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BILDQUELLEN

Bundesarchiv, Koblenz. Dänisches Aussenministerium,


Kopenhagen. Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes, Wien. Gente, Guerra Civile, Mailand. Hackl,
Walter, Wien. Italienisches Verteidigungsministerium, Rom.
Livre d’Or de la Résistance Belge, Brüssel. Norwegisches
Aussenministerium, Oslo. Pragopress, Prag. Rijksinstituut
voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam. Rubelt, Lothar,
Wien. Sowjetische Publikationen. Süddeutscher Verlag,
Bilderdienst, München. The Wiener Library, London.
Ullstein-Bilderdienst, Berlin. «Wir haben es nicht vergessen»,
Polonia Verlag, Warschau. Archiv des Verfassers.

Lizenzausgabe für die Neue Schweizer Bibliothek

Copyright 1966
by Südwest Verlag Neumann & Co. K.G., München
Alle Rechte vorbehalten
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MITARBEITER GERD SCHREIBER


Inhalt des Textteils

Widerstand in Deutschland 1933-1934 ............................................................................................................. 11


Schlagt die Faschisten – Kommunistische Propaganda – Van der Lubbe in Berlin – Der Reichstag brennt – Verordnung zum
Schutz von Volk und Staat – Der Tag von Potsdam – Das Ermächtigungsgesetz wird angenommen – Anerkennung durch die
2000jährige Macht der Kirche – Neubildung von Parteien verboten – Der Neue Vorwärts: «Zerbrecht die Ketten» – Das erste
KZ in Dachau – Gleichschaltung der Gewerkschaften: «Widerstand ist nirgends zu erwarten» – Erlebnis und Lehren des Zu-
sammenbruchs – Münzenbergs Propagandaapparat und das Braunbuch – Der Reichstagsbrandprozess – Dimitroff ist sehr zu-
frieden – Göring blamiert sich – Schutzhaft als bedeutsames Mittel der Gegnerbekämpfung Himmler wird Chef der politischen
Polizei – Gegner des Widerstandes: SS, SD, Gestapo – Auf spüren, überwachen, unschädlich machen – Hitler zwischen Röhm
und Wehrmacht – Papen protestiert – Promemoria eines bayerischen Richters zu den Juni-Morden – Hindenburgs Tod – Allein-
herrscher Hitler: «Führer und Reichskanzler».

Widerstand in Deutschland 1934-1939 ............................................................................................................. 93


Kriegsabsichten und Friedensreden – Erfolge erschweren den Widerstand – Illegale Broschüren und Flugblätter – Recht und
Gerechtigkeit für alle – Volksopposition im Polizeistaat – Widerstand in Zwischentönen – Volksfronttaktik der KPD – Ulbricht
gegen Thälmann – Aufbau der illegalen KPD – Wie ein Kommunist sich bei der illegalen Arbeit verhalten muss – 11 Gebote für
das Verhalten Verhafteter –Es rumort in den Kirchen – Angriffe gegen die nationalsozialistische Weltanschauung – Pius XII.:
Retten, was man retten kann – Mit brennender Sorge – Der kirchliche Widerstand: eine Tatsache – Protestschrift der evangeli-
schen Kirche – Ludwig Müller wird Reichsbischof – Pfarrernotbund – Bekennende Kirche – Niemöller-Prozess – Blomberg-
Fritsch-Krise – Hitler wird Oberbefehlshaber – Bede protestiert – Hitler soll festgenommen werden – Die Verschwörer sind
bereit – Chamberlain rettet Hitler – Totale Propaganda erschwert den Widerstand – Das Elser-Attentat – Der Krieg beginnt.

Widerstand im Norden ..................................................................................................................................... 187


DÄNEMARK: Kein militärischer Widerstand – Clausen scheitert – SOE greift ein – Ausnahmezustand und Generalstreik –
Flucht nach Schweden oder Selbstversenkung – BOPA und «Holger Danske» – Freiheitsrat Dänemark – 538 illegale Zeitschrif-
ten – Rettung der dänischen Juden – Volksstreik in Kopenhagen – Dänemark ist frei – NORWEGEN: Deutsche landen bei
Narvik – Exilregierung in London – Gegen Quisling und Nazifizierung – Rücktritt der höchsten Richter – Heimatfront und
Aussenfront – Die Handelsflotte mit dem Kampfwert eines Millionenheeres – 10 Professoren und 70 Studenten werden verhaftet
– Verräter Oliver Rinnan – SOE und Milorg – Einsatz gegen Rjukan Sabotagewelle schwillt an – Die deutschen Behörden haben
nichts mehr zu sagen.

Widerstand im Westen ...................................................................................................................................... 211


HOLLAND: Reichskommissar Seyss-Inquart und Anton Mussert – Ovationen für das Königshaus – Februar-Streik, April/Mai-
Streik und Eisenbahnerstreik – Im-Amt-Bleiben und Schlimmeres verhüten – 600 Studenten werden verhaftet Ärzte widersetzen
sich der Gleichschaltung – «Onderduikers» – 1‘200 Widerstandszeitschriften – Sabotageakte und Attentatsversuche – Anschlag
auf das Bevölkerungsregister – Das «Englandspiel» – Holland ist frei – BELGIEN: Staf de Clercq und Léon Degrelle – Der
legitime Bürgermeister von Brüssel – Degrelle wird exkommuniziert – Presse Clandéstine – Fluchtwege – Der echte «Soir» –
Geheime Funkstellen –Voxaline – Zersplitterung des belgischen Widerstandes – Fallschirmeinsätze – Das Trojanische Pferd –
Die Befreiung naht – Der Hafen von Antwerpen wird gerettet – Eisenhower gratuliert – Belgien ist frei – LUXEMBURG: Die
allgemeine Wehrpflicht wird eingeführt – Streik – Der Gauleiter gibt den Schiessbefehl – FRANKREICH: Pétain ist entschlos-
sen, in Frankreich zu bleiben – Kapitulation im Walde von Compiègne – Frankreich wird in zwei Zonen geteilt – Kollaboration
– De Gaulle: Die Flamme des französischen Widerstandes darf nicht erlöschen – De Gaulle wirbt Freiwillige für die FFL –
Inlands- und Auslandsrésistance – Montoire: ein diplomatisches Verdun – Eindeutschung der Westmark belebt den Widerstand
– Beträchtliche Zersplitterung der Inlandsrésistance – De Gaulle organisiert die Einigung – «Kämpfendes Frankreich» – Die
Rolle der französischen Kommunisten – Die kommunistische Terrortaktik – De Gaulle: Keine Deutschen vorsätzlich umbringen
– Jean Moulin landet in Südfrankreich – Conseil National de la Résistance – Die kommunistische Infiltrationstaktik – De Gaulle
contra Giraud – French Section – Fluchthilfe – Nachrichtendienste – Sabotage – Maquis – Forces Françaises de l’Intérieur –
Koordination mit alliierter Kriegsführung – Oradour-sur-Glane – Offener Kampf – De Gaulle als Sieger in Paris – Bilanz der
Opfer – Die Einheit der europäischen Widerstandsbewegung.
Widerstand auf dem Balkan und in Italien 301
Italien greift an – Tito ein Stalinist – Territoriale Aufteilung Jugoslawiens – Belgrader Jungkommunisten – Tito contra Mihajlo-
vic – Tito gegen Moskau und London – Tito zieht nach Montenegro – Ustascha-Greuel verstärkt den Widerstand – Volksfront-
taktik – König Georg II. von Griechenland flieht nach London – Kundgebung gegen die Zwangsmobilisierung am 24. Februar
1943 – EAM-ELAS contra EDES – Résistance in Griechenland – Britische Truppen verhindern die kommunistische Machtüber-
nahme – 100’000 Goldmark für die Ergreifung Titos ausgesetzt – Antifaschistischer Nationaler Befreiungsrat – Tito gewinnt an
Stärke – Mihajlovic von Churchill fallengelassen – Tito als alleiniger Partisanenführer Jugoslawiens anerkannt – Fallschirm-
angriff auf Titos Hauptquartier – Hitler: Es ist ganz richtig, wenn die Alliierten diesen Tito als Marschall bezeichnen – Natio-
nales Befreiungskomitee Italien – Wie Mussolini gestürzt wurde – Direktive zur Bildung taktischer Partisaneneinheiten – Kes-
selrings Befehl zur Bekämpfung der italienischen Partisanenbewegung – 335 Italiener werden getötet – Erfolgreiche Offensi-
vaktionen.

Widerstand im Osten ........................................................................................................................................ 375


Polen muss kapitulieren – Destruktive Polenpolitik – Exilregierung in London – Die Heimatarmee ist antikommunistisch Die
Kommunisten in Polen – Unternehmen «N» – Sah aus wie ein Flugzeug – An die ins Feld ziehenden Abteilungen der Volksgarde
– Bombe im Kino – Granate im Klub – Das Dorf abgebrannt und die Dorfbewohner erschossen – Attentat auf Heydrich – Lidice
– Aufstand in der Slowakei – Die Nacht der Barrikaden – Zentraler Partisanenstab in Moskau Genossen, Bürger, Brüder und
Schwestern! – Vaterland und Bibel – Erfolg der Partisanen – Zwangsarbeit – Tod den Okkupanten – In jeder Hinsicht minder-
wertig – Ukrainische Befreiungsarmee – Einsatz Pripjet-Sümpfe – Bandenbekämpfung – Vernichtung einer Bande auf dem
Marsch durch ein Jagdkommando – Kaminskis freiwillige Miliz – Lubliner Befreiungskomitee – Aufstand im Warschauer Ghetto
– Aufstand der polnischen Heimatarmee – Gegen Russen und Deutsche – Komorowski muss kapitulieren.

Widerstand im Krieg ........................................................................................................................................ 455


Memorandum des Bischofs von Chichester vom Juni 1942 – Der deutsche Widerstand und die Alliierten – Gnadentod – Die
Ermittlungen des Pastors Braune – Die Proteste des Bischofs Graf von Galen – Die Euthanasie-Aktion wird eingestellt – «Der
alte Gewerkschaftsklüngel» – Die Rote Kapelle – Politisches Testament des Kommunisten Anton Saefkow vom September 1944
– Günther Hübener – Die «Weisse Rose» – Manifest der Münchener Studenten – Abschiedsbrief von Willi Graf – Erfahrungen
im Krieg – Die Opposition findet sich zusammen – Zukunftspläne – Risse im Widerstand – Über die historische Stichhaltigkeit
der «Verschwörer» von Wolfgang Graetz – Goerdeler bei Kluge – Zwei Kognakflaschen im Flugzeug – Beppo Roemer – Canaris
und Oster – Der Solf-Kreis – Katholische und evangelische Moraltheologen – Der Krieg ist verloren – Stauffenberg greift ein –
Rommels Ultimatum – Humanitäre Sabotage – Rommel schwer verwundet – Die vorgesehene Regierung – Himmler soll dabei-
sein – «Walküre» wird gestoppt – Bedingungen Stauffenbergs, mit dem Feind zu verhandeln – Zwei Fernschreiben aus der
Bendlerstrasse – Die Gruppen «Maier-Messner» und «Caldonazzi» – Stauffenberg verlässt den Lageraum – Die Sprengladung
explodiert – Der Führer lebt – Stauffenberg erreicht das Flugzeug – Bede in der Bendlerstrasse – «Walküre» muss sofort be-
ginnen – Fromm telefoniert mit Keitel – Olbrichts Stimme zittert – Fromm wird verhaftet – Kluge zögert – Der 20. Juli in Wien
– Die Gruppe «05» – Der Leutnant Dr. Hagen – Major Remer telefoniert mit Hitler – Generaloberst Bede ist noch zuversichtlich
– Remer: Direkter Befehl des Führers – Der 20. Juli in Paris – Es ist alles verloren – Die ersten Opfer – Beck begeht Selbstmord
– Stauffenberg wird erschossen – Kluges Selbstmord – Rommel wird zum Selbstmord gezwungen – Die Prozesse vor dem Volks-
gerichtshof – Die Vollstreckung der Mordurteile – Der Krieg geht weiter – Speer protestiert – Der Zusammenbruch des Wiener
Aufstandsplanes – KZ Buchenwald befreit sich – «Verräter» Himmler – «Freiheitsaktion Bayern» – Aktion «Nein» – Hitlers
Tod – Letzte Opfer und Kapitulation.

Stichwortverzeichnis ..................................................................................................................................... 601

Literaturnachweis 607
Inhalt der Bildbeiträge

Deutschland 1933–1939 65
Dänemark .............................................................. 153
Norwegen .............................................................. 163
Holland 168
Belgien ................................................................... 174
Frankreich 257
Jugoslawien 321
Griechenland .......................................................... 332
Italien .................................................................... 342
Polen 385
Russland ............................................................... 417
Tschechoslowakei .................................................. 465
Juden 472
Deutschland 1939-1945 513
Zusammenbruch 561
Vorwort

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum deut- Machthabern und ihren Vollstreckungsorganen ausge-
schen Reichskanzler berufen. Unter der Parole vom liefert.
«nationalen Erwachen» glaubte ein grosser Teil des Allein die Armee war es, die in der totalen und ge-
deutschen Volkes, unter einer stabilen Führung glück- festigten Diktatur Adolf Hitlers noch über reale Macht
licheren Zeiten entgegenzugehen, als es die letzten verfügte. Nur durch sie hätte Hitler, das übermächtige
Jahre der Weimarer Republik gewesen waren. Die Willenszentrum des Dritten Reiches, noch beseitigt
totale und unfruchtbare politische Zersplitterung, die werden können. Erster Höhepunkt des militärischen
radikalen und teilweise blutigen Auseinandersetzun- Widerstandes, der zur Verhaftung Hitlers führen
gen der politischen Parteien, das ungeheure Elend und sollte, war die geplante Aktion der Generale Halder,
die ungeheure Depression der Massenarbeitslosigkeit Oster und von Witzleben. Obwohl die englischen
sollten in Deutschland endlich ihr Ende nehmen. Politiker von diesem Vorhaben genau unterrichtet
Zahllos waren jetzt die Aufrufe und Sympathiekund- waren, setzte der englische Premierminister Chamber-
gebungen aus allen Schichten des Volkes, die den lain noch einmal auf die Karte Hitler. Auf der Münche-
«neuen Aufbruch» der deutschen Nation unter der Füh- ner Konferenz des Jahres 1938 gestand er dem deut-
rung Adolf Hitlers mit Jubel und Begeisterung begleite- schen Diktator, der mit dem Krieg gedroht hatte, die
ten. Abtretung der sudetendeutschen Gebiete zu. Der Grund
Diejenigen aber, die schon immer vor den unsittlichen – Hitler wegen seiner riskanten Kriegspläne zu beseiti-
und zerstörerischen Konsequenzen des Nationalsozia- gen – war damit weggefallen.
lismus gewarnt hatten, konnten von nun ab ihre Be- Es kam zum Krieg und während des Krieges zur
denken und Befürchtungen nur noch unter grossen deutschen Besetzung zahlreicher Staaten Europas.
persönlichen Gefahren öffentlich aussprechen. Denn Hitler, der die Welt daran glauben liess, er wolle nur
während Hitler öffentlich immer nur vom Frieden ein Grossdeutsches Reich, ging nun daran, seine nie
sprach und der Förderung der Interessen des deutschen aufgegebenen, aber beizeiten nicht ernstgenommenen
Volkes, ging er gleich nach seiner Ernennung zum Pläne einer «Neuordnung Europas» zu verwirklichen.
Reichskanzler systematisch daran, alle demokratischen «Nie werde ich anderen Völkern das gleiche Recht wie
Einrichtungen in Deutschland restlos zu beseitigen. den Deutschen zuerkennen. Unsere Aufgabe ist es, die
Alle politischen Parteien bis auf die NSDAP wurden anderen Völker uns zu unterwerfen.» Das war der Kern-
verboten und alle freien Organisationen, die Kirchen gedanke dieser «Neuordnung Europas» unter national-
ausgenommen, zerschlagen. Presse, Rundfunk, Film, sozialistischer Führung. Im Norden und Westen abhän-
Verlagswesen, das gesamte geistige und kulturelle Le- gige Vasallen und im Osten Vertreibung und Verskla-
ben wurden gleichgeschaltet. Keinem war es mehr vung der dortigen Völker.
erlaubt, die Massnahmen und Praktiken der national- Gegen diese Zielsetzung, die mit einer rein militäri-
sozialistischen Machthaber öffentlich zu kritisieren. schen Besetzung eines besiegten Landes nichts mehr
Wer es dennoch wagte, wurde zurechtgewiesen und im gemein hatte, wandte sich der Widerstand, der sich in
Wiederholungsfälle oder auch sofort und ohne War- allen von Deutschland besetzten Gebieten entwickelte.
nung in die Konzentrationslager eingewiesen, wo sich Dieser Widerstand, der in erster Linie ein patriotischer
das leidvolle Schicksal an vielen hunderttausend Kampf für die Befreiung des Vaterlandes und die
Häftlingen erfüllte. Unter dem allmächtigen Terror- Bewahrung der nationalen Eigenständigkeit gewesen
instrument der SS wurde es den politischen, weltan- ist, und dort, wo die Kommunisten eine bedeutsame
schaulichen, religiösen und rassischen Gegnern des Rolle spielten, gleichfalls ein Kampf für deren Macht-
Nationalsozialismus äusserst schwer gemacht, ihren ergreifung nach der Befreiung, nahm die verschieden-
Widerstand gegen Hitlers Diktatur zum Ausdruck zu sten Formen und Ausmasse an.
bringen und der Verfolgung zu entgehen. Überwacht, In Polen, das sofort nach dem Einmarsch der deut-
isoliert und vereinzelt, in kleinen Gruppen und völlig schen Truppen die nationalsozialistische Vernichtungs-
ohnmächtig, waren sie den nationalsozialistischen politik zu spüren bekam, war praktisch die gesamte
einheimische Bevölkerung bedroht, und so konnte hier brutalen Stalinisten zum erfolgreichen Partisanen-
die Widerstandsbewegung von Anfang an mit einer führer; polnische Juden wagten den Verzweiflungs-
breiten Massenzustimmung rechnen. Anders war es aufstand im Warschauer Ghetto; tschechische Wider-
in den «germanischen Ländern» Holland, Dänemark, standskämpfer töteten den berüchtigten Reinhard
Luxemburg und Norwegen. Hier war die Bedrohung Heydrich, Chef des Sicherheitsdienstes und der Ge-
nicht so unmittelbar und mit den deutschen Mass- stapo, Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und
nahmen im Osten und auf dem Balkan nicht zu ver- Mähren, und die polnische Hauptstadt liess sich Stein
gleichen. Ebenfalls bedeutsam für die unterschiedliche um Stein zerstören, um zu beweisen, dass Polen überle-
Ausprägung des Widerstandes sind die geographischen ben würde ...
Bedingungen der einzelnen Gebiete. In Holland, das Gerade heute, da sich die freien Staaten Europas um
nirgendwo Unterschlupf und Rückzugsmöglichkeiten eine freiwillige und friedliche Integration bemühen
bietet, konnte sich keine Partisanenarmee bilden, wäh- und auch die Deutschen ein besseres Verhältnis zu
rend in Jugoslawien die Bedingungen einen Partisa- ihren östlichen Nachbarn anstreben, heute, da sich die
nenkrieg geradezu herausforderten. Ein weiterer Un- Vision eines geeinten Europas vom Atlantik bis zum
terschied ist es, ob sich rivalisierende Gruppen be- Ural schon diskutieren lässt, scheint es wichtig zu sein,
kämpfen, wie in Griechenland, wo keine den Sieg das Schicksal der zahlreichen Männer und Frauen auf-
davontrug, oder wie in Jugoslawien, wo der Kommu- zuzeigen, die unter der nationalsozialistischen Dikta-
nist Tito die Führung übernehmen konnte, oder wie tur und Fremdherrschaft zu leiden hatten und die es
in Frankreich, wo es dem Nichtkommunisten de Gaulle wagten, für die Freiheit ihrer Völker Widerstand zu
gelang, auch von den Kommunisten akzeptiert zu leisten. Einen Widerstand, den viele Tausende mit dem
werden. Trotz dieser geographischen, politischen, Tod bezahlen mussten und den man schon als eine
besatzungspolitischen und weltanschaulichen Unter- gewisse europäische Gemeinsamkeit bezeichnen kann,
schiede der einzelnen Länder und innerhalb der ein- zu einem Zeitpunkt, als die Auswirkungen eines hem-
zelnen Länder gab es überall zahlreiche Widerstands- mungslosen Nationalismus in diesem Europa ihren ka-
gruppen, Nachrichtendienste, Sabotageaktionen und tastrophalen Höhepunkt erreicht hatten.
bewaffnete Widerstandskräfte. In Holland kam es Ein weitverbreitetes Wissen vom gemeinsamen Leid
bereits im Februar 1941 zu einem Massenstreik gegen und Elend unter der nationalsozialistischen Zwangs-
die unwürdige Behandlung der jüdischen Mitbürger; und Fremdherrschaft sollte mit dazu beitragen, die
in Paris erhob man sich noch vor dem Einmarsch der Toleranz und das gegenseitige Verständnis der euro-
Befreier, Norwegen widersetzte sich geschlossen der päischen Völker zu fördern und die verständlicher-
Nazifizierung des Landes; der Hafen von Antwerpen weise noch vorhandenen Ressentiments zu überwinden,
konnte durch belgische Widerstandskämpfer gerettet zum Nutzen eines vereinten Europas, in dem das Postu-
werden; ein Generalstreik in Dänemark legte das ge- lat der Freiheit für jeden Menschen unabdingbar ist.
samte Transportwesen lahm; Tito wandelte sich vom

Der Verlag
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Schlagt die Faschisten – Kommunistische Propaganda – Van der Lubbe in Berlin – Der Reichstag brennt – Verordnung
zum Schutz von Volk und Staat – Der Tag von Potsdam – Das Ermächtigungsgesetz wird angenommen – Anerkennung
durch die 2000jährige Macht der Kirche – Neubildung von Parteien verboten – Der Neue Vorwärts: «Zerbrecht die
Ketten» – Das erste KZ in Dachau – Gleichschaltung der Gewerkschaften: «Widerstand ist nirgends zu erwarten» –
Erlebnis und Lehren des Zusammenbruchs – Münzenbergs Propagandaapparat und das Braunbuch – Der Reichstags-
brandprozess – Dimitroff ist sehr zufrieden – Göring blamiert sich – Schutzhaft als bedeutsames Mittel der Gegnerbe-
kämpfung – Himmler wird Chef der politischen Polizei – Gegner des Widerstandes: SS, SD, Gestapo – aufspüren, über-
wachen, unschädlich machen – Hitler zwischen Röhm und Wehrmacht – Papen protestiert – Promemoria eines bayeri-
schen Richters zu den Juni-Morden – Hindenburgs Tod – Alleinherrscher Hitler: «Führer und Reichskanzler».

«Protest! Protest!» schreit der junge Mann den Polizei- Hiervon hört auch der 24jährige Marinus van der
beamten entgegen, die ihn in der nasskalten Winter- Lubbe in Holland. Zwei Tage zuvor, am 28. Januar,
nacht vom Ort seiner Tat wegführen zum Verhör. «Ein ist er erst nach Hause zurückgekehrt. Er ist verzweifelt
Signal sollte es sein», sagt er zu dem Kriminalkom- gewesen, weil er erfahren hat, dass er bald blind sein
missar Zirpin, «ein Fanal!» wird. Aus der Augenklinik ist er gekommen, und die
Doch die Tat des jungen Revolutionärs ist umsonst Ärzte haben ihm bei der Entlassung deutlich genug
getan, sie wird nicht zum Signal, zum Fanal. Sie wird zu verstehen gegeben, dass seine Sehschwäche kaum
im Gegenteil zur Waffe, in der Hand des Feindes, zu beheben sein wird – er hat Augentuberkulose.
gegen den sie aufrufen sollte. Und so wird diese Tat Für Marinus van der Lubbe sind die ihm auf den Weg
noch heute selbst von denen, für die sie gedacht war, gegebenen Trostworte der Ärzte keine Beruhigung. Er
als Schandtat bezeichnet, und der Mann, der in wirrem weiss selbst zu genau, was die Diagnose «Augentuber-
Mut zum Widerstand aufrufen wollte, als «Lump», kulose» bedeutet. Schliesslich ist es nicht das erste Mal,
«Psychopath», «Arbeiterverräter» und «Verbrecher» dass er seiner Augen wegen im Krankenhaus gelegen
bezeichnet. Seine Tat aber ist ebenso bekannt wie die hat. Er ist Maurer von Beruf. Als er noch Lehrling war,
Tat des Obersten Graf Stauffenberg, auch wenn man hat ihm ein Kollege aus Schabernack einen leeren
sie natürlich anders bewerten muss. War der Aufstands- Papiersack über den Kopf gestülpt, wobei ungelöschter
versuch des 20. Juli Höhepunkt des organisierten deut- Kalk in die Augen des Lehrlings geraten ist. Nur eine
schen Widerstandes gegen das Regime Hitlers, so hätte sofortige Operation hat ihn damals vor der Blindheit
die Einzelaktion des jungen Revolutionärs aus Holland gerettet.
gleich zu Beginn von Hitlers Herrschaft das Zeichen Er hat wirklich Pech. Noch nicht ein Jahr ist seit der
eines Aufstandes von unten werden sollen: der Reichs- Augenoperation vergangen, da kippt vom Gerüst eines
tagsbrand vom 7. Februar 1933. Neubaus ein Mörteltrog. Van der Lubbe schaut nach
Am 30. Januar 1933 beginnt eine verhängnisvolle oben, um zu sehen, was da passiert ist. Der eben frisch
Epoche der deutschen Geschichte, scheinbar ganz nor- angerührte Mörtel spritzt ihm ins Gesicht. Monatelang
mal und ganz demokratisch. An jenem Tag wird der liegt er danach im Krankenhaus, und als er entlassen
Führer der stärksten deutschen Partei verfassungs- wird, ist er Invalide. Seinen Beruf kann er nicht mehr
mässig vom Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches ausüben und muss nun als junger Mensch von seiner
zum Regierungschef ernannt. Reichspräsident von Hin- Rente leben.
denburg beruft Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Immerhin hat dieses Unglück auch etwas Gutes. Van
Kolonnen der SA, der SS, des Stahlhelm, der Hitler- der Lubbe nutzt die Gelegenheit und durchwandert
jugend marschieren siegestrunken durch Berlin. Das halb Europa. Er lebt von seiner Rente und von Ge-
Feuer der brennenden Fackeln in ihren Händen er- legenheitsarbeiten unterwegs. So hat er auch Deutsch-
leuchtet die Strassen der deutschen Hauptstadt. land und Berlin kennengelemt. Er spricht danach recht

11
Widerstand in Deutschland 1933-1934

gut Deutsch, vor allem liest er sehr viel, auch in deut- Kopf. «Die sind doch nur eine ausländische Filiale der
scher Sprache. Er ist interessiert und wissbegierig. Die Russen. Und vielleicht passt den Bolschewisten der
schreckliche Not der Arbeiter in jenen Tagen bringt ihn Hitler gerade ins Konzept. Selbst wenn sie gegen Hit-
dazu, sich auch mit Politik zu befassen, und er schliesst ler kämpfen: Dann wird alles nur noch schlimmer, die
sich daheim den «Raden-Kommunisten» an. Das ist Kommunisten sind noch erbärmlichere Ausbeuter als
eine kleine Gruppe, die sich, trotz ihres Namens, nicht alle anderen. Du brauchst ja nur Russland anzusehen!»
wie die echten Kommunisten von Moskau aus leiten «Man muss doch etwas tun!»
lässt und starke anarchistische Züge aufweist. «Natürlich!» Der Anarcho-Kommunist Sierach nickt.
Nachdem Marinus van der Lubbe am 28. Dezember «Die Arbeiter selber müssen etwas tun. Die Betriebe
1932 zum dritten Mal aus der Augenklinik entlassen besetzen und in ihre Hand nehmen. Die Stempelstellen
wird und weiss, dass er bald völlig blind sein wird, will und Wohlfahrtsämter muss man zerschlagen, verbren-
er die ihm bleibende Zeit dazu nutzen, etwas für die nen. Dann werden sich die Arbeiter schon selbst neh-
überall unterdrückten Arbeiter zu tun, für das Prole- men, was von Rechts wegen ihnen gehört. Die Rat-
tariat. Am wichtigsten scheint ihm das in Deutschland häuser und Parlamente muss man in die Luft jagen,
zu sein, denn da ist eben der geschworene Feind der dann wird die herrschende Klasse nicht mehr regieren
Arbeiterklasse, Hitler, zur Macht gekommen. Wenn die können. Dann kommen die Arbeiter von allein darauf,
deutschen Arbeiter sich nicht sofort zur Wehr setzen, dass sie die Macht übernehmen müssen. Sie selbst, nicht
wird Hitler ihnen alle Rechte nehmen, wird sie blutig irgendwelche korrupten Parteileitungen und Partei-
unterdrücken. Die deutsche Arbeiterbewegung aber ist apparate, die nur an ihr eigenes Wohl denken und dann
die stärkste in Europa und in der Welt. Ist ihre Kraft ge- die Arbeiter weiter unterdrücken! Die Kasernen und
brochen, dann ist die Demokratie nicht nur in Deutsch- Polizeireviere muss man zerstören, damit die Macht
land in Gefahr. des kapitalistischen Ausbeuterstaates gebrochen wird.
Werden die deutschen Arbeiter sich wehren, werden sie Das allein ist der richtige Weg!»
Hitler verjagen? Kann er selbst etwas dafür tun? Das Gespräch dauert bis in die Nacht. Als Marinus van
Zur gleichen Stunde, als marschierende Kolonnen in der Lubbe geht, glaubt er zu wissen, dass er vom Schick-
Deutschland ihre Fackeln durch die Städte tragen, sal dazu ausersehen ist, etwas Grosses, Befreiendes zu
spricht van der Lubbe mit dem Gründer der «Raden- tun, bevor ihn das Licht seiner Augen für immer ver-
Kommunisten» darüber. lässt.
Der ehemalige Matrose Sierach ist im politischen Leben
Hollands nicht unbekannt. Er war einer von den See- Am 10. Februar weist an der deutschen Zollstation
leuten, die 1918 dem Vorbild ihrer Kameraden von Elten der Maurer Marinus van der Lubbe seinen ord-
der deutschen Hochseeflotte folgten und ebenfalls meu- nungsgemässen holländischen Pass vor und betritt deut-
terten. Sierach hat die rote Fahne der Weltrevolution schen Boden, um über Cleve, Düsseldorf, Essen, Bo-
an Bord des holländischen Panzerkreuzers «Zeven chum, Dortmund, Braunschweig und Magdeburg nach
Provincien» gehisst und ist dafür zu einigen Jahren Berlin zu wandern. Und an diesem Tag bringt die «Rote
Zuchthaus verurteilt worden. Von der Weltrevolution Fahne» folgende Schlagzeilen:
unter Führung der Sowjetunion hält er bald nach seiner «Die Kommunistische Partei ruft zur Wahl der KPD,
Entlassung nicht mehr viel. Ihm scheint, dass die Arbei- aber nur in Verbindung mit dem ausserparlamentari-
ter in Russland noch schlimmer unterdrückt werden als schen Kampf! Mobilisierung der proletarischen Einhei-
anderswo. ten! Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren!»
Sierachs Antwort auf die Frage seines Anhängers van Die am gleichen Tag gehaltene Ansprache des Reichs-
der Lubbe ist bitter. tagsabgeordneten, Mitglieds des Preussischen Staats-
«Die deutschen Arbeiter? Wie wollen die sich wohl rates und KPD-Führers Wilhelm Pieck – später Staats-
wehren? Die Sozialdemokraten haben in all den ver- präsident der DDR – wird am 11. Februar abgedruckt.
gangenen Jahren schon versagt, die organisieren die In ihr heisst es:
Arbeiter bestimmt nicht zum Widerstand gegen die Hit- «Lassen wir uns nicht mehr vertrösten auf die Möglich-
lerdiktatur. Sie haben ja schon vorher gesagt: Lasst doch keiten, auf anderem Wege als dem des Kampfes unsere
den Hitler endlich mal ran, damit er sich abwirtschaf- Feinde zu überwinden!
tet!» Wir warten nicht mehr!»
«Na schön», sagt van der Lubbe. «Aber die Kommu- Und ein Flugblatt fordert:
nisten? Sie werden doch die Arbeiter zum Kampf auf- «Die Waffen in die Hände des Proletariats und der ar-
rufen?» men Bauern!»
«Woher willst du das wissen?» Sierach schüttelt den In die Hände der «armen Bauern» – die Kommuni-

12
Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft

sten, die solchen und ähnlichen Parolen zu folgen ver- Entwicklung zeigt, dass diese Politik zunächst Früchte
suchen, haben keine Ahnung, dass sie nichts als arme, trägt: Bei jeder Wahl seit 1928 haben die Sozialdemo-
verlassene «Bauern» im Schachspiel der sowjetischen kraten stetig Stimmen verloren und die Kommunisten
Genossen und ihrer deutschen Helfershelfer sind. Schon ebenso stetig gewonnen, obwohl ein entscheidender
lange Zeit zuvor hat man sich in Moskau zu einer Einbruch in die sozialdemokratischen Reihen noch aus-
Politik entschlossen, die es in erster Linie darauf ab- geblieben ist.
sieht, die Sozialdemokraten zu bekämpfen und erst in Zur Tarnung ihrer Taktik, die auch eine Machtergrei-
zweiter Linie Hitler und den Nationalsozialismus. Die fung Hitlers in Kauf nimmt, spricht man seit Ende
Parole: «Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!» war, 1932 wieder von der Herstellung der «proletarischen
so schizophren das klingt, der Anfang dazu. Denn mit Einheit». Zum gleichen Zeitpunkt aber geht die Partei-
Faschisten waren nicht die Faschisten, die National- führung bereits in die Illegalität.
sozialisten, gemeint, sondern die «Sozialfaschisten», Der illegale Apparat, von dem die Masse der Partei-
und das sind die Sozialdemokraten. mitglieder und selbst der grösste Teil der führenden
Einen äusserlichen Höhepunkt erreicht diese Politik mit Funktionäre nichts oder nur vom Hörensagen weiss,
dem Berliner Verkehrsarbeiterstreik Anfang Novem- wird verstärkt. Neben der offiziellen Partei entsteht
ber 1932, als die Kommunisten gemeinsam mit den bereits die illegale Partei. Waffen werden gesammelt,
Nationalsozialisten gegen die Polizei vorgehen, Stra- geheime Sender vorbereitet, Kurier-Treffpunkte ein-
ssenbahnwagen umstürzen, Omnibusse anzünden. gerichtet, Anlaufstellen im Ausland geschaffen.
Der Grund für diese Politik, der der Öffentlichkeit und Natürlich ist der KPD-Führung klar, dass vielen Par-
den eigenen Parteimitgliedern natürlich vorenthalten teimitgliedern und -funktionären und ebenso auch
wird und indirekt auf eine Unterstützung der NSDAP Sozialdemokraten Gefangenschaft, Folter und gar der
hinausläuft, ist in der kommunistischen Theorie zu Tod drohen, wenn Hitler zur Macht kommt. Aber das
suchen. Nach der Lehre des «Marxismus-Leninismus» ist unbedeutend. Es werden noch genug übrigbleiben,
ist der «Imperialismus» das letzte Stadium des sterben- um die proletarische Revolution durchzuführen. Men-
den Kapitalismus, und damit beginnt zugleich die Epo- schenleben und menschliche Tragödien sind nicht wich-
che der proletarischen Revolution. tig. Im Gegenteil, man hofft, dass der faschistische
Das höchste, parasitäre Stadium des Imperialismus Terror möglichst hart ist. Umso erbitterter werden
aber ist der Faschismus – die brutale Diktatur des die Arbeiter dann unter Führung der Kommunisten
Kapitals, das sich anders als durch nackte Gewalt nicht kämpfen, umso leichter wird die Revolution siegen.
mehr an der Macht halten kann. Am Nachmittag des 18. Februar, es ist ein Samstag,
Glaubt man aber einmal an dieses Dogma, dann zwingt marschiert der holländische Maurer durch Potsdam.
die Logik zu der Schlussfolgerung: je eher der Faschis- Ein Lkw-Fahrer nimmt den ausländischen Kumpel bis
mus, um so eher also auch die zwangsläufig folgende nach Berlin-Schöneberg mit. Van der Lubbe kennt dort
proletarische Revolution, desto eher Sieg des Kommu- das Obdachlosenasyl in der Alexandrinenstrasse, wo er
nismus, Sieg der «Diktatur des Proletariats». während seiner früheren Wanderschaften bereits öfter
Deshalb ist Moskau, deshalb sind die Führer der KPD übernachtet hat. Er findet auch diesmal hier Unter-
nicht daran interessiert, Hitler mit allen Mitteln von kunft. Er schläft schlecht, zuviel Gedanken schiessen
der Macht fernzuhalten. Ihr Nahziel ist es, zunächst ihm durch den Kopf. Über eine Woche ist er nun durch
die Arbeiterklasse für sich zu gewinnen, um dann nach Deutschland gewandert und ist masslos enttäuscht. Mit
der zwangsläufig kommenden Revolution, sei es gegen vielen Menschen hat er unterwegs gesprochen, so wie er
eine bürgerliche Regierung oder eine Regierung Hitler, es schon auf früheren Wanderungen immer wieder ge-
ihr Fernziel zu erreichen: die Diktatur des Proletariats macht hat, wissbegierig und an allem interessiert, wie
unter kommunistischer Führung. Daher müssen die er nun einmal ist. Die meisten Gesprächspartner sind
Sozialdemokraten unter allen Umständen geschwächt Arbeitslose gewesen. Fast alle haben resigniert: Unsere
werden, denn sonst könnte in der aus dem Faschismus Führung hat uns verlassen. Andere aber sind dem Hol-
«zwangsläufig» hervorbrechenden Revolution vielleicht länder über den Mund gefahren: Endlich ist Hitler an
die Sozialdemokratie die Führung übernehmen. der Macht, endlich wird etwas geschehen, endlich wird
Mit dialektischer Schläue geht die kommunistische Füh- der Klassenkampf, der Kampf aller gegen alle, ein Ende
rung ans Werk. Die sozialdemokratische Führung wird haben!
verleumdet, um sie von ihren Anhängern zu trennen.
Gleichzeitig werden auch die sozialdemokratischen Ar- Sicher, van der Lubbe hat die Plakate der Sozialdemo-
beiter beschimpft und bekämpft, weil sie sich nicht von kraten und Kommunisten gesehen, er hat sich vor einer
ihrer «verräterischen» Führung trennen wollen. Die Stempelstelle Flugblätter geben lassen, er hat die «Rote

13
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Fahne» gelesen, die vor einer Wohlfahrtsküche verteilt Der Faschismus ist die Diktatur der brutalsten und reak-
wurde, als er dort nach Suppe anstand. tionärsten Teile des Finanzkapitals!
Sicher, auf jedem dieser Stücke bedruckten Papiers hat Hitlers Machtantritt ist keine Revolution, sondern eine
er gelesen, die Arbeiter sollten handeln, sollen sich präventive Konterrevolution!»
zusammenschliessen, sollen kämpfen. Aber nirgendwo Alles Worte, denen der konkrete Inhalt fehlt. Und man
stand geschrieben: wann, wie, wo, wozu. ist versucht, diese Taktik der KPD mit Goethes Mephis-
Van der Lubbe weiss nichts davon, dass Dr. Goebbels, toworten aus dem «Faust» zu charakterisieren:
Hitlers Propagandachef und Gauleiter von Berlin, in «Denn eben wo Begriffe fehlen,
eben diesen Tagen voller siegestrunkenem Hohn in sein da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Tagebuch schreibt: Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
«Eine Reihe von roten Bonzen ist durch Göring ab- mit Worten ein System bereiten,
gesetzt worden, unter ihnen auch der Oberpräsident an Worte lässt sich trefflich glauben ...»
Noske in Hannover. Wie klein sind doch diese Knirpse, Viele Kommunisten glauben noch trefflich und treulich
die das Schicksal uns zum Spott als Gegner gemacht den Worten ihrer Führung. Das Zentralkomitee und
hat! Sie leisten keinen Widerstand, sträuben sich nicht das Zentralsekretariat werden schon wissen, weshalb
einmal, sondern bitten nur darum, dass man ihnen ihr sie noch nicht den Befehl zum Losschlagen geben. Je-
Umzugsgeld vergütet. denfalls fordern sie zum Handeln auf, wie immer das
So stelle ich mir Arbeiterführer vor!» auch gemeint sein mag.
Aber der Holländer hat eine ähnliche Vorstellung von In Leipzig steht am Augustusplatz, der heute Karl-
den Arbeiterführern, und seine Überzeugung wächst, Marx-Platz benannt ist, das Europa-Hochhaus. Hoch
dass endlich einer etwas tun muss, was die Arbeiter- oben vor der Fassade des letzten Stockwerkes stehen
klasse aus ihrer Lethargie reisst, und dass er dieser eine zwei gusseiserne Männer, die mit riesigen Hämmern
sein wird. Ihm ist das Leben ohnehin nicht mehr viel jede Viertelstunde und jede volle Stunde an eine grosse
wert, wenn er doch bald blind sein wird. Und wenn Bronzeglocke schlagen. Zumindest bei den Schlägen,
er nichts unternimmt – andere werden doch nichts tun, die volle Stunden anzeigen, bleiben die Menschen auf
das glaubt er nun zu wissen. dem weiten Platz stehen. Auch die an den sechs Stra-
Und doch tun andere etwas. Nicht die sozialdemokra- ssenbahnhaltestellen Wartenden, die vor dem Mende-
tische Führung, die sich noch an den Gedanken klam- Brunnen spielenden Kinder und die taubenfütternden
mert, dass Hitler legal regieren wird, dass Wahlen be- Touristen schauen dann nach oben zum Hochhaus.
vorstehen, dass alles nicht so schlimm sein wird. Nicht Der Jungkommunist Karl Stenzel, von seinen Genossen
die kommunistische Führung, die längst untergetaucht «Dackel» genannt, hat eine Idee. Lange wird experi-
ist und ihre sechs Millionen Anhänger und ihre Partei- mentiert, bis alles richtig klappt. Dann ist es soweit.
mitglieder aus taktischen Gründen im Stich gelassen Mit zwei Genossen besteigt «Dackel» das Dach des
hat. Nein, es sind «kleine Leute» wie van der Lubbe, die Hochhauses. Niemand hält sie an, sie tragen Arbeits-
etwas tun, Arbeiter, Erwerbslose, kleine Parteifunktio- kleidung, einen Eimer, Bretter und ein grosses Paket.
näre. Was sie tun, ist kaum verabredet, erfolgt nach Also werden sie wohl auf dem Dach zu arbeiten haben.
keinem Plan, wird nirgendwo koordiniert. So ist es auch. Die Arbeit besteht darin, dass kurze
Gewiss – noch kommen vom ZK der KPD Kuriere Bretter quer unter ein längeres Brett gelegt werden,
zu den Parteileitungen in ganz Deutschland, aber ihre das etwas über den Dachrand hinausragt. Vorn auf das
Reisen dienen nur dem Zweck, den unteren Leitungen Brett wird das inzwischen aufgeschnürte Paket gelegt,
und den Parteimitgliedern vorzutäuschen, die Führung auf das andere Ende der improvisierten Wippe kommt
sei noch da, sei noch auf dem Posten. Was die Kuriere der randvoll mit Wasser gefüllte Eimer. Die Genossen
tatsächlich mitbringen, sind keine korrekten Anwei- grinsen sich an, steigen wieder nach unten und ver-
sungen, sondern nur die üblichen nichtssagenden Phra- schwinden auf dem Augustusplatz in der Menschen-
sen: menge.
«Schliesst euch zusammen! Kurz darauf schlagen die beiden erzenen Männer mit
Handelt vereint! ihren Hämmern eine volle Stunde. Die gaffenden Zu-
Tod den Faschisten! schauer erleben etwas Merkwürdiges: Direkt über den
Von der Sowjetunion lernen, heisst Siegen lernen! Köpfen der beiden Zeitschläger beginnt es zu schneien,
Im Geiste Lenins vorwärts! obwohl doch der Februarhimmel klar ist. Die Schnee-
Der Imperialismus ist das höchste Stadium des Ka- flocken sind auch grösser, als man es je sah. Alles starrt
pitalismus! und starrt, bis die ersten merken, dass es sich da nicht

14
Kommunistische Propaganda

um Schneeflocken, sondern um Flugblätter handelt. der ersten Tonfilme wurde gedreht. Hauptheld: Harry
Man ist ja alle mögliche Wahlpropaganda und auch Piel, der Filmdarsteller, der sich nie durch ein Double
jede Art Reklame der Industrie gewöhnt – aber das vertreten liess. Kämpfte er mit einem Tiger, dann war
hier ist mal etwas anderes, das muss man lesen. Jeder er es selbst, und nicht ein auf Harry Piel geschminkter
greift zu. Dompteur; er selbst sprang mit dem Fallschirm ab, er
«Leipziger Arbeiter!» Wählt Thälmann, wählt die KPD! legte mit dem Flugzeug eine gekonnte Bruchlandung
Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!» für die Kamera hin, er raste bei Verfolgungsjagden mit
Die «Leipziger Volkszeitung», die einst zu ihren Re- dem Motorrad Treppen herauf und herunter.
dakteuren und Mitarbeitern so berühmte Leute wie Hier in Leipzig jagt er einen Verbrecher bis zur Schorn-
Karl Marx, Friedrich Engels, Wilhelm und Karl Lieb- steinspitze des E-Werkes. Den Kameraleuten, die von
knecht, Wladimir Iljitsch Lenin, Rosa Luxemburg, Kurt einem neben dem Schornstein verankerten Ballon aus
Eisner, Franz Mehring und August Bebel zählte, be- filmen, und den Zuschauern unten wird übel, als sie
richtet am nächsten Tag darüber und verrät auch gleich Harry Piel oben auf der schwankenden Mauerkrone
den Trick: ein Loch im Boden des Eimers, das genau so den «Verbrecher», einen für diese Aufnahme engagier-
gross sein muss, dass nach einer bestimmten Zeit so viel ten Hochseilartisten, jagen sehen. Das ist noch in aller
Wasser ausgelaufen ist, um dem auf der anderen Seite Erinnerung.
des Brettes liegenden Packen Flugblätter das Überge- Jetzt stehen die Neugierigen wieder vor dem E-Werk
wicht zu geben. Nachmachen, Genossen! und starren kopfschüttelnd nach oben. Nur mühsam
Auch die anderen Leipziger Zeitungen berichten über gelingt es der Polizei, die Leute zum Weitergehen zu
diese originelle Form der Wahlpropaganda. Nur die bewegen.
LNN, die wohlrenommierten, bürgerlichen «Leipziger «Ich gloobe fast, mein Gudesder», sagt einer der Pas-
Neuesten Nachrichten», schweigen über den Vorfall. santen zum anderen, wohl in Gedanken bei jener Film-
Das fehlte gerade noch, kostenlos für die Kommunisten aufnahme und bei dem damals berühmtesten und
Wahlpropaganda zu machen – der Verleger selber ist beliebtesten Sensationsdarsteller des deutschen Films,
SA-Führer. «ich gloobe, der Harry Biel muss zu d’n Gommenist’n
Einige Zeit später ist ein anderes kommunistisches gegang’ sein. Anders gann ’ch mer das nich vorstell’n.»
Unternehmen in Leipzig in aller Munde und für lange Für sportliche Leistungen sind die Menschen stets zu
Zeit Gesprächsstoff. begeistern, und das hier ist ohne Zweifel eine tolle
Der Zentralschornstein des Elektrizitätswerkes gegen- Sache. Das geben auch die zu, die für die Kommunisten
über dem Stadtbad ist der höchste Industrieschlot des nichts übrig haben. Selbst unter SA-Leuten spricht
Kontinents. Von vielen Stadtteilen aus sieht man ihn man anerkennend über die unbekannten «Übeltäter».
als spitze Nadel in den Himmel ragen. «Das sind wenigstens Kerle», heisst es, «die sollten bei
Die aufsteigende Sonne trifft über Leipzig stets zuerst uns mitmachen, solche Burschen können wir brauchen.»
jenen höchsten Punkt. Und eines Morgens bestrahlt sie, Mit einem ähnlichen Bravourstück erreichen Arbeiter-
weithin für jedermann sichtbar, etwas im frischen Mor- sportler im Elbsandsteingebirge, das auch unter dem
genwind sanft auswehendes, leuchtend Rotes. Über der Namen «Sächsische Schweiz» bekannt ist, eine noch
Messestadt, Bücherstadt und Musikstadt Leipzig weht längerdauernde Wirkung. Die «Sächsische Schweiz» ist
die rote Fahne der Weltrevolution. Und sie weht tage- nicht nur Touristen wegen ihrer landschaftlichen Schön-
lang. heit und Karl-May-Enthusiasten wegen der Festspiele
Die wagemutigen Kommunisten, die eine nächtliche auf der Felsenbühne Rathen ein Begriff, sondern auch
Betriebspause am Zentralen Kesselwerk zu einem den Alpinisten aus aller Welt. Ihre schroffen Sandstein-
lebensgefährlichen Aufstieg bis zur schwankenden felsen bieten ideale Kletter- und Übungsmöglichkeiten
Schornsteinspitze genutzt haben, pflanzten nicht nur bis zum höchsten Schwierigkeitsgrad der Stufe sechs.
das flatternde Symbol des internationalen Kommunis- Der am schwersten zu erkletternde Felsen ist die «Bar-
mus in den Leipziger Himmel. Sie haben es bei ihrem berina», eine einsam aus dem Waldboden aufragende
Abstieg noch fertiggebracht, die grösste Zahl der Steig- riesige Säule aus Stein. Ihre Wände sind nicht nur
eisen aus der Schornsteinwand zu brechen. Die müssen ringsum senkrecht, sondern hängen an vielen Stellen
nun erst mühsam neu eingemauert werden, bevor je- über. Nur den allerbesten Kletterern gelingt es, die
mand die rote Fahne von der Schornsteinspitze entfernen bemooste Plattform auf dem Gipfel der «Barberina»
kann. zu erreichen. Lange nach dem Ende des Dritten Reiches
Es ist noch gar nicht so lange her, da standen die werden vier junge sächsische Sportler weltberühmt, die
Leipziger schon einmal staunend vor dem höchsten ihre Kletterkunst den Übungen an der «Barberina»
Industriebauwerk Europas, auf das sie stolz sind. Einer verdanken – nach ihrer Flucht aus Ulbrichts Reich

15
Widerstand in Deutschland 1933-1934

verkünden Schlagzeilen in der Weltpresse ihre alpini- «antanzen» – und sie kommen und lassen sich abkan-
stische Grosstat: Toni Hiebeier und seine Kameraden zeln.
haben erstmals in direkter Route die Eiger-Nordwand Widerstand wird nur «ganz unten» geleistet. Es kommt
bezwungen, die man auch die Mordwand nennt. auch zu blutigen Zwischenfällen. Die SA nimmt vieler-
Jetzt, 1933, ist es noch die Generation der Väter dieser orts, vor allem in den Grossstädten, wahllos und ge-
sächsischen Alpinisten, die sich an der schwierigen setzwidrig Verhaftungen vor. Sie schlägt Kommunisten
Felssäule abmühen. Diesmal nicht aus Freude an der zusammen, sperrt sie in die Keller ihrer Parteilokale,
sportlichen Leistung, sondern um der Politik willen. es gibt auch Tote. Die Kommunisten wehren sich, er-
Sportler der VKA, der «Vereinigten Kletterabteilung», greifen auch gelegentlich selbst die Initiative, und es
pinseln in mühseliger und gefährlicher Arbeit der «Bar- kommt zu Bluttaten, die von ihrer Führung keines-
berina» eine antifaschistische Losung auf den mächti- wegs angeordnet sind. Sie entstehen, wie aller anderer
gen Leib aus Stein. Monatelang können die Besucher Widerstand und Gegen widerstand in jenen ersten Ta-
der Sächsischen Schweiz die weissen Buchstaben gen des Dritten Reiches, spontan, aus alten Ressenti-
leuchten sehen: «Fort mit Hitler!» ments, auch aus persönlichem Hass aus ganz privaten,
Keiner ist in der Lage, den Felsen zu erklettern und egoistischen Motiven.
die «staatsfeindlichen» Buchstaben zu entfernen. Erst Die KPD-Führung hat diesen Terror nicht befohlen,
die Natur hat ein Einsehen und lässt die weisse Farbe aber sie hat mit ihrer Agitation vom «Handeln», vom
allmählich verblassen. «Kampf gegen die Diktatur des Finanzkapitals», und
Die ebenfalls zur VKA gehörende Alpinistengruppe mit der Losung «Schlagt die Faschisten, wo ihr sie
«Felsenstern» unternimmt etwas Ähnliches wie die trefft», das ihre dazu beigetragen.
Leipziger Genossen im Elektrizitätswerk. Nur ist es Die Führung der NSDAP ihrerseits wünscht in dieser
in Dresden der grosse Schornstein der Waffenfabrik Phase der totalen Machtergreifung ebenfalls nicht das,
«Arsenal», von dem eines Tages die rote Fahne weht. was die SA-Leute tun. Aber sie sieht sich gezwungen,
Am 15. Februar spricht Hitler in Stuttgart. Die Rede es zu tolerieren. Man muss den SA-Leuten freien Lauf
wird über den Rundfunk übertragen. Das heisst: Sie lassen, wenn sie sich nicht gegen die eigene Führung
soll übertragen werden. Wie aus Goebbels Tagebuch- richten sollen. Sie haben jahrelang von der nationalen
eintragungen von diesem Tag hervorgeht, klappt es «Revolution» gehört – und die wollen sie jetzt haben.
nicht ganz: Deshalb muss man sie lassen, sie werden sich bald aus-
«[Hitler] wendet sich scharf gegen den noch immer getobt haben und schon wieder beruhigen.
amtierenden Staatspräsidenten Boltz und die schmie- Marinus van der Lubbe ahnt von all diesen Vorgängen
rigen Intrigen des Zentrums. Ein Teil der Rede kann nichts. Nichts von der Flugblattaktion am Leipziger
nicht übertragen werden, weil infolge der Unzuläng- Europa-Hochhaus, von der Harry-Piel-Imitation auf
lichkeit der amtlichen Vorbereitungen ein Kabel durch dem Schornstein des Leipziger Elektrizitätswerkes, und
Kommunisten zerstört worden ist. auch von der «Barberina» hat er noch nie etwas gehört.
Da wir in der Nacht nicht zurückfliegen können, lasse Hätte er aber von all den eigenmächtigen Aktionen der
ich gleich die verantwortlichen Herren vom Rundfunk «kleinen Leute» vernommen, so würde das an seinem
im Hotel antanzen und geige ihnen die Meinung in Entschluss nichts ändern, eine «grosse Tat» zu vollbrin-
einer Art und Weise, dass ihnen Hören und Sehen gen, die entscheidende Tat, die aufrüttelnde Tat. Weder
vergeht. Gleich am anderen Tag sollen zwei von ihnen mit vom Himmel schneienden Flugblättern, noch mit
telegraphisch ihres Amtes enthoben werden. Jetzt wird Schornsteinfahnen und mit bepinselten Steinsäulen oder
den anderen wohl die Lust vergehen, uns durch Sabo- erstochenen SA-Männern kann man das Unheil wen-
tage zu stören.» den. Es muss schon etwas sein, was weithin zu sehen ist,
Diese Tagebuchnotiz kennzeichnet sehr gut die Lage in ein «Fanal», wie er später sagen wird.
jenen Tagen. Sie lässt den Widerstand erkennen, den Zunächst wandert van der Lubbe erst einmal ziellos
Einzelne leisten, und zeigt zugleich, dass es Leute gibt, durch die Stadt. Am Nachmittag des 19. Februar,
die sogar dann, wenn sie persönlich betroffen sind, einem Sonntag, nimmt der unruhige, noch immer nach
nicht an Widerstand denken. Goebbels ist an jenem der Möglichkeit für «eine Tat» suchende Holländer an
Tag noch nichts als ein Parteifunktionär der NSDAP, der Grosskundgebung des «Reichsbanners» im Lust-
einer der vielen deutschen Parteien, wenn auch der garten, dem heutigen Marx-Engels-Platz, teil. Kolonne
grössten. Er hat kein staatliches Amt inne, er ist weder auf Kolonne der militanten Organisation der SPD
Minister, noch Staatssekretär oder auch nur in irgend- und Gewerkschaften marschieren auf. Van der Lubbe
einem Ministerium wenigstens Abteilungsleiter. Trotz- sieht noch einmal, wie stark doch die Macht der Arbei-
dem lässt er die vom Staat besoldeten Rundfunkleiter terschaft ist, und er denkt daran, dass die vielen Ber-

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van der Lubbe in Berlin

liner Kommunisten an dieser Kundgebung noch nicht kommunistischen Überläufer, dass diese Häuser über
einmal teilnehmen. Wie stark muss dann erst die ver- Strohmänner ebenfalls der KPD gehören und durch
einte Arbeiterschaft sein! 500‘000 kommunistische Geheimgänge mit dem Gebäude des ZK in Verbindung
Wähler gibt es in Berlin. stehen.
In den nächsten Tagen ist er fast ununterbrochen unter- Es werden verborgene Räume gefunden, vollgestopft
wegs. Er läuft neben marschierenden SA-Kolonnen her, mit Flugblättern, Aufrufen. Gutgetarnt hinter der
besucht Wahlversammlungen verschiedener Parteien, Wand eines Badezimmers findet man auch Waffen. Die
diskutiert vor Wohlfahrtsämtern und Stempelstellen Druckschriften rufen zum bewaffneten Kampf auf,
mit den wartenden Arbeitslosen. Er steht selbst in den aber diese Aufrufe, wenn auch eben erst gedruckt, sind
Schlangen der Wartenden, um eine Essensmarke zu Zitate Lenins aus der Zeit des Bürgerkrieges in Russ-
erhalten, er wandert durch ganz Berlin, sieht sich am land. Nichts an dem, was im Liebknecht-Haus gefun-
Alexanderplatz den Film «Der Rebell» an. den wird, deutet auf einen unmittelbar bevorstehenden
Am Donnerstag, es ist der 23. Februar 1933, kommt kommunistischen Aufstand hin. Sicher – die Aufrufe
van der Lubbe auch am Arbeitsamt in der Kochstrasse, sind blutrünstig genug. Aber es ist, wie die Berliner
Ecke Friedrichstrasse, vorbei. Das ist jene Stelle, an der sagen, nur «Schnee vom alten Jahr».
sich 1961 amerikanische und sowjetische Panzer mit Goebbels schlachtet natürlich die Waffen- und Flug-
schussbereiten Kanonen gegenüberstehen, jene Stelle, blattfunde trotzdem aus und tut so, als habe die Ber-
die unter dem Namen «Checkpoint Charlie» heute eine liner Polizei eben noch den Bürgerkrieg verhindert.
traurige Berühmtheit als Ausländerdurchschlupf durch Aber praktisch geschieht noch immer nichts gegen die
Ulbrichts Mauer erlangt hat. Kommunisten, Hitler wartet mit seinen Leuten noch im-
Hier diskutiert van der Lubbe länger als anderswo, mer darauf, dass die Kommunisten selber losschlagen,
denn manche der Arbeitslosen können sich später noch vorher scheint es ihm nicht opportun, von sich aus ein-
an ihn entsinnen. Es kommt fast zu tätlichen Ausein- zugreifen. Insbesondere jetzt vor den Wahlen will Hit-
andersetzungen dort, denn unter den Arbeitslosen sind ler als Retter vor dem Volk und nicht als Arbeiterfeind
ebensoviel Anhänger wie Gegner Hitlers. und Arbeitermörder dastehen.
«Geht doch ’rein, statt hier draussen in Schnee und Zu dieser Taktik der Volksumwerbung notiert Goebbels
Kälte anzustehen. Holt euch doch euer Geld!» stichelt in sein Tagebuch:
der Holländer. «Warum lasst ihr Arbeiter euch denn «Vorläufig wollen wir von direkten Gegenmassnahmen
alles gefallen? Oder steckt die Bude einfach an! Wie absehen. Der bolschewistische Revolutionsversuch
dann wohl die satten Beamten laufen werden!» muss erst einmal aufflammen. Im geeigneten Moment
Die Arbeitslosen tippen sich an die Stirn. Der Kerl ist werden wir dann zuschlagen.»
ja verrückt! Man merkt, dass er Ausländer ist. Was Und es ist Marinus van der Lubbe, der den national-
meint der wohl, wie schnell ein Überfallkommando sozialistischen Machthabern diesen geeigneten Grund
hier sein kann! Mit Geld sähe es dann ganz finster aus, zum Losschlagen liefern wird. Nach einigen fehlge-
der einzige Erfolg wären ein paar Beulen von einem schlagenen Brandstiftungen hat er sich vorgenommen,
Polizei-Gummiknüppel oder gar gesiebte Luft wegen das Reichstagsgebäude anzuzünden.
«Landfriedensbruch» oder so was Ähnlichem. Nein, mit Am 27. Februar gegen 17 Uhr betrachtet er zunächst
uns nicht. Überhaupt – lasst doch erst mal den Hitler einmal den Ort seiner Tat, wagt aber noch nichts zu
zeigen, was er kann. unternehmen, da in einigen Räumen noch Licht brennt
Van der Lubbe findet auf seiner rastlosen Wanderung und Abgeordnete noch an der Arbeit sind. Einer dieser
durch Berlin manchen, der ihm zustimmt, aber unter- Abgeordneten ist der Vorsitzende der kommunistischen
nehmen will niemand etwas. «Ja, wenn wir alle zu- Reichstagsfraktion, Ernst Torgier. Als einer der letzten
sammen . . .», sagt einer zu dem eifernden Holländer. verlässt er an diesem Abend das Reichstagsgebäude,
«Du weisst ja: Alle Räder stehen still, wenn dein star- und das genügt den Nationalsozialisten, ihn der Brand-
ker Arm es will. Aber wenn jeder etwas anderes will, stiftung zu verdächtigen und anzuklagen.
wenn keiner das Kommando gibt?» Van der Lubbe wandert an den Denkmälern preussi-
Am Abend zuvor, am 22. Februar, hat die Polizei die scher Könige und Feldherren in der Siegesallee vorbei
kommunistische Parteizentrale, das Liebknecht-Haus zum Potsdamer Platz, über die Leipziger Strasse zum
am Bülowplatz, durchsucht. Auf Motorrädern und mit Alexanderplatz und erst dann wieder zum Reichstag
Lastkraftwagen ist die Polizei vorgefahren und hat die zurück. Etwas vor 21 Uhr trifft er dort ein. Jetzt ist alles
Gegend hermetisch abgeriegelt. Auch die Nachbar- dunkel.
gebäude des Liebknecht-Hauses werden durchsucht, Kurz nach 21 Uhr kommt der junge Schriftsetzer Wer-
denn die Polizei weiss inzwischen durch die zahlreichen ner Thaler am Reichstag vorbei. Er hat nach langer

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Widerstand in Deutschland 1933-1934

Arbeitslosigkeit endlich wieder Arbeit gefunden, aus- «Stettin» in der Linienstrasse der Befehl gegeben, einen
gerechnet in der Druckerei des Nazi-Blattes «Völki- Löschzug zum Reichstag zu entsenden. Nur einen –
scher Beobachter», obwohl er selbst ein Gegner der obwohl bei einem Brand öffentlicher Gebäude auto-
Nazis ist. Jetzt will er zum nahegelegenen Lehrter matisch Alarmstufe drei gilt, also drei Löschzüge ent-
Bahnhof, um mit der S-Bahn nach Hause zu fahren. sandt werden müssen. Aber das ergibt sich ganz einfach
Plötzlich hört Thaler ein Klirren. Er blickt sich um und daraus, dass der Alarm nicht aus dem Reichstag selbst
sieht undeutlich einen Schatten rechts vom Hauptportal kommt, weder von einem der dort installierten und
über der westlichen Auffahrtsrampe. Der Schatten ver- direkt mit der Feuerwehr verbundenen Feuermelder
schwindet in einem Fenster des Hochparterres. Dann noch wenigstens von einem Angestellten des Reichs-
flackert ein Licht auf. Will da jemand einen Brand tages. Es handelt sich um nichts als die – vielleicht fal-
legen? denkt Werner Thaler verblüfft. Er läuft um das sche – Mitteilung einer Privatperson. Ausserdem wird
Gebäude herum, in der Hoffnung, einen Polizisten zu der Feuerwehrzentrale auf Anfrage von dem Anrufden
finden. geantwortet, es sei kein Feuer zu sehen, schlimm könne
Ein anderer Passant, der Theologiestudent Hans Flöter, es also nicht sein.
hat das Klirren ebenfalls gehört und den kurz darauf 21.18 Uhr ist dieser Löschzug von der Wache «Stettin»
aufleuchtenden Feuerschein gesehen. Auch er läuft los, am Reichstag. Drei Minuten zuvor hat ein Beamter
in anderer Richtung als Thaler. Flöter hat zuerst Glück. der Tiergartenstreife, der nichts davon weiss, dass sein
Er trifft den Schupo-Oberwachtmeister Buwert und Kollege Buwert schon für die Alarmierung der Feuer-
macht ihn darauf aufmerksam, dass jemand in das erste wehr gesorgt hat, von sich aus einen Feuermelder
Fenster rechts neben dem Hauptportal in den Reichs- betätigt, der einen Löschzug von der Feuerwache
tag eingestiegen sei. Buwert läuft in die angegebene «Moabit» in der Turmstrasse in Bewegung setzt.
Richtung und trifft auf Werner Thaler, der ihm das- Inzwischen ist der Polizeileutnant Lateit von der Po-
selbe berichtet. Thaler hat inzwischen einen Wachtmei- lizeiwache am Brandenburger Tor eingetroffen und hat
ster von der Tiergartenstreife alarmiert, den Wachtmeis- Oberwachtmeister Buwert beauftragt, nochmals die
ter Poeschel, der nun ebenfalls herankommt. Feuerwehr zu alarmieren. Buwert gibt den Befehl an
Buwert ist der ranghöhere der beiden Polizisten. Er einen Kameraden weiter, aber die Hauptwache unter-
zögert einen Augenblick, was er tun soll, und so kommt nimmt nichts, weil ihr mittlerweile gemeldet worden
es, dass van der Lubbe 20 Minuten Zeit hat, um end- ist, auch die Feuerwache «Moabit» sei bereits alarmiert
lich auszuführen, was er sich schon nach dem Gespräch und mit einem Zug im Einsatz.
mit seinem Freund Sierach vorgenommen hat. Leutnant Lateit seinerseits, der den um 21.20 Uhr
Von Feuer ist nichts zu sehen, feststeht nur, dass jemand eintreffenden Löschzug aus der Turmstrasse ankom-
eingebrochen hat, denn das zerschlagene Fenster ist men sieht, glaubt, dieser Zug sei auf seine Veranlassung
auch in der Dunkelheit deutlich zu erkennen, und unter alarmiert worden und unternimmt deshalb ebenfalls
ihm, auf der Wagenrampe, liegen Glasscherben. So ent- nichts weiter.
schliesst sich Buwert, zunächst nicht die Feuerwehr, Die Feuerwehrleute dringen mit Steckleitern durch
sondern seine Kollegen zu verständigen. Ein weiterer die Fenster im Hochparterre ein. Zunächst sehen sie
Passant, der inzwischen neugierig hinzugetreten ist, nichts von einem Brand. Der inzwischen herbeigeeilte
wird gebeten, die Polizeiwache im nahegelegenen Pförtner vom Portal V – das einzige, das um diese
Brandenburger Tor zu benachrichtigen. Die Polizisten Zeit besetzt ist, alle anderen werden um 20 Uhr ge-
Buwert und Poeschel gehen inzwischen noch einmal um schlossen, das Hauptportal ist niemals ausser zu Reichs-
das Gebäude, um festzustellen, ob nicht noch anderswo tagssitzungen geöffnet – weiss von gar nichts.
jemand eingestiegen ist. Dann treffen die Feuerwehrleute im Restaurant auf
Dabei sieht der Oberwachtmeister nun selbst durch ein Brandstellen. Jetzt gibt Brandmeister Wald vom Por-
Fenster flackernden Feuerschein. Kein Zweifel: doch tal V aus gleich 10. Alarm. Mit den nun eintreffenden
Brandstiftung. Die Mitteilung Thalers und Flöters war Löschzügen kommt auch der Berliner Oberbranddirek-
also richtig. Zwei Passanten werden von ihm zu dem tor Gempp zum Reichstag. Um 21.42 Uhr gibt er selbst
gegenüberliegenden Haus des «Vereins der Ingenieure» Alarm der 15. Stufe, nachdem ein grosser Brandherd
geschickt, mit dem Auftrag, die Feuerwehr zu alarmie- im Plenarsaal entdeckt worden ist. Um diese Zeit ist
ren. Tatsächlich ruft der im VDI-Haus diensthabende van der Lubbe bereits gefasst. Schliesslich, wenn auch
Pförtner telefonisch bei der Hauptfeuerwache in der zu spät, sind 60 Feuerwehrwagen und einige Lösch-
Lindenstrasse an. boote auf der Spree im Einsatz.
Dieser Alarm wird dort um 21.13 Uhr registriert. Auch der technische Inspektor Scranowitz ist aus seiner
Zugleich wird der örtlich zuständigen Feuerwache nahegelegenen Wohnung eingetroffen. Gemeinsam mit

18
Der Reichstag brennt

den Polizeibeamten Buwert und Poeschel durchsucht es nicht mehr weitergeht und der Insasse aussteigen
er die Räume im Hauptgeschoss und dann im Erd- muss. Es ist Hermann Göring, seit den letzten Wahlen
geschoss. In einem Raum hinter der Küche für die als Vertreter der stärksten Partei, der NSDAP, Reichs-
Beamtenkantine im Erdgeschoss entdeckt Buwert durch tagspräsident. Seine Sekretärin, Fräulein Grundtmann,
die Mattglasscheibe einer Durchreiche endlich den hat ihn daheim angerufen, nachdem sie selber vom
Schatten des Brandstifters. Er schiesst, aber der Schuss Pförtner des Präsidentenpalais informiert worden ist.
geht daneben. Göring ist der erste der Naziführer, der an der Brand-
Van der Lubbe verschwindet noch weiter nach hinten, stelle eintrifft. Hitler und Goebbels kommen erst dann,
Buwert kann ihm nicht gleich folgen, denn die Türen als der Plenarsaal bereits lichterloh brennt und aus der
sind alle verschlossen. Bis er schliesslich entdeckt, dass riesigen Kuppel die Flammen in die kalte Februarnacht
der Brandstifter durch das Fenster einer Speisendurch- schlagen.
gabe in den Raum gelangt ist, ist nichts mehr von ihm Göring empfängt Hitler in dem raucherfüllten Gebäude
zu sehen. und erstattet einen ersten Bericht. Einer der Brand-
Van der Lubbe bleibt noch Zeit genug, das Wichtigste stifter sei bereits gefasst, ein Holländer namens van der
zu tun. Er gelangt in «eine grosse Kirche», wie er spä- Lubbe, ein Kommunist. Er habe schon am Tatort sofort
ter sagt. Es ist der Plenarsaal. Hier endlich lodert das zugegeben, dass der Brand ein «Protest» sein sollte, ein
Feuer richtig auf. Die Bestuhlung wird säuberlich ge- «Signal» für die Arbeiter, sich zu erheben.
pflegt, mit einer leicht brennbaren Möbelpolitur, das Für Hitler ebenso wie für Goebbels ist sofort auch
Holz selbst ist alt und zundertrocken. Die riesigen ohne Görings Bericht ihrem Wunschdenken entspre-
Vorhänge an den Fenstern sind gegen Feuer imprä- chend klar: Das können nur die Kommunisten gewesen
gniert – aber die letzte Imprägnierung ist vor vielen Jah- sein, wer sonst?
ren erfolgt, auch sie nehmen sofort Feuer an. Der provisorische Leiter der politischen Polizei Preu-
Van der Lubbe hat inzwischen seine Kohlenanzünder ssens, der gleich darauf zum ersten Chef der Gestapo
längst verbraucht. Er hat seinen Pullover als Fackel ernannte Oberregierungsrat Diels, ist ebenfalls bereits
benutzt, ebenso einige in der Küche gefundene Hand- anwesend. Er hat schon ein erstes Verhör mit van der
tücher. Von dem ersten brennenden Vorhang im Plenar- Lubbe angestellt und ist davon überzeugt, dass der
saal reisst er Stücke ab und setzt damit andere Vorhänge junge Wirrkopf das Feuer alleir gelegt hat. Er berichtet
in Brand. darüber:
Dann rennt er weiter, brennt ein Sofa an, einen Sessel. «Ein Adjutant Hitlers stöberte mich im Labyrinth der
Während der ganzen Zeit hört er die Stimmen der nun von Feuerwehrmännern und Polizisten belebten
Feuerwehrleute und der Polizisten, die ihn suchen. Gänge auf. Er überbrachte mir den Befehl Görings,
Im Bismarcksaal ist es schliesslich soweit. Wachtmeis- mich sofort in der hohen Runde einzufinden. Auf einem
ter Poeschel und Hausinspektor Scranowitz stellen den in den Plenarsaal vorspringenden Balkon waren Hitler
Brandstifter. und seine Getreuen versammelt. Hitler hatte sich mit
«Hände hoch!» schreit Poeschel und richtet die Pistole beiden Armen auf die steinerne Brüstung des Balkons
auf den nackten, schweissglänzenden Oberkörper des gestützt und starrte schweigend in das rote Flammen-
Holländers – denn sein Hemd hat van der Lubbe meer . . . Als ich eintrat, schritt Göring auf mich zu. In
auch noch als Brandfackel benutzt. «Warum hast du das seiner Stimme lag das ganze schicksalsschwere Pathos
gemacht?» der dramatischen Stunde:
«Protest! Protest!» ruft van der Lubbe und hebt lang- ,Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstands!
sam die Arme. Sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute ver-
Poeschel und Leutnant Lateit, der hinzugekommen ist, säumt werden!’ «
führen den Verhafteten zur Portiersloge hinunter. Der Diels berichtete Göring, dass nach der ersten Verneh-
Pförtner reicht dem schweisstriefenden van der Lubbe mung des Brandstifters sehr wahrscheinlich sei, dass
eine Decke, damit er den nackten Oberkörper schützen van der Lubbe allein gewesen sei, doch da mischt sich
kann. Nach einem ersten kurzen Verhör in der Portiers- Hitler ein:
loge wird van der Lubbe nach draussen geführt und in «Das ist eine ganz raffinierte, von lange her vor-
einem Polizeiwagen zur Wache am Brandenburger Tor bereitete Sache. Das haben sich diese Verbrecher schön
gebracht. ausgedacht! Aber», wendet sich Hitler fordernd an
Es ist genau 21.37 Uhr, als der Wagen losfährt. seine Umgebung, «aber nicht wahr, meine Partei-
Zur gleichen Zeit trifft ein anderer Wagen vor dem genossen, sie haben sich verrechnet. Diese Unter-
Reichstagsgebäude ein und müht sich durch das Ge- menschen ahnen ja gar nicht, wie das Volk auf unserer
wirr von Feuerwehrwagen und Wasserschläuchen, bis Seite steht. In ihren Mauselöchern, aus denen sie jetzt

19
Widerstand in Deutschland 1933-1934

herauskommen wollen, hören sie ja nichts von dem Ju- allein den Brand nicht angelegt haben kann. Entweder
bel der Massen!» also müssen die Mittäter unter Angestellten des Hauses
Diels ist das alles zu unsachlich; Hitler hat sich so zu suchen sein, zumindest Helfer, die die Möglichkeit
hemmungslos in Wut geredet, dass von ihm keine hatten, den Brandstiftern die Türen zum Kellergang
klaren Befehle zu erwarten sind. Diels bittet Göring, zu öffnen oder Nachschlüssel anfertigen zu lassen. Oder
der in seiner neuen Eigenschaft als preussischer Minis- aber es handelt sich nicht nur um Angestellte, sondern
terpräsident und Innenminister sein Vorgesetzter ist, zur sogar um Abgeordnete des Reichstages. Diese fixe Idee
Seite, um Anweisungen von ihm zu erhalten. Und Gö- passt ausserdem wunderbar zu der Theorie, dass die
ring befiehlt die Verhaftung sämtlicher kommunisti- Kommunisten damit das Signal zum Aufstand geben
scher Funktionäre. wollten.
Diels gibt Görings Befehle an seinen Mitarbeiter Aber nicht nur Göring hat eine solche fixe Idee, die
Schneider weiter. Kommunisten haben sie auch: Van der Lubbe kann den
Während Diels und Schneider an die Arbeit gehen, ist Brand nicht allein gelegt haben, folglich muss er Helfer
Göring auf eine Idee gekommen. Der riesige Brand gehabt haben. Da wir Kommunisten es nicht waren,
kann unmöglich Werk eines Einzelnen sein. Aber an- können es ohne jeden Zweifel nur die Nazis gewesen
dererseits – es ist nur ein Mann verhaftet worden, sein.
zugleich aber ist das Reichstagsgebäude praktisch vom Und bei der kommunistischen Abart der fixen Idee
ersten Augenblick der Brandstiftung von Polizisten Görings kommt wie in einem Negativbild natürlich
und Neugierigen bewacht worden, niemand hat das auch der unterirdische Heizungsgang vor. Hier ist es
Gebäude verlassen. Wo also sind die Mittäter van der der Schriftsteller Gustav Regler, dessen Hinweis auf
Lubbes? den unterirdischen Gang einen riesigen Rattenschwanz
Göring fällt etwas ein: der unterirdische Gang, der von Erfindungen, Mutmassungen und Schlussfolgerun-
sich vom Reichstagsgebäude unter der Friedrich-Ebert- gen gebiert.
Strasse zum Präsidentenpalais und von dort zum Kes- Doch noch ist es nicht soweit, erst sind einmal die Nazis
selhaus der gemeinsamen Zentralheizung hinzieht. Nur am Zug, aus dem Brand des Reichstages Kapital zu
dort können Lübbes Komplizen stecken! schlagen.
Am 1. September 1929 ist unten im Keller bereits Hitler, Göring und Goebbels sind noch im brennenden
einmal ein Sprengkörper explodiert, und vor einem Reichstagsgebäude, als der erste Bericht über die Ver-
halben Jahr, im September 1932, ist die Polizei alar- nehmung des Brandstifters aus dem Polizeipräsidium
miert worden, weil angeblich Attentäter durch den am «Alex» eintrifft. Kriminalkommissar Heisig hat
unterirdischen Gang in den Reichstagskeller eingedrun- das Verhör geführt, einige höhere Beamte sind dabei
gen sind und dort Sprengladungen angebracht haben. anwesend, darunter auch der Polizeipräsident Admiral
Der Alarm stellt sich als Falschmeldung heraus, aber von Levetzow.
immerhin hat die preussische Regierung damals unter Levetzow lässt den Reichskanzler ausdrücklich darauf
der Reichsregierung Papen gesetzwidrig sogar die hinweisen, dass van der Lubbe die Ausdrücke «Fanal»
Räume der kommunistischen Fraktion und die Büros und «Signal» für seine Tat gebraucht und erklärt habe,
ihrer Abgeordneten nach Waffen und Sprengstoff jetzt sei die Zeit zum Losschlagen gekommen. Nach
durchsucht. Für Göring liegt der Gedanke nahe, dass die all den Aufrufen der vergangenen Tage zur «Einheit»,
Komplizen des Brandstifters, an die er glaubt, diesen zum «Handeln», nach den offen von den Kommunisten
unterirdischen Gang benutzt haben. erhobenen Forderungen wie «Die Waffen in die Hand
Görings Leibwächter und Chauffeur Weber wird dar- des Proletariats!» sind die Polizeibeamten, zumeist
aufhin mit drei wahllos herausgegriffenen Polizei- keine Nazis, in der hektischen Stimmung der Brand-
beamten nach unten geschickt, um den unterirdischen nacht selbst der Auffassung, es handle sich um einen
Heizungsgang zu durchsuchen. Die vier begeben sich kommunistischen Aufstandsversuch.
zum Präsidentenpalais auf der anderen Seite derFried- Nach dieser Bestätigung gibt es nun kein Halt mehr.
rich-Ebert-Strasse und lassen sich von der Portiersfrau Die Verhaftungswelle rollt an.
die Schlüssel aushändigen. Dann kontrollieren sie den Hitler begibt sich in das Hotel «Kaiserhof» und von
ominösen Gang. Die Ausgangstür zum Kesselhaus ist dort mit Goebbels zur Redaktion des «Völkischen
ebenso ordnungsgemäss verschlossen wie die Tur unter Beobachters».Die Rotationsmaschinenwerden angehal-
dem Reichstagsgebäude. Auch sonst ist nichts Verdäch- ten und der für die nationalsozialistische Taktik so
tiges zu bemerken. willkommene Reichstagsbrand propagandistisch ausge-
Weber berichtet das seinem Chef. Aber der lässt sich schlachtet. Hitler selbst diktiert Hass und Rache gleich
nun nicht mehr von seiner Idee abbringen, dass einer in die Setzmaschine, während Goebbels sich noch ein-

20
Hindenburg unterzeichnet die «Notverordnung»

mal in sein Büro zurückzieht und dort flammende Auf- bolschewistische Chaos, den Bürgerkrieg und den Un-
rufe verfasst. tergang Deutschlands zu verhindern.
Als der Morgen des 28. Februar graut, hat der hollän- Nun, nach dem Reichstagsbrand, nach van der Lübbes
dische Revolutionär Marinus van der Lubbe die Tat «Befreiungstat», ist es leichter als je zuvor, den Massen
vollbracht, von der er seit Wochen geträumt hat. Aber zu sagen:
sie hat nicht die Arbeiter und ihre Organisationen «Wählt Hitler, den Retter des Vaterlandes!»
alarmiert, zum Handeln gebracht, sondern sie ist zu Die Strassen werden nun ausschliesslich von SA, SS,
einem Sieg der Nationalsozialisten geworden. Van der Stahlhelm und Hitlerjugend beherrscht, lediglich das
Lubbe hat, wie noch so viele Widerstandskämpfer nach sozialdemokratische «Reichsbanner» tritt noch ab und
ihm, das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich zu in Erscheinung. Der kommunistische Rotfrontkämp-
erreichen wollte. Er hat dem Gegner die Waffen ge- ferbund RFB ist schon längst verboten worden, viele
schmiedet. seiner Mitglieder bewerben sich jetzt um die Auf-
Reichspräsident von Hindenburg unterzeichnet an die- nahme in die SA – und werden oft auch aufgenom-
sem Tag die ihm vorgelegte «Notverordnung zum men. Denn die SA fühlt sich als «Revolutionsmacht»,
Schutz von Volk und Reich». Er hält sie selbst für not- die Kommunisten sind auch Revolutionäre, Kämpfer
wendig. Am vergangenen Abend war er im «Preussi- gegen das verhasste Weimarer «System». Den Geist der
schen Herrenhaus» Gast des Vizekanzlers von Papen Internationale in ihren Köpfen in den Geist des natio-
und hat dort von einem Fenster aus den Brand des nalen, deutschen Sozialismus umzuwandeln, das traut
Reichstags beobachten können und ihn ebenfalls für man sich schon zu.
den Beginn eines Aufstandes gehalten. Schon nach den zwei Durchsuchungen des Liebknecht-
Nach der Notverordnung sind auch ausserhalb der Hauses am Bülow-Platz ist die KPD-Presse verboten
gesetzlichen Bestimmungen für befristete Zeit der Re- worden. Nun werden die führenden Funktionäre ver-
gierung alle Möglichkeiten gegeben, die Pressefreiheit, haftet – soweit sie nicht schon ins Ausland geflüchtet
die Redefreiheit und die Versammlungsfreiheit zu be- sind. Damit ist die KPD unschädlich gemacht, ohne
schränken, ohne richterliche Anordnung Haussuchun- dass man sie deshalb auch formell verbieten müsste.
gen durchzuführen, das Post- und Fernmeldegeheimnis Die SA ist als «Hilfspolizei» vereidigt worden und hat
zu brechen und Beschlagnahme oder andere Eingriffe nun staatliche Macht. Dass sie diese nur in Zusammen-
in das Privateigentum durchzuführen. arbeit und im Auftrag der jeweils zuständigen regio-
Zugleich wird die Reichsregierung vom Präsidenten nalen Behörden ausüben darf, stört die meisten SA-
ermächtigt, im Notfall auch die gesamte Macht in den Führer nicht. Sie handeln trotzdem, wie sie wollen,
deutschen Ländern zu übernehmen. Denn das Deutsche und so entstehen in den Tagen nach dem Reichstags-
Reich ist, ähnlich wie heute die Bundesrepublik, brand die ersten, noch illegalen KZ’s, zunächst «Schutz-
föderativ gegliedert, und die zur realen Machtausübung haftlager» genannt. Später systematisch ausgebaut,
notwendige Polizei untersteht nicht der Reichsregie- werden sie das wirkungsvollste Mittel, den Widerstand
rung, sondern den einzelnen Ländern. gegen Hitler zu brechen bzw. unschädlich zu machen.
Durch diese Notverordnung mit ihrer so positiven Die SA verhaftet jetzt in weit grösserem Ausmass als
Begründung «zum Schutz von Volk und Reich», die bis befohlen politische Gegner, führt «polizeiliche» Unter-
zum Untergang des Dritten Reiches gültig bleibt, wird suchungen und fühlt sich immer mehr als entscheiden-
die staatliche Ordnung von Grund auf umgewandelt. der Machtfaktor der «Revolution». Keiner der SA-
Das rechtsstaatliche Prinzip, das jedem Bürger grund- Führer ahnt auch nur im Geringsten, dass sie damit
sätzlich eine Freiheitssphäre auch dem Staat gegenüber selbst den eigenen Untergang und den Aufstieg des
zusichert, wird durch diese Notverordnung durchbro- bisher der SA unterstellten Heinrich Himmler und sei-
chen zugunsten einer grundsätzlich schrankenlosen ner SS zur alles beherrschenden Macht vorbereiten hel-
Willkürherrschaft. fen.
Für Hitler, der diese Folgen der Notverordnung in In den Tagen vor der entscheidenden Wahl zum Reichs-
ihrer ganzen Konsequenz nicht einmal durchschaut tag verschwinden immer mehr die schwarz-rot-golde-
haben mag, geht es jedoch zunächst einmal darum, den nen Fahnen der Republik aus dem Strassenbild. An
Reichstagsbrand propagandistisch für die kommenden öffentlichen Gebäuden sind sie ohnehin seit dem
Wahlen am 5. März zu nützen. 30. Januar nicht mehr zu sehen. Die Farben Schwarz-
Jetzt kann, ungehindert von jeder wirksamen Gegen- Weiss-Rot und Hitlers Hakenkreuzfahne beherrschen
propaganda durch SPD und KPD, den Volksmassen die Strassen.
verstärkt eingehämmert werden: dass die National- In ganz Deutschland jagt eine Massenversammlung
sozialisten als einzige in der Lage sind, das drohende die andere; nächtliche Demonstrationszüge unter einem

21
Widerstand in Deutschland 1933-1934

22
Tag der erwachenden Nation

glühenden Strom brennender Fackeln ziehen singend Sowjetrepublik Deutschland. Den Hitler und seine
und Parolen rufend durch die Strassen. Eilends auf- Leute wird man sich schon zurechtbiegen können,
gestellte Lautsprecher verbreiten die Wahlreden Hitlers schliesslich wird nichts so heiss gegessen, wie es ge-
und seiner Leute in Stadt und Land. kocht wird.
Die NSDAP hat nun nicht nur den Staatsapparat – Hitler proklamiert den 5. März, den Wahltag, zum
und, was dabei am wichtigsten ist, den Rundfunk – «Tag der erwachenden Nation». Die nationalsoziali-
zur Verfügung, sondern die NSDAP besitzt auch end- stische Propaganda überschlägt sich in den letzten
lich Geld. Tagen vor der Wahl förmlich. Goebbels schreibt am
Die Industrie hat sich bisher mit wenig Ausnahmen 2. März in sein Tagebuch:
nicht an Spenden für Hitler und seine Partei beteiligt. «. . . wir werden in einer noch nie dagewesenen Kon-
Die Spenden der deutschen Industrie sind an die zentration alle unsere Propagandamöglichkeiten aus-
Deutschnationale Volkspartei, an das katholische Zen- spielen. Das ganze Volk wird daran Anteil haben . . .»
trum und an andere Parteien der Weimarer Republik Nach den Wahlen vom 5. März:
geflossen. Hitler und seine Partei waren den deutschen «. . . abends hören wir in der Staatsoper die ,Walküre’.
Industriellen zu revolutionär, zu laut, zu plebejisch. In Wagners berückend schöne Musik klingen von
Nun aber, nachdem Hitler Reichskanzler ist, nachdem draussen die Marschrhythmen vorbeiziehender Stahl-
van der Lübbes «Befreiungstat» die deutschen Indu- helmkolonnen, die in Berlin ihren grossen Tag hatten.
striellen erschreckt, wird Hitler auch von dieser Seite Dann kommen die ersten Resultate. Sieg über Sieg,
unterstützt. Besser noch ein Hitler mit seinen ordinären phantastisch und unglaubhaft ...
SA-Rabauken, als ein Bürgerkrieg mit nachfolgender Wir sind die Herren im Reich und in Preussen; alle

Abbildung links: Die Not-


verordnung des Reichsprä-
sidenten «zum Schutz von
Volk und Staat» vom 28.
Februar 1933. Mit dieser
Notverordnung, die gleich
nach dem Reichstagsbrand
erlassen wurde, hörte
Deutschland auf ein Rechts-
staat zu sein. Die bürger-
lichen Grundrechte wurden
«bis auf Weiteres» ausser
Kraft gesetzt, und jeder
Missliebige konnte von nun
an willkürlich verhaftet
werden. – Abbildung rechts:
Einer der vielen «Beschlüs-
se», mit denen «auf Grund
des Paragraphen 1 der Ver-
ordnung des Reichspräsiden-
ten zum Schutz von Volk
und Staat» politische Geg-
ner in «Schutzhaft» genom-
men wurden.

23
Widerstand in Deutschland 1933-1934

anderen sind geschlagen zu Boden gesunken. Eine lange für die Staatspartei; 4 für den Christlich-Sozialen Volks-
Arbeit wird mit letztem Erfolg gekrönt. dienst und je 2 Mandate für die einst so stolze Deutsche
Deutschland ist erwacht! Volkspartei Gustav Stresemanns und die Deutsche Bau-
Süddeutschland hat sich an die Spitze des ganzen ernpartei.
Wahlerfolges gestellt. Das ist um so erfreulicher, als wir Das ist ohne Zweifel die grösste Zahl von Stimmen,
jetzt die Möglichkeit haben, gegen den separatistischen die Hitlers Partei jemals in freien Wahlen erreicht hat.
Föderalismus radikal durchzugreifen. Aber ein Grund dafür, dass «der Führer ganz gerührt
Berlin hat über 1 Million Stimmen zu verzeichnen . . . ist vor Freude», wie Goebbels schreibt, ist es wahrhaftig
Jede Stunde bringt eine neue, unwahrscheinliche Über- nicht.
raschung. Der Führer ist ganz gerührt vor Freude. Zusammen mit seinen Regierungspartnern von Hugen-
. . . Nun sind wir also soweit. Jetzt kann der Aufbau im bergs Deutschnationaler Volkspartei hat Hitler jetzt
Durchbruch der deutschen Revolution beginnen.» zwar erstmals seit vielen Jahren in Deutschland eine
Und am nächsten Tag heisst es bei Goebbels: wirklich regierungsfähige Mehrheit im Parlament zu-
« ... Alle Mitarbeiter sind in einer wunderbar beselig- stande gebracht, aber für eine verfassungsändernde
ten Stimmung. Mehrheit, die Hitler erreichen wollte, genügt das noch
Ich ziehe in einem Aufsatz die Schlussbilanz. Der Titel lange nicht. Die Parteien des Nationalen Zusammen-
ist stolz und selbstbewusst: ,Das Volk will es!‘...» schlusses erreichen keine Zweidrittelmehrheit. Wenn
Goebbels, der seine Tagebuchaufzeichnungen später aber Hitler seine Ziele durchsetzen, seine Pläne ver-
veröffentlichen will, verzerrt auch hier wie so oft die wirklichen und dennoch unter dem Schein der Legali-
Wahrheit, sofern sich diese Wahrheit nicht mit der von tät handeln will, wie er sich das seit dem Scheitern des
ihm gewünschten Wirklichkeit in Einklang bringen Putsches von 1923 als erfolgversprechende Methode
lässt. vorgenommen hat, dann braucht er eine verfassungs-
Gerade wenn man bedenkt, welche propagandistischen mässige Mehrheit im Deutschen Reichstag.
Möglichkeiten den Nationalsozialisten mit dem Reichs- 431 Abgeordnete müssen ihre Stimme für ihn abgeben
tagsbrand gegeben waren, und welche Zwangsmass- – oder aber zwei Drittel der in der entscheidenden
nahmen auf Grund der «Notverordnung zum Schutz Sitzung anwesenden Abgeordneten, wenn die Gesamt-
von Volk und Reich» gegen politische Gegner ergriffen zahl der bei der Sitzung anwesenden Abgeordneten
wurden, ist der Wahlerfolg äusserst gering. Trotz des zwei Drittel der am 5. März gewählten Abgeordneten
Verbotes der SPD-Presse, des Verbotes der kommuni- beträgt und damit zu Verfassungsänderungen berech-
stischen Presse und Propaganda, trotz der Verhaftung tigt ist.
der führenden kommunistischen und einer Anzahl sozi- Seiner Legalitätstaktik entsprechend, muss Hitler erneut
aldemokratischer Funktionäre, trotz des offenen Terrors verhandeln. Es muss ihm gelingen, die Zustimmung
gegen politisch Andersdenkende, trotz des Trommel- anderer Parteien, vor allem des relativ starken katho-
feuers nationalsozialistischer Propaganda auch über lischen Zentrums, zu gewinnen, um auf «legale» Weise,
staatliche Institutionen, wie den Rundfunk, sind die von einer Zweidrittelmehrheit des Parlaments bestätigt,
Wahlergebnisse für die NSDAP durchaus nicht so über- seine unumschränkte Diktatur zu errichten. Es gelingt
wältigend, wie Goebbels in seinem Tagebuch schreibt. ihm. Die Parteien übertragen ihm die Macht. Mit zwei
Die von Goebbels erwähnten Freudenfeuer auf Ausnahmen – der SPD und der KPD.
Deutschlands Bergen können für die Nationalsozialisten Die SPD verweigert die Zustimmung zu dem von
keine echte Freude verkünden. Denn so sieht das Wahl- Hitler verlangten Ermächtigungsgesetz für vier Jahre,
ergebnis tatsächlich aus: und den Abgeordneten der KPD werden die bei der
Wahl gewonnenen Mandate auf Grund der «Notver-
ordnung zum Schutz von Volk und Reich» vom 28. Fe-
bruar, die das Ergebnis von Lübbes «befreiender Tat»
NSDAP 17‘277‘180 Stimmen 288 Sitze ist, einfach aberkannt. Die später so vielzitierte «Sa-
SPD 7‘181‘620 Stimmen 120 Sitze lami-Taktik» der Kommunisten in den osteuropäischen
KPD 4‘848‘058 Stimmen 81 Sitze Ländern ist weder eine Erfindung des ungarischen
Zentrum 4‘424‘900 Stimmen 73 Sitze Kommunistenführers Rakosi, noch eine des Chefs der
Deutsch-nationale tschechischen Kommunisten, Klement Gottwald. Sie ist
«Schwarz-weiss-rote eine bereits erfolgreich praktizierte Taktik Hitlers.
Kampffront» 3‘136 760 Stimmen 53 Sitze Durch die Aberkennung des Mandats der gewählten
81 kommunistischen Abgeordneten auf Grund der Not-
verordnung vom 28. Februar ergibt sich, dass jetzt die
Dazu kommen noch 19 Mandate für den Ableger der
Zentrumspartei, die Bayrische Volkspartei; 5 Mandate

24
Der Tag von Potsdam

Gesamtzahl der Abgeordneten nur noch 536 beträgt, ten nochmals, was er ihm schon in seinen Amtsräumen
die verfassungsändernde Mehrheit von zwei Dritteln bei der Vereidigung seiner Regierung gesagt hat. Der
der Abgeordneten demnach 378 Stimmen. Diese Mehr- von Friedrich Eberts Präsidentschaft 1919 bis zur
heit muss unbedingt erreicht werden. Reichspräsidentschaft des Grossadmirals Dönitz durch
Propagandachef Goebbels hat sich dazu noch einen alle Wirrnisse der deutschen Geschichte amtierende
wirksamen psychologischen Trick ausgedacht. Die Er- Staatssekretär der Präsidialkanzlei, Dr. Otto Meissner,
öffnung des neugewählten Reichstages soll am 21. März schreibt darüber in seinen Memoiren:
stattfinden, genau 62 Jahre nach der Eröffnung des «Hitler hielt eine mit einer Huldigung für Hindenburg
ersten Deutschen Reichstages im «Zweiten Deutschen eingeleitete Ansprache, in der er sich mit grosser Geste
Reich» durch Bismarck nach dem Sieg über Frankreich zu den staatserhaltenden Kräften der grossen deutschen
und der deutschen Einigung 1871. Als historisch be- Vergangenheit und zur Wahrung des Friedens in der
deutsamer Ort der Feierlichkeit ist von Goebbels die Welt bekannte und auf die Hindenburg mit Worten
Potsdamer Garnisonskirche vorgesehen worden. Hitler ernster Mahnung zurückhaltend erwiderte. Diese
ist einverstanden. Kundgebung, die von der Rechtspresse als die Geburts-
Und so treffen sich am 21. März 1933 die neugewählten stunde des Dritten Reiches gefeiert wurde, hatte einen
Abgeordneten in Potsdam. In zwei getrennten Zügen betont nationalen Charakter . ..
bewegen sich die Abgeordneten auf die Garnisons- Durch die in dieser Feier ausgedrückte Anknüpfung
kirche zu. Die katholischen Abgeordneten kommen an die christlichen Grundlagen und die konservative
von der Stadtkirche, die evangelischen Abgeordneten Vergangenheit Preussens und die in ihr aufgerufene
von der Nikolai-Kirche. In beiden Kirchen hat anläss- Erinnerung an den grossen preussischen König wollte er
lich der Reichstagseröffnung je ein feierlicher Gottes- seinen Willen zu einer Erneuerung des deutschen Vol-
dienst für die Abgeordneten stattgefunden. Potsdams kes auf einer breiten nationalen Grundlage, in der die
Strassen sind für die beiden Züge der christlichen Ab- Wehrmacht und die traditionellen staatserhaltenden
geordneten, an deren Spitze für die Protestanten der Kräfte Einfluss behalten sollten, versinnbildlichen. Die-
preussische Ministerpräsident, Innenminister und zu- sen Zweck erreichte Hitler auch in vollem Umfange ...»
gleich Reichstagspräsident Hermann Göring sowie der Hitler «erreichte diesen Zweck» nicht zuletzt durch die
Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Frick, und für die nach der Reichstagseröffnung vor der Kirche statt-
Katholiken der eben ernannte Reichspropagandamini- findende Parade, an der in trautem Verein die Reichs-
ster Dr. Joseph Goebbels und der «Reichsführer SS» wehr, deren Agent Hitler einst war und die ihm seine
Heinrich Himmler schreiten, festlich geschmückt. SA aufgebaut hat, der deutschnationale Stahlhelm
In der Garnisonskirche spricht zunächst der greise Hugenbergs, die preussische Schutzpolizei – eben noch
Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Bene- sozialdemokratisch geführt –, die SS und die Hitlerju-
ckendorff und Hindenburg. Nach ihm spricht der gend teilnehmen.
Reichskanzler Adolf Hitler. Am Abend findet dann in Berlin die erste Arbeits-
Die feierliche Zeremonie dauert nicht allzu lange. Aber sitzung des Reichstags statt. Die Abgeordneten tagen
sie ist symbolisch genug, um jedem zu zeigen, welchen von nun an in der Kroll-Oper, das Reichstagsgebäude
Weg die neue Regierung gehen will. Die Zeremonie ist durch den Brand vor allem des Plenarsaals nicht
findet vor der Gruft des grossen preussischen Königs mehr zu benutzen. Auf der Tagesordnung steht nur ein
Friedrich II. statt. Der Reichspräsident verneigt sich Punkt: Wahl des neuen Reichstagspräsidenten. Her-
beim Betreten der ehrwürdigen Stätte vor dem leeren mann Göring wird erwartungsgemäss wiedergewählt.
Kirchenstuhl seines früheren Herrschers, des jetzt im Zwei Tage darauf, am Donnerstag, dem 23. März 1933,
holländischen Asyl lebenden Kaisers Wilhelm II., und findet jene historisch gewordene, unheilvolle Sitzung
er grüsst den von Hitler eigens eingeladenen Sohn des Reichstages statt, in der die Abgeordneten den
seines Kaisers, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, Reichstag und die Republik begraben, Deutschland der
der in kaiserlich-preussischer Generalsuniform erschie- Diktatur Hitlers ausliefern und mit ihren Parteien
nen ist. politischen Selbstmord begehen, auch wenn sie das erst
Hitlers Worte nach der Eröffnung durch den Reichs- später erfahren sollen.
tagspräsidenten Göring sind massvoll und auf Ver- Welche Überlegungen für zahlreiche Politiker dafür
söhnung aller bisherStreitenden gerichtet. Er beschwört massgebend waren, der Regierung Hitlers so weit-
nationale und christliche Werte und verschweigt die gehende Machtbefugnisse einzuräumen, zeigte die Auf-
nationalsozialistischen Absichten. Der erstmals für eine zeichnung von Karl Bachem, dem Geschichtsschreiber
solche Gelegenheit feierlich befrackte statt braununi- der katholischen Zentrumspartei:
formierte neue Reichskanzler versichert dem Präsiden-

25
Widerstand in Deutschland 1933-
1934
«Das Ermächtigungsgesetz ist also angenommen! Mit Aber es klingen in Bachems Bericht auch Tone auf, die
den Stimmen der Zentrumspartei! ebenfalls stellvertretend sind für das Denken vieler
Die Zustimmung lag gewiss im Sinne der Sammlungs- anderer Politiker jener Tage und die zeigen, dass die
parole, welche Kaas (Prälat Kaas, Vorsitzender der Hauptgefahr überhaupt nicht erkannt wird, jene Ge-
Zentrumspartei) schon vor Wochen am 17. Oktober in fahr, die in der Person Hitlers liegt. Ihn selbst hat
Münster ausgegeben hat. Auch kann man sagen, dass man jahrelang als den «Trommler» verspottet, und
das Gesetz selbst dann durchgegangen wäre, wenn das auch jetzt sieht man die Gefahr noch bei ganz anderen
Zentrum dagegen gestimmt oder der Abstimmung sich Leuten: «Es ist richtig, dass der Parlamentarismus und
enthalten hätte. Hätte das Zentrum dagegen gestimmt, damit der demokratische Gedanke sich totgelaufen
so wäre es wohl, bei der herrschenden Stimmung der hat. Brüning [der noch vor einem Jahr regierende
Nationalsozialisten, sofort zerschlagen worden ... Im Reichskanzler der Zentrumspartei] hat bis zum letzten
Reichstag hätte es einen grossen Tumult gegeben und versucht, den Parlamentarismus noch einmal zu retten,
die Zentrumsleute wären vielleicht sofort verprügelt da er eben der Verfassung entsprach. Aber vergebens.
und hinausgeschmissen worden. Dann hätte die Frak- Schuld daran ist Hugenberg. Aber es hat sich eben tat-
tion einen heroischen Abgang gehabt, aber ohne dass sächlich als unmöglich erwiesen. Da war es doch wohl
der katholischen Sache oder der Sache der Zentrums- gerechtfertigt, einen neuen Weg zu versuchen?
partei etwas genützt worden wäre. Dann wäre das Gewiss hat Hitler in seiner Rede mehrere Stellen ein-
Tischtuch zwischen Zentrum und Nationalsozialismus fliessen lassen, welche uns weit, viel weiter als man
völlig entzweigeschnitten gewesen, jede Mitarbeit mit vorher nur ahnen konnte, entgegengekommen und uns
den Nationalsozialisten und jede Möglichkeit einer eine gewisse Sicherung geben. Wird Hitler aber diese
Einflussnahme auf ihre Politik von vornherein unmög- Linie durchhalten können, da doch viele seiner Mitar-
lich geworden. Es war also vielleicht richtiger, den Ver- beiter – Hugenberg, Göring – dem Katholizismus
such zu machen, zu einer Verständigung und Mitarbeit höchst feindlich gegenüberstehen?»
mit den Nationalsozialisten zu kommen, um so an der Hugenberg, Göring und andere werden also als die
praktischen Mitarbeit an der Neugestaltung der Zu- Hauptfeinde betrachtet, nicht etwa Hitler oder Himm-
kunft teilnehmen zu können.» ler, die ja Katholiken sind; und man befürchtet sogar,
Bachem hat, wie viele andere Politiker, schon vor der der fälschlicherweise für relativ mässig gehaltene Hitler
entscheidenden Abstimmung natürlich Zweifel, ob trotz könne sich diesen anderen gegenüber nicht durchsetzen.
solcher Überlegungen die Zustimmung zum Ermächti- Auch für andere Politiker werden solche Überlegungen
gungsgesetz nicht zu gefährlich ist: «Wie aber, wenn dafür massgebend gewesen sein, dem Ermächtigungs-
dieser Versuch missglückt? Wenn die nationalsozialisti- gesetz zuzustimmen.
sche Welle... auch über unsere katholischen Organisa- Dann aber kommt das, was in ähnlicher Form das
tionen, unsere katholischen Jugendorganisationen usw. Hauptargument für alle ist, die am 23. März 1933
hinwegrasen will – wie in Italien? Wird man dann Hitler die unumschränkte Macht übertragen:
nicht sagen, dass das Zentrum daran schuld ist, indem «Immerhin: Wir sind 1919 ruhig und entschlossen in
es der Hitler-Regierung eine Blankovollmacht auf vier das Schiff der Sozialdemokratie eingestiegen – da
Jahre ausgestellt hat? Wird dann das Zentrum bei konnten wir ebenso 1933 in das Schiff der National-
seinen Anhängern nicht so diskreditiert sein, dass es sozialisten einsteigen und versuchen, die Hand mit an
allen Einfluss auf sie verliert und nicht mehr leisten das Steuer zu legen. Das hat sich 1919 bis 1933 recht
kann?» gut bewährt: Die Sozialdemokraten haben angesichts
Die Gefahr wird wohl gesehen, wie an diesen Worten der Notwendigkeit – [darübergeschrieben: Gegeben-
zu spüren ist, aber man will doch nicht so recht an sie heit] –, ohne das Zentrum nicht regieren zu können,
glauben. Man kann sich das, was Hitler eigentlich will weder etwas ausgesprochen Religionsfeindliches, noch
und später auch tut, was heute aus seinen früheren etwas bedenklich Sozialistisches machen können. Ob es
Äusserungen auch geschlossen werden kann, damals im gelingen wird, jetzt einen ähnlichen mässigenden Ein-
Jahre 1933 einfach nicht vorstellen. Und Bachem ist fluss auf die Nationalsozialisten auszuüben?
wie viele andere Politiker mit seinem Denken noch ... Das wäre gewiss eine grosse Sache, und wenn es so
ganz in dem politischen Getriebe der Weimarer Demo- kommt, wird jedermann aus unserer Partei die jetzige
kratie verhaftet. Man denkt hauptsächlich an die Stellungnahme der Fraktion preisen. Gerade wie nach
eigenen Parteiinteressen, hier an das Zentrum. «Wir» 1919, da das Zusammengehen mit den Sozialisten uns
wären vielleicht «hinausgeschmissen» worden, «wir» vor dem Bolschewismus bewahrte. Schon wenn uns das
sind dann vielleicht diskreditiert bei unseren Anhän- Zusammengehen mit den Nationalsozialisten auch
gern, «wir» haben dann vielleicht keinen Einfluss mehr. jetzt gegen Kommunismus, Bolschewismus und Anar-

26
Das Ermächtigungsgesetz wird angenommen

chie schützt. Das letztere ist jetzt eine Hauptsache ... zustandebringen, was ihm nach einigem Hin und Her
Erst die Gefahr des Kommunismus bannen; das wei- auch tatsächlich gelingt.
tere muss sich dann finden.» Über dieses Gelingen schreibt rückblickend Staats-
«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des sekretär Dr. Meissner in seinen Erinnerungen nicht
Kommunismus.» Mit diesen Worten beginnt das be- ganz zu Unrecht: «Es wäre die Pflicht der bürgerlichen
rühmte «Kommunistische Manifest», das Marx und Parteien, von deren Zustimmung die Erlangung der
Engels fast ein Jahrhundert zuvor wie eine Brand- Zweidrittelmehrheit für dieses Gesetz abhing, gewesen,
fackel über dem alten, morsch gewordenen Europa das wichtigste Recht jeder Volksvertretung, das der
schwangen. Diese Worte sind unvergessen, ebenso die Gesetzgebung und der Kontrolle der Regierung, zu
Sätze, mit denen dieser aufrüttelnde und sprachmäch- verteidigen und seine Genehmigung von der Aufnahme
tige politische Aufruf endet: entsprechender Einschränkungen abhängig zu machen;
«Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommuni- sie haben früher oft aus geringfügigen Anlässen, aus
stischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts Parteiopposition oder aus anderen Gründen Kabinette
in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine gestürzt, die Zurücknahme von Regierungsvorlagen
Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt oder Ausnahmeverordnungen des Reichspräsidenten er-
euch!» zwungen und Regierungskrisen herbeigeführt.» Dass
Auch die Politiker des Deutschland vor 1933 schrecken die bürgerlichen Parteien, wie Meissner und viele
vor diesem Gespenst zurück, zittern vor der kommu- andere es ihnen heute vorwerfen, nicht so gehandelt
nistischen Revolution. Die aus der Reichstagskuppel haben, sondern geschlossen dem Gesetz zugestimmt
zum Himmel schlagenden Flammen schienen die feu- haben, daraus darf man nicht schliessen, es habe bei
rige Inkarnation jenes ein Jahrhundert alten Gespen- ihnen keine Bedenken und harte interne Auseinander-
stes, das in Russland schon zu Fleisch und Blut gewor- setzungen über Annahme oder Ablehnung dieser be-
den ist, vor allem zu Blut. deutungsschweren Gesetzesvorlage gegeben. Aus einer
Das Gespenst, von Marinus van der Lubbe an den Aufzeichnung Bachems vom 22. April 1933 lässt sich
Berliner Himmel gemalt, verfehlt seine Wirkung nicht. diese Spannung innerhalb des Zentrums deutlich erse-
Die Angst vor dem Kommunismus, das Unvermögen hen:
der führenden politischen und gesellschaftlichen Kräfte, «Bevor der Reichstag zusammentrat [21. März 1933],
das wahre Wesen des Nationalsozialismus zu erkennen, trafen sich Kaas und Brüning in Köln. Dabei wurde
die damit verbundene Verkennung der nationalsoziali- die demnächstige Stellungnahme zum Ermächtigungs-
stischen Gefahr für Freiheit, Frieden und Menschen- gesetz besprochen. Kaas war ganz entschieden für
würde, die politische Zersplitterung und die Ratlosig- Zustimmung, Brüning ebenso entschieden für Ableh-
keit, der schwierigen Probleme Herr zu werden, das nung. Er betonte, dass das Zentrum diese Entwicklung
sind die Ursachen für die Übertragung der Macht auf nicht mitmachen und legitimieren könnte, welche auf
die Regierung Hitler. einem, wenn auch nicht formellen, so doch materiellen
Das Gesetz, um das es geht, das «Gesetz zur Behebung Rechtsbruch beruhe und eine völlige Verwirrung der
der Not von Volk und Staat», sieht recht harmlos aus. Rechtsbegriffe bringe. Noch bestehe die Weimarer Ver-
Entscheidend sind die Artikel I und II des fünf Artikel fassung zu recht, und an ihr müsse das Zentrum als
umfassenden Gesetzes: ,Verfassungspartei' festhalten. Das Regime der Nazi sei
Artikel I: «Reichsgesetze können ausser in dem in der zweifellos mit dem Rechtsstandpunkt nicht mehr zu
Reichsverfassung vorgesehenen Verfahren auch durch vereinigen. Kaas aber widersprach standhaft. Keiner
die Reichsregierung beschlossen werden ...» gab nach. Die Besprechung wurde sehr lebhaft.
Artikel II: «Die von der Reichsregierung beschlossenen Schliesslich schlug Kaas auf den Tisch mit den Worten:
Reichsgesetze können von der Reichsverfassung ab- ,Bin denn nun ich der Führer der Partei, oder wer sonst?'
weichen, soweit sie nicht die Einrichtung des Reichs- Brüning gab aber auch dann nicht nach, und so ging
tages als solche zum Gegenstand haben. Die Rechte des man ohne gewonnene Übereinstimmung auseinander...
Reichspräsidenten bleiben unberührt.» So standen sich zwei unvereinbare Standpunkte ein-
Nun kann Hitler praktisch machen, was er will, und ander gegenüber: der klar prinzipielle Brünings und
es wird ihm ein Leichtes sein, seine Massnahmen, unter- der mehr oder weniger opportunistische von Kaas. Wer
stützt von einer einseitigen Propaganda und willfäh- hatte Recht? Ob man hier nicht sagen kann, dass der
rigen Juristen, stets mit dem Schein des Rechtes zu Erfolg das letzte Wort sprechen wird? Vom moralischen
verbrämen. Standpunkt aus wird weder Kaas noch Brüning zu
Zuvor aber muss er noch durch Taktik und Verhand- tadeln sein. Aber wer politisch recht hat oder gehabt
lung eine Zweidrittelmehrheit für sich und sein Gesetz hat, darüber entscheidet nun einmal der Erfolg.»

