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Reinhard Mehring

Hitler-Schiller: Carl Schmitts nachgelassene Hitler-Reflexionen im


Licht von Max Kommerells Schiller-Deutung1

„Tatsache und Bedingungen [...] einer allgemeinen deutschen


Bildung hat er geschaffen, mehr als irgendein andrer.“
Gundolf 1905 „Zu Schillers Gedenktag“ 2

Der Leviathan ist nicht nur eine wunderbare Fachzeitschrift, die über den sozialwis-
senschaftlichen Fächern schwebt, sondern auch ein politisches Symbol. Über den
„Sinn und Fehlschlag“ dieses Symbols hat der Staatsrechtslehrer Carl Schmitt
(1888-1985) ein bekanntes Buch publiziert; es heißt „Der Leviathan in der Staats-
lehre des Thomas Hobbes“.3 Mit diesem Buch versuchte Schmitt sich im Jahr 1938
in den nationalsozialistischen Debatten um den „totalen Staat“ neu zu positionieren.
Wo genau stand er damals? Das ist bis heute umstritten. Denn seine Zweideutig-
keit hatte Methode. Unter den Bedingungen politischer Zensur und Verfolgung re-
klamierte Schmitt, einer der einflussreichsten akademischen „Jasager von 1933“,4
eine Unterscheidung zwischen „exoterischen“ Aussagen und „esoterischer“ Bedeu-
tung für seine Schriften. Buchstäblich und öffentlich plädierte er seit 1933 eindeutig
für den Nationalsozialismus. Mit dem Leviathan-Buch argumentierte er dann zwar
„exoterisch“ gegen die Möglichkeit eines „totalen Staates“, „esoterisch“ aber sehr
wohl für das Totalisierungsinstrument des politischen Mythos. Mit den Mitteln des
Mythos sollte der Staat ergreifen, was sein Schwert nicht fassen kann: den „Glauben“
der Beherrschten. Später5 nahm Schmitt für sein Buch auch eine „esoterische“ Kri-
tik am Nationalsozialismus in Anspruch; schon 1938 verfasste er eine – damals un-
veröffentlichte – Warnung an den Leser: „Vorsicht, mein Lieber!“, schrieb er. „Dieses

1 Prof. Dr. Dieter Borchmeyer danke ich sehr herzlich für großen Zuspruch und Ermunte-
rung. Prof. Dr. Jürgen Becker danke ich für die freundliche Erlaubnis, Schmitts Nachlass
einzusehen und daraus zu zitieren. Prof. Dr. Ernst Osterkamp sowie Stephan Schlak dan-
ke ich für zahlreiche kritische Hinweise.
2 Friedrich Gundolf, Zu Schillers Gedenktag (1905), in: ders., Beiträge zur Literatur- und
Geistesgeschichte, hrsg. Victor A. Schmitz u. Fritz Martini, Heidelberg 1980, S. 38-47,
hier: S. 38.
3 Carl Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag
eines Symbols, Hamburg 1938.
4 So die Selbstbezeichnung von Carl Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre
1947-1951, hrsg. Eberhard von Medem, Berlin 1991, S. 197 (16.9.1948).
5 Carl Schmitt, Ex Captivitate Salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47, Köln 1950, S. 14 ff.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 217

ist ein durch und durch esoterisches Buch, und seine immanente Esoterik steigert
sich in demselben Masse, in dem Du in das Buch eindringst. Lass also besser die
Hände davon!“6 Diesen „Waschzettel“ unterzeichnete er damals mit einer literari-
schen Fiktion, mit dem Namen des „Benito Cereno“, der literarischen Figur eines
gefesselten Kapitäns auf einem gemeuterten Schiff aus einer Novelle Hermann
Melvilles, durch die Schmitt seine eigene Rolle im Nationalsozialismus spiegelte.
Eine ähnliche Warntafel muss ich vor meinen eigenen Aufsatz stellen. Auch er
handelt ziemlich „esoterisch“ von literarischen Spiegelungen des Nationalsozialis-
mus; er rekonstruiert einen Faden geistesgeschichtlicher Deutung, der zu Schmitts
kleinem Shakespeare-Büchlein „Hamlet oder Hekuba“ aus dem Jahr 1956 führt,
dem die Forschung bisher nur marginale Bedeutung für das Gesamtwerk zudachte.
Wir begeben uns also in die Werkstatt Carl Schmitts, die einem Bergwerk mit laby-
rinthischen Gängen gleicht. Was dabei am Ende herauskommt, sind zwei gewendete
Figuren, Friedrich Schiller und Adolf Hitler. Schmitt hatte wenig Geschmack am bil-
dungsbürgerlich eingefahrenen Klassikerkanon. Er dachte auch nach 1945 noch völ-
lig anders über Hitler und den Nationalsozialismus als die bundesdeutsche Zeitge-
schichtsforschung. Seinen exzentrischen Überlegungen wird nur folgen mögen, wer
dem intellektuellen Freibeuter- und Abenteurertum Kredit gibt, das er in seinem
Verhältnis zum Nationalsozialismus für sich in Anspruch nahm.7
Zwei Stränge der historischen Deutung des Nationalsozialismus verfolgte
Schmitt nach 1945 in seinen überaus vielschichtigen, vieldeutigen und skizzenarti-
gen nachgelassenen Aufzeichnungen, die erst 1991 unter dem Titel „Glossarium“
posthum erschienen: einen rechtsgeschichtlichen und einen geistesgeschichtlichen
Strang: „Der eine Schlüsselbegriff: die Legalität; der andere: das Genie; beides zu-
sammen ergibt die volle Antwort.“ (8.12.1947) Die rechtsgeschichtliche Herleitung
des Nationalsozialismus publizierte Schmitt in verschiedenen Varianten8 und diag-
nostizierte dabei eine „Aufspaltung“ des Rechtsbegriffs in die Antithese von Legalität
und Legitimität als Schlüssel zur Erklärung der Selbstpreisgabe der Weimarer Re-
publik – bis zur „legalen Revolution“ und schließlichen Machtübernahme Hitlers.
Schmitt war davon überzeugt, dass erst die Entmaterialisierung und Formalisierung
des Rechts durch den Weimarer Rechtspositivismus die sinnwidrige „legale Revolu-

6 Schmitt schickte diesen (ausführlicheren) „Waschzettel“ am 4. Dezember 1948 an Armin


Mohler, in: Carl Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Schüler, hrsg. von Armin Mohler,
Berlin 1995, S. 38.
7 Schmitt wurde im Zusammenhang der Nürnberger Prozesse verhaftet und vernommen.
Bei seiner Vernehmung meinte er 1947: „Ich bin ein intellektueller Abenteurer.“ (Carl
Schmitt, Antworten in Nürnberg, hrsg. Helmut Quaritsch, Berlin 2000, S. 60) Quaritsch
vertritt in seiner eingehenden Kommentierung die Auffassung, dass Schmitt in Nürnberg
lediglich als „Sachverständiger“ inhaftiert wurde.
8 Dazu vgl. Carl Schmitt, Die Lage der europäischen Rechtswissenschaft; Der Zugang zum
Machthaber, ein zentrales verfassungsrechtliches Problem; Das Problem der Legalität, in:
ders., Verfassungsrechtliche Aufsätze aus den Jahren 1924 bis 1954. Materialien zu einer
Verfassungslehre, Berlin 1958.
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tion“ ermöglichte, die vom Standpunkt der Weimarer Verfassung aus zwar legal war,
ihrerseits aber revolutionäre, andere Legitimitätsgründe hatte.
Doch diese rechtshistorische Herleitung war nicht „die volle Antwort“; Schmitt
hatte noch eine zweite Deutung im Köcher – die geistesgeschichtliche Deutung des Ge-
nie-Gedankens als Schlüssel zum Führermythos. Diesen Gedanken erörterte er bei-
nahe nur im Nachlass. Wer seine Geschichtsdeutung in ihrer ganzen Komplexität
kennen lernen möchte, muss sich deshalb an den Nachlass machen. Eben diesen
zweiten Strang historischer Deutung will ich hier in einem Aspekt näher untersu-
chen: nämlich in der Reflexion über Hitler im Spiegel von Max Kommerells Schil-
ler-Deutung. An dem Schiller-Bild dieses großen Literaturwissenschaftlers, das
Schmitt übernimmt, ist zweierlei interessant: erstens die Abkehr vom rein morali-
schen Schiller-Bild, wie es das liberale Bildungsbürgertum lange pflegte; und zwei-
tens der aktualisierende „existentielle“ Umgang mit einem Autor als Spiegel der eige-
nen Problematik (als „Gestalt“ der „eigenen Frage“, um es mit Schmitt zu sagen).9
Schmitt bedachte nach 1945 die „Tragik“ menschlichen Handelns mit Anleihen bei
Schiller. Dessen unvollendetes Demetrius-Fragment von 1804/05, unstrittig eines
seiner kühnsten dramatischen Entwürfe, wurde ihm zum Spiegel für die Deutung
Hitlers und der eigenen Verstrickung. Kommerells Deutung stand ihm dabei Pate.
Mein Titel deutet die Ambiguität an, mit der Schmitt Hitler durch Anleihen bei
Schiller zu erhellen versuchte. Schmitt sah in Schiller einen tyrannischen Politiker
des „Geistes“. Der Titel bezeichnet darüber hinaus auch äußerste, weit auseinander-
liegende Möglichkeiten. Gelegentlich muss man vertraute Perspektiven umstellen
und die Verhältnisse neu beleuchten. So beließ es auch Thomas Mann nicht beim al-
ten Goethe oder immer jungen Schiller, sondern nahm noch die radikalste Kritik
auf, um das humane Maß für seine Zeit neu zu bestimmen. Im Goethejahr 1949 ak-
tualisierte er seinen Goethe, indem er ihn zugleich als „den Halbgott und das Unge-
heuer“, als „Übermenschen“ und „Unmenschen“ pries.10 Ähnlich intendierte
Schmitt durch Polemik hindurch ein anderes, komplexeres Bild seiner Gegenwart.
Der Text gliedert sich in sieben Teile. Er beginnt mit Kommerells Diagnose eines
Epochenwandels deutscher Bildung (I.) und seiner Schiller-Deutung (II.); er unter-
sucht dann deren Niederschlag in Schmitts „Glossarium“ anhand von Schmitts Hit-
ler-Bild (III.) und von Schmitts Schiller-Deutung (IV.). Der folgende Abschnitt be-
stätigt den Befund mit Material aus dem Nachlass (V.). Schließlich konfrontiere ich
die Schiller-Adaption mit Schmitts Shakespeare-Büchlein (VI.). Es folgt noch ein
knapper Schluss (VII.). Der philologische Faden ist also ziemlich verwickelt und
bedarf einiger Aufmerksamkeit.

