausgeprägtes Ost-West-Gefälle


• Gemessen an der Höhe der gesetzlichen Rente
und deren Kaufkraft liegen die heutigen
„Rentnerparadiese“ tendenziell in Ost-Deutschland:
Der Oberspreewald-Lausitzkreis weist mit 1.137 Euro
(gemessen in Euro des Jahres 2014) die höchste
Rentenkaufkraft auf; den höchsten West-Wert erreicht
Recklinghausen mit 1.035 Euro. Die niedrigsten Werte
erreichen im Westen der Kreis Nordfriesland mit 632
Euro Rentenkaufkraft und im Osten die Stadt Berlin
(909 Euro) und der Kreis Vorpommern-Rügen (933
Euro).
• Die Rentenkaufkraft ist heute in Ost-
Deutschland nicht nur höher, sondern auch
gleichmäßiger verteilt. So beträgt die Spanne zwischen
dem höchsten und dem niedrigsten Wert in Ost-
Deutschland 228 Euro – im Westen sind es hingegen
403 Euro.
• Im Durchschnitt werden in Ostdeutschland 1.020
Euro gezahlt, in Westdeutschland 833 Euro. Der
Unterschied erklärt sich vor allem durch die höhere
Erwerbsbeteiligung von Frauen zu DDR-Zeiten.

Über die Studie: Was wurde gerechnet?


Prognos berechnet die individuelle Versorgung im Alter
aus der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Im
Einzelnen umfasst dies:
• die Rentenhöhe (in Preisen des Basisjahres
2014)
• die Höhe des Durchschnittsverdienstes der
letzten 5 Jahre (in Preisen des Jahres 2014)
• das Brutto-Rentenniveau (vor Steuern und
Sozialabgaben) im Vergleich zum durchschnittlichen
Einkommen der vergangenen fünf Jahre
Dabei differenziert Prognos nach:
• unterschiedlichen Berufsgruppen
• unterschiedlichen Regionen (Kreisebene)
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Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Peter Breughel, Schlaraffenland


Abbildung 2: Arbeitslose Wanderarbeiter (Hoboes)
Abbildung 3: In der Wirtschaftskrise nach 1929 sind
Mio. Menschen arbeitslos
Abbildung 4: Arbeitslosigkeit hat auch Gesichter
Abbildung 5: Motto eines jeden Concentration Camps
Abbildung 6: Die deutsche Sozialversicherung à la
Bismarck
Abbildung 7: So schnell sinken die Renten
Abbildung 8: Pensionen steigen 10-mal schneller als
Renten
Abbildung 9: Was macht der deutsche Rentner
morgens um acht Uhr
Abbildung 10: Katharina Vidmar, 70, berufstätig
Abbildung 11: Paolo Annunciata, 65, berufstätig
Abbildung 12: Suad Cengic, 75, berufstätig
Abbildung 13: Der Wissenschaftler als Schelm
Abbildung 14: ACTIEF 65plus. Arbeitsvermittlung für
Senioren 65plus.
Abbildung 15: 67-jährige Münchnerin als 'Granny
Aupair'
Abbildung 16: Auszug aus: Diane Fassel, Wir arbeiten
uns noch zu Tode
Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Anja Ettel, Jeder zweite Deutsche will vor 60


in Rente gehen
Tabelle 2: Rentenalter in 27 EU-Staaten
Tabelle 3: Statistik Ehrenamtliche 2014 – Überblick
Tabelle 4: Renteneintrittsalter – Stufung bis 2029
Themennahe Kinofilme

ZDF, 2030 – Aufstand der Alten (2007):