27
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Während die bürgerlichen Parteien also dem Gesetz ihre Deutschnationalen. Sie brauchen auch kein Plädoyer für
Zustimmung geben, ist es allein die SPD, die sich gegen das Ermächtigungsgesetz zu halten – sie haben es ja
diese Selbstausschaltung des Parlaments zur Wehr setzt. selbst mit vorgelegt.
Reichstagspräsident Göring nimmt dann die Abstim-
Otto Wels, der sozialdemokratische Fraktionsvorsit- mung vor. Der Erfolg ist schon gewiss, nachdem die
zende, hält eine mutige Rede, in der er auch die acht Vertreter aller Parteien ausser der SPD für die Über-
von den 119 SPD-Abgeordneten grüsst, die nach dem tragung der Diktatur an Hitler gestimmt haben. Die
Reichstagsbrand verhaftet worden sind. Wels ist der 81 Abgeordneten der KPD sind nicht anwesend, die
erste der Redner, denen Reichstagspräsident Göring das Regierung hat auf Grund der Notverordnung vom
Wort erteilt. 28. Februar unmittelbar nach der Wahl ihre Mandate
«Eine echte Volksgemeinschaft», sagt Wels, «lässt sich kassiert. Gleich stellt sich heraus, dass das sogar über-
auf diesem Gesetz nicht gründen ... Noch niemals, flüssig gewesen ist – auch mit 81 kommunistischen
seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle Gegenstimmen hätte die «Regierung der nationalen
der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Konzentration» eine Zweidrittelmehrheit für ihr Gesetz
Vertreter des Volkes in solchem Masse ausgeschaltet erhalten.
worden ... Eine solche Allmacht der Regierung muss Die Abgeordneten haben ihre Stimmkarten mit ihrem
sich um so schwerer auswirken, als auch die Presse je- Namen und einem «Ja» oder «Nein» abgegeben.
der Bewegungsfreiheit entbehrt... Wir Sozialdemokra- Während die Abstimmungskommission die Ja- und
ten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feier- Nein-Stimmen noch auszählt, verlassen die sozial-
lich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Ge- demokratischen Abgeordneten den Theatersaal, dessen
rechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein bisheriges Publikum sich an Operetten und Komischen
Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die Opern erfreuen durfte. Die Sozialdemokraten ahnen,
ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst dass ab jetzt hier nur noch Tragödien gespielt werden.
haben sich ja zum Sozialismus bekannt... Wir grüssen Dabei wollen sie nicht mitwirken, nicht einmal als Sta-
die Verfolgten und die Bedrängten... Ihre Stand- tisten.
haftigkeit und Treue verdienen Bewunderung ...» Die «Deutsche Allgemeine Zeitung» schreibt am näch-
Beifall wird nur in den Reihen der SPD laut. Göring sten Tag, am 24. März, da das Gesetz in Kraft tritt:
erteilt unvorhergesehen noch einmal «dem Herrn «Der Schluss des Tages gestaltete sich bewegt. Bis in
Reichskanzler das Wort». Hitler erwidert sofort auf den Sitzungsaal hinein, in dem immer wieder Uni-
Wels’ Rede und benutzt die Gelegenheit, seinem ganzen formen auftauchen, dröhnen die Sprechchöre vom
Hass auf die Sozialdemokratie Luft zu machen. Zur Vorplatz, in denen die sofortige Annahme des Ermäch-
Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes durch die SPD tigungsgesetzes verlangt wird. Aber zuvor entspinnt
sagt er abschliessend: «Ich will auch gar nicht, dass Sie sich noch eine höchst dramatische Szene.
dafür stimmen! Deutschland soll frei werden, aber nicht Die Sozialdemokratie versucht, durch eine zweifellos
durch Sie!» geschickt angelegte Rede des Parteiführers Wels einen
Die Phalanx der durchweg uniformierten NSDAP- Rest ihres Prestiges zu retten. Der Reichskanzler macht
Abgeordneten tobt und brüllt vor Begeisterung «Heil»- eifrig Notizen. Kaum ist Wels auf seinen Platz zurück-
Rufe branden durch den Opernsaal. gekehrt, folgt schlagartig die Erwiderung. Diesmal
Dann spricht Prälat Dr. Kaas für das katholische Zen- zeigt sich Hitler als Meister in der Kunst der Polemik.
trum. Er stimmt Hitlers Diktatur zu und sagt dazu: Von der empörten Erinnerung an die jahrelange Unter-
« ... Die gegenwärtige Stunde kann für uns nicht im drückung seiner Bewegung bis zum schneidenden Hohn
Zeichen der Worte stehen. Ihr Gesetz, ihr einziges be- über die neuentdeckte nationalistische Begeisterung der
herrschendes Gesetz ist das der raschen, bewahrenden, SPD zieht er alle Register, die eine Versammlung in
aufbauenden und rettenden Tat...» Bann zu schlagen vermögen.
Für den Ableger des Zentrums, die Bayrische Volks- Vernichtend ist die Abrechnung, und die Rolle der
partei, stimmt Ritter von Lex, der spätere Staats- Sozialdemokraten, die sie geduckt über sich ergehen
sekretär der Bundesregierung, dem Ermächtigungsge- lassen müssen, weil das Mass ihrer Fehler manche tat-
setz zu. Die Vertreter des Christlich-Sozialen Volks- sächliche Tat, manchen besseren Anlauf bei weitem
dienstes und der Staatspartei erklären ebenfalls ihre überschattet, ist nur noch fast tragisch zu nennen.» Die
Zustimmung. Der einzige Vertreter von Stresemanns «Deutsche Allgemeine Zeitung» spricht hier von der
Deutscher Volkspartei meldet sich gar nicht erst zu Kunst der Polemik. Sie spricht nicht von der allge-
Wort, gibt aber dann seine Ja-Stimme ab. Ebenso hal- meinen Verzerrung und Lüge der nationalsozialisti-
ten es Hitlers Koalitionsfreunde in der Regierung, die schen Argumentation. Sie spricht nicht von der be-

28
Ein «offener Brief» bleibt ungeschrieben

rechtigten Empörung der Sozialdemokraten und der schiedung des Ermächtigungsgesetzes ihren Widerstand
Gewerkschaftler über Hitlers Verleumdungen, wie sie mutig bekunden und geschlossen mit «Nein» stimmen,
Theodor Leipart bereits anlässlich Hitlers Regierungs- wird das Gesetz mit 411 Stimmen angenommen. Auch
erklärung zum Ausdruck bringt: wenn die 81 kommunistischen Abgeordneten anwesend
«Sie werden den ,Aufruf' der neuen Reichsregierung gewesen wären und mit «Nein» gestimmt hätten, wäre
gestern Abend im Rundfunk aus dem Munde Adolf die erforderliche Zweidrittelmehrheit für das Gesetz
Hitlers auch gehört haben. Mein Innerstes ist davon trotzdem zustande gekommen.
noch aufs Tiefste erschüttert. Mein deutsches National- Dennoch kann Hitler jetzt noch nicht tun, was er will.
gefühl, mein Gefühl für die Ehre und das Ansehen des Das Gesetz ermächtigt ja nicht ihn, sondern die Reichs-
deutschen Volkes ist tief verletzt. Soviel Unehrlichkeit regierung. Und die besteht noch immer zum grössten
und Ungerechtigkeit, soviel demagogische Falschheit, Teil aus Ministern, die schon zwei Regierungen der
soviel Unlogik und Schimpferei gegen das eigene Volk Weimarer Republik angehört haben, und sie besteht aus
aus dem Munde eines deutschen Reichskanzlers, öffent- erklärten deutschnationalen Gegnern Hitlers, wie dem
lich vor den Ohren der ganzen Welt – ich schäme mich Parteivorsitzenden Hugenberg und dem Stahlhelmfüh-
als Deutscher vor diesem Geschehnis. rer Seite.
Sind Sie nicht auch der Meinung, dass hiergegen Auch andere Kräfte sind noch wirksam, die Hitler aus-
Männer aus den gebildeten Schichten des Volkes auf- schalten oder für sich gewinnen muss, wenn er unein-
stehen und in einem Offenen Brief an den Reichspräsi- geschränkter Alleindiktator werden will.
denten Verwahrung einlegen müssen gegen die unge- Da ist zunächst der Reichspräsident, dessen Rechte
heure parteiische Schmähung und Verunglimpfung der auch im Ermächtigungsgesetz ausdrücklich gewahrt
deutschen Arbeiterschaft und aller anderen Volkskreise, bleiben. Aber Generalfeldmarschall von Hindenburg
die mit so grossem Opfermut und Liebe zum Volk nach ist bereits alt und krank, hier wird die Natur Hitler
dem Zusammenbruch die Einheit des Reiches gerettet, helfen. Hindenburgs Ableben ist nur eine Zeitfrage.
das Ansehen Deutschlands im Ausland wiederherge- Wichtiger ist die stärkste reale Macht in Deutschland,
stellt, alle Wirrnisse und Kämpfe im Innern immer die Reichswehr. Ihre Führer muss Hitler vor allem für
wieder überwunden und auf gesetzgeberischem Wege sich gewinnen.
trotz allem Grosses zustande gebracht haben? Der Reichstag, dessen Institution nach dem Ermächti-
Wollen Sie nicht die Initiative hierzu ergreifen? Unsere gungsgesetz ebenfalls nicht angetastet werden darf,
Nationalökonomen können doch nicht schweigen zu macht Hitler weniger Sorgen. Trotz des einschränken-
der Behauptung der Regierung, die Novemberparteien den Passus im Ermächtigungsgesetz ist der Reichstag
seien es, die in 14 Jahren den deutschen Bauernstand für vier Jahre ausgeschaltet, und vier Jahre sind eine
ruiniert, in 14 Jahren eine Armee von Millionen lange Zeit. Wenn Hitler nicht den Reichstag antasten
Arbeitslosen geschaffen hätten. Unsere Historiker müs- darf, so kann er doch durchaus etwas gegen einzelne
sen ihre wissenschaftliche Meinung sagen zu der Be- Abgeordnete tun, gegen die Parteien, gegen die Presse.
hauptung, das deutsche Volk habe vor 14 Jahren der Dann wird der nächste Reichstag sowieso ganz anders
höchsten Güter unserer Vergangenheit, des Reiches aussehen.
Ehre und seiner Freiheit, vergessen und stehe deswegen Auch von den Kirchen, deren Gunst Hitler sucht,
nun vor dem Verfall. braucht er zu diesem Zeitpunkt keinen Widerstand zu
Es ist nicht mehr der Parteiführer, der diese Schmäh- befürchten. Weder die evangelische Kirche, der rund
und Hetzrede gesprochen, sondern der vom Reichs- zwei Drittel des deutschen Volkes angehören, noch die
präsidenten berufene Kanzler des deutschen Reiches. katholische Kirche, zu deren Mitgliedern rund ein
An den Reichspräsidenten ist deshalb, gemäss seiner Drittel des deutschen Volkes zählt, darunter der Reichs-
Mitverantwortung für diesen ,Aufruf‘ der Offene Brief kanzler Hitler selbst, sein Vizekanzler von Papen, der
zu richten. im Moment noch unscheinbare «Reichsführer SS»,
In dieser Stunde scheint es mir dringend nötig, ihn zu Himmler, der Nazipropagandachef Dr. Goebbels, der
schreiben, um die Ehre unseres Volkes zu schützen und SD-Chef Heydrich und andere. Die ökonomische
der Welt diesseits und jenseits unserer Grenzen zu Macht ausübenden Kreise der Wirtschaft und Industrie
zeigen, dass Ehrlichkeit und Vernunft im Lande noch braucht Hitler ebenfalls nicht zu fürchten. Zwar sind
nicht gestorben sind. Sie werden besser wissen als ich, sie bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Gegner
welche Männer in Frage kommen, den Offenen Brief zu Hitlers gewesen, weil seine Partei ihnen zu revolutio-
verfassen und zu unterzeichnen.» när, zu bolschewistisch erschien – aber das hat sich
Dieser offene Brief blieb jedoch ungeschrieben. Und geändert. Denn nach dem Ermächtigungsgesetz, und da
während die Sozialdemokraten jetzt bei der Verab- Hitlers Regierung ja in der Hauptsache aus Vertretern

29
Widerstand in Deutschland 1933-1934

einer konservativen Politik und der Wirtschaft besteht, verändert. Es hat sich die Möglichkeit ergeben, den
ist auch der Kanzler selbst salonfähig geworden. Wünschen des Heiligen Stuhles auch ohne Zuziehung
Die konservativen politischen Kräfte Deutschlands, die des Reichstages in vollem Masse zu entsprechen. Vor
Deutschnationalen und andere, sitzen in seiner Regie- allem ist nun die Möglichkeit gegeben, ein Reichskon-
rung oder unterstützen sie. kordat abzuschliessen, dessen Zustandekommen bisher
Die antinationalsozialistischen Parteien und Massen- an den Widerständen des Reichstages gescheitert ist.»
organisationen stellen noch immer eine latente Gefahr Auch die so umworbene Kirche kommt Hitler nun ent-
dar, aber sie werden nicht aktiv. Weder die SPD und gegen. Alle in einzelnen Diözesen einstmals gegen die
ihre republikanischen Kampforganisationen noch die NSDAP gerichteten Massnahmen werden aufgehoben.
Gewerkschaften können sich in ihrer schwierigen NSDAP-Mitglieder erhalten wieder ein christ-katholi-
Situation entschliessen, etwas zu unternehmen. SPD- sches Begräbnis, katholische Trauungen in SA- oder Par-
und Gewerkschaftsführer müssen jetzt in der Krise der teiuniform werden zugelassen, das Verbot, der NSDAP
Arbeitslosigkeit spüren, dass sie die Arbeitermassen beizutreten, wird aufgehoben. Katholische Bischöfe
nicht mehr geschlossen hinter sich haben, und die KPD- richten Botschaften an Hitler, in denen sie ihre Bereit-
Führung, die ebenfalls nichts Entscheidendes gegen schaft zur Zusammenarbeit erklären.
Hitler unternimmt, ist immer noch daran interessiert, Genau elf Jahre vor der bekanntesten Widerstands-
in erster Linie die Sozialdemokraten zu schwächen. aktion gegen Hitler, am 20. Juli 1933, wird im Vatikan
Das Volk selbst aber wartet ab. Es hat in den letzten das Konkordat unterzeichnet. Für die deutsche Reichs-
Jahren so viele Regierungen über sich ergehen lassen, regierung unterschreibt in feierlicher Zeremonie der
soviel Not und Elend kennengelernt, dass es ihm nicht ehemalige Reichskanzler und nunmehrige Stellvertreter
mehr darauf anzukommen scheint, nun «auch mal den Hitlers, Franz von Papen, in Vertretung des Heiligen
Hitler zeigen zu lassen, was er kann». Stuhles zeichnet der Kardinalstaatssekretär Eugenio
Jetzt beginnt Hitler mit der «Machtergreifung», die Pacelli, der spätere Papst Pius XII.
am 2. August 1934 abgeschlossen sein wird, wenn nach Für den Heiligen Stuhl ist der Konkordatsabschluss
Hindenburgs Tod die Reichswehr auf ihn als «Führer dringend geworden, denn mit ihrer Zustimmung zum
und Reichskanzler» vereidigt wird. Nicht ganz einein- Ermächtigungsgesetz am 23. März hat sich die katho-
halb Jahre braucht Hitler zur vollen Machtausübung, lische Zentrumspartei selbst jeden Einflusses begeben.
ein Schritt folgt dem anderen, ohne dass Hitler durch Der Vatikan kann nun nicht mehr über eine politische
irgendeinen Widerstand ernsthaft behindert wird. Eine Partei in Deutschland in seinem Sinne wirken. Das
propagandistisch äusserst wertvolle und frühe Hilfe Konkordat soll daher die direkte Einflussnahme der Kir-
erhält Hitler von den beiden Kirchen. Besonders wich- che in Deutschland sichern.
tig ist die Unterstützung durch die katholische Kirche, Die katholischen Parteien – die Zentrumspartei und
denn sie ist nicht nur innenpolitisch, sondern auch die Bayrische Volkspartei – lösen sich auf Verlangen
aussenpolitisch von grosser Bedeutung – die katholi- des Vatikans selbst auf. Noch während der Verhand-
sche Kirche ist ja nicht nur Religionsgemeinschaft, lungen über das Konkordat in Rom telegrafiert Vize-
sondern auch ein Staatsgebilde, das diplomatische Ver- kanzler von Papen an Aussenminister von Neurath:
treter in einer ganzen Reihe westlicher Länder unter- «In Verhandlungen, die ich heute Abend mit Pacelli,
hält. Erzbischof Gröber und Kaas [dem Vorsitzenden der
Der Vatikan entschliesst sich, ein Konkordat mit der Hit- Zentrumspartei] hatte, ergab sich, dass Auflösung Zent-
ler-Regierung abzuschliessen, Hitler damit die offizielle rumspartei mit Abschluss Konkordat hier als feststehend
Anerkennung des Papstes auszusprechen und zugleich betrachtet und gebilligt wird ...»
die Rechte der katholischen Kirche in Deutschland Am gleichen Tag ruft Prälat Kaas das Parteivorstands-
vertraglich zu sichern. Bisher ist ein Konkordat stets mitglied Joseph Joos an und fragt ungeduldig: «Na, habt
an der Parteikonstellation im deutschen Reichstag ge- ihr euch denn noch nicht aufgelöst?»
scheitert. Weder SPD, Deutschnationale, Liberale oder Am nächsten Tag, dem 4. Juli 1933, erklärt die Bayrische
Kommunisten hätten je einem Konkordat mit der Volkspartei, einen Tag darauf die Zentrumspartei ihre
katholischen Kirche zugestimmt. Jetzt ist das anders. Auflösung.
Bewusst stellt Hitler die neue Situation in den Dienst Am 14. Juli, eine Woche vor Abschluss des Konkor-
seines Machtstrebens. In der Regierungsinstruktion, dats, findet eine Sitzung der Reichsregierung statt.
mit der er seinen Vizekanzler von Papen zu den ent- Hitler versucht skeptische Regierungsmitglieder, vor
scheidenden Verhandlungen nach Rom geschickt hat, allem Hugenberg, von der Richtigkeit des Vertrages
heisst es: «Insbesondere durch das inzwischen verab- mit dem Vatikan zu überzeugen. In dem geheimen
schiedete Ermächtigungsgesetz hat sich die Lage völlig Protokoll der Kabinettssitzung heisst es dazu, der Herr

30
Anerkennung durch die 2000jährige Macht der Kirche

Reichskanzler habe vor allem drei grosse Vorteile des Geschichte durch eine verschlagene und straff aufge-
Konkordats herausgestellt: baute Propaganda;
1. « . .. dass der Vatikan überhaupt verhandelt habe, Schliessung, Aufhebung, Einziehung von Ordenshäu-
obwohl – besonders in Österreich – damit operiert sern und anderen kirchlichen Institutionen;
würde, dass der deutsche Nationalsozialismus unchrist- Vernichtung der katholischen Presse und Buchproduk-
lich und kirchenfeindlich wäre; tion.»
2. dass der Vatikan zur Herstellung eines guten Ver- Aber noch ist es nicht soweit. Noch will die Kirche an
hältnisses zu diesem einen nationalen Staat bewogen Hitlers Worte glauben, an seine Beteuerung, er sehe
werden konnte. Er, der Reichskanzler, hätte es noch «in den beiden christlichen Konfessionen wichtigste
vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten, dass die Faktoren in der Erhaltung unseres Volkstums», er sehe
Kirche bereit sein würde, die Bischöfe auf diesen Staat «im Christentum die unerschütterlichen Fundamente
zu verpflichten. Dass das nunmehr geschehen wäre, des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes»,
wäre zweifellos eine rückhaltlose Anerkennung des der- er versichere, «die Rechte der Kirche werden nicht ge-
zeitigen Regimes; schmälert, ihre Stellung zum Staate nicht geändert...»
3. dass mit dem Konkordat sich die Kirche aus dem Noch ahnt das Volk und wissen die Kirchenführer
Vereins- und Parteileben herauszöge, z.B. auch die nicht, was ihr Reichskanzler zu gleicher Zeit und im
christlichen Gewerkschaften fallenliesse.» geheimen zu diesem Thema vor seinen engsten Vertrau-
«Anerkennung des jungen Reiches durch die zwei- ten ausführt:
tausendjährige Macht der Kirche», in dieser Schlag- «Mit den Konfessionen, ob nun diese oder jene; das
zeile des «Völkischen Beobachters» kommt genau das ist alles gleich. Das hat keine Zukunft mehr. Für die
zum Ausdruck, was Hitler mit dem Abschluss des Deutschen jedenfalls nicht... Das wird mich nicht
Konkordats bezweckt, wobei es ihm natürlich äusserst abhalten, mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Fasern
leicht fällt, ohne alle kritischen Bedenken über die von und Wurzeln das Christentum in Deutschland auszu-
ihm der Kirche eingeräumten Rechte hinwegzusehen, rotten ... Ob nun Altes Testament oder Neues, ob
da er ja ohnehin nicht gewillt ist, sich in seinem Ver- bloss Jesuworte wie der Houston Stewart Chamberlain
halten tatsächlich an dieser Rechtsgrundlage zu orien- will: alles ist doch derselbe jüdische Schwindel. ... Eine
tieren. Nach dem Zusammenbruch rechtfertigte Papst deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf.
Pius XII. seinen damaligen Entschluss, als Kardinal- Man ist entweder Christ oder Deutscher. Sie können
staatssekretär das Konkordat unterzeichnet zu haben: den Epileptiker Paulus aus dem Christentum hinaus-
«Unter diesen Umständen [Demokratie und Grundfrei- werfen. ... All das nützt nichts, sie werden den Geist
heiten waren von Hitler beseitigt worden] konnten Si- nicht los, um den es uns geht. Wir wollen keine Men-
cherungen nur erreicht werden durch eine Abmachung schen, die nach drüben schielen. Wir wollen freie
mit der Reichsregierung in Form eines Konkordats. Da Männer, die Gott in sich wissen und spüren. [Auf eine
zudem sie selbst den Vorschlag gemacht hatte, wäre im Frage von Goebbels:] Was werden soll, fragen Sie?
Falle der Ablehnung die Verantwortung für alle üblen Das will ich Ihnen sagen: verhindern, dass die Kirchen
Folgen auf den Heiligen Stuhl zurückgefallen.» Über etwas anderes tun, als was sie jetzt tun. Nämlich Schritt
den Erfolg des Konkordates heisst es dann weiter: für Schritt Raum verlieren.»
«Trotz aller Verletzungen, denen es ausgesetzt war, Hätten die Kirchenführer diese Einstellung Hitlers da-
liess das Konkordat tatsächlich den Katholiken doch mals bereits gekannt, sie hätten ihm bestimmt nicht so
eine rechtliche Verteidigungsgrundlage, eine Stellung, gehuldigt, wie das oft so überschwenglich geschehen
in der sie sich verschanzen konnten, um der ständig ist. KardinalFaulhaber, der später die päpstliche Enzyk-
steigenden Flut der religiösen Verfolgung zu entgehen.» lika «Mit brennender Sorge» verfassen wird, die den
Im Einzelnen handelte es sich dabei, so fährt Papst Nationalsozialismus grundsätzlich verdammt, schreibt
Pius XII. fort, um anlässlich der Unterzeichnung des Konkordats in einem
«Zerstörung der katholischen Organisationen; handgeschriebenen Glückwunschbrief an Hitler: «Was
Fortschreitende Auflösung blühender öffentlicher und die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht
privater katholischer Schulen; fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in
Gewaltsame Trennung der Jugend von Familie und Kir- 6 Monaten weltgeschichtlich verwirklicht. Für Deutsch-
che; lands Ansehen nach Osten und Westen und vor der gan-
Vergewaltigung der Gewissen der Staatsbürger, beson- zen Welt bedeutet dieser Handschlag mit dem Papsttum,
ders der Beamten. der grössten sittlichen Macht der Weltgeschichte, eine
Systematische Verleumdung der Kirche, des Klerus, Grosstat von unermesslichem Segen.»
der Gläubigen, ihrer Einrichtungen, ihrer Lehre, ihrer Das Schreiben schliesst mit den Worten: «Uns kommt

31
Widerstand in Deutschland 1933-1934

es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk deutsche Episkopat Hitler die «aufrichtige und freudige
unseren Reichskanzler!» Bereitschaft» zur Mitarbeit kundtut.
Die Fuldaer Bischofskonferenz schickt Hitler ein Dank- In und vor dem Hedwigsdom auf dem Berliner Opern-
und Anerkennungsschreiben, unterzeichnet von Kardi- platz – der heute August-Bebel-Platz heisst – findet
nal Bertram, dem Fürstbischof von Breslau, das von aus Anlass der Konkordatsunterzeichnung ein feier-
allen Kanzeln verlesen wird und in dem der gesamte licher Dankgottesdienst statt. Die Kirche ist mit den

32
Neubildung von Parteien verboten

Hakenkreuzfahnen und den Kirchenfahnen geschmückt. das Tedeum und erteilt den Segen. Ein nationalsozia-
Die Berliner Gauleitung der NSDAP berichtet dem listischer, katholischer Geistlicher hält die Festpredigt.
«Führer und Reichskanzler» über den vorgesehenen Die katholischen SS-Männer und SA-Männer Berlins
Ablauf der Feier: « ... Der päpstliche Nuntius wohnt nehmen geschlossen an diesem Festgottesdienst teil.
am Sonntag nach der Ratifizierung des Konkordats Sturmfahnen der SA nehmen zu beiden Seiten des
im Hedwigsdom einem feierlichen Hochamt bei, singt Altars Aufstellung und behalten ihre Plätze auch wäh-
rend des Tcdeums und der Ausstellung des Allerheiligs-
ten bei.
Während das Hochamt im Hedwigsdom zelebriert
wird, wird auf dem Opernplatz eine deutsche Sieges-
messe abgehalten. Eine SA-Kapelle spielt die Kirchen-
musik.
Die Predigt wird durch Lautsprecher aus der Kirche
auf den Opernplatz übertragen. Das Tedeum (Grosser
Gott, wir loben Dich) wird von den Teilnehmern auf
dem Opernplatz unter Begleitung von SA-Musik gesun-
gen.
Ausser den SA- und SS-Männern sowie der gesamten
katholischen Parteigenossenschaft wird das ganze ka-
tholische Berlin auf dem Opernplatz versammelt sein,
denn auch das bischöfliche Ordinariat lädt die Gläubi-
gen zu diesem Dankgottesdienst ein.
Diese Kundgebung von gewaltigem Ausmasse, die die
feierliche Anerkennung der nationalsozialistischen Be-
wegung durch den Stellvertreter des Heiligen Vaters
bedeutet, wird den deutschen Katholiken schlagartig
zeigen, dass alle früheren Vorwürfe der Zentrums-
geistlichen gegen die nationalsozialistische Partei zu
Unrecht gemacht wurden. Millionen Volksgenossen
werden, von inneren Hemmungen befreit, an diesem
Tag Anhänger unserer Bewegung werden ...
Die katholische Geistlichkeit kann diesem Verlangen
. . . keinen Widerstand mehr entgegensetzen, nachdem
Abbildung links: Das Gesetz «zur Behebung der Not von
durch den Heiligen Stuhl dieser Präzedenzfall geschaf-
Volk und Reich» vom 24. März 1933, das sogenannte Er- fen ist.
mächtigungsgesetz, mit dem das Schicksal der Demokratie Heil Hitler!»
in Deutschland besiegelt wurde. Die im Sinne der national-
sozialistischen Weltanschauung logische Konsequenz dieser
Ermächtigung führte zur Ausbildung des totalen Staates, in So wie die Gauleitung hier Hitler ankündigt, so ge-
dem jede organisierte Opposition verboten wurde. – schieht es. Eine vollkommenere Harmonie zwischen
Abbildung oben: Das Gesetz gegen die Neubildung von Par- katholischer Kirche und Nationalsozialismus scheint
teien vom 14. Juli 1933 und Abbildung unten: die entspre- kaum mehr möglich zu sein.
chende Schlagzeile im «Völkischen Beobachter», dem Nach dem feierlichen Hochamt singt die Menge drin
«Kampfblatt der Nationalsozialistischen Bewegung in Gross- und draussen das Tedeum, «Grosser Gott, wir loben
deutschland». Dich», und danach, als die Türen des Domes sich öffnen
und der Stellvertreter des Heiligen Vaters, Nuntius
Orsenigo, die Menge segnend grüsst, heben sich als
Antwort die Arme zum Hitlergruss. Zivile und unifor-
mierte Gläubige singen in Fortsetzung des Tedeums:
«Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!
SA marschiert, mit ruhig festem Schritt.
Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
marschier’n im Geist in uns’ren Reihen mit!

33
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Abbildung oben: Die «amtliche Begründung» für das Verbot der SPD in den «Münchner Neuesten Nachrichten» vom 23.
Juni 1933. – Rechte Seite, oben: Die erste Nummer der Wochenschrift «Neuer Vorwärts», die von der SPD in der Tsche-
choslowakei herausgegeben wurde. – Rechte Seite, unten: Werbeaufruf für den «Neuen Vorwärts».

8.9.1935: Die illegale Arbeit in Dresden seit dem Sommer 1933

Über die Arbeit in der Zeit seit 1933 geben die Genossen fol- einer planmässigen Arbeit gekommen. Was noch geschah,
gende Darstellung: war eine Belieferung des Gebietes mit SA [«Sozialistische
In den Monaten Juli und August 1933 wurden bereits von Aktion», Organ der SPD für die illegale Verbreitung in
den im Lande verbliebenen SPD-Funktionären Versuche ge- Deutschland, löste im November 1933 die Kleinausgabe des
macht, einen ständigen Kontakt im ünterbezirk herzustel- «Neuen Vorwärts» abj, veranstaltet durch das Büro Thiele
len. Zu jener Zeit herrschte starke Erbitterung gegen die in Bodenbach. Aus allen Stadtteilen ist uns bekannt, dass
ostsäfchsischenj Funktionäre, die mit den Geldmitteln ins diese SA in Hunderten von Exemplaren regelmässig ge-
Ausland gegangen waren und dort sich eine Existenz mit schieht wurde, meist per Drucksache, oft auch im geschlos-
Parteimitteln gründeten. Diese Verbitterung wurde dann senen Brief und selten per Wurf post, also durch Boten in
gemildert, als ein Teil des Geldes nach Dresden kam und Briefkasten gelegt wurde; die Methode der illfegalenj Ar-
dort etwa zehn Genossen eine Existenz als Händler schaffte. beit hat ständige Verhaftungen zur Folge gehabt und eine
Bekanntlich war dieser legal arbeitende illfegalej Apparat ungeheure Wut ausgelöst. Diejenigen Genossen, die früher
bereits Ende September erledigt und ca. 350 aktive Funk- Funktionen hatten, wurden immer wieder mit Vorwürfen
tionäre, die mit diesem Apparat in Berührung gekommen überhäuft, warum sie nicht diese Belieferung unterbinden
waren, gingen in Haft. Soweit diese Genossen ihre Strafen halfen. Für uns bestehen keine Zweifel, dass vom Büro
bereits ab gebüsst haben, stehen sie weiter unter Beobachtung Thiele aus vermittels Adressbüchern diese Belieferungen per
und sind sehr verschüchtert, denn sie haben fast alle ihre Post betrieben worden sind; kamen wir aber zu Thiele, so
Arbeitsplätze verloren. Diese ca. 300 Funktionäre waren bestritt er diese Arbeit. Dagegen hob er hervor, dass erst
meist Genossen über 40 Jahre. Nach dieser Zerstörung des aus der Materialabgabe ein ständiger Kurierdienst erwachse.
alten SPD-Apparates ist es in Gross-Dresden nie mehr zu Diese Kuriere, die im Laufe der Zeit zu Thiele gefahren

34
SPD in der Illegalität

sind, stellen nur den Bericht einer Einzelperson dar, die sich in kleineren Betrieben, denn im Grossbetriebe, der meist
aus früherer «Zeit an Thiele geklammert. Weniger aus poli- starke Fluktuation auf weist, kennen sich die Arbeiter weni-
tischen Motiven, sondern aus persönlicher Anhänglichkeit, ger und sind deshalb misstrauischer als im kleineren Betrieb.
die bekanntlich von den Führern stark ausgenützt worden ist. Soweit wir unsere Genossen kennen, es sind für ganz Dres-
Was wir in Dresden jetzt tun wollen, ist eine Zusammen- den gesprochen ca. 100 verlässliche jüngere Freunde, lehnen
fassung kleiner Zirkel zu Diskussionsabenden und Vor- sie jetzt irgendein Parteibekenntnis ab, sie wollen nur Sozia-
bereitung einer Betriebszellenarbeit. Doch diese wird eine listen sein. Auch dieser RS-Kreis [ «Revolutionäre Sozia-
sehr schwierige Arbeit werden. Eure Meinung, dass die Be- listen» ] darf nicht die «neue Partei» sein wollen, da gehen
triebe bereits Widerstandszentren sind, können wir nicht wir nicht mit. Zeigt uns eure Wege, und wir werden mit
unterstreichen. Im Grossbetrieb ist es sogar noch ruhiger als euch gehen. Die Firma ist uns gleich. Tut aber alles, um die

35
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Gruppen auf eine einheitliche Aktionslinie zu bringen, auch 23.10.1933: Otto Wels (Prag)
mit SAP [ «Sozialistische Arbeiterpartei», linksradikale an Karl Kautsky (Wien)
Gruppe, die sich 1931 von der SPD abgespalten hatte] und
KP, soweit letztere nicht parteiegoistisch eingestellt ist... Internationales Institut für Sozialgeschichte Amsterdam,
Unser Wille ist, mit einer Emigration zusammenzuarbeiten, Nachlass Kautsky, Maschinenschrift
die ein Zentrum des revolutionären Wollens darstellt, die
auch die nötige Klarheit über Weg und Ziel schafft, damit
Anziehungskraft entfaltet werden kann und [wir] meinen, Lieber, sehr verehrter Genosse Kautsky!
dass sich um solche wegweisende Arbeit sicher die besten
Kämpfer Deutschlands scharen werden. Gewiss wäre es Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Gruss zu meinem
schön, wenn wir eine Person als Schild herausstellen könn- Geburtstag. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr
ten, aber das ist nicht entscheidend, massgebend bleiben die ich mich über ihn gefreut habe. Wohl sind mir an jenem
Handlungen in der Praxis. Das Wollen der RS-Leute müsste Tage zahlreiche Beweise der Sympathie zuteil geworden, die
aber unbedingt weit sichtbar gemacht werden in der inter- alle, alle vielfach schwerer wogen als es die üblichen Glück-
nationalen Diskussion sowie in dem Bekenntnis zur Ein- wünsche zu anderer Zeit konnten. Jedenfalls war es ein
heitsfront mit KP und den brauchbaren Resten der Splitter. bitterer Tag, und die Gefühle der Depression waren an ihm
Arbeiten die RS-Leute und das Karlsbader Sekretariat in doppelt wirksam. Der Gedanke daran, wie viele Leute sich
diesem Sinne weiter, so werden wir Dresdner uns stets dazu jetzt ihre eigene Heldenhaftigkeit bescheinigen und bewei-
bekennen und werbend tätig sein. Wir bilden uns nicht ein, sen, indem sie nach einem Schuldigen suchen, wobei ich im-
dass wir grosse Theoretiker in unserer vordersten Front mer öfter genannt werde, als der, der eigentlich versagt
auf weisen können, wir haben mehr Tatmenschen an uns, habe, weil ich die entscheidende Macht, den ausschlag-
und diese suchen eine Stütze für die Tagesarbeit und brau- gebenden Einfluss gehabt hätte, ist so beschämend, weil der
chen einen freien Blick für die Gesamtaufgabe. Deshalb Vorwurf ebenso dumm wie verlogen ist. Ich kann und will
versprechen wir, ständige Kurierverbindung zu halten und mich aber nicht zu den Leuten gesellen, indem ich mit den
das RS-Material [In erster Linie die seit 1935 erscheinenden Fingern auf andere weise und der Selbstzerfleischung diene,
«RS-Briefe»] ZU verbreiten. (Aus: Das Ende der Parteien) der sich ohnehin mehr als zu viele hingeben. Am schwer-

Abbildung links: Eine Karikatur aus dem «Neuen Vorwärts»


vom 26. November 1933, mit der Schlagzeile: «Schusswaffe
gegen ,Vorwärts', ein hessischer B luter lass: Wer den , Vor-
wärts' verbreitet, wird erschossen.» – Abbildung oben: Er-
klärung der SPD im «Neuen Vorwärts» anlässlich des
Parteiverbots vom 22. Juni 1933. – Abbildung rechte Seite:
Die Abonnentenpreise für den «Neuen Vorwärts», der sein
Hauptanliegen darin sah, zum Kampf gegen den National-
sozialismus aufzurufen.

36
Der «Neue Vorwärts'

sten ist die dummdreiste Art zu tragen, in der die Demo- läufig stoppen sollen, durchweg ablehnend beantwortet
kratie in Grund und Boden verurteilt und die Diktatur haben. Sie fordern Vorsicht, aber keine Unterbrechung.
gefordert wird, gerade von denen, die sich am wenigsten Merkwürdig ist auch der Optimismus, von dem die jungen
über das, was kommen wird oder kommen kann, im Klaren Arbeiter beseelt sind in Bezug auf die Dauer des Regimes.
sind. Ich schäme mich nicht, zu sagen, dass sie darin von mir
Trotzdem aber ist der Widerstand in Deutschland im Wach- bestärkt werden, denn ich bin darin tatsächlich ganz ihrer
sen und da, wo gearbeitet wird, ist die anfängliche Abnei- Meinung. Meine Begründung liegt dabei allerdings stark
gung gegen Prag auch im Abnehmen. Ich fühle das bei auf der Glaubensseite und wird von der Abneigung ge-
den vielen Besuchen aus Deutschland. Auch die Führer der nährt, uns selbst lange Fristen zu stellen, die leicht dazu
sogenannten oppositionellen Gruppen, mit denen ich sprach, führen, die Intensität der Arbeit zu schwächen, deren
gehen mit ganz anderer Auffassung zurück als sie kamen. Schwierigkeiten ich nur zu gut kenne. Dass Hitler, der sich
Junge Arbeiter, die ihren Kopf riskieren, sagen mir alle- in vier Jahren dem Volke zu stellen versprach, jetzt schon
mal, dass man in Deutschland froh ist zu wissen, wohin zum Schwindel des Plebiszits greifen muss, ist kein Zeichen
man sich wenden kann. Das ist auch die Hauptsache. Das selbstbewusster Kraft, sondern ein abgegriffenes Taschen-
Schimpfen ist dann nur noch von untergeordneter Bedeu- spielerkunststück, aus dem er keinen dauernden Vorteil
tung. Die Hauptsache ist, der Hass gegen die Unterdrückung ziehen wird, so wirksam der Terror auch dabei werden mag.
und die Lust zum Kampf stehen im Vordergrund des Wol-
lens. Dafür haben wir ein Zentrum geschaffen. Auf wie Was auch kommen mag, es liegt kein Grund vor zu resignie-
lange? Wer kann das wissen? Jedenfalls ist unsere Arbeit ren. Die Zeit wird kommen, in der auch über die Vergangen-
zur Zeit das Wertvollste, was jetzt in Deutschland gelei- heit gesprochen werden kann. – Wenn wir dann dazu Zeit ha-
stet wird, weil wir doch das bessere Menschenmaterial ha- ben und es sich lohnen sollte.
ben. Die Kommunisten treten nur dank der Lockspitzel- Einstweilen aber nehmen Sie meinen besten Dank für Ihre
arbeit stärker hervor, die die armen Jungen, die sich gläubig freundlichen Zeilen und seien Sie wie auch Frau Luise herz-
opfern, massenhaft verbraucht und frühzeitiger Indifferenz lich gegrüsst von
zutreibt. Es ist doch charakteristisch, dass unsere Leute im Ihrem
Lande unsere Frage, ob wir angesichts der Mordhetze vor- Otto Wels

ABONNEMENTSPREISE
ab 1. August 1933

Einzelnummer Quartal Einzelnummer Quartal


Tschechoslowakei Kö 1.40 K5 18– Ausland Kö 2– Kö 24–

Preis für die einzelnen Länder – Valuraschwankungen vorbehalten –:


Belgien , a > •« Frs. 2– Frs. 24– Litauen . > « * « Lit 0.55 Lit 6.60
Bulgarien * n 1V Lew 8– Lew 96– Luxemburg S 4 1 Belg. Frs. 2– Belg. Frs. 24–
Dänemark . <« Kr. 0.40 Kr. 4.80 Norwegen • S* Kr. 0.35 Kr. 420
A4
Danzig . . b Guld. 0.30 Guld. 3.60 Oesterreich Schill. 0.40 Schill. 4.80
Deutschland • M• Mk. 025 Mk. 3– Palästina 4 « Mils 18– Mils 216–
Estland . . « 4 Estn. Kr. 0.22 Estn. Kr. 2.64 Polen • f 9 fM Zloty 0.50 Zloty 6–
Portugal • ft 1* Escudo 2– Escudo 24–
Finnland • 4 ** Fmk. 4– Fmk. 48– Rumänien ♦ 1 ä> Lei 120– Lei 10–
Frankreich •« Frs. 1.50 Frs. 18– Saargebiet 4 « 4 Frs. Fr. 1.50 Frs. Fr. 18–
Grossbritan- d. 4.– sh. 4.8.5 Schweden * R• Kr. 0.35 Kr. 4.20
Holland
nien .. Gld. 0.15 Gld. 1.80 Schweiz W 4 V. « Frs. 0.30 Frs. 3.60
Italien . . Lir. 1.10 Lir 1320 Spanien . 0 Pes. 0.70 Pes. 8.40
Jugoslawien Din. 4.50 Din. 54– Ungarn « 4 9> * Pengö 0.35 Pengö 4.20
Lettland • Lat 0.30 Lat 3.60 U.S.A. < « 4 « Doll. 0.08 Doll. 0.96

37
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Die Strasse frei den braunen Bataillonen, Daher versucht er jetzt, die «wilden» Aktionen gegen
die Strasse frei dem Sturm-Abteilungs-Mann! die Kirche zu unterbinden, bestraft diesen und jenen
Nun wehen Hitlerfahnen über alle Strassen, SA-Führer und setzt ansonsten sein Werben um die
die Zeit der Freiheit Deutschlands bricht jetzt an!» katholische Kirche fort, so dass er von dieser Seite zu-
nächst keinen Widerstand zu fürchten braucht.
Trotz dieser beiderseits bekundeten Harmonie kommt Mit der anderen grossen moralischen Macht, der evan-
es vielerorts auch zu Ausschreitungen gegen katholi- gelischen Kirche, steht es für Hitlers Ziele noch besser.
sche Organisationen und Geistliche. Hier tun sich vor Die evangelische Kirche hat im Gegensatz zur katho-
allem Jugendliche hervor, HJ-Führer, die die taktischen lischen schon in der Zeit der Weimarer Republik wenn
Winkelzüge ihres Führers nicht verstehen können, die nicht hinter Hitler, so doch hinter den nationalen Kräf-
nicht einsehen wollen, weshalb die bisher bekämpften ten gestanden.
«Schwarzen», die «römischen Dunkelmänner», die Das ist leicht verständlich, wenn man bedenkt, dass die
«jesuitischen Schleicher», die «reaktionären Pfaffen», evangelische Kirche in Deutschland vom Beginn ihrer
die nur «das Volk verdummen» wollen und bisher die Geschichte stets mit den jeweiligen Fürstenhäusern in
«Freiheitsbewegung des deutschen Volkes» bekämpft Deutschland verbunden war. Der Landesherr ist stets
und unterdrückt haben, plötzlich ehrenwerte Volksge- auch Oberhaupt der Landeskirche gewesen. Anders als
nossen sein sollen. die universelle, internationale katholische Kirche ist die
Fanatisierte Jugendliche und revolutionäre Partei- evangelische Kirche eine nationale, deutsche Kirche.
genossen stehen der Kirche gegenüber auf dem gleichen Die Weimarer Republik ist den 28 evangelischen Lan-
Standpunkt, den Hitler vorgibt, früher ebenfalls ein- deskirchen mit lutherischer, uniierter oder reformierter
genommen zu haben. «In der Jugend stand ich auf Prägung von Anfang an fremd gewesen, etwas Feind-
dem Standpunkt: Dynamit! Erst später sah ich ein, liches. Die evangelische Kirche hat deshalb ihrerseits
dass man das nicht übers Knie brechen kann. Es muss nichts für diesen Staat übrig gehabt, der entweder von
abfaulen wie ein brandiges Glied.» den Katholiken regiert wurde oder von atheistischen,

«Ende des Zentrums, 7. Juli 1933» katholische Volk und die gesamte Zentrumspartei zu ge-
schlossenem Widerstand aufgefordert hätten? Dieser Wider-
Das «Zentrum ist also formell aufgelöst. Das Zentrum ist stand würde sofort die physische Machtlosigkeit der Partei
aufgelöst durch eigenen Beschluss! Wie man hört, hat Brü- gezeigt haben und brutal niedergeschlagen worden sein; die
ning scharf widersprochen; aber durchschlagend wurde die Führer würden sofort in «Schutzhaft» genommen und da-
Rücksicht auf die katholischen Beamten. Brüning hatte ab- durch unschädlich gemacht worden sein. Nachdem die Bi-
warten wollen, dass das Zentrum durch die Regierung auf- schöfe einmütig zur Anerkennung der neuen Regierung sich
gelöst wird – wo es dann keine eigene Verantwortung ge- bekannt haben, wäre ein solcher Widerstand für uns auch
habt hätte. Ebenso die Bayrische Volkspartei. Jegliche poli- moralisch nicht mehr zu rechtfertigen, unmöglich gewesen.
tische Wirksamkeit im Sinne der alten Zentrumspartei ist Es bleibt nichts übrig, als dem Beispiele der Bischöfe sich
fortan unmöglich und «verboten». Ganz offen wird erklärt, anzuschliessen, und trotz allem weiter den Versuch zu ma-
dass jeder weitere Versuch einer solchen Wirksamkeit mit chen, innerhalb der nationalsozialistischen Partei und in
brutaler Gewalt würde niedergeschlagen werden. Zusammengehen mit dieser nach Kräften für den Schutz
Das ist fürwahr ein entsetzliches Schicksal, kaum zu fassen, unserer religiösen Interessen bemüht zu bleiben. Anderes
für eine Partei, welche mehr als 60 Jahre in allen Ehren gibt's einfach nicht mehr. Alle unsere grossen Organisatio-
bestanden hat und so Grosses gewirkt hat. Man kann nichts nen sind zerschlagen. Selbst die Gesellenvereine sind ihrer
tun, als sich geduldig und demütig zu fügen in diesen Rat- Selbständigkeit beraubt und in die «nationalsozialistische
schluss der göttlichen Vorsehung. Wenn es auch diesmal Arbeiterfront» «eingeschaltet». Was nun weiter werden soll,
schwer, sehr schwerfällt. «Quam incomprehensibilia sunt kann noch niemand sagen. Einstweilen steht die Zukunft
judicia ejus, et investigabilis viae ejus», wie es im Römer- höchst dunkel vor uns. Praktisch können wir nichts tun, als
brief heisst. Es ist kein Wunder, dass temperamentvolle, na- weiterhin den Versuch zu machen, innerhalb der national-
mentlich jüngere Mitglieder der Partei furchtbar erregt sozialistischen Partei und durch ruhiges Mitarbeiten in
sind und in harten Worten Brüning, Kaas und alle anderen deren Organisationen für unsere religiösen Grundsätze zu
Führer beschuldigen, durch ihre Untätigkeit und ihren wirken. Der Nationalsozialismus, namentlich Hitler, haben
Kleinmut den Untergang der Partei mit verschuldet zu oft erklärt, dass sie das «positive Christentum» als Grund-
haben. Aber was hätten denn Brüning und Kaas praktisch lage des Staates wollen,
tun sollen? Würde es etwas genützt haben, wenn sie das (Karl Badiem, Geschichtsschreiber des Zentrums, am 7. Juli 1933)

38
Das «Zentrum» wird aufgelöst

marxistischen Sozialdemokraten – oder aber von beiden des Nationalsozialismus gehören wird. Dieser Pfarrer
Feinden der evangelischen Kirche in trautem Verein. ist im Weltkrieg Marineoffizier gewesen, U-Boots-
Kommandant. Danach erst ist er Pfarrer geworden,
Die evangelische Kirche hat zwar 1920 ihren Ge- und sein Buch «Vom U-Boot zur Kanzel» hat ihn weit-
meindemitgliedern ausdrücklich jede politische Tätig- hin bekanntgemacht. Niemöller begrüsst Hitlers Regie-
keit gestattet, übt also die notwendige Toleranz, aber rungsantritt und nach dem 5. März auch den Wahlsieg
im Wesentlichen ist es die Deutschnationale Volkspar- der NSDAP-DNVP-Koalition.
tei, die im Gegensatz zur katholischen Zentrumspartei Trotz dieser fast einmütigen Unterstützung gibt die
eine fast ausschliesslich evangelische Partei ist, der auch evangelische Kirche mehr Schwierigkeiten auf als die
Reichspräsident von Hindenburg nahesteht. katholische. Die in sich schon in 28 Landeskirchen mit
In anderen Parteien waren nur wenige Geistliche oder differierenden Bekenntnissen gegliederte evangelische
aktive Kirchendiristen tätig, so die «Religiösen Sozia- Kirche ist eben dabei, sich in zwei Hauptrichtungen zu
listen» in der SPD, eine etwas grössere Zahl in der spalten: die «Glaubensbewegung Deutsche Christen»
NSDAP. und die «Bekennende Kirche». Dieser innerkirchliche
1932 schon werden die Stellungnahmen evangelischer Streit hat zunächst wenig mit der politischen Stellung-
Pfarrer und Theologen für den Nationalsozialismus nahme der einzelnen Geistlichen zu tun, wenn auch
immer häufiger. Und am 30. Januar 1933 wird die die zum Nationalsozialismus tendierenden oder gar
Reichskanzlerschaft auch von evangelischer Seite, von der NSDAP angehörenden Pfarrer vornehmlich der
Kirchenvolk und Geistlichkeit, als positives Ereignis «Glaubensbewegung Deutsche Christen» angehören.
oft überschwenglich gefeiert. Es gibt begeisterte Gruss- Zunächst geht es um die theologische Streitfrage des
adressen für die neue Regierung, auch von Geistlichen, Verhältnisses von Kirche und Staat. Die konservativen
die nicht zu den «Deutschen Christen» gehören, dar- Kräfte wollen die alten Verhältnisse wiederherstellen,
unter von einem der bekanntesten Pfarrer, Martin Nie- wonach die evangelische Kirche eine Staatskirche ist,
möller, der bald zu den unversöhnlichsten Gegnern nunmehr aber nicht wie früher mit einem Landes-

Abbildung oben: «Schwarze Saboteure», «Hinterhältigkeit der B.V.P.-Politik» – mit solchen verleumderischen Anschuldi-
gungen versucht der «Völkische Beobachter», den Massnahmen gegen die demokratischen Parteien den Schein des Rechts zu
geben.

39
Widerstand in Deutschland 1933-1934

fürsten als Kirchenoberen, sondern als einheitliche zum anderen deshalb, weil man den plebejischen Hit-
Reichskirche, als Nationalkirche, wie etwa die Anglika- ler in manchen dieser Kreise noch weniger ernst nimmt
nische Kirche in England. als anderswo. Man mokiert sich allenfalls in den Salons
Die Anhänger der «Bekennenden Kirche» stellen das und auf Teegesellschaften über den «böhmischen Ge-
Bekenntnis zum Evangelium in den Vordergrund. freiten».
Keinerlei Bindung an den Staat, ausser in der Befol- Neben denen, die sich mokieren, denen er gleichgültig
gung des Pauluswortes, dass der Christ der Obrigkeit ist, gibt es auch andere, die Hitler ausdrücklich unter-
untertan sei, da jede Obrigkeit von Gott komme. stützen. Der deutsche Kronprinz begrüsst die Kanzler-
Der Streit zwischen «Deutschen Christen» und den schaft Hitlers in einem begeisterten Glückwunschtele-
evangelischen Kirchenmännern, die sich in der «Beken- gramm, nachdem er schon ein halbes Jahr zuvor bei
nenden Kirche» zusammenfinden, richtet sich zunächst Hindenburg energisch gegen das kurzfristige Verbot
also nicht gegen Hitler und seinen Staat. Bereits am der NSDAP protestiert hat.
8. März 1933 jedoch schreibt Bischof Dibelius in einem Andere kaiserliche Prinzen sind sogar Führer von
vertraulichen Hirtenwort an seine Pfarrer: «Darin Hitlers Bewegung: Prinz August Wilhelm, genannt
müssen und werden wir uns einig sein, dass . . . nicht «Auwi», ist hoher SA-Führer, Prinz Eitel-Friedrich ist
das Volkstum, sondern das Gottesreich Gegenstand SS-Führer. Prinz Philipp von Hessen, Schwiegersohn
evangelischer Verkündigung ist.» An dieser Grundein- des italienischen Königs, unterstützt Hitler mit ver-
stellung, hier noch ein Argument innerhalb der internen traulichen diplomatischen Aktionen und wird ebenfalls
Auseinandersetzung der evangelischen Kirche, wird SS-Führer. Ebenfalls SS-Führer sind – schon vor 1933
sich erst später auch der Kampf der «Bekennenden – der Erbgrossherzog von Mecklenburg, der General
Kirche» gegen Hitler und die nationalsozialistische Graf von Schulenburg, der Prinz von Waldeck, der
Weltanschauung entzünden. Am 15. November 1933, Erbherzog von Braunschweig und der Prinz von Hohen-
anlässlich des Austritts Deutschlands aus dem Völker- zollern-Sigmaringen.
bund, ist es wiederum Pfarrer Niemöller, inzwischen SS-Mann ist auch jahrelang der heutige Prinz Bernhard
Führer des «Pfarrernotbundes», in dem sich die Geg- der Niederlande, Gemahl der holländischen Königin
ner der «Deutschen Christen» sammeln, der in dessen Juliane und Vater der Kronprinzessin Beatrix; damals
Auftrag an Hitler ein Schreiben sendet: «In dieser für heisst er noch Bernhard zu Lippe-Biesterfeld und ist
Volk und Vaterland entscheidenden Stunde grüssen wir Angestellter im IG-Farben-Konzern. Die spätere Kö-
unseren Führer. Wir danken für die mannhafte Tat und nigin Friederike von Griechenland ist Hitlerjugend-
das klare Wort, die Deutschlands Ehre wahren. Im Führerin im BDM, dem «Bund Deutscher Mädchen»,
Namen von mehr als 2500 evangelischen Pfarrern, die und heisst zu dieser Zeit noch Friederike von Braun-
der Glaubensbewegung Deutsche Christen nicht ange- schweig.
hören, geloben wir treue Gefolgschaft und fürbittendes Der deutsche Adel stellt einen erstaunlich hohen Pro-
Gedenken. Martin Niemöller» zentsatz an höheren SA- und SS-Führern; vor allem
die SS erweist sich als Magnet, da sie als Elite-Einheit,
Von der in sich gespaltenen evangelischen Kirche ist als «kämpferischer Orden» gilt.
also ebenfalls kein Widerstand gegen Hitlers Schritte Viele Adlige, vor allem die Jugend, begrüssen zumin-
zur vollen Machtübernahme zu erwarten. dest den Regierungsantritt Hitlers, der mit der inner-
Eine andere politisch-moralische Kraft ist noch immer lich nie akzeptierten Republik Schluss macht. In Bam-
der Adel, vornehmlich der Hochadel. Die politisch berg setzt sich ein junger Kavallerie-Leutnant spontan
konservativen Parteien und Organisationen, auch viele an die Spitze eines Demonstrationszuges zu Ehren von
evangelische Geistliche, erwarten von der nationalen Hitlers Regierungsantritt. Der Nachkomme des grossen
Regierung Schritte zur Wiederherstellung der Monar- Gneisenau verübelt seinen Vorgesetzten, dass sie ihn
chie. Auch weite Kreise der Bevölkerung stehen den deshalb kritisieren; die grossen Soldaten der Vergan-
vergangenen Gewalten noch immer sympathisierend genheit hätten wohl eher erkannt, dass hier eine echte
gegenüber, wie es auch die Abstimmung über die Für- Volkserhebung stattfand, sagt er. Der Leutnant heisst
stenabfindung bewiesen hat. SPD und KPD haben eine Claus Schenk Graf von Stauffenberg – elf Jahre später
empfindliche Niederlage erlitten, als sie das Volk auf- wird er Hitlers Attentäter sein.
riefen, für die entschädigungslose Enteignung der Auch von dieser Seite, den traditionellen Kräften in
deutschen Fürsten zu stimmen. Deutschland, hat Hitler also nichts zu befürchten. Was
Doch auch von dieser Seite droht Hitler keine Gefahr. ihn bei der Verwirklichung seines Zieles, unumschränk-
Einmal wegen der stillen Hoffnung mancher Adels- ter Diktator zu werden, als erstes behindert, sind die
kreise, Hitler werde die Monarchie wieder einführen; Länderregierungen. Das Deutsche Reich ist, wie heute

40
Das erste KZ in Dachau

die Bundesrepublik, ein föderalistischer Staat. Die Län- worden wäre, wenn auch etwas später. Am 21. März
derregierungen haben sogar eigene diplomatische Ver- 1933 – es ist der Tag der Reichstagseröffnung, der «Tag
tretungen, Gesandtschaften bei der Reichsregierung in von Potsdam», und es ist Frühlingsanfang – unter-
Berlin. schreibt der Ministerpräsident Dr. Held den Befehl zur
Aber das ist natürlich relativ belanglos. Gefährlich für Gründung eines «Schutzhaftlagers» im Dachauer Moor.
Hitler ist, dass es keine einheitliche Polizei gibt – wie Das erste Konzentrationslager wird damit amtlich ge-
heute in der Bundesrepublik untersteht die Polizei den schaffen.
Landesregierungen. Und die Landesregierungen sind bis Helds Anweisung ist gegengezeichnet vom Münchener
auf zwei alle anti-nationalsozialistisch. Was, wenn die Polizeipräsidenten, den die Nationalsozialisten eben
Polizei gegen die Nationalsozialisten eingesetzt wird? erst eingesetzt haben. Dieser Polizeipräsident heisst
Heinrich Himmler – der «Reichsführer SS». Von die-
Es gibt eine Anzahl Beispiele dafür. In Kiel etwa hat sem untergeordneten Posten als Münchener Polizeichef
die Polizei Hitlerjungen festgenommen, die das Heim wird Himmler in nur einem Jahr aufsteigen zum
der «Sozialistischen Arbeiterjugend» überfallen haben. mächtigsten Mann in Deutschland nach Hitler, obwohl
Anderswo schützt die Polizei sozialdemokratische Ver- das selbst dann noch kaum jemand merkt, denn Himm-
kehrslokale vor der SA. In Leipzig wird ein Marschzug ler ist ein Mann, der still im Verborgenen seine Fäden
des Stahlhelm von SA-Leuten, obwohl diese eigentlich zieht.
Verbündete sind, angegriffen. Die Polizei greift ein – Nach Bayern werden kurz hintereinander alle anderen
und nimmt die SA-Leute fest. deutschen Länder «gleichgeschaltet», wie bald der
Ähnliches geschieht auch anderswo. Was wird sein, Ausdruck für die Auflösung alles Bisherigen lautet,
wenn die Länderregierungen sich gegen die Reichs- gleichgültig, ob es sich dabei um die deutschen Länder
regierung stellen, gar Polizei einsetzen? Hitler glaubt oder um Kegelklubs, um Gewerkschaften oder Turn-
zwar nicht daran, denn das wäre ein offener Staats- vereine handelt.
streich, und dazu neigen die prominenten Politiker Die Widerstandskräfte, die sich für Hitler aus dem
in den Ländern ebensowenig wie die Beamten. Aber deutschen Föderalismus ergeben könnten, sind damit
immerhin ... ausgeschaltet. Nun kann der künftige Diktator den
So ist das erste Gesetz, das Hitlers Regierung auf nächsten Schritt zur Machtergreifung tun: Die Parteien
Grund der ihm von den Parteien des Parlamentes werden aufgelöst, soweit sie das nicht von selbst tun.
gegebenen Ermächtigung erlässt, das Gesetz über die Mit der SPD wird der Anfang gemacht. Am 22. Juni
Auflösung der Landtage. Das ist am 31. März, eine Wo- verbietet Reichsinnenminister Frick die SPD als «volks-
che nach dem Untergang der Parteien im Reichstag. und staatsfeindlich», obwohl die SPD-Führung sich
Am 7. April bereits setzt Hitler für jedes Land «Reichs- inzwischen alle Mühe gegeben hat, auf die Kompro-
statthalter» ein, die das Recht haben, gegebenenfalls die misslinie der anderen Parteien einzuschwenken. Am 19.
betreffenden Landesregierungen abzusetzen. Mai hat sich in der Reichstagsdebatte über die Aussen-
politik nun auch die SPD wie die anderen Parteien hinter
Der Anfang damit wird in Bayern gemacht, dem Land, Hitler gestellt.
aus dem Hitler und die NSDAP vor Jahren auf- Ganz überraschend kommt das nicht, denn schon in
gebrochen sind, um ganz Deutschland zu erobern. der ablehnenden Rede des Parteivorsitzenden Wels
General Ritter von Epp, einst als Reichswehrkomman- zum Ermächtigungsgesetz lässt sich die Taktik der SPD
deur Hitlers oberster Vorgesetzter in München, über- erkennen, mit der sie zukünftig der NSDAP gegen-
nimmt als Reichsstatthalter die Regierungsgewalt und übertreten will, die Taktik einer legalen Opposition.
setzt die katholische Regierung des langjährigen Vor- Man will durch äusseres Entgegenkommen den Bestand
sitzenden der Bayrischen Volkspartei, Dr. Heinrich der Parteiorganisation bewahren, um dann, wenn Hit-
Held, mit Hilfe eines SA-Kommandos ab. Held ist der ler «abgewirtschaftet» hat, wieder zur Stelle zu sein.
Mann, der schon 1924 als bayerischer Ministerpräsi- Daher und auch aus innerer Überzeugung betont Wels
dent Hitler durch einen Gnadenakt fünf Tage vor den Kampf der SPD gegen das Versailler Diktat, den
Weihnachten aus der Festungshaft entlassen und später Kampf gegen die «Kriegsschuldlüge», wozu er ausführt:
Hitlers Ausweisung als unerwünschter Ausländer ver- «Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die Be-
hindert hat. Hitlers Dank erhält er nun. merkung gestatten, dass ich als erster Deutscher vor
Wenige Tage vor seiner Amtsenthebung hat Dr. Held einem internationalen Forum, auf der Berner Kon-
noch etwas Entscheidendes für Hitlers Diktatur getan, ferenz am 3. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit
wenn auch feststeht, dass diese Massnahme ohne den von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Welt-
bayerischen Ministerpräsidenten ebenso durchgeführt krieges entgegengetreten bin ... Der Herr Reichskanz-

41
Widerstand in Deutschland 1933-1934

ler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gespro- Minderheiten auf der Rechten und Linken, die anti-
chen, den wir unterschreiben. Er lautet: ,Aus dem demokratisch waren, auseinanderzusetzen, während die
Aberwitz der Theorie von den ewigen Siegern und meisten Deutschen dieser harten Auseinandersetzung
Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in mehr oder minder abwartend gegenüberstanden.
der Folge die Katastrophe der Weltwirtschaft‘. Dieser Das autoritäre Regierungssystem von 1933 kam nicht
Satz gilt für die Aussenpolitik, für die Innenpolitik gilt über Nacht. Ihm waren halbautoritäre Phasen unter
er nicht minder.» Brüning, Papen und Schleicher vorausgegangen. Viele
Wels appellierte auch an die propagierte Volksverbun- Faktoren haben dazu geführt, dass grosse Teile der
denheit der NSDAP und erwähnte Hitlers Herkunft: Bevölkerung die demokratische Regierungsform nicht
«Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in mehr zu schützen gewillt waren. Massenarbeitslosig-
dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch keit, verschuldete Landwirtschaft, akademisches Prole-
Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung tariat, mangelnde Bereitschaft der Westmächte, einem
des Staates offensteht. Davon», wandte er sich an die demokratischen Deutschland auch nur ein Minimum
Naziabgeordneten, «davon können Sie nicht mehr zu- jener Konzessionen zu machen, die man später dem
rück, ohne Ihren eigenen Führer preiszugeben.» Erpresser Hitler einräumte – all dies lähmte die Ver-
Selbst ein Appell daran, dass doch auch die NSDAP teidigungskraft der Demokratie. Hierzu kam die Spal-
den Sozialismus zu ihrem Programm erhoben habe, tung der deutschen Arbeiterbewegung durch die Kom-
fehlt nicht. munisten. Auch diese Feindschaft hat zur Zerstörung
Dennoch hat in Preussen die Polizei auf Anweisung der Demokratie beigetragen. Möglicherweise gab es
des preussischen Ministerpräsidenten und Innenmini- einen Augenblick, an dem resolutes Handeln die Lage
sters Göring am 10. Mai die Büros und Parteihäuser hätte retten können, als nämlich im Juli 1932 Papen
der SPD besetzt und das Parteivermögen beschlag- mit einem Staatsstreich die sozialdemokratische Regie-
nahmt. Nun, neun Tage danach, stellt sich die SPD rung Braun-Severing in Preussen beseitigte. Damals
im Reichstag hinter Hitlers Aussenpolitik. Die sozial- wäre wohl eine von den Gewerkschaften ausgerufene
demokratische Reichstagsfraktion tut noch ein Übriges: Aktion gegen diesen Staatsstreich von der preussischen
Sie distanziert sich von ihren Genossen, die bereits Polizei und der Verwaltung unterstützt worden, min-
emigriert sind, darunter auch einige Parteiführer. Des- destens in Berlin, und dies war ja wohl entscheidend.
halb wird am 19. Juni sogar eine neue Parteiführung So dürfte eine solche Aktion nicht aussichtslos gewesen
gewählt und den emigrierten Genossen das Recht abge- sein. Aber die Führer der SPD und der Gewerkschaften
sprochen, weiterhin im Namen der SPD zu sprechen. glaubten nicht an einen Erfolg, weil in einer Zeit der
Arbeitslosigkeit ein Streik keine wirksame Waffe ist
Es ist alles vergeblich: Am 22. Juni 1933, auf den Tag und weil es darüber hinaus nach ihrer Ansicht zweifel-
genau acht Jahre vor dem Beginn des Feldzuges gegen haft war, ob ein solcher Streik wirklich die öffentliche
die Sowjetunion, hat die SPD in Deutschland aufgehört Meinung zu seiner Unterstützung gehabt hätte. Ein po-
zu existieren. litischer Streik gegen die öffentliche Meinung ist zum
Heute ist es leicht, vom Versagen der SPD zu sprechen, Scheitern verurteilt/
ihr vorzuwerfen, sie hätte damals keine Kompromisse Als ich ihn fragte, warum die Sozialdemokraten nicht
schliessen dürfen, sondern unter allen Umständen massive Streiks organisierten, als die Nazis an die
kämpfen müssen. Terence Prittie zitiert in seinem Buch Macht kamen und sich als weit grössere Gefahr erwie-
«Deutsche gegen Hitler», um das «in die Augen sprin- sen, als Papen und Schleicher das je gewesen waren,
gende Versagen der Partei» verständlich zu machen, antwortete Erler:
den führenden Sozialdemokraten Fritz Erler: ,Gegen die Mehrheit der Bevölkerung lässt sich kein
«,Zunächst einmal müssen Sie die Ära der Weimarer politischer Streik führen. Die Sozialdemokraten wur-
Republik als ein Ganzes betrachten. Zu den Ursachen den von 22% der Wähler unterstützt. Die Kommuni-
ihres Unterganges gehört auch, dass die Demokratie im sten hätten uns nicht geholfen; im Gegenteil, sie hatten
Jahre 1918 nicht vom deutschen Volke erkämpft wurde, ja im November 1932 mit den Nationalsozialisten bei
sondern als Ergebnis der militärischen Niederlage und der Organisation des Verkehrsstreiks zusammengear-
des Weglaufens der früheren Gewalten zustande kam. beitet, der sich gegen die freien Gewerkschaften und
So haben viele Deutsche die Republik nicht als von gegen die stark sozialdemokratisch beeinflusste Berli-
ihnen gewollt, sondern als ein Produkt einer nationalen ner Stadtverwaltung richtete. Die Kommunisten hatten
Niederlage empfunden. Mit aus diesem Grunde waren ja auch im August 1931 mit den Deutschnationalen und
die enragierten Verteidiger der Weimarer Demokratie Nationalsozialisten zusammen einen allerdings erfolg-
in einer Minderheit. Sie hatten sich mit den aktiven los gebliebenen Volksentscheid gegen den Weiterbe-

42
NSDAP ist einzige Partei

stand der sozialdemokratisch geführten preussischen lat Kaas telefonisch gefragt hat: «Habt ihr euch denn
Regierung durchzuführen versucht. Deshalb war es noch nicht aufgelöst?», bestimmt die Bayrische Volks-
auch im Juni 1932 wohl ausgeschlossen, kommunisti- partei des späteren Bundesfinanzministers Dr. Schäffer
sche Unterstützung zur Rettung eben dieser Regierung freiwillig ihre Auflösung. Einen Tag darauf folgt die
zu erwarten. Und 1932 waren die Kommunisten davon Zentrumspartei des späteren Bundeskanzlers Dr. Aden-
überzeugt, dass es darauf ankam, erst einmal den sozial- auer und des heutigen Bundespräsidenten Dr. Lübke.
demokratischen Hauptfeind zu besiegen. Sie hielten
die Hitler-Herrschaft für eine vorübergehende Episode, Auch die Koalitionspartei der Nationalsozialisten,
nach deren kurzfristig zu erwartendem Ende sie, die Hugenbergs Deutschnationale Volkspartei, wird auf-
Kommunisten, die Herrschaft übernehmen könnten. gelöst. Hugenberg, der noch am Tage seines Eintritts
Sowohl die Nationalsozialisten wie die Kommunisten in Hitlers Regierung, am 30. Januar 1933 erklärt hat,
nannten unsere Partei das Feigenblatt der Bourgeoisie. er werde deshalb Mitglied im Kabinett des Reichs-
Die Kommunisten beschimpften uns als Sozialfaschis- kanzlers Hitler, «um den verunglückten österreichi-
ten. Anfang 1933 gab es tatsächlich im deutschen Volke schen Maler an die Leine zu nehmen», sieht sich
eine weitverbreitete Hoffnung, dass mit dem Regie- gezwungen, um seine Entlassung zu ersuchen – der
rungswechsel die Arbeitslosigkeit überwunden, die Mann also, der die Interessen der Wirtschaft dem Na-
Wirtschaft in Ordnung gebracht und die Stellung tionalsozialismus gegenüber hätte wahren sollen und
Deutschlands der Umwelt gegenüber auf friedliche damit dazu beigetragen hat, die Widerstände der Wirt-
Weise verbessert würde. Die Schreckensherrschaft, die schaft gegen den Nationalsozialismus auszuräumen.
Unterdrückung und Ausrottung Andersdenkender sowie
die Vorbereitung des Krieges waren jenen Bevölke- Seine Ansichten, die er auf der «Weltwirtschaftskon-
rungsschichten damals nicht bewusst. Unter diesen Um- ferenz» in London dargelegt hat, die aber mit Hitlers
ständen wäre 1933 ein Generalstreik zum Fehlschlag aussenpolitischen Vorstellungen nicht übereinstimmen,
verurteilt gewesen‘. führen zu seinem Rücktritt als Wirtschaftsminister und
Erler hätte hinzufügen können, dass man sich eine dazu, dass seine Partei als erste aufgelöst wird.
ganze Weile der rührenden Illusion hingab, dem Na- Bis zum 14. Juli sind alle deutschen Parteien aus dem
zismus mit legalen Mitteln entgegentreten, ja ihn damit politischen Leben ausgeschaltet. An diesem Tag wird
besiegen zu können.» das «Gesetz» gegen die Neubildung von Parteien erlas-
Eine Woche nach dem Verbot der SPD erklärt die Par- sen:
tei des späteren Bundespräsidenten Dr. Theodor Heuss «§ 1: In Deutschland besteht als einzige politische Par-
– der am 23. März dem Fraktionszwang folgend seine tei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.
Stimme für das Ermächtigungsgesetz abgab –, die § 2: Wer es unternimmt, den organisatorischen Zusam-
Deutsche Staatspartei, ihre Auflösung. menhalt einer anderen politischen Partei aufrecht zu
Am 4. Juni gibt die Deutsche Volkspartei des verstor- erhalten oder eine neue politische Partei zu bilden,
benen Reichskanzlers und Aussenministers Stresemann wird, sofern nicht die Tat nach anderen Vorschriften
ihre Auflösung bekannt. Ein Abgeordneter dieser Par- mit einer höheren Strafe bedroht ist, mit Zuchthaus
tei hat am 23. März für das Ermächtigungsgesetz bis zu drei Jahren oder mit Gefängnis von 6 Monaten
gestimmt – weil von nur zwei Gewählten eben nur bis zu drei Jahren bestraft.»
die Hälfte anwesend war. Das ist deshalb erwähnens- Durch dieses Verbot der politischen Parteien wird jeder
wert, weil noch heute so viel – und mit Recht – von politischen Tätigkeit, die, um wirksam zu werden,
den Verdiensten Stresemanns um die Republik gespro- eigene Organisationen braucht, die gesetzliche Grund-
chen wird. Es gibt keinen Zweifel, dass Stresemann lage entzogen und jeder eigenständige politische Wider-
neben dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten stand somit illegal. Ständig von Polizei, Gestapo,
Friedrich Ebert die überragende Gestalt des politischen Spitzeln und KZ bedroht, müssen sich die Widerstands-
Lebens der Weimarer Republik war. Aber die Tatsache, kräfte unter den schwierigen Bedingungen des Unter-
dass in der entscheidenden Reichstagswahl vom 5. März grunds neu formieren.
nur noch zwei Mandate auf die Deutsche Volkspartei Das am 21. März durch das Dekret des bayerischen
entfallen, zeigt deutlich, dass auch diese Partei nicht Ministerpräsidenten Dr. Held und des Münchener
das Wichtigste am Kampf um die Macht in einem Polizeipräsidenten Himmler befohlene «Schutzhaft-
parlamentarisch-demokratischen Staat erkannt hat – lager» im Dachauer Moor ist zwar bis jetzt das einzige
die Gewinnung einer breiten Basis unter den Volks- staatliche geschaffene KZ, aber es ist bei weitem nicht
massen. das letzte. Die SA schafft an vielen Orten eigene KZ’s
Am gleichen Tag, nachdem Zentrumsvorsitzender Prä- für politische Gegner, in leeren Fabrikhallen, in leeren

43
Widerstand in Deutschland 1933-
1934
Wohnbaracken, in Kellern der SA- und Partei-Ge- sind dafür berüchtigt, dass sie am brutalsten mit politi-
bäude wie in Berlin. In Berlin erlangen die Prügel- schen Gegnern umspringen, mit Leuten, die eben noch
keller in der Hedemannstrasse, im Columbia-Haus am ihre Genossen waren.
Potsdamer Platz und in der Prinz-Albrecht-Strasse Durch Verhaftungen, durch den Terror der SA und
schreckenerregende Berühmtheit. durch die Gewinnung Zehntausender von Überläufern
Anderswo wieder hält die SA unter ihren Gefangenen, ist nun auch von kommunistischer Seite kein ernst-
vor allem unter den Kommunisten, Werbevorträge. hafter Widerstand mehr zu befürchten. Das «Gespenst
SA-Leute appellieren an die Männer vom RFB, dem des Kommunismus» ist innenpolitisch zu einem blassen
«Roten Frontkämpferbund», in die SA einzutreten; Schemen geworden, das nur in der Rückerinnerung
die SA sei schliesslich auch ein sozialistischer Kampf- noch Schrecken bietet.
verband, nur eben auf nationaler Basis, und nicht im Gefährlicher scheint noch immer die stärkste Organisa-
Solde Moskaus. tion der Linken, die Millionen in ihren Reihen ver-
Es ist schwer zu sagen, ob die SA ihre bisherigen Geg- einigt: der Gewerkschaftsbund. Hitler glaubt nicht
ner zu überzeugen vermag, oder ob die wohlbegrün- mehr, dass die Gewerkschaften zu einem Generalstreik
dete Furcht vor Misshandlungen oder einer langen gegen seine Regierung aufrufen könnten. Die Gewerk-
Haft manchen von Thälmanns Rotfrontkämpfern in schaften sind führerlos. Entweder sind die leitenden
die Reihen der SA bringt. Jedenfalls sind die Über- Gewerkschaftsfunktionäre geflüchtet oder sie sind ver-
läufer zahlreich – im Sommer 1933 schon besteht über haftet worden.
ein Drittel der mächtig anschwellenden SA aus ehe- Andere glauben, mit den Nationalsozialisten Zusam-
maligen Angehörigen des Reichsbanners der SPD und menarbeiten zu können, um auf diese Weise die Ge-
des RFB der Kommunisten. werkschaftsorganisationen zu retten. Aber das ist eine
In Berlin treten schon zu Beginn des Jahres ganze Ein- vergebliche Mühe. Dr. Robert Ley, Chef der als
heiten des RFB mitsamt ihren Schalmeien-Kapellen zur Gewerkschaftsersatz gedachten «Deutschen Arbeiter-
SA über. Die kommunistischen Marschmusiker brau- front», sagt dazu: «Die Leiparts und Grassmanns
chen ihr Repertoire nicht einmal umzustellen: Die Lie- [Leipart ist seit 1920 Vorsitzender des Gewerkschafts-
der der SA und der Kommunisten sind schon immer bundes] mögen dem Führer mit noch so viel Heuchelei
die gleichen gewesen, nur die Texte hat man verschie- ihre Ergebenheit erklären – sie sitzen besser hinter
den gesungen. Schloss und Riegel!» Der 1. Mai wird von Hitler zum
Wenn die SA das alte Soldatenlied vom Argonnerwald «Nationalen Feiertag der Arbeit» erklärt, und sein
mit dem Originaltext «.. . ein Grenadier stand auf der eben ernannter Propagandaminister Goebbels bereitet
Wacht» singt, dann ändern die Kommunisten nur ein die psychologische Schlacht vor, mit der der Kampf
Wort – «. . . ein Spartakist stand auf der Wacht» – um die Gewinnung der deutschen Arbeiter weitergehen
und singen die gleiche Melodie. Umgekehrt verfahren soll.
die Nazis bei den alten russischen Revolutionsliedern. Allein, dass der seit einem halben Jahrhundert be-
«Brüder zur Sonne, zur Freiheit» heisst bei ihnen «Brü- gangene 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt wird,
der in Zechen und Gruben, Brüder ihr hinter dem ist schon ein geschickter Schachzug, der Hitlers Arbei-
Pflug». terfreundlichkeit unter Beweis stellen und bezeugen
Singen die SA-Marschierer das Lied vom Tiroler soll, dass die NSDAP sich zu Recht «Nationalsozia-
Volkshelden Andreas Hofer im Originaltext «Zu Man- listische Deutsche Arbeiterpartei» nennt. Bisher
tua in Banden, der treue Hofer lag», dann macht die ist der 1. Mai kein gesetzlicher Feiertag gewesen, wenn
rote Konkurrenz daraus: «Dem Morgenrot entgegen, auch viele Gewerkschaften mit ihren jeweiligen Tarif-
ihr Kampfgenossen all.» Und bei Liedern wie dem all- vertragsgegnern für diesen Tag einen teils bezahlten,
seits beliebten «Kleinen Trompeter» oder der «Golde- teils unbezahlten Urlaubstag vereinbart haben. Der
nen Abendsonne» wird nur jeweils ein Wort geändert 1. Mai ist geheiligte Tradition der Arbeiter, dass gerade
– die einen singen über «ein Regiment von Hitler», Hitler diesen Tag zum Nationalfeiertag macht, ist
die anderen «von Thälmann», die einen vom «Sturm- propagandistisch äusserst wertvoll und bringt ihm auch
abteilungsmann», die anderen vom «Rotgardisten». Es dort Sympathien ein, wo er sie bisher am wenigsten
passt immer. gefunden hat: beim deutschen Arbeiter.
Der stets schlagfertige Berliner Volksmund hat sofort Hitler tut noch ein Übriges, worauf noch kein Reichs-
eine Bezeichnung für die aus Kompanien des «Roten kanzler vor ihm gekommen ist: Er lädt Arbeiterdele-
Frontkämpferbundes» zusammengesetzten SA-Stürme: gationen aus ganz Deutschland zur Feier dieses Tages
«Beefsteak-Sturm» heissen sie bei den Berlinern – in die Reichskanzlei ein und empfängt sie gemeinsam
«aussen braun, innen rot». Die «Beefsteak-Stürme» mit dem Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von

44
Widerstand ist nirgends zu erwarten

Hindenburg. «Sie werden sehen, meine lieben Volks- Tempelhofer Feld vereinigt stehen, über ganz Deutsch-
genossen», erklärt er, «wie unwahr und ungerecht die land, durch Städte und Dörfer, und überall stimmen
Behauptung ist, unsere Revolution richtet sich gegen sie nun mit ein: die Arbeiter im Ruhrgebiet, die
die deutschen Arbeiter. Das Gegenteil ist der Fall!» Schiffer vom Hamburger Hafen, die Holzfäller aus
Spruchbänder und Plakate verkünden überall, dass die Oberbayern und der einsame Bauer oben an Masurens
Partei Hitlers die Tartei der deutschen Arbeiter sei. Seen. Hier kann keiner sich ausschliessen, und es ist
Die nach Berlin eingeladenen Delegierten werden mit keine Phrase mehr:
Flugzeugen herangebracht. Kaum einer der Arbeiter Wir sind ein einzig Volk von Brüdern geworden!
ist in seinem Leben schon einmal geflogen. Allein das Und der uns den Weg dahin wies, der fährt nun, auf-
ist ein unvergessliches Erlebnis für die meisten von recht im Auto stehend, zu seiner Arbeitsstätte in der
ihnen. Die Delegationen werden von Gewerkschafts- Wilhelmstrasse zurück, durch eine Via triumphalis, die
funktionären geleitet, die durch Hitlers freundlicher sich rund um ihn herum aus lebendigen Menschen-
Geste zu dem Glauben gekommen sind, man könne leibern gebildet hat.
sich, wenn auch nur aus taktischen Gründen, mit den Morgen werden wir nun die Gewerkschaftshäuser be-
Nationalsozialisten arrangieren. setzen. Widerstand ist nirgends zu erwarten.. .»
Eine Anzahl erfahrener Gewerkschaftsführer stellt sich «Widerstand ist nirgends zu erwarten», schreibt Goeb-
Goebbels für die Vorbereitung der gewaltigsten Kund- bels.
gebung, die Deutschland je gesehen hat, zur Verfügung. Das stimmt nicht ganz. Vereinzelt wehren sich Gewerk-
Auf dem Tempelhofer Feld wird Hitler zu der Arbei- schaftler gegen die Besetzung ihrer Häuser durch SA
tern sprechen. und Polizei. In Leipzig muss schliesslich das Infanterie-
Der 1. Mai beginnt mit einer Jugendkundgebung im Regiment 11 – aus der heutigen «General-Oster-
Lustgarten. Zunächst spricht Goebbels, der später über Kaserne» der kommunistischen Volksarmee – mit
diesen Tag in seinem Tagebuch vermerkt: einer Feldkanone das «Volkshaus» in der Südstrasse
«Dann ein Jubelsturm: Im Auto erscheinen, nebeneinan- beschiessen, bis die Gewerkschaftler sich ergeben. Ta-
dersitzend, der Reichspräsident und der Führer. Alter gelang noch bleiben die Leipziger vor dem Volkshaus
und Jugend vereinigt. stehen und betrachten das grosse Loch in der Aussen-
Der Reichspräsident spricht zur Jugend ... Er ermahnt wand, das eine Granate gerissen hat.
zur Treue, Beharrlichkeit, Fleiss und Achtung vor der Keiner ahnt, dass zehn Jahre später mit der Leipziger
Vergangenheit. Der Führer bringt auf ihn ein drei- Innenstadt auch das «Volkshaus» in den Phosphor-
faches Hoch aus, in das die Jugend mit Begeisterung gluten amerikanischer Bomben verglühen wird, dass
und Inbrunst einstimmt... der Granateinschlag vom 2. Mai 1933 nur der Anfang
Die Durchfahrt durch die Massen der Jungen und von weit Schlimmerem ist. Die zerstörte Südstrasse
Mädchen gleicht einem Triumphzug. Auf dem Tempel- heisst dann Adolf-Hitler-Strasse. Heute nennen die
hofer Feld herrscht ein unbeschreibliches Menschenge- Leipziger diese Strasse selten mit dem nun gültigen
wimmel. Der Berliner ist schon unterwegs mit Kind Namen Karl-Liebknecht-Strasse. In Erinnerung an
und Kegel, Arbeiter und Bürger, hoch und niedrig . .., den dreifachen Namenswechsel innerhalb von zwölf
jetzt sind die Unterschiede verwischt, nur ein deutsches Jahren heisst sie heute im Volksmund: «Adolf-Süd-
Volk marschiert. knecht-Strasse» – deutsche Geschichte im Spiegel eines
Vor ein paar Jahren noch knatterten [am 1. Mai 1929] verballhornten Strassennamens.
in Berlin die Maschinengewehre ... Doch diese verzweifelten Aktionen einzelner Gewerk-
Nun wälzen sich die Menschenmassen durch Berlin. schaftler sind kein entscheidender Widerstand. Am
Ein unendlicher, nie abreissender Strom von Männern, 2. Mai 1933 gibt es in Deutschland keine Gewerk-
Frauen und Kindern ergiesst sich zum Tempelhofer schaften mehr. Ihr gesamtes Vermögen wird der DAF
Feld ... übereignet, der «Deutschen Arbeitsfront», die Hitlers
Dann spricht der Führer. Noch einmal fasst er zusam- Zwangsgewerkschaft werden soll.
men, was wir sind und was wir wollen. Er gibt der
Arbeit ihr Ethos zurück. Das Arbeitertum umschliesst Dazu heisst es in dem Buch von Annedore Leber, der
jetzt alle guten Deutschen. Die Nation hat wieder Frau des Widerstandskämpfers Julius Leber, «Das
einen Sinn bekommen ... Ein toller Rausch der Be- Gewissen entscheidet»: «Es war ein grosses organisato-
geisterung hat die Menschen erfasst. Gläubig und stark risches Gebäude, das die Nationalsozialisten im Früh-
klingt das Horst-Wessel-Lied in den ewigen Abend- jahr 1933 in Trümmer legten. Der Allgemeine Deutsche
himmel hinauf. Die Ätherwellen tragen die Stimmen Gewerkschaftsbund zählte nach dem Stand von 1930
der anderthalb Millionen Menschen, die hier auf dem fast 5 Millionen Mitglieder; der mit ihm verbundene

45
Widerstand in Deutschland 1933-
1934

Rundschreiben Nr. 6/33 SA bzw. SS ist zur Besetzung der Gewerkschaflshäuser und
zur Gleichschaltungsaktion der Inschutzhaflnahme der in Frage kommenden Persönlich-
gegen die Freien Gewerkschaften keiten einzusetzen.
Der Gauleiter trifft seine Massnahmen im engsten Einver-
Die Oberste Leitung der PO.
nehmen mit dem zuständigen Gaubetriebszellenleiter.
Der Stabsleiter.
Die Aktion in Berlin wird durch den Aktionsausschuss selbst
München, den 21.4.1933
geleitet.
Rundschreiben N r. 6 / 33.
Im Reich werden besetzt:
Dienstag, den 2. Mai 1933, vormittags 10 Uhr, beginnt die
Die Leitung der Verbände;
Gleichschaltungsaktion gegen die Freien Gewerkschaften.
die Gewerkschaflshäuser und Büros der Freien Gewerk-
Die Leitung der gesamten Aktion liegt in den Händen des
schaften,
Aktionskomitees.
die Parteihäuser der SPD, soweit Gewerkschaften dort un-
Das Aktionskomitee setzt sich folgendermassen zusammen:
tergebracht sind;
Dr. Robert Ley, Vorsitzender,
die Filialen und Zahlungsstellen der «Bank der Arbeiter,
Rudolf Schmeer, Stellvertreter,
Angestellten und Beamten AG.»;
Schuhmann, Kommissar für den ADGB,
die Bezirksausschüsse des ADGB und des Afa-Bundes;
Peppier, Kommissar für den Afa-Bund,
die Ortsausschüsse des ADGB und des Afa-Bundes.
Muchow, Organisation,
In Schutzhaft werden genommen:
Bankdirektor Müller, Komm. Leiter der Bank der Arbeiter,
alle Verbandsvorsitzenden;
Angestellten und Beamten,
die Bezirkssekretäre und
Brinkmann, Komm. Hauptkassierer,
die Filialleiter der «Bank der Arbeiter, Angestellten und
Bialias, Propaganda und Presse.
Beamten AG»...
Zum erweiterten Aktionskomitee gehören sämtliche kommis-
sarischen Leiter der Verbände. Es ist selbstverständlich, dass die Aktion in grösster Diszi-
Im Wesentlichen richtet sich die Aktion gegen den Allgemei- plin vor sich zu gehen hat. Die Gauleiter sind dafür verant-
nen Deutschen Gewerkschaflsbund (ADGB) und den Allge- wortlich, dass sie die Leitung der Aktion fest in der Hand be-
meinen Freien Angestelltenbund (Afa-Bund). Was darüber halten.
hinaus von den Freien Gewerkschaften abhängig ist, ist dem Heil Hitler!
Ermessen der Gauleiter anheimgestellt... gez.: Dr. Robert Ley

46
Ruhmloses Ende

November 1936: Erlebnis und Lehren des hörten, dass sie sich sehr schnell verbreitete und dass später
Zusammenbruchs die Genossen sagten: Wir haben gewartet, aber man hat
uns nicht gerufen. Um zu verstehen, mit welcher Wucht der
Zusammenbruch auf die Genossen wirkte, darf man nicht
Man kann die Bedeutung der Ereignisse des Jahres 1933 für sagen: «In Wirklichkeit waren die Dinge ja aber ganz
die heutige Einstellung der aktiven Teile der Arbeiterschaft anders», sondern man muss sich in die Lage der Genossen
nicht hoch genug einschätzen. Es ist ein Fehler, so zu tun, versetzen und sehen, wie sie auf Grund der Information,
als sei nichts geschehen, was uns veranlassen könnte, unsere die sie von ihren Funktionären erhielten – im Betriebe von
Anschauungen mit rückhaltloser Offenheit einer Prüfung zu den Betriebsräten und in der Partei von den Bezirksfüh-
unterziehen. Der Zusammenbruch aller Organisationen der rern –, den Verlauf der Dinge sehen mussten. Genauso ver-
deutschen Arbeiterbewegung war für die Genossen das Er- hält es sich mit folgender Darstellung, die von Mitgliedern
lebnis, das eine politische Welt für sie zertrümmerte, das sie des Bundesausschusses des ADGB, nämlich einem Bezirks-
zu einer Kritik der deutschen Arbeiterbewegung veranlasste sekretär des ADGB und zwei Hauptvorstandsmitgliedern
und sie wichtige Fragen in einem neuen Lichte sehen liess ... eines grossen Verbandes, verbreitet wurde: In der ersten
Bundesausschusssitzung des ADGB im Februar wurde von
Das Erlebnis des Zusammenbruchs einem Bundesvorstandsmitglied auf die Anfrage eines Ver-
. .. Die von bewunderungswürdiger Disziplin beherrschten bandsvorsitzenden geantwortet, dass die Anweisungen für
Organisationen brachen zusammen, ohne dass sie im Kampfe den Generalstreik weiter Geltung hätten und dass für be-
von den Gegnern besiegt waren. Bis zum März war die sondere Industrien, vor allem die chemische, noch besondere
Eiserne Front die Hoffnung der Arbeiter. Die Massen- Anweisungen für Sabotageakte ergehen würden. In einer
demonstrationen der Eisernen Front im Februar waren von zweiten Bundesausschusssitzung Ende Februar sei dann er-
überwältigender Wucht; niemals vorher marschierten diese klärt worden, die Entwicklung werde sich in Ruhe voll-
Massen so sehr von einem Willen beseelt und mit solchem ziehen und an den Generalstreik werde nicht mehr gedacht.
Ernst, den die damaligen Wochen auch dem letzten Genos- Immer blieb noch die Hoffnung auf die politischen Organi-
sen einhämmerten. Man darf sich darüber nicht täuschen sationen der Eisernen Front, die Partei und das Reichs-
lassen: es war wirklich so, dass die Massen der Eisernen banner, von deren Waffenbesorgungen ebenfalls bestimmte
Front an einen Widerstand der Arbeiterbewegung glaubten. Zahlen angegeben wurden.
Jetzt war die Zeit da, auf die wir seit dem 14. September Aber es regte sich kein Widerstand. Die Zeitungen wurden
1930 hingewiesen hatten: in jeder Versammlung in Stadt «bis auf Weiteres» verboten, die Gewerkschafts- und Volks-
und Dorf hatten wir gesagt, dass wir nicht nur mit dem häuser wurden besetzt, und als am 2. Mai die Gewerk-
Stimmzettel den Nationalsozialismus abwehren würden, schaften von der NSBO «übernommen» wurden, begruben
sondern dass wir, wenn es nötig ist, auch von unseren hoch- die Arbeiter den letzten Rest Hoffnung auf eine Abwehr
gereckten Fäusten Gebrauch machen würden. Im Herbst des Faschismus. Selbst in nationalsozialistischen Darstellun-
1932 wurde in den grossen Kundgebungen der Eisernen gen dieser Aktion gegen die Gewerkschaften wird hervor-
Front von den Massen in feierlicher Form der Schwur ab- gehoben, dass immer noch die Furcht vor einer Erhebung
gelegt, bis zum Letzten für die Freiheit des Volkes zu kämp- der Massen bestand, solange die Arbeiter in den Millionen-
fen, und wenn es sein müsse, auch mit dem Leben dafür organisationen der Gewerkschaften vereinigt waren. Und
einzustehen. Ganz gewiss haben die Arbeiter es damit ernst auch jeder organisierte Arbeiter wusste, dass die Organisa-
gemeint, ganz gewiss haben sie unsere entschlossenen Auf- tion die Voraussetzung für jede Aktion ist. Mit der «Über-
rufe in jenen Kundgebungen so aufgefasst, wie sie gesagt nahme» der Gewerkschaften schwand auch die letzte Hoff-
wurden. Nun musste es also «losgehen», und es war nur nung.
natürlich, dass die Genossen, die über Schuss- oder einfache Was nach dieser Zeit noch öffentlich getan wurde, erschien
Stichwaffen verfügten, diese mit besonderer Sorgfalt in dem weitaus grössten Teil der Genossen als sinnlos. Ein gro-
Ordnung brachten, und dass andere Genossen, die nicht sser Teil der unteren Funktionäre verlangte damals von der
über Waffen verfügten, ihre Freunde nach Suhl und anderen Partei, dass sie nicht auf ihr Verbot warte, sondern frei-
Orten schickten, um Waffen zu besorgen. Die Erwartung, willig in die Illegalität gehe, wodurch sie das Vermögen der
von der Führung auf gerufen zu werden, wurde noch da- Parteigeschäfte retten und die illegale Arbeit in Deutschland
durch gestärkt, dass hohe Gewerkschaftsstellen zum Schutze noch wirkungsvoll selbst vorbereiten könne. Man sollte
der Häuser ebenfalls Waffen besorgten. Am 31. Januar 1933 nicht das Verbot, das rühmlose Ende abwarten; denn poli-
soll der Vorsitzende des ADGB Delegationen, die aus ver- tisch sei die Partei bereits tot, weil es für eine sozialdemo-
schiedenen Grossbetrieben des Reiches in Berlin vorspra- kratische Partei im nationalsozialistischen Staat ja keine
chen, um anzufragen, ob jetzt die Anweisungen für den Gene- Möglichkeit freier Betätigung mehr gebe. Wenn man auch
ralstreik in Kraft treten sollten, geantwortet haben: Noch den persönlichen Mut einiger Genossen im Reichstag und
nicht; aber bereitet alles bestens vor, wir werden euch Landtag bewunderte, so hatte man doch kein Verständnis
rufen. – Diese Darstellung wurde von führenden Gewerk- mehr dafür, dass die Partei sich noch in den Parlamenten
schaftlern als verbürgt verbreitet. Es ist hier belanglos, ob betätigte. Selbst von Reichstagsabgeordneten wurde auf
der Generalstreik damals angewandt werden konnte, es ist Grund von gegen Abgeordnete ausgestossenen Drohungen
auch belanglos, ob jene Darstellung richtig ist; man muss der Reichstag als Räuberhöhle bezeichnet...
sich vor Augen halten, dass die Genossen diese Darstellung (Aus: Erfahrungen in der illegalen Arbeit, in: Das Ende der Parteien)

47
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Allgemeine Freie Angestelltenbund eine halbe Million. gen die Kommunisten wegen der Reichstagsbrand-
Die Christlichen Gewerkschaften, die vor allem im stiftung zu erkennen; andererseits die genialen Fähig-
katholischen Westen verankert waren, hatten etwa keiten ihres kommunistischen Gegenspielers Willy
1 Million, der Deutschnationale Handlungsgehilfenver- Münzenberg, der es glänzend versteht, der Welt auch
band 300‘000 und die liberalen Hirsch-Dunckerschen die gewagtesten Hypothesen als unumstössliche Wahr-
Gewerkschaften 150‘000 Mitglieder. Daneben gab es heit anzubieten. Dazu kommt noch die Persönlichkeit
verschiedene Beamtenverbände und eine Reihe sonsti- des Hauptangeklagten im Reichstagsbrandprozess, der
ger kleinerer Gruppen.» vor dem Reichsgericht in Leipzig stattfindet. Und die-
Dass die Gewerkschaften sich nicht entschieden zur ser Hauptangeklagte heisst keineswegs van der Lubbe.
Wehr gesetzt haben, dafür gelten die gleichen Über- Unmittelbar nach dem Brand des Reichstages sind die
legungen wie die von Fritz Erler, die oben dargestellt führenden Kommunisten verhaftet worden – soweit
worden sind. man ihrer habhaft werden konnte. Es waren nur relativ
Damit ist noch vor der Auflösung und dem Verbot wenige, da sich ja die KPD-Führung schon seit Mona-
der Parteien die mächtigste politische Organisation ten in die Verborgenheit zurückgezogen hat. Einer der
Deutschlands zerschlagen. Widerstand von den Orga- führenden Funktionäre hat sich am Ende der Brand-
nisationen der Weimarer Republik ist in Deutschland nacht in den frühen Morgenstunden des 28. Februar
selbst nicht mehr zu erwarten. sogar selbst gestellt, als er hört, dass er verhaftet wer-
Noch während die SPD im Reichstag sich hinter Hit- den soll. Er hat ein reines Gewissen und glaubt des-
lers Aussenpolitik stellt, sich von ihren geflüchteten halb, wieder freigelassen zu werden, zumal er als
Genossen distanziert und eine neue Parteileitung Reichstagsabgeordneter Immunität geniesst.
wählt, gehen Sozialdemokraten und Kommunisten im Es ist der Mann, in dessen Arbeitszimmer van der Lubbe
Ausland daran, den Widerstand gegen Hitler zu orga- bei seinem ersten Besuch des Reichstagsgebäudes
nisieren. Die Sozialdemokraten vor allem von Prag, am frühen Abend des 27. Februar noch Licht brennen
die Kommunisten von Paris aus. sah: der Vorsitzende der kommunistischen Reichstags-
Zunächst einmal handelt es sich um propagandistischen fraktion Ernst Torgier. NSDAP-Abgeordnete haben
Widerstand. Die Auslandspresse wird mit Nachrichten ausgesagt, dass Torgier als einer der letzten den Reichs-
über den Terror der SA versorgt, mit Nachrichten über tag verlassen habe. Das genügt, um den Verdacht auf
die schrittweise Okkupation der gesamten Staatsmacht Mitwirkung führender Kommunisten bei der Brand-
durch Hitler. stiftung zu erhärten. Torgier muss den Brand organisiert
Die wichtigste Waffe in diesem Kampf hat ihnen der haben, er kennt den Reichstag genau, er hat als Ab-
Mann geliefert, der gegen seinen Willen entscheidend geordneter die Möglichkeit, sich ungehindert im Reichs-
zur Annahme des Ermächtigungsgesetzes beigetragen tag zu bewegen – und er hat sich bis zur Brandstiftung
hat: Marinus van der Lubbe, der junge Revolutionär im Hause aufgehalten.
aus Holland, der mit den Flammen des Reichstags- Aber ausser Torgier und dem auf frischer Tat ertappten
brandes dem bürgerlichen Deutschland das Gespenst van der Lubbe werden noch drei andere wegen der
des Kommunismus so sichtbar demonstriert hat. Brandstiftung angeklagt, drei bulgarische Kommuni-
Nachdem der Reichstagsbrand zunächst nur den sten, die in einem Berliner Restaurant festgenommen
Nationalsozialisten zugute gekommen ist – die Not- worden sind. Einer der drei wird zum Hauptangeklag-
verordnung vom 28. Februar 1933, aufgrund der jeder ten; Marinus van der Lubbe, der tatsächliche Brand-
politische Gegner verhaftet werden kann; der Wahl- stifter, spielt bald nur noch eine Nebenrolle.
erfolg am 5. März und in seinen Auswirkungen auch Der Hauptangeklagte ist eine bemerkenswerte Persön-
das Ermächtigungsgesetz –, schlagen die Kommuni- lichkeit. Er ist der Leiter der Sektion Mitteleuropa und
sten jetzt zurück. des «Westeuropäischen Büros» der Komintern, der
«Die Nazis haben den Reichstag angezündet!» ver- «Kommunistischen Internationale», und lebt seit Jahren
künden sie. «Der Reichstagsbrand war eine geplante illegal in vielen Ländern, vor allem aber in Deutsch-
Provokation, um die KPD unterdrücken und die land. Er wechselt beständig seinen Namen und eine
Demokratie in Deutschland vernichten zu können!» Namensverwechslung ist es auch, die zur Anklage gegen
Diese Aufklärungsaktion, der sich überall in der Welt ihn führt.
auch Nichtkommunisten anschliessen, ist so überzeu- Allein in Berlin und Umgebung hat er mehrere Woh-
gend, dass auch heute der Streit um den Reichstags- nungen. In einer ist er als Illegaler bekannt, denn die
brand noch weitergeht. Das hat viele Ursachen. Zwei Wohnung gehört einer zuverlässigen Genossin in Pots-
der wichtigsten sind die Unfähigkeit von Göring dam. Aber auch sie kennt natürlich nicht seinen wahren
und Goebbels einerseits, die Gefahr eines Prozesses ge- Namen und schon gar nicht seine wahre Aufgabe. Mar-

48
Münzenbergs Propagandaapparat

garete Buber-Neumann schreibt über ihre erste Begeg- Vitalität und einem unsentimentalen, verführerischen
nung mit diesem Mann in ihrem Buch «Von Potsdam Charme ...» Margarete Buber-Neumann, die Dimitroff
nach Moskau»: in ihrer Potsdamer Wohnung beherbergt hat, sagt über
«Als es am nächsten Morgen klingelte und ich gespannt Münzenberg, der mit ihrer Schwester Babette verhei-
öffnete, fand ich mich einem Manne und einer Frau ratet ist: «Wohl kein anderer prominenter deutscher
von ungewöhnlichem Aussehen gegenüber, die inmitten Kommunist war so voller Ideen wie Münzenberg . . .
einer Fülle Gepäck im Türrahmen standen. Er stellte Fast alle standen unter dem Eindruck seiner kraft-
sich als ,Helmuth‘ vor, und sie erklärte mir, dass sie vollen Persönlichkeit, bewunderten seine Fähigkeit,
,Klara' hiesse. Der Mann sprach ein Deutsch mit Wie- alles seinen Zwecken dienstbar zu machen, mochte es
ner Tonfall, mit stark südosteuropäischem Akzent . . . sich um die Sammlung von Unterschriften einfluss-
Er sah keineswegs so aus, wie ich mir einen illegalen reicher Dichter, Künstler oder Gelehrter handeln oder
Berufsrevolutionär' vorgestellt hatte. Dieses Gesicht um den Aufbau einer Hilfsaktion.»
war alles andere als asketisch oder von Fanatismus Willy Münzenberg ist am Tag der Verhaftung Dimi-
geprägt. Eher wirkte er wie ein zur Fülle neigender troffs aus Frankfurt geflüchtet, erst in die Schweiz,
Opernsänger, mit einem massigen Schädel, der von dann nach Paris. Dort baut er den Propaganda-Apparat
dunklen Locken bedeckt war. Seine Stimme war laut gegen Hitler auf. Der damals noch kommunistische
und satt, und bei jedem Anlass brach er in dröhnendes Schriftsteller Gustav Regler ist einer von denen, die
Gelächter aus. Alles an ihm strahlte Lebensfreude aus, ihm dabei helfen. Er berichtet über seine Ankunft in
und man sah sofort, dass er dieses Dasein zu geniessen der französischen Hauptstadt:
verstand. Er war mit grosser Sorgfalt, für deutsche «Ehe ich in Paris an die Arbeit gehen durfte, hatte ich
Begriffe allerdings etwas zu auffallend, gekleidet. einen Cerberus zu passieren. Ich würde ihn den Feld-
Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass dieser gendarmen der deutschen Kommunistischen Partei
Mann, dessen Identität ich erst Monate später erfahren nennen, aber zu einem Feldgendarmen gehört eine
sollte, Leiter des WEB, des Westeuropäischen Büros, Front, und er hatte keine, sosehr er vorgab, in zweiter
sei, jener Institution, die . . . die gesamte illegale Tätig- Linie direkt hinter der Front zu stehen. Er . . . fragte
keit und auch die Spionageaufgaben der Komintern in jeden Flüchtling, warum er in Paris sei. Wenn man
Westeuropa in den Händen hielt, hätte ich ihn aus- Mut hatte, antwortete man: ,Um die Mädchen der
gelacht.» Folies-Bergeres tanzen zu sehen.' Erinnerte man sich
Dieser Mann mit den vielen Namen heisst Dimitroff: an alles, was in Deutschland zusammengebrochen war:
Gemeinsam mit zwei weiteren Illegalen, den bulgari- die Verfassung, die Gewerkschaften, die Verlage und
schen Kommunisten Popoff und Taneff, wird er einen die Theater, die Freiheit schlechthin . . ., dann ant-
Tag nach dem Reichstagsbrand im bayerischen Bier- wortete man unter einem Zwang schon etwas politischer
lokal «Oberbayern», einem Verkehrslokal prominenter und sagte wohl:,Hitlers wegen.'
Nazis am Berliner Zoo, verhaftet. Gemeinsam werden Diese konzentrierte Antwort führte dann todsicher
sie später mit dem Holländer Marinus van der Lubbe zu der Frage des falschen Gendarms: wer einem die
und dem Deutschen Torgier vor das Reichsgericht ge- Erlaubnis zur Flucht gegeben habe? War man nun
stellt, wo ihnen der Prozess gemacht wird. naiv, so bekannte man, dass man ohne Erlaubnis vor
Dass dieser Prozess, der von Goebbels, Göring und dem Tod weggelaufen sei. Daraufhin wurde man mit
dem Untersuchungsrichter Vogt propagandistisch und gleicher Naivität zum Deserteur erklärt.
juristisch sorgfältig vorbereitet wird, trotzdem zu Von solcher gewöhnlich als entehrend empfundenen
einer empfindlichen Niederlage für die Nationalsozia- Klassifizierung konnte man sich loskaufen. Der Deser-
listen wird, verdanken sie jemandem, mit dessen Orga- teur von Paris brauchte nur die nächste Frage wunsch-
nisationstalent und psychologischer Raffinesse sie nicht gemäss zu beantworten: ,War, was die Partei in diesem
gerechnet haben: Willy Münzenberg, Freund Lenins, Januar in Deutschland erlebte, eine Niederlage oder
Mitbegründer des Kommunistischen Jugendverbandes nur ein strategischer Rückzug?'
KJVD, Generalsekretär der Kommunistischen Jugend- Ich wusste von Münzenberg die gewünschte Antwort:
Internationale, Begründer und Leiter der «Internatio- .Natürlich keine Niederlage – nur ein strategischer
nalen Arbeiterhilfe», vielfacher Verleger und äusserst Rückzug!'
geschickter Propagandist. Ich gab die Antwort, bekam eine Nummer und durfte
Ehemalige Kommunisten haben Münzenberg unab- nun von Paris aus den fernen Feind, Adolf Hitler, be-
hängig voneinander doch fast gleich geschildert. kämpfen.»
So schreibt Arthur Koestler: «. . . eine magnetische Gustav Regler bringt eine wichtige Waffe mit nach
Persönlichkeit von einer ungeheuren, mitreissenden Paris. Sie ist zwar sehr verrostet, sie ist schartig und

49
Widerstand in Deutschland 1933-1934

brüchig, aber Münzenbergs Genie bringt es fertig, dass men alle die, die Lenin einmal so grob die «nützlichen
diese Waffe scharf wird und den Gegner schlägt. Idioten» und Herbert Wehner «trojanischen Esel» ge-
Regler hat in den Tagen nach dem Zusammen- nannt hat.
bruch des Kaiserreiches in einer «republikanischen Gustav Regler zählt sie alle auf: «Neue Flüchtlinge,
Schutztruppe» der SPD den Reichstag gegen die Spar- deren wir habhaft werden konnten, wurden eingeladen,
takisten verteidigt, daher weiss er von der Existenz ihre Erlebnisse zu schildern: Minister, Redakteure,
des unterirdischen Ganges, der Reichstag und Präsiden- Abenteurer, wie der falsche Hohenzollernsohn, Freunde
tenpalais mit dem Maschinenraum der Heizungsanlage vom unglücklichen van der Lubbe, . . . Geheimagenten
verbindet. Regler hat noch ein Übriges getan: Aus der des republikanischen Kriegsministeriums, kultivierte
Nationalbibliothek in Strassburg hat er Fotokopien der Landsknechte...
Baupläne des Reichstagsgebäudes mitgebracht, auf de- Unser Büro war eine Insel, auf die sich die mannig-
nen der Heizungsgang deutlich zu erkennen ist. faltigsten Schiffbrüchigen retteten: es waren Edelleute
Die emigrierten Kommunisten in Paris denken genauso darunter und Don Quichottes, gebrochene und hass-
wie ihr Widersacher Göring in Berlin: Van der Lubbe erfüllte Opfer der neuen Herren ... Es kamen liberale
kann den Reichstag nicht allein angesteckt haben, Gräfinnen aus England, Labour-Lords und eine rot-
gefunden wurden die Täter nicht – also ist der unter- haarige, sprachgewaltige Unabhängige des Unterhauses.
irdische Gang das A und O aller Beweisführung, dass Es kam aus Schweden die Schwester des Minister-
die Kommunisten bzw. die Nationalsozialisten die präsidenten. Es stellten sich zur Verfügung D6put6s
Brandstifter gewesen sind. de France und das As aller Rechtsanwälte von Paris...»
Münzenberg will ein «Braunbuch» herausgeben, das Viele von ihnen haben keine Ahnung, von wem sie
nachweist, wie die Nazis den Reichstag angesteckt dirigiert werden, die wenigsten hören jemals den Na-
haben, um die KPD und damit die Demokratie in men Münzenberg, und es gibt tatsächlich «nützliche
Deutschland zu unterdrücken. Den Nationalsozialisten Idioten», die das Wirken der Komintern nicht zu
soll damit von vornherein jeder internationale Kredit durchschauen vermögen. Das «Braunbuch» Münzen-
genommen werden. Während in Deutschland der Pro- bergs, eine wirksame Waffe der Kommunisten im
zess vor dem Reichsgericht vorbereitet wird, organisiert Kampf gegen den Nationalsozialismus, wächst jeden-
Münzenberg zugleich einen Gegenprozess, in dem die falls. Doch das, was im «Braunbuch» steht, entspricht
Nazis schuldig gesprochen werden sollen. Und dieser keineswegs immer der Wahrheit, denn die Brand-
Prozess wird zu einem vollen Erfolg. stiftung durch die Nazis lässt sich ebensowenig be-
Auch Arthur Koestler ist dabei einer von Münzenbergs weisen wie die Brandstiftung durch die Kommunisten.
Mitarbeitern in Paris. Er schreibt später über das als Koestler gibt das später zu: «Wie aber konnten wir
Tarnorganisation ins Leben gerufene «Hilfskomitee für den naiven Westen von der Wahrheit einer so phan-
die Opfer des deutschen Faschismus» und den welt- tastischen Geschichte überzeugen? Wr hatten keine
weiten . . . Kreuzzug, der eine einmalige Leistung in unmittelbaren Beweise, keinen Zugang zu den Zeugen
der Geschichte des psychologischen Widerstandes dar- und nur unterirdische Verbindungen mit Deutschland.
stellt: Kurz, wir hatten nicht die leiseste Vorstellung von
«Dieses Hilfskomitee . . . mit seinem glänzenden Aus- den konkreten Umständen. Wir mussten uns aufs Raten
hängeschild internationaler Berühmtheiten wurde der verlassen, aufs Bluffen ...»
Hebel des ganzen Kreuzzuges. Mit grosser Vorsicht Das «Braunbuch» erscheint bereits vor Beginn des
vermied man, dass Kommunisten – mit Ausnahme Leipziger Prozesses, schon die erste Auflage erscheint
einiger Träger international bekannter Namen, wie in zehn Sprachen und in mehreren hunderttausend
Henri Barbusse und G. B. S. Haldane – öffentlich mit Exemplaren. Moskau bezahlt, und es bezahlen all die,
dem Komitee in Verbindung kamen. Das Pariser Sekre- die dem «Hilfskomitee» Spenden für die Opfer Hitlers
tariat, welches das Komitee leitete, war jedoch eine zukommen lassen; alles wird für das «Braunbuch» ver-
ausschliesslich kommunistische Fraktion, mit Münzen- wendet.
berg an der Spitze und kontrolliert von der Komintern Das Vorwort hat ein bekannter und ehrenwerter Mann
... doch kein Aussenseiter wusste davon.» geschrieben, natürlich kein Kommunist, wie ja das
Und tatsächlich strömen die Helfer von allen Seiten ganze «Braunbuch» «nichts mit den Kommunisten zu
herbei: Verfolgte, Emigranten, die nur einen Wunsch tun» hat: Lord Marley, Mitglied des britischen Ober-
haben – wenigstens von hier aus der Ferne etwas hauses. Tatsächlich ist wie das «Braunbuch» selbst auch
gegen die Macht Hitlers zu tun; es kommen Leute, die das Vorwort in Münzenbergs «Hilfskomitee» verfasst
ehrlichen Herzens vom Terror in Deutschland über- worden, «mit Deduktion, Induktion und Pokerbluff»,
zeugt und empört sind, die helfen wollen, und es kom- wie Koestler schreibt.