9 Carl Schmitt, Ex Captivitate Salus, Köln 1950, S. 90 („Der Feind ist unsre eigne Frage als
Gestalt.“)
10 Thomas Mann, Ansprache im Goethejahr 1949, in: ders., Gesammelte Werke in dreizehn
Bänden, Frankfurt a.M. 1974, Bd. XI, S. 481-497.
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I. Ein Epochenwandel deutscher Bildung: Stefan George und Max


Kommerell

Schmitts geistesgeschichtliches Panorama lässt sich aus dem Kontext des Geor-
ge-Kreises erklären. Der George-Kreis war das große Laboratorium und der General-
stab der Ideenpolitik nach 1900. Stefan George (1868-1933), der „Stern des Bun-
des“ und „Meister“ des Kreises, wurde zum Stichwortgeber und Organisator der
Nietzsche- und der Hölderlin-Rezeption. Auch die neuere Platonforschung ging aus
dem Kreis hervor. George sah in der Figur des Dichters den „Propheten“ und Kün-
der neuer Zeiten und konstatierte einen Epochenwandel vom bürgerlichen Zeitalter
zur Massengesellschaft. Beide Epochen betrachtete er elitär und skeptisch. Der Kreis
konservierte gleichsam noch einmal den alten Nimbus und die philosophisch-prak-
tische Orientierungsfunktion des „Geistes“.11 Seine Wirkung in den Geisteswissen-
schaften war groß. George betrachtete sich selbst zwar nicht als Wissenschaftler.
„Von mir aus führt kein Weg zur Wissenschaft“,12 soll er gegenüber seinem Meister-
schüler Friedrich Gundolf (1880-1931)13 gesagt haben. Dennoch gingen bedeuten-
de Wissenschaftler wie Ernst Kantorowicz (1895-1963) aus seinem „Kreis“ hervor.
Für die Literaturwissenschaft ist neben Gundolf vor allem Max Kommerell (1902-
1944) zu nennen.
Kommerell wurde 1902 in München geboren und starb 1944 als Ordinarius in
Marburg. Ende der 20er Jahre trennte er sich zwar von George. Philosophen wie
Walter Benjamin, Martin Heidegger oder Hans-Georg Gadamer sahen ihn aber den-
noch als den wichtigsten Vertreter des Literaturverständnisses an, wie es der „Kreis“
repräsentierte. Während Benjamin Friedrich Gundolf – im „Wahlverwandtschaf-
ten“-Essay – geradezu beisetzte, sah er Kommerell als seinen kongenialen Gegenspie-
ler an. Das trug ihm erbitterte Bemerkungen Theodor W. Adornos über seine „Fein-
desbewunderung“ ein, hatte Kommerell in Frankfurt doch angeblich geäußert,
Männer wie Adorno „solle man an die Wand stellen“.14 Gewiss, er hatte vor 1933
11 Dazu vgl. Stefan Breuer, Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche
Antimodernismus, Darmstadt 1995; Carola Groppe, Die Macht der Bildung. Das deut-
sche Bürgertum und der George-Kreis 1890-1933, Köln 1997; Rainer Kolk, Literarische
Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises 1890-1945, Tübingen 1998.
12 Das Diktum überliefert Edgar Salin, Um Stefan George. Erinnerungen und Zeugnis,
2. Aufl., München 1954, S. 49. Die Forschung betont heute dagegen die Wirkung in den
Wissenschaften: Barbara Schlieben, Olaf Schneider und Kerstin Schulmeyer (Hrsg.), Ge-
schichtsbilder im George-Kreis. Wege zur Wissenschaft, Göttingen 2004.
13 Zum germanistischen Werk vgl. Ernst Osterkamp, Friedrich Gundolf (1880-1931), in:
Christoph König, Hans-Harald Müller und Werner Röcke (Hrsg.), Wissenschaftsge-
schichte der Germanistik in Portraits, Berlin 2000, S. 162-175; Gundolfs – Schmitt erhel-
lende – Wendung zur Bildungsgeschichte zeigt sehr klar Ulrich Raulff, Der Bildungshisto-
riker Friedrich Gundolf, in: Friedrich Gundolf, Anfänge deutscher Geschichtsschreibung
von Tschudi bis Winckelmann, Frankfurt a.M. 1992, S. 115-154.
14 Theodor W. Adorno-Walter Benjamin, Briefwechsel 1928-1940, hrsg. Henri Lonitz,
Frankfurt a.M. 1994, S. 73 (Brief Adornos an Benjamin, 6.11.1934).
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einige Sympathien für den Nationalsozialismus, doch ab dem Sommer 1933 ging er
eindeutig auf Distanz.15
Schmitts Nähe zur geistesgeschichtlichen Sicht Kommerells und des Geor-
ge-Kreises geht zunächst nur aus wenigen Bezugnahmen auf Hölderlin im Zusam-
menhang seiner Spekulationen über den „Nomos“16 als Grundbegriff des Rechts
hervor. Auch seine schroffe Ablehnung Goethes als „Repräsentant des bürgerlichen
Zeitalters“ (Thomas Mann) ist vor 1945 ziemlich unauffällig. Schmitt begegnete
dem bildungsbürgerlichen Habitus erstmals 1907 in seinem ersten Studiensemester
in Berlin. Darüber schrieb er 1946/47 einen kurzen Text „1907 Berlin“, der biogra-
phische Motive seiner Schrift „Ex Captivitate Salus“ beleuchtet. Der geistigen Physi-
ognomie der Großordinarien Josef Kohler und Ulrich von Wilamowitz-Moellen-
dorff liest er hier Züge des damaligen „deutsche[n] Gesamt-Ich“ ab. Er konstatiert
eine „existentielle Inkonsistenz“ zwischen der „geschichtlichen Situation“ und der
Bildung, die sie verkörperten:17 Diese Mandarine der akademischen Gelehrtenwelt
hatten die „Erfahrungen des Bürgerkriegs“ von 1848 schon verdrängt und den
„Ernstfall“ vergessen. Ihre Bildung passte deshalb nicht mehr zu den Herausforde-
rungen der Zeit.
Schmitt konzentriert sich besonders auf Wilamowitz, den alten Gegenspieler
Nietzsches und Inbegriff des positivistischen Philologen, der zum Feindbild des Ge-
orge-Kreises wurde.18 Der Berliner Historismusstreit um die Geschichtlichkeit
ideeller Geltungsansprüche geht bis auf diese Auseinandersetzungen zurück.
Schmitt nahm diese Diskussionen auf, griff aber nach 1918 nur eher unauffällig mit
einer vernichtenden Kritik an Friedrich Meineckes „Idee der Staatsräson“19 in die
Debatte ein. Schmitt warf dem Historismus vor, die politischen „Ideen“ histo-

15 Dazu vgl. Walter Müller Seidel, Schiller im Verständnis Max Kommerells. Nachtrag zum
Thema ’Klassiker in finsteren Zeiten’, in: Prägnanter Moment. Festschrift für Hans-Jür-
gen Schings, Würzburg 2002, S. 275-308.
16 Zum Nomos-Begriff aus dem „Kreis“ schon Edgar Salin, Civitas Dei, Tübingen 1926, der
die Verkirchlichung des Christentums als Staatsbildungsprozess beschreibt. Eine weitere
politische Programmschrift des Kreises war Ernst Kantorowicz’, Kaiser Friedrich der
Zweite, Berlin 1927, der den „Tyrannen“ Friedrich in die antike Caesarenverehrung zu-
rückstellt und als „Antichristen“ und Vorläufer der Renaissance preist. Andreas Koenen
(Der Fall Carl Schmitts. Sein Aufstieg zum ’Kronjuristen des Dritten Reiches’, Darmstadt
1995) stellt Schmitt als Akteur dagegen zu eng in die „reichstheologische“ Bewegung der
Zwischenkriegszeit.
17 Carl Schmitt, 1907 Berlin, in: Schmittiana 1 (1988), S. 13-21, hier: S. 19 f.
18 Der Angriff ging 1910 von Kurt Hildebrandt aus, dessen Habilitationsversuch in Berlin
deshalb auch an Werner Jaeger, dem Nachfolger von Wilamowitz, scheiterte. Dazu rüc-
kblickend Kurt Hildebrandt, Erinnerungen an Stefan George und seinen Kreis, Bonn
1960, S. 55 ff., 188 ff.; dazu vgl. Volker Gerhardt, Reinhard Mehring und Jana Rindert,
Berliner Geist. Eine Geschichte der Berliner Universitätsphilosophie, Berlin 1999,
S. 250 ff.; vgl. auch Verf., Humanismus als ’Politicum’. Werner Jaegers Problemgeschichte
der griechischen ’Paideia’, in: Antike und Abendland 45 (1999), S. 111-128.
19 Carl Schmitt, Zu Friedrich Meineckes „Idee der Staatsräson“ (1928), in: ders., Positionen
und Begriffe im Kampf mit Weimar-Genf-Versailles, Hamburg 1940, S. 45-52.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 221

risch-politisch nicht genau genug als polemische, d.h. auf eine konkrete Situation
bezogene Begriffsbildungen zu verstehen. Ähnlich radikal kritisierte er die Heroen
der deutschen „Bildung“. Zur Wilhelminischen Gelehrtenwelt der Berliner
Universität schrieb er rückblickend:

„Das Podium war ursprünglich eine Kanzel gewesen und hatte in einer christlichen Kirche ge-
standen. Die Kanzel wurde zum Katheder für philosophische und moralische Vorlesungen.
Dann wandelte sich das Katheder zur Bühne, indem die Bühne zur moralischen Anstalt wurde.
Der Wandel des Podiums wurde in der Physiognomie der Zeit sichtbar. In dem Gesicht des geis-
tigen Typus dieser Jahre trafen drei bürgerliche Gesichter zusammen, das eines Predigers, eines
Professors und eines Schauspielers. [...] Daraus ergab sich eine Gesamttendenz zur GOE-
THE-Maske. Die GOETHE-Maske war das tiefste Unheil der Zeit. Mit ihr wurde Tausenden
von begeisterungsfähigen Jünglingen das Scheinbild einer potestas spiritualis in die Seele ge-
legt.“20

Der Angriff auf diese Bildungswelt ging vor 1914 vom George-Kreis aus und wurde
dann vom Weimarer Radikalismus übernommen. Der George-Kreis destruierte den
bürgerlichen Bildungskanon, indem er dessen „Heroen“ von ihrer Wirkungsge-
schichte her auffasste und eine „Mythologie“ (Ernst Bertram), eine „Legende“ (Ernst
Kantorowicz) oder Geschichte des „Ruhms“ (Friedrich Gundolf ) schrieb. Neben der
Tendenz zur Monumentalisierung des Gelehrten gibt es im Kreis jedenfalls auch die
gegenläufige Tendenz zur wirkungsgeschichtlichen Demontage. Die „Mythisierung“
erfolgte aus Einsicht in den rekonstruktiven Charakter historischer Erinnerung.
Erst im „Glossarium“ ist explizit nachzulesen, dass Schmitt seiner persönlichen,
„esoterisch“ gewollten Bezugnahme auf weithin vergessene Dichter wie Theodor
Däubler und Konrad Weiß noch die Referenz an Hölderlin und den George-Kreis
vorlagerte. Gegen den „bürgerlichen“ Bildungskanon baute er den Gegenkanon des
jugendbewegten, expressionistischen Antimodernismus auf und überbot diesen Ka-
non noch durch seine „unzeitgemäßen“ Dichter. Schmitt machte den „Goe-

