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Ironie: Die Tyrannei des Unernsten (neues-deutschland.de) 17.03.

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neues-deutschland.de / 13.03.2021 / Seite 9

Die Tyrannei des Unernsten


Der Ironiker ist der Wiederkäuer des Status quo -
eine Abrechnung.
Marlon Grohn

Lange vorbei ist die Phase, in der zumindest ein Teil


der Menschheit wusste, dass Ironie immer
Kompensation, Ausrede und Trick bedeutet. Das
Trickreiche an ihr ist: Sie erlaubt ihren Anwendern, die
Wahrheit auszusprechen, jedoch ohne diese als wahr
anerkennen zu müssen. Das ist der wichtigste Effekt,
den sie für die Psychohygiene des Einzelnen hat. So ist
die Ironie beliebt als Mittel des Abblockens - von
Angriffen ebenso wie von Erkenntnissen. Ironie
verhindert, dass wirklich etwas geistig aufgenommen
Im Funland ist es einfach. Doch wer nie
wird, alles bleibt dank ihr bloß äußerlich. Man kann
ernsthaft spricht, wird auch nichts
verändern. sich mit der Ironie die Realität komfortabel vom Hals
halten.
Foto: Gabin allanwood/unsplash
Ironie ist die Unfähigkeit zum Austausch mit der Welt
unterm Deckmantel der Kommunikation und ist
deshalb in ihren primitivsten Formen einfach das Mahnmal von gelungener Selbstverblödung. Einem Menschen, der
stets unernst bleibt, ist es möglich, ständig in fremden Zungen zu sprechen, seiner intellektuellen Not schnell und
einfach Abhilfe zu verschaffen, ohne sich dabei wirklich in den Ernst der Welt mit all ihren furchtbaren
Konsequenzen begeben zu müssen. Das Furchtbare überlässt man lieber den Denkenden, also Unironischen, deren
Botschaft übers Reale man, personifiziert zum Charakterfehler, mit diesem identifiziert. Dem Ironiker ist alles bloß
Spiel, aber dieses ist ihm todernst.

Man kann mit der Ironie gar dem Gegner Recht geben, aber nur augenzwinkernd, also hinterhältig, geheuchelt. So
kann man gleichzeitig angreifen, aber auch nett sein und überhaupt zur Not später alle vorigen Äußerungen zum

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Ironie: Die Tyrannei des Unernsten (neues-deutschland.de) 17.03.21, 19*32

Ausdruck so nicht Gemeinten umetikettieren. Man braucht sich so nie festzulegen, außer darauf, immer bei denen
mitzublöken, die sich nie festlegen. Ironie, das ist die zur grundlegenden Gesinnung kultivierte Denkfeindschaft.
Klar ist, ein solch fragiles Gerüst wird irgendwann in sich zusammenbrechen. So beruft der Ironiker im Endstadium
sich aufs Grundgesetz oder fragt direkt beim Bundesministerium nach Hilfe. Irony won't feed your children, das
weiß auch der Schmunzelkolumnist.

Die Ironie soll den Eindruck von Souveränität vermitteln, so als wäre der sie Verwendende ein besonders
unabhängiger Geist. Doch die Unabhängigen, das sind die Abhängigsten, in diesem Falle von den Spielregeln der
ironischen Haltung. Doch ist die Ironie gar keine Haltung, sondern bloßer Reflex, reine Form, der es auf Inhalt nicht
ankommt. Ihr kann schlicht jeder Inhalt zum Opfer fallen, aus allem Substanziellen macht sie bloßes
Verwertungsmaterial. Sie hat keinen Gehalt, sie macht sich selbst zu diesem. So wird alles ironisch, also
selbstbezüglich, und die Tatsachen der Welt werden nicht mehr verarbeitet, sondern unverarbeitet an die Welt
zurückgegeben. Der Ironiker ist der Wiederkäuer des Status quo.

Die Ironie ist also nichts Witziges oder Souveränes oder Großzügiges. Sie ist ein gesellschaftliches Verhältnis, ein
Verhältnis zwischen Menschen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Elends gehen in die Breite, und die
Flurschäden, die durch das Ironische im Bewusstsein angerichtet wurden, sind wohl für Generationen irreparabel.
Denn die Ironie hat sich schon so weit hineingefressen in die Menschen, dass sie längst keine nebensächliche
Marotte irgendwelcher Dandys und anderer Drübersteher mehr ist.