50
Das Braunbuch

Münzenberg und sein Mitarbeiter Otto Katz haben Edmund Heines durch den unterirdischen Gang im
das Vorwort geschrieben, der sehr ehrenwerte Lord Reichstagsgebäude; und Schillers «Räuber» werden
Marley hat für angemessenes Honorar lediglich seinen schon nach wenigen Seiten von SA-Leuten gespielt.
Namen hergegeben. Der Einsatz von Lord Marley Ein weiterer propagandistischer Erfolg gegen das Hit-
erreicht genau das, was Willy Münzenberg sich vor- ler-Regime wird der Reichstagsbrandprozess, der trotz
gestellt hat: Keiner kommt auf den Gedanken, dass des Bemühens, ihn zu verhindern, 1933 in Leipzig be-
nicht alle der Geschichten im Braunbuch der Wahrheit ginnt.
entsprechen, sondern manche nur Zweckpropaganda Die Verhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig
sind, um die Demokraten im Westen zwar gegen wird zur gewaltigen Blamage für die Nationalsozia-
Hitler, zugleich aber auch für Moskau einzuspannen. listen. Der einzige der NSDAP-Führer, der selbst für
Dieses «Braunbuch über den Reichstagsbrand» – so den Prozess gewesen ist und doch bald merkt, dass die
sein voller Titel – mobilisiert nicht nur die öffentliche Geschichte schiefgehen muss, ist Goebbels. Aber da ist
Meinung in der ganzen Welt gegen die Hitler-Regie- es bereits zu spät.
rung, sondern es gelangt auch auf vielen Wegen nach Ausser dem unhaltbaren, willkürlich konstruierten Gut-
Deutschland selbst. In Deutschland tätige Auslands- achten des Brandsachverständigen Dr. Schatz, das sich
journalisten bringen es ins Land, tausende Exemplare ständig widerspricht und Münzenberg und seiner Pro-
reisen im Diplomatengepäck, Kaufleute bringen Ein- paganda daher die besten Argumente liefert, ist es
zelexemplare von Auslandsreisen mit nach Hause. insbesondere das plumpe Verhalten Görings, das zu
Aber das «Braunbuch» und andere Schriften werden dieser Blamage beiträgt und der ganzen Welt vor
auch unter Lebensgefahr von Illegalen nach Deutsch- Augen führt, was für ein willkürliches Verhältnis er
land gebracht. Auch Dimitroff erhält eine Dünndruck- und die neuen Machthaber in Deutschland zu Recht und
ausgabe in die Zelle geschmuggelt – und ebenfalls der Gesetz zu entwickeln vermögen, wenn es ihnen politisch
inhaftierte Ernst Thälmann, Vorsitzender der KPD. opportun erscheint.
Die kleineren Schriften stecken zum Beispiel in Samen- Göring tritt als Zeuge vor dem Reichsgericht auf, und
tüten. Auch ein misstrauischer Polizeibeamter kann Dimitroff lässt es sich nicht nehmen, ihn vor den stets
darin nur Blumensamen feststellen und die Tute mit anwesenden Vertretern der internationalen Presse zu
höflichem Bedauern zurückgeben. Auch die Gebrauchs- blamieren.
anweisung ist in Ordnung. Es steht darin, wann aus- Dimitroff hat während der Verhandlung die Sympathie
gesät werden muss, wie die Pflanzen behandelt werden aller objektiven Zuhörer und der gesamten nicht natio-
sollen. Dann aber kommt plötzlich die Anweisung, nalsozialistischen Presse. Selbst Antikommunisten müs-
auch im politischen Leben Deutschlands neuen Samen sen ihm zugestehen, dass er als Angeklagter eine Gefahr
auszusäen und das nazistische Unkraut zu vernichten. für den Nationalsozialismus darstellt.
Päckchen mit Haarwaschpulver, angenehm duftend, Am 4. November 1933 steht Dimitroff Göring gegen-
enthalten die Bemerkung, dass Deutschland nach Blut über. Göring ist als Zeuge vorgeladen, und er hat sich
rieche und dem Vaterland selbst eine gründliche Reini- vorgenommen, seinen Auftritt zu benutzen, um den
gung not tue. Kommunismus anzuklagen. Doch es kommt um-
Münzenberg hat viel Geld – aus Moskau und von gekehrt. Dimitroff ist keineswegs unglücklich, dass er
vielen einfachen Menschen, die durch Spenden dazu durch Zufall in diesen Prozess geraten ist, und er hat
beitragen wollen, die Not der vor Hitler Geflüchteten sich entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen.
zu lindern. Dimitroff stellt Göring sofort zur Rede: Ob seine
So kann Münzenberg es sich leisten, Filmmaterial der wiederholten Erklärungen als Reichstagspräsident und
Firma Kodak in den echten roten Packungen dieser preussischer Ministerpräsident, die Kommunistische
weltbekannten Firma zu kaufen und statt der An- Partei sei die Schuldige an der Brandstiftung, nicht die
leitung zum Entwickeln eine Flugschrift beizulegen. polizeiliche und juristische Untersuchung von Vorn-
Kein ordentlicher Beamter wird es wagen, die Packun- herein beeinflusst habe?
gen mit dem lichtempfindlichen Material zu öffnen, Göring weist das zunächst zurück. Die Kriminalpolizei
das dann verdorben ist. Und der Empfänger ist in sei gesetzlich verpflichtet, allen Spuren nachzugehen.
seiner Dunkelkammer allein, wenn er plötzlich die Er sei aber kein Kriminalbeamter und habe daher das
Flugschrift in den Händen hält. Recht und die Pflicht, zu diesem politischen Verbrechen
Das Braunbuch selbst wird zumeist von Goethe und entsprechend Stellung zu nehmen.
Schiller wirkungsvoll getarnt. In der Reclam-Ausgabe Reichsgerichtspräsident Bünger gibt Dimitroff dann
des «Faust» etwa endet schon der Osterspaziergang das Stichwort, als er ihn empört fragt, ob Dimitroff
mit dem Spaziergang des SA-Obergruppenführers wohl meine, das Gericht sei mit vorgefasster Meinung

51
Widerstand in Deutschland 1933-1934

an den Prozess gegangen? Das stimmt zwar, aber der Einige Zuhörer rufen «Bravo!»,aber Präsident Bünger
kluge Dimitroff hat sich gehütet, etwas Derartiges zu rügt weder die Zwischenrufer noch den Zeugen Göring,
behaupten, und so sagt er jetzt: der nichtverurteilte Angeklagte beleidigt. Dimitroff er-
«Nein, ich habe gesagt, Herr Präsident, dass die Unter- widert Göring:
suchung bei der Polizei und nachher auch die richter- «. . . Gegen die Kommunistische Partei in Deutschland
liche Untersuchung durch eine solche politische Ein- einen Kampf zu führen, ist Ihr Recht. Ein Recht ist
stellung beeinflusst werden könnte – und nur in dieser es der Kommunistischen Partei, in Deutschland illegal
Richtung hauptsächlich. Deshalb frage ich.» zu leben und Ihre Regierung zu bekämpfen; und wie
Göring tappt prompt in die auf gestellte Falle: «Herr wir sie bekämpfen, das ist eine Sache der Kraftverhält-
Dimitroff – aber selbst das zugegeben (!), wenn sie sich nisse, ist nicht eine Sache des Rechts.»
in dieser Richtung hat beeinflussen lassen, so hat sie nur Nun erst greift Präsident Bünger wieder ein:
in der richtigen Richtung gesucht!» «Dimitroff! Ich untersage Ihnen, hier eine kommuni-
Jetzt müsste eigentlich der Präsident dem Zeugen stische Propaganda zu betreiben!»
Göring solche das Gericht beleidigende Äusserung ver- Dimitroff unterbricht den Präsidenten und zeigt auf Gö-
bieten, aber er kommt gar nicht auf diese Idee, und so ring:
bleibt Dimitroff am Zug: «Er macht nationalsozialistische Propaganda hier!»
«Das ist Ihre Meinung, meine Meinung ist eine ganz Bünger tut, als habe er das nicht gehört:
andere!» «Ich untersage Ihnen das aufs Nachdrücklichste. Kom-
Göring triumphiert in seiner Einfalt: munistische Propaganda wird hier in diesem Saal nicht
«Aber meine ist die entscheidende!» getrieben, und das war eben ein Stück davon.»
Dimitroff nickt zustimmend:
«Ich bin Angeklagter, selbstverständlich.» Dimitroff schaltet um und kleidet seine Propaganda
Jetzt erst merkt der brave Dr. Bünger, dass da etwas wieder in die Form von Fragen. Nach der Prozessord-
schiefgeht. Aber er tut schon wieder das Falsche. Er nung darf ja der Angeklagte den Zeugen Fragen stellen:
wendet sich an Dimitroff: «Herr Präsident, im Zusammenhang mit meiner letz-
«Sie haben lediglich Fragen zu stellen!» ten Frage steht jedenfalls zur Klärung die Frage: Par-
«Gut», sagt Dimitroff, «ich gehe weiter, Herr Präsi- tei und Weltanschauung. Herr Ministerpräsident Göring
dent. Ist Herrn Ministerpräsident Göring bekannt, dass hat erklärt, dass eine ausländische Macht wie die So-
die Partei mit dieser verbrecherischen Weltanschauung, wjetunion . . . alles machen kann, was sie will, aber in
wie er sagt, den sechsten Teil der Erde regiert? Das ist Deutschland geht es gegen die Kommunistische Partei.
die Sowjetunion.» Diese Weltanschauung aber, diese Weltanschauung
«Leider!» sagt Göring dazwischen; Dimitroff unbeirrt: regiert die Sowjetunion, das grösste und beste Land in
«Diese Sowjetunion ist in diplomatischen, politischen der Welt. Ist das bekannt?»
und wirtschaftlichen Beziehungen mit Deutschland. Jetzt verliert Göring die Beherrschung, beginnt zu
Durch ihre wirtschaftlichen Bestellungen haben Hun- schimpfen und verspielt damit vor der internationalen
derttausende deutscher Arbeiter Arbeit bekommen und Presse alles Prestige:
haben auch jetzt noch Arbeit. Ist das bekannt?» «Hören Sie mal, Sie, jetzt will ich Ihnen mal sagen, was
Göring bleibt nichts anderes übrig, als das zuzugeben im deutschen Volk bekannt ist! Bekannt ist, dass Sie
und damit Dimitroffs Propaganda noch zu unterstützen, sich hier unverschämt benehmen und hierhergelaufen
die er selbst herausgefordert hat: kommen, den Reichstag anstecken und dann hier mit
«Es ist mir bekannt!» Nun ruft Dimitroff dazwischen: dem deutschen Volk noch solche Frechheiten sich
«Gut!», bevor Göring fortfahren kann: «Es ist mir erlauben! Ich bin nicht hergekommen, um mich von
zunächst bekannt, und mir wäre noch lieber, wenn es Ihnen anklagen zu lassen!»
mir bekannt wäre, dass die sogenannten Russenwechsel Dimitroff lächelt impertinent:
auch eingelöst worden wären. Das hätte dazu bei- «Nein, Sie sind Zeuge!»
getragen, dass man dann wirklich von diesen Bestel- Göring lässt sich in seiner wütenden Fahrt nicht abstop-
lungen die Arbeiter beschäftigen konnte. Im Übrigen pen:
aber eines: Hier handelt es sich um eine ausländische «Sie sind in meinen Augen ein Gauner, der längst an
Macht. Was Russland macht, ist mir gleichgültig. Ich den Galgen gehört!»
habe nur mit der Kommunistischen Partei in Deutsch- Dimitroffs Lächeln verstärkt sich, wird zum siegesge-
land zu tun und mit den ausländischen kommunisti- wissen Grinsen:
schen Gaunern, die hierherkommen, um den Reichs- «Sehr gut! Ich bin sehr zufrieden!»
tag anzustecken!» Jetzt greift Präsident Bünger wieder ein. Verhängt er

52
Haben Sie Angst, Herr Ministerpräsident?

eine Ordnungsstrafe über den Zeugen, der schlankweg zu finden. Es zeigt Dimitroff, weit vorgebeugt über
behauptet, Dimitroff, der längst ein gerichtsnotorisches den Tisch mit dem Mikrophon, auf Göring zeigend:
Alibi hat, habe den Reichstag angezündet? Weist er «Haben Sie Angst vor meinen Fragen, Herr Minister-
den Zeugen wenigstens zurecht, der den Angeklagten präsident?» Nun dreht Göring vor Wut ganz durch:
«Gauner» nennt und fordert, ihn aufzuhängen? «S i e werden Angst haben, wenn ich Sie erwische, wenn
Natürlich nicht. Er rügt den Angeklagten und liefert Sie hier aus dem Gericht ’raus sind, Sie Gauner, Sie!»
Willy Münzenberg in Paris wieder unbezahlbar kost- Bünger tut nun noch das Letzte, um sich und das
bares Propagandamaterial: Reichsgericht vor den Augen der Öffentlichkeit lächer-
«Dimitroff! Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Sie keine lich zu machen. Zwar hat der Zeuge Göring soeben
kommunistische Propaganda ...» unverhüllte Morddrohungen gegen einen unter dem
Dimitroff versucht, etwas zu sagen, aber seine Worte Schutz des Gerichts stehenden Angeklagten ausgestO'
gehen im allgemeinen Volksgemurmel unter und sind ssen, aber er rügt das nicht einmal. Er kommt in seiner
deshalb auch nicht im Protokoll festgehalten. Verzweiflung auf eine ganz andere Idee und ruft voller
«Wenn Sie jetzt noch ein Wort sprechen», setzt Präsi- Erregung: «Dimitroff wird auf weitere drei Tage ausge-
dent Bünger seine unterbrochene Rede fort, «wenn Sie schlossen! Sofort hinaus mit ihm!»
jetzt noch ein Wort sprechen, werden Sie wieder hin- Eine Anzahl Polizisten folgt diesem Befehl, packt den
ausgetan . . .» Seine weiteren Worte gehen den Ge- sich sträubenden Dimitroff und schleppt ihn mit Gewalt
richtsstenografen wieder durch die allgemeine Unruhe aus dem Saal.
im Saal verloren. Göring meint einfältig, Sieger geblieben zu sein, und
Das Protokoll verzeichnet als nächstes: blickt sich triumphierend im Saal um, mit energisch
«. . . dass Sie keine kommunistische Propaganda zu in die Hüfte gestemmten Fäusten, als wolle er sagen:
treiben haben. Das haben Sie jetzt zum zweiten Mal Dem habe ich’s aber gegeben, was?
getan und können sich dann nicht wundern, wenn der Doch Dimitroff ist ohne Zweifel Sieger geblieben, auch
Herr Zeuge derartig aufbraust, wie jetzt eben. Ich wenn er jetzt auf Anweisung des Präsidenten Bünger
untersage Ihnen das jetzt aufs Strengste! Wenn Sie drei Tage nicht an der Verhandlung teilnehmen darf.
überhaupt Fragen zu stellen haben, dann rein sachliche Die internationale Presse feiert Dimitroffs moralischen
Fragen! Nichts weiter!» Sieg über Göring und über das Reichsgericht.
Dimitroff schmunzelt noch immer: Noch ahnt keiner der Betroffenen, dass nur dreizehn
«Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dieser Erklärung Jahre später Dimitroff auch ganz real der Sieger sein
des Herrn Göring.» wird: Dann ist Georgi Dimitroff umjubelter Minister-
Bünger lässt sich prompt provozieren: präsident seines Vaterlandes Bulgarien, Göring aber
«Ob Sie zufrieden sind oder nicht, das ist mir vollkom- wartet in einer Zelle des Nürnberger Justizpalastes auf
men gleichgültig!» seinen Henker.
Dimitroff nicht noch einmal bestätigend: Am 23. Dezember 1933 verkündet das Gericht in
«Sehr zufrieden. Ich stelle nun Fragen ...» Leipzig das mit Spannung erwartete Urteil. Es spricht
Endlich begreift Bünger, was er eben mit der ausdrück- Dimitroff, Taneff und Popoff wegen erwiesener Un-
lichen Erlaubnis angerichtet hat, Dimitroff dürfe sachli- schuld, den KPD-Fraktionschef Torgier wegen Man-
che Fragen stellen, und fällt prompt ins andere Extrem: gels an Beweisen frei – hier wirkt noch Dr. Schatz’
«Gutachten» nach. Van der Lubbe wird, wie von ihm
«Ich entziehe Ihnen jetzt das Wort nach diesen letzten und aller Welt erwartet, zum Tode verurteilt und am
Äusserungen ...» 10. Januar 1934 zur Hinrichtung geführt.
Dimitroff fährt dazwischen: Ernst Torgier wird trotz des Freispruches sofort wieder
«Ich stelle doch Fragen ...» verhaftet, von einer Institution, die sich inzwischen
Bünger wird immer erregter: stillschweigend einen beträchtlichen Teil der Staats-
«Ich entziehe Ihnen das Wort! Setzen Sie sich hin!» macht angeeignet hat – von der Gestapo. Man bringt
Dimitroff lässt sich nicht irritieren: ihn in ein KZ. Erst Ende 1936 wird er entlassen.
«Ich habe sachliche Fragen zu stellen!» Die Bulgaren werden in die Sowjetunion abgeschoben.
Bünger schreit nun schon: Während man von Popoff und Taneff seit Stalins
«Ich entziehe Ihnen das Wort nach dieser Fragestel- grossen Säuberungen nichts mehr gehört hat, stirbt
lung!» Dimitroff unter heute noch nicht ganz geklärten Um-
Ein Fotograf blitzt die jetzt folgende Szene. Das Bild ständen 1949 bei einem Staatsbesuch in Moskau.
wird weltberühmt und ist noch heute als Glanzpunkt Während der Reichstagsbrand machtmässig allein den
in allen Publikationen über den Reichstagsbrandprozess Nationalsozialisten zugute kommt, da er der äussere

53
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Schutzhaft als bedeutsamstes Mittel der Gegnerbekämpfung

Die weitere Systematisierung der Häfllingsbehandlung und gegen die Häftlinge einzustellen, sie auf die Häftlinge scharf
-bestrafung sowie die Regelung der Kompetenzverteilung zu machen ...»
und detaillierte Dienstvorschriften auch für die Wachtruppe Das Bestreben, der Häftlingsbehandlung und -bewachung
bildeten sich vor allem unter Leitung des Ende Juni 1933 die Form eines strengen Exekutionsvollzuges zu geben,
eingesetzten neuen Dachauer Kommandanten, SS-Ober- kennzeichnete auch die zusammen mit der Strafordnung am 1.
führer Theodor Eicke, heraus. Unter Eicke wurde Dachau Oktober 1933 von Eicke in Dachau eingeführte Dienst-
zum Modell für die anderen Lager, und nachdem Eicke vorschrift für die Begleitposten und Gefangenenbewachung.
Mitte 1934 zum Inspektor der KL ernannt worden war, Sie regelte bis ins Einzelne das Verfahren des Häftlings-
übte er auch nächst Himmler den stärksten persönlichen appells, des militärisch geordneten Abmarsches der Häfl-
Einfluss auf die künftige Organisation und den «Geist» der lingskolonnen zur Arbeit, die Pflichten der Torwache und
SS-Wachtruppe aus . .. Begleitposten, der Kontrolle, sogar den Wortlaut einzelner
Wie die früheren «Sonderbestimmungen» sah auch die Diszi- Kommandos, den Abstand, den die Posten von den Häft-
plinär- und Strafordnung Eickes die Todesstrafe für be- lingen zu halten hatten, die Form der Ehrenbezeigung, die
stimmte Vergehen vor. Die Paragraphen 11 und 12 die Häftlinge leisten mussten, das Laden und Entsichern
bestimmten: derjenige Häftling, der «zum Zwecke der Auf- des Gewehrs usw. Ausdrücklich hiess es in der Dienstvor-
wiegelung» politisiert oder sich mit anderen zusammen- schrift:
findet, gegnerische «Greuelpropaganda» weitergibt o. ä., «Den Begleitposten obliegt lediglich die Bewachung der
«wird kraft revolutionären Rechts als Aufwiegler gehängt»; Gefangenen. Sie richten ihr Augenmerk auf das Verhalten
wer «einen Posten tätlich angreifl», «den Gehorsam ... ver- derselben bei der Arbeit. Träge Gefangene sind zur Arbeit
weigert» oder Meuterei in irgendeiner Form betreibt, «wird anzuhalten. Streng untersagt ist jedoch jede Misshandlung
als Meuterer auf der Stelle erschossen oder nachträglich und Schikane.
gehängt». Desgleichen wurde vorsätzliche Sabotage mit der Ist ein Gefangener bei der Arbeit sichtlich nachlässig und
Todesstrafe bedroht (§ 13). faul, oder gibt er freche Antworten, dann stellt der Posten
Als mildere Strafen waren ausserdem vorgesehen besonders den Namen fest. Nach Dienstschluss erstattet er Meldung.
«harte körperliche oder besonders schmutzige Arbeit... Selbsthilfe bedeutet Mangel an Disziplin. Wenn die Ge-
unter besonderer Aufsicht», ferner als Nebenstrafen: fangenen Achtung vor dem SS-Posten haben sollen, darf es
«Strafexerzieren, Prügelstrafe, Postsperre, Kostentzug, hartes dem SS-Mann als Posten nicht gestattet sein, in träger Hal-
Lager, Pfahlbinden, Verweis und Verwarnungen». tung herumzustehen, sich anzulehnen, das Gewehr auf den
Die Straf- und Disziplinarordnung schrieb ferner vor: Rücken zu schieben oder die Hand auf die Mündung zu legen.
«Sämtliche Strafen werden aktlich vermerkt. Arrest und Lächerlich und unsoldatisch benimmt sich ein Posten, der
Strafarbeit verlängern die Schutzhaft um mindestens 8 Wo- dem fallenden Regen ausweicht... Der SS-Mann hat Stolz
chen; eine verhängte Nebenstrafe verlängert die Schutzhaft und Würde zu zeigen ... Die Anrede ,Du' kommt einer
um mindestens 4 Wochen. In Einzelhaft verwahrte Häft- Verbrüderung gleich. Erniedrigend ist es für einen Toten-
linge kommen in absehbarer Zeit nicht zur Entlassung.» kopfträger, der sich von Bolschewiken und Bonzen zum
Der Grundsatz, dass die Häftlinge mit äusserster, aber un- Botengänger machen lässt... Dem SS-Begleitposten ist es
persönlicher und disziplinierter Härte zu behandeln seien verboten, ausserdienstliche Gespräche mit den Gefangenen
und es ihnen gegenüber keine Toleranz gebe, war ausdrück- zu führen ...»
lich der Strafordnung vorangestellt und wurde von Eicke Besonders rigoros waren die Vorschriften zum sofortigen
auch bei der Schulung und Instruktion der SS-Wachtruppe Gebrauch der Schusswaffe im Falle eines Anzeichens von
stereotyp wiederholt. In Erinnerung an die Schulung im Flucht oder Gefangenenmeuterei:
Lager Dachau, in das er 1934 kommandiert wurde, gab der «Wer einen Gefangenen entweichen lässt, wird festgenom-
spätere Auschwitzer Kommandant Rudolf Höss wieder, wo- men und wegen fahrlässiger Gefangenenbefreiung der
rauf Eickes Predigten hinausliefen: bayer. politischen Polizei übergeben. Versucht ein Gefange-
«Jede Spur von Mitleid zeige den ,Staats feinden' eine ner zu entfliehen, dann ist ohne Anruf auf ihn zu schiessen.
Blösse, die sie sich sofort zu Nutze machen würden. Jegli- Der Posten, der in Ausübung seiner Pflicht einen Gefan-
ches Mitleid mit ,Staatsfeinden' sei eines SS-Mannes un- genen erschossen hat, geht straffrei aus.
würdig. Weichlinge hätten in seinen Reihen keinen Platz Wird ein Posten von einem Gefangenen tätlich angegriffen,
und würden gut tun, sich so schnell wie möglich in ein Klo- dann ist der Angriff nicht mit körperlicher Gewalt, sondern
ster zu verziehen. Er [Eicke] könne nur harte entschlossene unter Anwendung der Schusswaffe zu brechen. Ein Posten,
Männer gebrauchen, die jedem Befehl rücksichtslos gehorch- der diese Vorschrift nicht beachtet, hat seine fristlose Ent-
ten. Nicht umsonst trügen sie den Totenkopf und die stets lassung zu gewärtigen ...
geladene scharfe Waffe. Sie stünden als einzige Soldaten Meutert oder revoltiert eine Gefangenenabteilung, dann
auch in Friedenszeiten Tag und Nacht am Feind, am Feind wird sie von allen aufsichtsführenden Posten beschossen.
hinter dem Draht... Schreckschüsse sind grundsätzlich untersagt.»
Eickes Absicht war, seine SS-Männer durch seine dauernden Diese Postenvorschriften wurden nachweislich auch in den
Belehrungen und entsprechenden Befehle ... von Grund auf anderen Konzentrationslagern eingeführt, die Eicke als

54
Van der Lübbes umstrittene Rolle

Vorwand ist, die Rechtsstaatlichkeit der Weimarer Re- Tode lange nach dem Krieg die Meinung vertrat, es
publik in die Willkürherrschaft Hitlers umzuwandeln, seien die Kommunisten gewesen, die den Reichstag
und es nun möglich ist, jeden politischen Gegner und angesteckt hätten. Doch für eine Täterschaft der Kom-
Widerstand mit der unkontrollierten Staatsgewalt zu munisten gibt es allenfalls auf Wunschdenken beru-
brechen und zu vernichten, ist die propagandistische hende Vermutungen und Verdächtigungen, jedoch kei-
Wirkung für die Nationalsozialisten negativ. Dank nerlei schlüssige Indizien, geschweige denn Beweise.
des geschickten Aufklärungsfeldzuges von Willy Mün-
zenberg und seinen Helfern ist die Weltöffentlichkeit Anders steht es dagegen um die heute noch vorherr-
gegen das Dritte Reich mobil gemacht worden, und schende Meinung, die Nazis selbst seien die Brand-
auch manch späterer Widerstand hat seinen Ursprung stifter gewesen. Das Hauptargument der Anhänger
darin, dass man seit dem «Braunbuch» und dem dieser Version ist nach wie vor die von niemandem
Leipziger Prozess eben «weiss», dass die Nazis eine zu bestreitende Tatsache, dass die Nazis im Februar
Bande von Brandstiftern sind. und März 1933, also unmittelbar nach dem Regie-
Schlüssig und endgültig ist die Frage nach den Brand- rungsantritt Hitlers, als der eigentliche Machtkampf
stiftern vom 27. Februar 1933 jedoch bis heute nicht eben erst begann, die ausschliesslichen Nutzniesser des
geklärt. Noch immer werden im Streit der Historiker Brandes waren. Die lodernden Flammen, die aus dem
drei Versionen angeboten: van der Lubbe als Allein- Plenarsaal weithin sichtbar zum Berliner Himmel
täter; die Nazis als Brandstifter, wobei der dafür ge- emporschlugen, waren Vorwand für die «Verordnung
dungene van der Lubbe als «Beweis» kommunistischer des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und
Schuld im brennenden Parlamentsgebäude zurückge- Staat» vom 28. Februar 1933, die alle grundlegenden
lassen wird; die Kommunisten als Brandstifter, wobei bürgerlichen Freiheiten aufhob. Und das «Ermächti-
van der Lubbe als Unglücksrabe erscheint, der nicht gungsgesetz» ist ebenfalls noch auf den Reichstags-
mehr rechtzeitig flüchten konnte. brand zurückzuführen. Die durch den Reichstagsbrand
Die letzte Version wird nur noch von ganz Unbelehr- neu aufflackernde Angst vor einer kommunistischen
baren vertreten. Zu ihnen gehörte auch der damalige Revolution hat zum Entschluss der Reichstagsfraktion
Untersuchungsrichter Vogt, der noch bis zu seinem entscheidend beigetragen.
«Cui bono?» fragt jeder Kriminalist, fragt jeder

Inspekteur der KL ab 1934 übernahm. Als im März/April


1935 im KL Columbia-Haus in Berlin zwei Häftlinge an- Runderlass über Anwendung der Schutzhaft,
geblich wegen Widerstandes erschossen wurden, rechtfertig- 1938
ten sich die Tater gegenüber dem ermittelnden Staatsanwalt Schutzhaft (Bestimmungen)
ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Dienstvorschrift, Durch Runderlass vom 25. Januar 1938 hat der Reichs-
deren Befolgung «bis in die neueste Zeit» ihnen «von den minister des Innern neue Bestimmungen über die Anwen-
Vorgesetzten zur Pflicht gemacht» worden sei. dung der Schutzhaft erlassen. Nachstehend gebe ich den
Gleichzeitig führte der Kommandant des Lagers (Dr. Rei- Wortlaut dieses Erlasses zur vertraulichen Kenntnisnahme
ner) in einem Bericht vom 8. Mai 1935 an Himmler aus, bekannt:
dass er bei der Behandlung der Gefangenen «die vom In-
spekteur gegebenen Befehle klar weitergegeben» und jedes Der Reichsminister des Innern
Berühren eines Gefangenen, Beschimpfungen, Sprechen über Berlin, den 25. 1. 1938
ausserdienstliche Angelegenheiten mit den Häftlingen ver- Die nachfolgenden Bestimmungen über die Schutzhaft tre-
boten habe. «Meldungen über renitentes Benehmen von ten am 1. Februar 1938 in Kraft.
Häftlingen oder Gehorsamsverweigerungen habe er weiter- §1
gegeben und Prügelstrafe beantragt, im Falle der Geneh- Die Schutzhaft kann als Zwangsmassnahme der Geheimen
migung durch den Inspekteur sei die Strafe an dem Be- Staatspolizei zur Abwehr aller volks- und staatsfeindlichen
schuldigten vor versammelten Häftlingen vollzogen wor- Bestrebungen gegen Personen angeordnet werden, die durch
den. Dabei sei er immer persönlich zugegen gewesen.» ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes
In dergleichen Fällen, in denen aus den Konzentrations- und Staates gefährden.
lagern Erschiessungen auf der Flucht oder bei Widerstand Die Schutzhaft darf nicht zu Strafzwecken oder als Ersatz
gemeldet wurden und glaubhaft gemacht werden konnten, für Strafhaft angeordnet werden. Strafbare Handlungen
haben die zuständigen Staatsanwaltschaften in der Regel sind durch die Gerichte abzuurteilen.
schon damals die Ermittlungen eingestellt und keine An-
klage erhoben, obwohl es sich rechtlich um klaren Mord §2
beziehungsweise Totschlag handelte . .. 1. Zur Anordnung der Schutzhaft ist ausschliesslich das Ge-
heime Staatspolizeiamt zuständig.
2. Anträge auf Anordnung der Schutzhaft sind durch die
(Martin Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationsla-
ger, in: Anatomie des SS-Staates.) Staatspolizeileit- bzw. Staatspolizeistellen an das Geheime
Staatspolizeiamt zu richten.

55
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Richter, wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens Himmler empfängt den geschassten Offizier an jenem
geht. «Wem nützt es?» Wem der Reichstagsbrand Sommertag auf seinem Hühnerhof in Waldtrudering
nützte, das steht fest: Einzig und allein den Nazis. bei München. Ein Missverständnis gebiert die Verbin-
Gemessen an dieser Überlegung verblassen sogar die dung zweier Männer, die eben durch ihre Verbindung
anderen Indizien, die noch immer für die Schuld der zum Schrecken Europas, ja der Welt werden sollen.
Nazis sprechen. Da ist etwa die Bemerkung, die Gö- Himmler hat gehört, der Besucher sei Nachrichten-
ring später während des Krieges im Kreis von Gene- offizier bei der Marine gewesen, das ist der Grund, wes-
rälen macht: «Der einzige, der den Reichstag wirk- halb er sich für ihn interessiert.
lich kennt, bin ich – ich habe ihn ja schliesslich ange- Die Mitteilung ist richtig, aber Himmler hat bei dem
zündet!» Dass die Nazis den Reichstag stets verächt- Wort «Nachrichtenoffizier» an die Abwehr, den mili-
lich «Quasselbude» nannten, ist ebenso bekannt. Noch tärischen Geheimdienst gedacht. Tatsächlich war der
verdächtiger ist, dass schon in der gleichen Nacht nach grossgewachsene, blonde, blauäugige Offizier, der in
bereits vorhandenen Listen Massenverhaftungen idealer Weise Himmlers verschrobenen Vorstellungen
durchgeführt werden; dass schon am anderen Morgen von «germanischer Rasse» entspricht, Signal- und
das von Hindenburg unterzeichnete Gesetz fix und fertig Kodeoffizier.
vorliegt. Aber bevor Himmler das erfährt, erteilt er ihm als
Sicher ist der Reichstagsbrand letztlich auch für die Bedingung für die Aufnahme in die «Schutz-Staffel»
Kommunisten ein Erfolg, aber nicht weil sie das Hitlers den Auftrag, ihm ein Expos6 darüber aus-
Parlament angezündet hätten, sondern weil sie die zuarbeiten, wie er sich den Aufbau eines geheimen
darum entbrennende Propagandaschlacht gewinnen. Nachrichtendienstes der Partei vorstellen würde. Er
Zunächst aber schlägt das Pendel der Geschichte wieder schildert dem Besucher die Aufgaben, die der Partei-
zur Seite der Nationalsozialisten aus. Denn wenn auch geheimdienst seiner Meinung nach zu erfüllen habe
das Ausland gegen Hitler propagandistisch mobilisiert und lässt ihn dann allein.
worden ist, so gibt es doch nach wie vor im Inneren Schon eine halbe Stunde später liefert der mit einer
keinen wirksamen Widerstand, da alle widerstands- kalten Intelligenz ausgestattete Ex-Oberleutnant die
fähigen Kräfte sich entweder von vornherein mit dem Prüfungsarbeit ab, und Himmler erkennt, dass er des-
Nationalsozialismus arrangieren oder von selbst auf sen Talent für seine machtpolitischen Zwecke einsetzen
jede politische Aktivität verzichten oder unterdrückt kann. Obwohl Himmler bald erfährt, dass er sich
werden. Das lässt Hitler Zeit, seine Machtpositionen durch das Wort «Nachrichten»-Offizier hat täuschen
immer weiter auszubauen. Und noch einem anderen lassen, beeindrucken ihn der Mann und seine «Prü-
– jenem Usher so unscheinbaren «Reichsführer SS», fungsarbeit» so, dass er ihn in seinen Stab aufnimmt
dem zwickertragenden Diplomlandwirt und Münche- und ihm die Leitung einer neuen Abteilung der SS
ner Polizeipräsidenten Heinrich Himmler. Bis vor anvertraut, des SD, des «Sicherheitsdienstes» der Partei.
kurzem ist Himmler nichts als der Chef von Hitlers Himmler ist zu dieser Zeit gerade 30 Jahre, sein neuer
Leibwächtern, der «Schutz-Staffel» gewesen, aus deren Abteilungsleiter ist dreieinhalb Jahre jünger, 27 Jahre
Benennung sich die später in aller Welt gefürchtete Ab- alt. Heydrich heisst der neue Mitarbeiter Himmlers,
kürzung SS ergibt. Reinhard Tristan Heydrich. Was Himmler, der fanati-
Das sind vor vier Jahren, 1929, als Himmler das sche Antisemit, zu dieser Zeit noch nicht weiss – Heyd-
Kommando über Hitlers Leibwache übernahm, rund rich ist teilweise jüdischer Abstammung. Als Heydrich
200 Mann gewesen, nicht mehr. Und noch zu Beginn elf Jahre später einem Attentat tschechischer Wider-
des Jahres 1931, ein halbes Jahr nach dem grossen standskämpfer zum Opfer fällt, sagt Himmler in seiner
Wahlsieg der NSDAP, der sie zur zweitstärksten Ansprache zu Ehren des Toten:
deutschen Partei gemacht hat, zählt die SS noch immer «Zu etwas anderem war er noch herrlich zu gebrauchen:
nur rund 400 Mann. Diese SS-Leute und ihr Chef zum Kampf gegen das Judentum. Er hatte in sich den
Himmler gehören als Untergliederung zur SA, und auch Juden rein intellektuell überwunden und war auf die
ihr Vorgesetzter ist der Stabschef der SA, der ehemalige andere Seite übergeschwenkt. Er war davon überzeugt,
Hauptmann Ernst Röhm. dass der jüdische Anteil an seinem Blut verdammens-
Doch da lernt der von Natur aus eher zurückhaltende wert war, er hasste dieses Blut, das ihm so übel mit-
Himmler am 4. Juni 1931 einen Marine-Oberleutnant spielte. Der Führer konnte sich im Kampf gegen die
kennen, der eben wegen einer unehrenhaften Frauen- Juden wirklich keinen besseren Mann aussuchen als
geschichte aus der Reichsmarine ausgestossen worden gerade Heydrich. Dem Juden gegenüber kannte er kein
ist. Einer der vielen adligen SS-Mitglieder hat Himm- Mitleid und keine Gnade.»
ler den Mann empfohlen. Jetzt, 1931, gehen Heydrich und Himmler daran, aus

56
Himmler wird Chef der politischen Polizei

der kleinen Schutz-Staffel ein allmächtiges Instrument Die SS wird auch in der Öffentlichkeit immer mehr als
zu formen, das ihnen einst die Herrschaft in Deutsch- die Elite der NSDAP angesehen. Hitler selbst fördert
land sichern soll. seine bisherige «Schutz-Staffel», weil er ein Gegen-
1932 gibt es bereits 30’000 SS-Männer unter Himmlers gewicht zu der immer grösser werdenden SA braucht.
Kommando, und Heydrich hat seine SD-Spitzel schon Es klingt zwar widersinnig, ist aber dennoch wahr:
überall in der Partei, der SA und den anderen Partei- Die grösste Gefahr für Hitler bildet die SA, einst
gliederungen – ebenso natürlich auch überall in der «Sport- und Turnabteilung», später ehrlicher «Sturm-
staatlichen Verwaltung oder in der Wirtschaft, wo er abteilung» genannt.
nur seine Leute hindirigieren kann. Zugleich ist Heyd- So wie Hitlers Partei sich von Bayern aus in den
rich nicht nur Leiter des SD, sondern auch zugleich – letzten Jahren über ganz Deutschland verbreitet hat,
wenn auch keineswegs offiziell – Himmlers Stabschef so tut das nun Himmler mit seiner persönlichen
für den raschen Aufbau der SS zum militärisch ge- Macht. Den Anfang macht er damit, dass er sich nach
gliederten Orden der nationalsozialistischen Elite. Hitlers Regierungsantritt zum Polizeipräsidenten von
Doch auch zu diesem Aufbau ist der neugeschaffene München, seiner Heimatstadt, machen lässt. Nach dem
«Sicherheitsdienst» die wichtigste Voraussetzung. Denn erzwungenen Rücktritt der bayerischen Regierung des
Himmler ist, obwohl «Reichsführer», durchaus nicht Dr. Held übernimmt er zugleich das Ressort «Politi-
der unumschränkte Herr über die SS. Abgesehen da- sche Polizei» im bayerischen Innenministerium, wäh-
von, dass er ja nur eine Abteilung der SA leitet und rend sein bester Mitarbeiter Heydrich, jetzt 29 Jahre
Röhm sein Vorgesetzter ist, hat er nördlich der Main- alt, zunächst das politische Referat der Abteilung VI
linie, des «Weisswurstäquators», nicht viel Einfluss. im Münchner Polizeipräsidium übernimmt – jene
Regionale SS-Führer, vor allem auch Kurt Daluege in Dienststelle, die einst den Österreicher Hitler als un-
Berlin – bisher Angestellter der Müllabfuhr –, ignorieren erwünschten Ausländer über die Grenze abschieben
ihn. wollte.
Viel kann Himmler dagegen nicht unternehmen. Ein- Von da an geht es Schritt für Schritt weiter: In einem
mal hat er bei Hitler kaum Einfluss. Hitler sieht in ihm Land nach dem anderen wird Himmler Chef der politi-
nur den Chef seiner Schutz-Staffel, der Parteigarde, schen Polizei. Das geht nicht ohne Kämpfe und Intrigen
mehr nicht. Das wird bis zum Ende so bleiben. Himm- ab. Reichsinnenminister Frick verbietet den Ländern
ler gehört nie zum engsten Kreis, wie Röhm, Goebbels die Schaffung neuer Amtsstellen, um wenigstens dort,
oder Göring. wo es nicht schon aus republikanischen Zeiten eine
Himmlers Stellung wird erst stärker, nachdem Heyd- politische Polizei gibt, Himmler den Weg zu versper-
rich durch seinen Sicherheitsdienst SD über viele ren. In einzelnen Ländern weigern sich Polizeipräsi-
führende Funktionäre der NSDAP genügend Material denten, sich Himmler zu unterstellen. Aber früher oder
gesammelt hat, um im Bedarfsfall den einen oder später schafft es Himmler überall, nicht zuletzt dank
anderen zunächst sanft unter Druck zu setzen. Das gilt Heydrichs immer mehr anwachsenden vertraulichen
auch für seine wachsende Macht innerhalb seiner SS Akten, mit deren Hilfe so mancher widerstrebende
selbst. Funktionär unter Druck gesetzt werden kann.
Den Machtzuwachs innerhalb der Parteiorganisation Im Januar 1934, eben ist Marinus van der Lubbe in
verdankt er vor allem der Tatsache, dass seine SS als Leipzig geköpft worden, hat Himmler fast alle Länder
Elite der NSDAP betrachtet wird, im Gegensatz zur als Kommandeur der jeweiligen politischen Polizei
SA, in der sich nach Meinung vieler die umstürzleri- erobert. Die letzten im Januar 1934 sind Braunschweig,
schen, bolschewistischen Elemente gefunden haben, die Oldenburg und Sachsen. Nun gilt es nur noch, die
das «Sozialistisch» im Namen der Partei ernstnehmen. allerletzte, am besten verteidigte Bastion zu nehmen,
Deshalb treten viele, die zwar für Hitler und die die zugleich die wichtigste, die entscheidende ist: Preus-
NSDAP sind, nicht aber für den Sozialismus, in die sen, das grösste Land, das nahezu das halbe Reichsgebiet
SS ein, darunter viele Adelige und Akademiker. Diese umfasst.
Leute erhöhen natürlich Himmlers Renommee und Dass Himmler in Preussen am spätesten zum Zuge
tragen zur Festigung seiner Macht bei. kommt, liegt nicht nur daran, dass dieses Land während
Nachdem Hitler Reichskanzler geworden ist, werden fast der ganzen Dauer der Weimarer Republik sozial-
noch mehr Angehörige der Prominenz Mitglieder, demokratisch regiert worden ist und dass die bayerische
«Fördernde Mitglieder» oder Führer der SS, wie der «Bewegung» des Österreichers Hitler ohnehin in Preu-
katholische Erzbischof Groeber, der heutige Bundes- ssen erst zuletzt Fuss gefasst hat, sondern vor allem
bankpräsident Blessing, der Präsident der Dresdner daran, dass Hermann Göring seine Machtposition
Bank Schmidt und viele andere. nachdrücklich verteidigt.

57
Widerstand in Deutschland 1933-
1934
Gegner des Widerstandes Dieser Nachrichtendienst baute sich auf den Grundsätzen
der rassischen Auslese und weltanschaulichen Zucht gemäss
den allgemeinen Grundsätzen der SS in Abweichung von
SS ALS SCHUTZORGANISATION allen bereichs-, augenblicks- und personenbedingten Momen-
DER PARTEI UND DES STAATES ten – in Verbindung mit einer umfassenden sachlichen Ziel-
setzung – zu einem wahren Sicherheitsdienst zunächst der
Mit der Macht im Reich wurde langsam, Zug um Zug, die SS und der Partei und damit später des Volkes und des Reiches
Schutzorganisation der Partei in konsequenter Erweiterung aus.
ihrer Aufgaben auch zur Schutzorganisation des neuen Nach der Machtübernahme wurde dies offenbar, als dann
nationalsozialistischen Staates. In dieser Eigenschaft über- der «Sicherheitsdienst des Reichsführers SS» bewies, dass er
nahm sie dann Schritt um Schritt die brauchbaren und durch den planvollen Aufbau seiner Organisation, die sich
wertvollen Bestandteile der alten Polizei. Aus 16 Länder- von persönlichen Abhängigkeiten freihielt, alle Gegner und
polizeien wurde somit eine grosse und starke Reichspolizei, Lebensgebiete, die für den neuen nationalsozialistischen
und was der alte Nationalsozialist selbst kaum je zu er- Staat von Bedeutung waren oder werden konnten, erfasst
warten geglaubt hatte: aus dem Systembüttel des Gummi- hatte.
knüppelregimes wurde in der neuen Polizei ein aktiver Aus der Entwicklung auf dem Gebiete der Parteinachrich-
Freund des Volkes, ja mehr noch: in langsamer und aus- tendienste zog alsdann auch der Stellvertreter des Führers
lesender Entwicklung ist die Polizei in nationalsozialistischer die Folgerung, indem er durch seine Anordnung vom 9. Juni
Ergänzung und nationalsozialistischer Führung durch das 1934 bestimmte, dass «neben dem Sicherheitsdienst des RFSS
Schwarze Korps selbst zu einem Teil der stolzen Formatio- kein Nachrichten- oder Abwehrdienst der Partei mehr be-
nen der Bewegung geworden. stehen darf». Von dem Erlass dieser Anordnung an ist der
Der Reichsführer SS wurde Chef der deutschen Polizei und Sicherheitsdienst des RFSS der einzige politische Nach-
verband diese Aufgabe ebenso elastisch wie wirkungsvoll richtendienst der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-
mit seiner Formation zu einer die Bekämpfung politischer partei.
wie krimineller Feinde der Nation umfassenden Abwehr- Da der Sicherheitsdienst RFSS durch die laufende Beobach-
front, in der Staat und Partei, Beamter und politischer tung der offenen und geheimen Feinde der nationalsoziali-
Soldat, in vollkommener und deshalb erst positiver Weise stischen Weltanschauung die Erkenntnisse der Situationen
Hand in Hand arbeiten. und Zusammenhänge lieferte, wurde er immer mehr zum
(Aus: Meier-Benneckenstein «Das 3. Reich im Aufbau», 1939) Organ des Staats- und Volksschutzes, das in engster Zu-
sammenarbeit mit der Geheimen Staatspolizei steht.
Die Spitze der Organisation des SD – RFSS ist das Sicher-
SD DER SS ALS GEHEIMDIENST heitshauptamt, das neben den beiden Hauptämtern der
Reichsführung SS steht. Der Chef des Sicherheitshauptamtes
DER NSDAP
ist der mit dem damaligen Aufbau des IC- bzw. PI-Dienstes
Während der Kampfzeit hatte im Laufe der Zeit der Auf- betraute jetzige SS-Gruppenführer R. Heydrich, der zugleich
gabenbereich der Schutzstaffel, der ursprünglich den persön- Chef der Sicherheitspolizei ist.
lichen Schutz des Führers und führender Persönlichkeiten Die regionale Gliederung des Sicherheitsdienstes RFSS in
der nationalsozialistischen Bewegung umfasste, eine Erwei- ihrer Unterteilung in Ober- und Unterabschnitte schliesst sich
terung dadurch erfahren, dass sich mehr und mehr die Not- eng an die der Allgemeinen SS an.
wendigkeit der Aufdeckung und Kenntnis gegnerischer Strö- Die steten Beobachtungen der Wandlung der Arbeitsweise
mungen als unbedingtes Erfordernis zu ihrer wirksamen Be- des Gegners und seiner Taktik in dem Wechsel der Erschei-
kämpfung herausstellte. nungsform, seiner Ideologien und seiner Arbeitsmethode
Über das stete Wachsen der Partei hinaus hatte sich die führen zwingend dazu, dass die Arbeit des Sicherheitsdienstes
ursprünglich verhältnismässig einfache Aufgabe des Schutzes RFSS nicht nur für die Stunde berechnet sein kann, sondern
von Personen zu dem Problem der Sicherheit der Partei und stets grosslinig und weitsichtig ist.
ihrer vielfältigen Funktionen weiterentwickelt. Zu diesem
Zweck entstanden in der Partei und ihren sämtlichen Glie- (Aus: Meier-Benneckenstein «Das 3. Reich im Aufbau», 1939)
derungen Nachrichtendienste mit der Aufgabe, der Bedeu-
tung der gegnerischen Angriffs- und Zerstörungsabsichten
durch Erkundung und Beurteilung der drohenden Gefahren GESTAPO
entgegenzusteuern. Es gab jedoch keine einheitliche Planung,
und eine zentrale Zusammenfassung der Nachrichtendienste Das preussische Gesetz über die Geheime Staatspolizei vom
wurde kaum versucht. 10. Februar 1936 definierte sodann (in f 7) ausdrücklich:
Auch die SS hatte sich zu dieser Zeit einen Nachrichtendienst «Verfügungen und Angelegenheiten der Geheimen Staats-
zur Unterstützung der Erfüllung ihrer Aufgaben geschaffen. polizei unterliegen nicht der Nachprüfung durch die Ver-
Im Gegensatz zu den übrigen Nachrichtendiensten der Partei waltungsgerichte.» Nach Erlass dieser überaus wichtigen
wuchs aus dem sog. IC-Dienst, dem späteren PI-Dienst gesetzlichen Bestimmung bestand gegen Massnahmen der
(Presse-Information) des RFSS der Verbotszeit, ein umfas- Gestapo, insbesondere auch der Schutzhaftverhängung, nur
sender, systematischer politischer Nächrichtendienst. noch die Möglichkeit der Dienstaufsichtsbeschwerde, ein

58
Aufspüren, überwachen und im richtigen Augenblick unschädlich machen

Göring ist in Preussen nicht nur Ministerpräsident und Ämtern das des Reichsluftfahrtministers das wichtigste.
Innenminister, sondern er hat sich auch höchstpersön- Und ausserdem – als preussischer Ministerpräsident
lich zum Chef des von ihm geschaffenen «Gestapa» ge- und Innenminister, so meint er jedenfalls, bleibt er
macht, des Geheimen Staatspolizei-Amtes. Erst am immer noch Himmlers und Heydrichs Vorgesetzter.
20. April 1934, zum 45. Geburtstag Hitlers, ernennt Entscheidend für Görings tatsächlichen Verzicht auf das
Göring den Kommandeur der politischen Polizei aller Machtinstrument Gestapo, wie die gesamte deutsche
anderen deutschen Länder, Heinrich Himmler, wenig- politische Polizei nun genannt wird, ist aber noch et-
stens zu seinem Stellvertreter im «Gestapa». Himmler was anderes. Hitler hat im Lauf des Jahres 1933 neben
überträgt Heydrich die tatsächliche Geschäftsführung. anderen auch zwei Rivalen Görings zu Reichsministern
Dass endlich auch Göring «umgefallen» ist, hat ver- gemacht: zuerst Goebbels und vor Jahresende Ernst
schiedene Gründe. Der eine ist die Blamage des Reichs- Röhm, den Stabschef der SA. Röhm, zu dieser Zeit
tagsbrandprozesses, die Goebbels dem tumben Göring einziger Duzfreund Hitlers, ist Minister ohne Geschäfts-
nicht vergessen hat und an die der Propagandaminister bereich. Göring weiss, dass Röhm selbst die Macht im
Hitler ab und zu erinnert. Heydrich hat ebenfalls ge- Staat anstrebt. Röhm will Reichswehrminister werden
schickt gegen Göring intrigiert. Sein «Sicherheits- und entweder die Reichswehr zu einer «Volksarmee»
dienst» mit ausschliesslich nationalsozialistischen Offizieren
hat unter anderem angeblich ein vorbereitetes Attentat machen, oder die Reichswehr sich und der SA unter-
auf Göring entdeckt, das Görings eigenem «Gestapa» stellen. Dann wäre Röhm der Vorgesetzte des «Reichs-
verborgen geblieben ist. Auch ist Görings «Gestapa» luftfahrtministers» Göring.
nicht zuverlässig genug – berichtet Heydrich an
Hitler. Es sind noch viel zu viel Beamte des «Weimarer Darum verbündet sich Göring lieber mit dem beschei-
Systems» in diesem Amt. den im Hintergrund wirkenden Himmler und mit sei-
Schliesslich gibt Göring nach, auch deshalb, weil er sich nem SD-Chef Heydrich. Wie wichtig ein Mann wie
mehr und mehr um den Aufbau der deutschen Luft- Heydrich ist, kann Göring sehr gut ermessen. Schliess-
waffe kümmert. Ihm ist schliesslich von seinen vielen lich hat er gleich als erstes so etwas wie einen SD auf-

freilich illusorisches Mittel, denn über sie entschied in letz- erkennt und die Zerstörungskeime – mögen sie durch Selbst-
ter Instanz das Geheime Staatspolizeiamt. Die polizeiliche zersetzung entstanden oder durch vorsätzliche Vergiftung von
Inhaftierung von politischen Gegnern war damit definitiv aussen hineingetragen worden sein – feststellt und mit jedem
der richterlichen Kontrolle und Anfechtung entzogen. Nach geeigneten Mittel beseitigt.
Erlass des Gesetzes schrieb Dr. Werner Best, Heydrichs Ver- Diese Staatsfeinde aufzuspüren, sie zu überwachen und im
treter im Geheimen Staatspolizeiamt: richtigen Augenblick unschädlich zu machen, ist die prä-
«Mit der Errichtung des nationalsozialistischen Führerstaa- ventivpolizeiliche Aufgabe einer politischen Polizei. Zur Er-
tes ist zum ersten Male in Deutschland eine Herrschaft ent- füllung dieser Aufgabe muss sie in der Lage sein, unab-
standen, die aus einer lebendigen Idee ihre Legitimation hängig von jeder Bindung jedes zur Erreichung des not-
schöpft, jeden Angriff auf den gegenwärtigen Zustand des wendigen Zweckes geeignete Mittel anzuwenden. Denn nach
Staates und auf seine gegenwärtige Führung mit allen richtiger Auffassung haben im nationalsozialistischen Füh-
staatlichen Machtmitteln abzuwehren. Der politische Totali- rerstaat die zum Schutz des Staates und des Volkes und zur
tätsgrundsatz des Nationalsozialismus, der dem weltan- Durchsetzung des Staatswillens berufenen Einrichtungen
schaulichen Grundsatz der organischen unteilbaren Volks- grundsätzlich jede zur Erfüllung ihrer Aufgabe erforder-
einheit entspricht, duldet keine politische Wtllensbildung in liche Befugnis, die sich allein aus der neuen Staatsauffas-
seinem Bereich, die sich nicht der Gesamtwillensbildung ein- sung ableitet, ohne dass es einer besonderen gesetzlichen Le-
fügt. Jeder Versuch, eine andere politische Auffassung gitimation bedarf ... Eine gesetzliche Normierung der von
durchzusetzen oder auch nur aufrechtzuerhalten, wird als einer politischen Polizei anzuwendenden Mittel ist so we-
Krankheitserscheinung, die die gesunde Einheit des unteilba- nig möglich, wie es unmöglich ist, jede Art von Angriffen
ren Volksorganismus bedroht, ohne Rücksicht auf das subjek- der Staatsfeinde und jede sonst im Staate drohende Gefahr
tive Wollen seiner Träger ausgemerzt. für alle Zukunft vorauszusehen ... Aus dieser zwangsläufi-
Aus diesen Grundsätzen heraus hat der nationalsozialisti- gen Gegebenheit entsprang der Begriff der politischen Poli-
sche Führerstaat zum ersten Male in Deutschland eine po- zei als eines Staatsschutzkorps neuer und eigener Art,
litische Polizei entwickelt, wie sie von unserem Standpunkt dessen Angehörige sich neben ihrer beamtenmässigen Pflicht-
aus als modern, d.h. den Bedürfnissen unserer Gegenwart erfüllung als Mitglieder eines kämpferischen Verbandes
entsprechend, aufgefasst wird: als eine Einrichtung, die den fühlen ..
politischen Gesundheitszustand des deutschen Volkskörpers
(Martin Broszat, Nationalsozialistische Konzentrations-
sorgfältig überwacht, jedes Krankheitssymptom rechtzeitig lager, in: Anatomie des SS-Staates.)

59
Widerstand in Deutschland 1933-
1934
gebaut, nämlich sein «Forschungsamt der Luftwaffe», im Gestapa und damit faktisch der erste Chef des
das in Wirklichkeit nichts anderes als eine technisch Gestapa] aufsuchte, da fand das folgende historische
hochmoderne Telefon-Abhörzentrale ist. Göring weiss Gespräch statt:
also aus eigener Erfahrung, welche Macht die Kennt- Ernst: Wir waren froh, als wir hörten, dass Sie freige-
nis von Geheimnissen anderer Leute verleiht und meint sprochen sind.
deshalb, für die weitere Entwicklung lieber auf Heyd- Ich: Welche Gründe hatten Sie denn dafür, so interes-
rich und Himmler als auf seinen natürlichen Konkur- siert an meinem Freispruch zu sein?
renten Röhm setzen zu sollen. Wie die weitere Ent- Ernst: Wir hatten schon unsere Gründe.
wicklung zeigt, hat er sich darin nicht getäuscht. Ich: Für mich ist es aber ausserordentlich wertvoll zu
Hitler selbst wird die Macht der SA und damit Röhms wissen, welcher Art diese Gründe waren. Bitte nennen
allmählich verdächtig. Die eine Gefahr, die für Hitler Sie sie mir doch!
und die NSDAP in der wachsenden Macht der SA liegt, Ernst: Nein, das kann ich nicht... Im Übrigen sind wir ja
besteht in der Forderung nach der «Zweiten Revolu- gar nicht so weit auseinander. Sie wollen Sozialismus,
tion». und wir wollen ihn ebenfalls.
Die «Linken» in der NSDAP-Führung wollen die so- Ich: Glauben Sie denn daran, dass Hitler den Sozialis-
zialistischen Forderungen des Parteiprogramms ver- mus will?
wirklichen und nach Erreichung des nationalen Zieles Ernst: N o c h glauben wir daran.
durch die Übernahme der Regierungsgewalt – die Ich: Und was geschieht, wenn Sie nicht mehr daran
«Erste Revolution» – nun auch den sozialistischen glauben?
Teil des Parteinamens «Nationalsozialistische Arbeiter- Ernst zuckte nur mit den Achseln und blieb mir eine
partei» zur Wirklichkeit werden lassen. Antwort schuldig. Stattdessen zog er mit grosser
Das Wort von der «Zweiten Revolution» stammt von Heftigkeit gegen Hugenberg und die Deutschnationalen
SA-Stabschef Röhm, aber er hat in dieser Hinsicht vom Leder. Hitler hätte sich viel zu sehr mit den Gross-
viele Anhänger, keineswegs nur in seiner SA. Einer der industriellen und Bankiers eingelassen. Davon müsse
wichtigsten Männer, die in dieser Frage Verbündete man loskommen.
Röhms sind, ist Reichspropagandaminister Dr. Goeb- Die richtige Revolution müsse erst noch kommen.
bels. Noch 1926 hat Goebbels gefordert, den «kleinen Dann versandete das Gespräch ...
Bourgeois» Hitler aus der Partei auszuschliessen. Goeb- Inzwischen haben die aufschlussreichen ,Röhm-Pro-
bels hat damals als Hauptfeind der NSDAP den Kapita- zesse’
lismus bezeichnet und ziemlich bolschewistische An- der letzten Jahre mir klargemacht, dass Karl Ernst als
sichten vertreten. Verfechter der zweiten, der ,sozialistischen Revolution’
Goebbels hat auch jetzt noch viele seiner früheren An- mir in der damaligen Planung eine gewisse Rolle für
sichten behalten. Er sorgt dafür, dass der im Reichs- die Gewinnung der sozialistischen Arbeiterschaft zu-
tagsbrand-Prozess freigesprochene KPD-Fraktionsvor- gedacht haben mochte... So wurde mir auch nach-
sitzende Ernst Torgier eine Art Ehrenhaft erhält und träglich erst klar, warum nach dem Massaker des
im KZ, im Gegensatz zu anderen Häftlingen, gut be- 30. Juni 1934 Joseph Goebbels höchstpersönlich bei
handelt wird. Er äussert, dass Torgier ein Revolutionär der Gefängnisverwaltung Plötzensee ... anrief und
sei, wie ihn die «ehrlichen» Kräfte in der NSDAP nachfragte, ob ich noch am Leben und unversehrt sei...
brauchten. Torgier sei ja keiner der «moskowitischen Doch das «Massaker vom 30. Juni» steht erst noch be-
Schmutzfinken». Wörtlich sagt er: «Der wäre mir in vor, und Goebbels schreibt am 18. April 1933 noch in
unseren Reihen lieber als mancher Reichsleiter... sein Tagebuch:
Torgier ist ein ... fanatischer Sozialist, national wäre «Überall im Volk spricht man von einer zweiten Revo-
er bei uns gewesen – aber wir haben ja zuviel Spiesser, lution, die kommen müsse. Das heisst nichts anderes,
und die machen uns kaputt!» als dass die erste Revolution noch nicht zu Ende ist.
Goebbels weiss auch, dass der Berliner SA-Führer Karl Wir werden uns jetzt bald mit der Reaktion auseinan-
Ernst den kommunistischen Fraktionschef Mitte Januar dersetzen müssen. Die Revolution darf nirgends halt-
1934 in seiner Zelle besucht hat. Torgier hat 1959 im machen!»
«Spiegel» über diesen Besuch berichtet: «Als um Mit- Mit der «Reaktion» meint Goebbels die Grossindustrie,
ternacht ... ein vom Alkohol animierter SA-Gruppen- die Banken, den Adel und Grossgrundbesitz und die
führer Karl Ernst in voller Uniform zusammen mit Generalität der Reichswehr, die Hitler seiner Taktik
seinem Adjutanten von Mohrenschild und dem Ge- entsprechend nicht mit Gewalt und plötzlich von
stapo-Chef Diels [Oberregierungsrat Dr. Diels war bis aussen, sondern von innen her allmählich für sich zu
zur Ablösung durch Himmler der Stellvertreter Görings gewinnen sucht. Damit befindet sich Goebbels jetzt

60
Hitler zwischen Röhm und Wehrmacht

noch in voller Übereinstimmung mit Röhm, der im Juni Aber Hitler könnte selbst dann nicht in die «Front
in einer Rede öffentlich droht: einschwenken», wenn er wollte. Sein Aufstieg zur
« ... Deshalb werden die SA und die SS nicht dulden, Macht wäre dann bald zu Ende. Er hätte nicht nur die
dass die deutsche Revolution einschläft oder auf hal- Wirtschaft gegen sich, sondern vor allem die Reichs-
bem Wege von den Nichtkämpfern verraten wird!... wehr, die einzige reale Macht, die noch in der Lage
Wenn die Spiesserseelen meinen,... dass die nationale wäre, Widerstand zu leisten. Wichtigstes Ziel für Hitler
Revolution schon zu lange dauert, so pflichten wir ist deshalb, die Reichswehr für sich zu gewinnen.
ihnen ausnahmsweise gern bei: Es ist in der Tat hohe Feind der Reichswehr ist aber die mittlerweile auf
Zeit, dass die nationale Revolution aufhört und dass 31/g Millionen Mann angewachsene SA, und zwar des-
daraus die nationalsozialistische wird! Wir werden un- halb, weil Röhm die Reichswehr mit dieser SA zu einer
seren Kampf weiterführen..., und wenn es sein muss: ge- Volksarmee unter seiner Führung verschmelzen will.
gen sie!» Damit wäre einerseits die bisherige Reichs wehr führung
Und im August 1933 sagt er, wieder in einer Rede: entmachtet, andererseits würde Röhm aber auch Hitler
«Es gibt heute noch immer Leute in amtlicher Stellung, gegenüber eine kaum zu erschütternde Machtstellung
die nicht die geringste Ahnung vom Geist der Revolu- gewinnen. Zwischen diesen beiden Fronten einge-
tion haben. Wir werden sie rücksichtslos entfernen, zwängt, glaubt Hitler sich zunächst irgendwie durchla-
wenn sie es wagen sollten, ihre reaktionären Ideen in vieren zu können.
die Praxis umzusetzen!» Bereits im Sommer 1933 warnt er diejenigen Kräfte
Diese zweite Revolution aber passt Hitler keineswegs in den eigenen Reihen, die sich seinem Weg der Macht-
in sein taktisches Konzept, und so kommt es, dass schon eroberung nicht anschliessen wollen: «Die Revolution
wenig mehr als ein Jahr nach seinem Regierungsantritt ist kein permanenter Zustand; sie darf sich nicht zu
der Widerstand aus den eigenen Reihen ihm bei seinem einem Dauerzustand ausbilden. Man muss den frei-
Aufstieg zur absoluten Macht zur ernsten Gefahr wird. gewordenen Strom der Revolution in das sichere Bett
Die SA vor allem wird für Hitler zu einer grösseren der Evolution hinüberleiten ... Die Reichsstatthalter
Gefahr als alle Widerstandsgruppen, ob nun kommu- haben dafür zu sorgen, dass nicht irgendwelche Orga-
nistisch, sozialdemokratisch oder bürgerlich, zusam- nisationen [hier ist unmissverständlich die SA gemeint]
mengenommen. oder Parteistellen sich Regierungsbefugnisse anmassen,
1933 noch hat sich der revolutionäre Tatendrang der Personen absetzen und Ämter besetzen.»
SA an politischen Gegnern austoben können. Das ist In seiner Machtposition noch keineswegs gefestigt,
1934 vorbei. Noch immer herrscht Arbeitslosigkeit in kann er es sich aber noch nicht leisten, mit den Gegnern
Deutschland, von einem plötzlichen wirtschaftlichen in den eigenen Reihen, insbesondere mit Röhm und
Aufschwung kann keine Rede sein. Gerade die SA der SA, radikal zu brechen. Nach allen Seiten um
aber setzt sich zu zwei Dritteln aus Arbeitslosen und Gunst bemüht (KPD und SPD natürlich ausgeschlos-
Unterstützungsempfängern zusammen. sen), versucht er auch die SA zu beschwichtigen. «Der
Die Partei ist seit einem Jahr an der Regierung, denken Adolf tut mich vertrösten...», klagt Röhm dem
viele von ihnen. Wo bleibt denn nun der Sozialismus, Senatspräsidenten von Danzig, Rauschning. «Er will
wo bleibt die Belohnung für die treuen Mitkämpfer die fertige Armee erben. Er will sie von den ,Fach-
der SA, wo bleibt die echte soziale Umwälzung, die männern' zurechtschustern lassen. Wenn ich das Wort
das nach oben bringen soll, was bisher unten war? Es höre, gehe ich hoch. Hernach will er sie national-
sieht ganz so aus, als werde nichts mehr daraus. So sozialistisch machen, sagt er. Aber erst überantwortet
verstärkt sich bei vielen SA-Führern der Gedanke, er sie den preussischen Generälen. Wo da nachher
selbst die Revolution weiterzutreiben, wenn nicht mit, revolutionärer Geist herkommen soll! Das bleiben doch
dann eben gegen Hitler. Dann wird die SA selbst alte Böcke!»
die Macht übernehmen. «Wenn Adolf nicht einver- Trotz dieser Beschwichtigungsbemühungen der Reichs-
standen ist», sagt SA-Stabschef Ernst Röhm zu einem wehr und der SA gegenüber, spitzt sich die Lage zu.
seiner Unterführer, «dann wird er eben abserviert!» Hitler kommt um eine grundsätzliche Entscheidung
Der Berliner Gruppenführer Karl Ernst, der gleiche, nicht herum. Will er das absolute Vertrauen der mili-
der den KPD-Fraktionschef Torgier in seiner Zelle be- tärischen Führung gewinnen, und das will er, so muss
sucht hat, drängt besonders auf eine Aktion zur Durch- er die SA als konkurrierenden Machtfaktor ausschal-
führung einer zweiten Revolution. ten. Da es ihm offensichtlich nicht gelingt, Röhm für
«Zwingen Sie Hitler, endlich wieder in unsere Front seine Taktik zu gewinnen, die Reichswehr aber auf
einzuschwenken. Oder noch besser: Setzen Sie sich einer Ausschaltung Röhms beharrt, sieht er sich zum
selbst aufs Pferd!» Handeln gezwungen. Er weiss nur noch nicht wie.

61
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Hier ist es der entlassene Marineleutnant Heydrich, der Doch Heydrich führt seinen Plan durch. Er braucht
das erste dafür tut, dass Hitler sich endlich entscheidet. dazu nicht einmal, wie später in anderen Fällen,
Eben hat Heydrichs Chef Himmler mit der Über- Material zu fälschen oder gar zu erfinden. Die Reichs-
nahme des preussischen «Gestapa» die gesamte politi- wehr hat durch ihren eigenen Abwehrdienst, der zu
sche Polizei Deutschlands in die Hand bekommen, die dieser Zeit noch nicht von Canaris, sondern von Kapi-
nunmehr den später so berüchtigten Namen «Gestapo», tän z. S. Patzig geleitet wird, genügend Nachrichten
Geheime Staatspolizei, erhält. über die Machtpläne Röhms vorliegen.
Aber Himmler und Heydrich sind mit dieser Aus- So ist etwa vom Ostseehafen Stettin aus ein Waggon
breitung ihrer im Dunkel der Geheimpolizei verbor- mit Waffen nach München gerollt. Kapitän Patzigs
genen Macht auf ganz Deutschland noch längst nicht «Abwehr» erfährt davon. Patzig erkundigt sich im
zufrieden. Dazu sind die Befehls- und Unterstellungs- Reichswehrministerium danach. Dort weiss niemand
verhältnisse noch viel zu wirr, und die geheime Macht etwas von diesem Waffentransport. Erst über das
ist damit noch längst nicht gesichert. Innenministerium und schliesslich über das Finanz-
Noch immer ist die SS nur eine Untergliederung der ministerium kommt die «Abwehr» dem Geheimnis auf
SA. Röhm ist Himmlers und auch Heydrichs Vorge- die Spur. Die Waffen stammen aus der Sowjetunion
setzter. Andererseits ist Himmler als Chef der politi- – das Finanzministerium hat die Devisen zur Ver-
schen Länderpolizeien formell auch Untergebener jedes fügung gestellt und, wie es sich für eine ordentliche
einzelnen Reichsstatthalters der Länder, in Preussen Behörde gehört, alle Verhandlungen aktenkundig ge-
dazu noch der Untergebene des Ministerpräsidenten macht. Besteller der sowjetischen Waffen ist der Stabs-
und Innenministers Göring. Heydrich wiederum ist als chef der SA, Ernst Röhm. Die Reichswehr beschlag-
SS-Führer Röhms und Himmlers Untergebener, als nahmt die Waffen in München stillschweigend und
Chef des Sicherheitsdienstes der Partei, des SD, hat er übergibt sie dem Heereszeugamt. Röhm rührt sich nicht
den «Stellvertreter» des Führers für Parteiangelegen- und tut, als wisse er von nichts.
heiten, den Reichsminister Rudolf Hess, zum Vorgesetz- Auf einer SA-Führertagung, während der wieder über
ten und faktisch auch dessen «Stabsleiter» Martin Bor- die «Zweite Revolution» gesprochen wird, ist Röhm
mann. noch unvorsichtiger als sonst. Er spricht offen darüber,
Wenn Heydrich und Himmler ihre geheime Macht dass die SA die alleinige Macht übernehmen und sich
sichern wollen, dann müssen sie sich für eine oder ge- die Reichswehr unterstellen müsse:
gen eine der argwöhnisch einander belauernden «Wenn Adolf nicht mitmachen will, werde ich eben ge-
Mächtegruppierungen entscheiden. Die Wahl fällt nicht gen ihn marschieren, und Hunderttausende werden mir
schwer. Wenn SS und SD selbständig werden wollen, folgen.»
muss man sich gegen Röhm entscheiden. Ein unbeirrt treuer Anhänger Hitlers, der hannover-
So beginnt Heydrich mit Eifer, durch seinen SD immer sche Gruppenführer Victor Lutze, ist empört. Er in-
mehr Material gegen Röhm und andere SA-Führer formiert Oberst von Reichenau, den Staatssekretär im
zusammenzutragen und es sowohl Hitler als auch der Reichswehrministerium, über den Vorfall. Reichenau
Reichswehrführung zuzuleiten. unterrichtet seinen Minister, Generaloberst von Blom-
Das ist nicht allzu schwer. Über die moralischen und berg, und der berichtet an Hitler weiter.
kriminellen Verfehlungen einer Anzahl von SA-Füh- Der Boden für Heydrich ist also schon längst bestellt,
rern hat Heydrich schon genug Akten anlegen können. die Saat gesät. Heydrich braucht den Acker nur noch
Wichtiger ist jetzt Material, das einmal Hitler zeigt, kräftig mit immer neuen Meldungen über die bevorste-
dass die SA-Führung gegen ihn putschen wird, wenn hende SA-Revolution zu «düngen», um damit vor allem
er nicht die «Zweite Revolution» durchführt; zum an- Hitlers Zögern ein Ende zu machen.
deren Material, das der Reich: wehr die von Röhm und Heydrich meldet Hitler – und zugleich stets der
seiner SA drohende Gefahr recht schwarz malt. So Reichswehrführung, damit Hitler nicht in die Ver-
kann man, kalkuliert Heydrich, Hitler und die Reichs- suchung kommt, Vogel Strauss zu spielen – etwa, dass
wehrführung zusammenbringen, Röhm entmachten Röhm sämtliche Stabswachen mit schweren Maschinen-
und die eigene Stellung festigen. gewehren ausrüsten lässt oder dass er ausgerechnet in
Der pedantische, zaghafte und schüchterne Bürokrat der neutralen Zone des Rheinlandes die SA militärische
Himmler hält zunächst nichts von Heydrichs Plan. Er Übungen veranstalten lässt.
ist ihm zu verwegen. Himmler fürchtet sich vor Röhm, Heydrichs Meldungen wirken. Immer öfter wendet sich
er fürchtet sich noch mehr vor der Ungnade Hitlers, Reichswehrminister von Blomberg beschwerdeführend
wenn er jetzt auf das falsche Pferd setzt. Er möchte an Hitler. So schreibt Blomberg über die zunehmende
ganz still und verborgen im Dunkel bleiben. Bewaffnung der SA an Hitler: «Zahlenmässig würde

62
Papen protestiert

sich das im Bereich des Wehrkreiskommandos VI allein wehrminister von Blomberg Hitlers Kandidatur unter-
auf 6’000 bis 8’000 ständig mit Gewehr und Maschi- stützen wollen. Allerdings nur unter der einen Bedin-
nen- gung: Hitler muss Röhms «Volksarmee»-Pläne verhin-
gewehr bewaffneter SA-Leute auswirken .. dern und die SA entmachten. Die SA muss wieder zu
Die SA-Kriegsspiele in der vom Ausland argwöhnisch einer rein politischen Organisation werden, einzige be-
beobachteten entmilitarisierten Zone des Rheinlandes waffnete Organisation muss die Reichswehr bleiben.
veranlassen ihn zu einem Schreiben, in dem es heisst: Hitler stimmt dieser Bedingung zu.
«Ein solches Verhalten macht alle Vorsicht der Wehr- Auf einer Offiziersbesprechung am 16. Mai wird der
macht und der von ihr beeinflussten ,Krüger-Lager' Vertrag von der «Deutschland» noch einmal bekräftigt,
[das sind SA-Lager zur vormilitärischen Ausbildung, nachdem sich Hitler auch vor diesem Kreis verpflichtet
die jedoch der Reichswehr unterstehen] innerhalb der hat, Röhm und die SA zu entmachten. Wenn er das tut,
neutralen Zone illusorisch ...» wird er Hindenburgs Nachfolger als Reichspräsident.
Die Spannung in dem Dreiecksverhältnis Hitler – So steht nun die Reichswehr wieder auf Hitlers Seite,
Reichswehr – SA nimmt immer mehr zu. Inzwischen nachdem er selbst einst als Reichswehragent seine
hat der skrupellose Intrigant Heydrich einen wich- politische Karriere begonnen und die Reichswehr in
tigen Verbündeten gefunden: Hermann Göring. Göring den ersten zwanziger Jahren die SA in Bayern gegrün-
ist als Luftfahrt- und Luftwaffenminister bereits Ober- det und aufgebaut hat.
befehlshaber eines Wehrmachtteils, des modernsten. Der vorletzte Schritt zur vollen Machtübernahme ist
Röhm als Oberbefehlshaber einer «Volksarmee» wäre damit getan. Jetzt hat Hitler die einzige Macht hinter
das Letzte, was er sich im eigenen Interesse wünschen sich, die es ihm ermöglicht, Röhm und den Tatendrang
könnte. Göring gibt zwar in Reden schrecklich revolu- der SA-Führer aus dem politischen Leben auszuschal-
tionäre Tone von sich, aber das entspricht nur seinem ten.
unstillbaren Drang zu Schauspielerei und Protzentum. Noch einmal treffen Röhm und Hitler zu einem fünf-
Tatsächlich ist er recht konservativ und hält sich lieber stündigen Gespräch zusammen. Unmittelbar nach die-
an die alten, konservativen gesellschaftlichen Kräfte, ser Unterredung ordnet Hitler in seiner Eigenschaft
denen er selbst entstammt, als an die wilden Rabauken als OSAF, als «Oberster SA-Führer», einen vierwöchi-
des ewigen Landsknechtes Röhm. gen Zwangsurlaub für die SA an. Während des Monats
Im April kommt es zur ersten Entscheidung. Hitler Juli darf kein SA-Dienst gemacht werden. Zuvor soll
nimmt erstmals an den jährlichen Manövern der am 30. Juni in Bad Wiessee, wo Röhm seinen Urlaub
Kriegsmarine teil, die in der Ostsee stattfinden. verbringen will, noch eine SA-Führertagung stattfinden.
An Bord des Panzerschiffs «Deutschland» – das ist
der gleiche «Panzerkreuzer A», um dessen Bau es zur Dreizehn Tage vorher, am 17. Juni 1934, auf den Tag
Zeit der Republik so heftige Auseinandersetzungen ge- genau 19 Jahre vor dem Aufstand der mitteldeutschen
geben hat, bis die sozialdemokratische Preussenregie- Arbeiter gegen die Herrschaft Ulbrichts, hält Hitlers
rung durch ihre Zustimmung den Bau ermöglichte – Vizekanzler von Papen in der Universität Marburg
finden zugleich wichtige Besprechungen statt. Mit den eine oppositionelle Rede, in der er unter anderem sagt:
führenden Vertretern von Heer und Marine verhandelt «Es ist an der Zeit, in Bruderliebe und Achtung für
Hitler über die Nachfolge des Reichspräsidenten. Der den Volksgenossen zusammenzurücken, das Werk ern-
Generalfeldmarschall von Hindenburg ist jetzt 86 Jahre ster Männer nicht zu stören und doktrinäre Fanatiker
alt und kränkelt immer mehr. Mit seinem baldigen zum Verstummen zu bringen . .. Denn kein Volk kann
Ableben muss gerechnet werden. Wer wird nach ihm sich den ewigen Aufstand von unten leisten, wenn es
Reichspräsident, Staatsoberhaupt? Wer wird damit zu- vor der Geschichte bestehen will. Einmal muss die Be-
gleich Oberster Befehlshaber der Reichswehr? wegung zu Ende kommen, einmal ein festes soziales
In führenden Offizierskreisen ebenso wie in den noch Gefüge, zusammengehalten durch eine unbeeinfluss-
immer wirkenden konservativen Kreisen, zum Beispiel bare Rechtspflege und durch eine unbestrittene Staats-
um den Vizekanzler von Papen, ist man für die Rück- gewalt, entstehen. Mit ewiger Dynamik kann nichts ge-
kehr zur Monarchie. So könnte etwa der Kronprinz staltet werden. Deutschland darf nicht ein Zug ins Blaue
Reichspräsident werden, um sich später zum Monar- werden, von dem niemand weiss, wann er zum Halten
chen krönen zu lassen. Hitler dagegen weiss, dass er kommt.. .» Diese Rede begeistert die Zuhörer im
diese letzte Hürde nehmen muss, wenn er endgültig Sie- Auditorium Maximum der Marburger Universität.
ger bleiben will. So ergeben die Verhandlungen Die Berichterstatter aller namhaften in- und ausländi-
schliesslich, dass Admiral Dr. h. c. Raeder, der Oberbe- schen Zeitungen sind anwesend. Sofort geben sie die
fehlshaber der Kriegsmarine, General Freiherr von wichtigsten Stellen der Papen-Rede telefonisch an ihre
Fritsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, und Reichs-

63
Widerstand in Deutschland 1933-1934

Redaktionen durch. Im Ausland werden Papens Worte eher anzunehmen, da er ja selber im Verborgenen an-
als echte, mutige Widerstandshandlung bewertet. Man- dere Gedanken hegt, als diejenigen, die er aus takti-
cher knüpft schon Hoffnungen daran: «Na, haben wir schen Gründen jeweils im Munde führt, und da er ja
nicht schon immer gesagt, der Hitler hält sich nicht selber eine Natur ist, deren Moral ihn auch vor Lüge,
lange? Jetzt steht schon Papen gegen ihn auf!» Hintergehung, Mord und Wortbruch im politischen
In Deutschland selbst erfahren nur wenige von dieser Machtkampf nicht zurückschrecken lässt. Jedenfalls
Rede, denn Goebbels lässt ihre Veröffentlichung sofort scheint er bereits äusserst misstrauisch zu sein, als er am
verbieten. 21. Juni dem greisen Feldmarschall in Ostpreussen
Goebbels, der bis jetzt ebenfalls für eine «Zweite Re- einen Besuch abstattet. Danach ist er überzeugt, dass
volution» eingetreten ist, ist es auch, der Hitler nach Hindenburg nicht mehr lange zu leben hat. Alles
einem Gespräch mit Röhm von dessen Gedanken unter- drängt auf eine Entscheidung hin, die bei Hitler noch
richtet. dadurch beschleunigt wird, dass die Reichswehr ihm
Zugleich kommt von Heydrichs SD eine weitere alar- jetzt ultimative Vorschläge macht.
mierende Meldung. In dieser Meldung wird behauptet, Hitler hat kaum das Krankenzimmer des Präsidenten
dass Ernst Röhm sich mit dem General Kurt von verlassen, da wird er von Kriegsminister von Blomberg,
Schleicher getroffen habe. Schleicher ist Hitlers Vor- der ebenfalls auf Gut Neudeck weilt, um eine Unter-
gänger als Reichskanzler, war zuvor Reichswehrmini- redung gebeten. Blomberg stellt Hitler zu dessen gröss-
ster und viele Jahre Staatssekretär im Reichswehr- ter Überraschung – er kennt von Blomberg nur als
ministerium. Er ist in der Republik lange Zeit der «Gummilöwen» ohne Rückgrat – energisch vor die
Mann im Dunkel gewesen, der mit der Macht der Wahl: Entweder Hitler sorgt nun endlich für eine so-
Reichswehr und dem Vertrauen Hindenburgs hinter fortige «Entspannung», also für die Entmachtung
sich Minister und Regierungen gemacht und auch wie- Röhms und der SA, oder der Reichspräsident verhängt
der gestürzt hat. über Deutschland den Ausnahmezustand. Dann geht die
Während seiner kurzen Reichskanzlerschaft als Vor- Regierungsgewalt an das Militär über, also an ihn, den
gänger Hitlers hat er versucht, die NSDAP zu spalten. Reichskriegsminister.
Mit Unterstützung der Linken, der «Sozialisten» in So eindeutig hat schon seit Jahren niemand mehr zu
der NSDAP, und nationalgesinnter Sozialdemokraten Hitler gesprochen. Wenn Blomberg seine Drohung
und Gewerkschaftsfunktionäre hat er eine «volksver- wahrmacht, dann ist Hitlers Machtposition äusserst ge-
bundene» Militärdiktatur zur Abwehr Hitlers errichten fährdet.
wollen. Er hat damals in vertraulichen Verhandlungen Vier Tage später bekommt Hitler noch einen weiteren
Röhm das Reichswehrministerium angeboten – das Stoss von der Reichswehrführung. Ohne vorher Hitlers
Ziel, nach dem Röhm jetzt noch strebt. Auch Vizekanz- Einverständnis einzuholen, ordnet der Chef der Hee-
ler sollte ein Nationalsozialist werden – der Organi- resleitung, also der Oberbefehlshaber des Heeres,
sationsleiter der NSDAP, anerkannter Führer des General Freiherr von Fritsch, Alarmbereitschaft für alle
sozialistischen Flügels der Hitlerpartei, einst Freund Heereseinheiten in Deutschland an. Am 28. Juni wird
Goebbels’ im gemeinsamen Kampf gegen «den kleinen der SA-Stabschef Röhm aus dem Deutschen Offiziers-
Bourgeois» Hitler. Dr. Georg Strasser war dieser bund ausgeschlossen, die Massnahme wird von der
Mann, Apotheker aus Landshut, der damals einen Reichswehrführung bekanntgegeben.
Sekretär hatte, der Heinrich Himmler hiess. Nun kann es für Hitler kein Ausweichen mehr geben.
Über Schleichers Plan von Ende 1932 sind die Ereig- An diesem 28. Juni fällt nach Hitlers monatelangem
nisse hinweggegangen, aber Strasser ist darüber ge- Zögern die Entscheidung. Hitler selbst begibt sich nach
stürzt, obwohl er vor allem in Norddeutschland als München und von dort ins Hotel nach Bad Wiessee.
der eigentliche Führer der NSDAP galt und eine grosse Der SA-Obergruppenführer von Schlesien, Edmund
Anhängerschaft besass. Er ist noch formell Mitglied der Heines, – nach dem «Braunbuch» der eigentliche
NSDAP, hat aber keine Funktion mehr. Reichstagsbrandstifter – wird im Bett mit seinem
Und nun besagt Heydrichs SD-Bericht – ob zu Recht Chauffeur, «Fräulein Schmidt» genannt, beim Liebes-
oder Unrecht, wird sich wohl nie mehr feststellen las- spiel überrascht. Beide werden ohne jeden Wortwechsel
sen –, dass nicht nur der SA-Stabschef Röhm, sondern kurzerhand erschossen, die Leichen bleiben im Bett lie-
auch der frühere Reichsorganisationsleiter Dr. Strasser gen.
bei dem inzwischen pensionierten General von Schlei- Hitler selbst klopft im oberen Stockwerk an die Tur
cher in diesen Tagen einen Besuch gemacht hat. von Röhms Zimmer. Röhm reagiert erst nicht, er hat
Ist das eine Verschwörung? Wollen ihn seine Gegner am Abend zuvor eine Spritze gegen seine neuralgischen
kaltstellen? Dass Hitler misstrauisch wird, ist um so Schmerzen bekommen und ist noch schlaftrunken.