20 Carl Schmitt, 1907 Berlin, in: Schmittiana 1 (1988), S. 13-21, hier: S. 18. Am 6.2.1951
schreibt er (Carl Schmitt und Álvaro d’Ors. Briefwechsel, hrsg. Montserrat Herrero, Ber-
lin 2004, S. 108 f., vgl. S. 113): „Goethe, der weltberühmte, humane Goethe, hat tatsäch-
lich den Ausspruch getan ’Trost ist ein absurdes Wort; wer nicht verzweifeln kann, soll
auch nicht leben’. Solche Sätze gehören zu dem ’anderen’ Goethe und zur Kehrseite der
absoluten Humanität.“ Ansätze zu diesem anderen Goethe finden sich bei Schmitt. So be-
ruft er sich 1950 im Vorwort zum „Nomos der Erde“ auf Verse Goethes. In seinem späten
Aufsatz <@132>Clausewitz als politischer Denker“ (in: Der Staat 4, 1967, S. 479-502)
unterscheidet er Goethes und Hegels Napoleon-Verehrung vom nationalistischen Hass.
Er zitiert auch Goethes Distanz zum modernen Fortschritts-Technizismus zustimmend
(Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, hrsg. Günter Maschke,
Berlin 1995, S. 503) und beruft sich für seinen biblischen Ansatz, dass der Mensch „ein
Sohn der Erde“ sei, auf Goethe (Staat, Großraum, Nomos, Berlin 1995, S. 569). Am Ende
der „Verfassungsrechtlichen Aufsätze“ beruft Schmitt sich für seinen Ansatz beim „Neh-
men“ auf ein „Lehrgespräch“ Goethes (Verfassungsrechtliche Aufsätze, Berlin 1958,
S. 508). So autorisiert er sein Spätwerk mit einer gewissen Systematik durch den „anderen
Goethe“.
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the-Kult“ für die Heraufkunft des Nationalsozialismus mit verantwortlich. Im


„Glossarium“ schreibt er diese spezielle Einsicht Max Kommerell und dem politi-
schen Philosophen Eric Voegelin (1901-1985) zu: „Vor allem ist der spezifisch neu-
deutsche Rassebegriff nur aus dem Goethe-Kult erklärlich“, notiert Schmitt am
21. Dezember 1947 und zieht eine Linie von Goethe zur NS-Elite. Kommerells frü-
he große Monographie über den „Dichter als Führer zur Klassik“, einem der Haupt-
werke des „Kreises“, sowie Erich Voegelins Buch über „Die Rasseidee in der Geistes-
geschichte von Ray bis Carus“21 schreibt er die geistesgeschichtliche Verdeutli-
chung der „Führerrolle“ Goethes für die deutsche Bildungsgeschichte zu. „Komme-
rell, Der Dichter als Führer, 1928 (Über die Führerrolle Goethes).“22
Kommerells berühmtes Buch23 erzählt eine innere Geschichte der deutschen
„Klassik“ von Klopstock über Goethe und Schiller zu Jean Paul und Hölderlin. Es
zeigt, wie die Dichter einander als Leitstern und „Führer“ wählten. Es beginnt mit
Klopstock als „Lehrling der Griechen“ und Goethes „Erweckung“ durch Herder, be-
handelt dann Schiller als „Helfer“ Goethes und gelangt zu Jean Paul und Hölderlin,
die nicht mehr Goethe, sondern Herder und Schiller zum Führer wählten. Komme-
rells Buch ist eine Geschichte freund-feindlicher Abgrenzungen, die mit der Abwen-
dung von Goethe endet. Kommerell selbst intendierte damals keine Abkehr von
21 Erich Voegelin, Die Rasseidee in der Geistesgeschichte von Ray bis Carus, Berlin 1933;
vgl. ders., Rasse und Staat, Tübingen 1933.
22 Schmitts Aufzeichnung vom 21.12.1947 ist für die Exzentrizität seiner Notate, ihr Ge-
misch von Anstößigem, Originellem und Treffendem charakteristisch. Deshalb sei hier
ausführlicher zitiert: „Was verbindet mich mit Erich Voegelin? Er hat die zentrale Bedeu-
tung Goethes erkannt und zwar kritisch erkannt; wenn ein Unheil eingetreten ist, so kann
es geistesgeschichtlich nur auf den Goethe-Kult zurückgeführt werden. Vor allem ist der
spezifisch neudeutsche Rassebegriff nur aus dem Goethe-Kult erklärlich. Alles weitere er-
gibt sich aus der Vermassung von selbst [...]. Carus: Goethes ’Wohlgeborenheit’ des genia-
len und dämonischen Menschen (wir werden es bei der zweiten Jahrhundertfeier 1949 ja
sehen!) liefert die Rassentheorie. Kommerell, Der Dichter als Führer, 1928 (Über die Füh-
rerrolle Goethes). Goethe hat auch keinen neben sich geduldet, der diesem Kult sich ent-
zog; so sind Hölderlin, Kleist, sogar Schubert von ihm erledigt worden. Goethe war eben
ein so großer Dichter, der größte Dichter, dass er Kulturstifter werden musste. Diese Not-
wendigkeit hat er aber ins individualistisch-Gebildete abgebogen und alle folgen ihm
auch darin nach; Endergebnis: das schöne Tier und das Erscheinungsbild der 1936 zur
Macht kommenden bewussten ’Elite’; das Ende eines Weges, zu dessen wesentlichen Be-
gleitern ein ehrlicher Engländer, H. St. Chamberlain, und ein ehrlicher Jude, Otto Wei-
ninger, gehören.“ Anstößig ist hier beispielsweise die Rede von den „ehrlichen“ Beglei-
tern. Originell ist Schmitts Versuch, die Geschichte des „Rassebegriffs“ geistesgeschicht-
lich aufzufassen und somit der „biologistischen“ Interpretation und Linie zu entwenden.
Treffend mag hier der Gedanke sein, dass die Individualisierung des Geniekonzepts mit
Goethe ihr Paradigma hatte und dieser „Geistesaristokratismus“ in den Elitismus der SS
führte.
23 Max Kommerell, Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder,
Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin, Berlin 1928; zur Kanonisierung Goethes vgl. nur
die Einleitung in Stefan George und Karl Wolfskehl (Hrsg.), Das Jahrhundert Goethes,
Berlin 1902, S. 4-5: „Der Name Goethes beherrscht ein ganzes Jahrhundert wenn auch
nicht so als ob alles vor ihm nur Vorbereitung alles nach ihm nur Ausklang wäre.“
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 223

Goethe. Goethe blieb ihm das Maß.24 Er konstatierte jedoch, dass gerade die Ju-
gendbewegung, der seine Neigung galt, „sich selbst als die Umkehrung zu den bür-
gerlichen Lebensformen und Lebenswerten begriff“25 und deshalb auch von Goethe
abwandte. Kommerell erinnert sie daran, wie viele Impulse sie mit Goethe teilt, und
bejaht als „Erzieher“ die „Gegenwirkung“ Goethes: „Der Erzieher wird [...] den Ab-
stand von Goethe in keiner Weise aufheben oder verkleinern. Er wird den Schüler
lehren, Goethe um des Gegensatzes willen zu ehren. Ist aber diese Bereitschaft zu
ehrerbietiger Ferne erst einmal da, so wird Nähe entstehen“.26 Kommerell sieht also
die „allgemeine[…] Bildungswende“,27 hält aber noch an Goethes Führerschaft
fest.
Schmitt dagegen streicht einen epochalen Wandel scharf heraus. Am 17. Mai
1948 notiert er im „Glossarium“: „Der entscheidende Schritt um 1900 war der
Übergang vom Goethischen zum Hölderlinschen Genialismus“. Einen Tag später
schreibt er:

„’Jugend ohne Goethe’ (Max Kommerell), das war für uns seit 1910 in concreto Jugend mit
Hölderlin,28 d.h. der Übergang vom optimistisch-ironisch-neutralisierenden Genialismus
zum pessimistisch-aktiv-tragischen Genialismus.“29

Den „Übergang“ zur pessimistischen Auslegung des Genialismus verbindet Schmitt


mit dem Ende des Wilhelminismus und dem Sturz Europas in den Ersten Weltkrieg.
Gegen die genialistischen „Zurück-Idealisten“ (4.9.1947) hatte er ein starkes meta-
physikgeschichtliches Argument: Die weltanschaulichen Voraussetzungen einer
solchen Option seien einfach entfallen:

„Zurück zu Goethe? Da müsste man doch erst einmal den Raum Goethes wiederherstellen und
die Wirklichkeit unseres heutigen Menschenraumes aufheben. Was war der wirkliche Raum
Goethes?“ (8.3.1949)

II. Kommerells Rede von „Schiller als Gestalter des handelnden Menschen“

Schmitts Schiller-Bild war von Kommerells Broschüre über „Schiller als Gestalter
des handelnden Menschen“ beeinflusst. Sie ging auf eine Gedenkrede zurück, die
Kommerell am 9. November 1934 in Bonn gehalten hatte. Kommerell richtet sich
24 Dazu vgl. Max Kommerell, Gedanken über Gedichte, Frankfurt a.M. 1943.
25 Max Kommerell, Jugend ohne Goethe, Frankfurt a.M. 1931, S. 5.
26 Kommerell, Jugend ohne Goethe, S. 34 f.
27 Kommerell, Jugend ohne Goethe, S. 27.
28 In den bisher veröffentlichten Jugendbriefen und Tagebüchern sowie den „Schattenris-
sen“ findet sich jedoch keinerlei Hinweis auf Hölderlin.
29 Carl Schmitt, Glossarium, S. 152. Schmitt bezieht sich exponiert auf Hölderlin bei der
Übersetzung von Pindars ’Nomos basileus’ (in: Carl Schmitt, Über die drei Arten des
rechtswissenschaftlichen Denkens, 1934, 2. Aufl. Berlin 1993, S. 14; ders., Der Nomos
der Erde im Jus Publicum Europäum, Köln 1950, S. 42).
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gegen die „Denkmalpflege“ der bürgerlichen „Schiller-Legende“, der eine irrige Auf-
fassung des Verhältnisses von „Idee“ und „Tat“ zugrunde liege. Der idealistisch-mo-
ralischen Auffassung Schillers als „weltschmerzliche[r] Sänger der Ideale“30 setzt er
den „Gestalter des handelnden Menschen“ entgegen:

„Wenn Schiller von Idee handelt, handelt er von Tat, wenn er von Tat handelt, wird er die Idee
nicht los. Er begreift den Geist als wirkend auf den Weltstoff hin, sich selbst ebenso. Die Unver-
söhnlichkeit von Idee und Tat, und die Bedingung der Idee: Tat werden zu müssen, dies ist das
Schneidende in Schillers Resignation. Die Idee, die sich zu verschiedenen Denkern verschieden
geoffenbart hat, offenbarte sich ihm als Entwurf zur Tat. Diese Erfahrung der Idee ist tra-
gisch.“31

In seiner Rede geht Kommerell Schillers dramatische Gestaltungen des „Tatmen-


schen“ durch. Dabei unterscheidet er zwischen der Einsicht des „Jünglings“ und der
des „Mannes“. Mit seiner späten „Wallenstein“-Dichtung32 habe Schiller seine „tra-
gische“ Auffassung gefunden. Hier entfaltete er die Spannung von Idee und Tat und
die Rückwirkung einer Tat auf das Selbstverständnis des Handelnden. Jeder „Tat-
mensch“ sei in der Gefahr, ein „Verbrecher“ zu werden. Weil Schiller diese Wirkung
der Tat in ihrer Spannung zur Idee gestaltete, war er, so Kommerell, kein bürgerli-
cher „Idealist“ und „Moralist“, sondern im Sinne Nietzsches ein „großer Moralist“,
der „immer auch Immoralist“ sei. Kommerell nennt ihn schon 1934 einen „Psycho-
logen“:

„Denn für Schiller ist Idee die Gestalt des zu Tuenden. Er erfährt sie als auf den Weltstoff be-
wegt. Ihre Unversöhnlichkeit mit diesem ist so groß wie die Notwendigkeit, daß sie ihn ergreife.
Der Handelnde ist immer unrein.“33 „Die Tat ist das Erste, der Charakter das Zweite. Vor der
Tat ist der Mensch noch unbestimmt, eine mehrfache Möglichkeit, die Tat bestimmt ihn. Von
der Tat empfängt er seinen Charakter, wie der Siegellack den Stempel.“34

Kommerell knüpft sehr subtile Auslegungen an diesen Gedanken und geht dann zu
Schillers „Geschichte der Verschwörungen und Bünde“ über, die den Gemeinschaft-
scharakter der Taten reflektiert. Im Bruchstück der „Malteser“ findet er Schillers po-
litische Antwort angedeutet: die „Tugendlehre eines [Mannes], der die Welt verwan-
deln will“. Durch das „Selbstopfer der reinen Gestalt“ werde die „Reform“ eines ver-
derbten „Ordens“ erreicht.35 Abschließend bezieht Kommerell diese Antwort auf
30 Max Kommerell, Schiller als Gestalter des handelnden Menschen, Frankfurt a.M. 1934,
S. 31.
31 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 7.
32 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 11 ff.; dazu vgl. Max Kommerell, Schiller als Psycho-
loge, in: ders., Geist und Buchstabe der Dichtung. Goethe, Kleist, Hölderlin, Frank-
furt a.M. 1940, S. 112-179, hier: S. 153 ff.
33 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 12 f.
34 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 14 f.; vgl. Kommerell, Schiller als Psychologe, S. 122
(Schillers Ansicht war, „dass die Tat den Charakter schafft und nicht der Charakter die
Tat.“)
35 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 27 ff.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 225

Schillers Konzept der „ästhetischen Erziehung“. Dabei meidet er jede direkte An-
spielung auf den zeitgeschichtlichen Kontext; Schmitt aber liest die Rede als Kom-
mentar zum Jahr 1934. Zweierlei konnte er dabei herauslesen: Einerseits sieht Kom-
merell noch die Möglichkeit einer Reform des Ordens; andererseits deutet er mit
dem Demetriusplan schon die wechselseitige Desillusionierung des Scheins, den
Betrug und kommenden „Misserfolg“ an.
Zahlreiche Formulierungen kommen Schmitts Auffassung nahe. So meint Kom-
merell: „Wer handelt, übt Macht. Wer Macht übt, verkauft sich an Mächte. Er zahlt
mit dem Opfer der Idee.“36 Am „Wallenstein“ und am Demetriusplan hebt er her-
vor, worauf es auch Schmitt ankam: auf die Spannung von Idee und Tat und die
Nachträglichkeit jeden Verständnisses der Tat durch den Akteur. Dem Handelnden
bleibt seine Tat fremd. Erst von den Folgen her lässt sie sich verstehen. Ihr volles Ver-
ständnis ist eine Aufgabe für die Mit- und Nachwelt. Kommerell gebraucht dafür
schon Schmitts späteres Schlüsselwort vom „Vollstrecker“; er schreibt: „Der Vollstre-
cker des Vermächtnisses ist vielleicht das verwandelte Gemüt der Zuschauer.“37
Dieser wirkungsgeschichtliche Ansatz widerspricht zwar einer früheren Feststellung:
„Schiller formt als erster selbst an der Schiller-Legende mit.“38 Insgesamt aber ist
doch klar, dass Kommerell den produktions- und genie-ästhetischen Ansatz der
idealistischen Ästhetik relativiert, indem er eine Differenz von Tat und Handlung
betont und die geschehene Tat in ihrem Eigensinn ins Zentrum rückt.
Kommerell führt seine Überlegungen später in einer umfangreichen Abhandlung
über „Schiller als Psychologe“ aus, die sich auf das Konzept der „ästhetischen Erzie-
hung“ sowie auf „Wallenstein“ und die „Betrügerdramen“ („Warbeck“ und „Deme-
trius“) konzentriert und Schillers Dramen als „Ödipusverläufe“ auffasst, die die „Ne-
mesis“ des „politischen Scheins“ und geschichtliche „Schuld“ thematisieren.
Schmitt hat auch diese spätere Abhandlung gelesen und zitiert daraus, ohne sie je-
doch namentlich zu erwähnen. Im „Glossarium“ bezieht er Kommerells Schiller-
Deutung auf Hitler. Interessant ist hier weniger die Charakterisierung Hitlers als
Demetrius – durchschaute Hitler doch schwerlich seinen Betrug – als die Analyse
der „Legende“ des Publikums. Das deutsche Volk spielte trotz wachsender Einsicht
in Betrug und Verbrechen weiter mit, meint Schmitt, verlor aber mit seinem Glau-
ben an Hitler auch die Kraft zum Erfolg. Gewiss dachte Schmitt hier nicht nur an
Hitler, sondern auch an seine eigene Rolle im Nationalsozialismus. Mehr noch als
Hitler konnte er sich selber in der Rolle des falschen Demetrius sehen. Diese Identi-
fikation ist im „Glossarium“ aber nicht deutlich. An ihrer Stelle steht die Selbstiden-
tifikation als eines „Benito Cereno“ des Völkerrechts,39 der dem Publikum als

36 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 15.


37 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 24.
38 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 5.
39 Dazu u.a. Schmitts Briefe vom 17.9.1941 und 7.9.1943 an Jünger (Ernst Jünger-Carl
Schmitt, Briefwechsel 1930-1983, hrsg. Helmuth Kiesel, Stuttgart 1999); dann ders., Ex
Captivitate Salus, Köln 1950, S. 75, 21 f.
226 Reinhard Mehring

Anführer einer Piratenbande erscheint, in Wahrheit aber eine Geisel der Schiffsbe-
satzung ist.

III. Hitler im „Glossarium“

Wie nimmt Schmitt Kommerells Rede im „Glossarium“ auf? Der Zweck des „Glos-
sariums“ ist apologetisch. Schmitt sagt das ausdrücklich, indem er seine Aufzeich-
nungen von den Tagebüchern seines intellektuellen Rivalen und Freundes Ernst
Jünger (1895-1998) abgrenzt: „Darf man sein eigenes Leben beschreiben? Darf man
ein Tagebuch führen, das andere lesen sollen? Antwort: Ein Christ darf es nicht we-
gen der Pflicht zur humilitas; nur auf Befehl des kirchlichen Vorgesetzten oder des
Beichtvaters; aus göttlichem Antrieb oder in der Notwendigkeit, sich selbst zu ver-
teidigen.“ (10.9.1947) Und an anderer Stelle: „Ich suche für mich und mein Volk
die Freisprechung von Verbrechen“ (4.4.1949).
Ausdrücklich bezeichnet er Hitler als „Verbrecher“, relativiert aber dessen Ver-
brechen ständig. So heißt es: „Kniebolo [gemeint ist Hitler] war ein Verbrecher, aber
weder der größte (für die größeren Verbrechen wählte sich der Weltgeist andere
Werkzeuge aus), noch der letzte“ (20.8.1948). Einerseits relativiert Schmitt Hitlers
Verbrechen unter Hinweis auf den Umgang der Alliierten mit Deutschland nach
1945,40 den er als Siegerjustiz ansieht; andererseits meint er, Hitler sei nichts als ein
Agent fremder Ideen gewesen: ein „leerer Lautverstärker“ (3.11.1947) und „bloßer
Schwamm“ (3.11.1947), den nur die „Rachsucht wuterfüllter zurückkehrender
Emigranten“ zum „Träger aller Ideen“ (25.11.1947) erklärte.
In dieser rezeptionsgeschichtlichen Perspektive erscheint Hitler als „der folge-
richtige Schluß des 19. Jahrhunderts“ (25.11.1947). Diese Sichtweise bleibt für
Schmitt leitend; er definiert Hitler nicht abschließend, sondern destruiert Hit-
ler-Bilder in apologetischer Absicht. Ähnlich kritisiert er nicht Goethe selbst, son-
dern nur den bildungsbürgerlichen Goethe-Kult und -Mythos. Mit einem Wort aus
dem George-Kreis, das Schmitt auch für seine letzte Monographie „Politische Theo-
logie II“41 wählte: Er analysiert die „Legende“ der Hitler-Deutungen und Zuschrei-
bungen. In apologetischer Absicht bestreitet er den „Führer“-Mythos, indem er
Hitler zu einem bloßen Werkzeug erklärt.
Neben dieser rezeptions- oder bildungsgeschichtlichen Perspektive gibt es aller-
dings noch eine geschichtstheologische, der zufolge Hitler als Akteur durch eine
transzendente, absolut mächtige „Idee“ erwählt wurde. Schmitt beruft sich im
„Glossarium“ dafür häufig auf Hegels welthistorische „Heroen“ und meint, dass
40 Dazu die von Helmut Quaritsch herausgegebenen und umfassend kommentierten Editio-
nen: Carl Schmitt, Das internationale Verbrechen des Angriffskrieges und der Grundsatz
’Nullum crimen, nulla poena sine lege’, Berlin 1995; ders., Antworten in Nürnberg,
Berlin 2000.
41 Carl Schmitt, Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen
Theologie, Berlin 1970.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 227

„stets der Gewaltmensch [...] den Übergang“ (17.6.1949) in neuere Zustände bewir-
ke. Seine Bemerkungen zu Hitler sind deshalb grundsätzlich doppeldeutig: ge-
schichtstheologisch und bildungsgeschichtlich. Der geschichtstheologische Schlüs-
selgedanke ist Schmitts alte, in der Auseinandersetzung mit dem Kirchenrechtler
Rudolph Sohm bestärkte Überzeugung, dass „die Idee immer als fremder Gast“42 in
die Wirklichkeit tritt. Im „Glossarium“ heißt es dazu beispielsweise: „Der Geist fin-
det Vollstrecker und Durchführer, die geistlos das Geschäft der Abdeckerei und Ap-
planierung besorgen, als Beschleuniger wider Willen aber ganz andere Dinge be-
schleunigen, als sie beschleunigen mögen.“ (7.5.1948). Ähnliche Überlegungen fin-
den sich bei Hegel; dort bewirken die welthistorischen Heroen allerdings unbeab-
sichtigt einen „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Diesen Fortschrittsaspekt
kennt Schmitt nicht. Sein rezeptions- und bildungsgeschichtlicher Ansatz zielt vor
allem auf die Zuschreibungen des Volkes an Hitler. In dieser Perspektive betrachtet
er Hitler nicht als Werkzeug Gottes, sondern als ein Geschöpf des Volkes.
Diese Sichtweise ist im „Glossarium“ dominant. Schmitt fragt sich, wie ein der-
art „ungebildetes“ Individuum43 zum „Führer“ eines Kulturvolkes aufsteigen konn-
te. Schon 1934 hieß es in dem Artikel „Der Führer schützt das Recht“:

„Alle sittliche Empörung über die Schande eines solchen Zusammenbruchs [Schmitt spricht
hier vom ’Versagen’ der deutschen ’Führung’ im Ersten Weltkrieg, RM] hat sich in Adolf Hitler
angesammelt und ist ihm zur treibenden Kraft einer politischen Tat geworden. Alle Erfahrun-
gen und Warnungen der Geschichte des deutschen Unglücks sind in ihm lebendig.“44

Schon hier fasst Schmitt Hitler als „Vollstrecker“ der deutschen Geschichte auf.
Zwar beschreibt er ihn später als bewusstloses Werkzeug fremder Ideen. Auch damit
bewegt er sich aber noch im Rahmen von Hegels Auffassung der welthistorischen
„Heroen“. Hegel nennt sie „Seelenführer“, die nur „Mittel und Werkzeuge eines Hö-
heren und Weiteren sind, von dem sie nichts wissen, das sie bewusstlos vollbrin-
gen“.45 Klingt in der frühen Formulierung von 1934 schon ein somnambules We-
sen Hitlers an, so streicht Schmitt später die Willens- und Bewusstlosigkeit Hitlers
als „Geschäftsführer“ (Hegel) des geschichtlichen Auftrags noch stärker heraus. Sei-
ne wichtigsten Notate zu Hitler finden sich im „Glossarium“ im Mai 1948. Am 15.
Mai notiert er:
42 Carl Schmitt, Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen, Tübingen 1914,
S. 74; dazu und zu den folgenden Überlegungen schon Verf., Macht im Recht. Carl
Schmitts Rechtsbegriff in seiner Entwicklung, in: Der Staat 43 (2004), S. 1-22.
43 Karl Jaspers erinnert sich an ein Gespräch mit Heidegger, das um ähnliche Fragen kreiste.
Jaspers fragte: „’Wie soll ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren?’ –
’Bildung ist ganz gleichgültig’, antwortete er [Heidegger], ’sehen Sie nur seine wunderba-
ren Hände an!’“ (Martin Heidegger-Karl Jaspers, Briefwechsel 1920-1963, hrsg. Walter
Biemel und Hans Saner, Frankfurt a.M. 1990, S. 257).
44 Carl Schmitt, Der Führer schützt das Recht, in: ders., Positionen und Begriffe, Hamburg
1940, S. 199-203, hier: S. 199.
45 Georg W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Theorie-Werkaus-
gabe, Frankfurt a.M. 1970, Bd. XII, S. 40.
228 Reinhard Mehring

„Was ist seit 1918 in Deutschland geschehen? Aus dem Dunkel des sozialen, moralischen und
intellektuellen Nichts, aus dem reinen Lumpenproletariat, aus dem Asyl der obdachlosen
Nichtbildung stieg ein bisher völlig unbekanntes Individuum auf [...] Nun hatte man den
Ernstnehmer, den Ernstmacher, einen nichts als Realisator, einen nichts als Durchführer und
Vollstrecker, den reinen Vollstrecker der bisher so reinen Ideen, den reinen Schergen. [...] Also
die geistesgeschichtliche Formel dieser 17 Jahre, die große historische Oper der reinen (d.h.
nichts als) Vollstreckung des reinen deutschen Genialismus. Ein von der Geschichte zur Tat
Verurteilter, das große Thema Schillers und seines Begriffs der Tragik.“

Welch eine Übereinstimmung: Kommerell spricht 1934 vom „Vollstrecker“ und


1940 auch vom „reinen Vollstrecker“. Er vermerkt, dass der „Tragiker“ das „Schic-
ksal der Idee“46 in der Geschichte so auffasst, dass sie „entweder durch den unreinen
Vollstrecker leiden oder den reinen Vollstrecker vernichten muß.“47 Am 17. Mai
1948 notiert dann Schmitt:

„Die Idee bemächtigt sich eines Individuums und tritt dadurch immer als fremder Gast in die
Erscheinung. Der fremde Gast war Adolf. Er war fremd bis zur Karikatur. Fremd gerade durch
die aseptisch-leere Reinheit seiner Ideen von Führer, Charisma, Genie und Rasse. Er war ein
voraussetzungsloser Vollstrecker.“

Und später ähnlich:

„Figuren wie Hitler [sind] echte Vollstrecker [...], d.h. Einkassierer unbeglichener Forderun-
gen; Entfesselter rückständiger Stauungen; Exekutoren fälliger Idealverwirklichungen.“
(4.3.1949)

Schmitt radikalisiert hier die Diskrepanz zwischen Individuum und Idee durch die
Annahme der kompletten Voraussetzungslosigkeit des „Vollstreckers“. „Bildung“ er-
scheint ihm als Hemmnis. Schmitts Vollstrecker qualifiziert sich gerade durch die
Fremdheit und „Reinheit seiner Ideen“ gegenüber der Tradition. Von Traditionen
unbelastet, vermag er ein bloßes Werkzeug des Neuen zu sein. Was Schmitt Hitler
als eigene Zielsetzung nicht bestreiten kann, den Rassismus, schiebt er geistesge-
schichtlich auf England und die Demokratie ab:

„Hitler ist das grauenhafteste Ergebnis deutscher Anglophilie.“ (4.7.1948). „Wer ist der wahre
Verbrecher, der wahre Urheber des Hitlerismus? [...] Hitler hat sich nicht selbst erfunden. Wir
verdanken ihn dem echt demokratischen Gehirn, das die mythische Figur des unbekannten Sol-
daten des Ersten Weltkriegs ausgeheckt hat. Veit Valentin hat recht: im NS klingt noch einmal
die ganze deutsche Geschichte auf. Er ist die Summe der deutschen Vergangenheit, Riesenrülp-
ser eines ganzen verpfuschten Jahrtausends.“ (23.8.1949)

Ähnliche Formulierungen fanden sich damals mit anderer Wertung auch bei Ernst
Niekisch (1889-1967), dem nationalbolschewistischen Freund Ernst Jüngers, dem

46 Kommerell, Schiller als Psychologe, S. 125.


47 Kommerell, Schiller als Psychologe, S. 126.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 229

Schmitt vor 1933 enger verbunden, später aber verfeindet war. Bei Niekisch heißt es
beispielsweise:

„Der demagogische Synthetiker, der gesucht wurde, musste soviel soziale Leere in sich tragen,
dass er für jeden sozialen Ballast in sich Platz hatte [...] Je mehr dieser demagogische Synthetiker
ein soziales Nichts war, desto gewisser konnte er allen sozialen Schichten ein soziales Etwas, ein
sozialer Retter und Erlöser sein. War er Bürger, dann verstimmte er den Bauern; war er Bauer,
stieß er auf bürgerliche Vorbehalte; war er Arbeiter, blieb ein letzter Rest bäuerlichen und bür-
gerlichen Misstrauens. Als die kleinen Demagogen alle bürgerlichen Schichten auf der Linie des
’nationalen Sozialismus’ geeinigt, als auch die sozialdemokratischen Demagogen ihr unheilvol-
les Werk verrichtet hatten, verlangte die Zeit nach der totalen sozialen Null, dem absoluten so-
zialen Nichts. Die totale soziale Null, das absolute soziale Nichts aber war der Landstreicher,
war der Mann aus dem Wiener Asyl für Obdachlose.“48

Die geschichtsphilosophische Deutung Hitlers als bloßer „Vollstrecker“ fremder


Ideen findet sich also nicht nur bei Schmitt. Sie bekommt aber durch die Schil-
ler-Referenz einen eigenen Akzent. Schmitt verdeutlicht seine Sicht Hitlers als „rei-
ner Vollstrecker“ mit Schiller.

IV. Schiller im „Glossarium“

Friedrich Schiller spielt in Schmitts bei Lebzeiten publiziertem Werk kaum eine Rol-
le. Zwar heißt es in einem Jugendbrief an die Schwester vom 22. Januar 1911:
„Schiller ist doch der größte Dichter.“49 Aber schon in der pseudonym erschiene-
nen Satire „Schattenrisse“ von 1913 wird Schiller mitsamt der bürgerlichen Bildung
förmlich beigesetzt.50 Der Name Schillers steht hier geradezu als Inbegriff für die
Bildungsideologie, die Schmitt verwirft. Im Inhaltsverzeichnis heißt es stolz, die
„Schattenrisse“ seien „nicht mit dem Schillerpreis gekrönt [..]“. Die in der Schrift
behandelten Autoren verspottet Schmitt dagegen als mögliche Kandidaten.51 Im
„Glossarium“ spottet er später ständig über die „Nobelpreis-Menschen“; er ist lieber
„Sündenbock“ als „Tugend- und Nobelpreisbock“ (26.7.1949). Nach seiner frühen

48 Ernst Niekisch, Das Reich der niederen Dämonen, Berlin (Ost) 1957, S. 46; Niekisch
schrieb dieses 1953 erstmals veröffentlichte Buch in den 30er Jahren, vor seiner Deportie-
rung ins KZ. Niekisch gehörte zu den frühen Kritikern Hitlers. Dazu vgl. ders., Hitler.
Ein deutsches Verhängnis, Berlin 1932.
49 Carl Schmitt, Jugendbriefe. Briefschaften an seine Schwester Auguste 1905 bis 1913,
hrsg. Ernst Hüsmert, Berlin 2000, S. 93.
50 Dazu insgesamt Ingeborg Villinger, Carl Schmitts Kulturkritik der Moderne. Text, Kom-
mentar und Analyse der ’Schattenrisse’ des Johannes Negelinus, Berlin 1995.
51 Der 1913 verspottete Thomas Mann erhielt später wirklich den Schillerpreis. Zu Schmitts
Mann-Parodie vgl. Verf., Der „Großverwerter“. Carl Schmitts Geburtstagsmappe für
Thomas Mann, in: ders., Das „Problem der Humanität“. Thomas Manns politische Phi-
losophie, Paderborn 2003, S. 119-130.
230 Reinhard Mehring

ironischen Distanzierung von Schiller, oder genauer: vom zeitgenössischen Schiller-


Kultus, erwähnt Schmitt ihn in seinem weiteren Werk kaum noch.
Die Revision des bürgerlichen Schiller-Bildes erfolgt erst unter dem Einfluss von
Kommerells Rede. Schmitt nimmt Kommerells Überlegungen geradezu wörtlich
auf. Dabei wird ihm Schillers „Demetrius“ zu einem Schlüssel für sein Verständnis
des historischen Hitler. Am 1. Mai 1949 notiert er:

„Bei Schiller müssen wir die Begriffe des Tragischen suchen, die uns zu diesem Tätertum die
Schlüssel geben. Jede Tat ist immer schon Verbrechen, Verrat an der Idee. Jeder Täter ist tragi-
scher Verbrecher und sich im Grunde seiner selbst mystisch. Der falsche Demetrius als Urbild
jedes Täters. Das ’Scheinenmüssen des Handelnden’ (so sagt Max Kommerell zu Schillers Tä-
tern), das ’verhängte Leben’, die Aktivität des Scheinens und die Figur (des Demetrius) als eines
von der Geschichte zum Bösen Verurteilten.“