Zum Inhalt: Eine Nachrichtensondersendung meldet


am 12. September 2030: Die Bundesregierung tritt
unter Verweis auf die „M-Faktor-Affäre" geschlossen
zurück. Anschließend folgt ein Rückblick auf die
Ereignisse, die zu dieser Entscheidung geführt haben.
Die junge investigative Journalistin Lena Bach will
einen mörderischen Skandal um alte Menschen
aufdecken. In dieser fiktiven Zukunft lebt ein Drittel
der Rentner unterhalb der Armutsgrenze. Viele Alte
müssen betteln. Seit 2015 gibt es häusliche Pflege nur
noch für Wohlhabende. Seit 2019 steht „freiwilliges
Frühableben" im Leistungskatalog der skizzierten
Krankenkassen.
Ein verzweifelter Rentner, Sven Darow, hat ein halbes
Jahr zuvor den Vorstandsvorsitzenden des Wellness-
Konzerns Prolife vor laufender Kamera als Geisel
genommen und will ihn zu einem Geständnis über
einen M-Faktor zwingen. Eine Handgranate explodiert.
Von wem und warum sie gezündet wurde, bleibt
unklar. Orte der Handlung sind auch eine
Massenunterkunft für verarmte Senioren und eine
skurrile Alten-WG in einem verlassenen Dorf in
Brandenburg. Darow erstellt für einen Internet-
Senioren-Sender Recherchen über die 30 Prozent
verarmter Alter, die es damals (2027) gibt.
Rentner Darow schloss sich dann im Jahr 2028 dem
„Kommando Zornige Alte" an, die bei einer
Protestaktion in der Kurstadt Baden-Baden
Silikonkissen und Fettbeutel auf flanierende
wohlhabende Senioren warfen. Auch einige
Banküberfälle sollen auf das Konto der „Zornigen
Alten" gegangen sein. Die Journalistin trifft Senioren,
die sich aufgrund eines unerwarteten Geldsegens
dringend notwendige Operationen leisten konnten.
Inzwischen wurde das „Altenproblem" relativ elegant
gelöst: Mit dubiosen Drückermethoden werden immer
mehr alte Menschen in Billigheime nach Afrika gelockt.
Doch auch dort gilt: Wer keine Rücklagen hat, kann
sich mit der Grundrente zwar die Unterkunft, nicht
aber eine ausreichende medizinische Versorgung
leisten. Bach entdeckt schließlich, wo die kranken und
zum Teil „bettlägerigen" Senioren hingebracht werden
und schleicht sich nachts auf das eingezäunte
Gelände.
Auf dem Gelände entdeckt sie, dass die Kranken in
riesigen Bettenlagern in einer Zeltstadt, mit
Flüssigkeitsschläuchen ernährt und mit
Beruhigungsmitteln aus riesigen Tanks ruhiggestellt, in
einen Dämmerzustand versetzt werden und nur noch
vor sich hinvegetieren. Bach alarmiert die Behörden,
die Sache fliegt auf und wird publik. Die
Gerichtsverhandlung in Deutschland droht zu
scheitern, als immer wieder Zeugen ums Leben
kommen oder „verschwinden". Schließlich hilft doch
ein Vorstand von Prolife, der nach Brasilien geflüchtet
ist. Er spielt Bach ein Video zu, das beweist, dass die
Unterbringung der Senioren in den Lagern mit Wissen
und im Auftrag der Bundesregierung stattfand. Weil
der Staat die Renten nicht mehr bezahlen kann, hat er
gemeinsam mit Konzernen nach einer Lösung gesucht,
Rentnern mit einer Minimalversorgung das Überleben
zu sichern. Nach einer Gesetzesänderung überwies der
Staat schließlich den Rentenrestbetrag für einzelne
Rentner an Prolife, die damit die Versorgung angeblich
garantierte. Nach Aufdeckung dieser Hintergründe tritt
die Bundesregierung geschlossen zurück, weil sie vor
der empörten Öffentlichkeit die politische
Verantwortung zu tragen hatte. Quelle: Wikipedia

ZDF, 2030 – Aufstand der Jungen (2011)