64
Deutschland 1933-1939
Am 21. März, dem «Tag von Potsdam», wurde in der Potsdamer Garnisonskirche der neue Reichstag feierlich eröffnet.
Hitler war in bürgerlicher Kleidung, in Frack und Zylinder, der greise Reichspräsident von Hindenburg in der Uniform
des Feldmarschalls erschienen. Hitlers Rede, zwar gemässigt gehalten, folgte ganz dem gewohnten Schema. Er beschwor
den Glanz des alten Reiches, zeigte die Fehler der parteipolitischen Zersplitterung, die Unfruchtbarkeit und das Versagen
der Weimarer Republik auf und versprach im Sinne der preussischen und christlichen Tugenden mit neuer Kraft einen neuen
Staat zu schaffen, einen Staat der Einigkeit, der wirtschaftlichen Gesundung und der nationalen Selbstachtung.
«Diese Geburtsstunde des Dritten Reiches war Glanz und Glück. Wenn damals ein Seher das Ende in Kummer und Ent-
setzen, Mord und Brand für knapp zwölf Jahre später verkündet hätte, er wäre überhaupt nicht verstanden worden,
auch von mir nicht», schreibt Hans Frank in seinem Buch «Im Angesicht des Galgens».
Unter Verschleierung seiner wahren Absichten, mit einer geschickten Propaganda und tatsächlichen Erfolgen nahm Hitler
das Volk für sich gefangen. Mit einem radikalen Terror und einer willkürlichen, durch nichts gehemmten Machtanwendung
brachte er jede Opposition zum Schweigen. Terror, Taktik und Propaganda wurden dabei so skrupellos eingesetzt, dass
dem gesamten deutschen Widerstand, so einsichtsvoll, leidenschaftlich und tapfer er auch gewesen sein mag, der grosse
Erfolg versagt blieb, Hitler zu stürzen und Deutschlands Weg in den Abgrund aufzuhalten.
Schon vor der Machtergreifung war Hitlers Kampfruf «gegen die bolschewistische Gefahr» ein bedeutendes Mittel, zahl-
reiche Antikommunisten für sich und seine Bewegung einzunehmen. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler schrieb
Goebbels in sein Tagebuch: «Vorläufig wollen wir von direkten Gegenmassnahmen [gegen die Kommunisten] absehen.
Der bolschewistische Revolutionsversuch muss zuerst einmal aufflammen. Im geeigneten Moment werden wir dann zuschlagen.»
In diesen Worten kommt die Legalitätstaktik der nationalsozialistischen Machtergreifung deutlich zum Ausdruck. Man ging
nicht gleich und umfassend mit Gewalt gegen die feindlichen Kräfte vor, sondern wartete, bis diese gegen die Gesetze des
Staates aktiv wurden, um dann, gestützt auf diese Gesetze des Staates, den Gegner mit «legalen» Mitteln zu beseitigen.
Jetzt, in der Nacht des 27. Februar, stand plötzlich der Reichstag in Flammen. Von den Nationalsozialisten wurde dieses
Ereignis sofort als Zeichen eines kommunistischen Aufstandes gewertet, propagandistisch gross herausgebracht und geschickt
in den Dienst der nationalsozialistischen Machtergreifung gestellt. Die Parole «Kampf dem Marxismus» bekam einen wei-
teren sichtbaren Inhalt und trug dazu bei, weiteren Widerstand gegen Hitlers Herrschaft auszuräumen.
Noch in der gleichen Nacht wurden 4’000 kommunistische Funktionäre verhaftet und der gesamte kommunistische Partei-
apparat zerschlagen. Bereits am nächsten Tag trat die «Verordnung zum Schutze von Volk und Staat» in Kraft; wesentliche
Grundrechte wurden auf gehoben, der Boden des Rechtsstaates verlassen und der Willkür der staatlichen Gewalt Tür und
Tor geöffnet. Die Bedeutung der Verordnung, die bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches gültig blieb, wird dadurch
erhellt, dass unter Berufung auf sie Todesurteile gegen Widerstandskämpfer bis in die Endphase des Krieges gefällt wur-
den. – Bild unten: Passanten vor dem brennenden Reichstagsgebäude. – Rechte Seite: Die drei Angeklagten im Reichs-
tagsbrandprozess: Torgier [Bild oben), Dimitroff (unten links) und van der Lubbe, der Brandstifter (unten rechts). – Der
Prozess, von Goebbels als grosse propagandistische Schau aufgezogen, konnte weder eine Schuld der Kommunisten noch
eine der Nationalsozialisten beweisen. Die überlegene Rhetorik, mit der Dimitroff den Zeugen Göring lächerlich machte,
und sein furchtloses Auftreten wurden zu einem Fanal für die junge kommunistische Résistance, die unter grossen Opfern
ihre ersten Erfahrungen sammelte.
Linke Seite: Vor dem Sitz der Gestapo in der Prinz-
Albrecht-Strasse (unten) werden Verdächtige aus dem Auto
geladen. Die Gestapo, die Geheime Staatspolizei des Drit-
ten Reiches, war das bedeutendste Mittel, jeglichen Wider-
stand rücksichtslos zu bekämpfen. – Oben: Nach dem Reichs-
tagsbrand werden «Staatsfeinde» durch Angehörige der
SS verhaftet. – Bild Mitte: Potentielle Widerstandskämp-
fer in den Folterkellern der SA. Leithäuser, der Biograph
von Wilhelm Leuschner (der, bald nach der Machtergrei-
fung verhaftet, den SA-Terror erlebte), schreibt: «Nachdem
den Gefangenen die Taschen geleert sind und sie ihre trost-
lose Umgebung mustern . . . vernehmen sie deutlicher die
grauenhaften Geräusche, die aus anderen Teilen des Gebäu-
des zu ihnen dringen: das Schreien, Brüllen, Flehen gequäl-
ter Menschen, das Klatschen und Krachen von Schlägen . . .
Ohne Pause scheinen die Folterknechte in jedem Raum des
unheimlichen Hauses am Werke zu sein.» Auch nach der
Auflösung dieser wilden Konzentrationslager und der Ein-
richtung «ordentlicher» Konzentrationslager durch die SS
wurde die Öffentlichkeit über das wahre Geschehen in den
Konzentrationslagern getäuscht. – Bild rechts: Im Konzen-
trationslager Oranienburg. «Auch das Zeitunglesen ist den
Gefangenen gestattet. Selbstverständlich liegen aber nur
nationale Zeitungen aus.»–Bild unten: «Im Tagesraum ver-
bringen die Gefangenen ihre Zeit in der Hauptsache mit
Kartenspiel und Diskussion.» Mit solchen Bildern wollte
man den Eindruck erwecken, die KZ seien eine humane
Einrichtung, in der man den Widerwilligen die Gelegenheit
gebe, sich eines besseren zu besinnen, um dann geläutert am
«Aufbauwerk des Führers» mitzuwirken.
Bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 konnten die
N ationalsozialisten 288 und die Deutschnationalen 32 Ab-
geordnete in den Reichstag bringen. Mit insgesamt 647
Reichstagssitzen verfügte das Kabinett der «nationalen
Konzentration» damit über die absolute Mehrheit und hätte
mit dieser auf parlamentarischer Basis regieren können, wie
es die Verfassung vorschrieb. Aber Hitler lag nichts an der
Verfassung und alles an der alleinigen und unbeschränkten
Macht. Auf dem Weg dahin kam er mit dem «Ermächti-
gungsgesetz» einen grossen Schritt voran. In seiner Rede zur
Begründung dieses Gesetzes schilderte er die «demokrati-
schen Zustände» der Weimarer Republik in den übelsten
Farben. Alles Bisherige sei falsch, alle bisherigen Kräfte
hätten versagt, und wenn es so weiterginge mit dem demo-
kratischen Kuhhandel und der Scheu vor der Verantwor-
tung, dann könne Deutschland nur im Chaos enden. In
dieser katastrophalen Situation, die es zu meistern gelte,
widerspräche es dem Sinn der nationalen Erhebung, «wollte
die Regierung von Fall zu Fall die Genehmigung des Reichs-
tags erhandeln und erbitten». Mit der Annahme des Er-
mächtigungsgesetzes am 24. März hatte Hitler das Verhan-
deln und Erbitten nicht mehr nötig. Durch die Annahme
des Gesetzes wurde die Regierung auf vier Jahre ermächtigt,
ohne Beteiligung des Reichstags und des Reichsrates Ge-
setze zu erlassen. Das Parlament verlor seine Beschliessungs-
und Kontrollfunktion und wurde bald, wie es der Volks-
mund ausdrückte, zum «teuersten Gesangsverein». Die Ab-
geordneten hatten nur noch zuzustimmen und aufzustehen, um mit erhobenem Arm das Horst-Wessel-Lied zu singen (Bild
rechts). Seiner Legalitätstaktik entsprechend, gelang es Hitler, dass das Zentrum unter seinem Führer Ludwig Kaas (unten
links) und die bürgerlichen Mittelparteien trotz ernster Bedenken dem Gesetz zustimmten. Nur die SPD widersetzte sich
geschlossen. Ihr Sprecher Otto Wels (oben) sprach die letzten freien Worte im Deutschen Reichstag. Auch der junge Abge-
ordnete der Deutschen Staatspartei, Theodor Heuss (unten rechts), der spätere Bundespräsident der Bundesrepublik Deutsch-
land, fügte sich damals dem Beschluss seiner Partei und stimmte für das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und
Staat», das mit dazu beitrug, in zwölf Jahren Volk und Staat in eine fast ausweglose Not zu führen.
Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands waren die stärksten und
engagiertesten Anhänger des demokratischen Systems. Die SPD – sie hatte noch über 7 Millionen Wähler – und der ADGB
mit fast 5 Millionen Mitgliedern standen vor der Frage: aktiver Widerstand oder Anpassung, Generalstreik oder Zuge-
ständnisse. Die schwierige Situation schildert das ehemalige ADGB-Vorstandsmitglied Franz Spliedt: «Bei 6V2 Mil-
lionen seit Jahren Arbeitslosen und Millionen Kurzarbeitern, bei schwer bewaffneten, den offenen Kampf suchenden SA-
Banden war praktisch ein Generalstreik unmöglich. Wir hätten Tausende nutzlos in den Tod gejagt.» Unter diesen Um-
ständen entschloss sich der Führer der ADGB-Gewerkschaften, Theodor Leipart (unten links), zu weitgehenden Zugeständnis-
sen, um den Bestand der gewerkschaftlichen Organisation zu retten und somit weiterhin für die Rechte der Arbeiter eintreten
zu können. Aber die Zugeständnisse nützten nichts. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaftshäuser von SA-Männern besetzt und
die gewerkschaftliche Organisation zerschlagen. Die Zwangsgemeinschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die «Deutsche
Arbeitsfront» unter Robert Ley (rechts oben:
als Redner auf einer Massenversammlung),
wurde geschaffen. Auch die SPD nahm eine
abwartende Haltung ein. Als nach der Zer-
schlagung der Gewerkschaften ein Teil ihres
Vorstandes ins Ausland ging, sahen sich die
Zurückgebliebenen dazu gezwungen, von den
Emigrierten abzurücken, um neu angedrohten
Verfolgungen zu entgehen. Aber auch das
konnte die Partei nicht retten. Am 22. Juni
1933 wurde die SPD verboten. Die übrigen
Parteien lösten sich «freiwillig» auf, und mit
dem Gesetz «gegen die Neubildung von Par-
teien» vom 14. Juni 1933 machte sich die
NSDAP zur einzigen Partei des Dritten Rei-
ches. Jeder politische Widerstand war von
nun ab in die Illegalität verbannt und mit
grossen persönlichen Gefahren verbunden, die
in der Folgezeit zahlreiche Sozialdemokraten
und Gewerkschaftler auf sich genommen ha-
ben.
Als Otto Wels (linke Seite oben, in der Mitte,
rechts von Rudolf Breitscheid), der die Führung
des Parteivorstandes im Exil übernommen
hatte, die SPD dazu auf forderte, den Weg
der «legalen Opposition» zu verlassen und
zum aktiven Widerstand überzugehen, sah
sich die innerdeutsche SPD-Führung unter
Paul Lobe (Unke Seite, unten rechts) dazu
gezwungen, ihre Parteifreunde im Exil vor-
übergehend aus der Partei auszuschliessen.
Dennoch nahmen die Pressionen auf die Mit-
glieder zu. Otto Heilmann (Bild unten) war
einer der zahlreichen Sozialdemokraten, die
schon 1933 in «Schutzhaft» genommen wurden.
Von SPD und KPD, der zweit- und
drittstärksten Partei bei Hitlers Macht-
übernahme, die den grössten Teil der
Arbeiter hinter sich hatten, wurde die
Dynamik der nationalsozialistischen
«Staatsgestaltung» völlig unterschätzt.
Sie glaubten nicht an die brutalen
Massnahmen, mit denen sie verfolgt
würden, an die Schwierigkeiten des
illegalen Widerstandes in einem Staat,
der sich auf eine breite und fanatische
Anhängerschaft stützen konnte. Sie
glaubten, sie bräuchten nur abzuwar-
ten, da Hitler seine Versprechen,
Deutschland wirtschaftlich wieder
hochzubringen, nicht halten könne. Da-
rin aber sahen sie sich getäuscht.
Abbildungen auf der linken Seite, von
oben nach unten: «Hunderttausend
sparen schon für dieses Auto, und die
Zeit ist nicht mehr weit, da werden
auch Sie eine gleiche Aufnahme in Ihr
Album kleben mit der Unterschrift:
Erste Fahrt in meinem Wagen.» –
«Deutsche auf Teneriffa! Auch wir be-
kennen uns zum Führer.» – «Dass wir
hier bauen, verdanken wir dem Füh-
rer.» Mit solchen Leistungen und wirt-
schaftlichen Erfolgen entzog Hitler dem
linken Widerstand seine wirkungsvoll-
sten Argumente, mit rücksichtsloser
Einlieferung in die Konzentrations-
lager entzog er ihm die Führer. –
Oben links: Der Sozialdemokrat Kurt
Schumacher, nach dem Kriege erster
Vorsitzender der SPD, wurde von 1933
bis 1943 und 1944 bis 1943 im Kon-
zentrationslager festgehalten.
Oben rechts: Ernst Thälmann, Führer
der deutschen Kommunisten, wurde
1933 verhaftet und 1944 im Konzen-
trationslager Buchenwald ermordet. –
Bild Mitte: Angehörige der Wider-
standsgruppe «Vereinigte Kletterabtei-
lung» in ihrem Versteck, einer Höhle
in der Sächsischen Schweiz, nahe der
tschechoslowakischen Grenze. Durch
diese Widerstandsgruppe wurde die
Verbindung zwischen der KPD in
Deutschland und der Abschnittsabtei-
lung der KPD in der Tschechoslowakei
hergestellt. – Bild unten: «Heraus mit
Thälmann», eine kommunistische Pa-
role.
«Bereits am 3. März 1933 erklärten sich dreihundert Hochschullehrer aller Richtungen in einem Wahlaufruf für Hitler,
während die Masse der Studenten schon beträchtlich früher ihren Übertritt ins nationalsozialistische Lager vorgenommen
hatte: bereits im Jahre 1931 verfügte die Partei an den Hochschulen mit 50% bis 60% der Stimmen über eine doppelt so
hohe Anhängerschaft wie im Reichsdurchschnitt . . . Trotz der fast durchwegs abstrusen Elemente und Zusammenhänge
[seiner] Weltanschauung konnte sich der Nationalsozialismus nicht nur auf den Irrwitz dunkelschwelgender Eigenbrötler
berufen, sondern nicht minder auf die Autorität von Universitätslehrern, politisierenden Rechtsanwälten, Dichtern oder
schriftstellernden Studienräten.» (Hans Joachim C. Fest)
«Nicht Leitsätze und Ideen seien die Regeln eures Seins! Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche
Wirklichkeit und Ihr Gesetz!» rief im November 1933 der weltbekannte Philosoph Martin Fleidegger seinen Studenten zu.
Opportunismus, Überzeugung, die Woge des nationalen Hochgefühls und politische Kurzsichtigkeit liessen zahlreiche Intel-
lektuelle aus allen Gebieten des kulturellen Schaffens ihren Beitrag für Hitlers Staat leisten. Erst als sie die totale Dik-
tatur der nationalsozialistischen Weltanschauung in Presse, Film, Theater, Musik, Malerei und Wissenschaft spürten, began-
nen viele den Verlust der Freiheit zu bedauern. In der gefestigten Machtstruktur des Dritten Reiches konnten sie ihren
Widerstand jedoch nur noch «zwischen den Zeilen» zum Ausdruck bringen. – Oben links: Der Publizist Carl von Ossietzky
als Häftling in einem Konzentrationslager, wo er sich für seine Gesinnung zu Tode quälen liess. Mutig widerstand er dem
Ansinnen der nationalsozialistischen Machthaber, auf den Nobelpreis zu verzichten, womit er seine Freiheit hätte erkaufen
können. – Oben rechts: Ernst Mühsam, Literat und Politiker, der als Häftling im Konzentrationslager Oranienburg 1934
zu Tode geprügelt wurde.
Die meisten evangelischen Kirchenmänner stellten sich zu Beginn des Dritten Reiches hinter das «nationale Erwachen».
Erst als sie die feindlichen Absichten Hitlers erkannten, gingen viele von ihnen zum Widerstand über. Was diesen Wider-
stand der evangelischen Kirche herausforderte, war zunächst das Verhalten der «Glaubensbewegung Deutsche Christen»
unter ihrem Reichsbischof Ludwig Müller, über den Hitler glaubte, die evangelische Kirche gleichschalten zu können. Die
«Deutschen Christen» bekannten sich zum Arier Paragraphen und in ihren radikalsten F ormulierungen zum «heldischen
Jesus», wollten grundsätzlich auf die «ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus» verzich-
ten und verunglimpften das Alte Testament als «ein Buch von Viehjuden und Z.uhältern». Gegen diese Irrlehre wandte sich
der «Pfarrernotbund», der bereits durch einen Aufruf Pastor Niemöllers (rechte Seite, oben rechts) am 21. September 1933
ins Leben gerufen wurde. Aus ihm entwickelte sich die «Bekennende Kirche», deren Widerstand Hitler bis zum Zusam-
menbruch des Dritten Reiches trotz Verfolgung, Terror und zahlreicher Schikanen nicht zu brechen vermochte. Auf der
Barmer Synode im Juni 1934 sagte sie dem Totalitätsanspruch des Dritten Reiches den Kampf an: «Wir verwerfen die fal-
sche Lehre, als sollte und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung mensch-
lichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.» Daraufhin wurden die Landesbischöfe Hans
Meiser von Bayern (rechte Seite, oben links) und Theophil Wurm von Württemberg (rechte Seite, unten links) ihrer Ämter
enthoben und unter Hausarrest gestellt. In zahlreichen Schreiben protestierte Wurm später gegen die Tötung von Geistes-
kranken und die Greueltaten gegen Kriegsgefangene und fremde Zivilbevölkerung. 1943 erhoben Wurm und Meiser offen
HANS MEISER MARTIN NIEMÖLLER
und mutig ihre Stimme gegen die entsetzlichen Judenverfolgungen. – Unten rechts: Landgerichtsdirektor a. D. Friedrich
Weissler, ein führender Laie in der «Bekennenden Kirche» und Mitverfasser der Denkschrift vom Mai 1936, die sich gegen
die Judenhetze, gegen die Konzentrationslager und die Methoden der Gestapo wandte, wurde am 19. Februar 1937 im KZ
Sachsenhausen ermordet.

THEOPHIL WURM FRIEDRICH WEISSLER


«Anerkennung des jungen Reiches durch zweitausendjährige Macht der Kirche», aussen- und innenpolitisches Prestige, das
waren die Motive Hitlers, die ihn dazu brachten, bereits am 20. Juli 1933 mit dem Heiligen Stuhl ein Konkordat
abzuschliessen. Die Freiheit der katholischen Kirche in Hitlers Deutschland rechtlich zu verankern, war das Ziel Papst
Pius' XI.: «Im Rahmen des Menschenmöglichen die Spannungen und Leiden zu ersparen, die andernfalls unter den damaligen
Verhältnissen mit Gewissheit zu erwarten gewesen wären.» Obwohl Hitler sich nicht davor scheute, das Konkordat zu
brechen, war den Gläubigen dadurch doch eine klare Linie des Widerstandes gegeben, auf die sie sich immer wieder
berufen konnten. – Bild oben: Nuntius Pacelli und Franz von Papen bei der Unterzeichnung des Konkordats in Rom. –
Unten rechts: Erich Klausener, Leiter der katholischen Aktionen in Berlin, mutiger Bekenner seines Glaubens, wurde während
der Morde anlässlich der Beseitigung Röhms am 30. Juli 1934 von der SS in seinem Büro erschossen. Kardinal Erzbischof
Michael Faulhaber von München (unten links) und Kardinal Bertram von Breslau (unten Mitte) warnten
und protestierten immer wieder öffentlich gegen die Verfolgungen der katholischen Kirche und die unsitt-
lichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie. In der päpstlichen Enzyklika «Mit brennender
Sorge», von Kardinal Faulhaber verfasst und von Papst Pius XI. (Bild oben) verkündet, wurde die
nationalsozialistische Weltanschauung hart und eindeutig verurteilt: «Wer die Rasse oder das Volk oder
den Staat . . . zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert,
der verkehrt und verfälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.»
Nach der Machtergreifung waren die Differenzen zwischen
Hitler und Röhm (Bild links) über die Rolle der SA wieder
stärker zutage getreten. Hitler wollte in ihr lediglich ein
Instrument der Partei im Kampf um die politische Macht
sehen, während sie für Röhm in erster Linie ein Wehrver-
band war, den er unter seiner Führung mit der Reichswehr
zu einer Miliz verschmelzen wollte. Diese Zielsetzung Röhms
wurde von Hitler jedoch abgelehnt.
Einmal wäre er dann als «politischer» Führer vom «militäri-
schen» Führer Röhm abhängig gewesen, und zum anderen
brauchte er den Sachverstand des bestehenden Offizierskorps
der Reichswehr, um sich von ihm eine moderne und schlag-
kräftige Armee aufbauen zu lassen. Als die brachliegenden
revolutionären Energien der SA, die sich noch dazu um
ihren Sieg betrogen fühlten, immer stärker zur Aktion
drängten und die Gerüchte von einer «Zweiten Revolution»
nicht verstummen wollten, schlug Hitler, unterstützt von
Reichswehrminister von Blomberg (unten rechts) und Hein-
rich Himmler (unten links), am 30. Juni 1934 überraschend
und blutig zu. Ohne jegliche gesetzliche Grundlage wurden
Röhm und über 130 weitere potentielle Gegner des Natio-
nalsozialismus ermordet. Das Volk, das glaubte, von den
kriminellen und radikalen Elementen befreit worden zu
'WWU*

sein, und die Armee, die glaubte, einziger Waffenträger blei-


ben zu können, waren aber schliesslich doch die Verlierer.
Der Gewinner war Heinrich Himmler und seine SS, deren
Aufstieg nun nichts mehr im Wege stand. «Gewehr bei Fuss»,
überliess die Reichswehr das schmutzige Geschäft der SS.
«Dass die Reichswehrführung selbst die Ermordung zweier
Generäle [von Schleicher und von Bredow] trotz empörten
Widerspruchs aus Armeekreisen stillschweigend hinnahm»,
schreibt Hermann Mau, «zeigt, dass sie sich auf eine dunkle
Weise gebunden fühlte. Mit Notwendigkeit erwuchs daraus
Zwiespalt in einem Offizierskorps, das seinen inneren Zusammenhalt gesichert glaubte. Die kalte Revolution hatte die
Keime der Zersetzung auch in das geschlossenste Gefüge gesenkt, das es in Deutschland noch gab. Das war Hitlers grösster
Triumph am 30. Juni.» Der erste Schritt zur Verhinderung eines geschlossenen militärischen Widerstandes war getan. –
Bild unten: «Blitzschnelle Entschlusskraft, Angriffsgeist und Ritterlichkeit im Kampf, das sind die Eigenschaften des Fechters,
die sich auch in der Haltung dieser Gruppe von Säbelfechtern der SS ausdrücken», schreibt die Propaganda. Fechten, Reiten,
Boxen, Motorsport, Turnen, Leichtathletik, die Appellation an Entbehrungen, an die Unterwerfung des egoistischen Eigen-
willens, an Kameradschaft und an den absoluten Gehorsam machten die SS, die sich selbst als elitärer Ordnungsfaktor ver-
stand, zur stets einsatzbereiten Exekutive des Führerwillens. Ihre Aufgabe war, «alle offenen und verborgenen Feinde des
Führers und der nationalsozialistischen Be-
wegung ausfindig zu machen, sie zu be-
kämpfen und zu vernichten» (Himmler), ihr
Mittel die schrankenlose Polizeigewalt ei-
nes totalen Staates. Trotz aller Schrecken,
die sich heute mit dem Begriff der SS ver-
binden, muss sie als ein komplexes Gebilde
betrachtet werden, dessen Mitglieder kei-
nen einheitlichen Typus darstellten. «Man
muss unterscheiden», schreibt Professor
Gebhardt, «zwischen der allgemeinen SS
als einer Art vornehmer SA, der Waffen-SS,
die ursprünglich nur aus besonders zuver-
lässigen Freiwilligen bestand, aber deren
Rekruten zuletzt ähnlich wie bei der
Wehrmacht eingezogen wurden, und Po-
lizeibeamten, die vom Beruf her den
Übertritt zur SS vollzogen. Kriminelle
Elemente fanden sich in den Kommando-
stellen und bei den Bewachungsmann-
schaften der KZ- und Vernichtungslager.
Unter den begabten, oft aus gut bürger-
lichem Hause stammenden, nicht selten
akademisch gebildeten Mitarbeitern des
Reichssicherheitshauptamtes gab es den
Typus des Kriminellen aus ideologischer
Besessenheit.» Ihre Gegner waren alle, die
sich dem Führer widersetzten, die Wider-
stand leisteten in Deutschland und später
in den besetzten Gebieten Europas.
Bedingungsloser Gehorsam, Kriminalität,
ideologische Besessenheit, Opportunismus
und Karrieredenken liessen Angehörige
der SS mit Wissen und Willen ihrer Führer
Hitler und Himmler Verbrechen begehen,
vor denen heute noch die Welt erschauert.
Die Abbildungen oben zeigen von links:
Oswald Kaduk, Hans Stark, Stefan Ba-
retzki, Victor Capesius und Wilhelm Bo-
ger, Namen, die als Symbole der Un-
menschlichkeit nicht mehr vergessen wer-
den können.
i

Bild, oben: Rekruten während der Vereidigung. – Eine Stunde nach dem Ableben des Reichspräsidenten von Hindenburg am
2. August 1934 wurde das Gesetz erlassen, mit dem die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers vereinigt
wurden. Noch am gleichen Tage liess Hitler auch die Armee auf seine Person vereidigen:
«Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Ober-
befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid
mein Leben einzusetzen.» Mit diesem Eid hat sich die Wehrmacht direkt und bedingungslos an die Person Adolf Hitlers
gebunden, eine Bindung, die später viele Soldaten nicht überwinden konnten, um sich dem Widerstand gegen Hitler anzu-
schliessen. Weitere Gründe, die den Widerstand gegen Hitler so schwer machten, waren seine grossen innen- und aussenpoliti-
schen Erfolge, die von einem zentral gesteuerten Informationswesen ins Gigantische gesteigert und allein ihm zugeschrieben
wurden. Beseitigung der Arbeitslosigkeit, stabile innenpolitische Verhältnisse, die Rückkehr der Saar, militärische Gleich-
berechtigung, Flottenabkommen, Besetzung des Rheinlandes und der Anschluss Österreichs verschafften ihm eine ungeheure
Autorität und Bewunderung in weitesten Schichten des deutschen Volkes. – Linke Seite, unten: Hitler fährt durch das
jubelnde Saarbrücken. – Bild oben: Hitler zieht an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees unter dem Jubel
des internationalen Publikums in das Olympiastadion in Berlin ein. – Bild unten: Hitler spricht nach dem Anschluss
Österreichs an das Deutsche Reich vor den begeisterten Zuhörern, die sich auf dem Heldenplatz in Wien versammelt haben.
Nach der Beseitigung aller demokratischen Einrichtungen und der Zerschlagung und Gleichschaltung sämtlicher eigenständi-
gen politisch relevanten Gebilde war die Wehrmacht als einziger Machtfaktor übriggeblieben,der Hitler noch erfolgreich Wi-
derstand hätte entgegensetzen können. Gleich nach der Machtergreifung, als Hitlers Machtstellung noch nicht gefestigt war,
hofierte er der Generalität. Er brauchte ihren Sachverstand, um sich damit ein Instrument auf bauen zu lassen, mit dem er später
seine aussenpolitischen Ziele verwirklichen konnte. Bereits am 2. Februar 1933 hielt er eine Ansprache vor den höchsten
Befehlshabern und versprach die Aufrüstung der Wehrmacht, die «Ertüchtigung der Jugend und Stärkung des Wehr-
willens mit allen Mitteln» und dass die Wehrmacht
«unpolitisch und überparteilich» bleiben werde. Vor-
nehmlich unterstützt von dem ihm ergebenen Reichs-
minister General von Blomberg und Oberst von
Reichenau (oben links), versuchte er, die Generalität
durch Gunstbeweise aller Art für sich zu gewinnen.
Die Mehrheit des Offizierskorps begrüsste diese Hal-
tung. Von der jüngeren Generation sympathisierte
ohnehin schon ein grosser Teil mit dem National-
sozialismus, und auch die Alteren sahen zunächst in
Hitlers Politik keine Gefahr, weder für ihren Stand
noch für ihr Vaterland. Im Gegenteil, die Aufrüstung
(linke Seite, unten: Moderne Panzer begeistern Mili-
tärs und Zivilisten auf dem Nürnberger Parteitag
1936) und die stärkere Betonung des Militärischen
verschaffte ihrem Stand weiteres Ansehen und ihrem
Leistungsehrgeiz verlockende Aufgaben. Befreit von
der «lästigen Politik», eingeschränkt durch die Kate-
gorien von Befehl und Gehorsam und beschränkt auf
militärische Aufgaben, nahm ihr Soldatenleben wie-
der einen Aufschwung. Mit einer gewissen Selbst-
zufriedenheit bekundete Generaloberst von Fritsch
sein Verhältnis von Beruf zu Politik, das für so viele
Offiziere typisch war: «Ich habe es mir zur Richt-
schnur gemacht, mich von jeder politischen Tätigkeit
fernzuhalten . . . Zur Politik fehlt mir alles.» Diese
weitverbreitete Abstinenz von der Politik war mit
ein Grund dafür, dass sie dem Politiker Hitler zum
Opfer fielen. Als die überhastet vorangetriebene Auf-
rüstung eine organische Entwicklung der Wehrmacht
zu verhindern drohte und diesbezügliche Warnungen
von Blomberg und seiner Umgebung heftiger wurden,
beschloss Hitler, sich bei der «Blomberg-Fritsch-Kri-
se» seiner potentiellen Widersacher zu entledigen. Als
bekannt wurde, dass von Blomberg sich mit einer stadt-
bekannten Halbweltdame vermählt hatte, sah er sich
veranlasst, am 27. Januar 1938 seinen Abschied zu
nehmen. Sein natürlicher Nachfolger, der Chef der
Heeresleitung, Generaloberst von Fritsch (rechts),
wurde das Opfer einer üblen Intrige und am 4. Februar
aus seinem Amt entlassen. Gleichzeitig übernahm Hit-
ler selbst den unmittelbaren Oberbefehl über die Wehr-
macht und schuf als Befehlsinstrument das Ober-
kommando der Wehrmacht unter dem willfährigen
General Keitel (oben Mitte). Des weiteren enthob er
16 Generäle ihres Kommandos und verdrängte dar-
über hinaus auch konservative Gegner, wie Aussen-
minister von Neurath und Wirtschaflsminister Schacht,
aus ihren einflussreichen Positionen. «Die Folge der
Fritsch-Krise für die Wehrmacht», schreibt Professor
Gebhardt, «war ihre weitgehende innere Gleichschal-
tung. Dennoch blieb das Misstrauen Hitlers gegen das
Offizierskorps zu recht wach. Denn es begann sich
nun, von Einzelnen ausgehend, eine Opposition zu
bilden, die schliesslich zum Widerstand wurde.»
Linke Seite, oben rechts: Generaloberst Kurt Freiherr
von Hammerstein-Equord war schon 1933 zum
Widerstand gegen Hitler bereit. Im Polenfeldzug
vorübergehend wieder mit dem Oberbefehl über eine
Armee im Westen betraut, wollte er Hitler anlässlich
einer Truppenschau gefangennehmen. Hitler jedoch
sagte die Einladung nach einigen Tagen wieder ab
und versetzte den Generalobersten erneut in den
Ruhestand.
In seiner Weisung an die Wehrmacht vom 30. Mai 1938 gab
Hitler seinen ersten Angriffsplan bekannt: «Es ist mein
unabänderlicher Entschluss, die Tschechoslowakei in abseh-
barer Zeit zu zerschlagen.» Dem Heer stellte er die Auf-
gabe «Böhmen und Mähren in Besitz zu nehmen . . . in das
Herz der Tschechoslowakei vorzustossen». Generalstabschef
des Heeres, Ludwig Beck, der eifrigste und konsequenteste
militärische Gegner Hitlers, warnte vor einem europäischen
Krieg, «der nach menschlicher Voraussicht mit einer nicht
nur militärischen, sondern auch allgemeinen Katastrophe
für Deutschland endigen werde». Als es ihm nicht gelang,
den Oberbefehlshaber des Heeres, von Brauchitsch, dazu zu
bewegen, eine allgemeine Opposition der Generale einzu-
leiten, trat er zurück.
Sein Nachfolger, General Halder (rechts), war bereit, den
Staatsstreich zu wagen, falls Hitler den Krieg beginnen
würde und die Westmächte zum Kämpfen bereit wären.
Diese «entscheidende aussenpolitische Voraussetzung für die
Durchführung des Unternehmens trat aber nicht ein: Die
Westmächte blieben nicht fest. Es kam zur Konferenz von
München, die Hitler einen weiteren billigen Triumph
brachte und sein Ansehen im deutschen Volk geradezu ins
Unermessliche steigerte. Obwohl die britische Regierung
genau über das Vorhaben der deutschen Opposition orien-
tiert war, setzte Chamberlain (linke Seite, oben mit Reichs-
aussenminister von Ribbentrop) auf die Karte Hitler. Dieser
Aktionsplan vom Spätsommer 1938 ist wohl der einzige
gewesen, der gewisse Aussichten hatte und bei Gelingen zu
einer Wendung der Dinge ohne grosses Blutvergiessen hätte
führen können» (Walter Hofer). Linke Seite, unten: Bei sei-
ner Ankunft in München schreitet der französische Minister-
präsident Daladier die Front der Ehrenkompanie der SS ab.
– Bild unten: Mit durch die Haltung der Westmächte beein-
flusst, entschliesst sich Stalin, mit Deutschland einen deutsch-
russischen Nichtangriffspakt zu unterzeichnen (links von Ribbentrop, daneben Stalin, sitzend Aussenminister Molotow bei der
Unterzeichnung, daneben der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg). Für Hitler war das der Auftakt,
seine kriegerischen Ziele in Angriff zu nehmen, für den militärischen Widerstand war dies jedoch ein schwerer Rückschlag.
Jeweils am 8. November des Jahres hielt Hitler im Bürgerbräukeller in München vor den «alten Kämpfern» seine Rede zum Geden-
ken an den Putsch vom 8. November 1923. Kurz nachdem Hitler am 8. November 1939 vorzeitig den Saal verlassen hatte, explodierte
eine Bombe, wodurch 63 Versammlungsmitglieder verletzt und sechs getötet wurden. Während die Hintergründe dieses Attentats bis
heute noch nicht restlos geklärt werden konnten, sah Hitler in seiner Errettung «nur eine Bestätigung» dafür, «dass die Vorsehung
mich mein Ziel erreichen lassen will». Der bewusst gepflegte mythische Nimbus des «Führers» erfuhr dadurch eine weitere Steige-
rung. – Oben links: Der zerstörte Bürgerbräukeller nach dem Attentat. – Oben rechts: Der Attentäter Georg Elser. – Bild unten: von
links: Obersturmbannführer Huber, Oberführer Nebe, Heinrich Himmler, SS-Gruppenführer Heydrich und Oberführer Heinrich
Müller, die Mächtigen in Hitlers Polizeiapparat, «besprechen das Ermittlungsergebnis».
Mit Röhms Tod ist die Mordserie zu Ende

«Mach auf, los! Ich bin es, Adolf», hört man Hitler Auf die Zeitung legt Eicke eine geladene Pistole. Röhm
unten schreien. soll Selbstmord begehen.
«Was ist denn los?», sagt Röhm drinnen, während er Dieser lehnt ab: «Das soll der Adolf gefälligst selber
sich hastig ankleidet. «Ich denke, du kommst erst am tun!»
Nachmittag?» Eicke kehrt mit zwei SS-Männern zurück. Röhm will
Als er endlich die Tür öffnet, überfällt ihn Hitler mit noch etwas sagen, aber schon schiessen die beiden SS-
einer Flut von Schimpfworten. Leute. Röhm bricht zusammen – und mit ihm die letzte
«Du bist verhaftet! Du Verräter, du Lump, du Gefahr für Hitler. Mit Röhms Tod ist die Mordserie zu
Schwein ...!» Ende.
Röhm und die anderen SA-Führer werden verhaftet Aber trotz dieses eindeutig verbrecherischen Verhaltens
und nach München ins Gefängnis Stadelheim über- der obersten Staatsführung, das auch nicht durch den
führt. leisesten Schein der Legalität gedeckt ist, gelingt es
Inzwischen ist die Aktion auch in Berlin angelaufen. Hitler, sich vor dem Volk abermals als Retter feiern
Göring leitet sie, unter Assistenz von Heydrich. In zu lassen. In seiner Rechtfertigungsrede vor dem
Berlin ist die Kadettenanstalt Gross-Lichterfelde Reichstag weiss er sich geschickt in der Rolle des an-
Schauplatz der Hinrichtungen. Hier sind auch drei ständigen Menschen zu präsentieren, dem das Volk für
SS-Führer unter denen, die exekutiert werden. Die sein entschiedenes Vorgehen erneut zu Dank verpflich-
Erschiessungen werden von einem SS-Kommando aus tet sei:
Himmlers Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht- «Während sich der brave alte SA-Mann über ein Jahr-
Strasse durchgeführt. zehnt für die Bewegung durchgehungert hatte, wurden
Aber es finden nicht nur Verhaftungen mit anschliessen- hier besoldete Truppen gebildet, deren innerer Charak-
der Hinrichtung statt. Manche Opfer dieses blutigen ter und deren Zwecksetzung durch nichts besser erhellt
Samstags werden dort erschossen, wo man sie antrifft. wird als durch die furchtbaren Straflisten der darin ge-
General von Schleicher wird daheim an seinem Schreib- führten Elemente. Ich führte erneut schwerste Be-
tisch erschossen, ebenso seine Frau, die sich den Mör- schwerde gegen die sich häufenden unmöglichen Ex-
dern in den Weg stellt. zesse und forderte die nunmehrige restlose Ausmerzung
Der frühere «Reichsorganisationsleiter» Gregor Stras- dieser Elemente aus der SA, um nicht Hunderttausende
ser wird an seinem Arbeitsplatz in den Schering- von alten Kämpfern durch Einzelne minderwertige
Werken verhaftet und in der Prinz-Albrecht-Strasse in Subjekte um ihre Ehre bringen zu lassen ...
einer Zelle erschossen. Mitgefangene hören ihn noch Im Monat Mai [1934] liefen bei einigen Partei- und
lange stöhnen, bis er verblutet ist und der Tod seinen Staatsstellen zahlreiche Anklagen über Verstösse höhe-
Qualen ein Ende macht. rer und mittlerer SA-Führer ein, die, aktenmässig belegt,
Dr. Klausener, Leiter der Katholischen Aktion und nicht abgestritten werden konnten. Von verhetzenden
Vertrauter des Vizekanzlers Papen, zählt in seinem Reden bis zu unerträglichen Ausschreitungen führte
Arbeitszimmer im Verkehrsministerium eben sein Ge- hier eine gerade Linie ...
halt, das ihm der Buchhaltungsangestellte gebracht Alle die Grundsätze, durch die wir gross geworden
hat. Es ist ja Ultimo, Gehaltstag. Da betreten zwei waren, verloren hier ihre Geltung. Das Leben, das der
SS-Männer das Zimmer. «Sind Sie Dr. Klausener?» Stabschef und mit ihm ein bestimmter Kreis zu führen
und schon knallen auf die bejahende Frage hin zwei begannen, war für jede nationalsozialistische Auffas-
Schüsse. sung unerträglich. Es war nicht nur furchtbar, dass
Der frühere bayerische Staatskommissar Dr. von Kahr, er selbst und sein ihm zugestandener Kreis alle Gesetze
dessen separatistische Putschabsichten Hitler einst im von Anstand und einfacher Haltung brachen ... Das
November 1923 zu einem nationalen Aufstand um- Schlimmste aber war, dass sich allmählich aus einer
wandeln wollte, wird erschlagen im Dachauer Moor bestimmten gemeinsamen Veranlagung heraus in der
gefunden. SA eine Sekte zu bilden begann, die den Kern einer
Auch am Sonntag hält das Morden noch an. Erst am Verschwörung nicht nur gegen die moralischen Auf-
Montag, dem 2. Juli 1934, ist alles zu Ende. SA-Stabs- fassungen eines gesunden Volkes, sondern auch gegen
chef Ernst Röhm ist das letzte Opfer. Der Komman- die staatliche Sicherheit gab ...»
dant des KZ Dachau, Theodor Eiche, bringt ihm den Was Hitler hier über die verbrecherischen Elemente in
«Völkischen Beobachter», die Parteizeitung, in die der SA und über die moralischen Verfehlungen ihrer
Zelle. Unter der blutigroten Schlagzeile stehen die Führer angibt, entspricht bestimmt den Tatsachen. Was
Namen der Freunde und Kameraden Röhms, die be- jedoch nicht stimmt, was gelogen ist, ist seine ehrliche
reits erschossen worden sind. Entrüstung darüber. Denn Hitler weiss schon längst

89
Widerstand in Deutschland 1933-1934

über diese Tatsachen Bescheid, sie haben ihn bis jetzt für rechtens erklärt». Er schickt auch Hitler noch ein
nicht gestört und sie würden ihn weiterhin nicht ge- Danktelegramm dafür, «... dass Sie durch Ihr ent-
stört haben, hätte er die SA auch weiterhin für seine schlossenes Vorgehen und Ihr mutiges persönliches
Machtinteressen benötigt. Denn trotz aller zur Schau Eingreifen alle hochverräterischen Umtriebe im Keime
gestellten und vom Volk geglaubten und geteilten erstickt haben».
Empörung geht es Hitler nicht um die Moral, sondern Reichswehrminister von Blomberg überbringt Dank-
auch hier im Falle Röhm lediglich um die Macht, die er sagung und Glückwünsche der Reichswehr sogar per-
allein für sich und mit allen Mitteln zu erringen sucht. sönlich. Ausserdem erlässt er einen Tagesbefehl an die
Ganz im Sinne der Propagandaanweisungen berichtet Reichswehr, in dem es heisst:
auch die deutsche Presse, dass der Reichskanzler durch «Der Führer bittet uns, zu der neuen SA in herzliche
sein entschlossenes Handeln eine ungeheuere Gefahr Beziehungen zu treten. Dies zu tun, werden wir in
von Deutschland abgewandt habe. Reichspräsident dem Glauben an ein gemeinsames Ideal freudig bereit
von Hindenburg bestätigt das sofort in einem Gesetz, sein!»
das die Hinrichtungen nachträglich «als Staatsnotwehr Nicht nur, dass von Blomberg nun, da Hitler auf Druck

Promemoria eines bayerischen Richters zu den Juni-Morden 1934

Promemoria ner. Dieses Gesetz ist rechtswidrig und ungültig. Der Ge-
setzgeber kann zwar unabsehbar Vieles mit Rechtswirksam-
Nach den Juni-Morden 1934 hatte ich das Gefühl, dass jetzt keit anordnen, aber nicht alles. Die Grenze seiner Befug-
etwas Entscheidendes geschehen könne. Ich wusste zwar nisse zu überschreiten, ist er in ruhigen Zeiten kaum je ver-
nicht, dass es schon irgendwo Widerstandskräfte gebe, aber anlasst. So konnte in der Rechtslehre die irrige Meinung
immerhin war die Marburger Rede Papens vorangegangen, entstehen, der Gesetzgeber vermöge in Kraft zu setzen, was
wir hatten noch vorwiegend unsere alten Beamten und ihm beliebt; er sei die «Quelle» des Rechts. Der Gegen-
Generale, und mir schien es, man könne mit irgendeinem beweis kann hier nur mittels eines Beispiels geführt werden.
entschlossenen Schritt selbst von verhältnismässig unbeach- Gibt es einen Menschen auf der Welt, der ein Gesetz für
teter Stelle aus die Lawine auslösen, die das Schandregime gültig hielte, wonach jeder deutsche Staatsbürger verpflich-
verschlingen könne. Ich war daher sehr dankbar, als der tet wäre, sich an bestimmten Tagen des Jahres von Mörder-
Präsident meines Gerichts in den ersten Julitagen an mich trupps, die die Regierung aussenden werde, nach deren
herantrat und mich bat, ihm doch etwas vorzuschlagen, Gutdünken widerstandslos töten zu lassen? Ein solches Ge-
womit wir diesem Unwesen entgegentreten könnten. Ich setz wäre ohne allen Zweifel null und nichtig. Ein solches
sagte ihm darauf, ich könne ihm am nächsten Tag einen Gesetz haben wir aber in dem oben angeführten vor uns;
solchen Vorschlag vorlegen. Demgemäss riet ich ihm am nur bezieht es sich auf Vergangenes, nicht auf die Zukunft.
12. Juli 1934, die Räte des Gerichts zu versammeln und Es gibt freilich eine Rechtfertigung von Handlungen durch
ihnen folgenden Entwurf zur Beschlussfassung zu unter- Staatsnotwehr. Aber wenn Handlungen in Staatsnotwehr
breiten. Dieser Beschluss sollte dann heimlich gedruckt oder begangen sind, so bedarf es keines Gesetzes, um diese Recht-
sonst vervielfältigt und, auch in Gestalt von Plakaten, an fertigung erst herbeizuführen. Und waren die Handlungen
die Öffentlichkeit gebracht werden. Der Entwurf lautete nicht in Staatsnotwehr vorgenommen, so kann yie kein
folgendermassen: Gesetzgeber mit Hilfe eines Stückchens bedruckten Papiers
nachträglich in Staatsnotwehrakte verwandeln. Überdies
Beschluss.
kann der Verüber oder Veranlasser einer Tat zwar in Not-
Die Reichsregierung hat am 2. Juli 1934 das folgende Gesetz wehr handeln, jedoch nicht selber bindend darüber ent-
beschlossen und in Nr. 7 des Reichsgesetzblattes I S. 329 scheiden, ob er es getan hat. Hat der Gesetzgeber selbst
veröffentlicht: gewisse Taten verübt oder veranlasst, so kann auch er nicht
Richter in eigener Sache sein und sich nicht durch einen
«Einziger Artikel Missbrauch seiner gesetzgeberischen Gewalt selber schuldlos
machen. Ein solches Gesetz ist in Wahrheit eine Art gericht-
Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer lichen Urteils, und als vom Beschuldigten selbst erlassen,
Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Mass- nichtig.
nahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.» Notwehr kann nur gegen rechtswidrige Angriffe begangen
Unterzeichnet ist dieses «Gesetz» nicht nur von Hitler und werden. Ob und wieweit solche Angriffe stattgefunden
Frick, sondern auch von dem Reichsjustizminister Dr. Gärt- haben, entzieht sich noch heute jeder Beurteilung. Wie die

90
Dieses Gesetz ist rechtswidrig und ungültig

der Reichswehr deren ärgsten Gegner beseitigt hat, ihn waren Politiker, Hochverrat sollen sie betrieben haben
mit dem Parteititel «Der Führer» anspricht – er ent- – nun ja, dann hat sie auch die verdiente Strafe ge-
deckt plötzlich «freudig» die gemeinsamen Ideale der troffen.
SA und Reichswehr. Von den anderen Hingerichteten sagt man nicht einmal
Die Reichswehr, Mitwisser und passiver Mittäter, das, man begrüsst ihren Tod.
glaubt ihr Ziel erreicht zu haben, einziger Waffenträger Wer waren diese Leute denn? Die homosexuelle Ver-
der Nation zu bleiben, und die Ermordung zweier ihrer brecherbande um Heines und den Berliner SA-Führer
Generale, von Schleicher und von Bredow, hinnehmen Karl Ernst, die Folterkeller eingerichtet hatten für
zu können. Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler,
In der Bevölkerung selbst erhebt sich ebenfalls kein Missliebige. Der SS-Führer Toifl ist dabei, der im Ber-
Widerspruch. Hier macht sich die Mehrheit den Stand- liner Columbia-Haus am Potsdamer Platz Menschen
punkt der Regierung und der Propaganda zu eigen. zu Tode gefoltert hat.
Von den Ermordeten, von Schleicher, Klausener und Der Urheber der berüchtigten «Köpenicker Blut-
anderen, mag der «Mann auf der Strasse» denken: Das woche», der sadistische SA-Arzt Dr. Villain, gehört zu

vorgenommenen Tötungen beweisen, befanden sich die Ver- sind, wir wollen nicht einem solchen Arzte gleichen; wir
dächtigen in der Hand der Regierung. Warum hat man sie wollen das Recht in der Stunde der höchsten Gefahr nicht
nicht zur Haft gebracht und vor Gericht gestellt? Warum im Stich lassen. Den Tod und die irdischen Drangsale, die
hat man, wenn man schon an Richterstelle auftrat, nicht man über uns verhängen mag, fürchten wir nicht; wohl
wenigstens die Taten, auf die sich das Urteil beziehen aber fürchten wir die Schande und das Grauen, darein wir
sollte, genau bezeichnet? Das Gesetz glaubt, selbst dieser das deutsche Volk versinken sehen. Darum haben wir uns
Pflicht überhoben zu sein; es breitet den Mantel eines zusammengefunden und erklären, unseres Richtereides ein-
grauenvollen und gewissenlosen Verzeihens über alles, was gedenk, feierlich vor Gott und der Welt:
in jenen Freinächten geschehen ist, sei es, was es mag. Alle «Wenn wirklich die von der Reichsregierung verkündeten
unter dem entsprechenden Vorwand in jenem Zeitraum Grundsätze von nun an deutsches Recht sein sollen, so
vorgenommenen «Massnahmen» sollen in Bausch und Bogen haben wir mit diesem Rechte nichts mehr gemein. Wir sind
rechtmässig gewesen sein. Wie kann man eine Handlung als Richter, nicht Götzendiener.»
in Notwehr begangen hinstellen, wenn man die Handlung Der Präsident fand dies sehr gut, wünschte aber 24 Stun-
selbst nicht kennt und nicht zu kennen noch zu nennen den Bedenkzeit. Am nächsten Tag erklärte er den Vor-
wagt? Diese Art von Staatsnotwehr hat offenbar die Eigen- schlag für unausführbar. Zunächst fehle uns die Zuständig-
schaft, selbst bei Urteilslosen nur dank der strengsten Ge- keit. Ich erwiderte, es handle sich um eine ausseramtliche
heimhaltung ihres grausigen Anwendungsbereichs einigen Kundgebung; die Zuständigkeit ergebe sich aus unserem
Glauben finden zu können. Soll es etwa ein Staatsnotwehr- Beruf. Dann meinte er, einige Richter (ich glaube zwei)
akt gewesen sein, dass der alte Herr v. Kahr ermordet ständen doch bekanntlich auf der anderen Seite. Ich riet
wurde? Und wie soll dort Notwehr vor gelegen haben, wo ihm, diese Herren einfach nicht einzuladen. Nun kam sein
die Mörder einen Menschen umbrachten, der nicht einmal eigentliches Argument: es sei zu gefährlich. Die Gefahr
in irgendeinem Sinne verdächtig oder verhasst war, sondern konnte ich nicht bestreiten, wies aber darauf hin, dass es
mit einem anderen verwechselt wurde oder aus einem son- wohl nur uns beiden wirklich an den Kragen gehen werde;
stigen Irrtum einen schrecklichen Tod erleiden musste? Auch wenn schon einmal gestorben werden müsse, sei das doch
ein solches, wahrhaft zum Himmel schreiendes Verbrechen der schönste Tod, der für Freiheit und Recht. Übrigens sei
ist begangen worden; sein Opfer ist Dr. Willi Schmid in die Partei jetzt so erschüttert, dass wir, zumal das Volk
München. Und all das soll Notwehr gewesen sein, weil es beunruhigt ist, ja aufgewühlt sei, einen triumphalen Erfolg
dem Veranlasser, der zugleich Gesetzgeber ist, so beliebt? haben können: Sturz des Schandregimes und Rückkehr zur
Nimmermehr! Hier zeigt sich zugleich, wohin diese Theorie Vernunft. Das bot ihm nicht genug Sicherheit. Darum fügte
und die Ausschaltung der Gerichte führt; nicht nur die Ent- ich noch an, wenn er diesen Beschluss herbeiführe, werde
scheidung über die Schuld derer, die man herausgriff, bleibt sein Gericht von morgen ab das berühmteste der Welt sein.
der unnachprüfbaren Willkür überlassen; schon dass man Das machte ihn nochmals stutzig, vermochte ihn jedoch
nicht ganz andre Menschen umbringt, als man beabsich- von seinem Entschluss nicht mehr abzubringen. Er ver-
tigte, hängt allein vom Zufall ab. brannte meinen Entwurf vor meinen Augen und riet mir,
Von einem Arzt, der in Pestzeiten seine Dienste einstellt mit meinem Konzept ebenso zu verfahren. Damit war die
und das Weite sucht, ist nicht viel zu halten. Wir Richter Sache abgetan. Meinen Entwurf aber habe ich mir aufbe-
des Bayerischen ... gerichts, die wir unser Leben im Dienst wahrt und hier abgeschrieben.
des Rechts verbracht haben und in Ehren grau geworden (Aus: Vierteljahresbefle für Zeitgeschichte, Januar 1957.)

91
Widerstand in Deutschland 1933-1934

den Erschossenen. Auch der Sturmführer «Schweine- Augen geschlossen, da treten in allen Garnisonen
backe» aus Berlin ist dabei. Als die Erschiessungslisten Deutschlands die Soldaten an, schwarze Trauerflore
veröffentlicht werden, heisst es hinter den Namen der am linken Ärmel ihrer Waffenröcke. Es ist wahr-
Erschossenen immer wieder: « •.. wegen Misshandlung haftig ein Trauertag, dieser 2. August 1934. Die Solda-
und Ermordung von Schutzhaftlager-Insassen», « ... ten schwören ihrem neuen Staatsoberhaupt und Ober-
wegen Plünderung eines jüdischen Warenhauses», sten Kriegsherrrn den folgenden Schwur:
« ... wegen bewaffneten Überfalls ... Betrugs ... «Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem
Unterschlagung ... Verrat... Verrat... Verrat.» Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler,
Dem Volk wird es leicht gemacht, die Taten seiner dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten
Staatsführung zu billigen. Endlich wird Schluss ge- Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein
macht mit den unruhigen Zeiten, denn Ruhe, das ist will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen!»
alles, wonach die Menschen sich schon während der Nicht für das Volk, für das Vaterland, für die Freiheit
turbulenten Jahre der Republik mit ihren täglichen oder Unabhängigkeit des Deutschen Reiches, für die
politischen Morden, ihren lärmenden Demonstrationen, vielzitierte Ehre der Fahne schwört der Soldat, sein
Streiks und Strassenkämpfen gesehnt haben. Wenn Leben einzusetzen, nicht einmal für die Idee des
Hitler mit diesem schmerzhaften Schnitt ins eigene Nationalsozialismus – nein, nur für einen Menschen,
Fleisch seiner Partei diese Ruhe geschaffen hat, dann für Adolf Hitler.
kann man ihm nur «dankbar» sein. Der österreichische Agitator, der «Trommler», wie er
Nur einen Monat später tritt das Ereignis ein, auf das immer verspottet worden ist, der «verunglückte Maler»,
Hitler schon gewartet hat, und vor dem er bis zum von dem Hugenberg sprach, der Mann, von dem von
30. Juni, als er sich endlich zum Handeln entschloss, Papen sagte: «Wir haben ihn uns engagiert» – er ist
im geheimen Angst gehabt hat: Reichspräsident Gene- am Ziel. Adolf Hitler ist Alleinherrscher Deutschlands.
ralfeldmarschall Paul von Beneckendorff und Hinden- Ohne auf einen erfolgreichen Widerstand zu stossen, ist
burg stirbt auf seinem ostpreussischen Gut Neudeck im es ihm mit seiner Legalitätstaktik, mit der Verschleie-
Alter von 87 Jahren. Es ist der 2. August 1934. An rungstaktik seiner wahren Ziele und mit seiner Um-
diesem Tag stirbt nicht nur der Reichspräsident, son- armungsstrategie den Kirchen und dem Militär gegen-
dern mit ihm auch eine Epoche der deutschen Ge- über gelungen, das demokratische System der Weimarer
schichte. Verfassung zu beseitigen und an dessen Stelle seine
Oberst von Reichenau hat schon vorher die Eides- persönliche Diktatur in Deutschland aufzubauen. Die
formel ausgearbeitet, nach der die Offiziere und Sol- vielen, die ihn begeistert unterstützen, die ihn teil-
daten der Reichswehr dem neuen Staatsoberhaupt nahmslos gewähren lassen oder glauben, ihn für ihre
Treue geloben sollen. Wer dieses neue Staatsoberhaupt eigenen Zwecke ausnützen zu können, sie werden ihre
sein soll, darüber gibt es keinen Zweifel. Die entspre- damalige Haltung später bereuen.
chenden Gesetze sind nach dem 30. Juni, als Hitler die Die Mehrheit des Volkes wird erst nach dem Zusam-
Bedingung der Reichswehr erfüllt hat, bereits ausge- menbruch, nach Krieg, Zerstörung und Völkermord
arbeitet worden. merken, was es heisst, wenn ein Volk sich seiner demo-
Es wird gesetzlich bestimmt, dass die Amtsbezeichnung kratischen Rechte begibt und glaubt, in einer Diktatur
«Reichspräsident» für das Staatsoberhaupt abgeschafft ein besseres Leben führen zu können.
ist. Die beiden Ämter des Staatsoberhauptes und des Diejenigen jedoch, die noch während der Herrschaft
Regierungschefs werden zu einem Amt vereinigt. Der Hitlers den Weg zum aktiven Widerstand gefunden
Inhaber dieses höchsten Amtes und damit Allein- haben, haben zu Tausenden am eigenen Leibe ver-
inhaber der gesamten Staatsmacht wird in Zukunft spürt, wie schwer und gefährlich es ist, in einem totalen
«Führer und Reichskanzler» heissen. Sein Name: Adolf Staat, mit einer allgegenwärtigen, durch nichts be-
Hitler. schränkten Polizeigewalt, dem Aufruf des Gewissens
Kaum hat der Generalfeldmarschall in Neudeck die zum Handeln zu folgen.

92
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Kriegsabsichten und Friedensreden – Erfolge erschweren den Widerstand – Illegale Broschüren und Flugblätter –
Recht und Gerechtigkeit für alle – Volksopposition im Polizeistaat – Widerstand in Zwischentönen – Volksfronttaktik
der KPD – Ulbricht gegen Thälmann – Aufbau der illegalen KPD – Wie ein Kommunist sich bei der illegalen Arbeit
verhalten muss – 11 Gebote für das Verhalten Verhafteter – Es rumort in den Kirchen – Angriffe gegen die national-
sozialistische Weltanschauung – Pius XII.: Retten, was man retten kann – Mit brennender Sorge – Der kirchliche
Widerstand: eine Tatsache – Protestschrift der evangelischen Kirche – Ludwig Müller wird Reichsbischof – Pfarrer-
notbund – Bekennende Kirche – Niemöller-Prozess – Blomberg-Fritsch-Krise – Hitler wird Oberbefehlshaber –
Beck protestiert – Hitler soll festgenommen werden – Die Verschwörer sind bereit – Chamberlain rettet Hitler –
Totale Propaganda erschwert den Widerstand – Das Elser-Attentat – Der Krieg beginnt.

Hitler nutzt die nun unbeschränkte Macht, die ihm mit Weimarer Republik. Deutschland ist der einzige Staat
der Entmachtung der SA, der Überwindung der An- der Welt, der nach dem Ersten Weltkrieg unter dem
hänger einer «Zweiten Revolution», dem Tod des Druck der militärischen Niederlage abrüsten musste.
Reichspräsidenten und dem hunderttausendfachen Die anderen Mächte haben ihre Abrüstung auf den
Schwur der Soldaten zugefallen ist. Was der Republik deutschen Rüstungsstand im Versailler Vertrag verspro-
mit ihren vielen einander widerstrebenden Partei- chen, aber bisher nicht verwirklicht.
interessen nicht möglich war, kann der Alleinherrscher Wie so oft schon den Regierungen der Republik, ist nun
Hitler mit den Mitteln der Diktatur jetzt verwirklichen. auch der Regierung Hitler zugesichert worden, dass
Deutschland, da niemand abrüstet, die militärische
Will man verstehen, warum die breite Masse des Volkes Gleichberechtigung wieder zuerkannt werden soll. Der
und die führenden Persönlichkeiten der Einzelnen Ge- britische Botschafter in Deutschland, Phipps, hat das
sellschaftsschichten so wenig Widerstand gegen das Hitler selbst zugesagt.
Dritte Reich geleistet haben, so muss man unter anderen Aber in Genf wird die Gleichberechtigung Deutsch-
Faktoren auch die grossen Erfolge berücksichtigen, die lands wieder einmal um fünf Jahre vertagt – Frank-
Hitler mit diesen diktatorischen Mitteln zunächst ver- reich verlangt das, und Grossbritannien stimmt diesem
zeichnen konnte. Sowohl in der Innenpolitik als auch Antrag auf der Konferenz zu. Daraufhin ruft Hitler
in der Aussenpolitik erreicht er in den Jahren des die deutsche Delegation aus Genf zurück und verkün-
Friedens fast alles, was er sich zum Ziel gesetzt hat det Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund. Wie
und was vorerst auch von der überwiegenden Mehrheit auch später, so nimmt er schon diesen ersten wichtigen
des deutschen Volkes durchaus gebilligt wird. Denn in aussenpolitischen Schritt zum Anlass, die Volksmassen
erster Linie geht es in Deutschland in diesen Jahren immer mehr für sich zu gewinnen – er setzt Reichs-
lediglich darum, die wirtschaftliche und militärische tagsneuwahlen an. Es gibt nur eine Liste und dazu die
Ohnmacht des Staates zu überwinden. Dass Hitler diese Frage, ob der Wähler mit Hitlers Entscheidung, aus
wirtschaftliche und militärische Gesundung nur als dem Völkerbund auszutreten, einverstanden sei. Eine
Zwischenziel für seine weiteren, eigentlichen Ziele be- überwältigende Mehrheit stimmt für Hitler und gegen
trachtet, wird weder im Inland noch im Ausland hin- den Völkerbund.
reichend und beizeiten erkannt. Im Januar 1934, also ebenfalls noch vor seiner vollen
Auf dem Gebiet der Aussenpolitik beginnt der erfolg- Machtergreifung, unternimmt Hitler den nächsten
reiche Weg ins «Grossdeutsche Reich» mit dem Austritt wichtigen Schritt in der Aussenpolitik. Die Reichs-
Deutschlands aus dem Völkerbund im November 1933. regierung schliesst auf Initiative Hitlers einen Freund-
Die Westmächte, vor allem Frankreich, haben Deutsch- schafts- und Nichtangriffspakt mit Polen ab.
land abermals die Gleichberechtigung in der Rüstungs- Damit gelingt es Hitler einerseits, einen Keil zwischen
frage verweigert, wie schon zuvor in den Jahren der Frankreich und Polen zu treiben, und andererseits, sich

93
Widerstand in Deutschland 1934-1939

vor dem Volk und vor der Welt als wahrer Friedens- darauf erheben, wenn nur Frankreich dafür endlich
freund zu präsentieren. Denn Frieden, das ist es, was einsieht, dass man besser in Frieden miteinander lebt.
Hitler braucht, solange er militärisch noch nicht auf Seiner Taktik entsprechend, das «Grossdeutsche Reich»
der Höhe ist, und der Friede ist es, den er in den und den Kampf gegen «Versailles» im Munde und den
Reden jener Zeit immer wieder beschwört. Wer ihn «Raum im Osten» in Gedanken, geht Hitler systema-
hört und seinen Worten glaubt, muss zu der Überzeu- tisch voran. Am 13. Januar 1935 kehrt die Saar nach
gung gelangen, dass es in der Welt kaum einen fried- einer erfolgreichen Volksabstimmung (90% Ja-Stim-
liebenderen Staatsmann als Adolf Hitler geben kann. men) «heim ins Reich». Natürlich haben die Wähler im
Und dennoch verbirgt sich hinter diesen Friedensreden Saarland nicht für Hitler gestimmt, sondern für
ein ganz anderer Plan, den er unter Verschleierung sei- Deutschland, ihr Vaterland. Aber ebenso natürlich
ner letzten Ziele taktisch geschieht Schritt um Schritt kommt diese Entscheidung der Saarbevölkerung Hitler,
verwirklicht. Bereits aus seiner ersten Besprechung mit dem «Führer» des jetzigen Deutschland, zugute. Hitler
den Befehlshabern der Reichswehr am 3. Februar 1933, bucht, auch in den Augen der Welt, wieder einen aus-
die natürlich geheim gehalten wird, lässt sich diese Tak- senpolitischen Erfolg für sich.
tik ersehen: Den nächsten Schlag führt im Auftrag Hitlers sein
«Ziel der Gesamtpolitik allein: Wiedergewinnung «treuester Paladin» – wie er jahrelang genannt wird –
der politischen Macht...» Hermann Göring. Der Reichsluftfahrtminister verkün-
Daher: «Im Innern: Völlige Umkehrung der gegen- det den ausländischen Militärattaches am 10. März
wärtigen innenpolitischen Zustände in Deutschland. 1935,
Keine Duldung der Betätigung irgendeiner Gesin- vier Wochen nach dem Sieg an der Saar, dass Deutsch-
nung, die dem Ziel entgegensteht. Wer sich nicht bekeh- land nun von sich aus mit der militärischen Gleich-
ren lässt, muss gebeugt werden ...» und: «Nach aussen: berechtigung Ernst mache und bereits eine Luftwaffe
Kampf gegen Versailles...» aufgebaut habe. Die Weltpresse reagiert entrüstet.
Aber dieser Kampf gegen «Versailles», der vom gesam- Schon sechs Tage darauf unternimmt Hitler abermals
ten Volk unterstützt wird, der auch von allen Regie- einen Schritt zur Überwindung des «Diktats von Ver-
rungen der Weimarer Republik geführt wurde, ist für sailles». Am 4. März 1935 hat Grossbritannien in einem
ihn nicht das letzte Ziel: «Wie soll politische Macht, Weissbuch Aufrüstungsmassnahmen angekündigt; am
wenn sie gewonnen, gebraucht werden? Jetzt noch nicht 15. März, fünf Tage nach der Saarabstimmung, hat
zu sagen. Vielleicht Erkämpfung neuer Exportmöglich- das französische Parlament die Verlängerung der
keiten, vielleicht – und wohl besser – Eroberung neuen Wehrpflicht auf zwei Jahre und damit die Verdoppe-
Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Ger- lung der Präsenzstärke seiner Streitkräfte verkündet.
manisierung...» Am 16. März, einem Samstag, glaubt Hitler nun, den
Und Hitler sieht auch, welche Schwierigkeiten er zu- Versailler Vertrag brechen zu können. Über alle deut-
nächst überwinden muss: «Gefährlichste Zeit ist die des schen Reichssender gibt er die Wiedereinführung der
Aufbaus der Wehrmacht. Da wird sich zeigen, ob Wehrpflicht in Deutschland bekannt. Mit dem gegen
Frankreich Staatsmänner hat, wenn ja, wird es uns jeden Angriff von aussen wehrlosen Hunderttausend-
Zeit nicht lassen, sondern über uns herfallen, vermut- Mann-Heer der Weimarer Republik hat es damit ein
lich mit Osttrabanten .. Ende. Die von Hitler verkündete Stärke der nun offi-
ziell aufzubauenden Wehrmacht soll 36 Divisionen be-
Daher der Keil zwischen Frankreich und Polen. Daher tragen, rund 500’000 Mann.
die Friedensreden, in denen er sich immer wieder be- In dem kleinen Ort Stresa am Lago Maggiore treffen
sonders an Frankreich wendet. Er betont, dass Frank- sich die Vertreter der Regierungen Frankreichs, Eng-
reich und Deutschland im vergangenen Weltkrieg die land und Italiens, um unter Vorsitz des italienischen
grössten Opfer an Menschenleben gebracht haben, dass «Duce» Mussolini Massnahmen gegen Deutschland zu
sich trotz all der ungeheuren Blutopfer letztlich nichts beschliessen. Aber die nach dem Konferenzort be-
Entscheidendes in der Geschichte beider Völker geän- nannte «Stresa-Front» gebraucht zwar starke Worte,
dert habe, dass er selbst als einfacher Frontsoldat die doch die besprochenen «energischen Massnahmen» ge-
französischen Soldaten bewundere, dass er aus dem gen Deutschland bleiben aus. Die Wehrpflicht in
selbst erfahrenen Leid für den Frieden sei. Und dann Deutschland wird eingeführt – ohne Widerstand des
erklärt er gar, und das immer wiederholend: Deutsch- Auslandes.
land verzichtet feierlich und endgültig auf die Wieder- Es dauert nicht lange, da gelingt es Hitler sogar, die
vereinigung mit den alten deutschen Reichslanden eben erst entstandene «Stresa-Front» gegen Deutsch-
Elsass und Lothringen. Soll Frankreich diese deutschen land wieder zu zerbrechen.
Gebiete behalten – er, Hitler, will keine Forderung Kurz vor der Konferenz am Lago Maggiore ist

94
«Deutschland, will den Frie-
den»
Anthony Eden wieder bei Hitler gewesen, gemeinsam nur drei Bataillone als «Symbol der Wiederherstellung
mit dem britischen Aussenminister Simon. Hitler hat der deutschen Souveränität».
den beiden das Angebot gemacht, vertraglich eine Be- Auch diesmal bleibt eine ernsthafte Reaktion des Aus-
grenzung der deutschen Flottenstärke auf 35% der landes aus. Allein der französische Grenzschutz hätte
britischen Flotte festzulegen. Am 21. Mai 1935 hält ausgereicht, die drei deutschen Bataillone, die nach
Hitler vor dem Reichstag in der Kroll-Oper in Berlin Trier, Saarbrücken und Aachen marschieren, zurückzu-
eine weitere «Friedensrede»: «Deutschland braucht den treiben. Zwar alarmiert der französische Oberbefehls-
Frieden, und es will den Frieden! ... haber General Gamelin dreizehn Divisionen, die sich
Wer in Europa die Brandfackel des Krieges erhebt, der deutsch-französischen Grenze zubewegen. Aber
kann nur das Chaos wünschen. Wir aber leben in der von der Regierung in Paris ist keine Entscheidung zu er-
festen Überzeugung, dass sich in unserer Zeit nicht warten. Frankreich ist zu dieser Zeit in einer noch
erfüllt der Untergang des Abendlandes, sondern seine konfuseren innenpolitischen Situation als es die deut-
Wiederauferstehung. Dass Deutschland zu diesem gro- sche Republik in den Jahren ihres Niederganges war.
ssen Werk einen unvergänglichen Beitrag liefern möge, Der amerikanische Präsident Roosevelt sagt damals
ist unsere stolze Hoffnung und unser unerschütterlicher verzweifelt: «Wie soll man bloss mit den Franzosen
Glaube!» Zusammenarbeiten? In einer Woche habe ich es mit drei
Die Rede macht nicht nur beim deutschen Volk, son- verschiedenen Ministerpräsidenten zu tun!»
dern auch im Ausland einen guten Eindruck. Die Ver- Noch im gleichen Jahr erringt Hitler einen weiteren
kündung der Wehrpflicht erscheint manchem ausländi- Erfolg: Im August 1936 finden in Deutschlands Haupt-
schen Kritiker danach in anderem Licht. stadt Berlin die X. Olympischen Spiele der Neuzeit
Die führende britische Zeitung, die Londoner «Times», statt. Die Jugend der Welt eilt nach Berlin, mit ihr
schreibt schon am Tage nach der Reichstagsrede: «Wie Journalisten, Bildreporter, Filmleute und Prominenz
man sieht, ist die Rede massvoll, aufrichtig und um- aus allen Ländern der Erde.
fassend. Wer sie unvoreingenommen liest, kann nicht Hitler selbst eröffnet am 1. August die Olympiade in
bezweifeln, dass die von Mr. Hitler umrissene Politik dem neuerbauten Berliner Olympiastadion. Die her-
durchaus die Grundlage für eine vollständige Verstän- vorragende Organisation, der ungeheure Aufwand, der
digung mit Deutschland bilden könnte – mit einem alle vergangenen Olympiaden weit in den Schatten
freien, gleichberechtigten Deutschland anstelle des ge- stellt, die völkerversöhnende Stimmung unter den Teil-
demütigten Volkes, dem vor sechzehn Jahren der Frie- nehmern ebenso wie im deutschen Volk, Hitlers zu Frie-
densvertrag aufgezwungen wurde ...» den und Völkerfreundschaft aufrufende Eröffnungs-
Natürlich ist es vor allem Hitlers Angebot der deut- rede, die erstaunlichen Erfolge der deutschen Sportler
schen Flottenbeschränkung auf 35% der britischen – die deutsche Olympiamannschaft ist erstmals, und
Flottenstärke, das die «Times» so wohlwollend schrei- bis heute auch letztmals, die beste aller Nationen –,
ben lässt. Man glaubt in London, dass Hitler tatsäch- das alles trägt dazu bei, dass zum einen das deutsche
lich die Freundschaft mit England sucht, dass Hitler Volk den Stolz auf die eigene Leistung wieder einmal
eine Kolonialpolitik für Deutschland ablehnt, weil sie mehr anerkennend auf Hitler und den National-
zum Konkurrenzkampf mit dem britischen Weltreich sozialismus überträgt, und dass zum anderen die aus-
führen würde, und dass Hitler schon stets die Flotten- ländischen Gäste tief beeindruckt sind.
rüstung Kaiser Wilhelms und seines Grossadmirals Die Ausländer sehen ein Deutschland, das in keiner
Tirpitz verurteilt hat. Weise mehr dem im Chaos versinkenden Staat von
Das geheime Ziel Hitlers ist ja der «Raum im Osten», vor vier Jahren gleicht. Sie sehen ein von Hitler geein-
und dazu braucht er Ruhe im Westen. So kommt es im tes, ganz offensichtlich glückliches, fleissig schaffendes
Juni 1935, nach Verhandlungen in London, zu dem Volk. Und ein Volk, das den Frieden liebt.
deutsch-britischen Flottenabkommen, womit der Ver- Das von Hitler und seiner Partei immer wieder ver-
sailler Vertrag stillschweigend von beiden Seiten ge- kündete Schlagwort von der «Volksgemeinschaft», der
brochen wird. Satz «Gemeinnutz geht vor Eigennutz», Losungen wie
Ein weiterer Bruch geschieht am 7. März 1936. An «Ehret den Arbeiter» oder «Arbeit adelt» scheinen
diesem Tag lässt Hitler Garnisonen der Wehrmacht keine leeren Phrasen, sondern zur Wirklichkeit ge-
wieder in ihre alten Standorte im Rheinland einrücken, worden zu sein.
in die Gebiete rechts des Stromes, die nach dem Ver- Zuerst hat die Organisation des «Winterhilfswerks»
sailler Vertrag und nach dem 1926 abgeschlossenen unter dem Motto «Keiner soll hungern und frieren»
Vertrag von Locarno entmilitarisiert bleiben sollen. In mit grossen und umfassenden Spendenaktionen den
das linksrheinische deutsche Gebiet entsendet Hitler Ärmsten der Armen aus der bittersten Not geholfen.

95
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Die NSV, die «Nationalsozialistische Volkswohlfahrt», qualifizierter Arbeiter, die alle die langen Jahre hin-
organisiert Kinderferienreisen, gibt warmes Essen für durch verelendet gewesen waren, wieder zu Arbeit
bedürftige Mitbürger aus, sammelt Kleider, schafft und Brot... Und was hatten demgegenüber die frühe-
Müttererholungsheime und Kuraufenthalte für minder- ren Regierungen getan? Fast nichts!...
bemittelte «Volksgenossen». Ich wollte hier nur einiges Wenige von dem unbestreit-
Eine besondere Attraktion wird die KdF, die Organi- bar Positiven an Hitlers Wirken im Innern Deutsch-
sation «Kraft durch Freude». Jetzt können Arbeiter lands anführen, denn nur dadurch allein kann man den
für wenig Geld Urlaubsreisen machen. Die Organisa- richtigen Standpunkt für die Beantwortung der Frage
tion untersteht Dr. Ley, dem Leiter von Hitlers Ersatz- nach der Stellung Hitlers im deutschen Volk be-
gewerkschaft DAF, «Deutsche Arbeitsfront». Ley lässt kommen ...
zwei 25’000 BRT grosse Urlaubsschiffe bauen und Ich stand mitten unter den neueingestellten Arbeitern,
chartert weitere zehn grosse Schiffe. Zu niedrigen Prei- als der Führer im Frühling 1934 die Reichsautobahn-
sen werden Theaterveranstaltungen für Arbeiter und arbeiten München-Salzburg durch den ersten Spaten-
Angestellte durchgeführt. Erstmals erhalten Arbeiter stich eröffnete. Ich sah es mit eigenen Augen, und des-
die Möglichkeit, Opern und Konzertveranstaltungen halb kann es mir niemand ausreden, wie beim Schluss-
zu besuchen. Ein eigenes Symphonieorchester mit wort seiner grossen ... Rede: ,Deutsche Arbeiter, fan-
90 Mann Besetzung gastiert auch in kleinsten Orten, get an!‘ sich alle um ihn drängten, ihm die Hände
die Autobahnen werden gebaut, der Volkswagen pro- schüttelten, ihm zulachten und auf seine Frage: ,Ist es
pagiert und Siedlungen errichtet. euch so recht?’ ein wirklich von Herzen kommendes
Unmittelbar vor seiner Hinrichtung im Nürnberger Dankwort das andere ablöste. Und so wie da war es
Kriegsverbrechergefängnis schreibt Hitlers ehemaliger in allen Werken, die durch ihn wieder in Gang ge-
Rechtsanwalt und späterer «Generalgouverneur» von kommen waren, in allen Bergwerken, Fabriken, Bau-
Polen, Dr. Hans Frank, unter dem Titel «Angesichts gründen, Deichen und Gewerben. Wo er in der
des Galgens» seine Lebensbeichte nieder. Er geht Maschinenhalle stand, umwogte ihn der gleiche Dan-
schonungslos mit Hitler ins Gericht, aber über die Zeit kesjubel wie irgendwo sonst...
um die Mitte der dreissiger Jahre findet er keine anderen In diesem schöpferischen Vordergrund, umstrahlt vom
Worte als diese: «Vom 30. Januar an war totaler blendenden Licht eines faszinierenden Erfolges, sah
Schluss gezogen jeder Form von Klassenkampf, Streik- ihn das Volk, sah ihn vielfach die Welt. Die Menschen,
fiebern, Arbeitsniederlegungen, Aussperrungen, Pro- gewöhnt, von allen Dingen des Lebens nur die Erschei-
duktionsrückgängen aller Art..., war es mit einem nung zu kennen, begnügen sich meistens damit. ..»
Schlag vorbei mit brutalen Bürgerkriegsdrohungen, Franks letzter Satz ist zum Verständnis Hitlers, der
Strassenkämpfen, Hetzkundgebungen Deutscher gegen damaligen Einstellung des deutschen Volkes und der
Deutsche, Saalschlachten, Pressekampagnen und natio- schwierigen Situation des Widerstandes äusserst wich-
nalen Verächtlichmachungen ... Dieser Umstand allein tig - « ... gewöhnt,... nur die Erscheinung zu kennen .. .»
stach derart grell ab gegen die Zustände der letzten Denn warum soll es gegen diese Erscheinung, innen-
Jahre vorher, die fast nur noch Unruhe, Lärm, Streit, und aussenpolitische Erfolge, einen Widerstand geben?
Hetze, Streik, Produktionseinstellungen, Finanzkata- Wegen des Verlustes der Freiheit?
strophen, Unsicherheit und Ratlosigkeit gebracht hat- Wegen der Einrichtung der Konzentrationslager?
ten, dass er wirklich schon um seiner augenfälligen Wegen der hinterhältigen Methoden der Gestapo?
Plötzlichkeit wegen wie ein Wunder wirkte. Und als Wegen der diskriminierenden Behandlung der Juden?
sich nun langsam, aber zäh und unaufhaltsam, die Entweder man weiss darüber nicht genügend Bescheid
Früchte der neugewonnenen nationalen Disziplin ... oder man ist gewillt, der Erfolge wegen diese «Schat-
zeigten, trat die Figur Hitlers als des Retters ins hellste tenseiten» hinzunehmen. Die Mehrheit des Volkes
Bewusstsein aller ... jedenfalls kann, sofern sie überhaupt über ihren un-
Die Arbeitslosigkeit sank rapide, Handel und Ge- mittelbaren Horizont hinausdenkt, auf Grund solcher
werbe begannen sich zu beleben, und endlich nach lan- Überlegungen einen Weg zum Widerstand nicht finden.
gen Jahren konnte jeder für die Wirtschaft Tätige wieder Eine Tradition, die Freiheit und Demokratie als selb-
sichere Kalkulationen und Planungen aufstellen ... ständigen Wert betrachtet, gibt es nicht. Der Staat wird
Die Sozialpolitik Hitlers zeigte sich in einer unermüd- nicht nach dem Grad der Freiheit, sondern nach der
lichen Fürsorge für die Arbeiterschaft ... Mindestlohn- materiellen Ergiebigkeit gemessen, und hier scheint
sätze, Sozialversicherung, Unfallversicherung... Er Hitler wirklich etwas Dauerndes geleistet zu haben.
allein brachte diese unzähligen Millionenmassen hoch- Selbst frühere Gegner Hitlers wandeln ihre Meinung,

96
Illegale Broschüren und Flugblätter

wie etwa der britische Weltkriegspremier Lloyd erinnerte, dass in diesem ganzen Kampf nichts Roman-
George, der nach einem Besuch bei Hitler in Berchtes- tisches mehr geblieben war, dass es hart auf hart ging.
gaden voller Überzeugung sagt: «Ja, auch ich sage ,Heil Ich kam rechtzeitig, um noch ein paar Worte eines jun-
Hitler!’ Das ist wirklich ein grosser Mann!» gen Mannes aufzufangen, der über das Reich berichtet
Die meisten der späteren Verschwörer gegen Hitler hatte. Nun zog er eine der Broschüren aus der Tasche
dienen dem erfolgreichen «Führer und Reichskanzler» und warf sie dem anwesenden Funktionär vor die
zu dieser Zeit noch loyal. Füsse:
Dr. Carl Goerdeler ist «Reichspreiskommissar» und ,Wir haben das monatelang verteilt’, sagte er mit einer
Oberbürgermeister von Leipzig. Der spätere General- fast geniesserischen Verachtung, ,wir haben euch man-
oberst Beck arbeitet im Generalstab an der Wieder- ches nachgesehen, aber nun wird es zuviel! Wen wollt
aufrüstung. Oberleutnant Graf Stauffenberg leistet ihr denn damit treffen?’ Er deutete mit dem Fuss auf
seinen Truppendienst ab und freut sich mit seinen das geschmähte Druckheftchen, und mit apodiktischer
Kameraden darüber, dass der Soldatenberuf nun auch Festigkeit schloss er: ,Für das Geseiche jedenfalls legt
in Deutschland wieder geachtet wird. Ulrich von Has- keiner von uns den Kopf auf den Block!’ «
sell vertritt Hitlers Regierung als Botschafter in Rom. Wenn man Gustav Regler glauben darf, wird eben
Der preussische Finanzminister Popitz ist einer der be- dieser junge Illegale kurze Zeit darauf in Deutschland
geistertsten Anhänger Hitlers. Reichsbankpräsident Dr. verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet – auf
Schacht ist Hitlers Wirtschaftsminister geworden und Grund von Intrigen Walter Ulbrichts, der sich aus dem
kann sich in Lobpreisungen des von ihm verehrten gemütlichen Pariser Hinterhalt mit Hilfe der durch die
Reichskanzlers kaum genug tun. Dunkelheit der illegalen Arbeit bedingten Geheimnis-
Der Widerstand all dieser und der militärischen Ver- tuerei an die Spitze der Partei emporarbeiten will.
schwörer beginnt erst später. Organisierter Widerstand Eines stimmt jedenfalls – die meisten der nach Deutsch-
wird nach wie vor nur vom Ausland her durch Emi- land gelangenden illegalen Broschüren und Flugblätter
granten, vorwiegend Kommunisten und Sozialdemo- haben keine entscheidende Wirkung.
kraten, geleistet. Dieser Widerstand kann das Hitler- Sie schildern die Zustände in Deutschland nicht voll-
regime jedoch nicht ernsthaft erschüttern. ständig der Wahrheit entsprechend. Diese Diskrepanz
Der Schriftsteller Gustav Regler, Initiator der wir- aber zwischen dem, was der Arbeiter und das ganze
kungsvollen Heizungskeller-Gang-Idee im «Braun- Volk selbst erlebt, und dem, was ihm die emigrierten
buch» zum Reichstagsbrand und auch später Verfasser Genossen als Wahrheit hinstellen möchten, ist kaum
von Flugschriften gegen Hitler, die heimlich nach dazu geeignet, ein Widerstandsverhalten auszulösen.
Deutschland gebracht werden, schildert die von Paris Im Gegenteil, die offensichtlichen Unglaubwürdigkei-
aus geleitete illegale Arbeit: ten des illegalen Propagandamaterials sind eher dazu an-
«Ich sah nun häufiger Burschen, die zum Empfang von getan, Verwirrung zu stiften und Ablehnung zu finden,
Broschüren heimlich aus dem Reich eintrafen ... Beim auch bei denen, an die es sich wendet. So erscheint bei-
heimlichen Treffen in zuverlässigen Häusern tauten sie spielsweise ausgerechnet Ende 1936, nach der glanz-
etwas auf, aber sie hüteten sich, zu sehr auf die andere vollen Olympiade, nach der Beseitigung der Arbeits-
Welt einzugehen . .. Manchmal zeigten sie mir ver- losigkeit, nach dem wirtschaftlichen Aufblühen, nach
narbte Wunden, die ihnen in den ersten Januartagen der Saarabstimmung, nach der Rheinlandbesetzung,
1933 geschlagen worden waren, und ich bat den Rot- nach der Durchbrechung des Versailler Vertrages und
front-Burschen ab, dass ich sie summarisch als Über- während der Zeit von Hitlers «Friedensreden» ein
läufer angesehen hatte. Die Wortkargen waren wie Flugblatt der Sozialdemokratischen Partei mit folgen-
Urlauber, die dauernd an die Rückkehr in die Schlacht dem Inhalt:
dachten. Ich fühlte mich oft beschämt ihnen gegenüber, «Entschlossen, Deutschland aus der Schmach und
denn was war unser Leben in einem friedlichen Schande der Diktatur zu befreien, der gesellschaftlichen
Pariser Hotel im Vergleich zu ihrem gehetzten Dasein! Zerstörung durch die Kriegswirtschaft des Vierjahres-
Als ich ... einmal fragte, wie wirksam denn die Broschü- planes Einhalt zu gebieten und die Gefahr eines neuen
ren seien, bekam ich nur ausweichende Antworten ... Weltkrieges mit allen Mitteln zu bekämpfen, haben
sich die demokratischen, sozialistischen und kommuni-
Eines Abends aber hatte ich einen wichtigen Funk- stischen Parteien und Gruppen Deutschlands zu einer
tionär der Partei in Saarbrücken selbst zu treffen. Ich Deutschen Volksfront vereinigt und verkünden dem
wurde in eine Dachstube geführt, ich fand dort eine deutschen Volk folgende programmatische Forderun-
kleine Versammlung, die mich durch ihre Steifheit und gen:
das erdrückende Misstrauen aller gegen alle daran 1. Sturz und Vernichtung der Hitlerdiktatur.

97
Wir haben keine territorialen Forderungen -
Wir wollen die Welt!
Recht und Gerechtigkeit für alle

2. Recht und Gerechtigkeit für alle: Abschaffung der allen Völkern. Aufbau einer europäischen Staatenge-
Blutjustiz, Befreiung der politischen Gefangenen, Süh- meinschaft durch ehrliche Mitarbeit in einem reorgani-
ne für begangene Verbrechen, Wiedergutmachung des sierten Völkerbund.
verübten Unrechts. 7. Beseitigung der Ernährungsnot, der Armut und der
3. Freiheit des Glaubens und der Weltanschauung, Arbeitslosigkeit durch Wiedereintritt Deutschlands in
staatlicher Schutz jeder Religionsausübung, Presse-, die Weltwirtschaft.
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. 8. Rettung der Versicherungen und Spareinlagen vor
4. Volle Selbstregierung und Selbstverwaltung des der Inflation. 40-Stunden-Woche. Freier Arbeitsver-
deutschen Volkes in einem erneuerten Reich der politi- trag.
schen, wirtschaftlichen und sozialen Demokratie. 9. Einziehung des Grossgrundbesitzes, grosszügige
5. Einstellung des Wettrüstens und der Kriegswirt- Bauernsiedlung. Aufhebung der Zwangswirtschaft
schaft. Sicherheit durch Abrüstung. Verkürzung der am Boden (Erbhofgesetz) und an den landwirtschaft-
Dienstzeit. lichen Erzeugnissen (sogenannte Marktordnung), freies
6. Restlose Aussöhnung und aufrichtige Zusammen- landwirtschaftliches Genossenschaftswesen.
arbeit mit Frankreich. Friede und Freundschaft mit 10. Verstaatlichung der Banken, der Schwerindustrie

Oben links: Wahlplakat zur Volksabstimmung vom 10. April 1938. Mit allgemein akzeptierten sozialpolitischen Leistun-
gen versucht man, «alle Schaffenden Deutschlands» für Hitler und seine nationalsozialistische Weltanschauung zu ge-
winnen, und nicht mit deren Grundgehalten: Diktatur, Rassenüberheblichkeit, Krieg und Judenhass. – Oben rechts: «Kon-
zentrationslager, Hitlerdeutschland und sein Bluthund». Dieses alliierte Flugblatt aus dem Jahre 1941 zeigt, mit welchen
Mitteln jeglicher Widerstand im Dritten Reid) gebrochen wurde. Linke Seite: Die Warnung der sozialdemokratischen
«Zeitschrift «Neuer Vorwärts» vom 15. März 1936 vor Hitlers Kriegsabsichten wird weder in Deutschland noch im Aus-
land beizeiten ernstgenommen. Selbst Churchill, der erbitterte Kriegsfeind Hitlers, glaubte noch sechs Monate vor Aus-
bruch des Zweiten Weltkrieges an einen «lauteren Hitler» und daran, dass sich der Krieg mit Hitlerdeutschland ver-
meiden lassen könnte. Nachdem die Diplomatie Hitler jedoch nicht mehr bremsen konnte und auch die Versuche der
deutschen Opposition, den Krieg zu verhindern, gescheitert waren, kam es zum Zweiten Weltkrieg, dem insgesamt 55
Millionen Menschen zum Opfer fielen.
99
Widerstand in Deutschland 1934-1939

und der Energiewirtschaft. Einführung einer Wirt- Warum kann dieser von einem echten demokratischen
schaftspolitik, die allein der Sicherung und Steigerung Wollen geprägte Aufruf in Hitlers Deutschland kaum
des deutschen Lebens dient. einen fruchtbaren Boden finden? Warum zeitigt diese
Deutsche! Die Deutsche Volksfront wird nicht eher Appellation an demokratische und rechtsstaatliche Prin-
ruhen und sich auflösen, bis nicht der letzte Punkt der zipien so wenig Erfolg? Es liegt hauptsächlich daran,
Forderungen verwirklicht wird. dass Goebbels mit allen Machtmitteln des totalen Staa-
Deutsche! Sammelt euch in der Deutschen Volksfront! tes eine weitaus durchschlagendere Propaganda zu
Nieder mit den Unterdrückern und Verderbern Deutsch- entfalten vermag, und dass von Himmlers Gestapo die
lands. meisten führenden oppositionellen Persönlichkeiten,
Es lebe ein freies, friedliches und glückliches Vater- die dem Volk die abstrakten Sätze dieser Flugschriften
land! hätten erläutern können, mit den brutalen Mitteln des
Deutsche Volksfront» Terrors ausgeschaltet worden sind; ganz nach Hitlers

Stand und Tätigkeit der staatsfeindlichen Festgenommen wurden:


Bestrebungen
Marxismus und Kommunismus, SAP
1. der Bergmann Peter Pütz aus Würselen und
Die Beobachtung der kommunistischen Bewegung im Monat 2. der Arbeiter Simon Holzapfel, ebenfalls in Würselen
August hat keinerlei Anhaltspunkte dafür ergeben, dass die wohnhaft. Beide haben in einer Gastwirtschaft in Würselen
Neubildung von Zellen und illegalen kommunistischen Or- im Verlauf einer Unterhaltung geäussert: «Wir sind für
ganisationen im hiesigen Bezirk irgendwelche Fortschritte die Freiheit, und wir sind für Moskau, Heil Moskau und
gemacht hat. Einzelne Festnahmen von Personen, die ver- nochmals Heil Moskau.» Pütz und Holzapfel wurden
dächtig waren, mit der KPD im Auslande Verbindungen dem Richter vorgeführt und unter Haftbefehl gestellt. –
herzustellen, lassen nur darauf schliessen, dass die im Bezirk Siehe Tagesbericht Nr. 10 vom 13.1.1936.
befindlichen Kommunisten ständig Fühlung mit dem Aus- 3. der Dreher Neujean aus Aachen. N. hatte, als er in
lande halten, sich z. Zt. aber jeder aktiven Betätigung ent- leicht angetrunkenem Zustand im Schaufenster eines hiesi-
halten. Die noch bis zum Monat Juni im hiesigen Bezirk gen Bildergeschäftes das Bild des Führers sah, Folgendes
bestehende weitverzweigte kommunistische Organisation, gesagt: «Du Feigling, du Lump, du Deutschlandverräter,
von der auch jetzt noch zweifellos Reste vorhanden sind, ich könnte auf dich schiessen.» Er wurde in Untersuchungs-
hat sich nach der Festnahme der bedeutendsten Funktionäre haft genommen. – Siehe Tagesbericht Nr. 10 vom 13.1. 1936.
nicht weiter ausbauen können. Fälle von systematischer
Einfuhr und Verkauf von kommunistischen Schriften sowie 4. der Invalide Wietki aus Baesweiler, Kreis Aachen.
Mitgliederwerbungen und Beitragszahlungen konnten im In der Silvesternacht wurde Hebamme Moss zu einer Ent-
Bezirk nicht aufgedeckt werden. bindung zu Wietki gerufen. Der Ehemann, der ebenfalls
Die in der Arbeiterschaft und insbesondere unter den Berg- in der Wohnung anwesend war und sich in betrunkenem
arbeitern zu beobachtende Mundpropaganda stellt weniger Zustande befand, begrüsste die Hebamme beim Betreten
eine direkte Werbung für die illegale KPD oder SPD dar, seiner Wohnung mit «Rot Front». Weiter äusserte er sich:
als eine allgemeine Kritik an den Zuständen und der Lage «Die Rotfrontfaust wird euch noch alle treffen. Ich bin noch
der Arbeiterschaft, die man im Widerspruch zu Programm nie Nationalsozialist gewesen und bekenne mich auch heute
und früheren Kundgebungen der Bewegung stehend glaubt. noch als Rotfrontkämpfer. In diesem Jahre wird das 4.
Nach den Beobachtungen in den letzten Monaten scheint Reich noch regieren, dann werdet ihr alle von meiner Rot-
man den Kurieren und Funktionären keinerlei schriftliches frontfaust getroffen.» Nach der Geburt der Zwillinge sagte
Material mitzugeben, sondern die betreffenden Personen er noch, dass ihm an den Kindern nichts liege, die Heb-
nur mit mündlichen Aufträgen zu versehen. Diese Vermutung amme sollte sich nur um seine Frau bemühen.
wird bestätigt durch das Verhalten der verschiedensten W. wurde dem Untersuchungsrichter vorgeführt, dieser er-
Kommunisten und solcher Personen, die verdächtig sind, für liess Haftbefehl. – Siehe Tagesbericht Nr. 13 vom 18.1. 1936.
die KPD Hilfsdienste zu leisten. Es sind mehrfach im Aus-
lande Personen beobachtet worden, wie sie in den Häusern 5. der Arbeiter Max Müller aus Merkstein Kreis Aachen.
der aus Deutschland geflüchteten KPD- und SPD-Funktio- M. äusserte sich am 17. 1. 1936 in einer Gastwirtschaft in
näre verkehrten. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland Anwesenheit des Ortsgruppenleiters der NSDAP in Herzo-
wurde jedoch an der Grenze in keinem Falle etwas vor- genrath u.a.: «In Russland sind keine Arbeitslosen mehr
gefunden, was als Beweis oder Belastungsmaterial für eine und in Deutschland sind noch viele und dann grüsst ihr
kommunistische Betätigung ausgewertet werden könnte ... Arschlöcher noch mit ,Heil Hitler1.» Auf dem Wege zur
(Aus dem Lagebericht der Staatspolizeistelle für den Regierungs- Polizeiwache beleidigte er die Beamten durch Ausdrücke
bezirk Aachen für den Monat August 1934.) wie «Lausejungen» und «Drecksäcke». M. war zur legalen

100
Volksopposition

Devise: «Wer sich nicht bekehren lässt, muss gebeugt Versailles? Ist sein Ziel nicht nur das «Grossdeutsche
werden.» Reich»? Die zentral gesteuerte und bewusst auf die je-
Auch die sozialdemokratische Warnung vor dem Krieg, weiligen Ziele ausgerichtete Propaganda Hitlers ist so
den Hitler entfesseln will, eine Warnung, die sich heute gut, dass es gelingt, das Volk glauben zu machen, Hitler
im Nachhinein als berechtigt erweist, stösst damals im verfolge keinerlei imperialistische Ziele und keinerlei
deutschen Volk auf wenig Glauben. Redet Hitler denn kriegerische Absichten.
nicht dauernd vom Frieden? Vor allem aber – und das ist das Wichtigste – ist die
Sind es nicht diejenigen Staaten, die Hitler laufend Forderung nach der Beseitigung der «Ernährungsnot,
Zugeständnisse machen, die doch am ehesten von einem der Armut und der Arbeitslosigkeit» überflüssig, ja
Krieg betroffen wären? geradezu irreführend. Denn genau das hat Hitler be-
Will Hitler nicht eine echte Aussöhnung mit Frank- reits bewerkstelligt, und zwar ohne «demokratische,
reich? Will Hitler denn nicht nur den Kampf gegen sozialistische und kommunistische Parteien und Grup-

Zeit Mitglied der KPD. Er hat 12 Kinder. Gegen ihn wurde Volksopposition im Polizeistaat
Haftbefehl erlassen. – Siehe Tagesbericht Nr. 16 vom 20.1.
1936. Eine rückblickende Zusammenfassung der Einzelnen Wider-
6. der Kraftdroschkenbesitzer Kaspar Alsleben aus Aachen. standsströmungen gegen den Nationalsozialismus im Regie-
A. hat in einer Gastwirtschaft in angetrunkenem Zustand rungsbezirk Aachen ergibt eine Opposition der folgenden
Folgendes gesagt: «Der Kreisleiter hat ein Verhältnis mit Richtungen gegen die Diktatur Hitlers.
der Frau Frings – Besitzerin der Gastwirtschaft –, der Schlos-
ser (gemeint war der Kreisleiter) und die NSDAP kann mich Der Kommunismus ist durch die Gewaltmassnahmen gegen
am Arsch lecken.» seine Führer in seiner Betätigung zwar stark behindert, gärt
Er wurde in Untersuchungshaft genommen. – Siehe Tagesbe- aber als Untergrundbewegung weiter.
richt Nr. 16 vom 20. 1. 1936. Die Sozialdemokratie bleibt durch ihre Beziehungen zu den
7. der Bergmann Andreas Pastors aus Aachen. ihr nahestehenden Parteibildungen in Belgien und in den
Er hat in einer Wirtschaft zu anwesenden Gästen gesagt: Niederlanden ein fühlbarer Widerstandskörper. Der auf die
«Die ganze NSDAP sind Halunken, die Regierung sind Arbeiterschaft ausgeübte Druck und sonstige die Stimmung
,Pittebären‘, die für die Bergarbeiter noch nichts getan fördernde Mittel beeinflussen jedoch die Wahlergebnisse zu-
haben.» Er wurde deswegen unter Haftbefehl gestellt. – gunsten der Bewegung.
Siehe Tagesbericht Nr. 22 vom 27.1.1936.
8. der persische Student Wardanian. Die Hauptgegner sind die Anhänger der beiden christlichen
Der hiesigen Zoll fahndungssteile war durch eine VP be- Kirchen. Während sich der Gegensatz auf evangelischer Seite
kannt worden, dass W. im dringenden Verdacht des Devisen- auf die – im Regierungsbezirk Aachen schon konfessions-
vergehens steht. Die Durchsuchung blieb devisenrechtlich mässig bedingte – kleine Gruppe der Bekennenden Kirche
ohne begrenzt, stellt die Katholische Kirche mit ihren Geistlichen
Ergebnis, jedoch führte W. bei der Ausreise eine 87 Seiten und ihren Laienverbänden den Hort der Opposition und
starke Hetzschrift in Gedichtform (Entwurf) bei sich, worin des Ringens um die Kirchenfreiheit dar. Bei beiden Bekennt-
die führenden Persönlichkeiten des deutschen Volkes, insbe- nissen erweist sich die Fühlung mit dem durch vielfache
sondere der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, Mi- Beziehungen benachbarten Ausland als Stütze. Die grund-
nisterpräsident Göring, die Minister Goebbels, Hess usw., sätzliche Haltung ist jedoch durch diesen nachbarlichen Zu-
ausserdem das deutsche Volk und die Gliederungen der sammenhang nicht bedingt. In gleicher Weise ändern die
Partei beschimpft werden. Er will diese Schrift von einem durch die Zwangslage verursachten, taktischen Zugeständ-
gewissen Weinglück, der sieb zur Zeit in Paris aufhalten nisse nichts an dem inneren Gegensatz, der aus einer Ge-
soll, erhalten haben. wissensverpflichtung, aus sittlichen und religiösen Kräften
Auf meine Fernschreiben Nr. 177 vom 24.1.1936 – II K 2 erwächst.
– und meinen Tagesbericht Nr. 22 vom 27.1.1936 nehme
In breiten Kreisen der städtischen und ländlichen Bevölke-
ich Bezug. Gegen W. wurde Haftbefehl erlassen.
rung des Regierungsbezirks ist ein aus verschiedenen Wurzeln
Ferner wurden 4 Personen wegen Verdachts staatsfeind-
stammender inniger Gegensatz gegen die nationalsozialisti-
licher Umtriebe festgenommen. Nach eingehender Prüfung
sche Gewaltherrschaft festzustellen.
der Sachlage mussten sie wieder entlassen werden, da das
vorhandene Material zur Durchführung eines erfolgverspre-
chenden Strafverfahrens nicht ausreichte, sondern offenbar
Hausstreitigkeiten vorlagen ...
(Zusammenfassende Würdigung der Gestapo- und Regierungs-
(Aus dem Lagebericht der Geheimen Staatspolizei berichte 1934–1936 des Bezirks Aachen, in:
vom 10. Februar 1936.) Bernhard Vollmer, Volksopposition im Polizeistaat.)

101
Widerstand in Deutschland 1934-1939

pen», ohne «volle Selbstregierung und Selbstverwal- suchen, dass es Hitler gelungen ist, trotz der Staats-
tung des deutschen Volkes» und ohne eine «politische, form der Diktatur die Mehrheit des Volkes für das
wirtschaftliche und soziale Demokratie». Dritte Reich zu gewinnen. Daran kann auch die unter
Daran kranken alle illegalen Aufrufe, und das macht persönlichen Gefahren betriebene Untergrundpropa-
die «demokratische» Opposition so schwierig: Hitler ganda nur kaum etwas ändern.
ist es tatsächlich gelungen, die materielle Not zu besei- So wird etwa der Geschäftsleitung einer Speditions-
tigen, und das deutsche Volk in seiner Gesamtheit ist firma eine Werbepostkarte der Leipziger Herbstmesse
nicht gewillt, sofern es nur Brot und Arbeit hat, sich zugesandt, abgestempelt in Paris. Der französische Text
für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zum Wider- lautet in Deutsch:
stand gegen Hitler zusammenzufinden. «Es gibt nur drei Sorten von Deutschen:
Der Hauptgrund für das Ausbleiben einer breiten Verrückte, Faulpelze und Einfaltspinsel.
Widerstandsfront des deutschen Volkes ist darin zu Es lebe die Kommunistische Partei!»

Widerstand in Zwischentönen Zu reden hier heut braucht man Mut,


Weil, eh mer sich vergucke tut,
Als Opfer seiner närr’sehen Kunst
Die Nöte des Karnevals im Dritten Reich Kann einquartiert wer’n ganz umsunst.
Humor mit «Volk ohne Raum» Drum hab’ ich vorhin aach ganz nah
Verabschied mich vun meiner Fraa,
Dem Wesen des Nationalsozialismus musste das im Katho- Und rief beim Auseinander gehn:
lizismus wurzelnde Volksbrauchtum ebenso ein Ärgernis Wer weiss, ob wir uns wiedersehn?
sein wie der aus liberalem Bürgerprotest geborene politische
Karneval. Das Bestreben des neuen Staates ging sehr bald Es beginnt jetzt in Deutschland – nach der Emigration und
dahin, die dem Karneval innewohnende Meinungsfreiheit Verfemung der künstlerischen Qualität – der einstimmige
zu beseitigen, den Brauch einzuordnen in das Instrumenta- Poetenhymnus auf den Führer, den «Retter», den klein-
rium der staatlich veranstalteten Massenunterhaltung. Sechs bürgerlichen Messias. Es ist nicht Schuld, eher Gefährdung
Jahre Karneval unter Hakenkreuzfahnen – 1933 bis 1939 des politischen Karnevals unter der Knute der Diktatur,
– sind ein dorniger Weg zwischen missverständlicher An- dass der literarische Provinzialismus auch in der Bütt seine
passung und «Widerstand in Zwischentönen» geworden. Jünger findet. Ein Jokusdichter reimt im modisch gewor-
Noch vor dem 11. November 1933 – vor der turnusmässi- denen Bardenstil sein «Empor zum Licht!»
gen Einberufung der karnevalistischen Generalversamm-
lungen – gab die Partei für den gesamten deutschen Kar- Ein Retter kam, vom Himmel uns gesandt,
neval die verbindliche Weisung aus, dass die innere Bezie- Zu dem des Vaterlandes Not gedrungen,
hung des Brauchs zu Kirche und Christentum zu verneinen Schwang siegbewehrt das starke Schwert der Nibelungen.
und zu verwischen sei; die aus dem Kirchenjahr jahrhun- Verröchelnd liegt der Lindwurm nun im Sand.
dertelang verstandene Fastnacht sollte jetzt als «vasenacht»
in den Zusammenhang alten vorchristlichen, germanischen Doch das närrische Volk will Tabus angeritzt sehen. Es pro-
Dämonenglaubens gestellt werden. Politisch aber wurde die voziert den Büttenredner mit seinem Beifall. Unter dem
Glossierung der neuen Führung in Staat und Gemeinde und Titel «Fastnacht 1934» glossiert der Präsident des Mainzer
damit jede noch so leise Kritik an den öffentlichen Zustän- Carneval-Vereins, Heinrich Bender, der sein hohes närri-
den verboten. Allerdings sei – so die offizielle Weisung an sches Amt noch im kaiserlichen Deutschland angetreten hat,
die Untertanen – die Gleichschaltung der Büttenreden mit Gleichschaltung und Arier-Paragraphen:
der von der Regierung jeweils verfolgten Politik erwünscht.
Am «18. Nebelung 1933» steht der populäre Protokoller Alles ist heut umgestaltet,
des Mainzer Carneval-Vereins, Seppel Glückert, als «när- Alles ist heut gleichgeschaltet:
rischer Reichskanzler» – schon das konnte nach den Ver- Zweckverbände, grosse, kleine,
ordnungen des Jahres 1933 als heimtückische Hetze aus- Turn-, Gesang- und Skatvereine,
gelegt werden – in der Bütt: Ziegenzucht und Bullenhaltung,
Polizei und Stadtverwaltung.
Jetzt mach’ ich schun, nur zum Pläsier Alles ist heut solidarisch,
Im neunten Jahr mein’n Versehe hier, Bis zur Urgrossmutter arisch,
Doch hat mei’ Herz vor Ängstlichkeit Und seit 52 Wochen
Noch nie gebobbert so wie heut. Uni-braun bis auf die Knochen.

102
Das Zeichen der Mörder

Beliebt für solche propagandistischen Widerstandsakti- Die im Ausland erscheinende Zeitung der sozialdemo-
onen sind die internationalen Fernzüge. In einer Toilette kratischen Arbeiterjugend, AJS, bringt eine Fotomon-
eines aus Brüssel kommenden Fernzuges ist mit Was- tage, die den Hunger in Hitlers Deutschland zeigen
serglas an die Fensterscheibe ein Zeitungsausschnitt soll. Eine Familie sitzt um den Küchentisch und isst
fast unlösbar festgeklebt. Der Ausschnitt stammt aus statt Brot Eisen-Ketten und Gewichte. Die Überschrift
einer englischen Zeitung und zeigt das Foto einer zu dieser Fotomontage lautet: «Hängt Hitler!» Auch
Protestkundgebung in London. Die Demonstranten diese Zeitung wird von Illegalen verteilt und an ver-
protestieren gegen den an diesem Tage stattfindenden schwiegenen Orten niedergelegt. Bahnbeamte finden
Fussball-Länderkampf England gegen Deutschland. eine solche Zeitung in einem Zugabteil. Jemand hat
Mit Deutschen spielt man nicht Fussball. Unter den über die Fotomontage geschrieben: «Solche Schwei-
Zeitungsausschnitt ist ein Hakenkreuz gemalt und dar- ne!»
unter die Worte: «Das Zeichen der Mörder!» An der holländisch-deutschen und belgisch-deutschen
Grenze werden aus Korridor-Zügen, die infolge des

Eine Tragikomödie des politischen Karnevals erlebte Mainz Martin Mundo, der andere Grosse in der Bütt, trat 1936 vor
am Morgen des 6. März 1935, des Aschermittwochs. Der sein närrisches Publikum mit dem erklärten Willen, kein Wort
nationalsozialistische Gauleiter von Hessen, Jakob Sprenger, von Politik zu sprechen, «nur über den Hering». Ein Meister-
liess das gesamte Komitee des Mainzer Carneval-Vereins werk der versteckten Zeitkritik wurde daraus. Es heisst da
verhaften und in das Mainzer Central-Hotel vorführen. Ein etwa:
Augenzeuge berichtet über diese «Sonderaktion», die eine
unverhüllte Warnung an die Karnevalisten darstellte, sich in Schule ist nicht Heringspflicht,
ihrer Kritik mit dem Regime mehr zu arrangieren: Polizei- Auch sein Landjahr macht er nicht,
beamte in Zivil holten am Morgen des Aschermittwochs Vun Politik versteht er nix,
sämtliche Mitglieder des Elferrates aus den Betten. Beim Kimmt statt nach Dachau – in die Büchs!
Carnevals-Präsidenten erschien der Polizeidirektor selber. Hering dun sich nit bekleckern,
Den der Staatspolizei «sattsam bekannten» Büttenrednern Dun nit maule, un nit meckern,
Martin Mundo und Seppel Glückert liess man keine Zeit Schwimmen ohn' sich aufzuregen
zur Toilette und zum Rasieren. Den Angehörigen sass der Ihrem Schicksal stumm entgegen!
Schreck in den Gliedern, wenn ihnen auch bald nach der Übern Hering ohne Frage
Abführung der Männer eröffnet wurde, es sei ja «nur ein Kann en Redner alles sage;
Scherz». Man sperrte die ernüchterten Komiteemitglieder im Er fühlt sich durch eine Rede
Central-Hotel in einen separaten Raum, Polizeibeamte po- Niemals uff de Schwanz getrete!
stierten sich zwischen den Einzelnen Männern – bis um
11.11 Öhr sich die Tür öffnete und der Gauleiter seinen Wie die vom Obrigkeitsstaat und seiner Partei erlaubte
«Schutzhäftlingen» gegenüberstand. Es gab ein «Katerfrüh- «positive Satire» aussehen sollte, zeigt ein Bericht über den
stück» , aber auch den dümmlichen Hinweis, die Narren Mainzer Fastnachtszug im Jubeljahr 1938. Er verweist dar-
müssten sich «verantworten». auf, was wert sei, ins Komische verzerrt zu werden: «Die
Diese drei Stunden «Schutzhaft» haben den Männern des Auch-Volksgenossen, die ihr eigenes kleines Ich in den
politischen Karnevals viel Sympathien gewonnen. Die Be- Vordergrund stellen und sich dem grossen Gemeinschafts-
völkerung quittierte die scherzhaft-tölpelhaft vorgetragene denken nicht unterordnen wollen, wie zum Beispiel die
Nazi-Allmacht mit Empörung. An ihren Scherzen werdet ihr Saboteure des Winterhilfswerks, besonders des Eintopfes.»
sie erkennen! Der Karneval hatte eine Runde im Kampf Über einem anderen Wagen mit stolzem Adler und gross-
wider den tierischen Ernst gewonnen. Glückert glossierte zügig ausgeweiteter Deutschlandkarte prangt das Schlag-
diese Aktion in der folgenden Kampagne 1936. wort «Volk ohne Raum». Die Aachener Karnevalschronik
vermerkt mit peinlicher Genauigkeit, eine Veranstaltung
wie die des 11. Februar 1939 habe es in der Aachener Fast-
Hier Kritik zu üben frei – nachtsgeschichte noch nicht gegeben, aber sie sei typisch für
So an Dachau knapp vorbei – diese Zeit: Eine Narrensitzung vor über tausend Westwall-
Freude auslöst, immer wieder arbeitern, die der Reichssender Köln übertrug.
Auch bei euch – ich kenn' euch Brüder!
Ihr habt recht, warum aach nit?
Wozu hämmer dann die Bütt? – (Anton Keim, 11 mal politischer Karneval,
Um zu hören mit Gemüt, in: Süddeutsche Zeitung vom 19./20.2.66.)
Wis mer nit zu lese krieht!