Ironie ist längst Alltagstotalität, eine Matrix, der schwer zu entkommen ist. Nicht bloß Satire-Magazin-Redaktionen
oder TV-Clowns vom Dienst haben durch sie ihr sicheres Auskommen. Ironie ist zur Volksbewegung geworden, die
längst nicht nur das Halbbildungsbürgertum oder die Caféhaus-Quartalsliteraten erfasst hat, sondern so weit um
sich greift, dass naive Bauern und ehrliche Proletarier sie wie selbstverständlich anwenden. Rief eine ironische
Aussage früher noch Verwunderung hervor und war provokativ, ist es inzwischen Provokation, nicht ironisch zu
sein. Heute, in Zeiten, wo niemand mehr der Maske der Ironie entbehren kann, muss einer sich für Redlichkeit
rechtfertigen, nicht für das Aufziehen einer ironischen Maske.

Gepaart mit einer über alle Sphären greifenden Geistesverfassung, in der schmunzelige Sprücheklopferei oder
augenzwinkerndes Gekalauere zum guten Ton gehören, ist die Ironie zur derzeit führenden Ideologie der
Gegenaufklärung geworden. War sie einst Merkmal von Stärke, der das Elend der Welt nicht viel anhaben konnte,
ist sie heute Ausweis der Schwäche von rund um die Uhr in ihren Verdrängungs- und Verteidigungskokons
gefesselten Individuen. War sie früher Verachtung des gültigen Schlechten, ist sie nun selbst die schlechte, gültige
Währung der Zeit.

So wird die Selbstverständlichkeit des ironischen Habitus und mit ihr das Einfordern von Selbstironie zum
Politikum: Wo nichts mehr ernst gemeint wird, hat, wer es ernst meint, nichts mehr zu lachen. Zur politischen
Misere wird das, weil die Ironie die Erwartungen formt: Wer keinen Ernst mehr erwartet, also die Wirklichkeit und
die Möglichkeit des Wahren von vornherein ausschließt, muss auch keine Veränderung fürchten. Auch nicht einfach
ist das für jene, die trotzdem Humor haben, weil von ehemals 137 Arten des Humors überhaupt nur noch eine
Handvoll geblieben ist. Wer nicht mehr fähig ist, beim Humor zu differenzieren, sieht überall bloß Ironie. Das
Humorartensterben ist eines unter vielen Niedergangsphänomenen in bürgerlichen Gesellschaften, das der
dringenden Abstellung bedarf. Zu befürchten ist, es gibt bald keine andere Humorart außer der Ironie - also gar
keine mehr. Denn Ironie ist längst kein Humor mehr, sondern Verzweiflung, die sich wohlfühlen kann. Für die

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Vernunft ist es also an der Zeit, den Ironieschutt endlich abzutragen.

Die Integrität der Person, also die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Einzelnen ist das nie eingehaltene
Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft an ihre Mitglieder. Dieses Versprechen darf sie sich weiter auf die
Fahnen schreiben, denn längst sorgt die ironische Einstellung zur Welt und zu sich selbst dafür, dass weder Welt
noch Selbst in anderem Lichte wahrgenommen werden können. So ist am Ende jeder sein eigener Parodist. Die
Ironie ist der Trick, der sich gegen den Zauberer selbst gewendet hat, die Maske, die sich nicht mehr abschminken
lässt: Dem ironischen Bewusstsein folgt das ironische Wesen und die ironische Menschheit, so dass Integrität und
Würde nur noch für jene gelten, die ironisch leben. Doch ironisches Leben, das ist das Verweigern des
Sterbenlernens - es ist kein einfacher Trick mehr, sondern Feindschaft gegenüber dem Leben selbst, und als erstes
gegenüber dem eigenen.

Was erwirkt werden müsste, wäre schlicht: Ironie verbieten. Und zwar ausnahmslos. Den Leuten wird man sagen:
Ihr dürft wirklich alles machen, wollen und reden. Aber unter einer Bedingung: Ihr müsst es ernst meinen, und zwar
immer. Die Welt wäre gerettet.

Im Verlag Das Neue Berlin ist kürzlich das Buch »Hass von oben, Hass von unten: Klassenkampf im Internet« von
Marlon Grohn erschienen.

Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1149449.ironie-die-tyrannei-des-unernsten.html

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