Schmitt bezieht sich hier wieder auf Kommerells Abhandlung über „Schiller als Psy-
chologe“, deren zweiter Teil in Anspielung auf Hegels „Phänomenologie des Geis-
tes“ mit „Das Handeln und der Schein“ überschrieben ist. Das Wort vom „Schei-
nenmüssen des Handelnden“ findet sich dort.52 Schmitt meint dann zu Hitler:

„Er sollte der Sohn ihrer Rache für den verlorenen ersten Weltkrieg sein.53 Dieser Kaspar Hau-
ser und Soldat inconnu wurde als falscher Demetrius von der Mutter Germania adoptiert, die
sich 1933-1941 immer wieder sagte:
Doch ist er auch nicht meines Herzens Sohn,
er soll der Sohn doch meiner Rache sein.54
Aber die treulose Mutter Germania hielt ihre Rolle nicht durch, als sie sah, dass es zum Abgrund
ging. Er aber riß das Haus mit sich ein.“

Schmitt analogisiert hier die Schlüsselszene des Demetriusplans, die Begegnungssze-


ne von Mutter und Sohn, direkt mit Hitlers Verhältnis zur „Mutter“ Nation. Kom-

52 Kommerell, Schiller als Psychologe, S. 157.


53 In seinem letzten veröffentlichten Aufsatz schreibt Schmitt noch 1978: „Ursprung und
Rückgrat der Hitlerbewegung war der Nationalismus. Aber der deutsche Nationalismus
dieser Zeit (1919-1945) übergriff alle widersprüchlichen Tendenzen von rechts und links,
einschließlich der Elemente eines Nationalbolschewismus. Den Kern dieser nationalen
Mischung bildete eine noch elementarere und intensivere Kraft: der aus der Demütigung
von Versailles seit 1919 erwachsene Revanchismus. Er machte die eigentliche Schlagkraft
der Hitlerbewegung aus. Hitler hat daraus das Instrument seines eigenen furchtbaren Re-
vanchismus gemacht. Trotz aller Spuren rassistischer Ideologie ist der Kampf gegen Ver-
sailles die eigentliche Triebkraft der hitlerschen Erfolge zwischen 1919 und 1939 geblie-
ben. 1940 war die Revanche gelungen. Man hatte den nationalen Krieg gewonnen, den
man 1918 verloren hatte. Es war ein Sieg im nachhinein. Der Weltkrieg zeigte sich in sei-
ner Wirklichkeit, als Hitler 1941 die schwerwiegende Entscheidung traf, die Sowjetunion
anzugreifen.“ (Die legale Weltrevolution. Politischer Mehrwert als Prämie auf juristische
Legalität und Superlegalität, in: Der Staat 17, 1978, S. 321-339, hier: S. 334).
54 Kommerell zitiert diese Verse hervorgehoben in „Schiller als Psychologe“ (S. 166).
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 231

merell55 wies gerade auf diese Szene besonders hin. Einen Tag später notiert
Schmitt noch:

„Der reine Täter ist der Unreinste, was man sich denken kann. Denn die Tat ist schon als Tat
eine Verunreinigung des Gedankens. Der Täter ist schon als Täter auf eine geheimnisvolle Wei-
se schuldig und unrein. Wird er nur nichts als Tat, reine Tat, so wird er um so unreiner, je reiner
der Täter ist. So entdecken wir Schiller im Goethejahr 1949.“ (vgl. 17.7.1949)

Am 9. Mai heißt es dann: „Die Tat erst schafft den Charakter; die völkerweckende
Kraft des großen Untergangs und andere Orakel des Kommerellschen Vortrags vom
9. November 1934.“ Am 21. Mai findet sich dazu eine weitere merkwürdige Eintra-
gung:

„Es gehört zum Wesen der wahren Macht, dass sie nur durch eigene Schuld verloren werden
kann. Verlust einmal innegehabter Macht ist nur als Machtverzicht denkbar. Für die wahren
Machthaber gibt es nur eine Form des Todes: den Selbstmord. Treffend die Verse von Max
Kommerell: In vielen Toden stirbt hin für eine Schuld: dass er Macht hatte und nicht zu halten
wusste, aller Adel. Kommerell als bedeutendster Erbe Schillerschen Geistes und seiner durch
bürgerliche Mythen verhüllten Größe.“

Später nimmt Schmitt seine Überlegungen zu Schiller wieder auf und überführt sie
in eine eigene Deutung, indem er frühere Aufzeichnungen zur Bedeutung des „Zu-
gangs“ zum Machthaber, seine erste Analyse des Hitler-Systems,56 mit Schiller ge-
neralisiert. Am 19. Juli 1951 notiert er:

„Don Carlos von Friedrich Schiller, Genialität eines schwäbischen Provinzlers, der keine Se-
kunde seines Lebens Macht hatte und daher die Macht für böse erklärt, so lange er (und seines-
gleichen) sie noch nicht besaßen. Der so tut, als hoffe er die Inhaber der Macht durch idealisti-
sche Redensarten zu bewegen, ihm (und seinesgleichen) die Macht zu übergeben, weil er doch
so unglaublich gut und menschlich ist. Der aber dann doch wieder genial genug ist, um zu se-
hen, dass es sich um den Zugang zum König handelt.“
Und am 23. Juli 1951 schreibt Schmitt: „Wie raffiniert, wie durchtrieben sind diese Idealis-
ten à la Friedrich von Schiller! Man braucht sich nur den Don Carlos anzusehen, um das zu be-
greifen. [...] Das sind die Idealisten des deutschen Idealismus.57 Kein Wunder, dass ihre Tragik
darin besteht, Täter werden zu müssen in einer Welt, in der jede Tat ein Verrat an der Idee, jede
Verwirklichung eine Verwirkung und jeder Täter ein Untäter ist.“ „Idealistisch gesehen ist jede
geschichtliche Tat eine Untat.“ (4.7.1951)

Schmitt zählt Schiller hier zum deutschen Idealismus und sieht die Überlegenheit
des Dichters gegenüber den Philosophen darin, dass er die Moral politisch betrach-
tete und eine Politik der Moral erdichtete, wie sie der philosophische Idealismus

55 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 22.


56 Carl Schmitt, Der Zugang zum Machthaber, ein zentrales verfassungsrechtliches Problem,
in: ders., Verfassungsrechtliche Aufsätze, Berlin 1958, S. 430-439.
57 Álvaro d’Ors nannte Schmitt im Briefwechsel häufig „Don Carlos“. Schmitt wird diese
Anrede ironisch als Anspielung auf sein sehr anderes politisches Denken und seine
Posa-Rolle geschätzt haben.
232 Reinhard Mehring

zwar ersehnte, aber doch nicht bruchlos fordern konnte. Schiller erkannte, dass die
Moral sich durch ihre politische Wirksamkeit selbst dementiert, und entdeckte da-
mit, dass jeder Autor kraft der Wirkung seiner Lehre zum Verräter an seiner Idee und
zum Täter wird. Diese Überlegungen fügt Schmitt auch als „Intermezzo“ in sein
„Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber“58 ein. Dort exempli-
fiziert er das Problem des Zugangs zur Macht am Beispiel von Bismarcks Entlas-
sungsgesuch sowie an Schillers literarischer Gestalt des Marquis Posa aus dem „Don
Carlos“. Wenn er das historische Beispiel am literarischen verdeutlicht, geht es ihm
um die Auffassung des Machtkampfes als „Dialektik von Macht und Ohnmacht“.
Schmitt lobt Schillers „Blick für das Wesen der Macht“. Sehr deutlich fasst er Posa
als politischen Moralisten auf, der moralische Forderungen politisch einsetzte. Die
literarische Gestalt setzt er dabei mit dem Charakter Schillers gleich. Er betrachtet
Schiller als einen politischen Schriftsteller, der Literatur als Machtmittel für eine
Politik der Moral instrumentalisierte.
Halten wir inne, ohne weiter zu fragen, ob Schmitts Überlegungen zum Ver-
ständnis von Schillers Dichtung wirklich etwas beitragen. Es muss hier der Hinweis
genügen, dass Schmitt die Schiller-Deutung Kommerells aufnimmt, um ein Ver-
ständnis für das geschichtliche Handeln zu entwickeln, das die Figur Hitlers erklären
kann. Schmitt verwendet Kommerells Dialektik von Gedanke und Tat als hermen-
eutischen Schlüssel für das Verständnis Hitlers. Er fragt sich, warum ausgerechnet
Hitler zum „Vollstrecker“ der deutschen Geschichte wurde – ihres Idealismus, ihres
Genialismus und der revanchistischen Rache für die Niederlage im Ersten Weltkrieg
und für Versailles.
Der Schuldfrage nimmt Schmitt dabei jeden konkreten Bezug auf einzelne
Handlungen, indem er alles Handeln für schuldhaft erklärt: „Schuld hatten wir, weil
wir handelten, von selbst, eo ipso“ (4.4.1949). Welche geschichtliche Idee Hitler
vollstreckte, bleibt unklar. Der Rache für Versailles rechnet Schmitt die ganze neuere
deutsche Bildungsgeschichte hinzu, so dass Hitler als Summe und Schluss der
deutschen Geschichte erscheint.
Deutlich wird dabei, dass Schmitt die Diskrepanz zwischen „deutscher Bildung“
und dem „Typus Hitler“ zum Angelpunkt seiner Überlegungen macht und immer
wieder auf die Frage zurückkommt: Weshalb wählte sich das deutsche Bürgertum
ausgerechnet Hitler zum „Vollstrecker“? Seine Antwort lehnt sich spekulativ an
Schiller an und radikalisiert die Diskrepanz von Gedanke und Tat, von Idee und
Vollstreckung. Hitler wird literarisch veredelt – die Gestalt des „Demetrius“ liefert
die literarische Vorlage. Im Goethejahr 1949 beabsichtigt Schmitt damit auch eine
Subversion des herrschenden „Goethe-Kultes“ und die Etablierung eines antibürger-
lichen Schiller-Bildes.