103
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Grenzverlaufes deutsches Gebiet durchfahren, Flug- die erbitterten Feinde des Nationalsozialismus, die
blätter aus den Fenstern geworfen. «Die Welt ruft euch Kommunisten, dazu gezwungen, eine neue Taktik zur
zum Krieg gegen Hitler» oder «Nur Hitlers Sturz Bekämpfung Hitlers einzuschlagen. Während sie vor
schafft Freiheit und Brot», heisst es darin. und nach der Machtergreifung Hitlers in erster Linie
In einem Bericht der Reichsbahndirektion Aachen an die Sozialdemokraten als «gemässigten Flügel des Fa-
den Regierungspräsidenten wird im November 1934 schismus» bekämpften, gehen sie jetzt zur Taktik der
festgestellt: «Volksfront» über. Diese Taktik erläutert Ercoli-Tog-
«Der ... Reichsbahnstreifendienst hat im Berichtsmonat liatti als Vertreter des EKKI auf der IV. Parteikon-
folgende Hetzanschriften und verbotene Druckschriften ferenz der KPD im Oktober 1935 in seinem Vortrag
festgestellt bzw. vorgefunden: «Die antifaschistische Einheitsfront und die nächsten
Aufgaben der KPD»:
a) Hetzanschriften «Im Namen des Exekutivkomitees der Kommunisti-
227 an Güterwagen aus Belgien schen Internationale überbringe ich der IV. Konferenz
188 in Personenwagen aus Belgien der Kommunistischen Partei Deutschlands einen brü-
142 in Aborten der Personenwagen aus Belgien derlichen, flammenden Kampfesgruss. (Stürmischer
63 auf Reklameschildern in Personenwagen aus Beifall. Die Delegierten erheben sich von ihren Plätzen.
Belgien Genosse Pieck ruft: Der KPdSU und unserem grossen
38 an Güterwagen aus dem deutschen Grenzge- Lehrmeister der revolutionären Massenarbeit, dem
biet Führer des Weltproletariats, Genossen Stalin, ein drei-
38 an Güterwagen aus Holland fach kräftiges Rot Front!)
1 in Personenwagen aus Holland Besonders bin ich beauftragt, Eurer Konferenz den
2 in Aborten der Personenwagen aus Holland herzlichsten Gruss unseres Generalsekretärs, des Ge-
699 zusammen nossen Dimitroff, zu übermitteln, des Genossen, der im
Leipziger Prozess als erster den Massen der deutschen
b) Verbotene Druckschriften Werktätigen den Weg des Kampfes gegen den Faschis-
932 Stüde bei Reisenden gefunden mus zeigte...
183 im Gepäck der Reisenden gefunden Die Lage und die Aufgaben Eurer Partei sind sehr
164 in Zugverstecken gefunden ernst. Im Jahre 1933 hat die Partei eine schwere
73 an der Bahnstrecke gefunden Niederlage erlitten. Der Übergang in die Illegalität ist
509 herrenlos in den Zügen gefunden ihr teuer zu stehen gekommen. Die Mehrheit ihrer
1‘861 Stück zusammen einschliesslich von 5 Stüde, alten Kader ist heute nicht mehr da. Ein grosser Teil
die in Güterwagen gefunden wurden.» der Parteikräfte ist heute zerstreut, und die zahlen-
mässige Stärke des Parteiaktivs hat sich stark vermin-
Die nicht emigrierten Kommunisten und Sozialdemo- dert. Die Partei hat nicht verstanden, sich schon von
kraten schütteln selbst den Kopf über diese Art von den ersten Monaten der faschistischen Diktatur an um-
Propaganda. Sie haben längst einen den wirklichen zustellen, ihre taktische Linie, ihre Organisationsformen
Verhältnissen besser angepassten Weg des Widerstandes und Arbeitsmethoden den neuen Verhältnissen anzupas-
gefunden – er besteht ganz einfach darin, zusammen- sen ...
zuhalten, sich zu sammeln und auf günstigere Zeiten Ihr alle wisst, dass die Hauptquelle aller politischen
zu warten. Man trifft sich zu Pfingstausflügen, gründet und taktischen Fehler, die von der Partei vor und nach
einen Kegelklub, tritt gemeinsam Sportvereinen bei, der Aufrichtung der Hitlerdiktatur gemacht wurden,
singt im Kirchenchor, auch wenn man bisher Gegner die Unterschätzung des Faschismus war ...
der Kirche war, spricht über die «alten Zeiten» und Als die Faschisten zur Macht gelangten, herrschte eine
macht sich Gedanken über die eigenen Fehler und die gewisse Zeit die Meinung, dass die faschistische Dik-
Fehler der anderen. Man schmiedet Zukunftspläne und tatur sich nicht lange halten könne. Man erwartete
überlegt, welche Massnahmen später ergriffen werden einen raschen Zusammenbruch des faschistischen Re-
müssen, um ein nochmaliges Abgleiten Deutschlands in gimes. Man sprach zuviel von einer nahen Katastrophe.
eine Diktatur zu verhindern. Mit der Propaganda von Seitdem sind fast drei Jahre verflossen. Die faschisti-
draussen kann man in der gegenwärtigen Situation sche Diktatur hat schwere Erschütterungen durchlebt.
nichts anfangen, die Aufrufe zum Widerstand gegen Welches sind ihre Stützpunkte, wo liegt noch heute ihre
den «blutigen Tyrannen» und «Mörder der deutschen Kraft? Es wäre ein grosser Fehler zu denken, dass die
Arbeiterklasse» können nicht verwirklicht werden. faschistische Diktatur sich im Wesentlichen nur auf den
Unter den neuen Bedingungen sehen sich insbesondere Terror stützt. Der Terror spielt eine überaus grosse

104
Breite, organisierte Volksfront

Rolle in der Lösung der verschiedenen Probleme, die aber erfolgreich stürzen wolle, dann sei das nur über
vor den Faschisten stehen. Es ist möglich, dass diese eine breite Massenbewegung möglich «und die Haupt-
Rolle sich sogar vergrössert. Aber der Terror bildet aufgabe [der KPD] ist heute die Organisierung dieser
nicht die einzige Kraftquelle des faschistischen Re- Bewegung». Hier müssen die Schwierigkeiten über-
gimes. Welches ist die Hauptkraftquelle der faschisti- wunden werden, die sich daraus ergeben, «dass die
schen Diktatur in Deutschland?» [emigrierte] Führung der Partei heute etwas entfernt
Die faschistische Diktatur habe nicht nur einen wirt- ist vom Land und von der wirklichen Bewegung der
schaftlichen Aufschwung herbeigeführt und alle poli- werktätigen Massen». Das gleiche gelte auch für die
tischen Parteien und alle selbständigen Organisationen Presse der Partei: «Trotz der Verbesserungen der letz-
der Arbeiterklasse vernichtet, sondern es sei ihr in der ten Monate ist besonders der Inhalt der ,Roten Fahne'
gleichen Zeit auch gelungen, «sich ihre eigenen Mas- noch nicht genügend mit dem Land verbunden. Sie gibt
senorganisationen zu schaffen, die heute schon Millio- den unteren Organisationen noch nicht die notwendige
nen von Werktätigen erfassen und kontrollieren». Hilfe zur Beantwortung aller Fragen, die im Lande
In dieser Situation sei es zunächst erforderlich, «alles akut sind. Sie hilft ihnen noch nicht genügend, dafür
zu tun, um die verschiedenen Elemente, Gruppen, die entsprechenden Losungen zu geben. Die Arbeiter,
Schichten der Werktätigen zu vereinigen, und dem Fa- die in ihren Schreiben an die Redaktion der ,Roten
schismus eine breite zusammenfassende, organisierte Fahne' offen gesagt haben, dass sie wünschen, dass in
Volksfront gegenüberzustellen, die ihren Kampf gegen der Zeitung mehr die Tagesfragen behandelt werden,
den Faschismus mit allen antifaschistischen Opposi- haben vollständig recht. Die ,Rote Fahne' muss nicht
tionsgruppen koordinieren will. Wir müssen die Oppo- ein Organ für geschulte Parteimitglieder sein, son-
sition und die beginnende Bewegung der Bauernschaft dern ein populäres Blatt, das dem einfachen Arbeiter,
besonders fördern und organisieren. in dessen Hände vielleicht nur ausnahmsweise ein ein-
Wir müssen versuchen, einen Keil zwischen die Armee zelnes Exemplar kommt, den Weg des Tageskampfes in
und die faschistische Diktatur zu treiben. Es gibt in den faschistischen Organisationen zeigt. Die Sprache
Deutschland und in der Emigration eine antifaschisti- der ganzen Parteiagitation muss angepasst werden der
sche Opposition, die aus den Resten der alten demo- Aufgabe der Organisierung und Leitung der Massen-
kratischen und antifaschistischen Parteien besteht. Es bewegungen innerhalb und ausserhalb der faschisti-
gibt im Land eine neue Opposition, die aus den faschi- schen Organisationen auf Grund der unmittelbaren
stischen Organisationen selbst erwächst, aus Schichten Nöte der Werktätigen ...»
der Bevölkerung, die sich bis jetzt unter dem Einfluss Damit die Führung der KPD diese Einheitsfront auch
des Nationalsozialismus befanden und teilweise noch tatsächlich verwirklichen könne, müsse sie ihre Orga-
befinden, die noch nicht gegen die faschistische Dikta- nisation den veränderten Umständen anpassen: «Wie
tur als Ganzes kämpfen, sondern nur gegen gewisse kann man die Taktik des trojanischen Pferdes [Ein-
Massnahmen der faschistischen Diktatur. Diese beiden schleusung eigener Männer in die Reihen der Gegner]
grossen Oppositionsströmungen gilt es in eine koordi- anwenden, wenn nicht die Organisationsform der
nierte Bewegung gegen den Faschismus zu bringen. Nur Partei rechtzeitig und vollständig an die Verhältnisse
die Arbeiterklasse, nur die Kommunistische Partei kann der illegalen Arbeit unter den Bedingungen einer
sich diese Aufgabe stellen und lösen. faschistischen Diktatur angepasst wird? Ohne diese
Die Überwindung der sektiererischen Fehler der Partei Anpassung ist die Massenarbeit der Kommunistischen
in ihrem Verhältnis zur Sozialdemokratie, die Herstel- Partei, ohne diese Anpassung ist die Arbeit in den
lung der Einheitsfront mit den sozialdemokratischen faschistischen Massenorganisationen nicht möglich.
Organisationen und mit der SPD, die aktive Teilnahme Man muss dabei klar sehen, dass grosse Unterschiede
der Partei am Wiederaufbau der Freien Gewerkschaf- bestehen zwischen den Verhältnissen, unter denen die
ten, der Beginn eines Eindringens in die DAF, in die Partei der Bolschewiki z. Z. des Zarismus gekämpft
Sport- und Jugend-, Frauen- und anderen Organisatio- hat, und den Verhältnissen, unter denen wir heute
nen des Faschismus – das sind die ersten Schritte, die unter einer faschistischen Diktatur zu kämpfen haben.
in der Richtung der Lösung dieser Aufgaben gemacht Diese Unterschiede bestimmen eine ganze Reihe von
werden sollen. Aber kühn, entschieden muss die Partei Besonderheiten der Methoden und des Aufbaues der
sich immer weiter auf dieser Linie bewegen. Partei und ihrer Arbeit.
Das sind, Genossen, kurz zusammengefasst, die Haupt- 1. Der Staatsapparat, der zur Verfügung des Zarismus
probleme unserer Einheitsfront- und Volksfrontpolitik stand, war viel primitiver und schwächer als der des
in Deutschland ...» Faschismus. Dadurch haben es die Faschisten leichter
Wenn die Volksfrontpolitik die faschistische Diktatur als die zaristische Polizei, uns Schläge zu versetzen ...

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Widerstand in Deutschland 1934-1939

2. Das zaristische Regime hatte keine breite soziale der des Verteidigungsrates und Vorsitzender des Partei-
Demagogie und baute nicht eine eigene Massenorgani- präsidiums der SED wird.
sation auf wie die Faschisten, die durch diese Organi- In Vertretung des ebenfalls durch Ulbrichts Schuld
sation breite Schichten der Werktätigen um sich zu verhafteten Ernst Thälmann ist Wilhelm Pieck als älte-
scharen, zu kontrollieren, zu überwachen versuchen ... stes AK-Mitglied Führer der KPD geworden. Mit ihm
3. Der Terror, der gegen uns gerichtet wird, ist viel hat der intrigante Parteibürokrat Ulbricht besonders
stärker. Es gibt in der Geschichte der Arbeiterbewegung leichtes Spiel. Er nimmt Pieck eine Menge von der
bis jetzt kein Beispiel der Massenanwendung eines organisatorischen Kleinarbeit ab. Pieck freut sich dar-
solch viehischen Terrors, um die Avantgarde der Arbei- über und merkt nicht, dass Ulbricht das nur tut, um
terklasse zu vernichten. Darum ist es notwendig, beson- noch mehr Fäden in die Hand zu bekommen. In der
dere Massnahmen zum Schutz und zur Erhaltung un- Wirrnis und dem Dunkel der illegalen Arbeit ist das
serer Kader zu treffen ... « nicht schwer. Bald ist Ulbricht der einzige, der einen
Togliatti beschliesst seine umfassenden Darlegungen Überblick über die gesamte Parteiarbeit hat.
mit den Worten: «Vergesst nicht, Genossen! Ohne Zu- Für Ulbricht gibt es nur noch eine ernsthafte Gefahr.
sammenfassung aller antifaschistischen Kräfte gibt es Sie heisst Ernst Thälmann. Moskau hat über den
keinen Sieg über den Faschismus. sowjetischen Botschafter in Berlin schon bald nach der
Ohne die feste proletarische Einheitsfront ist eine ge- Freilassung Dimitroffs am Ende des Reichstagsbrand-
schlossene antifaschistische Front des deutschen Volkes prozesses auch über die Freilassung Thälmanns ver-
nicht möglich. handelt. Thälmann soll gegen einige in der Sowjet-
Ohne eine feste bolschewistische Partei gibt es keine union inhaftierte Deutsche ausgetauscht werden.
proletarische Einheit! Ulbricht intrigiert gegen diesen Plan. Überall erzählt
Ohne eine eiserne kollektive Führung gibt es keine feste er hinter vorgehaltener Hand, wie niederdrückend sich
bolschewistische Partei! eine Freilassung Thälmanns auf die Illegalen auswir-
Das haben uns die Meister unserer revolutionären ken müsse, die selbst nie mit einem solchen Gnadenakt
Politik, Lenin und Stalin, gelehrt. der Nazis rechnen können. Die Moral der Genossen in
Es lebe die Kommunistische Partei Deutschlands, der den KZs werde damit gebrochen, wenn man für Thäl-
Organisator des Sieges des deutschen Volkes über den mann eine Extrawurst brate. Wilhelm Pieck assistiert
Faschismus! ihm dabei, denn nur wenn Thälmann ausgeschaltet
(Langanhaltender, stürmischer Beifall. Die Delegierten bleibt, kann Pieck Parteivorsitzender werden. Die In-
singen die ,Internationale'.)» trige der beiden gelingt. Thälmann bleibt in Haft.
Trotz dieser richtigen Erkenntnisse kann es den Kom- Der joviale, nur auf seinen Habitus als «Partei-Papa»
munisten nicht gelingen, eine Volksfront gegen Hitler bedachte Wilhelm Pieck ist für Ulbricht der rechte
zustande zu bringen. Die «soziale Demagogie», die Mann als Parteivorsitzender. Den kann er als Aus-
«eigenen faschistischen Massenorganisationen» und hängeschild benutzen, wahrer Boss der Partei wäre
der «viehische Terror gegen die Avantgarde der Ar- dann Ulbricht. Aber die Gefahr Thälmann ist noch
beiterklasse» erweisen sich als stärker. Die Hauptvor- längst nicht beseitigt. Solange «Teddy», wie ihn die
aussetzung für das erfolgreiche Wirken einer Volks- kommunistischen Arbeiter nennen, noch Aussicht hat
frontpolitik, die Gewinnung einer breiten Massen- freizukommen, wird Pieck nicht Parteivorsitzender
basis, kann die KPD nicht zustande bringen, und da- und Ulbricht nicht wahrer Herrscher über die KPD wer-
mit entfällt die entscheidende Voraussetzung für den den können. Und diese Aussicht besteht.
Widerstand von unten, für den Sturz Hitlers durch den Sowjetbotschafter Krestinski hat für einen Rechts-
Aufstand des eigenen Volkes. anwalt 60’000 Reichsmark aus Moskau erhalten. Der
Während es der Kommunistischen Partei Deutschlands Rechtsanwalt soll Thälmann in einem zu erwartenden
nicht gelingt, der «Organisator des Sieges des deutschen Prozess verteidigen. Im Pariser AK der KPD weiss man
Volkes über den Faschismus» zu werden, beginnt zu nichts von diesen 60’000 Mark und von den Bemühun-
gleicher Zeit die steile Karriere des Leipziger Kom- gen der Komintern um Thälmanns Verteidigung in
munisten Walter Ulbricht. einem Prozess. Diese Angelegenheit ist über die diplo-
Jetzt, da Hitler gesiegt hat, ist dieser Ulbricht Mit- matischen Kanäle und über die des Komintern-Appa-
glied des AK der KPD, des «Auslandskomitees». Die rates gelaufen.
von Paris aus geleitete illegale Arbeit gegen Hitler Als Ulbricht jedoch von dem geplanten Prozess er-
verhilft Ulbricht zu der Macht innerhalb der KPD, mit fährt, tut er alles, um die Freilassung Thälmanns zu
deren Hilfe er später Staatsratsvorsitzender der DDR, hintertreiben. Der Prozess findet nicht statt. Ebenso
Generalsekretär und Vorsitzender der SED, Vorsitzen- kann er die Idee von Kippenberger, dem Chef des ille-

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Thälmann bleibt in Haft

galen Apparates der KPD, zur Befreiung Thälmanns und der «Partei-Papa», der ohnehin im begründeten
verhindern. Dabei denkt Kippenberger nicht nur an Verdacht steht, am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg
Thälmann, sondern wie jeder gute Kommunist auch an und Karl Liebknecht aus Feigheit verraten zu haben
die propagandistische Wirkung jeder Aktion. Und die und an ihrem Tod schuld zu sein, ist ebenso alarmiert
tollste Propaganda wäre doch wohl, wenn Ernst Thäl- wie Ulbricht. Denn Pieck muss befürchten, nach einer
mann weder in einem Prozess freigesprochen würde Befreiung Thälmanns die Parteiherrschaft wieder an
oder gar durch einen «Gnadenakt» der Nazis freikäme, den Hamburger Volkstribun abgeben zu müssen.
sondern durch eine «echte» Befreiung durch die kom- Die Befreiung Thälmanns ist mittlerweile fast perfekt.
munistische Widerstandsorganisation. Die Nachschlüssel sind von Wachtmeister Moritz aus-
Kippenberger hat alles vorbereitet. Ernst Thälmann probiert und in Ordnung befunden worden. An einem
sitzt noch immer in einer Zelle des Untersuchungs- Sonntagabend soll die Aktion steigen. Am Sonntag ist
gefängnisses Berlin-Moabit. Dort ist der Justizwacht- es im Untersuchungsgefängnis am ruhigsten. Der
meister Moritz tätig. Der Wachtmeister ist schon seit Wachtmeister wird den Untersuchungshäftling Thäl-
geraumer Zeit Mitglied der KPD, hat aber schon in der mann unauffällig aus seiner Zelle ins Erdgeschoss hin-
republikanischen Zeit diese Mitgliedschaft auf Anwei- unterbringen, wo sich auch die Räume der Verwaltung
sung des auch damals schon bestehenden illegalen und die Sprechzimmer befinden. Wenn ihn ein Kollege
«Apparates» stets verschwiegen. unterwegs sehen und fragen sollte, wird Moritz die
Im Augenblick ist Moritz im gleichen Stockwerk tätig, Schultern zucken und sagen, dass irgendein prominen-
in dem auch «Teddys» Zelle liegt. Er vertritt einen ter Nazi den ebenso prominenten Häftling sehen will.
Kollegen, der sich auf Urlaub befindet. Auf Anweisung Aber die vorbedachte Ausrede ist überflüssig. Keiner
Kippenbergers «Apparat» setzt sich der Justizbeamte von des Wachtmeisters Kollegen ist an diesem ruhigen
mit Ernst Thälmann in Verbindung und berichtet ihm Sonntagabend an etwas anderem interessiert als an
von dem Befreiungsplan. Der KPD-Vorsitzende ist einem Skat im Dienstzimmer oder an der Hoffnung
einverstanden, wenn er auch nicht versteht, weshalb auf den baldigen Feierabend. Moritz gelangt mit sei-
es mit seiner legalen Freilassung nicht geklappt hat. nem Parteichef ungehindert bis zu der Besenkammer,
Bis zu seinem Lebensende im KZ Buchenwald wird er die nur zwei Meter von dem Hinterausgang des Gefäng-
nicht wissen, dass er dem parteipolitischen Machtkampf nisses entfernt ist. In dem dunklen Spinnwebenloch soll
zum Opfer gefallen ist. Thälmann warten, bis die Genossen mit den Nach-
Wachtmeister Moritz meldet jedenfalls, dass der Partei- schlüsseln ihn herausholen. Moritz muss zu diesem
vorsitzende damit einverstanden sei, dass man ihn Zeitpunkt längst wieder oben bei den Kollegen sein,
heimlich aus dem UG Moabit herausholt. Kippen- um sich in der Zentrale des Zellenbaus ein Alibi zu
berger organisiert nun alles weitere. Moritz überlässt verschaffen und die Kollegen abzulenken.
für die Dauer einer Nacht einem vom «Apparat» be- Auf der Strasse wartet schon ein zur Flucht organisier-
auftragten Genossen die Schlüssel von zwei Durch- tes Auto. Falsche Papiere und auch eine Perücke für
gangstüren der Zellengänge und von der rückwärtigen «Teddys» unverkennbare Glatze liegen bereit. Vier-
Ausgangstür auf die Strasse. Am Morgen hat der undzwanzig Stunden später soll der Genosse Justiz-
Wachtmeister, noch bevor er abgelöst wird, die Schlüs- wachtmeister mit seiner Frau flüchten.
sel zurück. Inzwischen sind Nachschlüssel angefertigt
worden. Die Aktion kann steigen – und die Welt In letzter Minute ist das Befreiungskommando von
wird staunen. Staunen darüber, wie aktiv die Kom- einer verblüffenden Nachricht überrascht worden.
munisten gegen das Hitlerregime Widerstand leisten Diese Nachricht, dieser Befehl wird jetzt im Erdge-
– sogar Ernst Thälmann haben sie mitten aus der schoss des Moabiter Untersuchungsgefängnisses flü-
«Höhle der faschistischen Bestie» (so heisst Berlin in sternd dem Wachtmeister und seinem Schutzbefohlenen
späteren Jahren in der Sowjetunion) herausgeholt. mitgeteilt: Aus der Befreiung wird nichts. Alles abge-
Weder die Verwaltung des Untersuchungsgefängnisses blasen. Vom AK der Partei ist der Parteibeschluss –
noch führende Funktionäre des «Dritten Reiches» und das ist wichtiger als der dringendste Befehl bei den
ahnen auch nur das Geringste, was sich hier in Berlin- Preussen – gekommen, dass Ernst Thälmann nicht be-
Moabit für eine propagandistische Niederlage für sie freit werden darf. Das wäre unsolidarisch gegenüber
anbahnt. Nur einer ahnt es, weiss es dann und ver- den vielen anderen «Klassenkämpfern», die in Hitlers
hindert es schliesslich: Walter Ulbricht. KZs gefangen sind und die man auch nicht befreien
Von «seinen» Illegalen hat er schliesslich erfahren, was kann. Das ist ein Beschluss der Parteiführung – wer
sich da in Berlin anbahnt, allen seinen Bemühungen ihm zuwiderhandelt, wird als faschistischer Provoka-
zum Trotz. Wilhelm Pieck wird von ihm informiert, teur behandelt und sofort aus der Partei ausgeschlossen.

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Widerstand in Deutschland 1934-1939

Ernst Thälmann kehrt zurück in seine Zelle. Von nun der «Führer des werktätigen deutschen Volkes», der
an wird der einsame Mann nie mehr einen Genossen «treueste Mitkämpfer Stalins» – das alles ist Thäl-
sehen. Der letzte Kommunist, den er sieht und mit mann jetzt, da er Ulbricht nicht mehr gefährden kann.
dem er spricht, ist der mutige Wachtmeister Moritz. Dieser Aufstieg zur Parteiführung ist Ulbricht vor
Keiner weiss, was das kleine Parteimitglied und der allem deshalb geglückt, weil es ihm gelingt, durch
verehrte Parteivorsitzende noch vor oder in Thäl- Taktik und Intrigen sämtliche Säuberungen zu über-
manns Zelle gesprochen haben. Thälmann kann mit stehen und sich aller potentiellen Gegner innerhalb der
niemandem mehr sprechen, und der Genosse Wacht- Partei zu entledigen.
meister Moritz nimmt sich aus Verzweiflung noch in Um die Opfer der OGPU (der russischen Geheim-
der gleichen Nacht das Leben. polizei) ans Messer zu liefern, bedient sich die KPD
Ulbrichts Sieg ist fast vollkommen. Der Selbstmord öffentlicher Rundbriefe, die an zahlreidie Adressen
des biederen Wachtmeisters Moritz führt die Kriminal- versandt werden. «Diese warnten», so schreibt Erich
polizei schliesslich zur Aufdeckung der ganzen Be- Wollenberg, «vor der zersetzenden Tätigkeit von
freiungsaktion. Thälmann wird in das besser bewachte Trotzkisten, Exkommunisten und anti-stalinistischen
Zuchthaus Bautzen und später in das Konzentrations- Sozialisten und gaben zu gleicher Zeit deren Namen
lager Buchenwald gebracht. Von einer Freilassung, von mit genauer Adressenangabe, mit Mitteilungen über
einem Prozess oder von einem Gefangenenaustausch ist ihre Verstecke und ihre politische Tätigkeit. Diese
hinfort nicht mehr die Rede. ,Zirkulare’ fielen dann in die Hände der Gestapo, was
Von Thälmann jedenfalls spricht kaum einer mehr – ihre Bestimmung war... Ulbricht verwendete die
wenn das nicht irgendwann einmal für Propaganda- gleiche Methode bei den Emigranten – kommunisti-
zwecke notwendig ist. Aber das ist selten der Fall, und sche Emigranten, die oppositioneller Neigungen ver-
so wird Ernst Thälmann allmählich in Deutschland und dächtig waren, sandte der Apparat mit erfundenen
in der Welt vergessen – bis 1945. Dann allerdings Aufträgen nach Deutschland und informierte zu glei-
nutzt Ulbricht die einstige Popularität Teddys und cher Zeit die Grenzposten der Gestapo.»
spielt sie wieder hoch: «Der Held der Arbeiterklasse», Später veranlasst Ulbricht die Abkommandierung Kip-

April 1935: Der Aufbau der illegalen KPD


Anordnung Heydrichs gegen Kommunisten, 1935

Abschrift.
Der Politische Polizeikommandeur. Berlin, den 29. Juli 1935 Kurz nach der Machtübernahme durch die nationalsozia-
B. Nr. G. 2267/35 - II1 A 1/J. listische Bewegung wurde die KPD und ihre Gliederun-
Geheim!
gen verboten und ihr Vermögen beschlagnahmt. Ihre hoch-
An und landesverräterische Tätigkeit übt sie aber illegal und
alle ausserpreussischen Politischen Polizeien
getarnt weiter. Durch die vielen polizeilichen Zugriffe und
Die in letzter Zeit besonders zunehmende Aktivität der kommunisti-
sehen Funktionäre macht ts unbedingt erforderlich, ihnen und allen das Aufrollen oft ganzer Leitungen wurde der Zusammen-
Mitarbeitern besondere Aufmerksamkeit zu schenken und für ihre halt immer mehr unmöglich gemacht und so ganze Bezirke
schärfste Bekämpfung zu sorgen.
In der Erkenntnis, dass illegale Bewegungen mit Strafgesetzen allein mit ihren Organisationen stillgelegt. Jegliche Weiterarbeit
niemals bekämpft werden können, dass vielmehr die Präventivmassnah- musste immer wieder von vorne angefangen werden. Um
men
vorherrschend sein müssen, ordne ich an: einen noch möglichen Zusammenhalt wieder herzustellen,
1. Personen, die sich bis zum Umbruch im kommunistischen Sinne be- ging die Parteileitung Ende 1934 daran, eine Umstellung
tätigt haben und nunmehr neuerdings im Verdacht illegaler Betätigung
stehen, sind in Schutzhaft zu nehmen und einem Konzentrationslager ihrer gesamten illegalen Organisation vorzunehmen. Hier-
zu überstellen. bei suchte sie vor allen Dingen ein System zur Anwen-
2. Personen, die sich seit dem Umbruch bereits illegal betätigt haben,
sind dann sofort in Schutzhaft zu nehmen, wenn ihr Verhalten erken- dung zu bringen, bei dem die Gefahr des Aufrollens ganzer
nen lässt, dass sie nach wie vor staatsfeindlich eingestellt sind, und der Leitungen oder des Zerschlagens der wichtigsten Verbin-
Verdacht besteht, dass sie in versteckter Form gegen den Staat hetzen.
3. Kommunistische Funktionäre, die nunmehr nach Strafverbüssung zur dungen auf ein Mindestmass herabgedrückt wird.
Entlassung kommen sollen, sind grundsätzlich in Schutzhaft zu nehmen, Bei der neuen Organisation ist das sogenannte Dreier-
sofern es sich bei ihnen um gefährliche Staatsgegner handelt oder an-
zunehmen ist, dass sie sich wieder der illegalen KPD zur Verfügung system bis in die kleinsten Organisationen durchgeführt
stellen werden. worden. Immer nur 3 Mann kennen sich und wissen von-
4. Jene Kommunisten, welche zum zweiten Male in Schutzhaft genommen
werden mussten, sind auf absehbare Zeit nicht mehr zu entlassen. einander; die Arbeiten für Pol., Org. und Agitprop, sind
(Vergleiche auch Erlass des Herrn Reichs- und Preussischen Ministers auf diese drei verteilt. Entgegen von früher hat immer
des Innern vom 13. 12. 34 – III P 3500/403.) Ein gleiches= Vorgehen ist
auch bei allen übrigen marxistischen Staatsgegnem geboten. nur die Pol.-Leitung zur nächsten Pol.-Leitung Verbindung.
In Vertretung:
Die Spitze der Partei, der sogenannte Dreierkopf (Pol.-
gez. Heydrich Leiter, Org.-Leiter und Agitprop.-Leiter), hat seinen Sitz

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Illegale Organisation der KPD

in Paris. Es folgen dann die beiden wichtigsten Stellen und Die Landesleitung und die Oberberater werden alle 7 bis 8
zwar Monate ausgewechselt. Die Durchgangsstelle unterhält eige-
1. die sog. «Durchgangsstelle» und nen Kurierdienst mit je 1 Kurier für jeden Oberbezirk.
2. das sog. Reichstechnikum, Diese 8 Kuriere haben wöchentlich einmal zu verschiede-
nen Zeiten und über verschiedene Grenzübergangsstellen
die bis zum Januar d. Js. ihren Sitz in Saarbrücken hatten ihre Oberberater und deren Bezirksleitung anzulaufen, um
und jetzt nach Luxemburg und Holland verlegt worden Material abzuliefern und neues entgegenzunehmen.
sind. Die nächstwichtigste Stelle ist die «Landesleitung» mit Ausserdem gehört jeder Oberbezirk zu einer sog. Grenzlei-
ihrem Sitz in Berlin. Hach dem neuen Organisationsplan tung, die in dem nächstliegenden Auslande ihren Sitz hat. Es
ist Deutschland in 8 Oberbezirke mit je einem Oberberater gehört der Oberbezirk
als Leiter eingeteilt.
Nordwest .... zur Grenzleitung Amsterdam,
1. Oberbezirk Nordwest (frühere Bezirke 18, 19, 20/21) mit Südwest ...................... zur Grenzleitung Strassburg,
dem Sitz in Düsseldorf, umfassend die Bezirke: Norden ....................... zur Grenzleitung Kopenhagen,
a) Mittelrhein, Sitz Köln, Berlin-Brandenburg . zur Grenzleitung Luxemburg,
b) Niederrhein, Sitz Düsseldorf, Süddeutschland . . zur Grenzleitung Luxemburg,
c) Ruhrgebiet, Sitz Essen. Mitteldeutschland . zur Grenzleitung Luxemburg,
Zentrum . . . . zur Grenzleitung Prag,
2. Oberbezirk Südwest (frühere Bezirke 22, 23, 24, 25) mit Osten .......................... zur Grenzleitung Prag.
dem Sitz in FrankfurtlM., umfassend die Bezirke:
a) Mannheim,
b) Frankfurt! M.,
c) Karlsruhe.
Jede Grenzleitung hat wieder mehrere Grenzkontrollstel-
len, die z.T. noch im Auslande, z.T. bereits auf deutschem
3. Oberbezirk Norden (frühere Bezirke 14, 15, 16, 17) mit Boden liegen. Die Organisation der Grenzleitungen liegt
dem Sitz in Hamburg, umfassend die Bezirke: dem Reichstechnikum ob. Seine Hauptaufgabe ist die Or-
a) Hamburg, ganisation für die Herstellung von illegalem Druckschriften-
b) Bremen, material und das «Über-die-Grenze-bringen» nach Deutsch-
c) Hannover. land. So weit dies möglich ist, hat es auch eigene Drucke-
reien in Deutschland zu organisieren, diese mit Manuskrip-
4. Oberbezirk Berlin-Brandenburg (frühere Bezirke 1 und ten zu versehen, zu finanzieren und zu überwachen. Auch
2) das Reichstechnikum unterhält eigenen Kurierdienst über
mit dem Sitz in Berlin, umfassend die Bezirke: seine Grenzstellen in derselben Weise, wie die Durchgangs-
a) Gross-Berlin, stelle. Durch diese doppelte Sicherung erhält die Partei-
b) Provinz Brandenburg, Sitz Berlin. leitung, entweder durch den Kurierdienst der Durchgangs-
stelle oder durch den Kurierdienst des Reichstechnikums,
5. Oberbezirk Süddeutschland (frühere Bezirke 26, 27, 28) immer gleich Nachricht, wenn durch die Polizei etwas
mit dem Sitz in Stuttgart, umfassend die Bezirke: «krank geworden» oder sonstwie eine Verbindung abgeris-
a) Stuttgart, sen ist. Durch den einen oder anderen Kurierdienst wird
b) Nürnberg, die «krank gewordene» Stelle immer wieder gleich auf-
c) München. gefüllt und die Verbindung wieder hergestellt. Es sind auch
die Kuriere, die die Geldmittel zur Aufrechterhaltung der ille-
6. Oberbezirk Mitteldeutschland (frühere Bezirke 8, 9, 10, galen Organisation nach Deutschland bringen.
11) mit dem Sitz in Leipzig, umfassend die Bezirke: Die Oberberater und die Obertechniker haben monatlich
a) Halle, einmal auf der Durchgangsstelle resp. beim Reichstechnikum
b) Leipzig, zur Berichterstattung zu erscheinen und neue Verhaltungs-
c) Dresden. massregeln zu empfangen. Transportmittel, ob Flugzeug,
Eisenbahn oder Auto, Tag und Stunde des Grenzüber-
7. Oberbezirk Zentrum (frühere Bezirke 12 und 13) mit dem ganges sowie die Grenzübergangsstelle selbst werden ihnen
Sitz in Erfurt, umfassend die Bezirke: von der Zentrale vorgeschrieben. Die Losungsworte, auf
a) Magdeburg, Grund deren sie vorgelassen werden, erhalten sie vorher
b) Thüringen, Sitz Erfurt. durch den Kurierdienst. Sie haben dafür zu sorgen, dass die
Konspirationsregeln jedem Mitglied bekannt sind und strikte
8. Oberbezirk Osten (frühere Bezirke 3, 4, 5, 6/7) mit dem eingehalten werden.
Sitz in Königsberg, umfassend die Bezirke: Die erwähnten besonderen Organisationen der Partei, die
a) Königsberg, z.T. noch bestehen und erneute Tätigkeit entfalten, sind,
b) Danzig, wie die politische Organisation der Partei, nach dem Dreier-
c) Pommern, Sitz Stettin, system eingeteilt und halten Verbindung über den Pol.-
d) Schlesien, Sitz Breslau. Leiter ihres Bezirks ...

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Widerstand in Deutschland 1934-1939

Wie ein Kommunist sich bei der illegalen Arbeit meingut der gesamten Organisation werden. Teilt solche
verhalten muss Dinge zu allererst eurem Vordermann mit.
15. Denkt daran, Leichtfertigkeit ist nicht gleichbedeutend
mit M ut! Die Kunst unserer Arbeit ist, bei Anwendung aller
Einige Fragen der Konspiration
Vorsichtsmassregeln und Beachtung kleinster Dinge, das
1. Es darf keinen «guten und zuverlässigen» Bekannten und
Höchstmass an Arbeit unter den Massen zu leisten. Bei einer
Freund mehr geben, dem man über seine Arbeit etwas erzählt.
richtigen Verteilung der Kräfte und Anwendung einer beweg-
2. Erzähle also nichts einem, der es wissen kann, sondern nur
lichen Taktik wird uns das gelingen.
dem, der es wissen muss.
Es ist klar, dass es gerade in konspirativer Hinsicht immer
3. Es ist nicht notwendig, dass ein Freund über personelle
wieder neue Momente und Variationen geben wird. Sprecht
und innere organisatorische Verhältnisse mehr weiss, als zu
also von Zeit zu Zeit über die Methoden des Gegners und
seiner Arbeit unbedingt notwendig ist.
legt danach euer Verhalten fest. Ihr habt dadurch den Vor-
4. Lauft möglichst in «Latscher-Kluft», gebärdet euch recht
teil, immer einen Schritt im Voraus zu sein, während sich
auffällig auf der Strasse. Redet viel mit den Händen. Damit
der Gegner erst auf unsere Arbeitsweise einstellen muss.
gebt ihr der Polizei Gelegenheit, euch schnell zu beschreiben
Zieht jeden rücksichtslos aber kameradschaftlich zur Verant-
und schliesslich aufzufinden.
wortung, der die Regeln durchbricht. Schafft euch durch
5. Der kürzeste Weg ist nicht immer der Beste, d.h. bestelle
wirklich konkrete, politische Arbeit eine solche Massenbasis,
die Freunde, mit denen du zusammen arbeitest so, dass du auf
dass kein noch so blutiger Terror in der Lage ist, euch zu
dem Wege dorthin genügend Zeit hast, evtl. Verfolger abzu-
schaden. Stellt an die Spitze eurer organisatorischen Arbeit
schütteln. Halte genügend Zeit frei für den nächsten Treff-
das Wort Lenins: «Wer in Zeiten der Illegalität auch nur
punkt und sei vorbildlich pünktlich.
im Geringsten die Disziplin der Bolschewiki bricht, der
6. Unterhaltet euch auf öffentlichen Plätzen, Verkehrsmit-
hilft, ob er will oder nicht, unserem Feind, der Bourgeoisie.»
teln, Lokalen am besten gar nicht über eure Arbeit, und wenn,
dann tut es so, dass es in Form eines allgemeinen Gesprächs (Aus einer Hamburger illegalen Zeitung.)
geschieht.
7. Denkt daran, bei Sitzungen zu vereinbaren, was ihr sagen
wollt, wenn euch die Gestapo aushebt.
8. Trage nur Material bei dir, wenn es sich nicht vermeiden
lässt, und dann nur so kurze Zeit wie möglich. Halte deine
Wohnung sauber.
9. Überprüft alle Wohnungen, Anlaufstellen, Adressen, die Fiete Schulze
zur Durchführung euerer Arbeit wichtig sind, auf das Genau-
este.
10. Brecht rücksichtslos alle «Querverbindungen» ab. Trefft
mit euren Mitarbeitern solche Vereinbarungen, dass ihr euch
wiederfindet, ohne voneinander Wohnung und Namen zu wis-
sen.
11. Organisiert Materialverteilung so, dass in der kürzesten
Frist nicht mehr als zwei beieinander sind. Überlegt also vor-
her den Verteilungsschlüssel und die Stellen.
12. Macht endgültig Schluss mit den familiären Verhältnis-
sen untereinander. Ihr habt auch als «Privatpersonen» nichts
bei anderen Freunden zu suchen, wenn ihr auch wisst, dass
sie zuverlässig sind. Gerade deshalb dürft ihr sie nicht un-
nötig belasten. Wenn ihr euch auf der Strasse trefft, geht an-
einander vorüber; es sei denn, dass ihr euch verabredet
habt. Es interessiert ausser der Gestapo keinen, dass ihr euch
kennt. ‚Ich hatte die Absicht, die Verwirklichung der kom-
13. Macht kein Lokal zur Stammkneipe, kein Kino zum munistischen Verhältnisse in Deutschland zu beschleu-
Stammkino, keinen Park oder Platz zum Stammaufenthalt. nigen, aus meiner persönlichen kommunistischen Ein-
Es brauchen euch nicht mehr Leute zu kennen als notwendig stellung heraus, ganz selbständig, ohne Auftrag. Hätte
ich einen Auftrag bekommen, so würde ich es sagen,
ist. denn ich wäre atolz darauf ... Ich weiss, dass der Staats-
14. Kämpft hart und entschlossen gegen Gerüchte und Pa- anwalt meinen Kopf haben will, aber er muss sich be-
nikstimmungen bei bestimmten Anlässen. Keiner darf unge- eilen, sonst kommt erst noch der Kommunismus zur
prüfte Meldungen weitergeben, jeder sei bemüht, sofort den Macht... Kommt auch später so zahlreich, dann sollt
Urheber derartiger Dinge festzustellen. Bevor keine Klarheit Ihr sehen, wie ein Kommunist stirbt ..
Einer weniger – aber siegen werden wir doch!‘
bei bestimmten Meldungen besteht, dürfen sie nicht zum Allge-

Am 18. März 1935 vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht.

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Es rumort in den Kirchen

penbergers, der sich weigerte, irrende Genossen von der zurückführen: auf die Unvereinbarkeit zwischen Natio-
Gestapo umbringen zu lassen, nach Moskau, wo er von nalsozialismus und Christentum.
der OGPU erschossen wird. Das Personal seines Appa- Dass diese Unvereinbarkeit immer wieder überbrückt
rates wird ebenfalls ermordet. wird, liegt einmal daran, dass viele katholische und
Nachdem Ulbricht der stalinistischen Säuberung in evangelische Kirchenmänner erst allmählich die Ge-
Moskau 1936 nur mit knapper Not entronnen ist, ist fahr des Nationalsozialismus erkennen, und zum an-
seine Machtstellung in der KPD bzw. SED von da an bis deren daran, dass die Taktik der nationalsozialistischen
heute nicht mehr zu erschüttern gewesen. Machthaber genauso wie die Taktik der Kirchen darin
All das trägt dazu bei, dass die vom Ausland organi- besteht, einen endgültigen Bruch zu vermeiden. Hitler
sierten Widerstandsaktionen der organisierten Arbei- hat niemals öffentlich behauptet, dass er den Kirchen
terschaft aus KPD, SPD und Gewerkschaften der Füh- den Kampf angesagt habe, und die Kirchen mussten
rung des Dritten Reiches die geringste Sorge bereiten. in der Situation des totalen Staates, in der sie dem
Viel ärger ist das Verhalten von Leuten, die 1933 Staat machtmässig völlig unterlegen waren, dem Staat
Hitlers Reichskanzlerschaft entweder jubelnd begrüsst immer so viele Zugeständnisse einräumen, immer so
oder zumindest gutgeheissen haben: Es rumort in den verbindlich und entgegenkommend taktieren, dass sie
beiden Kirchen, der katholischen und der evangeli- ihre wesentliche Aufgabe, die Verkündung ihrer Lehre
schen. Die Ursachen und Anlässe für den Kampf des und die Betreuung ihrer Gläubigen, am besten aus-
Nationalsozialismus und den Widerstand der Kirchen, führen konnten. Sieht man nur einseitig auf die tak-
so vielgestaltig sie auch scheinen mögen, lassen sich da- tisch bedingten Formulierungen, so könnte man glau-
bei letztlich immer auf den einen entscheidenden Grund ben, die Kirchen seien Hitler doch zu weit entgegen-

An Frau Emmy Sonnemann!

Frau Emmy Sonnemann!


Als am Tage Ihrer Hochzeit 140 für künftige Morde be-
stimmte Flugzeuge über dem Kirchenportal kreisten, haben
Sie, da die Motoren so donnerten, den Schlag des Fallbeils
überhört, durch den unsere Freunde Sally Eppstein und
Erwin Ziegler enthauptet wurden. Diese beiden jungen
Menschen waren unschuldig, obwohl die blutige Justiz Ihres
angetrauten Gatten und höchster Trauzeugen sie für schuldig
befand.
Unter Ihren tausend Hochzeitsgaben war auch ein armer
Kanarienvogel in einem Käfig aus Flugzeuggestängen. Ver-
stopfen Sie Ihre Ohren, Frau Emmy Sonnemann, Sie könnten
sonst aus seinem Zirpen das Weinen um jene schuldlos Ge-
richteten und um die vielen anderen unschuldigen Opfer hören.
Und jenes Brautdiadem aus Brillanten? Lady Milford wollte
mit den Brillanten, an denen das Blut der Untertanen klebt,
nichts zu tun haben. Aber die Milford ist wohl keine Rolle
für Sie.
Eines Tages, Frau Fliegergeneral Göring, aber wird es
Ihnen klar werden, was es heisst, einem Henker die Hand ge-
reicht zu haben.

Abb. links: aus «Die Rampe», illegales Gewerkschaftsorgan für die deutschen Bühnenangehörigen, April/Mai 1935. –
Abb. rechts: Karikatur aus einer illegalen, hektographierten kommunistischen Zeitschrift aus dem Jahre 1935.

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Widerstand in Deutschland 1934-1939

gekommen, sie hätten energischer Widerstand leisten ein Konkordat mit günstigen Bedingungen anbietet,
müssen. Dieser Schein jedoch trügt. Wer die Quellen sieht man in diesem Konkordat ein effektives Mittel,
genau studiert, kann zwar Fehler finden, kann katholi- die Rechte und das Wirken der katholischen Kirche in
schen und evangelischen Illusionen über den National- Deutschland zu sichern.
sozialismus begegnen, er kann Arglosigkeit, Leicht- Von da an bleibt das Reichskonkordat die Grundlage,
gläubigkeit, ja sogar Opportunismus entdecken, er auf der die katholische Kirche ihren Kampf gegen den
kann aber vor allem die Zeugnisse nicht übersehen, Nationalsozialismus führt, es bleibt die rechtliche
die beide Kirchen als mutige Kämpfer ausweisen, als Grundlage, die von Hitler zwar hundertfach durch-
Kämpfer für die Bewahrung des Christentums in einer brochen, niemals aber als solche aufgehoben wird. Im
schwierigen Zeit. Gegenteil, auch Hitler und seine Helfershelfer beziehen
Um diesen Kampf, um diesen Widerstand der Kirchen sich in ihrem Kampf gegen die Kirche immer auf das
zu würdigen, muss die Entwicklung der katholischen Konkordat, wobei letztlich alles auf die Frage der Ver-
Kirche auf der einen und der evangelischen auf der tragsauslegung hinausläuft und hierbei wiederum der
anderen Seite getrennt behandelt werden. Begriff des Politischen eine entscheidende Rolle spielt.
Gerade der katholischen Kirche wird jetzt erneut und Gleich nach der Unterzeichnung heisst es im «Völki-
verstärkt der Vorwurf gemacht, sie habe mit dem schen Beobachter»: «Durch diesen Vertrag wird vor
Nationalsozialismus kollaboriert. Dabei wird dieser der ganzen Welt klar und unzweideutig erwiesen, dass
Vorwurf um so leichter erhoben, je ungefährdeter man die Behauptung, der Nationalsozialismus sei religions-
heute die damalige Zeit im Nachhinein analysieren feindlich, eine Lüge ist, die zum Zweck politischer
kann und je weniger man sich in die Schwierigkeit der Hetze erfunden wurde ...
damaligen Zeit und das Wesen der katholischen Kirche Die Kirche verbietet den Priestern durch das Kon-
überhaupt hineinversetzt. kordat jede parteipolitische Betätigung ...»
Die katholische Kirche hat keine staatlichen Macht- Darauf gibt der «Osservatore Romano», die Zeitung
mittel, sie hat keine Soldaten, keine Gestapo, keine des Vatikans, die bezeichnende Antwort, dass nur «die
Konzentrationslager, keine Rollkommandos, die miss- parteipolitische Tätigkeit im besonderen» untersagt sei,
liebige Gegner ermorden; sie hat ihre internationale nicht aber das Wirken der Kirche zum gemeinsamen
Organisation, ihre Kanzel, ihre Lehre, ihre Gläubigen, Wohl der «Polis».
ihre Schriften und Predigten, mit denen sie die In seiner Rede vom 26. Oktober 1933 führt Hitler aus,
Menschen freiwillig dazu bringen muss, dem Worte er habe den Kampf «gegen die Zersetzung unserer
Gottes entsprechend zu leben. Das allein ist ihre Religion» aufgenommen, weil er der Überzeugung sei,
Hauptaufgabe, und daher sind die damaligen Worte «dass das Volk diesen Glauben benötigt und braucht».
des späteren Papstes Pius XII. richtig, wenn er sagt: Insbesondere habe er «die Priester aus der Niederung
«Der katholischen Kirche liegt es fern, eine Staatsform des politischen Parteistreites herausgeholt und wieder
oder eine staatliche Um- oder Neuorganisation als in die Kirche zurückgeführt». Es sei sein Wille, «dass
solche abzulehnen.» Sie schliesse Konkordate «mit sie niemals mehr zurückkehren sollen in ein Gebiet, das
Monarchien und Republiken, mit demokratischen und für sie nicht geschaffen ist...»
autoritär geleiteten Staaten». Worauf es ihr ankomme Aber gerade in Hitlers Staat muss die Kirche ins «Poli-
sei, dass «die Rechte Gottes», und des «christlichen Ge- tische» zurückkehren, nicht weil sie sich unstatthafte
wissens» gesichert würden. Kompetenzen anmasst, sondern weil der National-
Natürlich muss der katholischen Kirche eine Staats- sozialismus mit seiner Auslegung des «Politischen» in
form am liebsten sein, in der sie ihren Auftrag am um- die ureigensten Aufgaben und tiefsten Anliegen der
fassendsten zu erfüllen vermag. Ihre Aufgabe ist es Kirche hineingreift. Weil der Nationalsozialismus eben
aber nicht, wenn ein Staat eine Entwicklung nimmt, doch «religionsfeindlich» ist und letztlich das Ziel ver-
in der die Stellung der Kirche erschwert wird, mit folgt, den Einfluss der Kirchen mit politischen Mitteln
diesem Staat zu brechen und ihre Gläubigen im Stich völlig auszuschalten.
zu lassen, sondern daran zu gehen, nach neuen Wegen Die Spannungen zwischen Nationalsozialismus und
zu suchen, wie sie auch in einem solchen Staate unter katholischer Kirche kommen dabei um so stärker zum
den neuen Bedingungen ihren Auftrag erfüllen kann. Ausdruck, je stärker die katholische Bevölkerung in
Und als Hitler – von dem man zwar weiss, dass er den Einzelnen Teilen Deutschlands vertreten ist. Auch
nach dem 30. Januar 1933 darangegangen ist, die das Widerstandsverhalten Einzelner Priester kann da-
Diktatur in Deutschland zu errichten, aber noch bei um so nachhaltiger sein, je geschlossener die Be-
kein verantwortlicher Staatsmann weiss, wo diese völkerung hinter ihnen steht, wie es sich beispielsweise
Diktatur einmal enden wird – der katholischen Kirche im katholischen Rheinland gezeigt hat.

112
Hammer und Sichel müssen wehn

11 Gebote für das Verhalten Verhafteter! sucht, durch Marter dazu gezwungen, das Proletariat wird
und kann keinen Unterschied zwischen Verrätern machen.
Merken meine Folterknechte erst einmal, dass ich ihren Fol-
Motto: Ein Kommunist verteidigt sich nicht, indem er terungen nachgebe, verrate, so würde ich erst recht nicht um
seine Person, sondern indem er den Kommunismus und die Folterungen herumkommen, sie würden mich weiter fol-
seine Organisation verteidigt. tern, auch dann, wenn ich längst nichts mehr verraten könnte.

1. Gebot: Wenn es mir möglich ist, verheimliche ich der Po- Wenn ich aber allen Folterungen und Misshandlungen
lizei meinen Namen und meine Adresse in den ersten Tagen standhalte, weiss ich, dass ich zehn, vielleicht auch noch mehr
und Wochen meiner Verhaftung; Genossen das Los erspare, das mir beschieden ist, und dass
denn: meine Angehörigen und Genossen werden dadurch ich mich nicht selbst belaste.
gewarnt und haben «Zeit.. . 10. Gebot: Ich lasse mich nicht als Köder durch die Strasse
2. Gebot: Über meine Partei, über meine Genossen mache führen, in Lokale setzen, damit die Genossen, die mich an-
ich prinzipiell keine Aussagen, weder vor der Gestapo, noch sprechen, verhaftet werden;
vor dem Untersuchungsrichter, dem Gericht oder ähnlichen denn: Rudi Schwarz und viele andere Genossen sind mir
Institutionen; Vorbilder. Sie haben sich vor Autos, Omnibusse, Strassen-
denn: tue ich dies trotzdem, so werde ich zum Verräter an bahnen geworfen, um ihre Genossen zu warnen, ihnen die
der Bewegung, an meinen Genossen, werde jrüher oder später Möglichkeit zu geben, in dem Massenauflauf zu verschwin-
im proletarischen Gericht «erbarmungslos gerichtet werden» den. Sie sind durch die Strassen gegangen und haben ge-
3. Gebot: Namen, Decknamen, Personenbeschreibungen, schrien: «Vorsicht! Bullen!», «Ich lasse mich von Euch Acht-
Adressen und Stellen, über die Genossen erreichbar sind, gebe groschenjungen nicht durch die Strassen führen!» usw. Sie
ich prinzipiell nicht an; haben auf der Strasse den ersten besten Bourgeois angespro-
denn: ich weiss, dass ich dann zum Verräter werde, dass ich chen, den sie trafen.
mich durch jede Adresse, aus der die Polizei ersieht, dass ich 11. Gebot: Vor dem Gericht verteidige ich mich selbst. Ich
Einblick in die Organisation habe, selbst belaste. verteidige nicht meine Person, sondern meine Partei, die Idee
4. Gebot: Nie gestehe ich mir vorgeworfene Delikte ein, des Kommunismus. Dimitroff ist mein Lehrmeister;
selbst dann nicht, wenn allerlei Beweismaterialien gegen mich denn: unter den Verhältnissen der faschistischen Diktatur
aufgefahren werden; in Deutschland wird jeder Anwalt nur die Person verteidi-
denn: man wird die Beweismaterialien fälschen, Sachverhalte gen; versuchen, meine Person in einen Gegensatz zu meiner
konstruieren, um dadurch mein Geständnis zu erzielen, mich Organisation, zum Kommunismus zu stellen. Und das kann ich
verurteilen zu können. nicht zulassen.
5. Gebot: Wenn man mir sagt: «Wir wissen schon alles, ge- Wollte der Anwalt aber versuchen, den Kommunismus,
ben Sie es ruhig zu», dann hülle ich mich in eisiges Schweigen, meine Organisation zu verteidigen, so würde er sich damit
weil ich weiss, sie wissen gar nichts; selbst auf die Anklagebank zitieren. Deshalb schade um je-
denn: wenn sie alles wüssten, brauchten sie mich nicht noch den Arbeiterpfennig, der zur Finanzierung faschistischer
zu fragen. Rechtsanwälte verschleudert wird.
6. Gebot: Wenn man mir sagt, andere haben schon gestan-
den, dann glaube ich das nicht. Und falls andere wirklich
gestanden haben, werde ich sie als Lügner hinstellen, immer Das Lied vom Hitler.
alles bestreiten;
denn: meistens wird die Belastung durch einen anderen nicht Ernst Thälmann gefangen! Der Reichstag brennt!
Wer war es? Einer, den Jeder kennt:
genügen, um mich überführen zu können.
Hitler!
7. Gebot: Mit vernehmenden Personen lasse ich mich nicht Viel tausende Arbeiter, Frau und Mann,
in Gespräche, auch nicht nebensächlicher oder persönlicher Gefoltert, ermordet! Wer war es? Sagt an:
Art ein; Hitler!
denn: sie verstehen es, mich im Rahmen solcher Gespräche Die Löhne herunter, die Preise hinauf!
geschickt auszufragen. Dazu «Maul halten!» sonst gibts eins drauf
8. Gebot: Ich unterlasse es, mit mich vernehmenden Perso- von Hitler.
Krieg heisst die Losung! Bombenflleger her!
nen zu diskutieren, zu versuchen, sie für den Kommunismus zu Gegen den RätebundI Wer führt das Heer!
gewinnen; Hitler!
denn: dafür ist das der denkbar ungünstigste Moment. Ich lie- Genossen, Arbeiter! Uns geht es an!
fere ihnen nur Material gegen mich selbst, tue selbst den ers- Hinein, in die Rote Front, Mann für Mann.
ten Schritt auf dem Wege zur Provokation. Gegen Hitler!
9. Gebot: Wenn man mich martert, prügelt, so lasse ich mich Hammer und Sichel müssen wehn!
eher totschlagen, totquälen, ehe ich meine Organisation, Rätedeutschland muss auferstehn!
Hoch Marx und Lenin!
meine Genossen verrate;
denn: ein Verräter bleibt ein Verräter, gleich, aus welchen
Motiven er den Verrat übt. Ob freiwillig, durch Gewinn-

(Aus: «Hammer und Sichel», Nr. 7, vom 26. 4. 1935,


Organ der KPD, Unterbezirk Berlin.)

113
Widerstand in Deutschland 1934-1939

So kommt es während der traditionellen Karls-Feier des Nationalsozialismus in irgendeiner Form zu miss-
in Aachen zu einem bezeichnenden Zwischenfall. An kreditieren ...»
der Feier zum Andenken Karls des Grossen im Aache- Diese Weltanschauung, die den Wert des Einzel-
ner Münster nehmen auch die katholischen NSDAP- menschen verleugnet und die die Bindung des Gewis-
Mitglieder, SS- und SA-Leute in Uniform teil. Die alt- sens an die Gebote Gottes verneint, die Volk und Rasse
berühmte katholische Karls-Schützengilde marschiert zu neuen Göttern erhebt, kann von der Kirche nicht
unter Führung einer SA-Kapelle zum Münster. Doch toleriert werden. Und nicht nur im Regierungsbezirk
während in dem ehrwürdigen alten Gotteshaus die Aachen, sondern überall in Deutschland beobachten
Messe Anton Bruckners erklingt, marschiert draussen Gestapo und SD den Widerstand der katholischen
die Hitlerjugend mit Pauken und Trompeten vorbei, Kirche gegen diese Weltanschauung. In dem Lage-
um die feierliche Handlung zu stören. Die Erregung bericht des Sicherheitsdienstes vom Mai/Juni 1934 an
der gesamten Bevölkerung ist gross und allenthalben den Reichsführer SS, Chef des Sicherheitsamtes, in dem
deutlich spürbar. der katholische Widerstand umfassend dargestellt wird,
Zur gleichen Zeit findet in Aachen die Aufführung heisst es:
eines Theaterstückes «Wittekind» statt, in dem der «Gegnerische Betätigung katholischer Geistlicher ist in
Kampf der Sachsen gegen das Frankenheer Karls dar- derart zahlreichen Fällen in allen Teilen des Reiches
gestellt wird. Es ist ein eindeutig antikatholisches Stück, nachgewiesen worden, dasseine Aufzählung von Einzel-
in dem Kaiser Karl als Mörder der Sachsen im Auf- fällen unmöglich und auch unnötig ist. Es werden daher
trag der Römischen Kirche dargestellt wird. Das Stück lediglich kurz die wesentlichen und häufigsten Ver-
muss schliesslich unter dem Druck der Bevölkerung von gehen zusammengestellt. Zu beachten ist, dass fast jede
der Regierung verboten werden. gegnerische Äusserung eines Geistlichen nicht eine
Kaum einer der Berichte des Sicherheitsdienstes, die Privatangelegenheit des Betreffenden, sondern eine
für den Regierungsbezirk Aachen von 1934 bis 1936 politische Beeinflussung anderer darstellt. Dabei wer-
erhalten geblieben sind, unterlässt es, auf den Wider- den die Mittel religiöser Erziehung zu politischen
stand der katholischen Bevölkerung und ihrer Priester Zwecken missbraucht, besonders Predigt, Beichtstuhl,
hinzuweisen. Folgende Formulierungen sind typisch Religionsunterricht, Vereinsführung und seelsorgerliche
und kehren in offiziellen Schriften und Dokumenten Hausbesuche.
immer wieder: Im Einzelnen sind zu beobachten:

«Die Reserviertheit der katholischen Geistlichkeit Angriffe gegen die nationalsozialistische


nimmt stetig zu ... Weltanschauung:
Auf die Tatsachen, dass die katholische Kirche inzwi- gegen den Rassegedanken
schen auf der ganzen Linie zum Angriff übergegangen gegen den Antisemitismus
ist, es aber meisterlich verstanden hat, ihre Haltung als gegen das Führerprinzip (,Menschenverherrlichung')
eine ihr durch das sogenannte Neuheidentum und an- gegen nationalsozialistische Führer und Verbände
dere angeblich kirchenfeindliche Bestrebungen aufge- persönliche Verunglimpfung Einzelner Führer,
zwungene Verteidigung hinzustellen ... habe ich in mei- Verächtlichmachung von HJ, BDM, SA usw.,
nem vorigen Bericht eingehend hingewiesen ... um vom Eintritt in diese Verbände abzuschrecken,
Der Kampf der katholischen Kirche gegen das soge- gegen die nationalsozialistische Presse
einseitige Werbung für die katholische Presse
nannte Neuheidentum, meistens verbunden mit Angrif-
gegen nationalsozialistische Formen
fen auch gegen die Grundsätze des Nationalsozialismus
gegen den Deutschen Gruss (Nichtanwendung, Bekämp-
und somit des neuen Staates, nimmt immer schärfere fung bei anderen, bes. bei der Jugend, Einführung von
Formen an ... Ersatzgrussformeln, z.B. Heil Pius, Treu Heil usw.)
Die ständig in meinen früheren Lageberichten er- gegen Hakenkreuzfahne und andere Symbole
wähnte gegnerische Einstellung der katholischen Geist- gegen Horst-Wessel-Lied
lichkeit gegenüber Staat und Bewegung geht mehr und gegen Führerbilder
mehr aus dem Stadium eines abwartend passiven Ver- gegen Uniformen u. dgl.
haltens in das der Offensive über ... gegen staatliche Massnahmen
Selbstverständlich hütet sich die Geistlichkeit, als An- gegen Winterhilfswerk (Eintopfgerichte usw.)
greifer etwa den Staat oder seine Organe hinzustellen. gegen das Berufsbeamtengesetz
Der Doppelsinn der Predigten zeigt aber jedem Ein- gegen Luftschutz und ähnliches
geweihten sofort, worauf hingezielt wird, und dass Verbreitung von Greuelmärchen
man mit allen Mitteln bemüht ist, die Weltanschauung

114
«Devisenschieber»

Planmässig wird so die Grundlage des nationalsoziali- durch die Devisenschiebungen Mängel an den Einrich-
stischen Aufbaues untergraben, nämlich das Vertrauen tungen der Kirche aufgedeckt worden sind, sondern ...
des Volkes zur Führung des Staates.» neigt man nach wie vor dazu, die Devisenprozesse als
Und genau das muss die Aufgabe des katholischen einen Angriff auf die katholische Kirche zu werten ...»
Widerstandes sein, das Vertrauen des Volkes zur Und gleichzeitig geht aus diesem Bericht hervor, wie
Führung des Staates zu untergraben, nicht weil die der Devisenangriff Leute zur Kirche bringt, die sonst
Kirche den Staat als solchen ablehnt, sondern weil sie nichts mit ihr zu tun haben, die aber in der katholischen
sich gezwungen sieht, gegen eine feindliche Weltan- Kirche jetzt das Zentrum eines möglichen Widerstandes
schauung anzukämpfen, die vom nationalsozialistischen gegen Hitler sehen. So heisst es in der Meldung der Ge-
Staat getragen wird. stapo nach Berlin:
Und dieser Staat geht nun seinerseits daran, diesen « ... machen sich ... Personen die kirchenpolitischen
kirchlichen Widerstand zu bekämpfen, und zwar nicht Spannungen zunutze, die ohne nähere Beziehungen zur
offen und frontal gegen die Kirche insgesamt, sondern Kirche sind und lediglich ein Gebiet suchen, auf dem
mit einer Taktik, die den Kirchenkampf vermeiden sie ihre dem Nationalsozialismus feindliche Einstellung
möchte, die Kirche «abfaulen lassen will wie ein bran- betätigen können. So haben in einem Ort meines
diges Glied», und die vor allem aus den Gläubigen und Bezirks nicht weniger als 80 Männer sich für die Fron-
ihren Führern keine Märtyrer machen will. leichnamsprozession als sogenannte ,Himmelträger'
Über Nacht gibt es plötzlich einen Prozess nach dem gemeldet, unter denen sich mehrere früher sehr aktive
anderen gegen katholische Geistliche wegen «Devisen- Anhänger der KPD und der SPD befanden. Ein ehe-
schiebung», «betrügerischer Bereicherung», «Dieb- maliger Funktionär der SPD, der stets gegen die Kirche
stahl» – alles kriminelle Delikte, um den Anschein des gehetzt hat, ist sogar so weit gegangen, das Verhalten
Kulturkampfes zu vermeiden. Klöster werden durch- dieser Himmelträger als Mannesmut vor Königsthronen
sucht, Äbte und Mönche als «Devisenschieber» verhaf- zu bezeichnen ...»
tet. Aber die Gestapo hat diese Leute ebenso unter Beob-
Am bekanntesten wird der Fall des Franziskaner- achtung wie die aus Sozialdemokraten oder Kommu-
Paters Otto Oertel, der das Geld seines Klosters Wald- nisten bestehenden Vereine. Gefährlicher für Hitlers
breitbach bei Köln verwaltet. Er hat tatsächlich «mit Taktik sind immer wieder die eigenen Leute, vor allem
Devisen geschoben», indem er das Währungsgefälle die Hitlerjugend, die in der Bevölkerung eine staats-
zwischen Deutschland und Holland ausgenutzt hat. feindliche Stimmung erzeugen.
Hin und her hat er illegal Geld getauscht, Aktien In Vaalserquartier, das dicht an der holländischen
erworben, sie wieder in Devisen umgesetzt, abermals Grenze liegt, ereignet sich ein Vorfall, der die katho-
Betriebsanteile gekauft. Vor Gericht spricht der Staats- lische Bevölkerung besonders empört. Eine Schar der
anwalt vom Missbrauch der Religion, des katholischen Hitlerjugend zieht durch den Ort und singt nach der
Glaubens, von Heuchelei, von Verrat an Christus, der Melodie des alten Soldatenliedes «Als wir nach Frank-
selbst die Wechsler aus dem Tempel jagte, und er spricht reich zogen...» ein Lied, dessen Worte bis nach Holland
von Verrat an Deutschland. hinüberklingen:
Die Kirche rückt eilends von Oertel und anderen Ver-
hafteten ab, und so können die Nationalsozialisten «Als wir nach Holland zogen,
tatsächlich zunächst einen Sieg für sich buchen. Aber es Wir waren unser drei.
ist ein Pyrrhussieg. Denn die katholische Bevölkerung Ein Pater und zwei Brüder,
betrachtet die Devisengewinnler durchaus nicht als Das war’n Devisenschieber.
Kriminelle, haben sie doch diese illegalen Geschäfte Eine Nonne war auch dabei.
schliesslich nicht für sich, sondern zur Mehrung des
Als wir jetzt weiterzogen,
Gutes der Kirche gemacht. Und so wird das national-
da war’n wir nur noch zwei –
sozialistische Vorgehen richtig verstanden als ein Vor-
Die Nonne sass im Kittchen,
wand, die Kirche in Misskredit zu bringen.
Man hatt’ sie beim Schlafittchen,
Ein Gestapo-Bericht des Regierungsbezirks Aachen
Das Schieben war vorbei.
vom 5. Juli 1935 stellt zur Stimmung unter der katho-
lischen Bevölkerung fest: Nun flüsterts dir ganz leise:
« ... bei den ... Pfarrprozessionen kann man immer Wie geht es dir, Mamsell?
wieder feststellen, wie sehr die katholische Bevölkerung Jetzt wirst du kahlgeschoren,
an ihrer Kirche hängt... Siehst aus wie Arsch mit Ohren,
An der starken Beteiligung ändert auch nichts, dass Beim himmlischen Appell.»

115
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Der Vorfall erregt nicht nur die Menschen in Vaalser- voll und doch sichtlich mit Selbstbeherrschung. Da-
quartier, er wird auch sofort von der holländischen zwischen kann er feierlich und beinahe weich werden,
Presse breit publiziert. Ein katholisches Blatt im Grenz- wie bei den Worten: ,Der Einzelne ist nichts. Der ein-
gebiet veröffentlicht den vollen Text des Schmähliedes zelne wird sterben. Kardinal Faulhaber wird sterben,
und erklärt den Gläubigen, da sehe man, was von Hitler Alfred Rosenberg wird sterben, Adolf Hitler wird
zu halten sei. sterben. Da wird man innerlich und demütig vor Gott/
Der Düsseldorfer Gestapo-Chef Seetzen berichtet auch Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an
darüber und stellt wörtlich fest: «Es ist begreiflich, dass Gott. Er erkennt das Christentum als den Baumeister
derartige Lieder einmal die Eltern empören und sie der abendländischen Kultur ... Weniger klar steht das
sich weigern, ihre Kinder zum Jungvolk zu schicken, Bild der katholischen Kirche vor seinem Geist als gött-
zum anderen aber auch die Auswirkungen auf das nahe licher Stiftung, mit ihrer göttlichen, dem Staat gegen-
Ausland äusserst schädlich sind.» Im allgemeinen wür- über selbständigen Mission, mit ihrer geschichtlichen
den die katholischen Bevölkerungskreise dem heutigen und kulturellen Grösse.»
Staat nur dann Gefolgschaft leisten, «wenn sie wissen, Diese Unterredung, in der Hitlers Taktik deutlich zum
dass man ihre Religion nicht antastet und ihre Empfin- Ausdruck kommt, immer das zu sagen, was in der
dungen nicht verletzt.. jeweiligen Lage gerade opportun ist, nicht aber das,
Trotz dieser feindseligen Haltung des Nationalsozia- was seine eigentlichen Absichten sind, hätte Kardinal
lismus der katholischen Kirche gegenüber, trotz Provo- Faulhaber bestimmt nicht so beeindruckt, wenn Hitler
kation durch HJ und andere Parteistellen, trotz der sich nicht verstellt hätte, sondern sich so über die
verleumderischen Devisenprozesse, geht das Bemühen Kirchen geäussert hätte, wie er das im vertrauten Kreis
der Kirche weiter, die nationalsozialistische Weltan- zu tun pflegt: « ... abfaulen wie ein brandiges Glied...
schauung zurückzuweisen und den eigenen Einfluss zu Soweit müsste man es bringen, dass auf der Kanzel
stärken. lauter Deppen stehen ... Das wird mich nicht abhalten,
Am 4. November 1936 kommt es zu einer drei- mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln das
stündigen Unterredung zwischen Hitler und Kardinal Christentum in Deutschland auszurotten ...»
Faulhaber, der trotz seiner zeitweiligen taktischen An- Aber Kardinal Faulhaber lässt sich nur kurz in Hitlers
näherungsversuche an das Dritte Reich vom SD «als Bann schlagen. Da die kirchenfeindliche Politik der
der geistige Führer des katholischen Widerstandes Nazis nach dieser Unterredung nicht aufhört, ist er es,
gegen den nationalsozialistischen Staat» betrachtet der massgeblich an der Ausarbeitung der päpstlichen
wird. Faulhaber will Hitler klarlegen, dass die katho- Enzyklika «Mit brennender Sorge» beteiligt ist, die am
lische Kirche eine Trennung zwischen der Einstellung 27. März von allen deutschen Kanzeln verlesen wird und
des «Aussenseiters» Rosenberg und der kirchenfreund- die nationalsozialistische Weltanschauung grundsätz-
lichen Einstellung des Staates nicht mehr akzeptieren lich verdammt und verurteilt.
könne. Hitler aber schlägt eine geschickte Taktik ein, Nach diesem mit höchster Autorität versehenen Protest
die auch an Kardinal Faulhaber nicht wirkungslos vor- gegen das Antichristliche im Nationalsozialismus geht
übergeht. Gemäss einer nicht datierbaren Überlieferung der Nationalsozialismus zum verstärkten Angriff auf
soll Faulhaber zwar nach dieser Unterredung gesagt die Kirche über. Nicht geradlinig und mit den Waffen
haben: «Ich habe dem Satan ins Auge gesehen», sein des geistig durchdachten Arguments, sondern hinter-
authentischer Bericht aber, den er zur Informierung hältig mit bewusst propagandistisch ausgenützten Sitt-
des Vatikans und der Mitbischöfe streng vertraulich lichkeitsprozessen. Mit Hilfe der Justiz, die man als
niederschreibt, lässt einen anderen Eindruck vermuten: Propagandainstrument missbraucht, soll die Kirche
«In der Auseinandersetzung hält sich der Führer mit durch einzelne kriminelle Sittlichkeitsverbrecher in
einer imponierenden Sicherheit wie auch in seinen ihrer Gesamtheit beim Volk und bei den Gläubigen in
grossen Reden auf der staatsmännischen Linie und das Misskredit gebracht werden. Nachdem man genügend
gibt ihm den Vorsprung, dass er, sobald man Einzel- Material gesammelt, die Prozesse aber zurückgehalten
vorkommnisse vorbringt, diese abtun kann mit dem hat, ist jetzt der günstige Zeitpunkt für dieses Vor-
Wort: ,Das sind ja nur Kleinigkeiten .. / Der Führer gehen gegeben. Denn jetzt gilt es, das weltweite Echo
beherrscht die diplomatischen und gesellschaftlichen der päpstlichen Enzyklika in seiner Wirkung zu beein-
Formen mehr, wie ein geborener Souverän sie be- trächtigen und das Interesse des Volkes auf anderes zu
herrschte ... Er lässt die Dinge nicht an sich heran- lenken.
kommen, wie es in der Zeit der parlamentarischen Aus- Goebbels, der ganz nach seiner Maxime verfährt, dass
einandersetzungen die Regierungen taten, er steuert Propaganda «nicht objektiv die Wahrheit zu erforschen,
ihnen entgegen. Er entwickelt seine Gedanken affekt- sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen habe»,

116
Grundsätze kann man nicht preisgeben

setzt seinen propagandistischen Apparat in Bewegung. habe es so allgemein gesagt. Einzelheiten konnte ich
Dementsprechend ist die Berichterstattung gekenn- nicht berühren. Wir haben das Beste getan und jede
zeichnet durch Übertreibungen, unzulässige Verall- Möglichkeit zur Besserung der Dinge versucht. Wir
gemeinerungen, tendenziöse und einseitige Darstellun- sind nicht gegen Deutschland und auch nicht gegen
gen. Einseitig besonders deshalb, weil die Presse den of- irgendeine Regierungsform. Ich habe auch in Budapest
fiziellen Anweisungen zufolge so gut wie nichts aus den [als Legat beim Eucharistischen Kongress 1938] betont,
Verteidigungsreden für die Geistlichen bringen darf. dass die Kirche, soweit Gottes Gesetz gewahrt wird,
jedes Volk seine Regierungsform wählen lässt.
Neben diesen Prozessen, neben Massnahmen gegen Der neue Papst gibt den verschiedenen Staaten, mit
kirchliche Druckerzeugnisse und kirchliches Vermögen, denen der Hl. Stuhl in Beziehung steht, Mitteilung von
erstreckt sich die Auseinandersetzung zwischen Kirche der geschehenen Wahl. Für Deutschland ist schon ein
und Nationalsozialismus insbesondere auf die Beein- Entwurf vorbereitet. Es wäre eine gute Gelegenheit,
flussung der Jugend. Hitler will, dass in der Kirche nur vielleicht schon jetzt ein Wort des Friedens zu sagen...»
noch «alte Weiblein» sitzen. «Die gesunde Jugend aber
ist bei uns.» Nach der Verlesung dieses Entwurfes fährt der Papst
Was die katholischen Jugendverbände anbetrifft, so fort: «Glauben Sie, der Brief passe, oder soll man
sieht sich selbst ein SD-Bericht gezwungen, «die auf- etwas beifügen oder ändern? Ich möchte gerne den Rat
opfernde Jugendarbeit – anders kann sie nicht be- Ihrer Eminenzen hören.
zeichnet werden –, die der katholische Klerus leistet», Em. Bertram: Ich wüsste nicht, was beigefügt werden
anzuerkennen. Trotz dieser aufopfernden Arbeit, un- sollte. Em. Faulhaber: Inhaltlich können doch keine
terstützt und geleitet von der untersten bis zur höch- klaren Wünsche geäussert werden ... Frage: Muss es
sten Stelle der Kirche, können sich die katholischen lateinisch sein? Bei seiner Empfindlichkeit gegen die
Jugendverbände legal nicht halten. Nachdem sich nichtdeutsche Sprache würde der Führer es vielleicht
gerade katholische Jugendliche an der Verbreitung der wünschen, nicht erst einen Theologen rufen zu müssen.
päpstlichen Enzyklika hervorgetan haben, werden bis Em. Schulte: Inhaltlich sehr gut. Ganz zweifellos.
zum Jahre 1938 sämtliche katholischen Jugendverbände Em. Innitzer: (Ebenso).
verboten und ihre Zentrale, das Jugendhaus Düsseldorf, Hl. Vater: Man kann deutsch schreiben. Man kann
aufgelöst. über die protokollarischen Bestimmungen bei der
Während der Kampf der katholischen Jugend nun ille- äussersten Schwere der Lage hinwegsehen. Man muss
gal weitergeht, versucht die Kirche auf höchster Ebene an das denken, was für die Kirche in Deutschland recht
ein weiteres Mal, mit Hitler zu einem Frieden zu ge- ist. Für mich ist das die wichtigste Frage ...
langen. Der Tod Papst Pius’ XI. und die Übernahme Em. Faulhaber: Wir hegen manchmal Zweifel, ob man
des Amtes durch Papst Pius XII. soll hierfür zum An- auf Seiten der oberen Parteistellen überhaupt den Frie-
lass genommen werden. Mit den zur Papstkrönung in den will. Sie fühlen sich so als Kämpfer, dass es ihnen
Rom weilenden deutschen Kardinälen – Bertram lieber scheint, wenn sie Kampfgründe bekommen. Be-
(Breslau), Faulhaber (München), Schulte (Köln) und sonders wenn es gegen die Kirche geht! Aber ich glaube
Innitzer (Wien) – erwägt der neue Papst, wie man auch, dass wir Bischöfe tun müssen, als ob wir das
möglicherweise zu einem besseren Verhältnis zum nicht sehen würden. Wir sind deshalb Eurer Heiligkeit
nationalsozialistischen Staat kommen könne. Die Pro- ehrerbietigst dankbar, wenn der Versuch zum Frieden
tokolle dieser Konferenzen vom 6. und 9. März 1939 gemacht wird.
zeigen nochmals die schwierige Situation der Kirche, Hl. Vater: Ich habe Polemik im Osservatore Romano
die darauf angewiesen ist, allein mit dem Wort gegen verboten, bis auf Weiteres. Ich habe sie dort wissen
einen mit allen staatlichen Zwangsmitteln ausgestatteten lassen, sie sollten jetzt kein scharfes Wort sagen. Wir
Gegner anzukämpfen: wollen sehen, einen Versuch wagen. Wenn sie den
«Heil. Vater: Wir wollen die Zeit, wo Ihre Eminenzen Kampf wollen, fürchten wir uns nicht. Aber wir
hier weilen, benützen, um zu überlegen, wie der Sache wollen sehen, ob es irgendwie möglich ist, zum Frieden
der katholischen Kirche in Deutschland im gegenwärti- zu kommen ...
gen Augenblick geholfen werden kann.» Der deutsche ... Es müsste geschehen einerseits immer mit Betonung
Botschafter beim Hl. Stuhl habe ihm nach der Papst- der kirchlichen Grundsätze, andererseits, um sozusagen
wahl die «wärmsten Glückwünsche des Führers und mit offenen Armen, mit der Einladung, in Frieden mit
der Regierung» übermittelt. Diese habe er erwidert der Kirche zu leben ...
und auch seine «Wünsche für den Frieden zwischen ... Grundsätze kann man nicht preisgeben. Wenn wir
Kirche und Staat» zum Ausdruck gebracht. «... Ich dann alles versucht haben und sie doch unbedingt Krieg

117
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Weltrundschreiben Papst Pius’XI. vom 14. März 1937 über die Lage der katholischen Kirche im
Deutschen Reich

Einleitend betont der Hl. Vater, dass er «mit brennender «Habet acht, Ehrwürdige Brüder, dass vor allem der Gottes-
Sorge und steigendem Befremden seit geraumer Zeit den glaube, die erste und unersetzbare Grundlage jeder Religion,
Leidensweg der Kirche, die wachsende Bedrängnis der ihr in in deutschen Landen rein und unverfälscht erhalten bleibe.
Gesinnung und Tat treubleibenden Bekenner und Bekenne- Gottgläubig ist nicht, wer das Wort Gottes rednerisch ge-
rinnen inmitten des Landes und des Volkes beobachte, dem braucht, sondern nur, wer mit diesem hehren Wort den
St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Chri- wahren und würdigen Gottesbegriff verbindet...
stus und dem Reiche Gottes gebracht habe». Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staats-
form, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte
Konkordatsentwurf schon alt menschlicher Gemeinschaftsgestaltung – die innerhalb der
«Als Wir, Ehrwürdige Brüder, im Sommer 1933 die Uns irdischen Ordnung einen wesentlichen und ehrengebietenden
von der Reichsregierung in Anknüpfung an einen jahrealten Platz behaupten – aus dieser ihrer irdischen Wertskala
früheren Entwurf angetragenen Konkordatsverhandlungen herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen
aufnehmen und zu Euer aller Befriedigung mit einer feier- Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt
lichen Vereinbarung abschliessen liessen, leitete Uns die und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung
pflichtgemässe Sorge um die Freiheit der kirchlichen Heils- der Dinge. Ein solcher ist weit von wahrem Gottesglauben
mission in Deutschland und um das Heil der ihr anvertrau- und einer solchem Glauben entsprechenden Lebensauffas-
ten Seelen – zugleich aber auch der aufrichtige Wunsch, der sung entfernt.
friedlichen Weiterentwicklung und Wohlfahrt des deutschen Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre verfallen,
Volkes einen wesentlichen Dienst zu leisten.» von einem nationalen Gott, von einer nationalen Religion
zu sprechen, können den Wahnversuch unternehmen, Gott,
Warum Konkordat? den Schöpfer aller Welt, den König und Gesetzgeber aller
«Trotz mancher schwerer Bedenken haben Wir daher Uns Volker, vor dessen Grösse die Nationen klein sind wie Trop-
damals den Entschluss abgerungen, Unsere Zustimmung nicht fen am Wassereimer (Is. 40,15), in die Grenzen eines ein-
zu versagen. Wir wollten Unsern treuen Söhnen und Töch- zelnen Volkes, in die blutmässige Enge einer einzelnen Rasse
tern in Deutschland im Rahmen des Menschenmöglichen die einkerkern zu wollen.
Spannungen und Leiden ersparen, die andernfalls unter den Wir danken Euch, Ehrwürdige Brüder, Euren Priestern und
damaligen Verhältnissen mit Gewissheit zu erwarten gewesen all den Gläubigen, die in der Verteidigung der Majestäts-
wären.» rechte Gottes gegen angriffslüsternes, von einflussreicher
Seite leider vielfach begünstigtes Neuheidentum ihre Chri-
Warnung vor Vertragsuntreue stenpflicht erfüllt haben und erfüllen.». . .
«Wir haben alles getan, um die Heiligkeit des feierlich gege-
benen Wortes, die Unverbrüchlichkeit der freiwillig ein- «. . . Und je mehr Gegner sich bemühen, ihre dunklen Ab-
gegangenen Verpflichtungen zu verteidigen gegen Theorien sichten abzustreiten und zu beschönigen, um so mehr ist
und Praktiken, die – falls amtlich gebilligt – alles Ver- wachsames Misstrauen am Platze und misstrauische, durch
trauen töten und jedes auch in Zukunft gegebene Wort bittere Erfahrung aufgerüttelte Wachsamkeit.
innerlich entwerten müssten.» Die formelle Aufrechterhaltung eines, zudem von Unberufe-
nen kontrollierten und gefesselten Religionsunterrichtes im
Und doch dauernde Vertragsverletzung! Rahmen einer Schule, die in anderen Gesinnungsfächern
«Jeder, dessen Geist sich noch einen Rest von Wahrheits- planmässig und gehässig derselben Religion entgegenarbei-
empfinden, dessen Herz sich noch einen Schatten von Ge- tet, kann niemals einen Rechtfertigungsgrund abgeben, um ei-
rechtigkeitsgefühl bewahrt hat, wird dann zugeben müssen, ner solchen, religiös zersetzenden Schulart die freiwillige Bil-
dass in diesen schweren und ereignisvollen Jahren der Nach- ligung eines gläubigen Christen einzutragen. Wir wissen,
konkordatszeit jedes Unserer Worte und jede Unserer Hand- geliebte katholische Eltern, dass von einer solchen Freiwil-
lungen unter dem Gesetz der Vereinbarungstreue standen. ligkeit bei Euch nicht die Rede sein kann.»
Er wird aber auch mit Befremden und innerster Ablehnung
feststellen müssen, wie von der anderen Seite die Vertrags-
umdeutung, die Vertragsumgehung, die Vertragsaushöhlung, Eine zweifache Beteuerung
schliesslich die mehr oder minder öffentliche Vertragsverlet- «Er, der Herz und Nieren durchforscht (Ps. 7,10), ist Unser
zung zum ungeschriebenen Gesetz des Handelns gemacht Zeuge, dass wir keinen innigeren Wunsch haben als die Wie-
wurden.» derherstellung eines wahren Friedens zwischen Kirche und
Nach diesen Grundgedanken der Einleitung legt der Hl. Staat in Deutschland.
Vater den Finger auf die brennenden Wunden des Volks- Wenn aber – ohne Unsere Schuld – der Friede nicht sein
körpers und legt dar, dass die Gesundung von all diesen soll, dann wird die Kirche Gottes ihre Rechte und Freiheiten
Krankheiten nur durch die Rückkehr zum reinen Glauben verteidigen im Namen des Allmächtigen, dessen Arm auch
und zur gottbezogenen Sittlichkeit kommen könne. .. heute nicht verkürzt ist.»

118
Widerstand in Festigkeit und Klugheit

Der kirchliche Widerstand – eine Tatsache Auch die mündliche Aufklärung und Abwehr erschwert
Jedes Wort von Mund zu Mund lief Gefahr, denunziert
... Als die dämonischen Mächte des Nationalsozialismus aus und als «Greuelpropaganda» oder «Heimtücke» verfolgt
der Unterwelt emporstiegen, oder gar als «Wehrmachtszersetzung» mit demTode bestraft
als Rosenberg, Ley, Baldur v. Schirach u.a. zu «Priestern» des zu werden . . .
Antichrists wurden und von allen Dächern eine neue Weltan- Widerstand in Festigkeit und Klugheit!
schauung predigten, Aber wenn auch Papst, Bischöfe und Priester ungeachtet
«wo war denn da der Widerstand gegen den Nationalsozialis- aller Fesseln und Sperren, persönlicher und sachlicher Ge-
mus?» fährdungen und übler Auswirkungen immer entschlossen
Jetzt, nachdem die Mauern gefallen sind, welche das Dritte waren, gegen Gottwidriges mit Johannesmut ein entschie-
Reich an seinen Grenzen aufgerichtet hatte, hat die ganze Welt denes «Es ist dir nicht erlaubt» zu sprechen, dann war es
das Recht, Antwort zu heischen auf diese Frage. doch oft noch eine Frage der Klugheit, wann und wie sie
Soweit aber hiebei nach dem Widerstand mit Waffengewalt dies tun sollten, ohne gerade die gegenteilige Wirkung zu
und Bombenattentaten, mit Verschwörungen und Sabotageak- erreichen. Bei der ganzen Art des Terrors, der Rechtlosig-
ten, mit Revolution und Volksaufständen u.ä. gefragt wird, keit und Rücksichtslosigkeit, Gewissenlosigkeit und Hart-
mögen andere darauf antworten. herzigkeit des Nationalsozialismus war ja nur zu leicht
Hier steht nur der weltanschaulich-religiöse Widerstand in Gefahr, dass von Widerstand und Protesten vielfach keine
Frage. Besserung, sondern nur eine Verschlimmerung kam, dass
Und da kann laut und entschieden geantwortet werden: «Der z.B. bei Verwahrungen gegen die Misshandlung einzelner Ge-
Widerstand war da.» fangener nur um so strenger und unbarmherziger gegen
Der Widerstand war da während all der 12 Jahre der na- sie vorgegangen wurde. Richter und Gestapobeamte des
tionalsozialistischen Diktatur und auch schon in dem Jahr- Dritten Reiches liessen tatsächlich nicht selten Schritte, die
zehnt, da Hitler noch um die Macht kämpfte (1923-1933). für eines ihrer Opfer getan wurden, eben dieses Opfer büssen,
Der Widerstand war kräftig und zäh, bei hoch und nieder, verurteilten oder behandelten es noch härter, liessen es auch
bei Papst und Bischöfen, bei Klerus und Volk, bei Einzelper- nach Verbüssung der Gefängnisstrafe nicht frei, sondern
sonen und ganzen Organisationen. schickten es ins Konzentrationslager.
Der Widerstand war da gegen Führer und Regierung, gegen Demonstrationen boten der Staatspolizei willkommenen An-
Partei und Parteigliederungen, gegen Willkür und Partei- lass zu Verschärfungen der Vorschriften und zu allgemeinen
lichkeit, gegen Gewissenszwang und Erpressung, gegen Terrorakten gegenüber Personen, Vereinigungen, Kirchen.
Wortbruch und Vertragsuntreue, gegen Unglaube und Un-
recht, gegen Entrechtung und Enteignung, gegen Entchristli- Darum musste z.B. Kardinal Faulhaber nach der Verhaf-
chung und Entkonfessionalisierung, gegen neuheidnische tung von P. Rupert Mayer S.J. (1937) eindringlichst vor
Weltanschauung und Zwangseinheitsschule, gegen Orden- Kundgebungen und Äusserungen des Unwillens warnen. «Wir
und Judenverfolgung, gegen Presseknechtung und Presse- könnten der Staatspolizei keinen grösseren Gefallen tun, als
hetze, gegen Sterilisierung und Euthanasie. ihr Gelegenheit geben, mit Gummiknütteln und Verhaflungs-
Der Widerstand konnte freilich nicht immer so geleistet wer- ausweisen gegen die katholischen Männer von München auf-
den, wie ihn manche Heisssporne erwarteten oder wünschten, zutreten in ihrem Hass gegen alles Katholische, der grösser
vielleicht auch selbst leisteten oder wie ihn Aussenstehende, ist als der Hass gegen den Bolschewismus.» «Amboss, nicht
vielleicht im sicheren Ausland Wohnende, ohne Sachkenntnis Hammer!»
und Verantwortung rieten oder kommandierten. So hat auch Bischof Clemens von Galen, Münster, der doch
anerkanntermassen einer der mutigsten Vorkämpfer der ka-
Der Widerstand konnte auch nicht in jedem einzelnen Falle tholischen Kirche war, in seiner Predigt vom 20. Juli 1941
und nicht in jedem Augenblick offen und mächtig zutage die Weisung christlichen Duldens und Gehorchens gegeben.
treten und sich zu lauten Protesten vor In- und Ausland, «Wir Christen machen keine Revolution. Wir werden wei-
inner- und ausserhalb der Kirchenmauern verdichten. ter treu unsere Pflicht tun im Gehorsam gegen Gott und
aus Liebe zu unserem Volke und Vaterland. Gegen den
Schwierigkeiten des Widerstandes Feind im Innern bleibt nur ein Kampfmittel: Starkes, zä-
Es fehlte ja letzten Endes im Reich der Diktatur schon jeg- hes, hartes Durchhalten. Hart werden! Fest bleiben! Wir
liches Organ zu öffentlicher Aufklärung und Verwahrung. sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboss.
Es war ja weder Pressefreiheit noch Redefreiheit noch Ver- Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzu-
sammlungsfreiheit; Artikel 117-118 der Verfassung des Deut- schlagen, er muss nur fest, nur hart sein! Wenn er hin-
schen Reiches waren von Anfang an aufgehoben und blieben reichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss
es bis zum Schluss (Verordnung vom 28. Februar 1933). länger als der Hammer. Wie heftig auch der Hammer zu-
schlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da und wird
Zeitungen durften nie ein Wort gegen Partei und Regierung noch lange dazu dienen, das zu formen, was neu geschmiedet
bringen, überhaupt nichts Unliebes, Ungünstiges, «Defaitisti- wird.» . ..
sches» aufnehmen. Alle mussten unisono heulen, mit Goebbels (Aus: Johann Neuhäusler, Kreuz und Hakenkreuz,
verdammen und verhimmeln oder verstummen und verschwin- Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die
den . . . katholische Kirche und der kirchliche Widerstand.)

119
Widerstand in Deutschland 1934-1939

wollen, werden wir uns wehren. Aber die Welt soll doch freundlich behandeln. Es geht nicht anders. Bre-
sehen, dass wir alles versucht haben, um in Frieden mit chen ist leicht. Wenn aber wieder aufgebaut werden
Deutschland zu leben. Jedoch nicht nur das; der Ver- soll, muss man weiss Gott was für Konzessionen ma-
such, zum Frieden zu kommen, entspricht auch einem chen. Die Regierung wird nicht wieder die Beziehun-
inneren Bedürfnis meinerseits. Lehnen sie ab, so müs- gen anknüpfen ohne Konzessionen von unserer Seite.
sen wir kämpfen ... Wenn die Regierung abbricht, dann in Gottes Namen ...
Kd. Bertram: Es darf nicht heissen, der Hl. Stuhl hat
zuerst gebrochen. ... Sind auf der Gegenseite Zeichen wahrnehmbar, dass
Hl. Vater: Es sind schon Kardinale zu mir gekommen man zum Frieden kommen will mit der Kirche?
und haben gefragt, wie der deutsche Botschafter noch Kd. Faulhaber: Die Kondolenz des Führers [zum Tode
zu mir kommen könne. Wie er nur den Mut dazu habe. von Papst Pius XI.]. Die Haltung der Presse augen-
Ich habe geantwortet: Was kann ich tun? Ich muss ihn blicklich. Vielleicht ist es Hitler lieber, wenn die Be-

Protestschrift der Deutschen Evangelischen Kirche an Adolf Hitler vom Mai 1936

Die Deutsche Evangelische Kirche, vertreten durch die geist- tisch ohnmächtig erhalten» (Mythus S. 636). Nach diesem
lichen Mitglieder ihrer Vorläufigen Leitung und den dieser Grundsatz ist gehandelt worden.
zur Seite stehenden Rat, entbieten dem Führer und Kanzler Es wird zwar amtlich jeder Eingriff in das innere Gefüge
ehrerbietigen Gruss ... und Glaubensleben der evangelischen Kirche abgeleugnet,
Sie übergibt dieses Schreiben im Gehorsam gegen ihren gött- tatsächlich aber ist seit den der Kirche aufgezwungenen
lichen Auftrag, vor jedermann – auch vor den Herren und Wahlen vom Juli 1933 bis heute ein Eingriff an den anderen
Gebietern der Volker – ungescheut Sein Wort zu sagen und gereiht worden.
Sein Gebot zu bezeugen. Sie vertraut darauf, dass Gott ihr
selbst die Weisheit schenkt, ihren Auftrag so klar und ein- Die hauptsächlichsten Eingriffe:
deutig auszuführen, dass dabei ihre Sorge um das christliche 1. Einsetzung des Staatskommissars in Preussen am 24.6.33
Gewissen und ihre Liebe zum deutschen Volk in gleicher und der Staatskommissare in Bremen, Hessen, Lippe,
Weise unmissverständlich erkennbar werden ... Mecklenburg, Sachsen.
2. Anordnung der allgemeinen Kirchenwahlen durch das
Reichsgesetz vom 13. 7. 33.
Gefahr der Entchristlichung 3. Rundfunkrede des Führers am 22.7.33 zugunsten der Deut-
Die Vorläufige Leitung weiss es zu würdigen, was es im schen Christen.
fahre 1933 und späterhin bedeutet hat, dass die Träger der 4. Verbot von Veröffentlichungen über kirchliche Dinge
nationalsozialistischen Revolution nachdrücklich erklären durch die nichtveröffentlichte Verfügung des Reichsminis-
konnten: «Wir haben mit unserem Sieg über den Bolschewis- ters des Innern vom 6. und 7.11.34.
mus zugleich den Feind überwunden, der auch das Christen- 3. Einsetzung der staatlichen Finanzabteilung durch das
tum und die christlichen Kirchen bekämpfte und zu zerstören preussische Gesetz vom März 1933.
drohte.» 6. Einsetzung der Beschlussstelle durch das Reichsgesetz vom
Wir erleben aber, dass der Kampf gegen die christliche Kir- Juni 1933.
che, wie nie seit 1918, im Deutschen Volke wirksam und le- 7. Das Gesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen
bendig ist. Kirche vom 24.9.33 und die daraufhin eingesetzten staatli-
Keine Macht der Welt, wie sie auch heisse, vermag die Kirche chen Kirchenausschüsse.
Gottes gegen Seinen Willen zu zerstören oder zu schützen; das
ist Gottes Sache. Die Kirche aber hat sich der angefochtenen Gegenüber einzelnen Geistlichen:
Gewissen ihrer Glieder anzunehmen ... 1. Verhaftung des Landesbischofs von Württemberg und Bay-
ern 1934.
Die Methoden der Entchristlichung des deutschen Volkes 2. Überführung von Geistlichen in Konzentrationslager, na-
werden in ihrem Zusammenhang verständlich, wenn man mentlich in Sachsen und Nassau-Hessen.
sich an das Wort des Herrn Reichsschulungsleiters Rosen- 3. Ausweisungen von Geistlichen aus ihrem Amtsbezirk, z.T.
berg erinnert, man müsse im Kampf um einen deutschen sogar aus ihrer Heimatprovinz, namentlich irt Preussen.
Glauben «das Gegnerische nicht schonen, sondern es geistig 4. Verhaftung von 700 Pfarrern in Preussen anlässlich der
überwinden, organisatorisch verkümmern lassen und poli-

120
Gegen das Neuheidentum

Ziehungen wieder besser werden. Mit Ausnahme vom ... Kd. Schulte: Im allgemeinen ist das Interesse für in-
Artikel im Völkischen Beobachter war die Presse doch nerkirchliche Fragen viel lebendiger als früher.
nicht schlecht. Hl. Vater: Die Verfolgung hat diese Wirkung.
Kd. Bertram: Etwas kühl, aber gut. Kd. Schulte: Die Kirchen sind überfüllt.
Kd. Faulhaber: Die Regierung hat offenbar die Stim- Kd. Innitzer: Bei uns auch.
mung des Volkes beobachtet. Hl. Vater: Wir dürfen den Mut nicht verlieren.
Kd. Schulte: Und die der Welt. Kd. Bertram: Es ist eine grosse Aufgabe, den Priestern
Hl. Vater: Der Osservatore Romano wird sich wohl zu- Mut zu machen. Christus vincit. Das muss man den
rückhalten müssen. Pfarrern immer wieder zu Gemüte führen . ..
Kd. Schulte: Ist notwendig. Nach Ausführungen über die schwierige Situation der
Kd. Faulhaber: Wenn aber die Artikel kommen über katholischen Jugendarbeit verliest Papst Pius XII. das
Trennung von Kirche und Staat, dann kann man nicht an Hitler zu richtende Schreiben.
schweigen ...

von der Altpreussischen Synode im März 1935 angeord- unserem sittlichen Denken ein antichristlicher Geist zur Herr-
neten Kanzelabkündigung gegen das Neuheidentum. schaft kommt...
5. Dauernde Behinderung von Bekenntnisgottesdiensten, Re- Die Reichsregierung wolle sich, darum bitten wir sie, die
deverbote für Geistliche und Laien teilweise für ganz Frage vorlegen, ob es unserem Volke auf die Dauer zuträg-
Deutschland u.a.) lich sein kann, wenn der bisherige Weg weiter beschritten
wird. Schon jetzt üben der Zwang auf die Gewissen, die
... Von den evangelischen Angehörigen der NS-Organisa- Verfolgung evangelischer Überzeugung, das gegenseitige
tionen wird gefordert, sich uneingeschränkt auf die natio- Sichbespitzeln und Aushorchen unheilvollen Einfluss aus.
nalsozialistische Weltanschauung zu verpflichten [Ley: «Die Auch eine grosse Sache muss, wo sie sich gegen den offenbar-
Partei erhebt den Totalitätsanspruch auf die Seele des deut- ten Willen Gottes stellt, am Ende das Volk ins Verderben füh-
schen Volkes. Sie kann und wird es nicht dulden, dass eine ren ...
andere Partei oder Weltanschauung in Deutschland herrscht. Unser Volk droht die ihm von Gott gesetzten Schranken zu
Wir glauben nun einmal, dass das deutsche Volk allein durch zerbrechen: Es will sich selbst zum Mass aller Dinge machen.
den Nätionalsozialismus ewig werden kann . .. Und darum Das ist menschliche Überheblichkeit, die sich gegen Gott em-
verlangen wir den letzten Deutschen, ob Protestant oder pört.
Katholik ...» J. Diese Weltanschauung wird vielfach als ein In diesem Zusammenhang müssen wir dem Führer und
positiver Ersatz des zu überwindenden Christentums darge- Reichskanzler unsere Sorge kundtun, dass ihm vielfach Ver-
stellt und ausgegeben. ehrung in einer Form dargebracht wird, die allein Gott zu-
Wenn hier Blut, Rasse, Volkstum und Ehre den Rang von kommt.
Ewigkeitswerten erhalten, so wird der evangelische Christ Noch vor wenigen Jahren hat der Führer es selbst miss-
durch das erste Gebot gezwungen, diese Bewertung abzu- billigt, dass man sein Bild auf evangelische Altäre stellte.
lehnen. Wenn der arische Mensch verherrlicht wird, so be- Heute wird immer ungehemmter seine Erkenntnis zur Norm
zeugt Gottes Wort die Sündhaftigkeit aller Menschen. nicht nur der politischen Entscheidungen, sondern auch der
Wenn dem Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Sittlichkeit und des Rechtes in unserem Volke gemacht, und
Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der er selber mit der religiösen Würde des Volkspriesters, ja des
zum Judenhass verpflichtet, so steht für ihn dagegen das Mittlers zwischen Gott und Volk umkleidet...
christliche Gebot der Nächstenliebe. Wir bitten aber um die Freiheit für unser Volk, seinen Weg
Einen besonders schweren Gewissenskonflikt bedeutet es für in die Zukunft unter dem Zeichen des Kreuzes Christi gehen
unsere evangelischen Gemeindeglieder, wenn sie das Ein- zu dürfen, dass nicht einst die Enkel den Vätern fluchen,
dringen dieser antichristlichen Gedankenwelt bei ihren Kin- weil sie ihnen zwar einen Staat auf der Erde bauten und
dern, ihrer christlichen Elternpflicht entsprechend, bekämp- hinterliessen, das Reich Gottes aber ihnen verschlossen.
fen müssen ... Was wir in diesem Schreiben dem Führer gesagt haben, muss-
Das evangelische Gewissen, das sich für Volk und Regierung ten wir sagen in der Verantwortung unseres Amtes. Die Kir-
mitverantwortlich weiss, wird aufs Härteste belastet durch che steht in der Hand des Herrn.
die Tatsache, dass es in Deutschland, das sich selbst als Die geistlichen Mitglieder der Vorläufigen Leitung
Rechtsstaat bezeichnet, immer noch Konzentrationslager gibt der Deutschen Evangelischen Kirche:
und dass die Massnahmen der Geheimen Staatspolizei jeder gez. Müller, Albertz, Böhm, Forck, Fricke.
richterlichen Nachprüfung entzogen sind. Der Rat der Deutschen Evangelischen Kirche:
Bekenntnistreue evangelische Christen, einmal in ihrer Ehre gez. Asmussen, Lücking, Middendorf],
angegriffen, finden oft nicht den Ehrenschutz, der andern Niemöller, von Thadden.
Staatsbürgern zuteil wird [Belege]. Die evangelische Chri- (Aus: Heinrich Hermelink, Kirche im Kampf,
stenheit erkennt auch in diesen Dingen die Gefahr, dass in Dokumente des Widerstandes und des Aufbaus
der evangelischen Kirche in Deutschland
von 1933-1945.)