Zum Inhalt: In Berlin im Jahre 2030 wird der junge


Tim Burdenski schwer verletzt auf dem
Gendarmenmarkt aufgefunden. Nach einem Notruf
durch eine Taxifahrerin wird er in ein Krankenhaus
eingeliefert, stirbt aber trotz einer verspätet
eingeleiteten Notoperation. Die Journalistin Lena Bach
beginnt zu recherchieren, da der 30-Jährige als eines
von zehn sogenannten „Millenniumskindern" seit
seiner Geburt am 1. Januar 2000 in einer
Langzeitdokumentation von einem Fernsehteam
begleitet wird. Alle entstammen der Mittelschicht.
Die Staatsanwaltschaft teilt der Öffentlichkeit mit, dass
er beim Versuch, in das stark geschützte nationale
Datenregister einzudringen, erwischt und bei der
Flucht von einem SEK erschossen wurde. Tims
langjährige Freundin Sophie Schäfer, ein weiteres
Millenniumskind, behauptet dagegen, dass Tim gar
nicht tot sei und sie einen Anruf von ihm erhalten
habe. Nachdem Lena erfährt, dass die Leiche ohne
Obduktionsbericht eingeäschert werden sollte,
beschließt sie weiter zu ermitteln und anhand einer
Dokumentation ein Bild von Tims Leben zu machen.
Dabei stößt sie zusammen mit Sophie auf weitere
Ungereimtheiten. Entgegen der Darstellung im
Fernsehen lebte er offenbar in bedrückender Armut
und war hochverschuldet.
Tim konnte sich trotz Begabung sein Kunststudium
nicht leisten und hatte als Grafikdesigner zunächst
eine Festanstellung, wurde aber wie viele andere
betriebsbedingt gekündigt und hielt sich mit
Nebenjobs über Wasser. Aus Scham verschwieg er
seine Mittellosigkeit und geriet in Schulden, nachdem
seine Großmutter zum Pflegefall wurde und die Familie
einen großen Teil der Pflegekosten tragen musste.
Nach der Finanzkrise ab 2007 wurden seit 2015 von
der Bundesregierung die meisten Sozialleistungen
drastisch gekürzt, der Generationenvertrag aufgelöst
und die staatliche Rente abgeschafft sowie das
Renten-, Pflege- sowie Krankenkassensystem
weitgehend privatisiert. Ferner wurden
Studiengebühren deutlich erhöht und eine nationale
Datenbank mit persönlichen Informationen über alle
Bürger angelegt. Privatinsolvenzen wurden nicht mehr
ermöglicht und so zahlreiche Menschen in die
Illegalität getrieben.
Auf der Suche nach Tim entdecken Lena und Sophie
ein im Internet veröffentlichtes Handyfoto, das ihn in
dem Berlin-Schöneberger Ghetto „Höllenberg" zeigt,
und erhielten damit einen Beweis, dass Tim am Leben
ist. Das Viertel, in dem sich die von Vincent Fischer
gegründete Initiative „Hoffnungstal" befindet, ist von
bitterer Armut und Kriminalität geprägt, bestehend
aus Menschen der verarmten Mittelschicht. Bei der
Initiative handelt es sich um Menschen am Rande der
Illegalität, die dem Staat den Rücken gekehrt haben
und durch Nachbarschaftshilfe und Eigeninitiative den
nicht mehr funktionierenden Sozialstaat ersetzen
wollen. Als Krankenhauspfleger verhilft Fischer unter
anderem aufgrund des unsozialen Gesundheitssystems
verschuldeten schwerkranken Patienten zu fingierten
Totenscheinen, damit diese untertauchen können. Als
Fischer auf der Flucht vor der Polizei getötet wird,
kommt es zu sozialen Spannungen in den verarmten
Teilen der Bevölkerung und heftigen tagelangen
Krawallen, die sich auf ganz Deutschland ausbreiten
und von der Polizei gewaltsam beendet werden.
Lena und Sophie bekommen zuletzt einen Hinweis auf
Tims Aufenthaltsort. Die mit Tim verheiratete Paula ist
schwer an Krebs erkrankt und wird in einer illegalen
Klinik behandelt, nachdem sie Jahre zuvor nach einem
Gentest über die persönliche Wahrscheinlichkeit
künftiger Erkrankungen einen günstigeren Tarif
wählte, woraufhin die Krankenkasse die kostspielige
Therapie jetzt als nicht vom Versicherungsumfang
umfasst verweigert. Trotz einer Verlegung verstirbt sie
schließlich. Tim versuchte trotz großer Gefahr ihre
Daten zu manipulieren, täuschte seinen Tod vor und
ging in den Untergrund. Am Ende stellt sich Tim der
Polizei und wird zu einer zweijährigen
Bewährungsstrafe wegen versuchter
Datenmanipulation verurteilt.
Quelle: WIKIPEDIA

Zum Autor

Als ehemaliger technischer Offizier der Bundeswehr


(Ingenieurwissenschaft Elektrotechnik) und späterer
Hochschullehrer und Sozialwissenschaftler der
Universitäten München (LMU) und Bamberg wechselte
Dr. Ulrich Probst nach Promotion und Vertragsende
1984 in den Journalismus.
Das Handwerkszeug des Journalisten eignete er sich in
Lokalredaktionen von Regionalzeitungen, in einer
Industrie-Redaktion und einer Fachredaktion des IDG-
Verlages an.
Den letzten journalistischen Schliff erhielt er ab 1988
durch Josef Sickinger, dem von vielen geschätzten,
ehemaligen Pressechef und Leiter der Presse und
Öffentlichkeitsarbeit der Messe München GmbH. Mit
ihm arbeitete er bis zu dessen Erkrankung und
vorzeitiger Pensionierung im Jahre 2000 engstens als
Pressereferent für Weltmessen der Elektrotechnik und
Informatik zusammen. 1999 holte ihn die
Schwestergesellschaft GHM als Pressesprecher und
Pressechef zur Gesellschaft für Handwerksmessen.
Ende 2007 verließ Dr. Probst die Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit des Messekonzerns Messe
München International (MMI).
Als Spezialist für Messe-Marketing und Vertriebs-PR
wurde er von Jahr 2004 bis 2009 als Lehrbeauftragter
für Marketing-Kommunikation an die Ludwig-
Maximilians-Universität berufen. Seither betätigt er
sich vorwiegend als Buchautor und Serien-Schreiber.
Zu seinen Spezialgebieten zählen Personen- und
Firmenporträts sowie Arbeitsthemen der sogen.
Politischen Soziologie, Politischen Ökonomie und
Politischen Ökologie.
Mailto: u.probst@gmx.de