58 Carl Schmitt, Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber, Pfullingen
1954, S. 18; ausführlicher wiederholt Schmitt diesen Gedanken dann in einer Glosse in
den „Verfassungsrechtlichen Aufsätzen“ (S. 488 f.).
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 233

V. Nachklang in späten Aufzeichnungen

Das „Glossarium“ gestattet einen Blick in Schmitts Werkstatt. Einiges spricht dafür,
dass Schmitt seine Veröffentlichung wünschte. Dadurch ist es eine Art Entree zum
Nachlass. Man muss davon ausgehen, dass Schmitt diesen Zugang bewusst als Le-
gende anlegte: als Leseanweisung zu einem labyrinthischen Archiv, das verschiedene
Splitter chaotisch versammelt. Eine bürgerliche Ordnung findet sich in diesem
Nachlass nicht, so wenig wie in den frühen Tagebüchern. Obwohl Übersicht kaum
zu finden ist, mag Schmitt sein nachgelassenes Sammelsurium dennoch als spätes
Vermächtnis betrachtet haben.
Auch die Hitler-Deutung lässt sich im Nachlass weiter verfolgen. Dort findet
sich eine umfangreiche Mappe,59 die die Demetrius-Identifikation wieder auf-
nimmt. Der Leser stolpert zunächst über einen Brief an den Spiegel-Herausgeber
Augstein vom 31. August 1977 mit der Notiz „Privat. Kein Leserbrief“:

„Lieber Herr Augstein, in ihrem Spiegel-Essay vom 15. August erscheint eine Deutsch-Abitu-
rientin, die den Namen Kafka nicht kennt. Ich kenne eine Deutsch-Abiturientin, die den
’Prozess’ von Kafka mit [ ] Vergnügen gelesen hat, weil sie ihn für eine gelungene Parodie deut-
scher Entnazifizierungsmethoden hielt.
Mit freundlichem Gruss Ihr C.S.“

Dieser Briefentwurf mag, wie vieles andere auch, eher zufällig in die Mappe geraten
sein. Gewiss besteht die Gefahr, die Konvolute zu überdeuten. Doch zumindest eine
Analogie zum Demetrius-Thema findet sich hier, so dass der Entwurf wohl nicht
ganz zufällig in die Mappe geraten ist: Auch hier erhellt Schmitt die Zeitgeschichte
durch Dichtung. Auch diese Mappe zeigt ein Thema und Profil, das die nähere Be-
trachtung lohnt: die literarische Verdeutlichung der jüngsten Geschichte. Ein Deu-
tungsanspruch ist schon durch die Form als Mappe und ihr Titelblatt angedeutet.
Sie enthält 76 Blätter, zumeist kurze stenographische Notizen diverser Lektüren aus
unterschiedlicher Zeit. Auf dem Deckblatt steht u.a. die Frage: „Wer hat wen betro-
gen?“ „Hitler oh! Hitler? enfant familié las Demetrius Mitte 1941“. Schmitt datiert
damit seine Einsicht in Hitlers Demetrius-Gestalt auf das Jahr 1941.
Das zweite Blatt notiert zu Hitler: „Dieses Opfer deutschen Legalitätsbedürfnis-
ses60 habe ich, für meine Person, weder entdeckt, noch geschaffen, noch ermächtigt
und niemals [ ] als charismatischen Träger bezeichnet oder auch nur für eine Sekun-
de lang für charismatisch gehalten [...]“.61 Nach dieser Klarstellung glossiert
Schmitt diverse Hitler-Deutungen. Es beginnt (Bl. 3) mit einer durchnummerierten

59 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Nachlass Carl Schmitts, RW 265-21663.


60 Zum „deutschen Legalitätsbedürfnis“ vgl. Carl Schmitt, Das Problem der Legalität, in:
ders., Verfassungsrechtliche Aufsätze, Berlin 1958, S. 440-451, bes. S. 446.
61 Dazu vgl. Carl Schmitt im Gespräch mit Dieter Groh und Klaus Figge, in: Piet Tommis-
sen (Hrsg.), Over en zake Carl Schmitt, Brüssel 1975, S. 89-109.
234 Reinhard Mehring

Liste, auf der die Namen Konrad Weiss, Georges Bernanos, Thomas Mann, Arnold
Toynbee stehen. Dann finden sich weitere Notate zu Carl Zuckmayer, Otto Diet-
rich, Gustav Flaubert, Dietrich Eckart und anderen. Schmitt erwähnt auch Politiker
wie Stalin, Allende oder Helmut Schmidt. So scheint er auf eine typologisch verglei-
chende Deutung politischer Akteure mit Hilfe literarischer Vorbilder zu zielen. Wie
das Titelblatt besagt, bleibt dafür die Demetrius-Gestalt leitend. Blatt 12 (in
Schmitts Numerierung Blatt 9) spricht dies deutlich an. Schmitt schreibt hier:

„Die Zwangsmaske des Messias (die Christus-Maske, Heiland-Maske Heil)


D. F. Strauss:
Der falsche Demetrius von Schiller
Der Grosse Führer Adolf Hitler
Karneval Formel:
Und Ihr habt doch
gesiegt“

Schmitt datiert diese „Bewertung“ auf September/Oktober 1973. Dann verweist er


noch auf den „falschen[n] Demetrius (Herodes des) Hebbel“, zitiert Verse aus Fried-
rich Hebbels Drama „Judith“ (IV. Akt, Szene 3) und spricht von einer „Zarenmaske“
bei Hebbel. Für seinen Bezug auf Hebbels „Judith“ zitiert er (Bl. 13) auch aus Hugo
Balls „Kritik der deutschen Intelligenz“62 und deutet damit an, dass seine Überle-
gungen auf frühe Lektüren zurückgehen. Es folgen stenographische Notizen zu Hit-
ler, Hans Frank und Friedrich Heers Buch „Der Glaube des Adolf Hitler“. Hitlers
Konfessionalität beschäftigt Schmitt weiter. So zitiert er (Bl. 30) eine Bemerkung des
Theologen Theodor Haecker von 1932: „Der Nationalsozialismus ist eine Aktivie-
rung der mörderischen, plebejischen Instinkte des Protestantismus.“ Beiläufig no-
tiert er auch (Bl. 33): „J.Popitz sagte: Hitler ist ein Genie (oft in den Jahren
1942/44) Genie, wieso? Goethe: Vieles ist das Genie, möglich [nur?] er.“ Hier klingt
erneut der „geniale Verwerter“ an. Bei jeder Referenz ließe sich hermeneutisch
verweilen.
Die Mappe wird im Verlauf immer stenographischer, unleserlicher, unsortierter.
Es ist weiter von Hitler, Schiller und Hebbel die Rede. Dazu kommen Notizen zur
Bundesrepublik und zu Korrespondenzpartnern. Bleibt auch vieles offen, lässt sich
doch sagen, dass Schmitt auch in den 70er Jahren noch an seiner Auffassung Hitlers
als Demetrius-Gestalt festhielt und den Bezug auf Schiller dabei durch eine Ausein-
andersetzung mit Hebbels „Judith“63 ergänzte. Ähnlich wie Kommerell, dem „Pläne

62 Schmitt verweist auf: Hugo Ball, Zur Kritik der deutschen Intelligenz, Bern 1919, S. 291
Fn. 65; Ball beantwortet in diesem – etwa mit Blochs Münzer-Buch vergleichbarem –
Buch die „Schuldfrage“ nach den Schuldigen am Weltkrieg mit einer urchristlich-anar-
chistischen Kritik des deutschen, protestantischen „Sonderwegs“ seit Luther. Es ist ein
Schlüsselwerk für Schmitts geistesgeschichtliche Sicht der Lage.
63 In Schmitts bei Lebzeiten publiziertem Werk spielt Hebbel keinerlei Rolle. Er ist aber
schon in den frühen Tagebüchern (Carl Schmitt, Tagebücher. Oktober 1912 bis Februar
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 235

und Skizzen [...] ohnehin mehr von der inneren Absicht des Dichters erraten lassen
als ein fertiges Drama“,64 las Schmitt literarische Gestaltungen problemgeschicht-
lich als Versuche zur Gestaltung bestimmter Aufgaben, Fragen und Probleme. Die
„Gestalt“ des Demetrius ging ihm nicht in Schillers Plan auf. Sie stand als
Deutungsschema weiter zur hermeneutischen Verfügung.

VI. Wendung zu Shakespeare

Schmitts Schiller-Deutung wirkt nicht nur in seinem „Gespräch über die Macht“
nach, sondern auch in seiner merkwürdigen Shakespeare-Studie von 1956, die mit
ihrem Rätseltitel „Hamlet oder Hekuba“65 im Werk vereinzelt dasteht und doch
eine der wichtigsten Selbstinterpretationen nach 1945 ist. Entstehungsgeschichtlich
geht sie auf die Beschäftigung mit einer englischen Shakespeare-Forscherin zurück;
Schmitts Tochter Anima hatte eine ihrer Monographien übersetzt und Schmitt steu-
erte ein Vorwort bei,66 das die Keimzelle des Shakespeare-Büchleins ist und dessen
zeitgeschichtliche Bedeutung verdeutlicht. Nur in diesem Vorwort findet sich eine
Abgrenzung Shakespeares von Schiller. Hier finden sich auch die wohl umfänglichs-
ten Ausführungen Schmitts zu Schiller überhaupt:

„Schiller hat mit Vorliebe weltgeschichtliche Figuren auf die Bühne gebracht. [...] Aber weil er
nicht, wie Shakespeare, nach Ort und Zeit die Aktualität seiner einmaligen geschichtlichen Ge-
genwart ergreifen konnte, bleibt es beim bloßen Idealisieren und bei der Erhebung ins
Ethisch-Allgemeine und Menschlich-Neutrale.“67

Dann heißt es aber auch:

„Vielleicht haben Schillers erstaunliche Verbrecher, insbesondere der falsche Demetrius, noch
eine Anwartschaft auf die mythische Sphäre, wenn einmal ein neues Schiller-Bild sich durchge-
setzt und von den Übermalungen des letzten Jahrhunderts befreit hat. Vielleicht – und hoffent-
lich – wird sich in dieser Hinsicht schon im kommenden Schiller-Jahr 1959 etwas Bedeutendes
ereignen, wofür Max Kommerell die ersten Anfänge geschaffen hat.“68

1915, hrsg. Ernst Hüsmert, Berlin 2003, S. 290) erwähnt. Der alte Schmitt scheint sich
ständig mit Hebbels „Judith“ auseinandergesetzt zu haben.
64 Kommerell, Schiller als Gestalter, S. 21.
65 Carl Schmitt, Hamlet oder Hekuba. Der Einbruch der Zeit ins Spiel, Düsseldorf 1956
(HH); zum Titel vgl. Schmitts Brief vom 13.2.1956 an Armin Mohler, in: ders., Brief-
wechsel mit einem seiner Schüler, Berlin 1995, S. 214.
66 Carl Schmitt, Vorwort zu: Lilian Winstanley, Hamlet. Sohn der Maria Stuart. Aus dem
Englischen übersetzt von Anima Schmitt, Pfullingen 1952, S. 7-25.
67 Schmitt, Vorwort, S. 19.
68 Schmitt, Vorwort, S. 19.
236 Reinhard Mehring