121
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Hochzuverehrender oder Hochzuehrender? Volkes und der wirksamen Förderung jeglicher Ord-
Kardinäle: Hochzuehrender! nung aufs Engste verbunden ist, mit Gottes Hilfe zu
Kd. Schulte: Hochzuverehrender ist zu viel. glücklicher Verwirklichung gelange.
Das verdient Hitler noch nicht. Inzwischen erflehen Wir Ihnen, Hochzuehrender Herr,
Kd. Innitzer: Ob nicht vielleicht der Plural. sowie allen Angehörigen Ihres Volkes mit den besten
Die anderen Kardinäle: Ist immer so gewesen. Wünschen den Schutz des Himmels und den Segen des
Kd. Innitzer: Ich meine in der Anrede an Hitler, ,Sie‘ Allmächtigen Gottes.
statt ,Du‘. Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 6. März 1939, im
Kd. Bertram: Wir haben eine Verordnung vom Reich, ersten Jahr Unseres Pontifikats.»
keine Umstände mit Titeln zu machen ... Man sollte Diesem Brief, der nach den Worten des Papstes dazu
,Sie‘ oder ,Ihr‘ sagen. Ich würde ,Sie‘ sagen. beitragen soll, ohne etwas preiszugeben zu «retten,
Hl. Vater: Also ,Sie‘ statt ,Ihr‘ und ,Du‘. was man retten kann», ist jedoch kein Erfolg beschie-
Kd. Innitzer: Ja, das meinte ich. den. In seiner versteckten und offenen Form führt
Kd. Bertram: Man kann es auch so deuten: So intim Hitler auch in der Kriegszeit seinen Kampf gegen die
stehen wir nicht mit dir! Kirche weiter, und die Kirche ihrerseits sieht sich ge-
Hl. Vater: In Italien sagt man jetzt ,Tu‘ oder ,Voi‘. zwungen, Widerstand zu leisten.
Ich sage ,Lei‘, aber wie bemerkt, in Italien will man Während der katholische Widerstand in geschlossener
das anders haben. organisatorischer und bekenntnismässiger Einheit auf-
Kd. Bertram: Ich würde sagen ,Sie‘. Sonst ist das treten kann, bleibt dem evangelischen Widerstand diese
Schreiben gut. Geschlossenheit versagt. Der bekannte Theologe Karl
Hl. Vater: Sonst ist alles in Ordnung? Barth sieht im Jahre 1936 die Situation der evangeli-
Alle Kardinäle: Ja! schen Kirche zu Beginn der Herrschaft Hitlers so, wie
Kd. Innitzer: Es müsste einen guten Eindruck ma- er in einem Vortrag in Schaffhausen in der Schweiz
chen ...» sagt: «... nach dem ... überwältigenden Sieg des Na-
Dieser Brief an Hitler hat folgenden Wortlaut: tionalsozialismus ... waren sich die kirchlichen Kreise
«Dem Hochzuehrenden Herrn Adolf Hitler, Führer zunächst einig in folgenden Hauptpunkten:
und Kanzler des Deutschen Reiches. 1. In der rückhaltlosen Bejahung des Nationalsozialis-
Pius Papst XII. mus, in welchem man nicht nur eine Hoffnung für das
Hochzuehrender Herr! deutsche Volk ..., sondern ... eine Gabe Gottes er-
Nachdem Wir durch die gesetzmässig vollzogene blicken zu müssen glaubte. Alle deutschen Kirchen
Wahlhandlung des Kardinalskollegiums auf den Päpst- widerhallten damals in Predigt und Gebet von diesen
lichen Thron erhoben sind, erachten Wir es als Unsere Gedanken.
Amtsobliegenheit, Ihnen als Staatsoberhaupt von Unse- 2. Die evangelische Kirche auch in dieser neuen politi-
rer Erwählung hiermit Kenntnis zu geben. schen Situation zu erhalten, ja sogar ihre mannigfache
Wir legen dabei gleich zum Beginn Unseres Pontifikats problematische Lage zu verbessern ...
Wert darauf, Ihnen zu versichern, dass Wir dem Ihrer Betrachtet man diese beiden Momente: Bejahung des
Obsorge anvertrauten Deutschen Volke in innigem Nationalsozialismus einerseits, Erhaltung der protestan-
Wohlwollen zugetan bleiben und ihm von Gott dem tischen Kirche andererseits, so hat man das ganze Prob-
Allmächtigen in väterlicher Gesinnung jenes wahre lem ...
Glück erflehen, dem aus der Religion Nahrung und [Bei den Deutschen Christen] regierte der Wille, die
Kraft erwachsen. Kirche gewiss als Kirche ernst zu nehmen, ihr Geltung
In angenehmer Erinnerung an die langen Jahre, da zu verschaffen, aber vor allem, sie hineinzustellen in
Wir als Apostolischer Nuntius in Deutschland mit diesen neuen Staat. ..; d.h. das Evangelium von Jesus
Freude alles daran setzten, um das Verhältnis zwischen Christus und die neue politische Verkündigung von
Kirche und Staat in gegenseitigem Einvernehmen und Adolf Hitler möglichst als eine Einheit zu verstehen...
hilfsbereitem Zusammenwirken zum Nutzen beider [Der offiziellen Kirche dagegen ging es darum], vor
Teile zu ordnen und zu gedeihlicher Weiterentwicklung allem die Kirche zu erhalten in Überlieferung und Zu-
zu bringen, richten Wir jetzt zumal auf die Erreichung sammenhang mit Bibel und Bekenntnis, aber selbstver-
solchen Zieles das ganze dringende Verlangen, welches ständlich auch in Anpassung an die neuen politischen
die Verantwortung Unseres Amtes eingibt und ermög- Verhältnisse.»
licht. Für beide Teile der Kirche – der offiziellen wie der
Wir geben uns der Hoffnung hin, dass dieser Unser neuen Glaubensbewegung Deutscher Christen – ging
heisser Wunsch, der mit der Wohlfahrt des Deutschen es nach Barth darum, die Heilige Schrift und den Glau-

122
SA Jesu

ben im gleichen Sinn zu bejahen wie die durch Hitler hat, die mit Ehrfurcht vor der Geschichte den Willen
geschaffenen politischen Veränderungen: vertieft, an einer besseren Zukunft mit starker Hand
«Man nannte beides Offenbarung: hier in der Heiligen zu arbeiten, die uns wieder zu Zucht, Treue und Red-
Schrift, dort in den Ereignissen der Geschichte . . . man lichkeit unserer Väter zurückführen möchte, die der
meinte ..der alten Neigung des deutschen Luther- Arbeit ihre Ehre gibt. Wir Christen wollen in froher
tums folgen zu müssen, in den Ereignissen des welt- Freiwilligkeit Herzen und Hände für diesen Dienst am
geschichtlichen, politischen Geschehens und insbeson- Volk zur Verfügung stellen.»
dere in der nun einmal herrschenden politischen Macht Aber die mit der Wahl eines Reichsbischofs scheinbar
das Sichtbarwerden des Willens Gottes zu erblicken, hergestellte Einheit der deutschen evangelischen Kirche
dem man sich zu unterwerfen habe ... zerbricht bald darauf wieder. Pfarrer Ludwig Müller ist
Wer 1933 nicht an Hitlers Mission glaubte, der war ein es, der nun aktiv wird.
verfemter Mann, auch in den Reihen der Bekennenden Plötzlich erklärt er die Bischofwahl, an der er selbst als
Kirche...» Kandidat teilgenommen hat, für unzulässig – nur das
Deutsche Christen und Bekennende Kirche aber bilden ganze Kirchenvolk könne einen Reichsbischof wählen.
wiederum keine geschlossene Einheit. Hier kommt Müller will sich damit nicht abfinden, dass er Bodel-
man niemals zu einem einheitlichen Handeln, und dort schwingh in der Wahl unterlegen ist.
gibt es die Radikalen und die eher Diplomatischen und Die Deutschen Christen veranstalten Protestkundge-
Gemässigten. Um diese verfassungsmässige Krise der bungen gegen den Reichsbischof. Sie verlangen die Ein-
evangelischen Kirche zu überwinden, ist bei allen Be- setzung Müllers. Die Auseinandersetzungen nehmen
teiligten der Wunsch nach einer straffen Organisation zusehends heftigere Formen an.
zu spüren. Und so kommt es im Mai 1933 erstmals zur Umgekehrt protestieren nun die «Bekennenden» gegen
Wahl eines Reichsbischofs als Oberhaupt aller prote- das Verhalten der «Deutschen» und beschweren sich so-
stantischen Kirchen. wohl bei Hitler wie auch beim Reichspräsidenten Hin-
Die Deutschen Christen haben gefordert, der Reichs- denburg.
bischof müsse durch eine Urabstimmung aller prote- Bodelschwingh ist den Machenschaften nicht gewach-
stantischen Gläubigen gewählt werden. Die Bekennen- sen und tritt zurück. Am 23. Juli 1933 kommt es zu Neu-
de Kirche lehnt einen solchen «Rückfall» in das stets wahlen aller kirchlichen Körperschaften, diesmal durch
bekämpfte demokratisch-parlamentarische System das gesamte Kirchenvolk. In den Aufrufen der Deut-
kategorisch ab. Nur Kirchenbeamte sollen wählen. Und schen Christen kommt deutlich zum Ausdruck, dass
so geschieht es. Zwei Kandidaten stehen schliesslich zur diese gewillt sind, den Nationalsozialismus vorbehaltlos
Auswahl: der ostpreussische Wehrkreispfarrer Ludwig zu unterstützen:
Müller und Pfarrer Dr. Friedrich von Bodelschwingh. «Diese Kirchenwahl ist zum ersten Male seit den Tagen
Müller kommt von den Deutschen Christen, Bodel- der Reformation eine Volkswahl... Unser Ruf lautet:
schwingh gehört der Bekennenden Kirche an. Müller Baut die neue Kirche Christi im neuen Staate Adolf Hit-
ist NSDAP-Mitglied und kennt Hitler schon längst. lers ...
Er hat Hitler seinerzeit die Bekanntschaft mit Hitlers Die ‚Deutschen Christen’ sind die SA Jesu Christi... Sie
nunmehrigem Kriegsminister von Blomberg vermittelt. sind alle Kameraden in der Front des christlichen und
So hofft er, Hitlers Unterstützung bei seiner Kandi- nationalen Sozialismus ...»
datur als Reichsbischof zu haben. Deshalb schlägt er Und die Nationalsozialisten sind nun ihrerseits bereit,
den Vertretern der 28 deutschen Landeskirchen vor, die Deutschen Christen offiziell zu unterstützen. Denn
noch vor dem Wahlbeginn einen Höflichkeitsbesuch ihnen kommt es nicht nur darauf an, eine einheitliche
beim Führer und Reichskanzler zu machen. Er hofft da- Kirche zu schaffen, sondern gleichzeitig darauf, dass
bei auf Hitlers Schützenhilfe. Hitler jedoch lehnt diesen diese Kirche von Männern geleitet wird, mit denen man
Besuch ab, da er jetzt noch nicht aktiv in die kirchliche die evangelische Kirche gleichschalten kann.
Auseinandersetzung eingreifen will. Das parteiamtliche Organ, der «Völkische Beobachter»,
Die Bischofswahl in Eisenach auf der Wartburg ist eine schreibt am 19. Juli: «Jeder evangelische Partei-
Kampfabstimmung. Schliesslich siegt in drei Wahlgän- genosse genügt am Sonntag, dem Tag der Kirchenwahl,
gen Pfarrer Bodelschwingh. Erstmals in der deutschen seiner Wahlpflicht. Das ist einfach eine Selbstverständ-
Kirchengeschichte gibt es nun einen Reichsbischof. lichkeit. Ebenso selbstverständlich ist es, dass er seine
Reichsbischof Friedrich von Bodelschwingh tritt sein Stimme der ‚Glaubensbewegung Deutsche Christen’
hohes Amt an. Auf einer evangelischen Kundgebung gibt.»
in Eisenach sagt er in seiner Inauguralpredigt: Am Vorabend der Wahl greift Hitler persönlich durch
«Wir danken Gott, dass er uns eine Regierung gegeben eine Rundfunkansprache in die Kirchenwahlen ein:

123
Widerstand in Deutschland 1934-1939

«Im Interesse des Wiederaufstiegs der Nation... Rheinland und in Westfalen meldeten sie sich zu Wort.
wünsche ich daher verständlicherweise, dass die neuen Sie wussten etwas von Selbstverantwortung. Sie woll-
Kirchenwahlen in ihrem Ergebnis unsere neue Volks- ten sich weder diese Verantwortung noch ihre Freiheit,
und Staatspolitik unterstützen werden ... Dies wird noch die biblische Verkündigung rauben lassen. Es ist
aber nicht gewährleistet durch weltabgewandte und lehrreich, die Protokolle der Presbyterien aus jener Zeit
den Erscheinungen und Ereignissen der Zeit keine Be- nachzulesen, in denen man etwas davon zu spüren be-
deutung beimessende Kräfte einer religiösen Verstei- kommt, was geistliche Rede und geistliche Vollmacht
nerung, sondern durch die Kräfte einer lebendigen Be- bedeuten. Die Gemeinden schlossen sich zusammen, es
wegung. Diese Kräfte sehe ich in jenem Teil des evan- bildeten sich freie Synoden, begnadete Männer ergrif-
gelischen Kirchenvolks in erster Linie gesammelt, die fen das Wort, die Brüder stärkten sich gegenseitig, und
in den DC bewusst auf den Boden des nationalsozialisti- bald lag am Tage, wo denn eigentlich Kirche war. Das
schen Staates getreten sind.» Der Erfolg dieser Propa- Stirnrunzeln der kirchlichen und der weltlichen ,Obrig-
ganda bleibt nicht aus. Die Deutschen Christen siegen keit' konnte die Freudigkeit nicht hemmen ... Da war
mit einer Zweidrittelmehrheit über die Liste «Kirche gläubige Sammlung der Gemeinde unter dem Wort. Da
und Evangelium». Daraufhin werden die Synoden der gab es ein festes Zusammenstehen und ein festes Ver-
Landeskirchen gewählt, danach die Reichssynode, und bundensein im Hören, Singen und Beten. Es wurde –
am 1. Oktober 1933 ist Ludwig Müller Reichsbischof. Bekennende Kirche ...»
Aber schon vorher entzündet sich der Widerstand gegen Die Zahl der Pfarrer, die dem Pfarrernotbund als Mit-
die Kirchenpolitik der Deutschen Christen, insbeson- glieder beitreten, nimmt stetig zu. Im September 1933
dere gegen deren Absicht, den «Arierparagraphen» in sind es 2‘300, Mitte Oktober 2‘500, Mitte November
die Kirche einzuführen. Hier ist es der einfache Pfarrer 3‘000 und Mitte Januar 1934 7‘036; das ist fast die
Martin Niemöller, der mit anderen Gleichgesinnten Hälfte aller evangelischen Pfarrer.
am 21. September 1933 zur Bildung des «Pfarrernot- Am 23. November 1933 kommt es zum sogenannten
bundes» aufruft. In einem Brief an seine Amtsbrüder «Sportpalastskandal», einem Höhepunkt des Angriffs
schreibt Pastor Niemöller: «Um dieser Not willen der Deutschen Christen auf das wahre Evangelium.
haben wir einen ,Notbund‘ von Pfarrern ins Leben Mit nur einer Gegenstimme nehmen die 20‘000 Teil-
gerufen, die sich gegenseitig durch schriftliche Erklä- nehmer eine Entschliessung an, deren Forderungen mit
rung ihr Wort gegeben haben, sich für ihre Verkündi- dem Christentum kaum mehr etwas gemein haben:
gung nur an die Heilige Schrift und an die Bekennt-
nisse der Reformation zu binden und sich der Not der- «1. Amtsenthebung aller Pfarrer, die nicht willens sind,
jenigen Brüder, die darunter leiden müssen, nach bes- an der deutschen Reformation im Sinne des National-
tem Vermögen anzunehmen.» sozialismus mitzuwirken,
Die Verpflichtungserklärung für den Pfarrernotbund 2. Anerkennung des Führerprinzips nur hinsichtlich der
lautet: äusseren Ordnung,
3. Einführung des Arierparagraphen,
«1. Ich verpflichte mich, mein Amt als Diener des 4. Freimachen von allem Undeutschen in Gottesdienst
Wortes aufzurichten allein in der Bindung an die und Bekenntnis, insbesondere vom Alten Testament
Hl. Schrift und an die Bekenntnisse der Reforma- und seiner jüdischen Lohnmoral,
tion als die rechte Auslegung der Hl. Schrift. 5. Freimachen von allen orientalischen Einstellungen
2. Ich verpflichte mich, gegen alle Verletzungen sol- und Forderungen einer heldischen Jesusgestalt als
chen Bekenntnisstandes mit rückhaltlosem Einsatz Grundlage eines artgemässen Christentums,
zu protestieren. 6. Wir bekennen, dass der einzige wirkliche Gottes-
3. Ich weiss mich nach bestem Vermögen mit verant- dienst für uns der Dienst an unseren Volksgenossen
wortlich für die, die um solchen Bekenntnisstandes ist..
willen verfolgt werden. Sofort kommt es zum scharfen Protest der Bekennen-
4. In solcher Verpflichtung bezeuge ich, dass eine Ver- den Kirche. Reichsbischof Müller muss sich von den
letzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung Forderungen der Deutschen Christen distanzieren,
des Arierparagraphen im Raum der Kirche Christi kann mit seinen Massnahmen aber das Vertrauen der
geschaffen ist.» Bekennenden Kirche nicht gewinnen. Hitler selbst, der
merkt, dass es ihm wohl nicht gelingen wird, die deut-
«In den nun folgenden Monaten», so schreibt Wilhelm sche evangelische Kirche über Ludwig Müller gleich-
Niemöller, «geschah etwas Wunderbares und Uner- zuschalten, ist sichtlich verärgert.
hörtes. Die Gemeinden wurden leben dig. Zunächst im

124
Bekennende Kirche

In einem Lagebericht der evangelischen Kirche vom 5. muss ich erklären, dass weder Sie noch sonst eine Macht
Januar 1934 heisst es: in der Welt in der Lage sind, uns als Christen und
«Gestern hat ein Besuch beim Führer seitens eines alten Kirche die uns von Gott auferlegte Verantwortung für
Kriegskameraden stattgefunden ... Der Führer ist in unser Volk abzunehmen!»
höchster Erregung gewesen; er wolle überhaupt nichts Die Mehrheit der anwesenden Pfarrer aber distanziert
mehr wissen von der evangelischen Kirche und werde sich von Niemöller, und Coch glaubt seinen Bericht mit
weder einen Bischof noch den Reichsbischof empfan- dem zusammenfassenden Satz schliessen zu können:
gen. «Damit hat der Pfarrernotbund die entscheidende Nie-
Die Kirche soll tun, was sie wolle, er sei schwer ent- derlage erlitten, und damit haben wir Deutschen Chri-
täuscht über sie ... Das Ergebnis dieser Besprechung sten einen entscheidenden Sieg gewonnen.» Dieser Sieg
kann folgendermassen zusammengefasst werden: Der der Deutschen Christen dauert jedoch nicht lange. Zwar
Reichsbischof hat am Führer keinen Rückhalt mehr, die unterwerfen sich am 31. Januar 1934 sämtliche evange-
Kirche muss sich selbst helfen .. .» lischen Kirchenführer dem Reichsbischof Müller, aber
Die Stellung von Müller ist wirklich angeschlagen. Die der Pfarrernotbund lässt sich davon nicht beirren. Diese
Bekennende Kirche sieht ihre Chance gekommen. Ein Unterwerfung der Kirchenführer, die plötzlich aner-
ernstes Ringen um Ziele und Formulierungen für Pro- kennen, was sie eben noch verworfen haben, wird von
teste und Vorschläge bei Hindenburg und Hitler setzt ihm verurteilt: «Sie [die Kirchenführer] haben sich dem
ein. Trotz seiner Verärgerung muss Hitler sich dazu be- Reichsbischof bedingungslos unterstellt. Sie haben da-
reit erklären, Vertreter aller kirchlichen Richtungen zu mit einem Regiment des Reichsbischofs und seiner Be-
einer klärenden Aussprache zu empfangen. rater die Bahn freigegeben, das sowohl hinsichtlich der
Am 25. Januar 1934 ist es soweit. Die Vertreter der angemassten Gewalt als auch hinsichtlich der erlassenen
Bekennenden Kirche wollen alles daransetzen, ihren Gesetze mit der Heiligen Schrift und den reformatori-
Gedanken beim Reichskanzler zum Durchbruch zu ver- schen Bekenntnissen unvereinbar ist. Es wird bald deut-
helfen und den Einfluss Müllers und der Deutschen lich werden, was dieses Verlangen der Kirchenführer
Christen zurückzudrängen. Die Unterredung nimmt für Pfarrer und Gemeinden sowie für die gesamte
jedoch einen überraschenden Verlauf. Gleich zu Beginn Kirche bedeutet . . . Unser Ringen um die Erneuerung
verliest Göring ein abgehörtes Telefongespräch, das der Kirche geht weiter. Unser Widerstand gegen alles
Martin Niemöller mit einem Amtsbruder geführt hat: Schrift- und bekenntniswidrige Handeln in ihr bleibt un-
«Wir haben unsere Minen gelegt, wir haben die Denk- beirrbar...»
schrift [das ist die Denkschrift, die den Zweck haben Als Widerstandszentren bilden sich spontan überall
sollte, den Reichsbischof zu stürzen] zum Reichspräsi- freie Synoden. Dazu kommen später noch die «intak-
denten geschickt, wir haben die Sache gut gedreht, vor ten» Kirchen, das sind diejenigen mit einer bekenntnis-
der kirchenpolitischen Besprechung heute wird der treuen Kirchenleitung, die Müller mit Gesetz und Ge-
Kanzler zum Vortrag beim Reichspräsidenten sein und walt unter seine Führung zwingen will.
vom Reichspräsidenten die letzte Ölung empfangen.» Die Landesbischöfe Meiser (Bayern) und Wurm (Würt-
Nach dem Bericht von Landesbischof Coch reagiert temberg) werden von Hitler empfangen und protestie-
Hitler «in heiligem Zorn» und ruft Martin Niemöller ren hier gegen die Unzuverlässigkeit Ludwig Müllers.
zu: ««Glauben Sie, dass Sie mit so unerhörter Hinter- Sie seien daher genötigt, den Kampf gegen den Reichs-
treppenpolitik einen Keil zwischen den Herrn Reichs- bischof aufzunehmen. Hitler reagiert in höchster Er-
präsidenten und mich treiben können?'... Er forderte regung: «Ich wollte die evangelische Kirche gross
den Herrn Pfarrer Niemöller auf, zu sagen, was er machen; Sie wollen nicht mitgehen?» Wurm entgegnet:
dazu zu sagen habe. Er musste zugeben, dass er das «Wenn Sie die evangelische Kirche gross machen wol-
Gespräch in dem Wortlaute geführt hatte, aber war be- len, dann haben Sie dazu das allerungeeignetste Mittel
müht, nun zu gestehen, dass nichts anderes als heilige erwählt: Ludwig Müller.»
Sorge um die Kirche und um Jesus Christus ihn immer
bei seinem Tun getrieben habe, auch die Sorge um das Ein Kompromiss kommt nicht mehr zustande. Mit der
Dritte Reich, ,um Ihr deutsches Volk', sagte er zum «Barmer Theologischen Erklärung» vom 31. Mai 1934
Kanzler, der ihn unterbrach: ,Die Sorge um das Dritte zeigt die Bekenntnissynode der deutschen evangeli-
Reich lassen Sie meine Sorge sein!'« schen Kirche die Grenzlinie ihres Widerstandes auf:
Niemöller, der sofort als sein Name fällt vor die ande- «. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und
ren Pfarrer getreten ist, gerät tatsächlich in einen hefti- müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung ausser
gen Wortwechsel mit Hitler, in dem er mutig das und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere
Anliegen der Kirche vertritt: «Sie haben erklärt: Die Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als
Sorge für das deutsche Volk überlassen Sie mir. Dazu Gottes Offenbarung anerkennen.

125
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Mit dem «Gesetz über die Hitlerjugend» vom 1. Dezember 1936 wurde diese Gliederung der NSDAP zur Staatsjugend
erklärt. Alle anderen Jugendorganisationen wurden im Laufe der Zeit entweder eingegliedert oder verboten. Dieses Ge-
setz machte die HJ auch rechtlich zum einzigen und umfassenden Träger der Jugenderziehung in Deutschland neben
Schule und Elternhaus (die gleichzeitig in ihrem Einfluss möglichst zurückgedrängt wurden). Es ist klar, dass eine solche
Organisation ihren Zweck für den NS-Staat nut dann erfüllen konnte, wenn es auch innerhalb dieser Organisation kei-
nerlei Ausnahmen und keinerlei Entzüge aus dem zentral vorgeschriebenen und dirigierten System gab, – auch nicht in
scheinbar unpolitischen Fragen. Ausserdem war die Position der Hitlerjugend durch die Druckmittel des Staates nun-
mehr so gefestigt, dass man es sich erlauben konnte, jene jugendbewegt-selbständigen Regungen und Formen, deren man
sich für den Aufbau der HJ zunächst geschickt bedient hatte, auszurotten. Diese Ausschaltung traf zunächst die akti-
vistisch gesonnenen jungen Leute aus den vor 1933 proletarisierten Schichten, die die Phrase der NSDAP vom «Nationa-
len Sozialismus» ernst genommen und sich von der HJ eine sozialrevolutionäre Aktion erwartet hatten. Diese sozial-
revolutionären Typen, innerhalb der mittleren HJ-Führung vielfach vorhanden, wurden spätestens im Jahre 1934 ent-
weder ausgestossen oder auf bedeutungslosen Posten kaltgestellt. Die NS-Jugend führung wollte – und erreichte im gro-
ssen und ganzen auch – eine Art von Jugendorganisation, in der auch die letzte Regung der untersten Einheit in un-
bedingter Abhängigkeit von den Vorschriften der zentralen Führung und damit des Regimes selbst stand. So wurden
die Fahrten kleinerer Einheiten zu Gunsten von Massenlagern gestrichen, Publikationen, Liederbücher, Rundbriefe un-
terer Einheiten waren nur nach Vorschrift der Reichsjugendführung herauszubringen; es gab keinen Wimpel, keinen
Schaukasten irgendeiner lokalen HJ-Gruppe, der nicht von der Reichsjugendführung vorgeschrieben wurde. Kein Lager-
plan war erlaubt, kein Lied wurde gesungen, keine Zeitform geduldet, die nicht den Anordnungen der Reichsjugendfüh-
rung entsprachen; durch zentrale Dienstvorschriften wurden sämtliche HJ-Einheiten und ihre Betätigung (von der «Be-
kleidungsvorschrift» bis zur «Lagerverpflegungsordnung») normiert.

126
Wir verwerfen die falsche Lehre

. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Be- könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag
reiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Chri- hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche
stus, sondern anderen Herren zu eigen wären . .. Würde aneignen ...»
. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Die Kirche darf also und muss nur Kirche bleiben, um
Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihren Auftrag zu erfüllen. Staatliche Befugnisse wer-
ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herr- den abgelehnt und damit auch ein Widerstand gegen
schenden weltanschaulichen und politischen Überzeu- die Staatsgewalt mit dem Ziel, die staatlichen Verhält-
gungen überlassen. nisse zu ändern. Wenn dieser von Angehörigen der
. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und Kirche dennoch geleistet wird, so handeln sie als Pri-
dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst beson- vatpersonen, nicht aber im Auftrag der Kirche. Trotz-
dere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer dem muss es natürlich auch zu Konflikten mit der
geben oder geben lassen. Staatsgewalt kommen. Denn der Inhalt der Barmer
. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und Erklärung verurteilt ja nicht nur das Gedankengut der
könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hin- Deutschen Christen, sondern indirekt auch das der
aus die einzige und totale Ordnung menschlichen Le- nationalsozialistischen Weltanschauung.
bens werden und also auch die Bestimmung der Kirche Daher auch die Reaktion des nationalsozialistischen
erfüllen. Staates auf diese Erklärung, über die der Historiker
. . . Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und Conrad ausführt:

Opposition und Widerstand gegen NS und HJ innerhalb der Jugend

Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass nachher ausführlich zeigen werden – vielfach Übergänge
die Darstellung und Analyse der Oppositionsströmungen und Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Richtun-
und Widerstandsgruppierungen innerhalb der Jugend des gen NS-gegnerischer Jugendarbeit.
Dritten Reiches nicht nur um ihrer selbst willen von Inter- Wenn wir zunächst die parteipolitisch bestimmten Jugend-
esse ist, sondern auch Hinweise für das Verständnis und die verbände der Weimarer Zeit auf illegale Fortsetzung hin
Interpretation des Systems der NS-Jugenderziehung und der betrachten, so scheint nach allem vorliegenden Material auf
HJ zu geben vermag. Wir können nun vorwegnehmend diesem Sektor eine Fortführung eigentlicher Jugendgruppen
feststellen, dass – wie im Verlaufe dieses Kapitels im ein- nach 1933 in relativ geringstem Umfange stattgefunden zu
zelnen belegt werden wird – die NS-Jugenderziehung und haben, – ausgenommen die kommunistisch beeinflussten
die Arbeit der HJ keineswegs in dem Sinne «total» waren, Jugendkreise. Mit der Zerschlagung der Parteien selbst ent-
dass es keinerlei weitreichendere Oppositions- und Wider- fiel offenbar fast durchweg auch eine Fortsetzung der ihnen
standskreise im Raume der Jugend gegeben hätte, – im nahestehenden Jugendverbände, was freilich nicht besagt,
Gegenteil: es hat die verschiedensten solcher oppositionellen dass ehemalige Angehörige dieser politischen Jugendver-
Gruppierungen innerhalb der Jugend gegeben, sie haben bände nicht wesentlichen Anteil an der Erwachsenen-IRega-
ein Gewicht und eine Reichweite besessen, die gerade auch lität nach 1933 hätten, – sie stellten hier verständlicher-
von der HJ selbst recht wohl erkannt wurden, und sie ha- weise zumeist die aktiven Kader.
ben – wenn auch in verschiedenen Phasen – von Beginn Bei der (sozialdemokratischen) «Sozialistischen Arbeiter-
des Dritten Reiches an existiert, – nicht etwa erst im jugend» lagen anscheinend nur wenige Versuche zur Fort-
Kriege und als Folge der psychologischen Situation dieser führung eigentlicher Jugendbetätigung vor; in den Gegner-
Kriegszeit sich ergeben. Darstellungen der HJ, die sonst in dieser Beziehung recht
Es liegt nahe, nach eventuellen Einflüssen oder Fortsetzun- ergiebig sind, finden sich kaum irgendwo Hinweise auf die-
gen der bis 1933 existierenden Jugendbünde innerhalb der sen Verband, und auch in einer authentischen Darstellung
Jugendopposition nach der Machtübernahme zu fragen. Da- der Geschichte der sozialdemokratischen Jugendorganisation
bei wären auch hier drei Richtungen in Betracht zu ziehen: wird bestätigt, dass die SAJ nach 1933 in der Hauptsache
die (im engeren Sinne) politischen Jugendorganisationen, die durch Aktivität ihrer Angehörigen von vor 1933 in der
konfessionellen Jugendverbände und die freien Jugend- Erwachsenenarbeit der Illegalität hervorgetreten sei. Um-
bünde. fangreicher scheinen Fortsetzungen anderer sozialistischer,
Aus allen diesen Richtungen sind nun illegale Fortsetzungen mit der Sozialdemokratie jedoch weniger eng zusammen-
oder Einflüsse auf die oppositionelle Haltung Jugendlicher hängender Verbände (so etwa der Jugendarbeit der «Natur-
im Dritten Reich feststellbar, dabei ergeben sich – wie wir freunde») gewesen zu sein; in recht beachtlichem Ausmasse

127
Widerstand in Deutschland 1934-1939

. In fast allen Teilen des Reiches wurden die Er- mehr in ,den himmlischen Sturm Horst Wessel’ versetzt
klärungen der Bekenntnissynode von der Geheimen worden. Hitlerjungen dürfen in ihren Versammlungen
Staatspolizei beschlagnahmt, während Flugblätter der die Pastoren ungestraft als ,Aasgeier der deutschen Na-
Gegenseite mit hemmungslosen Angriffen gegen die tion’ bezeichnen .. .
bekenntnistreuen Kreise in keinem Falle beanstan- Aber weder die staatlichen Gewaltmassnahmen – Mei-
det wurden. Man veranstaltete Haussuchungen nach ser und Wurm werden vorübergehend unter strengen
der Barmer Erklärung und stellte den Besitzern dieses Hausarrest gestellt und nur unter dem Druck ihrer
Dokumentes Konzentrationslager in Aussicht. Das Gemeinden wieder auf freien Fuss gesetzt – noch die
Treiben der deutschchristlichen Hetzer wird immer zahlreichen gesetzlichen Massnahmen können eine Be-
schlimmer: auf ihr Betreiben werden bekenntnistreue friedigung der evangelischen Kirche bringen. Eine
Besprechungen und Andachten in Privatwohnungen Befriedung wäre nur möglich gewesen, wenn der
verboten; Pfarrer, die wider Recht und Gesetz «straf- Nationalsozialismus auf wesentliche Teile seiner Welt-
versetzt» sind, werden in Schutzhaft genommen, weil anschauung, die mit dem Christentum einfach nicht
sie dem Versetzungsbefehl nicht nachkommen. Ein vereinbar sind, verzichtet hätte, insbesondere auf seine
Pfarrer muss sieben Tage in Schutzhaft verbringen, Idee des totalen Staates und seine zur Staatsidee erho-
weil er – in massvoller und würdiger Form – bei bene pseudowissenschaftlich legitimierte Rasslehre.
einer Beerdigung dem Vorredner der Partei wider- Da der nationalsozialistische Staat aber immer nur
sprach, der behauptet hatte, der Verstorbene sei nun- taktische, nicht aber grundsätzliche Zugeständnisse

schliesslich hat offenbar die kommunistische Jugendarbeit 1933 und 1937 intensivierten die meisten katholischen Ju-
nach 1933 weiterexistiert. Allerdings handelt es sich hierbei gendbünde ihre Arbeit wesentlich und nahmen zum Teil in
zum Teil um kommunistisch geprägte, jedoch nicht dogma- erheblichem Masse Arbeits- und Stilelemente der autonomen
tisch festgelegte und auch nicht durchweg vom illegalen Jungenschaft in sich auf; ausserdem bildete sich in diesen
Parteiapparat der Kommunistischen Partei abhängige Grup- Jahren ein öffentlicher und erklärter Gegensatz zwischen
pen, zu denen oftmals Jugendliche aus nicht-kommunisti- der HJ und der katholischen Jugend heraus, wobei die
schen linken Gruppierungen stiessen, da sie hier vermutlich katholischen Jugendbünde eine freie Konkurrenz der HJ
eine am ehesten effektive Widerstandsarbeit fanden. Bezeich- keineswegs zu fürchten gehabt hätten (so hatte z.B. die
nenderweise sind auch Kontakte der illegalen kommunisti- Wochenzeitung der katholischen Jugend, «Junge Front» –
schen Jugendarbeit zur katholischen Jugend zu verzeichnen, später «Michael», eine mehrfach so hohe Auflage wie die
sowie auch zu Fortsetzungen autonomer und freier Jugend- Reichszeitung der HJ). Durch das zwischen dem Vatikan
bünde; dies wohl vor allem im Rhein-Ruhr-Gebiet, wo z.B. und der Reichsregierung am 12. September 1933 abgeschlos-
gemeinsame Schulungen und Diskussionen von illegalem sene Reichskonkordat war der katholischen Jugend, wie den
KJVD und katholischen Jugendgruppen stattfanden und anderen katholischen Verbänden, im Artikel 31 die Weiter-
illegales Material vom KJVD und von katholischen Ju- betätigung «rein religiöser» und «kultureller» Art garan-
gendlichen gemeinsam vertrieben wurde; die Breite und In- tiert worden, die katholischen Jugendbünde suchten unter
tensität dieser Kontakte der kommunistischen Jugendillega- dem Schutz dieser Bestimmungen soviel wie möglich von
lität zu anderen illegalen Jugendkreisen verändert sich dabei den üblichen Tätigkeiten regelrechter und keineswegs auf
phasenmässig, – ganz werden solche Kontakte jedoch nie das Religiöse beschränkter Jugendarbeit zu erhalten. Diese
abgebrochen. Was die konfessionellen Jugendverbände und katholische Jugendarbeit jener Jahre war für die HJ eines
ihre Arbeit im Dritten Reich angeht, so hatte die katholi- der grössten Ärgernisse, dem sie sich in ihrer Entwicklung
sche Jugend gegenüber der evangelischen für eine Fortfüh- gegenüber sah. Ein führender HJ-Mann schreibt hierzu:
rung ihrer Arbeit unter dem NS-Regime einige gewichtige «Das gesamte Verhalten der katholischen Kirche, Überfälle
Vorteile, die Aktivität ist daher hier weit umfangreicher aus den Reihen ihrer Jugendorganisation auf HJ-Angehö-
und intensiver als auf evangelischer Seite. Die katholische rige, hoch- und landesverräterische Angriffe katholischer
Kirche bot – ideologisch wie organisatorisch – eine ge- Jugendführer gegen den NS-Staat, zwangen den Staat, auf-
schlossenere Front als die evangelischen Kirchen; von we- grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz
sentlichem Vorteil für die katholische Jugendarbeit war von Volk und Staat (vom 28. 2. 1933) die Arbeit der katho-
ausserdem, dass die katholischen Jugendverbände nicht – lischen Jugendorganisationen auf das ihnen eigene Gebiet
wie die evangelischen Verbände – schon bald nach der der religiösen Erziehung zu beschränken. In Anlehnung an
Machtergreifung aufgelöst bzw. in die HJ übernommen die preussische Polizeiverordnung gegen die konfessionellen
wurden, sondern unter dem Schutz des Reichskonkordats Jugendverbände vom 23. 7. 1935 haben fast alle deutschen
noch für einige Jahre (wenn auch terrorisiert, so doch öffent- Länder Bestimmungen erlassen, in denen den katholischen
lich) weiterexistieren konnten. In diesen Jahren zwischen Bünden untersagt ist: Auftreten in der Öffentlichkeit, Kluft,

128
Offener Widerstand

macht, kann der Kirchenkampf und der kirchliche Wi- sehen Kirche neue Organe der Leitung . . . Wir fordern
derstand bis zum Ende des Dritten Reiches nicht aufhö- die christlichen Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten
ren. auf, von der bisherigen Reichskirchenregierung und
Noch im Jahr der «Barmer Theologischen Erklärung» ihren Behörden keine Weisungen entgegenzunehmen.»
kommt es im Oktober 1934 zur zweiten Reichsbekennt- Dieser Aufruf zum offenen Widerstand findet Gehör
nissynode im Dahlemer Gemeindehaus. Hier wird als und die daraus resultierende «Doppelleitung» der
Antwort auf die widerrechtlichen Massnahmen der evangelischen Kirche lässt sich durch alle folgenden
Reichsregierung am 20. Oktober das Notrecht verkün- Massnahmen nicht mehr beseitigen. Damit ist der Ver-
det. «Wir stellen fest:», so heisst es in der Erklärung such Hitlers, die evangelische Kirche über die Deut-
an die Reichsregierung, «die Verfassung der Deutschen schen Christen und den Reichsbischof Müller gleichzu-
Evangelischen Kirche ist zerschlagen. Ihre rechtmässi- schalten, misslungen.
gen Organe bestehen nicht mehr. Die Männer, die sich Neben diesem Kampf um die eigenständige Organisa-
der Kirchenleitung im Reich und in den Ländern be- tion geht es im Kampf der Bekennenden Kirche nicht
mächtigen, haben sich durch ihr Handeln von der christ- minder heftig darum, den Einfluss des wahren Evan-
lichen Kirche geschieden. Auf Grund des kirchlichen geliums, das durch Hitlers «Entkonfessionalisierungs-
Notrechts der an Schrift und Bekenntnis gebundenen politik» immer stärker zurückgedrängt werden soll, im
Kirchen, Gemeinden und Träger des geistlichen Amtes Dritten Reich zu behaupten.
schafft die Bekenntnissynode der Deutschen Evangeli- Beispielhaft hierfür ist die Stellungnahme der zweiten

Abzeichen, Fahrten, öffentlicher Vertrieb von Zeitungen, jede etwa die «Quickborn-Jungenschafl», der grösste Teil der
Betätigung nicht rein religiöser Art (also auch Sport usw.).. «Sturmschar», Teile von «Neudeutschland» u.a.), es ent-
standen auch einige spezifisch katholische autonome Jungen-
Schon von 1933 an hatte die HJ versucht, die katholische schäften (z.B. die «Deutschmeister-Jungenschaft»), daneben
Jugend Zug um Zug durch Arbeitsbeschränkungen, lokale zeichnete sich vielfach eine enge Zusammenarbeit zwischen
Verbote, Verbote einzelner Bünde, Verhaftungen, Terrori- Gruppen und Leitern der illegalen autonomen Jugendkreise
sierung, Repressalien in den Schulen u.ä. in ihrer Arbeit zu und den noch halb-legalen, doch bereits terrorisierten katho-
beeinträchtigen. Die Reichszeitung «Die HJ» brachte im lischen Jugendgruppen ab, – von hier aus ergaben sich
Jahrgang 1933 in ihrem politischen Teil in erster Linie An- auch gemeinsame Querverbindungen zu mehr politischen
griffe auf die katholische Jugend, Berichte über hochverräte- Widerstandsgruppen und auch illegalen sozialistischen Ju-
rische Betätigungen der katholischen Bünde, über angebliche gendkreisen. Auch nach dem endgültigen und ausnahmslosen
Terrorakte katholischer Jugendgruppen gegen HJ-Angehö- Verbot der katholischen Jugendbünde im Jahre 1938 exi-
rige und ähnliche Beitr'ige zum Thema «Katholische Ju- stierten fast überall illegale katholische Gruppen weiter; die
gend» . Nach Erlass des HJ-Gesetzes 1936 wurden die Mass- HJ-Führung versuchte vergebens, durch zahllose Inhaftie-
nahmen gegen die katholischen Bünde noch erheblich ver- rungen, Einziehung zu Strafeinheiten, Verweisungen von der
schärft; im Juni 1937 verbot Schirach die Doppelmitglied- Schule und ähnliche Massnahmen (so natürlich auch durch
schaft in der HJ und in Bünden der katholischen Jugend; Terrorisierung der Eltern), die Tätigkeit solcher Gruppen aus-
schliesslich wurden um 1938 auch die noch existierenden zumerzen.
Teile der katholischen Jugendverbände endgültig aufgelöst Die illegalen Fortsetzungen evangelischer Jugendgruppen
und verboten, ihr Eigentum beschlagnahmt, viele ihrer Füh- waren, soweit sich etwa aus der Polemik der HJ gegen geg-
rer inhaftiert, ihre Publikationen verboten und gegen jede nerische Jugendaktivitäten ablesen lässt, nicht von dem Aus-
Fortführung katholischer Jugendgruppen aufs Schärfste vor- mass und der Bedeutung der katholischen; immerhin gab es
gegangen. auch auf evangelischer Seite eine Reihe illegaler Gruppen
Man muss wissen, dass diese katholische Jugendarbeit in den und Jugendkreise, die z.B. die CVJM-Arbeit fortzusetzen
Jahren 1933 bis 1938, die eine der wesentlichsten HJ-geg- versuchten oder dem (von der Jungenschaft beeinflussten)
nerischen Kräfte darstellte, durchaus von der Spontaneität Kreis um die Zeitschrift «Jungenwacht» angehörten . . .
der Jugendlichen und der Jugendführer getragen wurde, Im historischen Teil dieser Arbeit hatten wir schon berich-
keineswegs immer und in all ihren Äusserungen die Unter- tet, dass Schirachs erste Massnahme nach seiner Ernennung
stützung der Hierarchie der katholischen Kirche fand und zum Jugendführer des Deutschen Reiches (im Juni 1933)
oft genug mit weniger entschiedeneren Einstellungen hoher das Verbot des Grossdeutschen Bundes und sämtlicher ande-
Kirchenstellen zu kämpfen hatte. ren hündischen und autonomen Jugendorganisationen war.
Wir hatten schon darauf hingewiesen, dass ein grosser Teil Dieses «Verbot hündischer Jugend», wie es betitelt wurde,
der katholischen Jugendgruppen von 1933 an Formen und wurde in den folgenden Jahren ständig wiederholt, – ein
Inhalte der autonomen Jungenschaftsrichtung übernahm (so Anzeichen dafür, dass die Erneuerung des Verbots durch die

129
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der alt- dass die von der Bekenntnissynode angekündigte Kan-
preussischen Union an die Gemeinden vom 5. März zelabkündigung weder im Gottesdienst noch sonstwie
1935, in der das Neuheidentum scharf verurteilt wird: bekanntgegeben werde. Pfarrer, die sich weigern, wer-
«Wir sehen unser Volk von einer tödlichen Gefahr be- den unter Hausarrest gestellt oder verhaftet. Insgesamt
droht. Die Gefahr besteht in einer neuen Religion ... 715, davon in Preussen 500. Doch die Kirche lässt sich
In ihr wird die rassisch-völkische Weltanschauung zum nicht einschüchtern: Der Präses der Bekenntnissynode
Mythus. In ihr werden Blut und Rasse, Volkstum, der Deutschen Evangelischen Kirche, der für alle be-
Ehre und Freiheit zum Abgott. ..» kenntnistreuen Pfarrer in Deutschland spricht, erlässt
Die Leitung der altpreussischen Bekenntnissynode be- folgende Bekanntmachung:
auftragt alle bekenntnistreuen Pfarrer, «jenes Wort an «. . . In allen Gottesdiensten der nächsten Woche ist
die Gemeinden» im Gottesdienst am 17. März 1935 also im Rahmen der üblichen Abkündigungen der
bekanntzugeben. Der Reichsminister des Innern ver- Gemeinde Folgendes bekanntzugeben: Der Fürbitte der
bietet jedoch die Verlesung dieser Kundgebung, da er Gemeinde werden folgende Pfarrer empfohlen: 16 säch-
nicht gewillt ist, diesen Aufruf gegen das Neuheiden- sische Pfarrer, die nach Sachsenburg ins KZ-Lager ge-
tum und den nationalsozialistischen Staatsgedanken zu bracht worden sind, 5 hessische Pfarrer, die seit Wo-
dulden. Überall, nicht nur im Bereich der altpreussi- chen im KZ-Lager Dachau gefangengehalten werden,
schen Unionskirche, erscheint die Gestapo und ver- 2 sächsische Pfarrer, 1 Bremer Pfarrer, 3 preussische
langt von den Pfarrern eine Verpflichtungserklärung, Pfarrer, die in Haft genommen sind, 7 brandenburgi-

illegale Weiterführung freier Jugendgruppen notwendig ge- te, Kontaktnahme zu Fremdarbeitern, «Wehr-Defätismus»
macht wurde. Die Verbotstexte enthielten eine Aufzählung und auch, in grösserem Masse als bisher, tätliche Auseinan-
früherer und illegaler freier Bünde sowie Strafandrohung dersetzungen mit der HJ. Es soll dabei nicht übersehen wer-
für diejenigen, die eine Weiterführung oder Neubildung den, dass Banden vom Typ «Edelweiss» in den letzten Kriegs
derartiger Gruppen unterstützten oder entsprechendes jahren oft eher kriminellen Jugendbanden als eigentlichen
Schrifttum, Liedgut «. a. m. Weitergaben. In einem Aufsatz Wi-
in der Führungszeitschrift der HJ heisst es hierzu: «Die derstandsgruppen glichen; die Grenzen zwischen beiden sind
Auseinandersetzung mit der hündischen Jugend war jedoch oft genug nicht scharf zu ziehen. Gleichwohl wäre es unzu-
mit dem Verbot noch nicht abgeschlossen. Immer wieder treffend, die Banden vom Typ «Edelweiss» als durchweg un-
tauchten in der Folgezeit hier und da kleine Gruppen auf, politisch zu charakterisieren. Ein Teil dieser Banden wie
die sich in stiller und geschickter Arbeit durch alle Verbote auch der Grossteil der illegalen eigentlichen Gruppen der
hindurch gerettet hatten. Vielfach wurde es offenbar, dass Jugendopposition gegen den NS war zweifellos durchaus
die anarchistischen Kräfte der Vorkriegsjugendbewegung politisch; politisch zwar nur zum Teil im Sinne einer klaren
stärker, als zu erwarten gewesen war, wieder lebendig ge- Bindung an bestimmte politische Erwachsenengruppierungen
worden waren . . . und sich sogar im NS-Reich durchzuset- oder Programme, – politisch aber fast durchweg im Sinne
zen versuchten. Bis in das Jahr 1936 hinein (Zeitpunkt der einer bewussten und überindividuellen NS-Gegnerschaft, NS-
Veröffentlichung!) waren Versuche einer kulturellen Beein- und HJ-gegnerischer kultureller, weltanschaulicher und poli-
flussung der deutschen Jugend in Lied oder Schrifttum zu tischer Stile und Tendenzen und einer nach aussen gerichteten
beobachten, die mit einer Russlandromantik kommunistische illegalen Betätigung, der es keineswegs nur um die Reservie-
Propaganda verbanden ...» rung privater Bereiche ging.
Die Betätigung der illegalen Jugendgruppen (gleich welcher Und es kann kein Zweifel daran sein, dass illegale Jugend-
Richtung) bis 1939 hatte sich vor allem auf folgende Be- betätigungen also von Beginn des NS-Regimes an in beacht-
reiche erstreckt: Pflege eines der HJ entgegengesetzten lichem Umfang existierten und für NS und HJ ein Problem
Gruppenlebens (Zusammenkünfte, Fahrten usw.) und eines darstellten, dem sie mit Terror und Liquidierungsmassnah-
der HJ entgegengesetzten Kulturstils, Befassung mit den men beizukommen versuchten (da sie es erzieherisch-admi-
jeweiligen NS-gegnerischen Positionen (politischer und reli- nistrativ nicht zu lösen vermochten) und das dennoch nie
giöser Art), Herstellung und Verbreitung illegaler Publika- an Gewicht einbüsste. Es bleibt ausserdem festzuhalten, dass
tionen, Verbreitung von NS-gegnerischen Büchern, Kultur- diese illegale Jugendarbeit zwar gelegentlich Kontakt zu
äusserungen, Flugblättern, «Mundpropaganda» und ähn- oppositionellen Erwachsenenkreisen hatte, dass sie aber kei-
lichem (das also, was die HJ «Zersetzungsarbeit» nannte); neswegs eine blosse Jugendaktivität oppositioneller Erwach-
hinzu kamen gelegentliche demonstrative Akte. senengruppen darstellte, sondern grösstenteils eine selbstän-
In den Kriegsjahren und im Zuge der Erweiterung der Ju- dige und spontane Bewegung Jugendlicher gewesen ist.
gendillegalität durch die «Banden» traten zu diesen Betäti-
gungen einige neue hinzu, – so etwa regelrechte Sabotageak-
(Aus: Arno Klönne, Hitlerjugend,
Die Jugend und ihre Organisation im Dritten Reich.)

130
Widerstand der Jugend

sche und 1 schlesischer Pfarrer, die aus ihren Gemein- gegen das Heimtückegesetz – «Wer öffentlich gehäs-
den ausgewiesen worden sind. Es wird gebeten, auch sige, hetzerische oder von niedriger Gesinnung zeu-
der verwaisten Gemeinden im Gebet zu gedenken .. gende Äusserungen über leitende Persönlichkeiten des
Um einer sich ausbreitenden Unruhe im Kirchenvolk, Staates oder der NSDAP, über ihre Anordnungen oder
sieht sich die Polizei zum taktischen Rückzug gezwun- die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die
gen: «Auf Anordnung des Reichsinnenministeriums ist geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen
gegen die Verlesung dieser Fürbitte in den Gottesdiens- Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft ..
ten nicht einzuschreiten. Sicherheitspolizeiliches Ein- –, gegen Kanzelmissbrauch, gegen das Verbot, die
greifen, soweit erforderlich, bleibt davon unberührt. Kirchenaustritte bekanntzugeben, sind die Mittel, mit
Massnahmen sind nicht innerhalb der Kirche und wäh- denen man den Widerstand der Kirche allmählich zu
rend des Gottesdienstes durchzuführen.» brechen versucht. Ganz nach der Devise der Gestapo
Anstatt geschlossener Gewaltaktionen, die einen zu zur Bekämpfung der «bewussten Staatsfeinde»: «Ihnen
grossen Widerstand herausfordern können, geht man arbeitet die politische Polizei nach grossen Richtlinien
zu Einzelmassnahmen über. Amtsenthebungen, Aus- mit dem Ziel vernichtender Schläge entgegen. Hier ent-
reiseverbote, Aufenthaltsverbote, Redeverbote, Aus- scheiden erbitterte unterirdische Kämpfe, Minen und
weisungen, Repressalien, Verbannungen, Verbringung Gegenminen. Und dieser Kampf wird um so besser
in Konzentrationslager, Haft oder Gefängnis, Ankla- geführt, je weniger das Volk in ungestörtem Entwick-
gen wegen Verstosses gegen das Sammlungsgesetz, lungsgang von der Tatsache des Kampfes merkt.»

Zwei Titelblätter aus der antinationalsozialistischen Jugendzeitschrift «Kameradschaft», die von November 1937 bis
Mitte 1940 in einer Auflage bis zu 9’000 Stück in Brüssel, Amsterdam und schliesslich in London hergestellt und heim-
lich in Deutschland verbreitet wurde. «Diese Zeitschrift», schreibt Arno Klönne, «war vor allem deshalb wichtig und
wirksam, weil ihre Herausgeber – emigrierte hündische und jungkatholische Führer – in ständiger direkter Verbindung
mit den illegal in Deutschland arbeitenden Jugendgruppen waren, die Zeitschrift daher auch regelmässig Originalbei-
träge aus den deutschen Gruppen, ihren Erfahrungen und ihrer Tätigkeit bringen konnte.»
131
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Warum die evangelische Kirche, die ihrer Tradition der Kirche ist, dann weiss ich nicht, was man unter
nach so staatsfromm ist, zum «Staatsfeind» in Hitlers einem Eingriff in die Verkündigung überhaupt ver-
Staat werden muss, lässt sich aus den Überlegungen von stehen soll. Hier ist der Punkt, an dem die Kirche Wi-
Otto Dibelius exemplarisch ersehen. In einem offenen derstand leisten muss und Widerstand leisten wird ...»
Brief vom Februar 1937 an Reichsminister Kerrl (seit
1935 Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten) Die grundsätzliche Problematik zwischen Kirche und
knüpft er an dessen Rede vom 13. Februar 1937 über Staat erläutert Dibelius am Gegensatz zwischen Reli-
Kirche und Christentum an und entgegnet ihm: gionsunterricht und Parteischulung der deutschen Ju-
«. . . Diese Rede bedeutet für das Verhältnis zwischen gend: «Herr Reichsminister, wenn des Morgens im
der evangelischen Kirche und Ihrem Ministerium un- Religionsunterricht den Kindern gesagt wird: Die Bi-
gefähr das, was die Sportpalastversammlung vom No- bel, das ist das Wort Gottes, das zu uns redet im Alten
vember 1933 für das Verhältnis zwischen uns und den und im Neuen Testament! – und wenn am Nachmit-
Deutschen Christen bedeutet hat: Der Schleier ist zer- tag den Pimpfen memoriert wird: Welches ist unsere
rissen, der die Wirklichkeit vor vieler Augen bisher Bibel? Unsere Bibel ist Hitlers ,Mein Kampf‘! – wer
verhüllte; die Gegensätze sind klar; es ist jetzt deutlich muss hier seine Lehre ändern?
vor jedermann, was das Kirchenministerium mit seinen Hier ist der entscheidende Punkt...
Massnahmen bisher beabsichtigt und was es für die Sobald der Staat Kirche sein und die Macht über die
Zukunft beabsichtigt ... Sie [haben] die Grundsätze Seelen der Menschen und über die Predigt der Kirche
dargelegt, nach denen Sie als Kirchenminister glauben an sich nehmen will, sind wir nach Luthers Worten
handeln zu müssen. Sie haben nach dem mir vorliegen- gehalten, Widerstand zu leisten in Gottes Namen. Und
den Bericht gesagt: Der katholische Bischof Graf Galen wir werden das tun ... ! Lassen Sie die Kirche ihre
und der evangelische Generalsuperintendent Zoellner Angelegenheiten in wirklicher Freiheit und Selbstän-
hätten Ihnen beibringen wollen, was Christentum sei; digkeit ordnen! Wenn das geschieht, dann kann der
dass es nämlich um die Anerkennung gehe, dass Jesus Kirchenkampf in drei Monaten zu Ende sein ...»
Gottes Sohn sei. Das sei lächerlich und nebensächlich... Wegen dieses Briefes wird Generalsuperintendent
D. Dibelius vor ein Sondergericht in Berlin gestellt.
Dieser Satz aber, dass Jesus Christus, der Gekreuzigte Die Anklage lautet auf «unwahre Behauptungen und
und Auferstandene, der Sohn des lebendigen Gottes heimtückische Angriffe gegen den Staat und seine Füh-
ist, ist der feste Grund für allen unsern Glauben ... rer». Kerrl bestreitet, die Äusserung getan zu haben,
Sie haben weiter gesagt: Die Priester behaupteten, Je- das Dogma, dass Christus der Sohn Gottes sei, wäre
sus sei ein Jude; sie redeten von dem Juden Paulus lächerlich und bedeutungslos. Der Gerichtshof spricht
und sagten, das Heil komme von den Juden. Das gehe Dibelius wegen Mangels an Beweisen frei. «Auf Grund
nicht! der Tatsache, dass von Herrn Minister Kerrls Rede
Ich kann mich nicht erinnern, dass in früheren Zeiten kein amtliches Protokoll aufgenommen war, ist es
die Predigt der evangelischen Kirche diese Dinge schwer festzustellen, was er in Wirklichkeit gesagt
irgendwie betont hätte. Nachdem sich aber jetzt die hat.»
Angriffe der Gegner fortwährend auf diesen Punkt Aber auf die Verifizierung dieser speziellen Äusserung
richten, ist die Kirche allerdings gehalten, zu sagen: des Kirchenministers kommt es im Wesentlichen gar
Jawohl, Jesus von Nazareth ist nach seiner menschli- nicht an. Denn hinter der offiziellen Haltung, die
chen Natur aus dem Geschlechte Davids, also ein Jude! Kirche zu akzeptieren, verbirgt sich der verborgen-
So lehrt es das Neue Testament... gehaltene Wille der nationalsozialistischen Staats- und
Unablässig hat man in den letzten vier Jahren be- Parteiführung, das Christentum völlig auszuschalten
hauptet: die Eingriffe des Staates beträfen nur das und durch die nationalsozialistische Weltanschauung zu
äussere Leben der Kirche; niemand denke daran, in die ersetzen. Für Hitler und seine Mitwisser gelten die
Predigt einzugreifen. Die Bekennende Kirche hat dem Worte Bormanns als ausgemachte Sache: «Ebenso wie
gegenüber immer behauptet, dass dem nicht so sei, son- die schädlichen Einflüsse der Astrologen, Wahrsager
dern dass die Kirchenpolitik ... einen Eingriff in Lehre und sonstigen Schwindler ausgeschaltet und durch den
und Verkündigung der Kirche bedeute... Ihre Worte Staat unterdrückt werden, muss auch die Einflussmög-
vom 13. Februar haben es über allen Zweifel erhoben, lichkeit der Kirche restlos beseitigt werden.» Daher
dass die Bekennende Kirche richtig gesehen hat... bestehen die Vorwürfe von Dibelius zu Recht, daher
Sie erheben Forderungen und kündigen in demselben kann der Kirchenkampf nicht in drei Monaten, son-
Atemzuge neue Zwangsmassnahmen gegen die Kirche dern erst mit dem Ende des Dritten Reiches beendigt
an. Wenn das nicht ein Eingriff in die Verkündigung sein. Daher sind die «unwahren Behauptungen gegen

132
Gott mehr gehorchen als den Menschen

den Staat und seine Führer» doch wahre Behauptun- zwei Herren dienen zu können. Bei einer solchen
gen, auch wenn sie der Taktik der Staatsführung ent- Auffassung musste er, wie es auch tatsächlich der Fall
sprechend vor Gericht im nationalsozialistischen Staate war, in die Lage kommen, den Bestrebungen der
nicht bewiesen werden können. NSDAP zuwiderzuhandeln. In diesem Zusammenhang
In dieser durch die nationalsozialistische Taktik der hat er auch auf der Kanzel diejenigen Pfarrer in die
Kirchenbekämpfung und die Zersplitterung der evan- besondere Fürbitte eingeschlossen, die in Haft gesetzt
gelischen Kirche unübersichtlichen Situation ist es für wurden. Dass er damit in versteckter Weise gegen Mass-
jeden Pfarrer eine schwierige Entscheidung, wie er sich nahmen des Staates Stellung genommen hat, bedarf
zu verhalten habe. Typisch für den Konflikt und eine wohl keines weiteren Beweises mehr.
Lösung im christlichen Sinne ist das folgende Doku- Zu b) der Anklage erklärt der Angeschuldigte, dass
ment über den Parteiausschluss eines Pfarrers, der zu- dies in seinen dienstlichen Verhältnissen begründet
nächst mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hat. liege. Er sei viermal in der Woche abends dienstlich be-
«Aktz. VI/5/37, 14. Januar 1938 schäftigt. Eine Verlegung des Dienstes dann, wenn ge-
...Begründung: Der Pg. W.... P. ... wird beschuldigt, den rade eine Ortsgruppenversammlung sei, sei nicht mög-
Bestrebungen der NSDAP zuwiderzuhandeln und sich lich, da nur ein Saal zur Verfügung stehe und dieser
interesselos zu zeigen, indem er immer besetzt sei. Ausserdem würde er sich dadurch
a) in versteckter Weise gegen die Massnahmen des auch einer Dienstverletzung schuldig machen, denn er
Staates Stellung nahm und sei seinem Vorgesetzten für die Wahrnehmung des
b) an keiner Veranstaltung der Ortsgruppe teilnahm, Dienstes verantwortlich. Wenn er das Parteiabzeichen
obwohl er zu allen Veranstaltungen schriftlich eingela- nicht trage, so tue er dies deshalb, weil er den Volks-
den wurde. genossen, die zu ihm als Seelsorger kämen, unvorein-
Zu dem unter Ziffer a) zur Last gelegten Verhalten genommen und rein seelsorgerisch gegenüberstehen
erklärt der Angeschuldigte, dass er als Beamter der wolle.
Kirche gehalten sei und sich verpflichtet fühle, alle An- Wäre es dem Angeschuldigten ernstlich darum zu tun
ordnungen des Kirchenregimentes nach aussen hin zu gewesen, die Veranstaltungen der Ortsgruppe zu be-
vertreten, sei es auf der Kanzel oder sonst in der suchen, so hätte sich, obwohl er dienstlich sehr belastet
Öffentlichkeit. Er gebe zu, dass er dabei in die Lage war, durch Rücksprache mit seinen Vorgesetzten ohne
kommen könne, mit den Massnahmen und Anord- Zweifel die Möglichkeit hierzu ergeben lassen. Wenn
nungen des nationalsozialistischen Staates in Konflikt schliesslich der Angeschuldigte den ihn um Rat ange-
zu geraten. Solche Konflikte schlössen aber nicht aus, henden Volksgenossen nur ohne Parteiabzeichen ge-
dass er als Beamter der Kirche zugleich auch Parteige- genübertreten zu können glaubt, so hat er vergessen,
nosse sein könne. In Konfliktsfällen nehme er eine ver- dass auch die Partei als solche den Standpunkt eines
mittelnde Haltung ein und sehe zu, dass kein ,Bauun- positiven Christentums vertritt.
glück' entstehe.
Was das Verbot der Kirchenkollekte anbelange, so sei Der Sachverhalt zu a) und b) begründet die Feststel-
er der Ansicht, dass dieses Verbot zu Unrecht ergangen lung, dass der Angeschuldigte den Bestrebungen der
sei; der Staat habe kein Recht, sich in solche Angele- NSDAP zuwidergehandelt und sich interesselos gezeigt
genheiten einzumischen, noch viel weniger stehe dies hat. Er war infolgedessen eines Verstosses gegen § 4
der Partei zu. Abs. 2 b und Abs. 3 c schuldig zu sprechen ...»
Diese Auffassung des Angeschuldigten und sein Ver- Zu den inhaftierten Geistlichen, die von anderen Pfar-
halten zeigen, dass er nur insoweit Nationalsozialist rern, darunter vielen NSDAP-Genossen, in das Gebet
und Parteigenosse ist, als er dies mit den Massnahmen von der Kanzel eingeschlossen werden, gehört schliess-
und Richtlinien der Kirche vereinbaren zu können lich auch Pastor Martin Niemöller. Im Herbst 1937 ist
glaubt. Wo dies nicht der Fall ist, trägt er keine Be- er verhaftet worden. Hitler hat ihm seine «Hinterhäl-
denken, auch gegen die Anordnungen des Staates zu tigkeit» vom Januar 1934 nicht vergessen und seine
handeln. Das beweist seine Verhaftung infolge seiner Predigten aufmerksam verfolgt. Am 7. Februar 1938
Aufforderung, eine verbotene Kollekte durchzuführen. beginnt in Berlin der Prozess gegen Niemöller, am
Ein Parteigenosse muss rückhaltlos hinter seinem Füh- 2. März wird das Urteil gesprochen. Der Prozess fällt
rer stehen. Ein Parteigenosse aber, der nicht in allen ausgerechnet in eine Zeit, die einen grundlegenden
Dingen vorbehaltlos auf dem Boden der nationalsozia- Wandel in den politischen Machtverhältnissen in
listischen Weltanschauung steht, ist undenkbar. Deutschland mit sich bringt – und die nach der Röhm-
Dass der Angeschuldigte nicht rückhaltlos dem Führer Affäre 1934 die erste unmittelbare Gefahr für Hitler
ergeben ist, zeigt seine Auffassung, wenn er glaubt, und die Herrschaft des Nationalsozialismus schafft.

133
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Zunächst aber geht es noch um den vor allem von der länder zu übergeben, hat er als aufrechter Deutscher
Weltpresse aufmerksam verfolgten Prozess gegen den natürlich ebenfalls verweigert, erst recht den Befehl,
Führer des «Pfarrernotbundes» und Repräsentanten der den Offiziersdolch abzulegen: Er musste schliesslich
evangelischen «Bekennenden Kirche», Martin Niemöl- jederzeit in der Lage sein, einem Matrosen, Arbeiter
ler. oder «verhetzten Sozialdemokraten», der ihn anpöbelte,
«Durch die Tätigkeit des ehemaligen U-Boots-Kom- «sofort den Dolch zwischen die Rippen zu stossen».
mandanten Niemöller ist die Gemeinde Dahlem welt-
berühmt geworden», heisst es bereits in einem Bericht In dem für Hitlers Chefideologen Rosenberg angefer-
des Amtes Rosenberg vom Mai 1935. Noch ist tigten Bericht über die Verhandlung heisst es dann wört-
Deutschland in diesen Tagen, es sind wohl die letzten, lich:
in mancher Hinsicht ein Rechtsstaat. Am 7. Februar «Dem Freikorpskämpfer [Niemöller], der eine Abtei-
1938, dem ersten Verhandlungstag, wird der Ange- lung Offiziere nach der Revolution von 1918 zur Rei-
klagte Niemöller mehr als drei Stunden vernommen. nigung Westfalens vom roten Pöbel ansetzte und
Am Tag darauf lehnt Niemöller seinen Offizialvertei- führte, hat Generalleutnant von Watter ein nicht weniger
diger ab. Andererseits lehnt der Staatsanwalt ab, die hervorragendes, vom 10. August 1937 datiertes, Zeug-
zahlreichen Vertreter der «Bekennenden Kirche» im nis ausgestellt wie die Admirale.»
Saal zu dulden. Sie sind ja «Mittäter» des Angeklagten. Schliesslich ist Niemöller, nachdem sein Vermögen zer-
ronnen war, Theologe geworden, um «dem seelisch zer-
Das Gericht entscheidet beide Anträge positiv – die rissenen und weithin entwurzelten deutschen Volke
Funktionäre der «Bekennenden Kirche» dürfen nicht mit... dem Worte Gottes zu dienen und so zur Auferste-
mehr an der Verhandlung teilnehmen, die Verhand- hung Deutschlands beizutragen.»
lung wird auf den 19. Februar vertagt, damit der Seit 1924, während Hitler in Haft sass, hat Niemöller
Verteidiger des Angeklagten Niemöller Zeit hat, die nur NSDAP gewählt und den Führer zutiefst verehrt.
Anklageschrift und die Akten genügend zu studieren. Sein Bruder Wilhelm, ebenfalls Theologe, sei schon
Die anwesenden Vertreter der internationalen Presse 1923 Mitglied der NSDAP geworden.
registrieren diese Gerichtsentscheidung positiv. In der Nacht zum 14. Oktober 1933 hat Niemöller
In der Verhandlung, die schliesslich bis zum Urteils- durch einen Bekannten aus dem Auswärtigen Amt er-
spruch am 2. März 1938 dauert, ist das bedeutsamste fahren, dass Hitler den Austritt Deutschlands aus dem
die Verteidigung Niemöllers, der dabei ein aufschluss- Völkerbund angeordnet hat. Daraufhin hat er noch
reiches Bild von sich selbst gibt. zu nächtlicher Stunde «an den Führer» ein Glück-
Er berichtet über seinen Einsatz als U-Boot-Komman- wunschtelegramm gerichtet; noch heute, 1938, ist er
dant im Ersten Weltkrieg und dass er ein ausgezeich- stolz darauf, dass er damit der erste gewesen ist, der
neter Torpedo-Spezialist gewesen sei. (Torpedo-Spezia- Hitler zu diesem entscheidenden Schritt der «Wieder-
list sei Niemöller ja wohl auch noch heute, wenn auch herstellung der Ehre Deutschlands» gratuliert hat.
in anderem Sinne, bemerkt ein Berichterstatter sarkas- Dann kommt Niemöller auf die Vorwürfe zu sprechen,
tisch.) die ihm vom Gericht gemacht werden – dass er in
Acht mit der höchsten kaiserlichen Kriegsauszeichnung, seiner Kirche in Berlin-Dahlem eine Gruppe alter Re-
dem Pour le Merite, dekorierte Kriegshelden sind aus aktionäre um sich versammle, eine Gruppe von Volks-
Niemöllers Pfarrhaus hervorgegangen, wie er dem Ge- feinden, von Meckerern und Juden; dass er in seinen
richt stolz erzählt. Von Niemöller bestellte Entla- Predigten für das internationale Judentum, den «Tod-
stungszeugen, etwa die Admirale von Lützow und von feind des deutschen Volkes», Stellung nehme und ent-
Scholz, bestätigen dem Gericht, dass Niemöller immer gegenstehende Massnahmen des Staates kritisiere.
ein erbitterter Feind jeder Demokratie, ein geschworener Sicher stünden vor seiner Kirche Luxusautos, aber die
Gegner der Republik gewesen sei. seien schliesslich auch anderswo zu sehen. Seine Ge-
Stolz erklärt der Angeklagte, dass er schon als Of- meinde sei buchstäblich eine «Gemeinde vom Minister
fizier Befehle verweigert habe, die er für falsch hielt. bis zur Waschfrau». Was an echten Vorwürfen übrig-
Entgegen dem Befehl der inzwischen republikanischen bleibe, sei die Judenfrage.
Regierung der Sozialdemokraten hat er sich geweigert, Die Juden, sagt Niemöller, sind ihm unsympathisch
nach der deutschen Kapitulation im November 1918 und fremd. Dass ausgerechnet Jesus von Nazareth ein
die kaiserliche Kriegsflagge auf seinem U-Boot einzu- Jude gewesen ist, bezeichnet der Pastor Niemöller als
ziehen. Mit wehender Flagge ist sein Boot am 30. No- «peinliches und schweres Ärgernis». Aber so stehe es
vember 1918 in den Kieler Kriegshafen eingelaufen. nun einmal im Neuen Testament, und das habe er als
Den Befehl, sein U-Boot vertragsgemäss an die Eng- Pfarrer zu verkünden, dies ist das Wort Gottes, an das

134
Niemöller-Prozess

er sich als Pfarrer der «Bekennenden Kirche» zu hal- Spannungen, die von der ausländischen Presse immer
ten habe. Falsch sei es, daraus auf eine Feindschaft zum stark betont werden, versucht Hitler dadurch zu mil-
Dritten Reich zu schliessen, das er doch selbst als Geg- dern, dass er sich immer wieder mit all seinen rhetori-
ner der Demokratie und der Republik immer herbeige- schen Fähigkeiten um die Gunst der Wehrmacht be-
sehnt habe. müht. In einer hierfür typischen Rede aus dem Jahre
Zum Schluss seines Plädoyers in eigener Sache kommt 1935 legt er den stärksten Nachdruck auf «das unbe-
Niemöller noch einmal auf jenen peinlichen Augen- grenzte und durch nichts zu erschütternde Vertrauen»,
blick vom 25. Januar 1934 zu sprechen, als Göring ihm das er «zu dem Können, der Opferfreudigkeit und vor
den Wortlaut des Tags zuvor geführten Telefonge- allem zur Loyalität der gesamten Wehrmacht» hege.
spräches vorgehalten hat. Es ist Niemöller, so formu- «Dies Vertrauen», so hat einer der teilnehmenden Ge-
liert er selbst, an diesem Tag «nicht sehr gut gegangen». nerale Absicht und Wirkung der Worte Hitlers seinen
Aber der Führer habe ihm dann zum Schluss doch die Offizieren anschaulich bezeugt, «kam in geradezu er-
Hand gereicht, und er glaube doch, der Führer und er greifender Form zum Ausdruck, und wohl keiner, der
hätten sich verstanden. dabei war, wird sich dem Eindruck entziehen können,
Vom Gericht scheint Niemöller auch verstanden wor- dass hier ein Mann sprach, der durch keinerlei klein-
den zu sein: Es verurteilt Niemöller zu sieben Mona- liche Machenschaften in diesem seinem Vertrauen zu
ten ehrenvoller Festungshaft und zu 2’000 Mark Geld- beirren ist, und dass uns hier ein Vertrauen entgegen-
strafe. Die ausgesprochene Strafe gilt durch die Unter- gebracht wird, das von keinem Ehrenmann getäuscht
suchungshaft als verbüsst, Niemöller darf den Gerichts- werden kann.» Der in erster Linie betroffene Fritsch
saal als freier Mensch verlassen. nannte die Rede «ein einziges Bekenntnis zur Treue der
Den Gerichtssaal – aber draussen wartet schon die Armee und ihres Führers» (der er selber war).
Gestapo auf den Dahlemer Pastor, um ihn ohne Ge- Über das Verhältnis Hitler, Partei und Wehrmacht
richtsurteil in das KZ Sachsenhausen im Norden von notiert ein anderer Zeuge: «Dann kommt aber viel-
Berlin zu bringen. Dieses «Urteil» hat Hitler persön- leicht einer von der Partei und sagt zu mir: ,Alles gut
lich gesprochen, als er schon am frühen Vormittag er- und schön, mein Führer, aber der General Soundso
fahren hat, wie das Gericht urteilen wird. Wenn dieser spricht und arbeitet gegen Sie!' Dann sage ich: ,Das
«hinterhältige Schurke» Niemöller, so hat er getobt, glaube ich nicht!' Und wenn dann der andere sagt:
freikommt, dann sollte man doch gleich das ganze Ge- ,Ich bringe Ihnen aber schriftliche Beweise, mein Füh-
richt einsperren! Man weiss von der Gefährlichkeit rer!' dann zerreisse ich den Wisch, denn mein Glaube
Niemöllers und seinem unbeugsamen Willen zum Wi- an die Wehrmacht ist unerschütterlich.»
derstand. Und so wird er von diesem 2. März 1938 an Genau diese Ausführungen, die ihren Eindruck nicht
bis April 1945 «Privatgefangener» Hitlers sein. verfehlen, sind dazu angetan, die weitverbreitete An-
Eben in diesen Märztagen hat sich in Deutschland die sicht der Wehrmacht zu bestärken, man könne zwi-
innenpolitische Situation zugespitzt, hat sich eine für schen dem «Führer» und der «Partei» unterscheiden.
Hitler kaum noch erwartete Gefahr ergeben, und zu- Man könne dem Führer, der es nur gut meine, ver-
gleich steht auch ein entscheidendes aussenpolitisches trauen, während für das Schlechte lediglich die üblen
Ereignis bevor. Wie Niemöllers Prozess eigentlich Elemente innerhalb der Partei verantwortlich seien.
schon an jenem 25. Januar 1934 beginnt, so liegen auch Selbst Beck, der bald zum nachdrücklichsten Verfechter
die Ursachen für die sich gerade während des Niemöl- des militärischen Widerstandes gegen Hitler wird,
lerProzesses Überschlagenden Ereignisse Jahre zuvor glaubt zunächst noch mit diesem Zusammenarbeiten
begründet. zu können. Das bekannte Argument, mit dem der ein-
Es geht um das Bemühen, auch die Wehrmacht, den ein- fache Mann sich trotz der negativen Erscheinungen der
zigen realen Machtfaktor, der einen erfolgreichen Wi- nationalsozialistischen Herrschaftspraxis sein positives
derstand noch leisten kann, «gleichzuschalten». Denn Hitlerbild erhalten will, den bekannten Satz: «Der
trotz seiner Erfolge und trotz seines Bemühens ist es Führer weiss das nicht», machen sich auch die Militärs
Hitler noch nicht gelungen, das höhere Offizierskorps an höchster Stelle zu eigen. Diese Verkennung des
voll und ganz für sich, seinen Staat und die Partei zu wahren Hitler, den man nur als den Retter Deutsch-
gewinnen. Gerade das Verhältnis der Wehrmacht zur lands aus wirtschaftlicher Not und nationaler Zwie-
Partei, insbesondere zur SS, bleibt gespannt. Denn tracht sehen möchte, nicht aber als den Urheber auch
nach der Ausschaltung Röhms und seiner SA scheint aller entsetzlichen Schattenseiten des Dritten Reiches,
das Monopol der Wehrmacht als einziger Waffenträger ist der Hauptgrund dafür, dass auch die skeptischen
der Nation durch die SS bedroht, die eigene militäri- Militärs ihre gegnerische Einstellung immer wieder
sche Verbände anstrebt und auch bewilligt erhält. Diese überwinden.

135
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Erst als man das Riskante an Hitlers Aussenpolitik statt. Trauzeugen sind der Führer und Reichskanzler
und die damit verbundenen Kriegspläne allmählich Adolf Hitler sowie der Generaloberst und Reichs-
zu erkennen beginnt, verstärkt sich auch der Wider- luftfahrtminister Hermann Göring. Es ist keine solche
standswille innerhalb der Wehrmacht und der Wille Prunkhochzeit, wie Göring sie 1935 mit der Staats-
Hitlers, diejenigen Kräfte der Wehrmacht auszuschal- schauspielerin Emmy Sonnemann gefeiert hat. Blom-
ten, die seine Politik zu bremsen versuchen, die auf bergs Trauung findet nur auf dem Standesamt statt.
Grund ihres militärisch-fachlichen Könnens und ihrer In den Zeitungen erscheinen nur kurze Mitteilungen
ethischen Grundeinstellung Hitlers Ansichten letztlich im Nachrichtenteil.
nicht zu folgen vermögen. Manche Leute machen sich darüber Gedanken, und
Ein Jahr nach Hitlers Rede vom 30. Januar 1937, in schon kursieren Gerüchte über diese stille Hochzeit
der er vor dem Reichstag in seinem Rechenschaftsbe- eines der Prominentesten. Nicht einmal ein Foto ist
richt «feierlich» die Aufkündigung des «Versailler Dik- von der Hochzeit erschienen, wo doch sogar der Füh-
tats» und die volle Wiederherstellung der deutschen rer selbst Trauzeuge war. Erst einige Tage nach der
Souveränität erklärt hat, und drei Monate nach der Hochzeit erscheint in verschiedenen Zeitungen ein Bild
bedeutenden und geheimgehaltenen Rede vom 5. No- von der Hochzeitsreise des eben getrauten Ehepaares.
vember 1937, auf der Hitler seine Kriegspläne be- Marschall Blomberg und seine junge Frau stehen im
kanntgegeben hat, gegen die Fritsch und selbst Blom- Leipziger Zoo vor einem Gitterkäfig und lächeln
berg Einspruch erhoben haben, konzentriert er die freundlich in die Kamera.
Staatsmacht des Deutschen Reiches noch mehr auf sei- Eines der Gerüchte über diese stille Hochzeit verdich-
ne Person. Wie schon so oft, nutzt er eine von ihm nicht tet sich daraufhin. Irgendwer will auf dem Foto aus
geschaffene und nicht einmal vorausgesehene Situation dem Leipziger Zoo in der Marschallsgattin eine Pro-
blitzschnell zu seinen Gunsten aus. stituierte wiedererkannt haben.
Das ganze Geschehen, das fast Hitlers Ende als Dik- Fast zur gleichen Zeit erntet Göring wieder einmal
tator bringt, ihm dann aber doch noch einen gewich- eine übelriechende Frucht seiner Eigenzüchtung «For-
tigen Machtzuwachs verschafft, beginnt damit, dass schungsamt». Am 22. Januar 1938 wird dem Reichs-
Reichskriegsminister Generalfeldmarschall Werner von luftfahrtminister und preussischen Ministerpräsidenten
Blomberg um eine persönliche, vertrauliche Ausspra- von einem Eilkurier eines der «Braunen Blätter» nach
che mit Hitler nachsucht. seinem Luxusgrundstück «Karinhall» in der Schorf-
Hitler lädt den von ihm erst kürzlich zum Marschall heide gebracht.
beförderten Minister daraufhin zu sich nach Hause Das auf dem für besonders vertrauliche Nachrichten
ein. In Hitlers Fünf-Zimmer-Wohnung in der Münch- vorgesehenen braunen Papier festgehaltene Telefon-
ner Prinzregentenstrasse 12 druckst Blomberg noch ein gespräch trägt den Vermerk «Geheim» und die Zeit-
wenig herum, ehe er seinem Obersten Befehlshaber angabe: 21. 1. 38, 9.20 Uhr bis 9.30 Uhr. Der Empfän-
sagt, welche Sorge ihn drückt. ger des von Görings «Forschungsamt» abgehörten Te-
Der sechzigjährige Witwer, Vater von drei erwachsenen lefongespräches ist das Reichskriegsministerium. Ge-
Kindern, möchte wieder heiraten. Hitler versteht nicht naueres geht aus dem «Braunen Blatt» selbst hervor:
ganz – na und? Warum gibt es da einen Grund zur
Sorge? «Anrufer: öffentliche Dönhoffplatz
Nun kommt Blomberg mit der Sprache heraus. Seine Durch: Unbekannt
Braut sei wesentlich jünger als er, und sie komme aus Empfänger: RKM, Gen.Obst. v. Fritsch
sehr kleinen Verhältnissen. Der Marschall befürchtet, abgenomm.: Adju Hptm. ...
dass das Offizierskorps der Wehrmacht diese Heirat
ablehnen wird. Für die Heirat eines Offiziers gibt es A.: Ich kann Sie nicht verbinden, mein Herr. Darf ich
seit altersher ziemlich strenge Vorschriften, für einen fragen, wer spricht?
Marschall und Kriegsminister gelten diese geschriebe- U.: Das ist im Moment nebensächlich. Ich habe dem
nen und noch mehr die ungeschriebenen Gesetze erst Herrn Generalobersten eine wichtige Mitteilung zu ma-
recht. Blomberg muss die Heiratserlaubnis direkt vom chen!
Staatsoberhaupt einholen. Hitler zerstreut die Beden- A.: Ich kann Sie aber nicht ohne Weiteres verbinden!
ken Blombergs und erklärt sich selbst dazu bereit, Wollen Sie mir bitte nicht sagen, um was es sich han-
Trauzeuge seines Kriegsministers zu werden. delt?
Am 12. Januar 1938 findet die Hochzeit des Reichs- U.: Machen Sie keine Geschichten und verbinden Sie
kriegsministers Werner Freiherr von Blomberg mit mich! Hier spricht Generalleutnant Niemann!
Fräulein Erna Gruhn vor einem Berliner Standesamt A.: Der Herr Generaloberst lehnt ab, das Gespräch

136
v. Blomberg geht

entgegenzunehmen, wenn Sie mir nicht Ihren richtigen Reiches» schon überschattet worden von einem herauf-
Namen nennen und sagen, worum es sich handelt! ziehenden neuen Skandal, der noch weit schlimmere
U.: Dann sagen Sie dem Herrn Generaloberst, dass Ausmasse annehmen kann. Generaloberst Freiherr von
die Frau, die der Herr Feldmarschall von Blomberg Fritsch ist homosexueller Verfehlungen besonders übler
geheiratet hat, eine ganz gewöhnliche Hure ist, die ihr Art beschuldigt worden. Blomberg weiss davon, und
Geld auf der Strasse verdiente!» nun benimmt er sich gegenüber dem Generalobersten
Göring ist überrascht, als er den Text des heimlich von von Fritsch ziemlich unkameradschaftlich.
seiner Dienststelle abgehörten und auf Schallplatten Auf Hitlers Frage nach seinem Nachfolger erklärt
für alle Zeit festgehaltenen Gespräches liest. Ob er da- Blomberg glatt, Fritsch – der in seiner Eigenschaft
bei an das alte deutsche Sprichwort denkt: «Der Lau- als Heeresbefehlshaber der naturgegebene Nachfolger
scher an der Wand hört seine eig’ne Schänd’!» Er selbst, wäre – käme jedenfalls nicht in Frage. Er sagt zu Hit-
und vor allem der Führer! als Trauzeugen bei der Hoch- ler, dass er sich sehr gut vorstellen könne, dass Fritsch
zeit einer Hure! Das ist ja gar nicht auszudenken – wenn sexuell anormal veranlagt sei. Fritsch ist doch stets ein
es stimmt. Sonderling gewesen, und mit Frauen hat er noch nie
Noch hat Göring Zweifel. Sein «Forschungsamt» hat etwas zu tun gehabt, er ist ja auch nicht verheiratet.
schon so manches Telefongespräch registriert, bei des- Was da über Fritsch behauptet wird, das wird schon
sen Überprüfung sich später herausstellte, dass die Ge- stimmen. Fritsch kommt als Nochfolger keinesfalls in
sprächspartner sich gegenseitig mit irgendwelchem vor- Betracht. Aber wie wäre es denn mit Göring? Der ist
geblichen Wissen nur wichtig machen wollten. Viel- ja nach Fritsch der ranghöchste Offizier und ausserdem
leicht ist es diesmal auch so. bereits seit 1933 Reichsminister?
Görings Hoffnung wird jedoch nicht bestätigt. Das Hitler wehrt ab.
«Dritte Reich» hat seinen «Profumo-Skandal» wie «Göring? Der kommt nicht in Frage. Der ist viel zu faul!
später Grossbritannien. Doch anders als in den Fällen Und viel zu eitel!»
Christine Keeler oder Gerda Münsinger erfährt im Und da nun macht der von seinen empörten Offiziers-
diktatorisch regierten Dritten Reich die Öffentlichkeit kameraden gestürzte Kriegsminister den Vorschlag, der
nichts über den Fall Blomberg-Gruhn. Hitlers Macht noch weiter festigt.
Das Offizierskorps jedenfalls hat den Rücktritt Blom- «Warum wollen Sie denn das Kriegsministerium nicht
bergs gefordert. Generaloberst Freiherr von Fritsch hat selbst übernehmen, mein Führer? Um die nationalsozi-
als Oberbefehlshaber des deutschen Heeres diese For- alistische Bewegung und die Wehrmacht weiter mit-
derung bei Hitler erhoben. Dass der ranghöchste Offi- einander zu verschmelzen, wäre das doch die beste Lö-
zier des deutschen Heeres ein einfaches Mädchen ge- sung!»
heiratet hat, ist schon ein aussergewöhnlicher Vorgang Und so geschieht es. Hitler macht sich den Vorschlag
gewesen. Jetzt aber, nach der Entlarvung des «Mäd- Blombergs zu eigen und benützt die einmalig günstige
chens aus dem Volke» als einer gewöhnlichen Prosti- Gelegenheit für seine Zwecke. Jetzt kommen ihm die
tuierten, muss Hitler wohl oder übel der Ablösung sei- Vorwürfe gegen Fritsch gerade recht. Wenn auch
nes Kriegsministers zustimmen, wenn er keine Revolte Fritsch als Oberbefehlshaber des Heeres gehen muss,
unter den Generalen auslösen will. dann kann er sich wirklich zum alleinigen Herrn über
Das geschieht, und wenig später meldet sich der Ge- die Wehrmacht aufschwingen.
neralfeldmarschall, dessen Rücktritt Hitler kaum gele- Dass ihm die Ausschaltung des Generalobersten von
gen kommt, weil er einen so willfährigen Kriegsminis- Fritsch gelingt, verdankt er einerseits den hinterhälti-
ter bestimmt nicht wiederfinden wird, bei seinem Ober- gen Machenschaften von Heydrich und Himmler, an
befehlshaber zum Abschiedsbesuch. denen er sich beteiligt, und andererseits der Arglosig-
Das Abschiedsgespräch Blombergs mit Hitler gewinnt keit der Wehrmacht und der Hilflosigkeit Fritschs, der
historische Bedeutung. Die Prostituierte Erna Gruhn, den wahren Charakter von Hitler noch immer nicht
die einen deutschen Feldmarschall becircen konnte, erkennen will und als aufrechter Soldat den Methoden
macht Weltgeschichte, auch wenn sie das niemals vor- der Gestapo einfach nicht gewachsen ist.
gehabt hat. Der ihretwegen erfolgende Abschieds- Bereits im Jahre 1936 haben Heydrich und Himmler
besuch des Marschalls Blomberg bei seinem Führer und eine Akte fertiggestellt, die beweisen soll, dass ein
Reichskanzler hat zum Ergebnis, dass Hitler selbst dem kleiner Verbrecher namens Schmidt den Freiherrn von
gewesenen Kriegsminister die Frage stellt: «Was nun? Fritsch wegen homosexueller Verfehlungen erpresst
Wer soll Ihr Nachfolger werden, Herr Generalfeld- habe. Damals aber schien es Hitler noch nicht opportun,
marschall?» diese Beschuldigungen aufzugreifen. Er wollte keine
Inzwischen ist der «Profumo-Skandal» des «Dritten Spannungen zur Reichswehr und befahl sogar, die

137
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Akte zu vernichten. Heydrich aber führte diesen Be- Hossbach dem Oberbefehlshaber des Heeres über den
fehl erst aus, nachdem Fotokopien von jedem Schrift- viel bedeutsameren Fall Fritsch. Der Generaloberst wird
stück angefertigt worden waren. Aus diesen Foto- bei Hossbachs Meldung blass. Er sieht den Obersten zu-
kopien ist nun die Akte Fritsch wieder neu erstanden nächst nur sprachlos an. Dann sagt er aufgeregt: «Das
und für Hitler ein brauchbares Mittel, um sich noch ist erstunken und erlogen!»
mehr Einfluss über die Wehrmacht zu verschaffen. Hossbach jedenfalls fühlt sich erleichtert. Fritsch weiss
Damit diese Akte jedoch angewendet werden kann, jetzt Bescheid, und er muss wissen, was er jetzt zu tun
muss deren Inhalt auch der Wahrheit entsprechen, und hat.
darüber streiten sich jetzt Göring, Hitler und sein Wehr- Am nächsten Tag erstattet Hossbach seinem Obersten
machtsadjutant Oberst Hossbach. Befehlshaber Hitler Meldung, dass er den Befehl nicht
Oberst Hossbach verteidigt den Generalobersten von befolgt habe.
Fritsch, während Göring ihn angreift. Hitler selbst «Ich habe Herrn Generaloberst v. Fritsch informiert.
beteiligt sich kaum an dieser Diskussion. Schliesslich Der Herr Generaloberst hat die Vorwürfe wörtlich als
lässt Göring mit Zustimmung Hitlers den Erpresser ,erstunken und erlogen’ bezeichnet.»
Schmidt in die Reichskanzlei holen. In einem Neben- Zwischen Hossbach und Hitler kommt es zur Diskus-
raum «verhört» ihn Göring. sion, die immer heftiger wird. Hitler zeigt sich empört
Triumphierend kehrt er in Hitlers Arbeitszimmer zu- über die dekadente Generalität, über den offensichtlich
rück. Na bitte, er hat recht gehabt. Dieser Schmidt habe zunehmenden Sittenverfall in der Wehrmachtsführung.
ihm eindeutig erklärt, der von ihm Erpresste sei ein- Hossbach protestiert aufgebracht gegen diese unzulässi-
wandfrei der jetzige Generaloberst Freiherr von Fritsch gen Verallgemeinerungen.
gewesen. Er erkenne ihn auch nach den ihm vorgelegten Schliesslich erscheint der Reichskriegsminister Gene-
Fotos wieder. ralfeldmarschall von Blomberg zu dem bereits geschil-
Oberst Hossbach ist empört und vergisst alle militäri- derten Abschiedsbesuch. Nun erst entscheidet sich Hit-
sche Disziplin. Er schlägt sogar erregt auf Hitlers ler gegen Fritsch. Einmal deshalb, weil selbst Blomberg
Schreibtisch. Der Herr Generaloberst Göring glaube die Anschuldigungen gegen den Oberbefehlshaber des
also von vornherein einem mehrfach vorbestraften Heeres für berechtigt hält, und zum anderen, weil er
Subjekt wie diesem Schmidt mehr als einem der höch- jetzt nicht mehr Fritsch zum Kriegsminister ernennen,
sten deutschen Offiziere? Und ohne den Oberbefehls- sondern dieses Amt gleich selbst übernehmen möchte.
haber des Heeres überhaupt erst einmal zu den gegen Was tut Generaloberst Fritsch in dieser Zeit? Bespricht
ihn erhobenen ungeheuerlichen Vorwürfen zu befra- er sich mit seinen Kollegen Dr. h. c. Raeder, dem Ober-
gen? Göring, der sich schon als Nachfolger Blombergs befehlshaber der Kriegsmarine, mit Göring, dem Ober-
sieht und natürlich an der Ausschaltung seines natürli- befehlshaber der Luftwaffe? Mit dem ihm vertrauten
chen Rivalen Fritsch interessiert ist, bleibt von diesen Generalstabschef Beck, mit dem Chef der Rechts-
Argumenten unberührt. abteilung der Wehrmacht? Nein. Wendet er sich viel-
Hitler selbst kann sich noch nicht entscheiden. Schliess- leicht an Admiral Canaris, den Chef der «Abwehr», des
lich befiehlt er den Anwesenden, über das hier Dis- Nachrichtendienstes der Wehrmacht, um ihn zu beauf-
kutierte strengstes Stillschweigen zu bewahren. Vor tragen, die Quelle jener ungeheuerlichen Verleum-
allem auch gegenüber Fritsch selbst, der sich, wenn er dung festzustellen? Auch das tut er nicht.
schuldig ist, sonst schon auf Ausreden und Verteidi- Als Fritsch in der Reichskanzlei erscheint, fängt ihn
gungsgründe vorbereiten könne. Oberst Hossbach ab, um ihm schnell noch etwas ganz
Oberst Hossbach nimmt Haltung an. Ungeheuerliches mitzuteilen: Der Erpresser Schmidt
«Ich werde diesen Befehl nicht befolgen, mein Führer! ist hier, der Generaloberst soll ihm gegenübergestellt
Wenn es kein anderer tut, dann werde ich Herrn Ge- werden! So etwas ist ohne Zweifel in der Geschichte
neraloberst v. Fritsch von den Vorwürfen unterrichten, Deutschlands, nein, aller zivilisierten Staaten noch
die gegen ihn erhoben werden!» nicht dagewesen, dass im Amtssitz des Staatsoberhaup-
Und noch am gleichen Abend, es ist Dienstag, der tes ein vielfach vorbestrafter Zuchthäusler den Armee-
25. Januar 1938, begibt sich Hossbach zu Fritsch. Der befehlshaber als Kriminellen entlarven soll.
hat Hitlers Wehrmachtsadjutanten schon erwartet. Hossbach ist froh, dass er den Generalobersten noch
Schliesslich will er neues über den Skandal Blomberg abfangen konnte. Der wird jetzt empört protestieren,
erfahren und darüber, wie Hitler die Forderung des kehrtmachen und sich mit seinen Generalen zu einer
Offizierskorps aufgenommen habe, Blomberg sofort zu gemeinsamen Aktion gegen diese unvorstellbare Be-
entlassen. leidigung der Wehrmacht zusammenfinden.
Doch statt über den Fall Blomberg berichtet Oberst Aber Hossbach wird enttäuscht. Fritsch protestiert

138
Fall Fritsch

nicht einmal, ganz davon zu schweigen, dass er empört Wehrmacht könnte durch die allgemeine Wehrpflicht zu
kehrtmacht und etwas unternimmt. Er begibt sich wie schnell aufgebaut werden. Wird der alte, kaiserliche Of-
befohlen in seines Führers Arbeitszimmer. Er weiss, fizierskader in der Lage sein, die Erziehung der vielen
dass er unschuldig ist. Also, was kann ihm da schon Hunderttausende Wehrpflichtigen im alten Gedanken-
passieren? gut durchzuführen?
Hitler hält seinem Heeresbefehlshaber vor, was da in Auch vor der Wiederbesetzung des Rheinlandes durch
Heydrichs Akten steht. deutsche Truppen im März 1936 hat Beck gewarnt.
Fritsch gibt Hitler sein Ehrenwort, nichts mit dieser Das bedeute Krieg, die Franzosen würden in Deutsch-
Geschichte zu tun zu haben, das alles müsse ein schreck- land einmarschieren. Beck hat zum zweiten Male un-
licher Irrtum sein. Doch Hitler tut etwas Ungeheuer- recht behalten – aber sein Freund und Vorgesetzter
liches. Er lehnt das Ehrenwort ab und gibt ein Zeichen. Fritsch gibt ihm dennoch recht, er ist in den wesent-
Eine Tür öffnet sich, herein tritt «Spezialist» Schmidt. lichen Fragen gleicher Ansicht. Auch deshalb also ist
Er steht noch halb in der Tür, da zeigt er schon auf den Beck dafür, dass Blomberg geht, aber Fritsch bleibt.
Generalobersten: Nach Generalstabschef Beck wird der Reichsjustizmini-
«Da – das ist er ja!» ster in die Reichskanzlei zitiert. Gürtner soll ein juristi-
Der Oberbefehlshaber des in aller Welt gefürchteten sches Gutachten erstellen, und Hitler übergibt ihm die
deutschen Heeres steht vor dem ehemaligen Gefreiten Akte Fritsch mit den vielsagenden Worten: «Sie werden
Hitler und kann ein Zittern nicht verbergen. «Der . . . schon wissen, an welchem Tauende Sie zu ziehen ha-
der Herr hier muss sich irren», sagt Fritsch noch sicht- ben.»
lich konsterniert. Gürtner ist eines der vielen Mitglieder von Hitlers
Hitler glaubt ihm nicht. Er fordert Fritsch auf, sofort Regierung, die der frischgebackene Reichskanzler 1933
seinen Abschied einzureichen. Fritsch aber hat sich noch aus der Republik in sein Kabinett aufgenommen
inzwischen etwas gefangen und protestiert. Jetzt ist er hat. Schon unter den Reichskanzlern von Papen und
es, der eine gerichtliche Untersuchung verlangt, um ein- von Schleicher, Hitlers beiden Vorgängern, ist Gürtner
wandfrei rehabilitiert zu werden. Justizminister gewesen.
Schliesslich erklärt Hitler, dass er sich eine endgültige Auch er hört jetzt zum ersten Male etwas vom «Fall
Entscheidung vorbehalte, auf jeden Fall sei der General- Fritsch». Dass Hitler ein juristisches Gutachten von
oberst erst einmal beurlaubt. ihm verlangt, erstaunt ihn etwas. Die Sache ist doch
Nach der Entlassung der Anwesenden befiehlt Hitler ganz klar. Die Anschuldigungen gegen den Ober-
den Generalstabschef, General Ludwig Beck, zu sich. befehlshaber des Heeres müssen vor dem Reichskriegs-
Beck erfährt zum ersten Male, was seinem Freund und gericht geklärt werden, schliesslich gibt es ganz ein-
Oberbefehlshaber vorgeworfen wird, und protestiert da- deutige Gesetze, auch für Verfahren gegen höchste
gegen. Offiziere. Wozu also ein Gutachten? Sollte bei der Ge-
Beck hat ausser seiner Freundschaft zu seinem Vor- schichte etwas nicht stimmen?
gesetzten Fritsch noch andere Gründe, gegen Blomberg Dr. Gürtner beschliesst, um keinesfalls etwas falsch zu
und für Fritsch Stellung zu nehmen. Denn Beck ist machen, erst einmal auf eigene Faust zu recherchieren.
zwar noch kein entschiedener Gegner Hitlers, ge- Er tut das mit Unterstützung seines persönlichen Re-
schweige denn ein Widerstandskämpfer, aber er ist ferenten, des Reichsgerichtsrates Dr. von Dohnanyi.
eben ganz allmählich auf dem Wege, beides zu werden. Und da hat sich mit Beck schon der zweite der späteren
Blomberg muss weg, weil er ein «Gummilöwe» ist, der Verschwörer gegen Hitler in den «Fall Fritsch» ein-
den starken Mann, den kriegerischen Marschall mar- geschaltet: Dohnanyi ist schon längst Hitlergegner.
kiert, aber seit langem nur noch kuscht, wenn Hitler Seine Ermittlungen werden bald zeigen, dass es sich
etwas befiehlt. Und was Hitler befiehlt, meint Beck beim «Fall Fritsch» tatsächlich um einen üblen Krimi-
seit zwei Jahren, ist gefährlich. nalfall handelt, bei dem ausgerechnet die Polizei die
Beck hat schon 1935 vor der Wiedereinführung der Hauptschurken stellt.
allgemeinen Wehrpflicht gewarnt. Er hat Repressalien Allmählich finden sich Leute auf der Basis ihrer, wenn
des Auslandes befürchtet. Denn die deutsche Wehr- noch nicht Feindschaft, so doch Abneigung gegen Hitler
macht ist seit 1918 viel zu schwach, um sich gegen ei- zusammen, um Fritsch zu helfen. Generaloberst Fritsch
nen Feind ernsthaft zur Wehr zu setzen – trotz aller ge- hat ausser den im Hintergrund lauernden Drahtziehern
genteiligen Behauptungen von der militärischen Über- jedoch noch immer einen Hauptfeind, das ist der Ge-
macht Deutschlands, die im Ausland so häufig verbrei- neraloberst Fritsch, er selber. Noch immer will er nicht
tet worden sind. Beck als Generalstabschef muss es sehen, dass Hitler kein Ehrenmann ist, dem man ver-
schliesslich wissen. Ausserdem hat er befürchtet, die trauen könne. Selbst die Ablehnung seines Ehrenworts

139
Widerstand in Deutschland 1934-1939

lässt ihn noch immer an die Worte des Führers glauben: der Zentralabteilung der «Abwehr» der nach Admiral
«Ich bin dem Führer hierfür [die Vertrauenskund- Canaris wichtigste Mann des deutschen militärischen
gebung Hitlers für die Armee und ihren Oberbefehls- Nachrichtendienstes, Generalstabschef Bede und ande-
haber vom 3. Januar 1935] aus tiefstem Herzen dank- re. Hitlers abgesetzter Preiskommissar und ehemaliger
bar. Ich bin dem Führer überhaupt von ganzem Fler- Oberbürgermeister von Leipzig, Dr. Carl Goerdeler,
zen dankbar für das grosse Vertrauen, das er mir stets hält die Fäden der sich anspinnenden Verschwörung –
– bis auf diesen Fall – entgegengebracht hat. Ich bin wenn die Vermutungen über die Rolle der Gestapo
ihm um so dankbarer, als ich weiss, auch aus seinem stimmen, spricht man wohl besser von einer Gegen-
Munde weiss, dass von der Partei aus ständig gegen verschwörung – in der Hand und knüpft emsig an
mich gehetzt wird.» neuen Fäden. Goerdeler versucht durch Vermittlung
Partei und Hitler sind für Fritsch noch immer zweierlei. von General Beck an Fritsch selbst heranzukommen,
Er kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das Staats- um ihn vor weiteren unbesonnenen Handlungen abzu-
oberhaupt, dem er loyal dienen möchte, mit den hinter- halten, die nur als Schuldgeständnis ausgelegt werden
hältigen Machenschaften der Partei etwas zu tun haben können. Und er will ihm mitteilen, dass es einfluss-
könne. reiche Leute gibt, die ihm helfen wollen, sich gegen die
Hitler befiehlt ihm, zur Gestapo in das schon berüch- Gestapo-Verschwörung zur Wehr zu setzen. Aber Ge-
tigte Gebäude in der Prinz-Albrecht-Strasse (direkt an neraloberst von Fritsch stellt sich denen, die ihm helfen
der heutigen Sektorengrenze, wenige Meter südlich von wollen, nicht zur Verfügung.
Ulbrichts Mauer) zu fahren. Die Anschuldigungen ge- Artur Nebe, Chef der deutschen Kriminalpolizei und
gen Fritsch kommen von der Gestapo, soll sich Fritsch «Alter Kämpfer» der NSDAP, gehört zum Führungs-
also darum bemühen, dort an Ort und Stelle Klarheit kreis der SS um Himmler und Heydrich. Seine hohe
zu schaffen – wenn das möglich ist. Dienststellung verschafft ihm Einblick in manche Ak-
ten, die allen anderen Verschwörern verschlossen sind.
Fritsch in seiner politischen Arglosigkeit kommt auch Bald hat er einen ganz bestimmten Verdacht: Die Ge-
diesem Befehl nach, ohne dagegen zu protestieren. Hier schichte des Erpressers Schmidt stimmt in allen Einzel-
wird der Oberbefehlshaber des deutschen Heeres von heiten, bis auf eine: Der Erpresste heisst nicht von
einem Gestapo-Beamten verhört, von Dr. Best, dem spä- Fritsch, sondern von Frisch. Zu klären ist nur, ob die Ge-
teren Gestapo-Chef von Dänemark. Dr. Best ist von stapo das von vornherein gewusst hat, ob man später
Fritschs Schuld nach seiner Akteneinsicht überzeugt trotz Erkennens der Namensverwechslung aus berech-
und verhört den Generalobersten, der nicht die ge- nender Absicht die Version «Generaloberst Fritsch»
ringste Ursache hat, überhaupt vor der Gestapo aus- beibehalten
zusagen, wie einen überführten Verbrecher. General- hat – oder ob die Gestapo-Leute vielleicht selbst noch
oberst von Fritsch verhält sich immer noch hilflos und an die Schuld des Generalobersten glauben und von
lässt sich fast alles gefallen. Würde Fritsch sich energi- einer Namensverwechslung nichts bemerkt haben.
scher zur Wehr setzen, das Dritte Reich und Hitlers Im Auftrag ihres obersten Chefs beginnen nun Krimi-
Stellung könnten in ihren Grundfesten erschüttert wer- nalbeamte unabhängig von der Gestapo mit Ermitt-
den. Aber Fritsch begreift immer noch nicht, um was es lungsarbeiten. Nebe informiert den Reichsgerichtsrat
geht. von Dohnanyi über seinen Verdacht einer Namens-
Andere sind jedoch allmählich hellhörig geworden. Die verwechslung, und auch Dohnanyi beginnt nun zu
ganze Angelegenheit ist von der Gestapo ins Rollen ge- recherchieren.
bracht worden, nicht von der für solche Delikte zustän- Am Donnerstag, dem 3. Februar 1938, findet in Hitlers
digen Kriminalpolizei. Die Gestapo behandelt den «Fall Arbeitszimmer in der Berliner Reichskanzlei eine stür-
Fritsch» weiter – nicht etwa die zuständigen Untersu- mische Besprechung statt. Anwesend sind die führenden
chungsorgane des Reichskriegsgerichts. Und die Ge- Offiziere der drei Wehrmachtsteile – und dazu der
stapo – das sind Himmler und Heydrich, das ist die SS. Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Die Generale und
Sollte hier eine bewusste Provokation im Gange sein, Admirale verlangen von Hitler, dass der «Fall Fritsch»
eine heimtückisch getarnte Offensive Himmlers gegen der Wehrmacht bekanntgegeben wird und dass sofort
die Wehrmachtsführung? ein Kriegsgericht stattfinden soll, vor dem sich Fritsch
Einige der Misstrauischen finden sich zusammen, dar- zu verantworten hat. Die haltlosen Gerüchte, die bei
unter Hitlers Reichsbankpräsident und Wirtschafts- weiterem Schweigen über die Affäre immer mehr zu-
minister Dr. Schacht, der Berliner Polizeipräsident Graf nehmen, müssen durch eine offene Klärung der An-
Helldorf, der Chef des Reichskriminalamtes Nebe, gelegenheit zum Verstummen gebracht werden. Die
Reichsgerichtsrat Dr. Dohnanyi, der persönliche Re- schon jetzt geschaffene Unruhe schade dem Reich und
ferent des Reichsjustizministers, Oberst Oster, als Leiter seiner Wehrmacht.

140
Hitler wird Oberbefehlshaber

Himmler und auch Göring widersprechen entschieden. «Geheimen Kabinettsrates» ernannt worden sei. Neuer
Der Fall sei ja bereits einwandfrei geklärt. Wozu also Reichsaussenminister ist der bisherige Botschafter in
noch eine Gerichtsverhandlung? Wenn Generaloberst London, Joachim von Ribbentrop. In den Ruhestand
Freiherr von Fritsch zurücktrete, sei alles in Ordnung versetzt worden sind die deutschen Botschafter in To-
und auch Gerüchte gäbe es dann nicht mehr, weil sie ge- kio, von Dirksen, und in Rom, Ulrich von Hassell.
genstandslos würden. Dann erst folgt der wichtigere Teil der Sondermeldung,
Hitler trifft keine Entscheidung, jedenfalls gibt er zum wenn auch nur wenige Eingeweihte wissen, dass dies
Schluss der Besprechung den Anwesenden keine be- hier das Entscheidende ist:
kannt. Spätestens im Lauf des nächsten Tages aber hat Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von Blom-
Hitler entschlossen. Die Wehrmachtsführung, das berg und der Oberbefehlshaber des Heeres, General-
deutsche Volk und die Welt erfahren von dieser Ent- oberst von Fritsch, haben den Führer und Reichskanz-
scheidung in den Abendstunden des 4. Februar durch ler aus Gesundheitsgründen um die Entbindung von
den Rundfunk. ihren Ämtern gebeten. Der Führer hat ihrem Ersuchen
In einer Sondermeldung, psychologisch vorbereitet stattgegeben.
durch Marschmusik, wird zunächst bekanntgegeben,
dass der Reichsaussenminister, Constantin Freiherr von Zum Nachfolger Fritschs als Oberbefehlshaber des Hee-
Neurath, zurückgetreten sei und vom Führer in An- res hat der Führer den Befehlshaber des ostpreussischen
erkennung seiner Verdienste zum Präsidenten des Wehrbezirks, General Walter von Brauchitsch, ernannt.

