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NUESTRO TIEMPO
EIN FILM VON CARLOS REYGADAS
Juan ist Farmbesitzer und als Schriftsteller hoch angesehen. Gemeinsam mit bedeutet es etwas wie: „Das, was man nicht Es geht nicht um Idyllik. Zwischen-
seiner Frau Ester führt er ein glückliches Familienleben mit zwei Kindern auf ändern kann, indem man bloß anders drüber durch bricht durch die gebotene Schönheit eine
einem großen Anwesen im Norden Mexikos. Ester und Juan haben seit längerem denkt oder redet“. der brutalsten Actionszenen des neueren Wes-
eine offene Beziehung verabredet. Als Ester auf einer Party dem gemeinsamen ternkinos: Ein Stier rastet aus, Menschen bewer-
Freund Phil Avancen macht, ermutigt Juan sie, ihrem Begehren zu folgen. Womit In diesem Sinn spricht man zum fen ihn von ihrem Karren aus mit Heuballen, er
er jedoch nicht gerechnet hat, ist seine immer größer werdende Eifersucht. Beispiel von der „Natur der Sache“ bei Gerichts- massakriert derweil ihr Zugtier. Reygadas insze-
Es beginnt eine Spirale von Zweifeln und unterdrückten Leidenschaften. Juan gutachten oder Vertragsverhandlungen. Das, niert das Drastische aufmerksam; in BATALLA EN
muss sich seine Schwächen eingestehen und beginnt eine schmerzhafte Arbeit was menschliche Meinungen nicht formen können, EL CIELO (2005) zum Beispiel beschädigt er
am eitlen Selbstbild des gehörnten Ehemanns… wollen viele auf andere Art zähmen, etwa mittels lebendes Fleisch so grundsätzlich, dass den
strategischer Unterwerfung („Nature, to be Filmen von David Cronenberg daneben fassungs-
Regisseur Carlos Reygadas (STELLET LICHT, JAPÓN, BATTLE IN HEAVEN), der commanded, must be obeyed“ schrieb Francis los die Münder offenstehen. Sagte ich „das
zusammen mit seiner Ehefrau Natalia López in die Rolle des Ehepaars Ester Bacon) oder mittels Lob: „Ein Naturtalent!“ und Drastische“? Sagte ich „Western“? Aber NUE-
und Juan schlüpft, untersucht in seinem neuen Spielfilm die Grenzen einer „Das kann man nicht lernen, das muß angeboren STRO TIEMPO spricht zart, etwa mit Kinderstim-
romantischen Zweierbeziehung. Eingefangen in den großartig komponierten sein!“, so hörte ich einmal ein Rudel Kritiker im men beim Erzählen einer Erinnerung, beim
Breitwandbildern des innovativen Kameramanns Diego Garcia, findet der Film Theaterfoyer rufen, als eine junge Schauspielerin Nachdenken über den Tod. In dieser Poesie
einen faszinierenden Erzählton zwischen schonungsloser Autofiktion und ihr Debüt mit allen Mitteln der Verstellung, behandelt der Film jedoch Westerngrundfragen
mythischen Naturbildern. Übertreibung und faustdicken Lüge zum Strahlen von Faustrecht und kosmischer Ordnung, inklusi-
gebracht hatte. Was auf der Bühne mit dem Hirn ve Duell (mit Hörnern statt mit Pistolen).
vollbracht worden war, schrieben die Jungs den
Genen gut. Es gibt Menschen, die glauben, die Die Heldin, von der schon die Rede war,
Formel „Mutter Natur“ lasse sich umkrempeln zu steht zwischen zwei Männern, dem mexikani-
„Naturwesen Mutter“ und verschärfen zu „Natur- schen Viehzüchter Juan und dem aus den USA