Schmitt kommt dann ausführlich auf Kaspar Hauser zu sprechen,69 mit dem er Hit-
ler im „Glossarium“ wiederholt verglich. Schon dies bestätigt, wie sehr seine Hit-
ler-Reflexionen leitend blieben. Die Hamlet-Deutung speist sich „aus Eindrücken
der Hitler-Jahre“ (HH 11). Doch die Spuren Schillers und Kommerells sind dann in
der ausgearbeiteten Studie „Hamlet oder Hekuba“ getilgt.
Sachlich gibt sie 1956 ein Beispiel für eine „objektive“, historisch-politische
Shakespeare-Deutung und richtet sich dabei ausdrücklich gegen subjektiv-psycholo-
gische Deutungen. Schmitt unterscheidet zwischen drei „Stufen“ der Präsenz von
Zeitgeschichte im Drama: zwischen „bloßen Anspielungen“, „wahren Spiegelungen“
und „strukturbestimmenden, echten Einbrüchen“ (HH 26 ff.) Als solche „Einbrü-
che der Zeit ins Spiel“ erörtert er zwei „Tabus“, die Shakespeare respektieren musste,
um sein Stück auf die Bühne bringen zu können: das „Tabu“ über die Schuld der
Königin an der Ermordung des Königs und die „Abbiegung der Figur des Rächers zu
einem durch Reflexionen gehemmten Melancholiker“ (HH 22). Schmitt meint,
dass Shakespeares „Hamlet“ sich konkret auf die damalige englische Zeitgeschichte
bezog und von Maria Stuart und ihrem Sohn Jakob handelt. Jakob ist Hamlet; die
Thronfolge konnte er nur antreten, weil er das Tabu der Schuld der Königin am Kö-
nigsmord respektierte. Und Shakespeare konnte sein Stück für seine konkreten
Adressaten, die Öffentlichkeit seiner Zeit, nur auf die Bühne bringen, indem er den
zeitgeschichtlichen Gehalt verschlüsselte und kunstvoll ansprach.
Nachdem Schmitt diese Deutung entwickelt hat, erörtert er „Die Quelle der Tra-
gik“, wobei er auf Walter Benjamins Unterscheidung von Tragödie und Trauer-
spiel70 eingeht. Man hat dies als späten Abgleich einer Dankesschuld gelesen, hatte
Benjamin doch vor 1933 Weichen für eine „linke“ Schmitt-Rezeption gestellt. Doch
ähnlich wie bei der späteren Auseinandersetzung mit Jacob Taubes71 kann von einer
positiven Referenz, näher betrachtet, kaum die Rede sein. Schmitt grenzt sich viel-
mehr von Benjamin ab, indem er statt dessen theologischer Unterscheidung eine po-
litische vorschlägt. Im Zusammenhang der Schiller-Adaption ließe sich gar vermu-
ten, dass er seine Demetrius-Deutung auf Shakespeare verschiebt und der Verweis
auf Benjamin auch Kommerell, den bedeutenden Calderon-Forscher,72 meint. Aus-
drücklich beruft Schmitt sich für seine Abgrenzung vom subjektivistischen „Ge-
nie-Kult“, dem „Credo der deutschen Kunstphilosophie“, auch auf Stefan George
(HH 34 f.). Knapp grenzt er seine politische Deutung der Tragödie vom „histori-
schen Drama Schillers“ ab, das nur „Trauerspiel“ sei und „den Mythos nicht er-
reicht“ (HH 49) habe. Schiller ist ihm nun das „Gegenbeispiel“ einer Dichtung, die
in der „freien Erfindung“ befangen bleibt, nicht zur Tragik durchdringt und deshalb
die Steigerung des Trauerspiels zur Tragödie verfehlt.

69 Schmitt, Vorwort, S. 20 f.
70 Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, 1928, in: ders., Gesammelte
Schriften Bd. I.1, Frankfurt a.M. 1974.
71 Dazu vgl. Verf., Karl Löwith, Carl Schmitt, Jacob Taubes und das „Ende der Geschichte“,
in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 48 (1996), S. 231-248.
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 237

Mit keinem Wort deutet Schmitt hier an, dass er selbst die Zeitgeschichte mit
Schiller deutete. Tatsächlich macht es auch einen Unterschied, ob ein Dichter zeitge-
schichtliche Tragik erfasst und zum Mythos steigert, oder ob ein Leser sich Zeitge-
schichte mit Literatur verdeutlicht. Schmitts schroffe Abgrenzung von Schiller ver-
wundert dennoch. Immerhin rechnet er Schiller – neben Lessing, Goethe, Grillpar-
zer und Hebbel – noch ausdrücklich (HH 36) zu den großen deutschen Dramati-
kern. Wirklich tragisch ist ein Drama nach Schmitt aber nur dann, wenn ein „Stück
geschichtlicher Wirklichkeit“ so auf die Bühne gebracht wird, dass darüber eine Öf-
fentlichkeit entsteht, die die Handlungszwänge der Akteure durchschaut und den
Ernst im Spiel realisiert. Wenn ein Dichter die Lage seiner Akteure derart vergegen-
wärtigt, dass die „tragischen Figuren“ als „Gestalten eines lebendigen Mythos“ er-
scheinen, hat er das „Urbild menschlicher Problematik“ (HH 9) erfasst und Ge-
schichte „zum Mythos gesteigert“. Schmitt meint nun, dass Schiller dies letztlich
nicht gelang, weil er ein „Bildungswissen“ (HH 48) voraussetzte, das keine „gemein-
same Gegenwart und Öffentlichkeit“ stiftete. Schiller sei mit seinen Dramen gewis-
sermaßen in Anspielungen und Spiegelungen steckengeblieben und habe die Zeitge-
schichte nicht so ins Drama gehoben, dass sie als „Einbruch der Zeit ins Spiel“ er-
scheint und die Tragik der geschichtlichen Wirklichkeit durch das Spiel hindurch
gesteigert sichtbar macht. Eine Probe hierauf wäre Schmitts eigene Adaption der De-
metrius-Gestalt. Auch sie wird heute wohl eher als „Bildungswissen“ denn als echte
dramatische Erhellung der Gestalt Hitlers rezipiert.
Damit ist der wichtigste Grund genannt, weshalb Schmitt eine Shakespeare-In-
terpretation statt seiner Schiller-Adaption veröffentlichte. Was ihn an Dichtung in-
teressierte, der „Einbruch der Zeit ins Spiel“, die Erhellung geschichtlicher Wirk-
lichkeit durch Dichtung, fand er letztlich bei Shakespeare besser als bei Schiller reali-
siert. Allerdings fällt auch auf, dass es thematische Verbindungen zwischen der De-
metrius-Adaption und der Shakespeare-Deutung gibt. Jeweils geht es um ein „Ra-
che-Drama“ zwischen Mutter und Sohn. Sollte Demetrius aber ein Rächer der Mut-
ter sein – Hitler der Rächer der Nation für Versailles –, so ist Schmitts Hamlet der
gehemmte, melancholische Rächer an der Mutter (Nation). Es bleibt unklar, ob
Schmitt hier Hitler oder sich selbst oder beide in Hamlet spiegelt.
Ich will die Analogie nicht überdeuten. Schon Ernst Jünger meinte zu Schmitts
Hamlet-Buch: „Ich glaube, dass bei Ihnen immer Nebenabsichten vermutet werden,
auch wenn Sie über ein Glas Wasser schreiben. Wer hat, dem wird gegeben, und Sie
bekommen noch Scharfsinn zugelegt.“73 Dennoch scheint unstrittig, dass Schmitt
durch seine Shakespeare-Interpretation hindurch auf Zeitgeschichte hinweist. Aus-
drücklich meint er, dass die Nachkriegszeit Zeitgeschichte tabuisierte (HH 31) und,
im Sinne Hermann Lübbes,74 die vergangenheitspolitische Strategie eines „aktiven
72 Max Kommerell, Beiträge zu einem deutschen Calderon, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1946.
73 Brief vom 10.7.1956 an Carl Schmitt, in: Ernst Jünger-Carl Schmitt. Briefe 1930-1983,
Stuttgart 1999, S. 308.
74 Hermann Lübbe, Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewusstsein, in: His-
torische Zeitung 236 (1983), S. 579-599.
238 Reinhard Mehring

Beschweigens“ der jüngsten Vergangenheit verfolgte. Ziemlich deutlich ist Schmitts


Büchlein auch ein Kommentar zu seiner eigenen Rolle im Jahr 1934.75 Über den
grundsätzlichen Hinweis auf die Präsenz von Zeitgeschichte in dramatischer Dich-
tung hinaus ist der Text deshalb, im Kontext der Schiller-Adaption gelesen, vermut-
lich eine genau gezielte Deutung des Nationalsozialismus. Dann wäre Schmitts
Wendung von Schiller zu Shakespeare auch ein „durchsichtiges incognito“ (HH 39).
Es gibt jedenfalls einen Zusammenhang zwischen der Schiller-Adaption und der
Shakespeare-Deutung; Schmitt vertrat eine historisch-politische Interpretation, die
der Dichtung die Macht zusprach, geschichtliche Tragik zu verdeutlichen und zeit-
geschichtliche Tabus anzusprechen.

VII. Schluss

Der Blick in die nachgelassene Mappe bestätigt, dass Kommerells Schiller in


Schmitts Hitler-Deutung einging. Weil dieses Hitler-Bild sich nur aus nachgelasse-
nen Aufzeichnungen erschließt und eine Art Schlusswort zu Hitler ist, ist es keine
unwichtige Facette des Werkes. Schmitt sah in Hitler nach 1945 einen Demetrius,
dem das deutsche Volk eine Sendung zuwies, worüber beide, Volk und Führer, sich
desillusionierten und deshalb auch scheiterten.
Man mag bezweifeln, ob diese Deutung zum historischen Verständnis Hitlers
und seiner Wirkung viel beiträgt. Unstrittig dürfte aber sein, dass Schmitt eine zen-
trale Frage pointierte: Wie waren Hitlers Erfolge möglich? Warum konnte ausge-
rechnet diese „Gestalt“ so viel Gefolgschaft finden und Wirkung zeitigen? Deutlich
ist auch, dass Schmitt sich die außerordentliche Unwahrscheinlichkeit Hitlers typo-
logisch vergleichend zu verdeutlichen suchte und Dichtung – Schillers Dichtung –
dabei als hermeneutisches Mittel einsetzte. Trotz einiger apologetischer Motive, die
Hitler als „Vollstrecker“ Verantwortung freisprechen, sind diese Aufzeichnungen
kein Zeugnis fortdauernder Anhängerschaft an Hitler. Klare Distanzierungen finden
sich allerdings selbst im Nachlass nur selten. Die Bundesrepublik blieb Schmitt
fremd.
Einem spanischen Freund gegenüber äußerte er einmal offen: „Es war der Irrtum
meiner Generation vom Faschismus und von Hitler eine heilbringende Orientie-
rung und Wende zu erwarten.“76 Als zentrale Frage nennt er nach 1945 immer
noch: Ist „die Welt heute normal oder in einem Ausnahmezustand“77? Und er be-
jaht gegenüber dem spanischen Freund, jedenfalls für Spanien, die „Möglichkeit ei-

75 Dazu schon Verf., Carl Schmitt zur Einführung, Hamburg 2001, S. 96 f.


76 Brief vom 12.2.1961 an Álvaro d’Ors (Carl Schmitt und Álvaro d’Ors. Briefwechsel,
2004, S. 207).
77 Brief vom 18.4.1957 an Álvaro d’Ors (Carl Schmitt und Álvaro d’Ors. Briefwechsel,
2004, S. 174).
Carl Schmitts Hitler-Reflexionen 239

ner rettenden Diktatur“.78 So strittig Schmitts nachträgliche Deutungen deshalb


auch bleiben mögen, belegen sie doch einen intensiven, aktualisierenden Umgang
mit Dichtung als Weg zum geschichtlichen Verständnis. Werkgeschichtlich sind sie
ein Schlüssel zu Schmitts eigener „Vergangenheitsbewältigung“. Kommerells Wen-
dung zum „handelnden Menschen“ blieb leitend, wenn Schmitt sein Shakespeare-
Büchlein der Frage unterstellte: „Was habe ich getan?“79

78 Álvaro d’Ors bezweifelt diese Möglichkeit bedauernd in einem Brief vom 2.10.1976 (Carl
Schmitt und Álvaro d’Ors. Briefwechsel, 2004, S. 283).
79 Dazu vgl. Carl Schmitt, Was habe ich getan? (1957), in: Schmittiana 5 (1996), S. 15-19;
auch in: Carl Schmitt, Briefwechsel mit einem seiner Schüler, Berlin 1995, S. 221-224.