Stärkste Konzentration aller Kräfte in der Hand des Obersten Führers – Wehramt wird Oberkommando der Wehr-
macht – Geheimer Kabinettsrat gebildet – Botschafter von Ribbentrop wird Reichsaussenminister – Blomberg und
Fritsch aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden. Hinter diesen Schlagzeilen des «Völkischen Beobachters», die auch
denjenigen in den anderen zentral ausgerichteten Publikationsorganen ähnlich waren, konnte niemand die üblen Intrigen
und Verleumdungen ahnen, mit denen die nationalsozialistischen Machthaber konservative Widerstandskräfte in Heer
und Beamtenschaft ausgeschaltet haben.

141
Widerstand in Deutschland 1934-
1939
Einen Nachfolger für Blomberg gibt es nicht. Das Gedanken. Noch vertrauen sie Hitler, und die im Hinter-
Kriegsministerium wird aufgelöst, dafür wird unter grund lauernden Himmler und Heydrich sehen sie
dem Befehl des Generals Wilhelm Keitel ein «Ober- nicht.
kommando der Wehrmacht» gebildet, das direkt dem Immerhin wird Hitler nun dazu gezwungen, ein
Führer allein untersteht. Kriegsgerichtsverfahren gegen Fritsch einzuleiten, und
Der Reichsluftfahrtminister und Oberbefehlshaber der damit gerät der Fall, wenigstens offiziell, aus den
Luftwaffe, Generaloberst Göring, wird zum General- Händen der Gestapo. Nun ist es nicht mehr nötig, dass
feldmarschall befördert. Eine Anzahl kommandieren- Kriminalchef Nebe seine Beamten heimlich Ermitt-
der Generale wird in den Ruhestand versetzt, andere lungen anstellen lässt. Nun kann der Untersuchungs-
werden befördert. richter des Kriegsgerichtes offiziell eingreifen und die
Auch in anderen Bereichen gibt es Veränderungen. Der Amtshilfe der Kriminalpolizei und anderer Dienst-
Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht wird durch Dr. stellen in Anspruch nehmen. In diesem Augenblick
Walter Funk ersetzt, bleibt aber Präsident der Reichs- macht Heydrich einen Fehler. In seinem Bemühen, un-
bank. Weitere kleinere Veränderungen werden verkün- bedingt noch Belastungsmaterial gegen Fritsch zusam-
det, die aber kaum noch jemanden unter den Rundfunk- menzubringen, lässt er in der Kaserne von Fürsten-
hörern interessieren. walde durch Gestapo-Beamte einen Feldwebel fest-
Unter dem Wust von Einzelheiten geht fast unter, was nehmen, der früher Bursche bei dem jetzigen General-
da wirklich geschehen ist: Hitler hat sich auf kaltem obersten von Fritsch gewesen ist.
Wege die Wehrmacht direkt unterstellt, sich die allei- Der wachhabende Offizier hat gegen das rechtswid-
nige Befehlsgewalt angeeignet. rige Eindringen der Gestapobeamten in den Bereich
Am Samstag, dem 5. Februar 1938, erscheinen die Zei- der Wehrmacht protestiert, aber die Beamten haben
tungen unter der Schlagzeile: sich auf einen «Befehl des Führers» berufen. Nun wird
«Konzentration in der Führung des Reiches!» der Feldwebel von der Gestapo nach früheren homo-
Zur gleichen Zeit tritt die Reichsregierung zusammen sexuellen Verfehlungen seines ehemaligen Chefs von
– es wird bis zum April 1945 das letzte Mal sein. Fritsch verhört.
Hitler gibt die bereits am Vorabend im Rundfunk ge- Das nun erschreckt selbst Leute in der Wehrmachts-
meldeten Umbesetzungen bekannt und erläutert sie führung, die Fritsch für schuldig halten und nicht an
als notwendige Straffung des Staatsapparates. eine gezielte Aktion der Gestapo glauben wollen. Heyd-
Anschliessend treten die Kommandierenden Generale rich ist zu weit vorgeprellt. Wenn die Gestapo sich schon
zum Befehlsempfang an, manche von ihnen erst ge- so offen in den Befehlsbereich der Wehrmacht
stern zu ihrer neuen Dienststellung ernannt. Ihnen einmischt, dann ist wirklich Gefahr im Verzüge. Das
schildert Hitler die «Fälle» Blomberg und Fritsch. Für meint nun auch der neue Oberbefehlshaber des Heeres,
eine Anzahl dieser Generale ist das alles neu. Sie sind General von Brauchitsch. Aber er will noch nichts
nach Hitlers Darlegungen erschüttert, für sie gibt es unternehmen, er meint, Himmler und Heydrich sollten
kaum einen Grund, an den Ausführungen des Staats- sich noch weiter blossstellen, dann könne man kräftiger
oberhauptes und Obersten Befehlshabers zu zweifeln. zuschlagen.
Immerhin notiert Oberst Jodl – später Chef des Himmler selbst versucht es mit einem neuen Trick.
Wehrmachtsführungsamtes, jetzt noch Abteilungsleiter Fritsch soll noch einmal vernommen werden, aber nicht
unter General Keitel – in seinem Tagebuch die Mei- in eigener Sache, sondern als Belastungszeuge gegen
nung, die der gewesene Reichswirtschaftsminister Dr. den Erpresser Schmidt. Hier könne Fritsch dem Schmidt
Schacht vom Fall Fritsch hat und die Jodl auf Um- seine Schwindelei nachweisen und so zum Beweis sei-
wegen zu Ohren gekommen ist: ner eigenen Unschuld beitragen.
«[Schacht] habe den Eindruck, als ob von Seiten der Und wieder geht der ehemalige Oberbefehlshaber des
SS alle Mittel angewandt würden, um die Wehrmacht Heeres darauf ein. Er ist wieder bereit, sich von der
zu verdächtigen und sie jetzt im Zustand ihrer Gestapo verhören zu lassen. Doch diesmal hat er die
Schwäche an die Wand zu drücken. Er [Schacht] sehe Rechnung ohne seine mittlerweile aufgeschreckten
auch in den Anschuldigungen gegen den Ob. d. H. sol- Generalskameraden gemacht. Admiral Canaris und
che Methoden ...» General Beck veranlassen den neuen Oberbefehlshaber
Dass Jodl sich über diese nicht weit von der Wahrheit von Brauchitsch, bei Hitler vorstellig zu werden.
entfernte Auffassung Schachts Gedanken gemacht Brauchitsch erklärt Hitler, dass die Wehrmacht es als
hätte, geht aus seinem Tagebuch nicht hervor. Aber die Affront empfinde, wenn Fritsch, der ja noch immer als
meisten der Generale, zumal die, die eben von Hitler Generaloberst einer der höchsten deutschen Offiziere
befördert worden sind, machen sich keine derartigen ist, zur Gestapo gehe.

142
Erpresser Schmidt

Schliesslich einigt man sich auf einen Kompromiss: Ein – die Haushälterin des Herrn von Frisch. Herr von
Gestapobeamter wird sich mit Fritsch an einem neutra- Frisch sei leider schon länger bettlägerig krank, erklärt
len Ort treffen. Brauchitsch stimmt unklugerweise zu, sie den ungebetenen Besuchern, aber sie gibt bereitwil-
statt das Verhör durch die Gestapo energisch abzu- lig Auskunft über seine Personalien.
lehnen – aber was soll er machen, wenn Fritsch selbst Trotz ihrer Proteste bestehen die beiden Untersuchungs-
nichts dagegen hat? richter nun darauf, wenigstens ganz kurz mit dem
So kommt es zu einem bis dahin unerhörten Ereignis Kranken selbst zu sprechen. Es bedarf wirklich nur
in der Geschichte des Dritten Reiches, zu einem mili- weniger Worte: Der richtige Mann ist gefunden. Der
tärischen Aufmarsch gegen SS und Gestapo. seit langem in Ruhestand lebende alte Rittmeister gibt
Die als Treffpunkt vorgesehene stille Villa am Ufer zu, dass er es ist, der von Schmidt erpresst worden ist.
des Berliner Wannsees wird ganz unauffällig von einer Der Kranke wird sofort vereidigt und beschwört die
«zufällig» in der Nähe übenden Truppeneinheit um- Richtigkeit des schnell angefertigten kurzen Protokolls.
stellt. Die beiden Untersuchungsrichter sind zufrieden – da-
Fritsch wird von einem Beamten der Rechtsabteilung mit ist die Unschuld des Generalobersten von Fritsch
der Wehrmacht begleitet. Oberst Oster von der «Ab- erwiesen. Noch ahnen sie nicht, dass gleich eine noch
wehr» weist diesen Offizier an, in irgendeinem Ge- grössere, geradezu sensationelle Überraschung auf sie
fahrenfall sofort zu schiessen. Hilfe sei dann sofort zur wartet. Die Haushälterin verabschiedet die beiden Her-
Stelle. Tatsächlich ist die Gegend um die Villa zur Zeit ren mit einer unmutigen Bemerkung, die fast das Dritte
des Verhörs von ungewöhnlich vielen jungen, kräftigen Reich ins Wanken bringt.
Spaziergängern belebt. «Ich verstehe gar nicht», sagt die ältere Dame, «was
Fritschs Verhörpartner ist der bayerische Kriminal- nun eigentlich schon wieder los ist!»
beamte und nunmehrige SS-Führer Josef Meisinger, Die beiden Untersuchungsrichter sehen sich verdutzt
derselbe, der später Polizeiattach6 in Tokio sein und an. Wieso, was soll das heissen, «schon wieder»?
die Befehle zur Tötung von Gefangenen auf den Nun, erklärt die Haushälterin, vor ein paar Wochen
Blockadebrechern der Marine geben wird. sind doch erst die Gestapo-Beamten dagewesen, ist
Tatsächlich gelten nur die ersten Fragen an Fritsch denn die Sache nun immer noch nicht zu Ende?
dem Erpresser Schmidt. Bald verhört Meisinger den Vor ein paar Wochen?
Generaloberst nach seiner politischen Einstellung. Ob Ja, sicher. Die Haushälterin weiss sogar noch den ge-
Fritsch denn nicht innerlich gegen den Nationalsozialis- nauen Tag – es war der 15. Januar.
mus eingestellt sei? Die Reichskriegsgerichtsräte trauen fast ihren Ohren
Der begleitende Justizoffizier der Wehrmacht prote- nicht. Wenn die alte Dame sich nicht irrt, dann wäre
stiert sofort. Und Fritsch weigert sich, derartige Fra- das ungeheuerlich. Denn dann weiss auch die Gestapo
gen zu beantworten. Meisinger bleibt nichts anderes schon seit dem 15. Januar spätestens, dass der General-
übrig, als sich telefonisch Weisungen zu holen. Als er oberst unschuldig ist, dass er nur einer Namensver-
aus dem Nebenzimmer zurückkommt, erklärt er überra- wechslung zum Opfer gefallen ist.
schend, keine weiteren Fragen zu haben, und bedankt Aber die Akte mit dem «Fall Fritsch» ist Hitler erst
sich bei dem Herrn Generalobersten für sein Entgegen- nach diesem Datum auf den Tisch gelegt worden, am
kommen. 12. Januar war Hitler noch Trauzeuge bei Blombergs
Vielleicht ist Heydrichs Leuten die Aktivität um die Hochzeit, es gab noch keinen Fall Blomberg, geschwei-
Villa herum aufgefallen? Jedenfalls geschieht das nicht, ge denn einen Fall Fritsch. Es ist erst am 26. Januar ge-
was Oberst Oster und einige andere befürchtet haben wesen, dass Hitler den Erpresser Schmidt in die Reichs-
– dass Fritsch eventuell in der abgelegenen Villa er- kanzlei bringen liess, um ihn dem Generalobersten ge-
schossen und daraus ein Selbstmord mit Schuldgege- gegenüberzustellen. Die Verhöre des Oberbefehlsha-
ständnis fabriziert wird. bers des Heeres durch die Gestapo, die Verhaftung jenes
Inzwischen hat Untersuchungsrichter Dr. Sack vom Feldwebels – das alles längst nachdem die Gestapo
Reichskriegsgericht schon einiges getan. Er hat etliche selbst den Beweis für Fritschs Unschuld in den Hän-
Zeugen vernommen und jede Spur verfolgt. Zusam- den hielt!
men mit einem Kollegen begibt er sich in das Gebäude, Der Bericht der beiden Untersuchungsrichter der Wehr-
in dem der Generaloberst angeblich erpresst worden macht spricht sich in den interessierten Kreisen sofort
ist. Nach einigem Suchen finden sie eine Wohnung, herum. Jetzt muss die Wehrmacht den entscheidenden
deren Türschild folgenden Bewohner ausweist: «Ritt- Schlag gegen Himmler und Heydrich, gegen Gestapo
meister a.D. v. Frisch.» Die beiden Reichsgerichtsräte und SS führen. Nun ist einwandfrei der Beweis er-
läuten und weisen sich aus, als eine ältere Dame öffnet bracht, dass der «Fall Fritsch» nichts anderes als eine

143
Widerstand in Deutschland 1934-1939

bewusst organisierte Verschwörung der Gestapo gegen möchte am liebsten mit dieser ganzen schmutzigen Ge-
die Wehrmachtsführung gewesen ist. schichte nichts mehr zu tun haben, sonst wird er selbst
Der bisher in eigener Sache so zurückhaltende General- noch tiefer da hineingezogen, und sein Bild als gott-
oberst von Fritsch kommt auf die Idee, den «schwarzen gesandter, genialer Führer bekommt Schatten. Jetzt
Lumpen Himmler» zu einem Pistolenduell zu fordern. muss er selbst auf die Durchführung des Kriegsgerichts-
Jedenfalls erzählt Röhms Nachfolger als Stabschef der verfahrens bestehen.
SA, Victor Lutze, das überall begeistert herum, denn Es dauert nur wenige Tage, da kann die gerichtliche
er kann Himmler nicht leiden, seitdem er sich aus der Voruntersuchung abgeschlossen werden. Sie ergibt:
Unterordnung gegenüber der SA befreit hat und mit Der Generaloberst von Fritsch ist mit aller Wahrschein-
seiner schwarzen SS längst wichtiger geworden ist als lichkeit einer Namensverwechslung zum Opfer gefallen
der ausgediente Verein der braunen SA. und ist unschuldig. Der Generaloberst gibt selbst eine
Immer mehr Tatsachen dieser SS-Verschwörung gegen Erklärung dazu ab, in der es heisst: «Eine so schmach-
die Wehrmacht kommen zum Vorschein. Schon im volle Behandlung hat zu keiner Zeit je ein Volk seinem
November 1937 hat die Gestapo den Generalobersten Oberbefehlshaber angedeihen lassen. Ich gebe das hier-
bei seiner Urlaubsreise nach Ägypten durch Agenten mit ausdrücklich zu Protokoll, damit eine spätere Ge-
«beschatten» lassen. Und die Quittung, die Schmidt da- schichtsschreibung weiss, wie im Jahre 1938 der Ober-
mals dem Erpressten über die 1‘500,– Mark ausgestellt befehlshaber des Heeres behandelt worden ist. Eine
hat – Nebe ermittelte das, weil er ja selbst zur Ge- solche Behandlung ist nicht nur unwürdig für mich,
stapo gehört und Himmlers Vertrauen geniesst –, ist sie ist zugleich entehrend für die ganze Armee!»
schon am 15. Januar bei dem Rittmeister von Frisch Diese Erklärung von Fritsch, der sich nun wohl end-
beschlagnahmt worden – ein schriftliches Beweisstück gültig gefunden hat, wirkt alarmierend. Das Wort von
sowohl für Fritschs Unschuld als auch für die Schuld der «Entehrung der Armee» schafft böses Blut unter
der Verschwörer Himmler und Heydrich, wie es über- dem Offizierskorps und verstärkt bei so manchem den
zeugender gar nicht denkbar ist. vagen Entschluss, mit Gewalt gegen Gestapo und SS
Oberst Oster von der Abwehr und einige andere drän- vorzugehen.
gen die Wehrmachtsführung zum sofortigen entschlos- Auch Himmler und Heydrich sind alarmiert. Sie spü-
senen Handeln. Zuverlässige Truppen sollen blitz- ren immer mehr, was sich gegen sie zusammenbraut.
schnell das Gestapo-Gebäude in der Prinz-Albrecht- So meldet sich Himmler noch einmal bei Hitler. Dies-
Strasse besetzen, ebenso das Gebäude der Reichsfüh- mal lässt er die Version von den zwei Fällen Frisch
rung der SS und die SS-Kaserne in Lichterfelde. Himm- und Fritsch gleich fallen. Anscheinend sei dieser Er-
ler und Heydrich müssen verhaftet, Hitler vor vollen- presser Schmidt doch ein Lügner, wenn das Ergebnis
dete Tatsachen gestellt werden! der kriegsgerichtlichen Voruntersuchung stimmt. Sei
Es gibt auch unter den Generalen einige, die für die- aber der Generaloberst nun doch unschuldig, wozu dann
ses Vorgehen sind, um das Ansehen der Wehrmacht um Himmelswillen noch ein bis zu Ende geführtes Ge-
wiederherzustellen, aber der neue Oberbefehlshaber richtsverfahren mit allem Drum und Dran? Es genügt
des Heeres, von Brauchitsch, lehnt das ab, obwohl auch dann doch, wenn der Führer dem Generalobersten
er nun starke Worte über Himmler und seine Gestapo formell mitteile, die Voruntersuchung habe seine Un-
findet. Gerüchte über den Fall Fritsch dringen schliess- schuld bewiesen, er sei hiermit rehabilitiert.
lich bis tief in das Offizierskorps hinein. Es kriselt in Himmler weiss sehr genau, was bei einem exakt ge-
der ganzen Wehrmacht, es kriselt damit im Staat. führten Gerichtsverfahren herauskäme. Das Reichs-
Auch Hitler ist jetzt beunruhigt. Himmler wird zu kriegsgericht könnte gar nicht anders, als eine bewusste
ihm zitiert. Aber der hat sich schon vorbereitet und Verschwörung der Gestapo und der SS-Führung gegen
eine Ausrede parat: Der Fall des Rittmeisters von die Wehrmachtsführung gerichtsnotorisch festzustellen.
Frisch ist ein ganz anderer Fall. Der Fall Fritsch da- So versucht er noch einmal, das ihm und Heydrich dro-
gegen ist noch immer der Fall Fritsch. Bitte – man hende Unheil abzuwenden.
hat den Erpresser Schmidt nochmals verhört, und er Hitler ist nicht abgeneigt, den ganzen Fall so kurzer-
hat ausdrücklich zu Protokoll gegeben, dass es sich um hand endlich abzuschliessen, wie Himmler das vor-
zwei verschiedene Fälle gehandelt habe. Er habe sowohl schlägt. Er bräuchte dann die Gestapo, die er unbedingt
den Rittmeister von Frisch als eben auch den General- benötigt, aus taktischen Gründen nicht zu brüskieren
obersten von Fritsch erpresst. und könnte damit gleichzeitig wieder Ruhe in die
Auf diese Ausrede kann Hitler sich aber nicht einlas- Wehrmacht bringen.
sen. Sie ist zu billig. Für ihn kommt es jetzt darauf an, Die Wehrmachtführung jedoch ist nicht damit einver-
sich ohne Prestigeverlust aus der Affäre zu ziehen. Er standen. In ihrem Namen verlangt Generaloberst von

144
Der Anschluss

Brauchitsch die Durchführung des Gerichtsverfahrens, 1938 wird bekannt, dass am nächsten Tag, dem 10.
und Hitler muss dieser Forderung nachgeben. Noch sind März, das Reichskriegsgericht zur ersten Sitzung im
ihm die Generale wichtiger als sein Reichsführer SS. «Fall Fritsch», der für die Eingeweihten schon längst
zum Fall «Himmler-Heydrich-Gestapo» geworden ist,
So wird das Reichskriegsgericht einberufen. Hitler Zusammentritt. Na endlich! Danach wird man aufräu-
selbst ist als Oberster Befehlshaber gesetzlich in diesem men können mit den SS-Verschwörern und Verleum-
Fall auch der Oberste Gerichtsherr und hat die Zu- dern.
sammensetzung des Gerichts anzuordnen. Richter sind: Stattdessen tritt am 9. März Himmlers unfreiwilliger
der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Generaladmi- Retter, der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg,
ral Dr. h. c. Raeder, der Oberbefehlshaber des Heeres, auf den Plan. Entgegen den Vereinbarungen von Berch-
Generaloberst von Brauchitsch, sowie zwei Senatspräsi- tesgaden, die eine Annäherung der beiden Staaten för-
denten des Reichskriegsgerichtes. Vorsitzender des Ge- dern sollen, fordert er plötzlich eine Volksabstimmung
richts ist nach der Gerichtsordnung der ranghöchste über die Unabhängigkeit Österreichs, die in vier Tagen,
Offizier der Wehrmacht, und das ist der eben zum am 13. März, stattfinden soll. Diesen entscheidenden
Generalfeldmarschall beförderte Oberbefehlshaber der Schritt hat er, wie es für die meisten faschistischen
Luftwaffe, Göring. Diktatoren üblich ist, nicht einmal mit seinen Regie-
So scheinen Himmler und seine Gestapo nicht mehr zu rungsmitgliedern vorher beraten oder ihn ihnen wenig-
retten. Verschiedene Generale haben sich bereits fest stens mitgeteilt. Selbst der Bundespräsident Miklas
verabredet, nach dem Gerichtsurteil von Hitler die erfährt erst durch den Rundfunk von der durch Schusch-
Verhaftung Himmlers, Heydrichs und anderer SS- nigg verkündeten überraschenden Wendung in Öster-
Grössen zu verlangen und notfalls mit Waffengewalt reichs Politik.
durchzusetzen. Generaloberst von Brauchitsch ver- Diese «Abstimmung» kann natürlich äusserst stark
sichert den Unzufriedenen, dass er sich selbst an die manipuliert werden, denn die letzten Wahlen in
Spitze dieser Forderungen stelle. Aber wie gesagt – Österreich haben 1930 stattgefunden, die Wahllisten
erst das Urteil, das eine einwandfreie, gesetzliche sind längst veraltet, das gewählte Parlament ist schon
Grundlage für ein solches Vorgehen schafft. vor Jahren von 200 Polizisten auseinandergetrieben
Himmler wird dennoch zum Unheil des deutschen Vol- worden, Nationalsozialisten und Sozialdemokraten
kes und der Welt noch einmal gerettet. Durch ein sitzen in Schuschniggs Konzentrationslagern.
aussenpolitisches Ereignis, den Anschluss Österreichs Der einzige, den Schuschnigg von seiner Absicht unter-
an das Deutsche Reich. richtet, ist der italienische Diktator Mussolini. Vor kur-
Überraschend kommt es am 12. Februar 1938 zu einer zem erst hat in England Winston Churchill Österreich
Unterredung zwischen dem österreichischen Bundes- boshaft «Mussolinis Filiale» genannt. Und Mussolini
kanzler Schuschnigg und Hitler auf dem Berghof in rät seinem österreichischen «Filialleiter» dringend von
Berchtesgaden. den vorgesehenen Wahlen ab. «C’e un errore! Das ist
Dieser 12. Februar ist der Tag, an dem der Prozess ge- ein Fehler!»
gen den U-Boots-Kommandanten und Bekenntnis- Am Morgen nach Schuschniggs Innsbrucker Rede be-
pfarrer Niemöller ruht, damit der Verteidiger die ginnt der mit Spannung erwartete Prozess vor dem
Akten studieren kann, es ist der Tag, an dem die Wehr- Reichskriegsgericht. Doch die Hauptverhandlung hat
machtsführung erstmals ernsthafte Front gegen die Ge- kaum begonnen, als Unruhe im Saal entsteht. Ein
stapo macht, als der Generaloberst von Fritsch in jener Adjutant aus der Reichskanzlei erscheint und lässt sich
abgelegenen Wannseevilla von dem Kriminalbeamten während der Verhandlung beim Vorsitzenden melden.
Hubert Meisinger verhört wird, und es ist der Tag, an Kurz darauf wird die Verhandlung auf unbestimmte
dem der österreichische Bundeskanzler sich bereit zeigt, Zeit vertagt. Generalfeldmarschall Göring, General
Hitler in der Österreich-Frage entgegenzukommen, um von Brauchitsch und Generaladmiral Raeder eilen in
einem eventuellen militärischen Eingreifen Deutsch- die Reichskanzlei. Der spätere Generaloberst Jodl hat
lands vorzubeugen. an diesem Tag in seinem Tagebuch die folgende Eintra-
In den kommenden Tagen spitzt sich in Deutschland gung gemacht:
die Lage zu. Kriegsgericht gegen Fritsch oder nicht, «Schuschnigg hat überraschend und ohne Beteiligung
Vorgehen der Wehrmacht gegen Gestapo oder nicht, seiner Minister einen Volksentscheid für Sonntag, 13.3.
Warten auf das mit Sicherheit vorhersehbare Urteil des angeordnet... Führer ist entschlossen, das nicht zu
Reichskriegsgerichts, das die Existenz einer Gestapo- dulden ... General von Reichenau wird aus Kairo
Verschwörung notorisch machen wird, oder sofortiges [von einer Sitzung des Internationalen Olympischen
Zupacken der Wehrmacht mit Gewalt? Am 9. März Komitees] zurückgerufen, Grl. von Schobert bestellt,

145
Widerstand in Deutschland 1934-1939

ebenso Minister Glaise-Horstenau [der österreichische nach dem österreichischen Thronfolger Otto von Habs-
Kriegsminister, der zufällig in Deutschland ist] .. burg. Generalstabschef Beck hat vor einem Jahr den Be-
Hitler hat beschlossen, alles für einen militärischen fehl zur Ausarbeitung dieses Eventualplanes von
Einsatz gegen Österreich vorzubereiten. Die Militärs Kriegsminister Generalfeldmarschall von Blomberg er-
sind entsetzt. Die Wehrmacht müsste, um Schuschniggs halten. Aber er ist diesmal in seiner Opposition gegen
Volksabstimmung zu verhindern, in zwei Tagen in Hitler schon weitergegangen als bisher. Er hat diesen
Österreich einmarschieren. Einen solchen Aufmarsch Plan einfach nicht ausgearbeitet und die ihm unter-
ohne jede Vorbereitung, buchstäblich aus heiterem stellten Generalstabsoffiziere aufgefordert, nicht an
Himmel heraus zu organisieren, ist unmöglich. einem solchen Plan zu arbeiten. Aber das wissen weder
Immerhin – es gibt den Eventual-Plan «Otto», benannt Hitler noch sein OKW-Chef Keitel.

Mit dieser Karikatur kommentierte der Zeichner der St. und einige kurze, ermunternde Sätze zur Jugend sprach.
Louis «Star-Times» die beschämenden Vorfälle im Wiener Die ganze Feier im Dom verlief ohne Störung, obwohl die
Stephansdom vom 7. Oktober 1938. Ein Hakenkreuzler ver- Anwesenheit einer kleinen Gruppe der HJ konstatiert
sucht, das Kreuz des Christentums umzuwerfen. «Es ist zu wurde. Die Teilnehmer sollten sich ruhig nach Hause be-
tief verwurzelt, als dass man es stürzen könnte», lautet die geben. Wer konnte und wollte es aber hindern, dass sie
Unterschrift, eine Prophezeiung, die recht behielt. dem Bischof über den Stephansplatz das Geleit gaben?
Dann aber geschah ein Weiteres: zuerst war es ein einzel-
Dr. Karl Rudolf, einer der führenden geistigen Köpfe des
ner Ruf, bald aber donnert ein tausendstimmiger Sprech-
modernen Katholizismus in Österreich seit den zwanziger
chor hinauf zu den Fenstern des Palais: ,Wir danken un-
fahren und 1938 Domkurat zu St. Stephan, schreibt in
serem Bischof, wir danken unserem Bischof!' Und da sich
seinem aufschlussreichen Werk «Aufbau im Widerstand»
niemand am Fenster zeigt, wechselt der Spruch und lautet
über die beschämenden Vorfälle um Innitzer:
noch dröhnender: ,Wir wollen unseren Bischof sehen!' Und
«So wagten wir es, als kraftvollen Ansatz und zur Ein-
als er sich endlich zeigt, schwillt es wieder an: ,Wir danken
leitung der Herbstarbeit 1938 in diesem Sinne die Wiener
unserem Bischof!' Und will kein Ende nehmen. Die Sprüche
katholische Jugend für den 7. Oktober in den Dom zu
hatten sie ja in den letzten Monaten so oft brüllen gehört,
einer gemeinsamen Jugend feier stunde' einzuladen. Der
aber mit einem anderen Hauptwort. Man merkt es den
Diözesanjugendseelsorger hielt die wohlabgewogene Pre-
Mädchen und Burschen an, wie hier das Herz mitschreit,
digt, Se. Eminenz die Andacht. Die Kraft und Frische des
und dann klingt mächtig und fromm das alte Tiroler Bun-
Mitbetens und Mitsingens der sechs- bis achttausend Ju-
deslied: ,Auf zum Schwure' über den Platz.
gendlichen ergriff den Bischof so, dass er am Ende der
... Wohl blieb die Rache nicht aus. ,So etwas gibt es noch
Andacht spontan in den Pontifikalien die Kanzel bestieg
in Wien?' fragten offenbar bestürzt erwachsene Parteiab-
zeichenträger, die Zeugen des Aktes waren. Und schon am
nächsten Abend, fast zur selben Zeit, stürzte eine HJ-
Horde unter Johlen, Pfeifen und Steinwürfen gegen das
Erzbischöfliche Palais, schlug alle Fenster ein, stieg durch
die Fenster in die im ersten Stock gelegene Wohnung des
Bischofs, schlug hier alles krumm und klein, zerschnitt die
Wandbilder, plünderte die Kasten, bedrohte die Zeremo-
niäre am Leben; den Kardinal konnte man noch im letzten
Moment in Sicherheit bringen. Dann warfen sie Möbel und
Kleider auf den Platz vor dem Palais, legten ein Bild des
Kardinals darauf und steckten den Haufen in Brand. Dann
zog rasch die Rotte zum gegenüberliegenden Kurhaus, wo
sie den Jugendseelsorger wussten, zerschlugen auch hier
Fenster und Türen, warfen einen der Kuraten zum Fenster
hinunter und liessen ihn mit zerbrochenen Gliedern unten
liegen. Und erst nach einstündigem Wüten erschienen Poli-
zei und Feuerwehr, obwohl sie schon in der ersten Viertel-
stunde verständigt worden waren und in nächster Nähe
ihren Standort hatten. Ein Pfiff genügte und die kühnen
Fensterstürmer und Fensterstürzer waren verschwunden.
Die Zeitungen wussten am nächsten Morgen zu berichten,
dass – Kommunisten den feigen Überfall zu verantworten
haben.»
(Aus: Otto Molden, Der Ruf des Gewissens,
Der Österreichische Freiheitskampf 1938-1945.)

146
Die Verleumder werden gerettet

Keitel verlangt jetzt eiligst diesen Plan, und Beck muss Tone gefunden hat, nach dem Urteil über Fritsch die
sich schnell eine Ausrede einfallen lassen, um die ge- «Räuberhöhle» der Gestapo auszuheben, spricht auch
heime Befehlsverweigerung nicht offenkundig werden jetzt noch ähnlich. Und die Hauptperson, der General-
zu lassen. So erklärt er dem General Keitel, der «Plan oberst Fritsch, erklärt den ihn bedrängenden Freunden
Otto» nütze nichts, da er ja keine Einzelheiten ent- und Verbündeten, er werde von seinem Recht Gebrauch
halte, weder zur Verfügung stehende Truppenteile oder machen, Zeugen aufzufordern, die das heimtückische
Waffen noch gar eine zeitliche Aufgliederung von not- Spiel der Gestapo entlarven werden, nämlich die verant-
wendigen Operationen oder über das Zusammenwirken wortlichen Gestapo-Leute selbst, die ihm so übel mitge-
der verschiedenen Waffengattungen. spielt haben.
Keitel muss sich wohl oder übel damit zufriedengeben, Heydrich erklärt unmittelbar vor der Wiederaufnahme
und so wird der zufällig wegen eines protokollarischen der Verhandlung: «Ich werde wohl doch noch über die
Besuches anlässlich seiner Ernennung zum Komman- Klinge springen müssen.»
dierenden General bei Hitler weilende spätere Feldmar- Doch der Prozess nimmt einen anderen Verlauf. Viel
schall von Manstein Hals über Kopf beauftragt, einen macht die Atmosphäre jener Tage aus, die Hochstim-
Plan für den Aufmarsch gegen Österreich auszuarbei- mung, der Jubel über den Anschluss Österreichs, die
ten. uneingestandene Absicht, nun, da doch alles so gut ge-
In fünf Stunden ist er fertig. Eine deutsche Armee kann gangen ist, nicht alles wieder aufzurühren.
jetzt in Österreich einmarschieren. Becks Opposition Weder der General von Brauchitsch als Richter noch
wird damit überwunden. der «Angeklagte» Generaloberst von Fritsch, noch des-
Nachdem Schuschnigg das Hitlersche Ultimatum ab- sen Anwalt stellen auch nur eine verfängliche Frage.
gelehnt hat, die Volksabstimmung um drei Wochen zu Der Erpresser Schmidt wird nicht danach gefragt, ob
verschieben, und nachdem Göring telefonisch von Ber- er von der Gestapo zu seiner Falschaussage erpresst
lin aus die österreichische Regierung und vor allem worden ist. Heydrich wird nicht als Zeuge geladen –
Schuschnigg persönlich unter Druck gesetzt hat, erfolgt er ist in Österreich und dort natürlich «im Interesse des
schliesslich der Einmarsch der deutschen Truppen in Reiches» unabkömmlich. Als sein Vertreter erscheint
Österreich. Der «Blumenkrieg» beginnt. Meisinger, aber der wird auch nicht ins Verhör genom-
Die Bevölkerung empfängt die deutschen Truppen mit men nach jenem seltsamen Datum 15. Januar, an dem
Begeisterung, Soldaten der österreichischen Bundes- der Gestapo die Unschuld von Fritschs schon bekannt
wehr verbrüdern sich sofort mit den «reichsdeutschen» gewesen sein musste.
Soldaten. Hitler selbst trifft in seiner Heimatstadt Linz Fritsch selbst will nicht rebellieren und stellt sich den
ein, und am 13. März, dem Tag von Schuschniggs ge- dazu drängenden Kräften nicht zur Verfügung. Seine
planter Volksabstimmung, unterzeichnet Dr. Seyss-In- Überlegungen laufen darauf hinaus, dass Hitler seiner-
quart als neuer österreichischer Bundeskanzler in Linz seits ungeheuren Anhang im eigenen Volke hat, das
das «Gesetz über die Wiedervereinigung». in einer Gegenaktion nur den Putsch eines gekränkten,
Der Fritsch-Prozess ist in den Hintergrund getreten. ehrgeizigen Generals erblichen würde. Später soll er
Wen interessiert das noch? Der Führer hat wieder ein- diese Einstellung dann bedauert haben: «Wenn ich al-
mal recht behalten, er hat sich als der geniale Staats- lerdings gewusst hätte, wie skrupellos dieser Mann ist
mann erwiesen, der den alten Traum von der Wieder- und wie er mit dem Schicksal des deutschen Volkes
vereinigung Österreichs und Deutschlands verwirklicht Hasard spielt», gab er seinem letzten Ordonnanzoffizier
hat, binnen weniger Stunden, ohne Blutvergiessen. Wer in Bezug auf Hitler zu verstehen, «so hätte ich anders
wollte sich jetzt wohl gegen ihn stellen? gehandelt und das Odium, aus egoistischen Gründen
Die Generale sind vollauf damit beschäftigt, das öster- gehandelt zu haben, auf mich genommen.» Jetzt aber,
reichische Bundesheer in die Wehrmacht einzugliedern, in der Verhandlung, gibt er sich damit zufrieden, per-
die «Hoch- und Deutschmeister», die «Tiroler Kaiser- sönlich rehabilitiert zu werden.
jäger», das «Garderegiment» – sie alle müssen neu uni- Der seinen Generalskameraden gegenüber mit Worten
formiert und auf den Führer und Obersten Befehlshaber so mutige neue Oberbefehlshaber von Brauchitsch aber
Adolf Hitler vereidigt werden. hat einen ganz besonderen Grund, der Gestapo nicht
Und gerade darum findet der zuvor so lange umstrittene zu nahe zu treten. Brauchitsch ist – was zu diesem
und verzögerte Prozess Fritsch sofort seine Fortsetzung, Zeitpunkt noch kaum jemand, wohl aber Heydrichs
solange alle Welt noch mit Österreich beschäftigt ist. SD, weiss – inzwischen eine finanzielle Verpflichtung
Schon am 17. März geht die Verhandlung weiter. Hitler gegenüber eingegangen. Der General der Artil-
lerie hat vor der Übernahme des neuen hohen Amtes
General von Brauchitsch, der schon zuvor so starke Hitler seine persönlichen Verhältnisse darlegen müssen.

147
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Sie sind so, dass er unter normalen Umständen allein mittelbaren, persönlichen Oberbefehl über die Wehr-
deshalb niemals Oberbefehlshaber des Heeres hätte macht brachte, und über den Anschluss Österreichs ist
werden können. das nächste aussenpolitische Ziel Hitlers keineswegs
Was ihn bedrückt, ist weit schlimmer als die unstandes- vergessen, sondern nur vorübergehend in den Hinter-
gemässe Heirat des Feldmarschalls von Blomberg. Er grund gedrängt worden – die Zerschlagung der Tsche-
hat Schulden – und das ist bisher schon für weit rang- choslowakei und der Anschluss des deutschen Sudeten-
niedrigere Offiziere ein Grund gewesen, aus der Armee landes an das Deutsche Reich.
ausgestossen zu werden. Schulden zu haben, die falsche «Es ist mein unabänderlicher Entschluss, die Tschecho-
Frau zu heiraten – das sind Vergehen, die das Offi- slowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische
zierskorps schon im Fall Blomberg nicht durchgehen Aktion zu zerschlagen ... ! Ihre Ausführung muss spä-
lässt. Bei Brauchitsch kommt noch hinzu, dass er gerade testens am 1. Oktober sichergestellt sein!» heisst es in
in Scheidung lebt, ebenfalls etwas noch nicht Dagewe- einer Weisung für den «Fall Grün» vom 30. Mai 1938.
senes. Und seine Frau verlangt eine hohe Abfindungs- Von diesem Augenblick an gerät auch der Widerstand
summe, bevor sie einer Scheidung zustimmt. einzelner Generale und der sich entwickelnden zivilen
Und siehe da – sowohl Hitler als auch die Generale Opposition auf ein neues Gleis. Noch haben die aus
haben für Brauchitsch Verständnis. Hitler bezahlt Anlass des «Falles Fritsch» laufenden Aktionen den
Brauchitschs Schulden, damit der General wieder ma- Vorrang, aber bald geht es nun um die Verhinderung
kellos dasteht, er bezahlt auch der Generalsgattin von Hitlers «militärischen Aktionen».
die Abfindungssumme und sorgt dafür, dass Brau- Noch wird ein paarmal versucht, den Oberbefehls-
chitsch auch später seinen Unterhaltsverpflichtungen haber des Heeres für ein Vorgehen gegen die Gestapo
nachkommen kann. Damit glaubt er den neuen Ober- zu gewinnen. Juristische Gutachten werden angefertigt,
befehlshaber, von dem er bisher ebensowenig wissen mit denen Brauchitsch davon überzeugt werden soll,
wollte wie der von ihm, in der Hand zu haben. Ausser- dass ein solches Vorgehen keineswegs eine Revolte sei,
dem – die künftige neue Frau von Brauchitsch ist eine sondern rechtlich begründet. Schliesslich gelingt es
fanatische Anhängerin Hitlers, die wird den General auch Dr. Goerdeler, zu Brauchitsch vorzudringen, der
schon noch zum Nationalsozialisten erziehen. sich bisher verleugnen liess.
Die Generalität ist mit Brauchitsch einverstanden, weil Brauchitsch ist ganz Zustimmung, geradezu begeistert.
er sich bisher im kleinen Kreis stets gegen Hitlers mili- Jawohl, doch, jetzt muss gehandelt werden. Er, Brau-
tärische Massnahmen ausgesprochen hat und weil mit chitsch, wird auch handeln. Es geht nur noch um den
seiner Ernennung verhindert wird, dass der als alter günstigsten Zeitpunkt. Goerdeler ist zufrieden – er
Nationalsozialist bekannte General von Reichenau weiss noch nicht, dass Brauchitsch stets ja sagt und
Fritschs Nachfolger wird. Von der Schulden- und Schei- gleich wieder nein, wenn er seinen Gesprächspartner
dungsaffäre Brauchitschs und seiner finanziellen Hilfe nicht mehr vor sich hat.
durch Hitler ahnen die Generale nichts, zumal sich Doch Goerdeler wird es zwei Tage später schon wis-
Brauchitsch eben im Fall Fritsch zum entschlossenen sen. Brauchitsch bringt es fertig, um aus der mit Goer-
Vorgehen verpflichtet hat. deler getroffenen Vereinbarung über einen militäri-
Als Richter steht Brauchitsch nun eher auf der Seite schen Schlag gegen die Gestapo wieder herauszukom-
derer, die die Gestapo-Verschwörung vertuschen wol- men, Goerdeler zu denunzieren – bei der Gestapo.
len, so wie Generaloberst Fritsch selbst, der ebenfalls Goerdeler habe in London Gerüchte verbreitet, er,
nicht alles daransetzt, dass die Verantwortlichen der Brauchitsch, bereite eine politische Reinigungsaktion in
Verleumdungskampagne zur Rechenschaft gezogen Deutschland vor.
werden. Und so kommt es, dass das Gericht feststellt, Mit dieser Nachricht geht Brauchitsch zu Hitler und
die Unschuld des Generalobersten Freiherr von Fritsch bittet, die Gestapo möchte den Fall untersuchen.
sei einwandfrei erwiesen, und dass über die Schuldigen Selbstverständlich stehe er treu hinter dem Führer und
an der ganzen Kampagne überhaupt nicht gesprochen müsse sich die Verbreitung solcher Gerüchte durch
wird. Der «Fall Fritsch» ist zu Ende und damit auch Goerdeler im Ausland verbitten. Hitler schüttelt den
der erste Versuch einer Gruppe von antinazistischen Kopf und erklärt das Ganze für «dummes Zeug», auf
Verschwörern, diesen Fall zum Ausgangspunkt des das man doch nichts geben könne.
Kampfes gegen die heimliche Macht der Himmler und Bernd Gisevius, damals Regierungsrat im Innenmini-
Heydrich zu machen. sterium und eine Art Verbindungsmann all der ver-
Aber die nächste Gelegenheit stellt sich bald darauf schiedenen, sich allmählich formierenden Widerstands-
ein. Über die «Fälle» Blomberg und Fritsch, die Um- kreise innerhalb der deutschen Führungsschicht,
stellung in der deutschen Führung, die Hitler den un- schreibt dazu in seinem Buch «Bis zum bitteren Ende»:

148
Beck protestiert

«Dieser Zwischenfall ist nicht so sehr wegen der Stra- eigentliche Schuld trage der Erpresser Schmidt... !
pazierung unserer Nerven bedeutsam. Besser als alle Bezeichnenderweise hielt Hitler es abschliessend für
weiteren Meditationen wird durch ihn die ,Entschlos- nötig, den militärischen Führern zu versichern, dass ,im
senheit’ Brauchitschs demaskiert. So ist dieser gold- neuen Reich ein bewusster Kampf anderer Kräfte gegen
betresste Held: Erst führt er die Zivilisten monate- die Wehrmacht unmöglich sei’, dass die Besetzung
lang irre, ja er nutzt sie weidlich aus, damit sie unter ihrer leitenden Positionen nur aus ihr selbst heraus
ständiger Lebensgefahr für seine Zwecke Material Zu- erfolgen könne und dass ein Einfluss anderer Stellen
sammentragen. Und dann, wenn endlich, endlich gehan- – ,wie in Russland’ – ausgeschlossen wäre!
delt werden soll, läuft er lieber zum Führer und – ver- Mit Hilfe stärkster Unterstreichung der angeblichen
petzt einen seiner Helfershelfer. ‚Tragik’ des Falles und seiner ‚grundsätzlichen’ Gut-
Andere beurteilen die Persönlichkeit von Brauchitschs willigkeit entzog oder vielmehr entwand sich Hitler aus
nicht so bitter, aber auch sie müssen einräumen, dass scheinbar zwingenden staatspolitischen Gründen einer
sich Brauchitsch aus seinen seelischen Konflikten im- Rehabilitierung Fritschs, die diesen Namen verdient
mer wieder in die militärische Gehorsamspflicht ge- hätte ...»
flüchtet hat. Himmler und Heydrich dagegen triumphieren öffent-
Der Erpresser Schmidt ist inzwischen von der Gestapo lich. Am 17. August 1938 erlässt Hitler, der bisher den
auf Befehl Hitlers mit der unerhörten Begründung, Generalen stets erklärt hat, die Wehrmacht sei und
dass eine gerichtliche Verhandlung nur eine Freiheits- bleibe der «einzige Waffenträger der Nation», den Be-
strafe ergeben würde, kurzerhand erschossen worden. fehl zur Aufstellung einer vierten Waffengattung ne-
Eine öffentliche Rehabilitierung Fritschs erfolgt nicht. ben Heer, Marine und Luftwaffe – die «SS-Verfü-
Hitler gelingt es, mit einer rhetorischen Meisterleistung gungstruppe», die bald deutlicher «Waffen-SS» heissen
der Heuchelei abermals die Wehrmachtsführer von sei- wird. Hitler glaubt nun zu wissen, ebenso wie Himm-
ner «Lauterkeit» zu überzeugen. In seiner Rede vom ler und Heydrich: Vor diesen deutschen Generalen
13. Juni vollbringt er «dabei ein neues Meisterstück brauchen sie sich nicht zu fürchten. Sie werden wohl
wohlberechneter Darstellungs- und Beeinflussungs- noch ab und zu einmal opponieren, aber ansonsten dem
kunst, dessen psychologische Wirkung keine nur sinn- Führer nicht ernsthaft entgegentreten. Der «Fall Fritsch»
gemässe Wiedergabe seiner Worte annähernd verdeut- habe das zur Genüge bewiesen.
lichen kann», schreibt Helmut Krausnick. «In ‚aus- Diese Auffassung gilt jedoch nicht für die Unbeug-
führlichen, gefühlsbetonten Darlegungen’ [Halder] samen, wie den Generalstabschef General der Artil-
wusste Hitler nach zuverlässigen Zeugnissen jedenfalls lerie Ludwig Beck, dem nun die neue Führerweisung
den Eindruck zu erwecken, dass er in voller Aufrichtig- für den «Fall Grün» Sorge macht. Beck versucht, die
keit sprach und tiefes Bedauern über die ,tragische Generalität auf der Basis militärischer Fachleute zur
Entwicklung’ empfand, ja dass – wenn wirklich eine Opposition zu bringen. Fachleute müssen allein aus
Parteiintrige vorlag – auch er selber getäuscht worden ihrem Wissen heraus erkennen, dass Hitlers neue Wei-
war. Fritsch, so bemerkte er, solle jede mögliche Ge- sung der militärischen Aktionen gegen die Tschechoslo-
nugtuung erhalten. Seine Wiedereinsetzung komme wakei lebensgefährlich für Deutschland ist, weil sie den
freilich nicht in Frage, da er, Hitler – Fritsch nicht Weltkrieg bringen kann.
zumuten könne, wieder vertrauensvoll zu ihm zu ste- Nachdem Hitler am 28. Mai seinen Entschluss den Ge-
hen! Im Übrigen ,könne er, der Führer, sich nicht vor neralen bekanntgegeben hat, «die Tschechoslowakei in
der Nation desavouieren’: an der Darstellung, dass absehbarer Zeit... zu zerschlagen», scheint die von
Fritsch gesundheitshalber ausgeschieden sei, müsse der Beck aufgezeigte Gefahr tatsächlich zu bestehen. Beck
Öffentlichkeit gegenüber festgehalten werden, weil beschwört den Oberbefehlshaber des Fleeres, General
sonst – dies war wohl der schwächste Punkt seiner von Brauchitsch, die führenden Generale sollten ganz
Argumentation – diese im Interesse des Ansehens der einfach streiken.
Wehrmacht auch in künftigen Fällen gebotene Form Am 5. Mai hat Beck Brauchitsch bereits eine Denk-
keinen Glauben mehr finden würde. Eine Reichstags- schrift übergeben, am 30. Mai wieder eine, am 3. Juni
sitzung aber, in der er die Verdienste Fritschs habe abermals. Inzwischen hat Beck mit allen wichtigen
würdigen wollen, könne infolge der aussenpolitischen Offizieren gesprochen, die ihm als Generalstabschef
Entwicklung vorerst nicht stattfinden. Ausdrücklich unterstellt sind. Offensichtlich sind sie der gleichen
nahm Hitler ,amtliche Stellen’ gegen den Verdacht Meinung wie ihr Chef: Deutschland ist viel zu schwach,
leichtfertigen oder böswilligen Handelns im Falle um die Tschechoslowakei angreifen zu können.
Fritsch in Schutz – nur Fehler untergeordneter Or- Brauchitsch stimmt zwar den vielen Denkschriften
gane räumte er ein – und wagte zu behaupten, die Becks zögernd zu, wagt aber nicht, die darin enthaltene

149
Widerstand in Deutschland 1934-
1939
Aus den Notizen des Generals Beck vom 16. Juli bis November 1938

Für denVortrag beim Oberbefehlshaber lichkeit seiner räumlichen und zeitlichen Ausdehnung und
des Heeres, von Brauchitsch, angesichts schliesslich der Tatsache, dass es sich in einem
am 16. Juli 1938 Zukunftskriege für Deutschland um die Existenzfrage han-
deln wird, gehören heute Staatsmann und Feldherr enger
Der Führer hält anscheinend eine gewaltsame Lösung der zusammen als je. Ehe Fragen eines kommenden Krieges
sudetendeutschen Frage durch Einmarsch in die Tschechei ihren Niederschlag in strategischen Weisungen und Entwür-
für unabwendbar. Er wird in dieser Auffassung bestärkt fen finden, sollte eine einheitliche Auffassung zwischen
durch eine Umgebung verantwortungsloser radikaler Ele- Staatsmann und Feldherr . . . erzielt sein . ..
mente. Über die Einstellung von Göring ist man geteilter Meinungsverschiedenheiten über das Verhältnis zwischen
Auffassung. Die einen glauben, dass er den Ernst der Lage Politik und Kriegführung sowie fehlender Ausgleich zwi-
erkennt und versucht, auf den Führer beruhigend einzu- schen den politischen Ansprühen und Zielen und der mili-
wirken. Die anderen meinen, dass er, wie in dem Falle tärischen Leistungsfähigkeit eines Staates können der erste
Blomberg und Fritsch, ein doppeltes Spiel treibt und um- und vielleicht entscheidende Schritt zum Verlust eines Krie-
fällt, wenn er vor dem Führer steht. ges sein. Nicht umsonst weiss die Geschichte von Kriegen
Die höchsten Führer in der Wehrmacht sind hierzu in erster zu berichten, die gewonnen oder verloren waren, ehe sie
Linie berufen und befähigt, denn die Wehrmacht ist das begonnen hatten. Die Ursache war fast allemal Verdienst
ausübende Machtmittel des Staates in der Durchführung oder Schuld der Politik . . . Kein menschliches Genie reicht
eines Krieges. aus, einen grossen Krieg der Zukunft militärisch und poli-
Es stehen hier letzte Entscheidungen über den Bestand der tisch, wie noch Friedrich der Grosse und Napoleon I. es
Nation auf dem Spiele. Die Geschichte wird diese Führer getan, erfolgreich zu leiten. Keine Staatsführung, welcher
mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem Art sie auch sein möge, könnte sich ungestraft dieser Tat-
fachlichen und staatspolitischen Wissen und Gewissen han- sache verschliessen. Der Dualismus Staatsmann!Feldherr ist
deln. Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo also eine Gegebenheit, mit der man sich abzuftnden hat.
ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Aus- Wohl dem Staate, in dem zwischen beiden Männern etwa
führung eines Befehls verbietet. auftauchende Meinungsverschiedenheiten ihren sachlichen
Finden ihre Ratschläge und Warnungen in solcher Lage kein Ausgleich in den Entscheidungen eines Kriegsherrn finden,
Gehör, dann haben sie das Recht und die Pflicht vor dem der zwar persönlich, aber unter einflussreicher Mitwirkung
Volk und vor der Geschichte, von ihren Ämtern abzutreten. des leitenden Staatsmannes und des Feldherrn die Ober-
Wenn sie alle in einem geschlossenen Willen handeln, ist leitung hat. Zwischen den erstgenannten beiden Persönlich-
die Durchführung einer kriegerischen Handlung unmöglich. keiten bleibt aber immer erforderlich, dass in der politischen
Sie haben damit ihr Vaterland vor dem Schlimmsten, vor Leitung Verständnis für die militärischen Aufgaben der
dem Untergang bewahrt. Kriegführung, in der militärischen Leitung politisches Ver-
Es ist ein Mangel an Grösse und an Erkenntnis der Auf- ständnis herrscht und beide unter fortwährender wechsel-
gabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seitiger Orientierung und in beständigem Einvernehmen
seine Pflichten und Aufgaben nur in dem begrenzten Rah- miteinander, aber unter strenger Einhaltung der Grenzen
men seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der höch- ihrer Tätigkeitsbereiche harmonisch Zusammenwirken ...
sten Verantwortung vor dem gesamten Volk bewusst zu
werden. Aussergewöhnliche Zeiten verlangen aussergewöhn-
liche Handlungen!
Andere aufrechte Männer in staatsverantwortlichen Stellun-
gen ausserhalb der Wehrmacht werden sich auf ihrem Wege
anschliessen. Wenn man die Augen und Ohren offenhält,
wenn man sich durch falsche Zahlen nicht selbst betrügt,
wenn man nicht in dem Rausch einer Ideologie lebt, dann «Manches ist anders gekommen, als Beck es in seinen Denk-
kann man nur zu der Erkenntnis kommen, dass wir zur schriften einschätzte und voraussah» (Wolfgang Foerster).
Zeit wehrpolitisch (Führung, Ausbildung und Ausrüstung), Insbesondere hat er sich über den Grad der Entschlossenheit
wirtschaftspolitisch und stimmungspolitisch für einen Krieg Frankreichs und Englands getäuscht, der Tschechoslowakei
nicht gerüstet sind. aktive militärische Hilfe zu leisten. Auch sonst wird rück-
schauende Betrachtung manche der hier geäusserten An-
sichten und Urteile Becks als durch den Ablauf der Dinge
Deutschland in einem kommenden Kriege nicht bestätigt und daher als nicht zutreffend bezeichnen
November 1938 müssen. Das tut aber dem Wahrheitsgehalt seiner funda-
mentalen Sätze und der geschichtlichen Bedeutung seiner
[Auszug] Warnrufe nicht den geringsten Eintrag. Aufs Ganze ge-
Bei dem Charakter eines kommenden Krieges, der Plötzlich- sehen wirkt die nüchterne Feststellung und sachliche Aus-
keit, mit der er ausbrechen, und der Eigenart, mit der er wertung des nackten Tatsachenbestandes wie eine grausige
geführt werden kann, bei der oft nicht abzusehenden Mög- Prophetie des kommenden Unheils. Beck sah bei Fortset-
zung der bisherigen deutschen Aussenpolitik den europäi-
schen Krieg, den zweiten Weltkrieg und damit Deutschlands
Untergang.
150
Hitler soll festgenommen werden

Kritik an Hitler weiterzugeben. Abermals, am 16. Juli,


bringt Beck eine neue Denkschrift zu Brauchitsch und
macht dabei den «Streik»-Vorschlag. Die Generale sol-
len geschlossen zurücktreten. Brauchitsch zögert nach
wie vor. Ungehorsam, gar Streik und Meuterei stehen
nicht im Katechismus eines deutschen Generals. Noch
nicht. Und trotz aller eigenen Zweifel, trotz allen Wis-
sens um die Schwäche der Wehrmacht: Hat der «Füh-
rer» nicht entgegen allen Bedenken jedesmal recht
behalten?
Am 19. Juli erscheint Beck abermals beim Oberbefehls-
haber des Heeres. Diesmal fordert er noch mehr. Es
geht ihm nicht mehr nur um einen Generalstreik gegen
militärische Vorbereitungen im «Fall Grün». Die Ge-
nerale sollen sich gemeinsam mit zivilen Hitlergegnern
verschwören, um das Volk von den NS-Bonzen zu
befreien, um die Meinungsfreiheit wiederherzustellen
und die Verfolgung der Kirchen abzuschaffen.
Brauchitsch erklärt sich bereit, eine Konferenz des Ge-
neralstabes und der Kommandierenden Generale ein-
zuberufen.
Sie findet am 4. August statt. Beck verliest sein Memo-
randum vom 16. Juli. Es hinterlässt Eindruck bei den
Versammelten. Brauchitsch rafft sich danach endlich
auf, ein entsprechendes Memorandum Hitler vorzu-
legen.
Hitler antwortet nicht direkt, sondern beruft seiner-
seits für den 10. August eine Konferenz auf dem Berg-
hof ein. Auf seine dreistündige Rede haben die Gene-
rale nicht viel zu antworten, aber überzeugt hat Hitler
sie auch nicht ganz. Generalstabschef Bede tritt darauf-
hin am 18. August zurück. Hitler nimmt seinen Rück- Erste Seite der Denkschrift Becks vom 5. Mai 1938
tritt an, befördert ihn noch zum Generalobersten und
bittet ihn, angesichts der kritischen Lage seinen Rück- gelungenem Putsch eventuell hitlertreue Truppen aus
tritt noch geheimzuhalten. Und Beck, der eben noch Süddeutschland nach Berlin gelangen.
seine Kameraden nicht nur zum Streik aufgerufen hat, Hitler selbst soll sofort festgenommen und danach
sondern zum Sturz der Tyrannei, hält es für richtig, eine Militärdiktatur errichtet werden, die dann später
in diesem Moment zu schweigen. eine konservative zivile Regierung ablösen soll.
Aber er organisiert die Verschwörung weiter. Er bleibt Mittlerweile sind die generalstabsmässigen Vorberei-
der Verbindungsmann zwischen der zivilen Wider- tungen für einen Angriff gegen die Tschechoslowakei
standsgruppe und den militärischen Verschwörern. weiter gediehen. Der neue Generalstabschef Halder be-
Ende August ist der Plan für den Staatsstreich fertig. findet sich in der unglücklichen Lage, dass er es ist, der
Becks Nachfolger Halder soll sofort die Verschwörer diesen Angriff energisch vorbereitet, gleichzeitig aber
informieren, wenn Hitler den Befehl gibt, gegen die zu den Köpfen der Verschwörung gehört, die Hitler
Tschechoslowakei vorzugehen. Man rechnet damit, stürzen will, eben wegen des geplanten Angriffs auf
dass dieser Befehl mindestens 48 Stunden vorher gege- die Tschechoslowakei.
ben wird. Diese Zeitspanne reicht, um die Verschwörer Die Verschwörer tun noch ein Übriges. Sie entsenden
losschlagen zu lassen. General von Witzleben, der Kom- einen Vertreter nach London, der die britische Regie-
mandeur des Berliner Wehrkreises, ist einer der Ver- rung von ihrem Vorhaben unterrichtet. Oberst Hans
schwörer, ebenso General Graf von Brockdorff-Ahle- Oster, der nach Admiral Canaris wichtigste Mann der
feld, Kommandeur der Potsdamer 23. Infanteriedivi- deutschen Abwehr, gehört ebenfalls zu den Verschwö-
sion. General Hoepner befehligt eine Panzerdivision rern und entsendet seinen Vertrauensmann Ewald von
in Thüringen und soll mit ihr verhindern, dass nach Kleist. Dieser macht Winston Churchill mit den Ein-
Widerstand in Deutschland 1934-1939

zelheiten der Verschwörung bekannt und bittet ihn, Verschwörer gerät dadurch wieder in Vergessenheit.
die britische Regierung möge bei ihren Kriegsdrohun- Die britische Regierung berät ihr weiteres Verhalten in
gen gegen Deutschland bleiben. Dann würden die der Sudetenkrise. Lord Runciman, der an den Beratun-
deutschen Generale gegen Hitler losschlagen, sobald gen teilnimmt, fasst das Ergebnis seiner Untersuchun-
der Angriffsbefehl gegen die Tschechoslowakei gege- gen in der Tschechoslowakei dahingehend zusammen,
ben ist. dass nicht eine Autonomie der Sudetendeutschen, son-
Lord Vansittart, der bei dieser Besprechung anwesend dern ein Anschluss des Gebietes an Deutschland zweck-
ist, verständigt den Premierminister. Doch Chamber- mässig sei. Zunächst kommt Chamberlain zu Hitler nach
lain will nicht recht an Kleists Botschaft glauben. Es Berchtesgaden und dann nach Bonn. Da eine Einigung
ist auch zu unvorstellbar, dass ausgerechnet die füh- im Sinne Hitlers trotz des englischen Entgegenkom-
renden deutschen Militärs, darunter der Chef des Ge- mens nicht erzielt wird, kommt es zur Kriegsdrohung.
neralstabes, eine Verschwörung gegen ihre eigene Re- Grossbritannien und Frankreich verkünden die Mobil-
gierung planen und dann noch um die Hilfe des Aus- machung.
landes bitten. Chamberlain bleibt jedenfalls skeptisch Diese Kriegsdrohungen der'Westmächte sind genau das,
und vermutet sogar eine Falle. worauf die Verschwörer gewartet haben. Ob ihre viel-
Der deutsche Abwehroberst Oster lässt nicht locker. fältigen Warnungen und ihre Erklärung, in Deutsch-
Nun schickt er einen Vertrauensmann zum britischen land warte eine starke Opposition nur darauf, die
Militärattache in Berlin, lässt diesem von den Vorbe- Hitlersche Herrschaft zu beseitigen, nun endlich
reitungen des «Falles Grün» Mitteilung machen und Früchte getragen hat? Wie dem auch sei – jetzt ist
bittet nochmals darum, die britische Regierung möge noch einmal Gelegenheit zuzuschlagen, Gelegenheit,
nicht nachgeben. Ein Krieg gegen Deutschland würde die Zögernden unter den oppositionellen Generalen
England und Frankreich zum Siege führen und das von der Notwendigkeit des Handelns zu überzeugen.
Hitlerregime stürzen. Die Zivilisten und die Militärs der Opposition haben
Botschafter Henderson schüttelt den Kopf über den sich schon in der «Mai-Krise» enger gefunden. General-
darauffolgenden Bericht seines Militärattaches. Un- stabschef Halder hat inzwischen den Reichsbankpräsi-
glaublich, so etwas! Pflichtgemäss berichtet er nach denten und Rcichsminister ohne Geschäftsbereich Dr.
London, fügt aber hinzu, dass er das Ganze nicht ernst Schacht sogar gefragt, ob er im Fall eines gewaltsamen
nehme, es müsse sich um eine Propagandageschichte Umsturzes bereit sei, die Regierungsgeschäfte zu über-
handeln. nehmen.
Generalstabschef Halder schickt nun selbst einen Halder bespricht auch mit Oberstleutnant Oster, welche
Freund, einen pensionierten Offizier, nach London – technischen Vorbereitungen für einen Putsch getroffen
zum Kriegsministerium und zum britischen Geheim- werden müssen, welche schon getroffen worden sind.
dienst! Aber auch dort will man nicht recht glauben, Oster und der entlassene Generalstabschef Beck wie-
dass der deutsche Generalstabschef und mit ihm an- derum stehen in ständiger Verbindung mit dem Regie-
dere Generale deutsche militärische Pläne dem feind- rungsrat Gisevius im Innenministerium, mit dem Ber-
lichen Geheimdienst übermitteln und gar noch einen liner Polizeipräsidenten Graf Helldorf und mit dem
Plan dazu, wie man gemeinsam die deutsche Regierung Chef des Reichskriminalamtes Nebe. Andere «Zivilis-
stürzen könnte. Und dazu die Aufforderung, fest zu ten», die zu diesem Zeitpunkt zur Opposition gehören
bleiben und einen Krieg gegen Deutschland zu riskie- oder eben dazustossen, sind:
ren? Das ist nun doch zu abenteuerlich, als dass selbst Reichsgerichtsrat Dr. Hans von Dohnanyi, dessen
die so allerhand gewöhnten britischen Geheimdienstler Schwager, der Bekenntnispfarrer Dietrich Bonhoeffer,
es ernst nehmen. Auch ein Besuch des deutschen Bot- dessen Vater, der Psychiater Karl Bonhoeffer (der
schaftsrates Kordt, ebenfalls zu den Verschwörern ge- Hitler nach erfolgtem Umsturz untersuchen und für
hörend, beim britischen Aussenminister Lord Halifax geisteskrank erklären will), der bisherige Botschafter
bringt noch keine Zusage der Engländer, mit den deut- in Rom, Ulrich von Hassell, der Legationsrat im Aus-
schen Hitlergegnern gemeinsame Sache zu machen. wärtigen Amt, von Trott zu Solz, der Rechtsanwalt
Premierminister Chamberlain schreibt an Lord Hali- Fabian von Schlabrendorff, der eben abgesetzte Regie-
fax: «Ich weiss nicht, ob wir nicht doch etwas unter- rungschef von Westfalen, Freiherr von Lüninck, Hell-
nehmen sollten.» dorffs Stellvertreter Fritz-Dietlof Graf von der Schu-
Und nun hat Neville Chamberlain etwas unternom- lenburg und andere.
men. Er ist auf dem Obersalzberg bei Hitler gewesen Alles, was man noch braucht, ist Hitlers Mobil-
und ist danach der Überzeugung, dass sich doch noch machungsbefehl. Denn erst dann kann man die eigene
alles friedlich regeln lasse. Das Spiel der deutschen Tat vor dem Volk genügend rechtfertigen. Dass man

152
Dänemark
Um sich die Verbindung nach Norwegen und die Herrschaft über die Ostsee zu sichern, wird Dänemark am 9. April 1940
von deutschen Truppen besetzt. Die dänische Regierung beugt sich unter Protest dem deutschen Ultimatum, leistet keinen
militärischen Widerstand und entschliesst sich dazu, unter den neuen Verhältnissen die Regierung des Landes weiterzuführen.
In einem Brief König Christians vom 13. September 1940 an einen Freund heisst es über die Stimmung der dänischen
Bevölkerung: «Die deutsche Besatzung liegt auf uns allen wie ein Alpdruck . . . Das Benehmen der Bevölkerung gegenüber
den Deutschen ist würdevoll. Auf den Strassen werden sie [die Deutschen] einfach ignoriert, was sie gar nicht gern haben. Sie
tun alles, um sich populär zu machen, erreichen damit aber das genaue Gegenteil. Die Deutschen verstehen einfach nicht, dass
ihre Anwesenheit hier unerwünscht ist.»
Bild oben: König Christian von Dänemark wird in der Nähe seines Schlosses Sorgenfrei von zahlreichen Kindern mit Blumen
gegrüsst. – Wo immer sich der König während der Besatzungszeit seinen Landsleuten zeigte, wurde ihm als allgemein
anerkannten Repräsentanten eines freien Dänemarks mit Freude und Achtung begegnet. – Bild unten: Im besetzten Däne-
mark wird ein Anschlag angebracht, der zur «Ruhe und Besonnenheit» ermahnt.
Bild links: Zur Sicherung der deut-
schen Truppen wurden diese Schutz-
mauern errichtet. Um ihre Abnei-
gung gegen die deutsche Besetzung
zu demonstrieren, beschrieben die
Dänen diese Mauern immer wieder
mit der Parole: «Die Nazis tragen
keine Hosen.» – Bild oben: Ein
dänischer Polizist wird von einem
deutschen SS-Mann dazu aufgefor-
dert, die Personalien eines däni-
schen Mädchens aufzunehmen. Der
Grund: Das Mädchen trägt eine
Mütze, die das Zeichen und die
Farben der Royal Air Force dar-
stellt. Hierin wird zu Recht eine
Sympathie für Grossbritannien und
zugleich eine Missachtung der Deut-
schen erblickt. – Rechte Seite, oben:
Ausbildung von Widerstandskämp-
fern an der Waffe. – Rechte Seite,
unten: Eine der zahlreichen gehei-
men Druckereien, in denen die viel-
fältige Untergrundpresse hergestellt
wurde. Eine der einflussreichsten
illegalen Zeitungen war «Frit Dan-
mark», zu deutsch «Freies Däne-
mark» .Sie wurde mit der Zeit zum
halboffiziellen Organ der Wider-
standsbewegung. Herausgeber wa-
ren der Vorsitzende der Kommuni-
stischen Partei Dänemarks und der
führende konservative Politiker
John Christmas Möller.
Im Frühsommer 1943 machte sich in ganz Dänemark eine besonders starke Sabotagewelle bemerkbar. Die Gegenmassnah-
men der Deutschen lösten in zahlreichen Städten Dänemarks grosse Streiks und Demonstrationen aus. Den Deutschen und der
dänischen Polizei gelang es erst, nachdem sie der Bevölkerung entgegengekommen waren, die Unruhen einzudämmen. – Bild
oben: Dänische Demonstranten werden von einem Stadtteil in den anderen gejagt.
Hinrichtungen und Ausgangssperren führten im Juni 1944 zu einem grossen Massenstreik in Kopenhagen. Die Stadtbewohner
missachteten das Ausgehverbot und bevölkerten zu Tausenden die Strassen (Bild unten). Trotz der knappen Lebensmittel-
lage und der schwierigen Lebensbedingungen, die dadurch entstanden waren, dass die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversor-
gung unterbrochen wurde, setzte die Widerstandsbewegung und die Bevölkerung den Streik fort, bis die Deutschen zu
Zugeständnissen bereit waren. Bei Zusammenstössen während des Streiks zwischen der Bevölkerung und den deutschen
Patrouillen wurden 97 Dänen getötet und über 600 verwundet. Rechte Seite: Dänische Patrioten reissen das Strassenpflaster
auf und errichten Barrikaden.
Bilder oben: Drei der zahlreichen falschen Ausweispapiere von Jöns Lillelund, dem Führer der «Holger Danske»-Sabotage-
Organisation; als Buchhalter (links), als Mechaniker (Mitte) und als Gestapo-Agent (rechts). – Die Bewaffnung der Sabo-
tagegruppen und der Untergrundarmee erfolgte hauptsächlich von London aus. Insgesamt wurden 1’000 Tonnen Material auf
dem Luftwege nach Dänemark gebracht und in ca. 7’000 Behältern an 350 verschiedenen Empfangsstellen abgesetzt. Dazu
kamen der Waffenschmuggel aus Schweden und die Eigenproduktion. – Bild unten: Eine der zahlreichen heimlichen Werk-
stätten, in denen Waffen und Sprengkörper hergestellt wurden.
Das Ziel der Sabotage war es, die dänische Wirtschaftsproduktion für Deutschland möglichst stark zu behindern. Anfangs
noch ohne Erfahrung und mit mangelnder Ausrüstung, nahm die Sabotage im Laufe der Besetzung immer stärkere Ausmasse
an, so dass alliierte Bombenangriffe ab 1943 unterbleiben konnten. 1944 waren die Widerstandsorganisationen in der Lage,
bei hellichtem Tage mit über hundert Mann starkbewachte Ziele mitten in Kopenhagen anzugreifen und zu zerstören. Gegen
Ende des Krieges sank der industrielle Ausstoss Dänemarks zugunsten Deutschlands nahezu auf den Nullpunkt. – Bild oben:
Zerstörung einer Fabrik in Kopenhagen, in der Torpedoboote hergestellt wurden, durch dänische Widerstandskämpfer. –
Bild unten: Die Trümmer einer Radiofabrik, die durch Angriffe einer Sabotagegruppe von über 80 Mann zerstört wurde.
Während des Kopenhagener Generalstreikes entlud sich die Wut der Bevölkerung auch gegen die Dänen, die mit den Deutschen
kollaborierten. – Bild oben: Das Geschäft eines Dänen, der mit den Deutschen sympathisiert, wird in Brand gesteckt. –
Unten links: Mitten in den Strassen von Kopenhagen und am hellichten Tag wird ein deutscher Soldat von dänischen
Widerstandskämpfern entwaffnet. – Die Widerstandskämpfer konnten so offen auftreten, weil kaum ein Däne sich dazu
bereit fand, einem Deutschen zu Hilfe zu kommen. Ein Deutscher war in jener Zeit in Dänemark immer ein verlassener
Mann, es sei denn, er bewegte sich im Kreise seiner Landsleute. – Unten rechts: Eine dänische Widerstandskämpferin
verlässt das Versteck im Rumpf des Schiffes, das sie in schwedische Gewässer und damit in Sicherheit gebracht hat.
Oben links: Zwei junge Däninnen stehen auf einer Barrikade und schwenken den «Danebrog», die dänische Flagge. Auf
der Barrikade sieht man die Buchstaben Cx, die Abkürzung für König Christian rex, und daneben das Zeichen der Royal
Air Force. – Oben rechts: Zwei der zahlreichen Schiffe, die illegal Flüchtlinge von Dänemark nach Schweden bringen, be-
gegnen sich im Kattegat. Viele Widerstandskämpfer und 7’000 dänische Juden konnten durch diese Widerstandsarbeit dem
Zugriff der Deutschen entkommen. – Bild unten: Die Dänische Brigade, die aus 5’000 Mann bestand und in Schweden
ausgebildet wurde, auf dem Weg in die befreite Heimat. Durch die Kapitulation der deutschen Streitkräfte brauchten die
Brigade und die dänische Untergrundarmee militärisch nicht mehr eingesetzt werden.
Norwegen
Am 9. April 1940 wurde die deutsche Forderung
nach einer kampflosen Besetzung des Landes
durch deutsche Truppen von Norwegen abgelehnt.
Der norwegische Aussenminister erinnerte den
deutschen Gesandten an die Äusserung Hitlers,
dass ein Volk, das sich ohne Widerstand zu leisten
einem Angreifer feige unterwerfe, nicht wert sei
zu existieren. «Wir», erklärte er ihm, «werden
uns behaupten und unsere Unabhängigkeit ver-
teidigen.» Nach harten Kämpfen musste die nor-
wegische Armee am 10. Juni kapitulieren. König
Haakon VII. (rechts) und das Kabinett, die bis
zuletzt bei ihrem Volk ausgeharrt hatten, gingen
am 7. Juni nach London, bildeten eine Exil-
regierung und führten von hier aus den weiteren
norwegischen Widerstand.
Hitler übertrug die Regierungsgewalt dem
Reichskommissar Terboven (oben links), der mit
dem Norweger Vidkun Quisling (oben rechts)
zusammenarbeitete. Quisling, dessen Name zum
Inbegriff des Verräters und Kollaborateurs ge-
worden ist, konnte mit seiner «Nasjonal Sämling»
jedoch nur eine bescheidene Anhängerschaft im
Volk gewinnen. Die überwiegende Mehrheit
lehnte es ab, mit ihm und den Deutschen ein
nationalsozialistisches Norwegen zu bilden. Den
zahlreichen Versuchen in dieser Richtung begeg-
nete ein geschlossener Widerstand. «Will man ein
bestimmtes Datum für den Beginn dieses kom-
promisslosen Gesamtwiderstandes angeben, so
müsste man den 25. September 1940 nennen. An
diesem Tag hielt Reichskommissar Terboven eine
Rede, in der er dem norwegischen Volk unter
anderem mitteilte, dass der König und das könig-
liche Haus ,abgesetzt‘ seien und dass an die Stelle
der ebenfalls ,abgesetzten landesflüchtigen1 Regie-
rung Nygaardsvold dreizehn von ihm ernannte
und ihm verantwortliche kommissarische Staats-
räte treten würden . . . Man sah immer mehr ein,
dass die Deutschen nicht nur Kanonen mitgebracht
hatten, sondern auch die angeblich nicht existie-
rende Exportware,nationalsozialistische Doktrin1.
Doch hier war der Punkt, an dem man nicht
geneigt war, irgendwelche Kompromisse einzu-
gehen. Hier stand das ganze Volk zusammen zur
Verteidigung seiner ureigensten Güter. Und das
Symbol dieser Einheit war der König» (Fridtjof
Fjord, «Norwegens totaler Kriegseinsatz»). –
Links unten: Ein der Quisling-Bewegung ge-
hörendes Gebäude in Oslo nach einem Spreng-
stoffanschlag der Widerstandskämpfer.
Die Exilregierung in London leitete den norwegischen Widerstand der «Aussenfront» und der «Heimatfront». Die im Ausland
aufgestellte Armee, deren Offiziere und Mannschaften auf Grund des Wehrpflichtgesetzes einberufen wurden, zählte gegen
Ende des Krieges eine Stärke von 15’000 Mann, die, an leichten Waffen ausgebildet, in Schweden stationiert waren. Die
«Heimatfront» bestand im Wesentlichen aus zwei Organisationen: aus der geheimen Militärorganisation «Milorg» und der
zivilen Widerstandsorganisation «Sivorg». Aufgabe der Milorg war es, eine geheime Armee aufzubauen und in kleinen
Gruppen zu trainieren, um dann im Augenblick einer Invasion einsatzbereit zu sein. Dieser Zielsetzung stand die Absicht der
norwegischen Sektion innerhalb der englischen Spezialoperationsexekutive (SOE) entgegen, die durch ständige Sabotageakte
die deutsche Besatzung in Norwegen beunruhigen wollte. Erst im Laufe des Krieges wurde diese Differenz zwischen Milorg
und SOE beigelegt. – Bild oben: Angehörige von Milorg bei der militärischen Ausbildung. – Bild unten: Ein durch einen
Sabotageakt zum Entgleisen gebrachter Eisenbahnzug der deutschen Besatzungsmacht.
Die zivile Widerstandsorganisation sah ihre Hauptaufgabe darin, der Nazifizierung Norwegens entgegenzuwirken. Als man
die zahlreichen Verbände nach deutschem Vorbild gleichschalten wollte, forderte man die Mitglieder auf, aus den Verbänden
auszutreten. Die abgesetzten Vorstände bildeten Aktionsausschüsse, gingen in den Untergrund und schufen sich ein gemein-
sames Komitee als leitendes Organ des Widerstandes. «Dem Komitee gelang es, die individuelle Empörung in eine organisierte
passive Resistenz umzuwandeln, an der alle Nazifizierungsversucbe scheiterten. Vor allem der Versuch, einen Jugendverband
nach dem Muster der Hitlerjugend aufzubauen, der Versuch, eine der Deutschen Arbeitsfront nachgebildete Organisation zu
errichten, und der Versuch, die Zwangsmobilisierung von Arbeitskräften durchzusetzen» (Hans Dietrich Loock). Unten links:
«Zwei Maiden aus dem Lager». – Unten rechts: Nur wenige norwegische Arbeiter liessen sich für den Arbeitseinsatz in
Deutschland gewinnen. – Oben rechts: Am Geburtstag des Königs wurde dieses Holzkreuz 1941 auf dem Gipfel eines
Berges aufgestellt und verblieb dort bis zum Ende des Krieges.
Als Terboven einsehen musste, dass ihm eine rasche Nazifizierung Norwegens nicht gelingen konnte, blieb seine Zielsetzung
dennoch unverändert. Er suchte sie im Zusammenwirken mit dem SS- und Polizeiführer und noch mehr mit dem SD auf dem
Wege brutaler Macht und darum von vornherein verfehlter Massnahmen zu verwirklichen. Sie führten erst recht «zur Ableh-
nung alles Deutschen» und forderten den Widerstand der Norweger noch mehr heraus. Jede geistige Freiheit wurde unter-
drückt: Willkür, Gewalt, Verhaftungen, Festsetzung von Geiseln und Todesstrafen füllen die Geschichte Norwegens unter
deutscher Besatzung. – Oben links: Daumenschrauben, mit denen norwegische Widerstandskämpfer gefoltert wurden.
iA
Eine bedeutende Rolle für die ein-
heitliche Willensbildung der Wider-
standskreise spielte die Untergrund-
presse. Hier konnte das gesagt wer-
den, was die kontrollierte offizielle
Presse verschwieg oder in propa-
gandistischer Verzerrung unter das
Volk brachte. Zur Unterrichtung
der eigenen Bevölkerung dienten
insbesondere die Sendungen der
norwegischen Abteilung der BBC,
die regelmässig ausgestrahlt wur-
den. Die Deutschen hatten diese
Gefahr erkannt und schritten da-
her schon im September 1941 zu
einer allgemeinen Beschlagnahme
der Radioapparate. Dennoch gab es
genug mutige Männer und Frauen
(Abhören und Weiterverbreitung
«feindlicher» Meldungen wurde mit
dem Tode bestraft), die mit ihren ver-
steckten Apparaten die Sendungen
aus London abhörten und ihren In-
halt in zahlreichen illegalen Zeitun-
gen weiterverbreiteten. –
Unten: Eine norwegische Wider-
standskämpferin hört in einem Keller
in Oslo «feindliche» Sendungen ab
und überträgt deren Inhalt sofort in
die Schreibmaschine. Vor ihr liegt
ein geladener Revolver, mit dem sie
jederzeit zur eigenen Verteidigung
bereit ist.
— Oben: Eine Auswahl illegaler
Flugblätter und Zeitschriften der
norwegischen Widerstandsbewe-
gung. – Bild links: Eine von Saboteu-
ren zerstörte Fabrik in Oslo.
— Nach einem erfolgreichen Wir-
ken der norwegischen Untergrund-
bewegung, die in ihrem Kampf
mehr als 6’000 Opfer zu beklagen
hat, kapitulieren die deutschen
Truppen am 7. Mai 1945 in Norwe-
gen. Quisling, dessen Anhänger auf
40’000 geschätzt werden, das sind
weniger als 7,5% der Gesamtbevöl-
kerung, ergibt sich der vaterländi-
schen Widerstandsfront und wird
nach einem Prozess am 20. Oktober
1945 hingerichtet.
Holland
Bild oben: Am 25. Mai 1962 feierte Holland drei Ereignisse:
Den 53. Geburtstag von Königin Juliana (geb. am 30. April
1909, seit 1948 Nachfolgerin ihrer Mutter Königin Wilhel-
m'tna), den 25. Jahrestag ihrer Hochzeit mit Prinz Bernhard
zur Lippe Biesterfeld (7. Januar 1937) und den 17. Jahrestag
der Befreiung Hollands von deutscher Besatzung (Mai 1945).
Zwischen den beiden letzten Daten liegt eine traurige Ent-
wicklung im Verhältnis zwischen Holland und Deutschland.
Während sich die Verlobten Prinzessin Juliana und Prinz
Bernhard im Jahre 1937 noch gemeinsam mit dem Bruder
des Prinzen (in der Uniform der deutschen Wehrmacht)
lächelnd den Fotografen stellen konnten (Bild unten),
kommt es noch 21 Jahre nach der Beendigung des Zweiten
Weltkriegs anlässlich der Hochzeit von Kronprinzessin Beat-
rix mit Claus von Arnsberg zu ernsten holländischen
Protesten. Und zwar deshalb, weil Claus von Arnsberg
Deutscher ist und als solcher auch die Uniform der Hitler-
jugend getragen hat. Die Leiden und Opfer des holländi-
schen Volkes während der Besetzung und des Widerstandes
sind bis heute nicht vergessen worden.
Die erste grosse holländische Widerstandsaktion war der
Februar-Streik in Amsterdam im Jahre 1941. Anlass war
die Tatsache, dass in zwei Razzien 400 holländische Juden
im Zentrum von Amsterdam zusammengetrieben und in
aller Öffentlichkeit misshandelt wurden, bevor man sie in
ein Konzentrationslager überführte. Aus Protest kam bei-
nahe die gesamte Arbeit in Amsterdam und einigen benach-
barten Städten zum Erliegen. – Bild rechts: «Jagd» auf
jüdische Menschen in den Strassen von Amsterdam.
Bild oben: Der zivile Reichskommissar Seyss-lnquart (links), der nach der Besetzung Hollands alle verfassungsmässigen
Befugnisse des Königs und der Regierung übernahm, das Parlament auflöste und alle Parteien bis auf die holländischen
N ationalsozialisten verbot; daneben Anton Mussert, der Führer der NSB (Nationaal Socialistische Beweging), der 1942 von
Hitler als «Führer des niederländischen Volkes» anerkannt wurde; daneben Reichskommissar Fritz Schmidt, der die Pläne
Musserts für ein Nachkriegsholland innerhalb eines «Bundes germanischer Völker» unterstützte; hinter Schmidt der Höhere
SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter, dem alle SS-Verbände in Holland unterstellt waren und der seine Weisungen
direkt von Himmler erhielt. Als fanatischer SS-Mann hielt er nichts von Mussert, den er als «einen kleinen Spiesser» bezeich-
nete. Nach seinen Plänen sollte Holland, in zwei Reichsgaue eingeteilt, dem Deutschen Reich eingegliedert werden. – Linke
Seite unten: Dr. Seyss-Inquart begrüsst die Chefs der holländischen Polizei. – Rauter versuchte, insbesondere die holländische
Polizei mit Kollaborateuren zu infiltrieren und setzte sie auch dazu ein, den Widerstand der eigenen Landsleute zu brechen.
Mit der Zeit wurde die Zahl der Polizisten, die sich mit ihren Waffen der Untergrundbewegung anschlossen, so gross, dass die
Inhaftierung ihrer Familien angeordnet wurde. Wie wenig die Deutschen der holländischen Polizei vertrauten, geht aus der
Entwaffnung holländischer Polizeieinheiten in den Jahren 1944 und 1945 hervor.
Bild unten: Das Auto von Rauter nach dem Attentat einer holländischen Widerstandsgruppe im März 1945, dem er
nur schwer verwundet entkommen konnte. Während Seyss-Inquart einen eher gemässigten Kurs verfolgte, trat Rauter für
härteste Massnahmen ein. Obwohl er die Tapferkeit der Widerstandskämpfer bewundernd anerkennen musste, schickte er
Hunderte von ihnen in den Tod. Von einem holländischen Gericht (oben) wurde er nach dem Kriege wegen der Deportation
und Ermordung von Juden und Freiheitskämpfern zum Tode verurteilt.
Neben dem Februar-Streik 1941 und dem April/Mai-Streik 1943 war der Eisenbahner-Streik 1944 (links oben) das dritte
Ereignis massenhaft demonstrierten Widerstandes. Im Einvernehmen mit der holländischen Exilregierung in London und
dem Hauptquartier General Eisenhowers sollte er direkt dazu beitragen, die Kriegsführung Hollands zu unterstützen. Aber
auch dann, als die Befreiung in der erwarteten kurzen Frist nicht erreicht wurde, führte man den Streik weiter. Trotz der
katastrophalen Ernährungslage, die durch den Streik noch verschlimmert wurde, kehrten 30’000 Eisenbahner nicht mehr zu
ihrer Arbeit zurück. Eine der bedeutenden Widerstandsorganisationen sorgte dafür, dass die streikenden Eisenbahner regel-
mässig ihren Wochenlohn bekamen. Als Ersatz mussten die Deutschen für ihre eigenen Interessen schliesslich 3’000 deutsche
Eisenbahner in Holland einsetzen, von denen 300 durch Bombenangriffe und Sabotageakte ums Leben kamen.
Linke Seite unten: Vom «Sicherheitsdienst» beschlagnahmtes Material. Eine Maschinenpistole für «Heckenschützen», die in
40 Arbeitsstunden hergestellt werden konnte. – Eine holländische Widerstandskämpferin fotografierte zur Tarnung aus einer
Handtasche.
Bei einer Bevölkerungszahl von rund 10 Millionen erlitten die Niederlande während des Krieges ungefähr 173’000 Todes-
opfer; 3‘300 Kriegsgefallene, 1‘330 Mitglieder der Handelsflotte, 20‘400 Zivilpersonen, die während der Kriegshandlungen
den Tod fanden, 104’000 Juden, 2’000 Widerstandskämpfer (die hingerichtet wurden), weitere 13’000 gingen in den deutschen
Konzentrationslagern in Holland zugrunde und 18’000 in den Lagern und Gefängnissen in Deutschland. Nach den Angaben
des Gefängnispfarrers Pölchau von Berlin-Plötzensee wurden allein im April 1941 32 Holländer der Widerstandsgruppe
Stijkel füsiliert. Von den rund 300’000 deportierten holländischen Zwangsarbeitern kamen fünf- bis zehntausend ums Leben.
Im September 1944 wurden die Inneren Niederländischen Streitkräfte (Nederlandse Binnenlandse Strijdkrachten, NBS) unter
der Führung von Prinz Bernhard aufgestellt. Als Hilfstruppen der Alliierten für die Befreiung Hollands spielten sie jedoch
keine wesentliche Rolle. Einmal, weil der Zusammenbruch der deutschen Front so plötzlich erfolgte, und zum anderen auch
deswegen, weil es nicht gelang, die einzelnen bedeutenden Widerstandsorganisationen unter einem Kommando zusammen-
zufassen. – Bild oben: «Liever Dood dan Slaaf» – «Lieber tot als Sklave». Mit dieser Parole überklebten holländische Wider-
standskämpfer die Bekanntmachungen der deutschen Besatzungsmacht. – Bild unten: Zwei Widerstandskämpfer, die 1943 in
Amsterdam erschossen wurden.
Belgien
Als der belgische König Leopold III. 18 Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 28. Mai 1940 den Waffenstill-
stand mit Deutschland unterzeichnen musste, begann auch für Belgien die Zeit der Besatzung. Und auch in Belgien versuchte
man, das Land über die einheimischen Nationalsozialisten, insbesondere über die wallonische Rex-Bewegung unter Führung
von Léon Degrelle und die flämische Volkspartei unter Staf de Clerq (nach dessen Ermordung durch belgische Widerstands-
kämpfer unter Elias), für die nationalsozialistische «Neuordnung Europas» zu gewinnen. Gegen die deutsche Besatzung
und gegen die Kollaboration aber wandte sich der belgische Widerstand, der in zahlreichen Gruppen und Organisationen der
verschiedensten politischen und ideologischen Richtungen auf trat, sich jedoch nicht in einer einheitlichen Organisation zu-
sammenschliessen konnte. – Bild oben: Léon Degrelle, Gründer der Legion Wallonie, die 1943 als SS-Brigade Wallonien der
Waffen-SS eingegliedert wurde, erhält von Hitler das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes und die Goldene
Nahkampf Spange. – Bild unten: Ein deutscher Soldat ist von einem belgischen Widerstandskämpfer der Befreiungsarmee,
die bei den Endkämpfen um Belgien militärisch eingegriffen hat, niedergeschossen worden.
Bild oben: Am 10. November
1940, dem Vortag des Gedenk-
tages zum Waffenstillstand von
1918, findet die Ehrung am
Grabmal des Unbekannten Sol-
daten statt, da an dem Gedenk-
tag selbst alle Kundgebungen
durch die Besatzungsmacht ver-
boten waren. – Bild Mitte: Drei
belgische Widerstandskämpfer
vor dem Kriegsgericht, das sie
«wegen Mordes, versuchten
Mordes, bewaffneten Anschlages
und unerlaubten Waffenbesitzes
zum Tode verurteilt» hat, lautet
die Meldung der offiziellen Zei-
tung «Soir» vom 12. Mai 1943.
Mit dieser Art Berichterstattung
versuchte man, auf die aktiven
Widerstandskämpfer eine ab-
schreckende Wirkung ausüben.
– Bild unten: Die Leichen un-
schuldiger belgischer Bürger,
die als Geiseln hingerichtet wur-
den. «Die durch die deutsche Be-
setzung verursachten belgischen
Verluste belaufen sich, bei einer
Einwohnerzahl von ungefähr
achteinhalb Millionen, auf
26‘000. Rund 7‘000 Wider-
standskämpfer fielen im Kampf,
2‘800 wurden hingerichtet. An
Zivilisten kamen 9‘813 ums Le-
ben. Von 80‘000 Deportierten
starben oder wurden umgebracht
6‘397; unter den Deportierten
befanden sich 5‘000 Deportierte
aus politischen Gründen, 30‘000
Juden [von den 43‘000,die nicht
emigrieren oder sich verbergen
konnten und sich in die deut-
schen Register eintragen muss-
ten und 45‘000 Zwangsarbei-
ter.» (Aus: Letzte Briefe zum
Tode Verurteilter 1939-1945.)
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Trotz des Bemühens, ihre Neutralität zu bewahren, konnten die Länder Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien und Luxem-
burg einer deutschen Besetzung nicht entgehen. Anfänglich von dem Schock der schnellen Niederlage und der vermeintlichen
Unbesiegbarkeit der deutschen Streitkräfte gelähmt, fanden die Völker allmählich zu ihrem nationalen Behauptungswillen
zurück, und viele ihrer tapfersten Bürger beteiligten sich aktiv am Widerstand. Wenn Hitler die Ansicht vertrat, dass der
belgische König «in der politischen Versenkung verschwinden» müsse, weil er den «Zusammenschluss der germanischen Welt
wie der dänische und schwedische König» störe, so weiss man, wogegen sich der Widerstand in den besetzten Gebieten letzt-
lich gewandt hat. Er richtete sich nicht so sehr gegen eine «rein» militärische Besatzung, sondern vielmehr gegen die Ver-
suche, über die einheimischen Nationalsozialisten und kollaborationswilligen Kräfte die demokratischen Staatsordnungen
nach dem nationalsozialistischen Vorbild umzuwandeln und die freien Nationen zu Satelliten eines «Grossgermanischen Rei-
ches» zu degradieren. Daher wurde die Befreiung – wie hier auf dem Bild in einer Stadt in Holland – von einer fünf-
jährigen leidvollen Fremdherrschaft überall jubelnd begrüsst.
General von Witzleben steht bereit

von der Tat Hitlers nicht überrascht werden kann, da- det sich von Generalstabschef Halder und begibt sich
für hat Halder gesorgt: in sein eigenes Büro zurück. Den dort Anwesenden ruft
«Nein, da kann er mir nichts vormachen. Ich habe er gleich beim Eintritt zu, Brauchitsch mache mit, und:
selbst die Pläne so angelegt, dass ich mindestens drei- «Gleich ist es soweit!»
mal vierundzwanzig Stunden früher merken muss, ob Ganz verständlich ist diese Reaktion nicht, denn Witz-
er etwas plant. Und vierundzwanzig Stunden vorher leben hält nicht viel von Brauchitschs Entschlossenheit,
muss er mir spätestens den unwiderruflichen Befehl ge- weiss, dass er sich hat bestechen lassen, und hat noch
ben!» kürzlich gesagt, er werde einen Putsch nicht nur ohne,
Dann hat er noch genauer nach dem von ihm ausge- sondern auch gegen Brauchitsch durchführen. Gisevius
arbeiteten Operationsplan «Grün» definiert. Wenn alles hat dabei sogar den Eindruck gehabt, Witzleben
nach Plan klappen soll – und das weiss Hitler –, dann ist wünsche sogar das Letztere, um gegenüber «dem kor-
heute um 14.00 Uhr der letzte Zeitpunkt für den Beginn rupten Brauchitsch ... zum Gebrauch der Schusswaffe
der Mobilisierung. gezwungen zu werden» oder zumindest ihn und Halder,
Oberstleutnant Oster von der «Abwehr» fragt bei den von dem Witzleben auch nicht viel hält, verhaften zu
«zivilen» Mitverschwörern im Aussenministerium an, lassen.
ob sich an der internationalen Lage etwas geändert Die Pläne zur Besetzung der Knotenpunkte der Macht
habe. Die Frage wird verneint, Oster erfährt nur, dass in Berlin sind fertig. Der Regierungsrat Gisevius hat
der britische Premierminister Chamberlain das Unter- sie zum grossen Teil ausgearbeitet, unterstützt vom
haus zu einer Sitzung einberufen hat, um dem Parlament Chef der deutschen Kriminalpolizei und vom Berliner
eine wichtige Erklärung abzugeben. Polizeipräsidenten Helldorf. Mitteilungen über Stand-
Ob das die britische Kriegserklärung an Deutschland ort und Stärke von SS-Einheiten, Meldungen über die
sein wird? Wohl kaum. Sicher ein Ultimatum an die Bewaffnung der SS und über die jeweiligen Komman-
deutsche Reichsregierung. Immerhin, mit einem Ulti- deure bilden die Voraussetzung für diesen Aktions-
matum hat vor vierundzwanzig Jahren schon einmal plan.
ein Weltkrieg begonnen. Jedenfalls weiss Oberstleut- Helldorf hat unter anderem den Bauplan der Reichs-
nant Oster nun, dass es kein aussenpolitisches Ereignis kanzlei besorgt. Nach diesem Plan soll ein Stosstrupp
gibt, das auf die Pläne der Verschwörer irgendeinen der Potsdamer Division den Regierungssitz erobern
Einfluss haben könnte. und Hitler gefangennehmen, sobald das Stichwort für
General von Witzleben, der Kommandeur des Berliner die Aktion gegeben worden ist.
Wehrkreises und in dieser Eigenschaft der wichtigste Nach aussen hin will man allerdings nichts von der
Truppenbefehlshaber für die Verschwörer, wartet nur Verhaftung Hitlers sagen. Auch die Soldaten – bis auf
auf das Stichwort zum Losschlagen, nachdem er sich die wenigen des Stosstrupps in der Reichskanzlei –
davon hat überzeugen lassen, dass die Westmächte be- sollen nichts davon erfahren. Im Gegenteil – die Be-
stimmt endlich Krieg gegen Deutschland führen wer- fehle an alle sollen unter dem Vorwand erteilt werden,
den, wenn Hitler seine Forderung nach Rückkehr mit eine Verschwörerclique wolle die Macht an sich reissen,
Gewalt in die Tat umsetzen will. um die Friedenspolitik des Führers zu durchkreuzen.
Witzleben hat sich zu Halder begeben und ruft von Deshalb muss die Wehrmacht eingreifen, um die
der Dienststelle des Generalstabschefs den Oberbefehls- Kriegstreiber-Clique – das sind Aussenminister Ribben-
haber des Heeres, seinen unmittelbaren Vorgesetzten, trop, Propagandaminister Goebbels, SS-Chef Himmler,
an. Er teilt dem inzwischen von Hitler – anlässlich SD-Chef und Gestapo-Chef Heydrich und etliche an-
des «Führergeburtstages» am 20. April – zum General- dere, darunter eine Reihe von Gauleitern in den Ländern
obersten beförderten Brauchitsch mit, dass im Berliner – zu verhaften.
Wehrkreis alles für die Aktion bereit sei. Gleichzeitig sollen alle Machtzentren, darunter die
Witzleben bedrängt seinen Oberbefehlshaber, dieser Ministerien, die Rundfunksender, Telegrafenämter
möge selbst die Führung der Revolte übernehmen. und Zeitungsdruckereien, besetzt werden. Was man im
Brauchitsch sagt wieder einmal Ja, beugt aber gleich für Einzelnen für die Zukunft vorhat, darüber gehen die
sein späteres Nein vor. Selbstverständlich, sagt er, und Meinungen noch auseinander.
deshalb werde er jetzt gleich zur Reichskanzlei fahren, Jedenfalls warten zivile und militärische Verschwörer
um selbst die Lage zu prüfen. Wenn alles in Ordnung nun, in den Mittagstunden des 28. September 1938,
ist, wird er natürlich die Führung übernehmen. Wenn auf das Zeichen zum Losschlagen. Generalstabschef
alles in Ordnung ist... Halder wird dieses Zeichen geben. Spätestens um 14.00
General von Witzleben ist schon damit zufrieden, ver- Uhr, wenn Hitler in letzter Minute den Befehl zur
traut wieder einmal zuviel auf Brauchitsch, verabschie- Mobilmachung und zum Einmarsch in das Sudetenland

177
Widerstand in Deutschland 1934-1939

geben muss, will er seinen selbstgesetzten Termin vom dringend befürwortete; wie er den Botschafter erregt
1. Oktober für den Einmarsch beibehalten. anwies, unbedingt bis zu Hitler vorzustossen: ,Sage, was
Noch ist es nicht ganz zwölf Uhr mittags, noch disku- du gehört hast! Eile, eile!’;
tiert Hitler in der Reichskanzlei mit dem französischen wie Attolico tatsächlich ,eilte’, erst ins Auswärtige Amt,
Botschafter, der dem deutschen Reichskanzler klarzu- dann in die Reichskanzlei;
machen versucht, dass die deutschen Forderungen ja wie er dort nach 11 Uhr eintraf,
nach wie vor bewilligt seien, nur eben nicht in so kurzer wie er viel ratloses Volk herumstehen sah, Minister,
Zeit. Staatssekretäre, Offiziere, Adjutanten, Lakaien;
Da geschieht das, was Hitler abermals zu einem grossen wie die Panik gross war und die Furcht noch grösser;
Sieg verhelfen wird und die Pläne der Verschwörer wie Attolico einen Führer vorfand, der selbst nicht
zum Scheitern bringt: Ein Adjutant kommt aufgeregt mehr wusste, was er tun sollte; wie die ,Gemässigten’,
auf Hitler zu und meldet, der italienische Botschafter Neurath und Brauchitsch an der Spitze, einmal mehr
Attolico bitte den Führer dringend um eine sofortige ihren Führer ,mässigten’;
Unterredung. Hitler entschuldigt sich beim französi- wie dieser sich zuerst hysterisch sträubte, wie er
schen Botschafter und läuft mit einem Dolmetscher in schliesslich Mussolinis Vermittlung zustimmte ...;
die grosse Halle, wo Attolico ihm schon entgegenstürzt, wie wir derweil warteten und warteten;
völlig ausser Atem. wie wir gar nicht begreifen konnten, warum Brau-
«Führer! Führer!» ruft er Hitler völlig protokollwid- chitsch oder Halder keine Nachricht geben;
rig zu, blinzelt durch seine dicken Brillengläser, wischt wie uns die Minuten zu Stunden wurden, wie die
sich fahrig mit der Hand über die schweissnasse Stirn Spannung nicht mehr zu überbieten war und wie dann
und fährt mit vor Aufregung heiserer Stimme fort: ... ja, wie dann eine Sensationsmeldung zu uns her-
«Führer! Ich habe eine dringende Botschaft vom Duce überschwirrte, wie das Unwahrscheinliche Ereignis
für Sie!» ward: wie Chamberlain und Daladier nach München
Diese Botschaft rettet das Dritte Reich. Doch der Mann, flogen.
von dem diese Botschaft letzten Endes stammt, ist nicht Aus.
Hitlers italienischer Diktatorkollege Mussolini, sondern Soll ich noch beschreiben, wie ich Narr mir ein paar
der britische Premierminister Neville Chamberlain. Stunden weiter einbildete, man könnte putschen, aber
durch Witzleben eine ebenso verdiente wie herbe Ab-
Dr. Gisevius beschreibt die dramatischen Minuten um fuhr erhielt, was wohl der Truppe gegenüber einem
die Mittagszeit jenes entscheidenden 28. September in Triumphator zumutbar wäre oder nicht?
seinem Buch «Bis zum bitteren Ende» drastisch und Wie Oster und ich ein paar Tage später an General von
einprägsam. Er schildert: Witzlebens Kamin sassen, unsere schönen Pläne und
« ... wie bei Oster die verschiedensten Alarmnach- Ausarbeitungen ins Feuer warfen .. .
richten zusammenliefen und wie diese unter grotesken Schweigen wir über das, was jetzt kam. Denn sonst
Einzelheiten übereinstimmten, in der Reichskanzlei müsste ich auch beschreiben, welche Gefühle uns be-
ginge es drunter und drüber; wie uns Viertelstunde um schlichen, als wir die Berichte lasen,
Viertelstunde mehr zur Gewissheit wurde: Der lang er- wie die Pariser (nach dessen Rückkehr aus München)
sehnte Kladderadatsch war da ... Daladier umjubelten,
wie aber Chamberlain inzwischen seinen römischen wie (auf dem Londoner Flughafen nach Chamberlains
Botschafter mobilisiert hatte; Rückkehr) in Croydon der gleiche Beifall ertönte, und
wie dieser gegen zehn Uhr morgens Mussolini be- wie Chamberlain ein doppelt unterschriebenes Papier-
schwor, man wäre sich doch fast einig, man sollte doch chen in der Luft schwenkte ...
noch einmal miteinander sprechen; Peace in our time, Frieden in unserer Zeit?
wie daraufhin Graf Ciano [der italienische Aussen- Drücken wir uns lieber ein bisschen realistischer aus:
minister und Schwiegersohn Mussolinis] Ribbentrop Chamberlain rettete Hitler!»
anrief; wie jedoch das Gespräch nicht zustandekam, Die vom britischen Premierminister Chamberlain vor-
weil der Aussenminister in einer dringenden Bespre- geschlagene, vom italienischen Regierungschef Musso-
chung beim Führer weilte; lini vermittelte und vom französischen Ministerpräsi-
wie der gleiche Anruf in der Reichskanzlei erfolgte; denten Daladier und dem deutschen Kanzler Hitler
vergeblich, Ribbentrop liess sich nicht erreichen; akzeptierte Konferenz von München beschliesst ganz
wie nunmehr Mussolini persönlich seinen Berliner Bot- im Sinn von Hitlers Forderungen: Die Tschechen haben
schafter Attolico alarmierte: ,Hier ist der Duce, hörst das sudetendeutsche Gebiet ab 1. Oktober zu räumen,
du?’; wie er den englischen Verhandlungsvorschlag die Räumung hat bis zum 10. Oktober beendet zu sein.

178
Chamberlain rettet Hitler

Schritt für Schritt werden die deutschen Truppen nach- von ihm. Dann leitet er die tschechoslowakische Exil-
rücken. regierung in London und organisiert von dort aus
Die Vertreter der Tschechoslowakei sind in München Attentate gegen die Okkupanten seines Vaterlandes im
ebenfalls anwesend, aber an der Verhandlung dürfen «Protektorat Böhmen und Mähren».
nicht teilnehmen. Erst nachdem das «Münchner Hitler jedenfalls hat ein weiteres seiner Ziele im
Abkommen» von Chamberlain, Daladier, Mussolini Kampf gegen das «Versailler Diktat» und im Kampf
und Hitler unterzeichnet worden ist, werden die tsche- um die Herstellung der «staatlichen Einheit aller Deut-
chischen Vertreter aufgefordert, sich zur britischen und schen» erreicht. Und wieder mit friedlichen Mitteln,
französischen Delegation zu begeben. Chamberlain und ohne Krieg, ohne Blutvergiessen; und dem Volk er-
Daladier übergeben den Tschechen eine Kopie des Ver- scheint er nun mehr denn je als der erfolgreiche
trages und machen darauf aufmerksam, dass die CSR «Friedensfürst». Hat er nicht sogar die Regierungschefs
sich an die darin festgelegten Massnahmen und Termine von England und Frankreich davon überzeugt, dass er,
zu halten habe. Bei einer Weigerung habe die Tsche- dass Deutschland vollkommen im Recht ist, hat er nicht
choslowakei mit keinerlei Unterstützung durch Gross- endlich das den Deutschen bisher verweigerte Selbst-
britannien und Frankreich mehr zu rechnen. bestimmungsrecht durchgesetzt? Die Schwäche der
Der tschechische Staatspräsident Eduard Benesch tritt Westmächte wird von der deutschen Propaganda
daraufhin zurück und verschwindet für einige Zeit aus natürlich einseitig als Stärke Hitlers gefeiert.
dem öffentlichen Leben. Im Krieg hört man wieder Wieder jubeln ihm in Deutschland und bei seiner

Abb. links: Der Erlass über die Errichtung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda vom 13. März
1933 war eine der zahlreichen Massnahmen, mit denen das gesamte Informationswesen in den Dienst des nationalso-
zialistischen Staates gestellt wurde. Die verschiedenen Medien – Presse, Funk und Film – hatten nicht mehr die Auf-
gabe und die Freiheit, die staatlichen Massnahmen zu kontrollieren und zu kritisieren, sondern waren lediglich ein po-
litisches Führungsmittel, mit dessen Hilfe eine geschlossene Ausrichtung des Volkes in allen politischen Fragen sicher-
gestellt werden sollte. Durch diese einseitige und konkurrenzlose Propagierung dessen, was der Führung gerade genehm
war, wurden die Widerstandskräfte empfindlich beeinträchtigt. Abb. rechts: Der deutsche Michel, an Händen und Füssen
gefesselt und mit der Zunge an den Pflock genagelt, so sieht der Karikaturist A. Paul Weber die Auswirkungen des Ver-
lustes von Meinungs- und Informationsfreiheit.