Dem Herzen wahrzeichen Frau“. Einem Lebewesen soll damit


etwas, das es kann, aber auch lassen könnte, das
Kinderkriegen, als Bestimmung ausgelegt werden.
stammenden Ranchfacharbeiter Phil. In einer der
ersten Szenen, die Reygadas ihr gönnt, steigt sie
vom Pferd, direkt vor der Sonne. Ihr Leib kreuzt

die Sporen geben Dabei hat vermutlich niemand je von einem Mann,
der einen starken Bart- und Haarwuchs hat,
gesagt: Er gibt Wolle, wir wollen ihn regelmäßig
das Gestirn im Absteigen, als käme sie dort her.
Die Männer sind nicht einfach Rivalen, sie
fraternisieren auf seltsame Art: Einer mailt dem
scheren! anderen, er hätte dessen Einwilligung erbitten
VON DIETMAR DATH sollen, bevor er sich mit dessen Frau einließ, und
Dumme denken: Die Frau ist der Bauch, der andere sieht’s genauso.
der Mann ist der Kopf, die Frau ist Gefühl, der
Mann ist Verstand, die Frau ist der Gewinn und Der Amerikaner („witzig für einen
Die Frau sitzt im fahrenden Auto, der der Mann der Gewinner. In NUESTRO TIEMPO Gringo“, findet Ester), gespielt von Phil Burgers,
Platzregen prasselt, Männer reiten auf Pferden, dagegen steht die Frau im gleichen Abstand ist ein bisschen platt, aber romantisch, der
die laufen neben dem Wagen her. Die Kamera zwischen Natur und Zivilisation. Weiblichkeit ist Viehzüchter dafür kein Grobian, sondern jemand,
sucht die Nähe der Frau, sie will wissen, wie Ester hier weder angeboren noch ausgedacht, sondern der zum Cowboyhut eine getönte Brille trägt, die
– unglaublich, wie Natalia López alle ihre Nerven etwas Drittes, sagen wir: eine Kunst (für Schwer- eher ins Literaturhaus gehört – er ist ja auch
dieser Rolle zur Verfügung stellt – hörige, die diese Botschaft nicht empfangen Lyriker. Der Regisseur selbst spielt ihn, der auch
die Szene erlebt. Während sich also der Apparat, wollen, haut eine Frau in einer der stärksten seine leibhaftigen Kinder vor die Kamera stellt,
der filmt, sozusagen in Esters Sicht der Dinge Szenen des Films so virtuos wie kraftvoll auf die mit einleuchtendem Effekt, wenn auch nicht so
eindreht, tauschen Pferde und Auto die metaphy- Kesselpauke). magisch wie in POST TENEBRAS LUX (2012).
sischen Plätze: Das fahrende Ding wird zu einem Dieser Cowboy hat peinliche Auftritte, schlechten
Lebewesen, das eine Laune hat, die Musik heisst Der Menschenzustand, mit dem Handy-Empfang und keinen guten Draht zum
(wir hören Motorengeräusche, aber auch die NUESTRO TIEMPO beginnt, ist der Natur recht Pferd, das sich aufregt, wenn er es beruhigen will
„Carpet Crawlers“ von Genesis), und umgekehrt nah, nämlich kindlich, aber nicht voraussetzungs- (Phil kann das besser). Als Ehemann blamiert er
scheinen die Pferde Maschinen zu sein, die los: Die Mädchen reden von ihren Eltern, und die sich fortwährend an seiner Frau Ester, man sieht
schnell laufen können, Dank der finsteren Fabrik sind keine Jäger und Sammlerinnen, sondern es schon, als er anfangs ihren Arm greift, während
„Variation und Selektion“, deren Arbeitsweise bauen etwa „Solaranlagen für die Industrie“. sie, das Funkgerät in der Rechten, ins weite Land
Darwin entdeckt und erklärt hat. Es geht in den Kleine Leute kämpfen um ein Gummifloß, nicht ausschreitet, rechts von sich ihre späte Sonne,
drei Stunden von NUESTRO TIEMPO um solche eindeutig nach Geschlechtern sortiert. Dann Wind im Haar. Da lässt er los, und kurz steht sie
Verhältnisse zwischen Natur und Nichtnatur, etwa finden zwei Jugendliche einander, küssen sich, allein in der Bildmitte: eine sehr große Tafel,
in einem Reisetagebuch, in Hirschleder gebun- spielen Erwachsenwerden und reden miteinander extreme Breitwand, ein Kontrapunkt zum klaus-
den, auf dessen Seiten ein Naturkundler – sein wie aus dem Schlaf. So sprechen auch die trophobischen Quasiquadrat von POST TENEBRAS
Name ist Carlos Reygadas, er hat Regie geführt Landschaften hier oft: Getrockneter Lehm ist LUX und ein Versuch, das Bildganze einer Person zu
– bei seinen Beobachtungen plötzlich zu etwas aufgeplatzt, später flüstert der Regen auf ihm. schenken, um die NUESTRO TIEMPO dann kämpft.
sehr Unnatürlichem wird, zum Dichter nämlich.
Wo die Wolken erröten, weil sie spüren, dass die
unberechenbare Nacht kommt, wird der Rücken
des Stiers zum Berg.
DIETMAR DATH ist Science-Fiction-Schriftsteller (u.a. „Die
Gebraucht man das Wort „Natur“ ein Abschaffung der Arten“, „Der Schnitt durch die Sonne“),
bisschen abstrakter als diejenigen, die damit nur Publizist, ehemaliger Chefredakteur des Popkulturmagazins
irgendwelche Blumen, Eichhörnchen, Neutronen- „Spex“ und heute Filmkritiker bei der Frankfurter Allgemei-
sterne oder Wetterphänomene meinen, dann nen Zeitung