179
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Totale Propaganda erschwert den Widerstand


Aus einer Rede des Propagandaministers Dr. Joseph Goeb-
bels – «Propaganda hat mit Wahrheit gar nichts zu tun» –
über die Aufgaben der Presse vom 18. März 1933 lassen sich
bereits die Grundzüge der nationalsozialistischenPresse-Po-
litik ersehen:
«Wie ich schon betont habe, soll die Presse nicht nur in-
formieren, sondern muss auch instruieren. Ich wende mich
dabei vor allem an die ausgesprochen nationale Presse.
Meine Herren! Sie werden auch einen Idealzustand darin
sehen, dass die Presse so fein organisiert ist, dass sie in der
Hand der Regierung sozusagen ein Klavier ist, auf dem
die Regierung spielen kann, dass sie ein ungeheuer wich-
tiges und bedeutsames Massenbeeinflussungsinstrument ist,
dessen sich die Regierung ... bedienen kann.»
Die auf diesen beiden Seiten abgedruckten «geheimen und
vertraulichen Anweisungen» für die Presse und die ent-
sprechenden Schlagzeilen im Völkischen Beobachter zeigen,
wie gut die nationalsozialistischen Machthaber «Klavier zu
spielen» wussten. Was hier in nur wenigen Dokumenten am
Beispiel der Sudetenkrise demonstriert werden kann, die
totale Propaganda des Dritten Reiches, die immer nur die
Schuld der anderen kannte, niemals aber die eigene
sah, liess keine gegnerische Meinung zu Wort kommen und
trug mit dazu bei, abweichende Meinungen gar nicht erst
aufkommen zu lassen oder durch den überlegenen Apparat
totaler Propaganda solchen Meinungen die Glaubwürdig-
keit zu nehmen.
27.4.1938
Weitere Reportagen über die Elendsgebiete, über die kul-
turellen Probleme und andere Lebensfragen des Sudeten-
Deutschtums müssen zur indirekten Charakterisierung des
tschechischen Regimes veröffentlicht werden. Diese Methode
ist dem direkten Angriff in der nächsten Zeit vorzuziehen.
20.5.1938
Mehr Zurückhaltung in der tschechischen beziehungsweise
sudetendeutschen Frage. Wenn man etwas zu sagen hat, soll
dies in ruhigem, sachlichem Ton geschehen, unter Beschrän-
kung auf Tatsachen.
23.5.1938
Zwischenfälle stark herausstellen. Tendenz: Bei den Deut-
schen herrscht Ruhe, bei den anderen Kopflosigkeit und
Terror. Dadurch wird die Berechtigung der Karlsbader For-
derungen unterstrichen. Die Mobilmachung und die militä-
rischen Massnahmen der Tschechoslowakei haben sich als
überflüssig erwiesen, man muss ihre Zurückziehung verlan-
gen.
10.6.1938
Weisung von Fritzsche: Verschärfung geboten! Die Prager
Staatsführung fühlt sich ähnlich wie Rotspanien als Vor-
posten der Sowjetunion und gibt ein Glacis für das Vor-
dringen des Bolschewismus in Mitteleuropa. Die wirtschaft-
lichen Belastungen im sudetendeutschen Gebiet sind von
dem Gesichtspunkt aus zu betrachten, dass man sagt, hier
sei die Absicht am Werk, das Gebiet zu verelenden, damit es
für den Kommunismus reif werde. Den Engländern soll man
einmal die Frage stellen, was sie dazu sagen würden, wenn
dreieinhalb Millionen Engländer in Deutschland gezwungen
würden, eine antienglische Politik mitzumachen.
180
Propaganda erschwert den Widerstand

14.9.1938
Die Presse muss die Tendenz
verbreiten: Es ist nicht vorstell-
bar, dass ein friedliches Zusam-
menleben der Volksgruppen im
gleichen Staate möglich ist.
16. 9.1938
Die militärischen Massnahmen
der Tschechoslowakei in allen
Meldungen gross aufmachen.
Die Zermürbung in Prag ist
schon sehr gross. Sie muss weiter
durch unsere Haltung ange-
strebt werden . . . Flüchtlings-
elend gross zeigen . . . Berichten,
dass viele Haus und Hof im
Stich gelassen haben, dass kranke
Menschen, hochschwangere
Frauen und kleine Kinder usw.
sich im letzten Augenblick vor der
tschechischen Soldateska retten
konnten. Appell an die Welt,
solche Zustände nicht länger zu
dulden.
17. 9.1938
Gesamttendenz: Dieser Staat ist
eine Schande für Europa. Er muss
von der Bildfläche verschwinden,
erst dann wird Friede sein. Meine
Herren, Sie sind die schwere Ar-
tillerie des Reiches.
Sie müssen die Stellung sturmreif
schiessen. Mit allen Mitteln muss
ein paar Tage durchgehalten wer-
den. Das Reich hat im Augenblick
keine anderen Waffen als Sie. Es
darf keine Zeitung ohne ganz
grosse Aufmachung erscheinen.
Schon das äussere Spiegelbild
muss wirksam sein. Bisher hat al-
les gut funktioniert.
19.9.1938
Die Zeitungen, die bisher nur mit
guten 7,5-cm-Geschützen ge-
schossen haben, sollen sich erin-
nern, dass es auch 21-cm-Ge-
schütze gibt. Der Welt muss all-
mählich plausibel gemacht wer-
den, dass dieser Staat unmöglich
ist.
30.9.1938
Das Münchener Abkommen dient
der Sicherung des Friedens in Eu-
ropa. Aber wir dürfen nicht so
tun, als ob uns nun ein Stein vom
Herzen falle.

181
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Triumphfahrt durch die «befreiten» sudetendeutschen Canaris, Osters österreichischer Stellvertreter Oberst-
Gebiete Hunderttausende von Menschen zu, und wieder leutnant Lahousen, der zurückgetretene Generalstabs-
ertönen, wie nach der Wiedervereinigung mit Öster- chef Beck, Staatssekretär Erwin Planck (Sohn des be-
reich, die Sprechchöre auf allen Strassen: rühmten Physikers und Nobelpreisträgers Max Planck),
«Ein Volk, ein Reich, ein Führer!» Ex-Botschafter von Hassell und vor allem Dr. Carl
Kein Wunder, dass die Gruppe der Verschwörer es nicht Goerdeler tragen Material und Fakten zusammen, um
mehr wagen kann, etwas gegen Hitler zu unternehmen. die unentschlossenen Generale endlich davon zu über-
Was sollte man nun wohl dem Volk sagen, das den zeugen, dass Deutschland unter Hitlers Führung auf ei-
Frieden eben durch Hitler gerettet sieht? Auch der zur nen Krieg zusteuert, dass die immer stärker werdende
Tarnung erwogene Schachzug mit der «Gestapo- und Herrschaft der Himmler und Heydrich Schritt für Schritt
SS-Verschwörung gegen den Führer» zieht jetzt nicht jede Rechtsstaatlichkeit beseitigt und letzten Endes auch
mehr. Kein Mensch würde glauben, dass Himmler und der Wehrmacht selbst gefährlich werden muss.
Heydrich ausgerechnet in der Stunde von Hitlers gröss-
tem Triumph eine Verschwörung gegen den millionen- Halder und Brauchitsch sehen dieses Argument zwar
fach umjubelten Führer angezettelt hätten. Nein, diese ein, ihr Handeln aber bleibt aus.
beste, fast einmalige Gelegenheit, Hitler zu entmachten, Hitlers nächster Schlag, die Unterstützung der Bildung
ist vorbei. eines slowakischen Nationalstaates und die Umwand-
Über die schwerwiegenden Folgen von «München» für lung des verbliebenen tschechoslowakischen Gebietes
die militärische Opposition schreibt Helmut Krausnick: in das «Protektorat Böhmen und Mähren», erfolgt so
«Alle diejenigen, die den Nationalsozialismus noch schnell, dass die Verschwörer diesmal überhaupt nichts
nicht aus gefestigter innerer Überzeugung als Ganzes unternehmen können.
ablehnten, sondern sich mehr an ,Einzelerscheinungen' Dann aber geschehen drei Dinge fast zur gleichen Zeit.
stiessen und zuletzt der abenteuerlichen Politik Hitlers Italiens Aussenminister Graf Ciano unterzeichnet in
widerstrebt hatten, gingen nunmehr der Opposition Berlin den «Stahlpakt», den militärischen Bündnisver-
verloren. Ihrer Auffassung und ihren unzulänglichen trag der beiden «Achsenpartner» Deutschland und
Massstäben nach hatte Hitler die Lage richtig beurteilt Italien. Am Abend nach der Unterzeichnung gibt die
und daraus zwar äusserst kühne, aber durch den Erfolg deutsche Regierung zu Ehren des Mussolini-Schwie-
gerechtfertigte Konsequenzen gezogen. Sie betrachteten gersohnes einen Empfang, und zu dem erscheint auch
,mit wachsender Verblüffung das unglaubhafte politi- ein Diplomat, den man schon lange nicht mehr bei
tische Glück, mit dem Hitler alle seine durchsichtigen solchen Gelegenheiten gesehen hat: der sowjetische
und undurchsichtigen Ziele bisher ohne Griff nach den Botschafter Astachow. Verwundert sehen die diploma-
Waffen erreichte'. Und angesichts des ,beinahe untrü- tischen Gäste und die für die Gestaltung des Abends
gerischen Instinkts' [Manstein], mit dem dieser Mann aufgebotenen Film- und Bühnenkünstler, dass der so-
im deutschen Interesse zu handeln schien, überkam sie wjetische Botschafter besonders herzlich begrüsst und
wohl gar das peinliche Empfinden, durch ihre Kritik während des ganzen Abends mit bevorzugter Aufmerk-
oder ihre Sympathie für ein Unternehmen gegen den samkeit behandelt wird.
Diktator sich einer grossen nationalen Sache versagt Das dritte Ereignis ist eine Erklärung, die der britische
zu haben. Sie sahen sich in eine Rolle von Kleingläubi- Premierminister Chamberlain am 31. März vor dem bri-
gen von einem begnadeten Meister gedrängt, und die- tischen Unterhaus abgibt. Chamberlain sagt unter ande-
ses Bewusstsein führte nicht nur dazu, dass sie sich ihrer rem:
bisherigen Einstellung nur ungern erinnerten, es muss- «Im Falle irgendeiner, die Unabhängigkeit Polens ein-
te auch bei einer ähnlichen Situation in der Zukunft deutig bedrohenden Aktion, angesichts derer die pol-
alle Versuche, sie der Opposition zurückzugewinnen, nische Regierung es als notwendig erachtet, mit ihren
erheblich erschweren.» nationalen Streitkräften Widerstand zu leisten, hält
Ludwig Beck, der von Hitler anlässlich seines Rück- sich Seiner Majestät Regierung für verpflichtet, der
tritts eben erst zum Generalobersten beförderte bis- polnischen Regierung sofort alle in ihrer Macht ste-
herige Generalstabschef, hat das Pech abermals auf hende Unterstützung angedeihen zu lassen . .. Ich darf
seiner Seite. Seine von ernster Sorge geleitete Prophe- hinzufügen, dass mich die französische Regierung er-
zeiung hat sich erneut als falsch erwiesen. mächtigt hat, klarzustellen, dass sie in dieser Angele-
Trotzdem, die aktiven unter den Verschwörern geben genheit denselben Standpunkt einnimmt.»
ihre Sache immer noch nicht verloren. Unablässig su- Der deutschen Öffentlichkeit wird nur das erste der
chen sie auf die Wehrmachtsführung einzuwirken. drei Ereignisse bekannt, die Unterzeichnung des
Oberst Oster von der «Abwehr», sein Chef Admiral «Stahlpaktes». Von der plötzlichen, zumindest gesell-

182
Gegen den Krieg

schaftlichen Aufwertung des Sowjetbotschafters und Am Sonntag vor Beginn des Polenfeldzuges war ich
von Chamberlains Rede erfährt die Masse nichts. Und erneut bei Keitel und überreichte ihm bildlich darge-
viele Eingeweihte können sich weder auf das eine noch stellte statistische Unterlagen über die kriegswirt-
auf das andere einen Reim machen. Chamberlains Re- schaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands und der
gierungserklärung scheint nichts anderes zu sein als eine übrigen Weltmächte. Aus ihnen ging klar die grosse
jener Stellungnahmen, wie sie Regierungen oft abge- kriegswirtschaftliche Überlegenheit der Westmächte
ben, ohne dass etwas Ernstes dahintersteht. und die für uns bestehenden Gefahren hervor.
Einige der Verschwörer aber erkennen mehr dahinter. Keitel sagte mir am nächsten Tag, er habe diese Über-
Die Besetzung der Rest-Tschechoslowakei als deut- sichten Hitler vorgelegt und Hitler habe erklärt, dass
sches «Protektorat» scheint nun doch der britischen er meine Sorge und die Gefahr eines Weltkrieges in
Politik der Beschwichtigung Hitlers, der Politik des keiner Weise teile, insonderheit, da er die Sowjetunion
«Appeasement», wie die Engländer selbst sagen, ein für sich eingefangen hätte ...»
Ende gemacht zu haben. Es sieht so aus, als mache die General Thomas versucht Keitel dennoch weiter von
britische Regierung mit ihren Protesten nun doch ein- der Richtigkeit seiner Ansichten zu überzeugen und
mal Ernst. Die Kerngruppe der Verschwörer befürch- ihn mit dem preussischen Finanzminister Popitz oder
tet, dass Hitler seine Forderungen gegenüber Polen im Dr. Goerdeler zusammenzubringen, damit diese seine
Ablehnungsfall mit Gewalt durchsetzen will und dass wirtschaftlichen Argumente unterstützen. Aber das
dann England und Frankreich tatsächlich den Polen geht alles ins Leere, weil Keitel und wohl auch Hitler
militärisch helfen werden. Das aber wäre der Zweite Thomas’ Argumente zwar akzeptieren, nicht aber dar-
Weltkrieg. an glauben, dass die Westmächte tatsächlich eingreifen
Diesmal versuchen die Verschwörer, Hitler durch Über- werden. Dann aber werde es auch nicht zum Weltkrieg
redung von einer solchen Politik abzuhalten. Zu ihrem kommen und diese Überlegungen seien daher unrea-
Kreis gehört seit einiger Zeit auch der General Georg listisch.
Thomas. Er ist der Leiter des «Wehrwirtschaftsamtes». Keitel weiss natürlich, dass es keineswegs der General
Er hat schon oft Differenzen mit Hitler gehabt, aber Thomas allein ist, der sich Gedanken macht und Be-
Hitler will auf seine umfassenden Fachkenntnisse auf denken gegen Hitlers und Ribbentrops Aussenpolitik
allen Gebieten der Wehrwirtschaft nicht verzichten und hat. Und so befiehlt er den Generalen und Admiralen in
behält ihn deswegen im Amt. der Führungsspitze:
Thomas tut so, als verstünde er von der politischen «Das Ausland hat sich an die Wege und Massnahmen
Entwicklung nichts, verfasst aber Denkschriften, die des Führers zu gewöhnen; er hat seinen eigenen Nach-
stets eindeutig darauf hinweisen, dass Deutschland etwa richtendienst und sieht die grossen Zusammenhänge
einem Zweifrontenkrieg oder gar einem Weltkrieg wirt- besser als wir. Ich wünsche, dass kein Angehöriger des
schaftlich einfach nicht gewachsen ist. OKW im Kameradenkreis oder in der Öffentlichkeit in
In Gesprächen sucht er vor allem die Männer, auf die irgendeiner Weise gegen die Massnahmen des
es nach wie vor ankommt, davon zu überzeugen, dass Führers Stellung nimmt oder Kritik übt, auch nicht in
eine gewaltsame Auseinandersetzung mit Polen zum der Kirchen- oder der Judenfrage. Wer dagegen han-
gleichzeitigen Konflikt mit den Westmächten führen delt, kann nicht erwarten, von mir gedeckt zu wer-
muss und dass die Wehrmacht rüstungsmässig nie in den.»
der Lage sein wird, in einer solchen Auseinanderset- Der Gegenpol zu Keitel ist nach wie vor der frühere
zung zu bestehen. General Thomas überlebt den Krieg Generalstabschef Beck. Er hat sich seit der Sudetenkrise
und die Haft im Konzentrationslager und schreibt später zurückgehalten, nachdem er hier das Verhalten Cham-
über die Tage vor dem Ausbruch des Krieges: berlains falsch einkalkuliert hat und damit Hitler ge-
«Ich verfasste in diesen Tagen eine (vertrauliche) kurze genüber im Unrecht geblieben ist. Beck hat keine
Denkschrift, aus der klar hervorging, dass Hitlers Er- Chance mehr gesehen, dem doch stets nur immer wie-
oberungspläne zum Weltkrieg führen müssten, dass der über alle Kritiker triumphierenden Hitler wirk-
dieser Krieg zu einem langen Materialkrieg führen sam entgegenzutreten. Nun aber, da die Zuspitzung
würde und dass Deutschland aus Rohstoff- und Ernäh- des Verhältnisses zu Polen die Gefahr eines Weltkrieges
rungsgründen diesen Krieg ohne starke Bundesgenos- heraufzubeschwören scheint, sieht er einen neuen An-
sen nicht durchhalten könnte ... satzpunkt.
Diese Denkschrift habe ich Keitel etwa 14 Tage vor Beck wendet sich jetzt sogar an Brauchitsch, den er als
Beginn des Polenfeldzuges vorgetragen. Keitel unter- Verräter an der Offizierstradition verachtet, den er
brach mich bei diesem Vortrag und erklärte mir, dass für korrupt und charakterlos hält. Er schreibt dem
Hitler nie einen Weltkrieg führen würde ... Oberbefehlshaber des Heeres einen Brief, der an Deut-

183
Widerstand in Deutschland 1934-1939

lichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Hitler provo- Die Hauptsensation, die Gisevius brachte, ist folgende:
ziere einen Weltkrieg, Hitler und die NS-Herrschaft Eine durchaus sichere Person, die das Telegramm an
müssten beseitigt werden. Schulenburg [den deutschen Botschafter in Moskau]
Diese grobe Offenheit ist gewollt: Brauchitsch soll sich selbst gelesen habe, berichte, dass Hitler Schulenburg
endlich entscheiden. Entweder muss er als der Regie- beauftragt habe, nochmals eine Verständigung mit Mo-
rung gegenüber loyaler Heerführer diesen Brief sei- lotow zu versuchen und mitzuteilen, dass Hitler bereit
nem Obersten Befehlshaber Hitler oder der Gestapo sei, zu Stalin zu fahren! Mir blieb der Mund offen...!»
übergeben – oder aber er muss sich endlich eindeutig Der «Mund offen» bleibt auch den Generalen, die
auf die Seite der Verschwörer stellen. Becks Rechnung Hitler am 23. August nochmals zu einer Besprechung
geht wieder einmal nicht auf, denn Brauchitsch ver- empfängt. Ihnen gibt Hitler offiziell bekannt, dass die
fällt, seinem Charakter entsprechend, auf eine dritte Gefahr eines Weltkrieges endgültig gebannt sei: Zur
Möglichkeit – er tut so, als habe er Becks Brief nie Stunde weile der Reichsaussenminister im Moskauer
erhalten und schweigt einfach. Kreml zu Verhandlungen. Ribbentrop habe bereits
Beck bittet schliesslich den Generalstabschef Halder zu mitgeteilt, dass noch heute ein deutsch-sowjetischer
sich, seinen Nachfolger. Und Halder kommt auch zu Freundschaftspakt unterzeichnet werde.
seinem früheren Vorgesetzten. Noch immer findet er Die Wehrmachtsführer sind sprachlos. Das ist die sen-
starke Worte, wenn er über Hitler spricht, noch immer sationellste Wendung in der Politik Hitlers, die man
ist er derjenige, der am entschiedensten dafür ist, nicht sich vorstellen kann. Selbst diejenigen, die im Stillen
nur die SS und Gestapo zu beseitigen, sondern Hitler die Befürchtungen der Opposition geteilt haben, den-
selbst. Nicht durch Gefangennahme und einen an- ken jetzt nicht mehr so pessimistisch über einen Krieg
schliessenden Prozess, sondern durch ein als Unfall ge- mit Polen. Die Westmächte werden, wenn sie das je
tarntes Attentat. vorgehabt haben, nun eines deutschen Angriffs auf
Aber – nicht gerade jetzt. Hitler hat unbestreitbar Polen wegen nicht militärisch eingreifen, nachdem sich
Erfolge gehabt wie kein deutscher Staatsmann vor Hitler diese Rückendeckung in Moskau verschafft hat.
ihm. Soll er auch noch das Problem des «Polnischen Polen wird in einem Zweifrontenkrieg gegen Deutsch-
Korridors» und der Rückkehr Danzigs zu Deutsch- land und die Sowjetunion in kürzester Zeit unterlie-
land lösen! Diese Aufgabe soll Hitler noch bewältigen, gen, gegen Sowjets und Deutsche aber werden die
dann kann man weitersehen. Westmächte bestimmt keinen Krieg führen.
Becks Argumente, dass ja eben darin die Gefahr liege, Damit sind der Opposition für längere Zeit die mili-
dass ein Weltkrieg entstünde, kommen bei Halder nicht tärisch-fachlichen Argumente genommen. Zwar haben
an. Hitler, so versichert er immer wieder, wolle ja sich Hitler und viele andere getäuscht, aber für bes-
keinen Weltkrieg, im Gegenteil, er hat ja schon dafür sere Einsichten ist es bei den einander sich jagenden
gesorgt, dass sich die Westmächte nicht einmischen. Ereignissen dann zu spät:
Wie Hitler dafür gesorgt hat, geht erstmals aus einer Am 25. August erteilt Hitler den Angriffsbefehl gegen
Notiz hervor, die der frühere deutsche Botschafter in Polen für den nächsten Tag. Der Befehl ist kaum hin-
Rom, Ulrich von Hassell, am 15. August 1939 in sein ausgegangen, als er widerrufen wird – England und
Tagebuch einträgt: Frankreich haben einen Beistandspakt mit Polen ab-
«Nachmittags kam Gisevius in grosser Aufregung zu geschlossen. Wollen die Westmächte doch einen Krieg
mir. Die Oberbefehlshaber seien gestern auf dem wagen?
Berghof] von Hitler informiert worden, dass er gegen Reichsminister Schacht, General Thomas und Oberst
Polen losschlagen wolle ... Hitler glaube nicht, dass Oster wollen eben ein letztes Mal Brauchitsch und Hal-
die Westmächte eingreifen würden. Wenn das trotz- der die Pistole auf die Brust setzen, nachdem der An-
dem geschehe, würde er allerdings den Kurs ändern ... griffsbefehl gegeben ist. Sie wollen zum Oberkom-
Gisevius meinte, man solle jetzt noch nicht sein Pulver mando des Heeres nach Zossen fahren und die beiden
verschiessen und noch nicht die stärkste Einflussnahme Generale auffordern, Schacht Truppen zur Verfügung
auf die Militärs versuchen, weil die Aktion noch ver- zu stellen. Begründung: Der Angriffsbefehl ist rechts-
puffen würde und nachher im entscheidenden Augen- widrig, da eine Kriegserklärung nach dem Gesetz nur
blick nicht wiederholt werden könnte. Goerdeler sei... vom gesamten Kabinett beschlossen werden kann.
allerdings für sofortiges Hingehen zu Brauchitsch. Ich Schacht als Minister muss deshalb mit Truppen die
erwiderte, nach seinen [Gisevius’] Mitteilungen sei Rechte der Reichsregierung wiederherstellen.
auch ich dafür, direkte Aktionen noch zurückzustellen. Da kommt die Zurücknahme des Angriffsbefehls.
Gisevius meinte, die Tage vor dem 27.8. würden die Einige der Verschwörer triumphieren. Oberst Oster
entscheidenden sein, etwa vom 22.8. an. sieht Hitler schon gestürzt. Diese ungeheure Blamage,

184
Elser-Attentat

einen praktisch schon begonnenen Krieg wieder ab- Die Offensive wird immer wieder hinausgezögert. Ein-
blasen zu müssen, kann Hitler nicht überleben. «Dieser mal ist eine Friedensvermittlung durch die Monarchen
Führer hat ausgeführt!» sagt er mit strahlender Miene. Belgiens und Hollands die Ursache, da Hitler erst die
britische und französische Reaktion darauf abwarten
Und nun wartet man darauf, was weiter wird, ohne will. Denn es wäre ihm lieber, wenn er seinen imperia-
selbst etwas zu unternehmen. So kommt es, dass auch listischen Krieg gegen Polen fürs erste ohne weitere
die Verschwörer, die überall in führenden Funktionen kriegerische Auseinandersetzungen beenden könnte.
sitzen, am Abend des 31. August völlig verblüfft sind, Dann sind es wieder militärische Bedenken, und hier
dass Hitler nun doch den unwiderruflichen Angriffs- versucht Brauchitsch nun doch einmal, sich gegenüber
befehl für den nächsten Morgen gegeben hat. Nun ist Hitler durchzusetzen.
nichts mehr zu retten. Er unterrichtet auch die Verschwörer davon, dass er
Am Freitag, dem 1. September 1939 beginnt der Feld- mit einer Denkschrift gegen den geplanten West-
zug gegen Polen und damit der Zweite Weltkrieg. Die feldzug zu Hitler fahren wird. Sollte Hitler dennoch
siegreichen Gefechte des ersten «Blitzkrieges» bringen auf der Durchführung der Offensive im Westen be-
zunächst die Opposition der Generale zum Verstum- stehen, dann bedeute das Deutschlands sichere Nieder-
men. Jetzt gilt es erst einmal, diesen Feldzug zu gewin- lage, da die schwache Wehrmacht ja gar nicht in der
nen. Lage sei, gegen die weit überlegenen Westmächte an-
England und Frankreich haben am 3. September zutreten. Und in diesem Falle stünde er, Brauchitsch,
Deutschland den Krieg erklärt. Hitler hat das bis da- der Opposition nunmehr aktiv zur Verfügung. Aber
hin noch immer nicht für möglich gehalten und damit weder dringt er mit seinen Argumenten bei Hitler durch,
einen entscheidenden aussenpolitischen Misserfolg er- noch stellt er sich den Verschwörern danach tatsächlich
zielt. Das, was er vermeiden wollte, ist nun doch ein- zur Verfügung.
getreten. Aber noch einmal glaubt er sich seinen Selbst- Nein, mit diesem Oberbefehlshaber ist wirklich nicht
täuschungen hingeben zu können, denn die Franzosen zu rechnen. Oberst Oster lässt schnell noch der belgi-
sind zwar einige Kilometer in den Grenzwäldern des schen und der holländischen diplomatischen Mission
Saarlandes vorgedrungen, verhalten sich aber seitdem in Berlin die Nachricht zukommen, die deutsche Wehr-
ruhig. Und die Engländer tun auch nichts weiter, als macht trete am 12. November zum Angriff an.
die Polen mit Worten ihrer Sympathie und Unterstüt- Aber am 9. November verschiebt Hitler den Angriffs-
zung zu versichern. Der gefürchtete Zweifrontenkrieg termin. Am Abend zuvor ist in München ein Attentat
findet nicht statt. auf ihn verübt worden. Wie in jedem Jahr hat er im
Der Polenfeldzug ist bald beendet. Am 17. September Saal des Bürgerbräu-Kellers seine Rede zum Gedächt-
marschieren die Sowjets über die polnische Ostgrenze. nis an den Putsch von 1923 gehalten. Zwölf Minuten
Sie treffen nur noch auf die vor den deutschen Trup- nachdem er den Saal verlassen hat, ist in der Galerie-
pen geflüchteten Reste der polnischen Armee, die noch säule, vor der das Rednerpult stand, eine Bombe explo-
vor wenigen Monaten verkündet hat, sie werde die diert. Es gibt 7 Tote und 63 zum Teil schwer Verletzte.
Deutschen im Berliner Grünewald vernichtend schla-
gen. Am 29. September kapituliert die polnische Schon in der folgenden Nacht wird an der Schweizer
Hauptstadt Warschau, und damit ist dieser Krieg zu Grenze ein Mann festgenommen, der heimlich versucht
Ende, wenn auch noch vereinzelt polnische Einheiten hat, die Grenze zu überschreiten. Er wird von den
weiterkämpfen, so auf der Halbinsel Heia in der Danzi- Zollbeamten durchsucht, die jedoch nichts Verdächtiges
ger Bucht und in der Festung Modlin. bei ihm finden. Dann jedoch kommt die Nachricht von
Die deutschen Truppen werden sofort an die West- dem Attentat auf Hitler über den Rundfunk, und nun
grenze verlegt, falls die Franzosen sich doch noch zum fällt einem der Zollbeamten etwas ein – die Münche-
Angriff entschliessen. Ausserdem trägt Hitler sich selbst ner Ansichtskarte, die der Festgenommene bei sich hat.
mit dem Gedanken einer Offensive im Westen, um dem Er schaut sich diese Karte noch einmal an. Eine Innen-
Gegner zuvorzukommen. Denn die Zeit arbeitet gegen aufnahme vom Bürgerbräu-Keller. In einer Säule ist
ihn, die Westmächte können ihr Rüstungspotential, ein Bleistiftkreuz eingezeichnet! Aufgeregt melden die
vor allem die unerschöpflichen Rohstoffquellen des Zollbeamten nun die ansonsten routinemässige Fest-
britischen Weltreiches, in immer stärkerem Masse aus- nahme eines Grenzgängers sofort der vorgesetzten
nutzen, während das in der Mitte Europas liegende Dienststelle in Lindau, von dort gelangt die Meldung
isolierte Deutschland über keine Reserven verfügt nach München, wo schon eine Sonderkommission der
ausser der wirtschaftlichen Hilfe, die von der nun ver- Kriminalpolizei an der Arbeit ist, um das Attentat auf-
bündeten Sowjetunion kommt. zuklären.

185
Widerstand in Deutschland 1934-1939

Georg Elser, so heisst der Festgenommene, wird darauf- Hitler es selbst bestellt hat, um seine wundersame Ret-
hin sofort nach München gebracht. Schon in der ersten tung als Gottes Fügung hinstellen zu lassen – man
Vernehmung gibt Elser zu, der Attentäter zu sein. Er könnte der Bevölkerung jetzt mit besseren Argumen-
gibt auch das Motiv für die Tat an. Sein Bruder, Kom- ten als zuvor sagen, SS und Gestapo wollten die Macht
munist, ist in einem Konzentrationslager gestorben. an sich reissen. Himmler und Heydrich haben das At-
Elser macht Hitler dafür verantwortlich und dafür, tentat vorbereitet, denn nur sie hatten Gelegenheit
dass jetzt Krieg ist. Er hasst Hitler und wollte ihn be- dazu.
seitigen. Aber auch dieser Plan zerschlägt sich, denn die Gene-
Die Bombe hat er in mühsamer Arbeit selbst gebaut rale machen nicht mit, und ohne Truppe kann man
und mit einem Wedcer eine Zeitzündung dazu fabri- nicht putschen, im Krieg noch weniger als sonst. So
ziert. In den Saal des Bürgerbräukellers hat er sich treibt die Entwicklung langsam vor sich hin, bis der
nächtelang einschliessen lassen, um die Bombe in die «komische Krieg» an der Westfront, in dem beider-
Säule hineinzubauen. Die aus der Säule herausgebro- seits mehr mit Flugblättern als mit Bomben geworfen,
chenen Putz- und Mauerstücke hat er in seiner Akten- mehr mit Lautsprechern von Front zu Front geschos-
tasche krümelweise davongetragen. Das Loch in der sen wird als mit Granaten, wieder zu einem «richtigen»
Säule ist zwischen seinen Arbeitsnächten nicht zu se- Krieg wird.
hen gewesen, da die Säule mit Holzplatten verkleidet Oberst Oster ist es, der noch eine Widerstandshand-
war, die Elser jedesmal wieder befestigt hat – er ist lung wagt: Am Abend des 9. Mai 1940 verständigt er
Schreiner von Beruf. den holländischen Militärattache Oberst Sass davon,
Zündung und Sprengstoff will er von zwei Männern dass die deutsche Wehrmacht am nächsten Morgen an
in einem Münchener Lokal erhalten haben. Restlos ist der gesamten Westgrenze von Holland bis Frankreich
das Attentat Elsers bis heute nicht aufgeklärt. Fest zum Angriff antreten wird.
steht jedoch, dass Elser den Sprengstoff aus einem Und selbst diese Handlung ist vergebens. Denn Oster
Steinbruch in der Nähe seines Heimatdorfes gestohlen hat schon so viele Termine eines deutschen Angriffes
hat, fest steht auch, dass er noch von seinem Bruder mitgeteilt, dass man ihm in Holland ausgerechnet dies-
her Verbindung mit illegalen kommunistischen Grup- mal, da seine Meldung stimmt, nicht glaubt. Die
pen gehabt hat, darunter Emigranten in der Schweiz. Widerstandsbewegung in den deutschen Führungskrei-
Ob die Vermutung stimmt, Hitler habe das Attentat sen, die sich weiter formiert, sieht erst dann wieder
selbst planen lassen, um sich danach vor dem Volk als eine Chance, nachdem die scheinbar unaufhaltsamen
durch die Vorsehung gerettet feiern zu lassen, lässt sich Siegeszüge der deutschen Wehrmacht ihr Ende gefun-
nicht eindeutig feststellen. den haben und die Rückschläge an den Fronten ein-
An diese letzte Version glauben auch die Verschwörer setzen.
gegen Hitler, die zunächst höchst erstaunt darüber Während des Krieges aber entwickelt sich auch der
sind, dass hier jemand das wahrgemacht hat, wovon Kampf gegen Hitler und den Nationalsozialismus in
sie immer nur sprechen. Jetzt wird besprochen, ob man all den Ländern, die von Deutschland erobert worden
das Attentat nicht ausnutzen kann. Ganz gleich, ob sind.

186
Widerstand im Norden

Dänemark: Kein militärischer Widerstand – Clausen scheitert – SOE greift ein – Ausnahmezustand und Generalstreik –
Flucht nach Schweden oder Selbstversenkung – BOPA und «Holger Danske» – Freiheitsrat Dänemark – 538 illegale
Zeitschriften – Rettung der dänischen Juden – Volksstreik in Kopenhagen – Dänemark ist frei – Norwegen: Deutsche
landen bei Narvik – Exilregierung in London – Gegen Quisling und Nazifizierung – Rücktritt der höchsten Richter –
Heimatfront und Aussenfront – Die Handelsflotte mit dem Kampfwert eines Millionenheeres – 10 Professoren und 70 Stu-
denten werden verhaftet – Verräter Oliver Rinnan – SOE und Milorg – Einsatz gegen Rjukan – Sabotagewelle schwillt
an – Die deutschen Behörden haben nichts mehr zu sagen.

Dänemark und politische Unabhängigkeit des Königreiches Däne-


mark jetzt oder in Zukunft anzutasten». Allerdings dürfe
1. Februar 1940 – der englische Marine-Minister und keinerlei Widerstand geleistet werden, da dieser mit den
spätere Ministerpräsident von England, Winston schlimmsten Folgen verbunden sei.
Churchill, wird von skandinavischen Pressevertretern Die dänische Regierung befindet sich in einer schwie-
gefragt, wieweit England zu einer Hilfeleistung für rigen Situation. Als kleines Land mit 4 Millionen
die skandinavischen Staaten bereit sei. Und Churchill Einwohnern militärisch völlig unterlegen, ohne auf
erklärt, dass Norwegen und Schweden auf Hilfe rech- fremde Hilfe hoffen zu können, von den Deutschen
nen könnten, nicht jedoch Dänemark: «Ich kann Däne- mit den modernsten Waffen bedroht, beschliesst die
mark keinen Vorwurf machen. Die anderen haben Regierung, keinen militärischen Widerstand zu leisten.
doch wenigstens einen Wallgraben, über den sie den Aufrufe an die Bevölkerung verkünden, man habe
Tiger füttern können, aber Dänemark liegt doch sich unter Protest gefügt und beschlossen, die Verhält-
schrecklich nahe bei Deutschland, dass es unmöglich nisse des Landes unter Hinnahme der deutschen Be-
sein wird, Hilfe zu bringen. Ich möchte jedenfalls setzung zu regeln. Die Regierung fordere daher alle
keine Garantie für Dänemark auf mich nehmen ... auf, eine ruhige und beherrschte Haltung zu bewah-
Dänemark hat zwar einen Vertrag mit Deutschland, ren. Ministerpräsident Stauning begründet diese Ent-
aber ich zweifle nicht daran, dass die Deutschen eines scheidung: Man habe «aus der ehrlichen Überzeugung»
Tages, wenn es ihnen passt, Dänemark überfluten wer- gehandelt, «dadurch Land und Volk vor einem schwe-
den.» ren Schicksal zu bewahren».
Dieser Tag ist der 9. April 1940. Trotz des Nichtan- Dennoch, für ein so freiheitsliebendes Land wie Däne-
griffspaktes zwischen Deutschland und Dänemark vom mark bedeutet die Besetzung durch eine fremde Macht
31. Mai 1939, in dem es heisst: «Das Königreich Däne- ein schweres Schicksal, und je schwerer dieses Schick-
mark und das deutsche Reich werden in keinem Falle sal auf der Bevölkerung lastet, desto stärker entwickelt
zum Krieg oder zu einer anderen Art von Gewalt- sich der aktive und passive Widerstand.
anwendung gegeneinander schreiten», beginnen die Hier ist es zunächst die dänische Regierung, die sich
deutschen Truppen um 4.15 Uhr mit der Besetzung in Verhandlungen mit den deutschen Stellen darum
Dänemarks. bemüht, ein möglichst demokratisches und selbständi-
Um 4 Uhr hat der deutsche Gesandte von Renthe-Fink ges Dänemark zu bewahren. Dabei geht es einmal dar-
um eine Unterredung mit Aussenminister Dr. Munch um, den Deutschen gegenüber die nationalen Interes-
gebeten, die um 4.20 Uhr stattfindet. Er informiert sen möglichst gut zur Geltung zu bringen, und zum
ihn über den Einmarsch der deutschen Truppen und anderen darum, die dänischen Nationalsozialisten zu
verspricht, dass «Deutschland nicht die Absicht hat, bekämpfen. Diese glauben, mit der deutschen Beset-
durch seine Massnahmen die territoriale Integrität zung sei ihre grosse Stunde gekommen. Bereits am 10.

187
Widerstand im Norden • Dänemark

April 1940 fordern sie, «dass jetzt die Führung des von der «Muttersprache», von den «grünen Wäldern»
Landes Fritz Clausen anvertraut wird» und dass eine und vom «tausendjährigen Dänemark». Hierin sieht
deutschfreundliche Regierung gebildet werde. Fritz man die Bekundung des dänischen Freiheitsdranges,
Clausen aber, der Führer des Nationalsozialismus in einen Protest gegen die deutsche Okkupation und eine
Dänemark, ist viel zu schwach, um dieser Forderung Stärkung des dänischen Gemeinschaftsgefühls. Um den
nachzukommen. Deutschen das Gefühl der Ablehnung zu bezeugen,
Die fünf demokratischen Parteien im dänischen wird die Haltung propagiert: «Zeigt ihnen die kalte
Reichstag schliessen sich nur noch fester zusammen Schulter.» Man trägt die dänische Flagge im Knopf-
und bilden am 2. Juli eine nationale politische Samm- loch, später die Königsplakette, eine senkrechte Flagge
lung, die alle Programmunterschiede zurückstellen will, mit dem Königsmonogramm in Emaille und Silber,
um so die Integrität des Landes noch besser behaupten oder Anstecknadeln mit den Anfangsbuchstaben ver-
zu können. schiedener Parolen, wie z.B. SDU (Smid dem ud –
Dass diese Integrität tatsächlich bedroht ist, merken zu deutsch: Schmeisst sie raus).
die Dänen desto deutlicher, je länger die Besetzung Zum Widerstand gehört auch das Verhalten des däni-
andauert, und das geht auch aus den Worten Hitlers schen Botschafters Henrik Kauffmann in den Vereinig-
hervor, der gar nicht daran denkt, nach dem gewon- ten Staaten von Amerika. Gleich nach der deutschen
nenen Krieg ein selbständiges Dänemark zu dulden. Besetzung seines Heimatlandes erklärt er sich selbst
Durch die Propagierung des «germanischen Gedan- zu einem «freien» dänischen Botschafter, der keine
kens» werde er dem «König von Dänemark sein Volk Weisungen aus Kopenhagen entgegennehmen, sondern
langsam unter der Sitzfläche» wegziehen und Clausen stets nur den wahren dänischen Interessen entspre-
werde dann der Nachfolger des Königs werden. chend handeln werde. In seiner Begründung für diese
Aber diese Ansicht trügt. Wo immer sich der König Haltung findet er die überzeugenden Worte, die von
zeigt, schart sich die Bevölkerung um ihn, bezeugt ihm der Welt verstanden werden und erklären, warum die
die Ehrerbietung und zeigt damit ihren passiven Wider- dänische Regierung so oft «deutschfreundliche» Mass-
stand gegen die deutsche Besetzung. nahmen ergreifen muss: diese würden nur unter dem
Und was Clausen anbelangt, so haben sich die deut- Druck der Verhältnisse ausgeführt und entsprächen da-
schen Stellen ebenfalls geirrt. Um die dänischen Natio- her nicht dem Willen eines freien Dänemarks. In die-
nalsozialisten besser ins Spiel zu bringen, nimmt man sem Sinne unterzeichnet Kauffmann am 9. April 1941
die sog. «Tclegrammkrise» zum Anlass. Zum 72. Ge- ein Abkommen mit den USA, das diesen erlaubt, auf
burtstag des Königs am 26. September 1942 hat Hit- dem dänischen Territorium der Insel Grönland militä-
ler diesem ein Glückwunschtelegramm übersandt. Des rische Stützpunkte zu errichten, um so Europa besser
Königs Antwort: «Besten Dank für die Glückwünsche. mit Waffen und Material versorgen zu können.
Christian Rex» wird von den Deutschen als zu kurz Wie stark die Willenskundgebungen des «freien» Dä-
und zu unhöflich betrachtet. So dürfe sich der Führer nemarks von denen des «besetzten» abweichen, lässt
eines kleinen Landes dem Führer des Grossdeutschen sich beispielhaft aus dem Verhalten der dänischen Han-
Reiches gegenüber nicht betragen. Es sei an der Zeit, delsmarine ersehen, die sich bei der Besetzung Däne-
endlich dänische Nationalsozialisten in die Regierung marks zum grössten Teil in fremden Häfen und Ge-
aufzunehmen. Die Regierung aber widersetzt sich, und wässern befindet. Von Dänemark aus erhält sie den
bei den Parlamentswahlen vom 23. März 1943 erlei- offiziellen Aufruf ihrer Regierung, sich in neutrale
den die dänischen Nationalsozialisten eine vernich- Häfen zu begeben. Von London aus erhalten die See-
tende Niederlage. 90 Prozent der Wahlberechtigten – leute den Aufruf, der durch keinerlei dänische Auto-
das ist ein einmaliger Rekord für Dänemark – geben rität legimitiert ist, Häfen der Alliierten anzulaufen.
ihre Stimme ab. Doch nur 2,5 Prozent, d.h. 3 von 149 Und die überwiegende Mehrheit der dänischen See-
Sitzen, kann die Partei Clausens für sich gewinnen. leute gehorcht nicht ihrer offiziellen Regierung; sie
Und dieses Ergebnis entspricht genau der Stimmung nimmt das bittere Los auf sich, sich von ihrer Heimat
der Bevölkerung, in der sich im Laufe der Zeit der und ihren Familien für eine ungewisse Zeit zu tren-
Widerstand zu organisieren beginnt. nen, um die Alliierten zu unterstützen. 90 Prozent
Als man sich von dem lähmenden Schock der kampf- der Seeleute, ungefähr 5‘000 Mann, ziehen es vor, alli-
losen Niederlage erholt hat, kommt es bereits im Som- ierte Häfen aufzusuchen und mit ihren Schiffen unter
mer 1940 zu massenhaft demonstrierter Opposition. englischer Flagge einen Beitrag im Krieg gegen
Überall in ganz Dänemark findet sich die Bevölke- Deutschland zu leisten. Von den 5‘000 Seeleuten bezah-
rung auf den öffentlichen Plätzen zusammen zum ge- len 600 ihren Einsatz mit dem Leben, und rund 60 Pro-
meinsamen Singen. Bei diesem «Allsang» singt man zent der Schiffe werden versenkt.

188
Ausnahmezustand und Generalstreik

Aber auch in Dänemark selbst beginnt der Widerstand von den Feinden Deutschlands als alliierter Partner
langsam aktiv zu werden. Die ersten Exemplare der anerkannt werden kann. Dazu müsse man in Däne-
Untergrundpresse erscheinen, und die ersten Sabotage- mark selbst aber einen sichtbaren Beitrag leisten, und
akte werden verübt. so fordert er seine Landsleute über die BBC zu Wider-
Als nach dem deutschen Angriff auf Russland in Däne- stand und Sabotage auf.
mark die Kommunistische Partei verboten wird und Die ersten Fallschirmspringer mit Waffen und Funk-
die Kommunisten in den Untergrund gedrängt werden, geräten werden über Dänemark abgesetzt. In Zusam-
bekommt der aktive Widerstand durch diese relativ menarbeit mit örtlichen Widerstandsgruppen, anfangs
kleine, aber von einem starken Zusammenhalt geprägte noch mit unzureichendem selbsthergestelltem Spreng-
Gruppe einen bedeutenden Auftrieb. material und gestohlenen Waffen, werden die einzel-
Ganz allgemein wird dieser aktive Widerstand da- nen Aktionen ausgeführt. Diese Aktionen nehmen mit
durch erschwert, dass er einerseits auch gegen die eigene der Zeit einen so grossen Umfang an, dass sich die
Regierung geführt werden muss und dass es zum ande- deutschen Stellen genötigt sehen, die dänische Regie-
ren in London, von wo aus dieser Widerstand am besten rung zu drängen, Sabotage härter zu bestrafen. Die
organisiert werden kann, keine dänische Exilregierung Regierung jedoch lehnt ab. Wegen Sabotage wird am
gibt, die hierfür eintreten könnte. 7. August in Esbjerg in Südwestjütland der Ausnahme-
Dennoch kommt es bereits im Spätherbst 1940 zu dem zustand mit Ausgehverbot verhängt. Die Bürger der
ersten dänisch-englischen Gespräch in Stockholm, in Stadt legen darauf ihre Arbeit nieder, und die Deutschen
dem die zukünftige Widerstandsarbeit festgelegt wird. müssen ihre Massnahmen wieder aufheben.
Von englischer Seite werden die Verhandlungen von Am 16. August kommt es in der Stadt Odense auf der
Charles Hambro geführt, einem Repräsentanten der Insel Fünen zu schweren Zusammenstössen zwischen
britischen SOE, der Special Operations Executive, die der dänischen Bevölkerung und der deutschen Besat-
im Juli 1940 eingesetzt wird, um von London aus in zungsmacht. Ausnahmezustand und Generalstreik
allen von den Achsenmächten besetzten Gebieten die folgen. Läden und Wohnungen von deutschfreund-
Widerstandskräfte zu fördern und zu unterstützen. lichen Dänen werden zerstört. Den Mädchen, die sich
Die dänische Abteilung dieser SOE geht nun dazu mit deutschen Soldaten eingelassen haben, sogenannte
über, im Ausland lebende Dänen für diese Arbeit zu «Feldmatratzen», werden Kleider heruntergerissen
gewinnen und für ihre Spezialaufgaben zu trainieren, und Hakenkreuze mit Mennige auf den Rücken ge-
insbesondere dafür, geheime Funkverbindungen einzu- malt. Ein deutscher Offizier schiesst in die aufgebrachte
richten und Sabotageakte auszuführen. Menge und verletzt zwei junge Dänen. Daraufhin
Während man in England daran geht, die ersten Män- stürzt man sich auf den deutschen Soldaten und bringt
ner für ihren Fallschirmeinsatz vorzubereiten, wird ihm Verletzungen bei.
von London aus versucht, den dänischen Politiker Erst nachdem der deutsche Kommandant nachgegeben
Christmas Möller für die Widerstandsarbeit zu gewin- hat, gelingt es am 26. August, in der Stadt wieder ge-
nen. Möller, der als Handelsminister auf deutschen ordnete Verhältnisse herzustellen. Was hier in Odense
Druck hin aus der dänischen Regierung ausscheiden geschehen ist, geschieht zu gleicher Zeit auch in vielen
musste, gilt als ausgesprochener Deutschenfeind und anderen dänischen Städten. Überall kommt es zu wilden
allgemein geschätzter Politiker. Seine Autorität soll Streiks. In Fabriken wird nicht mehr gearbeitet, Ge-
mit dazu beitragen, die Widerstandsarbeit im Ausland schäfte bleiben geschlossen, Strassenbahnen und Omni-
und in der Heimat zu aktivieren. Unter der Bedin- busse fahren nicht mehr.
gung, dass ihn Frau und Kind begleiten können, wil- Die Regierung kann den Volkszorn mit ihren Auf-
ligt Möller ein, aus Dänemark nach England zu flie- rufen nicht eindämmen. Dr. Werner Best, seit 1942
hen. Ein Schiff nimmt die Familie an Bord, und ver- Reichsbevollmächtigter in Dänemark, sieht sich ge-
steckt unter einer Ladung Kaolin erreichen sie unver- zwungen, der dänischen Regierung am 28. August ein
sehrt die englische Küste. Am 14. Mai wendet sich Ultimatum zu stellen. Sie müsse für das ganze Land
Möller in der dänischen Rundfunksendung aus Lon- den Ausnahmezustand verhängen, alle Streiks und
don an seine dänischen Landsleute. Er versucht, ihnen Versammlungen müssten verboten, alle Waffen abge-
und der übrigen Welt zu erklären, warum die offizielle liefert werden. Mit allen Machtmitteln sei zu verhin-
dänische Regierung zu taktischen Zugeständnissen an dern, dass deutschfreundliche Personen belästigt wer-
die Deutschen gezwungen sei, und kann gleichzeitig den. Eine Pressezensur unter deutscher Mitwirkung
bekunden, von welchen. Gefühlen das dänische Volk müsse etabliert werden, Standgerichte seien aufzustel-
tatsächlich beseelt ist. Ihm gehe es darum, aus dem ok- len und vor allem müsse die Todesstrafe für Waffen-
kupierten Dänemark ein Dänemark zu machen, das besitz und Sabotage eingeführt werden.

189
Widerstand im Norden • Dänemark

Dieses Ultimatum aber kann die Regierung unter kei- In nicht ganz einer knappen Stunde werden daraufhin
nen Umständen annehmen, zu stark ist der Druck des 29 Schiffe der dänischen Kriegsmarine auf Grund ge-
Volkes und zu gross ist der Stolz der führenden Politi- setzt, viele andere so schwer beschädigt, dass sie nicht
ker. Der König sagt «Nein», und die Deutschen gehen mehr repariert werden können. 13 Schiffen gelingt die
sofort zum Angriff über. Deutsche Soldaten und Pan- Flucht nach Schweden, so dass nur 13 kleine Schiffe in
zer erscheinen auf den Strassen und übernehmen die deutsche Hände fallen.
ausübende Gewalt. Die dänischen Truppen werden Des weiteren werden führende Persönlichkeiten der
ohne vorherige Warnung entwaffnet, die königliche Presse, der Kunst, der Kirche, des Schulwesens und der
Palastwache wird nach einer kurzen Schiesserei über- Politik von deutscher Polizei verhaftet. Der Rund-
wältigt und schliesslich durch deutsche Bewachung er- funk kommt unter die Leitung eines Kommissars, und
setzt. Der König ist somit eher ein Gefangener als ein die dänische Presse wird ebenfalls stärker zensiert als
Beschützter. bisher.
Der Chef der dänischen Marine, Vize-Admiral A. H. Doch all diese Massnahmen können den dänischen
Vedel, der vor dem deutschen Angriff gewarnt worden Widerstand nicht eindämmen. Im Gegenteil, je härter
ist, gibt um 4.07 Uhr persönlich den Befehl: «Flucht die Besatzungspolitik und je ungünstiger die Kriegslage
nach Schweden oder Selbstversenkung.» für Deutschland wird, desto stärker treten die einzel-

ln den Jahren 1944-1945


nahm die Eisenbahnsabotage
ein so grosses Ausmass an,
dass der Transport deutscher
Truppen und deutschen Ma-
terials ernsthaft behindert
wurde. In dieser Zeit sank
die Transportleistung zeit-
weise um 75%. Insgesamt
kam es in den Jahren 1942-
1945 zu über 1‘800 Eisen-
bahnanschlägen.

190
BOPA und «Holger Danske»

nen Widerstandsorganisationen mit ihren Aktionen in möglich das Gebäude zu verlassen. Brandt rennt zur
Erscheinung. Von diesen Aktionen sind die Sabotage- Tür, muss aber feststellen, dass sie ins Schloss gefallen
akte für die alliierte Kriegsführung am bedeutendsten, ist und nur von aussen geöffnet werden kann. Bevor
und die Dänen wissen, dass sie insbesondere in den er noch ein Fenster erreichen kann, gehen die Spreng-
Fabriken Sabotage üben müssen, in denen für die körper in die Luft. Brandt wird zu Boden geworfen
Deutschen kriegswichtiges Material hergestellt wird. und bleibt unverletzt. Sein Gesicht aber ist von Russ
Wenn diese Fabriken nicht durch Sabotage ausser Be- geschwärzt und seine Kleider sind zerfetzt. Als er sich
trieb gesetzt werden, müssen die alliierten Bomber endlich ins Freie gearbeitet hat, sind die Deutschen
diese Aufgabe übernehmen, was natürlich einen weit- bereits auf dem Fabrikhof eingetroffen. Brandt wird
aus grösseren Schaden für Dänemark bedeuten würde. entdeckt und muss nun versuchen, seinen Verfolgern zu
Die Statistik der industriellen Sabotage für die Jahre entkommen. Er rennt in die entgegengesetzte Rich-
1940-1945 weist folgende Ziffern auf: 10; 19; 122; 969; tung, überklettert einige Mauern und gelangt schliess-
867 und 687 (1945 nur 4 Monate). lich in eine andere Fabrik. Hier wird er von dänischen
Die beiden grössten Sabotagegruppen von Kopenhagen Arbeitern versteckt, kann sich waschen, erhält neue
sind BOPA («Borgerlige Partisaner», zu deutsch unge- Kleider und ein Fahrrad, so dass er doch noch unver-
fähr: Partisanen der Mittelklasse) unter kommunisti- sehrt zu seiner Gruppe zurückkehren kann.
scher Führung und «Holger Danske», so genannt nach Während die Holger-Danske-Gruppe in steigendem
Holger Danske, einer dänischen Sagengestalt, die in Masse Waffen und Sabotagematerial von England er-
schlechten Tagen wiederkommen werde, um Dänemark hält, müssen die BOPA-Leute auf diese Lieferungen
zu beschützen. Ursprünglich von 8 nationalistischen zunächst verzichten. Sie sind darauf angewiesen, sich
Dänen gegründet, haben sich hier später aktive Wi- ihre Ausrüstung selber zu beschaffen. Systematisch
derstandskämpfer aller politischen Richtungen zusam- werden dänische und deutsche Militärdepots bestohlen,
mengefunden. Holger Danske arbeitet meist in klei- was jedoch immer schwieriger wird, da die deutschen
nen Gruppen und ist so gut organisiert, dass jedes Mit- Stellen zu immer stärkerer Bewachung übergehen. Der
glied nur seine unmittelbaren Mitarbeiter und auch Kauf von regulärem Sprengmaterial ist deshalb beson-
die nur unter ihren Decknamen kennt. Diese Vor- ders schwierig, weil dessen Herstellung in Dänemark
sichtsmassnahmen sind nötig, da sie der Sicherheit der verboten ist. So geht man u.a. dazu über, gefälschte
Organisation zugute kommen. Einmal für den Fall, Briefe an die Besatzungsmacht zu schreiben, in denen
dass einzelne Mitglieder von den Deutschen aufgespürt man Sprengstoff für dringende zivile Zwecke anfor-
und durch Folterungen zum Sprechen gebracht wer- dert. Allein durch ein Schreiben, in dem man angibt,
den, und zum anderen für den Fall, dass Spitzel in die man brauche das Sprengmaterial, um ein gesunkenes
Organisation eingeschleust werden. Schiff im Kattegat zu sprengen, gelingt es der BOPA,
Die Schwierigkeiten der einzelnen Sabotagegruppen 5’000 Kilo Dynamit von Deutschland zu erwerben.
werden im Wesentlichen in folgendem gesehen: Ausserdem geht man zur illegalen Waffenproduktion
1. Zu vermeiden, dass unschuldige Dänen bei den ein- über. Ein Schmied kann dafür gewonnen werden,
zelnen Aktionen zu Schaden kommen; Gussformen herzustellen, die es ermöglichen, englische
2. Vorsorge zu treffen für eine schnelle Flucht vor Maschinengewehre bis auf die Gewehrläufe nachzu-
Eintreffen der Deutschen oder der Polizei am Tatort; bauen. Diese werden beschafft, indem man ein däni-
3. die einzelnen Ziele zu erreichen, trotz der oft nur sches Militärdepot ausplündert, und so gelingt es, mehr
unzureichenden Mittel. als 400 solcher Waffen für BOPA herzustellen.
Typisch für einen solchen Sabotageeinsatz ist das Un- Diese Waffen werden deshalb benötigt, weil es häufig
ternehmen gegen eine kleine Fabrik in der Nähe von vorkommt, dass man sich von den einzelnen Sabotage-
Kopenhagen, in der verschiedene Einzelteile für deut- aktionen nur durch einen Feuerwechsel mit den Deut-
sche Schulungsflugzeuge hergestellt werden. 10 Holger- schen zurückziehen kann. Zu diesem Zweck, die Flucht
Danske-Männer sperren kurzentschlossen den Verkehr zu erleichtern, werden auch Spezialautos angefertigt
von und zu der Fabrik ab, während drei andere ihr mit kugelsicheren Stahleinlagen und eingebauten
Sprengmaterial in dem Gebäude verteilen. Unter Stahlnetzen, die bei Bedarf heruntergelassen werden
ihnen ist auch der furchtlose Widerstandskämpfer Jor- können, um so die Reifen vor den Schüssen der Ver-
gen Brandt, der eine 20 Pfund schwere Sprengladung folger abzusichern.
in den ersten Stock gebracht hat und nun auf das Selbst an Versuchen, eigene Torpedos für die Unter-
Zeichen seiner Mitkämpfer wartet, die Sprengladung wassersabotage gegen deutsche Schiffe herzustellen, hat
zu zünden. Das Zeichen kommt, und Brandt legt Feuer es nicht gefehlt.
an die Zündschnur – jetzt heisst es, so schnell wie Als die Sabotageaktionen einen immer grösseren Um-

191
Widerstand im Norden • Dänemark

fang annehmen, sehen sich die Deutschen dazu ge- bracht werden. Noch bevor die ersten Explosionen die
zwungen, an die dänische Polizei heranzutreten, für Luft erschüttern, ist man bereits an der anderen Seite
eine verstärkte Bewachung der gefährdeten Fabriken der Fabrik angelangt, wohin man Omnibusse beordert
zu sorgen. Die Dänen aber argumentierten, sie könnten hat, mit denen jetzt die Flucht beginnt.
ihren Bewachungsaufgaben nur dann erfolgreich nach- Das alles hat sich so schnell abgespielt, dass noch keine
kommen, wenn sie wüssten, welche Objekte gefährdet Verfolger zu sehen sind, als die Busse auf der Haupt-
seien und wo sich die Attentate am besten realisieren strasse in Richtung Kopenhagen davonfahren, und die
liessen. Daraufhin wird die dänische Polizei von den vorsorglich eingebauten Sprengkörper, mit denen man
Deutschen mit Listen versorgt, in denen jede Fabrik an- eine Verfolgung unmöglich machen wollte, brauchen
geführt ist, auf die man Sabotageakte zu befürchten nicht gezündet zu werden. Als man jedoch an einer
habe. Des weiteren werden Pläne angefertigt, die zei- anderen Fabrik vorbeifährt, werden die Busse unter
gen, wie die einzelnen Objekte bewacht werden sollen Feuer genommen. Schüsse durchschlagen die Wände
und wo sich die einzelnen Stellen befinden, an denen und Scheiben, aber nur ein Mann wird ernsthaft ver-
am ehesten mit Sabotage zu rechnen sei. Natürlich ge- letzt. Alle anderen kommen mit heiler Haut davon.
raten diese Pläne von der Polizei sofort in die Hände Dieser Angriff auf die Radiofabrik Globus ist der erste
der Widerstandsbewegung, wodurch dieser ihre Arbeit erfolgreiche grosse Sabotageakt, der bei Tageslicht
sehr erleichtert wird. durchgeführt wird, und so bedeutsam, dass General
Ein bedeutendes Sabotageunternehmen, das von Eisenhowers Hauptquartier über Funk ein Glück-
BOPA-Männern ausgeführt wird, gilt der Radiofabrik wunschradiogramm an die dänische Widerstandsbewe-
Globus ausserhalb von Kopenhagen. Es handelt sich gung übermittelt.
um eine der vier grossen dänischen Fabriken, deren Diese Widerstandsbewegung, die zunächst aus zahl-
Produktion fast ausschliesslich den Deutschen zugute reichen vereinzelten Gruppen besteht, die überall
kommt. Hergestellt werden hier Funkausrüstungen spontan erstanden sind, gibt sich am 16. September
für die deutsche Luftwaffe und Teile für das Naviga- 1943 ein einheitliches Organ, den «Freiheitsrat Däne-
tionssystem der neu entwickelten V-Waffen. Dement- mark». In ihm sind die Vertreter der vier bedeutend-
sprechend ist diese Fabrik natürlich besonders scharf sten Widerstandsorganisationen vereint: «Frit Dan-
bewacht. Nachdem man von der Polizei den genauen mark», eine Organisation, die in den meisten dänischen
Plan der Fabrik erhalten hat und auch genau weiss, Städten durch eigene Gruppen vertreten ist und die sich
wo die deutschen Wachen postiert sind, ist es nach einer aus Mitgliedern der verschiedensten politischen Rich-
dreimonatigen Vorbereitung soweit. Tapfere BOPA- tungen und Berufe zusammensetzt. Die Informations-
Männer sind gewillt, das Risiko auf sich zu nehmen. bewegung «Der Ring», die ihre Aufgabe zunächst dar-
Zunächst verkleiden sich einige Widerstandskämpfer in sieht, das Inland und das Ausland über die wahren
als Strassenarbeiter und beginnen am hellichten Tage, Vorgänge in Dänemark zu informieren, und erst spä-
die Strasse zwischen der Fabrik und Kopenhagen zu ter zum aktiven Widerstand übergeht. Die «Dansk
«reparieren». In Wirklichkeit aber werden Sprengkör- Sämling», eine christliche Partei, die einerseits als le-
per in das Strassenbett eingebaut. Dann machen sich gale Partei existiert, gleichzeitig aber auch im aktiven
über 50 BOPA-Männer, die sich ausserhalb von Ko- Widerstand steht. Und die Widerstandsorganisation
penhagen getroffen haben, mit Rucksäcken und Fahr- der Kommunistischen Partei Dänemarks.
rädern auf den Weg zur Fabrik. Wegen ihres meist Aufgabe dieser anonymen Dachorganisation «Freies
jugendlichen Alters machen sie den Eindruck einer Dänemark» ist es einmal, alle Widerstandsaktionen
Pfadfindergruppe auf Campingfahrt. In ihren Ruck- von einer Stelle aus zu koordinieren, und zum anderen,
säcken aber sind keine Zelte und Kochtöpfe, sondern die dänische Widerstandsbewegung als einheitliches
Waffen, Munition, Granaten und Sprengstoff. Ganzes dem Ausland und dem eigenen Volke gegen-
In den Gärten der Häuser, die der Fabrik am näch- über zu präsentieren. Diese programmatische Einheit
sten gelegen sind, werden aus Pfadfindern aktive, zu kann erreicht werden, weil man von vornherein darauf
allem bereite Widerstandskämpfer. verzichtet hat, spezielle parteipolitische Programm-
Punkt 7 Uhr abends, es ist Sommer und noch hellich- punkte zu formulieren, sondern lediglich das als Ziel
ter Tag, beginnt der Sturmangriff auf die Fabrik. proklamiert hat, was die überwiegende Mehrheit der
Stacheldrahtverhaue werden überrannt, und das deut- dänischen Bevölkerung tatsächlich anstrebt: die Wie-
sche Bewachungspersonal wird mit Handgranaten und derherstellung des nationalen Friedens und der natio-
Maschinengewehren unter Feuer genommen. Das Fa- nalen Unabhängigkeit, verbunden mit einer sofortigen
briktor wird freigekämpft, und die Sprengladungen und unbedingten Rückkehr zu den Prinzipien der
können an den genau vorausgeplanten Stellen ange- demokratischen Staatsform. Wie stark der Freiheitsrat

192
Was sagt der Freiheitsrat?

die Sehnsüchte des wahren Dänemarks verkörpert, Eine weitere Aufgabe, die der Freiheitsrat zu bewälti-
lässt sich aus seiner ungeheuren Popularität ersehen, gen hat, ist der Aufbau einer dänischen Untergrund-
die er schon wenige Wochen nach seiner Gründung bei armee unter einer einheitlichen Führung. Es gilt, die
der dänischen Bevölkerung gewonnen hat. Will man spontanen Rekrutierungen entlassener Offiziere so zu-
sich informieren, will man wissen, was an kritischen sammenzufassen, dass eine einheitliche Planung mög-
Tagen vor sich geht und was zu tun ist, so hört man lich ist. In Verhandlungen mit den Alliierten hat der
immer häufiger die Frage: «Was sagt der Freiheits- Freiheitsrat die Aufgaben der Untergrundarmee fest-
rat?» Man weiss, dass er sich um die wahren Interessen gelegt: Sie soll sich im stillen organisieren und erst in
Dänemarks bemüht, und seine Autorität wird überall der letzten Phase des Krieges in Erscheinung treten,
respektiert. einmal, um ein zu erwartendes Machtvakuum nach
Besonders eng ist der Kontakt des Freiheitsrates auch dem Zusammenbruch der deutschen Herrschaft mit all
zu Major Femming Muus, einem Vertreter der SOE in seinen verheerenden Folgen zu verhindern, und zum
Dänemark, der im März 1943 mit dem Fallschirm von anderen, um die alliierte Befreiungsarmee bei ihrem
einem englischen Flugzeug über Nordjütland abgesetzt Angriff auf Dänemark zu unterstützen. Im letzten
worden ist um Sabotage zu lehren, aufzubauen und zu Falle würde dann das Oberkommando der Unter-
leiten. grundarmee auf das alliierte Oberkommando über-

Eine Karikatur aus einer dänischen Untergrundzeitung, auf der zu sehen ist, wie Passagiere einer Strassenbahn die ver-
schiedenen Publikationen der Untergrundpresse lesen, während sich nur zwei Kollaborateure in die offiziellen Zeitungen
vertieft haben, deren Inhalt ganz nach den Wünschen der Besatzungsmacht gestaltet werden musste. Insgesamt wurden im
besetzten Dänemark 538 illegale Zeitschriften herausgegeben, deren Auflagenhöhe sich wie folgt entwickelte: 1940: 1‘200,
1941: 40‘000, 1942: 301‘000, 1943: 2‘600‘000, 1944: 10‘935‘000, 1945: 10‘131‘000. Dazu kamen 298 illegale Bücher und
Pamphlete mit einer Gesamtauflage von 983‘147 Exemplaren.

193
Widerstand im Norden • Dänemark

gehen. Bis zum Kriegsende erreicht die Untergrund- geirrt. Das Boot, von dem man die Rettung erhofft hat,
armee eine Gesamtstärke von insgesamt 45‘000 Mann. ist ein Boot der deutschen Küstenwache. Also schnell
Eine weitere militärische Einheit ist die dänische Bri- wieder in die Taxis und nichts wie weg. Ziel ist ein
gade, die, in Schweden aufgestellt, 5‘000 Mann umfasst grosser Gutshof im Innern des Landes, der schon häufig
und ebenfalls erst in der Endphase der Befreiung ein- dazu gedient hat, Flüchtlinge, die auf ihren Abtrans-
gesetzt werden soll. port warten müssen, zu verstecken. Während jetzt in
Neben der Organisation von Untergrundarmee, Sa- der Klinik angerufen wird, Essen für die 150 Personen
botageaktionen, Waffenversorgung, Untergrundpresse zu besorgen, bemüht sich ein Fluchthelfer eiligst darum,
und Nachrichtendienst, ist die Organisation der Flucht- ein neues Schiff für den Transport zu gewinnen. In
helfer und Fluchtmöglichkeiten eine weitere Aufgabe einem kleinen Hafen findet er einen Fischer, der ihm
des Widerstandes. sein Boot für 150‘000 Kronen verkauft, mit dem die
Von besonderer Bedeutung wird diese Fluchtorganisa- 150 Juden einen Tag später doch noch sicher nach
tion für die Rettung der dänischen Juden vor dem Schweden gelangen.
Zugriff ihrer deutschen Verfolger. Am 28. September Allein die Klinik Bispebjerg hat ungefähr eine Million
1943 informiert der deutsche Handelsmarineattaché in Kronen gesammelt und damit über 2’000 Juden die
Kopenhagen, Duckwitz, den dänischen Sozialdemo- Flucht ermöglicht. Auch andere Gruppen sind nicht
kraten Hans Hedtofl von der geplanten Aktion gegen minder aktiv gewesen. Insgesamt können 7’000 Juden
die dänischen Juden, die alle verhaftet und in Konzen- nach Schweden fliehen. Diese Flucht wird dadurch
trationslager eingeliefert werden sollen. erleichtert, dass die gesamte dänische Bevölkerung bis
In sorgfältiger Spürarbeit hat die Gestapo schon längst auf eine äusserst kleine Kollaborationsclique mit gan-
alle jüdischen Menschen und ihre Wohnsitze ausfindig zer Sympathie hinter ihren jüdischen Mitbürgern steht
gemacht. Sie wartet nur noch auf den Befehl zum Los- und dass die deutsche Wehrmacht die grossen Trans-
schlagen. Als dieser am 1. Oktober 1943 erteilt wird, porte augenscheinlich nicht sehen will. Nur 450 Juden
hat sich die Warnung von Duckwitz in jüdischen Krei- können von der Gestapo inhaftiert werden. Und auf
sen bereits herumgesprochen. Die meisten Häuser sind Betreiben von Dr. Best werden sie alle ausnahmslos in
leer, da sich die Juden rechtzeitig in Sicherheit gebracht das Konzentrationslager Theresienstadt, nicht in die
haben. Die Suche der Gestapo aber geht weiter, und Vernichtungslager überführt. Daher kommt es, dass
es wird dringend notwendig, die Juden ausser Land von diesen 450 lediglich 48 sterben müssen, was dem
zu bringen. Neben anderen Organisationen und Ein- Durchschnittsalter entsprechend als normale Sterbe-
zelaktionen ist hier das Wirken des jungen Arztes Dr. quote angesehen werden muss. Im Widerstand gegen
Koster von besonderer Bedeutung. Die grosse Klinik, die Endlösung der Judenfrage haben die Dänen den
an der er beschäftigt ist und die von Deutschen nicht erfolgreichsten Beitrag geleistet.
benützt wird, ist ein idealer Sammelplatz für seine Aber nicht nur die Juden, sondern alle, die in Gefahr
verfolgten jüdischen Mitbürger. Hier gelingt es ihm, sind, werden systematisch nach Schweden gebracht.
zahlreiche Juden solange zu verstecken, bis die von Vor allem Widerstandskämpfer, die sich so exponiert
ihm organisierten Lastwagen eintreffen und seine ge- haben, dass sie in Dänemark nicht mehr untertauchen
fährdeten Landsleute zu den Schiffen bringen, mit können, und Angehörige der alliierten Luftstreitkräfte,
denen sie ins neutrale Schweden entfliehen können. die über Dänemark abgeschossen worden sind. Alles in
Unermüdlich versucht Dr. Koster, der von seinen Kol- allem kann so insgesamt 18‘000 Menschen zur Flucht
legen und Krankenschwestern tatkräftig unterstützt verholfen werden.
wird, Geld aufzutreiben. Denn die Flucht muss bezahlt Begründet werden die Massnahmen gegen die Juden
werden, und für die Seeleute, die sich zur Verfügung damit, dass sie es seien, die hauptsächlich zu Auf-
stellen, bedeutet sie ein erhebliches Risiko. Sie müssen hetzung, Sabotage und Terror beigetragen hätten. Das
ständig damit rechnen, bei diesen Unternehmen ihre aber stimmt natürlich nicht, und die Dänen fallen auf
Boote, wenn nicht gar ihr Leben zu verlieren. solche Propaganda nicht herein. Die Sabotage hat ihre
Einmal hat Dr. Koster 50 Taxis organisiert, mit denen Ursache allein darin, dass sich das dänische Volk nicht
150 Juden von der Klinik abgeholt und an einen ein- unterdrücken lassen, sondern aktiv etwas für seine Be-
samen Küstenstrich gefahren werden, wo man jetzt freiung unternehmen will. Und die Ursachen des Ter-
jede Minute das gecharterte Schiff erwartet. Als ein rors sind darin zu sehen, dass sich die Deutschen diese
kleines Boot in Sichtweite gelangt, gibt einer das Er- Sabotageakte nicht gefallen lassen können und ihnen
kennungssignal, das mit dem Kapitän vereinbart wor- mangels anderer Möglichkeiten mit Terror entgegen-
den ist. Das Boot nimmt Kurs auf die Flüchtlings- treten. Sie wollen nicht dulden, «dass auch nur ein
gruppe, eröffnet aber plötzlich das Feuer. Man hat sich Stein aus dem Wall entlang dem Atlantik und der

194
Volksstreik in Kopenhagen

Nordsee herausgenommen würde», und müssen die Sa- Der Grundsatz war nun: Bombe für Bombe, Leben für
botage daher bekämpfen. Leben. Die deutsche Gegensabotage wurde bald vom
Am 8. September 1943 wird die erste Erschiessung eines Volkswitz ,Schalburgtage’ getauft. Nach grossen Sabo-
Widerstandskämpfers öffentlich bekanntgegeben. Es tagen folgten Schalburgtage, die sich gegen Unterneh-
handelt sich um einen Konstrukteur namens Poul Edvin men, grosse Zeitungen, insbesondere in der Provinz,
Kjaer Sörensen, der an der Sprengung von 6 Lokomoti- gegen Kinos, Filmateliers und Studentengebäude rich-
ven teilgenommen hat und von einer deutschen Pat- teten. Wenn ein deutscher Spitzel erschossen wurde, so
rouille bei der Sicherstellung von Sprengstoff überrascht folgte der Vergeltungsmord – häufig an hervorragenden
wird. dänischen Staatsbürgern. ,Clearingmorde’ wurden diese
Durch diese Terrormassnahmen aber können die Sabo- Verbrechen mit blutiger Ironie genannt.»
tageakte nicht eingedämmt werden. Im Gegenteil, die Über den Volksstreik in Kopenhagen heisst es dann
deutschen Gegenmassnahmen sind eher dazu angetan, weiter:
die Verbitterung der Bevölkerung noch weiter zu stei- «Den Deutschen ging es an allen Fronten schlecht. Am
gern und noch mehr Menschen in den aktiven Wider- 5. Juni 1944 kapitulierte Rom. Am 6. Juni kam die
stand zu treiben. Eine Gemeinschaftsarbeit dänischer Meldung, dass die Alliierten im Rahmen einer gigan-
Historiker beschreibt die Folgen von Terror und Gegen- tischen Operation ein Invasionsheer in der Normandie
terror: gelandet hatten. General Dwight D. Eisenhower, der
.. Im November 1943 verlegte General v. Hanneken die Invasion leitete, sandte über die BBC eine Bot-
sein Hauptquartier nach Silkeborg in Nordjütland. In schaft an die unterdrückten Völker: ,Die Stunde der
Verbindung mit dem 28. August kam die deutsche Po- Befreiung ist nahe, wenn auch dieser einleitende An-
lizei, die Gestapo und die Sicherheitspolizei nach Däne- griff nicht in eurem eigenen Lande stattfand.’ Bis zur
mark. Sie erhielten nun grosse Macht. Vom 1. Novem- Befreiung müsse Disziplin und Zurückhaltung bewahrt
ber an wurde die deutsche Polizei von dem ,Höheren werden.
SS- und Polizeiführer’ Günther Pancke geführt. Am Dennoch liessen die Kopenhagener ein paar Wochen
18. November sprengten Saboteure die Brücken bei später alle Selbstbeherrschung und Zurückhaltung
Langaa südlich von Randers. Es war der Anfang einer fahren. Am 22. Juni hatten Saboteure die Gebäude des
grossen Sabotagekette, die den Verkehr in Nordjütland Maschinengewehr-Syndikats im Freihafen gesprengt.
lahmlegte. Als Antwort darauf richteten die Deutschen Die Deutschen richteten acht Patrioten hin und ,schal-
am 22. November den Arbeiter Svend Eduard Ras- burgierten’ Borgernes Hus, Tivoli und die Kgl. Por-
mussen und den Bäcker Marius Jeppesen hin. Sabota- zellanfabrik. Die Wehrmacht und die Gestapo dräng-
gen und Hinrichtungen folgten einander, und von De- ten Best zu weiteren Strafmassnahmen, nicht zuletzt,
zember an begann die Freiheitsbewegung, die dänischen um die Widerstandsbewegung stärker hervorzulocken.
Spitzel, deren sich die Gestapo bediente, niederzu- Er erliess am 25. Juni das Verbot aller Versammlungen
schiessen, zu liquidieren. Die Deutschen beschlossen, von mehr als fünf Personen und verordnete eine Sperr-
einen Gegenterror durchzuführen. Am 30. Dezember zeit mit dem Verbot jeglichen Strassenverkehrs nach
wurden Revolverattentate auf den Folketingsabgeord- 20 Uhr. Das Zuhausehocken an den drückend heissen
neten und späteren Aussenminister Ole Björn Kraft Sommerabenden glich einer Art Stubenarrest. Am
und den Journalisten Christian Damm verübt; die Ver- nächsten Tag, Montag, den 26. Juni, legten die Arbeiter
wundungen waren jedoch nicht tödlich. In der Nacht der grossen Schiffswerft Burmeister &Wain um 12 Uhr
auf Mittwoch, den 5. Januar 1944, wurde der grosse mittags die Arbeit nieder. Sie schrieben an Best, dass
dänische Dramatiker, Pastor Kaj Munk, von deutschen sie ihre Schrebergärten bearbeiten müssten. Am Abend
Zivilisten bei den Hörbylund-Hügeln in der Nähe von gingen die Menschen trotz Verbots auf die Strassen. An
Silkeborg ermordet. Er hatte versucht, in Dichtungen den Strassenecken wurden Feuer angezündet. Die
und Predigten zum aktiven Widerstand aufzufordern. deutschen Streifen schossen auf die Leute, und die
Ganz Dänemark trauerte um ihn. Krankenwagen mit Toten und Verwundeten jagten
Am 5. Januar 1944 kam der frühere Abteilungschef heulend durch die Stadt. Am Freitag, den 30. Juni,
der deutschen Sicherheitspolizei, Otto Bovensiepen, wuchs der ,Geh-früh-nach-Hause-Streik’ plötzlich zu
nach Dänemark mit der Aufgabe, Sonderaktionen mit einem totalen Volksstreik aus. Am Abend des gleichen
Hilfe freiwilliger, besonders ausgebildeter Deutscher, Tages sperrten die Deutschen Gas, Wasser und Strom.
später auch Dänen, zu unternehmen. Als Unruhestifter Bei strahlendem Sommerwetter flüchtete ein Strom
bedienten sich die Deutschen auch des aus Dänen be- von Menschen aus Kopenhagen aufs Land, während
stehenden Korps, des Schalburgkorps, und der Hilfs- deutsche Panzerwagen, Tanks und Truppen in die Stadt
polizei, der Hipo, die sich besonders verhasst machte. gezogen wurden. Am Sonnabend, den 1. Juli, erklärte

195
Widerstand im Norden • Dänemark

das deutsche Militär in Kopenhagen den Belagerungs- Um die Sabotage zu bekämpfen, sind die deutschen
zustand. Die Vorräte waren gering, und vor allem war Stellen schon häufig an die dänische Polizei heran-
der Wassermangel katastrophal. Trotz des deutschen getreten, in der Absicht, sie für diese Arbeit zu gewin-
Terrors mit wilden Schiessereien überall in der Stadt, nen. Sie müssen aber immer wieder feststellen, dass von
zeigte sie am Abend wieder ihr wahres Gesicht. Feuer dieser nur ein kleiner Teil zur Kollaboration bereit ist.
flammten auf, Barrikaden wurden errichtet, deutsch- Der andere, weitaus grössere Teil stellt überdies eine
freundliche Geschäfte wurden zerstört. potentielle Gefahr dar, die bei der zusehends schlechter
Die Deutschen waren daran interessiert, die Produk- werdenden Kriegslage jederzeit zur aktiven Bedrohung
tion in Gang zu bringen. Unter Einwirkung von Duck- der deutschen Position werden kann. Daher entschliesst
witz, der Verbindung zu dänischen Politikern hatte, man sich, mit einem überraschenden Schlag die gesamte
gab Best nach. Am Sonntag erliessen die Vorsitzenden dänische Polizei zu entwaffnen und gefangenzunehmen.
der Hauptorganisationen im Einvernehmen mit den Am 19. September 1944 wird zur Tarnung ein fingier-
Politikern und Staatssekretären einen Aufruf mit der ter Luftalarm ausgelöst und alle dänischen Polizei-
Aufforderung, die Arbeit wieder aufzunehmen, um stationen besetzt. Während 2’000 Polizisten gefangen-
eine Katastrophe zu vermeiden. Es stellte sich später genommen und in das Konzentrationslager Buchen-
heraus, dass die Deutschen eine besondere Operation wald überführt werden, gelingt es 7‘000 anderen zu
,Monsun' geplant hatten, in deren Rahmen Stadtvier- entkommen und im Untergrund unter der Führung des
tel bombardiert werden sollten. Am nächsten Morgen «Freiheitsrates» eine eigene illegale Polizeitruppe auf-
kamen Verkehr und Arbeit jedoch nur langsam in zubauen.
Gang. Der Freiheitsrat forderte dazu auf, den Streik Ende 1944 werden Professor Mogens Fog und andere
fortzusetzen, bis das Schalburgkorps aus dem Lande Führer der Untergrundbewegung verhaftet. Sie wer-
entfernt worden sei. In einer Verhandlung mit dem den im Dachgeschoss des Schell-Hauses, des Haupt-
Staatssekretär des Aussenministeriums, Nils Svenning- quartiers der Gestapo in Kopenhagen, untergebracht
sen, teilte Best mit, dass das Schalburgkorps Anwei- und sollen hier als lebende «Sicherungen» gegen Bom-
sung erhalten habe, sich nicht auf der Strasse zu zeigen. benangriffe festgehalten werden. Um Neujahr 1945
Es gelang Vilhelm Buhl in einer persönlichen Verhand- verbreitet sich die Nachricht, dass der unerschrockene
lung mit Best, die Zusage zu bekommen, dass das Schriftsteller und Redner Peter de Hemmer Selbstmord
deutsche Militär aus Kopenhagen abgezogen werde. Er verübt habe, indem er sich vom vierten Stock des
konnte diese Mitteilung in einer Rundfunksendung Schell-Hauses den Treppenschacht hinuntergestürzt hat.
machen, in der auch Ole Björn Kraft und der Vor- Für Hemmer bleibt es der letzte Ausweg, den Folte-
sitzende des Gewerkschaftsbundes sprachen. Der Frei- rungen der Gestapo zu entgehen und der Versuchung,
heitsrat forderte nun ebenfalls zur Arbeitsaufnahme etwas gegen andere Widerstandskämpfer auszusagen.
auf. Am Dienstag kam die Arbeit wieder in Gang, Im März 1945 trifft die Untergrundbewegung erneut
und am Mittwoch wurde sie in vollem Umfange wie- ein schwerer Schlag. Die Widerstandsleitung in Kopen-
der aufgenommen. Die Deutschen ihrerseits zogen das hagen kann von den Deutschen verhaftet werden. Einer
Militär zurück, hoben die Sperrzeit auf, setzten die weiteren Razzia kommen die Engländer zuvor, indem
Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke wieder in Be- sie das berüchtigte Schell-Haus bombardieren, wobei
trieb und verlegten das Schalburgkorps nach Ringsted zahlreiche Akten zerstört und führende Gestapoleute
in Nordseeland. Der Volksstreik bewirkte eine engere getötet werden. Einige der Gefangenen, darunter auch
Verbindung zwischen den Politikern und dem Freiheits- Professor Mogens Fog, können bei dieser Gelegenheit
rat ...» entkommen und stellen sich der Widerstandsarbeit so-
Nach diesem Erfolg des Volksstreiks gehen Sabotage fort erneut zur Verfügung.
und Terror weiter. Am 4. Juli fliegt in der Stadt Aarhus Die militärische Lage Deutschlands wird immer hoff-
in Jütland ein deutscher Munitionstransport in die nungsloser. Doch Sabotage und Terror gehen weiter.
Luft. 33 Menschen werden getötet, viele verletzt. Ganz Im März 1945 werden 36 Dänen hingerichtet, im April
Jütland wird daraufhin von deutschen Vergeltungs- sind es 22. Die Erbitterung des Volkes steigt. Die däni-
truppen heimgesucht. In Aarhus werden alle Strassen- sche Untergrundarmee hält sich zum Einsatz bereit.
bahnwagen durch «Schalburgtage» zerstört. Am 3. Mai 1945 erlässt der Freiheitsrat folgenden Auf-
Wenig später kommt es zum Abtransport von Insassen ruf an das illegale Heer: «Falls die Deutschen den
dänischer Konzentrationslager. Die Eisenbahner wol- Kampf wählen, so wissen wir, dass ihr bereit seid.
len streiken, sehen sich aber zur Weiterarbeit gezwun- Jeder wird seinen Posten einnehmen und seine Pflicht
gen, als man ihnen mit der Drohung begegnet, jeden tun. Kommt der Feind jedoch zur Vernunft, so wäre es
zehnten Eisenbahner zu erschiessen. ein Glück, dass unser Land von weiteren Blutopfern

196
Die Deutschen haben kapituliert

verschont würde. Ihr werdet in diesem Falle die Bewa- sammen. Wie eine unruhige, jubelnde Flut strömte die
chungsaufgaben haben, für die ihr bestimmt seid, und Menge die Bredgade hinunter nach Amalienborg, vor-
alle Repressalien gegenüber den Geschlagenen verhin- bei an einer langen Kolonne deutscher Soldaten, die
dern.» in entgegensetzter Richtung marschierten, leicht vorn-
Und der Feind kommt wirklich zur Vernunft. Dr. Best übergebeugt, mit dem Helm auf dem schweren Ge-
gelingt es, Admiral Dönitz, der nach Hitlers Selbst- päck. Niemand triumphierte. Man lief weiter, vorbei
mord dessen Nachfolger als Reichskanzler geworden an deutschen Wachtposten hinter rostrotem Stachel-
ist, davon zu überzeugen, es nicht zu sinnlosen Kampf- draht, nach Amalienborg, wo die dänische Polizei
handlungen in Dänemark und Norwegen kommen zu Barrikaden errichtet hatte. Vaterländische Lieder wur-
lassen. den gesungen. Und das norwegische: ,Ja, wir lieben
Die bereits zitierte Abhandlung dänischer Historiker unser Land'. Norwegen war ja noch nicht dabei. Über-
beschreibt den 4. Mai 1945, der für Dänemark die lang all in Dänemark feierte man vor Freude, und die An-
ersehnte Freiheit bringt: gehörigen des illegalen Heeres tauchten aus ihren ge-
«In der dänischen Abteilung des englischen Rundfunks heimen Unterkünften auf, in bunter halbziviler Mon-
in London schwirrten noch mehr Gerüchte herum als tierung, mit blau-weiss-roten Armbinden; 43’000 Mann
in Dänemark. Bald waren russische Fallschirmspringer im ganzen Land. Ihre Aufgabe war es, die Bewachung
auf Lolland-Falster gelandet, bald wurden die Eng- und den Wachdienst zu übernehmen, den Verkehr zu
länder bei Kolding, bald bei Aarhus gemeldet. Am regeln und Verhaftungen von Landesverrätern, Spit-
Freitag, den 4. Mai, hatte Redakteur Johs. G. Sörensen zeln, Schalburgleuten, Hilfspolizisten, ,Feldmatratzen'
um 20.30 Uhr eine Rundfunksendung für Dänemark. und Wehrmachtsprofitlern vorzunehmen. Hier und da
Die Sendung wurde wie gewöhnlich durch das rufende, geschah es, dass der jahrelang zurückgehaltene Hass
dumpfe Trommelsignal mit drei kurzen und einem lan- hell aufloderte. Im Allgemeinen glückte es jedoch,
gen Schlag eingeleitet, das sich mehrmals wiederholte. Zügellosigkeiten zu verhindern, und man vermied eine
Dann folgten die Takte des Prinz-Jörgen-Marsches. ,Nacht der langen Messer'.»
Und dann die Stimme: ,Hier ist London! Die BBC Am 9. Mai kommt das dänische Parlament zur ersten
sendet für Dänemark.' Zuerst die Programmübersicht freien Sitzung nach fünf Jahren zusammen. Auf
und die einleitenden Nachrichten. In dem Augenblick die Regierungsbildung haben die Widerstandskämpfer
erhielt der Sprecher von einem Mitarbeiter einen Stoss einen bedeutenden Einfluss. Der dänische Politiker
und schaltete das Mikrophon für einen Augenblick Buhl, der am 7. November 1942 auf deutschen Druck
aus. Es war geschehen! Kapitulation der deutschen hin als Minister zurücktreten musste, wird zum ersten
Truppen in Nordwestdeutschland, Holland und Däne- dänischen Ministerpräsidenten ernannt. In seiner An-
mark! ,Mit gewaltiger Anspannung, um die Stimme trittsrede dankt er den Alliierten und huldigt der däni-
zu beherrschen, gebe ich das Zeichen, ruhig zu sein, schen Widerstandsbewegung.
schalte das Mikrophon ein und sage es, wiederhole, «Nun ist der Tag gekommen, den das dänische Volk
langsam und genau, kein Wort darf verlorengehen, in diesen schweren Jahren der Bedrängnis mit bren-
man darf sich jetzt nicht versprechen. Meine Aufgabe nender Sehnsucht erwartet hat. Das deutsche Joch ist
ist es, für die da zu sein, die auf die Botschaft aus gebrochen. Dänemark, unser Vaterland, ist wieder frei.
London warten – und hier ist sie. Ich bin nur eine Die Freiheit und die Verantwortung des freien Man-
Stimme, und es ist meine Pflicht, eine ruhige und klare nes gehören uns Dänen wieder. Es ist meine Über-
Stimme zu sein.' zeugung, dass das dänische Volk seiner Zukunft mit
Um 20.35 Uhr hörte Dänemark im Rundfunk: ,In gesunder und unverletzter Lebenskraft entgegengeht.»
diesem Augenblick wird mitgeteilt, dass Montgomery Am 8. Juli wird der «Freiheitsrat» vom dänischen
erklärte, dass die deutschen Truppen in Holland, Nord- König empfangen und mit Dank und Anerkennung
westdeutschland und Dänemark kapituliert haben. gewürdigt. Die dänische Widerstandsbewegung hat ihr
Hier ist London. Wir wiederholen . . .' Im selben doppeltes Ziel erreicht. Dänemark wird als alliierter
Augenblick war es im ganzen Lande bekannt: ,Die Partner anerkannt, und Dänemark kann wieder in Frie-
Deutschen haben kapituliert!' In Kopenhagen liefen den und Freiheit leben.
die Leute von allen Strassen auf Kongens Nytorv zu-

197
Widerstand im Norden • Norwegen

Nachdem es Terboven nicht gelungen ist, durch eine


Norwegen entsprechende Mehrheit der norwegischen Volksver-
treter den König und die Exilregierung abzusetzen,
verkündet Terboven in einer Rede vom 25. September
Am 9. April 1940 beginnen die militärischen Opera- 1940, dass der König entthront ist und dass das Parla-
tionen gegen Dänemark und Norwegen. Während Dä- ment und sämtliche politischen Parteien bis auf die
nemark keine Möglichkeit sieht, militärischen Wider- Partei Quislings aufgelöst sind. 13 «provisorische
stand zu leisten, kommt es in Norwegen zu harten Staatsräte» werden eingesetzt, von denen 10 der Nas-
und erbitterten Kämpfen. Die Küstenbatterien müssen jonal Sämling angehören, während der unpopuläre
niedergekämpft werden. Der schwere Kreuzer «Blü- Quisling selbst noch im Hintergrund bleiben muss. Erst
cher» und die leichten Kreuzer «Karlsruhe» und «Kö- im Februar 1942 wird Quisling zum Ministerpräsiden-
nigsberg» gehen verloren. Deutschen Gebirgsjägern ten einer norwegischen Regierung ernannt, die jedoch
unter Generalmajor Dietl gelingt die Landung bei als echte «Quislingregierung» völlig abhängig vom
Narvik. Am 30. April treffen die von Oslo und Trond- Reichskommissar Terboven bleibt.
heim vormarschierenden deutschen Kräfte zusammen.
Die norwegischen Landstreitkräfte und die alliierten Diese Rede vom 25. September aber zeigt dem nor-
Truppen, die ihnen zu Hilfe geeilt sind, werden ge- wegischen Volk auch, was ihm in Zukunft bevorsteht.
schlagen. Der norwegische König Haakon und die Re- Die deutschen Okkupanten wollen nicht nur im Rah-
gierung Nygaardsvold fliehen nach England, bilden in men des Völkerrechts eine durch Kriegsnotwendigkei-
London eine Exilregierung und führen von hier aus ten bedingte militärische Besatzungsherrschaft, sondern
auch nach der Kapitulation ihrer Streitkräfte den Frei- darüber hinaus eine Nazifizierung des ganzen Landes
heitskampf Norwegens weiter. herbeiführen. Schlagartig klären sich nun innerhalb
In Norwegen selbst wird von deutscher Seite die Norwegens die teilweise schwankenden Fronten, und
Regierungsgewalt dem Reichskommissar Terboven die Front des Widerstandes entsteht.
übertragen, der zusammen mit dem Führer der nor- «Der Gleichschaltungsprozess», so schreibt Willy
wegischen Nationalsozialisten, Vldkun Quisling, und Brandt in seinem aufschlussreichen Buch «Norwegens
dessen Partei, der «Nasjonal Sämling» (NS), das Ziel Freiheitskampf», «wurde nun forciert, und die Bevölke-
verfolgt, das demokratische Norwegen in ein national- rung blieb nicht unbeeindruckt von dem Anschauungs-
sozialistisches umzuwandeln. Hiergegen vor allem unterricht, der ihr erteilt wurde. Staats- und Gemeinde-
wendet sich der von einer aktiven Minderheit ein- beamte wurden wegen politischer Unzuverlässigkeit
geleitete norwegische Widerstand, der später so gut wie abgesetzt. Sie wurden vielfach durch völlig unqualifi-
von der gesamten Bevölkerung getragen wird. zierte Personen abgelöst. Politische Delikte sollten,
Zunächst versucht Terboven, ganz nach dem Vorbild soweit sie nicht von deutschen Instanzen verfolgt wur-
der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutsch- den, durch ein aus Quislingen gebildetes ,Volksgericht'
land, seine Pläne durch eine «legale Revolution» zu abgeurteilt werden. Im Anschluss an die Auflösung der
verwirklichen. Unter Zurückstellung Quislings, dessen Parteien dekretierte man das Verbot zahlreicher ande-
Partei nie mehr als 2% der Wähler repräsentiert hat, rer Organisationen. Nazistische Presse- und Filmdirek-
versucht er solche politischen Kräfte für sich zu ge- torate wurden errichtet. Neben ausländischen Namen fi-
winnen, die von der Mehrheit des norwegischen Volkes gurierten bald bekannte norwegische Schriftsteller auf
unterstützt werden. Die norwegische Volksvertretung, schwarzen Listen.
der «Storting», soll selbst den Beschluss fassen, den Die Gewerkschaften durften nach dem 25. September
König und die Exilregierung abzusetzen. Diese For- weiterbestehen. Die Machthaber erzwangen jedoch eine
derung Terbovens wird vom Präsidium des Stortings teilweise Umbesetzung der obersten Leitung. Personen,
zunächst abgelehnt und als völlig unannehmbar be- die sie für gefügiger hielten, übernahmen Spitzenfunk-
zeichnet. Unter dem Druck massiver Drohungen und tionen. Die wirkliche Stimmung innerhalb des Ge-
der deprimierenden französischen Kapitulation ent- werkschaftsbundes kam auf einer im Oktober abgehal-
schliesst man sich dann aber doch zu einem Schreiben tenen Tagung des Landesausschusses zum Ausdruck.
an den König, in dem ihm die Abdankung «zugunsten Dort wurde eindeutig festgestellt, dass die Bewegung
des Volkes» nahegelegt wird. Die Antwort des Königs ihr Programm aufrechterhalte und nicht bereit sei, ihr
vom 3. Juli ist ein klares «Nein». Zwar würde er sich Recht auf Selbstbestimmung preiszugeben. Opposition
jederzeit einem Mehrheitsbeschluss des norwegischen machte sich auch bemerkbar, als die neuen Nazibehör-
Volkes fügen, nicht aber einem Vorschlag, der eindeutig den Loyalitätserklärungen der Stadt- und Gemeinde-
verfassungswidrig und nur aufgrund der deutschen vertretungen verlangten. In Oslo wurde die aus Ar-
Machteinwirkung zustande gekommen sei. beiterparteilern bestehende Mehrheit des Magistrats

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Gegen Quisling und Nazifizierung

verhaftet, nachdem sie eine Erklärung des Inhalts ent- der Sportler bestand in der Ablehnung der Teilnahme
worfen hatte, dass sie an das von den Wählern gegebene an allen öffentlichen Wettbewerben.
Mandat gebunden und nicht gewillt sei, im Widerspruch Die Nazis versuchten, die Front durch Verhaftung und
dazu zu handeln. «lebenslängliche» Disqualifizierung namhafter Sportler,
Die spontanen norwegischen Proteste richteten sich in u.a. der bekanntesten norwegischen Skiläufer, zu bre-
erster Linie gegen die Machenschaften der einheimi- chen. Aber auch das blieb nutzlos.
schen Nazis. Quisling gelang, was so vielleicht niemand Die Streikparole bedeutete jedoch keineswegs eine tat-
anderem gelungen wäre: Er einigte fast das gesamte sächliche Lahmlegung des norwegischen Sports. Inoffi-
Volk – gegen sich. Die äusseren Bedingungen, unter de- ziell lebten die Vereine weiter. Abseits von den bekann-
nen sich die NS-Partei entfalten konnte, waren denkbar ten Sportplätzen, ausserhalb der Städte und in den
günstig. Alle öffentlichen Beamten und Angestellten Wäldern wurde eifrig geübt. Die Verbindung im Be-
wurden mit der Entlassung bedroht, falls sie es ab- zirks- und Reichsmassstab wurde geheim aufrechterhal-
lehnten, der Partei beizutreten. Unbegrenzte Geld- ten. Illegale Meisterschaften wurden bei Einhaltung
quellen, aus den Mitteln der verbotenen Organisatio- aller Regeln durchgeführt, wobei es allerdings gelegent-
nen sowie aus den Kassen des Staates und der Ge- lich zu Verhaftungen kam. Als die Fremdherrschaft zur
meinden, standen der Quisling-Bewegung zur Ver- Neige ging, hatten sich die Nazibehörden mehr oder
fügung. Sie konnte die gesamte Presse und alle Red- weniger mit der Existenz eines illegalen Massensports
nertribünen für ihre Propaganda ausnutzen. Und abfinden müssen.»
dennoch blieb der Zuzug neuer Mitglieder wesentlich Nach dem erfolglosen Angriff auf die norwegische
auf Glücksritter, verunglückte Existenzen und krimi- Sportbewegung kommt es kurz darauf zum Konflikt
nelle Elemente beschränkt. Im Sommer 1941 hatte man mit dem Obersten Gericht. Die Mitglieder dieses Ge-
30‘000 Mitglieder zusammengebracht, eine doch recht richts, dessen Aufgabe u.a. darin besteht, die Gesetze
bescheidene Ziffer ... daraufhin zu prüfen, ob sie mit den Bestimmungen
Besonders starker Protest wurde laut, als die Nazis der Verfassung übereinstimmen, wollen es sich nicht
ungeschickt genug waren, einen Vorstoss gegen die nehmen lassen, auch die Verordnungen der von Ter-
Sportbewegung zu unternehmen. Vor dem Kriege gab boven eingesetzten Staatsräte auf ihre Verfassungs-
es in Norwegen neben dem «Landesverband» einen mässigkeit zu überprüfen. Als sie ihre Stimme gegen
starken Arbeitersport. Diese beiden Richtungen, die die Rechtswidrigkeit solcher Verordnungen erheben,
zusammen über 300’000 Mitglieder zählten, verhan- weist Terboven ihren Protest zurück. Daraufhin treten
delten schon vor dem Kriege über den Zusammen- kurz vor Weihnachten 1940 der Präsident des Obersten
schluss. Im September 1940 wurden die Verhandlungen Gerichts, Paal Berg, und seine Kollegen von ihren
in positivem Sinne abgeschlossen. Im November mach- Ämtern zurück. Kollaborationswillige Richter werden
ten die Nazibehörden ihren Gleichschaltungsversuch. eingesetzt, die erklären, dass alle Verordnungen des
Sie wollten der vereinigten Bewegung neue Leiter auf- Reichskommissars und der ihm verantwortlichen Staats-
zwingen. Die Antwort war eine der grossartigsten räte gültiges norwegisches Recht sind.
Manifestationen des passiven Widerstandes. Dieser geschlossene Rücktritt der höchsten Richter Nor-
Die demokratisch gewählte Leitung begnügte sich nicht wegens zeigt dem ganzen norwegischen Volk, dass es
mit Protestschreiben. Sie lancierte zugleich die Parole nicht mehr nach den Grundsätzen der Verfassung regiert
des ,Sportstreiks’, die die überwältigende Mehrheit der wird und dass es die Pflicht der echten Patrioten ist, an
Sportler während der ganzen Dauer der Okkupation solchen verfassungswidrigen Massnahmen nicht mitzu-
befolgte. Die Jugend wurde durch den Vergewalti- wirken.
gungsversuch der Nazis geradezu in das Lager der Über den Widerstand der einzelnen gesellschaftlichen
Opposition getrieben. Sie wurde auch politisiert, und Gruppen, der den Gleichschaltungsversuchen entgegen-
aus den Reihen der sonst fast nur dem Sport huldigen- gesetzt wird, schreibt Willy Brandt:
den Jugend gingen viele patriotische Kampfgruppen «Die Verteidigung des Rechtsstaates und des natio-
hervor. Der offizielle Sportverband, der nun also nalen Eigenlebens waren das A und O des norwegischen
unter nazistischer Führung stand, führte trotz gross- Widerstandes. Diese Verteidigung musste vor allem
zügiger staatlicher Unterstützung ein mehr als küm- von jenen Gruppen der Bevölkerung vorangetragen
merliches Dasein. Es gelang ihm mit grosser Mühe, werden, die auf Grund ihrer Ausbildung und Stellung
einige wenige Vereine am Leben zu erhalten. Alle an- dazu besonders berufen waren. Das Reichsgericht hatte
deren liessen sich eher auflösen und ihr Eigentum be- eine allgemeine Richtlinie gegeben. Die Kirche hatte
schlagnahmen, als dass sie mit der ihnen aufgezwun- sich ihr angeschlossen. Dasselbe taten die freien Berufs-
genen Führung zusammengearbeitet hätten. Der Streik gruppen.

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Widerstand im Norden • Norwegen

Der Bund der Rechtsanwälte unterstützte – in Über- der gröbsten Weise beschimpfte und bedrohte. Drei
einstimmung mit den Richtern – jene Haltung, die Gewerkschaftsführer und die leitenden Vertreter der
das Reichsgericht gegenüber Terboven verfochten hatte. Ärzte, Anwälte, Ingenieure und der Kaufmannschaft
Er protestierte im Frühjahr 1941 gegen Verordnungen liess er unmittelbar durch die Gestapo abführen.
des Justizministeriums, durch die die Behandlung poli- Gleichzeitig wurde die Auflösung mehrerer der betei-
tischer Delikte in hohem Masse der Willkür überlassen ligten Organisationen bekanntgegeben. Die übrigen
wurde. Nach diesen Protesten wurde im Juni 1941 Verbände wurden der Kontrolle von Kommissaren
verordnet, dass Anwälte, deren Haltung dem ,Geist unterstellt. Das Innenministerium errichtete eine Zen-
der neuen Zeit' widerspreche, ihrer Rechte enthoben tralstelle mit der Aufgabe, darüber zu wachen, dass alle
würden. Das wurde bald praktiziert, und bekannte Organisationen in Übereinstimmung mit ,den Erforder-
Juristen wanderten ins Gefängnis oder Konzentra- nissen der politischen Neuordnung' geleitet würden.
tionslager. Die Anwälte verweigerten auch in den fol-
genden Jahren Beitragsleistungen an den NS-Advo- Die Neuordner beabsichtigten, die Berufsorganisatio-
katenbund und lehnten es in ihrer grossen Mehrheit nen als Basis der korporativen Neubildung des Staates
prinzipiell ab, Massnahmen der Nazibehörden irgend- zu benutzen, auf die das Programm der NS ausgerich-
wie zu unterstützen. Das führte zu zahlreichen Ver- tet war. An Stelle des Stortings sollten ein Wirtschafts-
haftungen und Konfiskationen. und Kulturting und als deren Überbau ein Reichsting
Die Vereinigung der Ärzte lehnte im Herbst 1940 geschaffen werden. Die Mitglieder dieser Körperschaf-
jegliche Zusammenarbeit mit der NS ab. Im folgenden ten sollten nicht gewählt, sondern von der NS-Füh-
Frühjahr setzte die Ärzteschaft ihr ganzes soziales Ge- rung als Vertreter verschiedener Verbände und Innun-
wicht ein, nachdem sich Hirdleute [eine Art SA der gen delegiert werden. Zunächst bemühte man sich, die
Quisling-Partei] eines brutalen Überfalles auf den Macht über die bestehenden Berufsorganisationen mit
Oberarzt eines Krankenhauses der Osloer Umgebung verschiedenen Kniffen sozusagen friedlich in national-
schuldig gemacht hatten. Sämtliche Oberärzte erklär- sozialistische Hände zu bringen. Das musste misslingen.
ten mit Unterstützung der übrigen Ärzteschaft und des Der nächste Versuch ging darauf hinaus, die Organi-
Pflegepersonals, dass sie nicht die Verantwortung für sationen durch das Kommissarsystem zu erobern. Aber
die Patienten tragen könnten, falls solche Ausschreitun- auch hier blieb der Erfolg aus. Nicht besser ging es
gen ungeahndet blieben. Die NS-Leute mussten retirie- 1942, als Quisling auf die Idee kam, Zwangsmitglied-
ren und den verhafteten Oberarzt wieder in seine schaften anzuordnen. Die Mitglieder reagierten spon-
Stellung einsetzen. Ebenso wie die Anwälte weigerten tan und lehnten es ab, Beiträge an Organisationen zu
sich die Ärzte, Beiträge an die von der NS aufgezogene entrichten, auf die sie keinen Einfluss mehr hatten. Die
Vereinigung zu leisten. Diese Haltung wurd