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Selbst in der privaten Stille schafft sie mit ihren
Entscheidungen enormen Raum um sich, wenn sie
etwa schreibt und sagt, glücklich, wie sie einmal

Jamal Zeinal Zade, Dan Wechsler, Jim Stark, Meinolf Zurhorst, Julio Chavezmontes, Martha Sosa,
ist: Ich schwimme. Auf Spanisch, auf Englisch.
Michael Weber. Katrin Pors,

Carlos Reygadas, Natalia López, Phil Burgers, Yago Martinez, Eleazar Reygadas, Rut Reygadas u. v. a. Das braucht keine Ermutigung, das
verlangt keinen Trost. Es ist Kunst, die weiß, dass
Western-Grenzerfahrungsgeist und Pferdeflüs-
terei der Liebe so wenig schaden können, wie sie
nützen können bei Trauer, Leid und Sterbenmüs-
Ernie Schaeffer

sen, all diesen Angelegenheiten der Natur.


Adrián Durazo

Übernatürich aber ist die Fähigkeit des


Kinos, in Bild und Ton zu verstehen, wie dem
Verstand in freier Entscheidung der Kopf runterfal-
len kann, oder wie eine Wiese riecht, wo sich zwei
heimlich treffen, oder wie ein Himmel aussieht
über einem, der um Verzeihung bittet, ohne sich
KoproduzentInnen

herauszureden, oder was Nebel ist, für Tiere.


Zweite Kamera
Post-Production

Übernatürlich sind die Filme von Carlos Reygadas.


Diego García
Emmanuel Picault
Jamie Romandía, Carlos Reygadas
Kamera

NUESTRO TIEMPO
MEXIKO/FRANKREICH/DEUTSCHLAND/DÄNEMARK/SCHWEDEN 2018,
Art Direction

175 MIN., SPANISCHE OMU-FASSUNG


Carlos Reygadas

Im Verleih von:
GRANDFILM
Muggenhofer Straße 132 d, Bau 74
D-90429 Nürnberg
Raúl Locatelli, Carlos Cortés, Jamie Baksht
Produzenten

www.grandfilm.de
Drehbuch und Schnitt

Gestaltung: Marcus Zoller, Christoph Kraus


Detachment East, Diego Vázquez
Associate Producers
Carlos Reygadas

Mit
Fiorella Moretti
Moisés Cosío
Regie
Ton
VFX